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Nachtgespräche

Herbst

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Noch ein Tücherschwenken. Glück auf den Weg! Liebe! Liebste! Dann bog der Wagen um die Ecke, allmählich verkräuselte der aufgewühlte Staub.

Doch noch verweilte Frau Beate an dem Gartentor. Mit feuchten Augen sah sie in die Herbstlandschaft hinaus.

Durch die große Ruhe der Natur ging es wie ein Ton verhaltenen Gefühls. Wehmütig entflatterte das fahle Laub den kahlen Zweigen. Daneben aber flammten Bäume purpurn auf, als jauchzten sie im Abschiednehmen schon dem Wiedersehen zu. Und die grünen Wiesen, ganz durchwirkt mit lichten Herbstzeitlosen, gaben sich der auslöschenden Abendröte mit solcher Inbrunst hin, daß sie, wie von innen her, erglühten.

Auch in Frau Beatens Seele war ein Weinen und ein Lachen. Unter einer sanften Traurigkeit sammelte sich eine aufsteigende Kraft in ihr, etwas wie ein Wunsch, der noch unter der Schwelle des Bewußtseins schläft.

Vom Hause her kam jemand, um sich eine wirtschaftliche Anweisung zu holen. Das riß die Sinnende aus ihrem Träumen. Langsam ging sie, die schwere Schleppe nachlässig gerafft, der Villa zu, den mit gelbem Kies bestreuten Weg entlang, zwischen den Rabatten, an denen noch ein paar späte Rosen blühten.

Sie mied den Eingang durch die Halle, in der die Dienerschaft beschäftigt war, die gewohnte Ordnung wiederherzustellen und stieg die Seitentreppe aufwärts, zu dem Zimmer ihrer Tochter. Ein süßlicher Geruch schlug ihr entgegen. Er strömte aus den halbverwelkten Blumenkränzen, die sich, von liebevoller Hand gewunden, um die hellen Möbel schlangen.

Beate öffnete ein Fenster, drehte den Verschluß der elektrischen Beleuchtung auf, das Zimmer befand sich noch in demselben Zustand, in dem die Neuvermählte es verlassen hatte. Allerlei Zierlichkeiten, wie eine elegante Frau sie zu ihrer Kleidung braucht, lagen durcheinander. Auf dem Teppich Nadeln, Bänder. Die weißen Seidenstrümpfe mit den Myrtensträußchen neben den Atlasschuhen, als seien sie eben von den Füßen abgestreift. Über die Sofalehne floß das Brautkleid wie ein Lebendiges hinunter, in seinen Falten hing noch der Duft zarter Mädchenhaftigkeit.

Frau Beate drückte ihre Lippen in die weiche Seide, innige Segenswünsche im Gemüt. Dann bückte sie sich nach dem Schleier, der auf den Fußboden herabgeglitten war.

Mit Fingern, die vor Erregung bebten, hatte sie Kranz und Spitze aus dem Haar der Braut gelöst. Etwas hastig. Denn von Zeit zu Zeit hatte der junge Ehemann mahnend an die Tür geklopft. »Lena, Liebling, beeile dich ein wenig, bitte. Wir haben eine Stunde bis zum Bahnhof. Und bei dem Pech, daß wir gerade heute das Auto nicht benutzen können ...«

Glättend fuhren Frau Beatens Hände über das kostbare Gespinst, ein Erbstück, das von ihres Mannes Mutter stammte, und das auch sie an ihrem Ehrentag getragen hatte. Einundzwanzig Jahre war es her.

Wie das lebendig vor ihr aufstand – den ganzen Tag über hatte es sie schon verfolgt. In einer anderen Stimmung als die Lenas war sie damals vor den Altar getreten. Nicht so siegessicher, weil nicht so begehrt. Mit der Unruhe im Herzen: werde ich Robert genügen? In demütigem Staunen: warum wurde gerade ich von ihm gewählt? Von ihm, dem so viel Älteren, Gereiften. So klug, so fein, so reich. Und sie hatte nichts als die frische Unberührtheit ihrer Jugend.

Gut und rücksichtsvoll war er auf der Hochzeitsreise dann zu ihr gewesen, hatte sie vor den Kunstwerken Italiens und Griechenlands nicht fühlen lassen, wie wenig sie wußte und verstand. Und doch dieses Ungreifbare zwischen ihnen, diese Sehnsucht, ihm einmal aus verborgenster Empfindung »Du« zu sagen.

»Laß uns nur erst zu Haus sein,« hatte sie sich getröstet, »nicht mehr fremden Blicken ausgesetzt. Dann will ich meine Schüchternheit bezwingen und ihm zeigen, wie heiß, wie leidenschaftlich meine Liebe zu ihm ist.«

Da, noch vor der Heimkehr, jene Stunde, in der sie ihm ihr Geheimnis hatte anvertrauen müssen.

Nein, hatte sie je eine so strahlende Glückseligkeit aus den Zügen eines Menschen brechen sehen? Ihre Hände hatte er geküßt, wenig fehlte, er wäre vor ihr auf die Knie gesunken.

Fortan war sie mit ausgesuchter Sorgsamkeit von ihm behandelt worden, jedes Unbehagen, das sie traf, für ihn ein Schreck. Am liebsten hätte er sie gar nicht mehr verlassen. In ihrem ganzen Leben war sie noch nicht so verhätschelt worden. Was peinigte sie sich mit der Vorstellung: das alles gilt nicht dir. Du bist nur das Tabernakel für sein künftiges Idol.

Frau Beate ging zum Toilettentisch, griff nach Lenas Bild und strich liebkosend darüber hin. Wie in nachträglicher Abbitte für allen Groll und alle Eifersucht auf das Übermaß der väterlichen Liebe.

Das Kind. Das Kind, der Mittelpunkt alles Geschehens. Ihm zuliebe hatte sich die Frau allsommerlich auf Monate von ihrem Manne trennen müssen. Ihm zuliebe, um es nicht so lange zu missen, wurde dann das Landgut angekauft. Und damit das eigene Geschick besiegelt.

Vor drei Monaten war Lena einer Einladung Barons von Norden, des neuen Gutsnachbarn, gefolgt. Ihr Vater, durch eine Erkältung verhindert sie zu holen, hatte ungeduldig der Verspäteten geharrt. Endlich – das Signal der Hupe. Heiß und aufgeregt war die Tochter dem Vater an den Hals geflogen.

»Vatti, ich bin so unaussprechlich glücklich.«

Sie war verlobt. Mit Kurt von Norden. Eine Liebe auf den ersten Blick, seit Wochen brannte sie in beiden. Auf der Heimfahrt war das »Ja« gefallen.

Und nun wartete er draußen.

»Darf er herein?«

»Nein!«

»Auch morgen nicht?« Das verwöhnte Mädchen war ganz fassungslos geworden. »Du verweigerst deine Zustimmung? Aus welchen Gründen? Aber ich lasse nicht von ihm ...«

Was nun folgte: Tränen, Nervenkrisen, Selbstmordgedanken. Seit jener Zeit teilte Frau Beate Lenas Zimmer in der Nacht. Bis der Sieg errungen war. Die schlimme Brautzeit, auch für die Mutter, die den Vater trauernd leiden sah.

Armer Freund! Wie tapfer er sich heute gehalten hatte (nur bei dem Trinkspruch auf das junge Paar war seine Selbstbeherrschung sekundenlang bedroht gewesen), mit welch gutgespielter Heiterkeit er sich erboten hatte, den Hochzeitswagen auf dem Weg zum Bahnhof selbst zu lenken. Aber in was für einer Stimmung würde er ihr wiederkehren?

Mechanisch hatte Frau Beate in das Spiegelglas geblickt, ohne sich darin wahrzunehmen. Wie kam es, daß sie sich jetzt entdeckte? Daß aus dem Gedächtnis die Erinnerung an Huldigungen tauchte, die heute unbeachtet an ihrem Geist vorbeigegangen waren? Ein freches Wort dabei, nicht für ihr Ohr bestimmt: Wenn ich zu wählen hätte, weiß Gott, die Mutter wär' mir lieber.

Sie drängte sich näher an das Glas heran, prüfte Haare, Haut, Gestalt. Wie ein Schauer überlief sie ein Verständnis, das schon vorhin leise aus der Natur zu ihr gesprochen hatte. Daß dem Verblühen ein heftigerer Reiz entströmen könne als dem Entknospen, der tödlich süße Schmerz des Endes, der dem Genuß die feinste Wollust gibt. Und jäh und heiß schoß ihr eine Vorstellung ins Blut: wenn er zurückkommt, gehört er mir allein. Wie vor einundzwanzig Jahren. Kein Drittes zwischen uns.

Eine Hoffnung lohte in ihr auf, ihr Herz tat einen großen Sprung, sie mußte sich am Tischrand halten.

Dann, verwirrt, mit fieberhaft erregten Pulsen, lief sie an einen Schrank, suchte, wühlte. Das Kleid, das sie in ihrer Hochzeitsnacht getragen hatte, war dort aufbewahrt. Ein weites faltiges Gewand aus blaßblauer Seide. Es paßte noch. Die Haare rasch gelöst, zu der Frisur von einst geordnet. Den Mantel umgeworfen, wie zu unerlaubter Tat hinabgehuscht, die spätblühenden Sträucher zu berauben. Die betauten Rosen in Roberts Junggesellennest getragen, daß sie ihre Düfte über die Einsamkeit des Lagers streuen.

Im Dunkeln, hinter herabgelassener Gardine, spähte sie in die Nacht hinaus. Mit hämmerndem Herzschlag, in zitternder bräutlicher Erwartung und der Sehnsucht der gereiften Frau.

... Männerschritte unten in dem Garten. Und oben in ihr eine fast mädchenhafte Scham, ihm hier zu begegnen, eine Wendung zu entfliehen. Zu spät, er ist schon auf der Treppe. Jetzt geht die Tür zu ihrem Schlafgemach. Gewiß, er sucht sie, gleich wird er die Schwelle dieses Zimmers übertreten ...

Da kommt ihr eine große Kühnheit. Sie macht Licht, er soll sie sehen, wie sie sich für ihn geschmückt. Nicht mehr nur die Mutter seines Kindes. Seine Liebste. Seine Frau. Wo er nur bleibt? Auf leichten Sohlen, die Nerven in weher Zärtlichkeit gespannt, schleicht sie hinaus, lugt durch die Spalte der angelehnten Tür.

Vor dem Bett der Tochter liegt der Mann, das Gesicht im seidenen Pfühl begraben. Wie vom Krampf geschüttelt beben seine Glieder. Und er weint ...

Daß sie nur unbemerkt entkommen kann. In Lenas Stube reißt sie schamüberflammt die blaue Seide ab, knöpft ihren unscheinbarsten Morgenrock bis zu den Ohren zu, streicht die Haare fest zurück, zöpft sie zu einer matronenhaften Flechte.

Hart und hörbar tritt sie auf, gibt ihm Zeit aufzustehen, sich zu besinnen.

»Ich erfahre eben, daß du schon zurück bist, Robert. Bitte komm in das Rauchzimmer hinunter. Dort ist für dich gedeckt. Du mußt mir von den Kindern erzählen. Und nach der langen Fahrt wirst du sicher hungrig sein.«

Illustration from Nachtgespräche

Ich hatte keinen Blick von der Erzählerin gewendet. In ihrer Selbstverständlichkeit zu Pflichterfüllung und Entsagung schien sie mir die Verkörperung der Fraulichkeit. Erstaunt bemerkte ich, daß sie das Interesse der anderen Hörer nicht in gleichem Maße erregte. Hier und da war einer aufgestanden, ich hörte gedämpftes Flüstern vom Fenster her. Als ich hinzutrat, nahm auch ich Leute auf der Straße wahr, die mit dringenden Gebärden Einlaß verlangten. Wir wagten nicht, den Bauer aufzuwecken, mochten auch nicht, wir die Selbstgeschützten, den Bittenden die Unterkunft versagen. So übten wir eigenhändig Hausrecht aus. Die Eingelassenen gaben sich als Fahrtgenossen zu erkennen. Nachträglich hatten sie den Zug verlassen und nirgends Aufnahme gefunden. Ich dachte, als sie sich aus ihren Hüllen schälten: seltsame Bettgenossen macht die Not. Ein Mann im Kaftan, Ringellocken an den Schläfen, ein zweiter, bartlos, abgezehrt, die Augen glanzlos, wie nach innen blickend, den schwarzen Rock hoch zugeknöpft, zum Mönch fehlte ihm nur die Kutte. Eine Frau zuletzt, robust, den blonden Scheitel weißlich ausgeblichen. Den Händen sah man an: sie scheuten sich nicht, unbedenklich zuzugreifen.

Und nun wurde zum erstenmal in diesem Raum gelacht. Als einer der Anwesenden sich auf die Weißlichblonde stürzte und sie sich beide vor Heiterkeit die Seiten hielten: da haben wir, meiner Seel', im selben Zug gesessen, und eins hat nix vom anderen gemerkt. Sie machten kein Hehl aus ihren Wie's und Wo's. Wer wollte, konnte es erfahren, daß der Südtiroler Aloys und die Holländerin Katje in Scheveningen in dem nämlichen Hotel bedienstet waren, vor zehn Jahren, er als Kellner, sie als Stubenmädchen. Laut und unbekümmert füllten sie die Lücken ihres Nicht-voneinander-Wissens aus. Geruch des Krieges haftete an ihnen. Ihn hatte England interniert, sie war in Flandern Pflegerin gewesen.

»Und bist epper wieder in an Gasthaus angestellt?«

Sie machte eine unzweideutige Bewegung der Zurückweisung. Einen Kriegsbeschädigten hatte sie zum Mann genommen, sie fingen einen kleinen Handel an. Um den Tod niet wollte sie wieder den reichen Janhagel bedienen und für ein paar dubbeltje Trinkgeld »Dank je well« zu jedem Lümmel sagen. Sie stieß Aloys in die Rippen: »Nicht Aloys? Was hat man da in die großen Hotels für ein Aasen mit die Guldens anschaun müssen und ein Schlingen und Champagnersaufen, und ein paar Gassen weiter sind die armen Fischersleut' verreckt, bei Erdäpfel und Heringsschwänzen.«

Die meisten schienen sich an ihrem derben Wesen zu ergötzen. Man ermunterte sie zu weiterer Gesprächigkeit. Sie glich einer Künstlerin, die Beifall findet, gab Berufsgeheimnisse zum besten, malte die Volkssitten an ihrer Heimatküste. Bunte Farbenflecken warf sie auf eine roh gezimmerte Palette. Ich habe sie vereint zum Bilde.

Illustration from Nachtgespräche
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