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Psychologie und Logik

Abschnitt II. Die einzelnen Elemente des Seelenlebens.

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§ 8. Die sogenannten „Seelenvermögen”.

Die Erscheinungen des Seelenlebens werden gewöhnlich durch Annahme von drei Seelenvermögen erklärt, eines Erkenntnis-, eines Gefühls- und eines Begehrungsvermögens. Die darin liegende Dreiteilung der geistigen Vorgänge wird fast allgemein angenommen. — Die Versuche, das eine auf die andern oder alle auf eines zurückzuführen (so Herbart auf das Vorstellen), tauchen immer wieder auf, haben aber noch zu keinem befriedigenden Ergebnis geführt. Aber es dürfen dabei zwei wichtige Punkte nicht übersehen werden, teils was den Ausdruck „Vermögen”, teils was die Dreiteilung betrifft:

1. Daß mit der Annahme von drei Seelenvermögen die Vorgänge der Seele nicht erklärt, sondern nur klassifiziert sind; denn es ist noch keine Erklärung einer Erscheinung, wenn man ohne näheren Nachweis in dem Gegenstand, an dem sie vorkommt, eine Fähigkeit sie zu erzeugen annimmt. Was wir empirisch beobachten können, sind jedenfalls nur die geistigen Vorgänge selbst und die Verschiedenheit, nach der wir dieselben in Klassen einteilen.

2. Diese drei Klassen von geistigen Vorgängen, das Erkennen, das Fühlen, das Wollen kommen in der Seele nicht getrennt vor. Es gibt wohl kaum einen Zustand der Seele, in dem nicht alle drei Arten sich zusammen vorfinden. Wir dürfen also nur von Seelenzuständen sprechen, in denen das Erkennen oder das Fühlen oder das Wollen vorwiegt, und wenn wir im folgenden diese einzelnen Elemente des Seelenlebens gesondert betrachten, so müssen wir uns dabei immer bewußt bleiben, daß wir damit in der Wissenschaft eine Trennung vollziehen, die es in Wirklichkeit nicht gibt.

1. Das Erkennen.

§ 9. Die Empfindung.

Das einfachste Element des Erkennens, die einfachste Art, wie die Seele zu einer Kenntnis der Außenwelt gelangt, ist die Empfindung. Sie ist zu unterscheiden von den Gefühlen, den Zuständen der Lust und Unlust, und schließt drei Hauptmomente in sich:

1. Den äußeren Sinnesreiz. Wenn die Sinnesorgane in Tätigkeit treten sollen, so muß eine Wirkung auf sie ausgehen von irgend einem Gegenstand, der entweder unmittelbar den Körper berührt oder durch Bewegung eines dazwischen liegenden Stoffes auf den Körper einwirkt. Das erste geschieht z. B. bei Tastempfindungen, das zweite beim Sehen, Hören durch die Schwingungen des Äthers, der Luft.

2. Die Erregung eines sensiblen Nerven im Körper, die durch den Reiz veranlaßt wird und von den peripherischen Nervenenden bis in das Zentrum des ganzen Nervensystems, in das Gehirn sich fortpflanzt. Wird der Nerv durchschnitten, so kommt es nicht zur Empfindung.

3. Die Empfindung in der Seele selbst, das Sehen, Hören, Tasten, Riechen, Schmecken.

Die Empfindungen selbst sind aber den Vorgängen 1. und 2., durch die sie veranlaßt werden, ganz ungleich. Es läßt sich nicht nachweisen, warum auf Schwingungen der Luft gerade die Empfindung des Hörens folgt; wir können nur feststellen, daß es so ist. Auch die Abhängigkeit der Empfindung vom äußeren Reiz dem Stärkegrade nach ließ sich nur auf Umwegen ermitteln. Auf Grund der Empfindung allein können wir nie mit Bestimmtheit sagen, daß etwa ein Licht a, dessen Leuchtkraft nach der Kerzenstärke, also als äußerer Reiz, 1½ mal so groß als die von b ist, 1½ mal so hell sei als das Licht b. Man ging daher von der Frage aus, um wie viel ein Reiz verstärkt werden muß, damit eine Zunahme der Stärke in der entsprechenden Empfindung eben noch bemerkt werden kann. Es zeigte sich, daß der Zuwachs des Reizes, welcher eine eben noch merkliche Änderung der Empfindung hervorbringt, zu der Reizgröße, zu welcher er hinzukommt, immer in demselben Verhältnis steht (Webersches Gesetz), oder, mathematisch ausgedrückt: daß die Stärke des Reizes in geometrischer Progression wachsen muß, damit die Empfindung in arithmetischer Progression zunehme. Muß man also zu einem Gewicht von 3 kg 1 kg zulegen, damit eine Zunahme des Druckes eben noch merklich werde, so ist bei 9 kg eine Vermehrung um 3 kg nötig, während nur 1 kg mehr zu keiner Verstärkung der Druckempfindung führen würde. Für die verschiedenen Sinne ist das Verhältnis der Reizstärke, das diese sogenannte „Methode der eben merklichen Unterschiede” ergibt, ein verschiedenes; doch ließ es sich nur für Reize von mittlerer Stärke bestimmen, am meisten übereinstimmend noch für die Schallempfindungen: nahezu == 3:4, für die Lichtempfindungen wurde 100:101, für Hebungen, also Druckempfindungen, unterstützt durch das Muskelgefühl, 15:16 gefunden.

Übrigens gibt es auch subjektive Empfindungen, welche, obwohl nicht durch die ihm entsprechenden Sinnesreize, sondern durch mechanische Einwirkungen wie Schlag oder Druck oder innere Zustände des Körpers erzeugt, doch den jedem Sinnesnerven allein eigentümlichen Charakter tragen („spezifische Sinnesenergie”) und deshalb häufig in die Außenwelt hinaus verlegt werden, z. B. das Klingen im Ohr, das Leuchten vor den Augen, Frost und Hitze im Fieber. Diese Tatsache führte auf die durch Johannes Müller (1826) begründete Annahme einer spezifischen Sinnesenergie, d. h. einer besonderen Fähigkeit jedes einzelnen Sinnesnerven, auch auf Reize verschiedener Art nur gerade die ihm eigentümlichen Empfindungen zu vermitteln.

Auch dauern die Empfindungen oft noch fort, nachdem die Reize schon aufgehört haben. Daher erzeugen besonders starke Lichtempfindungen sog. „Nachbilder”.

Die Empfindungen sind entweder einfache, z. B. eine Farbe, ein Ton, oder zusammengesetzte, z. B. ein Regenbogen, dessen verschiedene Farben wir zugleich sehen, oder ein Musikinstrument, das wir zugleich sehen und hören.

§ 10. Vorstellung und Wahrnehmung.

Die Empfindung geht dadurch, daß sie mit dem veranlassenden Reiz aufhört, nicht für das Bewußtsein verloren. Sie kann vielmehr in der Seele wiedererzeugt werden, als eine Art Erinnerungsbild, dem jedoch die sinnliche Lebhaftigkeit des ersten Eindrucks fehlt, und heißt dann Vorstellung. Diese Wiedererzeugung findet besonders dann statt, wenn die betreffende Empfindung selbst wiederkehrt. Wenn ich z. B. eine bestimmte Person durch zusammengesetzte Empfindungen: Sehen der Gestalt und ihrer Bewegung, Hören der Stimme u. s. w. kennen gelernt habe, so kann ich auch ohne Wiederkehr dieser sinnlichen Eindrücke eine Vorstellung von derselben haben; immer aber tritt dieses Erinnerungsbild des früheren Empfindungskomplexes hervor, wenn ich dieselben Empfindungen wieder habe, und die neuen Empfindungen werden dann als dieselben wieder erkannt, d. h. es findet eine Wahrnehmung statt. Dieser Unterschied zwischen Empfindung und Wahrnehmung tritt in manchen Erscheinungen deutlich hervor, wo die Fähigkeit zu empfinden noch vorhanden, aber die wahrzunehmen verloren ist, z. B. bei der Wortblindheit, wo die Empfindung, das Hören des gesprochenen, das Sehen des geschriebenen Wortes noch da ist, aber das Verständnis seiner Bedeutung, d. h. die Fähigkeit zur Wiedererzeugung der dazu gehörigen Vorstellung fehlt. Beim normalen Menschen wird der Sinneseindruck stets zu dem übrigen Bewußtseinsinhalt in Beziehung gesetzt und so das in der Empfindung sich darbietende Rohmaterial zur Wahrnehmung verarbeitet. Da hiernach in der Regel die Empfindung sofort als Wahrnehmung auftritt, sobald sie zum Bewußtsein kommt, so werden beide Begriffe häufig als gleichbedeutend gebraucht.

Die Verschmelzung der wiedererzeugten Vorstellung mit der neuen Empfindung ist aber nicht eine bewußte Arbeit des Wahrnehmenden, sondern geht unwillkürlich vor sich. Die Vorstellung, die dabei mitwirkt, kommt deshalb gar nicht als selbständiges Element zum Bewußtsein, sie wird daher auch „gebundene Vorstellung” genannt. „Freie Vorstellungen” sind dann diejenigen, die ohne Veranlassung durch die Empfindung im Bewußtsein auftauchen. Im philosophischen Sprachgebrauch wird aber das Wort „Vorstellung” vielfach auch im allgemeineren Sinne verwendet zur Bezeichnung jeden Inhalts des Bewußtseins überhaupt, der auf Gegenstände der Außenwelt, ihre Eigenschaften oder Zustände bezogen wird. Es umfaßt dann sowohl die Wahrnehmungen als die Vorstellungen in dem oben genannten Sinn und gewinnt seine Bedeutung besonders in dem Satze der Erkenntnislehre: Die Welt ist meine Vorstellung. (Kant, Schopenhauer.)

§ 11. Der Verlauf der Vorstellungen.

Durch die freien Vorstellungen, die von den Empfindungen sich losgelöst haben, bekommt das Bewußtsein einen selbständigen Inhalt. In diese Vorstellungswelt treten aber immer wieder neue Empfindungen und damit neue Vorstellungen ein. Es sind zwei nebeneinander hergehende Reihen von Vorgängen, die sich um den Vorrang in der Seele streiten.

Auf einem Spaziergang z. B. tritt vielleicht anfangs die Wahrnehmung der Umgebung mit ihren wechselnden Empfindungen in den Vordergrund. Da führt die Ähnlichkeit der wahrgenommenen Gegend mit einem früheren Aufenthalt zur Erinnerung an die Erlebnisse desselben, und hinter diesen Gedanken, die sich selbständig fortspinnen, treten die äußeren Empfindungen immer mehr zurück, so daß der Spaziergänger, ganz in sich vertieft, kaum mehr auf den Weg achtet, bis etwa eine auffallende Erscheinung wieder den Strom der freien Vorstellungen unterbricht. Das Vorwiegen einer dieser Reihen bezeichnet zugleich eine Eigentümlichkeit unter den Menschen. Die einen neigen sich mehr dem Spiel der Empfindungen und der äußeren Wahrnehmungswelt zu, so diejenigen, die eine Anlage für Musik oder bildende Künste, oder für Naturwissenschaft haben, andere geben sich lieber dem Laufe der freien Vorstellungen, dem Leben in der Erinnerung, oder den Wissenschaften des Geistes hin. Geht aber das Interesse des Menschen ganz in einer dieser Reihen auf, so leidet das Geistesleben unter krankhafter Einseitigkeit.

Der Verlauf der Vorstellungen schließt zwei Fragen in sich: Wie entstehen die Vorstellungen im Bewußtsein? und: Wie verschwinden sie aus demselben? Sofern sie durch Empfindungen hervorgerufen werden, ist die Frage schon beantwortet: mit dem Beginnen und Aufhören des äußeren Reizes. Doch findet ein solches Auftauchen und Verschwinden nicht bloß auf Veranlassung der Empfindungen, sondern auch im Verlaufe der freien Vorstellungen statt. Da jedoch hier nie eine unbedingt neue Vorstellung auftritt, sondern höchstens die alten mit Hilfe der Einbildungskraft eine neue Verbindung eingehen, so lautet die eine der Fragen etwas anders: Wie geht es zu, daß die einmal verschwundenen Vorstellungen wiederkehren?

Da dies als Tatsache feststeht, so wird angenommen, daß sie überhaupt aus dem Umkreis der Seele nicht ganz verschwunden sind, sondern daß sie, wenn auch nicht im Bewußtsein, so doch als unbewußte Zustände noch vorhanden waren. Wir haben auch sonst Anzeichen, die auf Vorgänge in der Seele „unter der Schwelle des Bewußtseins” (Herbart) hinweisen, so die unmittelbare Wahrnehmung von Verhältnissen, die eigentlich eine Reihe von Mittelgliedern voraussetzt, z. B. der Entfernung eines Gegenstandes (s. S. 36), oder die Welt der Gefühle, deren Ursprung uns oft dunkel ist. Über diese Vorgänge unter der Schwelle des Bewußtseins können wir aber nie etwas Bestimmtes aussagen, als das Negative, daß sie eben unterhalb des Bewußtseins vor sich gehen; denn sie könnten nur beobachtet werden, indem sie Gegenstände des Bewußtseins würden.

In der Mitte zwischen Bewußtem und Unbewußtem steht der Traumzustand. Seine Eigentümlichkeit besteht wohl hauptsächlich in einer Schwächung des bewußten Willens, der sonst den Verlauf der geistigen Vorgänge beherrscht und zusammenhält. Die Aufeinanderfolge der Vorstellungen wird nur sehr unbestimmt durch das Gefühl geleitet und hat deshalb freies Spiel. So fügen sich besonders an einzelne Reize, sinnliche Eindrücke von der Außenwelt her oder Zustände des eigenen Körpers, sofort Vorstellungen, mit denen dieselben Gefühle im wachen Zustand verbunden sind. Es wird z. B. schweres Atemholen als Alpdrücken, leichtes als Flugbewegung, Stechen im Fuß als Biß einer Schlange, ein gehörter Schuß durch die Geschichte eines Mordes gedeutet.

Beobachten wir nun die Vorstellungen, die im wachen Bewußtsein auftauchen, ohne durch einen äußeren Reiz unmittelbar veranlaßt zu sein, so zeigt sich, daß die eine Vorstellung immer durch eine andere hervorgerufen wird, mit der sie in irgend einer Weise verbunden ist. Diese Vorstellungsverbindung nennt man Assoziation der Vorstellungen oder auch Ideenassoziation. Sie hat hauptsächlich zweierlei Formen und beruht:

1. Auf der Ähnlichkeit der Vorstellungen. Die Vorstellung einer Person, einer Landschaft ruft diejenige einer andern ihr ähnlichen hervor.

2. Auf deren äußerem Zusammenhang in Raum und Zeit (Berührungsassoziation). Was wir häufig zusammen wahrgenommen haben, das strebt auch in der Vorstellung sich zu verbinden: die Vorstellung eines Bekannten ruft die Vorstellung seiner Wohnung hervor. Durch diese Assoziation zusammenhängender Vorstellungen bekommen wir überhaupt erst die Vorstellung von einem einzelnen Gegenstande. Zur Vorstellung eines Apfels gelange ich nur dadurch, daß ich häufig die dazu gehörigen Empfindungen des Gesichts, des Geruchs, des Tastsinns und des Geschmacks miteinander gehabt habe, und daß infolgedessen die eine dieser Vorstellungen, z. B. die des Gesichts, die andern dazu gehörigen immer zugleich wiedererzeugt. Die zeitliche Assoziation, durch Gleichzeitigkeit oder zeitliche Aufeinanderfolge vermittelt, findet z. B. statt, wenn mit einem bestimmten Tag des Jahres die Vorstellung eines Geburtsfestes sich verknüpft hat, oder wenn das Anfangswort eines auswendig gelernten Gedichtes die folgenden Wörter, der Anfang einer bekannten Melodie die Vorstellung der folgenden Töne hervorruft. Je häufiger diese Assoziationen zur Wiedererzeugung von Vorstellungen dienen, desto leichter gehen sie von statten. Die Übung spielt hier eine große Rolle (s. § 28).

Von dem Verschwinden der Vorstellungen glauben nun die einen, es sei das natürlichere und bedürfe keiner besonderen Erklärung, die andern verlangen umgekehrt eine Erklärung des Verschwindens, da nach dem Gesetz der Beharrung das Festhalten das selbstverständliche sei. Will dieses Gesetz in seiner allgemeineren Fassung sagen, daß kein Zustand sich verändert, ohne daß ein Grund dazu da ist, so ergibt sich, daß allerdings das Verschwinden einer Vorstellung, das einmal tatsächlich vorliegt, erklärt werden muß. Diese Erklärung muß von der Voraussetzung ausgehen, daß wegen der sogenannten Enge des Bewußtseins immer nur eine beschränkte Zahl von Vorstellungen zugleich im Bewußtsein sich befinden kann, so daß also die einen durch die andern verdrängt werden. Worauf die Macht der Vorstellungen zur Verdrängung anderer oder ihre Stärke beruht, das ergibt sich zum Teil aus den Gesetzen ihrer Wiedererzeugung, zum Teil aus der Bedeutung, welche sie für das vorstellende Subjekt haben. Je geläufiger die Verbindung einer Vorstellung mit andern ist, desto sicherer wird sie vor konkurrierenden Vorstellungen den Vorzug erhalten, z. B. in der Regel das h der alphabetischen Reihenfolge e f g h vor dem a der musikalischen Tonleiter e f g a. Andrerseits wird die Vorstellung mit um so mehr Stärke sich ins Bewußtsein drängen, je wichtiger der durch sie bezeichnete Gegenstand für uns selbst und je größer infolgedessen das auf Gefühlen beruhende Interesse ist, das wir an ihm haben.

§. 12. Die Aufmerksamkeit und das Gedächtnis.

Mit dem Festhalten und Wiedererzeugen der Vorstellungen hängen zwei Fähigkeiten zusammen, die im Geistesleben eine große Rolle spielen, die Aufmerksamkeit, d. h. die Fähigkeit, Vorstellungen und Vorstellungsreihen zu möglichst klarer und deutlicher Auffassung festzuhalten, und das Gedächtnis, d. h. die Fähigkeit, verschwundene Vorstellungen mit Bewußtsein wiederzuerzeugen oder sich zu erinnern.

Man unterscheidet zwischen unwillkürlicher und willkürlicher Aufmerksamkeit. Die unwillkürliche wird durch einen plötzlich an uns herantretenden Reiz hervorgerufen, indem er uns veranlaßt, uns demselben zuzuwenden, damit wir ihn möglichst deutlich wahrnehmen. So zieht z. B. eine Lichterscheinung oder ein plötzliches Geräusch unsere unwillkürliche Aufmerksamkeit auf sich. Die willkürliche Aufmerksamkeit entsteht durch das Interesse (s. § 11), das die Willenstätigkeit veranlaßt, die geistige Kraft auf bestimmte Vorstellungen oder Vorstellungsreihen hinzulenken. Da die Aufmerksamkeit darauf ausgeht, gewisse Vorstellungen mit Verdrängung anderer festzuhalten, so ist sie von der Stärke derselben abhängig und kann erzeugt werden teils dadurch, daß das Interesse erregt wird, teils dadurch, daß der Zusammenhang der Vorstellungen streng festgehalten wird. Geschieht das letztere nicht, so entsteht das Gegenteil, die Zerstreutheit.

Das Gedächtnis beruht auf den Gesetzen der Reproduktion. Wir können eine Vorstellung wiedererzeugen, uns auf sie „besinnen”, indem wir der Vorstellungsreihe nachgehen, in welcher sie enthalten ist, und so mit Hilfe der Assoziationen auf dieselbe stoßen. Je vielseitiger und deutlicher daher die Verbindung einer Vorstellung mit andern ist, desto leichter können wir uns ihrer erinnern. Wir prägen uns also etwas ein, indem wir es in den Zusammenhang mit andern Vorstellungen hineinstellen und zwar entweder auf mechanische Weise durch häufige Wiederholung aufeinanderfolgender Vorstellungen, die uns durch Übung geläufig wird, wobei wir im allgemeinen an die Richtung gebunden sind, in welcher die Assoziationen eingeübt wurden (ein auswendig gelerntes Gedicht, oder ein beliebiges Wort läßt sich nur schwer rückwärts sagen, einseitig gelernte Vokabeln sind nur in derselben Richtung, z. B. französisch-deutsch, geläufig); oder auf logische Weise durch Aufnahme der Vorstellung in einen klaren inneren Zusammenhang, den wir wegen seiner Angemessenheit an unsere Denkgesetze leicht wiedererzeugen können, z. B. einen Satz der euklidischen Geometrie.

Die Tätigkeit des Gedächtnisses wird erleichtert durch häufige Übung und durch das Interesse, das dem Verschwinden der Vorstellungen entgegenwirkt. Mit dem Unterschied des Interesses hängt es auch zusammen, daß das Gedächtnis bei verschiedenen Personen an verschiedene Gegenstände gebunden sein kann, so daß von einem Gedächtnis für Worte, Zahlen, Töne, Sachen, Örter oder für bestimmte Gebiete der Wissenschaft die Rede ist. Außerdem aber kommen hierbei angeborene Eigentümlichkeiten des Gedächtnisses in Betracht, die sich besonders als vorherrschende Empfänglichkeit für bestimmte Sinneseindrücke, z. B. für bloß gehörte, oder für außerdem gesprochene, oder für bloß gelesene Worte geltend machen. Man hat danach ein akustisches, motorisches und visuelles Gedächtnis unterschieden.

§ 13. Die Arten der Vorstellung und das Denken.

Diejenige Vorstellung, die der einfachen Empfindung entspricht, z. B. die einer Farbe, kann man Einzelvorstellung nennen. Aus Einzelvorstellungen setzt sich die Vorstellung von Gegenständen, Personen, Verhältnissen, Begebenheiten zusammen, also die Vorstellung eines individuellen Ganzen oder die Individualvorstellung. Diese Individualvorstellung schließt gewöhnlich die Vorstellung eines Dings in sich, das übrig bleiben soll, auch wenn man die angeblich daran haftenden Eigenschaften, d. h. Einzelvorstellungen, wegdenkt. Die Richtigkeit dieser Vorstellung, deren Vorhandensein die Psychologie nur feststellt, hat die Metaphysik zu untersuchen.

Der menschliche Geist, der vor allem nach Einheit strebt, begnügt sich jedoch nicht mit einer Menge von Individualvorstellungen, sondern er sucht dieselben durch Bildung neuer Formen zusammenzufassen. Von einer Reihe immer wiederkehrender ähnlicher Vorstellungen bleibt in der Seele ein gemeinsames Bild von unbestimmtem Charakter zurück, das nur die allen gemeinsamen Merkmale, die individuellen dagegen nicht enthält: die allgemeine oder Gemeinvorstellung. Wenn vom Menschen im allgemeinen die Rede ist, schwebt uns dabei eine Gemeinvorstellung, ein ungefähres Bild vor, das mit Vernachlässigung aller Unterschiede der Völker und Individuen nur das Allgemeine, allen Menschen Gemeinsame darstellt.

Diese unbestimmten und leicht verwischbaren Gemeinvorstellungen könnten aber nicht auseinandergehalten und weiter ausgebildet werden, wenn sie nicht an ein bestimmtes Zeichen gebunden werden könnten. Diesem Bedürfnis kommt die Sprache entgegen. Jedes Wort ist ein Zeichen für eine Gemeinvorstellung; nur wo die Unterscheidung der Individuen einen besondern Wert hat, wie beim Menschen, da erhält auch die Individualvorstellung ein besonderes Wortzeichen, das dann nur für ein Individuum gilt. Solche Wortzeichen für Individualvorstellungen sind die Eigennamen. Sonst bezeichnet ein Wort, z. B. Tisch, nur die Gemeinvorstellung, der kein bestimmter Gegenstand, kein bestimmter Tisch entspricht, und kann nur etwa durch ein hinweisendes Fürwort: „dieser Tisch” auf einen bestimmten Gegenstand beschränkt werden.

Infolge der Verbindung mit dem Wortzeichen kann die Gemeinvorstellung genauer umgrenzt werden und in die bestimmtere Form des Begriffes übergehen, die Verbindungen der Vorstellungen untereinander können als Urteile, die sich in Sätzen aussprechen lassen, mit größter Genauigkeit vollzogen werden, und die Entstehung neuer Vorstellungen aus der Verbindung anderer nimmt auf dieser höheren Stufe die Gestalt von Schlüssen an. Diese ganze höhere Stufe ist die des eigentlichen Denkens. Der Unterschied zwischen dem gewöhnlichen Verlaufe der Vorstellungen und dem eigentlichen Denken ist also nur der, daß, was dort unwillkürlich geschah, jetzt mit voller Klarheit und mit der bestimmten Absicht vollzogen wird, die Natur und die geistige Welt oder ihren Zusammenhang zu erkennen, d. h. solche Vorstellungen und Vorstellungsverbindungen herzustellen, die der Wirklichkeit entsprechen. Dazu gehört dann, daß die beziehende Tätigkeit des Geistes mit Hilfe der Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Gebiet sich richtet und nach bestimmten Grundsätzen verfährt, die selbst wieder geprüft werden. So bildet das Denken den Begriff durch Ausscheidung der ungleichartigen und Zusammenfassung der gemeinsamen Merkmale, z. B. den Begriff Parallelogramm durch Weglassung der wechselnden Merkmale: Größenverhältnis der nichtparallelen Seiten und Größe der Winkel, und Zusammenstellung der allen gemeinsamen: Viereck und Parallelität der Gegenseiten. Das Urteil entsteht durch Verknüpfung der Begriffe, z. B. das Rechteck ist ein Parallelogramm; und der Schluß ist die Ableitung eines Urteils aus einem oder mehreren andern. Es wird z. B. aus den beiden Urteilen: „Dieses Viereck ist ein Parallelogramm” und: „Im Parallelogramm halbieren sich die Diagonalen gegenseitig” das dritte als Schlußfolgerung abgeleitet: „In diesem Viereck halbieren sich die Diagonalen gegenseitig.” Eine genauere Untersuchung der Bedingungen, unter denen bestimmte Begriffe, gültige Urteile und richtige Schlüsse zustande kommen, ist Aufgabe der Logik.

Die verschiedenen Aufgaben des Denkens werden auch, besonders seit Kant, an verschiedene Vermögen verteilt. Dem Verstand als dem „Vermögen der Begriffe” wird die begriffliche Verarbeitung der Erfahrung zugeschrieben im Gegensatz zur Vernunft, die „als Vermögen der Ideen” auf die Erkenntnis des über die Erfahrung Hinausgehenden, des „Übersinnlichen” gerichtet sei.

§ 14. Die Vorstellung eines zusammenhängenden Weltganzen.

Wir haben das Erkennen bis jetzt betrachtet, wie es von der einfachen Empfindung aus zu Vorstellungen und Vorstellungsverbindungen und endlich zum Denken fortschreitet. Damit ist aber der Stoff noch nicht erschöpft, den wir mit Hilfe der psychologischen Beobachtung in unserem Vorstellen finden. Wir treffen da nicht bloß einzelne Empfindungen, Vorstellungen, Begriffe, Urteile, Schlüsse an, sondern auch eine zusammenhängende Vorstellung der wirklichen Welt, in welche unsere einzelnen Vorstellungen sich einordnen. Es erhebt sich daher die Frage: Wie kommt diese umfassende Vorstellung zustande? Da kommen zuerst die beiden Hauptformen in Betracht, durch die wir den ganzen Stoff unserer Erfahrung ordnen: der Raum und die Zeit, und dann die Grundform, durch die wir ihren inneren Zusammenhang denken: die Kausalität.

Die geistige Welt fassen wir nur zeitlich auf, die körperliche Welt zeitlich und räumlich. Eine Vorstellung von der Zeit überhaupt haben wir nur, indem wir wahrnehmen, daß das, was früher war, nun nicht mehr ist, also unter der Voraussetzung, daß wir uns einer Veränderung von irgend etwas bewußt sind, und daß wir frühere Zustände wiedererkennen; denn nur so können wir einen zeitlichen Abstand von ihnen uns vorstellen. Je mehr wir also nur bei einem einzigen Gedanken oder Gefühl verweilen, ohne eine Veränderung zu erleben, desto mehr schwindet die Vorstellung von der Zeit. Eine gesonderte Vorstellung von der Zeit, losgelöst von dem, was in ihr geschieht, ist nur mit Hilfe der räumlichen Anschauung, etwa unter dem Bilde einer geraden Linie mit bestimmten Abschnitten möglich.

Wollen wir die Zeitabschnitte ohne besondere Hilfsmittel bloß mit Hilfe des Wechsels unserer inneren Zustände schätzen, so sind wir dabei von zweierlei abhängig, von dem Interesse, das die einzelnen Zustände des zu schätzenden Zeitraums für uns hatten, und von der Menge derselben. Der Gedanke, daß die Zeit Flügel habe, tritt besonders dann hervor, wenn wir einen Zustand oder ein Ereignis unseres Lebens mit dem Interesse, das sich für uns daran knüpft, uns lebhaft vergegenwärtigen, so daß die dazwischenliegenden, weniger wichtigen Vorgänge zurücktreten. Dagegen scheint uns die Zeit langsam verflossen zu sein, wenn die Abschnitte, die wir ins Auge fassen, von einer großen Anzahl wechselnder Ereignisse ohne hervorstechende Punkte ausgefüllt sind. Diese subjektive Schätzung der Zeit ist also eine unsichere und wechselnde. Man hat daher einen objektiven Maßstab der Zeit aufgestellt, indem man gleichmäßige Bewegungen in der Natur, Bewegungen der Sonne, des Mondes, des Pendels dazu benutzt, deren Wiederholungen gezählt werden.

Da wir in der wirklichen Welt eine Vorstellung in der Form des Raumes haben, während unsere Vorstellung selbst nicht räumlicher Natur ist, so erhebt sich die Frage, wie wir zu dieser Vorstellung eines Raumes gelangen? Fassen wir einen Gegenstand ins Auge, z. B. ein Gebäude, so enthält diese Wahrnehmung verschiedene räumliche Elemente. Wir erhalten eine Vorstellung von dessen Entfernung von uns und machen uns außerdem ein Bild von seiner Länge, Breite und Höhe, also von seinen drei Dimensionen.

Um die Entfernung zu messen, denken wir uns eine gerade Linie von dem Gebäude bis zu unserem Standort. Von der Entfernung selbst aber haben wir keine bestimmte unmittelbare Empfindung, sie ist vielmehr das Resultat einer Vergleichung zwischen der wirklichen und scheinbaren Größe des Gegenstandes, die infolge häufiger Übung so schnell vor sich geht, daß sie uns als unmittelbare Wahrnehmung erscheint. Je kleiner das Wahrgenommene im Verhältnis zu seiner wirklichen Größe ist, desto größer schätzen wir seine Entfernung, und je mehr dasselbe sich der wirklichen Größe nähert, desto geringer erscheint sie uns. Zum Zweck genauerer Schätzung wird die wirkliche Größe näher zu bestimmen gesucht etwa durch daneben stehende Menschen, deren ungefähre Größe genauer bekannt ist, oder es wird, besonders da, wo die wirkliche Größe nicht bekannt ist und nicht ermittelt werden kann, die der Entfernung entsprechende Gerade in mehrere Teile zerlegt, deren Entfernung durch andere dazwischenliegende Gegenstände bestimmt werden kann. Daher ist die Entfernung auf dem Meer oder auf einförmiger Ebene sehr schwer zu schätzen. Überhaupt läßt sich von den drei Elementen: wirkliche Größe, scheinbare Größe und Entfernung, wenn zwei gegeben sind, immer das dritte bestimmen. Außerdem dient zur Bestimmung der Entfernung auch die durch die Dicke und Beschaffenheit der dazwischenliegenden Luftschicht bedingte größere oder geringere Deutlichkeit der Umrisse.

Ein Mittel zu genauerer Bestimmung der Entfernung ohne Messung der die Entfernung darstellenden Geraden ist die Parallaxe; d. h. die Größe der scheinbaren Verschiebung, welche ein Gegenstand im Verhältnis zu einem feststehenden Hintergrund erfährt, wenn wir ihn von zwei verschiedenen Punkten aus betrachten. Je weiter der Gegenstand entfernt ist, desto kleiner erscheint die Verschiebung. So scheinen uns z. B. bei einer Eisenbahnfahrt die nächsten Gegenstände schneller vorbeizueilen, als die weiter zurückstehenden. Zu genauer Ermittelung der Entfernung durch die Parallaxe wird der Winkel gemessen, den die von dem Gegenstand zu den beiden Beobachtungspunkten gezogenen Linien einschließen. In dieser Weise wird die Parallaxe besonders in der Astronomie vielfach verwendet.

Wie gelangen wir nun aber zur Vorstellung von drei Dimensionen eines Körpers? Was wir zunächst sehen, ist nur eine Fläche mit verschiedener Schattierung. Die Wirklichkeit gleicht zunächst einem Gemälde, wo auch drei Dimensionen durch zwei dargestellt sind; daher faßt ein Blindgeborener, dem eine Operation zum Sehen verholfen hat, einen Würfel als Quadrat, eine Kugel als Scheibe und eine Pyramide als Dreieck auf. Die Vorstellung von einer Ausdehnung nach der Richtung der Tiefe bekommen wir erst durch eine Verbindung der Gesichtsempfindungen mit den Tast- und Bewegungsempfindungen. Indem wir uns um den Körper herum bewegen, finden wir, daß die Flächenwahrnehmung von einer bestimmten Seite aus noch kein Gesamtbild gegeben hat, sondern daß sich andere Flächen an die zuerst gesehene anschließen, und der Tastsinn, der den verschiedenartigen von den Körpern geleisteten Widerstand anzeigt und damit eine genauere Deutung ihrer Schattierungen ermöglicht, ergänzt dieses Bild zu einer deutlichen Gesamtvorstellung von Form und Begrenzung der Körper.

Damit ist aber noch nicht erklärt, wie es überhaupt möglich ist, daß die unräumliche Seele räumliche Bilder auffassen kann; sie hat ja wohl die Vorstellung eines räumlich ausgedehnten Hauses, aber diese Vorstellung ist nicht selbst ausgedehnt. Darauf beruht die Theorie von den Lokalzeichen, die Lotze († 1881) aufgestellt hat, d. h. die Ansicht, daß je nach der Stelle der Netzhaut des Auges oder der Hautoberfläche, die von dem äußeren Reize getroffen wird, dieser selbst noch einen besonderen qualitativen Nebeneindruck mit sich führt, den dann die Seele räumlich deutet. So würde derselbe Farbeneindruck R, je nachdem er mit verschiedenen Lokalzeichen versehen ist, also als Ra, Rb, Rc die Seele trifft, an verschiedene Orte des Raumes a, b oder c verlegt werden. Jedenfalls aber muß in der Seele eine Fähigkeit angenommen werden, diese Zeichen räumlich zu deuten und zu einer Gesamtvorstellung des Raumes zu erweitern.

So sind uns die Formen des Raums und der Zeit dazu behilflich, ein einheitliches Bild von der wirklichen Welt zu bekommen. Doch vollendet sich diese Einheit erst dadurch, daß wir die Erscheinungen nach einem inneren Zusammenhang als ein System von Ursachen und Wirkungen auffassen. Wir nehmen an, daß jede Erscheinung eine Ursache hat und daß die gleiche Ursache immer die gleiche Wirkung hervorbringt. Dieses Kausalitätsverhältnis nehmen wir aber nicht unmittelbar wahr; was wir wahrnehmen, ist vielmehr nur, daß die Erscheinung b regelmäßig eingetreten ist, wenn die Erscheinung a eintrat. Daß a die Ursache von b ist, das ist eine Annahme, die wir selbst hinzubringen und die durch die regelmäßige Aufeinanderfolge von a und b nur veranlaßt ist. Inwieweit diese Annahme berechtigt ist, das hat die Metaphysik zu untersuchen. Die Psychologie kann nur feststellen, daß der erkennende Geist die Eigentümlichkeit hat, den Zusammenhang der Erscheinungen nach diesem Kausalitätsgesetz zu deuten.

2. Das Fühlen.

§ 15. Wesen und Arten des Gefühls.

Die Gefühle sind Zustände von Lust und Unlust; sie unterscheiden sich dadurch von den Empfindungen und Vorstellungen, die für sich allein uns gleichgültig wären. Der Unterschied zwischen Gefühl und Empfindung zeigt sich z. B. auch darin, daß bei demselben äußeren Reiz die Tastempfindungen dem Schmerzgefühl vorangehen, so bei der Berührung eines heißen Ofens. Auch entsteht das Gefühl langsamer als die Vorstellung, der es entspricht. Wir können schneller von der Vorstellung eines Glücks zu der eines Unglücks übergehen, als von dem Gefühl eines Glückes zu dem eines Unglücks. Es ist daher anzunehmen, daß das Gefühl die zentralen Nervenorgane mehr in Anspruch nimmt, als Empfindung und Vorstellung. In Wirklichkeit aber sind die Empfindungen und Vorstellungen immer mit Gefühlen der Lust oder Unlust verknüpft, sie haben einen sogenannten „Gefühlston”, und darin besteht das Interesse, das wir an ihnen nehmen, und der Wert oder Unwert, den wir ihnen beilegen.

Es gibt unendlich viele verschiedene Arten der Lust und Unlust. Die Gefühle unterscheiden sich nicht bloß quantitativ durch ein Mehr oder Weniger von Lust und Unlust; es sind z. B. qualitativ ganz verschiedene Gefühle der Lust, die sich für uns an den Genuß einer schmackhaften Speise, an die Vollführung einer guten Tat und an die Betrachtung eines schönen Gemäldes knüpfen. Man kann deshalb nicht, wie v. Hartmann will, sämtliche Lust- und Unlustgefühle der Menschen je zu einer Gesamtsumme addieren, um durch die Vergleichung beider zu dem Schluß zu kommen, daß die Unlustsumme in der Welt größer sei als die Lustsumme, und daß für die Menschheit deshalb Nichtsein besser sei als Sein. (Pessimismus.)

Die Eigentümlichkeit der Gefühle läßt sich nur erleben, nicht näher beschreiben; doch werden diejenigen einander ähnlich sein, die sich an ähnliche Zustände oder Vorgänge knüpfen. So können wir die Gefühle nach ihrer Herkunft einteilen in körperliche Gefühle, die von körperlichen Zuständen, und geistige Gefühle, die von geistigen Zuständen herrühren. Unter den letzteren lassen sich wieder die niederen geistigen Gefühle, die auf unser individuelles Wohl und Wehe sich beziehen — Freude, Trauer, Stolz, Ehrgefühl, auch die geselligen Gefühle, Liebe und Haß, solange sie nicht durch sittliche Anschauungen geläutert sind — unterscheiden von den höheren geistigen Gefühlen, die an allgemein gültige geistige Güter der Menschheit sich knüpfen: die intellektuellen, ästhetischen, sittlichen und religiösen Gefühle.

§ 16. Die körperlichen Gefühle.

Die körperlichen Gefühle schließen sich unmittelbar an die Empfindungen an und sind nach Art und Stärke von ihnen abhängig. Jede Empfindung hat ihren eigentümlichen Gefühlston, der dieselbe zu einer „angenehmen” oder „unangenehmen” Empfindung macht. Dies gilt jedoch nur für mittlere Stärkegrade der Empfindung. Läßt man einen Ton zu übergroßer Stärke anwachsen, nimmt die angenehme Wärme allzusehr zu, wird das Spektrum direkt auf die Sonne eingestellt, so verbinden sich mit dem ursprünglich angenehmen Eindruck Unlustgefühle. Andererseits kann ein an sich unangenehmer Eindruck, z. B. ein bitterer oder sauerer Geschmack, bei geringer Intensität als angenehm empfunden werden.

Vergleicht man die einzelnen Empfindungsgebiete, so ist das körperliche Gefühl um so stärker, je weniger Wert für die Erkenntnis die Reize haben, von denen es ausgeht. Die stärksten körperlichen Unlustgefühle, die eigentlichen Schmerzen, finden sich bei inneren Vorgängen im Körper, wo eine Erkenntnis der veranlassenden Reize gar nicht oder nur in geringem Maße stattfindet. Geschmack und Geruch sind auch noch mit deutlichen Gefühlen der Lust und Unlust verbunden, geben aber nur einen unbestimmten Beitrag zur Erkenntnis der Gegenstände, durch die sie vermittelt sind. Gesichts- und Gehörempfindungen aber, welche für die Erkenntnis der Außenwelt am wichtigsten sind, scheinen oft ganz ohne begleitende Gefühle aufzutreten und lassen immer nur schwer eine Bestimmung der besonderen mit ihnen verknüpften Gefühle zu. Die Frage, was sie bedeuten, steht beim Hören von Tönen und noch mehr beim Sehen von Farben so im Vordergrund, daß der „Gefühlston” nur bei besonderer Aufmerksamkeit zum Bewußtsein kommt. Dieses Verhältnis von Erkenntniswert und Gefühlsstärke ist wichtig, weil so die für das Erkennen brauchbarste Sinneswahrnehmung den Störungen durch starke Gefühle am wenigsten ausgesetzt ist.

§ 17. Die geistigen Gefühle.

Auch die geistigen Gefühle sind vielfach durch körperliche Zustände, durch bestimmte sinnliche Reize vermittelt; aber sie sind von diesen selbst nicht unmittelbar abhängig, sondern von den Vorstellungen, die dadurch hervorgerufen werden. Wir unterscheiden sehr deutlich zwischen dem körperlichen Schmerz, den eine Verletzung unseres Körpers verursacht, und dem geistigen Unlustgefühl, das durch ein beleidigendes Wort hervorgerufen wird.

Intellektuelle Gefühle entstehen aus dem inneren Verhältnis der Vorstellungen. Wenn der Verlauf des geistigen Lebens zur Herstellung von Einheit und Zusammenhang unter den Vorstellungen führt, so entstehen Gefühle der Lust, z. B. bei einer Entdeckung, die den Zusammenhang einer Erscheinungsgruppe enthüllt. Andrerseits ist mit Zweifeln, Inkonsequenz, Widerspruch auf dem Gebiete des Denkens Unlust verknüpft. Die ästhetischen Gefühle entstehen bei der Wahrnehmung des Schönen. Sie sind vielleicht daraus zu erklären, daß ein ursprüngliches Bedürfnis des menschlichen Geisteslebens, die „Einheit in der Mannigfaltigkeit” (s. S. 18) durch die Harmonie der Form, in der beim Schönen irgend ein Bruchstück der Welt und des Menschenlebens uns erscheint, in der vollkommensten Weise befriedigt wird. Mit dem ästhetischen Gefühl hängt zusammen der Geschmack, d. h. die Empfänglichkeit für ästhetische Eindrücke, verbunden mit der Fähigkeit, sie richtig zu beurteilen, das Schöne vom Häßlichen zu unterscheiden, und die Phantasie, d. h. die Fähigkeit, schöne Formen hervorzubringen, im Unterschied von der Einbildungskraft, dem Vermögen der Reproduktion und freien Kombination schon vorhandener Vorstellungen überhaupt. Wir schreiben dem Einbildungskraft zu, der imstande ist, von einer Landschaft, die ihm geschildert wird, mit Hilfe seines eigenen Vorrats an Vorstellungen sich ein anschauliches Bild zu machen, und Phantasie dem, dessen ästhetisches Gefühl sogleich dabei rege wird und so den Worten der Schilderung folgend dem Landschaftsbild eine schöne Form gibt, es gleichsam zum Gemälde gestaltet. Die künstlerische Phantasie ist davon nur dem Grade nach verschieden. Das sittliche Gefühl ist an die Vorstellung gewisser Handlungen geknüpft; je nachdem es ein Gefühl der Lust oder Unlust ist, werden die Handlungen als gute oder böse beurteilt. Aus den Äußerungen des sittlichen Gefühls bilden sich mit Hilfe des Denkens Grundsätze des Handelns und die Gewohnheit, dieselben zu befolgen, d. h. der Charakter (s. S. 63). Der Begriff des Gewissens umfaßt ebenso die ersten Regungen des sittlichen Gefühls (primäres Gewissen), wie die durch das Denken vermittelte sittliche Beurteilung (sekundäres Gewissen). Das religiöse Gefühl ist mit der Vorstellung der Beziehung zu Gott oder zu Göttern verbunden. Auf der höheren Stufe verbindet es sich stets mit dem sittlichen Gefühl; die Mächte, von denen der Mensch sich abhängig fühlt, werden zu Trägern sittlicher Ideale.

§ 18. Unterschiede des Gefühls nach Stärke und Dauer.

Aus irgend einem Anlaß kann das Gefühl plötzlich so stark auftreten, daß es die Überlegung des Verstandes vollständig zurückdrängt und den Willen beherrscht; dieser plötzliche Ausbruch des Gefühls ist der Affekt, z. B. der Zorn. Wird dagegen ein starkes Gefühl längere Zeit in einer bestimmten Richtung festgehalten, so wird es zur Leidenschaft, beständig bereit, den Willen sich völlig zu unterwerfen. Zu unterscheiden sind davon die Gesinnungen, z. B. Vaterlandsliebe, Frömmigkeit. Hier hat sich ein bestimmtes Gefühl ein für allemal mit gewissen Vorstellungen verbunden, ohne aber deshalb von Schwankungen frei zu sein. Sie unterscheiden sich aber von der Leidenschaft durch größere Dauer und eine gewisse Gleichmäßigkeit, mit welcher sie ihren Einfluß auf den Willen geltend machen. Das Vermögen der Gesinnungen ist das Gemüt.

§ 19. Der Verlauf und die Verbindung der Gefühle.

Die Gefühle knüpfen sich nicht selbständig aneinander, sondern schließen sich in ihrem Verlaufe in der Regel an die Vorstellungen an, nur daß die Gefühle langsamer wechseln, und deshalb oft das einmal erzeugte Gefühl auch über eine Reihe neu auftauchender Vorstellungen hinaus fortdauert. Auch die Erinnerung der Gefühle wird durch die entsprechende Vorstellung vermittelt. Will ich etwa zum Verständnis der Gefühle anderer Menschen in einer bestimmten Lage meine eigenen aus früherer Zeit in derselben Lage zurückrufen, so kann ich es nur durch lebhafte Vorstellung der betreffenden Umstände.

Doch zeigt die Aufeinanderfolge der Gefühle ein Gesetz, das auch für den Vorstellungsverlauf gilt, in viel stärkerem Maße: das Gesetz der Beziehung. Das Gefühl ist etwas in hohem Grade Relatives. Jedes Gefühl ist davon abhängig, was für ein anderes vorangegangen ist. Dieselbe Wahrnehmung, dieselbe Situation kann daher zu verschiedenen Zeiten in uns ganz verschiedene Gefühle hervorrufen. Das Gefühl der Lust ist stärker, wenn es auf den Schmerz folgt, als wenn es in einem Zustand der Gleichgültigkeit entsteht; das Gefühl der Genesung ist mächtiger, als das der Gesundheit. Treten die Gefühle im Übermaß auf, so können sie in ihr Gegenteil umschlagen. Das menschliche Nervensystem erträgt nur ein beschränktes Maß von Lust und Schmerz.

Wiederholt sich das Gefühl, so wird es gewöhnlich abgestumpft. Der häufige Genuß derselben schmackhaften Speise kann sogar zum Ekel werden. Der oft wiederkehrende Schmerz hat nicht dieselbe Stärke, er erzeugt Abhärtung. Doch gilt dies nur für solche Gefühle, die keine Vertiefung in einen geistigen Inhalt, sondern bloß passive Hingabe an einen Eindruck mit sich führen, dagegen trägt bei den höheren Gefühlen die wiederholte Übung zur Verstärkung bei. Das Anhören eines klassischen Musikstücks kann bei jeder Wiederholung höheren Genuß gewähren, indem die Phantasie jedesmal leichter arbeitet und tiefer in den Gehalt des Tonstücks eindringt.

Gleichzeitige Gefühle ähnlicher Art verschmelzen sich zu einem Totalgefühl, in das sie als Partialgefühle eingehen. Bei sämtlichen höheren geistigen Gefühlen finden solche Verschmelzungen statt. So setzt sich z. B. die ästhetische Gefühlswirkung eines historischen Gemäldes aus Partialgefühlen zusammen, die aus der Farbenharmonie, aus der Sympathie mit den dargestellten Personen, aus der Vorstellung der Bedeutung des geschichtlichen Ereignisses stammen.

Bei einer Verbindung entgegengesetzter Gefühle, welche eine gewisse Selbständigkeit bewahren, redet man dagegen von „gemischten Gefühlen”. So entsteht das Gefühl der Wehmut aus einer Mischung von Trauer über das Verlorene und Freude in der Erinnerung daran.

§ 20. Das Lebensgefühl und die Stimmung.

Ein für sich dastehendes Beispiel der Mischung der Gefühle ist das sogenannte „Lebens”- oder „Gemeingefühl”. In jedem Augenblick unsres Lebens zeigt sich unser körperliches Allgemeinbefinden durch ein allgemeines Gefühl an, das aus den einzelnen an die sogenannten „Gemeinempfindungen” (z. B. Hunger und Durst) geknüpften Gefühlen entsteht und sich auch dadurch von den einzelnen körperlichen Gefühlen unterscheidet, daß es sich nicht auf einen bestimmten Ort des Körpers beziehen, nicht „lokalisieren” läßt.

Der Beitrag, den die körperlichen Zustände zu dem Lebensgefühl liefern, setzt sich aus verschiedenen Bestandteilen zusammen. Dazu gehören:

1. Eine große Anzahl von Gefühlen, z. B. bei Sinnesempfindungen, die zu unbedeutend sind, um als besondere zum Bewußtsein zu kommen.

2. Gefühle, die sich an Zustände einzelner Körperteile knüpfen, aber auch das Allgemeinbefinden beeinflussen, z. B. Zahnschmerz.

3. Gefühle, deren Veranlassungen wegen ihrer allseitigen Verteilung im Körper und ihrer allgemeinen Bedeutung für den Fortgang des Lebens gewöhnlich überhaupt nicht lokalisiert werden. Diese Zustände, z. B. Beschaffenheit und Kreislauf des Blutes, beschwerlicher oder freier Gang des Atemholens, normaler oder abnormer Verlauf des Verdauungsprozesses sind daher auch die wichtigsten Faktoren für das Gemeingefühl. Das Lebensgefühl bildet einen Bestandteil der „Stimmung”, die eine Art Gesamtdurchschnitt des augenblicklichen Gefühlsstandes darstellt. Zu einer gehobenen Stimmung kann ebensowohl die Erleichterung des Atmens durch gute Luft und das dadurch erhöhte Lebensgefühl als der Genuß eines edlen Kunstwerks beitragen.

Noch weniger als die einzelnen Gefühle lassen die Lebensgefühle und die Stimmungen eine Beschreibung zu. Es können nur einige allgemeine Ausdrücke angeführt werden, die sich im Sprachgebrauch dafür ausgebildet haben. Man spricht von einer reizbaren, apathischen, gehobenen Stimmung. In den Gegensätzen der Kraft und der Mattigkeit, der Freiheit und der Beklommenheit, der Hoffnung und der Furcht bewegen sich Stimmung und Lebensgefühl.

Von besonderer Bedeutung sind die wechselnden Schattierungen des „Lebensgefühls” und der Stimmung für die Erinnerung, für die Festhaltung von Vorstellungen, durch die es in besonderer Weise verändert wurde. Wir erinnern uns einer früheren Situation dann mit auffallender Deutlichkeit, wenn eine besondere Färbung unserer Stimmung damit verbunden war, und zwar dadurch, daß wir uns in die damalige Stimmung wieder hineinfühlen. Gelingt uns das letztere nicht mehr, so sind meist auch die damit verbundenen Vorstellungen dem Gedächtnis entschwunden, z. B. die Ereignisse vor einer schweren Krankheit wegen des krankhaft veränderten Lebensgefühls. Umgekehrt sind wir geneigt, ungleiche Situationen miteinander zu identifizieren, wenn sie in uns die gleiche Stimmung erwecken, daher wohl auch die häufige Meinung, in einer Situation, in der man zum erstenmal ist, früher schon einmal gewesen zu sein.

§ 21. Die Temperamente.

Die Temperamente sind eine Art angeborener Stimmung, vorwiegender Empfänglichkeit für bestimmte Gefühle und dadurch bedingter Eigenschaften des Willens, durch welche die Art und Weise bestimmt wird, wie Eindrücke der Außenwelt aufgenommen, verarbeitet und erwidert werden. Die Veränderungen der Stimmung und des Lebensgefühles bewegen sich bei jedem Individuum innerhalb bestimmter Grenzen, die von der körperlichen und geistigen Anlage abhängen. Solcher Temperamente gibt es eigentlich so viele, als es Individuen gibt. Doch wurden mit Recht schon im Altertum von Galenus vier Hauptformen der Temperamente herausgehoben, innerhalb deren sich die feineren Unterschiede bewegen: das sanguinische, cholerische, phlegmatische und melancholische Temperament. Kant unterschied mit Verdeutschung dieser Ausdrücke zwischen Temperamenten des Gefühls: dem leichtblütigen (sanguinischen) und schwerblütigen (melancholischen), und Temperamenten der Tätigkeit: dem warmblütigen (cholerischen) und kaltblütigen (phlegmatischen).

Jedenfalls beziehen sich die Temperamente auf die Bewegung der geistigen Vorgänge, sofern sie vom Gefühlsleben abhängig ist. Nach der gewöhnlichen Auffassung sind die Merkmale des sanguinischen Temperaments: lebhafte Empfänglichkeit für alles, aber ohne nachhaltige Verarbeitung der empfangenen Eindrücke und ohne kräftige Rückwirkung, daher oft Mangel an Stetigkeit des Handelns und Beständigkeit der Gesinnungen; des phlegmatischen: geringere Erregbarkeit für äußere Reize, Neigung zu geduldiger Ausdauer, aber auch zu gewohnheitsmäßigem Beharren, und oft Erstarrung des geistigen Lebens; des cholerischen: starke Erregbarkeit in einer bestimmten Richtung und große Energie der Rückwirkung, daher oft Konsequenz des Charakters; des melancholischen: große Empfänglichkeit für Gefühle, besonders für die höheren, aber Neigung zum Verweilen in diesem Gefühlsleben ohne praktische Tatkraft zur Verfolgung der damit verbundenen Ziele.

Wundt leitet die Vierteilung aus zwei Gegensätzen in der Art der Gemütsbewegungen ab: Stärke und Schwäche, Schnelligkeit und Langsamkeit, und gibt darnach folgende Tafel der Temperamente:

Starke:Schwache:

Schnellecholerischsanguinisch

Langsame melancholisch phlegmatisch.

Jedenfalls finden sich aber diese Temperamente selten rein ausgeprägt, und es ist die Aufgabe eines normalen Geisteslebens, ihre Einseitigkeit zu vermeiden.

Man könnte auch von Temperamenten der einzelnen Rassen, Völker, Familien, Geschlechter sprechen. Dagegen ist ein anderer Gegensatz in jener Vierteilung nicht deutlich genug vertreten, der auch eine Art angeborener Eigentümlichkeit des Gefühlslebens bezeichnet, der Gegensatz zwischen optimistischer und pessimistischer Weltanschauung, zwischen der vorwiegenden Empfänglichkeit für Lust und der für Unlust.

§ 22. Selbstgefühl und Mitgefühl.

Besondere Bedeutung hat das Gefühl für das Selbstbewußtsein. Wir machen uns im Fortschritt unserer Erkenntnis ein Bild von uns selbst, bei welchem zunächst der Körper im Vordergrund steht und später auch der Geist in unbestimmter Verbindung mit ihm zusammengedacht wird. Mit „Ich” bezeichnen wir die beharrliche Einheit aller wechselnden Zustände dieses Gesamtbildes; zugleich aber sprechen wir damit aus, daß wir alle diese inneren Vorgänge und die Bewegungen des Körpers, die von ihnen abhängen, als unsere eigenen erkennen. Der tiefste Grund für diese Unterscheidung unseres „Ich” von andern liegt im „Selbstgefühl”. Die ganze Vorstellungswelt, die wir in der formalen Einheit unseres Ich zusammenfassen und wahrnehmen, könnte uns auch fremd sein, wenn wir nicht Lust und Unlust, die sich damit verbinden, zweifellos und unmittelbar als Zustände unseres eigenen Selbst im Unterschied von andern erleben würden. Erst allmählich entwickelt sich auf Grund dieses Selbstgefühls, das von der Erkenntnis unabhängig ist, das Selbstbewußtsein, indem das „Ich” lernt, sich denkend von seinen Zuständen zu unterscheiden. Im Mitgefühl erweitert sich dann wieder dieses Ich zur inneren Teilnahme an dem, was andere fühlen.

§ 23. Die Bedeutung der Gefühle.

Es erhebt sich noch die Frage, welche Bedeutung die Gefühle für das menschliche Dasein überhaupt haben. Eine naheliegende, aber vielfach auch sich bestätigende Antwort auf diese Frage ist, daß Lust eine Förderung und Unlust eine Hemmung des körperlichen oder geistigen Lebens bedeutet. Die Größe des Schmerzes steigt im allgemeinen mit der Größe der Störung, die im Organismus stattfindet. Der Geschmack zeigt als Lust- oder Unlustgefühl an, ob fördernde oder hemmende Stoffe dem Körper zur Nahrung zugeführt werden. Es gibt allerdings wohlschmeckende Gifte, aber auch sie steigern zunächst die Lebensfunktion, indem sie mit einem Teile ihrer Eigenschaften auf die Geschmacksnerven wirken; erst bei ihrer weiteren Verbreitung im Körper treten die verderblichen Eigenschaften hervor. Dasselbe gilt für die geistigen Gefühle. Auch ein schädlicher geistiger Genuß zeigt richtig die Förderung des geistigen Lebens an irgend einem Punkte an. Abzuwägen, inwieweit die daraus folgende Hemmung die augenblickliche Förderung überwiegt, ist nicht Sache des Gefühls, sondern des Denkens, zugleich die wichtigste Aufgabe der Lebensklugheit.

Im ganzen aber führt diese Auffassung zu einem Verständnis der umfassenden Bedeutung des Gefühls, deren nähere Darlegung in Beziehung auf den Zusammenhang der Welt übrigens in die Metaphysik gehört. Auf dem Gefühl beruht alle Erhaltung und aller Fortschritt des Lebens. Die theoretische Einsicht in das, was nützlich und schädlich ist, reicht nicht hin, die Menschen vor Selbstvernichtung zu bewahren. Keine noch so vollendete Ausbildung des Verstandes könnte die Menschheit zum Erwerb geistiger Güter bringen, wenn nicht ein Genuß höherer Art damit verbunden wäre. In den meisten Fällen ist vielmehr jene Einsicht gar nicht vorhanden. Der Mensch vermeidet z. B. den Genuß übelriechender Speisen für gewöhnlich nicht wegen der Einsicht in ihre Schädlichkeit, sondern wegen der starken Unlustgefühle, die schon der Gedanke daran ihm verursacht. Wenn dem Mörder vor der Tat das Gewissen schlägt, so geschieht es nicht, weil er die Gefahr solcher Grundsätze für die Existenz der Gesellschaft sich überlegt hat, sondern er fühlt unmittelbar die Qual des Gewissens als ein mächtiges Unlustgefühl.

So wird also der Mensch durch die Lust, die er sucht, und die Unlust, die er vermeidet, so geleitet, daß die Erhaltung und Vervollkommnung des einzelnen, wie des Menschengeschlechtes gesichert ist. Vom Standpunkte der Religion aus gesehen wäre das Gefühl das Hauptmittel in der Hand der Vorsehung, die Entwickelung der Menschheit zu lenken. Gefühle wären es, die eine Welt von Motiven für die Geschichte bilden, und Gefühle edler Art würden jene Ideale der Menschheit (s. § 1) ihrer Verwirklichung entgegenführen.

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