Note 353 — 19. Robert Blum’s Gefangennehmung, Proceß und Tod.
Reading edition
Diese Darstellung ist der „Illustrirten Zeitung“ von J. J. Weber entnommen, einem Blatte, das immer gute Beziehungen zu Oesterreich hatte und dem die ganze damalige deutsche Presse diese Darstellung der letzten Stunden Blum’s unwidersprochen nachdruckte, und zwar die Organe aller Parteien. (Ich besitze etwa ein Dutzend Blätter aller Farben, die das beweisen.) Diese Erzählung fußt offenbar auf der Mittheilung des Geistlichen selbst, denn Vieles, was darin steht, wiederholt sich in der spätern Erzählung Pater Raimund’s in den „Histor. polit. Blättern“, von welcher sogleich die Rede sein wird. Die Erzählung der Illustr. Zeitung ist durchaus glaubhaft, denn sie zeigt uns Blum wie er wirklich war, dogmenfrei, harmonisch mit seinem ganzen Leben und Charakter. Sie steht ferner in vollem Einklang mit dem, was Andre in Wien selbst in den nächsten Tagen über Blum’s letzte Stunden erfahren konnten und aufzeichneten (Auerbach, Nordstein u. A.) und mit dem Verhalten Blum’s Fröbel gegenüber, wenn Beide in einsamen Stunden vom Tode sprachen. „Niemals sei da,“ versichert Fröbel (Briefe, S. 56), „ein religiöses Gespräch zwischen ihnen geführt worden. Nur „um einen Zeugen zu haben, daß er ruhig sterbe,“ habe Blum einmal geäußert, „möchte er um die Begleitung eines Geistlichen bitten.“ Auch am Abend des 8. sei kein Wort von einem religiösen Gespräch zwischen Blum und seinen (neuen) Gesellschaftern vorgekommen.“ Diesen einfachen und glaubhaften Erzählungen gegenüber trat am 28. November 1848 das offizielle (aus Mangel an Theilnahme seither eingegangene) Organ des österr. Ultramontanismus, die „Wiener Kirchenzeitung“ auf, mit der Behauptung: „Robert Blum hat gut katholisch die heiligen Sacramente empfangen. So sagt der Priester, der zu ihm gerufen wurde.“ Natürlich ließ diese Ankündigung des offiziellen Blattes das offiziöse Leiborgan des deutschen Ultramontanismus, die gelben Blätter der Familie Görres, nicht lange ruhen. Im ersten Quartal 1849, S. 113–118, veröffentlichten die berufenen „histor.-polit. Blätter“ (die sich so nennen, weil sie niemals weder historischen noch politischen Sinn besaßen) ein „Sendschreiben an die Redaction“, welches angeblich von dem Geistlichen herrührte, „der Blum zum Tod vorbereitete“ und in welchem es heißt: „Der Katholik habe Ursache, die Gnade Gottes zu preisen,“ weil Blum „zuletzt auf die Knie vor Pater Raimund gefallen sei und um das Sacrament gebeten habe.“ Blum habe „mit geläutertem Gemüth die Absolution und die heilige Hostie empfangen, nachdem der Profoß das Zimmer verlassen und Blum seine Beichte abgelegt habe.“ Zu diesem erfreulichen Ergebnisse sei der brave Pater Raimund gelangt, nachdem er Blum „auf das Beispiel von — Sokrates (!) hingelenkt, mit Blum über Unsterblichkeit gestritten und von den Dingen gesprochen habe, die des Menschen Geist zu dem Höchsten erheben, die sein Gemüth aufs Tiefste bewegen.“ Diesem Bericht gegenüber haben wir uns vor Allem mit dem tiefen Mißtrauen zu waffnen, das bei jeder „Enthüllung“ und namentlich jeder Bekehrungsgeschichte aus ultramontaner Quelle am Platze ist. Dann mit dem Unglauben, welchen Blum’s ganzer Werdegang aufnöthigt gegen die Annahme, daß ein so freier Geist sich von den geistlosen Fesseln des kathol. Dogma’s in der Stunde des Todes habe bestricken lassen. Daß ein Protestant, der aus freiem Forscher- und Wahrheitsdrang den Formen seiner Kirche den Rücken gewendet, in seinen letzten Stunden andächtig wieder dem Worte Gottes lauscht, wie in seinen Kindertagen, das ist denkbar. Denn auch in der Glaubenslehre der Protestanten ist Freiheit und Geist die Fülle, und in der protestantischen Auffassung von Einkehr und Buße liegt der größte Triumph des freien Willens, den Menschengeschichte kennt. Aber daß ein Katholik, der von seinen Kindestagen an das hohle werkheilige Wesen der Formen, welche seine Kirche statt des Geistes bietet, in der Stunde seines Todes für genügend erachten solle, um sich mit Gott und der Welt zu versöhnen, das ist schlechthin undenkbar — mindestens bei Robert Blum. Das kann uns auch ein geweihter Priester nicht glauben machen. Sicherlich wahr ist und von allen zeitgenössischen Gewährsmännern berichtet, daß Blum sich wahrhaft fromm und gottergeben, weich und mild dem Pater Raimund gezeigt, daß er mit ihm davon gesprochen hat, wie schwer ihm das Scheiden von der Welt werde, heraus aus vollster Manneskraft, mit Hinterlassung einer Gattin, die Blum für schwindsüchtig hielt, und vier kleiner Kinder, von denen das älteste noch nicht acht, das jüngste noch nicht ein Jahr alt war, noch dazu in ärmlicher Vermögenslage! Auch über Unsterblichkeit mögen sie gesprochen haben; doch nicht streitend — denn Blum selbst glaubte daran — sondern ihre Beweisgründe ergänzend, vertiefend. Zu einem ernsten „Bekehrungsversuche“ aber wie er hier in Scene gesetzt gedacht wird, fehlte dem Pater vor Allem die Zeit. Denn den größten Theil der Zeit, die Blum zur Verfügung zu haben glaubte, verwendete er zur Niederschrift seiner letzten Briefe. Blum schrieb nach fünf Uhr früh: um 6 Uhr werde er „vollendet haben“ — man vergl. das Facsimile des letzten Briefes Blum’s an seine Gattin. Herr v. Helfert, der so gerne glauben machen möchte, daß Blum als Pfaffenknecht gestorben sei, bestreitet daher völlig grundlos, daß Blum die Worte „um sechs Uhr habe ich vollendet,“ geschrieben habe — um eine größere Spanne Zeit für das Bekehrungswerk des Paters zu gewinnen.