6. Die Gottswillenkinder.
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Da, wo sich im Badener Land der Schwarzwald gegen das Rheintal hin öffnet, liegt ein stattliches Dorf. Es schaut von einer Anhöhe herab und freundlich und heimelig ins Land hinein mit seinen sauberen, schindelgedeckten Häusern, die helle Fenster haben und blühende Blumengärtlein zu beiden Seiten der Haustür.
Gleich hinter dem Dorfe fängt der Wald an. Er steht wie eine schützende Mauer hinter den Häusern, während sich die fruchtbaren Felder talabwärts, in die Ebene hinein, erstrecken. Dort, ein wenig vom Ende des Dorfs entfernt, schon fast im Schatten des Waldes, steht ein kleines, weißes Haus mit grünen Läden und einer zierlichen Veranda. Die Tür ist von Efeu umrankt und das Häuschen sieht so fröhlich aus, als ob gar niemals etwas Düsteres darin Platz finden könnte. Ehe die Sonne untergeht, winkt sie allemal noch einen freundlichen Abschiedsgruß herüber und dann glänzen alle Fensterscheiben so golden, als wäre das Häuschen ganz mit Sonnenschein angefüllt.
Einst, vor Jahren schon, konnte man an solchen sonnigen Abenden eine dunkle Frauengestalt unter der Türe sitzen sehen. Sie sah ganz und gar nicht aus, als ob sie viel von Sonnenschein wisse. Denn ihr Gesicht hatte einen tieftraurigen Ausdruck und manchmal legte sie die Hand vor die Augen und stöhnte leise. Man konnte von ihrem Sitz aus so viel Schönes sehen, daß wohl mancher froh gewesen wäre, es sehen zu können. Da glitzerte ganz unten im Tal der Rheinstrom wie Silber und Gold, wenn die Sonne hineinschien, und dahinter waren wieder Berge, die Vogesen, die am Morgen weiße Nebelschleier trugen, und am Abend, wenn die Sonne unterging, rot und golden angemalt schienen. Aber die traurige Frau sah nichts von all der Pracht und Herrlichkeit. Wenn die Sonne hinunter war, stand sie auf und ging ein wenig am Waldrand entlang. Dann kehrte sie wieder in ihr Haus zurück.
Im Frühling war ein alter Herr ins Dorf gekommen und hatte das Häuschen, das gerade leer stand, gekauft. Dann hatte er Arbeiter geschickt, die alles freundlich und sauber herrichten mußten. Und bald darauf war die Frau eingezogen. Eine alte Magd kam mit ihr, die das Hauswesen besorgte und die Einkäufe im Dorfe machte.
Manche Leute behaupteten, daß »das weiße Häuschen«, wie es im Dorfe hieß, noch einen Bewohner habe. Sicher wußte es niemand, denn es kam kein Mensch zu der fremden Frau. Aber die Dorfbuben, die bei der Ankunft der Fremden zugesehen hatten, sagten, daß die Ursula, so hieß die Magd, eine kleine, verhüllte Gestalt aus dem Wagen und ins Haus getragen habe.
Von Ursula selbst erfuhr man nichts. Ihre Sprache klang ganz anders, als die der Leute in der Gegend. Und sie hielt sich nie lang auf, wenn sie ins Dorf kam. So machten sich die Leute selbst ihre Gedanken über die Bewohner des weißen Häuschens. Und alle waren darin einig, daß die Frau gemütskrank sein müsse. »Denn sonst wäre sie doch unter die Leute gekommen und täte nicht, als ob sie ganz allein auf der Welt wäre,« sagte eine Bäuerin zur andern. Jetzt ging es gegen den Herbst hin. Man sprach im Dorf schon nicht mehr so viel von den Fremden, und diese lebten still vor sich hin wie immer.
Es war ein so schöner, sonniger Abend wie man ihn sich nur denken konnte. Die ganze Rheinebene lag glänzend und klar ausgebreitet und die Vogesen hatten einen bläulichen Schimmer. Vom Dorfe her tönten die lauten, lustigen Stimmen der Kinder, die auf dem freien Platz vor der Kirche spielten. Im Gras zirpten die Grillen, und in der Luft summten zahllose Mücklein. Es sah aus, als ob alles, alles sich seines Lebens freue. Das war die Zeit, wo es die traurige Frau nicht auf ihrem Sitz vor dem Häuschen aushielt. Denn sie konnte keine fröhlichen Kinderstimmen mehr hören, seit man ihre eigenen Kinder, die blonde, sanfte Irma und den lustigen Krauskopf Hellmut, begraben hatte. Sie lagen weit, weit von hier in zwei kleinen Gräbern nebeneinander. Die traurige Frau hatte auch keinen Mann mehr; der war als Offizier im Krieg gefallen. Und sie dachte, daß es nun und für alle Zeit für sie mit aller Freude am Leben ganz vorbei sei.
Jetzt stand sie auf und schritt dem Walde zu, ihren täglichen Weg, einen schmalen, moosigen Pfad zwischen niedrigen Stechpalmen. Am Eingang des Hochwaldes war ein glatter Baumstumpf, da ließ sie sich nieder und sah wieder unbeweglich vor sich hin.
Plötzlich hörte sie Kinderstimmen. Ein kleiner Bube schrie kläglich in seinem Wägelchen, das sich, von einem Mädchen geschoben, knarrend den Berg herunterbewegte. Es saß noch ein dickes, rotbackiges Mägdlein in dem Wägelchen, das sah die Frau, als sie flüchtig aufsah. Dann bedeckte sie das Gesicht mit den Händen.
Die Kinder hatten die dunkle Gestalt noch nicht gesehen. Jetzt stand das Wägelchen still, ganz in der Nähe der Fremden, aber durch einen dichten Busch verdeckt. »Sei still, Daniel,« sagte die Mädchenstimme, »und du auch, Regele, ich sing euch eins. Heim dürfen wir noch nicht. 's ist ja Sonntag heut. Da will man daheim seine Ruh, hat die Bäuerin gesagt. Wann die Betglocke läutet, dann gehen wir heim.«

Das Geschrei verstummte, denn das Kindsmägdlein hatte den Schreier herausgenommen und auf den Schoß gesetzt. Nun fing es an zu singen. Es war ein dünnes Stimmlein, aber es klang doch lieblich. Die Frau horchte mit gespannten Zügen. Sie hatte geräuschlos weggehen wollen, aber nun vergaß sie das ganz.
»Der Pilger aus der Ferne zieht seiner Heimat zu, Dort leuchten seine Sterne, dort sucht er seine Ruh.«
So fing das Lied an. Es war kein Kinderlied. Die traurige Frau hatte noch nie solch ernsthafte Töne von einem Kinde gehört. Sie mußte ein wenig durch das Gebüsch blicken. Da saß die kleine Sängerin auf dem weichen Moos am Boden, die Kinder horchten aufmerksam. Es war ein zartes, schmächtiges Ding von etwa acht Jahren, hatte bloße Füße und ein mageres, bräunliches Gesichtchen, in das aber während des Singens ein ganz fröhlicher Ausdruck kam. Nur einen kurzen Augenblick atmete das Kind auf, dann sang es weiter:
»Sein Sehnen geht hinüber, sein Liebstes liegt im Grab, Die Blumen wachsen drüber, die Blumen fallen ab. Die Ströme ziehn hinunter ins wogenreiche Meer, Die Welle geht drin unter, man sieht sie nimmermehr.«
Der bleichen Frau liefen die Tränen über die Wangen. Sie hatte schon lange nicht mehr geweint, nun kam es ihr vor, als ob sie nie mehr aufhören könne. Aber die Sängerin hörte erschrocken auf, als sie neben sich leise schluchzen hörte. Sie sah erst jetzt die Fremde und wollte schnell weitergehen, denn es war ihr unheimlich, daß die Frau so stark weinte.
Da sagte diese: »Singe nur weiter, liebes Kind. Du tust mir wohl und nicht weh damit. Ich habe das Lied schon lang, lang gekannt.«
Das Mädchen sah die Frau aufmerksam an, so, als ob sie ihr bekannt vorkäme. Die beiden Pfleglinge waren vor lauter Staunen mäuschenstill. Und die Sängerin sagte: »Die andern Verse kann der Konrad besser als ich. Den hat sie die Mutter noch gelehrt. Und du siehst —« da hörte sie auf einmal auf zu sprechen und wurde dunkelrot. Sie hatte sagen wollen: »Und du siehst fast gar auch so aus, wie die Mutter.« Aber es war ihr dann unschicklich vorgekommen, das zu der fremden Frau zu sagen.
Diese wußte gar nicht, wie es ihr heute ging. Sie hatte seit dem Tod ihrer Kinder gar keine Kinder mehr sehen können. Ja, sie war so weit von daheim weggezogen, nur um allen Bekannten aus dem Weg zu gehen, die noch fröhlich mit den Ihrigen leben konnten. Aber das ernsthafte Gesichtchen des kleinen Kindsmägdleins und sein ungewöhnliches Lied, das zog sie beides mächtig an. Ursula hätte sich gewiß entsetzt, wenn sie gesehen hätte, wie ihre Herrin dem kleinen Mädchen neben sich auf dem Baumstumpf Platz machte und sagte: »Was hast du sagen wollen? Sag's nur kecklich. Komm, setze dich ein wenig daher zu mir und sag mir, wer der Konrad ist und wie du heißt.«
»Mein Bruder ist's,« sagte das Kind und sah dabei der fremden Frau unerschrocken ins Gesicht. Hersetzen wollte es sich nicht. »Ich heiße Veronika. Man sagt mir aber nur Vronik.«
»So, und warum betrachtest du mich so aufmerksam?« fragte die Frau weiter. Das konnte nun Vronik nicht wohl sagen. Denn im Dorf hatte sie schon öfters sagen hören, die Frau im weißen Häuschen sei »nicht ganz bei Trost«. Das hatte sie nie ganz verstanden. Als die Mutter noch lebte, hatte sie hie und da gesagt: »Das ist mir ein Trost; daß ich weiß, der liebe Gott sorgt für euch, wenn ich von euch fort muß. Und das soll auch immer euer Trost sein. Er verläßt euch nicht.« Sonst hatte Vronik noch nie etwas von Trost gehört. Und als sie nun die Fremde so traurig sah, dachte sie, am Ende habe diese richtig vergessen, was einem ein Trost sein könne. Und doch glich sie der Mutter, denn sie war auch bleich und zart wie diese und trug auch ein schwarzes Kleid. Nur hatte Vroniks Mutter freundliche, friedliche Züge gehabt und einen ganz andern Ausdruck darin, als die fremde Frau.
»Kannst du mir's nicht sagen?« ermunterte diese jetzt das Kind. »Du mußt dich nicht fürchten, du kannst es ruhig aussprechen.«
»Weißt du etwa nicht mehr recht, was ein Trost ist?« fragte Vronik statt der Antwort. Denn sie konnte nichts anderes sagen, als das, was sie gerade dachte.
Die Frau sah erstaunt auf. »Ach nein, das weiß ich nicht,« sagte sie. »Aber wie kommst du darauf? Weißt du es vielleicht?«
»Ja,« sagte das Kind ganz bestimmt. »Daß der liebe Gott bei einem bleibt und einen nicht verläßt, wenn man auch ganz allein ist, das ist einer. Die Mutter hat's gesagt.«
Die Frau hatte schon wieder Tränen in den Augen, aber sie kämpfte sie nieder, um das Kind nicht zu erschrecken. Denn sie wollte noch mehr hören. Es hatten schon viele Leute versucht, sie zu trösten. Aber denen hatte sie immer gesagt: »Ihr könnt gut reden. Ihr seid froh und glücklich und versteht nicht, wie es mir sein muß.« Das war bei dem Kind anders. Denn das hatte es nicht leicht auf der Welt, so viel konnte man wohl sehen. So sagte die Frau jetzt zu ihm: »Da hat dir die Mutter etwas Gutes gesagt, daran denke nur immer. Wo ist sie denn? Ich möchte sie wohl einmal sehen.«
Das Kind machte die Augen weit auf. Die fremde Frau wußte scheint's nicht, daß es ein Gottswillenkind sei, das heißt, eines, das gar niemand eigenes mehr auf der Welt habe, der für es sorgen könnte und das man darum »um Gotteswillen« umsonst aufgenommen habe. Es war der Vronik etwas ganz Neues, daß das jemand nicht wußte. Im Dorfe wurde sie oft genug daran gemahnt.
»Die Mutter ist zum lieben Gott gegangen,« sagte sie nach einer kleinen Weile. »Ganz bald nachher, als wir von der Schweiz kamen. Da hat sie immer gehustet. Und dann hat sie's oft gesagt, daß sie fortgehe. Jetzt ist der Konrad beim Lammwirt und ich bin beim Pfleghofbauern um der Gottswillen.«
Vronik mußte tief aufatmen, denn es war lange her, daß jemand so viel von ihr hatte wissen wollen. Aber die Frau sah so teilnehmend aus, es wurde dem Kinde ganz warm ums Herz.
»Aber die Mutter hat auch noch gesagt: wir werden schon wieder zusammenkommen, der Konrad und ich. Weil wir doch sonst gar niemand haben als nur einander. Wann der Konrad groß ist, dann verdient er Geld und dann müssen wir beieinander wohnen,« berichtete Vronik weiter. Sie hätte jetzt alles sagen können. Aber ihre Pfleglinge wurden ganz unruhig und ließen sich nicht mehr beschwichtigen, und vom Dorfe her hallten laute Klänge durch die klare Herbstluft. Das war die Abendglocke, und die Kinder mußten nach Hause.
Die fremde Frau erhob sich. Zum erstenmal hatte wieder ein anderer Gedanke als der an ihr Unglück in ihr Raum gefunden. Jetzt sagte sie: »Kommst du morgen wieder hierher, Vronik? Du mußt mir dann noch mehr sagen.«
Vronik schüttelte leise den Kopf. »Nein, das darf ich nur am Sonntag,« sagte sie. »Am Werktag hütet die Ahne die Kinder. Da muß ich auf dem Feld helfen und im Stall und in der Küche und überall.«
Der fröhliche Ausdruck war wieder ganz aus dem mageren Gesichtchen geschwunden, Vronik sah jetzt so ernsthaft aus, als ob sie schon schwere Sorgen habe. »So komm gewiß am Sonntag wieder,« sagte die Frau. »Vielleicht weißt du mir dann auch so einen guten Trost.« Dann schieden die beiden, und das Wägelein holperte jetzt schnell den Weg hinab, denn es hatte beinahe ausgeläutet.
Es war schon spät am Abend. In dem Heimwesen des Pfleghofbauern war schon alles zur Ruhe gegangen. Nur Vronik war noch einmal zur Hintertür hinausgeschlüpft. Das tat sie immer, ehe sie sich niederlegte. Denn da kam oft der Konrad noch ein Weilchen in den Hof. Und das war die einzige Zeit, wo die verlassenen Kinder einander sehen und sprechen konnten. Es war nicht nur, weil die Mutter so oft gesagt hatte: »Haltet zusammen, Kinder, wenn ich nicht mehr da bin,« daß die beiden so aneinander hingen. Sie hatten alle beide Heimweh nach den alten, schönen Tagen, wo sie mit den Eltern fröhlich zusammen gelebt hatten in der eigenen Heimat. Die Zeit lag freilich jetzt weit dahinten. Aber nach des Vaters Tod war doch noch eine Zeit gekommen, wo die Mutter für ihre Kinder sorgte. Sie war mit ihnen in ihre alte Jugendheimat zurückgekehrt. Aber es lebte niemand mehr von den alten Freunden. Und als der liebe Gott die Mutter zu sich holte, da wußte sie ihren Kindern keinen andern Trost zu hinterlassen als den, den die Vronik so treulich bewahrt hatte, nämlich, daß der liebe Gott für sie sorgen und sie nicht verlassen werde.
Vronik hatte ein fröhliches Herzlein. Und das war viel wert für das einsame Kind. Auf dem großen Hof waren so viele Knechte und Mägde, und sie waren nicht eben böse gegen das Gottswillenkind. Aber sie dachten, es müsse froh sein, wenn es überhaupt einen Unterschlupf habe, und es solle sich nur beizeiten daran gewöhnen, sich in anderer Leute Willen zu schicken. So übten sie es denn alle miteinander darin, daß es sich schicken lerne. »Vronik, treib die Hühner zusammen,« »Vronik, du kannst mir meine Stiefel schmieren,« »wo ist die Vronik? sie soll Kartoffeln waschen,« so hieß es den ganzen Tag. Und Vronik ließ sich das nicht zu sehr anfechten; sie war immer bei der Hand und wenn sie nicht zu müde war, sang sie noch zu ihrer Arbeit irgend eines der schönen Lieder, die sie die Mutter noch gelehrt hatte. Die schönste Zeit für sie war, wenn sie am Sonntag nachmittag mit den Kindern hinausziehen durfte an ein schönes Plätzchen. Da gab sie den Kleinen Blumen und Steinchen zum Spielen und dann konnte sie sich hinsetzen und viel Schönes ausdenken. Wie es früher gewesen war, und wie es später werden würde, wenn der Konrad groß war und Geld verdiente. Ja, daß der Konrad nicht in den Wald konnte, das war freilich betrübt. Der mußte am Sonntag fast noch fleißiger sein als am Werktag; denn da mußte er den Bauernburschen die Kegel aufsetzen und noch vieles andere tun. Und dann kam er immer am späten Abend so verzagt heran, und Vroniks Trost wollte gar nicht bei ihm verfangen. Auch heute nicht. Er machte ein düsteres Gesicht und sagte: »Wenn wir nur fort könnten, Vronik. Wenn wir nur wieder in die Schweiz könnten oder irgendwohin, wo es anders ist. Der Lammwirt hat mich heute so oft am Ohr gerissen und dann noch gesagt: ›Du bist ein Nichtsnutz und dein Essen verdienst du nicht einmal.‹ Und ich habe immer Schlaf und immer Hunger. Ans Lernen komme ich auch nicht. Wenn ich dann im Winter wieder in die Schule muß, so setzt mich der Lehrer zu den Nichtskönnern. Und ich möchte doch so gern lernen.«
Vronik wußte auch nicht gleich zu raten. Sie hätte ja gern Konrads Hand genommen und wäre mit ihm ins Land hinausgewandert. Die Sternlein schienen so hell und freundlich am Himmel und in den Bäumen rauschte der Nachtwind ganz weich und lieblich. Sie hätte sich nicht gefürchtet. Aber wohin? Und dann fiel ihr auch ein, daß die Mutter oft gesagt hatte: »Man muß mit dem zufrieden sein, was einem der liebe Gott gibt. Wenn man immer etwas anderes will, so kann er einem dann nicht mehr helfen.«
So sagte Vronik nach einem Weilchen: »Nein, Konrad, fortgehen, das dürfen wir nicht. Und wir wissen auch nicht, wohin? Es dauert sicher nicht mehr so lang, bis du dann groß bist und Geld verdienen kannst. Und dann ziehen wir zusammen.«
Dem Konrad schien das Leben immer wieder erträglich zu sein, wenn er bei Vronik war; denn sie fand an allem eine gute Seite heraus, wenn sie auch noch klein war und jünger als er. Und sie wußte immer etwas zu erzählen, was sie erlebt hatte, so daß der Konrad oft nur zu staunen hatte.
Heute wurde natürlich das Erlebnis im Walde ausführlich berichtet. In Vroniks Herzlein war ein großes Mitleid für die arme Frau aufgewacht, die nicht einmal mehr wußte, was ein Trost ist.
»Wenn ich nur etwas wüßte, daß sie wieder ein bißchen froh wird,« sagte Vronik, als sie ihren Bericht vollendet hatte. »Und du auch, Konrad. Wenn ich vergnügt sein will, dann fällt mir immer der Lammwirt ein, wie er dich am Ohr reißt und daß du dann so ein trutziges Gesicht machst. Und jetzt auch noch die Frau da droben. Ich möchte nur allen helfen können.«
»Der liebe Gott kann allen helfen,« hatte die Mutter oft gesagt.
Und oft hilft er einem traurigen Menschenkind durch das andere, daß dann beide wieder fröhlich sein können. Man muß nur warten können, er macht es schon noch gut. —
Als die beiden Waisenkinder sich in dieser Nacht trennten, waren sie beide fröhlicher als vorher; denn es war ihnen wieder in den Sinn gekommen, daß schon alles noch gut werde. Und als sie dann in ihrem Kämmerlein lagen und ihr Nachtgebet sprachen, da winkten die Sternlein tröstlich zu ihnen herein und die Gottswillenkinder schliefen so sanft, wie nur irgend wohlbehütete Kinder unter den Augen ihrer Eltern schlafen können.
Ursula hantierte am frühen Morgen geräuschlos in dem weißen Häuschen herum. Sie fegte und stäubte ab und manchmal warf sie einen wohlgefälligen Blick auf die schöne Gegend, die sich an dem strahlenden Herbstmorgen so lieblich vor den Augen ausbreitete, wenn man nur zum Fenster hinaussah. Drinnen im Schlafzimmer rührte sich noch nichts und Ursula war das gewöhnt; denn seit nicht mehr die fröhlichen Kinderstimmen in aller Frühe wach wurden und das Haus lebendig machten, wollte Frau Behrens den Morgen nicht mehr ansehen.
»Ich habe keinen Mut mehr zum Aufstehen,« klagte sie oft. »Es treibt mich ja nichts mehr heraus.«
Sie hätte wohl noch eine Pflicht gehabt, aber es war eine, die der armen Frau das Herz noch schwerer machte als es schon vorher war. In Ursulas Stübchen stand noch ein kleines Bett. Darin lag eine schmale, kleine Gestalt mit einem weißen, farblosen Gesichtchen, darin nichts lebendig schien, als ein Paar große, braune Augen. Sie lag Tag für Tag still und unbeweglich da, die kleine Gertrud, und man fürchtete, daß es auch niemals anders mit ihr werden würde. Das war das einzige Kind, das der armen Frau noch am Leben geblieben war. Es konnte nicht reden, sich nicht bewegen, lachte und weinte nicht. Frau Behrens konnte es nicht lieb haben. »Warum hat mir Gott die gesunden Kinder genommen und dieses gelassen, das nur zum Jammer auf der Welt ist, sich und mir zum Jammer?« So klagte sie oft, und Ursula hatte es längst aufgegeben, ihr zuzureden. Sie tat dem hilflosen Geschöpfchen alles, was sie konnte. Sie gab ihm die Nahrung, hielt es sauber und sorgte ihm für ein gutes Lager. »Wenn man nur wüßte, ob es einen versteht,« dachte sie oft, wenn die braunen Augen so ausdrucksvoll auf sie gerichtet waren.
Eben hatte Ursula ein paar wimmernde Töne vernommen. Diese waren immer das Zeichen, daß Gertrud erwacht war. Sie wollte eben hineingehen, da sah sie eine kleine Gestalt unter der Haustür. Ein mächtiger Strauß fiel auf die Steinstaffel und dann huschte die Gestalt wieder hinunter. »Halt einmal, was ist denn da los?« fragte Ursula erstaunt, und schon hatte sie Vronik, denn diese war es, am Röckchen erfaßt.

Das Kind strebte weiter; es war dunkelrot im Gesicht. »Laß mich,« sagte es, »ich muß schnell heim, die Bäuerin zankt sonst. Es ist nichts Böses, ich hab nur der Frau einen Strauß gebracht, weil sie so arm ist.« »Was weißt du, ob Frau Behrens arm ist,« sagte Ursula ein wenig unfreundlich. Denn sie wußte nichts von der Begegnung im Walde und dachte, es könne ihrer Herrin vielleicht unangenehm sein, wenn sich jemand um sie bekümmere. »Wo ist sie?« fragte Vronik etwas erschrocken. »Sie kennt mich schon und sie hat gesagt« — hier stockte sie. Denn Frau Behrens trat unter die Tür. Sie hatte das Kind gehört und winkte ihm freundlich zu. Ursula schüttelte erstaunt den Kopf. Hatte man so etwas je erlebt? Das barfüßige Mädchen kam strahlend auf die Dame zu und sagte fröhlich: »Ich habe dir den Strauß geholt. Ich habe den Knechten die Morgensuppe in die Au gebracht. Und es ist noch so lang bis an den Sonntag, drei Tage noch. Da hab' ich schnell das Heidekraut gepflückt. Und der Konrad hat gesagt, wenn man nicht mehr wisse, was ein Trost sei, so müsse man es dem lieben Gott sagen, der wisse es dann schon. Der Konrad hat es auch nicht mehr gewußt, den reißt der Lammwirt oft am Ohr, daß es weh tut.«
»So,« sagte Frau Behrens, »das ist freilich schlimm, wenn er das tut. Aber weiß denn der Konrad jetzt, was ihm gut tun kann?« »Ja, er weiß es schon,« sagte Vronik. »Er vergißt's nur allemal wieder, daß man alles dem lieben Gott sagen kann. Daß er machen soll, daß der Konrad lernen darf, weil er das so gern möchte. Und daß es nicht mehr lang dauert, bis er groß ist und Geld verdient.«
Ursula traute ihren Augen und Ohren nicht, als nun Frau Behrens dem Kinde warm die Hand gab und sagte: »Den Konrad muß ich auch sehen. Und am Sonntag kommst du in den Wald. Vielleicht können wir schon etwas ausfindig machen, daß dein Bruder mehr lernen darf, wenn er das so gern will.«
Vronik eilte leichtfüßig davon. Denn es war jetzt keine Zeit zum Plaudern. Im Pfleghof war große Wäsche, und Vronik hätte sich verdreifachen können und doch kaum alle Befehle ausführen, die man ihr gab. Aber sie tat heute alles noch viel vergnügter als sonst. Sie mußte an einemfort vor sich hinsingen. Sogar die alte Obermagd, die sonst nicht viel sagte, fragte verwundert:
»Was freut jetzt auch das Mädchen so? Das hat doch einen Leichtsinn, man sollt's nicht glauben. Und hat's erst gar nicht nötig, das Leichtsinnigsein. Wenn man keinen Menschen hat und keinen Pfennig Geld.« Vronik brauchte aber gar kein Geld zum Vergnügtsein. Und daß eben erst, heute schon, ein Mensch freundlich und teilnehmend mit dem armen Gottswillenkind gesprochen hatte, das wußte die alte Obermagd nicht. Vronik hörte es immerfort noch in den Ohren tönen: »Wir können dann vielleicht schon noch etwas ausfindig machen, daß der Konrad mehr lernen kann, wenn er das so gern möchte.«
Das war ganz genug, um den ganzen Tag fröhlich zu sein, bis dann am Abend der Konrad kam und man es ihm mitteilen konnte. Vronik konnte sich nicht besinnen, was Frau Behrens wohl dazu tun könnte, daß der Konrad mehr lernen dürfe. Sie freute sich nur darüber und glaubte ganz sicher, daß es wahr werde. »Der liebe Gott kann alles machen,« hatte die Mutter oft gesagt, und Vronik zweifelte gar nicht, daß er das machen könne.
Aber am Abend kam der Konrad nicht in den Hof und auch nicht an den beiden folgenden. Vronik wartete lange auf ihn und wurde immer unruhiger. Ins Lamm gehen, das durfte sie nicht. Der Lammwirt hatte ihr einmal gesagt: »Das Zusammengeläufe verbitte ich mir, und dich will ich nicht in meinem Haus antreffen.« Und dazu hatte der große Metzgerhund Flox so grimmig geknurrt, als ob er hätte sagen wollen: »Und ich dich auch nicht oder es geht dir dann schlecht.« Seither fürchtete sich das Kind vor beiden, dem Mann und dem Hund. Aber am Sonntagmorgen hielt es Vronik nicht mehr aus. Sobald sie ein Weilchen abkommen konnte, ging sie doch hinunter auf den freien Platz, an dem das stattliche Wirtshaus stand, dessen goldenes Lamm in der Sonne glänzte. Sie wollte nur sehen, ob sie nicht an irgend einem Fenster den Konrad entdecken könne. Aber da kam gerade der gefürchtete Lammwirt in hohen, blankgewichsten Stiefeln zum Haus heraus. Er führte den Hund an der Leine, hatte einen festen Stock in der Hand und eine Schildkappe auf und ging mit großen Schritten die Straße hinunter. Vronik hatte sich zitternd an die Wand gedrückt, als sie die beiden sah, nun atmete sie leicht auf, denn nun war nichts zu befürchten. Sie huschte schnell ins Haus, sah sich im Flur und im Schenkraum um und fand endlich den Bruder in der Küche. Er saß auf einem Bänkchen und putzte Rüben. Sein Fuß lag auf einem Holzklotz und war dick mit Lappen umwickelt und sein Gesicht war noch blässer und finsterer als sonst. Vronik erschrak, als sie ihn so fand. »Was hast du, was ist, daß du nicht kommst?« sagte sie ängstlich. »Hat er dir etwas getan?« Konrad schüttelte den Kopf und sah sich zuerst nach allen Seiten um, ehe er antwortete. »Ich habe ein Glas zerbrochen, und bin noch in einen Scherben getreten,« sagte er. »Jetzt ist mein Fuß dick geschwollen. Und Schläge habe ich auch bekommen. O wenn ich nur gar nicht mehr am Leben wäre.« Und dabei rollten dem Konrad dicke Tränen über die bleichen Backen.
Es war ein wenig schwer für Vronik, hier eine gute Seite an der Sache zu finden. Denn niemand pflegte den Konrad recht. Der Lammwirt hatte keine Frau. Vor seiner alten Mutter fürchteten sich die Kinder fast ebensosehr, wie vor dem Lammwirt selbst, denn sie hatte eine sehr unfreundliche Gemütsart. Und die Köchin dachte, der Fuß werde schon von selbst wieder gut werden. So war es kein Wunder, daß dem Konrad das Herz noch schwerer war, als sonst schon vorher. Denn er kam sich jetzt so verlassen und unglücklich vor, als ob es auch für ihn keinen Trost mehr gebe auf der ganzen Welt. Das konnte aber Vronik nicht ertragen.
»Ich habe dir zwei Birnen gebracht,« sagte sie. »Sie sind gut, ich hab sie vom Stallknecht, weil ich ihm die Stiefel gewaschen habe. Du mußt jetzt nicht weinen. Ich habe ein frisches Halstüchlein, das mache ich naß und binde es um den Fuß, das tut dir gut.«
Der Fuß war entzündet und tat weh. Und Konrads trauriges Herz konnte auch Vronik nicht so schnell hell und fröhlich machen. Aber es war doch gut, daß sie gekommen war. Denn jetzt setzte sie sich noch ein Weilchen zu dem Bruder auf das niedrige Bänklein. Und wenn er sagte: »Es hilft doch nichts, wenn man sich auch Mühe gibt, so viel man kann. Und es dauert so lang, bis man groß wird, daß man es fast nicht erleben kann,« so wußte sie doch immer wieder einen Trost. Und heute hatte sie ja noch einen besonderen. »Die Frau Behrens hat gesagt, sie wolle dann schon etwas ausfindig machen, daß du lernen dürfest,« erzählte sie. »Vielleicht will sie den Lammwirt fragen, ob er's nicht erlaube.« »Der erlaubt's nicht,« sagte Konrad mutlos. »Jetzt mußt du dich einmal gar nicht mehr besinnen, die Frau Behrens besinnt sich schon selber,« ermahnte Vronik. »Heute nachmittag seh' ich sie im Wald. Und dann komme ich bald wieder zu dir und sage dir alles.«

Vronik mußte gehen. Denn sie hatte auf dem Hof noch viel zu tun. Und sie wollte auch lieber nicht abwarten, bis der Herr des Hauses mit dem Hund zurückkäme.
Konrad blieb in seiner trübseligen Küche allein. Aber er sah nicht mehr so finster aus als zuvor. Vronik hatte ihn ein wenig aufgeheitert mit ihrem Besuch und mit dem, was sie gesagt hatte. Und nun fingen die Glocken an zu läuten und auf dem Fenstersims zwitscherte lustig ein dicker Spatz, und ein heller Sonnenstrahl fiel auf den Steinboden der Küche und tanzte dort hin und her. Da kam es dem einsamen Buben wieder tröstlich in den Sinn, daß der liebe Gott sein Vater sein wolle und es schon noch gut mit ihm machen werde. Er wollte nur nicht immer vergessen, sich an ihn zu halten.
Die Köchin war auch in sonntäglicher Stimmung. Sie konnte zwar nicht in die Kirche gehen, aber sie kam doch mit einer frischen Schürze angetan aus ihrer Kammer herunter und summte ein schönes Lied vor sich hin, als sie am Herde hantierte. Und als sie Waffeln buk, geschah das Unerhörte, daß sie dem Konrad eine davon, die noch warm und goldbraun war, mit Zucker bestreute und gab. »Da, du armer Schlucker,« sagte, »daß du auch weißt, daß Sonntag ist.«
Nein, heute wollte der Konrad nicht mehr verdrießlich sein! Und er wußte erst noch nicht, daß schon alles auf dem besten Wege war für ihn und er nur noch ein Weilchen warten mußte, bis ihm der liebe Gott helfen wollte.
Der Abend dämmerte schon. Den schmalen Fußpfad vom Dorfe her nach dem »weißen Häuschen« ging langsam, mit gesenktem Kopf, ein kleines, barfüßiges Mädchen. Es war Vronik. Sie hatte ihre Schutzbefohlenen, den Daniel und das Regele, nach Hause geführt. Nun durfte sie noch ein Weilchen tun, was sie gern wollte.
Vronik hatte den ganzen, langen Nachmittag im Wald an dem bekannten Plätzchen gewartet, ob Frau Behrens nicht komme, aber umsonst. Die Kinder konnten heute nicht so befriedigt sein von ihrer Hüterin wie gewöhnlich. Denn diese horchte an einem fort, ob sich kein Tritt hören lasse, und dann ging sie wieder ein Stückchen weit den Berg hinauf, um zu sehen, ob nirgends eine schwarze Gestalt aus den Büschen trete. Denn sie hatte so viel auf dem Herzen, und es ist nicht leicht, ganz umsonst auf den einzigen Menschen zu warten, von dem man glaubt, daß er einem helfen könnte. Und Vronik wußte ja, daß es nun wieder eine ganze Woche anstehen werde, bis sie Frau Behrens sehen könne. Da war es nicht zu verwundern, daß sie nicht wie sonst auf die vielen Wünsche und Fragen der Kinder hörte, sondern nur allemal wieder sagte: »Ja, ja, spielet jetzt nur auch ein wenig allein. Immer kann ich euch auch nicht vorsingen.« So hatte die Vronik heute gar kein so sonntägliches Gefühl wie sonst, als sie ihr Wägelchen nach Hause schob. Sie mußte nur immer denken: »Warum ist die Frau nicht gekommen? Hat sie am Ende ganz vergessen, daß sie sich auf etwas Gutes für den Konrad besinnen wollte?«

Unter solchen Gedanken hatte die Vronik fast unbewußt den Waldweg eingeschlagen, als sie nun freie Zeit hatte. Nun stand sie vor dem Häuschen. Es saß niemand mehr auf dem Bänkchen vor der Türe, denn es war schon Dämmerung und kühl. Ein heller Lichtschein fiel aus dem Fenster. Da drinnen im Zimmer würde nun wohl die fremde Frau sitzen, die nicht mehr wußte, was ein Trost ist und die doch dem armen Kinde schon ein Trost geworden war. Vronik konnte es nicht lassen, sie mußte sich auf das Bänkchen stellen, das gerade unter dem erleuchteten Fenster stand. Nur einen Augenblick hineinsehen wollte sie, es würde es ja niemand merken. Nur geschwind sehen, ob die Frau etwa krank sei oder ob sie nun gerade so traurig, wie sonst, vor dem Haus am Tisch unter der Lampe sitze und vor sich hinstarre.
Es sah aber ein wenig anders aus in dem Zimmer, als Vronik sich vorgestellt hatte. So etwas Behagliches, Heimliches hatte das Kind noch nie gesehen, dem seither das einfache Stübchen daheim bei der Mutter und von noch früher her das Arbeiterhäuschen in der Schweiz als das Schönste, was es geben konnte, vorgeschwebt war.
Vronik drückte das Gesicht fest an die Scheiben, um nur alles genau sehen zu können, die Bilder an den Wänden, die Blumen in Töpfen und Schalen, die da überall herumstanden, den ganzen zierlichen, behaglichen Schmuck des wohleingerichteten Wohnzimmers. Frau Behrens saß aber nicht allein darin. Ein alter Herr mit freundlichem Gesicht und schneeweißen Haaren saß neben ihr auf dem Sofa und hielt ihre Hand gefaßt. Und neben den Beiden lag, gerade hell vom Licht der Lampe beschienen, in einem Korbwagen eine kleine, schmale, weißgekleidete Gestalt, die gar nicht ausgesehen hätte, als ob sie lebe, wenn nicht die großen, aufmerksamen Augen sich ein wenig bewegt hätten. Vronik vergaß ganz, was sie da heraufgetrieben hatte, und auch, daß sie hatte gleich wieder heimgehen wollen. Sie sah nur immerfort auf die kleine Gruppe in dem erleuchteten Zimmer. Ursula ging hin und her, deckte den Tisch zum Abendessen und zupfte hier und da, wenn sie an dem Korbwagen vorüberging, eine Spitze an dem Kleidchen der kleinen Gertrud zurecht, weil sie dem Kinde jetzt gerade sonst nichts Gutes antun konnte.
In Vronik stieg ein brennendes Heimwehgefühl auf. Sie hatte sich so zu der fremden, traurigen Frau hingezogen gefühlt, weil sie glauben mußte, diese stehe ganz allein auf der Welt und weil sie gut wußte, wie es tut, verlassen zu sein. Und nun sah sie den alten Herrn bei ihr sitzen, der so väterlich die Hand der traurigen Frau hielt, sah das Kind in dem Wagen, das ein so feines, zartes Gesichtchen hatte und das doch wohl Frau Behrens gehören mußte, und das trauliche Zimmer, in dem diese Leute ungestört beisammensitzen konnten.
»Da wird sie's freilich wohl vergessen haben, daß sie kommen wollte,« dachte das arme Gottswillenkind.
»Vielleicht bleibt jetzt der alte Herr immer bei ihr und macht sie wieder ganz fröhlich. Und dann wird sie wohl nichts ausfindig machen für den Konrad.«
Es wurde spät. Vronik war auf das Bänkchen niedergekniet, hatte den Kopf auf die Arme gestützt und mit begierigen Augen ins Zimmer gesehen, bis ihr die Augen zugefallen waren. Es sah so heimatlich aus da drin und wenn das Kind auch wußte, daß es da nicht hingehöre, so wollte es doch noch ein kleines Weilchen hineinsehen und ein wenig vergessen, daß es so allein sei. Und darüber war es eingeschlafen. Jetzt wogten die weißen Abendnebel um die schlafende Gestalt her und am Himmel glänzten die Sterne. Und Vronik träumte von einer Heimat, wo sie wirklich hingehörte, wo man sie lieb hatte und den Bruder auch.
Drinnen im Zimmer saß der alte Herr, der ein Doktor war und ein väterlicher Freund der Frau Behrens, soweit diese sich zurückerinnern konnte, noch lange bei ihr auf dem Sofa. Er hatte im Frühjahr den Ankauf des weißen Häuschens besorgt, weil ihn die junge Frau gebeten hatte: »Lassen Sie mich fort, Herr Doktor, von allen Menschen weg. Vielleicht kann ich mich in der Einsamkeit besser zurechtfinden.«
Nun war er gekommen, um wieder einmal nach seiner Schutzbefohlenen zu sehen. Ursula hatte ihm heimlich geschrieben, weil sie den stummen Jammer nicht mehr so allein mitansehen konnte und weil sie auch hoffte, daß der Herr Doktor etwas für die kleine Gertrud zu tun wisse.
Es war kein fröhlicher Tag gewesen für den alten Herrn, der ein so warmes, mitfühlendes Herz hatte und gern allen Traurigen geholfen hätte. Denn Frau Behrens sagte auf all seine liebreichen Worte nur: »Seien Sie mir nicht böse, ich kann nicht anders als traurig sein und niemand kann mir helfen.«
Nun hatte der Herr Doktor heute abend noch ein Mittel versucht, Frau Behrens ein wenig aufzurütteln. Er hatte den Wagen mit der kleinen Gertrud ins Zimmer bringen lassen, und die Mutter selbst hatte ihm helfen müssen, das Kind ganz eingehend zu untersuchen. Sie hatte die Kleidchen auf- und zuknöpfen und die leichte Gestalt in den Armen halten müssen. Und nun sagte der Herr Doktor ernsthaft: »So, nun hören Sie mir einmal zu. Kein Mensch auf der ganzen Welt darf sich so hinsetzen und sein Leben mit Klagen zubringen. Der liebe Gott weiß, was er getan hat. Und er weiß auch, warum er Gertrud am Leben ließ und nicht eines von den gesunden Kindern, und niemand kann im voraus sagen, eines sei unnütz auf der Welt. Fangen Sie einmal an, das Kind lieb zu haben. Singen Sie ihm etwas vor. Nehmen Sie es in die Arme, es spürt vielleicht gut, wenn man es lieb hat. Es kann auch noch kräftiger werden, man weiß nie, was unser Herrgott noch im Sinn hat mit so einem schwachen Kindlein.«
Und als Frau Behrens stumm vor sich hinsah, fuhr der alte Herr fort: »Wenn Sie es noch nicht recht lieb haben können, so tun Sie es um Gotteswillen; weil er es will. Es wird ihnen noch ein Trost werden, das weiß ich.«
Frau Behrens hätte nicht gut sagen können, welche Gedanken ihr an dem Abend schon durch den Sinn gegangen waren. Es war nicht mehr ganz so dunkel in ihrem Herzen wie vorher. Seit sie mit dem armen Gottswillenkind zusammengetroffen war, hatte sich manches in ihr geregt, was sie lang vergessen hatte. Und Vroniks Trost war ihr oft eingefallen, wenn sie auch selbst noch nicht recht sagen konnte: »daß der liebe Gott bei einem ist und einen nie verläßt, wenn man auch sonst allein ist, das ist ein Trost.« Nun bei den letzten Worten des Doktors fiel ihr das Gottswillenkind wieder ein. Das hatte man ja auch, samt seinem Bruder, »um Gotteswillen« aufgenommen und Frau Behrens wußte, daß es die Beiden nicht gut hatten. Und es kam ihr beschämend in den Sinn, daß sie ihr eigenes, armes Kind auch nicht liebevoller behandle, und sie dachte mit Recht, daß es doch Kinder, die man dem lieben Gott zulieb versorgen will, am besten von allen haben sollten.
Frau Behrens hatte noch gar keine Antwort auf die ermahnenden Worte des Doktors gegeben. Denn sie kämpfte mit sich selbst und konnte noch nicht recht mit ihrer Traurigkeit fertig werden.
Da kam Ursula ins Zimmer. Sie war hinausgegangen, um die Läden zu schließen. Nun trat sie etwas erregt ein und sagte: »Was soll man da anfangen? Es ist ein schlafendes Kind auf dem Bänkchen vor dem Hause. Das ist's, das schon einmal hier war. Man kann es doch nicht draußen lassen.«
Ursula und der Doktor sahen einander erstaunt an, als hier Frau Behrens lebhaft aufstand und sagte: »Bring's herein, Ursula. Oder nein, ich will es selbst holen. Es kennt mich; es hat auf mich gewartet, das weiß ich.«
Der Doktor sah ihr vergnügt nach, denn er dachte: »Man kann nicht wissen, auf welche Weise ihr der liebe Gott helfen will.«
Eine kleine Weile später trat Frau Behrens ein. Sie trat leise und sachte auf und trug auf beiden Armen das barfüßige Bauernkind. Sie legte es aufs Sofa nieder und dann sagte sie flüsternd: »Man darf es nicht wecken, es schläft so tief und fest. Ursula soll ins Dorf gehen und sagen, daß man das Kind nicht vergeblich sucht. Und morgen sieht man weiter.«
Als der Herr Doktor in dieser Nacht zur Ruhe ging, oben in dem freundlichen Balkonzimmer, stand er noch eine Weile still am Fenster und sah in die schweigende Gegend hinaus. »Du machst es nicht, wie wir gedacht, du machst es besser als wir denken,« sagte er vor sich hin. Denn er hatte schon gemerkt, daß der liebe Gott beiden helfen wollte, den Kleinen und Großen, da konnte er sich wohl freuen.
Das war am andern Morgen ein erstauntes Gesicht, mit dem sich Vronik beim Erwachen umsah. Sie glaubte immer noch zu träumen. Die Sonne schien hell durch die blanken Fenster und blütenweißen Vorhänge, beschien die weißen Kissen, in denen das arme Gottswillenkind lag, und das ganze, freundliche Zimmer. An der Wand hing ein großes Bild. Es war der Heiland, der ein Schäflein auf der Schulter trägt. Das mußte Vronik unverwandt ansehen. Das Schäflein schmiegte sich so dicht an den guten Hirten, der es trug, es wurde einem wohl, wenn man es nur ansah. Und Vronik fiel das Lied ein, das die Mutter so oft mit ihren Kindern gesungen hatte, die Stelle, wo es hieß: »Und nach diesen schönen Tagen werd ich endlich heimgetragen in des Hirten Arm und Schoß, Amen, ja, mein Glück ist groß.« Es war dem Kinde einen Augenblick zumute, als ob es auch »heimgetragen« wäre. Aber dann fiel ihm der ganze gestrige Abend wieder ein. Seine Kleider lagen auf dem Stuhl neben dem Sofa, und dann wußte Vronik

plötzlich, daß sie wieder ins Dorf hinunter müsse, in den Pfleghof, wo jetzt längst die Gänse und Enten und Hühner auf ihr Futter warteten und wo alles nach der Vronik rief. Sie konnte nur gar nicht begreifen, wie sie da hereingekommen war. Sie hatte doch gestern abend nur zum Fenster hereingesehen. Leise schlüpfte sie in ihr Röckchen, da ging die Tür zum Nebenzimmer auf und Ursula kam herein. Sie machte heute ein ganz freundliches Gesicht, denn sie liebte die Kinder und es kam ihr vor, als ob etwas besonderes mit diesem Kinde sei. Und das war auch wahr. Denn wenn der liebe Gott ein barfüßiges Waisenkind an der Hand nimmt und führt es einer traurigen Mutter zu, daß sie einander wieder fröhlich machen sollen, so ist das schon etwas besonderes. Das wußte nun zwar Ursula noch nicht, daß ihre Herrin die ganze Nacht wach gelegen war und viele Gedanken in sich bewegt hatte. Daß sie sich vorgenommen hatte, nun nicht mehr an einem fort zu klagen und traurig zu sein, sondern den Trost hereinzulassen, der in ihr Herz hinein wollte. Ursula half dem Kind ein wenig beim Haarmachen, obgleich Vronik das sonst immer selbst tun mußte. Dann nahm sie es mit in das Zimmer, wo die kleine Gertrud lag. »Da sieh,« sagte Ursula, »du hast's noch lang gut gegen dem armen Tröpflein, das nur immer so daliegen muß.«
Vroniks weiches Herzlein war gleich ganz voll Teilnahme. »O, kann es nichts tun, gar nichts?« sagte sie. »Kann man nicht mit ihm spielen und lachen und ihm etwas vorsingen, daß es auch eine Freude hat?« Ursula sah verwundert in das lebhafte Gesichtchen. Zum Spielen und Lachen und Singen war man in dem weißen Häuschen schon lang nicht mehr aufgelegt gewesen. Es war alles so geräuschlos als möglich zugegangen. »Ich muß nun das Wohnzimmer schön machen,« sagte sie. »Du kannst so lang hier bleiben. Frau Behrens hat gesagt, daß ich dich nicht gehen lassen soll, ehe sie mit dir gesprochen hat. Angst brauchst du nicht zu haben. Es geschieht dir nichts im Pfleghof. Ich habe gesagt, daß du nicht so früh kommst.«
Damit ging sie hinaus und Vronik blieb allein mit dem kranken Kinde. Es kam ihr alles ganz wunderbar vor, was mit ihr geschah. Am wunderbarsten aber erschien ihr dieses stille Gesichtchen, das nur so aufmerksame Augen hatte. Sie hätte so gern einen Versuch gemacht, mit Gertrud zu sprechen. Aber sie scheute sich davor, es zu probieren. So verfiel sie auf ihr altes Mittel, mit dem sie immer die Kinder im Pfleghof zu unterhalten wußte. Sie setzte sich auf das niedrige Stühlchen, das neben dem Wagen stand, und fing leise an zu singen. Vronik hatte ein liebliches Stimmchen und sie konnte viele schöne Lieder von der Mutter her. Jetzt sang sie:
»Breit aus die Flügel beide, O Jesu, meine Freude, Und nimm dein Küchlein ein! Will mich der Feind verschlingen, So laß die Engel singen: ›Dies Kind soll unverletzet sein!‹«
Vronik war gewöhnt zu singen, deshalb kam es ihr ganz natürlich vor, daß sie es tat. Aber den anderen Hausbewohnern waren das ganz neue Töne. Der Herr Doktor kam gerade von oben herunter und blieb auf seinem Gang nach dem Wohnzimmer horchend stehen, Frau Behrens trat auf die Schwelle des Zimmers und lauschte leise, und Ursula hörte auf abzustäuben.
Aber plötzlich hörte der Gesang auf, Vronik stieß einen fröhlichen Ruf aus. »Es lacht,« rief sie. »Es will noch mehr hören.« Man kann es kaum sagen, wie schnell die drei Leute von allen Seiten an das Wägelchen herankamen, um das Wunderbare zu sehen. Ja, es war so. Das bleiche Köpfchen hatte sich langsam nach der Seite gewendet, wo Vronik saß, und das Gesichtchen war zu einem Lächeln verzogen. Es war ganz deutlich. »Sing noch etwas, Kind, hör noch nicht auf,« sagte der Herr Doktor zu Vronik. Denn er wollte gern recht deutlich sehen, was das für eine Wirkung habe. Und aufs neue sahen alle drei Großen aufmerksam zu, wie Gertruds Augen so strahlend an Vronik hingen, als diese sang. Vronik hatte das kleine Händchen gefaßt und da geschah das weitere Wunder, daß sich die mageren Fingerlein um das braune Händchen des Bauernkindes schlossen.

»Jetzt erleben wir noch viel Schönes,« sagte der Doktor vergnügt. »Das wird man schon sehen.« Frau Behrens nahm Vronik an der Hand. »Dich müssen wir bei uns haben so viel wir nur können,« sagte sie liebreich. »Dich hat mir der liebe Gott zum Trost geschickt.« Vronik schüttelte leise den Kopf. »Ich habe keine Zeit zum Heraufkommen,« sagte sie. »Und jetzt muß ich schnell heimgehen, sonst zankt die Bäuerin.«
Der Konrad fiel ihr ein, wie er so traurig in seiner Küche gesessen hatte, und es fiel ihr schwer aufs Herz, daß sie ihm noch keinen Bescheid gebracht hatte. Die Leute hier hatten einander, aber der Konrad hatte nur seine Vronik, sonst niemand. Und Frau Behrens schien ihn ganz vergessen zu haben.
»Ich will die Bäuerin fragen, ob sie dich nicht manchmal kommen läßt,« sagte Frau Behrens jetzt. »Ich will selbst mit ihr reden.«
Da platzte Vronik heraus: »Dann rede noch lieber mit dem Lammwirt, daß der Konrad in die Schule darf und daß er ihn nicht so oft schlägt und« — Vronik mußte gewaltig schlucken, sonst hätte sie hier vor den fremden Leuten angefangen zu weinen.
»Nur heraus mit allem,« ermunterte der Herr Doktor freundlich. Er war ein großer Kinderfreund und konnte keine traurigen Gesichter sehen, ohne daß er hätte versuchen müssen, sie fröhlich zu machen. Und in Vronik sah er überhaupt eine Bundesgenossin. So kam denn alles an den Tag, was Vroniks Herzlein bedrückte, alles. Frau Behrens hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu, und Ursula vergaß ganz, wieder hinauszugehen, und ballte zornig die Faust, als sie hörte, daß niemand den kranken Fuß des Konrad pflege.
»Da müssen wir abhelfen, soviel ist sicher,« sagte der Herr Doktor väterlich, als Vronik mit ihrem Bericht zu Ende war.
»Ich gehe mit dir ins Dorf und zu dem Lammwirt. Was meinst du, mir wird der Hund schon nichts tun? Und dann wollen wir weiter sehen.« Vronik nickte ganz einverstanden. Sie hatte ja schon lange gewußt, daß der liebe Gott alles machen könne, da verwunderte sie sich jetzt nicht so sehr, daß er es nun auch tat. Und sie dachte nur, daß jetzt alles gut komme, über das Wie machte sie sich keine Gedanken.
Das gab ein großes Staunen im Dorf, als Vronik an der Hand des fremden alten Herrn durch die Straße ging. Das kümmerte aber die beiden wenig. Denn sie hatten einander unterwegs so vieles mitzuteilen, daß sie gar keine Zeit hatten, nach den Leuten zu sehen. Hand in Hand schritten sie nach dem »goldenen Lamm«. Der Wirt stand unter der Tür. Er sah verwundert auf das Gottswillenkind, machte aber doch einen tiefen Bückling vor dem feingekleideten Herrn. »Sie haben einen Kranken im Haus, höre ich?« sagte der Herr Doktor sogleich. »Führen Sie mich zu ihm.« »Wenn der Herr den Buben meint, der ist im Keller und spült Flaschen,« antwortete der Wirt. »Krank ist er nicht, du meine Güte. Wegen so einem bißchen Geschwulst am Fuß macht man mit so einem Knirps nicht soviel Aufhebens.« »Ich bitte, daß Sie mir den Konrad in die Schenkstube bringen,« beharrte der Herr Doktor. »Was zu tun ist, wollen wir dann schon sehen; ich bin Arzt und gedenke schon zu sehen, was nötig ist.«
Der Wirt zog brummend ab, nicht ohne daß er vorher noch bemerkt hatte: »Wer den Doktor bestellt hat, weiß ich nicht. Es wird dann niemand verlangen, daß ich ihm noch den Weg bezahle für so einen Bettelbuben.«
Vronik nickte dem Konrad ermunternd zu, als er bald darauf hereinhinkte, bleich und ängstlich. Der Herr Doktor war aber keiner von denen, die nicht mit schüchternen Kindern fertig werden. Er streckte dem verlegenen Buben ganz freundlich die Hand hin. »So, das ist ja ganz geschickt, daß ich gerade hier bin,« sagte er fröhlich, dann untersuchte er den kranken Fuß, machte aber ein ernsthaftes Gesicht dazu und schüttelte den Kopf. »Ganz unverantwortlich vernachlässigt ist die Wunde,« sagte er vor sich hin. Dann nahm er den Lammwirt besonders in ein Nebenzimmer und sprach dort eine Weile sehr erregt mit ihm. Als er wieder herauskam, wandte er sich an die Kinder. »So, nun seid einmal recht vernünftig,« sagte er. »Den Konrad muß ich mit mir nehmen in meinem Wagen. Drunten in der großen Stadt, in der ich lebe, ist ein schönes helles Haus, in dem kranke Kinder gepflegt und versorgt werden, daß sie dann wieder gesund und fröhlich werden können. Da will ich den Konrad hinbringen. Er hat's auch sonst nötig, denn er ist viel zu bleich und mager für so einen Buben. Da komme ich dann täglich zu ihm und sehe nach dem Fuß. Und schöne Bücher gibt's da und Spiele.« Der Herr Doktor hielt es für nötig, alles so schön auszumalen. Denn er war gewöhnt, daß sich die Kinder davor fürchteten, ins Krankenhaus zu kommen. Aber der Konrad saß mit leuchtenden Augen da, und man konnte ihm wohl ansehen, daß er mit dem freundlichen Herrn hingegangen wäre, wo dieser ihn hingebracht hätte.
Vronik hatte zwar zu schlucken und zu drücken, daß keine Tränen heraufkommen konnten, denn sie wußte wohl, daß sie dann gar niemand mehr habe, wenn der Konrad fort sei. Aber als sie hörte, wie gut er es bekommen solle, da mußte sie sich so mitfreuen, daß sie fürs erste ihren eigenen Kummer ganz vergaß. Der Herr Doktor vergaß aber seine kleine Freundin nicht. Denn sie mußte ihm ja helfen, die traurige Frau in dem weißen Häuschen wieder fröhlich zu machen. Und er wußte schon lange, daß der liebe Gott dazu arme und reiche Leute untereinander auf der Welt sein läßt, daß sie Liebe aneinander üben sollen und alle reich und glücklich werden. So sagte der Doktor jetzt dem Konrad, daß er in einer Stunde mit dem Wagen kommen und ihn abholen wolle, und nahm dann Vronik bei der Hand. »Sag jetzt deinem Bruder Lebewohl,« sagte er freundlich. »Und laß dich's nicht zu sehr anfechten; ich will dann schon sorgen, daß du ihn bald wieder siehst. Was meinst du, wenn du inzwischen ein Kindsmädchen für unsere arme Gertrud würdest? Wenn du ihr noch öfters etwas singen würdest, daß sie doch auch eine Freude hat?«
Vronik wurde dunkelrot vor Freude. Sie war im Pfleghof nie am Ohr gerissen, nie gestoßen und geschlagen worden. Aber daheim sein war wieder ganz anders, ganz anders. Und in dem weißen Häuschen konnte man daheim sein, das hatte das Kind diesen Morgen beim Erwachen gefühlt.
Sie klammerte sich einen Augenblick fest an Konrad an und flüsterte ihm zu: »Jetzt kommt's. Alles kommt. Die Mutter hat's gut gewußt. Freu dich nur, Konrad, jetzt wird alles noch viel schöner, man weiß noch gar nicht, wie schön es wird.«
»So, und jetzt behüt dich Gott,« sagte der Herr Doktor liebreich zu Vronik. »Geh jetzt nur ganz fröhlich auf den Pfleghof. Da hast du ganz recht, es kommt alles, wie es gut ist, man muß nur ein wenig warten können. Du wirst dann schon hören, was weiter kommt.«
Und Vronik ging und besann sich wieder nicht lange, wie es weiter komme. Denn sie wußte ja schon, daß eins ums andere ganz von selber komme und sie gar nichts dazu zu tun brauche. Im Pfleghof schnatterten die Enten und die Gänse, als Vronik ankam. Der Daniel und das Regele spielten vor dem Haus und die Ahne saß bei ihnen und sagte: »Eine ordentliche Tracht Schläge hättest du schon verdient diesmal. Wenn man in der Nacht herumläuft und vor anderer Leute Haus schläft anstatt in seinem Bett.« Vronik machte sich nun schnell an ihre Arbeit und tat alles, was man ihr auftrug, so willig, daß der Bäuerin und den Mägden der Ärger bald wieder verging und sie zueinander sagten: »Für einmal hat sie genug am Fortlaufen, das sieht man deutlich. Man muß sie nur ein wenig drunten halten, daß sie daran denkt, daß man sie um Gottswillen im Haus hat. Dann kommen ihr keine hoffärtigen Gelüste mehr. So eins soll nur froh sein, wenn es überhaupt weiß, wo es hingehört.«
Es war am Nachmittag des andern Tages. Vronik saß in der Küche und hatte eine riesige Schüssel voll Kartoffeln vor sich, die sie schälen sollte. Die Obermagd hatte schon zweimal den Kopf durchs Fenster hereingestreckt und nachgesehen, ob die Arbeit noch nicht fertig sei. Denn sie hatte auch noch Wünsche, und dann hatte die Ahne heraussagen lassen, es sei die höchste Zeit, daß ihr die Vronik ein Weilchen die Kinder abnehme. Vronik mußte sich tüchtig rühren, um fertig zu werden. Aber es war heute ganz gut für sie. Denn das Heimweh regte sich immer stärker in dem Kinde. Der Konrad war fort und der Herr Doktor mit. Und niemand hatte nach Vronik gefragt. Wie gern wäre sie nur geschwind nach dem weißen Häuschen gelaufen, nur um zu sehen, daß es noch dastehe und alles noch gut kommen könne. Aber das war ihr streng untersagt worden. Darum war es ganz gut, daß Vronik so viel zu tun hatte, daß nur immer eine Arbeit nach der andern abgetan werden mußte und gar keine Zeit zu müßigen Gedanken blieb.
Jetzt waren die Kartoffeln fertig, und Vronik kehrte die Schalen zusammen, um sie den Schweinen zu bringen, da hörte sie plötzlich eine wohlbekannte Stimme. »Ich möchte mit der Bäuerin selbst reden,« sagte Frau Behrens, denn sie war es, die im Hof draußen sprach zu der Magd, die da hantierte. Vronik stand wie angewurzelt. Sie wäre am liebsten in den Hof geeilt, denn sie fühlte wohl, daß Frau Behrens ihretwegen kam. Aber man hatte noch nicht nach ihr gefragt, und hier im Hause war sich Vronik in einemfort bewußt, daß sie nicht zur Familie gehöre. Da wagte sie sich nicht so hervor. So blieb sie denn am gleichen Fleck stehen, bis die Fremde in der Wohnstube verschwunden war und die Obermagd hereinrief: »Was ist denn eigentlich mit dir? Ich glaube, du schläfst am hellen Tag und mit offenen Augen wie die Hasen.«
Da raffte Vronik ihre Arbeit zusammen und ging in den Stall und von da in den Keller und auf den Heuboden, wo man sie hinschickte. Aber ihr Herz klopfte stark, und ihre Gedanken waren immer in der großen Wohnstube. Was würde man über sie beschließen? Wann würde man sie hineinrufen? Sonst konnte sie nichts mehr denken. Da rief die Stimme der Ahne von der Haustüre her über den Hof hin: »Wo steckt nur auch das Mädchen? Vronik, geh einmal her, man muß etwas mit dir reden.«
Vronik konnte kaum antworten, so stark klopfte ihr Herz. Aber dann kam sie doch mit eiligen Schritten heran und folgte der Ahne in die Wohnstube. Die Bäuerin saß mit Frau Behrens auf dem lederbezogenen Sofa und sah die Vronik nicht eben sehr freundlich an. »Ich meine dann nicht, daß du es schlecht gehabt hast bei uns,« sagte sie zu ihr. »Gekocht wird genug alle Tage, und niemand mißt den Leuten das Brot vor. Und ich denke, so als Gottswillenkind hättest du es schlechter antreffen können als bei uns.« — »Das glaube ich gern,« fiel Frau Behrens rasch ein. »Aber Sie brauchen die Veronika ja nicht, das sagen Sie selbst. Und mir könnte das Kind ein Trost und eine Freude sein. Veronika, komm einmal her zu mir,« fuhr sie, zu Vronik gewendet, fort. »Siehst du, ich könnte dich notwendig brauchen und mein armes Kind auch. Und wenn dir's recht ist, dann kannst du bei mir daheim sein.« Vroniks Augen glänzten. Ihr kam es nicht so wunderbar vor, wie der Bäuerin und der Ahne, daß der liebe Gott es der einsamen, traurigen Frau ins Herz gegeben hatte, sich das Waisenkind ins Haus zu holen. Sie legte vertrauensvoll ihr braunes Händchen in die zarte, weiße Hand der Frau Behrens.
»Ja, das will ich gern,« sagte sie. »Die Mutter hat's schon gewußt, daß es dann noch einmal gut kommt.«
Frau Behrens hatte das nicht immer gewußt, das wissen wir schon. Aber das tut nichts. Der liebe Gott weiß es ja besser als wir alle, wie er uns helfen kann. Er hatte jetzt in ihr verzagtes Herz hinein eine neue Zuversicht gegeben, jetzt konnte es immer noch besser kommen.
Es war ein halbes Jahr später. Seit Vronik an der Hand ihrer neuen Beschützerin aus dem Pfleghof nach dem Waldhäuschen gezogen war, hatte der Schnee Wald und Flur bedeckt, hatte den Pfad nach dem Dorfe und den grünen Waldweg fast ungangbar gemacht und die kleine Familie dort draußen ganz nah um den warmen Ofen versammelt. Es waren aber keine sehnsüchtigen, traurigen Gesichter mehr, die da unter dem schönen Bild des guten Hirten beisammen waren. Frau Behrens hatte es noch nie bereut, daß sie das Gottswillenkind in ihr Haus geholt hatte. Wenn die Hängelampe brannte und die lebensgroßen Bilder von Hellmuth und Irma fast noch lebendiger als am Tage von der Wand heruntersahen, so starrte die Mutter jetzt nicht mehr unbeweglich vor sich hin, dazu hatte sie gar keine Zeit mehr. Sie mußte die kleine Gertrud pflegen und versorgen, denn das tat sie jetzt immer selbst. Und Gertrud hatte noch allerlei Neues dazu gelernt, seit sie an jenem Morgen bei Vroniks Gesang gelächelt hatte. Sie konnte das Köpfchen ein wenig heben, konnte einen Ton hervorbringen, der wie »Mama« klang, und konnte mit den Händchen an einer Troddel spielen, die von der Decke herabhing. Die Mutter und Vronik fanden immer wieder etwas Neues zu bewundern, und Ursula teilte den Jubel getreulich. Ja, und Vronik! Es tat einem wohl, sie nur anzusehen, so wohl war es ihr in der neuen Heimat.
Das Singen hatte sie nicht verlernt, denn das übte sie täglich, und es kam ihr jetzt recht von innen heraus, so fröhlich konnte sie sein. Und noch viel anderes lernte sie dazu, denn die Mutter wollte ihr eine rechte Mutter sein, und sie wollte eine geschickte, fleißige Tochter heranziehen. Sie hatte es immer besser verstanden, was es heißt, wenn man ein Kind um Gottswillen aufnimmt, und sie wurde immer fröhlicher und dankbarer dabei.
Die Dorfleute konnten jetzt nicht mehr sagen, daß die fremde Frau nicht »bei Trost« sei, denn Frau Behrens konnte jetzt sogar noch andere Menschen trösten, die betrübt und in Not waren. Es war schon manches Arme hungrig in das weiße Häuschen gegangen und war satt und froh wieder herausgekommen.

Jetzt schmolz der Schnee, und der Frühling kam wieder. An den Rainen guckte überall das grüne Gras heraus, und an sonnigen Stellen blühten schon Gänseblümchen und sogar Veilchen. Die Vogesen hatten zwar noch weiße Schneekappen auf den hohen Gipfeln, aber sonst schimmerte die schöne Rheinebene schon in frischem Grün. Es konnte einem recht wohl zumute werden, wenn man in das schöne Land hinaussah. Auf dem Bänkchen vor dem Hause saß Vronik oder vielmehr Veronika, wie sie jetzt hieß, denn die Mutter sprach den schönen Namen gern ganz aus. Sie hatte ein Strickzeug in den Händen, und während die Nadeln eifrig klapperten, sang sie ein fröhliches Liedchen dazu. Und danebenher konnte Veronika noch ganz gut den Weg zum Dorfe übersehen, dort schien sie nach jemand auszuschauen. Der ließ denn auch nicht lang auf sich warten. Es war der Briefbote, der immer um diese Zeit mit den Zeitungen ankam und der ein ganz guter Freund von Veronika war. Denn oft brachte er auch Briefe mit in seiner ledernen Tasche, und es war schon hie und da vorgekommen, daß einer an das kleine Mädchen dabei gewesen war. Der kam allemal vom Konrad, und es war darum kein Wunder, daß Veronika so oft den Weg hinuntersah, wenn es Zeit für den Briefboten war. Denn die Kinder hielten auch jetzt noch getreulich zusammen, obgleich sie einander fern waren. Heute streckte der Briefbote schon von weitem einen Brief in die Höhe, als er Veronika auf dem Bänkchen erblickte. Er hatte selbst auch Kinder, und es freute ihn immer, wenn er sah, wie fröhlich das arme Gottswillenkind aufblühte in seiner neuen Heimat. Veronika ließ das Strickzeug fallen, daß der Garnknäuel über den Boden hinrollte, und rannte mit großen Sprüngen dem Boten entgegen. »O vom Konrad!« rief sie schon von weitem. »Gib ihn her, er ist an mich.« Die Mutter stand lächelnd am Fenster und nickte dem Boten freundlich zu. Sie trug jetzt eine weiße Schürze auf dem schwarzen Kleide und eine kleine weiße Krause am Hals. Kein Mensch hätte mehr die traurige Frau vom vorigen Jahr erkannt. »O Mutter,« rief Veronika während des Lesens, »es kommt so viel Schönes, man kann gar nicht alles aufzählen.« Und sie schwang den Brief hoch in der Luft.
»Liebe Vronik!« schrieb Konrad.
»Diesmal mußt Du staunen, das weiß ich sicher. Denn ich muß Dir sehr viel sagen. Wenn ich noch acht Tage damit gewartet hätte, so hätte ich Dir alles selbst erzählen können. Und das wollte der Herr Doktor eigentlich auch gern haben, denn er freute sich darauf, daß er dann Dein vergnügtes Gesicht sehen könnte. Aber ich kann nicht mehr warten. Und wenn wir kommen, gibt es auch noch genug zu freuen, das habe ich dem Herrn Doktor gesagt. Also das weißt Du, daß mein Fuß wieder ganz gut ist. Es hat lang gedauert. Aber es war mir eigentlich ganz recht, denn ich glaubte immer im stillen, wann ich dann gesund sei, so müsse ich wieder zu dem Lammwirt oder sonst so. Ich mochte es zu keinem Menschen sagen, nicht zu Schwester Lore und nicht zu dem Herrn Doktor. Aber als sich beide so freuten, daß die Wunde endlich heile, da konnte ich gar nicht mehr vergnügt sein. Ich mochte kein Buch mehr ansehen und nicht essen und nicht spielen. Denn ich dachte immer: ›Jetzt ist ja doch alles aus.‹ Da kam einmal der Herr Doktor, ließ mich im Saal auf und ab marschieren und sagte dann: ›Ja, da ist nun nichts mehr zu tun für den Doktor, der Bub ist gesund. Das kann einen freuen.‹ Ich habe vielleicht kein sehr erfreutes Gesicht gemacht, Vronik, denn ich hätte nächstens angefangen zu weinen, weil ich glaubte, jetzt schicke mich der Herr Doktor wieder zurück. Da sagte er aber: ›Und da habe ich denn gedacht, wenn du doch wieder so gut gehen kannst, so könntest du mir deine Füße ein wenig leihen, denn die meinigen wollen nicht mehr so recht fort.‹ Und dann sagte er mir, daß er mich mit sich in sein schönes Haus nehmen und in die Schule schicken wolle. Und in den Freistunden solle ich dann im Garten helfen, denn der Herr Doktor ist ein ganz besonders geschickter Gärtner. Du hast oft gesagt, Vronik, ich soll's nicht immer wieder vergessen, daß der liebe Gott alles machen kann, und daß er an uns denkt. Und die Mutter hat's auch immer gesagt. Und ich hab's doch vergessen und war so betrübt in der Zeit. Vielleicht kann ich's jetzt gut behalten. Denn das hat doch sicher der liebe Gott gemacht, daß ich's jetzt so gut habe und so viel lernen kann. Mein Herr Doktor hat in seinem Schlafzimmer einen Spruch hängen, der heißt: ›Wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf.‹ Jetzt schäme ich mich gar nicht mehr wie früher, daß ich ein Gottswillenkind bin. Solch einen großen Brief habe ich noch nie geschrieben. Aber ich mußte es Dir alles sagen. Und am nächsten Sonntag kommen wir beide, mein Herr Doktor und ich, auf Besuch zu euch. Ich will sehen, ob Du auch sagst, daß ich so stark gewachsen sei. Man wird es schon erleben können, bis ich dann groß bin.
Jetzt grüßt Dich Dein treuer Bruder Konrad.«
Das war alles schon vor zehn Jahren. Seither hat sich äußerlich nichts an dem weißen Häuschen verändert, wenn man nicht die vielen blühenden Pflanzen, die vor allen Fenstern stehen, für eine Veränderung gelten lassen will. Hinter dem Hause, ja, da ist das dichte Gestrüpp ausgerottet und ein freundliches Gärtlein ist erstanden mit einer Laube und blumigen Rabatten und mit sauberen Gemüsebeeten. An einem hellen, sonnigen Sommermorgen hantiert ein blühendes, junges Mädchen fleißig darin. Sie hat dicke, braune Zöpfe, die ihr den Rücken hinabhängen und singt leise ein Liedchen vor sich hin zu ihrer Arbeit. Wär's nicht an dem, so könnte man die magere, bleiche Vronik von einst nicht mehr erkennen, so groß und stattlich ist sie geworden und so rund und rot sind ihre Wangen. Vom Bücken sind sie jetzt fast so rot wie die Monatrettiche, die sie aus der Erde zieht und triumphierend in die Höhe hält. Unter der Türe steht eine Frau mit freundlichem, liebreichem Gesicht, die bewundernd die Hände zusammenschlägt ob den wohlgeratenen Früchten des Gartens. »Wenn du jetzt kommen könntest, Veronika,« ruft sie dann. »Es ist warm genug für Gertrud, um in der Sonne zu sitzen. Und du kannst sie leichter heben als ich, das weißt du.« »Will's meinen, Mütterlein,« erwidert Veronika fröhlich. »Das soll mir niemand abnehmen.« Und sie läuft eilig dem Hause zu.
Gertrud ist nicht mehr das elende Kindlein, das wir vor zehn Jahren im Wagen liegen sahen und dessen größtes Kunststück es war, mit den Händchen zu spielen.
Es ist ein feines, bleiches Gesichtchen immer noch, das von den Kissen des bequemen Lehnstuhls aufsieht, als Veronika eintritt. Aber es strahlt ihr zu, wie einst bei dem ersten Gesang des Gottswillenkindes. Das Lächeln hat Gertrud nicht mehr verlernt, ja, man kann manchmal ein leises, fröhliches Lachen von ihr hören. Jetzt ist Gertrud dreizehn Jahre alt. Ihre Glieder sind immer noch schwach, sie kann nicht allein gehen und stehen. Aber es fällt der Mutter nicht mehr ein, zu sagen, das Kind sei sich selbst und ihr zum Jammer auf der Welt. Nein, das blasse, zarte Mägdlein ist so recht der Mittelpunkt des ganzen Hauses geworden. Wenn sie so still und geduldig daliegt in den Zeiten, wo sie Schmerzen am Rücken und in den Gliedern hat, und wenn sie an leichten, guten Tagen sich an jedem Blümlein freut und an jedem Sonnenstrahl, dann streicht die Mutter oft sachte mit der Hand über das blonde Haar und sagt: »Mein Trostkind.« Denn dann fällt es ihr wieder ein, wie an jenem Sonntagabend der alte Herr Doktor gesagt hatte: »Das Kind kann ihnen noch ein rechter Trost werden.« Und das ist nun auch wahr geworden. Sie wollen alle beide gern und fröhlich ihre Last tragen, die Mutter und das Kind, sie haben ja doch einander, und »der liebe Gott wird wissen, warum er mich so sein läßt und nicht anders,« sagt Gertrud zuversichtlich, wann es der Mutter doch einmal schwer fallen will, daß ihr Töchterlein nicht fröhlich herumspielen, nicht stark und groß werden soll, wie Veronika und all die andern Kinder des Dorfes.
Veronika hat es nie anders gewußt, als daß man dem lieben Gott ganz fröhlich vertrauen könne, und so hat sie es ganz einfach und natürlich auch dem Schwesterlein Gertrud wieder gesagt, als es nach und nach heranwuchs und doch zart blieb. Und Gertrud, die nie schwere Schulaufgaben lernen konnte, hat doch ihre eigene Lebensaufgabe gut begriffen, die manchen als das Allerschwerste erscheint, was man lernen kann, nämlich ohne Fragen und Zagen dem lieben Gott zu vertrauen, auch wenn er es anders macht, als wir gern möchten. Aber heute ist Sonnenschein auf der Welt draußen, und Gertrud soll hinaus und freut sich schon darauf. Sie läßt sich so gern anscheinen und ganz durchwärmen und sieht so gern den Schwalben nach, die oben an der Dachrinne nisten, wenn sie hinausfliegen in die schöne Welt und sich hoch, hoch im Blau verlieren.
Veronika hat heute nicht zum erstenmal das Amt, Gertrud hinauszubetten, das kann man wohl sehen. So leicht und sachte stützt und hebt sie das schwache Kind, so bequem legt sie es in den Stuhl, der schon eine ganze Weile im Sonnenschein steht — kein Mensch könnte sorglicher und geschickter damit umgehen. Die Mutter weiß es wohl. Sie hat schon oft im stillen dem lieben Gott gedankt, daß er ihr das verlassene Kind zugeführt hat, das ihr nun zur Hilfe und Freude herangewachsen ist. Ursula ist schon seit Jahren nicht mehr in dem weißen Häuschen. Ihre alten Eltern riefen sie nach Hause. »Ich ginge ja nicht, ich verließe meine Gertrud nicht,« sagte sie beim Abschied unter Schluchzen, »aber Veronika kann sie besser versorgen als ich, das muß man ihr lassen.« Jetzt hantiert ein junges Mägdlein aus dem Dorfe im Haus und in der Küche. Und Veronika geht es immer noch manchmal, wie einst im Pfleghof, daß sie mehr Arme und Füße brauchen könnte, um alles auszuführen, was getan sein sollte. Denn die Mutter ist oft recht schonungsbedürftig. Die schweren Zeiten sind doch nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Aber es ist ein fröhliches Schaffen für Veronika, und das haben wir schon gehört, sie singt immer noch zu ihrer Arbeit.
Der Briefbote, der ist in all den Jahren ihr immer besserer Freund geworden. Denn er trägt ja immer noch in seiner Tasche die Nachrichten von dem fernen Bruder zu ihr. Konrad ist kräftig herangewachsen in der guten heimatlichen Luft, die ihn bei seinem Herrn Doktor umgab. Er hat auch fleißig gelernt und gute Zeugnisse mitgebracht. Aber als es dann Zeit war, an einen Beruf zu denken, da stellte es sich doch heraus, daß er sein Latein am liebsten dazu verwenden wollte, seine lieben Blumen und seltenen Pflanzen mit gelehrten Namen zu nennen. Er wollte ein Gärtner werden. »Aber einer aus dem Fundament.« sagte der Herr Doktor. Und das erste Fundament, die Liebe zu den Pflanzen und das Verständnis für ihr Wachsen und Gedeihen, das hatte der Herr Doktor selbst in den Konrad gelegt. Die beiden waren hie und da miteinander in den Schwarzwald gereist und hatten in dem weißen Häuschen fröhliche Feiertage erlebt. Jetzt ist Konrad in der Fremde, um da und dort noch Neues zu seinem schönen Handwerk hinzuzulernen. Und seine Briefe sind immer die Freude der Schwester und ihr Glück. Sie pflegt inzwischen die Blumen in den Töpfen am Fenster, sein Vermächtnis. Denn es ist ihr Stolz, sie recht üppig und gedeihlich zu erhalten, bis Konrad dann wieder einmal kommt. Wenn die Zeit kommt, daß die Geschwister einmal ganz zusammenleben, das kann noch niemand sagen. Aber das tut nichts. Sie wissen beide, daß es kommt, wie es gut ist. Und sie wollen gern ihr Lebenlang »Gottswillenkinder« bleiben, nämlich solche, die fröhlich in der guten Zuversicht leben: »Sein Will', der ist der beste.«