Geschichte eines Wienerkindes. (continued 2)
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Ich hielt es nicht länger aus und wollte, mich empfehlend, die Galerie verlassen, die mir nun doch schon verleidet war.
„Warten Sie, ich gehe gleich mit Ihnen“, sagte er und hängte sich wieder an meinen Arm.
Er hatte unten einen Einspänner stehen und bot mir einen Platz an. Ich wollte ablehnen; aber er nötigte mich einzusteigen. „Fahren Sie wenigstens ein Stück Weges mit; warum wollen Sie denn die lange Heugasse zu Fuß zurücklegen?“
Als wir in dem engen Gefährt saßen, fragte er mich, wohin ich denn eigentlich wollte. Ich antwortete, daß ich jetzt essen gehen würde. Wohin? Er speise in der Stadt Frankfurt, ich solle mitkommen. Nein, das sei mir zu entlegen, ich wolle überhaupt nicht nach der Stadt. Wohin ich mich also begeben würde? Ich nannte ein in der Nähe befindliches Hotel, das mir gerade einfiel. „Hotel Viktoria? Schön, ich kann auch dort speisen und leiste Ihnen Gesellschaft.“ Er rief dem Kutscher zu, nach dem bezeichneten Orte zu fahren.
Da es inzwischen ein wenig geregnet hatte und sich der Tag überhaupt empfindlich kühl anließ, so vermieden wir, uns in den schönen Garten zu setzen, der das Hotel auszeichnet, und begaben uns in den Speisesaal, der, wie meistens um diese Stunde, ganz unbesucht war. Wir bestellten unser Essen, das ich meinerseits in der aufgezwungenen Gesellschaft mit verbissenem Ingrimm hinunterwürgte.
Man hatte uns schon den Kaffee gebracht, als plötzlich draußen im Garten ein auffallend vornehmes Paar erschien: ein Herr und eine Dame, in welch ersterem ich sofort Röber erkannte. Die beiden schienen unter sich uneins, ob sie im Freien bleiben oder den Saal aufsuchen sollten. Endlich gab die Dame kurzweg den Ausschlag, indem sie sich rasch an einem kleinen Tische niederließ, der, von einigen Oleanderstöcken umgeben, ziemlich geschützt in der Nähe der Saalfenster stand.
Mein Begleiter hatte die Ankömmlinge ebenfalls wahrgenommen und rief: „Oho! Wie kommen die daher? Gewiß nur, weil sie anderswo fürchten müßten, gesehen zu werden.“
„Kennen Sie die Leute?“ fragte ich hinausblickend. Wir saßen an der Rückwand des nicht sehr breiten Saales in einer Art Nische, wo man uns nicht leicht wahrnehmen konnte.
„Ob ich sie kenne!“ erwiderte er, sich behaglich zurücklehnend. „Das ist ja dieser Röber, der in letzter Zeit so viel Geld macht.“
„Ich glaube, ich bin einmal irgendwo flüchtig mit ihm zusammengetroffen. Und ist die Dame seine Frau?“
„Seine Geliebte. Die gewesene Frau eines Börsensensals, der sich ihretwegen erschossen hat. Eine Jüdin. Sie war einmal unvergleichlich schön, wie man noch jetzt bemerken kann.“
Ihre Schönheit war mir allerdings sofort aufgefallen, und gerade in diesem Augenblick zeigte sie mit einer Kopfwendung ihr ungemein interessantes Profil: edelste, orientalische Züge, fast blutlos bleich; aus dem kleinen weißen Kapotehütchen, das sie trug, drängte sich rückwärts, in kaum zu bändigender Fülle, ein Wust von glanzlosen dunkelschwarzen Haaren hervor.
„Eine höchst gefährliche Person“, fuhr mein Nachbar fort. „Herzlos, mit einem kalten, messerscharfen Verstande. Dabei bizarr, phantastisch, abenteuerlich. Eine unmögliche Zusammenstellung, werden Sie sagen — und doch ist es so.“
„Sie scheinen sehr genau unterrichtet zu sein.“
„Mein Gott, ich verkehre ja mit aller Welt und habe sie schon gekannt, da sie noch ein junges Mädchen war. Bereits damals zeigte sich, was sie werden würde: ein Irrlicht, das nicht zu haschen, ein Mühlstein, der nicht abzuschütteln ist. Sie hätte inzwischen schon einen Fürsten B... heiraten sollen, und nur durch die größten Geldopfer von seiten der Familie ist die Sache rückgängig geworden.“
„Sie besitzt also Vermögen?“
Er lachte laut auf. „Vermögen? Schulden! Denn es ist nicht anzunehmen, daß ihr neuer Verehrer diese vollständig gezahlt hat. Sie ist nämlich eine notorische Verschwenderin — und zwar in einer Art und Weise, die eigentlich schon ans Wahnwitzige streift. Das pflegt immer der Fall zu sein, wenn der semitische Geist einmal ins Gegenteil umschlägt. In ihrer Hand würden Millionen zerrinnen. Was sie jetzt Herrn Röber kosten mag, läßt sich gar nicht beurteilen.“
„Aber ist er denn selbst so ungewöhnlich reich,“ fragte ich, „daß er —“
„Reich! Er hat mit Lieferungen in die unteren Donauländer reichlichen Gewinn erzielt. Seit einiger Zeit operiert er mit einem gewissen Malinsky, einem wahren Gauner, an der Börse. Bis jetzt allerdings mit fabelhaftem Glücke. Wie lange es noch so fortgehen wird, ist die Frage. Er soll übrigens auch noch eine alte Geliebte in seiner Villa in Hietzing bei sich haben. Eine Art Schriftstellerin. — Wissen Sie davon nichts?“ fragte er plötzlich argwöhnisch.
„Nein“, erwiderte ich trocken und machte Anstalten, meine Zeche zu begleichen. Denn ich glaubte zu bemerken, daß man draußen, während zwei Kellner mit unterwürfiger Dienstbeflissenheit ein ausgesuchtes Diner zu servieren begannen, auf uns aufmerksam geworden war.
„Sie wollen schon gehen?“ fragte mein Begleiter.
„Ja; ich muß nach Hause. Ich habe noch allerlei zu ordnen und zu packen, denn ich reise morgen von hier ab.“
Ich hatte gefürchtet, er würde sich mir wieder anschließen, vielleicht gar in meiner Wohnung eine zweite Zigarre rauchen wollen. Aber er regte sich nicht und sah mich ganz gleichgültig an.
„So? Sie reisen morgen?“ sagte er gedehnt. „Nun, dann Gott befohlen! Ich bleibe noch ein wenig. Es macht mir Vergnügen, das Pärchen da draußen zu beobachten. Es sitzt sich hier wie in einer Loge.“
Wir reichten einander flüchtig die Hände, und ich entfernte mich, nachdem ich noch einen Blick auf Röber und seine neue Geliebte geworfen hatte, welche eben bemüht war, mit einem kurzen Messer, das sie in der beringten Hand hielt, eine Krebsschere zu öffnen.
Noch den ganzen Abend beschäftigte dieses unvermutete Zusammentreffen meine Gedanken, und als ich am nächsten Morgen, bei strömendem Regen, im Eisenbahnzuge durch die melancholischen Praterauen fuhr, da kam auch am Fuße des Kahlen- und Leopoldsberges für einen Augenblick der stattliche Vorort in Sicht, wo sich für die schöne Frau Stadler der Schicksalsknoten geschürzt hatte. „Wie wird es enden?“ dachte ich, während jetzt der Zug mit beschleunigtem Laufe und schrillem Pfeifen in die weite, trostlose Ebene hineindampfte.
* * *
Es endete nur zu bald — und traurig. Was ich darüber zufällig und absichtlich in Erfahrung gebracht, kann hier in Kürze erzählt werden.
Das Glück war Röber nicht treu geblieben. Er verlor, verlor alles, was er gewonnen — und noch mehr. Aber er hatte, um sich aufrecht zu erhalten, in letzter Zeit auch nach anvertrauten Geldern gegriffen: drei namhafte Beträge waren sofort zu ersetzen, wofern er nicht den Gerichten verfallen wollte. Woher aber die nötige Summe nehmen? Elsa brachte sie zustande: sie ging — ob nun gezwungen, oder aus eigenem Antriebe — Conimor darum an. Und dieser erfüllte ihr Begehren. Er hatte gerade die Nacht zuvor im Wienerklub an einen hohen Aristokraten zweimal hunderttausend Gulden im Spiel verloren; was lag daran, wenn Papa noch ein Sümmchen darauf legte, das doch kaum zur Hälfte jenes Verlustes hinanreichte? Er konnte es ja wieder hereinbringen. Elsa erhielt also das Geld und gab es Röber. Dieser nahm es — und verschwand, ohne seine Verpflichtungen zu erfüllen. Mit ihm die neue Geliebte. Es mußte alles von langer Hand vorbereitet gewesen sein; denn sie waren spurlos entkommen. Wie man annahm, nach Amerika; und in der Tat liefen zwei Jahre später von dorther Briefe und Geldsendungen an die Verlusttragenden ein.
Was aber hätte die arme Verlassene damals tun sollen? Die Villa war mit Beschlag belegt worden; ihr selbst standen peinliche Vernehmungen — vielleicht noch Ärgeres bevor, da man anfänglich nicht umhin konnte, sie als die Mitwisserin jener sträflichen Vorgänge anzusehen. Sie nahm also zu dem Mittel ihre Zuflucht, das sie schon lange vorher zur Beschwichtigung körperlicher Schmerzen in Anwendung gebracht und welches sie jetzt rasch und mit einem Mal von allen Leiden befreien sollte. Sie vergiftete sich mit Morphin.
Und was würde Frauenlob gesagt haben, wenn er diesen vollwichtigen Triumph seiner Vorhersagungen noch erlebt hätte?! Aber er war vor Elsa zu Grabe gegangen. Ein Lungenübel, zu dem er seit jeher veranlagt gewesen, hatte sich in Berlin, wo er kümmerliche Tage fristete, rasch entwickelt und ihn dahingerafft, ehe ihm noch die viel gepriesene Heilkraft der Kochschen Lymphe eine trügerische Hoffnung hätte gewähren können.