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Noa Noa

Front matter (continued 2)

Luise Wolf translation

In der Reinheit dieser Lehre erwachte das maorische Genie. Geister, die fähig waren zu verstehen, erkannten einander und vereinigten sich, – natürlich völlig abgesondert vom Volk, – um die vorgeschriebenen Riten auszuüben. Aufgeklärter als die übrigen ihrer Rasse, rissen sie bald die religiöse und politische Herrschaft über die Inseln an sich, sicherten sich wichtige Vorrechte und gründeten eine starke Übermacht, die in der Geschichte des Inselmeers die glänzendste Periode bildete.

Obwohl sie des Schreibens unkundig gewesen zu sein scheinen, waren die Aréoïs wahre Gelehrte. Sie verbrachten ganze Nächte damit, alte „Aussprüche der Götter“ Wort für Wort mit peinlichster Genauigkeit zu erforschen, und sie auszulegen erforderte eine jahrelange Arbeit. Diese ihnen allein zugänglichen Aussprüche der Götter, denen sie höchstens Kommentare beifügen durften, verschaffte den Aréoïs die Sicherheit eines geistigen Mittelpunkts, regte sie zu gewohnheitsmäßigem Nachdenken an, berechtigte sie zu einer übermenschlichen Mission und gab ihnen ein Ansehen, vor dem jeder sich beugte.

Es gibt in unserm christlichen, lehnspflichtigen Mittelalter ganz ähnliche Einrichtungen wie diese, und ich kenne nichts Furchtbareres als jene religiöse und kriegerische Gemeinschaft, jenes Konzil, das im Namen Gottes Urteile fällte und allmächtig über Leben und Tod entschied.

Die Aréoïs lehrten, daß Menschenopfer den Göttern wohlgefällig seien, und opferten selber in den Maraës alle ihre Kinder außer den Erstgeborenen: das Symbol dieses blutigen Ritus war die Sage von den sieben Schweinen, die außer dem ersten, dem „heiligen Schwein“, alle getötet wurden.

Doch dürfen wir über diese Barbarei nicht voreilig schelten.

Diese grausame Pflicht, der so viele primitive Völkerschaften sich unterwarfen, hatte tiefe Gründe sozialer Art und allgemeinen Interesses.

Bei sehr fruchtbaren Rassen, wie es die der Maories einst war, bedrohte die unbegrenzte Vermehrung der Bevölkerung ihre nationale wie positive Existenz. Das Leben auf den Inseln war zwar mühelos, und es bedurfte keines großen Fleißes, um sich das Notwendige zu verschaffen. Aber das sehr beschränkte Gebiet, von dem unermeßlichen, den gebrechlichen Pirogen unzugänglichen Ozean umgeben, wäre für ein sich stetig vermehrendes Volk bald unzureichend geworden. Das Meer hätte nicht mehr genügend Fische geliefert und der Wald nicht genug Früchte. Eine Hungersnot wäre nicht ausgeblieben und hätte, wie sie es immer getan, die Anthropophagie zur Folge gehabt. – Um Männermorde zu vermeiden, beschränkten die Maories sich auf Kinderopfer. Übrigens war Menschenfresserei bereits üblich, als die Aréoïs auftraten, und um diese zu bekämpfen und die Ursache aufzuheben, führten sie den Kindesmord ein, der vielleicht als eine Milderung der Sitten zu bezeichnen wäre, wenn das unheimlich Komische dieser Behauptung auch einem Possenschreiber zur Belustigung dienen könnte. Die Aréoïs mußten wahrscheinlich große Energie anwenden, um diesen Fortschritt durchzusetzen, und erreichten es wohl nur dadurch, daß sie sich in den Augen des Volkes die volle Autorität der Götter anmaßten.

Schließlich wurde der Kindesmord ein mächtiges Mittel der Zuchtwahl für die Rasse. Das furchtbare Recht der Erstgeburt, ein Recht auf das Leben selber, erhielt die Kraft des Volkes unverkürzt, indem es von den schädlichen Folgen erschöpfter Säfte verschont blieb. Es nährte in all diesen Kindern auch das Bewußtsein unverwüstlichen Stolzes. Die Urkraft und letzte Blüte dieses Stolzes ist es auch, die wir noch bei den letzten Sprößlingen einer großen, im Aussterben begriffenen Rasse bewundern.

Das beständige Beispiel und die häufige Wiederkehr des Todes war schließlich eine erhabene und belebende Lehre. Die Krieger lernten Schmerzen gering schätzen, und die ganze Nation fand eine wohltätige intensive Erregung dabei, die sie vor der tropischen Erschlaffung und entnervender Mattigkeit bei dem fortdauernden Nichtstun bewahrte. Es ist eine historische Tatsache, daß der Niedergang der Maories mit dem gesetzlichen Verbot der Opfer begann, und daß sie von da an allmählich jede moralische Kraft und physische Fruchtbarkeit verloren. Sollte dies auch nicht die Ursache davon sein, so gibt das Zusammentreffen doch zu denken.

Und vielleicht haben die Aréoïs die tiefe Bedeutung und symbolische Notwendigkeit des Opfers verstanden ... Die Prostitution war ihnen eine heilige Pflicht. Bei uns hat sich das geändert. Auch hat sie auf Tahiti keineswegs aufgehört, seit wir es mit den Wohltaten unserer Zivilisation überhäuft haben: sie blüht fort. Aber sie ist weder Pflicht noch geheiligt, sondern nur ohne Größe und entschuldbar.

Die geistliche Würde ging vom Vater auf den Sohn über, dessen Einweihung schon im Kindesalter begann.

Die Gesellschaft war ursprünglich in zwölf Logen geteilt, deren Großmeister die zwölf obersten Aréoïs waren. Dann kamen die Würdenträger zweiten Ranges und endlich die Lehrjünger. Die verschiedenen Grade unterschieden sich durch besondere Tätowierungen auf den Armen, an den Seiten, den Schultern, Beinen und Knöcheln.

* * *

Der Matamua der Aréoïs, eine maorische Szene bei der feierlichen Einsetzung eines Königs in alter Zeit:

Der neue Herrscher verläßt, in prächtige Gewänder gekleidet und von den Vornehmsten der Inseln umgeben, seinen Palast. Vor ihm schreiten die Großmeister der Aréoïs mit seltenen Federn im Haar.

Er begibt sich mit seinem Gefolge zum Maraë.

Als die Priester, die ihn an der Schwelle erwarten, seiner ansichtig werden, verkünden sie unter lautem Trompetenschall und Trommelschlag, daß die Zeremonie beginnt.

Dann beim Eintritt in den Tempel mit dem König legen sie ein Menschenopfer, einen Leichnam, vor das Bild des Gottes.

Der König spricht und singt mit den Priestern vereint Gebete, worauf der Priester das Opfer beider Augen beraubt. Er bietet das rechte Auge dem Gotte dar und das linke dem König; dieser öffnet den Mund, wie um das blutige Auge zu verschlingen, aber der Priester zieht es zurück und legt es wieder zu dem Körper[6].

Nun wird die Statue des Gottes auf eine geschnitzte, von Priestern getragene Bahre gestellt. Auf den Schultern der beiden Oberpriester sitzend, folgt der König dem Götzenbild, von den Aréoïs wie zu einer Abreise begleitet, bis zum Ufer des Meeres. Auf dem ganzen Wege fahren die Priester fort die Trompete zu blasen, die Trommel zu schlagen.

Die Menge geht ehrfurchtsvoll und still hinterher.

An der Bucht wiegt sich die heilige, zu dieser Feier mit grünen Zweigen und Blumen geschmückte Piroge. Zuerst wird das Götzenbild darin untergebracht, dann der König seiner Gewänder entledigt, und die Priester geleiten ihn in das Meer, wo die Atuas-Mao (Götter-Haie) ihn in den Fluten waschen und liebkosen.

So zum andernmal vom Kuß des Meeres im Beisein des Gottes geweiht, wie zuvor das erstemal in dessen Tempel, besteigt der König die heilige Piroge, wo der Oberpriester ihn mit dem maro oüroü umgürtet und um sein Haupt das taoü mata, die Binden der Herrschaft, windet.

Vorn im Boot stehend zeigt der König sich nun dem Volk.

Und dieses bricht bei dem Anblick endlich das lange Schweigen, und überall ertönt der feierliche Ruf:

– Maëva Arii (Es lebe der König)!

Nachdem der erste laute Jubel sich gelegt hat, wird der König auf das heilige Lager gebettet, wo eben das Götzenbild geruht, und alle kehren auf demselben Wege, fast in derselben Reihenfolge wie vorher, zum Maraë zurück.

Wieder tragen die Priester das Götzenbild und die Oberpriester den König, und der Zug wird abermals mit Musik und Tanz eröffnet.

Das Volk folgt hinterher. Aber jetzt rufen sie, ihrer Freude überlassen, fortwährend:

– Maëva Arii!

Das Götzenbild wird feierlich auf seinen Altar zurückgestellt.

Und damit schließt die religiöse Feier. Nun soll das Volksfest seinen Anfang nehmen.

Wie den Göttern im Tempel und der Natur im Meer, wird der König sich dem Volke weihen[7]. – Auf Matten gebettet muß der König jetzt die höchste Huldigung des Volkes entgegennehmen.

Die frenetische Huldigung eines wilden Volkes.

Eine ganze Menge in Bezeigung ihrer Liebe für einen Menschen, und dieser Mensch ist der König. Großartig bis zum Schrecken, bis zum Entsetzen ist dieses Schauspiel zwischen der Menge und dem einen Menschen. Morgen wird er Herr sein, er wird nach Belieben mit Geschicken schalten, über die er zu bestimmen hat, und die ganze Zukunft ist sein! Der Menge gehört nur diese eine Stunde.

Völlig nackt, in lasziven Tänzen umkreisen Männer und Frauen den König und bemühen sich, gewisse Teile seines Körpers mit gewissen Teilen des ihren zu streifen, eine Berührung ist dabei nicht immer zu vermeiden. Und die Raserei des Volkes steigert sich bis zur Tollheit. Die ganze friedliche Insel hallt von furchtbarem Geschrei wieder, und der hereinbrechende Abend zeigt das phantastische Bild einer verzückten wahnsinnigen Menge.

Aber plötzlich schmettert der Klang der heiligen Trompeten und Trommeln.

Die Huldigung ist zu Ende, zu Ende das Fest, das Signal zum Rückzug ertönt. Selbst die Rasendsten gehorchen, alles beruhigt sich, und jäh tritt absolute Stille ein.

Der König erhebt sich und kehrt feierlich, majestätisch, von seinem Gefolge geleitet, in seinen Palast zurück.

* * *

Seit etwa vierzehn Tagen wimmelte es von sonst selten auftretenden Fliegen, die unerträglich wurden.

Aber die Maories freute es, denn die Thunfische und andere Fische stiegen vom Grunde an die Oberfläche. Die Fliegen kündigten die Zeit des Fischfangs, die Zeit der Arbeit an. Man vergesse nicht, daß Arbeit auf Tahiti ein Vergnügen ist.

Jeder prüfte die Haltbarkeit seiner Netze und seine Angeln. Frauen und Kinder halfen mit ungewöhnlichem Eifer Netze oder vielmehr lange Gitter von Kokosnußblättern an den Strand und auf die Korallenriffe zwischen Land und Klippen schleppen. Auf diese Art werden gewisse Köderfischchen gefangen, die am schmackhaftesten für die Thunfische sind.

Als die Vorbereitungen beendet waren, was etwa drei Wochen in Anspruch genommen hatte, wurden zwei große, miteinander verbundene Pirogen aufs Meer gelassen, an denen vorn eine sehr lange, mit einem Angelhaken versehene Stange angebracht war, die mittels zweier hinten befestigter Taue schnell gehoben werden konnte. Sobald der Fisch angebissen hat, wird er sofort herausgezogen und in dem Fahrzeug untergebracht.

Eines schönen Morgens zogen wir (ich war – natürlich – mit bei dem Fest) aufs Meer hinaus und hatten die Klippenreihe bald glücklich hinter uns. Wir wagten uns ziemlich weit hinaus. Ich sehe noch eine Schildkröte, die uns, den Kopf überm Wasser, im Vorüberfahren nachschaute.

Die Fischer waren alle in fröhlicher Stimmung und ruderten eifrig.

Wir kamen den Grotten von Mara[8] gegenüber an eine Stelle, Thunloch genannt, wo das Wasser sehr tief ist.

Dort, sagt man, schlafen die Thunfische nachts in einer Tiefe, die den Haifischen unerreichbar ist.

Nach Fischen spähend, schwebte eine Wolke von Seevögeln über dem Loch. Sobald einer an der Oberfläche erscheint, stoßen die Vögel mit unglaublicher Geschwindigkeit darauf herab und steigen mit einem Bissen im Schnabel wieder in die Höhe.

So herrscht im Meer und in der Luft, selbst in unseren Pirogen nur der Gedanke an Blut und Mord.

Als ich meine Gefährten fragte, warum sie nicht eine lange Angelschnur in das Thunloch hinunterließen, erwiderten sie, daß es unmöglich sei, es wäre ein geheiligter Ort:

– Der Gott des Meeres wohne da.

Ich vermutete eine Sage dahinter und ließ sie mir erzählen.

* * *

„Roüa Hatou, eine Art tahitischer Neptun, schlief auf dem Meeresgrund an dieser Stelle.

Ein Maorie war einst so tollkühn dort zu fischen, und da sein Angelhaken sich in den Haaren des Gottes verfing, erwachte dieser.

Zornig stieg er an die Oberfläche, um zu sehen, wer die Kühnheit gehabt, seine Ruhe zu stören, und als er sah, daß der Schuldige ein Mensch war, beschloß er die ganze Menschenrasse zu vertilgen, um die Ruchlosigkeit des einen zu sühnen.

Der Strafe entging jedoch – durch unerklärliche Nachsicht – gerade der Missetäter selber.

Der Gott gebot ihm, mit seiner ganzen Familie auf den Toa Marama zu gehen, nach einigen eine Insel oder ein Berg, nach andern eine Piroge oder „Arche“.

Illustration from Noa Noa

Als der Fischer sich mit den Seinen an den bezeichneten Ort begeben hatte, begannen die Wasser des Meeres zu steigen. Sie bedeckten allmählich selbst die höchsten Gipfel, und alles Lebende bis auf jene, die sich zum Toa Marama geflüchtet hatten, kam darin um.

Später bevölkerten sie die Insel aufs neue[9].“

* * *

Wir ließen also das Thunloch hinter uns, und der Führer der Piroge bezeichnete einen Mann, der die Stange ins Meer lassen und die Angel auswerfen mußte.

Lange Minuten wurde gewartet, kein Thunfisch biß an.

Ein anderer Ruderer kam an die Reihe, und diesmal biß ein prachtvoller Thunfisch an und bog die Stange hinunter. Vier kräftige Arme hoben sie empor, indem sie die Taue hinten anzogen, und der Fisch erschien an der Oberfläche. Aber gleichzeitig schnellte ein riesiger Hai über die Wogen: ein paar furchtbare Bisse, und wir hatten nichts weiter am Angelhaken als einen abgetrennten Kopf.

Nun gab der Führer mir ein Zeichen, und ich warf die Angel aus.

Nach ganz kurzer Zeit fischten wir einen riesenhaften Thunfisch. – Ohne es viel zu beachten, hörte ich meine Nachbarn unter sich kichern und tuscheln. – Das durch Stockschläge auf den Kopf getötete Tier wand sich auf dem Boden des Fahrzeuges, und sein Leib, jetzt einem schillernden Spiegel gleich, entsandte tausend blitzende Strahlen.

Ein zweites Mal hatte ich ebenfalls Glück.

Meine Gefährten beglückwünschten mich fröhlich, nannten mich einen Glückspilz, und in meinem Stolz widersprach ich nicht.

Aber in dem einstimmigen Lob unterschied ich, wie bei meinem ersten Versuch, ein unerklärliches Lachen und Getuschel.

Das Fischen währte bis zum Abend. Als der Vorrat der kleinen Köderfische erschöpft war, entzündete die Sonne rote Flammen am Horizont, und unser Fahrzeug war mit zehn prächtigen Thunfischen beladen.

Wir bereiteten uns zur Rückfahrt vor. Während alles instandgesetzt wurde, fragte ich einen jungen Burschen nach dem Sinn der ganz leise gewechselten Worte und nach dem Lachen, das beide Male meinen Fang begleitet hatte. Er weigerte sich zu antworten. Aber ich ließ nicht nach, denn ich wußte, wie gering die Widerstandskraft des Maorie ist und wie bald er energischem Drängen nachgibt.

Schließlich vertraute er mir an: Wem der Thunfisch in den Angelhaken beißt – und meine hatten das beide getan, – dem ist zu Haus die Vahina untreu.

Ich lächelte ungläubig.

Und wir kehrten zurück.

Die Nacht bricht in den Tropen schnell herein. Es galt ihr zuvorzukommen. Zweiundzwanzig muntere Pageien (schaufelartige Ruder) tauchten gleichzeitig ins Wasser, und um sich anzufeuern, stießen die Ruderer im Takt dazu laute Rufe aus. Unsere Piroge hinterließ eine phosphorleuchtende Furche.

Mir war zumute wie auf einer tollen Flucht: die ergrimmten Herrscher des Ozeans verfolgten uns, und um uns schnellten, wie phantastische Scharen unbestimmter Gestalten, die aufgeschreckten, neugierigen Fische empor.

In zwei Stunden erreichten wir die äußersten Klippen.

Die Brandung ist dort gewaltig, und die Fahrt des Seegangs wegen gefährlich. Es ist kein Leichtes, die Piroge richtig vor die Sandbank zu steuern. Aber die Eingeborenen sind gewandt, und ich verfolgte mit lebhaftem Interesse, jedoch nicht ganz ohne Furcht, die Operation, die glänzend vonstatten ging.

Vor uns war das Land von lohenden Feuern erhellt, – es waren enorme Fackeln von Zweigen des Kokosnußbaumes. Der Anblick der auf dem Sande am Ufer des beleuchteten Meeres lagernden Fischerfamilien war wunderbar. Einige saßen reglos da, andere liefen, die Fackeln schwingend, den Strand entlang, die Kinder sprangen hin und her, und man vernahm in der Ferne ihr stilles Geschrei.

Mit leichtem Schwung fuhr unsere Piroge auf den Strand, und die Verteilung der Beute begann sogleich.

Alle Fische wurden auf die Erde gelegt, und der Anführer teilte sie in so viele gleiche Teile, wie die Anzahl der Personen – Männer, Frauen und Kinder – betrug, die sich am Fischfang und dem Fischen der Köderfischchen beteiligt hatten.

Es waren 37 Teile.

Ohne Zeit zu verlieren, nahm meine Vahina ein Beil, spaltete Holz damit und zündete ein Feuer an, während ich noch ein wenig Toilette machte und mich wegen der Nachtkühle einhüllte.

Von unseren beiden Anteilen wurde der eine gekocht, und den anderen bewahrte Tehura roh auf.

Dann fragte sie mich des langen und breiten über die verschiedenen Vorkommnisse beim Fischfang aus, und ich befriedigte willfährig ihre Neugierde. Genügsam und kindlich erheiterte sie sich an allem, und ich beobachtete sie, ohne sie meine geheimen Gedanken merken zu lassen. Im Grunde meiner Seele war ohne jede Ursache eine Unruhe erwacht, die nicht zu beschwichtigen war. Ich brannte darauf, an Tehura eine Frage zu stellen – eine gewisse Frage ... und es half mir nichts, mir zu sagen: Wozu? Ich antwortete mir selber: Wer weiß?

* * *

Die Zeit des Schlafengehens kam heran, und als wir beide ausgestreckt nebeneinander lagen, fragte ich plötzlich:

– Bist du vernünftig gewesen?

– Ja.

– Und dein Geliebter, war er nach deinem Geschmack?

– Ich habe keinen Geliebten.

– Du lügst, der Fisch hat es verraten.

Tehura erhob sich und blickte mich starr an. Ihr Antlitz hatte einen seltsamen mystischen Ausdruck majestätischer Größe, der mir fremd war und den ich in ihren heiteren, fast kindlichen Zügen nie vermutet hätte.

Die Atmosphäre in unserer kleinen Hütte hatte sich verwandelt: Ich fühlte, daß etwas Erhabenes sich zwischen uns erhob. Und wider Willen unterlag ich dem Einfluß des Glaubens und erwartete eine Botschaft von oben. Ich zweifelte nicht, daß sie kommen würde, obwohl die fruchtlosen Bedenken unseres Skeptizismus dieser glühenden, wenn auch nur einem Aberglauben geltenden Inbrunst gegenüber noch ihre Macht auf mich ausübten.

Tehura schlich leise zur Tür, um sich zu vergewissern, daß sie gut verschlossen war, und als sie bis in die Mitte der Kammer zurückgekommen war, sprach sie folgendes Gebet:

Rette mich! Rette mich! Es ist Abend, es ist Abend der Götter. Wache über mich, o mein Gott! Wache über mich, o mein Herr! Behüte mich vor Betörung und schlechten Ratschlägen. Bewahre mich vor einem plötzlichen Tode, Vor dem Bösen und Verwünschungen; Bewahre mich vor Streit um die Teilung des Landes, Möge Frieden herrschen unter uns! O mein Gott, schütze mich vor den rasenden Kriegern! Hüte mich vor dem, der mich bedroht, Den es freut zu ängstigen, Vor dem, dessen Haar sich beständig sträubt! Auf daß ich und mein Geist leben können, O mein Gott!

An diesem Abend, wahrlich, habe ich mit Tehura gebetet.

Als sie ihr Gebet beendet hatte, kam sie mit Tränen in den Augen zu mir hin und flehte mich an, sie zu schlagen.

Und vor dem tiefen Ernst dieses Antlitzes, vor der vollkommenen Schönheit dieser lebenden Statue glaubte ich die von Tehura heraufbeschworene Gottheit selber vor mir zu sehen.

Verflucht sei ewig meine Hand, wenn sie es wagte, sich gegen ein Meisterwerk der Natur zu erheben!

Sie wiederholte ihr Flehen, sie zu schlagen.

– Tust du es nicht, so zürnst du lange und wirst krank.

Ich küßte sie.

Und jetzt, wo ich sie ohne Mißtrauen liebe, so liebe, wie ich sie bewunderte, kamen mir die Worte Buddhas auf die Lippen:

„Ja, durch Sanftmut muß man den Zorn besiegen, durch das Gute Böses, und durch Wahrheit Lüge.“

Diese Nacht ward göttlich, köstlicher als die anderen alle – und strahlend erwachte der Tag.

Frühmorgens brachte ihre Mutter uns einige frische Kokosnüsse.

Mit einem Blick befragte sie Tehura.

Sie wußte.

Mit feinem Mienenspiel sagte sie zu mir:

– Du warst gestern auf dem Fischfang, ist alles gut verlaufen?

Ich erwiderte:

– Ich hoffe, bald wieder dabei zu sein.

* * *

Ich war genötigt, nach Frankreich zurückzukehren. Wichtige Familienangelegenheiten riefen mich zurück.

Lebe wohl, gastfreies Land, köstliches Land, Heimat der Freiheit und der Schönheit!

Zwei Jahre älter geworden und um zwanzig Jahre verjüngt gehe ich fort, verwilderter als ich gekommen war und doch gescheiter.

Die Wilden, diese Unwissenden, haben den alten Kulturmenschen vieles gelehrt, vieles in der Kunst zu leben und glücklich zu sein: Vor allem haben sie mich gelehrt, mich selber besser zu kennen, ich habe von ihnen nur tiefste Wahrheit gehört.

War das dein Mysterium, du geheimnisvolle Welt? Du hast mir Licht gebracht, und ich bin gewachsen in der Bewunderung deiner antiken Schönheit, der unvergänglichen Jugend der Natur.

Das Verständnis und die Liebe zu der Seele deiner Menschen, zu dieser Blume, die aufhört zu blühen, und deren Duft niemand mehr einatmen wird, hat mich besser gemacht.

* * *

Als ich den Quai verließ, um an Bord zu gehen, sah ich Tehura zum letztenmal.

Sie hatte Nächte hindurch geweint, jetzt saß sie erschöpft und traurig, aber ruhig mit herabhängenden Beinen auf einem Stein, und ihre starken, festen Füße berührten das schmutzige Wasser.

Die Blume, die sie am Morgen hinters Ohr gesteckt hatte, war welk auf ihre Knie herabgefallen.

Hier und dort starrten andere, wie sie, matt, schweigend, düster, gedankenlos, auf den dichten Qualm des Schiffes, das uns alle für immer weit fort tragen sollte.

Und von der Schiffsbrücke aus glaubten wir, während wir uns immer weiter entfernten, mit dem Fernglas auf ihren Lippen noch lange jene alten maorischen Verse zu lesen:

Ihr leisen Winde von Süd und Ost, Die ein zärtlich Spiel über meinem Haupte vereint, Eilt schnell zur nächsten Insel hin. Dort findet ihr im Schatten seines Lieblingsbaumes Ihn, der mich verlassen hat. Sagt ihm, daß ihr in Tränen mich gesehn.

Notes in this chapter

Explore with AITake your curiosity a little further.

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