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Natalie

Zweiter Abschnitt. (continued 2)

Reading edition

Den Abend vor ihrer Abreise brachten sie in dem Garten des einen Vetters zu, der allen seinen Bekannten zu jeder Tageszeit offen stand. Auch heute waren mehrere, nicht zur geschlossenen Gesellschaft gehörende, Personen darin; diese versammelten sich gegen Abend in dem Gartensaal, wo Julie, die Tochter des Hauses, Natalie, Elise, und mehrere der anwesenden jungen Mädchen sich in Gesang und Spiel der Guitarre und des Pianofortes ablöseten. Ein, aus der Stadt nachkommender, Bedienter, brachte die eben mit der Post angekommenen Briefe, und unter diesen ein Packet schöner neuer Musikalien für Julien mit. Neugierig eröffnete man es gleich, fand aber leider lauter Duetts, die, Natalien ausgenommen, keiner von der Gesellschaft sich getrauen durfte, vom Blatte weg vorzutragen. A...., Juliens Verlobter, der sehr angenehm sang, und dadurch wahrscheinlich die Wahl dieser Singstücke veranlaßt hatte, nahm die Stimme, aber schon nach ersten Blick darauf legte er sie nieder, und erklärte die Unmöglichkeit, sie uneingeübt singen zu können. Natalie hatte während dieser Zeit die ihrigen nachgesehen und das Accompagnement durchgespielt. Es wehte ihr aus diesen Compositionen eine so liebliche Melodie, eine so reiche Harmonie, entgegen, daß sie den Wunsch lebhaft äußerte, es möge sich jemand finden, der die zweite Stimme singen wolle und könne — doch vergeblich! —

Wenn ich nicht irre, sagte Julie endlich mit muthwilligem Ton zu ihrem Freunde, so habe ich vorhin am Bassin Ihren Weiberhasser wandeln gesehen, dessen Gesang Sie mir so oft gerühmt haben — wie wäre es, wenn Sie den Versuch machten, ihn herzuführen, und zu sehen, ob er Muth genug hat, einem halben Dutzend Mädchen unter die Augen zu treten?

Ich will mein Glück versuchen, antwortete der junge Mann lächelnd, und hoffe das Beste; denn wahrlich, Cousinchen, weiberscheu ist er nicht.

Natalie fragte Julien, von wem die Rede sey? — So recht weiß ich es selbst nicht, es ist ein Jugendfreund A...s, der sich seit einigen Tagen hier aufhält, und, nach allem was ich von ihm gehört habe, ein sehr genialischer Mensch, den der empörende Unwerth einer von ihm vergötterten Frau zum entschiedendsten Weiberhasser gemacht hat. Doch wahrlich, da kommt er mit A.... gegangen — nur einen Blick, liebe Natalie, — welch interessantes Gesicht! — wer sollte glauben, daß dieser blühende, jugendliche Mann so bitter mit unserm Geschlecht zerfallen ist! —

Natalie sah auf, und ihr Auge traf auf ein dunkles, leidenschaftlich glühendes Augenpaar, das seinen Blick, wie überrascht, von ihr wegsenkte, und es dann nicht der Mühe werth zu finden schien, die übrige Gesellschaft auch nur mit einem Blick zu überfliegen. A.... stellte ihn seiner Braut vor, die er mit einigen artigen, aber im gleichgültigsten Ton gesetzten, Worten begrüßte. Da es in die Augen fiel, daß man eben musizirt hatte, wandte sich das Gespräch schnell darauf, und alle vereinigten sich zu der Bitte an den Fremden, das eine wunderschöne Duett zu singen, das keiner aus der Gesellschaft sich vorzutragen getraue. Natalie allein saß stumm und von der Gesellschaft abgewandt am Flügel, und ihr feines, geübtes Ohr unterschied in den Antworten und in der Weigerung des Fremden, der nun erst erfuhr, warum er hierher gelockt worden war, seinen beleidigten Stolz, und einen Ton, dessen Modulation den Mangel feiner gesellschaftlicher Bildung verrieth; so wie die Wahl seiner Ausdrücke, dagegen auf Geist und Lektüre deutete. Selbst die Nachlässigkeit seines Benehmens gegen die bittenden Mädchen wäre durch einen geübtern Takt für das gesellige Verhältniß der höhern Stände gemildert und verkleidet worden. Doch eben dieser sonderbare Contrast der Sprache und des Benehmens zog sie an, und sie fühlte unmuthig, daß mehr Gewandtheit, als der Fremde besitze, dazu gehöre, um nach so langem Widerstand mit Anstand nachzugeben, und sie wünschte doch so sehr, ihn singen zu hören. Schnell riß sie alle Züge des Flügels auf — ein rauschendes Allegro störte die Musik, und mit unnachahmlichem Blick und Ton, mit unwiderstehlicher Grazie und der seltsamsten Mischung von Bitte, Befehl und Frage wandte sie sich nach ihm um: — Sie singen!

Sichtbar betroffen trat er ihr mit einer stummen, bejahenden Verbeugung näher. Daß er mit ihr, deren Blick ihn bei seinem Eintritt so milde entgegen strahlte, singen sollte, hatte er ja noch nicht gewußt. Mit dankendem, ausdrucksvollem Blicke gab sie ihm nun seine Stimme — er durchlief sie und senkte sein Auge zweifelnd zu ihr herab — aber sie sah ja so freundlich aufmunternd zu ihm hinauf — sie verständigte sich so hold mit ihm über einige der schwersten Passagen — sonderbar, daß er gar keine Worte finden konnte, mit ihr zu reden — er fürchtete, dies könne ihr als Unart erscheinen — als ob in irgend einer Sprache etwas Ausdrucksvolleres gesagt werden könnte, als für Natalien in diesem, stummen Gehorsam, dieser beklommenen Befangenheit lag! — Oft hatte sie beim ersten Anblick gefallen — und welchem Weibe entgeht dieser Eindruck? — aber die, denen sie gefiel, wußten immer eben so schnell, und oft noch früher als sie, um diesen Eindruck, und suchten dann sehr angelegentlich, sie auch damit bekannt zu machen. Hier aber stand sie, wie sie fühlte, einem Gemüth gegenüber, das sich selbst in dem empfangenen Eindruck nicht verstand, und die Neuheit dieser Erscheinung verdoppelte das Interesse, das die Beiwörter, unglücklich, genialisch, — diese wahren Talismane für Weiber, in ihr geweckt hatten.

Sie sang — mit so seelenvollem, dem innersten Herzen sich entreißendem Ausdruck hatte sie nie gesungen — und sie fühlte in seinem Gesang, wie sie ihn allmählig mit sich fortriß, er alle Umgebungen vergaß, und sich von diesen Tönen zu irgend einem goldnen, geheimnißvollen Feenlande fortziehen ließ. — Jetzt endete sie; sie stand auf, dankte ihm mit einer Verbeugung, und ließ ihn, wie träumend, am Instrumente zurück. Noch immer hörte er sie in Syrenentönen singen:

All’ eccesso del contento Sento il core in tale istante Anelante Palpitar.

Der schöne Abend lockte die Gesellschaft wieder in den Garten zurück. Man vertheilte sich paarweise, und Natalie blieb, nicht ganz unvorsätzlich, mit dem Fremden, der sich wieder zu ihr gefunden hatte, allein. Niemand verstand besser als sie, die Kunst, den mit äußrer Rohheit kämpfenden Geist im Gespräch von seinen Fesseln zu entbinden, und ihn zur klaren, selbstgenügenden, Ansicht seiner selbst zu führen. Mit der Sicherheit und der Unbefangenheit, die ihr ihre höhere Bildung in diesem Gespräch geben mußte, gieng sie in die Ideen ihres Gesellschafters ein, und leitete ihn, seine Gedanken mit einer Klarheit auszusprechen, die ihm als eigenes Verdienst erschien. Der gewaltige Eindruck, den sie auf den jungen Mann machte, entging ihr nicht; allein Voluda’s Bild, das heilig in ihrem Herzen ruhete, und keinen Götzen darin neben sich duldete, schützte sie vor der Unwürdigkeit, mit diesem Eindruck spielen zu wollen, und sie wünschte, dem jungen Manne, in dem Andenken dieses zufälligen Zusammentreffens, einen Keim zu hinterlassen, aus dem sich früher oder später, von freundlichen Händen gepflegt, der Glaube an Weibertugend und Weibergüte leichter zu entwickeln vermöge. Sie fühlte, daß es Gleichheit des Schicksals war, was sie zu ihm zog; getäuscht, hintergangen, um ihre Hoffnungen, um Liebe, Glaube, Glück betrogen, wie er, sah sie, wie in einem finstern Spiegel, ihre Vergangenheit, die ihr nicht bloß Schmerzen, auch Flecken, gegeben hatte, in der unharmonischen Leidenschaftlichkeit dieses Mannes, die früher wahrscheinlich auch nur gehaltvolle Sentimentalität war.

In den gewöhnlichen Irrthum leidenschaftlicher Menschen versunken, hielt sich der Fremde selbst für einen ausgebrannten Vulkan, und glaubte, ein Leben ohne Huld und Freude, wie das menschliche, könne nur durch den entschiedensten Stoicismus gewürdigt werden. Er zertrat daher und verachtete alle Freude, und der Schmerz schien ihm auch nur da zu seyn, um durch Gefühllosigkeit besiegt werden zu sollen. Natalie sah aber daß er, wie ein Metallguß, nur auf der Oberfläche erkaltet, in seinem Innern verzehrend fortglühe, und eben durch diese erkünstelte Kälte für die höchste, gewaltigste Leidenschaft immer empfänglicher werde, und sich ihr wahrscheinlich ohne Maas und Schranken hingeben werde, sobald ihm ein blumenübergrünter Abgrund erscheine.

Ein inniges Mitleiden mit ihm ergriff sie, das, verbunden mit der Achtung, welche sie der Energie eines solchen Gemüths nicht versagen konnte, zu milden, erhebenden Worten wurde, die sie, indem sie sie aussprach, selbst auf ihrem neuen Wege kräftigten. Sie führte ihn darauf hin, wie leicht man bei einer für das Große begeisterten Phantasie dahin komme, die kleinen stillen Tugenden zu verkennen, an die das Wohl des Einzelnen, wie des Ganzen, gebunden sey — wie man vorzüglich in der Jugend so geneigt sey, die Alltagspflichten unter die Füße zu treten, um dem Ideal eines moralischen Heroismus nachzustreben, dem die Vorsehung, neben tiefer Verworrenheit, seine Stelle angewiesen habe, damit der Contrast beider den frischen Lebensstrom der Menschheit vor dem Schlammichtwerden schütze. — Darum seyen aber nur wenige berufen, ihn zu üben; jeder hingegen könne in seinem Kreise das Schlechte meiden, das Beste wollen, und das Gute thun — und wer diesem Ziel mit Treue und festem, ernstem Willen nachstrebe, finde auch sicher die Straße des Friedens wieder, die im verworrnem Leben allein zum Heil führe. Sie sagte das alles ohne besondre Beziehung, wie im Allgemeinen, hin — aber sie fühlte sich verstanden in dem Feuer, mit dem er sie zur genauern Zergliederung ihrer Ideen leitete, als seyen sie ihm ein Licht auf dunklem, trostlosem Pfade.

Niemand fühlt den Beruf, Irrende zurecht zu weisen, lebhafter und inniger, als der, den eben eine schützende Hand auf den rechten Weg zurück führte, und der nun, nach herausgerissenem Unkraut, das Aufgehn des edlern Blumenflors in sich fühlt und pflegt. Was auf die menschliche Seele, in Fällen dieser Art, wirken soll, muß nie aus abstracten, allgemein gültigen moralischen Gesetzen, sondern aus individuellen Empfindungen hergenommen seyn. Diese theoretischen Principien sind gut und paßlich für die Stunden unbefangener Prüfung und ernsten Sammelns; sie können uns schützen, uns kräftigen, dem rechten Wege treu erhalten; aber nie werden sie vom unrechten zurückführen, weil in der Verirrung des Einzelnen fast immer so viel Eigenthümliches liegt, daß sie zur Ausnahme von der Regel wird, und der Verirrte sich außer dem Gesetz fühlt, das auf seine Lage keine Rücksicht nahm, und nehmen konnte.

Ach, unter allen Trauerstunden des Lebens schmerzt mich keine mehr, als die, wo der Mensch, der am Morgen seines Daseyns seinen Lauf, so voll edlen Muthes, so voll festen Willens, nur dem Edelsten nachstreben zu wollen, begann, tödtlich ermattet niedersinkt, und die Kraft verloren hat, sich selbst wieder aufzurichten gegen die Aurora, die um die bedeckte Erde, als Wiederschein des Geisterreichs, liegt. — Fordert nicht, ihr strenger Richter fremder Schwäche, von dem müden, durch Thränen verdunkelten Auge des Unglücklichen, daß es durch den finstern Nebel dringe, der ihm den ewig reinen, von jedem irrdischen Dunst unumwölkten, Himmel verbirgt. Grade den Besten unter uns saugt das Leben gern, wie ein Vampyr, das warme Herzblut aus, und treibt sie dann in den Irrgarten der Alltäglichkeit, wo man, der höheren Bedürfnisse der Menschheit uneingedenk, vom Leben nichts fordern darf, als Wohlseyn bei Speise und Trank und allem was dem Körper behagt! — Nicht der vom Blitz des Unglücks entseelte Mensch ist zu beklagen; aber wohl der durch denselben entstellte, dessen Fall nicht unwürdige Schwäche, sondern Verirrung der edelsten Kräfte war. Die Menge weiset ja allen Kampf von sich und vergaukelt an die allererbärmlichsten Armseeligkeiten ein Leben, dessen Gehalt sich, an unzerreißbaren Fäden, durch die ganze Stufenfolge unsers Daseyns fortspinnt. Die Mehrzahl der Besseren sieht dagegen auf ein freudenleeres Leben hin, auf das nur die negativen Tugenden der Geduld und der Resignation einen lichten Strahl werfen, und wahrlich, ich liebe und achte diese schönen, weichen Seelen, deren vorzüglich mein Geschlecht so viele hat, die ohne Freude und doch ohne Klage fromm und gelassen durch das Leben gehen — aber die Erde soll doch so wenig ein moralisches als ein physisches Siechhaus seyn! Das Ideal wahrer Menschenbildung ist Gesundheit der Seele und des Körpers, denn auch auf die letztre ward im geistigen Weltplan mitgerechnet. Nur ein freudiges Handeln bestimmt den wahren Werth des Menschen — und so ist die Geduld auch schon edler als Resignation; jene hat Hoffnung, diese nicht.

Wie viele aber von denen, die jetzt so hinschlendern, unbekümmert, ob ihre Seele im Blute wohne, oder nicht, waren auch einst voll Glauben, Liebe und Hoffnung! — Wie viele von ihnen würden nicht gerettet worden seyn, wenn wir uns untereinander zur Ermunterung und zum gemeinschaftlichen Fortgange auf gleichem Wege, treuer die Hand böten, oder die Verirrten williger an unser Herz zögen und schonend seine Wunden mit unserer Liebe bedeckten. — Nur zu oft aber, zu oft, stoßen wir ihn ganz hinunter, unbekümmert, ob nicht sein Herzblut den schlüpfrigen Pfad netze, den er, mit der letzten, verzweiflungsvollen Anstrengung seiner ersterbenden Kräfte, erklimmt, und von dem er zurückgleitet, weil keine Hand sich ausstreckte, ihn zu halten — Gott! ein Strohhalm könnte das oft, und doch ist man so taub gegen den Schrey der höchsten jammervollsten Seelenangst, mit der der Mensch um sein herrlichstes Kleinod, den Glauben an sich und die Menschen, ringt! —

O laßt uns lieber zehn Unwürdigen liebend und tröstend mit Warnung und Ermunterung an die Hand gehen, als einen Unglücklichen nicht beachten, der vielleicht nicht mehr den Muth hat, uns aufzusuchen, aber uns als seinen Schutzengel aufnimmt, wenn wir uns ihm nähern. Soll denn nur der Heißhunger körperlicher Bedürfnisse unser Mitleid, unsre Hülfe, ansprechen? — Ist es denn nicht unendlich mehr werth, den edleren Theil eines Menschen zu retten? — und was ist aller körperlicher Schmerz, alles übrige Weh der Erde, gegen die im Vergehen noch aufzuckende Seelenangst, mit der man sich täglich tiefer sinken fühlt, ohne eigne Kraft, diesem Versinken entgegen arbeiten zu können? —

Ja, es ist schrecklich, aber wahr: der Mensch kann so weit kommen, sich selbst aufzugeben! — Er kann das; aber kein andrer darf es; denn, wie kann das, was göttlichen Ursprungs ist, vernichtet werden in einer Seele, deren Leben eben dies Göttliche ist? wie dürfte der Mensch den Menschen je verloren geben? —

Und wenn nun so ein Unglücklicher stumm und entstellt unter uns wandelt, und vergebens nach einem Auge spähet, das ihn tröstend anblicke, nach einem Laut, der ihn kräftige, einer Hand, deren Druck ihm leise sage: vertraue — wollt ihr ihn den steinigen, weil er, von allen verlassen, sich selbst verläßt? — Stumm und schweigend wird er unter euren Würfen zu Boden sinken; aber wer nicht begreift, was er leidet, begreift auch nicht den unendlichen Jammer dessen,

„Der sich Menschenhaß aus der Fülle der Liebe trank! —“

Nataliens sanfte, aus dem Herzen kommende, Wärme, theilte sich dem Fremden mit. Sie lassen mich fühlen, sagte er ihr, daß der Mensch nicht für einen immerwährenden hoffnungslosen Streit zwischen den Grundtrieben seiner moralischen und fühlenden Natur, dem Gebot der Pflicht und dem Durst nach Glück, bestimmt ist, wie ich es seit einiger Zeit glaubte. Aber das Leben hat doch Momente, die den Quell heitern Lebenssinnes auf immer vergiften. Nur der Durst, der heiße Durst nach dem Glück, das das erste Bedürfniß unsers Herzens war, bleibt uns zurück, und der kann dann nie gestillt werden. Wenn unser Weh in unsrer Empfindung liegt, so ist ja die eine Quelle des Lebens selbst vergiftet und es bleibt dem Menschen nur das Rettungsmittel, sein Gefühl zu ertödten, und einen Theil seines Wesens dem Ganzen aufzuopfern, wie der Wundarzt auch zuweilen den Körper verstümmelt, um das Leben zu retten.

Darf aber der geringere Theil unsers Wesens durch Aufopferung des edleren erhalten werden? — Auch ich ehre die Vernunft, als einen Funken aus dem ewig reinen Licht; aber das Gefühl erscheint mir in noch schönerem, beseelenderem Abglanz desselben, und nie wird man mich überreden können, daß der Mensch edler ist durch seinen Geist, als durch sein Herz. Nur aus diesem entspringt die Schönheit des Willens, die ihn aus der Macht des irrdischen Verhängnißes hebt, denn der Geist kann das Sittlichschöne erkennen; doch geliebt wird er nur mit dem Herzen. Freilich gelangen nur wenige ohne Kampf und Streit zu der seeligen Einheit beider, aus der jener Friede geboren wird, der höher ist, denn alle Vernunft. Doch müssen wir darum diesen nicht für unerreichbar halten und den Kampf nicht zum Zweck erheben. Was der Mensch sich, im schuldlosen Freudengenuß des Lebens, aneignet, ist Gewinn für seine höchste, wahrste Bildung. Eine verlorne Hoffnung, eine geraubte Täuschung, kann den Menschen nie berechtigen, bitter gegen das Leben zu werden; dem Menschen, der dieses nicht nur zu genießen, sondern auch zu würdigen versteht, welken nie alle Freudenblumen desselben; — aber wer trägt die Schuld, wenn er aus dem reichen, duftenden Kranze, nur die Rose wählte, und, entblättert sich diese, ihre einfachen, aber an Duft und Werth mit ihr wetteifernden Schwestern nicht zu würdigen versteht und sie von sich wirft? darf er es dem Leben aufbürden, wenn er in dieser Verstockung, aus der Sittenlehre eine strenge despotische Rechtslehre bildet, die ihm nur Pflichten aufbürdet, ohne ihm Rechte, Wünsche und Hoffnungen zu gestatten? — In der Kälte dieses Systems gedeihen dann freilich die zarten, frommen Blüthen freudiger Pflichterfüllung nicht, die dem Menschen so labend und erquickend duften, wenn des Lebens Schwüle ihn drückt. Der Mensch soll das Gute thun, weil es gut ist — aber er darf es auch lieben, weil es ihn heiter, fromm und zufrieden macht, und kann er dies seyn, wenn er nur Vernunft — diesen einzelnen Schößling des reichbegabten menschlichen Gemüths — hat und haben will? — Wer für einfache Güte, für Menschenliebe, für, aus dem Herzen entspringende, Thätigkeit für fremdes Wohl, nicht verloren ist, der ist es auch wahrlich nicht für das Glück, das sich früher oder später, aber gewiß unausbleiblich, freundlich wieder zu ihm wendet.

Ich betrat heut diesen Garten mit einem Widerwillen gegen das ganze Leben, vom dem ich jetzt bekenne, daß es der Unmuth finstrer Hoffnungslosigkeit war. Einem Glück, das mir zu Gift geworden war, gab ich jedes wohlthuende Gefühl zum Geleit mit, als ich es von mir stieß, weil ich fühlte, mein Herz habe mich elend gemacht. Ich wollte nun nur noch fest und hart und stark seyn, und war vielleicht durch diese mir aufgezwungene Unnatur noch unglücklicher, als durch mein Geschick. In wenig Tagen trete ich in einen Kreis einfacher, nützlicher Thätigkeit, wo ich unendlich viel Gutes stiften kann; mir schaudert selbst vor der Erstorbenheit, mit der ich an meine künftigen Pflichten dachte — aber jetzt, in Ihre Hand, will ich das Gelübde ablegen, sie als Quelle meines Glücks zu lieben, und gewiß werde ich dies Gelübde lösen. —

Und mit diesem Händedruck gebe ich Ihnen die Versicherung, daß Ihre frühere Empfänglichkeit für Lebenswerth und Lebensgenuß Ihnen dann veredelt und verschönert wiederkehren wird.

Er drückte die dargebotene Hand an seine Lippen, aber die Worte, mit denen er für diese Verheißung danken wollte, verstummten vor den Personen, die, in diesem Augenblick, aus einem Nebengange zu ihnen traten. Man gieng gemeinschaftlich weiter; die Gesellschaft fand sich mehr und mehr zusammen, und erst im Eßzimmer vermißte Natalie den Fremden, von dem sie getrennt worden war. Sie wandte sich, mit ihrer Erkundigung nach ihm, an A....

Er ist, antwortete er, der Sohn eines Predigers, der von seinem Vater einen berühmten Namen und eine treffliche Erziehung erhielt. Leider verlor er diesen Führer zu früh; die Vormünder gaben ihn auf eine hohe Schule, und bestimmten ihn, dem früheren Plan seines Vaters zufolge, für den Stand desselben. Er hatte aber die sonderbare Schwärmerei, durchaus nur Landschullehrer werden zu wollen. Alles, was er zu diesem Berufe zweckmäßig und nützlich glaubte, lernte er mit großem Eifer; aber sein Widerwille gegen alle Sprach- und höhere Wissenschaften war, trotz seiner ausgezeichneten Fähigkeiten, so entschieden, daß alle Versuche, ihn zu bekämpfen, fruchtlos blieben, und er endlich, als man ihn mit Strenge dazu anhalten wollte, entfloh, und zu dem Domherrn von R..w, einem Freunde seines verstorbenen Vaters, seine Zuflucht nahm. Dieser nahm sich seiner an, und wirkte ihm die Einwilligung seiner Vormünder aus, das H... Schullehrer-Seminarium beziehen zu dürfen. Hier erwarb er sich die Liebe und die Achtung seiner sämmtlichen Lehrer, und war schon zu einem einträglichen Dienst vorgeschlagen und ernannt, als er plötzlich die Vokation zurücksandte, H... verließ, und ein Jahr sehr menschenscheu und einsam im Hause seines alten Gönners R...w lebte, auf dessen Empfehlung er jetzt in einer entfernten Provinz eine Stelle erhalten hat. Ueber sein Schicksal ist er sehr verschlossen; doch machen es mir seine Weiberverachtung und sein Trübsinn sehr wahrscheinlich, daß der Unwerth eines vergötterten Weibes sie bewirkte.

Und sein Name? fragte Natalie gespannt.

Wilhelm Buri.

Ihre Ahndung hatte sie nicht betrogen; der Fremde war ihr neuer Schullehrer.

Eine sonderbare Empfindung goß sich erkältend durch Nataliens Adern; sie fühlte, zu ihrem eignen Erstaunen, daß sie erblaßte. — Natalie, es war die Warnung Deines Schutzgeistes! —

Explore with AITake your curiosity a little further.

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