← Table of contents
Raubwild und Dickhäuter in Deutsch-Ostafrika

Dickhäuter.

Reading edition

Gewaltig ist der Reichtum an Dickhäutern in Deutsch-Ostafrika, die allerdings die großen Heerstraßen, auf denen Europäer oder ihre Karawanen entlang ziehen, verlassen haben. Bedingung für alle ist das Vorhandensein reichlichen Wassers. Frisches Gras, Schilf und Laubwerk ist ihre Hauptnahrung, und namentlich in der Trockenzeit sind diese Genüsse an fließendes oder stehendes Wasser gebunden. Allerdings treten die Dickhäuter zeitweise auch große Wanderungen an, so daß man sie in Gebieten antrifft, in denen sie ihre Lebensbedingungen auf die Dauer nicht finden. Stets halten sie sich aber dort nur vorübergehend auf, seien es Nashörner und Flußpferde, z. B. wenn sie nach einem anderen Weidegrund Umschau halten, oder Elefanten, wenn ihre Naschlust sie treibt, Borassuspalmen oder Bäume in der Zeit der Fruchtreife abzuernten.

Plump und unbeholfen scheint uns ihr massiger Körper, der in der Natur eine ganz andere Größe erreicht als bei noch so sorgfältigster Pflege und reichlichster Nahrung in der Gefangenschaft.

Jedoch mit welcher Behendigkeit entgegen dem täuschenden Anblick durchqueren sie die für kleineres Wild und Mensch kaum gangbaren Dickichte, die diesen nur auf ihren Pfaden ein Vorwärtskommen gestatten! Dornendickichte und üppig wuchernde Schlingpflanzen, die die Gebüsche förmlich verfilzen mit ihren frischen und abgestorbenen Ranken, durchschreiten sie wie weiches Gras. Wenn auch lautes Gekrach und Geprassel damit verbunden ist, den Kolossen selbst ist eine Anstrengung nicht anzumerken.

Durch ein Dickhäuter-Eldorado.

Im Oktober 1912 reiste ich im Morogoro-Bezirk in Deutsch-Ostafrika. Am Schnittpunkt der Morogoro-Mahengestraße mit dem Ruahafluß angekommen, sagte ich mir, daß es für mich wenig Zweck hätte, auf den bisher bekannten Wegen mein Reiseziel Kissaki zu erreichen, und ich beschloß, den Ruahafluß abwärts zu gehen bis zum Zusammenfluß mit dem Rufidji. Auf der Karte war der Ruaha auf dieser Strecke nur durch punktierte Linien angedeutet, eine Routenaufnahme längs des Flusses war mir also vorbehalten.

In den Ortschaften Kidatu und Kidoti versuchte ich, Eingeborene zu finden, die vielleicht die in Luftlinie etwa 180 km lange Strecke schon zurückgelegt hätten. Keiner war beim Fischen nach den im Ruaha lebenden enorm großen Welsen weiter als 40 km gekommen. Europäer hatten den Weg noch nicht gemacht. Nur der mit Schomburgk Elefanten jagende Engländer Kapitän Hemming war im Oktober 1908 dreißig Kilometer weit flußabwärts gelangt.

Auf der Missionsstation Widunda, die von meinem Lager nur zwei Stunden entfernt lag, und wo ich bei Mönch Lamberti gastfreieste Aufnahme fand, suchte ich mich weiter zu orientieren. Andere Auskunft als die, daß weder Europäer noch Eingeborene diese menschenleere Gegend durchquert hätten, bekam ich auch hier nicht. In gemeinsamer Beratung nahmen wir an, daß der Weg bis zu den ersten Ortschaften vor dem Rufidji in vier Tagen zu machen sei.

Da man beim Reisen in Afrika mit allen möglichen Zufällen rechnen muß, nahm ich für meine zwanzig Träger Verpflegung für sechs Tage mit, in der Voraussicht, unterwegs die Nahrungsmittel noch durch erlegtes Wild und gefangene Fische zu ergänzen. Ich warb in Kidoti noch vier Mann an, die die erste vierzig Kilometer lange Strecke kannten, zum Tragen des Mehlvorrates, den meine Träger nicht mehr auf ihre Traglasten schnüren konnten. Am ersten Tage legten wir fünfunddreißig Kilometer zurück. Der Weg war prächtig, da die Grasbrände von den von uns verlassenen Ortschaften sich bis hierher ausgedehnt und die ersten leichten Niederschläge der kleinen Regenzeit einen üppigen niedrigen Grasteppich hervorgezaubert hatten. Das Schweifen des Auges ins Grüne weiß nur der richtig zu würdigen, der den trostlosen afrikanischen Winter, die Trockenzeit, kennt, in der alles gelb, starr und tot ist, und wo das Auge nur zwei bis drei Meter vor sich Ausblick auf den schmalen Fußweg hat, den die eigenen Träger oder eine frühere Karawane getreten haben.

Wunderbare Flußszenerien boten sich dem Auge dar. Das Flußbett war stellenweise dreihundert Meter und mehr breit, und da wenig Wasser floß, bildete der Fluß nur Rinnsale innerhalb eines Gewirrs von Sandbänken, die dicht mit aller Art Enten und Nilgänsen bedeckt waren.

Im Schlick wateten fischende Marabus (Leptoptilus crumeniferus Less.) und Löffelgänse (Platalea leucerodia Linn.). Ibisse steckten ihre gebogenen Schnäbel in den Schlamm, und wo im Fluß ein abgestorbener Baumstamm lag, dort wimmelten unter seinen in die Luft starrenden Ästen Madenhacker (Buphaga), Kuhreiher (Bubulcus lucidus Rafin.), unter denen einzelne Edelreiher (Herodias alba Linn.) saßen und sich in der Reichsadlerstellung sonnende Kormorane (Phalacrocorax carbo Linn.).

Hoch in der Luft zogen Seeschreiadler ihre Kreise und erfüllten sie mit ihrem hellen, klaren Schrei. Einzeln oder zu mehreren hielten Krokodile auf den Sandbänken Siesta in der Sonne, um beim langsamen Näherkommen behäbig ins Wasser zu rutschen, oder, falls sie überrascht wurden, in eilig grotesker Stellung dem Wasser zuzuwatscheln und mit starkem Schwanzschlag Wassergarben aufzuwerfen, so daß auf der Stelle, wo sie eingetaucht waren, noch einen Augenblick die Regenbogenfarben standen.

Von Haarwild waren mir nur Wasserböcke (Cobus ellipsiprymnus Ogilb. und Cobus defassa Rüpp.) zu Gesicht gekommen. Da niemand in dieser Gegend jagte, waren sie recht wenig scheu und trotteten mir nur gemächlich aus dem Winde. Dabei fiel mir auf, daß sie wohl unter einer Seuche leiden mußten, denn ihre Behaarung war ruppig und glanzlos, und die Rippen traten deutlich hervor. Später gemachte Blutpräparate kamen mir leider abhanden, so daß ich nach meiner Heimkehr nicht mehr feststellen konnte, ob es sich um Tsetse (Nagana) oder einen anderen Erreger handelte. Obwohl Tsetsefliegen (Glossina fusca und morsitans) in übergroßer Menge uns belästigten, möchte ich doch nicht auf Nagana schließen, da mein mitgeführter Reitesel gesund blieb und erst ein Jahr später sich an Nagana infizierte und einging, die Fliegen am Ruaha also wohl nicht infiziert waren.

Schießen wollte ich erst kurz vor dem Lager, um keine Schwierigkeit mit dem Fleischtransport zu haben.

Die linke Flußseite war bisher ziemlich frei von Wald, die gegenüberliegende trug abwechselnd dichtesten Uferbusch und Hochwald, aus dem ab und zu einige Borassuspalmen lugten, die sich hier und da in kleinen Inseln als Palmenbusch vereinigten (Abb. 9).

Die rechte Seite des Ruaha bildete von meinem Ausgangspunkt bis hinunter zum Rufidji die Grenze des großen Jagdreservates des Bezirkes Mahenge und war bekannt wegen ihres Reichtums an Dickhäutern. In allen wildreichen Bezirken Deutsch-Ostafrikas finden sich nämlich ein oder mehrere Reservate, die von der Regierung geschaffen werden, um dem Wilde Schutz und Schonung angedeihen zu lassen. Es herrscht eine scharfe Kontrolle, daß von Durchreisenden kein Schuß, und sei es auf Raubtiere, darin abgegeben wird.

Gegen zwei Uhr fing auch auf meiner Seite ein zunächst lichter Uferwald an, der den Fluß in zweihundert bis dreihundert Meter Breite begleitete und sich bis an die das Flußtal umsäumenden Hügel erstreckte. Das sonst aus abgebrannten Wiesenflächen wieder frisch gesprossene Gras hatte hier aufgehört, und wir mußten von nun alte Elefantenwechsel benutzen, die überall längs des Flusses kreuz und quer führten. Da meine Leute erschöpft waren, machte ich gegen halb vier Uhr Lager. Ich machte mir eine Stelle aus, wo ich freien Überblick nach dem Fluß und auch nach der Landseite zu eine Lichtung hatte, und baute das Zelt in niedrigem Busch ein, um nach Möglichkeit die Tierwelt beobachten zu können. Meine Leute plagten mich um Fleisch, und nach vier Uhr machte ich einen kleinen Gang ums Lager, mehr um mich zu orientieren, als mit der Absicht, Wild zu erlegen. Nur für alle Fälle nahm ich einen Mann mit, der, wenn nötig, das rituelle Schächten besorgen sollte, da alle meine Leute Mohammedaner waren, die nicht durch Kehlschnitt getötetes Wildbret verschmähen. Unmittelbar nachdem das Wild durch den Schuß auf der Decke liegt, muß der Schnitt unter Gebeten ausgeführt werden, solange das Blut der Halsschlagader noch fließt.

Wir schlenderten also zunächst fünfhundert Meter am Flußufer hin. Man kann da im weichen, feuchten Ufersand am besten lesen, was alles zur Tränke kommt. Besonders zahlreich waren die Fährten von Wasserböcken, daneben lag Losung (Exkremente), die noch nicht ganz erkaltet war; die Tiere mußten also vom Zeltaufschlagen flüchtig geworden sein. Einige Warzenschweine waren auch zur Tränke gegangen.

Landschaft
Landschaft

Ein kleines Bachbett, das zurzeit trocken war, hatte Flußpferden zum Ausstieg an das höhere Flußufer gedient; der Wechsel war aber schon älteren Datums und die Losung prasseldürr. Wir folgten dem Bachbett aufwärts und sahen etwa dreißig Stück nur männliche Wasserböcke. Um sie dem Lager noch näher zu treiben, gingen wir, bis sie Wind bekamen. Es war mehr eine Spielerei von mir, aber der Versuch glückte. Durch langsames Nachgehen trieben wir sie bis auf hundert Meter aufs Lager zu. Plötzlich stutzten sie vor den Brennholz holenden Negern, und ich nahm auf neunzig Meter den stärksten Bock aufs Korn und ließ fliegen. Mit gesenktem Äser (Maul) ging er noch einige taumelnde Schritte näher zum Zelt und lag dann mit gutem Lungenschuß. Leider war er genau so mager, als die tagsüber gesichteten. Den Negern ist das ja ganz gleichgültig, meinen Appetit schärfte das kränkliche Aussehen jedoch nicht, und ich verzichtete auf den Genuß.

Nun, da die Leute ihren Willen, d. h. Fleisch zu ihrer Polenta hatten, gab ich mich der Ruhe hin. Schöner lockerer Sand am Ufer lockte zum Niederlegen, und die am Uferrand stehenden wilden Feigenbäume dämpften das noch immer grelle Sonnenlicht. Einige meiner Leute kamen zum Wasser, das einen klaren Tümpel von etwa Hektargröße bildete, und spülten die Därme des Wasserbockes, um sich diese Delikatesse mundgerecht zu machen. Wäre kein Wasser in der Nähe gewesen, so wäre es auch gegangen, indem die Därme einfach umgedreht und mit der Hand abgestreift worden wären.

Während ich den Leuten so zusehe, fällt mir auf dem Wasserspiegel in der Nähe der Spülstelle auf, daß kleine, aus dem Wasser ragende Zweige hin und her schwimmen, untertauchen und wiederkommen, so daß ein mechanisches Bewegen durchs Wasser ausgeschlossen erscheint. Ich rufe die Leute an, was das wäre, und erhalte die Antwort: cambale mingi sana — sehr viele Welse.

Na gut! Fisch hatten wir längere Zeit nicht gehabt, und wenn sie so gierig waren, wie die vor uns, so versprach das einen leichten Fang. Von einer Wasserbockkeule ließ ich das Fleisch abschneiden, band dann den Knochen an einen Strick, diesen an eine Baumwurzel und schnitzte mir dann einen Stiel zu meiner Hechtgabel, die ich noch aus meiner Jugendzeit besitze.

So, nun noch einen Nagel durchgetrieben, daß die Öse fest am Stock sitzt, und die Sache kann losgehen. Schon von weitem sehe ich, daß der Köder gut angenommen war. Der Strick wurde hin und her gezerrt, und einzelne Rücken schoben sich aus dem plätschernden Wasser. Vorsichtig ging ich näher. Es waren mächtige Kerle dabei, deren Bart über Bleistiftstärke Dicke hatte. Ich suchte mir einen mittleren von 1 Meter Länge aus und hatte ihn an der Gabel, die ich aber fest an den Grund drücken mußte, damit er sich nicht losriß. Ich schickte einen Mann ins Wasser, der untergreifen mußte, und mit gleichzeitigem Schwunge lag der Wels hilflos im losen Sande. Die anderen Welse nahmen keine Notiz von uns, sie mußten im Tümpel wohl nicht mehr allzuviel finden und waren deshalb so gierig, daß sie auf nichts mehr acht gaben. Die Gabel kam nun noch ein paarmal zur Anwendung, dann nahmen der mir helfende Mann und dazugekommene andere Träger einfach die Hände und warfen Fisch auf Fisch in den Sand, bis ich sagte: »Jetzt sind's genug!« Bald waren alle Fische kopflos und wegen ihrer Dicke der Länge nach halbiert; auf Stäbe gespießt und ums Feuer gesteckt, begannen sie ihren Räucher- oder vielmehr Dörrprozeß, für meine Nase allerdings kein idealer Genuß. Ist man aber erst über ein Jahrzehnt in Afrika, d. h. wirklich darin und nicht nur an der Küste und in Orten der Bahnlinie, dann ist die Nase auch an mancherlei Düfte gewöhnt, ohne ihrem Träger Übelkeit und Brechreiz zu verursachen, wie so oft im Anfang. Am nächsten Morgen waren so viele getrocknete Fische vorhanden, daß, nachdem sich jeder Träger die Menge auf seine Last geschnürt hatte, die er noch gerade zu tragen vermochte, neben dem Rest des Wasserbockfleisches noch zwei Traglasten übrig blieben, die die in Kidoti mitgenommenen Mehlträger auf ihrem Rückwege mit nach Hause nehmen wollten; sie verschnürten sie deshalb sorgsam in Borassusblätter und hingen sie zum Schutze gegen Hyänen drei Meter über der Erde an einem Baum auf.

Frisch und fröhlich marschierte die Karawane dann an dem noch kühlen Morgen weiter. Viel Gelände gewannen wir nicht auf unserem Wege, denn Gestrüpp und hohes Gras zwangen uns, nur Elefantenwechsel zu benutzen, die außerdem nicht gerade in der gewünschten Richtung führen. Man muß daher oft Leute nach rechts gehen lassen, um festzustellen, ob wir uns auch parallel am Fluß halten. Diese Wechsel sind zwar, wenn weniger benutzt, am Boden in achtzig Zentimeter- bis Meterbreite gut glattgetreten, aber von der Seite ragen Dornenzweige herein, und von oben hängen armdicke Schlingpflanzen herunter, um die sich der Elefant zwar wenig kümmert, da er sie einfach beiseite drückt oder zerreißt, die aber den Trägern mit der Last auf dem Kopfe äußerst hinderlich sind, namentlich wenn die Last sperrig ist, wie das beim Zelttisch, dem Feldbett und den Zeltlasten der Fall ist. Mühsam müssen die Vordermänner dann mit dem Buschmesser Luft schaffen, was die Leute recht ermüdet. Damit ich zu allererst die Natur immer frisch vorgesetzt bekomme, gehe ich mit meinem Boy Saleh und einem alten Jagdbegleiter — Mohamadi Kungulio — der früher berufsmäßiger Elefantenjäger war, fünfhundert Meter voraus.

Wir warten nun und wollen die Karawane aufmarschieren lassen und dann den Leuten etwas Rast gönnen. Wir warten, warten, warten — nichts kommt. Endlich wird mir's zu bunt, und ich lasse Saleh laut rufen. Nach dem zweiten »Huiiiii« zupft mich Mohamadi Kungulio am Ärmel — tembo kule, na kule, na kule — Elefanten dort und dort und dort, die Richtung mit dem zur Schnute geformten Mund angebend. Da höre ich auch schon meine Leute hinter mir aufschreien und für eine halbe Minute kracht's und prasselt's im Wald und Gebüsch, als ob ein Zyklon hindurchbrauste. Ich selbst sah für kurze Augenblicke vier Elefanten, die mit den Ohren schlugen und im Laufen den Rüssel nach allen Richtungen in die Luft warfen, um zu winden. Zwei kamen auf uns zu, zwanzig Meter in der Breite getrennt; wir blieben ruhig stehen, ohne uns zu rühren, und sie schlürften weiter auf die Karawane zu, ohne Notiz von uns zu nehmen. Wir steckten rasch das trockene Gras in Brand, um sie durch den Brandgeruch weiterzuvertreiben, und gingen dann zurück zu den Trägern. Hier lagen meine Lasten am Boden, von den Leuten keine Spur; erst nach mehrmaligem Rufen kommen einige zaghaft hinter Stämmen hervor oder von Bäumen herunter. Zu Schaden ist keiner gekommen, nur meine Lasten werden durchs Hinwerfen etwas beschädigt sein. Nun lachen die Leute sich gegenseitig aus wegen der überstandenen Angst. Die vordersten hatten drei Elefanten schlafend stehen sehen; nach der Beschreibung der Leute mußten wir auf sechs Meter an ihnen vorbeigegangen sein, hatten aber nichts gemerkt. In Angst hatten sich die Leute nicht weiter vorgewagt, sondern waren mit der Last auf dem Kopfe stehen geblieben und hatten erst nach dem »Huiiiii« die Lasten weggeworfen und waren ausgerückt, als einer der aus der Ruhe gestörten Elefanten die Richtung auf sie zu nahm. Es mögen insgesamt etwa dreißig Elefanten gewesen sein, die sich lang auseinandergezogen zur Ruhe untergestellt hatten.

Daß wir vorbeigingen, ohne die drei Elefanten zu bemerken, ist nichts Verwunderliches. Im dichten Blätter- und Astgewirr, aus dem nur Teile der Tiere sichtbar sind, läuft man sehr leicht vorbei; die Säulen (Beine) dieser großen Dickhäuter sehen Baumstämmen täuschend ähnlich, und oft hat die vorzügliche Mimikry (Anpassung an die Umgebung) meine nicht gerade schlechten Jägeraugen getäuscht, wenn ich auf frischer Elefantenfährte pirschte, und nicht, wie heute, Routen aufnehmend und nur beobachtend meines Weges zog.

Erzählte doch ein Spaßvogel, er habe einen Büffel vor sich gehabt, und zum sicheren Schuß an einem Stamme angestrichen[5]; nach dem Schuß wäre der Büffel davongelaufen, sein Stamm aber auch, und erst jetzt habe er gemerkt, daß er eine Elefantensäule für einen Stamm angesprochen habe.

Ist dies auch etwas toll geflunkert, so habe ich, wie viele Elefantenjäger, doch oft über eine Viertelstunde neben einem Elefanten gestanden, auf den ich achtlos gelaufen war, weil ich einen anderen, entfernteren schießen wollte, der nicht günstig stand. Solange der Elefant nicht Wind bekommt, reagiert er nur schwach durchs Gesicht und achtet auf Geräusche, die durch Gehen oder Brechen im Busch verursacht werden, recht wenig.

Nach dem überstandenen Schrecken ging es wieder weiter. Um ähnlichen Überraschungen vorzubeugen, zündete ich immer vorn das Gras an, womit ich gleichzeitig meinen folgenden Trägern das Zeichen gab, wie weit ich voraus sei, da sie an der Ausbreitung des Feuers merken konnten, wie lange es schon brannte.

Wir überschritten jetzt ständig Flußpferdpfade, die alle frisch begangen waren. Einem Pfad, auf dem die Losung noch so frisch war, daß sie noch Luftbläschen enthielt, folgte ich bis zum Wasser. Schon nach hundert Metern stand ich vor dem Ruaha, der sich hier durch eingelagerte Felsbänke seenartig erweiterte, d. h. er füllte trotz der Trockenheit das ganze Flußbett aus. Ein wunderbares Bild hatte ich, als ich den Wasserspiegel überblicken konnte. Mir gegenüber in fünfzig Meter Entfernung lagerten im seichten Wasser mehrere Flußpferde (Hippopotamus amphibius L., s. Abb. 10). Einzelne stiegen auf den Steinklippen umher, den ganzen Körper außerhalb des Wassers, und balanzierten trotz des massigen Körpers geschickt auf den schmalen Stützpunkten herum. Andere jagten sich im neckischen Spiel im Wasser, und zwei junge Bullen probierten gegenseitig ihre Stoßzähne, indem sie Lippen gegen Lippen stießen. Fast sah es so aus, als ob diese massigen Mäuler sich zum Kusse berührten. Man hörte aber deutlich das Aneinanderklirren der Stoßzähne, die im Maul verborgen lagen, und konnte sich einen Begriff davon machen, wie es später im blutigen Ernst zuginge. Ein auf einer Sandbank liegender alter Bulle ließ deutlich erkennen, daß auch die dickste Schwarte Risse bekommen kann; in allen Richtungen war seine Rückenpartie vom Kampfe zerhackt, teils alt und weißlich verharscht, teils neueren Datums, an der rosigen Farbe erkennbar. Insgesamt mochten es mehr als vierzig Flußpferde gewesen sein, die da beisammen waren. Sie nahmen kaum Notiz von mir. Auf mein lautes Händeklatschen antwortete nur der alte Bulle durch tiefes Rohren, bemühte sich jedoch nicht aus seiner bequemen Lage. Von der anderen Gesellschaft hoben nur einige die Köpfe, schüttelten die kleinen Lauscher und pflegten dann weiter der Ruhe. Lange konnte ich mich nicht von dem Bilde trennen, aber ich war noch nicht am Ende meines heutigen Marschzieles. Drei Stunden wenigstens wollte ich noch weiter gehen.

Alle Viertelstunden stießen wir jetzt am Lande auf schlafende Flußpferde, die wir hoch machten, damit sie unter der nachfolgenden Karawane keine Verwirrung anrichten konnten. Eilig trotteten sie dem Flusse zu. Auf einen jungen Bullen waren wir bis auf 1 Meter aufgelaufen, ohne ihn im Grase zu sehen. Schießen wollte ich nicht, da ich mir nur einen alten Bullenschädel mitnehmen wollte und die Tiere hier fern von allen Anpflanzungen keinen Schaden anrichten können. Anfangs glaubte ich, er schliefe. Als ich aber eine kleine Seitenwendung machte, bewegte er seine Lauscher und drehte seine Lichter so nach mir, daß ich den blutunterlaufenen Augapfel sah. Ich winkte meinen beiden Leuten mit den Augen und wollte mich vorsichtig zurückziehen und ihn erst dann hoch machen. Ganz sympathisch war mir seine große Nähe nicht. Sowie ich den linken Fuß hinten aufgesetzt hatte und den Körper nachzog, sprang er auf, warf sich nach mir herum, und mit knapper Not entging ich durch einen Seitensprung einem nach mir geführten Stoß; dann raste er auf meine beiden Begleiter zu, ohne jedoch Notiz von ihnen zu nehmen, als sie durch einen hastigen Satz aus seiner Fahrtrichtung flüchteten. Saleh wollte mir und Mohamadi Kungulio die Hand schütteln zur Beglückwünschung nach überstandener Gefahr. Mohamadi als alter Elefantenjäger lachte ihn aber aus und meinte wegwerfend: »Hm, ein Flußpferd ist kein Nashorn,« womit er ja schließlich recht hat im zweifachen Sinne seiner Worte.

Wir kamen jetzt an einen versumpften Flußlauf, der von links auf den Ruaha zu führte. Dicht war der Sumpf mit Nymphazeen bewachsen, auf deren schwimmenden Blättern braune und schwarze Blätterhühnchen (Phyllopezus africanus Gmel.) trippelten. Bei unserer Annäherung fingen sie an zu gurren, und dieser gurrende Ton setzte sich über den ganzen Sumpf fort. Zahlreiche Dickhäuter mußten hindurchgewechselt sein, denn nach allen Richtungen konnte man die Linien der im Gehen umgewendeten Nymphazeen sehen, deren rotbraune Unterseite sich deutlich vom übrigen Grün abhob. Hellgrüne Flecken bildeten die Fanna-Rosetten dazwischen. In der Mitte standen zwei Nimmersatte (Pseudotantalus ibis Linn.) auf einem Ständer und putzten sich das Gefieder. Weiter unten nach dem Fluß zu sah ich einige weiße Vögel, konnte aber auch durchs Glas nicht bestimmen, ob ich Reiher oder Löffelgänse vor mir hatte.

Um die Fährten am Rande des Sumpfes zu lesen, beschloß ich, ihn zu umgehen. Ich hatte dabei die Nebenabsicht, falls die weißen Vögel Reiher wären und Schmuckfedern trügen, einen bis zwei zu erlegen.

An Fährten stellte ich fest: drei afrikanische (Spitz-)Nashörner (Diceros bicornis L., s. Abb. 12), dann Flußpferde, Elefanten, Wasserböcke und Zebras sowie einen starken Löwen. Es waren wirklich Reiher (Herodias alba Linn.), wie ich auf hundertfünfzig Meter ausmachen konnte. Beim Näherkommen sah ich durchs Glas, daß nur einer gute Federn hatte, d. h. diese ragten über den Stoß als vom Wasser zusammengeklebtes Schwänzchen. Auf einem Flußpferdwechsel, der durchs Gebüsch führte, kam ich ungefähr auf vierzig Meter heran und holte mir den Federträger mit einem Schuß meines kleinen 6 mm-Bayardkarabiners, der, rauchlos beschossen, nur sehr schwach knallt. Mein Vogel schwamm sofort auf dem Wasser, und die anderen lüfteten nur etwas die Flügel. Mit dieser Beute war ich sehr zufrieden. Die Federn waren zwar durch das Schleifen im Schlamm an den Spitzen braungrau gebeizt, bei den trockenen Federn war aber nichts davon zu merken.

Ich stieß wieder zu meiner Karawane, die sich inzwischen ausgeruht hatte, und wir setzten den Weitermarsch fort. Bei Durchquerung eines Dickichts, das wenig Ausblick gewährte, schreckte uns plötzlich ein in allernächster Nähe ausgestoßener fauchender Grunzton. »Mbuisi«, wilde Hunde (Hyänenhunde), sagte Mohamadi. Ich bückte mich möglichst tief und sah zwei Löwen von merkwürdig dunkler, ins Braune gehender Farbe, mit dunkelbraunem Kopf, mähnenlos und nur halb so groß als ausgewachsene Löwen, weshalb ich sie für junge Tiere hielt. Mohamadi und Saleh hatten sechs Stück gezählt, und jener erklärte mir, daß es sich um »Buschlöwen« handelte, die nicht größer würden und stets in Rudeln jagten. Sie griffen Menschen niemals aus freien Stücken an, kämen auch niemals in die Nähe der Dörfer. Sobald jedoch einer von ihnen angeschossen wäre, gingen alle solidarisch zum Angriff über.

Vor sechs Monaten hatte mir Pater Jäckel von der Missionsstation Tununguo, ein sehr eifriger Jäger, erzählt, daß er einen solchen kleinen Löwen geschossen hätte, drei andere seien darauf geflüchtet. Ich hielt damals Pater Jäckels Beute für einen jungen Löwen, da ich mir einbildete, alles größere deutsch-ostafrikanische Wild aus eigener Anschauung zu kennen, und sah nun, daß ich mich getäuscht hatte. Leider habe ich auch späterhin keinen dieser kleinen, kaum bekannten und bisher unbeschriebenen Löwenart wieder zu Gesicht oder gar zum Schuß bekommen.

Die überall im Grase liegenden Flußpferde wurden uns bald äußerst lästig; da sie in so großer Anzahl herumlagen, erlosch mein Interesse für sie. Einige Male folgte ich noch ihren Pfaden bis zum Wasser und sah dann stets Flußufer und Sandbänke von ihnen bevölkert. Ich habe auf dieser Reise mindestens tausend Stück gesehen; da ich nur ab und zu Ausblick auf den Fluß hatte und dort stets eine größere Anzahl — zwanzig bis vierzig — sichtete, muß die wirkliche Menge ganz gewaltig sein. Kein Mensch hatte sie hier gestört, und andere Feinde gibt es wohl kaum für sie, da sie mit ihren Mitbewohnern des Wassers, den Krokodilen, friedlich auszukommen scheinen. Es mag höchstens ab und zu einmal ein Löwe ein junges Flußpferd schlagen.

Auf einer Insel, die zurzeit mit der Landseite trockene Verbindung hatte, schlug ich das Lager auf. Ich hatte von hier aus Ausblick auf stark benutzte Tränkstellen an beiden Flußufern. Der Ruaha floß hier in nur vierzig Meter breiter Rinne in reinem Sandbett. Außer einigen großen Bäumen, die mir Schatten gewährten, war die Hälfte der Insel mit dichtem, hohem Schilfrohr bestanden. In dem trockenen Teil des Flußbetts waren zahlreiche, zum Teil tiefe Tümpel, die von sehr mannigfacher Vogelwelt bevölkert waren. Ich sah hier die ersten jungen Nilgänse (Alopochen aegyptiacus Linn.), die noch nicht flügge waren.

Gern hätte ich mir einige davon gefangen, da sie im Geflügelhof ganz zahm werden und auch späterhin nicht fortfliegen. Wir plagten uns aber bis Sonnenuntergang vergeblich. Sie hielten sich immer in der Nähe des Wassers und ließen sich durch keine List davon abschneiden. Auf dem Wasser aber war alle Mühe aussichtslos; sie tauchten so geschickt und kamen zwischen schwimmenden Blättern und Ästen unbemerkt wieder an die Oberfläche, wo man sie erst nach längerem Umherstreifen wieder entdeckte.

Als ich noch bei Tageslicht — um die durch das Lampenlicht herbeigelockten Insekten nicht ständig aus Suppe und Fleischtunke herauslesen zu müssen — meine Mahlzeit einnahm, die sich, wie stets auf Reisen, aus vereinigtem Mittags- und Abendbrot zusammensetzte, sah ich auf der rechten Flußseite (dem Jagdreservat) zwei Elefanten langsam auf den Fluß zu wechseln. Sie kamen bis auf einige Meter an den Fluß heran, knieten dort nieder und schaufelten mit den recht langen Stoßzähnen — an der schlanken Form der Stoßzähne erkannte ich sie als alte Kühe — den Sand auf. Dann erhoben sie sich wieder und halfen mit den Vordersäulen nach, um die Vertiefung größer zu machen. Sie warteten eine kleine Weile, sogen sich mehrmals hintereinander die Rüssel voll und entleerten sie in ihr Maul, dann wurden einige Rüssel voll über den Rücken und die riesenhaften, lebhaft hin und her bewegten Ohrmuscheln gespritzt (Der deutsch-ostafrikanische Elefant (Loxodonta africana knochenhaueri Mtsch., s. Abb. 18) hat im Gegensatz zu Elephas maximus L. [E. indicus] riesenhafte Ohren. Auch seine Stoßzähne sind erheblich größer und erreichen ein Gewicht von 300 Pfund und eine Länge von 2,8 Metern.), bis sie in steinerner Ruhe dastanden, in der hereinbrechenden Dunkelheit immer verschwommener und gewaltiger erschienen und sich schließlich ihre Schatten meinem Auge ganz auflösten. Leider erschien der Mond erst gegen vier Uhr morgens als letztes Viertel.

Von allen Seiten hörte ich in dieser Nacht Elefanten trompeten und beim Laubäsen in den Ästen brechen. Ab und zu gurgelte in dem lautlos fließenden Ruaha das Wasser, wenn Flußpferde heraus oder hinein wechselten. Dazwischen schreckten Buschböcke mit ihrem tiefen Bellton. Einmal erwachend, hörte ich ein Flußpferd ganz dicht bei meinem Zelt Schilf äsen. Ganz gleichmäßig wechselten das Rupfen und die Kaugeräusche ab, so daß ich bald wieder einschlief. Es ist eine weihevolle Stimmung, die einen beherrscht, wenn man in der von frevelnder Menschenhand noch nicht berührten Natur das Leben dieser Urriesen auf sich einwirken lassen kann.

Am Morgen erwacht, ging ich im Schlafanzug aus dem Zelt, und mein erster Blick galt der Stelle, wo gestern abend die Elefanten gestanden hatten. Sie war natürlich leer, aber ein größeres dunkles Etwas lag am Boden, dessen Natur ich mit dem Glas nicht ausmachen konnte. Mohamadi Kungulio, als Monfidyi (Bewohner des Rufidjideltas) an Wasser mit Krokodilen gewöhnt, schwamm hinüber und fand — die Nachgeburt eines Elefanten. Hätte ich von diesem nächtlichen Vorgang eine Ahnung gehabt, so hätte ich mich sicher hinübergepirscht, um diesen Vorgang, der wohl selten eines Menschen Auge geboten wird, zu belauschen. Frisch gekalbte Elefanten hatte ich früher am Njassa häufig gesehen, sie waren aber immer einige Tage alt, da ich sie nur dadurch zu Gesicht bekommen hatte, daß mir gemeldet wurde, der Elefant, der immer dort und dort zur Tränke zieht oder nachts die Zuckerrohrpflanzungen abweidet, hat jetzt ein Junges.

Der Weitermarsch bot gegen die Vortage nichts Neues. Flußpferde, Flußpferde, Flußpferde und ab und zu einige Wasserböcke, sonst sahen wir nichts.

Vom Lager wagte ich es, im Fluß zu schwimmen. Hundertfünfzig Meter von mir entfernt lagen mehrere Flußpferde ruhig im Wasser. Durch unseren Lärm aufmerksam gemacht, schwamm eins langsam auf uns zu. Es war wohl mehr Neugierde als Angriffslust. Als es gähnend den Rachen aufriß, sah ich prachtvolles Elfenbein schimmern (Abb. 10). Ich machte meinen oben vom Zelt uns zuschauenden Leuten die Geste des Schießens, und mein Boy Saleh brachte mir gleich mein schwerstes Gewehr, die 11,2 Elefantenbüchse mit 5,5 g rauchlosem Pulver. Auf etwa 30 Meter ließ ich den Bullen herankommen, dann ließ ich, auf das rechte Auge abkommend, fliegen. Ein gewaltiges Plätschern, das mir die Wellen bis an die Brust spülen ließ — ich stand bis etwas über die Hüfte nackt im Wasser —, und der Bulle lag tot auf dem Wasser, ohne unterzusinken. Auf den Schuß antworteten flußauf und -ab die anderen Flußpferde durch tiefes Rohren.

Um einem Abschwimmen in dem zwar langsam abfließenden Wasser entgegenzuarbeiten, rief ich gleich nach Stricken und Leuten, und bald bewegte sich der Koloß, von Schwimmern gezogen, aufs Ufer zu, während einer auf den Kadaver geklettert war und Umschau hielt, ob kein Krokodil oder Flußpferd in der Nähe sichtbar würde. Plötzlich angstvolles Schreien aller Leute, mein Flußpferd war im Stich gelassen, und alles strebte dem Ufer zu. Ein zweites Flußpferd erschien dicht hinter dem erlegten und gab dem toten Tier gewaltige Stöße. Da mir meine Munition zu kostbar war, rief ich meinem Soldaten beim Zelt zu, einen Schreckschuß abzugeben. Er gab deren zwei ab, die wirkungslos blieben. Na, dann meinetwegen! Ich hatte zwar an einem Schädel genug, aber diesen einen wollte ich auch sicher haben.

Flußpferd
Flußpferd

Gerade als das Flußpferd den Kopf etwas aus dem Wasser hob und steil nach unten senkte, trug ich ihm meinen Schuß durch die Lichter an. Lautlos versank es, nur der dumpfe Ton der einschlagenden Kugel war weit hörbar. Mit Mühe bekam ich meine Leute so weit, daß sie sich wieder vorspannten. Als die Schwimmer Grund hatten, ging die Sache rasch vor sich. Im knietiefen Wasser wollte es aber nicht weiter gehen, trotzdem zwölf Mann an den Stricken zogen und zehn hinten drückten. Da die Sonne schon untergegangen war, ließ ich den Kopf vom Rumpfe trennen. Vier Mann hatten schwer daran zu tragen. Der Schädel sollte bis zum Morgen durch Entfernen aller Fleischstücke leichter gemacht werden, und drei Mann, die sich immer ablösen mußten, ließ ich unter Aufsicht eines Soldaten ans Werk gehen. Schrilles Trompeten der Elefanten, Rohren der Flußpferde und das Heulen einiger Hyänen, die der Fleischgeruch lockte, machten unser Nachtkonzert. Am Morgen rief ich durchs Zelt, daß zwei Mann nachsehen sollten, ob der Kadaver des zweiten Flußpferdes, das gestern gleich gesunken war, an den Stromschnellen, die weiter unten waren, angeschwemmt sei oder so auf dem Wasser treibe.

Sie kamen zurück mit der Botschaft, daß nicht nur von dem zweiten Flußpferd nichts zu sehen sei, sondern auch der kopflose Kadaver, den wir nur mit Mühe im knietiefen Wasser fortbewegt und nicht einmal bis ans Ufer gebracht hatten, verschwunden sei. Wir nahmen an, daß es Krokodile gewesen waren, die den unverletzten Körper angeschnitten und dadurch am Auftrieb verhindert und ebenso den kopflosen Kadaver erst durch Abreißen von Stücken leichter gemacht und dann ins tiefere Wasser gezerrt hätten. Am Rikwasee hatte ich häufig die Beobachtung gemacht, daß auf den Grund gesunkene Flußpferde von Krokodilen angeschnitten wurden, ehe sich die Auftriebsgase entwickeln konnten.

Flußpferdschädel
Flußpferdschädel

Nun, dann hilft weiter nichts, wir mußten weiter. Zwei Mann tragen den jetzt nur noch etwa hundert Pfund schweren Schädel an einer Stange. Das Gebiß ist prächtig (Abb. 11). Die Stoßzähne sind handgelenkstark, und die beiden unteren Hauer reichten mir, als ich sie später herausnehmen konnte, um den Leib, wenn man Wurzel und Spitze zum Ring zusammenlegte.

Gegen zehn Uhr wurde hinten bei den letzten Trägern ein Nashorn (Diceros bicornis L., Abb. 12) hoch. Geräuschvoll wie eine Dampfmaschine pustend, jagte es an der Karawane entlang, lief auf uns bis auf vierzig Meter zu und schwenkte dann links ab, in der Hügellandschaft im hohen Grase verschwindend. Natürlich lagen wieder sämtliche Lasten auf der Erde. Wegen seiner Angriffslust ist es das von den Negern am meisten gefürchtete Tier. Man sieht es dem ruhig weidenden, plumpen Tier gar nicht an, welch behende Geschwindigkeit es entwickeln kann.

Nashorn
Nashorn

Die Hügellandschaft trat jetzt etwas mehr zurück, und das Gras wurde niedriger, so daß das verbreiterte Flußufer Salzsteppencharakter annahm. Gnus (Connochaetes taurinus Burch.), Hartebeeste und Zebras traten in kleinen Herden auf, und Rudel von Schwarzfersenantilopen äugten auf uns aus der Ferne. So blieb das Bild einige Tage, die Elefantenwechsel wurden spärlicher, und nur die Flußpferde blieben zahlreich wie zuvor. Ein heftiger Kopfschmerz hatte sich bei mir bemerkbar gemacht, und ein Ziehen im Kreuz und in den Beinen gab mir Gewißheit, daß sich Malaria eingestellt hatte. Unsere Vorräte waren aufgezehrt, wir waren schon am siebenten Tage unterwegs, statt, wie gerechnet, am fünften bis sechsten auf eine Ortschaft zu stoßen. Mein Kaffee war auch zu Ende, ebenso der Brot- und Mehlvorrat, und selbst das Petroleum zu meiner Reiselampe. Nur Reis war für mich noch für eine Mahlzeit vorhanden. Nachmittags nahm ich ein Gramm Chinin und abends ein zweites. Das Fieber ging nicht herunter und blieb auf neununddreißig Grad stehen, ab und zu etwas über vierzig steigend. Nachts erwache ich und nehme halb im Fieberwahn ein drittes Gramm Chinin. Das war auch für meine Pferdenatur etwas zu viel, und am Morgen sah ich die Bescherung, ich hatte mir ein Schwarzwasserfieber zugezogen, das zweite in Afrika, allerdings mit einem Zwischenraum von elf Jahren. Ich versuchte, auf dem Esel zu reiten, nach einer Stunde ging's nicht mehr. Nun heißt zwar bei Schwarzwasserfieber die erste Pflicht, ruhig liegen bleiben, ganz gleich, wo. Meine und meiner Leute Nahrungsmittelverhältnisse zwangen uns aber weiter. Ein paar Schritte machte ich, auf meinen Boy Saleh gestützt — es ging nicht mehr. Meine Soldaten machten aus meiner Zeltbodendecke eine Hängematte und trugen mich persönlich. Es ging so lange gut, bis das schon mürbe Segeltuch riß. Nun banden sie ihre Schlafdecken als Hängematte an eine Stange, aber bald löste sich auch dort das Gewebe auf, und es blieb nichts anderes übrig, als daß ich mehrere Strickpartien mir um Decke und Stange in kleinen Abständen legen ließ. Fest wie ein Bündel lag ich nun an die Stange angeschnürt. Das durch die Decke gemilderte Einschneiden der Stricke war noch zu ertragen, aber ich konnte mich nicht bewegen und die Tsetsefliegen nicht verjagen, die sich saugend auf Kopf und Gesicht niedergelassen hatten. Ich verlor bei dieser Tour mehrere Plomben aus den Vorderzähnen, wenn ich in Schmerz und Wut in die Decke biß.

Essen mochte ich im Lager nichts. Es gab nur gedörrtes Wasserbockfleisch und abgekochtes lauwarmes Ruahawasser. Von diesem zwang ich so viel in mich hinein, als mir ohne Brechreiz möglich war, um die mit Blut verstopften Nieren wieder zu spülen und arbeiten zu lassen. Einen Mann sandte ich voraus, um mir aus der unmöglich weit entfernten Ortschaft eine Papay (Baummelone) zu holen, koste es was es wolle. Spät am Abend kam er ergebnislos zurück, er brachte aber einen Fischer mit, den er mit zwei anderen Leuten getroffen hatte.

Nun konnte ich mich wenigstens über die Gegend orientieren. Die Ortschaften flußabwärts waren mehrere Tage entfernt, die auf der Karte angegebenen existierten nicht mehr. Ihre Bewohner waren flußabwärts gezogen, weil sie infolge der zahlreichen Elefanten, Nashörner und Flußpferde nie eine ordentliche Ernte einbringen konnten, sondern nur auf Fischfang angewiesen waren, um dann mit der geräucherten Ware spärliche Lebensmittel eintauschen zu können. Viel braucht der Neger nicht, aber dies war ihnen doch zu primitiv, und sie verließen diese Gegend schon lange, wie ich zu meinem Leidwesen hörte.

Die drei Fischer konnten uns keine Lebensmittel ablassen, denn sie hatten selber nichts außer Dörrfischen. Uns war es um Mehl oder Reis zu tun, da Fleisch und Fisch allein den Verdauungsapparat zu sehr anstrengt und auf die Dauer Darmkrankheiten hervorruft. Einer meiner Leute hatte einen wilden Bienenschwarm entdeckt, es war aber nur eine kleine Honigwabe drin von halber Handgröße, die anderen Waben enthielten Brut oder waren so wenig angefüllt, daß der Honig noch nicht herausfloß.

Am nächsten Tage bei den Fischern angekommen, bogen wir vom Ruaha links ab auf das Dorf Hobola zu. Nach sechsstündigem Marsche erreichten wir drei ganz primitive Hütten. Hier erhielt ich einige Stücke Maniok, den ich erst rösten ließ und heißhungrig verzehrte. Endlich am neunten Tage erreichten wir Hobola. Schon von dem Anblick der hübschen Hütten, zwischen denen zahlreiches Federvieh herumlief, kam ich wieder zu Kräften. Bald hatten die Leute gehört, daß wir ein paar Tage gehungert hatten und daß ich schwer krank sei. Sie schleppten in großen Mengen Süßkartoffeln, Maniok, Kürbisse, Zuckerrohr und Eier herbei, und es begann ein Schmausen meiner Leute bis zum nächsten Morgen. Ich selbst leistete auch darin Erhebliches und hielt meinen Koch bis elf Uhr nachts in Atem. Erst ließ ich mir Kürbissuppe machen, dann Süßkartoffeln rösten, dann solche kochen. Zwei große Portionen Rührei genoß ich in den Pausen und kaute dann noch eine Stange Zuckerrohr. Jedenfalls futterte ich mich in dieser einen Nacht völlig zu Kräften.

Neu gestärkt und wie zu neuem Leben erwacht ging es am nächsten Morgen vor Tagesanbruch weiter. Gegen elf Uhr erreichten wir das Dorf Kirengwe an der Straße Kissaki-Mahenge. Hier hatte ich mein Rad stehen lassen, und mit dem Gefühl »nur nach Hause« ließ ich meine Leute Lager machen und setzte mich selbst aufs Rad, um gegen einhalb ein Uhr in Kissaki zu sein.

Jedenfalls war ich der erste Europäer, der diese gänzlich unberührte Gegend durchquert hatte. Unser rasches Vorwärtskommen auf dieser unbewohnten Strecke verdanke ich meinen gut eingeübten Trägern, die mich schon monatelang auf Reisen begleiteten. Heute sind alle Mühseligkeiten vergessen, und gern erinnere ich mich dieser Reise, die mir so reichen Einblick in dieses Stück erhaltenen Dorados der Riesen aus der Urzeit gewährte.

Flußpferde (Hippopotamus amphibius L.).

Viele Reisende berichten aus Afrika, daß Flußpferde harmlose Tiere wären, die niemand etwas zuleide täten und den Menschen aus dem Wege gingen. Sie verurteilen auch die Jagd auf Flußpferde, erklären den Abschuß für unweidmännisch und möchten die Flußpferde von der Liste der zur Jagd erlaubten Tiere gestrichen wissen.

Ohne Zweifel haben sie teilweise recht. Es gab Leute, die sich Jäger nennen, sich an einen Wassertümpel setzten, in dem sich Flußpferde befanden, und die dann auf eins schossen, worauf die übrigen untertauchten. Vorsichtig kommt wieder ein Kopf aus dem Wasser, um Luft zu schöpfen; puff, wird auch er beschossen, das erste könnte ja nicht tödlich getroffen sein, und so geht's weiter. Am nächsten Morgen schwimmen dann zwanzig und mehr Leichen auf dem Wasser, der Rest ist ausgewandert. Ich spreche hier von häufig vorgekommenen Tatsachen. Solche »Jäger« haben aber gewöhnlich in Afrika zum erstenmal ein Gewehr in der Hand gehabt und halten sich nun für geübt, wenn sie eine Kugel aus dem Lauf lösen und einigermaßen richtig ans Ziel bringen können; Liebe und Interesse für Wild fehlt ihnen; die Natur selbst ist ihnen fremd. Sie gleichen den Engländern, die das Tontaubenschießen von Monaco und Ostende auf das Wild übertragen und mit ihrer Rekordwut die Kreatur zugrunde richten. Durch das neue Jagdgesetz, das für einzelne Bezirke eine Einschränkung vorsah, ist ihnen das Handwerk gelegt worden. —

Die Erlegung von Flußpferden kann dem Jäger aber auch reine weidmännische Freuden bescheren. In den Gebieten, wo sich dieses riesige Wasserschwein mit der Kultur trifft und seines Feldschadens wegen häufig verfolgt wird, werden auch namentlich die älteren Bullen äußerst angriffslustig. Wer an der Wehrhaftigkeit zweifelt, braucht sich nur einmal einen alten Bullenschädel mit seinen gewaltigen Stoßzähnen und Hauern im Unterkiefer genau anzusehen (s. Abb. 11). Wie mancher Neger hat im Rufidji schon seinen Tod gefunden, weil ein bösartiger Bulle ein harmloses Kanu umstieß oder zerbiß. Mancher mir bekannte Europäer geriet durch Flußpferde, ohne daß er sie beschoß, infolge Kenterns seines Bootes in die Gefahr des Ertrinkens oder des Todes durch den Angriff eines Krokodils und wurde nur mit Mühe gerettet.

Aber nicht nur im Wasser können Flußpferde unangenehm werden, wie aus folgendem hervorgeht. Im März 1912 kehrten in Kissaki eines Abends zwei Neger von der Arbeit zurück. Es war gegen neun Uhr und ziemlich dunkel, wie meist in der Regenzeit. Kurz vor ihrem Dorfe sahen sie ein großes schwarzes Tier an der Straße stehen. Der eine der Männer klopft mit dem Stiele seiner Hacke an einen Baum, und im Augenblick werden beide angegriffen. Der eine entkommt, der zweite fällt auf dem schlüpfrigen Boden hin und streckt die Beine in die Luft. Schon hat ihn das Flußpferd erreicht und zermalmt ihm gänzlich den Unterschenkel. Es wurde erst durch das Geschrei der Dorfbewohner vertrieben. Da alle Wege tief voll Wasser standen, war eine Verfolgung durch Aufnahme der Fährte am nächsten Morgen ausgeschlossen.

Beim zweiten Falle erschien im Juli desselben Jahres ein alter Bulle mittags um 12 Uhr in einem Dorfe. Die Leute hörten das Laufen und glaubten, ein Europäer sei geritten gekommen. Als sie zu seiner Begrüßung aus ihren Hütten heraustraten, sahen sie ein Flußpferd laufen. Eine alte, schwerfällige Frau lief ihm in den Weg und erhielt einen solchen Hieb mit den Hauern, daß die Rippenpartie der linken Seite samt den Rippenknochen aufgerissen wurde.

Da ich dringend verreisen mußte, hatte ich selbst keine Zeit, die Verfolgung aufzunehmen, und schickte deshalb fünf Leute mit Gewehren ab, um das bösartige Tier, das sich seit längerem eine halbe Stunde abseits des Flusses in den Maisfeldern aufhielt, deren Hüter angriff und nur schwer zu verjagen war, unschädlich machen zu lassen. Angeblich hatten es die Leute beschossen. Es habe auch schwer vom Blatt geschweißt, trotzdem sei es entkommen. Den Mgetafluß habe es durchschwommen und sich stets auf dem trocknen Lande in Sicherheit zu bringen gesucht. Ich konnte diese Behauptungen wegen meiner dazwischenliegenden Abwesenheit nicht nachprüfen. Einige Zeit später, als das Flußpferd wieder gemeldet wurde, brachte es der Baumeister S., der die Station Kissaki baute, zur Strecke.

a. Die Jagd der Eingeborenen auf Flußpferde auf dem Njassasee.

Häufig hatte ich am Njassastrand in den frühen Morgenstunden oder auch am Tage, wenn der See wellenlos lag, die Umrisse der der Flußpferdjagd obliegenden Wakissi beobachtet. In Kanus, die sechs bis acht Leute fassen, stand am Bug der Harpunier mit der Harpune, die stets auf dem nach oben ausgestreckten Arm wagerecht gehalten wird. Immer folgte ein Kanu ohne Harpunier. Nie waren es aber mehr als zwei Kanus, die gemeinsam fuhren. Vom Land aus gelang es mir nicht, den Augenblick des Harpunierens zu erspähen, wohl aber sah ich mehrmals die Leute mit ihrer Beute im Schlepptau heimkehren und diese im seichten Wasser zerlegen.

Ende des Jahres 1902 konnte ich die Angst des Wakissihäuptlings Mandemera, daß mir ein Unfall zustieße und er dann dafür verantwortlich gemacht würde, besiegen und ihn breitschlagen, mich auf solche eigentümliche Jagd mitzunehmen.

Zunächst will ich kurz die Ausrüstung beschreiben. Die beiden Kanus boten Platz für vier bis sechs Personen, trugen aber im Notfall das Doppelte. Es waren ausgehöhlte Baumstämme, deren Öffnung oben breit genug war, daß ich, ohne mich seitwärts zu drehen, im Niedersitzen meine Hüften hineinbrachte.

Zu jedem Boot gehörten vier Mann mit dem am Njassa gebräuchlichen kurzstieligen Paddelruder (s. Abb. 13, rechts) mit lanzettlichem Blatt, das, ohne am Bootsrand aufgelegt zu werden, mit beiden Armen gehandhabt wird. Die Ruderer sitzen am Boden des Bootes mit vorgestreckten Beinen und bewegen nur den Oberkörper beim Rudern.

Die Harpune (s. Abb. 13, links) ist ein am Blatte oval geschmiedetes und haarscharf geschliffenes Eisen von 6 cm Länge und 4 cm Breite. Oberhalb des Blattes steht als Widerhaken ein eiserner Dorn von der Dicke und Länge eines kleinen Fingers, dann folgt eine mit einer Öse versehene Lasche. In dieser ist eine aus Hanffaser festgeflochtene Leine gut verknüpft. In die Lasche wird locker ein aus hartem, zähem Holz gearbeiteter, fünf Meter langer Schaft gesteckt, an dem die Harpune durch die an der Öse befestigte Leine festgezogen wird. Bei Lockerung der Leine trennt sich die Harpune sofort vom Schaft. Der Schaft von Handgelenkstärke wird durch monatelanges Liegen im Schlamm mit mehrmaligem Erhitzen über Feuer besonders schwer und wuchtig gemacht und wiegt dann gebrauchsfähig fünfunddreißig bis vierzig Pfund. Man muß die Harpunenführer bewundern, daß sie stundenlang dieses Gewicht auf dem erhobenen Arm balanzieren können. Die oben erwähnte Leine ist sechzig bis siebzig Meter lang und liegt sauber aufgerollt hinter dem Harpunenträger. Eine zweite ist zur Reserve vorhanden. Dann kommen auf jedes Boot noch zwei Dutzend starke Speere mit 30 Zentimeter langem, dreieinhalb bis vier Zentimeter breitem Blatt. Die Speere sind mit Blatt etwa 1,6 m lang.

Paddel und Harpune
Paddel und Harpune

An einem windstillen Morgen fuhren wir bei der ersten Dämmerung ab. Östlich von uns sah und hörte man schwach einige Flußpferde, die, aus der Lufiriomündung kommend, langsam in den offenen See zogen. Ich befand mich im Boot beim Harpunenträger — dem Häuptling Mandemera selbst — und hatte, weil ich von dieser Art Jagd noch nichts verstand und daher sonst passiv bleiben wollte, die Beaufsichtigung der Leine übernommen, um möglichst genau vom Bug aus beobachten zu können. Ich hatte bis auf Hut, Hemd und Hose alles abgelegt, um gegebenenfalls im Schwimmen nicht behindert zu sein, falls das Boot zum Kentern kam, was häufig vorkommen sollte. Außer uns beiden trug das Boot vier Ruderer. Das zweite Boot war ebenfalls mit vier Ruderern bemannt und trug noch einen Mann und einen Jungen. Jener sollte speeren, der Junge ihm Ersatzspeere reichen.

Klar grün schimmerte das Njassawasser. Es war so durchsichtig, daß man am Bug, ohne verzerrte Bilder zu bekommen, auf dem Sandboden jedes Steinchen schimmern und jeden Fisch schwimmen sah. Der See mochte fünf Meter tief sein, wie ich mich belehren ließ. Mandemera bestimmte die Tiefe nach der Farbe des Wassers. In einem Kilometer Abstand von den Flußpferden fuhren wir zunächst zu diesen parallel. Dann wurde ein Bogen geschlagen, der die Tiere zwischen uns und das Land brachte. Da sich auch die Flußpferde gleichzeitig vom Ufer entfernten, waren wir etwa 6 Kilometer weit draußen im See. Nun warteten wir mit eingezogenen Rudern. Oft war von den Flußpferden nichts zu sehen. Sie schwammen unter Wasser; näher und näher kamen sie. Erst sah man eine Fontäne zerstäubten Wassers aufsteigen, dann erst hörte man den prustenden Ton, der durch das Ausstoßen der Luft verursacht wird. Auf 150 Meter waren sie jetzt an uns herangekommen. Es war 7 Uhr morgens. Nun suchten sie seitlich auszubiegen, da sie wohl die feindliche Absicht witterten. Unsere Ruderer traten in Tätigkeit, und Mandemera stellte sich in Positur, wie ich sie so häufig vom Land aus beobachtet hatte. Das zweite Boot fuhr in drei Meter Abstand eine halbe Bootslänge hinter uns. Nun waren wir heran. Zehn Meter vor uns tauchte der Wassersprudel auf. Dann hob sich das Tier mit halbem Körper aus dem Wasser und versank lautlos. Es waren vier Flußpferde. Mandemera hatte es auf das letzte abgesehen. Er schien es unter Wasser genau im Auge zu haben, ich konnte nichts sehen, da ich saß. Da tauchte vor uns in fünf Meter Entfernung die Nase auf und war auch schon wieder unter Wasser.

Flusspferdjagd
Flusspferdjagd

Jetzt sah auch ich das Tier unter Wasser. Ganz rosig durchscheinend schimmert seine Haut, ganz verschieden von dem sonstigen bräunlichen Ton. Nun tauchte es zwei Meter seitwärts vor uns auf, sofort wendeten unsere Boote. Wieder schwamm es unter uns. Es schien mir greifbar nahe. Mandemera sagte, ohne seine Stellung zu verändern, es schwimmt zu tief. Wohl eine Stunde folgten wir dem Flußpferd und bewegten uns kreuz und quer fahrend dem Lande zu. Wir waren nur noch etwa vier Kilometer vom Strand entfernt und die anderen Flußpferde weit draußen im See. Mandemera sagte mir, ich stoße nur, wenn es nach oben schwimmt, um Luft zu holen. Dies geschah alle drei bis fünf Minuten. Wie mir schien, verpaßte der Häuptling gute Momente. Plötzlich sah ich, wie Mandemera die Spitze der Harpune langsam senkte. »Gib auf die Leine acht!« rief er mir zu. Das Flußpferd tauchte auf, wieder hatte er nicht gestoßen, und ich fing an, ungeduldig zu werden. Jetzt erhob er sich auf den Zehen, und die Harpune mit beiden Händen fassend stieß er zu (Abb. 14). Ich spähte über den Rand und sah, wie sich das Flußpferd im Wasser überschlug. Indem ich hastig die Leine abwarf, sah ich, wie Mandemera jetzt den harpunenlosen Schaft in der Rechten hielt und durch die Linke die Leine gleiten ließ. Halb links waren wir über das Flußpferd hinweggefahren. Jetzt tauchte es auf, etwa 10 Meter rechts von uns, seine Wasserfontäne war hellrot vom Schweiß. Rückwärts fahrend hatte Mandemera den Harpunenschaft abgelegt und ließ sich von mir einen Speer reichen. Ungefähr zwei Drittel der Leine waren abgelassen. Mandemera faßte sie jetzt straff und sagte zu mir »festhalten«; schon merkte ich das Reißen des flüchtenden Tieres. Ich spreizte meine Knie, um fest im Boot zu sitzen, und ließ die Leine am Bootsschnabel aufliegen. Tief neigte sich dieser nach dem Wasser; obwohl die Ruderer Gegengewicht gaben, nahmen wir doch Wasser über, das ein Mann eilig mit einem halben Flaschenkürbis ausschöpfte. Vierhundert Meter hatten wir so in schneller Fahrt, vom Flußpferd gezogen, zurückgelegt, das zweite Kanu hielt sich an unserem Boote fest. Mandemera und ich hatten scharf zu halten, weil wir die Last beider Boote schleppten.

Plötzlich wird die Leine schlaff und, den ganzen Kopf außer Wasser, kommt das Flußpferd laut brüllend auf uns zu. Mir wurde beklommen zumute. Mandemera ging wieder an die Spitze des Bootes, und die Ruderer ruderten mit Kraft rückwärts. Jetzt ist das Tier so nahe, daß ich im Geiste schon unser Boot splittern sehe. Da hat es Mandemeras Speer im Rachen, es schüttelt wütend den Kopf und beißt zu, der Speerschaft zersplittert. Rasch reiche ich Mandemera den bereitgehaltenen zweiten Speer. Er kommt aber nicht mehr zum Stoßen, denn das zweite Kanu kam heran, und blitzschnell hatte sein Speerträger zweimal zugestoßen. Das Flußpferd warf sich hintenüber, etwa wie der Stier den Kopf hochwirft, auf den Schmerz reagierend, wenn er die erhoben gehaltenen Banderillos in den Nacken empfängt, so daß der Torero Zeit hat, zu entfliehen. Schon ist es wieder an der Oberfläche. Die Ruderer leisten Fabelhaftes im schnellen Wenden und Vor- und Rückwärtsfahren. Blutiger Schaum breitet sich auf dem Wasser. Mehrmals noch haben die Speerhalter beider Boote Gelegenheit, zuzustechen, die Bewegungen des Tieres werden matter, die Speerstiche bei jedem Auftauchen häufiger und tiefer. Jetzt ist das Flußpferd wieder oben, es liegt halb auf der Seite. Mandemera sticht so heftig zu hinters Blatt, daß er ins Wasser springen muß, der Speer bleibt stecken. Noch einmal bäumt das Tier auf, uns mit flockigem Schweiß übersprühend, dann sinkt es langsam weg. An der Leine wird es bis an die Oberfläche geholt und noch ein Strick an sein Bein gebunden. Dann werden beide Stricke am Boot festgemacht. Das andere Boot legt sich uns vor. Mandemera und ich halten es mit den Händen fest und, das Flußpferd im Schlepptau, geht's dem Lande zu. Gegen elf Uhr hatten wir wieder Boden unter den Füßen. Die Beute lag drei Meter vom Strand entfernt im See, weil wir sie im seichten Wasser nicht weiterziehen konnten. Es war ein junger Bulle. Das ganze Dorf hatte sich schon versammelt mit Messern und Körben, um das Fleisch abzuholen. Ich sah mir zunächst die Speerstiche an, die zehn Zentimeter breit waren. Vergeblich versuchte ich, einen Speer durch die Haut zu stoßen. Sie federte wie Gummi, und zum Schluß hatte ich das Blatt ganz verbogen. Es scheint bei der Anwendung dieser Waffe, die ich in ihrer Weichheit mit den Händen fast wieder gerade biegen konnte, mehr Geschicklichkeit als Kraft nötig zu sein. Dann ließ ich mir die Harpune herausschneiden, um zu sehen, wie sie saß. Fünfzig Zentimeter weit war sie seitlich in den Nacken gedrungen und hing mit dem Widerhaken am Kehlkopf. Vor dem Zerlegen ging ich nach Hause. Meine Nerven erschlafften stark nach der aufregenden Anspannung, und ich habe auch keine weitere Mitwirkung an derartiger Jagd angestrebt, obwohl sich mir späterhin mehrfach Gelegenheit bot, d. h. die Leute keine Angst mehr hatten, mich mitzunehmen, da diesmal die Sache gut abgelaufen war. Ein Gewehr hatte ich deshalb nicht mit ins Boot genommen, weil ich zu damaliger Zeit nur eine gute Waffe besaß, die ich nicht verlieren wollte, falls das Boot kenterte, wie mir vorher ausgemalt wurde. Sonst hätte ich dem Tier bald den Fangschuß gegeben, nachdem es an der Harpune saß — es hat eben nicht jeder eine Negernatur —, Gelegenheit hätte ich dazu gehabt.

b. Flußpferde im Rikwasee.

Gegen Ende des Jahres 1907 hielt ich mich einige Wochen am Rikwasee (Abb. 1) auf. Die Gegend ist recht spärlich bewohnt, wegen der sehr geringen Regenfälle unfruchtbar und sehr, sehr heiß. Groß ist dagegen der Wildreichtum, und in den Mittagsstunden ist stellenweise nichts zu sehen vor dem Staub der sich wälzenden Zebras und der herumgaloppierenden Hartebeeste, denen das Brackwasser des Sees und das Gras der Salzsteppen so vorzüglich bekommt, daß ich nie wieder Tiere in solchem Ernährungszustande sah wie dort. Das Wasser ist belebt von Scharen von Watvögeln. Rosa und weißen Wolken gleich fliegen unzählige Flamingos und Pelikane über das Wasser, das großen Fischreichtum — allerdings vorwiegend wenig schmackhafte Welse — beherbergt und außerordentlich viel Schildkröten und Krokodilen zum Aufenthalt dient.

Flußpferde sind im Verhältnis zu anderem Wild nur wenige vorhanden, Nashörner wechseln ganz selten vorbei, und Elefanten durchschreiten den See nur alle Jubeljahre einmal. Nur einmal sah ich drei Elefanten mitten im See stehen. Ich hielt sie erst für Flußpferde, da sie nur etwa eineinhalb Meter über dem Wasserspiegel sichtbar waren, und dann betrug auch die Entfernung einige Kilometer.

Nach Westen zu ist der See in der Trockenzeit für Fußgänger durchschreitbar, südlich ist das Wasser so flach, daß man nach sechshundert Metern vom Ufer nur bis an die Knie im Wasser steht. Im Osten sind die Ufer versumpft durch den einmündenden Songwefluß, und nur im Norden fallen die Ufer steil ab.

Mir war neben anderen Nahrungsmitteln Butter und Fett ausgegangen. Von den Fettschwanzschafen hatte ich nur noch eins, dessen »Fettschwanz« leider seine Rasse Lügen strafte und nur als schlaffer Hautlappen herunterhing. Meine Mahlzeiten wurden täglich miserabler. Der Koch gestand sein Unvermögen, ohne Fettstoffe Abwechslung in die Küche zu bringen, und ich mußte ihm in dieser Beziehung recht geben. Ein Pumpversuch bei den Mönchen der »Weißen Väter« in Galula zeitigte eine Flasche Erdnußöl, mehr konnten sie wegen eigener Ebbe nicht entbehren. Was sollte ich mit diesem »Tropfen auf den heißen Stein« anfangen? Da fiel mir ein, daß ich im Kolonialkochbuch gelesen hatte, »der Speck des Flußpferdes ist sehr wohlschmeckend und in den Tropen bekömmlicher als Schweinespeck,« es standen da allerdings auch noch andere Sachen drin, wie »Affenrücken zuzubereiten« — brrr, mich schüttelte es, — aber versuchen konnte man es immerhin. Ich lagerte in Kadabula und hatte sowohl an die Süd- wie an die Ostseite zwei gute Wegstunden bis zum See. Rasch ließ ich Pferd und Maskatesel satteln und machte mich in Begleitung meines Pferdejungen auf den Weg. Die Südseite, die ich für die aussichtsloseste hielt, entsprach meinen Erwartungen. Mit dem Glas sah ich im Osten des Sees mehrere Flußpferde im Wasser spielen. Also gut, nach Osten. Zwei Kilometer vor dem See mußte ich Pferd und Esel zurücklassen, da das Gelände sumpfig wurde. Zahlreiche Moorantilopen, die Ricken in Sprüngen, die älteren Böcke einzeln, sprangen knätschend im Sumpfboden ab. An Wildbret lag mir nichts, meine Trophäen wiesen gute Stücke auf, und aus diesem Grunde schoß ich nicht; sodann wollte ich mir auch die Flußpferde nicht vergrämen.

Eine filzige Rasendecke bedeckte den Sumpf. Wie auf Eiern lief ich vorwärts. Bei jedem Stehenbleiben spülte Wasser um meine Schuhe, und die Rasendecke zitterte bei jedem Schritt mehrere Meter im Umkreis. Einigemal trat ich durch und zog den Fuß bis übers Knie mit grauem Schlamm bekleistert wieder heraus. Als ich erst ordentlich eingeschlammt war, kam ein Gefühl der Gleichgültigkeit dagegen auf. Eine dünne Binsenlinie versperrte mir noch den Ausblick auf den See. Endlich hatte ich sie überschritten, aber wo waren die Flußpferde? Mehr als sechshundert Meter draußen im See. Überall standen Krokodilköpfe auf dem Wasser, und ab und zu schwamm ein Krokodil vorbei, den zackigen Rücken und Schwanz außer Wasser. Sollte ich weiter ins Wasser hineingehen? Die Krokodile sind hier sehr friedlich, da sie überreich Fischnahrung haben und von Menschen wenig belästigt werden. Ich versuchte es, aber nach dreißig Metern ging mir das Wasser schon bis an die Hüfte, und ganz vertrauenerweckend war mir die Nähe der Krokodile doch nicht. Unverrichteter Sache kehrte ich wieder um, denn ich sagte mir: Schieße ich wirklich ein Flußpferd, wer holt es mir heraus? Da ich das Fett für den Tisch verwerten wollte, mußte es wenigstens frisch geborgen werden, ehe Zersetzungsgase den Auftrieb besorgten.

Sultan und sein Minister
Sultan und sein Minister

Zu Haus fragte ich den Sultan Mwen Iwunga (Abb. 15), ob er mir nicht sein großes Kanu zur Verfügung stellen könnte. Er behauptete aber, das Befahren des Sees wäre nur in der Regenzeit möglich, wenn der Songwe hoch sei, jetzt wäre durch die verschilfte Mündung nicht durchzukommen. Wenn ich Flußpferde schießen wollte, müßte ich abends gehen oder zeitig vor Tagesanbruch, da wären sie an Land. Früher, wo er noch rüstig gewesen sei, hätte er es immer so gemacht und Erfolg gehabt. Also ritt ich abends wieder hin und fand die Flußpferde genau so weit draußen, wie am folgenden Morgen. Sie mußten erst spät in der Nacht aussteigen und nicht sehr lange äsen. Der Mond war aber noch zu klein, um nachts schießen zu können.

Gekochtes Wildfleisch und Reis, das ich früh, mittags und abends vorgesetzt bekam, konnte ich aber kaum mehr sehen und riechen.

Nach fünf Tagen hatten wir endlich Vollmond. Elf Uhr nachts war ich wieder an Ort und Stelle und zitterte förmlich vor Aufregung, daß die Flußpferde vielleicht an einer entfernteren Stelle aussteigen könnten. Ich nahm meinen Fährtensucher mit, um jemand bei mir zu haben. Kaum waren wir am Wasser angekommen, so hörten wir ein Rauschen; es wurde still, dann rauschte es wieder. Nun können wir auch sehen. Drei Flußpferde kommen aufs Land zu. Sie haben schon Grund und den halben Leib außer Wasser. Alle paar Schritt bleiben sie stehen. Jetzt sind sie nur noch hundert Meter entfernt, jetzt noch vierzig. Wir wollen sie erst aussteigen lassen, und ich will dann möglichst nahe herankriechen, da ich trotz des hellen Mondes schlecht zielen kann.

Flußpferd
Flußpferd

Kaum liegen wir hinter einem ausgesuchten Grasbüschel, so legen die Flußpferde die letzten vierzig Meter in ziemlichem Eiltempo, das Wasser aufrauschen lassend, zurück und sind am Land. Sie sinken bis an den Bauch im Sumpf ein und fangen sofort lebhaft, fast gierig an zu äsen. Silbern glänzen die feuchten Leiber im Mondlicht. Vorsichtig schiebe ich mich zwischen den Binsen entlang. Ich war schon zu weit gekrochen, nur ein Meter trennte mich vom mittleren Tier. Indem ich mich seitlich zurückschob, hoffte ich, daß das Flußpferd bald durch eine kleine Lichtung in den Binsen hindurchkommen würde. Nun erschien der Schädel, und nun der Körper. Zwei Meter war ich von ihm entfernt und ließ fliegen, aufs Blatt abkommend. Im Augenblick war ich auch aufgesprungen und von dem an mir vorbeirasenden Tier wieder hingeworfen worden. Als ich hoch kam, sah ich es bereits zusammenbrechen. Da pustete das letzte Flußpferd heran. Ich trug ihm einen Schuß an und lief dann in vier Meter Abstand neben ihm her und feuerte im Laufen noch dreimal. Es hat das Wasser erreicht; nun taumelt es und tut sich noch hart am Ufer nieder (Abb. 16). Das Nebenherlaufen war übrigens gar nicht so einfach. Bei jedem Schritt trat ich tief in den Sumpf, und es muß ein komisches Bild gewesen sein, wie ich meine Sätze machte und immer den hinteren Fuß aus dem Sumpf ziehen mußte. Dem Flußpferd ging es aber auch nicht besser. Am nächsten Morgen bezeichnete eine tiefe Rinne die Schleifspur seines Bauches; zu beiden Seiten standen die Löcher voll Wasser, wo es tief eingetreten war.

Die Moskitos hatten mich ganz eklig zugerichtet, und meine Augenlider waren von den Stichen dick verschwollen. Einen jungen Bullen und eine sehr alte Kuh hatte ich zur Strecke gebracht. Speck hatte der Bulle gar keinen und die Kuh nur ganz wenig. Mit dem Bauchfett zusammen schmolz mein Koch nur etwa vierzig Pfund daraus. Geschmeckt hat's übrigens ganz leidlich, ich war aber auch lange genug für den Genuß vorbereitet und hätte auch übleren Sachen einen guten Geschmack abgewonnen.

c. Der alte Gomerobulle.

Ich hatte durch nächtliches Arbeiten meine Nerven etwas überanstrengt und konnte wieder einmal nicht einschlafen. Um nicht schlaflos im Bett liegen und naß zu schwitzen, lief ich auf meiner Veranda auf und ab und rauchte dann im Dunkeln im Klubsessel liegend noch eine Zigarette. Fortwährend hörte ich vom Gomeroflusse her das Schrecken von Buschböcken, und ich beschloß, mich am künftigen Tage, da ich gerade den Strich unter eine größere Arbeit gemacht hatte, selbst zu belohnen und auf einer kleinen Streife am Gomero, der nur zwei Kilometer entfernt war, durch körperliche Anstrengung die Nerven wieder in das richtige Gleichgewicht zu bringen. Buschböcke sah ich zwar keine, dafür aber eine außerordentlich starke Flußpferdfährte. Nach zwei Stunden Folge durch übles Dickicht verlor ich die Fährte und kehrte mit zerrissenem Anzug und auch nicht ganz heiler Haut heim.

Heisse Wasserquellen
Heisse Wasserquellen

Öfter, wenn ich in der Richtung auf die heißen Quellen (Abb. 17) den Gomero überschritt, um für meine Küche einen Wasserbock oder ein Hartebeest zu holen, traf ich diese alte Fährte wieder, so daß ich zu der Überzeugung kam, der alte Einzelgänger hat dort sein Standquartier. Ideal genug dazu war ja die Gegend. Dichtestes Phönixpalmengebüsch und schwerer Busch, der dicht mit Lianen bewachsen war, gab selbst bei heißester Sonne kühle Verstecke. Grünes Gras war am und im Gomero das ganze Jahr hindurch vorhanden. So zog ich denn eines Tages aus, um ausschließlich auf den alten Burschen zu pirschen. Leicht stieß ich auf die Morgenfährte, folgte ihr zum Flußbett und fand, daß mein Freund nur Wasser eingenommen hatte, indem er sich nur einen halben Meter ins Wasser begab. Schon früher hatte ich festgestellt, daß er seinem Namen wenig Ehre machte und das feste Land gegen das feuchte Element bevorzugte. Bald begann eine üble Kriecherei im dichtesten Gebüsch. Zahlreiche Phönixstacheln waren schon in meiner Haut abgebrochen, und der Schweiß badete mich förmlich. Ich trug mein Gewehr selbst, da mir mein Boy Raschid, den ich an Stelle des erprobten Saleh mitgenommen hatte, nicht zuverlässig genug war. Immer mußte ich auf diesen Rangen von Boy warten, da er wegen der Dornen für seine Haut überängstlich besorgt war. Jetzt finde ich Urin, der noch im Schaum steht, etwas weiter Losung, die noch tropft; da geht auch schon ein Getöse los, das mich schleunigst das Gewehr entsichern läßt. Ehe ich es aber noch auf den für einen Augenblick sichtbaren Hautfleck in Anschlag bringen kann, bricht der Bulle durchs Dickicht und reißt ganze Wände Lianen mit sich, die mir das Gesichtsfeld versperren und mir Arme und Gewehr nach unten drücken. So schnell wie möglich ging ich ihm nach; das Brechen entfernte sich immer weiter von mir.

Es wird freier, und ich hoffe, bei besserem Ausblick den Bullen irgendwo verhoffend zu sehen. Statt dessen wechselt er im Gelände mit grobem Kies, wo er auch nicht die geringste Fährte hinterläßt. Einen Bogen schlage ich noch, als ich auch dann nichts finde, gehe ich mißmutig heim.

Häufig wiederholen sich die Pirschen, die ich auf den alten Bullen unternahm, aber stets mit gleichem Erfolg. Niemals traf ich ihn noch äsend, und stets hatte er sich in undurchdringlichem Dickicht niedergelassen und nach Art alter schlauer Büffel vor dem Niedertun einen Haken geschlagen, war parallel neben dem Wechsel zurückgekehrt und hatte sich ganz knapp an der Fährte in guter Deckung niedergetan. Er mußte also stets rechtzeitig durch Wind und Geräusch gewarnt werden.

So oft ich es auch versuchte, ich kam nie zum Schuß. Weidlich wurde ich mit »meinem« schlauen Bullen geneckt, ein ganzes Jahr lang konnte ich seiner nicht habhaft werden.

Doch auch ihn ereilte schließlich sein Schicksal. Von Hobola kommend, nahm ich eines Tages im Januar 1914 meinen Weg durch Busch und Steppe, da ich einesteils den Fußweg so oft gegangen war, daß ich ihn langweilig fand. Andernteils macht frisches niederes Gras und ein in der Nacht gefallener Regen den Boden so geeignet zum Fährtenlesen wie ein Neuschnee in Europa. Ich wurde auch reichlich belohnt und wußte bald, welche Wildarten und in welcher Zahl sie sich in diesem Gebiet aufhielten. Beim Durchschreiten des trockenen Oberlaufes des Gomeroflusses flogen seitlich erst zwei Schattenvögel (Scopus umbretta Gmel.) und dann einige Ibisse auf. Wie! Jetzt hier Wasser! denke ich und folge dem Flußbett. Richtig, eine ganze Strecke lang steht Wasser in dem lehmigen Bett. Fährten von Elefanten mit Kälbern und Rhinozerossen zeugten von häufigem Besuch der Wasserstelle, und da, was sehe ich, auch die unverkennbaren Fußabdrücke meines langgesuchten Flußpferdbullen.

Da das Flußbett einen Bogen macht, den ich im Bett stehend nicht übersehen kann, klettere ich am Ufer hoch und komme auf einen mit dem Fluß parallel laufenden Elefantenwechsel, dem ich folge. Als sich mir der nächste Ausblick auf das Wasser bietet, sehe ich endlich den Langgesuchten im seichten Wasser ruhen. Kreuz und quer ist sein mächtiger Rücken von vielen tiefen Narben bedeckt, die davon Zeugnis ablegen, daß er zahlreiche Kämpfe mit seinesgleichen im Werben um das Weibchen bestanden hat. Leichtere Narben deuten darauf hin, daß bei seiner Vorliebe für das Leben auf dem Land in kaum durchdringbaren Dickichten beim Eindringen in diese mit ungestümer, machtvoller Kraft seine Haut von zersplitternden Ästen ganz durchpflügt wurde. Ganz versunken in seinen Anblick stehe ich da und sehe vom hohen Ufer in sechs Meter Entfernung auf ihn herab. Das Wasser muß ziemlich seicht sein, denn er scheint zu liegen, und der Rücken ist mehr als einen Meter außerhalb sichtbar. Nun fangen seine Lauscher an zu spielen, und das blutunterlaufene Weiße in den Lichtern wird sichtbar. Langsam erst schiebt er sich vorwärts, nun springt er auf und rast davon, daß das Wasser hoch aufwirbelt. In seine Fluchtrichtung kann ich nicht schießen, da dichtes Zweiggewirr hinderlich ist. Also zurück auf den Elefantenwechsel, auf dem ich in eiligem Lauf vorwärts stürme, um ihm weiter oberhalb den Weg abschneiden zu können. Mein Boy Saleh, der zehn Meter vor mir lief, ruft mir zu: »Hierher, Herr — ein Ausstieg, er muß gleich da sein.« In ein paar Sätzen bin ich dort, springe auf den alten, tiefausgetretenen Wechsel, der von zur Tränke ziehenden Elefanten getreten war, hinab, schlage an, für einen Augenblick den Atem aussetzend wegen der Bewegung der hastig arbeitenden Lungen, die sich dem Körper mitteilt, und trage dem Bullen einen Schuß in den Nacken an. Für Sekunden ist er vom Anprall des 11,2-Geschosses betäubt; ich stehe jetzt einen Meter vom Wasser entfernt. Da faßt er auch schon am Ufer Fuß; eine Gewehrlänge trennt uns. Gerade als er den Körper krümmt, um sich hinten kräftig abzustoßen, damit er ganz aufs Land kommt, wobei er den Schädel tief senkt, gebe ich ihm, fast mit dem Gewehr sein Auge berührend, den zweiten Schuß. Ich taumle einen Schritt rückwärts, da ich schlecht Fuß gefaßt hatte und der Rückstoß von 5,5 Gramm Blättchenpulver ziemlich bedeutend ist, und sehe meinen Bullen langsam ins Wasser zurücksinken. Kurz ist sein Todeskampf, und die Beine rudern langsam im Schlamm.

Zur Erinnerung mache ich eine photographische Aufnahme. Mein Boy Saleh plagt mich, auch mit dem Flußpferd photographiert zu werden, da er so oft vergeblich auf seiner Fährte mitgelaufen sei, und ich willfahre ihm.

Den Schädel nehme ich als Trophäe mit, um ihn später in meinem Jagdzimmer in Deutschland aufstellen zu können. Rasch lasse ich die Fleischteile zur Erleichterung des Transportes herunterschneiden. Leider essen meine Leute als Mohammedaner das Fleisch nicht; ich schicke deshalb Nachricht auf eine Pflanzung, wo Wangonis aus dem Ssongeabezirk arbeiten; bald kommen sie auch in Scharen an, um sich diesen seltenen Leckerbissen zu holen.

Doppelt freute ich mich über meinen Erfolg, da ich häufig vorher mit meinem sagenhaften Bullen geneckt worden war, und nun den Beweis erbrachte, daß Ausdauer und Festhalten am erstrebten Ziel auch auf der Jagd zum Schluß reichlich für die gehabte Mühe entschädigt.

Notes in this chapter

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings