Säugetiere.
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Einiges über Ursprung und Entwicklung.
Endlich kommen wir zu jener Klasse, die sich zuletzt zu einer glänzenden Höhe emporgeschwungen, die unbedingte Herrschaft über alle anderen angetreten hat, diese Herrschaft zur Stunde weiter ausübt und immer noch in aufsteigender Bewegung begriffen ist. Das gilt freilich nur für einen beschränkten Teil der ganzen Klasse, speziell für die eigentlichen „Herren“; andere gehen zurück und zahlreiche Formen sind bereits ausgestorben. Für die Paläontologie kommen nur die letzteren in Betracht, das sind zirka 1000 Arten, während man etwa 2000 lebende zählt. Was sie im allgemeinen über alle anderen Tierklassen hinaushebt, das ist die treffliche Brutpflege — die Jungen werden mit der Muttermilch ernährt — und die beispiellose Entwicklung des Gehirns. Über ihre Abstammung besteht noch keine Klarheit; doch ist es mehr als wahrscheinlich, daß wir ihre Wurzeln bei den Reptilien, und zwar in der Nähe der Theromorphen (der Säugetierähnlichen), zu suchen haben, die selber wieder von Panzerlurchen oder Wickelzähnern abstammen.
Damit stimmt auch die Tatsache überein, daß die niedersten Säugetiere der Gegenwart, die Kloakentiere Australiens: Schnabeltier und Ameisenigel, die keine lebendigen Jungen zur Welt bringen, sondern Eier legen, mancherlei reptilienhafte Züge aufweisen. Die Abzweigung von den Theromorphen muß schon frühzeitig erfolgt sein, wahrscheinlich in der älteren Triaszeit. In der Jura- und Kreideformation sind nur wenige und recht dürftige Funde gemacht worden. Die einen scheinen niedrigen Kloakentieren anzugehören, während andere unzweifelhaft von Beuteltieren herrühren. Diese besitzen nämlich am Unterkieferwinkel einen hakenförmigen Fortsatz, der den übrigen Säugern fehlt. Außerdem haben die Weibchen in der Beckengegend zwei kleine Knochen, die als Stütze für eine Hauttasche dienen, in welcher die hilflosen Jungen längere Zeit herumgetragen werden. (Übrigens haben die Kloakentiere ebenfalls Beutelknochen.) Während des Mittelalters (Trias, Jura, Kreide) scheinen die Säuger von ganz untergeordneter Bedeutung gewesen zu sein; erst in der Tertiärzeit treten sie in erstaunlicher Machtfülle und Vollkommenheit auf den Plan. Eine so sprungweise, gleichsam explosive Entwicklung erscheint aber sehr unnatürlich, und somit ist die Vermutung wohl berechtigt, daß die Hauptentwicklung, das heißt der Aufstieg von den Kloakentieren zu den Beuteltieren und von diesen zu den modernen, höheren Ordnungen (Huftiere, Wale, Raubtiere, Nagetiere, Affen usw.) in untergegangenen oder unzugänglichen oder doch unerforschten Ländern stattgefunden hat.
Die drei Unterklassen der Säuger können mit drei organisatorisch und zeitlich weit auseinanderliegenden Wanderzügen verglichen werden. Die erste Unterklasse (Kloakentiere), aus der jüngsten Trias stammend, hat sehr geringe Spuren hinterlassen und konnte neben der alles beherrschenden Saurierklasse nicht emporkommen. Hätten sich nicht zufälliger- und glücklicherweise die obengenannten zwei Gattungen der Ameisenigel und Schnabeltiere im weltabgeschiedenen Australien erhalten, so wüßten wir von jener Tierwelt, die auf Jahrmillionen zurückblicken kann, so gut wie nichts. Sie trugen wohl in sich den Keim zur höheren Entwicklung, fanden aber keinen Ausweg aus dem Elend ihrer Pariaskaste.
Die zweite Unterklasse (Beuteltiere) unterschied sich von der ersten beträchtlich. Die heute noch lebenden Beutler, die fast ausschließlich Australien angehören, wo sie keine Konkurrenten hatten, sind nur ein schwacher Abglanz ehemaliger Herrlichkeit. Vorzeiten waren sie fast über die ganze Erde verbreitet, traten in zahlreichen Unterordnungen, Familien, Gattungen und Arten auf und zählten wahre Riesen unter sich. Zu letzteren gehört zum Beispiel der Riesenwombat (Diprotodon), ein Beutelnagetier von der Größe eines Nashorns. Mit seinen Nagezähnen konnte es die größten Bäume fällen und deren Rinde abschälen. Ein überlebender Vetter, der heutige gewöhnliche Wombat Neuhollands, erreicht nur die Größe eines Dachses. Auch die ausgestorbenen Känguruharten waren riesige Geschöpfe, neben denen sich die heutigen Känguruhs, die größten überlebenden Beutler und die größten einheimischen Säugetiere Australiens, geradezu kläglich ausnehmen.
Gewisse Beuteltiere — und zwar gerade die größten, wie Wombat und Känguruh — kommen niemals in nördlichen Ländern vor, sondern bleiben auf die Südhalbkugel beschränkt, und auch die fossilen kleinen nordischen Arten Europas und Nordamerikas sind nie zu hoher Bedeutung gelangt und rasch wieder verschwunden. Daraus scheint hervorzugehen, daß die Beuteltiere im Süden, vielleicht auf dem Südpolarkontinent entstanden sind, womit die Tatsache vortrefflich harmoniert, daß Australien und Südamerika, die so weit auseinanderliegen und schon seit undenklichen Zeiten getrennt sind, ganz gleichartige Formen aufweisen; denn beide standen nach ihrer Trennung noch mit dem Südpolarland im Zusammenhang und also wenigstens mittelbar miteinander in Verbindung. Natürlich müßte dabei vorausgesetzt werden, daß am Südpol ehedem ein viel wärmeres Klima geherrscht, und dafür sind auch in der Tat genügend Beweise vorhanden.
Als die Beuteltiere nach Norden wanderten, stießen sie auf höhere Säugetierordnungen, denen sie erliegen mußten. Jene höheren Säuger aus dem Norden drangen überall sieghaft vor und rotteten die schwächeren, das heißt schlechter organisierten aus. Letztere entgingen in Australien nur durch die Isolierung der Landmassen dem Untergang, denn das Meer setzte den Eroberern ein Ziel.
In Südamerika drangen höhere, flinke und intelligente Säuger erst spät vor und sind durch eine seltsame Verkettung von allerlei Umständen teilweise wieder verschwunden, so daß sich die Beutler auch dort länger, sogar bis in unsere Zeit erhalten konnten. Manches, wie zum Beispiel das Verschwinden der großen Säuger in Südamerika, ist noch rätselhaft, wie denn überhaupt auf diesem Gebiet noch unendlich vieles zu erforschen und aufzuhellen ist.
Die höheren Säugetiere, die sich von den niederen hauptsächlich dadurch auszeichnen, daß ihre Jungen in reiferem Zustand geboren werden, zerfallen in zahlreiche Ordnungen, die sehr verschiedene Stufen der Entwicklung aufweisen. Gewöhnlich unterscheidet man zehn Ordnungen, nämlich Waltiere, Zahnlose, Nagetiere, Fledermäuse, Raubtiere, Klippdachse, Huftiere, Rüsseltiere, Halbaffen und Primaten, zu welch letzteren die Affen und der Mensch gezählt werden. Wir müssen uns auch hier auf einige wenige besonders hervorragende Größen beschränken.
Wale.
Die größten Vertreter der Säugetiere und der Tierwelt überhaupt sind die Walfische. Gewaltigere Riesen als diese hat es nie gegeben. Leider scheinen sie rasch ihrem Untergang zuzutreiben, nicht infolge natürlichen Zwanges, sondern lediglich wegen der unersättlichen menschlichen Profitwut und barbarischen Rücksichtslosigkeit, die nun einmal von der heute noch herrschenden Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung unzertrennlich sind.

Abb. 20. Walfisch der heutigen Zeit.
❏ GRÖSSERES BILD
Die Wale haben sich in so hohem Grade an das Wasser angepaßt, daß sie außerhalb desselben nicht mehr leben können, obschon sie durch Lungen atmen. Ein gestrandeter Walfisch ist unrettbar verloren. Da sich zum Schwimmen die Fischform oder Torpedoform am besten bewährt hat, so haben sie dieselbe ebenfalls angenommen und hierin sogar viele Fische „überflügelt“. Die Vorderglieder sind zu handartigen Paddeln reduziert und die Finger stecken in einer festen Haut wie in einem Fausthandschuh. Sie dienen zur Steuerung und zur Herstellung der Gleichgewichtslage. Die hinteren Glieder sind vollständig verkümmert, da sie überflüssig geworden sind und nur hinderlich wären. Zur Fortbewegung des kolossalen, ganz mit Fett und Öl durchtränkten Körpers dient die wagrechte Schwanzflosse, die nach Art einer Schiffschraube funktioniert, jedoch weit besser arbeitet als die besten Propeller unserer Maschineningenieure. Bei den Bartenwalen (Grönlandswal, Finnfisch) ist der Schwanz zugleich die einzige, aber furchtbare Waffe.
Man könnte leicht auf die Vermutung gelangen, daß die Wale direkt von Fischen oder von großen Meersauriern (etwa den berühmten Fischdrachen) abstammen, mit welch letzteren sie viele Berührungspunkte gemein haben. Wir wissen aber heute, daß davon nicht die Rede sein kann; jene Übereinstimmungen sind lediglich durch die gleichartige Lebensweise erzeugt worden; es sind „Analogien“ und keine Beweise von Blutsverwandtschaft. Die Wale sind unzweifelhaft die Abkömmlinge von Landtieren, wahrscheinlich von gepanzerten Urhuftieren, deren Vettern die sogenannten Zahnlosen waren, von denen wir noch sprechen werden. Die Abtrennung der Wale und ihre Anpassung ans Meer muß schon in der Kreidezeit erfolgt sein, und in der Kreideformation müssen überhaupt die Ahnen der heutigen höheren Säugetiere gesucht werden.
Der älteste fossile Wal ist das Zeuglodon (Jochzahn), so genannt, weil die zweiwurzeligen Backenzähne die Form eines Joches haben, das heißt aus zwei durch einen Querbalken verbundenen Teilen bestehen. Das erste vollständige Skelett stammt aus Alabama im Süden der Union und besaß angeblich eine Länge von 38 Meter — man hatte nämlich die Reste mehrerer Exemplare zusammengesetzt. Das große Zeuglodon, auch Basilosaurus (Königsdrache) getauft, erreichte eine Länge von 20 Meter, während die größten unter den heutigen Walen nahezu 30 Meter lang und 1500 Kilozentner schwer werden, das heißt das Gewicht von zirka 200 Ochsen erreichen. Man kennt heute ein Dutzend Zeuglodonarten aus Nordamerika, England, Ägypten und Australien.
Die Zeuglodonten hatten einen schlanken, deutlich abgesetzten und beweglichen Kopf mit scharfem Raubtiergebiß und besaßen noch nicht die ausgesprochene Torpedoform wie die heutigen Wale. Sie lebten in der älteren Tertiär- oder Braunkohlenperiode und verschwanden im mittleren Tertiär (Molassezeit).
Auch die heutigen Wale kommen fossil vor, haben somit ein beträchtliches Alter; jedenfalls existieren sie schon seit Hunderttausenden von Jahren. Ihre Reste sind häufig, ganze Skelette jedoch äußerst selten. Die schwammigen Knochen fallen nach dem Tode des Tieres bald auseinander und sinken auf den Grund. In der Tiefe hat aber das Wasser infolge hohen Druckes und wohl auch wegen seines Säuregehaltes eine erhöhte Lösungsfähigkeit und löst dieselben auf, wobei schließlich nur die überaus soliden und harten Ohrknochen (Felsenbeine) übrigbleiben. Natürlich unterliegen auch die Skelette der übrigen Tierarten demselben Schicksal, weshalb der Meeresgrund im allgemeinen arm an gut erhaltenen Tierresten ist.
Zahnarme. (Riesenfaultiere und Riesenpanzertiere.)
Die Wissenschaft bezeichnet sie auch als Zahnlose, Edentaten, aber beide Ausdrücke sind gleich schlecht gewählt. Wohl gibt es darunter zahnlose Geschöpfe, aber auch solche mit sehr vielen Zähnen; immerhin steht das Gebiß auch bei diesen auf tiefer Entwicklungsstufe. Die Zahnarmen bilden gleich den Walen eine in der Jetztwelt isolierte Gruppe recht verschiedenartiger Geschöpfe, die weder unter sich noch zu den übrigen Haartieren, wie die Säuger auch genannt werden, große Verwandtschaft erkennen lassen. Gerade weil man die einzelnen Familien nirgends gut unterbringen kann, hat man sie zu einer besonderen Ordnung in einer Art Gerümpelsammlung zusammengeworfen.
Besonderes Aufsehen erregten seinerzeit die Funde in der sogenannten Pampasformation Südamerikas, der großen Lehmebene der Laplatastaaten und Patagoniens. Zur Diluvialzeit, während welcher die Länder der nördlichen gemäßigten und kalten Zone mit ungeheuren Eismassen bedeckt waren, lebten dort im Süden riesenhafte Faultiere, welche wie eine Wiederholung gewisser alter Riesensaurier erscheinen. In intellektueller Hinsicht mögen sie auch jenen Drachen wenig überlegen gewesen sein, wie sich denn überhaupt die Klasse der Säugetiere keineswegs mit imponierenden Repräsentanten eingeführt hat. Die Säugetiere haben Jahrmillionen gebraucht (Triaszeit bis Gegenwart), um endlich das zu werden, was sie heute sind.

Abb. 21. Lebendes Faultier.
Sehen wir uns nun jene südamerikanische Säugetierwelt genauer an. Heute hausen dort zwerghafte Epigonen der alten Riesengeschlechter. Die jetzigen Faultiere der dichten Urwälder Südamerikas (man unterscheidet zweizehige und dreizehige, Unau und Ai) zeichnen sich durch exemplarische Faulheit aus und tragen ihren Namen mit vollem Recht. Diese „Baumsklaven“, wie sie ein Naturforscher bezeichnet hat, sind zwar gewandte Klettertiere, die hierin vielfach an Affen erinnern, aber sie machen von ihren Seiltänzerkünsten wenig Gebrauch und führen in den Baumkronen des Urwaldes ein höchst langweiliges Stilleben. Mit den großen Sichelkrallen haken sie sich an wagrechten Ästen und Zweigen fest und bringen so Tage und Nächte unbeweglich zu, bis sie vom Hunger oder der Liebe in gelinden Trab versetzt, das heißt veranlaßt werden, aus ihrem vorsintflutlichen Phlegma herauszutreten und ihre Künste am hohen Seile zu zeigen. Haben sie ihre spießbürgerlichen Extravaganzen gesühnt, so setzen sie sich in einer passenden Astgabel fest und halten ein gesundes Schläfchen, das acht und mehr Tage dauern kann, denn ihr Wahlspruch lautet: Ruhe ist des Bürgers erste Pflicht. Wie es scheint, können sie wochenlang ohne Nachteil fasten und besitzen überhaupt eine unglaublich große Lebenszähigkeit. Die gräßlichsten Verstümmelungen ertragen sie „mit der Ruhe eines Leichnams“, alles Beweise, daß sie einer uralten Sippe angehören und sich nur durch außergewöhnlich günstige Umstände in die Gegenwart herübergerettet haben. Einen vortrefflichen Schutz gewährt ihre Behaarung, welche mit dürrem Riedgras Ähnlichkeit hat und mit der Färbung der Baumäste gut übereinstimmt, so daß ein ruhig herabhängendes oder sitzendes Tier im Halbdunkel des Urwaldes äußerst schwer zu entdecken ist.

Abb. 22. Skelett des Riesenfaultiers (Megatherium) aus dem Pampasschlamm Argentiniens.
Sie erreichen ungefähr die Größe einer Wildkatze; ihre Vorfahren aber wurden 3 Meter hoch und annähernd 5 Meter lang, standen somit an Größe dem Elefanten nicht viel nach, übertrafen ihn aber noch an Plumpheit des Knochenbaus. Die Oberschenkel waren mindestens halb so dick wie lang und der Schwanz bildete einen mächtigen Stützpfeiler, fast in der Art wie beim Iguanodon und verwandten Sauriern. Das unsäglich plumpe Megatherium, das heißt Großtier, besaß in den mächtigen Kiefern 18 vierkantige Backenzähne, die auf grobe, harte Pflanzennahrung hinweisen, und an den Zehen gewaltige Klauen zum Scharren. Alles an diesem Urweltler geht ins Riesenhafte, ist auf Massenwirkung berechnet, ausgenommen das Gehirn, welches von einer selbst für Faultiere bejammernswerten Zwerghaftigkeit war. Es scheint, als habe sich die Natur dieser erbärmlichen mißratenen Geschöpfe geschämt und sie deshalb in den Orkus geworfen. Jedenfalls ist es verständlich, daß die besser ausgerüsteten und intelligenteren Konkurrenten mit ihnen leicht fertig wurden. Daß sie trotz alledem vom mittleren Tertiär (Miozän) bis zum Ende der Eiszeit sich halten konnten, erscheint fast wie ein Wunder. Über ihre Lebensweise weiß man nichts Gewisses, nicht einmal, ob sie Wald- oder Steppentiere gewesen. Jedenfalls ist so viel klar, daß sie nicht wie ihre zwerghaften Nachkommen im Geäst der Bäume affenartig herumgeturnt haben. Man dachte sich, daß sie oft nach Iguanodonart auf den Hinterbeinen, den kolossalen Schwanz als Stütze benutzend, einhergeschwankt und das Laubwerk abgeweidet, wohl auch kleinere Bäume einfach ausgegraben und deren Kronen verspeist haben. Aber schon Darwin äußerte hierüber Zweifel, und neuere Forscher haben die Ansicht geäußert, daß die Riesentiere ihre großen Klauen zum Ausscharren von allerlei Wurzeln und Knollen benutzt und ihre Nahrung in erster Linie dem Erdboden entnommen haben. Jedenfalls vertilgten sie ansehnliche Quantitäten und waren nicht gerade wählerisch, konnten wohl auch gleich ihren Nachfahren lange fasten. Daß sie auch sonst nicht an großer Empfindsamkeit litten, beweist ein fossiler Schädel, dessen Dach durch den Sturz eines Baumes oder den Tatzenschlag eines Kollegen völlig zertrümmert, aber wieder hübsch zusammengeheilt war. „Man muß wirklich staunen,“ sagt Neumayr, „daß ein warmblütiges Tier eine solche Verletzung überleben konnte.“ Das auf Seite 75 abgebildete Skelett ist dasjenige des Großen Riesenfaultiers, Megatherium giganteum oder americanum, von dem schon Anno 1789 in Argentinien ein vollständiges Skelett ausgegraben und nach Madrid gebracht worden war, wo es zu allerlei seltsamen Betrachtungen Anlaß gab. Aus dem Diluvium von Argentinien, Brasilien, Chile, Ekuador, Zentralamerika und den südlichen Vereinigten Staaten Nordamerikas sind außer der genannten noch mehrere andere Arten und Gattungen bekannt geworden.
Etwas kleiner, aber noch plumper als das Megatherium giganteum war das Mylodon (Mahlzahn), das gleichfalls in den „Katakomben für ausgestorbene Ungeheuer“, in der Pampasformation Argentiniens, außerdem aber auch in Nordamerika gefunden wird. Die Haut desselben, von der sich Reste erhalten haben, ist mit kleinen Knochenkörperchen vollgespickt, was darauf hinzuweisen scheint, daß die Stammeltern der Riesenfaultiere einen Panzer aus Knochentafeln trugen. Das Becken des Mylodon ist breiter und tiefer als selbst beim Elefanten, woraus zu schließen ist, daß es einen sehr umfänglichen Verdauungsapparat besaß und enormer Nahrungsmengen bedurfte; da mußten die Zähne freilich ein leistungsfähiges Mühlwerk darstellen.
Die in denselben Gebieten vorkommende Gattung Megalonix, auch in Höhlen gefunden, zeichnet sich durch elliptische Backenzähne und geradezu fabelhaft große Krallen aus, während das Skelidotherium sich durch die Dicke seiner Knochen hervortat. Das war, soweit bis jetzt bekannt, das plumpste aller Landsäugetiere; der Oberschenkelknochen ist beträchtlich dicker als lang. Es ist auf Südamerika beschränkt.
Ein Vetter desselben, das Grypotherium, scheint stellenweise in Höhlen gehaust zu haben. In einer dicken Mistlage am Boden einer Höhle Patagoniens an der Meeresküste fand man Knochen und große Hautstücke, die eingebettete Knochenkörner und lange, steife gelbliche und rotbraune Haare erkennen ließen. Es gelang, die harten Fellstücke aufzuweichen, worauf sich ein durchdringender Fäulnisgeruch entwickelte, der eine Menge von Aasfliegen herbeilockte. Das Interessanteste ist aber folgendes: „Die untersuchten Fellstücke waren auf der Innenseite so sauber vom Fleische entblößt und abgeschabt, daß sie nur von Menschen, nicht aber von Tieren abgebalgt sein können. Von manchen Stücken kann man sagen, daß sie zugeschnitten sind, um als Kleidungsstücke verwendet zu werden.“ Man fand in der erwähnten Höhlenschicht auch aufgeschlagene Knochen sowie allerlei Steingeräte, so daß die gleichzeitige Anwesenheit des Menschen als erwiesen gelten darf. Kein Zweifel, der Urmensch hat das Grypotherium gejagt und dessen Fleisch und Fell benutzt. Es wurde sogar die Vermutung geäußert, der Eiszeitmensch habe mit jenem Riesenfaultier zusammengewohnt, das heißt er habe es als eine Art Haustier gehalten. Über die Ernährung besteht noch keine Übereinstimmung. Nach den einen Forschern weist der Zahnbau auf weiche Kost: Laub und Kräuter, andere machen auf die großen Scharrkrallen aufmerksam, welche doch wohl zum Ausgraben von Wurzeln dienten; vielleicht wurden auch allerlei hervorgescharrte Insekten und Würmer mit verspeist.
Die Gürteltiere, niedrigstehende altertümliche Säuger Südamerikas, besitzen einen aus Knochenplatten bestehenden Panzer und erinnern damit an Schildkröten, denen sie auch hinsichtlich Langsamkeit und Stumpfsinnigkeit ähneln. Die kleinste Art, der Schildwurf, auch Gürtelmaus genannt, wird nur spannenlang und führt nach Art der Maulwürfe eine unterirdische Lebensweise, die größte Form, das heutige Riesengürteltier, erreicht die Größe eines Schweines und hat in den Kiefern zirka hundert stiftförmige Backenzähne. Alle sind im Besitz von Sichelkrallen, mit denen sie Erdhöhlen graben und nach Insekten und Würmern wühlen; sie sind übrigens Allesfresser und nehmen auch Aas und Früchte an. In der Gefangenschaft werden sie meist mit rohem Pferdefleisch, Brot und Milch ernährt. Ihr Fleisch soll sehr schmackhaft sein, weshalb sie viele Feinde haben und immer seltener werden. Bei Verfolgung kugeln sie sich zusammen oder graben sich mit erstaunlicher Schnelligkeit in den Boden ein.

Abb. 23. Lebendes Gürteltier.
Die ausgestorbenen waren schwerfällige, unbehilfliche Riesen, so die Glyptodonten, welche die Größe einer Kuh erreichten. Sie konnten sich nicht zusammenkugeln, weil der Panzer starr war wie bei den Schildkröten. Der Kopf war gleichfalls mit Knochenplatten geschützt und der Schwanz steckte in einem dicken Knochenfutteral. Man kennt mehrere Dutzend Arten solcher Panzertiere, deren Wohngebiet sich von Patagonien bis zum südlichen Teile der nordamerikanischen Union erstreckte. Interessant ist die Beobachtung, daß die großen Panzer derselben von den Urmenschen als Aufbewahrungsstätten benutzt wurden. Die Knochen sind herausgenommen, und häufig findet man im Innern bearbeitetes Hirschgeweih, zertrümmerte Schädel, aufgeschlagene Röhrenknochen und Zähne eines riesigen Urnagers, welche offenbar als Messer dienten. Wie eine Überlieferung aus jener längst verflossenen Zeit klingt die Kunde, daß heute noch im Staate San Paolo (Brasilien) Gürteltierpanzer als Wiegen Verwendung finden.
Huftiere.
Die Huftiere weisen einen großen Formenreichtum auf und machen im ganzen durchaus den Eindruck von modernen Geschöpfen, doch sind darunter auch einige altertümliche Typen, nämlich die Nashörner, Tapire und Flußpferde. Die alte Einteilung in Einhufer, Zweihufer und Vielhufer hat sich als unnatürlich und daher unbrauchbar erwiesen, denn sie steht mit der Entwicklung der Ordnung, soweit dieselbe zur Stunde bekannt ist, im Widerspruch. Die aufgefundenen fossilen Huftiere beweisen nämlich, daß der ganze Stamm in zwei nebeneinander her gehende Zweige sich gabelte, in solche mit gerader und solche mit ungerader Hufzahl. Zu den Paarhufern oder Paarzehern gehören die Schweine, Flußpferde und Wiederkäuer, zu den Unpaarhufern die Tapire, Nashörner und Pferde.

Abb. 24. Ausgestorbenes Riesengürteltier.
Unter den ausgestorbenen Vorfahren derselben finden wir einige originelle Gesellen, die wohl der Erwähnung wert sind. Besonders schöne Funde wurden in Nordamerika gemacht, wo ähnlich den „Katakomben“ der Pampasformation und den berühmten Saurierfriedhöfen förmliche Knochenlager entdeckt worden sind.
Im nordwestlichen Teil der Union sind Binnenseeablagerungen bekannt, welche die erstaunliche Mächtigkeit von 10000 Fuß erreichen und stellenweise einen ungeheuren Reichtum an seltsamen Säugetierresten bergen. Besonders berühmt sind die Mauvaises Terres (schlechte Erde), sprich mowäs tär, ein Wüstengebiet in Wyoming, wo Auswaschung und Abtragung durch Wasser aus den Tertiärschichten die abenteuerlichsten Formen, Klippen, Obelisken, Säulen, Burgruinen und dergleichen herausmodelliert haben, so daß man glaubt, die Ruinen einer großen Festung vor sich zu sehen. Dem Bericht einiger amerikanischer Geologen entnehme ich folgendes:
„Diese Region ist von der eigentümlichsten geologischen Beschaffenheit, die wohl nirgends auf Erden ihresgleichen hat. Die Karawane zog gegen Südwesten in den zwei ersten Tagen über einförmige, leicht gewellte Ebenen, deren Boden mit Salpeter geschwängert war. So weit das Auge reichte, sah man keinen Baum oder Busch, wohl aber manchen blühenden Kaktus und in den Niederungen sogenannte Milchpflanzen. Da und dort traf man eine Kolonie von Präriehamstern, sonst kein lebendes Wesen in dieser wasserarmen Gegend. Am sechsten Tage kamen die Mauvaises Terres in Sicht, die einen wahrhaft überraschenden, unbegreiflichen Anblick bieten. Im Hintergrund einer weit ausgedehnten Ebene fielen die Strahlen der Abendsonne auf eine gewaltige Trümmerstadt, die eben mit rosenfarbigem Lichte übergossen war. In ihr erhoben sich Mauern und Bastionen, große Paläste mit mächtigen Kuppeln und andere Bauten von wunderbaren, seltsamen Gestalten. Das Ganze machte einen überwältigenden Eindruck, als über alle Maßen phantastisch. In Abständen von verschiedener Entfernung erhoben sich über dem schneeweißen Boden backsteinrötliche Burgen mit Zinnen und Pyramiden, auf deren Spitzen die mächtigsten Blöcke lagen, die scheinbar vom Winde hin und her geschaukelt wurden. Mitten in diesem Chaos geologischer Ruinen erhebt sich, einem Leuchtturm vergleichbar, eine bei 300 Fuß hohe Felsensäule. Der Indianer nennt es die verwünschte Stadt, darin namentlich auch ein großes Amphitheater auffällt, mit ockerfarbigen, ausgezackten Mauern umgeben. Der Boden besteht vielfach aus einer dicken Lage fossiler Knochen, von denen manche aufs vortrefflichste erhalten sind, und an vielen Orten lag eine ganze Beinstätte von Zähnen, zerbrochenen Kinnladen, Knochen und Wirbeln in Ton oder fleischfarbigen Mergel eingebettet.“
Von der überaus individuen- und artenreichen Tierwelt mögen nur zwei Formen Erwähnung finden, das Koryphodon und das Dinozeras, von welchen ersteres auch in Europa vorkommt, letzteres aber auf Amerika beschränkt ist. Das Koryphodon (der Name stammt von der Beschaffenheit der Unterkieferzähne, koryphe heißt die Spitze) vereinigt die Merkmale der verschiedenen Huftiere und wurde deshalb von einigen als Stammvater derselben oder doch wenigstens als derjenige der Elefanten betrachtet. Beides ist unmöglich, denn jene Ausgangs- oder Urformen müssen schon in der Kreide gelebt haben. Wahrscheinlich bilden sie einen Seitenzweig jener noch unbekannten Stammformen. Im höchsten Grade auffallend ist der im Verhältnis zu heutigen Säugern geringe Inhalt der Schädelkapsel. Der amerikanische Paläontologe Cope schildert das Tier folgendermaßen:
„Nach dem Skelett glich Koryphodon in der allgemeinen Erscheinung wahrscheinlich einem Bären mehr als irgendeinem anderen lebenden Tiere, nur mit dem Unterschied, daß seine Füße ganz wie die eines Elefanten waren, und zu den Körperverhältnissen eines Bären müssen wir noch einen Schweif von mittlerer Länge fügen. Ob sie behaart waren, wissen wir nicht, denn von ihren Verwandten, den Elefanten, sind einige behaart (Mammut), andere nackt. Der Scheitel war ohne Zweifel kahl und mag bei alten Tieren nur mit einer dünnen Oberhaut wie bei Krokodilen bedeckt gewesen sein, so daß sie dem Feinde eine rauhe, undurchdringliche Stirne entgegenstellen konnten. In seinen Bewegungen glich Koryphodon ohne Zweifel dem Elefanten mit seinem schwankenden Paßgange. Als Ersatz für den Mangel an Geschwindigkeit kann die furchtbare Bewaffnung mit mächtig vorspringenden Eckzähnen gelten, welche namentlich im Oberkiefer stärker und länger waren als bei Raubtieren. Die Größe der einzelnen Arten schwankt zwischen derjenigen eines Ochsen und der eines Tapirs. Die Hauptnahrung von Koryphodon war vermutlich vorwiegend pflanzlicher Natur, aber ohne strenge Beschränkung auf ein bestimmtes Futter; ohne Zweifel waren sie, wie die jetzigen Schweine, bis zu einem bedeutenden Grade Allesfresser.“
Die Koryphodonten scheinen nur dem unteren Eozän anzugehören und schon im Anfang der Tertiärzeit ausgestorben zu sein, jedoch nicht, ohne würdige Nachkommen hinterlassen zu haben. Ihnen folgten nämlich die Dinozeraten oder Schreckhörner (von deinos oder dinos: schrecklich und keras: Horn), gewaltige, plumpe Kolosse, die im Fußbau mit den Koryphodonten übereinstimmen und deren äußere Erscheinung zwischen Elefant und Nashorn ungefähr die Mitte hielt. Nach dem einstimmigen Urteil der Gelehrten gehören dieselben zu den absonderlichsten Typen, die je gelebt haben. Ihre Reste kommen nur in den Mauvaises Terres vor, dort aber in solcher Menge, daß der Amerikaner Marsh allein über 200 Exemplare in seiner Sammlung zusammenbrachte. Der am seltsamsten geformte Körperteil beim Dinozeras ist der Schädel, ein Monstrum, „das unter allen Tieren seinesgleichen nicht findet“. Der Unterkiefer trägt einen breiten, abwärts gerichteten Fortsatz des Knochens, der fast wie eine Axt aussieht. Im Oberkiefer fehlen die Schneidezähne, dafür sind aber die Eckzähne zu gewaltigen Hauern vergrößert, welche wie beim Walroß weit nach unten ragen. Auf der Oberseite des Schädels sitzen drei Paar Knochenwülste, die von vorn nach hinten an Größe zunehmen und höchstwahrscheinlich Hörner getragen haben, von denen die hinteren eine kolossale Größe erreicht haben dürften. Ein Tier mit sechs Hörnern, das ist etwas so Absonderliches, Ungeheuerliches, daß der Naturforscher stutzt und nach einer anderen Deutung sucht. Man hat denn auch die Hörner niemals gefunden; allein Horn ist sehr schlecht erhaltungsfähig und findet sich selten fossil, und es scheint keine Möglichkeit vorhanden, jene Stirnzapfen anders zu erklären.

Abb. 25. Schädel des Dinozeras.
Als dritter im Bunde reiht sich den genannten würdig an das Titanotherium (Riesentier), auch Brontotherium, das heißt Donnertier genannt, ein Vetter der Nashörner. Hinsichtlich der Gestalt mochte es zwischen Tapir und Rhinozeros die Mitte halten, stand aber einem Elefanten an Größe wenig nach (4 Meter lang, 2,3 Meter hoch). Der lange niedrige Schädel mit lächerlich kleiner Hirnhöhle zeigt über den Nasenbeinen zwei stumpfe Knochenzapfen, die offenbar große Hörner trugen. Das kräftige Gebiß und die dicken Beine, von denen die vorderen vier, die hinteren drei Hufe trugen, scheinen dafür zu sprechen, daß wir es hier mit einem sumpfbewohnenden Pflanzenfresser zu tun haben.
Die Sippe der Titanotherien war im älteren Tertiär (ältere Braunkohlenformation) Nordamerikas sehr zahlreich vertreten; kennt man doch zur Stunde nicht weniger als 15 verschiedene Gattungen mit zirka 20 Arten. Neben ihnen lebten zahlreiche Rhinozerosse — man kennt über 50 Arten —, von denen die ältesten Formen noch keine Hörner hatten und daher Azeratherien, das heißt Ohnhorntiere getauft wurden; allmählich wurden die Nasenbeine kräftiger und wurden gar durch eine knöcherne Nasenscheidewand gestützt, um eine solide Unterlage für die mächtigen Hörner zu bilden. Damit geht parallel eine Verlängerung des Schädels und die Verkümmerung der Schneide- und Eckzähne, wie denn stets die Änderung eines Organs diejenige eines anderen nach sich zieht. (Die gleiche Entwicklung haben übrigens auch die Titanotherien durchgemacht.)
Die Nashörner (mit und ohne Horn) waren nicht nur sehr arten- und individuenreich, sondern hatten auch eine sehr große Verbreitung; sie bewohnten Nordamerika, Afrika, Europa und ganz Asien bis zum Eismeer.
Die nordamerikanischen Fundstätten sind außer durch ihre zahlreichen phantastischen Biester noch besonders berühmt durch die ans Wunderbare grenzende Vollkommenheit der Entwicklungsreihen des Pferdestammes. Sie haben die unbestreitbaren Beweise für die überraschende Tatsache geliefert, daß unsere heutigen Einhufer (Pferd, Esel, Zebra) von fünfzehigen Tieren der älteren Braunkohlenzeit (Eozän) abstammen und daß sie mit Nashorn und Tapir blutsverwandt sind.
Als Ausgangspunkt des amerikanischen Stammbaums wird die Gattung Phenakodus genannt. Dieselbe lebte in der ältesten Tertiärzeit und stellte einen ausgezeichneten Sammeltypus dar, indem das Skelett typische Merkmale von Raubtieren, Elefanten und Huftieren in seltsamem Gemisch vereinigt. Die Glieder endigen in fünf Zehen, von denen jedoch die erste und fünfte den Boden nicht berühren. Die mittlere oder dritte Zehe ist die stärkste und bildet den Hauptpfeiler des Fußes, worin ein hervorstechendes Charakteristikum der Unpaarzeher liegt. Auf Phenakodus folgt die Gattung Eohippus, die am Vorderfuß vier Zehen und von der fünften nur noch einen verkümmerten Rest, am Hinterfuß dagegen bloß drei Zehen besitzt. Von da leiten die Gattungen in schönster Weise bis zu den heutigen Einhufern herauf: Orohippus, vorn mit vier Zehen, wovon die eine stark zurücktritt; Mesohippus, etwa dem europäischen Paläotherium entsprechend, mit drei Zehen, am Ende des Eozän; Miohippus (Anchitherium) im Miozän, gleichfalls mit drei Zehen; die beiden letzten Gattungen noch mit schwachen Andeutungen (Rudimenten) einer vierten Zehe; Protohippus oder Hippotherium im unteren Pliozän, mit drei Zehen, nämlich der zweiten, dritten und vierten, wovon nur die mittlere den Boden berührt; Pliohippus und endlich das Pferd, mit einer einzigen, sehr starken, nämlich nur mit der dritten Zehe; erste und fünfte sind vollständig verschwunden, zweite und vierte als die rudimentären Griffelbeine nur noch angedeutet.
Einige Mittelformen sind schon frühzeitig auf den damals noch vorhandenen Landbrücken nach Europa und Asien ausgewandert, so besonders das Paläotherium, Alttier, das durch die klassischen Untersuchungen des großen Cuvier Berühmtheit erlangt hat. Merkwürdigerweise ist der Pferdestamm in seinem Ursprungsland, in Amerika gänzlich ausgestorben, während er sich bei uns lebenskräftig und entwicklungsfähig erhalten hat. Zur Zeit der Entdeckung der „Neuen Welt“ besaß letztere nämlich keinerlei Einhufer; fast die ganze riesenhafte, vielgestaltige und merkwürdige Säugetierwelt der Braunkohlen- und der Eiszeit war verschwunden; die heutigen Pferde Amerikas stammen von eingeführten europäischen ab.
Die Zweihufer (Wiederkäuer) haben ebenfalls eine lange und interessante Geschichte hinter sich, doch weisen ihre Entwicklungsreihen noch große Lücken auf. Indessen fördern die Paläontologen, speziell diejenigen Nordamerikas, denen großartige Hilfsmittel zu Gebote stehen, Jahr um Jahr neue überraschende Funde zutage, so daß man fast mit Sicherheit voraussagen kann: in absehbarer Zeit werden die fehlenden Glieder gefunden und die Abstammungsreihen geschlossen sein.

Abb. 26. Irischer Riesenhirsch.
Von den zahlreichen fossilen Wiederkäuern mag hier nur eine einzige Art Erwähnung finden, nämlich der irische Riesenhirsch, dessen Geweihenden über 3 Meter auseinander liegen. Besonders schön erhaltene Skelette finden sich in den Torfmooren Irlands. Der Riesenhirsch lebte noch mit dem Menschen zusammen; ja es ist sogar vermutet worden, daß er in Deutschland erst im Mittelalter ausgestorben sei. Das Nibelungenlied, dessen Entstehung ins zwölfte Jahrhundert angesetzt wird, führt nämlich unter der Jagdbeute des „hörnenen Siegfried“ auch einen „Schelch“ an, welchen Namen man von schelchen, das heißt schief oder schwankend laufen, abgeleitet hat. Der schwankende Gang sollte seine Ursache in der Schwere des Tieres und der Größe des Geweihs haben. Die betreffende Stelle lautet:
Drauf nun schlug er schiere einen Wisent und einen Elch, Starker Ure viere und einen grimmen Schelch.
Demgegenüber wird behauptet, daß der Schelch nichts anderes sei als der männliche Elch (Elentier).
Der Riesenhirsch ist in Europa offenbar schon am Ende der Gletscherzeit, als sich die Steppen und Bergeshöhen wieder zu bewalden begannen, ausgestorben; nur in Irland mit seinen ausgedehnten Wiesenflächen und Mooren hat er sich noch etwas länger halten können.
Den riesigen Pflanzenfressern der Diluvialzeit standen auch gewaltige Fleischfresser gegenüber. Das häufigste Raubtier war der Höhlenbär, größer als der Eisbär und der graue Bär Nordamerikas; er erreichte eine Länge von 10 Fuß und eine Höhe von 4 bis 4½ Fuß.

Abb. 27. Skelett des Höhlenbären.
❏ GRÖSSERES BILD
„Wie heutzutage der Bär am liebsten in Höhlen und Felsklüften sich aufhält,“ berichtet O. Fraas in seinem Werke „Vor der Sintflut“, „so waren auch die Höhlen, die zur Diluvialzeit schon zugänglich waren, der Wohnort dieser nächtlichen Räuber. Lange Zeiten hindurch wohnten sie ausschließlich in den Höhlen, jedes andere Tier als Eindringling zurückweisend. Lange Zeiten hindurch blühte das Geschlecht; Jahrtausende verflossen, in denen eine Höhle die Wiege und das Grab von Generationen war. Im Hohlenstein (auf der Schwäbischen Alb) lagen auf einem Raum von wenigen Quadratklaftern in einer Tiefe von 6 Fuß 110 Schädel, 275 Unterkiefer usw., kurz eine Menge von Skelettstücken, die zum mindesten 400 Individuen angehörten. Unter ihnen sind alle Altersstufen vertreten, alle Knochen, alle Zähne, vom Milchzahn bis zu vollständig abgenutzten Zahnstumpen, beide Geschlechter, dazu eine Reihe kranker und verletzter Knochen. Die Knochenbrüche waren so häufig, daß man zur Genüge ersehen konnte, wie der Höhlenbär zu jener Zeit schon um seine Existenz zu kämpfen hatte, ob es gleich die Paradieszeit der Räuber war. Wer dem Höhlenbär ohne Zweifel am meisten Rippen einschlug und Knochen zerschmetterte, war wohl das Pferd, das, der Menge von Knochen nach zu urteilen, die Lieblingsnahrung des Meisters Petz bildete. Doch verschmähte er auch nicht Ochsen, Elen, Hirsch, Schaf und Elefant, die zerbissen und abgenagt jetzt mit den Knochen ihrer Sieger und Meister ruhig im Lehme liegen. Großartige Höhlen und Grotten, die heutzutage durch ihren imposanten Anblick überraschen, verschmähte er, ein kleiner Schlupf, ein sicherer Winkel war ihm lieber, am liebsten Höhlen, deren Eingang gerade so weit war, daß ein Individuum, mit dem Hinterteil voraus einfahrend, den Gang ausfüllte. Das ist noch die Gewohnheit der Bären, daß sie, hinter sich gehend, den Rücken gedeckt halten, um dem Feinde, der allenfalls ihn verfolgte oder in einer Höhle angriffe, Zähne und Tatzen weisen zu können. Fast an allen Bärenhöhlen kann man deshalb da, wo der Schlupf sich verengt, eine Glättung und Politur der Felsen wahrnehmen, beziehungsweise eine inkrustierte glatte Schichte beobachten, die im Laufe der Zeit vom durchgezwängten Bärenfell aufgetragen wurde, so etwa wie sich Felssteine glätten, die, weil irgend von religiöser Bedeutung, den Küssen andächtiger Gläubigen ausgesetzt sind.“

Abb. 28. Schädel des Machairodus.
In Italien, Frankreich und England tritt der Höhlenbär zurück vor der Höhlenhyäne, die in Deutschland ziemlich selten ist. Hyäne und Bär scheinen sich also gemieden zu haben. Wie die lebenden Verwandten, so hatte die Höhlenhyäne die Gewohnheit, die Knochen der Beutetiere zu zermalmen, wozu sie durch die Stärke ihres furchtbaren Gebisses und die mächtige Entwicklung der Kaumuskulatur besonders befähigt war. Man wird also schon aus der Art und Weise, in welcher die Knochen bearbeitet sind, auf die Existenz der einen oder anderen Raubtiergattung schließen können.
Die Katzenfamilie stellt mehrere Vertreter, darunter einen messerzähnigen Tiger (Machairodus), einen nahen Verwandten der tertiären Machairodusarten, und den gewaltigen Höhlenlöwen, der über einen großen Teil von Europa verbreitet, jedoch nicht in solcher Anzahl vorhanden war wie Bär und Hyäne. In Spanien und Frankreich kommen zudem zwei große Pantherarten vor, so daß Europa damals eine an Artenzahl wie an Riesenhaftigkeit der Formen großartigere Raubtierfauna besaß als irgend ein Kontinent heutzutage, selbst Afrika und Asien nicht ausgenommen.
Rüsseltiere.
Wer schon je vor dem Elefantenhaus eines Zoologischen Gartens gestanden, wird den Eindruck empfunden haben, daß die Bewohner desselben etwas durchaus Fremdartiges an sich haben, als würden sie aus einer anderen Welt stammen. Sie scheinen zu den heutigen Säugetieren nicht zu passen und bilden in der Tat eine seltsame isolierte Gruppe, die sich in keiner der großen Hauptabteilungen unterbringen läßt, weshalb man daraus eine besondere Ordnung gemacht hat, eben die der Rüsselträger oder Proboszidier. Das ist eine alte Sippschaft mit einer berühmten Vergangenheit, ein wahrhaft aristokratischer Stamm, dessen heutige Vertreter als wandelnde Petrefakten anzusehen sind. Der älteste zurzeit bekannte Ahne lebte zu Beginn der Tertiär- oder Braunkohlenzeit (Eozän) neben den Stammvätern der Wiederkäuer, Pferde, Schweine, Nagetiere und Raubtiere. Zu jener Zeit existierten die Alpen, der Jura, die Karpathen, der Himalaja und die Anden noch nicht; an Stelle der Schweiz flutete das Meer, und in England wuchsen Mammutbäume, Zimmet-, Lorbeer- und Feigenbäume, Fächer- und Fiederpalmen. Jener Stammvater — er wurde Möritherium getauft — war ein tapirähnlicher, keineswegs großer Bewohner Ägyptens, ohne Stoßzähne und eigentlichen Rüssel; er vermittelt den Übergang zu den Seekühen. Bei den Nachkommen werden die Schneidezähne zu mächtigen Hauern, und der Rüssel, der infolgedessen seine Wühltätigkeit aufgeben konnte, wurde zum Greiforgan. Der Stamm spaltet sich nun in mehrere Zweige, die sich in verschiedener Richtung entwickeln und teilweise früh aussterben.

Abb. 29. Dinotherium.
Zu den auffallendsten Typen der ganzen Gruppe gehört das Schreckenstier (Dinotherium), eines der größten aller Landtiere, vermutlich ein Bewohner großer Flüsse und Sümpfe wie das Nilpferd. Aus dem Eppelsheimer Sand des Mainzer Beckens ist ein vollständiger Schädel bekannt geworden, der zirka 1 Meter lang und 60 Zentimeter breit war; andere Funde in Württemberg, Frankreich und der Schweiz lassen auf eine Schädellänge von 2 Meter bei 1 Meter Höhe schließen. (Das Riesenschreckenstier [Dinotherium gigantissimum] besaß reichlich 5 Meter Länge bei 4½ Meter Rückenhöhe.) Abweichend von den Elefanten hatten die Dinotherien im Oberkiefer keine Stoßzähne, wohl aber im verlängerten, bogenförmig abwärts gekrümmten Unterkiefer. Vielleicht dienten dieselben als eine Art Karst, um die Stauden am Ufer der Gewässer auszuhacken. Die Schreckenstiere tauchen im mittleren Tertiär auf und verschwinden am Ende desselben wieder. Mit ihnen wetteiferten an Größe die Mastodonten, welche die ganze nördliche Halbkugel, außerdem Südamerika und Afrika bewohnten.

Abb. 30. Mastodon.
Beim Altmastodon (Paläomastodon) waren die oberen Schneidezähne säbelförmig und abwärts gerichtet, die unteren Stoßzähne als lange Schaufeln entwickelt. Offenbar dienten sie zum Aufpflügen des Bodens, woraus weiterhin geschlossen werden darf, daß diese Riesentiere keine Sumpfbewohner mehr waren, sondern das Trockene vorzogen. Bei den eigentlichen Mastodonten oder Zitzenzähnern, nach der Beschaffenheit der Backenzähne so getauft, werden die oberen Stoßzähne und der Rüssel immer länger, während die unteren Stoßzähne verkümmern und schließlich ganz verschwinden. Die Backenzähne sind kleiner, aber zahlreicher als beim Elefanten und, wie bereits erwähnt, mit zitzenförmigen Höckern versehen.
Mastodonreste finden sich in großer Zahl und in den verschiedensten jungtertiären Gebieten, in der Schweizermolasse zum Beispiel bei Elgg, Winterthur, Käpfnach und an anderen Orten, in Deutschland bei Öhningen, auf der Rauhen Alb und bei Eppelsheim am Rhein (Mainzer Becken), in Frankreich bei Sansans, bei Lyon usw. Bei Sansans im südwestlichen Frankreich fand man neben einem prachtvollen Schädel mit vier völlig erhaltenen Stoßzähnen die Knochenreste von Mäusen, Maulwürfen, Igeln und Fledermäusen, Fischen, Reptilien und Vögeln, ferner von Hunden, Katzen, Mardern, Hirschen und Antilopen, Tapiren, Nashörnern und Schweinen, Elefanten und Affen bunt durcheinander gewürfelt. Es wurde jene wunderbare, Fundstätte — offenbar ein alter Sumpf oder See, in welchen von Flüssen und Bächen Tierleichen aus der ganzen Umgebung zusammengeschwemmt wurden — vom unermüdlichen Lartet zuerst auf eigene Kosten durchwühlt, bis die französische Regierung die Forschungsarbeiten mit jährlichen Geldbeiträgen unterstützte, worauf ein förmliches Bergwerk auf Petrefakten eröffnet werden konnte.
Trotz der Häufigkeit der Mastodonreste sind vollständige Skelette jedoch sehr selten; eines der schönsten ist dasjenige von Turin, nach welchem die Rekonstruktion auf Seite 91 hergestellt ist. Die Mastodonten treten in Europa im mittleren Tertiär auf und verschwinden am Ende desselben; ihnen folgen die eigentlichen Elefanten; in Amerika dagegen sind sie noch im Diluvium in großer Zahl vorhanden. Sie bildeten dort eine wertvolle Jagdbeute des Urmenschen und sind offenbar erst dessen Verfolgungen erlegen. Sie spielten dort dieselbe Rolle wie in Europa und Asien die Mammute, auf die wir gleich zu sprechen kommen werden.
Während die Mastodonten überallhin wanderten, die damals noch bestehenden Landbrücken zwischen Afrika und Europa, Indien und den großen Sundainseln, Europa und Amerika benutzend und fast die ganze Erdoberfläche sich unterwerfend, erfolgte in aller Stille die Bildung einer neuen Gattung. Durch Änderung des Klimas und damit der Pflanzenwelt erfolgte, wie es scheint in Indien, eine Änderung im Gebiß. Die Backenzähne, auf saft- und fleischlose harte Nahrung angewiesen, wurden breiter und falteten sich, wobei eine sehr breite Mahlfläche entstand. Es kommen die ersten echten Elefanten, die ebenfalls Wanderungen nach allen Seiten unternahmen und den Zitzenzähnern schwere Konkurrenz machten.

Abb. 31. Mammut.
Und was für Gestalten waren das! Der Urelefant (Elephas antiquus) hatte 5 Meter Rückenhöhe und 5 Meter lange Stoßzähne, übertraf noch Dinotherium und Mastodon an Riesenhaftigkeit und gilt zur Stunde als das größte aller Landsäugetiere. Aber der Wanderelefant (Elephas nomadicus) Ost- und Südasiens, der Elefant des Südens (Elephas meridionalis) Südeuropas, der Kaiserelefant (Elephas imperator) des südlichen Nordamerika, der Kolumbuselefant (Elephas Columbi) des mittleren Nordamerika und das Mammut (Elephas primigenius) Europas, Asiens und Amerikas standen dem Urelefant nur um ein Geringes nach. Und da die Welt voller Gegensätze ist, so fehlten auch die Zwerge nicht, die durch ein ungünstiges Geschick vom großen Kontinent weggerissen und auf kleine Inseln gewissermaßen interniert wurden, wobei sie verkümmerten. Auf Sizilien und Malta, Kreta und Zypern lebten Elefanten, die nur die Größe eines Kalbes erreichten.
Das berühmteste und bekannteste aller ausgestorbenen Rüsseltiere ist das Mammut- oder Mammonttier (Elephas primigenius), dessen riesige Zähne und Knochen zu unzähligen Sagen und zu den seltsamsten gelehrten Disputationen Anlaß gegeben haben. Die Mammutreste wurden bald für Gebeine irgendeines Heiligen, bald für solche von Riesen, bald für „Figurensteine“ gehalten. Heute noch werden solche in manchen Kirchen als Reliquien aufbewahrt, und im Jahre 1789 trugen die Chorherren des heiligen Vinzent zu Valencia in Spanien den Schenkelknochen eines Mammutelefanten bei Prozessionen herum, „um durch diesen vermeintlichen Arm des Heiligen dem ausgedörrten Lande Regen zu erflehen“. Item, wenn’s nur geholfen hat, wie Peter Hebel zu sagen pflegte. Daß die im Jahre 1577 unweit der Stadt Luzern ausgegrabenen Mammutknochen von einem Baseler Professor für „Gebeine der aufrührerischen gefallenen Engel“ erklärt und wie diese dann „sorgfältig gesammelt und anständig begraben wurden“, wollen wir hier nicht unerwähnt lassen. In der Michaeliskirche zu Hall am Kocher findet sich, wie Jäger berichtet, ein riesiger Stoßzahn in eisernen Bändern aufgehängt mit folgender Inschrift:
Tausend sechshundert und fünf Jahr Den dreyzehnten Februar ich gefunden war Bey Neubronn in dem Hallischen Land Am Bühler Fluß zur linken Hand Sammt großen Knochen und lang Gebein, Sag, Lieber, was Arth ich mag seyn.
Das Mammut hat vorzugsweise den Norden bevölkert; am häufigsten muß dasselbe in Sibirien gewesen sein, dort sind nämlich manche Schichten von seinen Knochen ganz erfüllt.
Neumayr sagt darüber:
Es gibt wohl nichts, was dieses Verhältnis besser bezeichnen könnte als der Umstand, daß etwa ein Drittel von allem Elfenbein, welches in den Handel kommt, von den diluvialen Mammuten Sibiriens herrührt; ja, selbst auf den so überaus unzugänglichen neusibirischen Inseln, welche nördlich vom asiatischen Festland unter etwa 75 Grad nördlicher Breite im Eismeer liegen, findet sich das fossile Elfenbein in solcher Menge, daß lange Zeit hindurch die Elfenbeinsammler die gefahrvolle Schlittenfahrt über das gefrorene Meer wagten, um diese Schätze zu heben.

Abb. 32. Die Umgebung von Zürich in der Eiszeit.
❏ GRÖSSERES BILD
Eine derartige Erscheinung zu erklären, war nicht leicht, und eine Lösung des Rätsels schien lange Zeit unmöglich. Man dachte zunächst an eine gewaltige Überschwemmung — Sintflut —, welche die Elefanten aus dem südlichen Asien nach Sibirien geschwemmt haben sollte, allein bei nur halbwegs ruhiger Überlegung mußte man die Unmöglichkeit einer solchen Hypothese einsehen. Nun war noch ein zweiter Ausweg möglich: Die gewaltigen Rüsseltiere konnten in Sibirien gelebt haben, dann mußte aber das Klima ein ganz anderes, es mußte bis zum Polarkreis ein gemäßigtes gewesen sein. Das war noch zur Braunkohlenzeit tatsächlich der Fall, aber wir wissen nun auch, daß das Mammut zu einer Zeit in Europa lebte, als dieses großenteils von Eismassen bedeckt war. Wie ist aus diesem Labyrinth von Widersprüchen ein Ausweg möglich? Ein paar glückliche Funde haben die Frage in ziemlich befriedigender Weise gelöst. Aus dem gefrorenen Boden Sibiriens tauen nämlich gelegentlich ganze Mammutleichen heraus, die durch das Eis in so wunderbarer Art konserviert sind, daß das Fleisch von wilden Tieren gefressen werden kann. Bei derartigen Funden stellte es sich nun heraus, daß der Mammutelefant, abweichend von seinen heutigen Vettern in Afrika und Ostindien, mit einem dichten Pelz bekleidet war, der vorn und auf dem Rücken eine lange Mähne bildete, die wahrscheinlich bis auf die Knie herniederhing. Es ist dies eines der schlagendsten Beispiele dafür, daß aus dem Vorkommen einzelner Tiertypen niemals sichere Schlüsse auf das Klima gezogen werden können, denn es ist nie ausgeschlossen, daß Tiere, deren nächste Verwandte heute ausschließlich auf die Tropen beschränkt sind, ehemals in einem gemäßigten oder selbst kalten Klima gelebt haben.
Das erste samt allen Weichteilen erhaltene Mammut wurde im Jahre 1799 im Lena-Eis (Sibirien) entdeckt, allein erst sieben Jahre später vernahm der Naturforscher Adams davon, und als er an Ort und Stelle kam, fand er nur noch das durch die Bänder zusammengehaltene Skelett, einen Teil der Haut, ein Auge, einiges von den Eingeweiden und etwa 30 Pfund Haare, welche die Eisbären in den Boden getreten hatten; alles übrige hatten die Raubtiere gefressen. Die kostbaren Reste gelangten nach Petersburg und sind nun im dortigen Naturalienkabinett aufgestellt. Seitdem sind mehrere eingefrorene, wohlkonservierte Leichname nach vieltausendjähriger Ruhe aufgefunden worden.
Man hat die Frage aufgeworfen, wovon denn die mächtigen Tiere, die eine Länge von 5 Meter bei 3 Meter Höhe erreichten, im kalten Klima gelebt haben. Auch darüber gaben die Funde genaue Antwort: Die Speisereste, die zwischen den Zähnen und im Magen gefunden wurden, bestanden nämlich der Hauptsache nach aus Zweigen von Nadelhölzern, wie sie heute noch in Sibirien vorkommen.
Wir wollen uns jetzt von dem Leser, der uns freundlich gefolgt ist, verabschieden. Die geschilderten wunderbaren Lebewesen muten an wie die Darstellungen aus einem Märchen, und dennoch steht das Geschilderte mit unauslöschlichen Zeichen in den Gesteinsschichten der Erde eingegraben. Das, was wir boten, ist freilich nur ein Ausschnitt aus jener gewaltigen Geschichte der Entwicklung, aber es wird doch das Lesen in der Geschichte der Erde fördern, die zu einem Gemeingut aller werden sollte.