Rübezahl.
Reading edition
Schauspiel in einem Akt.
Personen:
Rübezahl. Elisabeth. Vater Thomas. Gustav. Die Mutter.
Erste Szene.
Rübezahl (steigt während eines Gewitters aus der Erde empor und sieht sich neugierig überall um).
Ich, Herr Johannes, im Riesengebirge Mit Furcht und Zittern nur genannt, Weil ich mit Lust die Bösen würge, Sie oft gestraft mit harter Hand; Ich zeige nach ein paar hundert Jahren Mich wieder einmal auf den Bergen hier, Um etwas Neues zu erfahren, Und zu durchreisen mein Revier. Musäus hat von mir geschrieben So manches Märchen wunderlich; Doch wenn die Menschen wie sonst geblieben, Sind sie viel närrischer als ich. Sie machen sich durch Haß und Neid, Durch Falschheit selbst das Leben sauer, Sie schätzen sich nur nach dem Kleid Und machen sich die Welt zur Trauer. Zwar sind gar viele hochgelehrt Und wissen wunderkluge Sachen, Doch fragt nur, was dazu gehört, Um sich das Leben leicht zu machen, Und, selbst von groben Fehlern rein, Es andern liebreich zu versüßen, Im Frieden mit der Welt zu sein, Da fragt einmal, ob sie das wissen? Denk ich der Jugend jetz’ger Zeit, Juckt’s in den Fingern mich zur Stelle, Die macht sich gar gewaltig breit, Hält Kränzchen gar und Kinderbälle. Wenn sie französisch nur versteht, Glaubt sie schon Wunder was zu können, Sie kann wohl, wie der Ebro geht, Doch nicht der Heimat Flüsse nennen! Es sagt manch Kind dir auf ein Haar, Wer Mutius Scävola gewesen, Doch frage nur, wer Luther war, So haben sie’s noch nicht gelesen. Dort sitzt ein Mädchen am Klavier Und fehlt nicht eine einz’ge Note, Fast jede Oper kennt sie dir, Nur leider nicht die zehn Gebote. — So steht es mit der Jugend jetzt, Die fromme Einfalt ist verschwunden; Ich aber hab mich in Bewegung nun gesetzt, Um mich als Herr hier zu bekunden. Ich werde, nach meiner alten Manier, Den Guten necken und endlich beglücken, Den Bösen aber, nach Gebühr, Recht arg geprellt nach Hause schicken. Sieh da, — das kommt ja wie beschert, — Dort naht sich eine alte Mutter, Sucht dürres Holz für ihren Herd Und für die Zieg’ ein wenig Futter. Zwei Kinder folgen, jung und zart, Da will ich mich sogleich verstecken, Vielleicht kann ich die Sinnesart Der armen Leutchen so entdecken. —
(Er versteckt sich.)
Zweite Szene.
Die Mutter, Elisabeth und Gustav (dürres Reisig suchend);
Mutter.
Gottlob! das Gewitter ist vorüber; Es scheint die Sonne wieder schön.
Elisabeth.
Doch, gute Mutter, ihr solltet lieber Um trockne Kleider jetzt nach Hause gehn.
Mutter.
Es ist ja nur ein Rock im Schranke, Und du bist mehr als ich durchnäßt.
Elisabeth.
Ei, liebe Mutter, welch ein Gedanke, Ich bin noch jung, gesund und fest!
Mutter.
So laß uns nur die Hände rühren, Die Arbeit hier macht wieder warm Und läßt im Winter uns nicht frieren.
Elisabeth (seufzend).
Ach, wären wir nur nicht so arm!
Mutter.
Sprich, möchtest du denn etwa lieber Reich, wie der Nachbar Töffel, sein?
Elisabeth.
O nein, der schließt ja jeden Stüber Voll Geiz in seinen Kasten ein!
Mutter.
Könnt ich doch, wie der Schulze, schenken Der Tochter ein so stattlich Haus —
Elisabeth.
Da würd ich mich noch sehr bedenken, Dort sieht’s nicht eben friedlich aus!
Mutter.
Ist Küsters Röse zu beneiden? Sie hat voll Linnen Kist’ und Schrank! —
Elisabeth.
O nein, das wär’ ein rechtes Leiden, Jahraus, jahrein ist Röse krank!
Mutter.
Die reiche Elsbeth aus der Mühle, Die wärst du aber gern, mein Kind?
Elisabeth.
Ha! was du sagen willst, das fühle Ich tief, — ihr ist die Mutter blind! Nein, nein, ich schäme mich der Klage, Mit keinem möcht ich tauschen gern, Es hat ein jeder seine Plage; Vertrau’n wir nur auf Gott den Herrn. Um deinetwillen mög’ er schenken Uns bess’re Tage, nicht so schwer. —
Mutter.
Willst du nicht auch des Guten denken? Wenn ich nur Elsbeths Mutter wär’ — So bin ich rüstig auf den Füßen, Zur Wette spinn ich noch mit dir, Und meine Kinder — sie versüßen Auch kummervolle Tage mir.
(Elisabeth schlingt ihren Arm um die Mutter. Gustav kommt herbeigesprungen.)
Gustav.
Hier, seht nur, bring ich reife Beeren, Die Mutter jetzt allein sie essen muß.
Mutter.
Wir wollen sie zusammen verzehren, Denn so nur ist’s für mich Genuß.
Dritte Szene.
Die Vorigen. Rübezahl (als Jäger).
Gustav.
Sieh, Mutter, da kommt ein fremder Mann.
Mutter.
Brauchst darum keine Furcht zu hegen. Was geht der fremde Jäger uns an? Wir sind ja nicht auf bösen Wegen.
Rübezahl.
Gott grüß euch!
Mutter.
Schönen Dank, Herr!
Rübezahl.
Was macht ihr da?
Mutter.
Wir sammeln Reiser; Der Winter ist lang und oft gar schwer, Und schlecht verwahrt sind hier die Häuser.
Rübezahl.
Wer seid ihr?
Mutter.
Eine arme Frau Mit ein paar guten, frommen Kindern; Wir lebten sonst dem Ackerbau, Der Feind tat uns die Scheuern plündern, Nahm unser bißchen Vieh, zerschlug, Was eben nicht fortzubringen war; So kamen wir um Acker und Pflug, Es geht nun schon ins fünfte Jahr.
Rübezahl.
So seid ihr Witwe?
Mutter.
Nein, ach nein! Das wolle der liebe Gott verhüten!
Rübezahl.
Dann wird der Mann in der Schenke sein, Statt sich um Tagelohn zu vermieten?
Mutter.
Bewahre! mein guter Thomas war Stets fleißig und lebte eingezogen; Als aber das Vaterland in Gefahr, Da ist er mit in den Krieg gezogen. Fünf Jahr und drüber sind schon verflossen, Seit ich nichts mehr von ihm gehört, Seit ich und meine Unglücksgenossen Mit Tränen jeden Bissen verzehrt.
Rübezahl.
So läßt sich wohl nicht anders glauben, Als daß eine Kugel ihn hingerafft?
Mutter.
Wollt ihr die letzte Hoffnung mir rauben? Mit ihr des Lebens Mut und Kraft?
Rübezahl.
Doch besser, er schlummert im kühlen Grabe, Als wenn er, ein Bettler, wiederkehrt!
Mutter.
O, wenn ich ihn nur wiederhabe, Mein treues Herz nicht mehr begehrt.
Rübezahl.
Wenn nur nicht etwa gar am Ende Zum Krüppel ward der arme Mann?
Mutter.
Ach, dann gibt’s noch vier fleißige Hände, Und auch der Gustel wächst heran! —
Rübezahl.
Ihr wagt euch so auf diese Straße, Wie, wenn der Berggeist euch erschreckt?
Mutter.
Hab ich doch immer gehört, er lasse Die guten Menschen ungeneckt!
Elisabeth.
Ja, Herr! wir haben ein gutes Gewissen; Er mag nur kommen, wenn’s ihm beliebt.
Rübezahl.
Vielleicht würd’ er dich zu trösten wissen, Du schienst vorhin mir sehr betrübt.
Mutter.
Wir haben schon viel Zeit verplaudert, Und im Gebirge ist’s nicht gut, Wenn man bis in die Dämmrung zaudert. Lebt wohl!
Rübezahl.
Auch ihr, und bleibt bei gutem Mut.
Mutter.
O ja, was Gott über mich verhängt, Das wird er auch alles zum Guten lenken.
Gustav (vertraulich zu Rübezahl).
Wenn er einmal ein Eichhörnchen fängt, So könnt’ er’s wohl dem Gustel schenken!
Rübezahl.
Bist du der Gustel? wir wollen sehn!
Gustav.
Er sieht zwar etwas grimmig aus, Als wollt er einem den Hals umdrehen; Ich mache mir aber gar nichts daraus.
Rübezahl.
Das freut mich, Kleiner!
Mutter.
Komm, mein Kind! Noch ist der Korb nicht voll, drum munter! Wir suchen und füllen ihn geschwind; Und dann in unser Dörfchen hinunter.
(ab).
Vierte Szene.
Rübezahl (allein).
Die Mutter ist brav, die Kinder gut, Man hört es ja aus jedem Worte; Schon manchem half ich aus Übermut, Doch hier ist Hilf’ am rechten Orte.
Fünfte Szene.
Der Vorige. Thomas (auf Krücken, ohne Rübezahl zu sehen).
Thomas.
Für heute kann ich nun wohl nicht weiter, Ich armer Krüppel! was soll ich tun? Die Luft ist warm, der Himmel heiter — Hier will ich unter dem Baume ruhn. Den Berg herauf mußt’ ich schon keuchen, Doch morgen hab’ ich neue Kraft, Die liebe Heimat zu erreichen, Die mir die letzte Ruh’ verschafft. Zwar komm’ ich, ach, mit leeren Händen, Und bin ein Krüppel obendrein, Kann nur verzehren, nur verschwenden, Und nichts erwerben — welche Pein! Warum fand nicht den Weg zum Herzen Die Kugel, die mein Knie gefaßt! So wär’ ich ledig aller Schmerzen, Und meinen Kindern nicht zur Last. Zur Last? — Ach nein, sie werden gerne Hilfreich dem Vater zur Seite stehn; Und der da droben regiert die Sterne, Läßt mich, wohl auch nicht untergehn. — Könnt’ ich denn nichts, gar nichts erwerben? Sind doch die Hände noch wohl geschickt; Und gerne, gerne will ich sterben, Hab’ ich nur die Meinen noch erblickt.
(Er hat sich unter einem Baum gelagert).
Rübezahl (beiseite).
Er ist’s! — fürwahr auf diese Höhen Hat ihn ein guter Geist, geschickt; Er mag im Traum die Kinder sehen, Bis er sie wach an den Busen drückt.
(Ab, nachdem er nach einigem Nachsinnen dem Thomas die Krücken weggenommen hat).
Thomas (erwachend, greift um sich und sucht sie vergebens).
Wo sind meine Krücken? — guter Gott! — Ein Bösewicht hat sie mir genommen, — Wer trieb mit mir so bittern Spott, Wie soll ich nun nach Hause kommen?
Sechste Szene.
Rübezahl (als Köhler), Thomas.
Rübezahl.
Was wimmert denn da?
Thomas.
Ach, guter Freund, Seid mir tausendmal willkommen! Ihr wie ein Engel mir erscheint, — Ein Bube hat mir die Krücken genommen, Sucht doch im Strauchwerk, guter Mann, Vielleicht warf er sie weg —
Rübezahl.
Der Bärenhäuter!
Thomas.
Ich bin ein lahmer Kriegesmann, Und ohne Krücken kann ich nicht weiter.
Rübezahl (beiseite).
Ich will dir deinen Schmerz bezahlen. (laut). Wer seid ihr denn? wo kommt ihr her??
Thomas.
Ich heiße Thomas, komm aus Westfalen, Im Kriege ward ich verwundet schwer. Dort unten im Tal liegt meine Hütte, Wo mir in guter Kinder Mitte, Das treue Weib zur Ruhe winkt, Da bin ich denn bis hierher gehinkt. —
Rübezahl.
Seid ihr der Thomas, der vor fünf Jahren Geplündert unter die Soldaten ging?
Thomas.
Der bin ich. Habt ihr was erfahren, Wie es indes den Meinen ging?
Rübezahl.
Die Tochter — ist im Bach ertrunken; Den Jungen — haben die Pocken hinweggerafft; Und endlich ist die Mutter ins Grab gesunken, Wie ein dürrer Baum, ohne Saft und Kraft.
(ab).
Thomas.
Gott! Gott! dann brauch’ ich keine Krücken, Keinen Trost und keine Hilfe mehr! — O Kugel, die mich lahm geschlagen, Warum nicht höher herauf ins Herz! Ich habe alles mit Mut ertragen; Jetzt unterlieg’ ich meinem Schmerz.
Siebente Szene.
Gustav und Thomas.
Gustav (der einen Schmetterling haschen will).
Wart! wart! Ich will dich doch wohl fangen, Und wärst du schneller als der Wind!
Thomas.
Wie wird mir — welch ein heimlich Bangen — Ach, welch ein liebes, schönes Kind!
Gustav.
Ach! sieh — ein Fremder —
Thomas.
Darfst nicht erschrecken, Mein Kind, ich bin kein böser Mann.
Gustav.
Ich werde mich nicht vor ihm verstecken, Hab’ ich doch ihm auch nichts getan.
Thomas.
Hast du das Gebirge nicht gescheut? Wie kommst du so allein in den Wald?
Gustav.
Nicht doch, die Mutter ist ja nicht weit.
Thomas.
Ach Gott, mein Gustel wär’ auch so alt!
Gustav.
Wir sammeln für den Winter Reisig.
Thomas.
Ihr guten Leute seid wohl arm!
Gustav.
Ei freilich, aber die Mutter ist fleißig; Wär’ nur im Winter der Ofen warm.
Thomas.
Der Vater schafft euch warme Betten.
Gustav.
Ja, wenn wir noch einen Vater hätten!
Thomas.
Du hast den Vater schon verloren?
Gustav.
Er zog in den Krieg, kaum war ich geboren.
Thomas.
Wie mir das durch die Seele geht! Wie alles seltsam sich muß treffen, Mich Armen schadenfroh zu äffen. Mein Gustel! — meine Elisabeth! —
Gustav.
Was wollt ihr von uns?
Thomas.
Von euch? wieso?
Gustav.
Ich und die Schwester, wir heißen ja so.
Thomas.
Ha! treibt denn hier in seinem Grimme Mit mir sein Spiel ein böser Geist?
Mutter (hinter der Szene).
He! Gustel!
Thomas.
Das ist meines Weibes Stimme!
Mutter (noch immer hinter der Szene).
Wo bist du, Gustel? Um Gottes Willen!
Gustav.
Gleich, liebe Mutter! ich komme gleich!
Thomas.
O, könnt’ ich mein Verlangen stillen — O, könnt’ ich kriechen durchs Gesträuch!
Gustav.
Will er die Mutter sehen, so sitze Er nicht so faul, und rühr’ er sich.
Thomas.
Kind, ich bin lahm — hab’ keine Stütze.
Gustav.
Nun denn, so stütz’ er sich auf mich.
Thomas.
Du willst mich ihr entgegenführen? Ihr — wag’ ich zu hoffen? — süßer Betrug.
Gustav (hilf ihm auf und stützt ihn).
Nur auf! Er soll gemächlich spazieren; Ich bin wohl klein, aber stark genug.
Achte Szene.
Die Vorigen. Mutter. Elisabeth.
Mutter (setzt ihren Korb nieder).
Wo bleibst du? Hast du dich verirrt?
Thomas.
Sie ist’s! — O halte mich, Kind! halte!
Mutter.
Was seh’ ich! sind meine Sinne verwirrt — Mein Mann! — (sie stürzt sich ihm in die Arme).
Thomas.
Mein Weib!
Elisabeth (hängt sich an ihn).
Der Vater!
Gustav (verwundert).
Dieser Alte?
Mutter.
Du bist nicht tot?
Thomas.
Ihr seid nicht gestorben?
Mutter.
Dich hab’ ich wieder?
Thomas.
Ich umarme dich.
Elisabeth.
Wir haben’s durch unser Gebet erworben.
Gustav.
Bist du der Vater, so küß auch mich.
Thomas (tut es).
Ja dich, den Gott als Engel sandte; (zu Elisabeth) Und dich, die mir so hold erscheint.
Mutter.
Wo kommst du her?
Thomas.
Aus fernem Lande.
Mutter.
Wir haben lang um dich geweint!
Thomas.
Ach, weinen werdet ihr auch wieder! Der liebe Gott mir alles nahm! O, setzt mich unter dem Baume nieder, Ich bin ein Bettler — und — bin lahm!
Mutter.
Ein Bettler? nein! nenn’ es gelinder; Sechs Hände sind, Dich zu nähren, bereit, Du hast dein Weib und deine Kinder, Die werden dich stützen jederzeit.
Thomas.
O höre, Gott, mein dankbar Beten! — Ich fand euch wieder, ihr habt mich lieb. Doch soll ich meine Hütte betreten Als ein unnützer Tagedieb! Soll ich von euch mich lassen füttern?
Mutter.
Willst du uns die schöne Stunde verbittern? Du brauchst ja nur zum Gehn die Krücken, Kannst drum die Hände dennoch rühren. Wir wollen es sogleich probieren; Komm, hilf den Korb mir auf den Rücken; Dann wandeln wir getrost und munter Den wohlbekannten Pfad hinunter.
Thomas (dem seine Kinder aufgeholfen haben).
Ja, liebes Weib, du gibst mir neues Leben; Wie wohl mir der Gedanke tut, Ich sei doch noch zu etwas gut. Wo ist der Korb? Ich will ihn heben!
(Elisabeth unterstützt ihn dabei, die Mutter stellt sich mit dem Rücken gegen ihn, und er versucht, den Korb auf ihre Schultern zu heben).
Thomas.
Von mir gewichen ist die Kraft des Lebens; Auch dieser Korb ist mir zu schwer!
Elisabeth.
Ich will auch helfen, Vater; gebt her!
(sie will den Korb aufheben)
Seltsam; auch ich versuch’ es vergebens.
Thomas.
Um mich zu trösten, stellst du dich schwach.
Elisabeth.
Nein, wahrlich, Vater! ich heb’ und hebe; Allein umsonst. (Sie blickt in den Korb). Ach, Mutter! Ach, Die Reiser sind Gold! so wahr ich lebe!
Mutter (wendet sich um).
Was sagst du?
Gustav (hüpft um den Korb).
Gold, Gold, lauter Gold!
Mutter.
Ich bin erschrocken, daß ich bebe.
Thomas (sinkt wieder unter den Baum).
O Kinder, der Berggeist ist uns hold; Gewiß von ihm kommt das Geschenk.
Mutter.
Nun sieh’, es leuchtet ein neuer Morgen!
Thomas.
Nun darf der Krüppel nicht mehr sorgen! O, seid der Wohltat eingedenkt!
Gustav.
Dank dir, du guter Rübezahl!
Mutter.
Mein Dank ist stumm und ohne Wort.
Elisabeth.
Wie bringen wir aber den Korb nun fort? Der Weg ist weit hinab ins Tal. — Wir müssen auch den Vater führen; Denn eher lass’ ich die goldene Beute.
Neunte Szene.
Die Vorigen. Rübezahl (als wandernder Chirurgus).
Rübezahl.
O sagt mir doch, ihr guten Leute, Kann ich hier nicht den Weg verlieren?
Mutter.
Wo kommt er her? Wo will er hin?
Rübezahl.
Aus fremden Ländern ward ich verschrieben, Weil ich ein berühmter Wundarzt bin, Meine Kunst in Hirschberg auszuüben; Dort, sagt man, lebt ein reicher Mann, Dem ist einmal vor vielen Jahren, Als er im Kriege sich hervorgetan, Eine Kugel in das Knie gefahren; Ein Ignorant hat es schlecht kuriert, Davon ist der Fuß ihm steif geblieben; Weil er nun nicht gern auf Krücken marschiert, So hat er mich aus Paris verschrieben. Über Hals und Kopf komm’ ich von dort, Bin auf der Reise schon viele Wochen; Soeben ist mir der Wagen zerbrochen, Da wollt’ ich denn zu Fuße fort. —
Mutter.
I nun, die Beschwerde ist noch erträglich; Hirschberg ist eben nicht mehr weit.
Thomas.
Ach, sag er mir, Herr! ist das wohl möglich, Daß er den Fuß von der Lähmung befreit, Wenn schon eine geraume Zeit verstrichen Und alles schon verwachsen ist?
Rübezahl.
Freund, das ist mir eine Kleinigkeit;
Mutter.
Ach Gott, welch’ neuer Hoffnungsstrahl! —
Rübezahl.
Doch freilich ist mein Balsam teuer.
Elisabeth.
Befreit den Vater von seiner Qual, Und was wir besitzen, sei flugs euer.
Rübezahl (lachend).
Blutwenig ist wohl, was ihr besitzt?
Mutter (rasch).
Hier, dieser Korb —
Thomas.
O nicht doch, Kind! Ein gesunder Fuß euch ja weit minder, Als dieser Schatz im Korbe nützt.
Mutter.
Mit Freuden wollen wir alles missen.
Rübezahl.
Was habt ihr denn im Korbe dort?
Mutter.
Gold! lauter Gold!
Rübezahl.
Das schenkt ihr fort, Als wären’s Schalen von Haselnüssen?
Mutter.
Ach, Herr! für ein Weib, das redlich liebt, Auf Erden kein größer Glück es gibt, Als wenn sie für einen wackern Mann Das Beste und Liebste opfern kann.
Elisabeth.
Hilft er, so spring’ ich deckenhoch.
Gustav.
Und Gustel ihm ein Liedchen singt. —
Thomas.
Nicht wahr, Herr, wenn’s auch nicht gelingt, Ein glücklicher Vater bleib’ ich doch? —
Rübezahl (beiseite).
Bin, ich doch sonderbar bewegt, Fast scheint’s — trotz meinem geistigen Wesen — — Daß Neid sich gegen die Menschen regt. (laut) Wohlann, mein Freund, ihr sollt genesen!
Mutter.
Ist’s möglich, Herr!
Rübezahl.
Ja, eure Krücken Werft nur in Gottes Namen weit, Es tut in wenig Augenblicken Mein Balsam seine Schuldigkeit.
(Er setzt sich zu Thomas, zieht ein Büchschen hervor und reibt ihm das Knie).
Mutter.
O Rübezahl! jetzt fühlen wir erst Den ganzen Wert von deinem Geschenke.
Thomas.
Ha! diese zerschmetterten Gelenke — Wie ist mir — neues Leben zuckt Durch jede Muskel, jede Nerve — Die Last, die mich zu Boden gedrückt, Wie leicht ich sie von der Schulter werfe! —
Gustav (faltet die Hände).
Ach, Mutter! ich bete Sprüch’ und Psalter, Das wird vielleicht von Nutzen sein.
Thomas.
Geschmeidig wird mein Fuß. —
Rübezahl.
Nun, Alter? Versucht? einmal und steht allein!
Thomas.
Es ist geschehen! ich bin gesund! Gott! Gott! ich danke dir; und ihm!
Mutter und Elisabeth (umarmen Rübezahl von beiden Seiten).
O Herr! —
Gustav.
Gott wollt’s ihm segnen alle Stund’.
Rübezahl.
Nun, nun, nur nicht so ungestüm, Mein Balsam hat den Dienst verrichtet; Doch schwebt euch auch wohl noch im Sinn, Zu welchem Geschenk ihr euch verpflichtet?
Elisabeth.
Da steht der Korb!
Mutter.
Nehmt alles hin!
Rübezahl.
Zuweilen die Menschen sich hoch vermessen, Zu geben und schenken, was es auch sei; Ist aber die Gefahr vorbei, So wird das Gelübde gar oft vergessen.
Mutter.
Nein, zieh er nur hin mit der goldnen Bürde.
Elisabeth.
Auch nicht ein Blättchen nehmen wir an! —
Thomas.
Nun fühl ich erst wieder des Hausvaters Würde, Da ich für die Meinigen arbeiten kann.
(Mutter und Kinder umschlingen den genesenden Thomas; währenddessen verwandelt sich Rübezahl.)
Alle.
Ha! Rübezahl! — der gute Geist!
(Sie heben die Hände zu ihm empor — er verschwindet.)

Anmerkungen zur Transkription
Die folgenden Korrekturen am Originaltext wurden vorgenommen:
dem — geändert in den
um — geändert in zum
schlimme — geändert in schlimmen
("es" eingefügt) — geändert in es
plötz- — geändert in plötzlich
eine — geändert in ein
die — geändert in der
ihm — geändert in ihn
Perrücken — geändert in Perücken
Müssiggänger — geändert in Müßiggänger
multiple Wiederholungen von Ilse — geändert in Else
wir — geändert in mir
Riter — geändert in Ritter
seinen — geändert in seinem
seinen — geändert in seinem
dem — geändert in den
dem — geändert in den
Eßlöfel — geändert in Eßlöffel
Mäner — geändert in Männer
den — geändert in dem
Die — geändert in die
hälst — geändert in hältst
komen — geändert in kommen
zeriß — geändert in zerriß
den — geändert in dem
"Hocke forttragen könne. — Das hatte nun seine Richtigkeit und" — diese Zeile steht zweimal im Original (hier und weiter unten) und die eigentliche Zeile an dieser Stelle fehlt — auch in anderen Auflagen. — geändert in FEHLZEILE
seinen — geändert in seinem
Wad — geändert in Wald
einen — geändert in einem
ließen — geändert in ließ