Zweiter Teil
Reading edition
Es waren dreizehn Jahre vergangen. Ich hatte meine Fähnrichszeit bei einem detachierten Bataillon an der Ostgrenze des Reiches abgedient und war nun zum Leutnant vorgerückt und in eine größere galizische Garnison versetzt worden.
Daß ich es nur gleich gestehe, mein Leben, das durch keine gute Stunde, keine liebe Erinnerung, keine Wärme von mir und zu mir, keinen Besitz und keine Hoffnung erleuchtet war, ekelte mich so sehr an, daß ich mich oft ganz ernsthaft fragte: „Warum höre ich nicht einfach auf, zu atmen?“ Ich hielt dann auch, so lange es nur ging, den Atem zurück, als könnte ich so ein Ende machen. —
Die Zeit, die hinter mir lag, war schrecklich. Nächte des angestrengtesten Studiums kalter, gleichgültiger Lehrfächer, Examen über Examen; zerrüttenden Blick des Vorgesetzten ewig in der Seele; das Vaterhaus, andern ein Asyl, mir war es nur die schärfere Wiederholung des Instituts und der Kaserne gewesen. Niemals eine freie Stunde und wenn ich mir endlich eine — unter Demütigungen, Meldungen, Bitten, Vorschriften, die Legion waren, — wenn ich mir endlich eine freie Stunde erkämpft hatte, so wußten meine zerstörten Nerven mit ihr nichts anzufangen, und ich litt unter der kleinen Freiheit noch mehr als in der Tretmühle. Nein! Ich war nicht zum Soldaten geboren! Jedes Kommandowort empfand ich wie einen Messerstich, jede Ausstellung wie eine Mißhandlung, jedes militärische Gespräch, jede dienstliche Handlung lähmte mich — so war ich viel zu elend und unglücklich, um auch nur Erbarmen mit mir selbst haben zu können. —
Einsam wie keiner.
Wenn ich nur einen meiner Kameraden ansah, ergriff mich Langeweile und Gleichgültigkeit wie eine Pest und ich brachte kein Wort heraus.
Mich an eine Frau oder an ein Mädchen heranzutrauen, dieser Mut schien mir eine Gnade zu sein, die mir nicht gegeben war. Fünfzehn Jahre Einschüchterung und Angst hatten meine Seele gebrochen, die nicht so widerstandsfähig war, wie die der andern. Wenn die polnischen Gräfinnen Sonntags zur Kirche fuhren, schwärmte ich sie von Ferne an, die Düsterkeit meiner Träume genießend, in denen ich den Herrn der Welt spielte. Die jüngeren Herrn unseres Offizierkorps hatten längst schon die Bekanntschaft einer oder der anderen Schloßbewohnerin gemacht, es geschah sogar, daß sie mitunter zum Diner, ja sogar zur Jagd eingeladen wurden.
Mich kannte niemand; — niemand lud mich ein.
In aller Frühe trat ich alltäglich den Dienst an. Die starke Sonne der Steppe machte mich krank und schlaff. Wir exerzierten, bildeten Schwarmlinien, hielten Gefechtsübungen ab, — ich redete und tat nur das Notwendigste und das unvollkommen, lässig. Ich vermied jedes Kommandieren, jedes Scheltwort, jeden scharfen Ton, aber die mir zugeteilte Menschenherde, diese Sklaven, nahmen mir die Feinfühligkeit übel und ich spürte, daß sie sich über mich lustig machten.
Ja — der Leutnant Ruzič, der Oberleutnant Cibulka, der Hauptmann Pfahlhammer, diese Kujone, die die Langgedienten anspuckten und die Rekruten während des Menagierens mit Ohrfeigen traktierten, die waren beliebt. Woher das kam, fragte ich mich oft! Doch nur zu bald lernte ich begreifen, was die körperliche Schönheit und Wohlbildung im Leben bedeuten.
Diese Offiziere waren fesche Herren. Sie trugen des Abends oder Sonntags, wenn sie über den Ringplatz flanierten, ihre schlanken langen Beine in ausgezeichnet gemachten, scharfgebügelten schwarzen Hosen, ihre kleinen Lackstiefel blitzten nicht minder als die meines Vaters, ihre Waffenröcke waren sehr in die Taille gearbeitet und persönlich geschnitten. Ihre Gesichter waren blond, jung, brutal und von jener frischen Dummheit, die in der Welt so angenehm berührt.
Und ich? — Ich war klein, mager — unansehnlich. Mein Gesicht verlitten und früh gealtert. Ich mußte bei meiner Kurzsichtigkeit eine Brille tragen, denn ich war ungeschickt und hätte ein anderes Augenglas viel zu oft zerbrochen.
Einmal befahl mich der Oberst zu einem privaten Rapport.
„Herr Leutnant,“ begann er scharf, „das geht nicht so weiter. Es ist vom Oberstbrigadier nun zum zweiten Mal ein Dienstzettel gekommen, in dem er Ihre Adjustierung beanstandet. Man muß Sie ja nur ansehen und es wird einem übel. Rasieren Sie sich besser und öfter!“
„Jeder Gefreite sieht adretter aus als Sie. Wollen Sie dem Herrn Feldmarschallleutnant (er meinte meinen Vater) Schande machen?“
„Lieber Duschek,“ fuhr der Kommandant begütigend und außerdienstlich fort, — „Du mußt mehr auf Dich halten. Geh zum Schneider! Equipier’ Dich! Herrgott, wenn ich noch einmal so jung sein könnte!“
Solche Reden machten trotz der gehässigen Nervosität, die ich immer angesichts eines Vorgesetzten empfand, wenig Eindruck auf mich.
Unter guten Figuren — eine gute Figur zu sein, das war mein Ehrgeiz nicht. Was aber war mein Ehrgeiz?
Ich wohnte in der Wirtschaft einer Frau Koppelmann, über deren Höhleneingang auf einer Tafel das viel verheißende Wort „Restauracya“ geschrieben stand. Ich vermied es am Abend, den Gelagen in der Offiziersmesse beizuwohnen. Nach dem Dienst um fünf Uhr setzte ich mich in die „Herrenstube“ der Frau Koppelmann. Selbst hier, unter hustenden und spuckenden polnischen Fuhrleuten, unter den die Heiligen beschwörenden ruthenischen Bauern, unter schreienden und haareraufenden Juden fühlte ich mich glücklicher, als unter den Kameraden. Bei dem grünen Pfefferminzschnaps der Wirtin starrte ich, der Herr Offizier, um dessen Tisch die Bauern und Juden mit „ai“ und „oi“ und tausend Bücklingen dienerten, — ja ich starrte in erregter Beobachtung auf diese freien vielbewegten Gestalten und fühlte mit einem gewissen Triumph in der Seele: Hierher, zu diesen da gehörst du! Um sieben Uhr leerte sich die Stube und ich blieb allein mit den surrenden Völkern der galizischen Fliegenplage. —
Das kleine schmutzige Fenster bräunte sich in der Abendröte. Draußen schnatterten die Gänse, und die Schritte der barfüßigen Bäuerinnen patschten in dem ewigen Sumpf der Straße. Nun kam meine Stunde. Ich setzte mich an das zerbrochene Klavier der Frau Koppelmann und siehe, es waren dennoch Töne, dennoch Akkorde, Verzückungen der schwingenden Luft, die meine Hand griff. Wenn nichts meine renitente Gleichgültigkeit lösen konnte, jetzt stürzten nie gefundene Tränen aus meinen Augen, Boten und Herolde einer Heimat, die ich nicht kannte, meine Seele dehnte sich, als empfänge sie Liebe und Mütterlichkeit. Der Zustand steigerte sich fast zur Epilepsie, denn die verhemmte Leidenschaft pochte an alle Tore meiner Verschlossenheit. Damals wußte ich noch nicht, daß mein natürlicher Beruf die Musik sei!
Wie hätte ich das auch wissen sollen, ich, der Sprößling einer ärarischen Familie, Sohn eines Generals, Enkel eines Oberstleutnants, Urenkel eines Stabsprofosen, ich, dem die Scheu vor Anmut und Geist schon seit dem sechsten Lebensjahr eingeprügelt worden war.
Mit meinem Vater wechselte ich jedes halbe Jahr einen Brief. Meine Mutter war schon lange gestorben. Ihr dumpfes und kleines Licht, vor der Zeit war es zugrunde gegangen. In ihren letzten Jahren soll sie recht seltsam gewesen sein. Sie wurde von zwei krankhaften Trieben beherrscht. Der eine war ein Reinlichkeitstrieb ohnegleichen. Sie schmierte und putzte die Türklinken bis tief in die Nacht, sie wusch die Fenster zwei und dreimal des Tages, sie lag immer auf dem Boden und scheuerte die Dielen, die vom vorigen Tage noch blank waren. Immer spähte sie nach Flecken und Schmutzspuren, auf die sie sich stürzen konnte. Ihre zweite Krankheit war eine Art Beichtfieber. Sie ging täglich in drei Kirchen zur Beichte und wird gewiß schreckliche Sünden erfunden haben, die Arme, um ja ihr Leben nur mit etwas auszufüllen.
Oft dachte ich an jene Nacht, wo meine Mutter mit offenem Haar, die Kerze in der Hand, wie aus schwerem Schlaf erwacht, weinend an mein Bett getreten war und mich leidenschaftlich umarmt hatte. Damals und niemals mehr, ist sie mir als Frau erschienen. Heute verzeihe ich ihr, der Unerweckten, alle Härte. Sie hat gelitten, ohne zu wissen, daß sie leidet.
Die Briefe, die ich an meinen Vater richtete, begannen mit der Anrede „Lieber Vater“, enthielten einen trockenen Abriß über Dienstverhältnisse, Veränderungen, Avancements, taktische Aufgaben, die mir gestellt worden waren, und schlossen mit der Floskel: „Verehrungsvoll grüßt Dich Dein dankbarer Sohn Karl.“
Diese Briefe zu schreiben war eine Qual, die mir regelmäßig Kopfschmerzen machte. Hingegen mochte es geschehen, daß, wenn ein Brief meines Vaters fällig war, ich in Unruhe und erwartungsvolle Aufregung geraten konnte; kam dann dieser Brief, so wirkte er wie ein kalter Guß. Auch er brachte nur trockene Daten, aber aus seinem Ton spürte ich eine ärgerliche Mißachtung. Alles, was der Vater schrieb, jede harmlose Aussage, klang wie ein Befehl. Die Briefe waren in die Schreibmaschine diktiert und trugen nur die eigenhändige Unterschrift: „Dein Vater Karl Duschek, Edler von Sporentritt, Feldmarschallleutnant“.
Der frühere Frontoffizier hatte eine glänzende Karriere gemacht. Die Stufenleiter des Generalstabs, spielend war sie von ihm erstiegen worden. Als Befehlshaber einer der glänzendsten Divisionen zum Frontdienst zurückgekehrt, war er neuerdings zum Korpskommandanten der Residenz ernannt worden.
Er gehörte zu den einflußreichsten Militärs des Reiches, hatte den starräugigen, jägerbösen Thronfolger zum Freund, ohne deshalb am greisenhaft eigensinnigen Hofe mißbeliebt zu sein, und es war ein offenes Geheimnis, daß im Kriegsfalle ihm die Führung einer Armee zuteil werden würde.
Von allen Seiten hörte ich, daß die Stellung meines Vaters die beste Prognose meiner eigenen Laufbahn sei und, daß ich ein Schlemihl und Schwachkopf sein müßte, wenn ich nicht vorwärts käme.
Schon sieben Jahre hatte ich den General nicht von Angesicht zu Angesicht gesehen — doch dafür verging keine Nacht, in der ich ihn nicht (allerdings war er da fast immer nur Hauptmann) in meinen qualvollen Träumen sah. Ein Traum kehrte oft wieder.
Es ist Krieg. Ich liege schwer verwundet mit aufgerissener Bluse auf der Erde. Mein Blut dringt langsam durch den dicken Stoff. Die Generalität ist um mich versammelt. Grüne Federbüsche wehen. Da tritt ein knieweicher Greis in purpurroten Hosen und schneeweißem Galarock, eine goldstrotzende Feldbinde um die Hüfte, auf mich zu und heftet mir ein großes weißes Kreuz (Maria Theresienorden) an die Brust. Auch mein Vater kommt auf mich zu. Er trägt die Uniform eines Feldwebels und raucht eine Pfeife. Kaum sieht er mich, so wird er blaß, schwankend, durchsichtig und fällt auf den Rücken. Er liegt nun da und ich erhebe mich. Furchtbare Wonne durchströmt mich. Versöhnung! Versöhnung! Von diesem Begriff bin ich ganz durchtönt. Ganz allein sind wir nun.
Klein und gelb in einer Mulde liegt er hingestreckt. Von Schluchzen durchschüttelt reiche ich ihm die Hand.
Donnerschlag! Weltuntergang!
Wir beide schweben im formlosen, grauen Raum. Stimmen zirpen von allen Seiten:
Vater, Sohn und Geist. Geist, Sohn und Vater.
Dies ist noch der gelindeste meiner Träume. Dennoch ist mir der Tag, der ihm folgt, ein rasselndes Gespenst.
Der Vater, der inzwischen eine zweite Frau, eine sehr begüterte Dame der hohen Aristokratie geheiratet hatte, schickte mir keine Zulage zu meiner Leutnantsgage. So lebte ich schlechter als die andern Herren unseres Regiments, dessen Offizierkorps nicht zu den armseligen Kommisschluckern der übrigen Infanterie gehörte und an Geltung den Artilleristen gleichkam. Nur zu meinem Geburtstag erhielt ich ein väterliches Geschenk, eine Hunderter-Note, auf den Tag, ohne Glückwunsch und Brief, mit Postanweisung zugestellt. Dagegen schrieb ich zum Geburtstag des Vaters einen Brief, der mit jener Phrase anfing, die mich die Mutter gelehrt hatte, wenn ich auf einen großen, glänzenden Bogen, dessen Kopf einen gemalten Alpenblumenstrauß zeigte, meinen Glückwunsch schreiben mußte:
„Lieber Vater, zu Deinem Wiegenfeste...“
So begann die lange, stereotype Formel!
Da geschah es, daß ich in eine höchst peinliche Geschichte hineingezogen wurde. Ich hatte, schwach und leicht zu überreden, wie ich bin, für die Ehrenschuld eines mir im übrigen recht widerlichen Kameraden gebürgt. Der Mann, ein Intrigant und Feigling, hatte sich vor der Zeit aus dem Staube gemacht und in kurzer Frist zu verschiedenen Truppenkörpern versetzen lassen. Der Zahltag kam, ich stand mittellos und ohne Freund, der mir hätte beistehen können, da. Die Verwicklungen mehrten sich. Es stellte sich heraus, daß bei einem reichen polnischen Zivilisten Bank gehalten wurde, an welche die Kavalleristen der Garnison fabelhafte Summen verspielt hatten und die jungen Herren unseres Regiments nach ihrem Vermögen bestrebt gewesen waren, ihnen nachzueifern. Falschspielerei, Dokumentenfälschung, gebrochene Ehrenwörter kamen nach und nach ans Tageslicht. — Zu alledem war die vierzehnjährige Tochter eines Gutsbesitzers geschwängert worden und, ohne zu gestehen, wer der Verführer gewesen, im Kindbett gestorben. Der Hauptverdacht in diesem Rattenschwanz von Schmutzereien fiel auf mich, — auf mich, der ich weder je eine Karte, noch ein Weib berührt hatte.
Denn ich bin zum Sündenbock wie geschaffen.
Systematisch zerstörten Selbstbewußtseins war ich gesonnen, wenn in der Gegend irgend ein Mord begangen worden war, mich selbst für den Mörder zu halten. Ich identifizierte mich mit jedem Angeklagten, dessen Verhandlung ich im Gerichtssaalsbericht las. Auf meiner Seele lastete die Überzeugung meiner Mitschuld an jedem Verbrechen. Bei allen Verhören, und mochte es sich auch nur um einen entwendeten Federstiel in der Kadettenschule handeln, war ich verstockt, und eine unüberwindliche Selbstzerstörungslust in mir zog wie ein Blitzableiter den Verdacht an. — So war es auch in den Verhören, die der Oberst und seine Kommission mit mir pflogen. Ich war verstockt und bösartig, besonders dann, wenn die Vorgesetzten mir gütig zuredeten, obgleich in solchen Augenblicken mein Gemüt in heiße Tränen sich auflöste. Gänzlich unschuldig, ja gar nicht fähig, den Fall zu übersehen und zu verstehen, erfand ich in krankhaftem Zwang Lügen, phantasierte von Beziehungen, die ich niemals gehabt hatte und spann so mit eigenen Händen ein irrsinniges Netz, in dem ich endlich ganz bedenklich zappelte.
Man schüttelte bedeutsam die Köpfe, man nahm die Gelegenheit der Rache an einem häßlichen Sonderling wahr, — diejenigen, die am meisten Butter am Kopf hatten, begannen mich zu schneiden, ja im Grunde waren alle zufrieden, den Sohn eines in Fachkreisen und in der Gesellschaft berühmten Generals als Hauptperson in einer üblen Angelegenheit agieren zu sehen, denn das bedeutete einen doppelten Vorteil: Erstens war die Ehre des Regiments weniger in Gefahr — und zweitens gönnt man einem Erfolgreichen stets Beschämung.
Es kam immer ärger. Protokolle häuften sich, der Urheber des Schmutzes, jener Leutnant, der sich hatte versetzen lassen, war verschwunden und trotz aller dienstlichen Anfragen unauffindbar — ich selbst in meinen eigenen tollen Widersprüchen gefangen, war nicht mehr in der Lage, die einzige vernünftige Wahrheit zu sagen: Ich weiß von nichts!
Meine Situation wurde immer schiefer. Man schnitt Grimassen, zuckte die Achseln und schon wurde die Ansicht laut, daß ein ehrenrätliches Verfahren nicht genüge, einen kriminellen Fall auszutragen.
Da brachte eines Tages der Postunteroffizier drei Briefe. Einer davon wanderte in die Kanzlei des Kommandanten. Das große weiße Dienstkuvert trug die Absenderadresse: Militärkanzlei Seiner Majestät!
Die beiden anderen Briefe waren an mich gerichtet. Der eine kam von meinem Vater, der andere von seinem Adjutanten. Der Brief des Vaters enthielt keine Anrede und lautete so:
„Ich werde es nicht dulden, daß ein Name, der Generationen hindurch der k. u. k. Armee zur Ehre gereicht hat, durch Dich in Verruf gebracht wird. Die Militärkanzlei Seiner Majestät hat die Akten und Protokolle über das unverantwortliche Treiben, dessen Hauptschuldiger Du bist, eingefordert, und wird selbst die Entscheidung treffen.
Du hast sofort abzugehen, hierorts einzurücken und innerhalb von achtundvierzig Stunden Dich bei mir zu melden.
Duschek von Sporentritt, Fmlt.“
Der Brief des Adjutanten enthielt diesen persönlichen Befehl in dienstlicher Fassung. —
Jetzt erst, nachdem mein Vater mir unrecht getan hatte, empfand ich die ganze lächerliche Tragik, der ich unschuldig verfallen war. Ich ging nach Hause und in dem Loch der Frau Koppelmann, das ich bewohnte, befiel mich ein stundenlanges Zittern, so daß ich das Teegeschirr, meinen Wasserkrug und den Handspiegel zerbrach, aus dem mich mein leichenhaft spitzes Gesicht mit den übertriebenen Backenknochen angeblickt hatte. —
Ich lag die ganze Nacht auf dem unsagbar dreckigen Fußboden ausgestreckt. Ungeziefer kroch langsam über meine Stirne, eine große Ratte, schwer wie eine trächtige Katze, lief über meinen Bauch. Ekel ließ mich den Tod ersehnen. Aber ich stand nicht auf. So war es recht. In den Abgrund gehörte ich. In die Schlangenhöhlen, in die Nester der Ratten, in die sumpfigen, stinkigen Schlupfwinkel der verfluchten Geschöpfe.
Gegen Morgen sah ich meinen Vater im Traum. Er trug jenen windigen Zivilanzug, in dem er wie ein Postassistent aussah, und hatte starkes Nasenbluten, das er durch ein vorgehaltenes Taschentuch zu stillen suchte. „Du meinst immer?“, sagte er mit einer recht umgänglichen Stimme, die nicht die seine war. „Du meinst, daß ich an nichts anderes denke, als dich zu züchtigen. Weit gefehlt! Ich habe mehr Gnade — als Züchtigung an dir geübt. Schau nur!“
Er hielt mir ein paar Handfesseln entgegen, pfiff sich eins, wie ein Arzt, der zu spät zu einem Kranken geholt wird und sieht, daß nicht mehr zu helfen ist. Dann rief er noch, während sein Bild schon zu schwanken begann:
„Habt acht, Korporal! Was sich liebt, das neckt sich!“
Er verschwand und ich begann im Gänsemarsch hinter trauertragenden Zivilisten einherzugehen, deren gerötete Stiernacken von Ausschlag und Furunkeln entstellt waren.
Plötzlich bemerkte ich, daß ich mich nicht selbst bewege, sondern gedreht werde, immer schneller — und — da erwachte ich.
Mittags meldete ich dem Oberst mein Abgehen vom Regiment. Er schüttelte mir um einen Grad zu kameradschaftlich die Hand, wünschte mir Glück und versicherte, er sei überzeugt, daß die unangenehme Affäre sich zu allgemeiner Zufriedenheit aufklären werde, zumal die allerhöchste Stelle ein unbezweifelbares Interesse an den Tag lege. Er selbst zweifle keinen Augenblick daran, daß der Sohn seiner Exzellenz des Herrn Feldmarschalleutnants Duschek von Sporentritt nicht anders als rechtlich handeln könne.
Als ich dem Oberleutnant Cibulka die Hand zum Abschied reichen wollte und in seinem Gesicht eine hochmütige Verlegenheit bemerkte, unterließ ich es, meinen anderen Kameraden Adieu zu sagen. Was gingen mich diese näselnden Dummköpfe an?
Am Abend war mir schon viel leichter zumute. Ich fühlte sogar ein Prickeln, wenn ich an die Residenz dachte, die ich nur als Kind besucht hatte. Erst als ich im Zuge saß, ergriff mich Unruhe. Denn ich sah ja nach langem das erstemal und unter wie peinlichen Umständen dem Wiedersehen mit meinem Vater entgegen.
Am frühen Morgen kam ich in der Residenz an. Wie groß war selbst zu dieser Stunde das Leben hier! Der Asphaltboden zitterte in feinem Ausschlag wie das Deck eines Dampfers, wenn die Maschinen ihre Arbeit aufnehmen.
Lastwagen, Straßenbahnen, Automobile! Menschen mit scharfen, unbeugsamen Gesichtern, die nicht gesonnen waren, sich beschimpfen zu lassen; sie alle, Arbeiter, Marktweiber, Commis, Ladenmädeln, Kaufleute, Studenten, sie gingen, ohne rechts und links zu schauen, zielbewußt ihres Wegs. Soldaten sah ich fast keine, und das machte mir die meiste Freude. All diese fünf Jahre war ich an keinem Ort gewesen, wo ich nicht ununterbrochen hätte spähen müssen, ob mir nicht salutiert würde, oder ob ich nicht salutieren müsse.
Hier war ich nichts, drum war ich Wer! Und hier war ein anderer auch nichts, drum war ich doppelt Wer! — Mit Trotz und Trumpf fühlte ich das und mußte plötzlich stehen bleiben — denn vor langen — langen Jahren, ich wußte nicht wann und nicht wie, — hatte ich diese Empfindung schon erlebt.
Ich bezog in einem sehr wenig standesgemäßen Gasthof eines äußeren Bezirks Quartier.
Der Portier sah mich zuerst sehr erstaunt an und war nachher überaus katzenfreundlich.
Ich wusch, rasierte und kleidete mich streng nach der Dienstvorschrift, denn ich kannte meinen Vater. Er stellte jeden jungen Offizier, dessen Kappe nicht die vorgeschriebene Höhe hatte und dessen Adjustierung nicht genau den Satzungen des Dienstbuchs X entsprach.
Dann begab ich mich, ärgerlich, daß ich das feige, zaghafte Gefühl in mir nicht zu überwinden vermochte, zum Korpskommando.
In einem Vorzimmer fragte ich nach dem General. „Seine Exzellenz sind noch nicht hier,“ hieß es.
Ich wartete eine Stunde.
Offiziere schlugen krachend die Türen zu, schimpften mit den Ordonnanzen, ihr Reden war immer laut und überdeutlich, als stünden sie vor einer Front. Feldwebel eilten beflissen mit Akten und Dienststücken hin und her, sie blieben, wenn sie etwas meldeten, in großem Abstand vor dem Offizier stehen, auf ihrem Gesicht zeigte sich Todesfurcht, Eifer und Zerknirschung.
Ich wartete noch eine Stunde. Meine Aufregung war kaum mehr zu bemeistern.
Dann wandte ich mich an den diensthabenden Rittmeister und nannte meinen Namen.
„Ah, das freut mich wirklich.“
Er war zuvorkommend, höflich und rückte mir sogar einen Stuhl zurecht.
„Bitte nimm nur Platz! Exzellenz muß gleich kommen. Er ist bloß ins Ministerium gefahren. Wie gesagt, er wird gleich hier sein. Aber jetzt — du siehst, wie ich zerrissen werde — mußt du mich entschuldigen!“
Er eilte einem höheren Offizier entgegen, mit dem er in einer Türe verschwand.
Ich zog es vor, auf dem Gang zu bleiben, der wilder als eine Straße von hundert Schritten hallte. Plötzlich verstummte alles, das ganze Getriebe blieb wie angewurzelt stehen, Hände fuhren an die Hosennaht, Hacken klappten aneinander, Köpfe erstarrten in scharfer Wendung.
Es klirrte die Stiege hinauf, das Schweigen durchbrach ein mit erhobenen Stimmen geführtes Gespräch.
Von zwei Stabsoffizieren flankiert, die angestrengt und ergeben ihr Ohr neigten, schritt ein General mit fabelhaft spiegelnden Lackreitstiefeln, breiten rotstreifigen Breeches und hellblau-goldknöpfigem Waffenrock über den Gang.
Er nahm von keinem der regungslos Versteinerten Notiz, schritt auch an mir vorbei, ohne den Allzunichtiges nicht beachtenden Blick von meiner Gestalt abzuwenden. Ich stand ebenso wie die anderen, herausgedrückter Brust und zurückgeworfener Schultern da.
Der General hatte die graue Kappe des hohen Militärs abgenommen. Sein Haar war weiß, sein kurzgestutzter Schnurrbart schwarz gefärbt. Ich erwischte ein Stück des Gesprächs:
„Das fällt nicht in mein Ressort. Der Akt muß an die Statthalterei weiter geleitet werden....“
Die Stimme kannte ich nur zu gut. Aber dieses Gesicht?
Es war seinen Weg gegangen.
Ich lehnte mich — meine Stirne war kalt und feucht — müde an die Wand.
Wie ist das möglich?
Dieser Fremde dort hatte durch einen warmen Tropfen seines Leibes mich erzeugt. Ich also war ein Tropfen, ein Teil seiner Natur. Ich war er selbst, — ich — dieser fremde General, der an mir vorbeigeht, an mir, den er als einen Tropfen einst verspritzt hatte!
„O schauerliches Geheimnis! —“
Der Rittmeister kam und führte mich in das Wartezimmer des Kommandanten:
„Exzellenz sind noch beschäftigt, einige Herren sind bei ihm. Du mußt noch warten, bis das Referat vorbei ist.“
Ich ließ mich auf einen Sessel, der gepolsterten Türe gegenüber, nieder. Noch einige Menschen warteten: ein eisgrauer Major, ein Staatsbeamter und eine ältere Dame.
Unvermittelt fiel mir eine Szene ein, deren Zeuge ich auf einem Bahnhof während meiner Reise gewesen war. Ein junger Mann, der mit gerötetem Gesicht ungeduldig, seine beiden Koffer in der Hand, am Fenster des Waggongangs gestanden war, bekam in dem Augenblick, da der Zug hielt, Tränen in die Augen, sprang wie rasend das Trittbrett hinab und fiel einem alten Herrn in die Arme, der in nicht geringerer Bewegung ihn immer wieder ansah und immer wieder streichelte, ansah und streichelte. Das spielte sich zu windiger Nachtzeit ab — im wirren Schein der Lichter einer kleinen Station.
Ich allein war verstoßen!
Gut! Ich wollte von niemandem etwas. Ich brauchte niemanden. Aber auch hiersitzen und warten wollte ich nicht, ewig ängstlich, ewig Sklave einer bindenden und lösenden Macht, ewig vor der Türe jener Bataillonskanzlei, wo ich meine Schulaufgaben vorweisen mußte.
Die Polstertüre öffnete sich. Der General begleitete einen sehr vornehmen Zivilisten zum Ausgang. Der uralte Major stand zitternd stramm.
Ohne die Anwesenden und mich auch nur eines Blickes zu würdigen, kehrte mein Vater wieder in sein Arbeitszimmer zurück.
Ich wartete und wartete.
Erbitterung, die Sehnsucht, nach so langer Zeit wieder gut zu wirken, Unsicherheit eines Angeklagten, kurz hundert widersprechende Gefühle peinigten mich und machten mich krank.
Endlich waren alle anderen abgefertigt. Der Rittmeister winkte mir.
„Bitte!“
Ich trat in den großen, plüschig aufgedonnerten Arbeitsraum.
Mein Vater saß am Schreibtisch und schrieb.
Bebend verharrte ich sehr fernab in Habtachtstellung.
Der Vater beachtete mich nicht und schrieb.
Ich räusperte mich nicht.
Mein Vater reichte dem Adjutanten ein unterfertigtes Dienststück.
Der Rittmeister entfernte sich, der General sah eine halbe Minute zum Fenster hinaus, — dann erhob er sich und trat mir — o, schon ein wenig steifbeinig — entgegen.
Im Abstand der vorgeschriebenen Ehrfurcht blieb er stehn. Sein Gesicht war nicht mehr blaß, grünlichgelb von dem verbissenen Ehrgeiz des Vierzigjährigen wie früher, sondern zeigte schon die lila roten Wangen eines Herrn, der in den Gesellschaften zu Hause ist, wo nur die besten Weine serviert werden. Starr und ohne Interesse sah er mich an. Ich fuhr in der üblichen vorschriftsmäßigen Weise zusammen und schrie:
„Exzellenz, ich melde mich gehorsamst zur Stelle.“
„Danke... bitte kommod zu stehen!“
Dann reichte er mir drei Fingerspitzen seiner Hand und meinte:
„Da bist du also!“
Er trat zum Schreibtisch und wühlte ein Staatstelegramm hervor:
„In deiner Angelegenheit hat sich zu deinem Glück herausgestellt, daß du der Schuldige nicht bist! Jetzt eben ist das Telegramm des Kommandanten eingetroffen.
Wie dem auch sei, ein Offizier von Ehre vermeidet es, seinen Namen in eine Sache zu mischen, die unreinlich ist. Da gibt es fast nicht mehr Schuld und Unschuld. Ich habe alles getan, meinen Namen in dieser Geschichte vor einer ehrenrätlichen Untersuchung zu schützen.“
„Ich habe für die Spielschuld eines Kameraden gebürgt.“
„Dummheit! Deine alten Laster habe ich nur zu gut erkannt. Renitenz, Indolenz und Schlaffheit.“
„Ich habe geglaubt,...“
„Ein Soldat hat nicht zu glauben!“
Ich wollte etwas erwidern. Der General verwarf es mit einer Handbewegung. Wut und Ohnmacht würgten mich.
Er trat dicht an mich heran und musterte mich erregt.
„Du siehst nicht vorteilhaft aus,“ sagte er. „Man könnte dich für einen richtigen Doktor, für einen Reserveoffizier oder Sanitäter halten, für so einen, — der über Thermometer oder Brunzflaschen gebietet. —
Sieh’ dir die jungen Leute hier an, wie sie schneidig sind und lern’ etwas von ihnen!“
„Ich habe nicht die Mittel, mich gut auszurüsten!“
„Ich habe die Mittel auch nicht gehabt und wie habe ich ausgesehen!“
Der Vater warf seine Zigarette weg und blies den Rauch durch die Nase.
„Vergiß nicht, daß du nicht für dich allein stehst, sondern auch für meinen Namen, den du trägst, verantwortlich bist. Ich habe meine Pflichten dir gegenüber erfüllt. Jetzt kommt die Reihe an dich, mir gegenüber deine Pflicht zu erfüllen.“ —
„Deine Pflicht hast du nicht erfüllt!“ O, ich wollte es ihm ins Gesicht schreien. Feig aber blieb mir das Wort im Halse stecken.
Der General ging auf und ab.
„Ich tue das Menschenmöglichste für dich... Deine Konduit ist schlecht. Sie gibt dir keine Aussichten, im Frontdienst etwas zu erreichen. — Deine Vorgesetzten aber halten dich für intelligent. Ich richte mich danach und habe dich für die Kriegsschule anmelden lassen.
Du kannst morgen schon im Kurs erscheinen. Glücklich schätzen sollst du dich!“
Erschöpft und gerührt von einem solchen Aufwand an Fürsorge ließ er sich nieder. Er fragte: „Wo wohnst du?“ Doch ehe ich noch Antwort geben konnte, schnitt er ab: „Das ist ja gleichgültig.“
Meine Nerven ließen nach wie die Saiten einer Geige.
„Du siehst, ein General auf meinem Posten ist äußerst in Anspruch genommen. Ich hoffe dich aber am Abend bei mir zu begrüßen. Du kannst mit uns soupieren. Bei dieser Gelegenheit (hier wurde er unsicher, welchen Ausdruck er wählen solle) wirst du — deine — meine Gattin kennenlernen. Wir haben uns lange nicht gesehen. Warum bist du eigentlich nie auf Urlaub gekommen? Nun, ist schon gut! Also! Servus dieweil bis zum Abend. Danke!“ Er hob das Telephon ab, sah zur Seite und ich war entlassen.
Ich ging, Schritt für Schritt, bewußtlos, quer über die Straße. Plötzlich erfaßte mich ein Irrsinnsanfall.
„Ich würge ihn!
Ich würge ihn!
Ich würge ihn!“
Ich drosselte mit meinen Händen wollüstig einen kalten Hals. Es war eine Laterne. Ein Gigerl lachte, ein Arbeiter sah mir kopfschüttelnd nach.
„Der Herr Leutnant!“ mochte er denken.
„Freimachen! Freimachen!“ flüsterte ich immer wieder vor mich hin.
Was hatte ich mit diesem fremden Greis zu schaffen, der seine Pflicht erfüllt hat. Was habe ich mit dem Militär zu schaffen! Ich habe nichts gelernt. O! Dennoch! Lieber verhungern!
Herunter mit diesen grünen Fetzen! Herunter mit diesen bunten Aufschlägen und silbernen Sternen!
Tschindara! Eine Regimentsmusik zog vorbei. An der Spitze tänzelte das Pferd eines dicken Hauptmanns.
Stramm salutierte ich.
Ich ging weiter. Sehnsucht erfaßte mich nach dem Vater meiner Kindheit, nach dem Plagegeist meiner Knabenjahre.
Ich sah das gelbe, schneidige Gesicht mit dem aufgezwirbelten Schnurrbart. Aber er war doch nahe gewesen, so nahe! Und ich hatte es gefürchtet, aber so, wie man Gott fürchtet.
Werde ich je loskommen? Ist das Wahnsinn?
Ich beschloß am Abend zu Hause zu bleiben. Es ist ja gleichgültig, wo ich wohne.
Ich gedachte meiner Mutter.
Sie hatte mir manchmal die Haare gewaschen.
Am Abend, pünktlich, erschien ich dennoch in der Wohnung des Generals. Es war das Haus eines reichen Mannes, fast ein Palais. Vornehme Kandelaber brannten auf der läuferbelegten Treppe. Eine Ordonnanz, die großen Bauernhände in Zwirnhandschuhen, geleitete mich in ein Zimmer, wo ich eine halbe Stunde warten mußte.
Der General erschien in einer rotseidenen pelzverbrämten und reichverschnürten Haus-Litewka, seine wohlangepreßten weißen Haare dufteten, auf seinen Fingern waren Ringe lebendig, doch sein Blick und sein Gehaben schien nicht weichlicher geworden zu sein, nur zurechtgeglättet und gehauter.
Einen Augenblick wich meine Abscheu der Wehmut. Noch immer war die böse Kindheit ein großes Tor, durch das ich allabendlich heimkehrte.
„Bitte! Wir gehen zu meiner Frau,“ sagte der Vater, der in strenger Erfüllung seiner Karriere jetzt auch schon den leicht-ungarischen Akzent angenommen hatte, wie er zugleich das aristokratische Reiterblut und den überlegenen strategischen Kopf kennzeichnet.
In einem der Zimmer kniete eine lange, eckige Person vor dem Marienbild. Sie erhob sich rasch und zeigte platte Formen und in aufgebauter Frisur hochblond gefärbtes Haar.
„Dies hier ist Karl, Fürstin“, stellte mich der General meiner neuen Mutter vor. Ein süßliches Lächeln, Goldzähne bleckten mich an und ein Hals zeigte, trotz Perlenschnur und Diamantkreuz, seine gelben Falten.
Mit Pomp trat die Frau auf mich zu und erwiderte meinen sehr gemessenen Handkuß mit einem verwandtschaftlichen Kreuz, das sie mir flüchtig über die Stirne schlug.
„Gott segne Sie, Karl Johann,“ begann sie, indem sie versuchte, die Begrüßung zu einer Szene aufzubauschen, „es war nicht recht von Ihnen, daß Sie uns erst jetzt die Gelegenheit geben, einander kennenzulernen.“
Sie wartete auf ein Wort von mir. Ich schwieg kalt und verstockt. Die Krähenfüße in den Augenwinkeln der Generalin verschärften sich. Ihre Falten wurden noch falscher als vorhin. Sie schlug einen neuen Kurs ein.
„Ihr habt mich überrascht!“ sagte sie voll Geheimnis, „ich habe mir nämlich eben von der Muttergottes was Schönes ausgebeten!“
„Was denn, Natalie?“ fragte der General, der seiner Frau gegenüber einen kleinlauten Eindruck machte.
„Aber du weißt doch, Charlie, der gestrige Kurssturz.....“
Sie wandte sich zu mir.
„Es handelt sich um die Aktien der Zeitung — die christliche Welt. — Das Unternehmen ist in Gefahr und es wäre für unsere Kreise geradezu ein Unglück, wenn diese Zeitung einginge!“
Ich verneigte mich stumm.
Der Vater zeigte seine langen Zähne. Immer jagte mir sein Lachen Angst ein:
„Die Politik ist nichts für Soldaten, dagegen um so mehr für die Frauen.“
Später einmal erzählte mir jemand, daß die gewesene Fürstin einen Teil ihres Vermögens in Aktien der klerikalen Papierfabrik angelegt hatte.
Wir gingen zu Tische. Es gab ein mageres Essen, das allerdings von einem backenbärtigen Diener aufgetragen wurde.
Das also war mein Vaterhaus!
Ich saß fremd und betreten da, wie eine bezahlte Kreatur, ein Sekretär oder Sprachenlehrer, bestenfalls wie ein dürftiger Verwandter. — Das war mein Vaterhaus!
Ich legte von den Speisen kaum zwei Bissen auf meinen Teller, und die Frau meines Vaters schien darüber nicht unerfreut zu sein.
Später kam ein jüngerer sehr geleckter Abbé und rieb ewig rot gefrorene Hände.
Mein Vater war sehr aufmerksam gegen ihn und holte eigenhändig eine besondere Flasche hervor.
Die Generalin im Ton einer konversierenden Hoheit sprach von Musik.
„Ich habe gehört, daß Sie so musikalisch sind, Karl!“
„Jawohl,“ meinte der Vater recht jovial, „er hat mich einmal, als kleiner Bub, über eine Oper belehrt.“
— Freischütz — wußte ich sogleich und erkannte: „Keine Erniedrigung, keine Niederlage verschwindet aus einem Herzen. Wir alle sind verlorene Vorposten; von allen Seiten beschossen zittern wir hinter baufälligen Deckungen. Auch er! Er hat meinen kleinen Triumph nicht vergessen.“
„Ich adoriere die Musik,“ gestand die Generalin, „Mozart, Haydn und vor allem Liszt! Vor allem Liszt! Das war ein Mann! Mein Gott! Und dabei so fromm! Meine Mama war sehr intim mit ihm und der Wittgenstein.“
Der Geistliche schickte sich an, schmalmäulig eine Predigt über Politik zu halten.
„Die Zeiten wären schlecht,“ klagte er, „ein böses Ende drohe, wenn nicht in letzter Sekunde noch eine gepanzerte Faust dazwischen führe. Das Übel der Welt aber sei die Freimaurerei, die in ihrer neuen Form Sozialismus heißt. Beide Weltanschauungen seien aber nichts anderes, als wohlausgeklügelte, tiefdurchdachte Taktiken der Juden, die allesamt nur von zwei Beweggründen beherrscht würden: Die Weltmacht, die sie im Geheimen schon besäßen, öffentlich an sich zu reißen und Christus wieder zu kreuzigen!
Mit dem letzteren aber ist es so bestellt! Die Juden sind die ewigen Feinde des Heilands. Ihr Volkstum ist mehr als eine physische und geistige Gleichartigkeit, es ist ein Geheimbund der Rache an dem Erlöser. Den irdischen Leib Christi haben sie zur Zeit des Kaisers Augustus getötet und in unseren Tagen bieten sie ihren Heerbann, die unmündigen und verführten Arbeiterscharen auf, den himmlischen Leib Christi, die Kirche zu vernichten.“
Mich ärgerten die Worte, Blicke, Gesten dieses Spitznäsigen.
Ich fragte, warum denn, wenn schon der Jude der Antichrist wäre, die Kirche seines Kults, seiner Mythologie und Geschichte nicht entraten könne, und ob denn diese Kirche nicht von Juden geschaffen worden sei und allein von ihnen, mit Ausnahme der hellenischen Einflüsse, ihre Form empfangen habe!? Ich für meinen Teil hätte unter Juden immer die herrlichsten Menschen gefunden.
Meine Worte wirkten wie eine Kriegserklärung. Der Pfaffe verdrehte die Augen, die Generalin bekam einen asthmatischen Hustenanfall und mein Vater, den besonders die Worte „Mythologie“ und „hellenisch“ ärgerten, schrie mich an: „Ein Offizier hat mit keinem Juden zu verkehren!“
Ich war gründlich abgefallen.
Das Wort „Abtreten“, von fernher schnarrte es durch meine Seele.
Man schwieg.
Endlich fragte mich die Generalin, meine Stiefmutter, kalt:
„Können Sie Bridge spielen?“
„Nein!“
Ich empfahl mich, während die drei sich zum Spieltisch setzten und keine Miene machten, mir mehr als ein förmliches Abschiedswort zu geben, oder für ein andermal mich in mein Vaterhaus zu bitten.
Auf dem Heimweg erfüllte mich ein starkes glückliches Gefühl: „Mit diesem Menschen bin ich fertig. Vater ist er nicht mehr! Nicht mehr der Gegenstand dieser beleidigten, herabgewürdigten Knabenliebe. Zitternde Ehrfurcht und zart gekränkte Sehnsucht — vorbei für immer! Wer ist der Mann? Ein gleichgültiger Vorgesetzter, dessen baldiger Tod mich nur vergnügen sollte!“
O, wie gut kalt war mir zumute. Nicht mehr wie heute mittag werde ich ihn im Sinnbild einer Straßenlaterne erwürgen. Jetzt bin ich frei, und jetzt werde ich mich auch frei machen von diesem Sklavenkleid. Geduld! Nur einige Monate noch!
Ich schlief sehr gut.
Am nächsten Tag schon meldete ich mich in der Kriegsschule, deren jüngster Zögling ich war, denn bloß dem Einfluß meines Vaters hatte ich es zuzuschreiben, daß ich bei meiner noch zu niedrigen Charge Aufnahme gefunden hatte.
So verging einige Zeit, in der ich mich sehr versteckt und unauffällig hielt, am Kursus auf den Plätzen der wenig Strebsamen teilnahm, und den Vater weder in seinem Amt noch auch in seinem Hause aufsuchte.
Einsam, dumpf und verbissen in dieser großen Stadt.
Doch halfen mir die Millionen, mich selbst leichter zu tragen. In der Metropole nimmt jeder an moralischem Gewicht ab. Das verlorene Atom in den schwankenden Ballungen des Körpers kann ruhig schlafen. Straße dröhnt, Wirtshaus plärrt, der Nichtige ruht auf einem Meeresgrund. Er ist nicht einmal Tropfen mehr, der sich nach Auflösung sehnt. Es liegt ja nichts daran.
Wozu noch Ehrgeiz? Wozu noch Vergnügung, da doch Quintessenz aller Vergnügung das Bewußtsein ist, stark und vorteilhaft zu wirken!
Alles ist ja so gleichgültig! O Gott, warum nur?
Manchmal schritt eine Frau mit strahlend bewußten Beinen dahin. Ein Krampf ging durch mein Wesen.
Mir aber gelang nur eines — Schlaf! Ich war ein Meister des Schlafs bei Tag und Nacht.
So waren drei Monate vergangen.
Es geschah aber, daß ich in eine seltsame Gesellschaft geriet.
Ich bewohnte in meinem kleinen Hotel das Zimmer Nr. 8. Das Zimmer Nr. 9 neben mir hatte ein älterer, taubstummer Mann inne, der Herr Seebär hieß und Bücherrevisor war.
Ich hatte es mir angewöhnt, spät am Abend von weiten Spaziergängen nach Hause zu kommen, und da begegnete mir fast allmitternächtlich Herr Seebär, der von seiner Arbeit heimkehrte, auf der Treppe. Er trug zu jeder Jahreszeit einen langen schwarzen Kaiserrock von so fleckig und brüchigem Aussehen, als wäre er schon geraume Zeit als Kleidungsstück einer honorablen Leiche im Grabe gelegen und dann wieder durch einen Altkleider-Tandler in den Handel gebracht worden. Um seinen Zylinder, der von mancher Attacke unzähliger Sylvesternächte zerbeult und räudig erschien, war ein breiter Trauerflor angebracht.
Das Gesicht Seebärs zeigte eine Farbe, grauer als Asche, sein Schritt hatte die zögernde Erschöpfung der Herzkranken.
Es war öfters dazu gekommen, daß ich dem Taubstummen durch kleine Dienste und Handreichungen hatte behilflich sein können. Nun, wenn wir uns nachts auf der Treppe trafen, reichten wir einander die Hände, und es hatte sich die Gewohnheit ausgebildet, daß Seebär in mein Zimmer trat, Platz nahm und wir uns eine halbe Stunde noch schweigend gegenübersaßen.
Manchmal holte ich einen Likör heraus, und wir tranken als einzige Unterhaltung einander ernsthaft zu.
Eines Nachts zog Seebär einen Schreibblock aus der Tasche und schrieb auf einen Zettel, den er mir reichte, mit kalligraphisch kontorgeübten Zügen diese Worte:
„Ich sehe, daß es Ihnen nicht sehr gut geht.“ Ich schrieb nur ein Wort zurück:
„Ja!“
Er: „Wollen Sie glücklicher werden?“
Ich: „Ja!“
Er: „So erwarten Sie mich morgen schon um elf Uhr nachts.“
Ich: „Einverstanden!“
Tatsächlich! Wir saßen die nächste Nacht um elf Uhr in einer schrecklichen Droschke.
Eine Stunde lang rumpelte das plumpe Gefährt mit uns dahin. Wir verließen die zahlreichen Lichter, gelangten unter die seltenen Lichter der Vorstädte, hatten auch die bald hinter uns, fuhren an Weinbergen entlang, gerieten wieder in eine Vorstadt, knarrten durch eine Pappelallee und landeten endlich mitten in einem großen Häuserkomplex, der bergab an dem Hang (das alte Dominikanerstift krönt die Höhe), zum großen Strom sich niedersenkt.
Wir traten durch die niedrige Türe in den Steinflur eines uralten Wirtshauses. Ein Mensch mit einer scharf abgeblendeten Diebeslaterne, von dem wir nicht mehr als einen Schatten sehen konnten, trat uns entgegen, erkannte Seebär und führte uns in einen Hof. Er löschte das Licht, milchig gleißte der Mond, des Führers Schatten wurde Mensch, und ich sah einen kleinen, dicken Chinesen mit Mandarinmütze und in Filzschuhen, der mir breit zunickte:
„Welcome, we all expect you!“
Jetzt traten wir in ein geräumiges Gewölbe. An den Wänden liefen Bänke. Zwei große ungehobelte Tische erfüllten die Mitte des Raumes. Eine spärliche Petroleumlampe hing irgendwo. Welch’ ein Bild war das!
Mit langen Schritten (träume ich?) langsam und tiefsinnig gingen Gestalten auf und ab. Es waren alte und junge Männer in russischen Kitteln, bärtig und bartlos, mit von Entbehrung eingeschwundenen Gesichtern, von Augen überleuchtet, die denen der Engel glichen.
Manche trugen wandelnd Bücher in der Hand, worin sie studierten, eine Gruppe stand vor einer Wandtafel, die über und über mit chemischen Formeln beschrieben war.
Bei unserem Erscheinen traten die Leute zusammen, verständigten sich mit russischen Worten, und einer von ihnen, ein Alter, ging langsam auf mich zu.
Er war ein herrlicher jüdischer Priesterkopf, weißhaarig, weißbärtig, mit großen, vorgewälzt hellen Augen, einer der erhabenen lichten Häupter, wie sie von Anbeginn die Geschichte der Menschen begleitet haben.
Er sah mich sehr lange an, — dann, als spräche er eine priesterliche Formel:
„Gib deine Waffe weg! Mitgeborener, Mitsterblicher!“
Ich warf den Säbel in eine Ecke.
Der Alte ergriff meine Hand.
„Willst du Bruder sein?“
„Ich will es!“ hörte ich mich ausrufen, während die anderen zu uns traten. Diese reinen, fanatischen Gesichter ergriffen mein Herz mit ehrfürchtiger Freude.
„Ich will es!“
„Wir wissen,“ fuhr der weißbärtige Jude fort, „daß du kein Spitzel und Kundschafter bist, wir kennen deine Herkunft und den Haß gegen diese Herkunft, wir kennen die Beschäftigung deiner Tage, wir kennen deine Spaziergänge, deine Lektüre, den Grund deiner Versetzung in diese Stadt, wir sind über jede Regung deiner Seele unterrichtet.
Wisse! Der Ratschluß, der dich zum Mitarbeiter an unserem Werk ausersehen hat, ist von keiner geringen Gewalt. Du sollst der Apostel unseres Kampfes unter den Soldaten sein!“
„Welches ist euer Kampf?“
„Unser Krieg gilt der patriarchalischen Weltordnung,“ sagte der Alte.
„Was ist das, patriarchalische Weltordnung?“
„Die Herrschaft des Vaters in jedem Sinn.“
Ein Blitz durchzuckte mich! Meine wahren Kameraden, ich hatte sie gefunden. Sie, die mein Leiden besser, geistiger verstanden, als ich selbst. Gelb und hohläugig zog mein Knabengesicht an mir vorbei, das mir anders, als anderen Männern, immer vorstellbar war. Ich sah die kleine Kadettenuniform, wie sie des Nachts über dem Stuhl hing. Gelb und hohläugig zog noch ein anderes Knabengesicht an mir vorbei. Wo hatte ich es nur gesehen? Wo nur....?
Ich fragte:
„Was versteht ihr unter — Herrschaft des Vaters?“
„Alles!“ führte der Alte aus. „Die Religion: denn Gott ist der Vater der Menschen. Der Staat: denn König oder Präsident ist der Vater der Bürger. Das Gericht: denn Richter und Aufseher sind die Väter von Jenen, welche die menschliche Gesellschaft Verbrecher zu nennen beliebt. Die Armee: denn der Offizier ist der Vater der Soldaten. Die Industrie: denn der Unternehmer ist der Vater der Arbeiter!
Alle diese Väter sind aber nicht Spender und Träger von Liebe und Weisheit, sondern schwach und süchtig, wie der gemeine Mensch eben geboren ist, vergiftete Ausgeburten der Autorität, die in dem Augenblick von der Welt Besitz ergriff, als die erste gerechterweise auf die gebärende Mutter gestellte paradiesisch-unseßhafte Gesellschaft durch die Familie und Sippe verdrängt worden war.“
„Wodurch aber wollt ihr die Herrschaft von Vater und Familie ablösen?“
„Durch das Regiment der Selbsterkenntnis und Liebe,“ rief der Greis. „Du mußt mich recht verstehen! Die Machtsucht, der Trieb, über andere zu herrschen, sich in ihrer Demütigung zu spiegeln und vor ihnen groß zu sein, ist ebensowenig dem gesamten Menschengeschlecht eingeboren wie dem Einzelnen. Das Kind in seinen ersten Jahren lebt im ruhigen Austausch mit der Umwelt. Erst wenn es die Unterdrückung durch den Hochmut der Erwachsenen, die Erniedrigung durch den egoistischen Eigenwillen der Eltern erfährt, erleidet seine Seele den unverbesserlichen Schaden, der jenes krankhafte Fieber erzeugt, das Machtwille, Ehrgeiz, Siegsucht und Menschenhaß heißt.
Und wie im Individuum, so in der ganzen Menschheit. Der selige Urzustand, die aurea aetas der Alten, das Paradies der Religionen, war die ursprüngliche gesund-nomadische Form des menschlichen Beieinanderlebens gewesen.
Da erhob sich der erste Vater über seine schwachen Söhne und spannte sie vor die neue Pflugschar, die ein hoher, wenn auch doppelsinnig-versucherischer Genius konstruiert hatte. Und siehe! Nicht mehr waren die Knospen und Sprößlinge des Menschengeschlechtes Kinder, nicht mehr Kinder der freien Mutter, die verehrt und heilig gehalten, den Samen wählte, der sie befruchten sollte. Die Kinder der Mutter waren zu Söhnen des Vaters geworden, des Vaters, der nicht in neun Monaten der mystischen Prüfung ein neues Leben mehr lieben lernte, als sich selbst, sondern in einem kurzen Kitzel den bald vergessenen Lebenssaft verspritzt hatte.
Die patria potestas, die Autorität, ist eine Unnatur, das verderbliche Prinzip an sich. Sie ist der Ursprung aller Morde, Kriege, Untaten, Verbrechen, Haßlaster und Verdammnisse, gleichwie das Sohntum der Ursprung aller hemmenden Sklaveninstinkte ist, das scheußliche Aas, das in den Grundstein aller historischen Staatenbildung eingemauert wurde.
Wir aber leben, um zu reinigen!“
„Durch welche Waffen wollt ihr die Autorität vernichten und den Zustand der Selbsterkenntnis und Liebe heraufführen?“
Chaim Leib Beschitzer, so hieß der alte Mensch, hob seine Arme drohend empor, seine hellen Augen, rotgerändert, glänzten vor Haß. Er rief:
„Durch Blut und Schrecken!“
„Bravo!“
Ich stampfte auf, fast besinnungslos vor Wut und Lust, alle klirrenden, krähenden Hähne von Vätern anzuspringen. Der Greis deutete auf die Tafel. — Formeln von Ekrasit, Lyddit, Ammonal, von allerhand Dynamitmischungen waren zu erkennen.
Seine tiefe Stimme sprach jetzt etwas leiser: „Wir haben überall unsere Vorposten und Vedetten. Es ist kein Unternehmen und Beruf mehr, wo unsere Missionäre nicht tätig sind. Schon in den Volksschulen wiegeln wir die Kinder gegen die Lehrer auf. Dich aber haben wir ausersehen, unter denen zu kämpfen, die alle Armeen der Welt in Brand gegen die Machthaber setzen. Du hast als Offizier in Galizien heimlich Sabotage getrieben. Wir wissen, daß du keinen Umgang mit Gleichgestellten gepflogen hast, auch die Güte, die du deiner Mannschaft entgegenbrachtest, ist uns bekannt.
Dies alles aber war noch Geschehenlassen und Dulden!
Willst du endlich wagen und tun?“
„Ich will!“
„So tritt in unseren Kreis,“ rief er mit der ernstesten Miene, „und versprich uns in die Hand (da wir den Schwur verwerfen) im Namen deiner Liebe zum Guten, zur Wahrheit und Zukunft des Menschengeschlechts versprich uns, niemals Verrat zu üben, niemandem unsere Namen, unsere Schlupfwinkel, Pläne, Geheimnisse, Reden kundzugeben. Ebenso werden auch wir deinen Namen, deinen Stand, deine Reden, Pläne und Geheimnisse bis zum letzten Blutstropfen wahren. Wer von uns beiden und allen anders handelt, verfällt dem Tode, den über ihn das geheime Tribunal beschließt!“
Beschitzer schwieg.
Alle Männer gaben mir, starren Blicks, die Hand.
Ich hatte Kameraden. Das erstemal im Leben fühlte ich den Stolz der Solidarität.
Es gab Brüder, die mich in ungeheure Ideen einweihen würden, deren Kampf mein Kampf war, den ich nun endlich beginnen wollte.
Der Alte hob mit angeekelten Fingern meinen Säbel auf:
„Da nimm! Morgen erwarten wir dich wieder in unserer Mitte. Schon in den nächsten Tagen werden die Aufträge des Zentralkomitees einlangen.“
Er winkte Herrn Seebär. Wir beide verließen dieses Zimmer und traten in ein anderes, das hellerleuchtet heiser lärmte. Betäubt stand ich in der Türe. Was waren das für Gesichter, für Gestalten, die verzerrt um den grünen Spieltisch drängten, auf dem Roulette und Gold rollte!
Wo hatte ich diese Gesichter schon gesehen?
Der Chinese, höflich, mit unbewegtem Grinsen, hielt die Bank. Ein Neger im weißen Flanellanzug zählte lippenwälzend Geld, das vor ihm lag, ein Herr in gewiß geliehenem Frack saß starr da und schielte auf seine Hände, die wie ein Haufe blutbesudelter Leichen vor ihm lagen. Ein Matrose, der seine Seefahrts-Löhnung verspielt zu haben schien, kroch unter den Tisch, wie um ein weggerolltes Goldstück zu suchen, fuhr kerzengerade empor und kroch wieder unter den Tisch. Diese Bewegung wiederholte sich hundertmal. Einen pfiffigen Kerl sah ich mit lues-zerfressener Nase, der gleichmäßig spielte. Ein gieriger, schlechtrasierter Mensch in Meßnersoutane, der eben vom Glockenläuten gekommen zu sein schien, hatte seine Barschaft beträchtlich vermehrt. Ein paar andere Gespenster noch spitzten blaß nach der rollenden Scheibe, während sie ihre Farbe und Nummer riefen.
Ein Mann aber in fremdartiger Uniform beherrschte riesig den Raum. Breitbeinig und furchtbar stand er da. Er konnte ebenso napoleonischer Gardist, wie Kinoausrufer, Opernsergeant oder italienischer Gendarm sein. Er hatte den ganzen Einsatz verloren. Tabaksgeifer rann von seinem Munde, dessen Lippen eine lang schon ausgegangene Zigarette zerpreßten.
Langsam ballten sich seine knolligen Hände zu Fäusten und fuchtelten unter der Nase des Chinesen, der höflich achselzuckend vom Croupieren nicht aufsah, und den verschnürten Lackel, dessen offener Mund jetzt ein gelbes Pferdegebiß sehen ließ, gleichmütig tröstete.
Seebär zog mich bei der Hand aus diesem Raum fort. Jetzt standen wir in einem dritten Zimmer. Es war achteckig und verriet ein hohes Turmgemach.
In der Mitte stand ein dreifußartiges Gefäß, auf dem ein Feuer mit kleinen Kohlen glühte. In die acht Wände dieses Gewölbes waren tiefe Nischen eingelassen und in diesen Nischen knapp übereinander sah ich je vier Ruhebetten, auf denen Menschen starr wie in der Totenkammer lagen.
Manchmal bewegte sich einer.
Blicklos, aus Sternenwelt her, stierten ruhig mich verglaste Augen an.
Um das Feuer schlichen Gestalten, die kleine Kohlenstücke holten, die sie auf ihre duftenden Pfeifen mit den flachen Köpfen legten.
Alle diese Männer waren alt, zu Schatten gemergelt, alle trugen sie feierlich schwarze Schlußröcke, deren Stoff abgeschabt und schon wie Zunder war.
Sie alle unterschieden sich durch nichts von meinem Führer Seebär. Waren auch sie taubstumm? — Lautlos umwandelten sie das Feuer, holten sich ihre Kohlen und verschwanden, jahrtausendalte Assyrer, in den Felsengräbern der Nischen.
Von Zeit zu Zeit kam der Chinese, sah nach dem Rechten, belebte das Feuer, räumte die Pfeifen weg, die denen entfallen waren, die schon durch die Wonne-Landschaften schwebten, oder schob eine der Bettladen vor, um nach dem Schlafstand eines Berauschten zu sehen, und dann glich er dem Bäcker, der prüfend ein Brot aus dem Ofen zieht und es wieder zurückstößt.
Hier nun erfuhr auch ich die Segnungen des Opiums, jenes göttlichen Mohnes, dessen Landschaften süßer als die mildeste Kindheit betäuben, dessen Barkarolen die seraphische Musik übertreffen, und dessen Verzückungen mehr begeistern, als die Liebe und der Ruhm.
Allnächtlich nun besuchte ich das alte Haus, das steilab in den schwarz sich wälzenden Strom gebaut war. Allnächtlich saß ich unter den Russen, die das unkörperliche Leben von Katakombenheiligen führten. Wir diskutierten über bedeutsame Stellen aus den Werken Proudhons, der großen Utopisten, über Probleme aus den Werken Stirners, Bakunins und der neueren, wie Kropotkin, Przybyszewski und J. H. Makay. Ich studierte mit ihnen chemische und pyrotechnische Enzyklopädien — und manche Nacht verging, während wir komplizierte Modelle neuer Bomben und Höllenmaschinen erdachten.
Ich fand unter diesen Menschen eine Sittenreinheit, eine Überzeugungstreue und Liebesfähigkeit, eine Erhebung über alles Sinnliche, eine Leidenschaft des Geistes und Todesverachtung, — daß ich oft zerknirscht bis zum Selbstmordgedanken war, weil soviel Tugend und Verehrungswürdigkeit der geringeren Natur unerträglich sind.
Ach, wer vermag allzulange die Gesellschaft von Erzengeln zu teilen!
In solchen Augenblicken der Selbstverwerfung schlich ich mich wohl ins Zimmer der Spieler und mischte meine Stimme unter die Gurgelrufe, die der Bahn der Glückskugel folgten.
Meist hatte ich unter diesen verzerrten Gesellen, von denen jeder ein ausreichendes Verbrechen am Gewissen haben mußte, Glück im Spiel.
Selbst behielt ich aber nur wenig von dem Gewinn und legte die größere Hälfte in die Hände des alten Beschitzer, dem nicht wie Söhne, sondern wie Kinder die Russen anhingen.
Oft auch gab ich mich in einer Grabkammer des Turmgewölbes dem Opium hin.
Die glückseligen Träume des Mohnrausches sind unbestimmt und nicht zurückzurufen. Die Erinnerung bewahrt von ihnen keine Anschauung, nur eine ferne, süße Empfindung; ähnlich ist es, wenn wir plötzlich glauben, das Bewußtsein einer früheren kindhaft leichten Existenz dämmere in uns auf.
Die Bilder, die ich sah, vermag ich mir nicht mehr vorzustellen. Aber, wenn ich schlaff, wie nach ungeheurem Blutverlust, von der Schlafmatte stieg, bemächtigte sich regelmäßig folgende Phantasie oder Vision meiner, als wäre sie ein abgeschwächtes Echo, ein leises Coda des großen unverratbaren Traumthemas:
Auf einer Bühne — nein es ist ein Kasernenhof, — steht ein baumlanger, wilduniformierter Kerl, (der Kinoausrufer oder napoleonische Gardist der Spielhölle). Er schwingt eine riesige Peitsche über ein ganzes Heer von Rekruten, die in einförmigem Rhythmus Kniebeugen machen. Viele Gesichter sind darunter, die ich kenne. Der chinesische Hauswirt, Beschitzer, die anderen Russen, der Matrose, der allnächtlich sein Geld verspielt, Kameraden aus der galizischen Garnison, aber auch Frauen — ich sehe meine Mutter. Sie ist bloßfüßig, doch trägt sie das neue modische Straßenkostüm.
Die Peitsche saust!
Auf und nieder, auf und nieder heben und senken sich die Gestalten in der Kniebeuge.
Der riesige Flegel krächzt kurze Kommando- und Schimpfworte weithin in den hallenden Raum.
Da schwebt eine entzückende, immense Seifenblase vom Himmel nieder. Es ist der geistige Planet — („l’etoile spirituelle“ sage ich vor mich hin). Auf seiner irisierenden Glasur malen sich heitere Kontinente, blumenspeiende Vulkane, liebreizende Meere, Vegetationen von ungeahnter Vielfalt und Zartheit.
Langsam sinkt dieser selig elfendünn gewobene Ball hinab, jetzt zittert er über dem Haupt des Peitschenschwingers, jetzt berührt er es, wie ein Hampelmann zerreißt die ungeschlachte Figur nach allen vier Seiten und verschwindet. Aber auch die himmlische Seifenblase ist zersprungen und auf die Erde, auf alle Geschöpfe, die jetzt aus der entwürdigenden Kniebeuge emportauchen und aufrecht dastehen, fällt ein berückender Regen, unter dessen Tropfen unbekannte Palmen, Lianen, Pinien, Gingobäume aufwachsen und eine unerhörte Blumen- und Duftwelt sich entfaltet.
Ich aber wandle unter Millionen schönschreitenden Geschöpfen durch diesen maßlosen Garten mit meiner Mutter, die jetzt goldene Schuhe trägt.
Inzwischen war aus Rußland vom geheimen Zentralkomitee die Weisung über meine Verwendung eingetroffen. Beschitzer öffnete vor meinen Augen den Umschlag, der aus Moskau datiert war und einen gleichgiltigen Geschäftsbrief auf Firmenpapier enthielt.
Die Zuschrift wurde in eine Lauge geworfen, die Schreibmaschinenschrift verschwand, ein Stempel wurde sichtbar, der eine rote Hand in einem Flammenkreis zeigte, und folgende Ordre trat zutage:
Geheimes und Internationales Zentralkomitee
Sitz Moskau
Moskau, am 5. Mai 1913.
An den Leiter der Donau-Sektion.
Leutnant Duschek soll keinesfalls aus dem Heeresdienst ausscheiden. Er ist, wie in einfacher Konferenz beschlossen wurde, als Propagandist bei der Armee zu beschäftigen, zu welchem Behufe er gebeten wird, bei möglichst vielen Truppenkörpern als Offizier zu wirken.
Unterschrifts-Chiffre Stempel
Ich meldete mich bei meinem Kommando krank und erhielt einen mehrwöchentlichen Urlaub.
Sofort begann ich meine Tätigkeit.
Am Samstag abend und Sonntags machte ich mich in Tanzsälen, Schänken, Vergnügungspärken, Kinos, Sportplätzen und Ausflugsorten an Soldaten heran. Ich ging nach folgendem System vor:
Zuerst prüfte ich die Gesichter. Erblickte ich eines, das unzweifelhaft durch das dritte Jahr des Dienstes gezeichnet war und dessen Eigentümer weder eine Charge, noch eine Richt- oder Schießauszeichnung besaß und nicht stumpf, sondern mit jener verächtlichen Verbitterung dreinsah, für die mein Auge sehr geschärft war, so sprach ich ihn an. —
Zuerst erschrak er (denn ich war ja ein Herr Offizier), dann wurde er mißtrauisch, schließlich aber, halb ärgerlich, halb geschmeichelt, faßte er Mut, denn ich erzählte ihm, ich wäre sehr arm und hätte von meiner Leutnantsgage meine alte Mutter zu erhalten. Ich schilderte beweglich mein Elend, daß ich gezwungen wäre, die Zigaretten meiner Fassung zu verkaufen und kaum alle heiligen Sonntage dazu käme, selbst eine Zigarette zu rauchen, denn ein Schuldenmacher, wie die anderen Herren zu sein, das brächte ich nicht übers Herz.
Der Mann dachte sofort: „Da sieht man’s. Die großen Herren! Da haben wir’s ja, was hinter all der Aufdraherei, Schinderei und Schreierei steckt! Ein armer Hund, der sich schmutziger durch die Welt bringt, als unsereins. Wenn ich wieder im Zivil bin, habe ich mein Auskommen als Knecht, Raseur, Tischler, Maurer, Selcher usw. Und der da? Freche Bettler sind sie alle zusammen! Mir soll dann nur einer begegnen! Zweimal wird er mich nicht anschaun.“
Ich ging so eine Weile neben dem Gemeinen hin und sprach gehässig über die Offiziere und Feldwebel, besonders aber betonte ich, daß sie alle bestechlich seien und die Mannschaft um ihre Gebühren betrügen, indem sie die besten Lebensmittel und Sorten auf die Seite zu bringen wissen.
Das gefiel dem Mann; es war seine eigene Ansicht und er fing an, nach Beispielen und Belegen zu suchen. Plötzlich fragte ich ihn nach seiner letzten Bestrafung. Er geriet in Feuer und Wut, erzählte irgend ein Vergehen und brach in wilde Beschimpfungen gegen den Hauptmann Kallivoda, den Oberleutnant Gamsstoitner, diesen Hund, aus, gegen all’ die Namen, die mein eigenes Blut empörten.
Nun war er gänzlich warm geworden. Ich erwischte den günstigen Augenblick und bat ihn um eine Zigarette.
Halloh! Da war er ganz oben! Dem „Herrn“, dem ewig Unnahbaren eine Zigarette schenken, das schmeichelte, das war Wohlgefühl und Triumph über den aufgeblasenen Halbgott, der ein armer Lump, ein Stinker und ein Nichts ist.
Ich dankte für die Zigarette. Nicht jetzt würde ich sie rauchen, — später.
Der Mann wurde mitleidig und ich hatte ihn gewonnen.
„Das ist doch ein anderer,“ dachte er, „der hierher kommt und mit den Leuten lebt. Ich spuck mehr auf ihn, als er auf mich.“
Und jetzt begann ich mein Werk.
Und ich war erfolgreich, denn in kurzer Zeit hatte ich zwei Burschen zur Desertion verleitet und durch einige andere manch Tausend aufreizender Flugblätter in den Kasernen verteilen lassen.
Die Gefahr, die dieses Treiben für mich bedeutete, machte mich glücklich und zufrieden. Ich hatte einen Lebenszweck, das wagemutige Geheimnis erhob mich fast zur heiligen Schulterhöhe der Russen.
Aber es war noch ein anderes neues Gefühl, stärker als Haß und Rachsucht, das mich beflügelte und tollkühn machte. —
Vor wenig Tagen hatte ich sie das erstemal gesehen. Sie war über die Schweiz gekommen und lebte nun dasselbe geheimnisvolle, fast unphysische Leben wie die anderen Russen.
Nun! Wie soll ich Sinaïda beschreiben? Ich selbst bin ja „erwacht“, „gesund geworden“ und mein Gedächtnis kann kaum mehr die furchtbaren Überschwänglichkeiten meiner Jugend wiederholen.
Sinaïda! Ihre Landsleute gingen mit ihr um, wie die Getreuen mit einer Königin in der Verbannung umgehen. Das Geheimnis irgend einer Tat ruhte auf ihr, das einen unüberschreitbaren Abstand erschuf. Sie sprach fast niemals, und dennoch war der Zeiger aller Reden immer auf sie gerichtet, ihr Blick war ein ernsthaftes Starren, das immer ein wenig an dem vorbeireichte, den sie ansah.
Es war keine Spur von chargierter Schlamperei an ihr, ihr dunkles Haar war keineswegs kurzgeschnitten, ihre Kleidung wohlberechnet und anmutig.
So erwachsen ich auch war, die Liebe hatte ich noch nicht kennengelernt. Die Erzählungen meiner Kameraden von ihren Abenteuern hatten mir immer nur Ekel bis zum Brechreiz eingeflößt.
Allein, ich kannte die entsetzlichen Leidenschaften der Schwärmerei, die seelenzersprengenden, lebenverwüstenden.
Sinaïda übte auf mich eine zwiefache Macht aus. Die wie nach einer schrecklichen Anstrengung schneeweiße Stirne, der starre Blick, die zarten fast ironischen Schatten um die Mundwinkel zeigten, daß diese Frau nicht nur Leben hinter sich hatte, sondern etwas weit Höheres, Heiligeres, eine Tat, eine Aufopferung, ein Geheimnis, von solcher Würde, daß keiner jemals davon zu sprechen wagte. Dieses Geheimnis, als ein unbegrenztes moralisches Übergewicht, demütigte mich süß und schrecklich.
Und — sie war schön, mehr noch als das, viel mehr — Zauberei! Ihr Gesicht zu ertragen, schien für mich fast unmöglich. Wenn ich es eine Zeitlang anzusehen wagte, war mein Herz ausgepumpt, meine Glieder müde wie nach einem stundenlangen Ritt.
War aber der eine Pol meiner Empfindung jene moralische Demütigung, ein Geschöpf höherer Art, als ich es bin, vor mir zu sehen, so der entgegengesetzte Pol viel umfaßlicher, kaum zu begreifen.
Die Schönheit Sinaïdas war eine wesenlose Entzückung, die ihrem Kleid die süße Form gab, selbst aber Zephyr, Geist, Schwingung zu sein schien. Und doch — es war fast klar — sie hatte ein Gebrechen, wenn auch von zartester, unauffälliger Natur. Es schien, daß sich ihr Schritt nach der einen Seite etwas neigte, kaum merklich, aber in manchem Augenblick unverkennbar.
Dieses Unregelmäßige in dem Rhythmus ihrer Erscheinung (Hinken es zu nennen wäre zu viel und zu profan), dieses zarte Gebrechen riß mich hin, brachte mich um Verstand und Bewußtsein.
Der Gegensatz von ihrer Lebensüberlegenheit und Gebrechlichkeit erzeugte in mir einen magischen Strom von solcher Macht, daß ich jede Herrschaft über mich selbst verlor.
Und doch! Liebe wagte ich dieses Gefühl nicht zu nennen. Anbetung und Verwirrung! Diesen unirdischen Leib, dieser überirdischen Seelenkraft wollte ich nichts anderes sein als Knecht, Türhüter und Hund!
Dennoch! Beweisen wollte ich mich, ihr nicht nachstehen, die Glorie eines Geheimnisses auf mein Haupt versammeln, auch ich!
Sinaïda selbst behandelte mich so, wie Frauen einen Lebensanfänger behandeln.
Sie übersah mich.
Ich verdoppelte meine Anstrengungen in der Verhetzung der Soldaten. Es war ein Wunder, daß man mich noch nicht angegeben und ertappt hatte. Fast aber — um Sinaïdas willen, — sehnte ich eine Katastrophe herbei, die mich vor der Welt der Ordnung zum Verbrecher erniedrigen, vor ihr aber zum Märtyrer erhöhen sollte.
Eines Tages, als ich wieder eine Seele gefangen hatte und eifrig redend neben einem Gefreiten ging, der mir gestand, schon selbst einmal eine Meuterei angezettelt zu haben, wurde ich von rückwärts angerufen: „Herr Leutnant!“
Ich zuckte automatisch zusammen.
(Dieses Zusammenzucken werde ich und keiner, der einen langen Militärdienst geleistet hat, je überwinden können.)
Ich drehte mich um — ich, der Revolteur, — und blieb in Vorschriftshaltung stehen. Der General, der mich gestellt hatte, war mein Vater! Mit böswilligem Wohlgefallen an sich selbst, hüftenwiegend, trat er näher. Einen Handschuh hatte er abgestreift und trug ihn zugleich mit einer Reitgerte, die er regelmäßig gegen den Schenkel schlug, in der Hand. Sein Auge kniff ein schwarzrandiges Monokel, dessen absichtsvoll breite Schnur ausladend herabhing.
„Ah, du bist es,“ höhnte er, „das hätte ich mir gleich denken können!“
Wo war mein Mut? O Sinaïda!
Stramm stand ich und trank die Worte eines Vorgesetzten.
„Bist du nicht oft genug darüber belehrt worden, daß Offizieren der außerdienstliche Umgang mit Mannschaftspersonen untersagt ist? Hast du nicht selbst genug Verstand, um einzusehen, wie schädlich diese falschen und ungebührlichen Vertraulichkeiten für den allerhöchsten Dienst sind?
Aber dich kenne ich schon!
Sieht man dich einmal, so geht es ohne Anstand nicht ab. Weißt du — dich möchte ich unter meinen Leuten nicht haben, Gott bewahre! — Aber stündest du unter meinem Kommando, so könnte dir der Teufel gratulieren! Ich wollte dich aufmischen, mein Lieber!“
Er sah auf die Uhr.
„Wo steckst du, was treibst du?
Jetzt ist es erst halb fünf. Bist du schon dienstfrei, gibt’s keinen Kurs, hast du das Recht, zu flanieren? Wenn ich das zweitemal auf Unregelmäßigkeiten komme — du — mit mir wage nicht zu spaßen! Hörst du? Ich verlange soldatische Haltung, soldatische Pflichterfüllung von dir! Und, was ich sonst noch zu sagen habe — — — na, merk’ dir’s! Servus!“
Er fuhr mit gebogenem Zeigefinger halb gegen die Kappe, ließ mich stehen — und, — Satan — ich salutierte betreten und stramm.
„Ihm nach, ihm nach,“ — es riß mit mir, als ich zu Bewußtsein kam, — „und in den Straßendreck mit dir! Mörder, Seelenverkäufer, Menschenschinder, ungebildeter Frechling, roher Schwachkopf!“
Ich stand wie auf einem schwankenden Segelboot. Doch plötzlich fiel mir Sinaïda ein. Kränkung und Wonne gaben einige erleichternde Tränen her. Ich hörte mich murmeln: „Es kommt der Tag!“
Allabendlich, knapp nach dem Dunkelwerden, pilgerte ich zu meinen neuen Freunden.
Traumhafte, stundenlange Gänge durch die Nacht, die ich entweder allein oder in Begleitung Herrn Seebärs zurücklegte. Ob es mehr war als Spiel und Opium, was den taubstummen Bücherrevisor in jenes mysteriöse, auch für mich niemals übersichtliche Haus zog, das habe ich nie erfahren können.
Diesmal empfing mich der Chinese erregt und unruhig. Er winkte mir geheimnisvoll, zupfte mich und öffnete eine Falltüre. Seine Blendlaterne leuchtete mir eine Seitenstiege hinab. Ich gelangte über unwegsame Stufen in einen Keller. — Ein riesiges, feuchtes Gewölbe, dessen Größe gar nicht abzumessen war! Vermutlich die alten Kellereien der Abtei auf dem Berge.
Um einen Tisch, auf dem Windlichter standen, denn es wehte hier scharf, saßen in feierlicher Ordnung die Russen. Beschitzer präsidierte. Sein Gesicht, vor innerer Bewegung, war noch wächserner als sonst, ohne Falte, ja ohne jedes vergnügte Äderchen des Lebensgenusses. Ich bemerkte die außerordentliche Schmalheit seiner Nasenwurzel, diese edle Nase mit der schärfsten Spitze, die man sich denken kann. So spitzige Nasen im guten und schlechten Sinn trifft man immer bei theologisch gerichteten Menschen an.
Ihm zur Seite saß Sinaïda, die strenger als sonst über mich hinweg sah; ihre zerbrechlichen Hände schimmerten in den schleimigen Ausstrahlungen des Raumes.
Am unteren Ende des Tisches wartete schon ein Stuhl auf mich. Chaim winkte mir. Ich setzte mich nieder.
Keiner unterbrach auch nur durch ein Zucken der Wimper das erhabene Starren. Niemals hat mich die gesammelte Gewalt so vieler mächtigen Seelen mehr erdrückt, als in dieser endlosen Minute des Schweigens, das nur durch die greisen, knorrigen Atemzüge des uns zu Häupten arbeitenden Stromes unterbrochen wurde.
Endlich setzte Beschitzer einen verbeulten Zwicker auf und entfaltete ein Schriftstück.
Er sprach zuerst einige russische Worte. Dann rief er singend und vibrierend: „Wer hätte das gedacht?“ Sein Akzent wurde fast unverständlich. „In die Arme läuft er uns!“ Nach einer Pause:
„Hört, Brüder, was das Komitee mir schreibt!“ Die Stimme des Vorlesers stockte und zitterte.
„Wir teilen Euch mit, daß der Zar am 30. Mai in W. eintreffen wird, und zwar um 7 Uhr 35 Minuten morgens in einem Sonderzug, der als langer Personenzug maskiert ist.
Die Ankunft erfolgt am Nordbahnhof, gerade in dem Augenblick, wo die beiden Gegenschnellzüge ein- und abfahren, also der größte Trubel herrscht. Für diesen Train ist das dritte Geleise, vom Ankunftsperron gerechnet, reserviert.
Der Zar reist in Zivil, ebenso wie das gesamte Gefolge, das etwa aus dreißig Herren der näheren Umgebung und aus hundert Polizeiagenten besteht, denen selbstverständlich die gleiche Anzahl schon vorausgeeilt ist.
Der Zar wird voraussichtlich einen grauen Jackettanzug mit weichem grauen Hut tragen, den Charakter eines wohlsituierten Arztes führen und einem Waggon zweiter Klasse entsteigen. Ferner ist es möglich, daß der Zar eine runde Hornbrille mit breiter Fassung tragen wird. In seiner Begleitung dürfte sich Botschafter Iswolski und Minister Sasonow befinden.
In der äußeren Ankunftshalle wird der Kaiser, der eine kleine Reisetasche selbst in der Hand hält, von einer Frau mit zwei kleineren Kindern empfangen werden, die als Familie mit lauten Worten eine innige Begrüßung zu agieren haben.
Dann begibt sich die Gruppe zu dem Autotaxameter Nr. 3720, der sich jedoch erst anrufen läßt. Neben dem verkleideten kaiserlich königlichen Chauffeur wird ein Mann in dürftigem Anzug sitzen, der Chef der dortigen Staatspolizei.
Die Familie, d. h. der Zar und die Frau mit den beiden Kindern, fahren in die Residenz von S., wo der Zar am öffentlichen Eingang des berühmten Schloßparks das Auto verläßt, welches weiterfährt. Der Kaiser, die kleine Reisetasche in der Hand, schreitet die große Taxusallee hinan und begegnet bei der zweiten Wegkreuzung um 8 Uhr 20 Minuten dem jungen Erzherzog K., der sich mit ihm ins Schloß begibt.
Es sind also zwei gute Attentatsmöglichkeiten vorhanden, von denen allerdings die letztere, weil sie weniger Menschen in Gefahr bringt, vorzuziehen wäre. Das erste Attentat müßte vor der Bahnhofshalle, und zwar am besten durch Schußwaffe aus möglichster Nähe erfolgen, das zweite vor dem Parkportal, und zwar hier am besten durch Aufschlagbombe.
Eventuelle Veränderungen in der Disposition werden durch chiffrierte Telegramme mitgeteilt werden.
Die streng geheime Reise des Zaren wird den mächtigen Zeitungsherausgebern Europas verborgen bleiben. Außer den Häuptern der dortigen Dynastie und den politischen Chefs wird niemand etwas erfahren.
Zweck der Reise ist eine Konferenz über die durch die albanische Frage verwirrte internationale Lage, die unter dem Präsidium des alten Halunken stattfinden wird.“
Eine Ewigkeit lang schwieg jeder Atemzug, während Beschitzer bedächtig, doch mit unbemeisterten Händen das Blatt zusammenfaltete. Dann hörte ich ihn leise fragen: „Wer?“
Alle Männer schnellten auf, erhoben ihre Hand und schrien: „Ich!“
Ich allein blieb sitzen.
Teilnahmslos dunkel traf mich der Blick Sinaïdas.
Sie hatte nichts anderes von mir erwartet.
Da fuhr ich empor. Der Stuhl hinter mir kippte um:
„Nicht ihr, ich, ich werde es tun.“
Raserei! Empört machten die Männer Miene, sich auf mich zu stürzen. Durcheinander schrie’s: „Wer bist du?“ „Neuling!“ „Grüner!“ „Kommisknopf!“ „Was weißt du?“ „Wen hat er dir umgebracht?“ „Bist du schon an einer Wand gestanden?“
Ich blieb fest und sagte ruhig:
„Bedenkt doch den Vorteil, wenn ihr mich wählt! Ich bin unverdächtig, ein Offizier! Überall habe ich Zutritt. Die Schloßwache präsentiert vor mir. Wenn ich mich dem Zaren nähere, halten mich die Polizeiagenten gewiß für einen Funktionär. Ich allein kann es mit höchster Möglichkeit des Gelingens vollbringen. Euch verhaften sie schon, wenn ihr nur den Kopf ins Freie steckt. Bedenkt das!“
Von neuem erhob sich der erbitterte Widerspruch der Russen.
Plötzlich wurde es still. Sinaïda hatte gesprochen:
„Er hat recht! Laßt ihn! Er soll es tun.“
Elektrischer Schlag. Sie hatte mich gewürdigt. Nun war ich Akkord und glaubte an Gott.
Der alte Beschitzer hatte das Haupt gesenkt und schien zu schlafen.
Da! Er hob die dicken gefälteten Lider, zeigte mit der Hand auf mich:
„Du!“
Die Entscheidung war gefallen. Kein Blick der Kränkung und des Neides traf mich mehr. Mit einem Male war ich über alle erhoben. Ich fühlte, wie von mir die Strahlen der Auserwählung und Todgeweihtheit ausgingen.
Ich spürte Sinaïda nahe neben mir. Sie sah mich an. Sie sprach zu mir. Ich sah — ich sah und hörte keine Worte. Sich hinwerfen! Singen! Weinen! Die Seele war mir so weit!
Im Morgengrauen begleiteten mich Sinaïda und Hippolyt Poltakow in die Stadt. Wir sprachen kein Wort. Milchwagen klingelten in die Dämmerung. Der Flieder rief schon stark von allen Seiten.
Zwei Abgeschlossenheiten wanderten wir nebeneinander, sie und ich, jedes für sich, unerreichbar dem andern, zwei eingemauerte pochende Leben, die nie ineinander werden verfließen können.
Und doch! Eine Heilige, mit ihrem Haar hat sie die Füße des Jesus getrocknet.
Der Morgen, nicht nur für diese Erde geschaffen, schwebte hinab und wieder zur Höhe. Sinaïdas Schritt klang mit seiner zarten Ungleichmäßigkeit auf der harten Straße, wie auf einer mächtig gespannten Saite.
Ganz leicht, in der fernsten Ferne meiner Selbst, hörte ich den heiligen Marsch. Ja, den Marsch des mystischen Militärs, das alla marcia der Neunten Symphonie, ich hörte es nahen.
Ach, noch in der Unendlichkeit der unsichtbaren Sternbilder fielen die Paukenschläge und wiegten sich die schwebenden Schritte der Zahllosen. Aber näher wälzt sich schon das Meer der leichtfüßig Geharnischten. Ein Schuß, eine Explosion! Das Leben kommt mit dem Schrei eines erwachenden Ohnmächtigen zu sich und begräbt in den Tiefen seines erlösten Stroms die Trümmer der Individuen. Dann werde ich eins sein mit ihr, eins auch mit dem Feind, dem Vater!
Die nächsten Tage verbrachte ich in der angestrengtesten Weise mit den Vorbereitungen zum Attentat. Ich hatte das Parkportal in S. gewählt.
Ich nahm an, daß die große Taxusallee am Morgen des 30. Mai für das Publikum gesperrt sein würde, während der Platz vor dem Eingang dem Verkehr offenbleiben dürfte, um jedes Aufsehen zu vermeiden. Zur Vorsicht wollte ich aber in dem großen Hotel, das dem kaiserlichen Sitz gegenüberlag, übernachten, um zu jeder Zeit, als gehörte ich zu den Aufsichtsorganen, auf den Platz hinaustreten zu können.
Sollten die Gäste des Hotels unter Kontrolle stehen, so würde der bekannte Name, den ich trug, gewiß kein Mißtrauen erregen.
Mein Plan war bis in die letzte Möglichkeit einer Überraschung ausgearbeitet. Zur Vollstreckung des Todesurteils hatte ich eine Wurfbombe mit höchst brisanter Ladung gewählt.
Fünf Tage nur trennten mich von dem großen Datum. Die ersten zwei brachten Ereignisse von Wichtigkeit für mich. Sinaïda hatte plötzlich meine Hand ergriffen. Eh’ ich aber noch ein Wort sagen konnte, war sie mit einem gequälten Gesicht davongegangen und ließ sich an diesem Abend nicht mehr blicken.
Zum Zweiten hatte mich um die nächste Mittagsstunde ein Mann in etwas arrangierter Vernachlässigung angesprochen und sich nach seinem Freunde Beschitzer erkundigt, mit dem er gemeinsam in London, wie er vorgab, das „Comité de l’action directe“ geleitet hatte.
Er sei ein alter „Kamerad“, versicherte er, einer der Ältesten überhaupt, hätte zuletzt in der Omladina gewirkt und würde mir sehr dankbar sein, wenn ich eine Zusammenkunft zwischen ihm und dem alten Chaim vermitteln wollte, dessen Aufenthaltsort er nicht wüßte.
Ich fuhr den Mann an, wie er es wagen könne, einen Offizier zu belästigen, und ließ ihn stehen. Sollte man mir auf der Fährte sein? War das einer der vorausgesandten russischen Spitzel? Ein Fremder wußte von mir. Unter den tausend Leutnants auf den Straßen hatte er mich herausgefunden. Ich war gewarnt und unterließ es an diesem Abend, das Haus der Verschwörer aufzusuchen. Unruhe verlieh mir eine übermäßige Wachheit. Ich musterte alle Vorübergehenden scharf — und es war mir, als wären hundert Verfolger unter ihnen.
Das dritte denkwürdige Ereignis war ein Brief der Generalin, meiner Stiefmutter. Hier ist er:
„Mon cher! Warum beleidigen und agacieren Sie Ihren Vater durch andauernde Nichtachtung und Nichtbeachtung? Damit handeln Sie vor Gott und den Menschen nicht recht.
Ihr Vater ist Ihr Wohltäter!
Vergessen Sie das nicht! Er selbst hat es mir in einer Stunde erbitterter Kränkung über Sie versichert.
Sie sind ihm Dank schuldig. Er hat Ihnen das Leben gegeben. Er hat Ihnen eine standesgemäße Erziehung zuteil werden lassen, seine Aufmerksamkeit nie von Ihnen abgezogen, und Sie gefördert, wo es nur anging.
Und wie haben Sie es ihm vergolten? Durch Kälte, Indolenz und durch eindeutiges Fernbleiben!
Sollten Sie allein es sein, der nicht weiß, daß Feldmarschalleutnant Duschek nicht nur einer der ausgezeichnetsten Führer unserer Armee, sondern auch der beste Mensch ist, der überhaupt lebt?
Und dann! Ihr Vater ist krank, sehr schwer krank, und Gott allein weiß, ob er uns lange noch erhalten bleibt.
Hüten Sie sich vor der Reue, die einst dem ungetreuen Sohn schwer auf der Seele lasten müßte. Noch ist es Zeit, vieles gut zu machen, durch einen herzhaften, gütigen Schritt Mißverständnisse aus dem Weg zu räumen. Noch ist Zeit! Das ist es, was ich Ihnen in mütterlicher Freundschaft sagen wollte.
Ihre Natalie.“
Ich warf den Brief wütend in einen Winkel. Wohltäter? Über diese ungeheure Frechheit hätte man sich totlachen können! Aber — er ist krank, — und ich wußte es nicht.
Welche Leiden muß er wohl in den Nächten erdulden? Vielleicht hilft ihm Brom und Morphium nichts mehr.
Und dann! Er, der Unnahbare, Souveräne, der Drübersteher, er leidet unter meiner Kälte und Vernachlässigung? Also muß er ja nach meiner Wärme und Teilnahme Verlangen tragen!
Wie ist das? Er besitzt in mir seinen Sohn. Aber wünscht er sich nicht einen Sohn, der seine Interessen teilt, der ihm gefällt, elegant und erfolgreich ist, ein Offizier von Chic und Schneid, der mit ihm über das Mai- und Novemberavancement plaudert? Dieser Sohn bin ich nicht. All das, was ihn angeht, was seine Sphäre ist, hasse ich!
Aber er, er allein ist schuld an meiner Feindschaft. Hat er mich nicht nach seinem Bild gedrillt, mich in seine Fußstapfen gezwungen, kalt, herrisch, unverständig meine Jugend in ein Zuchthaus verdammt?
Rache dafür!
Halt! Welch ein Gedanke? Er, der kranke Mann, leidet unter meiner Kälte? Ist es möglich? War seine abweisende Haltung gegen mich von jeher nur die Folge meiner abweisenden Haltung gegen ihn?
Unmöglich! Und doch! Ein Kind kann ja tief beleidigen! Oder — stehen wir beide vor einem unbegreiflichen Gesetz, uns in der Ferne suchen und in der Nähe hassen zu müssen.
Ich verjagte diesen für mich gefährlichen Gedanken. Denn ich fühlte, wenn die geringste Regung für meinen Vater (den alten, kranken Menschen) mich erfaßte, — ich könnte meine Tat im Stiche lassen, — und — selbst — Sinaïda!
Am Morgen des 27. Mai ging ich mit meinen Freunden in die Auen des großen Stroms hinaus. Die neuen Bomben sollten ausprobiert werden.
Es war eine wundersame Wildnis, wo wir Halt machten. Wildgänse, Reiher, Störche zogen über uns dahin. Libellen und Milliarden Insekten zitterten über den Urverschlingungen dieses Dschungels, der nur ein wenig seitab von der Weltstadt lag.
Die Explosion verwundete einen großen fasanenartigen Vogel, der aus den Ästen einer Esche ins Gras fiel und tiefsinnig regungslos mit den offenen Augen der Erkenntnis liegen blieb.
Schweiß der Scham und des Verbrechens brach mir aus allen Poren. Wie habe ich gestern noch mich als Erlöser gefühlt?!
Nun hatte ich ein Fleckchen dieses Sterns mit Blut gefärbt. Von diesem Augenblick an erfaßte mich das Bewußtsein meines Vorhabens mit ganzer Wucht. Ich ertrug weder zu sitzen, noch zu stehen. Meine Glieder zitterten. Mich peinigte ein unlöschbarer Durst. Ich trank ein Glas Wasser nach dem anderen. Ich floh zu den Träumen des Opiums. Als ich ermattet das achteckige Turmgewölbe verlassen wollte, stand ich plötzlich vor Sinaïda. Auf ihrem bleichen Gesicht fand ich neue Schatten. Sie trug einen großen Bernsteinschmuck, der dumpfe Strahlen warf.
Schreck und süßes Herzklopfen nahmen mir den Atem:
„Auch Sie?“
„Auch ich, seitdem mich die Furien verfolgen.“ Sie verschränkte die Finger ineinander, als wollte sie sie zerbrechen.
Ich faßte Mut:
„Warum haben Sie vor zwei Tagen meine Hand genommen und sind dann fortgelaufen, Sinaïda?“
„Ich habe Mitleid mit Ihnen gehabt. Sie sind ein Kind, ein kleines Kind!“ „Wieso denn Mitleid?“
„Sie haben mehr auf sich genommen, als Sie wissen!“
„Attentat?“
Sinaïda sah mich langsam an:
„Wie unsachlich sind doch die Männer, die Sachlichen, die Objektiven? Noch kein Mann hat etwas Gutes und Schlechtes, etwas Großes oder Niedriges aus einem anderen Grunde getan, als sich selbst zu erhöhen. Was sind denn all eure Entschlüsse und Taten wert? Ich habe noch keinen Mann gesehen, der wirklich gelitten hätte! — Ihr könnt an nichts anderem leiden, als an der Erniedrigung eurer Persönlichkeit. Und darum mißhandelt ihr die Welt so!“
„Gibt es denn ein anderes Leiden?“
„O, es gibt nur ein Leiden. Dieses Wort müssen Sie aber sehr weit verstehen! Das Leiden der Mütter!“
„Kennen Sie dieses Leiden, Sinaïda?“
„Ich kenne dieses Leiden.“
„So sind — so — so waren Sie selbst Mutter?“
Sinaïda fuhr langsam mit der Hand über ihr Haar. Dann sagte sie sehr einfach: „Nein!“
Als ich schwieg, sah sie mich mit in der Ferne beschäftigten Blicken an.
„Nein, ich war niemals Mutter — und — und — ich werde es jetzt auch niemals mehr werden.“
„O Sinaïda!“ Ich hätte auf die Knie fallen mögen. Diese Heilige! Ich sagte:
„Alles, alles wird Ihnen in Erfüllung gehen!“
Sie zog ihre Hand zurück, die ich nehmen wollte:
„Nein! Niemals mehr! Ich bin im Vorjahre schwer krank gewesen! Seither ist diese Hoffnung vorbei. Im übrigen die gerechte Strafe.“
„Strafe?“
Sie schloß die Augen.
„Ja und sehr gerecht.“
Plötzlich sagte sie mit leichterer Stimme:
„In zwei Tagen werden Sie einen Revolver abdrücken! Aber ich warne Sie! Klopft es in Ihrem Zimmer des Nachts, als wären die Wände hohl? Sind Sie in der Dämmerung auf der Hausstiege einem alten Herrn begegnet, der ein trauriges Gesicht macht und dessen Schritte lautlos sind? Meist trägt er einen unmodischen Zylinder. Seine silberne Uhrkette funkelt.“
„Was fragen Sie da?“
„Kennen Sie die Oper Freischütz?“
Freischütz! Ich hörte dieses Wort. Immer wieder begegnet es mir. Ich sah den Vater vor mir, nicht weißhaarig, nein, mit jenem vergangenen gelben Gesicht.
„Ah! Gewiß kennen Sie diese Oper! Da zielt einer — ich weiß nicht mehr worauf — aber, er trifft seine Geliebte. Zum Schluß wird alles gut, weil sich der Himmel einmischt. Aber dennoch, die Freikugel wird von den Mächten gelenkt, höhnisch gelenkt von den Mächten, die in unseren Wänden klopfen, die uns auf den Treppen begegnen....“
„Haben Sie Furcht, ich könnte mit der Bombe mein Ziel verfehlen!“
„O, schweigen Sie!“ flüsterte Sinaïda und preßte den Finger an den Mund. Ihr Blick strahlte irrsinnig: „Auch ich habe geschossen!“
„Sie — Sie?“
Sinaïda schwieg lange:
„Auch ich glaubte die Menschen zu lieben — nein, nicht lieben, sie rächen zu müssen. Ich suchte das eitle Erlöserleiden! Es war damals in Tula. Mich, die neunzehnjährige Studentin, traf das Los der Vollstreckung. Ich sage Ihnen, jener Tag war der schönste Frühlingstag, den man sich nur denken kann. Ich stand zitternd an meiner Straßenecke und die laue Sonne blendete mich. In der Tasche hielt meine Hand den Revolver umspannt.
Die Uniform des Großfürsten blitzte aus dem Wagen. Neben ihm saß sein sechsjähriges Töchterchen, — dieses süße, schöne Geschöpf. O — o — dieses kleine, liebe Mädchen. Ich tötete nicht den Großfürsten, ich — tötete — das Kind!“
„Sinaïda!“
„Schweigen Sie doch! Ich habe für immer mein Kind getötet! Gott! Ich hoffe nur eins, daß ich selbst bald zugrunde gehe. Am besten heute noch — heute noch!“
„Sinaïda,“ schrie ich auf, „ich liebe Sie für all’ das, Sie Schöne, Sie Heldin, noch tausendmal mehr!“
Sie trat zwei Schritte zurück. Das erstemal zeigte sich ihr Gebrechen stark.
„Was wollen Sie? — Gehen Sie doch!“ rief sie.
Der Abend war gekommen. Wir hatten uns im Keller versammelt. Der Fluß gröhlte. Die Windlichter umzirkten nur einen kleinen Kreis von Helligkeit. Rund um uns dehnte sich das riesige Gewölbe wie ein unabmeßbares Felsengrab, das Schwamm- und feuchten Moderduft mit unterirdischen Atemstößen aushauchte. Heute sollten wir das letztemal zusammenkommen, denn daß ich als Anarchist angeredet worden war und noch andere Anzeichen ließen ahnen, daß man uns auf der Spur war.
Die peinlichsten Vorsichtsmaßregeln wurden beobachtet; wir alle waren auf hundert Umwegen, um unsere Verfolger irrezuführen, hier zusammengekommen.
Ich saß zwischen Chaim und Sinaïda.
Jeder murmelte leise mit seinem Nachbarn.
Ich hielt die Hand Sinaïdas; sie entzog sie mir nicht: „Alles, was Sie mir heute erzählt haben, zeigt mir, wie viel tiefer im Leben Sie sind, welch’ einen Vorsprung Sie vor mir voraus haben. Was war ich denn? Ein kleiner, gekränkter, rachsüchtiger Feigling. Aber jetzt? Jetzt ist mir, als könnte ich tausend Meter hoch springen, fliegen und durch Mauern dringen, wie ein Engel. Ich will leiden, jedes Leiden auf mich nehmen, nur um Ihnen zu gleichen!
Sie wissen nichts von mir. Sie wollen gewiß auch nichts von mir wissen. Jetzt aber nehme ich Abschied von Ihnen für ewig. Denn ob es mir gelingt oder mißlingt, ich habe mein Leben fortgeworfen und werde es höchstwahrscheinlich in kurzer Zeit lassen müssen. Aber daß es so ist, erfüllt meine Seele mit Glück. Denn wer bin ich, um Ihnen nahe kommen zu dürfen?“
Sie zog fein ihre Hand zurück und sagte: „Es ist gut, daß wir voneinander Abschied nehmen müssen. Mir fehlt ja alles, das Wichtigste. Wem kann ich noch etwas sein?“
Ich hörte einen Klang in ihrer Stimme, der sich mir entgegenneigte. Und dennoch, alles war so hoffnungslos.
Plötzlich krampfte sich ihre Hand zur Faust.
Sie flüsterte wie geistesabwesend:
„Tun Sie es nicht! Überlassen Sie es Hippolyt, überlassen Sie es Jegor!“...
Dann, als wüßte sie nicht, was sie eben gesagt hatte, gleichmütig:
„Ja! Wir werden uns wohl nicht wiedersehen, wir alle nicht. In vier Tagen werden Sie vor dem Untersuchungsrichter stehen — und wir — nun, wir auch, wenn wir nicht sogleich ausgeliefert werden. Doch — es ist gut so! Endlich!“
Eine Hand legte sich auf die meine.
Beschitzer wandte sich mir zu. Seine schweren Tränensäcke, die roten Lidränder gaben ihm ein trauriges und müdes Aussehen:
„In keinem Augenblick der Prüfung, Bruder, vergiß die Sinnlosigkeit des Lebens! Bedenke, daß all unser Treiben, Essen, Trinken, Reden, Schlafen, Spielen der wahre Tod ist, und daß wir unser Leben erst vom Tode erwecken, indem wir ihn zu einem gewollten Ziel erheben und dadurch zum Leben aller Leben machen, reicher an Entzückungen, Freuden, Ekstasen und glückseligen Schmerzen, als nur eine ahnt.
Ich bin alt genug, um zu wissen, daß aller ideologische Hochmut und alle Erlösermühe vergeblich sind. Aber was ist der Sinn dieses sinnlosen Menschenlebens? Ich sehe nur einen Sinn: Niederen Wahn mit höherem Wahn zu vertauschen! Du fragst mit Recht: Was heißt denn das: Höherer Wahn? Was ist der Gradmesser allen Wahns? Nun, lieber Bruder Duschek, ich gebe dir zur Antwort: Der Wert eines Wahns nimmt mit abnehmender Dichtigkeit seiner egoistischen Tendenz zu! Das ist doch klar. Im übrigen! Höchster Zweifel bei höchster Illusionskraft ist die Lebenskunst des wahren Genies. Wahnfähigkeit zeigt ein großes Herz, Zweifelfähigkeit einen starken Kopf. Eins ohne das andere ist ekelhaft — ekelhaft sind mir die Illusionisten, was, ich sag’s grad heraus, die romantischen Goim, fast noch ekelhafter aber sind mir die jüdischen Entwerter!“
„Ist, was wir vorhaben, was wir tun, nicht Romantik?“
„Es ist, — hol’s der Teufel, — es ist trotz allem Hoffnung!“
Noch andere Lehren gab mir der Alte.
„Angst ist immer ein Irrtum! Wiederhole dir diesen Satz mit ruhiger, innerer Stimme immer wieder angesichts der Tat und vor Gericht.
Dieser Satz ist eine Arznei. Er lehrt dich das Leben richtig einschätzen. Was kann dir denn geschehen? Bedenke, daß unsere Natur so gnädig ist, nur soviel Schmerz bewußt werden zu lassen, als sie ertragen kann. — Und das ist gar nicht so viel. Dreiviertel unserer Schmerzen sind Einbildung, daß etwas wehe tut, pure Konzentrationen der Aufmerksamkeit auf eine recht geringe Schmerztatsache.
Das Ticken einer Taschenuhr in der Stille der Nacht oder gar im Traum gleicht den mächtigen Axtschlägen der Holzhacker.
Nicht anders ist es mit unseren Schmerzen, die des Menschen angsterfüllte Aufmerksamkeit übertreibt.“
Noch an einen Ausspruch Beschitzers erinnere ich mich:
„Jeder anständige Mensch glaubt an zweierlei: an die Unsterblichkeit des Lebens und an die Geringfügigkeit alles Individuellen. Wie kann also der Tod furchtbar sein, da ja das Leben unsterblich und der Bestand des gerade So und So geborenen Ich weiter nicht wünschenswert ist?
Und dienen wir der Unsterblichkeit des Lebens, die wir mit unserer Form zu verlieren zittern, nicht am besten, indem wir den passiven Tod ausschalten, uns dem unsterblichen Lebensstrom der Liebe anpassen und einem Menschen oder einer Wahrheit zu Liebe den Tod willkürlich erleiden?
Heroismus ist nichts als höhere Intelligenz.“
Eine Stunde war vergangen. Der Alte erhob sich und gebot Schweigen:
„Die Zeit ist da! Wir müssen Abschied voneinander nehmen und uns in der Stadt und in den Dörfern so gut verbergen, als nur möglich. Ob wir ergriffen werden oder freibleiben, keiner darf vom andern das Geringste wissen. Ihr vermeidet es, euch zu begegnen! Einzig und allein ich bin es, den Ihr an dem bekannten Ort und zur bekannten Stunde aufsuchen dürft. Und nun, genug!“
Schweigend traten wir zueinander, schweigend umarmten wir uns. Ich wußte: Keinen werde ich je wiedersehen.
Sinaïda! Über ihr strenges Gesicht lief keine Träne. Sie stand ganz still. Ihre Augen warteten und zogen, einmal, ganz kurz, zuckte ihr Mund. Sie machte ein Schrittchen nach vor — langsam — das erste- und letztemal im Leben neigte ich meinen Mund diesem wahnsinnig zärtlichen Duft entgegen und küßte sie.
Wilder Ruf gellte, grell brach ein Lichtquadrat durch die aufgeklappte Falltüre. Der Schiefäugige schwankte mit seiner Diebslaterne hinab. Keuchend:
„Damn it! Soldiers! Policemen! Fifty, hundred, fivehundred! Run away! Flee! I am lost! Every door is guarded!“
Viele Menschen drängten sich durch die Falltüre, traten aufeinander, fielen die Stiege hinab, kämpften um den Eingang oder kugelten sich auf dem Boden unseres Kellers. Sie glichen im scharfen Licht der Blendlaterne strapazierten Puppen eines Jahrmarkttheaters.
Der Neger in weißem Flanellanzug gebärdete sich wahnsinnig, der Matrose kroch am Boden, der Syphilitiker grüßte gleichmütig und klapperte mit den Goldstücken in seiner Hosentasche. Der Meßner und einige Gespenster jammerten laut.
Verdächtige Paare in unordentlicher Kleidung schlichen verstört umher und hatten noch nicht die Besinnung gefunden, die ausgelöschten Kerzenleuchter, die sie in der Hand trugen, wegzustellen.
Die Männer nestelten nervös an geheimen Knöpfen ihres Anzuges, die Weiber kreischten roh und schleiften, schlampig breiten Schrittes, die Schnürriemen ihrer hohen Stiefel nach.
Breitspurig, hohnlachend stand der riesige Kerl in Uniform da und kratzte sich ungerührt den Hintern.
Es war ein sinnlos tolles Wirbeln, gedämpftes Jammern und Pst-Rufen!
Eine Stimme: „Die Türe zu!“
Eine andere: „Noch nicht! Es sind noch nicht alle da!“
„Wer fehlt noch?“
„Die Opiumraucher!“
Durch die Falltüre floß das übernatürliche Mondlicht; in dem kraftlosen Strahl tanzten die Stäubchen abgewandter Welten.
Und jetzt geschah etwas Seltsames.
Langsam und mondsüchtig, jeder mit einer kleinen Kerze in der Hand, Abstand haltend im Gänsemarsch, stiegen die Opiumraucher die steile Treppe hinab, allen voran Herr Seebär. Von seinem Zylinder hatte sich der Trauerflor losgelöst und wehte hinter ihm her wie eine Fahne für die anderen.
Jetzt erst, in diesem Verwesungslicht bemerkte ich, daß die meisten dieser alten Männer Backenbärte trugen, dünn und zerflattert. Die werden, fiel mir ein, an der Totenmaske hängen bleiben.
Endlich waren alle unten.
Keiner mukste. Wie eine Gesellschaft von durch ein Erdbeben aus dem Spital gescheuchten Sterbenden bewegte sich alles im Schein der Windlichter durcheinander.
„Auslöschen,“ schrie einer plötzlich. Ich fand Sinaïda und ließ sie nicht von meiner Seite.
Jetzt brannte nur mehr ein einziges gut abgeblendetes Licht.
Es geschah, daß sich alle um mich scharten und mich gleichsam durch stumme Abstimmung zum Führer wählten.
Ja — und das war ich auch!
Niemals vor Soldaten, an der Spitze meines Zuges, selbst wenn ich hinter der Regimentsmusik her durch das Städtchen marschierte, hatte ich mich als Führer gefühlt.
Hier aber war ich Führer.
Entschlossenheit klopfte gleichmäßig in mir. Ich schnallte mir den Säbel um, ordnete bedachtsam die Rückenfalten meines Waffenrocks, zog die Handschuhe an und ließ meinen Blick über die aufgestörten Schatten schweifen, die mich anrührten wie einen Helfer, einen Retter.
Meine Freunde, die Russen, standen wortlos um das einzige Licht, das kaum einen Strahl hergab. Sie verschmähten es, sich in den Winkeln der riesigen Kellereien zu verstecken.
Sinaïda war in dem Augenblick von meiner Seite getreten, als ich mir, gewiß mit einer allzu ausgreifenden Bewegung, den Säbel umgeschnallt hatte.
Nun stand sie stumm trotzig und unbestimmt da, während ihr allein das Licht eine schwache weiße Hand auf die Stirne legte.
Ich erschrak, denn ich sah in der großen Finsternis nichts anderes, als diese weiße Hand auf der Stirne der Sinaïda.
Die würdelosen Spieler drängten sich um mich, jammerten, fluchten, prahlten, ebenso die halbbekleideten Dirnen und ihre Gäste.
Mit offenem, zahnlosen Mund, verschwundenen Augen und flatternden Härchen gingen die alten Opiumschläfer einzeln hintereinander immer im Kreis. Ihre schwarzen Röcke, einstmals straff für die weltbeherrschenden Hüften unerbittlicher Bankdirektoren, Theateragenten und Präsidialchefs geschnitten, schlotterten wie zerzauste Rabenflügel um ihre verkrachten Gestalten.
Wie vor einer Front schritt ich auf und ab, ließ meinen Säbel schleppen und sah mir auf die Füße. In diesem Augenblick hatte ich den Zaren, das Attentat, alles vergessen.
Ein wüstes Machtgefühl in mir! Hier! Dies waren meine Leute! Das war meine Armee, meine Truppen, die zu mir gehörten: Diese Spieler, Lumpen, Schnapphähne, Zuhälter, Huren, Hurenbolde, Opiumraucher — und auch jene Hohen, Unerschrockenen, die ihr Leben schon hundertmal hingeworfen hatten, die niemals ihrem Leib ein anderes Recht gaben als das, für den Gedanken zu dulden! Und sie, auch sie!
Ja, alle hier waren meine Soldaten! In diesem unterirdischen Reiche, in diesem wahren Hades war ich ihr Feldherr, und ich hielt es nicht mit Achill, der lieber Tagelöhner eines Bauern im Licht sein wollte, als die ganze Schar der abgeschiedenen Schatten beherrschen! Mein Säbel schrillte über die Steinfliesen des Kellers. Keiner wagte es, mir den verräterischen Lärm zu untersagen.
Mit ihnen allen wollte ich meinen Krieg führen, es komme, wer da will! Niemand soll sich beklagen, daß ich ein schlechter Offizier sei, auch er nicht, auch er nicht!
Die Stimme Beschitzers wurde laut:
„Ruhe, ihr Leute, Ruhe!“
Die weiße Hand von der Stirne Sinaïdas war verschwunden. Nun lag eine schwarze auf ihr.
Und jetzt hatte jemand das letzte Licht ausgelöscht.
Finsternis! Kein Atemzug. Nur der Chinese wimmerte vor sich hin:
„Soldiers, Soldiers!“
Plötzlich donnerten wuchtige Stiefel über die Falltüre. Noch waren wir nicht entdeckt. Die Schritte verschwanden — kehrten wieder — verschwanden.
Jetzt mußte sich unser Schicksal entscheiden.
Fast hatte ich Angst, man könnte die Falltüre nicht finden. Ich dürstete nach einem Kampf. Wenn alles still zu unseren Häupten würde, o, ich könnte es nicht ertragen!
Das Kellergewölbe war groß, führte unberechenbar weit unterm Fluß fort. Zu fliehen, sich zu verbergen, einen Ausgang zu suchen, wäre nicht schwer gewesen.
Keiner aber rührte sich.
Die Herde — ich fühlte es — wartete auf meinen Befehl. (Nur die Russen schienen in der Finsternis abseits zu stehen. Wo war Sinaïda?)
Ich befahl nichts!
Wenn sie doch nur kämen! Wenn sie doch nur kämen! Ein toller Gedanke packte mich. Er wird an ihrer Spitze stehen, der General, der Vater! Ist er denn nicht Korpskommandant der Residenzstadt? Ja, das ist er! Also stellt er zugleich die oberste Instanz aller Garnisoninspektionsoffiziere vor. Es ist klar. Überdies ist er krank und kann nicht schlafen. Kein Mittel hilft ihm mehr. Was bleibt ihm denn anderes übrig, dem Dienstfanatiker, als in der Nacht, gepeinigt von Schlaflosigkeit, aufzustehen, sich an die Spitze der Streifung zu stellen und die Anarchisten auszuheben, denn, ich weiß es, er ahnt, er ahnt....
Nie mehr wird die Gelegenheit, unseren Kampf auszutragen, so günstig sein, als heute.
Er muß kommen, er muß, ich fürchte mich nicht, keineswegs, er muß kommen, höchstpersönlich als General, der er ist!
Verflucht! Herzklopfen!
Da! Jetzt stampfte vorsichtig und prüfend ein Fuß auf der Falltüre. — Ein zweitesmal! — Zum drittenmal! — Eiskörner rieselten mir langsam den Rücken hinab. So! Es war geschehen! Die Türe knarrte, wurde aufgehoben und starkes Licht warf sich über unsere Finsternis.
Sogleich stellten sich Chaim und die Freunde mir zur Seite. Ich fühlte Sinaïda.
Es waren etwa zehn Polizisten und ein Zug Infanterie, die Bereitschaft einer Kaserne, welche eindrangen und uns im Kreis umstellten. Das Militär stand Gewehr bei Fuß, die Polizei mit offenen Revolvertaschen.
Erst viel später stiegen schwatzend, Zigaretten rauchend, Offiziere die Treppe hinab. Ihnen folgten einige Gendarme mit Laternen und elektrischen Taschenlampen. Ein Major und zwei Hauptleute, — die uns ohne viel Erstaunen betrachteten und noch immer die Zigaretten nicht fortwarfen. Unwillkürlich waren alle Eingeschlossenen hölzern und gleichgültig zu Automaten geworden. Nur der riesige Uniformierte, der erst noch so frech sich gespreizt hatte, nun lag er, wie fortgeworfen, unterm Tisch. Die Greise hatten ihren mysteriösen Rundgang unterbrochen, sie blinzelten und verstanden vom Ganzen nichts.
Ich selbst hatte im Kopf das unangenehme Gefühl, als müßte mir jeden Augenblick ein Stein gegen den Schädel sausen.
Endlich unterbrach der Major das Gespräch mit seinen Begleitern, trat in den Kreis, den die Bewaffneten bildeten und schrie:
„Sie alle sind verhaftet. Es hat sich keiner zu bewegen. Ich werde jeden einzeln herausrufen! Er hat seine Personalien dort dem Feldwebel zu diktieren. Also vortreten! Verstanden? Keiner mukst!“
Da ließ ich meinen Säbel gelassen über die Steine scharren und trat gleichgültig dem buschbärtigen alten Offizier entgegen.
„Herr Major haben hier niemanden zu verhaften!“
Als ich das so nachlässig näselte, wunderte ich mich sogleich, daß ich es nicht fertig gebracht hatte, die dritte Person des militärischen Respekts zu vermeiden.
Der Major jappte blutrot:
„Wer sind Sie?“
„Leutnant Duschek! Und diese Leute hier stehen unter meinem Schutz!“
„Schutz — Schutz — so was — Schutz — Frechheit“, brüllend, „Sie haben selber Schutz nötig! Sie — Sie — Sie — Sie — Wie heißen Sie?“ Er stülpte seine Ohrmuschel vor.
Ich schrie nun meinerseits, die militärische Vorstellungssitte aufs gröblichste verletzend:
„Duschek, ist mein Name, wenn Sie’s wissen wollen!“
„Psia krew! Was tun Sie hier — Sie — was haben Sie hier zu suchen — Sie — zu reden — Sie?“
Ich brachte langsam mein Gesicht ganz nahe an das seine, sah ihm in die aufgerissenen Augen:
„Das geht Sie gar nichts an!“
Der Major trat glucksend hinter sich. Jetzt hingen ihm die Augäpfel aus den Höhlen:
„Wa — Wa — Was? Rebellion! Auflehnung! Insubordination! Dienstreglement Seite — Seite —! Zugsführer Vojtech, Grillmann, Kunz, Schtjepan, den Leutnant abführen, den Herrn Leutnant führen Sie ab! Oben warten! Sofort!“
Die aufgerufenen Soldaten wollten sich mir nähern.
„Niemand wagt mich anzurühren!“ Ich sagte das ruhig und ohne viel Stimme.
Die vier blieben stehen.
Major stöhnte:
„Ich degradier — ich degradier! Dienstbuch! Abführen, ihr Hunde! Abführen!“
Die beiden Hauptleute machten einige unwillige Schritte mir entgegen.
Da krachte ein Schuß, peitschte dicht über den Kopf des Majors und fuhr irgendwo in die Mauer. Hippolyt stand mit erhobenem Revolver da.
Sogleich riß einer der Hauptleute seine große Dienstpistole aus der Tasche.
Die Kugel pfiff nur ganz kurz. Wankte Sinaïda? Ich sah sie. Von ihrer Stirne war die schwarze und die weiße Hand verschwunden. Mehr sah ich nicht.
Fort mit dem Säbel! Ich warf mich auf den Major. O, wie das wohltat, diesen Hals zu würgen! Wo war Sinaïda? Konnte sie mich sehen? Merkwürdig!
Dieser dicke Major wurde immer dünner, geringer, der Hals immer wesenloser, wesenloser — was soll das? — der ganze Kerl ist ja ein grobes Taschentuch, das ich hin- und herschwenke...
In diesem Augenblick traf mich der Kolben und ich verlor die Besinnung.
Ich erwachte nach einem tieferquickenden, fast möchte ich sagen, gesunden Schlaf auf der Inquisiten-Abteilung des alten Garnisonsspitals.
Hinter den vergitterten Fenstern unerhörtes Blau eines Sommermorgens! Ganz leicht nur schmerzte mich der Kopf. Die Beule, die ich mit der Hand abtastete, schien gar nicht allzu wesentlich. Nirgends Blut!
Mein erster Gedanke war:
„Der wievielte Mai ist heute?“
Ich strengte mein Gehirn an zu ergründen, wann das alles sich begeben hatte, was hinter mir lag. War der Zar schon abgereist? Regierte er überhaupt noch?
Und Sinaïda? Ist etwas geschehen? Angst wollte nicht glauben, daß etwas geschehen sei.
Mit ganz leichten doch unsicheren Gliedern kleidete ich mich an. Den Säbel hatten sie mir weggenommen, oder hatte ich ihn selbst fortgeworfen — wann — damals — gestern?
Nun stand ich auf meinen Füßen.
Übermäßig durchströmte mich Beseligung. Ich trat ans Fenster, zu diesem armen vergitterten Loch, das man in die dicke Mauer gebohrt hatte.
Dennoch überwältigt: „Blauer Himmel! Blauer Himmel!“
O, ich begriff ihn, Christus, den so unbegreiflichen, ich begriff ihn. Du selig schlauer Genießer du! Für die Menschheit sterben! Das glaube ich! —
Plötzlich sah ich eine Konditorei vor mir. Der Ladentisch biegt sich unter der Last von Schaumrollen. Die Generalin in dem neuen schönen Kostüm meiner Mutter schwelgt im Genusse der Näschereien. Ihre gefärbten Haare sind hochauf onduliert. Sie zeigt eine verschrumpfte Zungenspitze, an der ein Tropfen Schlagsahne hängt. „Christus — Christus, exzellent, exzellent,“ lispelt die Generalin und bekreuzigt sich.
Ich rieb mir die Augen. Wie wild du doch spielst, Phantasie! Und dieses Gefühl von Größe und Aufopferung in meinem Herzen!
Was war nur mit Sinaïda gestern? Wie sieht sie denn aus? Ich konnte und konnte mich nicht besinnen!
Jetzt sah ich mich in der Stube um.
Fünf Eisenbetten standen an den Wänden. Über jedem Bett hing eine schwarze Kopftafel. Was war das? So viele Tafeln ohne chemische Formeln?
Und dann, diese Betten! Das war ja wie im Institut, da standen zehn Eisenbetten in jedem Zimmer. Zehn eiserne Schlafkerker, — aber sie waren viel, viel kleiner, — natürlich, wir sind ja damals noch Knirpse gewesen.
Pfui Teufel! Wie kann man denn nur Kinder, die doch so sehr gesunden Schlaf brauchen, des Nachts in solche Kotter sperren?!
„Das muß anders werden,“ schrie ich wütend. Da erwachte einer und wälzte sich auf seinem Bett. Es war mein einziger Nachbar hier in diesem Zimmer. Ich war ja immerhin noch Offizier und durfte deshalb in einem schwachbelegten Extrazimmer liegen.
Der Mann seufzte, versuchte von neuem einzuschlafen, stöhnte qualvoller, setzte sich endlich auf, jammerte vor sich hin:
„Nicht einmal Ehrenrat, nicht einmal....“
Ich trat an sein Bett.
Was war nur mit meinem Kopf?
„Nachbar,“ erklärte ich, „wir müssen niedrige Illusionen gegen höhere Illusionen eintauschen, aber ohne Illusionen geht es einmal nicht ab.“