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Penthesilea

Scene: Schlachtfeld bei Troja. (continued 2)

Reading edition

Achilles. Ich?

Penthesilea. Du.

Achilles (zerstreut) Geliebte, mehr, Als ich in Worte eben fassen kann. —Und auch mich denkst du also zu entlassen?

Penthesilea. Ich weiß nicht, Lieber. Frag' mich nicht.—

Achilles, Traun! Seltsam.— (er versinkt in Nachdenken) —Doch einen Aufschluß noch gewährst du mir.

Penthesilea. Sehr gern, mein Freund. Sei dreist.

Achilles. Wie fass' ich es, Daß du gerade mich so heiß verfolgtest? Es schien, ich sei bekannt dir.

Penthesilea. Allerdings.

Achilles. Wodurch?

Penthesilea. Willst du der Thörigten nicht lächeln?

Achilles. (lächelnd) Ich weiß nicht, sag' ich jetzt, wie du.

Penthesilea. Nun denn, Du sollst's erfahren.—Sieh ich hatte schon Das heitre Fest der Rosen zwanzigmal Erlebt und drei, und immer nur von fern, Wo aus dem Eichenwald der Tempel ragt, Den frohen Jubelschall gehört, als Ares, Bei der Otrere, meiner Mutter, Tod, Zu seiner Braut mich auserkohr. Denn die Prinzessinnen, aus meinem Königshaus, Sie mischen nie aus eigener Bewegung, Sich in der blüh'nden Jungfraun Fest; der Gott, Begehrt er ihrer, ruft sie würdig auf. Durch seiner großen Oberpriest'rinn Mund. Die Mutter lag, die bleiche, scheidende, Mir in den Armen eben, als die Sendung Des Mars mir feierlich im Pallast erschien, Und mich berief, nach Troja aufzubrechen, Um ihn von dort bekränzt heranzuführen. Es traf sich, daß kein Stellvertreter je Ernannt noch ward, willkommener den Bräuten, Als die Helenenstämme, die sich dort umkämpften. An allen Ecken hörte man erjauchzend, Auf allen Märkten, hohe Lieder schallen, Die des Hero'nkriegs Thaten feierten: Vom Paris-Apfel, dem Helenenraub, Von den geschwaderführenden Atriden, Vom Streit um Briseïs, der Schiffe Brand, Auch von Patroklus Tod, und welche Pracht Du des Triumphes rächend ihm gefeiert; Und jedem großen Auftritt dieser Zeit.— In Thränen schwamm ich, jammervolle, hörte Mit halbem Ohr nur, was die Botschaft mir, In der Otrere Todesstunde, brachte; "Laß mich dir bleiben, rief ich, meine Mutter, Dein Ansehn, brauch' es heut' zum Letztenmal, Und heiße diese Frauen wieder gehn." Doch sie, die würd'ge Königinn, die längst Mich schon ins Feld gewünscht—denn ohne Erben War, wenn sie starb, der Thron und eines andern Ehrgeitz'gen Nebenstammes Augenmerk— Sie sagte: "geh, mein süsses Kind! Mars ruft dich! Du wirst den Peleïden dir bekränzen: Werd' eine Mutter, stolz und froh, wie ich Und drückte sanft die Hand mir, und verschied.

Prothoe. So nannte sie den Namen dir, Otrere?

Penthesilea. —Sie nannt' ihn, Prothoe, wie's einer Mutter Wohl im Vertrau'n zu ihrer Tochter ziemt.

Achilles. Warum? Weshalb? Verbeut dies das Gesetz?

Penthesilea. Es schickt sich nicht, daß eine Tochter Mars Sich ihren Gegner sucht, den soll sie wählen, Den ihr der Gott im Kampf erscheinen läßt. Doch wohl ihr, zeigt die Strebende sich da, Wo ihr die Herrlichsten entgegenstehn. —Nicht, Prothoe?

Prothoe. So ist's.

Achilles. Nun—?

Penthesilea.—Lange weint' ich, Durch einen ganzen kummervollen Mond, An der Verblichnen Grab, die Krone selbst, Die herrenlos am Rande lag, nicht greifend, Bis mich zuletzt der wiederholte Ruf Des Volks, das den Pallast mir ungeduldig, Bereit zum Kriegeszug, umlagerte, Gewaltsam auf den Thron riß. Ich erschien, Wehmüthig strebender Gefühle voll, Im Tempel Mars, den Bogen gab man mir, Den klirrenden, des Amazonenreichs, Mir war, als ob die Mutter mich umschwebte, Da ich ihn griff, nichts schien mir heiliger, Als ihren letzten Willen zu erfüllen. Und da ich Blumen noch, die duftigsten, Auf ihren Sarkophag gestreut, brach ich Jetzt mit dem Heer der Amazonen auf, Nach der Dardanerburg—Mars weniger, Dem großen Gott, der mich dahin gerufen, Als der Otrere Schatten, zu gefallen.

Achilles. Wehmuth um die Verblichne lähmte flüchtig Die Kraft, die deine junge Brust sonst ziert.

Penthesilea. Ich liebte sie.

Achilles. Nun? Hierauf?—

Penthesilea. In dem Maaße, Als ich mich dem Skamandros näherte, Und alle Thäler rings, die ich durchrauschte, Von dem Trojanerstreite wiederhallten, Schwand mir der Schmerz, und meiner Seele gieng Die große Welt des heitern Krieges auf. Ich dachte so: wenn sie sich allzusammt, Die großen Augenblicke der Geschichte, Mir wiederholten, wenn die ganze Schaar Der Helden, die die hohen Lieder feiern, Herab mir aus den Sternen stieg', ich fände Doch keinen Trefflichern, den ich mit Rosen Bekränzt', als ihn, den mir die Mutter ausersehn— Den Lieben, Wilden, Süßen, Schrecklichen. Den Überwinder Hektors! O Pelide! Mein ewiger Gedanke, wenn ich wachte, Mein ew'ger Traum warst du! Die ganze Welt Lag wie ein ausgespanntes Musternetz Vor mir; in jeder Masche, weit und groß, War deiner Thaten Eine eingeschürzt, Und in mein Herz, wie Seide weiß und rein, Mit Flammenfarben jede brannt' ich ein. Bald sah ich dich, wie du ihn niederschlugst, Vor Ilium, den flücht'gen Priamiden; Wie du, entflammt von hoher Siegerlust, Das Antlitz wandtest, während er die Scheitel, Die blutigen, auf nackter Erde schleifte; Wie Priam fleh'nd in deinem Zelt erschien— Und heiße Thränen weint' ich, wenn ich dachte, Daß ein Gefühl doch, Unerbittlicher, Den marmorharten Busen dir durchzuckt.

Achilles. Geliebte Königinn!

Penthesilea. Wie aber ward mir, O Freund, als ich dich selbst erblickte—! Als du mir im Skamandros-Thal erschienst, Von den Heroen deines Volks umringt, Ein Tagsstern unter bleichen Nachtgestirnen! So müßt' es mir gewesen sein, wenn er Unmittelbar, mit seinen weißen Rossen, Von dem Olymp herabgedonnert wäre, Mars selbst, der Kriegsgott, seine Braut zu grüßen! Geblendet stand ich, als du jetzt entwichen, Von der Erscheinung da—wie wenn zur Nachtzeit Der Blitz vor einen Wandrer fällt, die Pforten Elisiums, des glanzerfüllten, rasselnd, Vor einem Geist sich öffnen und verschließen. Im Augenblick, Pelid', errieth ich es, Von wo mir das Gefühl zum Busen rauschte; Der Gott der Liebe hatte mich ereilt. Doch von zwei Dingen schnell beschloß ich Eines, Dich zu gewinnen, oder umzukommen: Und jetzt ist mir das Süßere erreicht. —Was blickst du?

(Man hört ein Waffengeräusch in der Ferne)

Prothoe. (heimlich) Göttersohn! Ich bitte dich. Du mußt dich augenblicklich ihr erklären.

Penthesilea. (aufbrechend) Argiver nah'n. Ihr Fraun! Erhebt euch!

Achilles. (sie haltend) Ruhig! Es sind Gefangne, meine Königinn.

Penthesilea. Gefangene?

Prothoe. (heimlich zum Achilles) Es ist Ulyß, beim Styx! Die Deinen, heiß gedrängt von Meroe, weichen!

Achilles. (in den Bart murmelnd) Daß sie zu Felsen starrten!

Penthesilea. Sagt! Was giebt's?

Achilles. (mit erzwungener Heiterkeit) Du sollst den Gott der Erde mir gebähren! Prometheus soll von seinem Sitz erstehn, Und dem Geschlecht der Welt verkündigen: Hier ward ein Mensch, so hab' ich ihn gewollt! Doch nicht nach Temiscyra folg' ich dir, Vielmehr du, nach der blüh'nden Phtya, mir: Denn dort, wenn meines Volkes Krieg beschlossen, Führ' ich dich jauchzend hin, und setze dich, Ich Seeliger, auf meiner Väter Thron.

(Das Geräusch dauert fort)

Penthesilea. Wie? Was? Kein Wort begreif' ich—

Die Frauen. (Unruhig) All' ihr Götter!

Prothoe. Neridensohn! Willst du—?

Penthesilea. Was ist's? Was giebt's denn?

Achilles. Nichts, nichts, erschrick nicht, meine Königinn, Du siehst, es drängt die Zeit, wenn du nun hörst, Was über dich der Götter Schaar verhängt. Zwar durch die Macht der Liebe bin ich dein, Und ewig diese Banden trag' ich fort; Doch durch der Waffen Glück gehörst du mir; Bist mir zu Füssen, Treffliche, gesunken, Als wir im Kampf uns trafen, nicht ich dir.

Penthesilea. (sich aufraffend) Entsetzlicher!

Achilles. Ich bitte dich, Geliebte! Kronion selbst nicht ändert, was geschehn. Beherrsche dich, und höre, wie ein Felsen, Den Boten an, der dort, wenn ich nicht irre, Mit irgend einem Unheilswort mir naht. Denn dir, begreifst du wohl, dir bringt er nichts, Dein Schicksal ist auf ewig abgeschlossen; Gefangen bist du mir, ein Höllenhund Bewacht dich minder grimmig, als ich dich.

Penthesilea. Ich die Gefangne dir?

Prothoe. So ist es Königinn!

Penthesilea. (die Hände aufhebend) Ihr ewigen Himmelsmächt'! Euch ruf' ich auf!

Sechzehnter Auftritt.

Ein Hauptmann (tritt auf) das Gefolge des Achilles (mit seiner Rüstung) Die Vorigen.

Achilles. Was bringst du mir?

Der Hauptmann. Entferne dich, Pelide! Das Schlachtglück lockt, das wetter-wendische, Die Amazonen siegreich wieder vor. Auf diesen Platz hier stürzen sie heran, Und ihre Loosung ist: Penthesilea!

Achilles. (steht auf und reißt sich die Kränze ab) Die Waffen mir herbei! Die Pferde vor! Mit meinem Wagen rädern will ich sie!

Penthesilea. (mit zitternder Lippe) Nein, sieh' den Schrecklichen! ist das derselbe—?

Achilles. (wild) Sind sie noch weit von hier?

Der Hauptmann. Hier in dem Thal Erblickst du ihren goldnen Halbmond schon.

Achilles. (indem er sich rüstet) Bringt sie hinweg!

Ein Grieche. Wohin?

Achilles. Ins Griechenlager, In wenig Augenblicken folg' ich euch.

Der Grieche. (zu Penthesilea) Erhebe dich.

Prothoe. O meine Königinn!

Penthesilea. (ausser sich) Mir keinen Blitz, Zeus, sendest du herab!

Siebenzehnter Auftritt.

Ulysses und Diomedes (mit dem Heer) Die Vorigen.

Diomedes. (über die Bühne ziehend) Vom Platz hier fort, Doloperheld! Vom Platze! Den einz'gen Weg, der dir noch offen bleibt, Den schneiden dir die Frauen eben ab. Hinweg! (ab)

Ulysses. Schafft diese Kön'ginn fort, ihr Griechen.

Achilles. (zum Hauptmann) Alexis! Thu mir den Gefallen. Hilf ihr.

Der Grieche. (Zum Hauptmann) Sie regt sich nicht.

Achilles. (zu den Griechen, die ihn bedienen) Den Schild mir her! Den Spieß! (aufrufend, da sich die Königinn sträubt) Penthesilea!

Penthesilea. O Neridensohn! Du willst mir nicht nach Themiscyra folgen? Du willst mir nicht zu jenem Tempel folgen, Der aus den fernen Eichenwipfeln ragt? Komm' her, ich sagte dir noch Alles nicht—

Achilles. (nun völlig gerüstet, tritt vor sie und reicht ihr die Hand) Nach Phtya, Kön'ginn.

Penthesilea. O!—Nach Themiscyra! O! Freund! Nach Themiscyra, sag' ich dir, Wo Dianas Tempel aus den Eichen ragt! Und wenn der Seel'gen Sitz in Phtya wäre, Doch, doch, o! Freund! nach Themiscyra noch, Wo Dianas Tempel aus den Wipfeln ragt!

Achilles. (indem er sie aufhebt) So mußt du mir vergeben, Theuerste; Ich bau' dir solchen Tempel bei mir auf.

Achtzehnter Auftritt.

Meroe, Asteria (mit dem) Heer der Amazonen (treten auf) Die Vorigen.

Meroe. Schlagt ihn zu Boden!

Achilles. (läßt die Königinn fahren und wendet sich) Reiten sie auf Stürmen?

Die Amazonen. (sich zwischen Penthesilea und Achilles eindrängend) Befreit die Königinn!

Achilles. Bei dieser Rechten, sag' ich! (er will die Königinn mit sich fortziehen)

Penthesilea. (ihn nach sich ziehend) Du folgst mir nicht? Folgst nicht?

Die Amazonen. (spannen ihre Bogen)

Ulysses. Fort! Rasender! Hier ist der Ort nicht mehr, zu trotzen.—Folgt!

(Er reißt den Achill hinweg. Alle ab)

Neunzehnter Auftritt.

Die Oberpriesterinn der Diana (mit ihren) Priesterinnen. Die Vorigen. (ohne die Griechen)

Die Amazonen. Triumph! Triumph! Triumph! Sie ist gerettet!

Penthesilea. (nach einer Pause) Verflucht sei dieser schändliche Triumph mir! Verflucht jedwede Zunge, die ihn feiert, Die Luft verflucht mir, die ihn weiter bringt! War ich, nach jeder würd'gen Rittersitte, Nicht durch das Glück der Schlacht ihm zugefallen? Wenn das Geschlecht der Menschen unter sich, Mit Wolf und Tieger nicht, im Streite liegt: Giebt's ein Gesetz, frag' ich, in solchem Kriege, Das den Gefangenen, der sich ergeben, Aus seines Siegers Banden lösen kann? —Neridensohn!

Die Amazonen. Ihr Götter, hört' ich recht?

Meroe. Ehrwürd'ge Priesterinn der Artemis, Trit näher vor, ich bitte dich—

Asteria. Sie zürnt, Weil wir sie aus der Knechtschaft Schmach befreiten!

Die Oberpriesterinn. (aus dem Gewühl der Frauen hervortretend) Nun denn, du setzest würdig, Königinn, Mit diesem Schmähungswort, muß ich gestehn, Den Thaten dieses Tags die Krone auf. Nicht bloß, daß du, die Sitte wenig achtend, Den Gegner dir im Feld der Schlacht gesucht, Nicht bloß, daß du, statt ihn in Staub zu werfen, Ihm selbst im Kampf erliegst, nicht bloß, daß du Zum Lohn dafür ihn noch mit Rosen kränzest: Du zürnst auch deinem treuen Volke noch, Das deine Ketten bricht, du wendest dich, Und rufst den Überwinder dir zurück. Wohlan denn große Tochter Tanaïs, So bitt' ich—ein Versehn war's, weiter nichts— Für diese rasche That dich um Verzeihung. Das Blut, das sie gekostet, reut mich jetzt, Und die Gefangnen, eingebüßt um dich, Wünsch' ich von ganzer Seele mir zurück. Frei, in des Volkes Namen, sprech' ich dich; Du kannst den Fuß jetzt wenden, wie du willst, Kannst ihn mit flatterndem Gewand ereilen, Der dich in Fesseln schlug, und ihm den Riß, Da, wo wir sie zersprengten, überreichen: Also ja will's das heil'ge Kriegsgesetz! Uns aber, uns vergönnst du, Königinn, Den Krieg jetzt aufzugeben, und den Fuß Nach Themiscyra wieder heimzusetzen; Wir mindestens, wir können jene Griechen, Die dort entfliehn, nicht bitten, stillzustehn, Nicht, so wie du, den Siegskranz in der Hand, Zu unsrer Füsse Staub sie nieder flehn.

(Pause)

Penthesilea. (wankend) Prothoe!

Prothoe. Mein Schwesterherz!

Penthesilea. Ich bitte dich, bleib bei mir.

Prothoe. Im Tod, du weißt—Was bebst du, meine Königinn?

Penthesilea. Nichts, es ist nichts, ich werde gleich mich sammeln.

Prothoe. Ein großer Schmerz traf dich. Begegn' ihm groß.

Penthesilea. Sie sind verloren?

Prothoe. Meine Königinn?

Penthesilea. Die ganze junge Prachtschaar, die wir fällten?— Sie sinds durch mich?

Prothoe. Beruh'ge dich. Du wirst sie In einem andern Krieg' uns wiederschenken.

Penthesilea. (an ihren Busen) O niemals!

Prothoe. Meine Königinn?

Penthesilea. O niemals! Ich will in ew'ge Finsterniß mich bergen!

Zwanzigster Auftritt.

Ein Herold (tritt auf) Die Vorigen.

Meroe. Ein Herold naht dir, Königinn!

Asteria. Was willst du?

Penthesilea. (mit schwacher Freude) Von dem Peliden!—Ach, was werd' ich hören? Ach, Prothoe, heiß' ihn wieder gehn!

Prothoe. Was bringst du?

Der Herold. Mich sendet dir Achilleus, Königinn, Der schilfumkränzten Nereïde Sohn, Und läßt durch meinen Mund dir kündigen: Weil dich Gelüst' treibt, als Gefangnen ihn Nach deinen Heimathsfluren abzuführen, Ihn aber auch hinwiederum Gelüst, Nach seinen heimathlichen Fluren dich: So fordert er zum Kampf, auf Tod und Leben, Noch einmal dich ins Feld hinaus, auf daß Das Schwerdt, des Schicksaals ehrne Zung' entscheide, In der gerechten Götter Angesicht, Wer würdig sei, du oder er, von beiden, Den Staub nach ihrem heiligen Beschluß, Zu seines Gegners Füßen aufzulecken. Hast du's auf solchen Strauß zu wagen Lust?

Penthesilea. (mit einerfliegenden Blässe) Laß dir vom Wetterstrahl die Zunge lösen, Verwünschter Redner, eh' du wieder sprichst! Hört' ich doch einen Sandblock just so gern, Endlosen Falls, bald hier, bald dort anschmetternd, Dem klafternhohen Felsenriff entpoltern. (zu Prothoe) —Du mußt es Wort für Wort mir wiederholen.

Prothoe. (zitternd) Der Sohn des Peleus, glaub' ich, schickt ihn her, Und fordert dich auf's Feld hinaus; Verweig're kurz dich ihm, und sage, nein.

Penthesilea. Es ist nicht möglich.

Prothoe. Meine Königinn?

Penthesilea. Der Sohn des Peleus fordert mich ins Feld?

Prothoe. Sag' ich dem Mann gleich: nein, und laß ihn gehn?

Penthesilea. Der Sohn des Peleus fordert mich ins Feld?

Prothoe. Zum Kampf ja, meine Herrscherinn, so sagt' ich.

Penthesilea. Der mich zu schwach weiß, sich mit ihm zu messen, Der ruft zum Kampf mich, Prothoe, ins Feld? Hier diese treue Brust, sie rührt ihn erst, Wenn sie sein scharfer Speer zerschmetterte? Was ich ihm zugeflüstert, hat sein Ohr Mit der Musik der Rede bloß getroffen? Des Tempels unter Wipfeln denkt er nicht, Ein steinern Bild hat meine Hand bekränzt?

Prothoe. Vergiß den Unempfindlichen.

Penthesilea. (glühend) Nun denn, So ward die Kraft mir jetzo, ihm zu stehen: So soll er in den Staub herab, und wenn Lapiten und Giganten ihn beschüzten!

Prothoe. Geliebte Königinn—

Meroe. Bedenkst du auch?

Penthesilea. (sie unterbrechend) Ihr sollt all' die Gefangnen wieder haben!

Der Herold. Du willst im Kampf dich—?

Penthesilea. Stellen will ich mich: Er soll im Angesicht der Götter mich, Die Furien auch ruf' ich herab, mich treffen!

(Der Donner rollt)

Die Oberpriesterinn. Wenn dich mein Wort gereitzt, Penthesilea, So wirst du mir den Schmerz nicht—

Penthesilea. (ihre Thränen unterdrückend) Laß, du Heilige! Du sollst mir nicht umsonst gesprochen haben.

Meroe. Ehrwürd'ge Priesterinn, dein Ansehen brauche.

Die Oberpriesterinn. Hörst du ihn, Königinn, der dir zürnt?

Penthesilea. Ihn ruf' ich Mit allen seinen Donnern mir herab!

Erste Oberste. (in Bewegung,) Ihr Fürstinnen—

Die Zweite. Unmöglich ist's!

Die Dritte. Es kann nicht!

Penthesilea. (mit zuckender Wildheit) Herbei, Ananke, Führerinn der Hunde!

Die erste Oberste. Wir sind zerstreut, geschwächt—

Die Zweite. Wir sind ermüdet—

Penthesilea. Du, mit den Elephanten, Thyrroe!

Prothoe. Königinn! Willst du mit Hunden ihn und Elephanten—

Penthesilea. Ihr Sichelwagen, kommt, ihr blinkenden, Die ihr des Schlachtfelds Erndefest bestellt, Kommt, kommt in gräul'gen Schnitterreih'n herbei! Und ihr, die ihr der Menschen Saat zerdrescht, Daß Halm und Korn auf ewig untergehen, Ihr Reuterschaaren, stellt euch um mich her! Du ganzer Schreckenspomp des Kriegs, dich ruf' ich, Vernichtender, entsetzlicher, herbei! (Sie ergreift den großen Bogen aus einer Amazone Hand)

Amazonen. (Mit Meuten gekoppelter Hunde. Späterhin Elephanten, Feuerbrände, Sichelwagen u. s. w.)

Prothoe. Geliebte meiner Seele! Höre mich!

Penthesilea. (sich zu den Hunden wendend) Auf, Tigris, jetzt, dich brauch' ich! Auf Leäne! Auf, mit der Zoddelmähne du, Melampus! Auf, Akle, die den Fuchs erhascht, auf Sphynx, Und der die Hirschkuh übereilt, Alektor, Auf, Oxus, der den Eber niederreißt, Und der dem Leuen nicht erbebt, Hyrkaon!

(Der Donner rollt heftig)

Prothoe. O! Sie ist ausser sich—

Erste Oberste. Sie ist wahnsinnig!

Penthesilea. (kniet nieder, mit allen Zeichen des Wahnsinns, während die Hunde ein gräßliches Geheul anstimmen) Dich, Ares, ruf' ich jetzt, dich Schrecklichen. Dich, meines Hauses hohen Gründer, an! Oh!—deinen erznen Wagen mir herab: Wo du der Städte Mauern auch und Thore Zermalmst, Vertilgergott, gekeilt in Straßen, Der Menschen Reihen jetzt auch niedertritst; Oh!—deinen erznen Wagen mir herab: Daß ich den Fuß in seine Muschel setze, Die Zügel greife, durch die Felder rolle, Und wie ein Donnerkeil aus Wetterwolken, Auf dieses Griechen Scheitel niederfalle! (sie steht auf)

Die erste Oberste. Ihr Fürstinnen!

Die Zweite. Auf! Wehrt der Rasenden!

Prothoe. Hör, meine große Königinn, mich!

Penthesilea. (indem sie den Bogen spannt) Ei, lustig! So muß ich sehn, ob mir der Pfeil noch trifft. (sie legt auf Prothoe an)

Prothoe. (niederstürtzend) Ihr Himmlischen!

Eine Priesterinn. (indem sie sich rasch hinter die Königinn stellt) Achill ruft!

Eine Zweite. (eben so) Der Pelide!

Eine Dritte. Hier steht er hinter dir!

Penthesilea. (Wendet sich) Wo?

Die erste Priesterinn. War ers nicht?

Penthesilea. Nein, hier sind noch die Furien nicht versammelt. —Folg' mir, Ananke! Folgt, ihr Anderen!

(ab mit dem ganzen Kriegstroß unter heftigen Gewitterschlägen)

Meroe. (indem sie Prothoe aufhebt) Die Gräßliche!

Asteria. Fort! Eilt ihr nach, ihr Frauen!

Die Oberpriesterinn. (leichenbleich) Ihr Ew'gen! Was beschloßt ihr über uns?

(Alle ab)

Einundzwanzigster Auftritt.

Achilles, Diomedes (treten auf. Späterhin) Ulysses (zuletzt) Der Herold.

Achilles. Hör', thu mir den Gefallen, Diomed, Und sag' dem Sittenrichter nichts, dem grämlichen Odyß, von dem, was ich dir vertraue; Mir widersteht's, es macht mir Übelkeiten, Wenn ich den Zug um seine Lippe sehe.

Diomedes. Hast du den Herold ihr gesandt, Pelide? Ist's wahr? Ists wirklich?

Achilles. Ich will dir sagen, Freund: —Du aber, du erwiederst nichts, verstehst du? Gar nichts, kein Wort!—Dieß wunderbare Weib, Halb Furie, halb Grazie, sie liebt mich— Und allen Weibern Hellas ich zum Trotz, Beim Styx! beim ganzen Hades!—Ich sie auch.

Diomedes. Was!

Achilles. Ja. Doch eine Grille, die ihr heilig, Will, daß ich ihrem Schwerdt im Kampf erliege; Eh' nicht in Liebe kann sie mich umfangen. Nun schickt' ich—

Diomedes. Rasender!

Achilles. Er hört mich nicht! Was er im Weltkreis noch, so lang er lebt, Mit seinem blauen Auge nicht gesehn, Das kann er in Gedanken auch nicht fassen.

Diomedes. Du willst—? Nein, sprich! Du willst—?

Achilles. (nach einer Pause)—Was also will ich? Was ist's, daß ich so Ungeheures will?

Diomedes. Du hast sie in die Schranken bloß gefordert, Um ihr—?

Achilles. Beim wolkenrüttelnden Kroniden, Sie thut mir nichts, sag' ich! Eh' wird ihr Arm, Im Zweikampf gegen ihren Busen wüthen, Und rufen: "Sieg!" wenn er von Herzblut trieft, Als wider mich!—Auf einen Mond bloß will ich ihr, In dem, was sie begehrt, zu Willen sein; Auf einen oder zwei, mehr nicht: das wird Euch ja den alten, meerzerfreßnen Istmus Nicht gleich zusammenstürzen!—Frei bin ich dann, Wie ich aus ihrem eignen Munde weiß, Wie Wild auf Haiden wieder; und folgt sie mir, Beim Jupiter! ich wär' ein Seeliger, Könnt' ich auf meiner Väter Thron sie setzen.

Ulysses. (kommt)

Diomedes. Komm her, Ulyß, ich bitte dich.

Ulysses. Pelide! Du hast die Königinn ins Feld gerufen; Willst du, ermüdet, wie die Schaaren sind, Von Neu'm das oftmißlung'ne Wagstück wagen?

Diomedes. Nichts, Freund, von Wagestücken, nichts von Kämpfen; Er will sich bloß ihr zu gefangen geben.

Ulysses. Was?

Achilles. (das Blut schießt ihm ins Gesicht) Thu mir dein Gesicht weg, bitt' ich dich!

Ulysses. Er will—?

Diomedes. Du hörst's, ja! Ihr den Helm zerkeilen Gleich einem Fechter, grimmig sehn, und wüthen; Dem Schild aufdonnern, daß die Funken sprühen, Und stumm sich, als ein Überwundener, Zu ihren kleinen Füssen niederlegen.

Ulysses. Ist dieser Mann bei Sinnen, Sohn des Peleus? Hast du gehört, was er—?

Achilles. (sich zurückhaltend) Ich bitte dich, Halt deine Oberlippe fest, Ulyß! Es steckt mich an, bei den gerechten Göttern, Und bis zur Faust gleich zuckt es mir herab.

Ulysses. (wild) Bei dem Kozyth, dem feurigen! Wissen will ich, Ob meine Ohren hören, oder nicht! Du wirst mir, Sohn des Tydeus, bitt' ich, jetzt, Mit einem Eid, daß ich auf's Reine komme, Bekräftigen, was ich dich fragen werde. Er will der Königinn sich gefangen geben?

Diomedes. Du hörst's!

Ulysses. Nach Themiscyra will er gehn?

Diomedes. So ist's.

Ulysses. Und unseren Helenenstreit, Vor der Dardanerburg, der Sinnentblößte, Den will er, wie ein Kinderspiel, weil sich Was anders Buntes zeigt, im Stiche lassen?

Diomedes. Beim Jupiter! Ich schwör's.

Ulysses. (indem er die Arme verschränkt) —Ich kann's nicht glauben.

Achilles. Er spricht von der Dardanerburg.

Ulysses. Was?

Achilles. Was?

Ulysses. Mich dünckt, du sagtest was.

Achilles. Ich?

Ulysses. Du!

Achilles. Ich sagte: Er spricht von der Dardanerburg.

Ulysses. Nun, ja! Wie ein Beseßner fragt' ich, ob der ganze Helenenstreit, vor der Dardanerburg, Gleich einem Morgentraum, vergessen sei?

Achilles. (indem er ihm näher trit) Wenn die Dardanerburg, Laertiade, Versänke, du verstehst, so daß ein See, Ein bläulicher, an ihre Stelle träte; Wenn graue Fischer, bei dem Schein des Monds, Den Kahn an ihre Wetterhähne knüpften; Wenn im Pallast des Priamus ein Hecht Regiert', ein Ottern- oder Ratzenpaar Im Bette sich der Helena umarmten: So wär's für mich gerad' so viel, als jetzt.

Ulysses. Beim Styx! Es ist sein voller Ernst, Tydide!

Achilles. Beim Styx! Bei dem Lernäersumpf! Beim Hades! Der ganzen Oberwelt und Unterwelt, Und jedem dritten Ort: es ist mein Ernst; Ich will den Tempel der Diana sehn!

Ulysses. (halb ihm ins Ohr) Laß ihn nicht von der Stelle, Diomed, Wenn du so gut willst sein.

Diomedes. Wenn ich—ich glaube! Sei doch so gut, und leih' mir deine Arme.

Der Herold. (trit auf)

Achilles. Ha! Stellt sie sich? Was bringst du? Stellt sie sich?

Der Herold. Sie stellt sich, ja, Neridensohn, sie naht schon; Jedoch mit Hunden auch und Elephanten, Und einem ganzen wilden Reutertroß: Was die beim Zweikampf sollen, weiß ich nicht.

Achilles. Gut. Dem Gebrauch, war sie das schuldig. Folgt mir! —O sie ist listig, bei den ewigen Göttern! —Mit Hunden, sagst du?

Der Herold. Ja.

Achilles. Und Elephanten?

Der Herold. Daß es ein Schrecken ist, zu sehn, Pelide! Gält' es, die Atreïden anzugreifen, Im Lager vor der Trojerburg, sie könnte In keiner finstrern Gräuelrüstung nahn.

Achilles. (in den Bart) Die fressen aus der Hand, wahrscheinlich—Folgt mir! —O! Die sind zahm, wie sie.

(ab mit dem Gefolge)

Diomedes. Der Rasende!

Ulysses. Laßt uns ihn knebeln, binden—hört ihr Griechen!

Diomedes. Hier nah'n die Amazonen schon—hinweg!

(Alle ab.)

Zweiundzwanzigster Auftritt.

Die Oberpriesterinn (bleich im Gesicht) mehrere andere Priesterinnen und Amazonen.

Die Oberpriesterinn. Schafft Stricke her, ihr Frauen!

Die erste Priesterinn. Hochwürdigste!

Die Oberpriesterinn. Reißt sie zu Boden nieder! Bindet sie!

Eine Amazone. Meinst du die Königinn?

Die Oberpriesterinn. Die Hündinn, mein' ich! —Der Menschen Hände bänd'gen sie nicht mehr.

Die Amazonen. Hochheil'ge Mutter! Du scheinst ausser dir.

Die Oberpriesterinn. Drei Jungfraun trat sie wüthend in den Staub, Die wir geschickt, sie aufzuhalten; Meroe, Weil sie auf Knien sich in den Weg ihr warf. Bei jedem süssen Namen sie beschwörend, Mit Hunden hat sie sie hinweggehetzt. Als ich von fern der Rasenden nur nahte, Gleich einen Stein, gebückt, mit beiden Händen, Den grimmerfüllten Blick auf mich gerichtet, Riß sie vom Boden auf—verloren war ich, Wenn ich im Haufen nicht des Volks verschwand.

Die erste Priesterinn. Es ist entsetzlich!

Die Zweite. Schrecklich ist's, ihr Fraun.

Die Oberpriesterinn. Jetzt unter ihren Hunden wüthet sie, Mit schaumbedeckter Lipp', und nennt sie Schwestern, Die heulenden, und der Mänade gleich, Mit ihrem Bogen durch die Felder tanzend, Hetzt sie die Meute, die mordathmende, Die sie umringt, das schönste Wild zu fangen, Das je die Erde, wie sie sagt, durchschweift.

Die Amazonen. Ihr Orkusgötter! Wie bestraft ihr sie!

Die Oberpriesterinn. Drum mit dem Strick, ihr Arestöchter, schleunig Dort auf den Kreuzweg hin, legt Schlingen ihr, Bedeckt mit Sträuchern, vor der Füsse Tritt. Und reißt, wenn sich ihr Fuß darin verfängt, Dem wuthgetroffnen Hunde gleich, sie nieder: Daß wir sie binden, in die Heimath bringen, Und sehen, ob sie noch zu retten sei.

Das Heer der Amazonen. (außerhalb der Scene) Triumph! Triumph! Triumph! Achilleus stürzt! Gefangen ist der Held! Die Siegerinn, Mit Rosen wird sie seine Scheitel kränzen!

(Pause)

Die Oberpriesterinn. (mit freudebeklemmter Stimme) Hört' ich auch recht?

Die Priesterinnen und Amazonen. Ihr hochgeprießnen Götter!

Die Oberpriesterinn. War dieser Jubellaut der Freude nicht?

Die erste Priesterinn. Geschrei des Siegs, o du Hochheilige, Wie noch mein Ohr keins seeliger vernahm!

Die Oberpriesterinn. Wer schafft mir Kund', ihr Jungfraun?

Die zweite Priesterinn. Terpi! rasch! Sag' an, was du auf jenem Hügel siehst?

Eine Amazone. (die während dessen den Hügel erstiegen mit Entsetzen) Euch, ihr der Hölle grauenvolle Götter, Zu Zeugen ruf' ich nieder—was erblick' ich!

Die Oberpriesterinn. Nun denn—als ob sie die Medus' erblickte!

Die Priesterinnen. Was siehst du? Rede! Sprich!

Die Amazone. Penthesilea, Sie liegt, den grimm'gen Hunden beigesellt, Sie, die ein Menschenschooß gebahr, und reißt,— Die Glieder des Achills reißt sie in Stücken!

Die Oberpriesterinn. Entsetzen! o Entsetzen!

Alle. Fürchterlich!

Die Amazone. Hier kommt es, bleich, wie eine Leiche, schon Das Wort des Gräuel-Räthsels uns heran. (sie steigt vom Hügel herab)

Dreiundzwanzigster Auftritt.

Meroe (trit auf) Die Vorigen.

Meroe. O ihr, der Diana heil'ge Priesterinnen, Und ihr, Mars reine Töchter, hört mich an: Die afrikanische Gorgone bin ich, Und wie ihr steht, zu Steinen starr' ich euch.

Die Oberpriesterinn. Sprich, Gräßliche! was ist geschehn?

Meroe. Ihr wißt, Sie zog dem Jüngling, den sie liebt, entgegen, Sie, die fortan kein Name nennt— In der Verwirrung ihrer jungen Sinne, Den Wunsch, den glühenden, ihn zu besitzen, Mit allen Schrecknissen der Waffen rüstend. Von Hunden rings umheult und Elephanten, Kam sie daher, den Bogen in der Hand: Der Krieg, der unter Bürgern ras't, wenn er, Die blutumtriefte Graungestalt, einher, Mit weiten Schritten des Entsetzens geht, Die Fackel über blühnde Städte schwingend, Er sieht so wild und scheußlich nicht, als sie. Achilleus, der, wie man im Heer versichert, Sie blos ins Feld gerufen, um freiwillig Im Kampf, der junge Thor, ihr zu erliegen: Denn er auch, o wie mächtig sind die Götter! Er liebte sie, gerührt von ihrer Jugend, Zu Dianas Tempel folgen wollt' er ihr: Er naht sich ihr, voll süsser Ahndungen, Und läßt die Freunde hinter sich zurück. Doch jetzt, da sie mit solchen Gräulnissen Auf ihn herangrollt, ihn, der nur zum Schein Mit einem Spieß sich arglos ausgerüstet: Stutzt er, und dreht den schlanken Hals, und horcht, Und eilt entsetzt, und stutzt, und eilet wieder: Gleich einem jungen Reh, das im Geklüfft Fern das Gebrüll des grimmen Leu'n vernimmt. Er ruft: Odysseus! mit beklemmter Stimme, Und sieht sich schüchtern um, und ruft: Tydide! Und will zurück noch zu den Freunden fliehn; Und steht, von einer Schaar schon abgeschnitten, Und hebt die Händ' empor, und duckt und birgt In eine Fichte sich, der Unglückseel'ge, Die schwer mit dunkeln Zweigen niederhangt.— Inzwischen schritt die Königinn heran, Die Doggen hinter ihr, Gebirg' und Wald Hochher, gleich einem Jäger, überschauend; Und da er eben, die Gezweige öffnend, Zu ihren Füssen niedersinken will: Ha! sein Geweih verräth' den Hirsch, ruft sie, Und spannt mit Kraft der Rasenden, sogleich Den Bogen an, daß sich die Enden küssen, Und hebt den Bogen auf und zielt und schießt, Und jagt den Pfeil ihm durch den Hals; er stürzt: Ein Siegsgeschrei schallt roh im Volk empor. Jetzt gleichwohl lebt der Aermste noch der Menschen, Den Pfeil, den weit vorragenden, im Nacken, Hebt er sich röchelnd auf, und überschlägt sich, Und hebt sich wiederum und will entfliehn; Doch, hetz! schon ruft sie: Tigris! hetz, Leäne! Hetz, Sphynx! Melampus! Dirke! Hetz, Hyrkaon! Und stürzt—stürzt mit der ganzen Meut', o Diana! Sich über ihn, und reißt—reißt ihn beim Helmbusch, Gleich einer Hündinn, Hunden beigesellt, Der greift die Brust ihm, dieser greift den Nacken, Daß von dem Fall der Boden bebt, ihn nieder! Er, in dem Purpur seines Bluts sich wälzend, Rührt ihre sanfte Wange an, und ruft: Penthesilea! meine Braut! was thust du? Ist dies das Rosenfest, das du versprachst? Doch sie—die Löwinn hätte ihn gehört, Die hungrige, die wild nach Raub umher, Auf öden Schneegefilden heulend treibt; Sie schlägt, die Rüstung ihm vom Leibe reissend, Den Zahn schlägt sie in seine weiße Brust, Sie und die Hunde, die wetteifernden, Oxus und Sphynx den Zahn in seine rechte, In seine linke sie; als ich erschien, Troff Blut von Mund und Händen ihr herab. (Pause voll Entsetzen) Vernahmt ihr mich, ihr Fraun, wohlan so redet, Und gebt ein Zeichen eures Lebens mir.

(Pause)

Die erste Priesterinn. (am Busen der Zweiten weinend) Solch eine Jungfrau, Hermia! So sittsam! In jeder Kunst der Hände so geschickt! So reizend, wenn sie tanzte, wenn sie sang! So voll Verstand und Würd' und Grazie!

Die Oberpriesterinn. O die gebahr Otrere nicht! Die Gorgo Hat im Pallast der Hauptstadt sie gezeugt!

Die erste Priesterinn. (fortfahrend) Sie war wie von der Nachtigall gebohren, Die um den Tempel der Diana wohnt. Gewiegt im Eichenwipfel saß sie da, Und flötete, und schmetterte, und flötete, Die stille Nacht durch, daß der Wandrer horchte, Und fern die Brust ihm von Gefühlen schwoll. Sie trat den Wurm nicht, den gesprenkelten, Der unter ihrer Füsse Sohle spielte, Den Pfeil, der eines Ebers Busen traf, Rief sie zurück, es hätte sie sein Auge, Im Tod gebrochen, ganz zerschmelzt in Reue, Auf Knieen vor ihn niederziehen können!

(Pause)

Meroe. Jetzt steht sie lautlos da, die Grauenvolle, Bei seiner Leich', umschnüffelt von der Meute, Und blicket starr, als wär's ein leeres Blatt, Den Bogen siegreich auf der Schulter tragend, In das Unendliche hinaus, und schweigt. Wir fragen mit gesträubten Haaren, sie, Was sie gethan? Sie schweigt. Ob sie uns kenne? Sie schweigt. Ob sie uns folgen will? Sie schweigt, Entsetzen griff mich, und ich floh zu euch.

Vierundzwanzigster Auftritt.

Penthesilea.—Die Leiche des Achills (mit einem rothen Teppich bedeckt).—Prothoe und Andere.

Die erste Amazone. Seht, seht, ihr Frau'n!—Da schreitet sie heran, Bekränzt mit Nesseln, die Entsetzliche, Dem dürren Reif des Hag'dorns eingewebt, An Lorbeer-Schmuckes statt, und folgt der Leiche, Die Gräßliche, den Bogen festlich schulternd, Als wärs der Todfeind, den sie überwunden!

Die zweite Priesterinn. O diese Händ'—!

Die erste Priesterinn. O wendet euch ihr Frauen!

Prothoe. (der Oberpriesterinn an den Busen sinkend) O meine Mutter!

Die Oberpriesterinn. (mit Entsetzen) Diana ruf' ich an: Ich bin an dieser Gräuelthat nicht schuldig!

Die erste Amazone. Sie stellt sich grade vor die Oberpriesterinn.

Die Zweite. Sie winket, schaut!

Die Oberpriesterinn. Hinweg, du Scheußliche! Du Hades-Bürgerinn! Hinweg, sag' ich! Nehmt diesen Schleier, nehmt, und deckt sie zu. (sie reißt sich den Schleier ab, und wirft ihn der Königinn ins Gesicht)

Die erste Amazone. O die lebend'ge Leich'. Es rührt sie nicht—!

Die Zweite. Sie winket immer fort—

Die Dritte. Winkt immer wieder—

Die Erste. Winkt immer zu der Priestrinn Füssen nieder—

Die Zweite. Seht, seht!

Die Oberpriesterinn. Was willst du mir? hinweg, sag' ich! Geh' zu den Raben, Schatten! Fort! Verwese! Du blickst die Ruhe meines Lebens todt.

Die erste Amazone. Ha! man verstand sie, seht—

Die Zweite. Jetzt ist sie ruhig.

Die Erste. Den Peleïden sollte man, das wars, Vor der Diana-Priestrinn Füßen legen.

Die Dritte. Warum just vor der Diana-Priest'rinn Füssen?

Die Vierte. Was meint sie auch damit?

Die Oberpriesterinn. Was soll mir das? Was soll die Leiche hier vor mir? Laß sie Gebirge decken, unzugängliche, Und den Gedanken deiner That dazu! War ich's, du—Mensch nicht mehr, wie nenn' ich dich? Die diesen Mord dir schrecklich abgefordert?— Wenn ein Verweis, sanft aus der Liebe Mund. Zu solchen Gräuelnissen treibt, so sollen Die Furien kommen, und uns Sanftmuth lehren!

Die erste Amazone. Sie blicket immer auf die Priestrinn ein.

Die Zweite. Grad' ihr ins Antlitz—

Die Dritte. Fest und unverwandt, Als ob sie durch und durch sie blicken wollte.—

Die Oberpriesterinn. Geh', Prothoe, ich bitte dich, geh', geh', Ich kann sie nicht mehr sehn, entferne sie.

Prothoe. (weinend) Weh mir!

Die Oberpriesterinn. Entschließe dich!

Prothoe. Die That, die sie Vollbracht hat, ist zu scheußlich; laß mich sein.

Die Oberpriesterinn. Fass' dich.—Sie hatte eine schöne Mutter. —Geh, biet' ihr deine Hülf' und führ' sie fort.

Prothoe. Ich will sie nie mit Augen wiedersehn!—

Die zweite Amazone. Seht, wie sie jetzt den schlanken Pfeil betrachtet!

Die Erste. Wie sie ihn dreht und wendet—

Die Dritte. Wie sie ihn mißt!

Die erste Priesterinn. Das scheint der Pfeil, womit sie ihn erlegt.

Die erste Amazone. So ist's, ihr Fraun!

Die Erste. Wie sie vom Blut ihn säubert! Wie sie an seiner Flecken jeden wischt!

Die Dritte. Was denkt sie wohl dabei?

Die Zweite. Und das Gefieder, Wie sie es trocknet, kräuselt, wie sie's lockt! So zierlich! Alles, wie es sich gehört. O seht doch!

Die Dritte. Ist sie das gewohnt zu thun?

Die Erste. That sie das sonst auch selber?

Die erste Priesterinn. Pfeil und Bogen, Sie hat sie stets mit eigner Hand gereinigt.

Die Zweite. O heilig hielt sie ihn, das muß man sagen!—

Die zweite Amazone. Doch jetzt den Köcher nimmt sie von der Schulter, Und stellt den Pfeil in seinen Schafft zurück.

Die Dritte. Nun ist sie fertig—

Die Zweite. Nun ist es geschehen— Nun sieht sie wieder in die Welt hinaus—!

Mehrere Frauen. O jammervoller Anblick! O so öde Wie die Sandwüste, die kein Gras gebiehrt! Lustgärten, die der Feuerstrom verwüstet, Gekocht im Schoos der Erd' und ausgespieen, Auf alle Blüthen ihres Busens hin, Sind anmuthsvoller als ihr Angesicht.

Penthesilea. (ein Schauer schüttelt sie zusammen; sie läßt den Bogen fallen)

Die Oberpriesterinn. O die Entsetzliche!

Prothoe. (erschrocken) Nun, was auch giebt's?

Die erste Amazone. Der Bogen stürzt' ihr aus der Hand danieder!

Die Zweite. Seht, wie er taumelt—

Die Vierte. Klirrt, und wankt, und fällt—!

Die Zweite. Und noch einmal am Boden zuckt—

Die Dritte. Und stirbt, Wie er der Tanaïs gebohren ward.

(Pause)

Die Oberpriesterinn. (sich plötzlich zu ihr wendend) Du, meine große Herrscherinn, vergieb mir! Diana ist, die Göttinn, dir zufrieden, Besänftigt wieder hast du ihren Zorn. Die große Stifterinn des Frauenreiches, Die Tanaïs, das gesteh' ich jetzt, sie hat Den Bogen würd'ger nicht geführt als du.

Die erste Amazone. Sie schweigt—

Die Zweite. Ihr Auge schwillt—

Die Dritte. Sie hebt den Finger, Den blutigen, was will sie—Seht, o seht!

Die Zweite. O Anblick, herzzerreißender, als Messer!

Die Erste. Sie wischt sich eine Thräne ab.

Die Oberpriesterinn. (an Prothoes Busen zurück sinkend) O Diana! Welch eine Thräne!

Die erste Priesterinn. O eine Thräne, du Hochheil'ge, Die in der Menschen Brüste schleicht, Und alle Feuerglocken der Empfindung zieht. Und: Jammer! rufet, daß das ganze Geschlecht, das leicht bewegliche, hervor Stürzt aus den Augen, und in Seen gesammelt, Um die Ruine ihrer Seele weint.

Die Oberpriesterinn. (mit einem bittern Ausdruck) Nun denn—wenn Prothoe ihr nicht helfen will, So muß sie hier in ihrer Noth vergehn.

Prothoe. (drückt den heftigsten Kampf aus. Drauf, indem sie sich ihr nähert, mit einer immer von Thränen unterbrochenen, Stimme) Willst du dich niederlassen, meine Königinn? Willst du an meiner treuen Brust nicht ruhn? Viel kämpftest du, an diesem Schreckenstag, Viel, auch viel littest du—von so viel Leiden Willst du an meiner treuen Brust nicht ruhn?

Penthesilea. (sie sieht sich um, wie nach einem Sessel)

Prothoe. Schafft einen Sitz herbei! Ihr seht, sie wills.

(Die Amazonen wälzen einen Stein herbei. Penthesilea läßt sich an Prothoes Hand darauf nieder. Hierauf setzt sich auch Prothoe)

Prothoe. Du kennst mich doch, mein Schwesterherz?

Penthesilea. (sieht sie an, ihr Antlitz erheitert sich ein wenig)

Prothoe. Prothoe Bin ich, die dich so zärtlich liebt.

Penthesilea. (streichelt sanft ihre Wange)

Prothoe. O du, Vor der mein Herz auf Knien niederfällt, Wie rührst du mich! (sie küßt die Hand der Königinn) —Du bist wohl sehr ermüdet? Ach, wie man dir dein Handwerk ansieht, Liebe! Nun freilich—Siegen geht so rein nicht ab, Und jede Werkstatt kleidet ihren Meister. Doch wie, wenn du dich jetzo reinigtest, Händ' und Gesicht?—Soll ich dir Wasser schaffen? —Geliebte Königinn!

Penthesilea. (sie besieht sich und nickt)

Prothoe. Nun ja. Sie will's. (sie winkt den Amazonen; diese gehen Wasser zu schöpfen) —Das wird dir wohlthun, das wird dich erquicken, Und sanft, auf kühle Teppiche gestreckt, Von schwerer Tagesarbeit wirst du ruhn.

Die erste Priesterinn. Wenn man mit Wasser sie besprengt, gebt Acht, Besinnt sie sich.

Die Oberpriesterinn. O ganz gewiß, das hoff' ich.

Prothoe. Du hoffst's, hochheil'ge Priesterinn?—Ich fürcht' es.

Die Oberpriesterinn. (indem sie zu überlegen scheint) Warum? Weshalb?—Es ist nur nicht zu wagen, Sonst müßte man die Leiche des Achills—

Penthesilea. (blickt die Oberpriesterinn blitzend an)

Prothoe. Laßt, laßt—!

Die Oberpriesterinn. Nichts, meine Königinn, nichts, nichts! Es soll dir Alles bleiben, wie es ist.—

Prothoe. Nimm dir den Lorbeer ab, den dornigen, Wir alle wissen ja, daß du gesiegt. Und auch den Hals befreie dir—So, so! Schau! Eine Wund' und das recht tief! Du Arme! Du hast es dir recht sauer werden lassen— Nun dafür triumphirst du jetzo auch! —O Artemis!

Zwei Amazonen. (bringen ein großes flaches Marmorbecken, gefüllt mit Wasser)

Prothoe. Hier setzt das Becken her.— Soll ich dir jetzt die jungen Scheitel netzen? Und wirst du auch erschrecken nicht—? Was machst du?

Penthesilea. (läßt sich von ihrem Sitz auf Knien vor das Becken niederfallen, und begießt sich das Haupt mit Wasser)

Prothoe. Sieh da! Du bist ja traun recht rüstig, Königinn! —Das thut dir wohl recht wohl?

Penthesilea. (sie sieht sich um) Ach Prothoe! (sie begießt sich von Neuem mit Wasser)

Meroe. (froh) Sie spricht!

Die Oberpriesterinn. Dem Himmel sei gedankt!

Prothoe. Gut, gut!

Meroe. Sie kehrt ins Leben uns zurück!

Prothoe. Vortrefflich! Das Haupt ganz unter Wasser, Liebe! So! Und wieder! So, so! Wie ein junger Schwan!—

Meroe. Die Liebliche!

Die erste Priesterinn. Wie sie das Köpfchen hängt!

Meroe. Wie sie das Wasser niederträufeln läßt!

Prothoe. —Bist du jetzt fertig?

Penthesilea. Ach!—Wie wunderbar.

Prothoe. Nun denn, so komm' mir auf den Sitz zurück!— Rasch eure Schleier mir, ihr Priesterinnen, Daß ich ihr die durchweichten Locken trockne! So, Phania, deinen! Terpi! helft mir, Schwestern! Laßt uns ihr Haupt und Nacken ganz verhüllen! So, so!—Und jetzo auf den Sitz zurück! (sie verhüllt die Königinn, hebt sie auf den Sitz, und drückt sie fest an ihre Brust)

Penthesilea. Wie ist mir?

Prothoe. Wohl denk' ich—nicht?

Penthesilea. (lispelnd) Zum Entzücken!

Prothoe. Mein Schwesterherz! Mein Süsses! O mein Leben!

Penthesilea. O sagt mir!—Bin ich in Elisium? Bist du der ewigjungen Nymphen Eine, Die unsre hehre Königinn bedienen, Wenn sie von Eichen-Wipfeln still umrauscht, In die krystallne Grotte niedersteigt? Nahmst du die Züge bloß, mich zu erfreuen, Die Züge meiner lieben Prothoe an?

Prothoe. Nicht, meine beste Königinn, nicht, nicht. Ich bin es, deine Prothoe, die dich In Armen hält, und was du hier erblickst, Es ist die Welt noch, die gebrechliche, Auf die nur fern die Götter niederschaun.

Penthesilea. So, so. Auch gut. Recht sehr gut. Es thut nichts.

Prothoe. Wie, meine Herrscherinn?

Penthesilea. Ich bin vergnügt.

Prothoe. Erkläre dich, Geliebte. Wir verstehn nicht—

Penthesilea. Daß ich noch bin, erfreut mich. Laßt mich ruhn.

(Pause)

Meroe. Seltsam!

Die Oberpriesterinn. Welch' eine wunderbare Wendung!

Meroe. Wenn man geschickt ihr doch entlocken könnte—?

Prothoe. —Was war es denn, das dir den Wahn erregt, Du sei'st ins Reich der Schatten schon gestiegen?

Penthesilea. (nach einer Hause, mit einer Art von Verzückung) Ich bin so seelig, Schwester! Ueberseelig! Ganz reif zum Tod' o Diana, fühl' ich mich! Zwar weiß ich nicht, was hier mit mir geschehn Doch gleich des festen Glaubens könnt' ich sterben, Daß ich mir den Peliden überwand.

Prothoe. (verstohlen zur Oberpriesterinn) Rasch jetzt die Leich' hinweg!

Penthesilea. (sich lebhaft aufrichtend) O Prothoe! Mit wem sprichst du?

Prothoe. (da die beiden Trägerinnen noch säumen) Fort, Rasende!

Penthesilea. O Diana! So ist es wahr?

Prothoe. Was, fragst du, wahr, Geliebte? —Hier! Drängt euch dicht heran! (sie winkt den Priesterinnen, die Leiche, die aufgehoben wird, mit ihren Leibern zu verbergen)

Penthesilea. (hält ihre Hände freudig vor's Gesicht) Ihr heil'gen Götter! Ich habe nicht das Herz mich umzusehn.

Prothoe. Was hast du vor? Was denkst du, Königinn?

Penthesilea. (sich umsehend) O Liebe, du verstellst dich.

Prothoe. Nein, beim Zevs, Dem ewgen Gott der Welt!

Penthesilea. (mit immer steigender Ungeduld) O ihr Hochheiligen, Zerstreut euch doch!

Die Oberpriesterinn. (sich dicht mit den übrigen Frauen zusammendrängend) Geliebte Königinn!

Penthesilea. (indem sie aufsteht) O Diana! Warum soll ich nicht? O Diana! Er stand schon einmal hinterm Rücken mir.

Meroe. Seht, seht! Wie sie Entsetzen faßt!

Penthesilea. (zu den Amazonen, welche die Leiche tragen) Halt dort!— Was tragt ihr dort? Ich will es wissen. Steht! (sie macht sich Platz unter den Frauen und dringt bis zur Leiche vor)

Prothoe. O meine Königinn! Untersuche nicht!

Penthesilea. Ist er's, ihr Jungfraun? Ist er's?

Eine Trägerinn. (indem die Leiche niedergelassen wird) Wer, fragst du?

Penthesilea. —Es ist unmöglich nicht, das seh' ich ein. Zwar einer Schwalbe Flügel kann ich lähmen, So, daß der Flügel noch zu heilen ist; Den Hirsch lock' ich mit Pfeilen in den Park. Doch ein Verräther ist die Kunst der Schützen; Und gilt's den Meisterschuß ins Herz des Glückes, So führen tück'sche Götter uns die Hand. —Traf ich zu nah' ihn, wo es gilt? Sprecht ist ers?

Prothoe. O bei den furchtbarn Mächten des Olymps, Frag' nicht—!

Penthesilea. Hinweg! Und wenn mir seine Wunde, Ein Höllenrachen, gleich entgegen gähnte: Ich will ihn sehn! (sie hebt den Teppig auf) Wer von euch that das, ihr Entsetzlichen!

Prothoe. Das fragst du noch?

Penthesilea. O Artemis! Du Heilige! Jetzt ist es um dein Kind geschehn!

Die Oberpriesterinn. Da stürzt sie hin!

Prothoe. Ihr ew'gen Himmelsgötter! Warum nicht meinem Rathe folgtest du? O dir war besser, du Unglückliche, In des Verstandes Sonnenfinsterniß Umher zu wandeln, ewig, ewig, ewig, Als diesen fürchterlichen Tag zu sehn! —Geliebte. hör' mich!

Die Oberpriesterinn. Meine Königinn!

Meroe. Zehntausend Herzen theilen deinen Schmerz!

Die Oberpriesterinn. Erhebe dich!

Penthesilea. (halb aufgerichtet) Ach, diese blut'gen Rosen! Ach, dieser Kranz von Wunden um sein Haupt! Ach, wie die Knospen, frischen Grabduft streuend, Zum Fest für die Gewürme, niedergehn!

Prothoe. (mit Zärtlichkeit) Und doch war es die Liebe, die ihn kränzte?

Meroe. Nur allzufest—!

Prothoe. Und mit der Rose Dornen, In der Beeif'rung, daß es ewig sei!

Die Oberpriesterinn. Entferne dich!

Penthesilea. Das aber will ich wissen, Wer mir so gottlos neben hat gebuhlt!— Ich frage nicht, wer den Lebendigen Erschlug; bei unsern ewig hehren Göttern! Frei, wie ein Vogel, geht er von mir weg. Wer mir den Todten tödtete, frag' ich, Und darauf gieb mir Antwort, Prothoe.

Prothoe. Wie, meine Herrscherinn?

Penthesilea. Versteh mich recht. Ich will nicht wissen, wer aus seinem Busen Den Funken des Prometheus stahl. Ich will's nicht, Weil ichs nicht will; die Laune steht mir so: Ihm soll vergeben sein, er mag entflieh'n. Doch wer, o Prothoe, bei diesem Raube Die offne Pforte ruchlos mied, durch alle Schneeweißen Alabasterwände mir In diesen Tempel brach; wer diesen Jüngling, Das Ebenbild der Götter, so entstellt, Daß Leben und Verwesung sich nicht streiten, Wem er gehört, wer ihn so zugerichtet, Daß ihn das Mitleid nicht beweint, die Liebe Sich, die unsterbliche, gleich einer Metze, Im Tod noch untreu, von ihm wenden muß: Den will ich meiner Rache opfern. Sprich!

Prothoe. (zur Oberpriesterinn) Was soll man nun der Rasenden erwiedern?—

Penthesilea. Nun, werd' ich's hören?

Meroe.—O meine Königinn, Bringt es Erleichterung der Schmerzen dir, In deiner Rache opfre, wen du willst. Hier steh'n wir all' und bieten dir uns an.

Penthesilea. Gebt Acht, sie sagen noch, daß ich es war.

Die Oberpriesterinn. (schüchtern) Wer sonst, du Unglückseelige, als nur—?

Penthesilea. Du Höllenfürstinn, im Gewand' des Lichts, Das wagst du mir—?

Die Oberpriesterinn. Diana ruf' ich an! Laß es die ganze Schaar, die dich umsteht, Bekräftigen! Dein Pfeil war's der ihn traf, Und Himmel! wär' es nur dein Pfeil gewesen! Doch, als er niedersank, warfs't du dich noch, In der Verwirrung deiner wilden Sinne, Mit allen Hunden über ihn und schlugst— O meine Lippe zittert auszusprechen, Was du gethan. Frag' nicht! Komm', laß uns gehn.

Penthesilea. Das muß ich erst von meiner Prothoe hören.

Prothoe. O meine Königinn! Befrag' mich nicht.

Penthesilea. Was! Ich? Ich hätt' ihn—? Unter meinen Hunden—? Mit diesen kleinen Händen hätt' ich ihn—? Und dieser Mund hier, den die Liebe schwellt—? Ach, zu ganz anderm Dienst gemacht, als ihn—! Die hätten, lustig stets einander helfend, Mund jetzt und Hand, und Hand und wieder Mund—?

Prothoe. O Königinn!

Die Oberpriesterinn. Ich rufe Wehe! dir.

Penthesilea. Nein, hört, davon nicht überzeugt ihr mich. Und stünd's mit Blitzen in die Nacht geschrieben, Und rief es mir des Donners Stimme zu, So rief ich doch noch beiden zu: ihr lügt!

Meroe. Laß ihn, wie Berge, diesen Glauben stehn; Wir sind es nicht, die ihn erschüttern werden.

Penthesilea. —Wie kam es denn, daß er sich nicht gewehrt?

Die Oberpriesterinn. Er liebte dich, Unseeligste! Gefangen Wollt' er sich dir ergeben, darum naht' er! Darum zum Kampfe fordert' er dich auf! Die Brust voll süssen Friedens kam er her, Um dir zum Tempel Artemis zu folgen. Doch du—

Penthesilea. So, so—

Die Oberpriesterinn. Du trafst ihn—

Penthesilea. Ich zerriß ihn.

Prothoe. O meine Königinn!

Penthesilea. Oder war es anders?

Meroe. Die Gräßliche!

Penthesilea. Küßt' ich ihn todt?

Die erste Priesterinn. O Himmel!

Penthesilea. Nicht? Küßt' ich nicht? Zerrissen wirklich? sprecht?

Die Oberpriesterinn. Weh'! Wehe! ruf' ich dir. Verberge dich! Laß fürder ew'ge Mitternacht dich decken!

Penthesilea. —So war es ein Versehen. Küsse, Bisse, Das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, Kann schon das Eine für das Andre greifen.

Meroe. Helf't ihr, ihr Ew'gen, dort!

Prothoe. (ergreift sie) Hinweg!

Penthesilea. Laßt, laßt! (sie wickelt sich los, und läßt sich auf Knieen vor der Leiche nieder) Du Aermster aller Menschen, du vergiebst mir! Ich habe mich, bei Diana, bloß versprochen, Weil ich der raschen Lippe Herr nicht bin; Doch jetzt sag' ich dir deutlich, wie ichs meinte: Dies, du Geliebter, war's, und weiter nichts. (sie küßt ihn)

Die Oberpriesterinn. Schafft sie hinweg!

Meroe. Was soll sie länger hier?

Penthesilea. Wie Manche, die am Hals des Freundes hängt, Sagt wohl das Wort: sie lieb' ihn, o so sehr, Daß sie vor Liebe gleich ihn essen könnte; Und hinterher, das Wort beprüft, die Närrinn! Gesättigt sein zum Eckel ist sie schon. Nun, du Geliebter, so verfuhr ich nicht. Sieh her: als ich an deinem Halse hieng, Hab' ich's wahrhaftig Wort für Wort gethan; Ich war nicht so verrückt, als es wohl schien.

Meroe. Die Ungeheuerste! Was sprach sie da?

Die Oberpriesterinn. Ergreift sie! Bringt sie fort!

Prothoe. Komm, meine Königinn!

Penthesilea. (sie läßt sich aufrichten) Gut, gut. Hier bin ich schon.

Die Oberpriesterinn. So folgst du uns?

Penthesilea. Euch nicht!— Geht ihr nach Themiscyra, und seid glücklich, Wenn ihr es könnt— Vor allen meine Prothoe— Ihr Alle— Und——im Vertraun ein Wort, das niemand höre, Der Tanaïs Asche, streut sie in die Luft!

Prothoe. Und du, mein theures Schwesterherz?

Penthesilea. Ich?

Prothoe. Du!

Penthesilea. —Ich will dir sagen, Prothoe, Ich sage vom Gesetz der Fraun mich los, Und folge diesem Jüngling hier.

Prothoe. Wie, meine Königinn?

Die Oberpriesterinn. Unglückliche!

Prothoe. Du willst—?

Die Oberpriesterinn. Du denkst—

Penthesilea. Was? Allerdings!

Meroe. O Himmel!

Prothoe. So laß mich dir ein Wort, mein Schwesterherz— (sie sucht ihr den Dolch wegzunehmen)

Penthesilea. Nun denn, und was?—Was suchst du mir am Gurt? —Ja, so. Wart' gleich! Verstand ich dich doch nicht. —Hier ist der Dolch. (sie lößt sich den Dolch aus dem Gurt, und giebt ihn der Prothoe) Willst du die Pfeile auch? (sie nimmt den Köcher von der Schulter) Hier schütt' ich ihren ganzen Köcher aus! (sie schüttet die Pfeile vor sich nieder) Zwar reitzend wär's von Einer Seite— (sie hebt einige davon wieder auf) Denn dieser hier—nicht? Oder war es dieser—? Ja, der! Ganz recht—Gleichviel! Da! Nimm sie hin! Nimm alle die Geschosse zu dir hin! (sie rafft den ganzen Bündel wieder auf, und giebt ihn der Prothoe in die Hände)

Prothoe. Gieb her.

Penthesilea. Denn jetzt steig' ich in meinen Busen nieder, Gleich einem Schacht, und grabe, kalt wie Erz, Mir ein vernichtendes Gefühl hervor. Dies Erz, dies läutr' ich in der Glut des Jammers Hart mir zu Stahl; tränk' es mit Gift sodann, Heißätzendem, der Reue, durch und durch; Trag' es der Hoffnung ew'gem Amboß zu, Und schärf' und spitz es mir zu einem Dolch; Und diesem Dolch jetzt reich' ich meine Brust: So! So! So! So! Und wieder!—Nun ist's gut. (sie fällt und stirbt)

Prothoe. (die Königinn auffassend) Sie stirbt!

Meroe. Sie folgt ihm, in der That!

Prothoe. Wohl ihr! Denn hier war ihres fernern Bleibens nicht. (sie legt sie auf den Boden nieder)

Die Oberpriesterinn. Ach! Wie gebrechlich ist der Mensch, ihr Götter! Wie stolz, die hier geknickt liegt, noch vor Kurzem, Hoch auf des Lebens Gipfeln, rauschte sie!

Prothoe. Sie sank, weil sie zu stolz und kräftig blühte! Die abgestorbne Eiche steht im Sturm, Doch die gesunde stürzt er schmetternd nieder, Weil er in ihre Krone greifen kann.

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Penthesilea, von Heinrich von Kleist.

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