Front matter (continued 2)
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52 Nun setzte seit geraumer Zeit Ein ungeheures Thier das ganze Land in Schrecken: Es fiel bey hellem Tag in Dörfer und in Flecken, Und würgte Vieh und Menschen ungescheut. Man sagt, es habe Drachenflügel, Und Klauen wie ein Greif und Stacheln wie ein Igel, Sey größer als ein Elefant, Und wenn es schnaube, fahr' ein Sturm durchs ganze Land.
53 Seit Menschendenken war kein solches Thier erschienen, Auch stand ein großer Preis auf dessen Kopf gesetzt; Allein weil jedermann den seinen höher schätzt, Hat niemand Lust das Schußgeld zu verdienen. Nur Babekan hielt's des Versuches werth, Durch eine kühne That der Schönen Stolz zu dämpfen. Er geht im Pomp zum Sultan, und begehrt Vergünstigung, den Löwen zu bekämpfen.
54 Und als ihm's der, wiewohl nicht gern, gewährt, Bestieg er heute früh vor Tag sein bestes Pferd, Und ritt hinaus. Was weiter vorgegangen Ist unbekannt. Genug, er kam, zu gutem Glück, Auf einem fremden Gaul, ganz leise, sonder Prangen Und ohne eine Klau' vom Ungeheu'r zurück. Man sagt, er habe stracks, so bald er heim gekommen, Sich hingelegt und Bezoar genommen.
55 Bey allem dem sind nun mit unerhörter Pracht Die Zubereitungen zum Hochzeitfest gemacht; Unfehlbar wird es morgen vor sich gehen, Und Rezia sich in der nächsten Nacht In Babekans verhaßten Armen sehen.— Eh' dieß geschieht, fuhr Hüon rasch heraus, Eh' soll das große Rad der Schöpfung stille stehen! Der Ritter und der Zwerg sind, glaubt mir, auch vom Schmaus.
56 Die Alte wundert sich des Wortes, und betrachtet Genauer, was sie erst nicht sonderlich geachtet, Des Fremden blaues Aug' und langes gelbes Haar, Und seinen Ritterschmuck, und daß er nur gebrochen Arabisch sprach, und daß er schöner war Als je ein Mann, der in die Augen ihr gestochen: Das rasche Wort, das er gesprochen, Und diese Ähnlichkeit! es däucht ihr sonderbar.
57 Wo kam er her? warum? wer ist er? zwanzig Fragen Zu diesem Zweck, die schon auf ihrer Zunge lagen, Erstickte Hüons Ernst. Er that als wäre Ruh Ihm noth, und legte sich auf seiner Streu zurechte. Die Alte wünscht, daß ihm was süßes träumen möchte, Und trippelt weg, und schließt die Thüre nach sich zu. Allein wurmstichig war die Thür und hatte Spalten, Und Vorwitz juckt das Ohr der guten Alten.
58 Sie schleicht zurück, und drückt so fest sie kann Ihr lauschend Ohr an eine Ritze, Und horcht mit offnem Mund und hält den Athem an. Die Fremden sprachen laut, und, wie es schien, mit Hitze; Sie hörte jedes Wort; nur, leider! war kein Sinn Für eine alte Frau von Babylon darin: Doch kann sie dann und wann, zum Trost in diesem Leiden, Den Nahmen Rezia ganz deutlich unterscheiden.
59 Wie wundervoll mein Schicksal sich entspinnt! (Rief Hüon aus) Wie wahr hat Oberon gesprochen, Schwach ist das Erdenvolk und für die Zukunft blind! Karl denkt, er habe mir gewiß den Hals gebrochen; Auf mein Verderben zielt sein Auftrag sichtlich ab, Und blindlings thut er bloß den Willen des Geschickes: Der schöne Zwerg reckt seinen Lilienstab, Und leitet mich im Traum zur Quelle meines Glückes.
60 Und daß (spricht Scherasmin) die Jungfrau, die im Traum Das Herz euch nahm, gerade die Infante Des Sultans ist, die Karl zu eurer Braut ernannte; Daß alles so sich schickt, und daß auch Sie im Traum, Wie ihr in sie, in Euch entbrannte, So etwas glaubte man ja seinen Augen kaum! Und doch, spricht Hüon, hat's die Alte nicht erfunden; Den Knoten hat das Schicksal selbst gewunden.
61 Nur wie er aufzulösen sey, Da liegt die Schwierigkeit!—Mich sollte das nicht plagen, Erwiedert Scherasmin: Herr, darf ich ungescheut Euch meine schlechte Meinung sagen? Ich macht' es kurz und schnitt' ihn frisch entzwey. Dem Junker linker Hand ließ' ich den Luftpaß frey Und dem Kalifen seine Zähne, Und hielte mich an meine Dulcimene.
62 Bedenkt's nur selbst, in ihrer Gegenwart Die Ceremonie mit Kopfab anzufangen, Hernach vier Backenzähn' und eine Hand voll Bart Dem alten Herren abverlangen, Und vor der Nas' ihm gar sein einzig Kind umfangen, Bey Gott! das hat doch wahrlich keine Art! Das Schicksal kann unmöglich wollen Daß wir das Ziel uns selbst so grob verrücken sollen.
63 Zum Glück, daß Oberon das beste schon versah. Das Hauptwerk ist doch wohl, dem Hasen Von Bräutigam das Fräulein wegzublasen; Und dazu hilft die schöne Rezia Gewiß uns selbst, so bald sie von der Alten Berichtet ist, das gelbe Haar sey da.— Mir liegt indessen ob, zwey frische Klepper, nah Beym Garten des Serai's, zur Flucht bereit zu halten.
64 Herr Scherasmin, (versetzt der Ritter) wie es scheint, Entfiel euch, daß ich Karln mein Ehrenwort gegeben, Dem, was er mir gebot, buchstäblich nachzuleben? Da geht kein Jot davon, mein Freund! Was draus entstehen kann, das mag daraus entstehen! Mir ziemt es nicht so was voraus zu sehen. Im Fall der Noth (erwiedert Scherasmin) Muß doch zuletzt der Zwerg uns aus dem Wasser ziehn.
65 Allmählich schlummert der Alte unter diesen Gesprächen ein. Von Hüons Augen bleibt Der süße Schlaf die Nacht hindurch verwiesen. Gleich einem Kahn auf hohen Wogen, treibt Sein ahnend Herz mit ungeduldigem Schwanken Auf ungestüm sich wälzenden Gedanken: So nah dem Port; so nah, und doch so weit! Es ist ein Augenblick, und däucht ihm Ewigkeit.
Fünfter Gesang.
1 Auch dich, o Rezia, floh, auf deinen weichen Schwanen, Der süße Schlaf. Du sahst in Klippen dich Verfangen, woraus dir einen Pfad zu bahnen Unmöglich schien. Verhaßt und fürchterlich Ist dir das festliche Roth am morgendämmernden Himmel, Verhaßt der Tag, der dich an Hymens Altar winkt. Lang' wälzt sie seufzend sich um, bis endlich, vom innern Getümmel Der Seele betäubt, ihr Haupt herab zum Busen sinkt.
2 Sie schlummert ein, und, ihren Muth zu stützen, Webt Oberen ein neues Traumgesicht Vor ihre Stirn. Sie glaubt, bey Mondeslicht, In einer Laube der Gärten des Harems zu sitzen, In Fantasieen der Liebe versenkt. Ein süßes Weh, ein lieblich banges Sehnen Hebt ihre Brust, ihr Auge schwimmt in Thränen, Indem sie hoffnungslos an ihren Jüngling denkt.
3 Die Unruh treibt sie auf. Sie läuft, mit hastigen Schritten Und suchendem Blick, durch Busch und Blumengefild, Eilt athemlos zu allen grünen Hütten, Zu allen Grotten hin; ihr Auge, zärtlich wild Und thränenvoll, scheint das geliebte Bild Von allen Wesen zu erbitten: Oft steht sie ängstlich still, und lauscht Wenn nur ein Schatten wankt, nur eine Pappel rauscht.
4 Zuletzt, indem sie sich nach einer Stelle wendet Wo durch der Büsche Nacht ein heller Mondschein bricht, Glaubt sie—o Wonne! wenn kein falsches Schattenlicht Ihr gern betrognes Auge blendet— Zu sehen was sie sucht. Sie sieht und wird gesehn; Sein Feuerblick begegnet ihren Blicken. Sie eilt ihm zu, und bleibt, in schauerndem Entzücken, Wie zwischen Scham und Liebe, zweifelnd stehn.
5 Mit offnen Armen fliegt er ihr entgegen. Sie will entfliehn, und kann die Kniee nicht bewegen. Mit Müh verbirgt sie noch sich hinter einen Baum, Und in der süßen Angst zerplatzt der schöne Traum. Wie gerne hätte sie zurück ihn rufen mögen! Sie zürnt sich selbst und dem verhaßten Baum; Vergebens suchet sie sich wieder einzuwiegen, Ihm nachzusinnen bleibt ihr einziges Vergnügen.
6 Die Sonne hatte bald den dritten Theil vollbracht Von ihrem Lauf, und immer war's noch Nacht Bey Rezia; so groß war ihr Ergetzen, Den angenehmen Traum noch wachend fortzusetzen. Doch da sie gar zu lang' kein Lebenszeichen giebt, Naht endlich Fatme sich dem goldnen Bette, schiebt Den Vorhang weg, und findet mit Erstaunen Die Dame wach, und in der besten aller Launen.
7 Ich hab' ihn wieder gesehn, o Fatme, wünsche mir Glück, Ruft Rezia, ich hab' ihn wieder gesehen!— Das wäre! spricht die Amm', und sucht mit schlauem Blick Herum, als dächte sie den Vogel auszuspähen. Das Fräulein lacht: "Ey, ey, wie ist dein Witz so dick! Man dächte doch, das sollte sich verstehen! Ich sah ihn freylich nur im Traum; allein Er muß gewiß hier in der Nähe seyn.
8 "Mir ahnt's, er ist nicht fern, und sprich mir nichts dagegen, Wenn du mich liebst!"—So schweig' ich!—"Und warum? Was wäre denn am Ende so verwegen An meiner Hoffnung? Sprich! wie sollt' ich sie nicht hegen?" Die Amme seufzt und bleibt noch immer stumm. "Was übersteigt der Liebe Allvermögen? Der Löwenbändiger, der mich beschützt, ist sie; Und retten wird sie mich, begreif' ich gleich nicht wie.
9 "Du schweigst? du seufzest? Ach! zu wohl nur, gute Amme, Versteh' ich was dein Schweigen mir verhehlt! Du hoffest nichts für meine Flamme! Ich selbst, ich hoffe nur weil beßrer Trost mir fehlt. Die Stunde naht; schon klirren meine Ketten, Und mein Verderben ist gewiß; Ein Wunder nur, o Fatme, kann mich retten, Ein Wunder nur! wo nicht—so kann es dieß!"
10 Bey diesem Worte zieht mit feur'gem Blicke Sie aus dem Busen einen Dolch hervor. "Siehst du? Dieß macht mir Muth! dieß hebt mich so empor! Mit diesem hoff' ich alles vom Geschicke!" Die Amme schwankt an ihren Stuhl zurücke, Wird leichenblaß, und zittert wie ein Rohr. Ach! ist dieß alles, so erbarme Sich Gott!—ruft sie, und weint und ringt die Arme.
11 Das Fräulein drückt die Hand ihr auf den Mund: Still, spricht sie, fasse dich! und steckt in ihren Busen Den Dolch zurück. Du weißt, im weiten Erdenrund Ist nichts mir so verhaßt als dieser Fürst der Drusen. Eh' Der mich haben soll, eh' soll ein giftiger Molch In meine Brust die scharfen Zähne schlagen! Kommt mein Geliebter nicht, den Raub ihm abzusagen, Was bleibt mir übrig als mein Dolch?
12 Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, So hört man am Tapetenthürchen pochen, Das aus dem Schlafgemach in Fatmens Kammer führt. Sie geht, und kommt nach einer kleinen Weile So schnell zurück, daß sie vor lauter Eile Und Freudentrunkenheit den Athem fast verliert. "Nun sind wir aller Noth entbunden! Triumf! Prinzessin, Triumf! der Ritter ist gefundener
13 Im Nachtgewand, das wie ein Nebel kaum Den schönen Leib umwallt, fährt jene aus den Lacken Und fällt entzückt der Amme um den Nacken: "Gefunden? Wo? wo ist er? O mein Traum, So logst du nicht?"—Die Amme, selbst vor Freuden Ganz außer sich, hat kaum noch so viel Sinn, Die wonnetaumelnde halb nackte Träumerin In großer Eil' ein wenig anzukleiden.
14 Herein gerufen wird sodann Die Alte, selbst ihr Mährchen zu erzählen. Die gute Mutter fängt beym Ey die Sache an, Und läßt es nicht am kleinsten Umstand fehlen; Kein Zug, kein Wort das ihrem Gast entrann, Wird im Gemählde weggelassen. Er ist's, er ist's! wir haben unsern Mann, Ruft Fatme aus; es kann nicht besser passen!
15 Die Alte wird von neuem ausgefragt, Muß drey—und viermahl wiederhohlen Was er gethan, gesagt und nicht gesagt; Muß immer wieder ihn vom Haupt bis zu den Sohlen Abschildern, Zug für Zug—wie gelb und lang sein Haar, Wie groß und blau sein schönes Augenpaar; Und immer ist noch etwas nachzuhohlen Das in der Eil' ihr ausgefallen war.
16 Indeß sich so um zwanzig Jahre jünger Die Alte schwatzt, entspannt der hohe Lockenbau Der schönen Braut sich unter Fatmens Finger. Mit Perlen, glänzender als Thau, Wird schneckengleich ihr schwarzes Haar durchflochten, Ohr, Hals und Gürtel schmückt so schimmerndes Gestein, Daß ihren Glanz im Sonnenschein Die Augen kaum ertragen mochten.
17 Vollendet stellt nunmehr, von ihrer Nymfenschaar Zum Fest geschmückt und bräutlich angekleidet, Gleich einer Sonne sich die Königstochter dar, Und lieblich wie ein Reh, das unter Rosen weidet. Kein Auge sah sie ungeblendet an, Wiewohl sie jetzt nur Mädchenaugen sahn: Nur sie allein schien nichts davon zu wissen, Wie neben ihr die Sterne schwinden müssen.
18 Das Feuer, das aus ihren Augen strahlt, Die Ungeduld, das lauschende Verlangen Das ihre Lippen schwellt und ihre zarten Wangen Mit ungewohntem Purpur mahlt, Setzt ihre Jungfrau'n in Erstaunen. Ist dieß die widerspenst'ge Braut, (Beginnen sie einander zuzuraunen) Der gestern noch so sehr vor diesem Tag gegraut?
19 Indessen sammeln sich die Emirn und Wessire, Geschmückt zum Fest, im stolzen Hochzeitsahl. Gerüstet steht das königliche Mahl, Und, bey Trompetenklang, tritt aus der goldnen Thüre Des heiligen Palasts, von Sklaven aller Art Umflossen, der Kalif mit seinem grauen Bart. Der Drusenfürst, noch etwas blaß von Wangen, Kommt stattlich hinter ihm als Bräutigam gegangen.
20 Und gegenüber thut die Thür von Elfenbein Sich aus dem Harem auf, und, schöner als die Frauen In Mahoms Paradies, tritt auch die Braut herein. Ein Schleier zwar, gleich einem silbergrauen Gewölke, wehrt dem Engelsangesicht Den vollen Glanz allblendend zu enthüllen; Und dennoch scheint ein überirdisch Licht Bey ihrem Eintritt stracks den ganzen Sahl zu füllen.
21 Dem Drusen schwillt und sinket wechselsweis' Sein Herz, indem sein Aug' an ihren Reitzen hanget: Er sucht im ihrigen was er zu sehn verlanget; Allein, ein Blick, so kalt wie Alpeneis, Ist alles was er sieht. Doch, dem Bethörten schmeichelt Die Eitelkeit, die Selbstbetrügerin, Daß Rezia den spröden Blick nur heuchelt: O (denkt er) all der Schnee schmilzt über Nacht dahin!
22 Ob er zu viel gehofft soll kein Geheimniß bleiben. Doch, ohne jetzt unnöthig zu beschreiben, Wie drauf, nachdem der Imam das Gebet Gesprochen, man beym Schall der Pauken und der Zinken Zur Tafel sich gesetzt, erst Seine Majestät, Dann rechter Hand die Braut, der Bräutigam zur linken, Und hundert Dinge, die von selber sich verstehn, Ist's Zeit, auch wieder uns nach Hüon umzusehn.
23 Der hatte, wie ihr euch erinnert, seine Nacht, Von Ungeduld erhitzt, von Ahnungen umgaukelt, Auf seiner Streue nicht viel sanfter zugebracht, Als einer, den der Sturm in einem Mastkorb schaukelt. Kaum aber hat dem Tag in seine goldne Bahn Aurorens Rosenhand die Pforten aufgethan, So senkt sich nebelgleich ein Dunst von Mohn—und Flieder- Und Lilienduft auf seine Augen nieder.
24 Er schlummert ein, und schläft in Einem Zug Noch immer fort, da schon des Sonnenwagens Flug Den Himmel halb getheilt. Sein Alter ging indessen Um von der Burg die Lage auszuspähn, Und zum Entführungswerk das nöth'ge vorzusehn; Derweil, am kleinen Herd, zu ihrem Mittagsessen Die gute Wirthin Anstalt macht, Halb mürrisch, daß ihr Gast so lange nicht erwacht.
25 Sie schleicht zuletzt, um wieder durch die Spalten Zu gucken, an die Thür, und trifft (zu gutem Glück Für ihren Vorwitz) just den ersten Augenblick, Da Hüons Augen sich dem goldnen Tag entfalten. Frisch, wie der junge May sich an den Reihen stellt Wenn mit den Grazien die Nymfen Tänze halten, Hebt sich mit halbem Leib empor der schöne Held, Und rathet, was zuerst ihm in die Augen fällt?
26 Ein Kaftan, wie ihn nur die höchsten Emirn tragen, Wenn sich der Hof zu einem Feste schmückt, Auf goldbeblümtem Grund mit Perlen reich gestickt, Liegt schimmernd vor ihm da, um einen Stuhl geschlagen; Ein Turban drauf, als wie aus Schnee gewebt, Und, um ihn her, den Emir zu vollenden, Ein diamantner Gurt, an dem ein Säbel schwebt, So reich, daß Scheid' und Griff ihm fast die Augen blenden.
27 Zum ganzen Putz, von Fuß zu Haupt, Den Stiefelchen aus übergüld'tem Leder Bis zu dem Demantknopf der hohen Straußenfeder Am Turban, mangelt nichts. Der gute Ritter glaubt, Ihm träume noch. Woher kann solcher Staat ihm kommen? Die Alte steht erstaunt. Das geht durch Zauberey, Ruft sie; ich hätte doch sonst was davon vernommen! Der Zwerg, spricht Scherasmin, ist ganz gewiß dabey!
28 Der Ritter glaubt es auch, und denkt: Durch all' die Helden Im Vorhof macht mir dieß zum Hochzeitsahle Bahn. Und flugs ist Kaftan, Gurt, und alles umgethan; Die Wirthin spudet sich, ihn recht heraus zu kleiden. "Allein was fangen wir mit diesem Turban an? Das schöne gelbe Haar sein'twegen abzuschneiden? Nicht um die Welt!—Doch still! es geht ja wohl hinein; Er scheint ja recht mit Fleiß dazu gewölbt zu seyn!"
29 Herr Hüon stand nunmehr, bis auf die lilienglatte Bartlose Wange, wie ein wahrer Sultan da, Indem das Mütterchen ihn um und um besah Und immer noch an ihm zu putzen hatte. Drauf, als der treue Scherasmin Ihm was ins Ohr geraunt, beginnt er fortzugehen, Reicht einen Beutel Gold der Wirthin freundlich hin, Und nun, lebt wohl, auf Wiedersehen!
30 Nichts halb zu thun ist edler Geister Art. Ein reich gezäumtes Roß steht vor der Thür der Alten, Und neben ihm zwey Knaben, schön und zart, In Silberstück, die ihm die goldnen Zügel halten. Herr Hüon schwingt sich auf; die Knaben frisch voran, Und führen ihn auf einem Seitenwege, Am Strome hin, durch blühende Gehäge, Bis sie der hohen Burg sich gegenüber sahn.
31 Schon ist er durch den ersten Hof gezogen, Im zweyten steigt er ab, und geht zum dritten ein. Er scheint ein Hochzeitgast vom ersten Rang zu seyn, Und überall, von diesem Schein betrogen, Macht ihm die Wache Platz. Er schreitet frey und stolz Daher, und nähert sich dem Thor von Ebenholz. Zwölf Mohren, Riesen gleich, stehn mit gezücktem Eisen Die Unberechtigten vom Eingang abzuweisen.
32 Allein des Ritters Staat und königlicher Blick Drückt, wie er sich der hohen Pforte zeiget, Die Säbelspitzen schnell zurück, Die fernher sich entgegen ihm geneiget. Die Flügel rauschen auf. Hoch schlägt sein Heldenherz, Indem sie hinter ihm sich wieder wehend schließen. Drauf führt ein Säulengang, an welchen Gärten stießen, Ihn noch zu einer Thür von übergüld'tem Erz.
33 Ein großer Vorsahl war's, mit Sklaven aller Farben Kombabischen Geschlechts erfüllt, Die ewig hier am Quell der Freude darben, Und, da ein Mann, von Emirsglanz umhüllt, In ihre hohlen Augen schwillt, Mit Blicken, die in Knechtsgefühl erstarben, Die Arme auf die Brust ins Kreuz gefaltet, stehn, Und kaum so muthig sind ihm hintennach zu sehn.
34 Schon tönen Cymbeln, Trommeln, Pfeifen, Gesang und Saitenspiel vom Hochzeitsahle her; Schon nickt des Sultans Haupt von Weindunst doppelt schwer, Und freyer schon beginnt die Freude auszuschweifen; Der Braut allein theilt sich die Lust nicht mit Die in des Bräut'gams Augen glühet: Als, eben da sie starr auf ihren Teller siehet, Herr Hüon in den Sahl mit edler Freyheit tritt.
35 Er naht der Tafel sich, und alle Augenbrauen Ziehn sich erstaunt empor, den Fremden anzuschauen. Die schöne Rezia, die ihre Träume denkt, Hält auf den Teller noch den ernsten Blick gesenkt; Auch der Kalif, den Becher just zu leeren Beschäftigt, läßt sich nichts in seinem Opfer stören: Nur Babekan, den seines nahen Falls Kein guter Geist verwarnt, dreht seinen langen Hals.
36 Sogleich erkennt der Held den losen Mann von gestern, Der sich vermaß der Christen Gott zu lästern: Er ist's, der links am goldnen Stuhle sitzt Und seinen Nacken selbst der Straf' entgegen bieget. Rasch, wie des Himmels Flamme, blitzt Der reiche Säbel auf, der Kopf des Helden flieget, Und hoch aufbrausend überspritzt Sein Blut den Tisch, und den, der ihm zur Seite lieget.
37 Wie der Gorgone furchtbars Haupt In Perseus Faust den wild empörten Schaaren Das Leben stracks durch seinen Anblick raubt; Noch dampft die Königsburg, noch schwillt der Aufruhr, schnaubt Die Mordlust ungezähmt im Busen der Barbaren; Doch Perseus schüttelt kaum den Kopf mit Schlangenhaaren, So starrt der Dolch in jeder blut'gen Hand, Und jeder Mörder steht zum Felsen hingebannt:
38 So stockt auch hier, beym Anblick solcher kecken Verrätherischen That, des frohen Blutes Lauf In jedem Gast. Sie fahren allzuhauf, Als sähn sie ein Gespenst, von ihren Sitzen auf, Und greifen nach dem Schwert. Allein, gelähmt vom Schrecken, Erschlafft im Ziehn der Arm, und jedes Schwert blieb stecken; Ohnmächt'gen Grimm im starren Blick, Sank sprachlos der Kalif in seinen Stuhl zurück.
39 Der Aufruhr, der den ganzen Sahl empöret, Schreckt Rezien aus ihrer Träumerey: Sie schaut bestürzt sich um, was dessen Ursach' sey; Und, wie sie sich nach Hüons Seite kehret, Wie wird ihm, da er sie erblickt! Sie ist's, sie ist's ruft er, und läßt entzückt Den blut'gen Stahl und seinen Turban fallen, Und wird von ihr erkannt, wie seine Locken wallen.
40 Er ist's, beginnt auch sie zu rufen, doch die Scham Erstickt den Ton in ihrem Rosenmunde. Wie schlug das Herz ihr erst, da er geflogen kam, Im Angesicht der ganzen Tafelrunde Sie liebeskühn in seine Arme nahm, Und, da sie, glühend bald, bald blaß wie eine Büste, Sich zwischen Lieb' und jungferlichem Gram In seinen Armen wand, sie auf die Lippen küßte!
41 Schon hatt' er sie zum zweyten Mahl geküßt; Wo aber nun den Trauring her bekommen? Zum Glücke, daß der Ring an seinem Finger ist, Den er im Eisenthurm dem Riesen abgenommen. Zwar, wenig noch mit dessen Werth vertraut, Schien ihm, dem Ansehn nach, der schlecht'ste kaum geringer; Doch steckt er ihn aus Noth itzt an des Fräuleins Finger, Und spricht: So eign' ich dich zu meiner lieben Braut!
42 Er küßt mit diesem Wort die sanft bezwungne Schöne Zum dritten Mahl auf ihren holden Mund. Ha! schreyt der Sultan auf, und knirscht und stampft den Grund Vor Ungeduld, ihr leidet daß der Hund Von einem Franken so mich höhne? Ergreift ihn! Zaudern ist Verrath! Und, tropfenweis' erpreßt, versöhne Sein schwarzes Blut die ungeheure That!
43 Auf einmahl blitzen hundert Klingen In Hüons Aug', und kaum erhascht er noch, Eh' sie im Sturm auf ihn von allen Seiten dringen, Sein hingeworfnes Schwert. Er schwingt es dräuend. Doch Die schöne Rezia, von Lieb' und Angst entgeistert, Schlingt einen Arm um ihn, macht ihre Brust zum Schild Der seinigen—der andre Arm bemeistert Sich seines Schwerts. Zurück, Verwegne, schreyt sie wild.
44 Zurück! es ist kein Weg zu diesem Busen Als mitten durch den meinen! ruft sie laut; Und ihr, noch kaum so sanft wie Amors holde Braut, Giebt die Verzweiflung itzt die Augen von Medusen. Vermeßne, haltet ein, ruft sie den Emirn zu, Zurück!—O schone sein, mein Vater! und, o du, Den zum Gemahl das Schicksal mir gegeben, O spart mein Blut in euer beider Leben!
45 Umsonst! des Sultans Wuth und Dräun Nimmt überhand, die Heiden dringen ein. Der Ritter läßt sein Schwert vergebens blitzen, Noch hält ihm Rezia den Arm. Ihr ängstlich Schreyn Durchbohrt sein Herz. Was bleibt ihm sie zu schützen Noch übrig, als sein Horn von Elfenbein? Er setzt es an den Mund, und zwingt mit sanftem Hauche Den schönsten Ton aus seinem krummen Bauche.
46 Auf einmahl fällt der hoch gezückte Stahl Aus jeder Faust; in raschem Taumel schlingen Der Emirn Hände sich zu tänzerischen Ringen; Ein lautes Hussa schallt Bacchantisch durch den Sahl, Und jung und Alt, was Füße hat, muß springen; Des Hornes Kraft läßt ihnen keine Wahl: Nur Rezia, bestürzt dieß Wunderwerk zu sehen, Bestürzt und froh zugleich, bleibt neben Hüon stehen.
47 Der ganze Divan dreht im Kreis Sich schwindelnd um; die alten Bassen schnalzen Den Takt dazu; und, wie auf glattem Eis, Sieht man den Imam selbst mit einem Hämmling walzen. Noch Stand noch Alter wird gespart; Sogar der Sultan kann der Lust sich nicht erwehren, Faßt seinen Großwessir beym Bart, Und will den alten Mann noch einen Bockssprung lehren.
48 Die nie erhörte Schwärmerey Lockt bald aus jedem Vorgemache Der Kämmerlinge Schaar herbey, Sodann das Frauenvolk, und endlich gar die Wache. Sie all' ergreift die lust'ge Raserey: Der Zaubertaumel setzt den ganzen Harem frey; Die Gärtner selbst in ihren bunten Schürzen Sieht man sich in den Reihn mit jungen Nymfen stürzen.
49 Als eine, die kaum ihren Augen glaubt, Steht Rezia, des Athems fast beraubt. Welch Wunder! ruft sie aus; und just in dem Momente, Wo nichts als dieß uns beide retten könnte! Ein guter Genius ist mit uns, Königin, Versetzt der Held. Indem kommt durch die Haufen Der Tanzenden sein treuer Scherasmin Mit Fatmen gegen sie gelaufen.
50 Kommt, keicht er, lieber Herr! Wir haben keine Zeit Dem Tanzen zuzusehn; die Pferde stehn bereit, Die ganze Burg ist toll, die Thüren alle offen Und unbewacht; was säumen wir? Auch hab' ich unterwegs Frau Fatmen angetroffen, Zur Flucht bepackt als wie ein lastbar Thier. Sey ruhig, spricht der Held, noch ist's nicht Zeit zu gehen, Erst muß das Schwerste noch geschehen.
51 Die schöne Rezia erblaßt bey diesem Wort; Ihr ängstlich Auge scheint zu fragen und zu bitten: "Warum verziehn? warum am steilen Bord Des Untergangs verziehn? O laß mit Flügelschritten Uns eilen, eh' der Taumelgeist zerrinnt, Der unsrer Feinde Sinne bind't!" Doch Hüon, unbewegt, begnüget sich, mit Blicken Voll Liebe ihre Hand fest an sein Herz zu drücken.
52 Allmählich ließ nunmehr die Kraft des Hornes nach; Die Köpfe schwindelten, die Beine wurden schwach, Kein Faden war an allen Tänzern trocken, Und, in der athemlosen Brust Geschwellt, begann das dicke Blut zu stocken. Zur Marter ward die unfreywill'ge Lust. Durchnäßt, als stieg' er gleich aus einer Badewanne, Schwankt der Kalif auf seine Ottomanne.
53 Mit jedem Augenblick fällt, starr und ohne Sinn, Da, wo rings um die Wand sich Polster schwellend heben, Ein Tänzer nach dem andern hin. Emirn und Sklaven stürzen zappelnd neben Göttinnen des Serai's, so wie's dem Zufall däucht, Als ob ein Wirbelwind sie hingeschüttelt hätte, So daß zugleich auf Einem Ruhebette Der Stallknecht und die Favoritin keicht.
54 Herr Hüon macht die Stille sich zu Nutze, Die auf dem ganzen Sahle ruht; Läßt seine Königin, nah bey der Thür, im Schutze Des treuen Scherasmin, dem er auf seiner Hut Zu seyn gebeut; giebt ihm auf alle Fälle Das Horn von Elfenbein, und naht sodann der Stelle, Wo der Kalif, vom Ball noch schwach und matt, Auf einen Polsterthron sich hingeworfen hat.
55 In dumpfer Stille liegt mit ausgespannten Flügeln Leis' athmend die Erwartung rings umher. Die Tänzer all', von Schlaf und Taumel schwer, Bestreben sich die Augen aufzuriegeln, Den Fremden anzusehn, der sich, nach solcher That, Mit unbewehrter Hand und bittenden Geberden Dem stutzenden Kalifen langsam naht. Was, denkt man, wird aus diesem allen werden?
56 Er läßt sich auf ein Knie vor dem Monarchen hin, Und mit dem sanften Ton und kalten Blick des Helden Beginnt er. "Kaiser Karl, von dem ich Dienstmann bin, Läßt seinen Gruß dem Herrn der Morgenländer melden, Und bittet dich—verzeih! mir fällt's zu sagen hart! Doch, meinem Herrn den Mund, so wie den Arm, zu lehnen, Ist meine Pflicht—um vier von deinen Backenzähnen Und eine Hand voll Haar aus deinem Silberbart."
57 Er spricht's und schweigt, und steht gelassen Des Sultans Antwort abzupassen. Allein, wo nehm' ich Athem her, den Grimm Des alten Herrn mit Worten euch zu schildern? Wie seine Züge sich verwildern, Wie seine Nase schnaubt? mit welchem Ungestüm Er auf vom Throne springt? wie seine Augen klotzen, Und wie vor Ungeduld ihm alle Adern strotzen?
58 Er starrt umher, will fluchen, und die Wuth Bricht schäumend jedes Wort an seinen blauen Lippen. "Auf, Sklaven! reißt das Herz ihm aus den Rippen! Zerhackt ihn Glied für Glied! zapft sein verruchtes Blut Mit Pfriemen ab! weg mit ihm in die Flammen! Die Asche streut in alle Winde aus, Und seinen Kaiser Karl, den möge Gott verdammen! Was? Solchen Antrag? Mir? In meinem eignen Haus?
59 "Wer ist der Karl der gegen Mich sich brüstet? Und warum kommt er nicht, wenn's ihn So sehr nach meinem Bart und meinen Zähnen lüstet, Und wagt's, sie selber auszuziehn?" Der Mensch muß unter seiner Mütze Nicht richtig seyn, versetzt ein alter Kan: So etwas allenfalls begehrt man an der Spitze Von dreymahl hundert tausend Mann.
60 Kalif von Bagdad, spricht der Ritter Mit edlem Stolz, laß alles schweigen hier, Und höre mich! Es liegt schon lange schwer auf mir, Karls Auftrag und mein Wort. Des Schicksals Zwang ist bitter: Doch seiner Oberherrlichkeit Sich zu entziehn, wo ist die Macht auf Erden? Was es zu thun, zu leiden uns gebeut, Das muß gethan, das muß gelitten werden.
61 Hier steh' ich, Herr, ein Sterblicher wie du, Und steh' allein, mein Wort, trotz allen deinen Wachen, Mit meinem Leben gut zu machen: Doch läßt die Ehre mir noch einen Antrag zu. Entschließe dich von Mahomed zu weichen, Erhöh' das heil'ge Kreuz, das edle Christenzeichen, In Babylon, und nimm den wahren Glauben an, So hast du mehr, als Karl von dir begehrt, gethan.
62 Dann nehm' ich's auf mich selbst, dich völlig los zu sprechen Von jeder andern Forderung, Und der soll mir zuvor den Nacken brechen, Der mehr verlangt! So einzeln und so jung Du hier mich siehst, was du bereits erfahren, Verkündigt laut genug, daß einer mit mir ist Der mehr vermag als alle deine Schaaren. Wähl' itzt das beste Theil, wofern du weise bist!
63 Indeß, an Kraft und Schönheit einem Boten Des Himmels gleich, der jugendliche Held, Uneingedenk der Lanzen, die ihm drohten, So mannhaft spricht, so muthig dar sich stellt: Beugt Rezia von fern, mit glühend rothen Entzückten Wangen, liebevoll Den schönen Hals nach ihm, doch schaudernd, wie der Knoten Von all' den Wundern sich zuletzt entwickeln soll.
64 Herr Hüon hatte kaum das letzte Wort gesprochen, So fängt der alte Schach wie ein Beseßner an Zu schrey'n, zu stampfen und zu pochen, Und sein Verstand tritt gänzlich aus der Bahn. Die Helden all' in tollem Eifer springen Von ihren Sitzen auf mit Schnauben und mit Dräun, Und Lanzen, Säbel, Dolche dringen Auf Mahoms Feind von allen Seiten ein.
65 Doch Hüon, eh' sie ihn erreichen, reißt in Eile Der Männer einem rasch die Stange aus der Hand, Schlägt um sich her damit als wie mit einer Keule, Und zieht, stets fechtend, sich allmählich an die Wand. Ein großer goldner Napf, vom Schenktisch weggenommen, Dient ihm zugleich als Schild und als Gewehr; Schon zappeln viel am Boden um ihn her, Die seinem Grimm zu nah gekommen.
66 Der gute Scherasmin, der an der Thüre fern Zum Schutz der Schönen steht, glaubt seinen ersten Herrn Im Schlachtgedräng zu sehn, und überläßt voll Freude Sich einen Augenblick der süßen Augenweide: Doch bald zerstreut den angenehmen Wahn Des Fräuleins Angstgeschrey; er sieht der Helden Rasen, Sieht seines Herrn Gefahr, setzt flugs das Hifthorn an Und bläst, als läg' ihm ob die Todten aufzublasen.
67 Die ganze Burg erschallt davon und kracht; Und stracks verschlingt den Tag die fürchterlichste Nacht, Gespenster lassen sich wie schnelle Blitze sehen, Und unter stetem Donner schwankt Des Schlosses Felsengrund. Der Heiden Herz erkrankt; Sie taumeln Trunknen gleich, Gehör, Gesicht vergehen, Der schlaffen Hand entglitschen Schwert und Speer, Und gruppenweis' liegt alles starr umher.
68 Der Sultan, übertäubt von so viel Wunderdingen, Scheint mit dem Tod den letzten Kampf zu ringen; Sein Arm ist nervenlos, sein Athem schwer, Sein Puls schlägt matt, und endlich gar nicht mehr. Auf einmahl schweigt der Sturm; ein lieblich säuselnd Wehen Erfüllt den Sahl mit frischem Lilienduft, Und, wie ein Engelsbild ob einer Todtengruft, Läßt Oberon sich itzt auf einem Wölkchen sehen.
69 Ein lauter Schrey des Schreckens und der Lust Entfährt der Perserin; ein unfreywillig Grauen Bekämpft in ihr das schüchterne Vertrauen. Die Arme über ihre Brust Gefaltet, steht sie glühend neben Dem Jüngling da, dem sie ihr Herz gegeben, Und wagt, der süßen Schuld jungfräulich sich bewußt, Zu ihrem Retter kaum die Augen aufzuheben.
70 Gut, Hüon, spricht der Geist, du hast dein Ehrenwort Gelöst, ich bin mit dir zufrieden. Zum Ritterdank ist dir dieß schöne Weib beschieden! Doch, eh' ihr euch entfernt von diesem Ort, Bedenke Rezia, wozu sie sich entschließet, Eh' sie vielleicht mit unfruchtbarer Reu Die rasche Wahl verführter Augen büßet! Zu bleiben oder gehn läßt ihr das Schicksal frey.
71 So vieler Herrlichkeit entsagen, Verlassen Hof und Thron, dem sie geboren ward, Um sich, auf ungewisse Fahrt, Ins weite Meer der Welt mit einem Mann zu wagen; Zu leben ihm allein, mit ihm den Unbestand Des Erdenglücks, mit ihm des Schicksals Schläge tragen, (Und ach! oft kommt der Schlag von einer lieben Hand!) Da lohnt sich's wohl, vorher sein Herz genau zu fragen.
72 Noch, Rezia, wenn dich die Wage schreckt, Noch steht's bey dir den Wunsch der Liebe zu betrügen. Sie schlummern nur, die hier als wie im Grabe liegen; Sie leben wieder auf, so bald mein Stab sie weckt. Der Sultan wird dir gerne, was geschehen, Verzeihn, trotz dem was er dabey verlor, Und Rezia wird wieder wie zuvor Von aller Welt sich angebetet sehen.
73 Hier schwieg der schöne Zwerg. Und, bleicher als der Tod, Steht Hüon da, das Urtheil zu empfangen, Womit ihn Oberon, der Grausame! bedroht. In Asche sinkt das Feuer seiner Wangen. Zu edel oder stolz, vielleicht ein zweifelnd Herz Mit Liebesworten zu bestechen, Starrt er zur Erde hin mit tief verhaltnem Schmerz, Und läßt nicht einen Blick zu seinem Vortheil sprechen.
74 Doch Rezia, durchglüht von seinem ersten Kuß, Braucht keines Zunders mehr die Flamme zu erhitzen. Wie wenig däucht ihr noch was sie verlassen muß, Um alles was sie liebt in Hüon zu besitzen! Von Scham und Liebe roth bis an die Fingerspitzen, Verbirgt sie ihr Gesicht und einen Thränenguß In seinem Arm, indem, hoch schlagend von Entzücken, Ihr Herz empor sich drängt, an seines sich zu drücken.
75 Und Oberon bewegt den Lilienstab Sanft gegen sie, als wollt' er seinen Segen Auf ihrer Herzen Bündniß legen, Und eine Thräne fällt aus seinem Aug' herab Auf beider Stirn. So eil' auf Liebesschwingen, Spricht er, du holdes Paar! Mein Wagen steht bereit, Bevor das nächste Licht der Schatten Heer zerstreut, Euch sicher an den Strand von Askalon zu bringen.
76 Er sprach's, und eh' des letzten Wortes Laut Verklungen war, entschwand er ihren Augen. Wie einem Traum entwacht, steht Hüons schöne Braut, Den süßen Duft begierig aufzusaugen, Der noch die Luft erfüllt. Drauf sinkt ein scheuer Blick Auf ihren Vater hin, der wie in Todesschlummer Zu starren scheint. Sie seufzt, und wehmuthsvoller Kummer Mischt Bitterkeit in ihres Herzens Glück.
77 Sie hüllt sich ein. Herr Hüon, dem die Liebe Die Sinne schärft, sieht nicht so bald Ihr Herz beklemmt, ihr schönes Auge trübe, So drückt er sie mit zärtlicher Gewalt, Den rechten Arm um ihren Leib gewunden, Zum Sahl hinaus.—Komm, spricht er, eh' die Nacht Uns überrascht, und jeder Arm erwacht, Den, uns zu Lieb', der Geist mit Zauberschlaf gebunden.
78 Komm, laß uns fliehn, eh' uns den Weg zur Flucht Ein neuer Feind vielleicht zu sperren sucht, Und sey gewiß, sind wir nur erst geborgen, Wird unser Schützer auch für diese Schläfer sorgen. Dieß sprechend trägt er sie mit jugendlicher Kraft Die Marmortrepp' hinunter bis zum Wagen, Den Oberon zu ihrer Flucht verschafft, Und eine süßre Last hat nie ein Mann getragen.
79 Die ganze Burg ist furchtbar still und leer Wie eine Gruft, und Leichen ähnlich liegen In tiefem Schlaf die Hüter hin und her; Nichts hemmt der Liebe Flucht; der Wagen wird bestiegen: Doch traut das Fräulein sich dem Ritter nicht allein; Mit Scherasmin steigt auch die Amme hastig ein. Sie, die zum ersten Mahl so viele Wunder siehet, Die arme Frau weiß nicht wie ihr geschiehet.
80 Wie wird ihr da sie rückwärts schaut Und sieht, an Pferde Statt, vier Schwanen vor dem Wagen, Regiert von einem Kind!—Wie schaudert ihr die Haut, Da sie empor gelupft und durch die Luft getragen Sich fühlt, und kaum zu athmen sich getraut, Und nicht begreifen kann, wie, ohne umzuschlagen, So schwer bepackt, der Wagen sich erhebt, Und, steter als ein Kahn, auf leichten Wolken schwebt!
81 Als endlich gar die Nacht sie überfiel, Was Wunder, daß die Furcht zuletzt die Scham besiegte, Und Fatme so gedrang an Scherasmin sich schmiegte, Als wie zum Schlaf an ihren lieben Pfühl! Vermuthlich daß der Mann dazu sich willig fügte; In solchen Fällen mischt das Herz sich gern ins Spiel: Jedoch gereicht zum Ruhm des wackern Alten, Daß er wie reines Gold dieß Feuer ausgehalten.
82 Ganz anders war das junge Paar gestimmt, Das Amor itzt mit seiner Mutter Schwanen Davon zu führen schien. Ob auf gewohnten Bahnen Den Lauf ihr Zauberfuhrwerk nimmt, Ob durch die Luft, ob's rollet oder schwimmt, Ob langsam oder schnell, mit Pferden oder Schwanen, Sanft oder hart, mit oder ohne Fahr, Sie werden nichts von allem dem gewahr.
83 Ein neuer Wonnetraum, ein seliges Entzücken Ins Paradies, dünkt sie ihr gegenwärt'ger Stand; Sie können nichts, als stumm, mit nimmer satten Blicken, Sich anschaun, eins des andern warme Hand Ans volle Herz in süßer Inbrunst drücken, Und, während Himmel und Erd' aus ihren Augen schwand, Und sie allein noch übrig waren, fragen: Ist's, oder träumt uns noch? Sind wir in Einem Wagen?
84 "So war's kein Traum als ich im Traum dich sah? (Rief jedes aus) So war es Rezia? War's Hüon? und ein Gott hat dich mich finden lassen? Du mein?—ich dein?—Wer durft' es hoffen, wer? So wundervoll vereint, uns nimmer nimmermehr Zu trennen? Kann das Herz so viele Wonne fassen?" Und dann von neuem stets einander angeblickt, Von neuem Hand um Hand an Mund und Herz gedrückt!
85 Vergebens hüllt die Nacht mit dunstbeladnen Flügeln Den Luftkreis ein; dieß hemmt der Liebe Sehkraft nicht: Aus ihren Augen strahlt ein überirdisch Licht, Worin die Seelen selbst sich in einander spiegeln. Nacht ist nicht Nacht für sie; Elysium Und Himmelreich ist alles um und um; Ihr Sonnenschein ergießet sich von innen, Und jeder Augenblick entfaltet neue Sinnen.
86 Allmählich wiegt die Wonnetrunkenheit Das volle Herz in zauberischen Schlummer; Die Augen sinken zu, die Sinne werden stummer, Die Seele dünkt vom Leibe sich befreyt, In Ein Gefühl beschränkt, so fest von ihm umschlungen! So inniglich von ihm durchathmet und durchdrungen! Beschränkt in Eins, in diesem Einen bloß Sich fühlend—Aber, o dieß Eins, wie grenzenlos!
Sechster Gesang.
1 Kaum fing Aurora an die Schatten zu verjagen, Und schloß dem Tag mit ihrer Rosenhand Die Pforten auf, so hielt der Schwanenwagen, Nicht weit vom seebespülten Strand Von Askalon, im Schirm von hohen Palmenbäumen, Auf einmahl still. Ein sanfter Stoß Weckt unser doppelt Paar, dieß aus des Schlummers Schooß, Und jenes aus der Liebe wachen Träumen.
2 In süßem Schrecken bebt die Sultanstochter auf, Indem zum ersten Mahl, vom Morgen angestrahlet, Das Weltmeer grenzenlos sich in ihr Auge mahlet. Voll Wunders schweift in ungehemmtem Lauf Der ausgedehnte Blick auf diesen Wasserhöhen; Die Unermeßlichkeit scheint vor ihr aufgethan: Doch, mitten in der Lust kommt sie ein Schaudern an, Im Unermeßlichen sich selbst so klein zu sehen.
3 Ein grauer Flor umnebelt ihren Blick. Wo bin ich? ruft sie. Doch, Herr Hüon, der am Wagen Mit offnen Armen steht ins Grüne sie zu tragen, Bringt den verschwebten Geist schnell zu sich selbst zurück. Sey, spricht er, ohne Furcht, mein Leben, (Indem er seinen Mund von Lieb' und Sehnsucht warm Auf ihren Busen drückt, den stille Seufzer heben) Sey ohne Furcht, du bist in meinem Arm.
4 Mit Wonne fühlt sie sich itzt wieder ganz umgeben Von ihrer Liebe, ganz in seinen Arm versenkt, Und junger Efeu kann am Stamm nicht brünst'ger kleben Als sie um seinen Leib die runden Arme schränkt. So eilt er mit der süßen Beute Den Palmen zu; setzt dann auf weiches Moos Sie in den Schatten hin, sich selbst an ihre Seite, Und tauschte seinen Platz um keines Sultans Loos.
5 Bald findet auch mit Fatme sich bey ihnen Sein Alter ein, entschlossen, er und sie, Bis auf den letzten Hauch dem lieben Paar zu dienen. Kaum hatte Scherasmin im Grünen Bey seinem Herrn, und Fatme nah am Knie Der jungen Dame Platz genommen, Schnell, wie ein Blitz der Fantasie, Kam durch die Luft der schöne Zwerg geschwommen.
6 Aus seinen Augen brach durch sanft bewölkten Gram Der Freundschaft mildes Licht, und als er näher kam, Sahn sie ein Kästchen, dicht besetzt mit Edelsteinen, In seinem linken Arm wie eine Sonne scheinen. Freund Hüon, sprach der Geist, nimm dieß aus meiner Hand, Wiewohl dich Karl dazu ausdrücklich nicht verpflichtet: Wenn du ihn wiedersiehst, so dien' es ihm zum Pfand, Daß du, was er begehrt, buchstäblich ausgerichtet!
7 Ihr merkt, (wiewohl in Rezia's Gegenwart Nicht schicklich war es laut zu offenbaren) Daß des Kalifen Zähn' und Bart, In Baumwoll' eingepackt, in diesem Kästchen waren. Es hatte, während daß der Sultan noch erstarrt In seinem Lehnstuhl lag, von Oberons unsichtbaren Trabanten einer sich behend ans Werk gemacht, Und alles, ohne Scher' und Pelikan, vollbracht.
8 Eilt nun, so fuhr er fort, bevor euch nachzujagen Der Sultan Zeit gewinnt! Dort auf der Rhede liegt Ein Schiff, das ohne Harm in sechs bis sieben Tagen Mit euch bis nach Lepanto fliegt; Dort findet ihr, so bald ihr angekommen, Ein andres schon bereit, das nach Salern euch bringt; Und dann, so schnell als Lieb' und Sehnsucht euch beschwingt, Geraden Wegs den Lauf nach Rom genommen!
9 Und tief, o Hüon, sey's in deinen Sinn geprägt: So lange bis der fromme Papst Sylvester Auf eurer Herzen Bund des Himmels Weihung legt, Betrachtet euch als Bruder und als Schwester. Daß der verbotnen süßen Frucht Euch ja nicht vor der Zeit gelüste! Denn wisset, daß im Nu, da ihr davon versucht, Sich Oberon von euch auf ewig trennen müßte.
10 Er sagt's, und seufzt, und stiller Kummer schwillt In seinem Aug'; er heißet sie ihm nahen, Und küßt sie auf die Stirn; und als sie aufwärts sahen, Zerfloß er wie ein Wolkenbild Aus ihrem Blick. Der goldne Tag verhüllt Sein Antlitz; traurig rauscht's, wie Seufzer, durch die Palmen, Und Land und Meer scheint, dumpf und tief erstillt, In trübem Duft gestaltlos zu verqualmen.
11 Ein seltsam Weh, ein stilles Bangen drückt Das holde Paar; sie sehn mit blassen Wangen Einander an; im offnen Mund erstickt Was jedes sprechen will; sie wollen sich umfangene Und ein geheimes Grau'n hält ihren Arm. Allein In einem Pulsschlag stürzt der dumpfe Nebel nieder, Lacht alles wie zuvor in goldnem Sonnenschein, Und Muth und Freude kehrt in ihre Herzen wieder.
12 Sie eilen nach dem Schiff, und finden's, hoch erfreut, Zur Reise schon versehn und zierlich eingerichtet Durch ihres Schützers Gütigkeit. Ein frischer Landwind weht, der Anker wird gelichtet, Das Seevolk jauchzt. Die Barke, vogelschnell, Durchschneidet schon mit ausgespannten Flügeln Die blaue Flut; die Luft ist rein und hell, Und glatt das Meer um sich darin zu spiegeln.
13 Sanft wiegend schwimmt, gleich einem stolzen Schwan, Das Schiff dahin, zum Wunder aller Söhne Des Oceans, auf kaum gefurchter Bahn. So eine Fahrt hat noch kein Mensch gethan, Rief jeder aus. Der Ritter und die Schöne Stehn, Arm in Arm geschlungen, Stunden lang Auf dem Verdeck, und schau'n; und jede neue Scene Ist Opium für ihren Liebesdrang.
14 Und wenn sie in die unabsehbarn Flächen Hinaus sehn, wo in Luft der Wellen Blau zerrinnt, Fängt Hüon an von seinem Land zu sprechen, Wie schön es ist, wie froh darin die Leute sind, Und wie von Ost zum West die Sonne Doch auf nichts holders scheinen kann Als auf die Ufer der Garonne; Und alles dieß beschwört sein alter Lehensmann.
15 Dem hüpft das Herz, so oft er seinem lieben Gaskogne Hymnen singen kann! Die schöne Rezia, wiewohl ihr dann und wann Viel Worte unverständlich blieben, Horcht unverwandt; denn das, wovon ihr nichts entgeht, Was mit unsäglichem Behagen, So neu ihr's ist, ihr Herz unendlich leicht versteht, Ist—was ihr Hüons Augen sagen.
16 Ein sanfter Druck der warmen Hand, Ein Seufzer, der das volle Herz entladet, Ein leiser Kuß, der Rosenwang' entwandt, Und, o ein Blick, in Amors Thau gebadet, Was überzeugt, gewinnt und rührt wie dieß? Was geht so schnell, trotz dem behendsten Pfeile, Von Herz zu Herz, trifft so gewiß Den Zweck, und macht so wenig lange Weile?
17 In Seelgesprächen dieser Art Verlor das Wortgespräch sich stets bey unsern beiden. Oft schlichen sie, um Zeugen zu vermeiden, In ihr Gemach, und standen da gepaart Am offnen Fenster, oder saßen Auf ihrem Sofa. Doch, auch dann nicht ganz allein; Die Amme wenigstens muß stets zugegen seyn; Denn Hüon selber bat ihn nie allein zu lassen.
18 Noch immer wiederhallt der schreckenvolle Ton Des strengen "laßt euch nicht gelüsten" In seinem Ohr; denn wißt, sprach Oberon, Daß wir uns sonst auf ewig trennen müßten. Wie meinte das der Geist? Es war ein tiefer Sinn In seinem Blick, der immer ernster, immer Bewölkter ward; ach! Thränen schwammen drin, Und sein Gesicht verlor den sonst gewohnten Schimmer.
19 Dieß schwellt mit Ahnungen des guten Ritters Herz. Er traut sich selbst nicht mehr; der Liebe leichtster Scherz Erweckt die Furcht, ob Oberon ihn verdamme. Indessen frißt die eingeschloßne Flamme Sich immer tiefer ein. Die Luft, worin er lebt, Ist Zauberluft, weil Rezia sie theilet; Ihr Athem weht darin, ihr holder Schatten schwebt Um jeden Gegenstand, auf dem sein Auge weilet.
20 Und, o Sie selbst glänzt ihn im Morgenlicht, Im Abendroth, im sanften Schattentage Des Mondes an. In welcher schönen Lage, In welcher Stellung reitzt ihr Nymfenwuchs ihn nicht? Der Schleier, der vor allen fremden Augen Sie dicht umhüllt, fällt im Gemach zurück, Erlaubt sogar dem furchtsam kühnen Blick Sich, Bienen gleich, in Hals und Busen einzusaugen.
21 Er fühlt die süße Gefahr. O, soll es möglich seyn, Du Schönste, ruft er oft, bis Rom es auszuhalten, So wickle dich in sieben Schleier ein! Verstecke jeden Reitz in tausend kleine Falten; Laß über dieses Arms lebend'ges Elfenbein Die weiten Ärmel bis zur Fingerspitze fallen, Und ach! Freund Oberon, vor allen Verwandle bis dahin mein Herz in kalten Stein!
22 Es war, wiewohl ihm oft die Kräfte schier versagen, Des Ritters ganzer Ernst, den Sieg davon zu tragen In diesem Kampf. Es däucht' ihn groß und schön Das schwerste Abenteu'r der Tugend anzugehn, Schon groß und schön, es nur zu wagen, Und zehnfach schön und groß, es rühmlich zu bestehn. Allein, die Möglichkeit so einen Feind zu dämpfen, Der immer stärker wird, je mehr wir mit ihm kämpfen?
23 Nichts ist, was diesem Feind so bald gewonnen giebt, Als bey der Schönen, die man liebt, Sich dem Gefühl stillschweigend überlassen. Zum Glück erinnert sich Herr Hüon seiner Pflicht, Nach ritterlichem Brauch, sich mit dem Unterricht Der Sultanstochter zu befassen. Denn ach! das arme Kind lag noch im Heidenthum, Und glaubt' an Mahomed, unwissend zwar warum.
24 Der Ritter, sie von dieser Pest zu heilen, Eilt was er kann, (die Liebe hieß ihn eilen) Sein Bißchen Christenthum der Holden mitzutheilen. An Eifer gab er keinem Märt'rer nach; Er war an Glauben stark, wiewohl an Kenntniß schwach, Und die Theologie war keineswegs sein Fach; Sein Pater und sein Credo, ohne Glossen, In diesen Kreis war all sein Wissen eingeschlossen.
25 Doch was vielleicht an Licht und Gründlichkeit Der Lehre fehlt, ersetzt des Lehrers Feuer: Herr Hüon, standsgemäß ein Feind von Wörterstreit, Handhabt das Werk gleich einem Abenteuer, Und was er glaubt, beschwört er hoch und theuer, Erbötig, dessen Richtigkeit Dem ganzen Heidenthum mit seinem blanken Eisen Zu Wasser und zu Land handgreiflich zu erweisen.
26 Groß ist in des Geliebten Mund Der Wahrheit Kraft; das Herz, voraus mit ihm in Bund, Horcht ihm mit Lust und lehrbegier'gem Schweigen. Was ist so leicht zu überzeugen Als Liebe? Ein Blick, ein Kuß ist ihr ein Glaubensgrund. Die Schöne, ohne sich in Fragen zu versteigen, Glaubt ihrem Hüon nach, und macht in kurzer Zeit Ihr Kreuz an Stirn und Brust mit vieler Fertigkeit.
27 Das heil'ge Bad der Christen zu empfangen Stand nun (wie unser Held in seiner Einfalt meint) Ihr weiter nichts im Weg. Ihr ist's, um vor Verlangen Zu brennen, schon genug, daß er darnach zu bangen Und jedes Augenblicks Verzug zu hassen scheint. Ein Jünger Sankt Basils, ein großer Heidenfeind, der sich im Schiffe fand, wird leicht gewonnen, ihnen Für die Gebühr hierin mit seinem Amt zu dienen.
28 Die schöne Rezia, die nun Amanda hieß Seitdem sie in den Christenorden Getreten war, gewann nicht nur das Paradies, Sie schien dadurch sogar noch eins so schön geworden. Allein von Hüon wich zur Stunde sichtbarlich Sein guter Geist. Es war, im Taumel des Entzückens, Des Herzens und des Händedrückens Kein End'. Umsonst zerwinkt der treue Alte sich;
29 Vergebens stellt sich Fatme gegenüber: Der gute Paladin in seinem Seelenfieber Vergißt des Zwergs, der Warnung, der Gefahr. Der Alte hätte sich zu Tode winken können, Die Wonn', in die er ganz versunken war, Sie, deren Kuß nun Engel selbst ihm gönnen, Zu drücken an sein Herz, Amanda sie zu nennen, Umnebelt seinen Blick, berauscht ihn ganz und gar.
30 Auch Rezia, seitdem sie von Amanden Den Nahmen eingetauscht, glaubt freyer von den Banden Des Zwangs zu seyn, ist nicht mehr Rezia, vergißt Nun desto leichter Königswürde, Hof, Vaterland, und kurz, was nicht Amanda ist. Die Rückerinnerung, die sonst wie eine Bürde Zuweilen noch an ihrem Nacken hing, Fiel mit dem Nahmen ab, den sie im Tausch empfing.
31 Sie ist nun ganz für Hüon neu geboren, Gab alles, was sie war, für ihn, Gab einen Thron um Liebe hin, Und fühlt' in seinem Arm, sie habe nichts verloren. Sie gab sich weg, und ist Amande, nun Für Liebe nur, durch Liebe nur zu leben, Hat in der Welt nichts andres mehr zu thun Nichts andres zu empfangen noch zu geben.
32 Der wackre Scherasmin, der das verliebte Paar In solcher Stimmung sieht, erschrickt vor ihren Blicken. Er wird darin ich weiß nicht was gewahr, Das lüstern ist verbotne Frucht zu pflücken. Ein Zeuge drückte sie, das sah er offenbar. Sie küßten sich, so bald er nur den Rücken Ein wenig kehrt, so rasch, so durstiglich, Und wurden roth, so bald sein Auge sie bestrich.
33 Im Spiegel seiner eignen Jugend Sieht er nur allzu gut was beide nicht mehr sahn; Sieht, einer Motte gleich, die unerfahrne Tugend Sich ahnungslos der schönen Flamme nahn. Wie lieblich zieht der Glanz, die sanfte Wärme an! Durch ihre Unschuld selbst betrogen Umtaumelt sie das Licht in immer kleinern Bogen, Und plötzlich ach! verbrennt sie ihre Flügel dran.
34 In dieser Noth läßt der getreue Alte (Mit Fatmen ingeheim zu diesem Zweck vereint) Nichts unversucht, was ihm ein Mittel scheint, Daß wenigstens bis Rom des Ritters Weisheit halte; Ihm fällt bald dieß bald jenes ein, Sie zu beschäftigen, zu stören, zu zerstreun; Zuletzt schlägt er, da alle Mittel fehlen, Zur Abendkürzung vor, ein Mährchen zu erzählen.
35 Ein Mährchen nennt' er es, wiewohl es freylich mehr Als Mährchen war. Ihm hatt' es ein Kalender Zu Basra einst erzählt, als er die Morgenländer Nach seines Herren Tod durchirrte, lang' vorher, Eh' in die Kluft des Libans aus den Wogen Der stürmevollen Welt er sich zurückgezogen: Und da es itzt in ihm gar lebhaft sich erneut, Glaubt er, es sey vielleicht ein Wort zu rechter Zeit.
36 Und so beginnt er denn: Vor etwa hundert Jahren Lebt' an den Ufern des Tessin Ein Edelmann, an Weisheit ziemlich grün, Wiewohl sehr grau an Bart und Haaren; Von Podagra und Gicht, der späten bittern Frucht Zu viel genoßner Lust, fast täglich heimgesucht; Ein Hofmann übrigens, galant und wohl erfahren, Und in der Kriegeskunst der Minne wohl versucht.
37 Dem war, nachdem er lang' sein sündliches Vergnügen Daran gehabt, im Hagestolzenstand Auf Amors freyer Bürsch' Berg auf Berg ab im Land Herum zu ziehn, und, wo er Eingang fand, Bey seines Nächsten Weib zu liegen; Ihm, sag' ich, war zuletzt der Einfall aufgestiegen, Den steifen Hals, noch an des Lebens Rand, Ins sanfte Joch der heil'gen Eh' zu schmiegen.
38 Mit viel Geschmack und wohl verkühltem Blut Sucht er ein Kind sich aus, wie er's zu Tisch und Bette, Zu Scherz und Ernst, gerade nöthig hätte, Zumahl zur Sicherheit; ein Mädchen, fromm und gut, Unschuldig, sittsam, unerfahren, Keusch wie der Mond und frey von aller eiteln Lust, Jung überdieß, pechschwarz von Aug' und Haaren, Von Farbe rosenhaft, und rund von Arm und Brust.
39 Von allen drey und dreyßig Stücken, Womit ein schönes Weib, sagt man, versehen ist, Hätt' er kein einzigs gern an seiner Braut vermißt, Am wenigsten das Aug', in dessen Feuerblicken Ein feuchtes Wölkchen schwimmt, die kleine weiche Hand, Die Lippen, die dem Kuß entgegen schwellen, Das runde Knie, der Hüften schöne Wellen, Und unter sanftem Druck den süßen Widerstand.
40 Der gute alte Herr, beym Kauf so schöner Waare, Vergaß nur Eins—die fünf und sechzig Jahre, Die seinen Kopf bereits mit Schnee bestreun. Zwar macht' er, aus geheimer Vorempfindung, Ausdrücklich zum Beding der ehlichen Verbindung, Sie sollte reitzvoll, warm, und alles das, allein Für ihn, und kalt wie Eis für jeden andern bleiben: Allein, wer wird für Sie die Klausel unterschreiben?
41 Rosette that's. Rosette war ein Kind, War auf dem Land, dem Veilchen gleich, im Schatten Verborgen aufgeblüht, war froh und leicht gesinnt, Und sah in ihrem künftigen Herrn und Gatten Nichts als den Mann der sie zur großen Dame macht, Ihr reiche Kleider gab und tausend schöne Sachen, Die Kindern, wie sie war, bey Tage Kurzweil machen; An andres hatte noch ihr Herzchen nie gedacht.
42 Die Hochzeit ward demnach mit großer Pracht vollzogen. Der edle Bräut'gam, zwar ein wenig steif und schwer, Stapft an Rosettens Hand gar ehrenfest einher, Und wähnt sein Taufschein hab' um zwanzig ihn belogen. Was Augen hat läuft schaarenweis' herbey Den prächt'gen Kirchgang anzustaunen; Ein stattlich Paar! hört man zu beiden Seiten raunen; Sie gleichen sich—wie Januar und May.
43 Rosettens Unschuld war (wie in dergleichen Fällen Gewöhnlich ist) des alten Gangolfs Stolz: Er schien am zweyten Tag vor hohem Muth zu schwellen, Und schritt einher gerader als ein Bolz. Es war der letzte Trieb von einem dürren Holz! Die Übel, die sich gern zu grauer Liebe gesellen, Begannen bald bey ihm sich reichlich einzustellen; Je wärmer Röschen ward, je mehr ihr Alter schmolz.
44 Indeß verdoppelt er auf andre Art die Proben Von seiner Zärtlichkeit, beschenkt sie täglich schier Mit neuem Modekram, mit Spitzen, schönen Roben, Juwelen, kurz, mit allem was er ihr An Augen ansehn kann. Es koste was es wolle, Was ihr Vergnügen macht, das ist für ihn Genuß; Er fordert nichts dafür als höchstens einen Kuß; Mit Einem Wort, er spielt die—Alten-Mannes-Rolle.
45 Rosette, jugendlich vergnügt mit ihrem Loos, Spart auch dagegen nichts den Alten zu vergnügen Nach seiner Art; setzt sich auf seinen Schooß So viel er will, und läßt auf seinem Knie sich wiegen, Läßt aus Gefälligkeit ihn tändeln wie er kann, Pflegt seiner, liebevoll, in seinem Unvermögen; Und, wandelt ihn (wie oft) die Schlafsucht an, Darf er sein schweres Haupt auf ihren Busen legen.
46 So lebten sie in Eintracht manches Jahr Zusammen, keusch und treu wie fromme Turteltauben, So treu ergeben Sie, und Er so voller Glauben, Daß jedermann dadurch erbauet war. Der gute Mann vergaß bey ihren Scherzen Sein Podagra und seine Rückenschmerzen, Und seinetwegen bloß beklagt' in ihrem Herzen Die junge Frau sein zehntes Stufenjahr.
47 Allein, es kam; und ach! zu ihrem großen Leide, Ein Übel kam mit ihm auf Gangolfs graues Haupt, Das seiner liebsten Augenweide Den armen Greis auf lebenslang beraubt. Nie wird er wieder sich an ihren Blicken sonnen, Nie wieder sehn dieß reitzende Oval, Wovon zu Engeln und Madonnen So mancher Mahler gern die sanften Züge stahl!
48 Wer sollt' ihm nun die lange Zeit vertreiben, Dem armen blinden Mann, hätt' er Rosetten nicht? Was würd' aus ihm, wär's ihr nicht süße Pflicht, Untrennbar Tag und Nacht an ihn geklebt zu bleiben, Ihm immer Arm und Augenlicht Zu leihn, für ihn zu lesen und zu schreiben, Zu fragen was ihm fehlt, und, quälet ihn die Gicht, Mit leichter warmer Hand ihm Knie und Fuß zu reiben?
49 Rosette, immer sanft, gefällig, mitleidsvoll, Entrichtet ohne Zwang und Murren Der Ehstandspflicht auch diesen schweren Zoll; Aufmerksam stets, (wiewohl bey seinem Knurren Ihr heimlich oft die Gall' ein wenig schwoll) Daß ja ihr Alter nichts zu klagen haben soll. Zum Unglück fing er itzt, trotz ihrem guten Willen, In seinem Sorgestuhl die schlimmste aller Grillen.
50 Der ärgste Feind, der je sich aus der Hölle schlich Die Sterblichen zu necken und zu quälen, Fuhr in den armen Mann, und plagt' ihn jämmerlich. Alt, schwach und blind, wie konnt' er sich verhehlen, Rosette sey, so sehr sie einem Engel glich, Doch nur ein Weib? Konnt's an Versuchern fehlen? Die Welt ist rings umher von offnen Augen voll, Und ach! das Auge blind, das sie beleuchten soll!
51 So jung, so schön, so ganz aus lauter Liebeszunder Gewebt, wer kann sie sehn und nicht vor Sehnsucht glühn? Wo sah man je so frische Wangen blühn? Je Augen funkelnder und Lilienarme runder? Zwar ist sie tugendhaft; sie wird ja freylich fliehn: Doch, wenn sie auf der Flucht nun glitschte? wär' es Wunder? Der Grund, worauf sie flieht, ist hell geschliffner Stahl, Und ach! die Einmahl fällt, die fällt für allemahl.
52 Selbst ihre Tugenden, ihr sanftgefällig Wesen, Ihr leichter Sinn, stets froh und guter Ding', Was sonst an ihr das liebste ihm gewesen, Die holde Scham sogar, womit sie ihn umfing, Und was ihm sonst von ihren tausend Reitzen, Entschleiert und verschont, sein Seelenspiegel weist, Das alles hilft itzt nur dem Argwohn, der ihn beißt, Sich in sein wundes Herz noch tiefer einzubeitzen.
53 Der Sklaverey, worin das gute junge Weib Seit dieser Zeit verlechzt, ist keine zu vergleichen. Stets angeschnallt an seinen siechen Leib, Darf sie ihm Tag und Nacht nicht von der Seite weichen. Mißtrauisch aufgeschreckt von jedem leisen Wort, Trägt er die Augen nun an seinen Finger-Enden, Und Nachts liegt eine stets von seinen knot'gen Händen Bald da, bald dort auf ihr, aus Furcht sie schleich' ihm fort.
54 So sanft Rosette war, so fiel doch solch Betragen Ihr schwer aufs Herz. Er nennt es Liebe zwar: Allein sie sah zu wohl nur, was es war, Und fing, anstatt sich fruchtlos zu beklagen, Zu überlegen an. So neben einem Mann Von siebenzig, mit Gicht und Stein beladen, Durchs Leben, wie durch einen Sumpf, zu waden, Und noch gequält dazu, däucht ihr ein harter Bann.
55 Gar vieles, was sie sonst geduldig übersehen, Scheint in dem Licht, worin sie jetzt es sehen muß, Höchst widerlich und gar nicht auszustehen. Sein Zärtlichthun ist jetzt ihr herzlichster Verdruß, Sein Scherz unleidlich plump, und ekelhaft sein Kuß; Wagt er noch mehr, so möchte man vergehen! Und sie, o grausam! sie ist jung und schön für ihn, Und was ihm unnütz ist, muß sie sich selbst entziehn!
56 Und was entschädigt sie? Der Stadt gesellige Freuden, Tanz, Schauspiel, alles das ist ihr verbotne Frucht! Von niemand wird ihr altes Schloß besucht; Als gingen Geister drin, scheint jeder es zu meiden. Ein großer Garten hoch mit einer Mau'r umfaßt, Ist alles was sie hat—im Kreis sich zu bewegen; Zum Träumen kann sie da an einen Baum sich legen, Und dann sogar ist ihr der blinde Mann zur Last.
57 Ein junger Edelknecht, in Gangolfs Schloß erzogen Und über seinen Stall gesetzt, Wird itzt zum ersten Mahl betrachtenswerth geschätzt. Er hatte zwar schon lange sich verwogen, Mit schmachtender Begier die Dame anzusehn, Und oft gesucht ihr's mündlich zu gestehn, Doch, da sie stets dem Anlaß ausgebogen, Auch wieder ehrfurchtsvoll zurücke sich gezogen.
58 Jetzt aber, da Verdruß und Gram Und lange Weil' bey Tag, und noch langweil'gers Wachen Bey Nacht, Zerstreuungen ihr zum Bedürfniß machen, Kein Wunder, daß sie jetzt die Sache anders nahm. Es däucht ihr hart, in ihren schönsten Tagen So gänzlich allem Trost des Lebens zu entsagen; Und Walter, dessen Blick nun wieder Muth bekam, War unermüdet, sich zum Tröster anzutragen.
59 Sein Eifer wächst je mehr er Raum gewinnt. Er fleht; sie weigert sich: doch unvermerkt entspinnt Sich ein Verständniß zwischen ihnen, Wovon die Augen bloß die Unterhändler sind; Denn Gangolf war nicht an den Ohren blind, Und öfters kann ein Ohr für hundert Augen dienen. Der Alte spitzt die seinen gleich und lauscht Wenn von Rosettens Kleid nur eine Falte rauscht.
60 Ein solcher Zwang verkürzt die Komplimente Des Widerstands, und in sehr kurzer Zeit Sind Walter und die Dame schon so weit Daß nur die Frage ist, wie man sich nähern könnte? Von ihrem Drachen, den sein Husten Tag und Nacht Nicht ruhen läßt, gebannet und bewacht, Was wird die junge Frau ersinnen, Um etwas Raum und Zeit für Walter zu gewinnen?
61 Noth schärft den Witz. Indem sie hin und her Auf Wege denkt, erwählt, verwirft, im besten Viel Schwierigkeiten sieht, fällt ihr von ungefähr Ein Birnbaum ein mit stufengleichen Ästen, Der, an der Rasenbank im Garten, wo sich rund Um einen Marmorbrunnen Hecken Von Myrten ziehn, hoch überhangend stund, Den Schattensitz vor Sonnengluth zu decken.
62 Zu diesem anmuthsvollen Ort, Den laue Lüftchen stets umfliegen, Pflegt oft, zur Sommerszeit, wenn alles lechzt und dorrt, Mit seinem Weibchen sich der Alte zu verfügen, Um an des Brunnens kühlem Bord Ein Stündchen oder zwey auf ihrem Schooß zu liegen— Zum Garten hat jedoch den Schlüssel er allein, Und außer ihm und ihr kam keine Seel' hinein.
63 Was nun zu thun, den Schlüssel zu bekommen, Den stets im Unterkleid der Alte bey sich führt? Der wird beym Schlafengehn ganz sachte weggenommen, Und, während daß der Mann sein Ave psalmodiert, In Wachs gedrückt, sodann am nächsten Morgen Der Abdruck unvermerkt in Walters Hand gespielt, Und ein Postskript dazu, das ihm den Baum empfiehlt; Das übrige wird Walter schon besorgen.
64 Nun, was geschah? Es war ein schöner warmer Tag Zu End' Augusts, als unsern blinden Alten Die Sonne lockt, wie er zuweilen pflag, Die Mittagsruh im Myrtenrund zu halten. Komm, meine Taube, spricht zu seinem andern Ich Der graue Tauber, komm, mein Röschen, führe mich Zu jenem stillen Grund, wo, seit er uns verbunden, Der Gott der Eh' so oft uns Arm in Arm gefunden.
65 Rosette winkt, und Walter schleicht voran; Die Gartenthür wird leise aufgethan Und wieder zugemacht; dann geht es an ein Fliegen Dem Brunnen zu; der Birnbaum wird erstiegen, Und, wo der breit'ste Ast sich sanft gebogen krümmt, Des Weibchens Thron im dichtsten Laub bestimmt. Der Alte kommt indeß, mit ungewissen Tritten, An seines Röschens Arm allmählich angeschritten.
66 Weil nun der Mund beynah das einz'ge blieb, Das noch, in viel und mancherley Gebrechen, Ihm Dienste that, so war, von seiner Lieb' Und von dem Paradies des Ehstands ihr zu sprechen, Gewöhnlich das, womit er ihr die Zeit vertrieb. Er mischte dann, vielleicht sie zu bestechen, Von ihren Reitzungen viel Poesie hinein, Und meistens kam ein Stück von Predigt hinter drein.
67 Aus diesem Ton war's unterwegs gegangen, Und, da sie glücklich nun beym Brunnen angelangt, (Wo, wie ihr wißt, der schöne Birnbaum prangt) Da hatte Gangolf auch, nachdem er ihr die Wangen Gestreichelt, und (wiewohl vom Husten stark geplagt) Viel zärtliches und süßes vorgesagt, Die Predigt eben angefangen, Die ihr im Angesicht des Birnbaums schlecht behagt.
68 Ist, sprach er—da er so, die Stirn an ihrer Brust, Im Schatten bey ihr saß, und an dem runden, weichen, Atlaßnen Arm sanft auf und ab zu streichen Nicht müde ward—ist wohl der Unschuld unsrer Lust, Der Ruh, dem süßen Trost, dem alle Freuden weichen, Dem Glück geliebt zu seyn, geliebt und sich bewußt Man sey es würdig—kurz, dem was du fühlen mußt Wenn du mich liebst, ein Glück auf Erden zu vergleichen?
69 O sprich, mein Röschen,—hier begann Der alte Herr noch zärtlicher zu streicheln— Doch rede frey und ohne alles Heucheln, (Denn einer höret uns, den niemand täuschen kann) Darf sich auch wohl dein armer blinder Mann, Der dich so zärtlich liebt, darf sich dein Gangolf schmeicheln, Daß du ihn wieder liebst? daß er dein Alles ist, Dein ganzes Herz erfüllt, wie du sein Alles bist?
70 Zwar freylich, wollten wir die alten Sagen schätzen, Wär' einem Mann nichts minder zu verzeihn, Als an ein Weib sein ganzes Herz zu setzen, Zu bau'n auf ihre Treu', zu trauen ihrem Schein. Längst lehrten uns, aus Tonnen und von Thronen, Der Narr Diogenes, die weisen Salomonen, Es sey des Weibes Herz kein zuverlässig Gut, Und ihrer List nichts gleich als ihre Wankelmuth.
71 Nichts von den weltlichen Geschichten Zu sagen, sehn wir nicht sogar das heil'ge Buch Den Ruhm der Weibertreu' von Anbeginn vernichten? Kam auf die Menschheit nicht durchs erste Weib der Fluch? Von seinen Töchtern ward der fromme Loth betrogen; Die Kinder Gottes selbst, schon vor der großen Flut, Verbrannten sich, von Weibern angezogen, Die Fittiche an ihrer strafbarn Gluth.
72 Die Delila'n, die Jaeln, Jesabellen Und Bathseba'n, und wie ihr Nahme heißt, Ist unvonnöthen dir im Reihen aufzustellen, Wiewohl die Schrift sie nicht der Treue halben preist: Doch diese Judith, die den tapfern, frommen, alten Feldmarschall Holofern erst in die Arme schlingt, Erst liebetrunken macht, und dann ums Leben bringt, Wer kann dabey der Thränen sich enthalten?
73 Wär' aber auch der Weiber größte Zahl An Lastern noch so reich, an Tugend noch so kahl, Dir, meine Einz'ge, Auserwählte, Dir, meines Alters Trost und meiner Augen Licht, Dir trau' ich's zu, du bliebst getreu an deiner Pflicht, Und fehltest nicht, wenn auch die beste fehlte. Dein Gangolf, der so rein, so treu dich liebt, Wird, o gewiß! von dir so grausam nie betrübt?
74 Wozu, versetzt mit schuldbewußten Wangen Die junge Frau, und zieht den Schwanenarm, Womit sie um den Gürtel ihn umfangen, Mißmüthig weg—wozu, versetzt sie rasch und warm, All' diese Litaney? Womit in meinem Leben Hab' ich dazu Gelegenheit gegeben? Wie? soll ich glauben, daß dein Herz an meiner Treu' Nur einen Augenblick zu zweifeln fähig sey?
75 Unglückliche! ist dieß für alle meine Liebe Zuletzt der Lohn? Wem gab ich ganz mich hin? Der Unschuld ersten Kuß, der Jugend erste Triebe, Wer hatte sie?—Und ach! daß ich zu zärtlich bin, Ist mein Verbrechen nun! Ein Herz ist ihm verdächtig Das keinen andern kennt, für ihn nur stärker schlug! Hoffärt'ger, hast du nicht an diesem Sieg genug? Auch quälen mußt du mich? O grausam! niederträchtig!
76 Hier hielt sie ein, als ob der übermäßige Schmerz Die Stimm' in ihrer Brust erstickte; Und schluchzend fiel der Greis ihr um den Hals und drückte Das treue Weib reumüthig an sein Herz. O weine nicht, mein Liebchen, o verzeihe Was Liebe nur gefehlt! Ich wollte nicht Verdruß Dir machen; o verzeih, und gieb mir einen Kuß! Bey Gott! ich zweifle nicht an meines Röschens Treue!
77 So seyd ihr! sprach Rosett', indem sie seinem Kuß Sanft sträubend sich entzog, so seyd ihr Männer alle! Erst lockt ihr uns so schmeichelnd in die Falle, Und habt ihr uns, macht ruhiger Genuß Statt frischem Blut bey euch nur böse Galle. Weh dann der armen Frau, die euch befried'gen muß! Das Flämmchen selbst, das ihr so eifrig angeblasen, Giebt euch zum Argwohn Stoff, und macht euch heimlich Rasen.
78 Der gute Mann, den sehr zur ungelegnen Zeit Sein Hüftweh überfällt, weiß seinem armen Leibe Sonst keinen Rath, als dem getreuen Weibe Betheurungen zu thun von seiner Zärtlichkeit, Und daß der Schatten nur von Argwohn himmelweit Von seinem Herzen sey und bleibe. Somit bestätigt denn der neue Friedensschluß Von beiden Theilen sich mit einem süßen Kuß.
79 Das wackre Ehpaar sank, aus Leerheit oder Fülle Des Herzens, wie ihr wollt, in eine tiefe Stille. Rosette seufzt. Der Alte fragt, warum? Nichts, sagt sie wieder seufzend, und bleibt stumm. Er dringt in sie. "Sey unbesorgt, mein Lieber, Es ist ein Lüstern nur, und geht vielleicht vorüber."— Ein Lüstern?—Ich versteh'!—Wie glücklich machtest du Mein Alter noch!—Sie schweigt und seufzt noch eins dazu.
80 Da hätten wir die Frucht von deinem kalten Baden, Fuhr Gangolf fröhlich fort. Sag' an! es könnte dir, Wenn du's verhielt'st, und dem Verborgnen schaden! O! spricht sie, sähest du den schönen Birnbaum hier, So frisch von Laub, so strotzend voll beladen Mit reifer goldner Frucht! die Äste brechen schier! Ich sagte nichts, aus Furcht du möchtest zürnen, Allein—ich gäb' ein Aug' um eine dieser Birnen!
81 Ich kenn' ihn wohl, den Baum; er trägt im ganzen Land Die beste Frucht, versetzt der gute Blinde: Doch, sprich, wie machen wir's? Kein Mensch ist bey der Hand, Es ist ein Erntetag, das ganze Hofgesinde Im Feld zerstreut—der Baum ist hoch, und ich Bin schwach und blind—O wäre nur der Bengel Der Walter hier!—"Mir fällt was ein, mein Engel, Wir brauchen niemand sonst, spricht sie, als dich und mich.
82 "Wär'st du so gut, und wolltest mit dem Rücken Nur einen Augenblick fest an den Stamm dich drücken, So wär's ein leichtes mir, hier von des Rasens Saum Dir auf die Schulter mich zu schwingen; Von da ist's vollends auf den Baum Zum ersten Ast zwey kleine Spangen kaum; Ich bin im Klettern und im Springen Von Kindheit an geübt—gewiß, es wird gelingen."
83 Von Herzen gern, versetzt der blinde Mann; Und doch, mein Kind, wenn du zu Schaden kämest? Es bräch' ein Ast? was könnt' ich Armer dann Zu deinem Beystand thun?—Wie, wenn du dich bequemest Zu warten?—"Sagt' ich nicht, daß ich nicht warten kann? Ich sehe wohl, daß du des kleinen Diensts dich schämest; Um alles wollt' ich dir nicht gern beschwerlich seyn! Und doch, wer sieht uns hier? Wir sind ja ganz allein!"
84 Was war zu thun? Es konnte leicht das Leben Von einem Erben gar bey dieser Lüsternheit Gefährdet seyn; kurz, halb mit Zärtlichkeit Halb mit Gewalt, muß Gangolf sich ergeben. Er stämmt sich an, hilft selbst dem Weibchen auf, Und vom geduld'gen Kopf des guten alten Narren Schwingt sich Rosette frisch zum lüft'gen Sitz hinauf, Wo ihrer, unterm Laub, verstohlne Freuden harren.
85 Nun saß von ohngefähr, da alles dieß geschah, Auf einer Blumenbank, dem guten blinden Alten Vorüber, Oberon, um mit Titania, Der Feenkönigin, hier Mittagsruh zu halten: Indeß die zefyrgleiche Schaar Der Elfen, ihr Gefolg, zerstreut im ganzen Garten Und meist versteckt in Blumenbüschen war, Um Schlummernd dort den Mondschein zu erwarten.
86 Unsichtbar saßen sie, und hörten alles an, Was zwischen Mann und Frau sich eben zugetragen. Zum Unglück, daß sie auch die Birnbaumsscene sahn! Dem Elfenkönig gab dieß großes Mißbehagen. Da, sprach er zu Titanien, sieht man nun Wie wahr es ist, was alle Kenner sagen! Was ist so arg, das nicht, um sich genug zu thun, Ein Weib die Stirne hat zu wagen?
87 Ja wohl, Freund Salomon, bekennt dein weiser Mund: "Ein einzler Biedermann wird immer noch gesehen; Doch wandre einer mir ums weite Erdenrund Nach einem frommen Weib, er wird vergebens gehen!" Siehst du, Titania, im Birnbaum dort versteckt Das ungetreue Weib des blinden Mannes spotten? Sie glaubt sich in der Nacht, die seine Augen deckt, So sicher als in Plutons tiefsten Grotten.
88 Allein, bey meinem Thron, bey diesem Lilienstab, Und bey der furchtbarn Macht, die mir das Reich der Elfen Mit diesem Zepter übergab, Nichts soll ihr ihre List, nichts seine Blindheit helfen! Nein, ungestraft in Oberons Angesicht Sich ihres Hochverraths erfreuen soll sie nicht! Ich will den Staar von Gangolfs Augen schleifen, Und auf der frischen That soll sie sein Blick ergreifen!
89 So? willst du das? versetzt mit raschem Sinn Und Wangen voller Gluth die Feenkönigin; So soll mein Schwur dem deinen sich vermählen! So schwör' auch ich, so wahr ich Königin Des Elfenreichs und deine Gattin bin, Es soll ihr nicht an einer Ausflucht fehlen! Ist Gangolf etwa ohne Schuld? Ist Freyheit euer Loos, und unsers nur Geduld?
90 Doch, ohne sich an ihren Zorn zu kehren, Macht Oberon, was er geschworen, wahr. Berührt von seinem Lilienstabe, klären Sich Gangolfs Augen auf, verschwunden ist der Staar. Erstaunt, entzückt beginnt er auszuschauen, Sieht hin, und schüttelt sich als führ' ein Wespenschwarm Ihm in die Augen, sieht, o Himmel! soll er trauen? Sein treues Röschen, ach! in eines Mannes Arm!
91 Es kann nicht seyn! er hat nicht recht gesehen; Ihn blendete das lang' entwöhnte Licht; Unmöglich kann sich so das beste Weib vergehen! Er schaut noch einmahl hin—Das nehmliche Gesicht Durchbohrt sein Herz. Ha, schreyt er, wie besessen, Verrätherin, Sirene, Höllngezücht, Du scheuest dich vor meinen Augen nicht Der Ehr' und Treu' so schändlich zu vergessen?
92 Rosette, wie vom Donner aufgeschreckt, Fährt ängstlich auf, indem mit einem Zauberschleier Ein unsichtbarer Arm den blassen Buhler deckt. Was für ein seltsam Abenteuer Stellt, denkt sie, just in diesem Nu, so sehr Zur Unzeit, das Gesicht des alten Unholds her? Doch, nach dem Wort der Königin der Elfen, Fehlt ihr's an Witze nicht, sich aus der Noth zu helfen.
93 Was hast du, lieber Mann? ruft sie herab vom Baum, Was tobst du so?—"Du fragst noch, Unverschämte?" Ich Arme! wie? du giebst dem Argwohn Raum? So lohnst du mir, daß mich dein Nothstand grämte, Daß ich, da nichts mehr half, durch schwarzer Kunst Gewalt Mit einem Geist in Mannsgestalt Um dein Gesicht zu ringen mich bequemte, Und, dir zu Lieb', im Kampf den rechten Arm mir lähmte?
94 Was Dank verdient, machst du sogar zu Schuld, Und schämst dich nicht mir solch ein Lied zu singen? Ha, schrie er, hier verlör' Sankt Hiob die Geduld! Was ich gesehen nennst du ringen? So möge mir dieß neu geschenkte Licht Des Himmels Wunderhand bewahren, Und du, treuloses Weib, mögst du zur Hölle fahren, Wie mir ein ehrlich Wort zu deiner That gebricht!
95 Wie? ruft sie aus, so kann mein Gangolf sprechen? Weh mir! ach! zu gewiß muß etwas, was es sey, An meinem Zauberwerk gebrechen; Dein Aug' ist offenbar noch nicht von Wolken frey! Wie könnt'st du sonst mit solchen harten Reden Dein treues Weib zu morden dich entblöden? Dein Sehen kann kein wahres Sehen seyn; Es ist das Flimmern nur von ungewissem Schein.
96 O daß es möglich wär' mich selbst zu hintergehen! Spricht Gangolf; wohl dem Mann den nur ein Argwohn plagt! Ich Unglücksel'ger hab's gesehen! Gesehen was ich sah!—Dem Himmel sey's geklagt! Ward je ein Weib unglücklicher geboren? (Schreyt die Verrätherin mit einem Thränenguß) O daß ich diesen Schmerz noch überleben muß! Mein armer Mann hat den Verstand verloren!
97 Und welcher Mann von zärtlichem Gemüth Verlör' ihn nicht, trotz allen seinen Sinnen, Der Thränengüsse aus so schönen Augen rinnen Und eine solche Brust von Seufzern schwellen sieht? Der Alte kann nicht länger widerstehen: "Gieb dich zufrieden, Kind, ich war zu rasch, zu warm; Verzeih, und komm herab in deines Gangolfs Arm, Es ist nun sonnenklar, ich hatte falsch gesehen!"
98 Da hörst du's nun! spricht zu Titania Der Elfenfürst: was er mit Augen sah Schwemmt eine Thräne weg! Dein Werk ist's; triumfiere! Doch hör' auch nun den heiligsten der Schwüre! Ich glaubte mich geliebt, und fand mein Glück darin. Es war ein Traum—Dank dir, daß ich entzaubert bin! Hoff' nicht ein Thränchen werd' auch mich umnebeln können, Von nun an müssen wir uns trennen!
99 Nie werden wir, in Wasser noch in Luft, Noch wo im Blüthenhain die Zweige Balsam regnen, Noch wo der hagre Greif in ewig finstrer Gruft Bey Zauberschätzen wacht, einander mehr begegnen. Mich drückt die Luft in der du athmest! Fleuch; Und wehe dem verräthrischen Geschlechte Von dem du bist, und weh dem feigen Liebesknechte Der eure Ketten schleppt! ich haß' euch alle gleich!
100 Und wo ein Mann in eines Weibes Stricken, Als wie ein taumelnder lusttrunkner Auerhahn, Sich fangen läßt, und liegt und girrt sie an, Und saugt das falsche Gift aus ihren üpp'gen Blicken, Wähnt, Liebe sey's was ihr im Schlangenbusen flammt, Und horcht bethört der lächelnden Sirene, Traut ihren Schwüren, glaubt der hinterlistigen Thräne, Der sey zu jeder Noth, zu jeder Qual verdammt!
101 Und bey dem furchtbarn Nahmen sey's geschworen Der Geistern selbst unnennbar bleiben muß, Nichts wende diesen Fluch und meinen festen Schluß: Bis ein getreues Paar, vom Schicksal selbst erkohren, Durch keusche Lieb' in Eins zusammen fließt, Und, probefest in Leiden wie in Freuden, Die Herzen ungetrennt, auch wenn die Leiber scheiden, Der Ungetreuen Schuld durch seine Unschuld büßt.
102 Und wenn dieß edle Paar schuldloser reiner Seelen Um Liebe alles gab, und unter jedem Hieb Des strengesten Geschicks, auch wenn bis an die Kehlen Das Wasser steigt, getreu der ersten Liebe blieb, Entschlossen, eh' den Tod in Flammen zu erwählen, Als ungetreu zu seyn selbst einem Thron zu Lieb': Titania, ist dieß, ist alles dieß geschehen, Dann werden wir uns wiedersehen!
103 So sprach der Geist und schwand aus ihrem Blick. Vergebens lockte sie mit liebevoller Stimme, Nachfliehend, ihn in ihren Arm zurück! Nichts kann des raschen Worts, das er in seinem Grimme Gesprochen, hätt' er gleich es selber nun beweint, Nichts kann ihn seines Schwurs entbinden, Bevor, nach dem Beding, der ganz unmöglich scheint, Zwey Liebende, wie er's verlangt, sich finden.
104 Seit dieser Zeit hat bis zu unsern Tagen Sich Oberon in eigener Gestalt Nie mehr gezeigt, und (wie die Leute sagen) Bald einen Berg, bald einen dicken Wald, Bald ein verlaßnes Thal zu seinem Aufenthalt Gewählt, wo Liebende zu stören und zu plagen All sein Vergnügen ist: und daß er nur für euch Das Gegentheil gethan, ist einem Wunder gleich.
105 Hier endigte der Alte mit Erzählen; Und Hüon nimmt Amanden bey der Hand: Wenn, spricht er, nur ein Paar getreu verliebter Seelen Zu Oberons und Titaniens Ruhe fehlen, So schwebt des Schicksals Werk an der Vollendung Rand. War er's nicht selbst, der uns so wunderbar verband? Er, sonst der Liebe Feind, hat uns in Schutz genommen: Die Proben—o die laßt je eh'r je lieber kommen!
106 Amande legt an Antworts-Statt Des Jünglings Hand ans Herz mit seelenvollen Blicken. Ihr, die so viel für ihn gethan, gegeben hat, Was blieb ihr noch mit Worten auszudrücken? Und eine Scene von Entzücken Erfolgt daraus, wobey der gute Scherasmin Des schönen Mährchens Frucht, trotz allem seinem Nicken, Auf einmahl zu verlieren schien.
107 Zwar noch verbarg der Unschuld keuscher Schleier Den Liebenden die wachsende Gefahr, Und ihre Zärtlichkeit ergoß sich desto freyer, Je reiner ihre Quelle war. Nie war ein junges Paar in Liebessachen neuer; Doch eben darum hing ihr Loos an einem Haar. Ihr ganzes Glück auf ewig zu zerstören, Braucht's einen Augenblick, worin sie sich verlören!
Siebenter Gesang.
1 Inzwischen ward, nach sieben heitern Tagen, Das liebenswürd'ge Heldenpaar, Dem jedes Element durch Oberon günstig war, Ans Ufer von Lepanto hingetragen. Hier lagen, wie Herr Hüon gleich vernimmt, Zwey leicht geflügelte Pinassen segelfertig, Die eine nach Marsiliens Port bestimmt, Die andre Reisender nach Napoli gewärtig.
2 Der junge Herr, des Alten Wachsamkeit Und Mentorblicks ein wenig überdrüssig, Ist über diesen Dienst des Zufalls sehr erfreut Und ungesäumt ihn zu benutzen schlüssig. Freund, spricht er, Jahr und Tag geht noch vielleicht dahin, Eh' mir's gelegen ist mich in Paris zu zeigen: Du weißt daß ich vorerst nach Rom versprochen bin, Und dieser Pflicht muß jede andre schweigen.
3 Indessen liegt mir ob, den Kaiser sehn zu lassen, Daß ich mein Wort erfüllt. Du bist mein Lehensmann, Vollbringe du für mich, was ich nicht selber kann; Besteige flugs die eine der Pinassen, Die nach Marseille steu'rt; dann eile sonder Rast Nach Hof, und übergieb, den Kaiser zu versöhnen, Dieß Kästchen mit des Sultans Bart und Zähnen, Und sag' ihm an, was du gesehen hast:
4 Und daß, so bald ich erst des heil'gen Vaters Segen Zu Rom gehohlt, mich nichts verhindern soll, Die Sultanstochter auch zu Füßen ihm zu legen. Fahr wohl, mein alter Freund! der Wind bläst stark und voll, Die Anker werden schon gelichtet, Glück auf die Reis', und, hast du mein Geschäft verrichtet, So komm und suche mich zu Rom im Lateran; Wer weiß, wir langen dort vielleicht zusammen an.
5 Der treue Alte sieht dem Prinzen in die Augen, Wiegt seinen grauen Kopf, und nähme gar zu gern Die Freyheit, seinen jungen Herrn Mit etwas scharfem Salz für diese List zu laugen. Doch hält er sich. Das Kästchen, meint er zwar, Hätt' ohne Übelstand noch immer warten mögen, Bis Hüon selbst im Stande war Dem Kaiser in Person die Rechnung abzulegen.
6 Indessen da sein Fürst und Freund darauf beharrt, Was kann er thun als sich zum Abschied anzuschicken? Er küßt Amandens Hand, umarmt mit nassen Blicken Den werthen Fürstensohn, den seine Gegenwart Noch kaum erfreute, nun begann zu drücken, Und Thränen tröpfeln ihm in seinen grauen Bart. Herr, ruft er, bester Herr, Gott laß' euch's wohl ergehen, Und mögen wir uns bald und fröhlich wiedersehen!
7 Dem Ritter schlug sein Herz, da zwischen seinem Freund Und ihm die offne See stets weiter sich verbreitet. Was that ich! ach! wozu hat Raschheit mich verleitet! Wo hat mit seinem Herrn ein Mann es je gemeint Wie dieser Mann? Wie hielt er in Gefahren So treulich bey mir aus! O daß ich es zu spät Bedacht! Wer hilft mir nun wenn mir der Rath entgeht? Und wer in Zukunft wird mich vor mir selbst bewahren?
8 So ruft er heimlich aus, und schwört sich selber nun Und schwört es Oberon, (von dem er, ungesehen, Um seine Stirn das leise geist'ge Wehen Zu fühlen glaubt) sein äußerstes zu thun Im Kampf der Lieb' und Pflicht mit Ehre zu bestehen. Sorgfältig hält er nun sich von Amanden fern, Und bringt die Nächte zu, starr nach dem Angelstern, Die Tage, schwermuthsvoll ins Meer hinaus zu sehen.
9 Die Schöne, die den Mann, dem sie ihr Herz geschenkt, So ganz verwandelt sieht, ist desto mehr verlegen, Da sie davon sich keine Ursach' denkt. Doch mehr, aus Zärtlichkeit, von ihrem Unvermögen Ihn aufzuheitern als an ihrem Stolz gekränkt, Setzt sie ihm Sanftmuth bloß und viel Geduld entgegen. Das Übel nimmt indeß mit jeder Stunde zu, Und raubet ihm und ihr bey Tag und Nacht die Ruh.
10 Einst um die Zeit, da schon am sternevollen Himmel In Thetis Schooß der funkelnde Arktur Sich senkt'—es schwieg am Bord das lärmende Getümmel, Und kaum bewegte sich, wie eine Weitzenflur Auf der sich Zefyr wiegt, der Ocean; die Leute Im Schiffe, allzumahl des tiefsten Schlummers Beute, Verdünsteten den Wein, der in den Adern rann, Und selbst am Ruder nickt der sichre Steuermann;
11 Auch Fatme war zu ihres Fräuleins Füßen Entschlummert: nur von Deinem Augenlied, O Hüon, nur von Deinem Busen flieht, O Rezia, der Schlaf!—Die armen Seelen büßen Der Liebe süßes Gift. Wie wühlt sein heißer Brand In ihrem Blut! und ach! nur eine dünne Wand Trennt sie; sie glauben fast einander zu berühren, Und nicht ein Seufzer kann sich ungehört verlieren.
12 Der Ritter, dem der lang' verhaltne Drang Zur Marter wird, dem jede bittre Zähre, Die seine Grausamkeit Amandens Aug' entzwang, Auf seinem Herzen brennt, er seufzt so laut, so bang, Als ob's sein letzter Athem wäre. Sie, die mit Lieb' und Scham schon eine Stunde rang, Kann endlich länger nicht die Lind'rung sich versagen, Zu forschen was ihn quält, und Trost ihm anzutragen.
13 Im weißen Schlafgewand, dem schönsten Engel gleich, Tritt sie in sein Gemach, mit zärtlichem Erbarmen Im keuschen Blick, mit furchtsam offnen Armen. Ihm ist, als öffne sich vor ihm das Himmelreich. Sein Antlitz, kurz zuvor so welk, so todtenbleich, Wird feuerroth; sein Puls, der kaum so träge Und muthlos schlich, verdoppelt seine Schläge, Und hüpfet wie ein Fisch im spiegelhellen Teich.
14 Allein gleich wieder wirft ihn Oberons Wort danieder; Und da er schon, durch ihre Güte dreist, An seine Brust sie ziehen will, entreißt Er schnell sich ihrem Kuß, sich ihrem Busen wieder; Will fliehn, bleibt wieder stehn, kommt rasch auf sie zurück In ihre Arme sich zu stürzen, Und plötzlich starrt er weg, mit wildem rollendem Blick, Als wünscht' er seine Qual auf einmahl abzukürzen.
15 Sie sinkt aufs Lager hin, hoch schlägt ihr volles Herz Durchs weichende Gewand, und stromweis' stürzt der Schmerz Aus ihren schmachtenden vor Liebe schweren Augen. Er sieht's, und länger hält die Menschheit es nicht aus: Halb sinnlos nimmt er sie (werd' auch das ärgste draus!) In seinen Arm, die glüh'nden Lippen saugen Mit heißem Durst den Thau der Liebe auf, Und ganz entfesselt strömt das Herz in vollem Lauf.
16 Auch Rezia, von Lieb' und Wonne hingerissen, Vergißt zu widerstehn, und überläßt, entzückt, Und wechselweis' ans Herz ihn drückend und gedrückt, Sich ahnungslos den lang' entbehrten Küssen. Mit vollen Zügen schlürft sein nimmer satter Mund Ein herzberauschendes wollüstiges Vergessen Aus ihren Lippen ein; die Sehnsucht wird vermessen, Und ach! an Hymens Statt krönt Amor ihren Bund.
17 Stracks schwärzt der Himmel sich, es löschen alle Sterne; Die Glücklichen! sie werden's nicht gewahr. Mit sturmbeladnem Flügel braust von ferne Der fessellosen Winde rohe Schaar; Sie hören's nicht. Umhüllt von finsterm Grimme Rauscht Oberon vorbey an ihrem Angesicht; Sie hören's nicht. Schon rollt des Donners drohnde Stimme Zum dritten Mahl, und ach! sie hören's nicht!
18 Inzwischen bricht mit fürchterlichem Sausen Ein unerhörter Sturm von allen Seiten los; Des Erdballs Axe kracht, der Wolken schwarzer Schooß Gießt Feuerströme aus, das Meer beginnt zu brausen, Die Wogen thürmen sich wie Berge schäumend auf, Die Pinke schwankt und treibt in ungewissem Lauf, Der Bootsmann schreyt umsonst in sturmbetäubte Ohren, Laut heult's durchs ganze Schiff, weh uns! wir sind verloren!
19 Der ungezähmten Winde Wuth, Der ganze Horizont in einen Höllenrachen Verwandelt, lauter Gluth, des Schiffes stetes Krachen, Das wechselsweis' bald von der tiefsten Flut Verschlungen scheint, bald, himmelan getrieben, Auf Wogenspitzen schwebt, die unter ihm zerstieben: Dieß alles, stark genug die Todten aufzuschrecken, Mußt' endlich unser Paar aus seinem Taumel wecken.
20 Amanda fährt entseelt aus des Geliebten Armen; Gott! ruft sie aus, was haben wir gethan! Der Schuldbewußte fleht den Schutzgeist um Erbarmen, Um Hülfe, wenigstens nur für Amanden, an: Vergebens! Oberon ist nun der Unschuld Rächer, Ist unerbittlich nun in seinem Strafgericht; Verschwunden sind das Hifthorn und der Becher, Die Pfänder seiner Huld; er hört, und rettet nicht.
21 Der Hauptmann ruft indeß das ganze Volk zusammen, Und spricht: Ihr seht die allgemeine Noth; Mit jedem Pulsschlag wird von Wasser, Wind und Flammen Dem guten Schiff der Untergang gedroht. Nie sah ich solchen Sturm! Der Himmel scheint zum Tod, Vielleicht um Eines Schuld, uns alle zu verdammen; Um Eines Frevlers Schuld, zum Untergang verflucht, Den unter uns der Blitz des Rächers sucht.
22 So laßt uns denn durchs Loos den Himmel fragen Was für ein Opfer er verlangt! Ist einer unter euch dem vor der Wage bangt? Wo jeder sterben muß hat keiner was zu wagen, Er sprach's, und jedermann stimmt in den Vorschlag ein. Der Priester bringt den Kelch; man wirft die Loose drein; Rings um ihn her liegt alles auf den Knieen; Er murmelt ein Gebet, und heißt nun jeden ziehen.
23 Geheimer Ahnung voll, doch mit entschloßnem Muth, Naht Hüon sich, den zärtlichsten der Blicke Auf Rezia gesenkt, die bang und ohne Blut, Gleich einem Gypsbild steht. Er zieht, und—o Geschicke! O Oberon! er zieht mit frost'ger bebender Hand Das Todesloos. Verstummend schaut die Menge Auf ihn; er liest, erblaßt, und ohne Widerstand Ergiebt er sich in seines Schicksals Strenge.
24 Dein Werk ist dieß, ruft er zu Oberon empor; Ich fühl', obwohl ich dich nicht sehe, Erzürnter Geist, ich fühle deine Nähe! Weh mir! du warntest mich, du sagtest mir's zuvor, Gerecht ist dein Gericht! Ich bitte nicht um Gnade, Als für Amanden nur! Ach! Sie ist ohne Schuld! Vergieb ihr! Mich allein belade Mit deinem ganzen Zorn, ich trag' ihn mit Geduld!
25 Ihr, die mein Tod erhält, schenkt eine fromme Zähre Dem Jüngling, den der Sterne Mißgunst trifft! Nicht schuldlos sterb' ich zwar, doch lebt' ich stets mit Ehre; Ein Augenblick, wo ich, berauscht von süßem Gift, Des Worts vergaß, das ich zu rasch geschworen, Der Warnung, die zu spät in meinen bangen Ohren Itzt wiederhallt—das allgemeine Loos Der Menschheit, schwach zu seyn—ist mein Verbrechen bloß!
26 Schwer büß' ich's nun, doch klaglos! denn, gereuen Des liebenswürdigen Verbrechens soll mich's nicht! Ist Lieben Schuld, so mag der Himmel mir verzeihen! Mein sterbend Herz erkennt nun keine andre Pflicht. Was kann ich sonst als Liebe dir erstatten, O du, die mir aus Liebe alles gab? Nein! diese heil'ge Gluth erstickt kein Wellengrab! Unsterblich lebt sie fort in deines Hüons Schatten.
27 Hier wird das Herz ihm groß; er hält die blasse Hand Vors Aug', und schweigt. Und wer im Kreise stand, Verstummt; kein Herz so roh, das nicht bey seinem Falle Auf einen Augenblick von Mitleid überwalle. Es war ein Blitz, der im Entstehn verschwand. Sein Tod ist Sicherheit, ist Leben für sie alle; Und da der Himmel selbst zum Opfer ihn ersehn, Wer dürfte, sagen sie, dem Himmel widerstehn?
28 Der Sturm, der, seit dem ersten Augenblicke Da Hüon sich das Todesurtheil sprach, Besänftigt schien, kam itzt mit neuem Grimm zurücke. Zersplittert ward der Mast, das Steuer brach. Laßt, schreyt das ganze Schiff, laßt den Verbrecher sterben! Der Hauptmann nähert sich dem Ritter: junger Mann, Spricht er, du siehst daß dich Verzug nicht retten kann, Stirb, weil es seyn muß, frey, und rett' uns vom Verderben!
29 Und mit entschloßnem Schritt naht sich der Paladin Dem Bord des Schiffs. Auf einmahl stürzt die Schöne, Die eine Weile her lebloser Marmor schien, Gleich einer Rasenden durch alles Volk auf ihn: Es weht im Sturm ihr Haar wie eines Löwen Mähne; Mit hoch geschwellter Brust und Augen ohne Thräne Schlingt sie den starken Arm in liebevoller Wuth Um Hüon her, und reißt ihn mit sich in die Flut.
30 Verzweifelnd will, ihr nach, die treue Fatme springen. Man hält sie mit Gewalt. Sie sieht die holden Zwey, So fest umarmt, wie Reben sich umschlingen, Schnell fortgewälzt nur schwach noch mit den Wogen ringen; Und da sie nichts mehr sieht, erfüllt ihr Angstgeschrey Das ganze Schiff. Wer kann ihr wiederbringen Was sie verliert? Mit ihrer Königin Ist alles was sie liebt und hofft auf ewig hin.
31 Indessen hatte kaum die aufgebrachten Wogen Des Ritters Haupt berührt, so legt, o Wunder! Sich Des Ungewitters Grimm; der Donner schweigt; entflogen Ist der Orkane Schaar; das Meer, so fürchterlich Kaum aufgebirgt, sinkt wieder bis zur Glätte Des hellsten Teichs, wallt wie ein Lilienbette: Das Schiff setzt seinen Weg mit Rudern munter fort, Und, nur zwey Tage noch, so ruht's im sichern Port.
32 Wie aber wird es dir, du holdes Paar, ergehen, Das, ohne Hoffnung, nun im offnen Meere treibt? Erschöpft ist ihre Kraft; Besinnen, Hören, Sehen Verschwunden—das Gefühl von ihrer Liebe bleibt. So fest umarmt, als wären sie zusammen Gewachsen, keines mehr sich seiner selbst bewußt, Doch immer noch im andere athmend, schwammen Sie, Mund auf Mund, dahin, und Brust an Brust.
33 Und kannst du, Oberon, sie unbeklagt erbleichen, Du, einst ihr Freund, ihr Schutz, kannst sie verderben sehn? Du siehst sie, weinst um sie,—und läßt dich nicht erweichen? Er wendet sich und flieht—es ist um sie geschehn! Doch, sorget nicht! Der Ring läßt sie nicht untergehn, Sie werden unverletzt den nahen Strand erreichen; Sie schützt der magische geheimnisvolle Ring, Den Rezia aus Hüons Hand empfing.
34 Wer diesen Ring besitzt, das allgewaltige Siegel Des großen Salomon, dem löscht kein Element Das Lebenslicht; er geht durch Flammen ungebrennt; Schließt ihn ein Kerker ein, so springen Schloß und Riegel So bald er sie berührt; und will er von Trident Im Nu zu Memfis seyn, so leiht der Ring ihm Flügel: Nichts ist was der, der diesen Talisman Am Finger hat, durch ihn nicht wirken kann.
35 Er kann den Mond von seiner Stelle rücken; Auf offnem Markt, im hellsten Sonnenschein, Hüllt ihn, so bald er will, auch selbst vor Geisterblicken, Ein unsichtbarer Nebel ein. Soll jemand vor ihm stehn, er darf den Ring nur drücken, Es sey, den er erscheinen heißt, Ein Mensch, ein Thier, ein Schatten oder Geist, So steht er da, und muß sich seinem Winke bücken.
36 In Erd' und Luft, in Wasser und in Feuer, Sind ihm die Geister unterthan; Sein Anblick schreckt und zähmt die wildsten Ungeheuer, Und selbst der Antichrist muß zitternd ihm sich nahn. Auch kann durch keine Macht im Himmel noch auf Erden Dem, der ihn nicht geraubt, der Ring entrissen werden: Die Allgewalt, die in ihm ist, beschützt Sich selbst und jede Hand, die ihn mit Recht besitzt.
37 Dieß ist der Ring der dich, Amanda, rettet, Dich, und den Mann, der, durch der Liebe Band Und deiner Arme Kraft an deine Brust gekettet, Unwissend wie, an eines Eilands Strand Dich und sich selbst, o Wunder! wiederfand. Zwar hat euch hier der Zufall hart gebettet; Die ganze Insel scheint vulkanischer Ruin, Und nirgends ruht das Aug' auf Laub und frischem Grün.
38 Doch, dieß ist's nicht, was in den taumelnden Minuten Der ersten Trunkenheit die Wonnevollen rührt. So unverhofft, so wunderbar den Fluten Entronnen, unversehrt an trocknes Land geführt, Gerettet, frey, allein, sich Arm in Arm zu finden, Dieß übermäßig große Glück Macht alles um sie her aus ihren Augen schwinden: Doch ruft ihr Zustand bald sie zum Gefühl zurück.
39 Durchnäßt bis auf die Haut, wie konnten sie vermeiden Sich ungesäumt am Strande zu entkleiden? Hoch stand die Sonn' und einsam war der Strand. Allein, indeß ihr triefendes Gewand An Felsen hängt, wohin dem Sonnenstrahl entfliehen, Der deine Lilienhaut, Amanda, dörrt und sticht? Der Sand brennt ihren Fuß, die schroffen Steine glühen, Und ach! kein Baum, kein Busch, der ihr ein Obdach flicht!
40 Zuletzt entdeckt des Jünglings bangen Augen Sich eine Felsenkluft. Er faßt Amanden auf Und fliegt mit ihr dahin, trägt eilends Schilf zu Hauf Und altes Moos (der Noth muß alles taugen) Zur Lagerstatt, und wirft dann neben ihr sich hin. Sie sehn sich seufzend an, und saugen Eins aus des andern Augen Trost, für jede Noth Die gegenwärtig drückt und in der Zukunft droht.
41 O Liebe, süßes Labsal aller Leiden Der Sterblichen, du wonnevoller Rausch Vermählter Seelen! welche Freuden Sind deinen gleich?—Wie schrecklich war der Tausch, Wie rasch der Übergang im Schicksal dieser beiden! Einst Günstlinge des Glücks, von einem Fürstenthron Geschleudert, bringen sie das Leben kaum davon, Das nackte Leben kaum, und sind noch zu beneiden!
42 Der schimmerreichste Sahl, mit Königspracht geschmückt, Hat nicht den Reitz von dieser wilden Grotte Für Rezia—und Er, an ihre Brust gedrückt, Fühlt sich unsterblich, wird zum Gotte In ihrem Arm. Das halb verfaulte Moos, Worauf sie ruhn, däucht sie das reichste Bette, Und duftet lieblicher, als wenn Schasmin und Ros' Und Lilienduft es eingebalsamt hätte.
43 O daß er enden muß, so gern das Herz ihn nährt, Der süße Wahn! Zwar unbemerkt sind ihnen Zwey Stunden schon entschlüpft: doch, die Natur begehrt Nun andre Kost. Wer wird sie hier bedienen? Unwirthbar, unbewohnt ist dieser dürre Strand, Nichts das den Hunger täuscht wird um und um gefunden; Und ach! ergrimmt zog Oberon die Hand Von ihnen ab—der Becher ist verschwunden!
44 Mit unermüdetem Fuß besteigt der junge Mann Die Klippen rings umher, und schaut so weit er kann: Ein schreckliches Gemisch von Felsen und von Klüften Begegnet seinem Blick, wohin er thränend blinkt. Da lockt kein saftig Grün aus blumenvollen Triften, Da ist kein Baum, der ihm mit goldnen Früchten winkt! Kaum daß noch Heidekraut und dünne Brombeerhecken Und Disteln hier und da den kahlen Grund verstecken.
45 So soll ich, ruft er aus, und beißt vor wilder Pein Sich in die Lippen, ach! so soll ich denn mit leeren Trostlosen Händen wiederkehren, Zu ihr, für die mein Leben noch allein Erhaltenswürdig war? Ich, ihre einzige Stütze, Ich, der mit jedem Herzensschlag Ihr angehört, bin nur um einen einzigen Tag Ihr Leben noch zu fristen ihr nicht nütze!
46 Verschmachten soll ich dich vor meinen Augen sehn, Du Wunder der Natur, so liebevoll, so schön! Verschmachten! Dich, die bloß um meinetwillen So elend ist! für mich so viel verließ! Dir, der dein Stern das schönste Loos verhieß, Eh' dich des Himmels Zorn in meine Arme stieß, Dir bleibt (hier fing er an vor Wuth und Angst zu brüllen) Bleibt nicht so viel—den Hunger nur zu stillen!
47 Laut schrie er auf in unnennbarem Schmerz; Dann sank er hin, und lag in fürchterlicher Stille. Doch endlich fällt ein Strahl von Glauben in sein Herz: Er rafft sich aus des Trübsinns schwarzer Hülle, Spricht Muth sich ein, und fängt mit neuem Eifer an Zu suchen. Lang' umsonst! Schon schmilzt im Ocean Der Sonnenrand zu Gold—auf einmahl, o Entzücken! Entdeckt die schönste Frucht sich seinen gier'gen Blicken.
48 Halb unter Laub versteckt, halb glühend angestrahlt, Sah er an breit beraubten Ranken, Melonen gleich, sie auf die Erde wanken, Einladend von Geruch, und wunderschön bemahlt. Wie hält er reichlich sich für alle Müh bezahlt! Er eilt hinzu, und bricht sie; glänzend danken Zum Himmel seine Augen auf, Und Freudetrunkenheit beflügelt seinen Lauf.
49 Amanden, die drey tödtlich lange Stunden An diesem öden Strand, wo alles Furcht erweckt, Wo jeder Laut bedroht und selbst die Stille schreckt, Sich ohne den, der nun ihr Alles ist, befunden, Ihr war ein Theil der langen Zeit verschwunden, Zum Lager, wie es hier die Noth der Liebe deckt, Mit ungewohntem Arm vom Ufer ganze Lagen Von Meergras, Schilf und Moos der Höhle zuzutragen.
50 Matt wie sie war, erschöpfte diese Müh Noch ihre letzte Kraft; es brachen ihr die Knie; Sie sinkt am Ufer hin, und lechzt mit dürrem Gaumen. Vom Hunger angenagt, von heißem Durst gequält, An diesem wilden Ort, wo ihr's an allem fehlt, Wie angstvoll ist ihr Loos! Wo mag ihr Hüon säumen? Wenn ihn ein Unfall traf? vielleicht ein reißend Thier? Es nur zu denken, raubt den Rest von Leben ihr!
51 Die schrecklichsten der Möglichkeiten Mahlt ihr die Fantasie mit warmen Farben vor. Umsonst bemüht sie sich mit ihrer Furcht zu streiten, Ein Wellenschlag erschreckt ihr unglückahnend Ohr. Zuletzt, so schwach sie ist, keicht sie mit Müh empor Auf eines Felsen Stirn, und schaut nach allen Seiten, Und mit dem letzten Sonnenblick Entdeckt sie ihn—Er ist's! er kommt zurück!