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Quer durch Amerika

Über den Mississippi ins Felsengebirge.

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Ich hatte genug von dem mystischen Spuk der Spiritisten und ebenso von dem Geschäftstrubel Chikagos; ich freute mich daher ordentlich auf die Einsamkeit im — Eisenbahnwagen, dem ich mich nun wieder für etwa 40 Eisenbahnstunden anvertrauen wollte und ebenso auf die Einsamkeit der ungeheuren Mississippiebenen.

Dankbar verabschiedete ich mich von meinen freundlichen Gastgebern, die mir soviel gezeigt und soviel zugänglich gemacht hatten. Aber immer hätte ich um keinen Preis in Chikago wohnen und weilen mögen ebensowenig wie in Neuyork. Ich könnte weder der täglichen Ermordung der Zehntausende von Hammeln und Ochsen zusehen, wie das lebende Vieh, das frühmorgens eingeliefert, am Abend als fertige Wurst die „Union stock Yards“ verläßt, noch möchte ich täglich bei Marshall Field u. Co. aus- und eingehen oder als Türboy Hunderttausenden täglich die Tür öffnen. Eher noch würde ich auf den weiten Wassern des Lake Michigan herumfahren oder in den grünen Parks baseball spielen wollen. Aber so gnädig erweist sich ja das Leben den wenigsten unter den Menschen.

So verzichtete ich auch nicht allzuschweren Herzens auf den Besuch der deutschesten Stadt Amerikas, Milwaukee, in der allein auch sozialistische Stimmen sich maßgebend geltend zu machen pflegen! Wie anders in Deutschland, dem Mutterland des Marxismus! Der Amerikaner ist viel zu sehr Individualist, als daß er in Massen je dem marxistischen Sozialismus anheimfallen könnte. Er hat zu sehr auf Schritt und Tritt in seinem Lande erprobt, was persönliche ungehemmte Energie und Eigenart des einzelnen vermag, ja daß die Union der Entschlußkraft und Unabhängigkeit des wagenden Individuums alles verdankt, als daß er überzeugter Marxist werden könnte. Die Deutschen kommen im Urteil des Stockamerikaners nicht immer gut weg. Wie die Stimmung über sie ist, zeigt folgendes moderne Gedicht:

„Deutsche Nachkommen.“

Riesen von 48, O Märzwind! — — — Nachgeborene Mit dem schwarzen Stigma Der Niederlage. Flucht, Angst der Träume, In der Ferne Verlorene — Unstolze Ruhe, Schlaf und Dunkel ... Exil! — — — Jenseits des Flusses Graue Wölbung des Viadukts, Tal der Fabriken. Die ganze Stadt gehört ihnen, Ihre Stadt — Deutschland. Der glatte Boulevard Gürtelt die schmächtigen Straßen, Hügel und See. Rasenbeet — Kohlbeet — Kleines Glück der Mittelmäßigkeit Zwischen evangelischen Türmen Und den Kaminen der Brauereien, Ganzes Glück der Mittelmäßigkeit. In großen gotischen Lettern Über Laden und Buden Zwischen Gurken und Kraut Und den irisierenden Saucen des Herings. Qualmende Küchen Mit ihrem Wäsche- und Backduft ... Schweigen ... Katze und Uhr ... Schwerer Griff trägt zierlichen Römer, Breiter Lehnstuhl für das Abendblatt. Sonne und Sonntagsstaub Bespritzt die Kastanienbäume Und die gemalten Tische Mit den überschäumenden Bechern — Starker Männerchor, Rhythmus und schwarz-rosa Schweiß Der Turnvereine ... Fahnen, Schnurrbart und Kreuz — Hoch! Er war Bäcker, Brauer, Gewann auf der Börse — bescheiden, Und dann das weiße Palais auf dem Boulevard. Und Madame, eifersüchtig Auf die Künste der Köchin Strickt mit den Lappen der alten Kleider Unzählige Teppiche ... Und die Töchter nähen, kochen Und gehen in Scharen zum Kollege. Alles solide und fest! Ein wenig Musik aus Tradition. Weniger Kunst (diese Maler sind zu modern), Nur das Alte ist gut. Alte Möbel, Alte Sitten, Alte Dichter Und alte Tugend, Das alte Land dort drüben Über alles — — —! „Solides, starkes Volk, Bewahre dein reines Blut, Baue für dich! Unser Reichtum heirate unsren Reichtum. Die Kinder gehören uns Uns Dem auserwählten Volk.“ — — — Unsre Stadt — Deutschland. Francis Treat.

Aus: Die neue Welt. Eine Anthologie jüngster amerikanischer Lyrik. Herausgegeben von Claire Goll. S. Fischer Verlag, Berlin 1921, S. 66.

Ebensowenig weinte ich den großen Pullmann-Werkstätten nahe Chikago in Pullmann eine Träne nach, daß ich sie nicht in Augenschein nahm. Nur fort aus dem Menschenameisenhaufen Chikago! Das war jetzt mein sehnlichster Wunsch.

Bald nach der Abfahrt, als die letzten Fabriken wichen, taten sich ungeheure Ebenen im Staate Illinois auf mit herrlichen Fluren, von denen viele deutschen Farmern gehören. Ein wenig hügelig war das Gelände, aber nicht lange. Die ersten Frühlingsknospen waren an den Bäumen. Das Land sah etwa so aus, daß es auch in der Provinz Sachsen in Mitteldeutschland hätte liegen können. Wir näherten uns dem Illinoisriver, demselben, in dessen Oberlauf man den Chikagofluß zurückzufließen zwang, damit er nicht länger mit seinen schädlichen Abwässern den trinkwasserspendenden Lake Michigan verunreinige. Langsam zog eben auf ihm eine Barke dahin, die ein großes Segel aufgespannt hatte. Die einzige Unterbrechung des Flußbildes. Hier und dort dehnte sich Sumpfland. Ab und zu sah man eine alleingelegene Farm, Rinder- und Pferdeherden. Alles ein ganz anderes Bild als die geschlossenen deutschen Dörfer mit ihrer engen, wohlabgezirkelten Gemarkung!

In unserem Zug — ich fuhr wieder in der „chaircar“, nicht im Pullmann — saßen allerlei Leute meist einfacheren Standes mit ihren Kindern. Sie hatten ihre Decken, ihre eigenen Eßkörbe mitgebracht, aus denen sie die üppigsten Mahlzeiten hervorzogen — auch der Wein und das Tischtuch fehlte nicht. Für drei Tage und Nächte Fahrt nach Kalifornien hatten sie sich häuslich eingerichtet, so wie man es sich auf Deck und in der Kabine des Schiffes gemütlich macht. Sie spielten, lachten, lasen, rauchten, aßen, schliefen, wie es paßte. Die Kinder benutzten bald den langen Mittelgang als ihre Rennbahn und die langen Liege- und Drehstühle als Verstecke, spielten Hasch und Sichkriegen. Der Boden des Wagens verwandelte sich daher allmählich in ein Stilleben von Obstschalen, Orangen- und Brotresten, Papier aller Sorten, leeren Schachteln usw. Eine ästhetisch veranlagte Dame vor mir hatte sich an den Plüsch des Sitzes ihr gegenüber eine dunkelrote Rose gesteckt, um ihre Umgebung zu verschönern. Aber in der allmählich sich verschlechternden Luft — die Fenster sind wegen des stets sehr reichlichen Ascheflugs aus der Lokomotive nicht zu öffnen — welkte sie, und ein rotes Blatt nach dem andern fiel langsam mit einem leisen „Hsch“ zu Boden. Neben mir saß ein junger Eisenbahner von vielleicht 22 Jahren, der in Kalifornien Stellung suchte und in mir das gleiche vermutete. Er empfahl mir, in den Y. M. C. A.[22] einzutreten. Das sei überall in der Welt eine gute Sache. Ihr könne man angehören. Er pries mir alle die äußeren und inneren Vorzüge derselben, aber das hinderte ihn doch nicht, nachher in einer Ecke des Wagens lustig mit zwei kecken Chikagogirls ein wenig zu flirten. Im Wagen wurden wie immer Karten, Schokolade, Handschuhe und Obst angeboten. Nur daß sich das Obst, je weiter wir uns von Chikago entfernten und je seltener wir hielten, ständig verteuerte.

So etwa je nach ein bis zwei Stunden gab es eine Haltestelle. Dazwischen war nichts. Die Bahnhöfe verdienen kaum diesen Namen! Und ein Namensschild derselben war selten deutlich zu entdecken. Die Siedlungen lagen alle immens weit auseinander. Jeder ist hier König in seinem eigenen Reich und auf seiner schier unbegrenzten Scholle. Wie anders in den Riesenstädten, wo sich die Menschheit zu Millionen zusammenballt! Wer nicht einmal durch diese endlosen Ebenen gefahren ist, kennt Amerika nicht! Neuyork und Chikago allein sind noch nicht die Union! Aber nirgends war auch etwa eine alte Dorfkirche, wie in Franken oder Schwaben, zu entdecken. Die Besiedlung ist hier ja erst vor 50 bis 70 Jahren vor sich gegangen. Es ist hier immer noch Anbau- und Gründungszeit, wie es etwa bei uns unter Karl dem Großen war. Bei einer Gruppe von etwa 20 Wohnhäusern steht schon eine kleine hölzerne, höchst primitive Farmerkirche. Sie fehlt nirgends, oft sind es gar zwei oder drei verschiedener Denominationen! Alles ist in diesem Lande ungeheuer, die Ebene, die Ströme, die Seen, die Städte, die Bodenschätze, die Fruchtbarkeit, der Reichtum. Während bei uns ein Bauer bei allem Fleiß im allgemeinen aus dem Boden — die künstliche Düngung nicht gerechnet — nicht viel mehr ziehen kann als sein Vater und Großvater vor 40 und 60 Jahren zog, erntet ein Ansiedler, der mit nichts nach Amerika kommt, oft schon nach sechs, sieben Jahren so viel, daß er sich ein eigenes wohlmöbliertes Landhaus bauen und ein Automobil kaufen kann! Wie müssen die Ebenen hier erst bei voller Ernte strahlen, wenn Korn und Mais übermannshoch steht und die großen Mäh-, Dresch- und Säemaschinen auf den Feldern fauchen! — —

Je südwestlicher wir kamen, desto wärmer wurde es! Man sah schon Landleute auf den Feldern mit vereinzelten Strohhüten gehen. Sonst ist erst der 15. Mai drüben der offizielle Termin, den Strohhut auf- und nicht mehr abzusetzen bis in den indian summer hinein! Um Mittag hatten wir den Mississippi erreicht. Glitzernd wälzte er seine blauen, bis 1 km breiten Fluten träge und gemächlich — wie etwa die Elbe unterhalb Hamburgs — durch die ungeheuren Ebenen des mittleren Westens. Seine Länge ist dreimal die unseres Rheins. Ich war am Mississippi! War es möglich? Wovon man als Kind nur in Indianergeschichten geträumt und gelesen hatte! Es war mir in den Augenblicken, da unser Zug bei Fort Madison gravitätisch über die lange eingleisige Mississippibrücke rollte, unbeschreiblich seltsam zumute, daß ich es mir immer wieder sagen mußte: Jetzt fährst du über den Mississippi! Zwei kleine, alte, vorsintflutliche Dampfer kreuzten den von bewaldeten Inseln eingenommenen mächtigen Strom. Fort Madison lag gänzlich einsam, nur von wenigen Häusern umgeben. Welchen Feind will es hier abwehren? Stritt es einst gegen die Franzosen oder Engländer oder Mexikaner oder die Indianer? Von rechts her winkten grüne Wälder. Alles glänzte in blendendem Frühlingssonnenschein. Zur Feier der Überfahrt über den Mississippi verzehrte ich die letzte Apfelsine, die mir die liebe Cousine in Chikago mit eingepackt hatte. Dann fuhren wir wieder und fuhren und fuhren ... Von den 38 Stunden bis Neumexiko waren erst die wenigsten herum. Wie hatte doch bei Florenz einmal mir gegenüber eine deutsche Dame, als sie in vier Stunden von Bologna kam, schon ungeduldig ihren Mann gefragt: „Ach, Artur, wann sind wir denn endlich da?“ Hier lernte man in Geduld sitzen und fahren.

Jenseits des Mississippi, im Staate Missouri, den wir jetzt durcheilten, liegt das alte Prärieland, da man einst mit dem Lasso die Büffel jagte und Indianer durchs übermannshohe Gras ritten. Das Flußtal begleiteten sanfte Hügelreihen, eine angenehme Unterbrechung der endlosen Ebenen, sanfte Bachtäler, Wiesenhänge, auf denen zahlreiche Kühe weideten. Wie bald werden sie nach Chikago in die Union stock yards wandern? Gefallene Bäume liegen da, um die sich niemand kümmerte. Aber nirgends waren hier umfangreichere Wälder. Einst war es romantischer, mit der Büchse durch die Wildnis zu reiten, als mit der Bahn hindurchzufahren, aber wieviel ungezählten Millionen wächst hier jetzt das Brot, während früher die Indianer wohl nur einige Hunderttausend gezählt haben. Die sanftgewellten Hügelreihen am glitzernden Mississippi hatten mit ihren Büschen, Bächen und Pferdeherden ihren eigenen Reiz. O wie hätte ich all den Schreibmaschinenfräuleins und den blassen Angestellten in dem wimmelnden und dampfenden Chikago, wo man in den Wolkenkratzerschluchten kaum den Himmel und vor all der Lichtreklame kaum noch die Sterne sieht, einmal hier auf einige Wochen herauszukommen, um sich ohne Zeitungsgeschrei und Dollarjagd in Licht, Luft und Sonne gesund zu baden, gegönnt! So wie die Pferde und Rinder heute hier weideten, weideten sie auch einst vor Jahrtausenden am Nil, am Euphrat oder am Eurotas. Aber kein Expreß dampfte an ihnen vorüber, daß sie erschreckt zur Seite sprangen, kein Auto tutete in ihre Wildnis, kein Wolkenkratzer reckte sich gen Himmel! Wie die Kulturen im Kern einander gleich bleiben und doch verschiedenes Antlitz tragen! So wie die Menschen am Ganges braun, am Nil schwarz, am Jangtsekiang gelb, am Rhein weiß und am Mississippi rot sind und doch die gleichen Bedürfnisse und Gedanken haben. Wie ist hier Macht vor Recht gegangen und hat dem roten Mann, der selbst vielleicht einst vor Jahrtausenden als ein Bruder des Gelben aus Nordasien hier hereingekommen ist, Land und Grund genommen, ihn mit Pistole und Branntwein ausgerottet und sich an seine Stelle gesetzt! Und lag nicht doch in der vorwärtsdrängenden Kulturmacht des Weißen ein höheres Recht, so daß Macht auch ein Recht in sich birgt? Ich muß im Grunde allen fremden Völkern und Rassen wohlgesinnt sein — dazu erziehen uns Weltreisen —, aber ich muß doch auch in der Geschichte der Kriege und Kolonisationen Sinn finden. Heute haben hier die Indianer in den meisten der Staaten des mittleren und fernen Westens nur noch ihre „Reservationen“, am größten in Oklahoma. Es gibt eine Reihe Amerikaner, die mit Stolz Indianerblut in sich tragen, während Negerblut völlig verachtet ist! Es gibt genug Indianer, die als Amerikaner gekleidet fast unerkennbar in amerikanischen Diensten stehen. So lernte ich einen indianischen Studenten und Lokomotivführer kennen! Aber es gibt vielleicht auch noch eine Viertelmillion Vollblutindianer, die abgelegen in ihren Dörfern (pueblos) leben und sich von Töpferei oder Teppichweberei kümmerlich nähren und in ihrer Liebe zu den wilden Bergen und einsamen Felsschluchten nicht lassen können ...

Am Flußufer standen einige Fischer mit ihren Angeln und schauten stundenlang in das Blau des Himmels und in die Weite. Vor seinem Haus in der offenen Halle saß ein behäbiger Farmer in weißem Bart und schaute unserem Zug nach, dem einzigen Ereignis, das am Tag sein Einerlei unterbricht. Auf einem grünen Anger spielten barfüßige Knaben — die man in Amerika selten sieht — ihren baseball. Bei einem kleinen Ort stand eine Holzkirche armselig wie eine Scheune. Nur die Fenster mit ihren gotischen Holzladenfenstern und einem eisernen Kreuz am First ließen sie als solche erkennen. Am Abend sah man die Landleute in Ermangelung von Wegen und Straßen einfach auf den Bahnschienen ihren Wohnungen zustreben! Das ist der ebenste und kürzeste Weg drüben. Die Lokomotive pfeift, und man tritt einen Augenblick zur Seite! Wer dabei überfahren wird, hat es sich selbst zuzuschreiben. Polizeistrafen gibt es dafür nicht!

Purpurrot begann die Sonne im Westen zu sinken. Immer weiter westwärts ging unsere Fahrt ... Zwei barmherzige Schwestern fuhren allein in einem äußerst primitiven Reisewägelchen draußen durch den Abend. Der Wagen suchte sich selbst die beste Fahrgelegenheit durch den Sand und das Gras. In einigen erleuchteten Zelten saßen Bahnarbeiter um ihr Abendbrot ... Mit Dunkelheit kamen wir nach Kansas City im Staate Kansas und überschritten hier den mit seiner gewaltigen Breite fast an den Mississippi erinnernden Missouri, der von hier nach St. Louis zum Einfluß in seinen größeren, aber bis dahin kürzeren Bruder strömt. Kansas hat etwa 200 000 Einwohner und ist die größte Stadt des gleichnamigen Staates. Sie liegt am Einfluß des Kansasflusses in den Missouri. Sie ist wie alle amerikanischen Städte rasch gewachsen. 1860 hatte sie noch nicht 5000 Einwohner! Jetzt hat sie ihr stattliches „Kapitol“, ihre prächtigen Parks usw., wie es einer ordentlichen großen Stadt zukommt. Einer der Einwohner unserer Hall in Cambridge war aus Kansas, Freund R., er hatte also 38 Bahnstunden in seine Universitätsstadt zu fahren! Wer macht ihm das in Deutschland nach?

Mit einem Trinkgeld brachte ich unseren besonders trägen und lässigen Neger auf die Beine, daß er mir im Schlafwagen noch ein Bett verschaffte. Denn die ganze Nacht mit den Kleidern in der Ecke sitzen, wenn auch der „reclining chair“ erlaubte, ihn lang wie einen Liegestuhl auszuziehen, erschien mir doch nicht gerade das Ideal zu sein, zumal mir noch ein ganzer Tag Eisenbahnfahrt bis nach Neumexiko hinein bevorstand. Der Neger, wohlbeleibt und mit breiter Nase, hatte mir grinsend und schmunzelnd zugesagt, eine „upper berth“, wie das meine Gewohnheit war, zu verschaffen. So geschah es auch. Ich stieg in dem mit seinen grünen Vorhängen wohlverhängten, besagten Schlafwagen als einer der letzten auf der kleinen Leiter in mein hochgelegenes Reich und kleidete mich oben aus, barg alles wohl in einer Ecke und sah noch nach, ob auch Uhr, Scheckbuch und Börse wohl in ihren Taschen waren. Dann legte ich mich ruhig aufs Ohr. Die meisten anderen im Wagen schliefen schon den süßen Schlaf des Gerechten und fuhren mit mir im Staate Kansas in die Nacht hinein ... „Rumrumrum ... rumrumrum“ rüttelte der Zug dahin. Bald war man nach dem vielen Sehen und der schon etwa 15stündigen Fahrt wohl in den Schlaf gewiegt. Kein Laut noch Kindergeschrei störte hier die Stille. Die Auswandererfamilien mit ihren Kindern waren der größeren Billigkeit halber in der „tourist-car“ zurückgeblieben und hatten zwischen den ausgezogenen Stühlen ihre Kissen und Decken ausgebreitet. Es war dort das reinste „Nachtlager von Granada“. Ich hoffte wohlgestärkt am Morgen in einem neuen Staate, Kolorado, von denen jeder allein etwa ein Drittel so groß ist wie das Deutsche Reich, wieder aufzuwachen ...

Plötzlich, als ich wohl ein bis zwei Stunden geschlafen hatte, hält mir mitten in der Nacht jemand eine Blendlaterne vors Gesicht, rüttelt mich am Arm und zieht mir auch schon die Bettdecke weg — eine recht eigenartige Situation. War es ein Überfall? War der Zug von Räubern angefallen? Nein. Der Neger bedeutete mir, ich müsse schleunigst aus dem Bett heraus ... es sei noch ein Fahrgast eingestiegen, der auf das Bett Anspruch habe! Wachte oder träumte ich? Es war leider kein Zweifel an der betrübenden Wirklichkeit: Der Schlafwagenneger stand grinsend mit seinem breiten, braunen Gesicht vor mir und packte schon, ohne meine Antwort abzuwarten, meine Kleider über den Arm und schleppte sie davon in die Ecke des Wagens und warf sie dort auf ein anderes oberes Bett, das anscheinend noch frei war. Warum er mir das nicht von Anfang an gegeben hatte? Ich ergriff die letzten Utensilien hinter ihm drein, kaum daß ich Zeit hatte, wenigstens die Unaussprechlichen noch anzuziehen. Aber es schlief ja alles im Wagen und sah meinen höchst eigenartigen Umzug nicht. Nur der Neger und der neu eingestiegene Fahrgast, der schon auf mein wohlgewärmtes Bett wartete! (Übrigens pflegen echte Amerikaner nachts einen Schlafanzug anzuziehen, so daß für sie ein solch plötzlicher Umzug nicht allzu genierend ausfällt. Bei mir als echtem Deutschen war das anders.) Ich war so schlaftrunken — der erste Schlaf ist ja wohl immer der beste — daß ich kaum nachzusehen und nachzuzählen vermochte, ob der Neger auch alles richtig herüberbugsiert hatte. Kurz, ich schlief bald wieder ein. Und der Zug hielt ja wohl auch in der Nacht nicht mehr ... „Rumrumrum ... rumrumrum“ hörte ich es wieder wie im Traum ...

Morgens wachte ich auf bei blendendem Sonnenschein. Ungeheure gelbe kahle Ebenen dehnten sich zu beiden Seiten! Der Schlafwagen ward lebendig; Männlein und Weiblein strebten nach den Waschtoiletten ... Man kleidete sich an. Ich zählte: Alle meine Kleidungsstücke waren vorhanden. Die Uhr knöpfte ich in die Weste — da fühle ich zufällig in die innere Rocktasche: wo war mein Scheckbuch? Nun war das Scheckbuch weg! Das ganze Erbe der lieben Tante aus Schwaben! Und im Portemonnaie waren nur einige Halbdollarstücke und einige Cents. Das reichte vielleicht noch einen Tag! Und dann saß ich in Neumexiko, im Herzen des nordamerikanischen Kontinents — 40 Bahnstunden von den nächsten Menschen, die mich kannten. Aber auch wenn ich sie telegraphisch um Geld zur Rückkehr anging — sollte nun die ganze Fahrt zu Wasser werden? Wie furchtbar! Mir saß der Schreck in allen Gliedern. Wie doch der Mensch ahnungslos aus allen Himmeln stürzen kann!

Was tun? Sollte ich mich einem der mir völlig unbekannten Reisenden anvertrauen? Keiner würde mir Geld geben! „Selbst“ ist in Amerika der Mann! „Steig aus und nimm irgendeine Arbeit an!“ hätte man mir vielleicht auf amerikanisch geantwortet. Aber ich mußte ja doch auch nach Harvard zurück! Hier konnte ich keinesfalls bleiben. Und wenn nun gar jemand mein Scheckbuch gefunden und auf meinen Namen, der mit Unterschrift vorne drin stand, mein ganzes Geld abhob! Wie gewonnen, so zerronnen! Liegt auf geerbtem Geld kein Segen? „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.“ Darüber hatten wir einmal einen Aufsatz machen müssen. Galt das jetzt mir? So schossen mir die Gedanken hin und her durch den Kopf. Ach, wenn ich doch sonst was verloren hätte, nur nicht die Reisekasse selbst! Ich verwünschte schon den Niagara und den Mississippi, daß sie mich überhaupt zu dieser Reise verleitet hatten! Hätte ich doch nie in der Washingtonstreet in Boston das Auswandererbillett gesehen! Was nutzte mir all das jetzt? Und dabei fuhren wir immer weiter, immer weiter fort, für mich ins Verderben ... immer tiefer in die Wildnis eines Erdteils ohne Geld! Wenn der Zug doch bloß einmal zu ruhigem Überlegen gehalten hätte! „Rumrumrum ... rumrumrum“, so schien mich der Zug selbst mit seinem endlosen und monotonen Rhythmus zu verhöhnen.

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CHICAGO

Lincoln, der Sklavenbefreier

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Das große Chicago-Fußballspiel (30 000 Zuschauer)

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Ich erkundigte mich, nichts verratend, nach der nächsten Station. „Um halb acht Uhr sei Frühstück in Syrakuse, an der Grenze von Kolorado“, hieß es. Also da hielt der Zug 25 Minuten, und im Wartesaal war Gelegenheit, für 75 Cents warm und reichlich zu frühstücken: Hammelkotelette, Huhn und andere schöne Sachen. Was scherte mich jetzt das Frühstück? Ich mußte mein Scheckbuch haben. Wenn nur der Zug endlich einmal halten wollte und ich Schritte tun konnte! Fuhr er bis ans Ende der Welt? Aber wenn ich ausstieg, sollte ich vielleicht dann da bleiben, in einem weltverlorenen Städtchen nur noch 200 km vom Felsengebirge entfernt? Nein, mir kam ein besserer Gedanke: Bleiben kostete Geld, was ich ja nicht hatte, Fahren kostete mich im Augenblick kein Geld, denn mein Rundreisebillett, was bis Chikago zurücklautete — freilich über Kalifornien! — war ja bezahlt und steckte in meiner Tasche. Also weiterfahren und sehen, was dann kommt! Mein Plan war gefaßt: In Syrakuse nur aussteigen, um in der Frühstückspause „Schritte zu tun“! Ich wußte glücklicherweise die Nummern meiner Schecks genau; die hatte ich mir vorsichtig mit Bleistift notiert. Und das Notizbuch hatte ich noch! Also auf dem Bahnhof sofort an die Bankzentrale depeschiert und die betreffenden Nummern sperren lassen! So war vielleicht doch noch mein Erbe gerettet.

Als der Zug endlich hielt, handelte ich kurz entschlossen. Denn gestohlen war das Scheckbuch auf jeden Fall! Ich depeschierte. Dann trat ich nach Aufgabe meines Banktelegramms nach Boston an den diensttuenden police-man auf dem Bahnsteig und forderte ihn energisch auf, sämtliche Reisenden sofort zu durchsuchen oder etwa den Schlafwagenschaffner einfach zu verhaften, bis heraus sei, wer mein Scheckbuch gestohlen habe. Der police-man, ein Hüne von Gestalt und wohl Ire von Geburt, sah mich sehr groß an und an mir herunter — und rührte sich nicht von der Stelle! Erwartete er erst einmal ein großes Trinkgeld? Das hatte ich ja nicht. Oder bedurfte er dazu höheren Befehls? Wie sollte ich den in der Eile erwirken? Ich mußte doch weiterfahren. Enttäuscht und niedergeschlagen wandte ich mich in den Wartesaal, gab mein Scheckbuch verloren und setzte mich verzweifelt an die „Frühstücks“tafel — es waren noch 15 Minuten Zeit. Hunger hatte ich, mechanisch schlang ich Hammelkotelette und etwas vom Huhn hinunter. Aber was half’s? Meine Barschaft schmolz nur um so mehr. Sie würde wohl kaum noch diesen Tag überleben. Was dann? So wollte ich wenigstens noch einmal gut und vorsorgend gegessen haben. Sollte ich mich dann in Los Angeles als Kuli verdingen? Wenn wir nur erst dort wären! Bis dahin waren aber noch 48 Stunden mit der Bahn zu fahren! Reichte die letzte Mahlzeit bis dorthin?

Als der Zug sich wieder in Bewegung setzte — ich hatte mich nicht entschließen können, in dem weltverlorenen Syrakuse zu bleiben; und das war gut! — stieg ich wieder ein, wie üblich, von dem kleinen bereitgestellten Schemel hinauf auf das sehr hohe Trittbrett und meldete jetzt dem Schlafwagenneger meinen Verlust. Grinsend hörte er mich an. Ich bedeutete ihm, ich sei der Fahrgast, den er heute Nacht aus dem Schlaf geweckt und in das andere Bett gewiesen. Er nickte. Durch seine Schuld sei also das Scheckbuch verlorengegangen. Er schüttelte. „No, Sir“ war seine Antwort, und er verschwand. Er suchte offenbar den Schlafwagen ab, klappte die Betten zusammen — und fand natürlich nichts! Mir war längst alles gänzlich vergällt. Sah ich sonst mit begeistertem Interesse stets in die Landschaft hinaus, so interessierte mich jetzt nichts mehr. Stumm sah ich vor mich hin und brütete. Die letzte Hoffnung war dahin. Im Schlafwagen nahmen auf den Sesseln die Reisenden wieder Platz. Ich teilte jetzt auch anderen meinen Verlust mit und wurde allgemein bemitleidet. Ich erwartete bloß noch, daß sie für mich eine freiwillige mildtätige Sammlung veranstalteten, daß ich bis Los Angeles zu leben hätte. Aber selbst das geschah nicht. Sah ich dazu zu wohlgekleidet aus? Ging sie der „German“ nichts an? Dachten sie: „Mag er sich’s doch wieder verdienen, jung genug ist er“? Ich weiß es nicht. Und wenn wir jetzt über die romantischen Pässe des Felsengebirges gefahren wären, ich hätte keine Notiz von ihnen genommen ...

So mochten wohl wieder dreiviertel Stunden vergangen sein, da kommt der Neger grinsend wieder herein, tritt auf mich zu und hält in der Hand triumphierend — mein Scheckbuch!! Beinahe hätte ich es ihm aus der Hand gerissen. Ich wußte nicht, sollte ich ihm um den Hals fallen oder gar als vermeintlichem heuchlerischen Dieb eins auswischen. Ich unterließ aber lieber beides. An Kraft war er mir sicher überlegen. Er hielt das Buch wohlweislich sehr fest. „Ob das meins wäre?“ — Nun natürlich, wie konnte er nur fragen; ich nannte ihm genau die Nummern aus dem Notizbuch. Da hielt er es mir näher, immer breiter grinsend hin, aber gab es noch nicht frei! Ich griff instinktiv in die Tasche und schüttete ihm meine noch übrige Barschaft in die braune Hand. Da auf einmal wurde sein breiter Mund schmäler und — er gab es mir! Wie ein Paradiesesstrom floß es durch meine Seele! „Well, Sir!“ — „Ja, well, Sir, aber wo war es denn?“ Er behauptete: Eben hätten es ihm zwei spielende Knaben aus dem Schlafwagen gebracht, die zum Versteckspielen unter die Sitze gekrochen wären! Das war möglich; dann war es also schon des Abends bei dem nächtlichen Umzug aus der Tasche gefallen oder genommen und unter die Sitze gestoßen worden....! Well, Sir, alles möglich! Oder ob der gute Neger nicht alles so beabsichtigt hatte? Ob er so ein gutes Trinkgeld verdienen wollte? Oder ob er gar erst bare Dollarnoten darin vermutet hatte? Mir war’s gleich. Wie interessant war sofort draußen wieder die Landschaft! An der nächsten Station war ich der erste, der aus dem Zug sprang und wieder an die Bank in Boston telegraphierte: „Scheckbuch gefunden, Sperre aufheben!“ Sie war wohl noch nicht ergangen ...

Unsere Fahrt ging durch Land wie durch die Wüste Gobi. Zum zweiten Male mußte die Uhr eine Stunde, jetzt auf „Mountain-Time“ (Gebirgszeit) zurückgestellt werden, wie in Detroit auf „Zentralzeit“. Der geographische Mittelpunkt der Union war überschritten. Die Vereinigten Staaten haben nämlich wegen ihrer Ausdehnung eine vierfache Zeit: In Neuyork ist Atlantic time, in Chikago Central time, im Gebirge Mountain time und in Kalifornien „Pacific time“, denn dort geht die Sonne vier Stunden später auf und unter als an der Küste des Atlantik. Auf dem Meer hatten wir täglich die Uhr nur um 20 Minuten zurückstellen müssen und auf der Rückfahrt später wieder vor! Da der Bahnzug etwa dreimal so schnell fährt als das Schiff, so macht es zu Lande beinahe jeden Tag eine Stunde aus, wenn man ständig westwärts fährt. — — —

Im Wagen herrschte jetzt wüstes Kindergeschrei, die Babys brüllten, die Boys haschten einander. Alles das störte mich in meiner Paradiesesfreude nicht. Der Boden des Wagens glich jetzt schon nicht mehr einer menschlichen Wohnung, denn jeden Tag mehrten sich der Abfall und die Speisereste beträchtlich. Mir gegenüber sog ein Kindchen an der Mutterbrust ... es ahnte nicht, wo es ist und wem es entgegenfuhr. Welch Pionier wird einmal aus ihm werden? Bei mir saß ein früherer Seemann, der schon Australien, die Türkei und England befahren hatte. Neben ihm und seinen Schilderungen kam ich mir sehr klein vor ... Staub und Rauch nahmen auch ständig zu, dazu die Wärme, denn wir fuhren jetzt bereits unter dem 37. Breitengrad, auf dem in Europa — oder vielmehr Afrika! — die Nordküste von Tunis und Algier liegt.

Vor dem heranbrausenden Zug rasten etliche Pferdeherden in die Steppe hinein. Alles war draußen gelb und baumlos. Man sah Zelte wie ein Zigeunerlager aufgestellt. Neben der Bahn strich ein schlechter Fahrweg mit dünnen und krummen Telephonstangen hin. So fest, gerade und glatt wie bei uns sind sie drüben nur in kultivierten Gegenden. Hier und da lag ein einsames Lehmblockhaus. Wir traten allmählich in ursprünglich spanisches Kulturland und indianisches Siedlungsgebiet ein. Man sah einige strohgedeckte Holzhütten. Die Leute ritten auf Maultieren durchs Land wie die alten Trapper. Auf den weiten kahlen Steppendünen in der Ferne einige dunkle Punkte, die man durchs Glas als weidendes Vieh erkennt. Wenn nicht die Bahn die Blutader für diese Einsamkeiten wäre, wären sie alle, Mensch und Vieh, hier von aller Welt abgeschlossen. Die großen Pazifiklinien haben erst den Westen Amerikas erschlossen. Hier war zuerst die Bahn, dann kamen die Menschen der Bahn nachgezogen. Bei uns in Europa waren erst jahrhundertelang die Menschen und ihre Städte da, dann erst verband sie die Bahn miteinander ...

Wo kriegen die Leute hier nur ihr Wasser her? fragte ich mich. Die Wasserläufe schienen alle ausgetrocknet zu sein. Gelbe Wüste reiht sich an die salzhaltige Steppe. Regen fällt hier ganz selten, höre ich. Wie heiß mag es erst im Sommer sein? Wie grün und fruchtbar war es dagegen im Mississippital! Die unentgeltlichen Wasserfässer am Ende des Eisenbahnwagens finden immer stärkeren Zuspruch. Eine dünne spinnewebfeine Eisenbahnbrücke führt uns über einen sandigen Fluß. In Chikago Tausende von Kunstbauten; hier erweckt ein einziger von ihnen großes Interesse in all seiner Dürftigkeit. Unter einem dürren Baum liegen drei Rinder im Schatten. Im Fluß stehen andere, wie die Kühe im Nil zu Pharaos Zeiten. Was könnte hier alles noch werden und wachsen, wenn das Land einmal systematisch berieselt und besiedelt sein wird!

Nach Stunden wieder einmal eine weltverlorene Station. Drüben erheben sich jetzt mäßig hohe felsige Hügelreihen. Verblichene Baumstämme liegen umher und ein paar faulende Knochen. Ich schaue gespannt nach dem Felsengebirge aus, aber sehe es immer noch nicht. Die Stationsnamen werden immer spanischer. An der Bahnstrecke arbeiten Neger in hohen spitzen Strohhüten wie bei uns die Pferde im heißen Sommer. Zwischen den Schienen liegen Haufen Sand wie verwehte Dünen ...

In La Junta, einem wichtigen Bahnkreuzungspunkt, ist lunch. Alles stürzt hungrig hinaus. Da mein Bargeld am Ende ist und ich hier keinen Scheck eingewechselt bekomme, nehme ich ein billiges Mittagessen in einem Arbeiter-saloon dicht beim Bahnhof. Warum soll ich nicht einmal da essen, wo Arbeiter, Neger, Spanier oder Mexikaner essen? Das Besteck und Tischtuch ist freilich nicht allzu appetitlich ... aber es schmeckt auch ... Freilich sehen sie mich alle recht erstaunt an ...

Nach 25 Minuten dampfen wir weiter in nun fast genau südlicher Richtung durch den Südostzipfel des Staates Kolorado. Hügeliges Tafelland beginnt. So denke ich mir etwa Südafrika. Wilde Wasserfurchen zeichnen sich im Sand ab. Ein wenig Föhrengestrüpp ist das einzige, was hier wächst. Hier muß es, wenn es regnet, sehr heftig regnen. Man sieht es an den verhärteten Furchen. Die Bahn steigt ständig. Wir sind schon 1000 m hoch! In der Richtung aufs Gebirge ist es leider wolkig und umzogen, sonst sähe man jetzt das Felsengebirge. Man erblickt die Kette der Rockies bei klarer Sicht über 250 Meilen weit! Meine Erregung steigert sich. Wann werde ich die Berge zuerst wahrnehmen? Ich bin gespannt wie einst, als wir als Studenten das erste Mal in die Alpen fuhren ...

Mit einem Male sind wir auf eine weite hohe Ebene hinaufgeklommen, an deren hinterem Rande jetzt stattliche hohe blaue Bergketten sichtbar werden; hinter ihnen noch höhere, die aber nicht deutlich zu sehen sind. Ein paar Pferdeherden im Vordergrund bilden die einzige Staffage zu diesem grandiosen Bild. Sonst rings kein Baum und Strauch. Das müssen die Ketten des Felsengebirges sein. Sie sind es! Ziemlich links erhebt sich die Koloradokette mit etwas Schnee auf den Berghäuptern, tiefblau, bis über 4000 m hoch. Man sieht jetzt die Bahnlinie eine weite Strecke vorwärts an den langen Zeilen der Telephonstangen, die wie eine Streichholzpallisade in der Erde stecken. Stracks fahren wir auf die Berge zu. Es wird immer öder. Rechts drüben erhebt sich gigantisch der berühmte Pikes Peak bei Denver, einer der höchsten und am weitesten in die Mississippiebene vorgeschobenen Gipfel (4300 m).

Wie leicht rollt der Zug über die Riesenebene! Wieder mächtige wilde Wasserrinnen! Wie mag hier der Regen hausen! Aber mitten in der einsamen Wüste auch ein — Reklameschild an der Bahn: „Star-Tobacco!“ Die ersten Indianerpueblos[23] tauchen auf mit ihren fast fensterlosen niedrigen Lehmhütten. Braune und schwarzhaarige Kinder spielen davor. Ein Güterzug kommt uns auf der eingleisigen Strecke entgegen. Die Züge verständigen sich schon aus der Ferne durch gegenseitiges lautes Pfeifen darüber, wo man sich ausweicht. Jener hält lange an der Ausweichstelle und wartet auf uns, bis wir vorüber sind. Aber wie machen sie es im Nebel und bei Nacht? Der Güterzug rollt die Schätze Kaliforniens nach Chikago. Die „Straße“ neben der Bahnlinie ist jetzt nur noch eine einzige feine Räderfurche im Sand. Ruhig, stolz und tiefblau schauen die Berge zu uns herüber. Wir halten an Station Trinidad, 1800 m über dem Meere, einem altmexikanischen Städtchen unter einer hohen Bergspitze, fast schon an der Grenze von Neumexiko. Die kleinen Orte sind hier meist nicht viel mehr als ein Haufen Lehmhütten wie im primitivsten Italien oder im Orient. Die mexikanischen Häuser sind sehr niedrig, die Straßen breit. Alles hat einen vollkommen südlichen Charakter. Die Männer (Mexikaner) tragen einen breitrandigen Schlapphut, den Italienern ähnlich, und haben feurige schwarze Augen.

Die Bahn steigt weiter steil an wie über den Apennin. Alles ringsumher bleibt kahl und steinig. Kein grünes Hälmchen ist zu sehen. Alle Frühlingspracht Missouris ist verschwunden. Wir fahren durch ein schmales höchst malerisches Felsental, dann durch einen Tunnel auf einer Paßhöhe von fast 2400 m! (Die Gotthardbahn erreicht bei Göschenen nur 1100 m!) Jenseits des Tunnels senkt sich die Trasse wieder beträchtlich. In Station Ratton stehen Sattelpferde an der Bahn, ankommende Reisende abzuholen. Wir sind mitten im Gebirge. Ringsum ist der Blick durch hohe malerische Bergketten eingeschränkt. Aber alles ist noch viel weitläufiger und riesiger als in den Alpen. Inzwischen umziehen sich die Berge, Wolken hüllen uns ein. Regenschauer prasseln nieder. Aber draußen herrscht wunderbar frische, würzige Bergluft, drinnen im Wagen aber ist die Luft zum Umkommen ...

Wir fahren wieder aufs neue über mächtige Hochebenen in beinahe 2000 m Höhe, die von hohen bewaldeten Bergketten eingesäumt sind. Noch einmal taucht die Abendsonne nach dem Regen über dem Schnee der Berge empor, dann versinkt sie. Das Felsengebirge ist, wie ich jetzt schon bemerkte, kein geschlossenes Gebirge wie die Alpen, sondern eine Sammlung von hohen Randgebirgen, die in sich ungeheuerliche Hochebenen einschließen. Das Gestein leuchtet bald rötlich, bald grünlich. Wem gehört all dies Land? Auf drei Bahnstunden keine menschliche Wohnung! Neumexiko hat bei einer Größe von 317 000 qkm eine Bevölkerung von nur 200 000 Einwohnern, also eine Dichte von 0,6 auf 1 qkm. Auf eine Entfernung Frankfurt a. M.-Karlsruhe oder Dresden-Leipzig keine nennenswerte Siedlung!

Während die Abenddämmerung einbricht, tauchen neue schneebedeckte Bergketten unter den Wolken auf. Geheimnisvoll! Sind alle diese Berge schon bestiegen? Wie lange Jahrtausende hausten hier die Indianer allein? Beinahe um zehn Uhr Sonnabend abends bei stockdunkler Nacht bin ich in Lamy Junction. Ich verlasse mit noch zwei Personen den Zug, um nach Santa Fé, Neumexikos Hauptstadt, umzusteigen. Seit Freitag früh hatte mich der Zug beherbergt. Er war einem wie zu einer Heimat geworden. Ohne Unfall hatte er mich von den großen Seen des Nordens quer durch die ganze Mississippiebene bis ins Herz des Felsengebirges gefahren. Man empfand so etwas wie Dankbarkeit ihm gegenüber, als man ihn verließ und er in die stockdunkle Nacht wieder auf- und davondampfte.

Nun saß ich nachts zehn Uhr mit zwei anderen wildfremden Menschen, einem Mann und einer Frau, auf dem kleinen Bahnhof dieses winzigen und herzlich unbedeutenden Nestes, Lamy genannt, noch 1200 km vom Stillen Ozean, beinahe 3000 km von Neuyork, über 6000 km von der Heimat oder vier Monate Fußwanderung entfernt! Es dauerte eine volle Stunde, bis der kleine Zug nach Santa Fé weiterging, der uns drei Menschen beförderte. Rings war rabenschwarze Nacht. Kein Lichtsignal, kein Anzeichen von menschlichen Wohnungen! Nach 18 Meilen Bahnfahrt waren wir etwa um Mitternacht in Santa Fé, der etwa 5000 Einwohner zählenden kleinen altmexikanischen Hauptstadt des jüngsten Staates der Union, Neumexiko, beinahe unter dem 35. Breitengrad, also in Höhe Maltas, Kretas und Zyperns gelegen. Aber von all seiner Schönheit und Altertümlichkeit war in der stockfinstern Nacht vorerst gar nichts zu sehen. Der Bahnhof lag ein wenig draußen. Ich sah mich um. Kein Mensch war weit und breit. Ich ging wie die anderen beiden eine völlig dunkle Straße stadtwärts, beziehungsweise in der Richtung, wo man sie etwa vermuten konnte. Am kleinen Bahnhof wurden die Lichter ausgelöscht. Nun war aber auch alles stockfinster. Meine Reisegenossen gingen einige Schritte vor mir. Sie kannten anscheinend ihr Ziel.

Da kam uns ein einfacher Mann entgegen, soweit man erkennen konnte. Er wechselte mit den beiden vor mir ein paar Worte. Die Frau ging weiter. Der Mitreisende aber blieb stehen, mit einer einfachen Ledertasche in der Hand. Jetzt kam der Fremde auch auf mich zu. Was wollte er? War es Freund oder Feind? „Ob ich schon Nachtquartier hätte? Ich könnte bei ihm billig schlafen.“ Da der andere schon zugesagt hatte, willigte auch ich ein. Mitgegangen, mitgehangen! Ich wundere mich noch heute, wie ich damals um Mitternacht in Santa Fé in völliger Finsternis einem mir völlig unbekannten Mexikaner mit einem anderen, der mir ebenso unbekannt war, in sein Haus folgen konnte. Wenn man mich hier etwa in der Nacht aufgehoben hätte, so hätte wohl kaum jemand je erfahren, wo und wie ich eigentlich von der Welt verschwunden wäre. Aber an diesem Buche sieht der Leser, daß ich am Leben blieb. Ich wollte auch zunächst die Schlafgelegenheit erst einmal „besichtigen“. „Es sollte nah sein,“ sagte der Fremde, „aber in die Stadt noch weit.“ So wollte ich einmal das Abenteuer probieren. Hatte ich in einem sehr feinen Haus in Neuyork unter bed-bugs[24] leiden müssen, so brauchte ich mich gewiß hier im Felsengebirge nicht über sie zu beklagen; aber vielleicht ging es sogar ohne sie ab.

Wir kamen nach ein paar Minuten an einem kleinen Haus an. Alle Läden an ihm waren geschlossen. Insofern machte es einen mystischen Eindruck. Der Mexikaner öffnete und führte uns eine Treppe hinauf. Eine alte Frau steckte in Nachtkleidung den Kopf aus einer halbgeöffneten Tür. Er murmelte zu ihr ein paar mir unverständliche Worte auf spanisch; darauf verschwand sie und erschien nachher notdürftig angekleidet mit einer kleinen Wasserkanne und einem Ding, das wohl ein Handtuch vorstellen sollte. Mein Begleiter bekam rechts ein Gemach, ich links. Das meine war noch etwas vornehmer und größer, enthielt außer dem Bett sogar eine Kommode und einen kleinen Waschtisch. Ich akzeptierte, der andere auch. Was sollte ich jetzt in Santa Fé nach Mitternacht nach 39stündiger Bahnfahrt noch lange nach einem Zimmer herumlaufen? Eine Räuberhöhle oder Verbrecherfalle schien es ja nun auch nicht gerade zu sein. Schließlich sind auch die Mexikaner Menschen wie wir, dachte ich, und der andere war ja auch noch zur etwaigen Hilfeleistung und Verteidigung da. Beim Schein einer Kerze, die ich dankend angenommen hatte, schaute ich zuerst, als ich allein gelassen war, in meiner Kammer unters Bett, ob keiner etwa drunter läge, der nachher, wenn ich schlief, hervorkäme und mich vielleicht beraubte. Schließlich verrammelte ich noch zur Sicherheit die Türen mit der Kommode und dem Waschtisch. Sollte also ein nächtlicher Angriff von dorther geplant sein, so würden mich mindestens die umstürzenden Möbel noch rechtzeitig aus dem Schlaf wecken. Das Fenster schloß ich, erstens von wegen des Einsteigens — was sich ja sogar einmal ein Bonsels geleistet hat! — zweitens von wegen der auf 2100 m Höhe trotz des 35. Breitengrades empfindlichen Nachtkühle. Dann untersuchte ich das Bett auf kleine Schlafgenossen hin, fand aber nichts Bedenkliches und legte mich zuletzt sorglos hinein ... um nach prachtvollem Schlaf — die 39 Bahnstunden saßen mir doch recht in den Gliedern — am anderen Morgen, einem Sonntag, um sieben Uhr bei strahlendem Sonnenschein wohlgestärkt zu erwachen ...

Ich sah mich in dem hellen Zimmer um. Es war alles bescheiden und einfach, aber ganz ordentlich. Das Fenster war noch geschlossen, es war also niemand des Nachts eingestiegen. Die Kommode stand noch geduldig hinter der Tür, also auch von dort hatte sich kein Feind genaht. Scheckbuch und Uhr waren auch noch vorhanden! Was wollte ich mehr? Ich sah aus dem Fenster und ließ die herrliche Morgenluft hereinströmen und sagte zu mir selbst: Nun bist du wirklich in Neumexiko, und die Berge dort drüben sind ein Stück Felsengebirge. Alles war wie ein Traum! — — —

Ich kleidete mich rasch an, um die Stadt zu besehen und möglichst auch noch heute in die Berge zu kommen. Denn durchs Felsengebirge zweimal quer hindurchzufahren und auf keinen Berg zu kommen, dünkte mir ein Ding der Unmöglichkeit. Ich pilgerte bald in das Städtchen und fand es nicht so weit vom Bahnhof, als ich vermutet hatte. Bald stand ich auf seinem Marktplatz. Während man sonst in amerikanischen Städten durch „Wolkenkratzerkañons“ zum Zentrum kommt, war man hier wie in einer völlig anderen Welt. Eine belaubte und schattige, rechteckige nicht allzugroße stille „plaza“ wie in einem süditalienischen oder spanischen Landstädtchen öffnete sich als der Mittelpunkt des „Verkehrs“. Ihn bestritten einige in der Sonne sitzende kleine schwarzhaarige Mexikaner in ihren breiten Schlapphüten und hier und da ein echtsüdlicher zweirädriger Eselskarren. Die eine Längsseite der plaza säumte der alte dreihundertjährige „governors palace“, ein einstöckiges flachgedecktes, etwas verfallen aussehendes langgestrecktes Gebäude, das heute ein Museum birgt. Fast vornehm wie eine versunkene Pracht wirkten seine Säulenkolonnaden. Einst war es die „Residenz“ spanischer, mexikanischer und auch noch amerikanischer Gouverneure. General Lewis Wallace, der 1879-82 Gouverneur von Neumexiko war, schrieb hier seinen vielgelesenen Roman „Ben Hur“! Wahrhaftig, hier herum hatte er auch das passendste Milieu dazu, denn Neumexiko steht an Vegetation, Bergwelt, Bauweise und Klima in nichts dem heiligen Lande nach. Still und ehrwürdig klangen die Glockenschläge der nahen zweitürmigen, aber im ganzen einfachen romanischen „Kathedrale“ des heiligen Franziskus, die zur Morgenmesse riefen und auf die Mexikaner und katholische Indianer aus den umliegenden Siedlungen zustrebten. Es war Sonntag. Auf altspanischem Boden herrscht noch heute der Katholizismus. Santa Fé ist für amerikanische Zeitverhältnisse uralt. Schon 1542 fanden hier die Spanier ein großes Indianerpueblo vor, als selbst Neuengland noch kein Weißer betreten. Und noch heute wohnen zahlreiche Indianer auch in der Stadt. Die Sträßchen um die plaza lagen still und verlassen. Die schlichtesten Lehmbauten, die Läden vor der schon am frühen Morgen recht warm scheinenden Sonne herabgelassen, waren hier aneinandergereiht. Man hätte auch in Assisi oder sonst wo in Mittelitalien in einem verlorenen Bergstädtchen sein können!

Welch wohltuende Ruhe in diesem alten Städtchen! Hier einmal dem Weltverkehr mit seinem Expreß, seinen Autos, Wolkenkratzern und Millionenstädten vollständig entronnen zu sein, war ein Labsal! Hier hätte ich am liebsten gleich vier Wochen zugebracht! Aber mich zog es noch weiter in die Bergwelt, die ringsumher ihr Haupt hob ... Freilich bis auf die Schneegipfel würde ich wohl nicht kommen, das war mir klar. Aber vielleicht auf die in mittlerer Höhe vor ihnen? Santa Fé selbst liegt schon 2147 m hoch. Die Gipfel, die seine mächtige Hochebene säumen, mögen wohl 4000 m hoch sein, und das „Mittelgebirge“ vor ihnen vielleicht gegen 3000 m. Das war also mein Ziel.

Ich nahm gleich den nächsten Berg aufs Korn. Hinter der Stadt stiegen einige wegähnliche Gebilde durch die Felder und Weinberge bergan. Da mußte es emporgehen. Es war mir gleich wohin. Die Richtung nach Santa Fé zurück würde ich schon immer wieder finden. Im letzten Laden der Stadt verproviantierte ich mich ein wenig mit Brot, Konserven und eingemachten Früchten. Das sollte oben mein Mittagessen sein. Dann stieg ich wacker bergan ... Die Sonne schien heiß, obwohl es noch zeitig am Morgen war. Immer noch kamen mir einzelne Mexikaner, den ausgezogenen Rock den Italienern gleich frei über eine Schulter gehängt, aus den umliegenden Orten, und auch vereinzelte Indianer in bunten Decken, einen holzbeladenen Esel vor sich hertreibend, den Hohlweg herab. Jedem von ihnen schaute ich nach und bestaunte sie: Leibhaftige Mexikaner und Indianer! So klein, braun und schwarz wie etwa bei uns die Zigeuner, mit denen sie als ursprüngliche Mongolen (?) vielleicht auch rassemäßig zusammen gehören.

Von einer roten Farbe sah ich allerdings keine Spur. Vielleicht waren die roten Indianer weiter im Norden und Osten. In schwarzen langen Strähnen hing ihnen das Haar in den Nacken; es kamen nur Männer. Frauen und Kinder blieben wohl daheim in ihren „pueblos“, den fast fensterlosen und nur mit Leitern zu ersteigenden flachen Lehmhäusern. Bald aber kam niemand mehr. Was sie wohl von mir dachten? Hier und da sah einer dem Fremden nach. Ob schon je einer hier heraufstieg? Wenn nun ein paar vielleicht von ihnen heimlich umkehrten und mir etwa auflauerten? Mein kleines Taschenmesser wäre meine einzige Waffe gewesen, aber auf wie lange? Mit Revolver und Büchse war ich noch nie in die Wildnis gezogen ... In solche Rolle hätte ich mich auch nicht so leicht finden können.

So stieg ich wohlgemut auf Schusters Rappen höher und höher. Den Hohlweg hatte ich verlassen, der schien mir zu weit ab und zu wenig in die Höhe zu führen. Rechts hinauf war noch eine Zeitlang so etwas wie ein Jäger- oder Wildpfad, der zwischen dem fast mannshohen stachlichten Gesträuch hinaufführte. Dann hörte auch der auf. Einige Fliegen folgten mir summend, sonst war es völlig still. Die Sonne meinte es sehr gut. Kein schattenspendender Baum war ringsum. Ein Wiesel huschte vor mir über den Weg und verschwand scheu. Im Gebüsch raschelte es manchmal wenig anheimelnd. Waren es Schlangen? Gar giftige? Ich mochte nicht erst untersuchen, sondern setzte meinen Anstieg, der immer steiler wurde, unentwegt fort. Hier lag ein gebleichter Ziegenschädel. Der Balg des Tieres war verschwunden. Und dort ein zerzauster Vogel. Hatten hier Kämpfe stattgefunden? Waren hier Raubtiere (Pumas?) in weidende Herden auf den Bergen eingebrochen? Gab es hier sonst noch Gefahren? Ich wußte es nicht und stieg bergan.

Kein Mensch war weit und breit. Santa Fé lag schon eine sehr gute Strecke unter mir. Seine wohlgeformte Kapitolskuppel leuchtete in der Sonne, sonst schrumpfte alles andere des Städtchens auf einen ziemlich engen Raum zusammen. Ein Ruf wäre nicht mehr hinabgedrungen. Gab es auch hier oben Indianer? Friedliche oder räuberische? Karl Mays Indianergeschichten, einst in der Jugend verschlungen, tauchten in meiner Erinnerung wieder auf. Ich sah rauchende warme Skalpe am Gürtel hängen. Passierte das heute noch? Ich hatte noch nichts dergleichen in den Zeitungen gelesen. Zugüberfälle und Lynchjustiz an Negern, die weiße Mädchen überfielen, pflegten vorzukommen, aber auch Pistolenschießereien und Eifersuchtsszenen in den Südstaaten, wo das alte heiße und stolze Kreolenblut noch in den Adern rollt. Sollte ich lieber umkehren, um nicht etwas zu riskieren? Aber wozu? Vielleicht war ich hier oben sicherer als mitten in Chikago oder Neuyork. Sollte ich mich nachher vor mir selber schämen? Ich stieg weiter empor ...

Nach einer Weile hielt ich eine kleine Rast und schnitt eine Büchse mit in der Hitze besonders lieblich schmeckenden Aprikosen auf und aß von meinem Brote. Dann stieg ich höher. Nur Stechpalmen und Kakteen begleiteten mich noch. Vom Weg war schon lange keine Spur mehr. Nicht einmal Tritte waren zu sehen. Jeder Schritt mußte jetzt erobert werden. Dicht und dichter wurde das stachelichte Gebüsch. Aber die Schneegipfel ringsum hoben sich auch immer höher und unersteiglicher. Ich nahm mir einen Bergabsatz als Ziel, der mir noch erreichbar schien. Die Sonne stieg auf Mittaghöhe und leuchtete unbarmherzig vom wolkenlosen strahlend blauen Himmel. Endlich unter viel Schweißtropfen nach viel Klettern und Kriechen war das Ziel erreicht. Meine Hände waren blutig gerissen. Noch immer sah man Santa Fé, aber wie in einer tiefen Ebene gelegen. Wie hoch mochte ich jetzt sein? Die Aussicht war überaus großartig. Wie stumme Helden umlagerte mich die Kette der Schneegipfel. Wie weltverloren zitterte dünn und fern der Pfiff einer Lokomotive herauf. Durch die weite Hochebene wand sich eine winzig kleine schwarze rauchende Schlange — der Sonntagszug. Als ich die Reste meines Proviants verzehrt hatte, schlief ich, ohne es zu merken und zu wollen, hier oben müde von dem dornigen, steilen und heißen Anstieg ein. Auch lag mir wohl noch die 39stündige Bahnfahrt von Chikago her in den Gliedern ...

Als ich wieder gestärkt von der herrlichen Bergluft erwachte, schaute ich mich verwundert um. Wo war ich? Ich merkte, daß ich geschlafen haben mußte. Ach, da unten lag ja Santa Fé. Ich war in Neumexiko, und diese Berge sind ja ein Stück Felsengebirge! Das ganz unbeschreiblich Eigentümliche meiner weltverlassenen Situation wurde mir wieder klar. Schlangen waren nicht gekommen, auch keine räuberischen Indianer hatten mich angefallen. Keine Moskitos hatten mich gestochen ... Ich zog die Uhr. Mittag war vorüber! Es war Zeit, schleunigst umzukehren, wieder unter Menschen zu gehen, wenn ich noch mehr sehen wollte. Wie gerne wäre ich weiter hinaus in die Bergwelt gestiegen, bis hin zu den Indianerpueblos und -reservationen, aber ohne jede Begleitung und besondere Ausrüstung war es doch wohl zu gewagt. Dazu gehörte vor allem Reittier und Führer ...

Der Abstieg ging natürlich viel rascher vonstatten als der Anstieg. In über einer guten Stunde war ich wieder in der Nähe der Stadt auf Wegen. Ich hatte einen kleinen Bachkañon mit Maultierspuren gefunden, wirkliche echte „Indianerpfade“, denen ich folgte. Denn alle Begriffe von Wegweiser, Farbzeichen, gebauten Wegen und etwa gar Ruhebänken wären im Felsengebirge eine bare Lächerlichkeit ...!

Als ich wieder auf die „plaza“ kam, saß da jetzt die ganze Stadt unter den belaubten Bäumen versammelt. Wie bunt waren die Kleider der Mexikanerinnen! Bei den Weisen einer konzertierenden Kapelle saß man, plauderte, rauchte und sah in die Sonne ... ein genügsames Völkchen!

Trotz ungewöhnlicher Wärme — es war noch Anfang April — ging ich am Nachmittag noch in anderer Richtung hinaus vor die Stadt, eine Indianerschule zu besuchen, die der Staat zur Ausbildung und Erziehung tüchtiger indianischer Bürger eingerichtet hat. Die Schule war eine Art Internat und großes Pensionat, ein umfänglicher Gebäudekomplex mit Kapelle, Wirtschaftsgebäuden, Werkstätten, Wohn-, Lehr- und Schlafräumen und großen Spielplätzen. Als ich die Schule betrat, strömten die Indianerbuben, große und kleine, gerade aus der Kapelle aus der Sonntagsschule, alle in blauen Uniformen mit blanken Knöpfen, ihrer Schulkleidung. Dann stürmte alles hinaus aufs camp zum Spiel. Ich ließ mich zunächst beim Schulleiter, dem sogenannten „Superintendent“, melden und bat um die Erlaubnis der Besichtigung, was mir auch freundlichst gewährt wurde. Freilich auf eine lange Unterhaltung mit mir ließ sich der Herr „Superintendent“ jetzt an seinem freien Sonntagnachmittag nicht ein, denn er war gerade mit seinem Freund, dem Arzt der Stadt, übrigens einem Herrn deutscher Abstammung aus Michigan, beim Schachspiel. Das mochte er offenbar nicht unterbrechen. Er war zwar gemütlich und entgegenkommend, aber ein wenig unhöflich, indem er vom Schachtisch nicht einmal aufstand, um mir nur die Hand zu schütteln. Aber ich war es ja vielleicht auch, unangemeldet Sonntag nachmittag um halb vier Uhr ihm ins Haus zu fallen. Er fragte, ob ich nicht morgen wiederkommen könnte. Da wollte ich schon in die 1000 m tiefe Schlucht des Grand Cañon sehen ... Also das ging nicht.

Der Schulsuperintendent klingelte seinem Adjutanten, einem der Lehrer der Anstalt, einem Mr. G. Der erhielt den Auftrag, mich zu führen. Was er auch in der allerausführlichsten Weise tat. Mr. G. war selbst Indianer(!), freilich in europäischer Kleidung wie alle die Indianerjungen. Schade! Wieviel romantischer hätten sie in ihrer Nationaltracht ausgesehen! Aber das nennt sich ja „Kultur“, alles Bodenständige, Individuelle und Originelle möglichst auszurotten und alles grau in grau zu nivellieren. So werden auch bald die zivilisierten Indianerjünglinge ihr höchstes Ideal darin sehen, Strohhut, Kravatte, Blusenhemd, Gürtel und Hosenfalten genau nach Neuyorker Vorschrift zu tragen ... Mr. G. führte mich durch die weiten Schlafsäle, in denen die Betten ebenso sauber und ordentlich in Reih und Glied standen wie in einem deutschen Schulinternat, dann in die Baderäume mit ihren Duschen. Waschgeschirr im Schlafzimmer kennt ja der Amerikaner nicht. Hier muß es ein unterhaltendes Schauspiel sein, die 200 munteren braunen kleinen Kerle planschen und spritzen zu sehen. Dann gingen wir durch die Schulzimmer, wo sie an einzelnen Tischchen und auf Schemeln sitzen, in die Werkstätten, wo jeder irgendein Handwerk lernt, in die Anstaltsgärten mit ihren wohlgepflegten Feldern und Obstplantagen — welche Freude, diesen südlichen Reichtum zu sehen! — und endlich zuletzt in die katholische Kapelle, wo Franziskanerinnen die Sonntagsschule halten. Der „disciplinarian“ — das war Mr. G.s offizieller Titel — machte mich auch aufmerksam auf die Unterschiede an den Uniformen der Knaben, wer Kapitän, Adjutant, Leutnant u. dgl. sei. Die Anstalt ist also nach dem Prinzip des amerikanischen self governement der Schüler ein sich selbst regierender Schulstaat, der der Jugend viel Spaß bereitet und mit großem Ernst von ihr bis zum Schulgerichtshof gehandhabt wird. Zu allerletzt führte mich Mr. G. in seine eigene Wohnung und stellte mich seiner Frau vor — einer geborenen Mecklenburgerin! Diese Landsmännin war in Santa Fé, Neumexiko, schon 18 Jahre mit einem Indianer verheiratet! ...

Illustration from Quer durch Amerika: Ein Reisetagebuch

DIE SAN FRANCISCO-BERGE IN ARIZONA

⇒ GRÖSSERES BILD

Ich verabschiedete mich mit großem Dank von dem „disciplinarian“, ließ mich dem Herrn Superintendenten empfehlen und begab mich noch hinaus zu dem 20 Minuten abliegenden Spielplatz, wo die Indianerbuben jetzt ihren Sonntagnachmittagsbaseball spielten. Von fern sahen sie in ihren blanken Uniformen fast aus wie preußische Kadetten. Aber nun konnte ich sie auch recht in der Nähe betrachten. Von 10-16 Jahren waren alle Altersklassen vorhanden. Lauter braune stämmige Bürschchen und Burschen mit starken Backenknochen, langem schwarzglänzenden strähnigen Haar und einem leichten Anflug von Kupferröte auf den braunen Backen! Wie merkwürdig! Da lernen nun die Kinder von „Adlerfeder“ und „Falkenauge“ usw., einst der Schrecken der Weißen, Englisch, Geographie und Geschichte, um einmal als Normalamerikaner in Denver oder Chikago oder wo sonst eine kaufmännische oder staatliche Stelle zu bekleiden und im Amerikanismus aufzugehen. Der Stammverband löst sich, ihre Religionen sind gestorben, die Götzenbilder wandern in die Museen, und der Medizinmann findet keinen Glauben mehr. Der Sinn für Krieg und Jagd ist dahin; sie sollen „good citizens“ werden. Reklameindianer bieten in ihren bunten Trachten auf den Bahnhöfen der Santa Fé-Eisenbahn ihre Erzeugnisse, bunte Teppiche und Töpfe, feil oder führen Nationaltänze in den Bars der großen Hotels auf. So endet die alte Geschichte der Indianer in der Neuzeit! Freilich die alten runzligen Weiber in ihren Perlschnüren und die am Feuer kauernden Männer in ihren bunten Decken sind kein dauerndes Menschheitsideal. Aber wehmütig war mir es doch, diese Indianerjungen beim Baseball statt beim Pfeilschießen und Pferdereiten zu sehen ... Im Garten der Anstalt saßen einige ihrer Väter mit braunen runzligen Gesichtern, fransenbesetzten Lederhosen und einem turbanartigen Tuch um das glänzend schwarze, langgeschorene Haar. Ein bißchen heroischer hätte ich sie mir allerdings vorgestellt ...!

Am Abend zog nach dem heißen Aprilsonntag ein Gewitter auf. Stahlblau sammelten sich die Wolken an den Bergen. Über den Schneehäuptern zuckten gelbe Blitze. Sie spiegelten sich in den blendenden Fenstern des adligen Kapitols, dessen Kuppel aus seinen üppigen Gärten mich zum Abschied grüßte. Ich erreichte gerade noch vor dem Gewitterregen den Bahnhof und bestieg wieder den Zug nach Lamy, wo sich heute am Sonntag Abend am Bahnhof ganze Haufen von Indianern in voller Tracht tummelten. Es war immer derselbe Eindruck: Tiefbraune Gestalten, schwarze, langsträhnige Haare, bunte Umschlagetücher und befranste Hosen ... So erwarteten sie den Kaliforniaexpreß und boten während des Aufenthalts ihre ohne Tonscheibe geformten und mit der Hand schön bemalten Tonwaren an.

Es war schon dunkel geworden, und ich war wieder im Schlafwagen. Leider durchfuhren wir gerade jetzt in dieser Nacht eine sehr interessante Gegend am breiten und reißenden Rio Grande entlang, der fast doppelt so lang als der Rhein schließlich sich in den Golf von Mexiko ergießt. Wir passierten Albuquerque, wo sich die Eisenbahn nach dem Zentrum Mexikos abzweigt, nach El Paso, Chihuahua und Mexiko ... freilich eine Reise von hier etwa noch zwei Tage weit. Dürr, eintönig und wenig bewässert ist rings das Land. Yuccapalmen, oft vielemannshohe Kakteen und Wermutsträucher sind die einzigen Steppenpflanzen, die hier fortkommen. An den Berghängen gedeihen Föhren und Zedern ...

Als ich am Morgen erwachte, dehnten sich rechts und links der Bahn wieder ungeheure Hochwüsten, kahle Felsen warfen scharfe Schatten; die Luft war ganz trocken und rein. Sonniges Himmelblau spannte sich über einem rötlich schimmernden Lehmboden. Hier und da sah man halbwilde Rinderherden, die von Cowboys zu Pferde umstellt und umkreist, eingefangen und zur Tränke oder zum Transport getrieben wurden. Herden oft von mehreren hundert bis tausend Stück, ein wimmelndes, buntbewegtes Schauspiel ...

In Winslow — wir sind noch immer 1470 m hoch — war „Frühstücksstation“. Ja, wie das wohltut, einmal wieder aus dem ewigfahrenden Eisenbahnwagen auf 25 Minuten aussteigen zu dürfen, wieder nach einer durchfahrenen Nacht als Mensch auf dem Erdboden sich in freier Luft und Sonne zu ergehen und die steifen Beine wieder bewegen zu können! Alles stürmte aus dem wieder zur Heimat gewordenen Wagen in den „Speisesaal“ der Station. Zum ersten Male bedienten hier chinesische Kellner, ein Zeichen, daß wir uns Kalifornien näherten, das sein Angesicht schon gen Asien wendet. Was man also in Amerika alles antrifft! Das Bild wurde immer bunter: Neger, Indianer, Chinesen, dazu die ganze Völkerkarte Europas ...

Wohlgestärkt fahren wir wieder ab. Mit zehn Pullmanns und zwei Maschinen fauchen wir über die Hochebene. Nach etwa zweistündiger Fahrt stoppt der Zug auf ein Flaggensignal mitten in der Wüste. Was ist los? Ein Unglück? Sind wir an einer Station? Bahnwärter oder Bahnbeamte u. dgl. sind nirgends sichtbar. Ein paar braune Gestalten kauern unter einem Schuppen. Ein einziger Passagier „steigt“ tatsächlich „aus“, d. h. er springt mit einem mächtigen Satz von dem sehr hohen Trittbrett auf das freie Feld der Wüste. Sein Gepäck wirft man ihm kurzerhand nach! Er dankt und winkt. Der Zug fährt weiter. Ob die braunen Gestalten ihn erwartet haben? So sehen also zum Teil „Stationen“ des Kaliforniaexpreß auf der Grenze von Neumexiko und Arizona aus! Hier kann man sich denken, wie leicht es unter Umständen sein muß, Schienen aufzureißen und Züge zum Halten zu bringen ...

Auf über 60 m hoher Brücke setzen wir über den berüchtigten „Diablo Cañon“. Hier haben sich einst blutige Kämpfe mit den Apachen-Indianern abgespielt. Am Horizont tauchen aufs neue hohe dunkelblaue Bergketten auf. Heiß steht die Halbmittagssonne über den sandigen Hügeln. Die kupfernen Drähte längs der Bahn blinken im hellen Sonnenlicht. In der Ferne erheben sich die kraterartigen Gipfel höher und höher; es sind die sogenannten „San Franzisko Mountains“, die aber von der gleichnamigen Stadt noch über 1000 km Luftlinie entfernt sind! Welch einen malerischen Kontrast bilden die gelbe unfruchtbare Wüste und das Tiefblau der Berge! Die Wasserscheide zum Stillen Ozean haben wir überschritten. Der Rio Grande war der letzte Fluß, der noch den Atlantischen Ozean im mexikanischen Golf erreicht. Inzwischen sind wir politisch auch schon in den Staat „Arizona“ eingetreten, der halb so groß wie das Deutsche Reich, doch nur wenig mehr als 100 000 Einwohner zählt. Denn gut ein Drittel von ihm ist Wüste und ein Drittel Hochgebirge. Gemütlich liege ich im reclining-chair und schaue mir unverwandt auch diese neue Welt rings um mich an. Es war schön, so gemächlich durch Wüste, Wildnis und Hochgebirge gefahren zu werden. Man kann auch einmal auf ein Halbstündchen die Augen schließen und ein Schläfchen halten — und versäumt dabei doch nichts Wichtiges. Denn die Szenerie ändert sich sehr langsam, manchmal auf einen halben Tag nicht. Jetzt sieht man draußen eine Zeitlang nur mächtige wilde Lebensbäume als das einzige, das die großartige Monotonie der Hochsteppe unterbricht. Das Leben im Zug ist inzwischen wieder wie das einer Familie geworden. Man kennt sich allmählich gut. Kinder tollen in den Gängen. Man tauscht Leid und Freud miteinander aus. Ab und zu tut man mehr aus Langeweile als aus Bedürfnis einen Gang zu dem Eiswasserfaß am Ende des Wagens. Schließlich wird man auch dazu zu träge. Der „trainboy“ bietet unaufhörlich Postkarten und Obst an. Es ist alles im Zuge vorhanden. Nur neueste Zeitungen fehlen; denn die aus Los Angeles oder Denver sind schon zu alt und ausgelesen. Aber etwa, während man durch Arizona fährt — vielleicht nie wieder im Leben! — irgendwelche Romane, es sei denn der berühmte Indianerroman „Ramona“, oder sonst wissenbereichernde magazines zu lesen, hielte ich in solcher Umgebung für ein Reiseverbrechen.

Auf einmal setzte wieder dichterer Baumbestand ein, je mehr wir uns den majestätischen San Franzisko-Mountains nähern. Aber wie hat man auch hier mit den Baumbeständen gewüstet! Man gab sich in Amerika ja nicht immer die Mühe, regelrecht zu fällen und zu roden. Man brannte die Wälder einfach nieder, um anbaufähiges Land zu gewinnen, ein Verfahren, das vielleicht bei uns in und nach der Zeit der Völkerwanderung geübt wurde. Ganze Reihen halbverkohlter, an- und ausgebrannter Baumstümpfe bleiben einfach stehen und liegen, so daß die Wälder schauerlichen Ruinenstätten gleichen. Teilweise aber sind die Baumruinen auch furchtbare Zeugen ungeheurer Waldbrände, deren es in der Union an 300 000 im Jahre geben soll. Zu ihrer Auffindung verwendet man neuerdings staatliche Forstbeamte mit Flugzeugen, die eine Beobachtung auf große Entfernungen gestatten. Nun möchte man dem völligen Untergang der riesigen Waldungen des riesigen Landes doch nach Kräften wehren ...

„Flagstaff“! Nach etwa 100 km Fahrt von Winslow halten wir wieder einmal. Es ist halb zwölf Uhr mittags. Die herrlichste kühle Bergluft strömt zu den geöffneten Fenstern herein. Wir sind jetzt dicht unter den imposanten, mit Neuschnee halb herunter bedeckten San Franzisko-Bergen. Die herrlichste Alpenlandschaft wie ein Berner Oberland breitet sich vor uns aus! Indianer hocken um ein Feuer gruppenweise in der Nähe der Station auf dem Waldboden. Einige weidende Pferde um sie herum. Auf dem Bahnsteig treffe ich auch einen deutschen Schlächter. Seine Eltern wohnen in Neuyork. Er ging „nach Westen“. Die erste Frage, die übrigens der Biedermann an mich, den Stammesgenossen, richtete, war: „Ob in Deutschland die Züge auch so schnell fahren und so fein sind?“ Ich habe gleich Ja gesagt. Da schaute er mich spöttisch und verächtlich an. Denn auch ihm ging schon nichts über Amerika. Es war gut, daß man wieder einsteigen mußte. An den hohen Bergketten selbst bauten sich reizende Holzhäuser im Stil der Schweizerhäuschen empor. Wie kühl, frisch, rein war hier alles! Von den Bergen, auf deren einem sich das Lowell-Observatorium befindet, wehte frische Schneeluft herab. Hier müßte man bleiben können! Eine idealere „Sommerfrische“ als hier, Tausende von Kilometern von aller Kultur entfernt, könnte ich mir kaum denken. Indianer als Bahnarbeiter schleppten mächtige Balken zum Verladen herbei. Der Holzhandel blüht ...

Nach weiteren 35 Meilen Fahrt sind wir am frühen Nachmittag in „Williams“, der Umsteigestation nach dem „Großen Cañon des Colorado River“, meinem nächsten Ziel, das an Großartigkeit noch die Niagarafälle übertreffen sollte. Williams ist ein kleiner Ort, dessen Bedeutung der Viehtransport und -handel ebenso ausmacht wie der Transport der Reisenden nach dem einzigartigen Naturschauspiel Amerikas ... Von Williams aber hatten wir nach der Grand-Cañon-Station noch einmal beinahe drei Stunden auf einer Nebenlinie zu fahren, obwohl es nur als ein „kleiner Abstecher“ von der Hauptlinie angesehen wird. Täglich geht ein Zug im Anschluß an den Kaliforniaexpreß hin und her. Die Kleinbahn fuhr langsamer als der Expreß über das weite Koloradohochplateau, aber auch sie war recht komfortabel eingerichtet. Drei Stunden lang durchfuhren wir dieselbe Gegend! Die San Franzisko-Berge, durch die man früher den Weg zum Grand Cañon nahm, blieben hinter uns. Kahle grasige Hochebene war jetzt das einzige. Echte Gebirgssteppe rechts und links, bevölkert hier und da nur von nach Tausenden zählenden Schafherden. Ein wenig war sie unserer wenn auch tiefgelegenen Lüneburger Heide vergleichbar, aber im ganzen viel öder, einsamer und unbewohnter.

Unterwegs an Station Willaha halten wir länger, damit die Reisenden in der Nähe sich die gerade statthabende Schafschur, die hier maschinell im Großbetrieb erfolgt, ansehen können. Etwa 5000 Schafe sind im Pferch. Eins nach dem anderen wird wenig sanft gepackt, zu Boden gedrückt, zwischen die Beine eines starken Mannes geklemmt und die Schermaschine rasch über seinen Pelz weggeführt. Abgezogen wie eine Rübe oder Kartoffel und oft aus vielen Schnittwunden blutend wird das Tier dann nach wenigen Sekunden entlassen, um anderen Platz zu machen. Aber mit der sprichwörtlichen Lammesgeduld, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben, ließen die Tiere alles über sich ergehen ...

Ein andermal halten wir bei einem kleinen, auf einem Stab angebrachten Blechbriefkasten. „U. S. mail“ steht da. Sonst ist nichts weit und breit zu sehen. Alles schaut aus dem Fenster dem interessanten Schauspiel zu, das hier in der Wüste als wichtige Unterbrechung der Fahrt vor sich geht. Die kleine Postblechbüchse wird nämlich geöffnet und „geleert“! Und aus dem Zug werden einem herbeisprengenden Reiter zwei Postkarten und einige Zeitungen übergeben. Mit diesen sprengt er auf seinem dürren Gaul und in seinen schafpelzigen Hosen in die Steppe zurück und verschwindet im Busch. Post für die Cowboys! Ich denke an den Postverkehr der Millionenstädte. Welche ungeheuerlichen Gegensätze in demselben Lande!

Draußen liegen einige trockene, wurzellos vom Sturm geknickte Föhren. Sie faulen und verwittern. Vor Jahrtausenden sind sie versteinert und heute zum Teil noch in allen Farben schillernd nach Form und Gestalt erhalten. Ganze Wälder von Lebensbäumen treten auf. Die Vegetation belebt sich. Ach könnte man bei den Cowboys einmal im Zelt schlafen und mit ihnen reiten oder auf die San Franzisko-Berge steigen bis an den Schnee! Im Zug preist der Hotelportier der großen Cañonhotels immer aufdringlicher ihre unvergleichliche Unterkunft an, Wagenfahrten, Reittiere, Indianertänze, Zeltreisen und wer weiß nicht was ... Wir nähern uns also unserem Ziel.

Wir halten! „Grand Cañon-Station!“ Nur wenige Schritte, und wie beim Niagara wird eins der größten Naturwunder der Erde sich vor mir auftun ...! Zuvor aber bestelle ich mir im Hotel „Bright angel“ ein Zimmer und lege mein Gepäck ab. Dann will ich in aller Muße und Ruhe das grandiose Naturschauspiel von hier oben genießen. Der Hotelportier ist zur Abwechslung — ein Schweizer! Ein prächtiger, urwüchsiger, unverdorbener Bursche, der seinen volksechten Dialekt unter den englischen Brocken noch nicht verlernt hat. Der Wirt war leider ein etwas allzutypischer, sehr wohlbeleibter, damals oft dem Gläschen am Büfett zusprechender Deutscher, der hier schon recht treffliche Geschäfte gemacht hat. Freilich ist der „Bright angel“ nicht der einzige, aber älteste und verhältnismäßig preiswerteste Gasthof, was bei mir neben den Naturschönheiten immer etwas mit ins Gewicht fiel ...

Und dann trat ich an den Rand des Cañon! Er übertraf wirklich alle Erwartungen! Man stand einen Augenblick wie starr vor dieser märchenhaft-titanischen Naturszenerie, die sich da auftat. Ich war noch nie von einem Naturschauspiel so wahrhaft im buchstäblichen Sinne überwältigt wie hier. Selbst der Niagara — unvergleichlich in seiner Art — tauchte daneben auf eine Weile in den Schatten der Erinnerungen. Ich war in den Alpen gewesen, im Berner Oberland vor der Jungfrau, im Allgäu, in Tirol, im Stubaier, im Ortlergebiet. Aber hier übertrafen die Ausmaße und die grandiose Wucht des Ganzen alles bisher Geschaute. Das konnten gleichsam nur götterhafte Riesen der Vorzeit aufeinandergetürmt haben. So empfand man. Ich stand und schaute ... Wie klein war man dieser Urwelt gegenüber! ... Was ist der Mensch, diese Eintagsfliege auf seinem uralten und urmächtigen Planeten ...?

Eine wahrhaft ungeheuerliche mit Felstürmen, Plattformen, Nebencañons in allen Farben vom Violett und vollem Rot bis zum satten Dunkelgrün, Gelb und Weiß des Jurakalks schimmernde, unfaßlich weite, nach unten in gewaltigen Terrassen sich stark verengende Riesenschlucht tat sich auf. Mehr einem steinernen Zaubergarten, in dem sich heimlich Riesen ergehen, oder verwunschenen Riesenschlössern vorweltlicher Titanen und Götter mit Zacken, Zinnen und Türmen vergleichbar denn einem Felsental eines einzigen Stromes, das er in Jahrhunderttausenden ausgewaschen und eingefurcht hat.

Oben steht man auf einem völlig flachen und platten, etwa 2000 m über Seehöhe befindlichen Steppenplateau, nur von winddurchwehten, niedrigen, knorrigen Föhren bewachsen, die sich da und dort zu Wäldern verdichten, und dann stürzt es dicht vor einem hinunter in wahrhaft gigantischen Stockwerken von jedesmal mehreren 100 m bis zur Fußsohle, die wieder in einer besonders scharf eingeschnittenen Felsenschlucht anderthalbtausend Meter unsichtbar unter dem Beschauer in der Tiefe des Cañons liegt. Gerade weil der Urheber des Cañons, der Koloradofluß, der in den kalifornischen Golf sich ergießt, völlig unsichtbar bleibt und doch wie Hephästus ständig in der Tiefe arbeitet, rauscht und braust, schafft und weiter sich einfrißt und an der Schlucht in alle Ewigkeit bohrt; wirkt das Ganze noch mystischer und unfaßlicher ... Mitten aber in den steinernen gigantischen Felsenöden erblickt man auf einmal bei schärferem Zusehen etwa 800 m tief unten eine kleine grüne Oase mit einem menschlichen Haus — eine zerbrechliche Menschenhütte in der Welt der Titanen! — das sogenannte „halfway-house“ (Halbweg-Haus) in der Hälfte des Abstiegs zum Koloradofluß. Man kann zu Fuß und auf Maultieren auf sehr steilem steinigen Zickzackpfad in die schaurige Tiefe hinabgelangen ...

Ich konnte mich von diesem riesenhaften Anblick nicht so bald trennen. Ich liebe es immer, auf hohen Bergen, an besonders großartigen Punkten der Natur auf Erden stundenlang allein zu weilen, um die großen, erhabenen Eindrücke und das feierliche Schweigen der immer grandiosen Natur in mich recht hineinzusaugen. Das ist mir dann Lohn genug für alle Anstrengungen, Mühen und Ausgaben der Fahrt. So lag ich schon als Vierzehn- und Fünfzehnjähriger stundenlang auf den Höhen des Schwarzwaldes, etwa dem Hochfirst über dem Titisee oder dem Feldberg über dem Feldsee oder auf dem Sulzer Belchen oder Donon in den Vogesen, als noch niemand daran dachte, sie könnten je wieder französisch werden, und sog die ungeheuren Ausblicke über die Rheinebene, die Gipfelwelt des Wasgaus, den Anblick der vielen kleinen Dörfer und Städte in mich hinein. Wie in einem Tempel geweiht trat man dann den Abstieg und Heimweg an. Es war die Seele gleichsam auf Jahre hinaus geweitet. Alles menschliche Gezänke und Gejage erschien da oben so erbärmlich! Man war eigentlich grundsätzlich von ihm erlöst. Streit um Mode und Meinung, um Richtung und Partei zerfloß vor solchen Erlebnissen wie eine Lächerlichkeit. Es war etwas vom Geiste des Universums in das Individuum geströmt und hatte es frei gemacht. Wie kindisch erschienen nach solchen Eindrücken auf hohen Bergen die Menschen in den großen Städten, die den Hals so lang recken und den Kopf so hoch tragen, da einer auf den anderen herabsieht, weil der eine einen anderen Rock trägt als der andere oder dieser einen geringeren Beruf hat als jener. O über die erbärmlichen und kleinlichen Menschen!

Stunden der inneren Erlösung werden am Rande des Cañon geschenkt — wenn nur nicht zwei Minuten hinter mir sich schon die „Kultur“ in Gestalt der Gasthöfe erhoben hätte samt den typischen Reisenden mit ihrem unnützen Geplauder und Gewäsche. Auf den Bänken am Rande des Cañon müßte etwa angeschrieben stehen: „Alles laute und oberflächliche Schwatzen und Lachen ist angesichts der großen Natur strengstens untersagt.“ Ich saß da, bis es dunkelte, und konnte mich nicht satt sehen. O das wunderbare Rot! Dieses strahlende Feuer des Gesteins um die Zeit des Sonnenuntergangs! Diese Riesenbauten, immer aufs neue großartig in ihrer schweigsamen Pracht! Letzte Sonnenstrahlen ließen jede Wand, jeden Sandfleck noch einmal rot, blau, violett, tiefgelb erstrahlen. Das Farbenspiel an den Wänden des Cañon war fast ebenso wundersam wie seine Größe. Dazu der Kontrast der obersten weißen Juraformation mit den roten und braunen Gesteinsbändern. Hier versagen alle Beschreibungen. Wie ein aufgeschlagenes lebendiges Museum hat hier die Erdoberfläche alle ihre geologischen Geheimnisse enthüllt und ihr Inneres offen und furchtlos aufgedeckt. Man sah wie die letzten Sonnenstrahlen langsam aufwärts glitten. Was für Gründe und Schlünde! Wände wie flüssiges Feuer! Jetzt wurde die rote Schlucht von der Abendsonne nicht mehr erreicht. Aber der gelblichweiße Kalk leuchtete noch lange! Langsam erstarben auch diese Lichter. Der Abend kam. Die kühnen Riesenschlösser verdunkelten ...

Aus dem nahen Föhrenwald ritt eine Gruppe Indianer heraus. Eine bessere Staffage konnte ich mir zuletzt gar nicht wünschen. Unter ihnen ein Bursche mit zwei feuerroten Pferden, als seien sie dem Cañon entstiegen. Jetzt halten sie am Rande der Riesenschlucht. Auch für sie scheint er, obwohl gewohnt, ein immer neues unfaßliches Schauspiel.

Grabgesang für den indianischen Häuptling Schwarz-Amsel (Aufrecht begraben auf einem lebenden Pferd am Felsenufer über dem Missouri.)

Er ist tot, Unser Häuptling, Ai! Ai! Ai! Ai! Krankheit überfiel ihn, Ihn, unsren Führer, Schmerzlich starb er dahin. Zu seinen Füßen sind wir Krieger, Seine Kinder versammelt. Zerschnitten haben wir unser Fleisch Vor seinem Leib. Unser Blut tropft auf die Weiden, Mit denen wir unsre Arme durchbohrten. Wir schlagen uns mit Weiden, Wir betrauern unsren Bruder, unsren Vater, Wir singen langsame Lieder Dem lauschenden Geist des großen Häuptlings Schwarz-Amsel. Gestern Unterm roten Himmel, Durch den die Sonne stürzte, Riefen sie dich, Deine Vorfahren Aus der Mitte des Himmels, Aus der dich umkreisenden Wolke Riefen sie deinen Namen. Er ist tot Unser Führer Ai! Ai! Ai! Ai! Unser Häuptling Schwarz-Amsel! Schlagt euch mit Weiden, Laßt tropfen euer Blut für ihn! Ihr habt den Todesgesang Euren Freunden gesungen, Den Gräsern der Prärie, dem Fluß, Der die Prärie Wie der Mond den Himmel schneidet. Sieh, wir richten dich auf. Das Blut unsrer Weidenwunden Tropft auf dich. Wir kleiden dich in dein Hemd aus weißem Bocksfell, Wir knüpfen deine Gamaschen aus Bergziegenfell, Wir legen um deine Schultern Dein Kleid aus dem Fell des jungen Büffelstiers, Wir haken dein Halsband aus grauen Bärenklauen Um deinen Hals Und setzen auf dein Haupt Deinen Kriegshelm aus Adlerfedern. So hast du es befohlen. Ai! Ai! Ai! Ai! Schlagt euch mit Weidenruten! Du fährst fort von uns, Es ist Zeit für dich fortzufahren, Du trittst die lange Reise an. Hinauf auf die hohe Klippe Tragen wir dich. Unser Blut tropft auf die Erde, Und dein Pferd, Dein weißes Pferd Geht mit dir, Es folgt dir nach, Sanft leiten wir es Deinem Körper nach, Deinem nicht mehr schweren Körper, Den der Tod zerschrumpft. Der Habicht fliegt Halbwegs zum Himmel, So wirst du halb über der Erde schweben. Auf hohem Ufer wirst du stehen, Wenn wir dich aufstellen, Zittert die Erde. Du bist tot, Doch du hörst unsren Gesang, Du bist tot, Doch wir heben dich auf dein weißes Wieselroß. Es zittert wie die Erde, Sein Fell zuckt Bei der leisen Berührung mit deinen Knien, Unser Blut schreit zu dir, Da es über die Blätter der Weiden tropft. — — — Du leuchtest wie Sonne zwischen Bäumen, Du blendest wie Sonne, Die über Präriegras rinnt. Du durchbohrst unsre Augen, Wenn die Donnerwolke sich empört gegen den Wind. Wer sollte das sein, Wenn nicht er, unser Häuptling? — — — Ai! Ai! Ai! Ai! Stolz reitet er sein weißes Pferd, Seine Hauptfedern rauschen leis’ im Wind. Großer Häuptling, Vater des Volks, Der du schaust auf den kluftigen Hügel Und den langen beweglichen Fluß. Der du gefaßt erwartest den Saum der Nacht Und das Kommen der Sterne, Bereit zu springen Den Sternweg mit der mächtigen Kraft Deines wundervollen Pferdes, Die Wolfsspur aufzunehmen, Mit dem Schrei des Erfahrenen Aufwärts zu reiten über den großen Himmel. Wir bewachen dich, Wir begeistern dich, Wir schreien dir Beifall mit unsrem Jagdruf, Unsrem Schlachtlied. Zum Klatschen unsrer Weiden sollst du reiten, Und dein weißes Roß Soll dich hinter die Wolken tragen Hinter die unbeweglichen Sterne. Wenn die Wasser ruhen Und Nebel steigen, Wirst du wieder erscheinen? Dann werden deine Brüder, die Ottern, Aus den Wassern tauchen, Unter dem hohen Hügel Wird deiner Stimme starkes Echo tönen. Wie Metall wird deine Stimme Durch die Himmel dringen. Deine Kriegskeule wird durch die Räume hallen Wie deine Brüder, du Adler, Wird deine Stimme zu uns niederfallen Durch die Böschungen des Winds. Du wirst rund um die Welt gehen, Du wirst über und unter die Welt gehen, Du wirst zum Geisterplatz kommen. Ai! Ai! Ai! Ai! — — — Wenn Regen kommt Auf den Schwingen der Krähen, Im Frühling Müssen wir die Stimme der Eule fürchten Allein in unsren Hütten, Nun, da du von uns gegangen. Wie groß ist die Zahl deiner Schlachten! Zur Nacht, Wenn die Hunde schweigen, Gehst du leise Über die Dörfer der Feinde, sie zu zerstören. — — — Tod bringe ich! Ich tanze auf denen, die ich töte! Ich skalpiere die, die ich töte, Ich lache über die, die ich töte, Heh — heh! Rot waren deine Pfeile wie des Grashüpfers Flügel, Hoch in der Sonne. Denn Feinde schämten sich vor dir, Bis du ihnen die Köpfe abschnittst Und ihren Skalp an deinen Zügel bandest. Nun reisest du allein, Reise die Wolfsfährte entlang, Müde zu den kleinen Sternen! Amerikanische Nachdichtung von Amy Lowell.

Die braunen Burschen mit Federn und Bogen, gestickten Mokassins und prachtvollen warmen, weichen Decken — angenehm jetzt in der wehenden Abendkühle — verschwanden in einigen nahen Lehmbauten, wo sie — man sieht es durch die offene Tür — ein Feuer entzündeten. Malerisch säumten ihre bunten Kopfbinden das langsträhnige glänzend schwarze Haar ...

Geschminkte und gepuderte reisende Damen kamen jetzt daher und richteten ihre Lorgnette auf die Söhne der Natur. Da wünschte ich mir eine Geißel ...! Drinnen aber im Hopi-house, der Lehmhütte der angekommenen Hopi-Indianer, schaukelte friedlich ein Baby auf einem von der Decke an zwei Stricken hängenden Brett. Ein Älterer der Rothäute trat jetzt mit einer blitzenden Axt vor die Hütte, um Holz zu spalten und das Feuer zu entfachen. Diente nicht diese Axt wilderem Zweck? Am liebsten wäre ich zu der um das Feuer in der Hütte hockenden Gruppe gegangen und hätte mich unter sie gesetzt und mit aus ihrem Napf gegessen. Und Karl May war nie solcher Anblick vergönnt! — —

Nach dem Abendessen im „Bright angel“ trat ich noch einmal an den Rand des Cañon. Der Mond übergoß jetzt mit blendendweißem Licht die grellbleichen Kalkfelsen, die da in den schauerlichen Grund abstürzten. Welch eigentümliches Licht! Aber auch hier fehlte die Komik der Kultur nicht. Elektrische Bogenlampen erhellten frech und frank rings die Nacht um das Hotel! ... Fledermäuse umschwirrten sie. Glühlämpchen am Cañon! Welche Stillosigkeit! Auf den Bänken saßen einige Hotelburschen, deren Arbeit zu Ende war, und sangen süßmelancholische Negerlieder aus Kentucky und Tennessee! Vor dem Hopi-house aber tanzte — verhülle dein Haupt — für ihnen auf den Boden zugeworfene Kupfermünzen die Gruppe der Hopi-Indianer indianische Volkstänze. Sieben bis acht Männer, Frauen und Kinder waren es. Es war ein merkwürdiges rhythmisches Stampfen und heiseres Schreien, das durch eine Rassel in der Hand unschön unterstützt wurde. Die Frauen tanzten barfuß mit Blumensträußchen in den Händen, bald neben-, bald hintereinander zierlich und rhythmisch sich wiegend, die Männer in ihren Mokassins. Indianertänze im bleichen Mondschein vor der Indianerhütte am Rande des Cañons waren also der letzte Eindruck dieses Tages! Den nahm ich mit in meine Träume der Nacht ... —

Für den anderen Tag hatte ich mir vorgenommen, den Abstieg auf dem schwierigen und sehr mühevollen „bright-angel-trail“ in den Cañon zu wagen. Aber nicht mit Maultier und Esel, Führer und Pferden, Zelten und Proviant, mit geputzten Herren und gepuderten Damen, Dienern und Troß, sondern allein zu Fuß und mit ein paar Brotscheiben in der Tasche ... Allein, Auge in Auge, wollte ich der Nacktheit der Natur und den titanenhaften Schroffen des Kolorado gegenübertreten. Hoffentlich störte mich heute kein Menschenschwarm und -geschwirr, keine schwatzenden, beschleierten und lorgnettierenden Damen oder politisierenden Männer ...

Illustration from Quer durch Amerika: Ein Reisetagebuch

SANTA CATALINA IM STILLEN OZEAN

⇒ GRÖSSERES BILD

Ich nahm also einstweilen Abschied von der bewohnten Oberfläche der Erde, um mich in die Eingeweide ihrer Unterwelt zu begeben. So kam es mir vor. Oben blieb die Menschheit zurück, und ich stieg der Tiefe zu, wie der Bergmann in den Schacht fährt und der Taucher in den Ozean sinkt. Fast so war es mir zumute. Hoffentlich gab mich der Cañon heil der oberen Erde wieder. Je weiter ich stieg — jeder Tritt war mit Vorsicht zu wählen, und jeder Schritt eine kleine Leistung — desto ungeheuerlicher wurden die Ausmaße der Abstürze. Und so tief man auch hinabstieg, immer neue Felsenabstürze gähnten unter mir, immer ferner rückte die Randhöhe des Plateaus oben, immer weiter wurde die Spanne von Rand zu Rand der Riesenschlucht. Welche Entfernungen, welche Tiefe, welche Steilheit des Felsenpfads! Welch schauerliche Felsöden! Man kam sich vor wie in einem Riesengefängnis, das kein Schließer zu verschließen braucht. Drüben aber die in der Morgensonne leuchtenden roten Zacken, Zinnen, Türme und Wände, die noch kein menschlicher Fuß betrat.

Etwa zwei bis drei Stunden bin ich mühsam allein hinabgestiegen. Kein Laut störte die Einsamkeit. Kein Vogel kreiste über den unfruchtbaren Felsmassen. Nur da und dort rollte ein Steinchen, das unter dem Tritt sich löste, springend, hüpfend mit ein wenig Geklirr in größere Tiefen. Es hallte der eigene Schritt wieder von den nächsten Felswänden. Ein paar niedrige Kakteen wuchsen zwischen den Steinen und ein paar blühende Anemonen ...

Ich landete auf einem Plateau, halbstündig im Geviert. Eine kleine grüne Steppeninsel inmitten der Felsmassen lag vor mir, von etwas quellendem Wasser berieselt. Das „half-way-house“, der Rastort der Touristenkarawanen, war erreicht. Ich kletterte noch vor bis an den Rand des eigentlichen engeren Flußcañons, wo es schwarz und steil in die Tiefe geht. Aber weiter wage ich mich nicht. Ich hätte gerne dort unten meine Hand in den Kolorado gesteckt ... Aber jeder Schritt tiefer kostete zwei mühsame Schritte nachher wieder herauf. Und hinauf war es weit länger und anstrengender als hinab. Würde auch das Wetter halten? Der Himmel hatte sich dunkel umzogen ...

Ich mochte eine halbe Stunde am Rand des letzten Absturzes gelegen haben, wie Jakob das Haupt auf einen harten Stein gebettet, und hatte in die Felseinsamkeit und den Himmel gestarrt. Vom Kambrium bis zum Tertiär lagen wohlabgezeichnet alle Schichten von unten nach oben übereinander, rote Granite, dunkelbraune Gneise, mattgrüner Schiefer, dunkelroter Kalkstein, rot und weißgebänderte Sandsteinformationen und zuoberst hellgrauer Kalk. Von Rand zu Rand spannt die Riesenschlucht oben etwa 15 km, bis 1½ km ist sie tief, und der Fuß auf der Sohle ist noch an 100 m breit. Bei Hochwasser kann der Kolorado bis um 70 m steigen! Wie mag der erste Weiße, der Goldsucher Garcia Lopez de Cardenas im Jahre 1542 gestaunt und gebebt haben, als er diese teuflische Schlucht, die bis 350 km (also etwa von Berlin bis über Prag hinaus) lang ist, zum ersten Male erblickte! Was besagen diesen Maßen gegenüber alle die Klamms Oberbayerns oder selbst die Elbrinne unserer sächsischen Schweiz? 1869 unternahm es zuerst der kühne Major J. W. Powell, den Koloradofluß durch den Cañon hindurch im ganzen 1600 km weit zu befahren! — — —

Ich hatte mich erhoben, um wieder anzusteigen. Und ich tat gut daran. Wolken und Nebel fuhren dichter über die Felszinnen. Ängstlich huschten die Eidechsen in ihre Steinritzen. Als ich eine kleine Stunde mühsam bergangeklommen war, brach um mich ein Schneesturm los! Im Nu tanzten wilde Flocken und hüllten mich ein. Kein Mensch war weit und breit. Orkanartig brauste es die Wände entlang. Verschwunden war mit einem Male der Zaubergarten samt allen seinen Farben. Im Schneesturm, in Nebel und Wind mutterseelenallein an eine Felswand gedrückt, wartete ich das Wetter ab. Der Steilpfad war zwar kaum zu verfehlen. Ein Verlorengehen war nicht gut möglich. Und ein Tornado oder eine Windhose, die mich am Ende nach dem anderen Rande des Cañons entführte, würde ja hoffentlich nicht gerade kommen.

Vorgestern noch in Santa Fé ein Sommergewitter und heute in derselben Höhe und Breite ein Schneesturm im April unter 36 Grad Breite! Welche Kontraste doch dieser Kontinent barg!

Vom anstrengenden, steinigen, steilen und eiligen Steigen klopfte mir das Herz bis zum Halse hinauf. Eine Zeitlang barg ich mich in der schützenden Nische an der Felswand. Die Hände waren mir eiskalt, aber am Rücken troff mir der Schweiß! Das Schneegestöber nahm zu. Ich war früh aufgebrochen. Die reitenden Karawanen hatten es vorgezogen, oben zu bleiben oder waren auf dem Viertel Weg wieder umgekehrt. Als ich endlich nach viel Mühe, durchnäßt und durchfroren wieder oben war, lag der Schnee auf den Hoteldächern und der Terrasse! ... Man glaubte sich in eine Winterlandschaft des Riesen- oder hohen Erzgebirgs versetzt und wärmte sich gern am behaglichen Kamin mit seinen mächtigen glimmenden Holzklötzen ...

Die Nacht erquickte die vom Ab- und Anstieg ausgereckten Glieder wunderbar. Es war die zweite Nacht am Rande des Cañons. Wie würde morgen das Wetter sein?

Notes in this chapter

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