Mister Galgenstrick
Reading edition
»I glaub', jetzt kommt der Herr Doktor nimmer!« sagte Fräulein Berta, die Kellnerin, mit ihrem huldvollsten Lächeln und versuchte, mir heimtückisch das leere Bierglas zu entziehen, um es frisch füllen zu lassen.
»Stehen lassen, Berta! Ich hab' heute schon meine Bettschwere! Und überdies füllt man zehn Minuten vor Eintritt der Polizeistunde keine Biergläser mehr!«
»Jesses, fressen S' mi nur net glei!«
Sie zog sich schmollend zurück und widmete sich wieder dem Stricken eines Kriegerstrumpfs von respekteinflößender Fußgröße.
War ich, in meiner Ungeduld über Walters Ausbleiben, zu grob gewesen? — Ich wollte mein Unrecht wieder gut machen und leitete die Friedensverhandlungen durch einen jener Blicke ein, die Fräulein Berta mit der lächelnden Drohung zu quittieren pflegt: »Sie, das sag' i Ihrer Frau Gemahlin!«
Aber Fräulein Berta war schon zu tief in das Maschenzählen versunken, um sich weiter um ihre Gäste kümmern zu können.
Ich nahm also zum zehnten Male das Zeitungsblatt in die Hand, das vor mir auf dem Tisch lag. Vielleicht stand doch irgendwo noch eine versteckte Notiz darin, die ich erst dreimal gelesen hatte?
Wo nur Dr. Heßberg blieb! Ich bin es ja gewöhnt, daß Walter das akademische Viertel zu »Nur Dreiviertelstündchen« ausdehnt, ich ertrage es auch ohne Vorwürfe, wenn er sogar noch ein viertes Viertelstündchen zulegt, denn auch ich leiste im Punkte Pünktlichkeit Bedenkliches — aber mich auf neun Uhr ins Kaffeehaus zu bestellen und fünf Minuten vor Mitternacht nicht einmal telephoniert zu haben, das war der Rekord.
»Berta, zahlen!«
»Ham S' was g'sagt?« tönte es unter Stricknadelgeklapper herüber.
»Ich war so frei. Zahlen möcht' ich!«
Berta schwebte heran. Eine gekränkte Titania. (Aus Niederbayern.)
»O mei, sind Sie heut bös! Also was ham S' dann g'habt?«
»Vier Dunkle und — 's ist gut, da kommt Dr. Heßberg, ich zahl' später!«
Fräulein Berta wandte sich meinem Freund zu, um ihn aus seinem Mantel zu schälen.
»Einen Kognak!« bestellte er kurz, nahm mir gegenüber Platz und ersetzte seinen zerkauten Zigarrenstummel durch eine neue Zigarre.
»Die wievielte ist das heute?« erkundigte ich mich.
»Die zehnte!«
Wenn Dr. Heßberg so stark rauchte, hatte er sicherlich viel Arbeit und viel Ärger hinter sich. Ich hatte es ihm ja auch auf den ersten Blick angesehen, daß er übelster Laune war. Dennoch konnte ich ihm eine kleine Moralpauke wegen seiner beispiellosen Unpünktlichkeit nicht ersparen und ich begann vorwurfsvoll:
»Ich gestatte mir die bescheidene Bemerkung, daß es vor ur-urgrauer Zeit einmal neun Uhr war. Zu dieser angenehmen Stunde hätte eigentlich —«
»Ich weiß!« unterbrach mich Walter nervös. »Ich weiß!« Und in einem plötzlichen Zornausbruch schlug er auf den Tisch. »Aus der Haut fahren kann man!«
»Das bestreite ich!«
»Laß das, ich bin nicht zu Scherzen aufgelegt!«
»Warum? Hat dich jemand drei Stunden warten lassen? Oder ist ein Patient "unartig" gewesen?«
»Unartig!« rief Dr. Heßberg tragisch. »Sage lieber: skandalös! Das ganze Lazarett hat mir der Kerl auf den Kopf gestellt! Da gibt man sich die größte Mühe mit so einem braunen Burschen —«
»Braun?«
»Nun ja, es ist ein Inder! Seinen Namen soll der Kuckuck behalten, denn er ist ungefähr so lang wie ein ausgewachsener Leitartikel. Wir nennen ihn, seinem Wunsch gemäß, Mister Galgenstrick!«
»Das klingt doch recht vertrauenerweckend! — Übrigens ein Inder — das interessiert mich mächtig!«
Fräulein Berta brachte den bestellten Kognak, den Walter auf einen Zug austrank.
»Mir noch ein Bier, Berta!« sagte ich. »Und zwar —«
»Jetz is z' spät. Jetz is Polizeistund'!«
»Aber den angefangenen Satz wird man doch noch zu Ende sprechen dürfen?«
Sie wandte sich wieder ihrem Strickstrumpf zu, — ich war endgültig in Ungnade gefallen.
»Ein Inder sagtest du, Walter?«
»Ja, und was für einer! Unglaublich, so einen Kerl überhaupt in europäisches Klima zu verschicken! Hochgradig tuberkulös. Und jetzt noch einen Achselschuß dazu. — Das hindert aber Herrn Galgenstrick durchaus nicht, sich aufzuführen wie ein wildgewordener Truthahn!«
»Was hat er denn angestellt?«
»Er läßt sich einfach nicht behandeln. Gewalt muß man anwenden, um ihm einen Verband anzulegen. Zwei Leute müssen ihn festhalten. Er behauptet nämlich, alle unsere Medikamente seien wertlos, ihm könne nur ein einziges Mittel helfen, und zwar — es ist zu blöd, man könnte darüber lachen, wenn es nicht zum Verzweifeln wäre, —«
»Und zwar?«
»Heiliger Kuhmist!«
Ich verzweifelte nicht, sondern lachte.
»Du hast leicht lachen,« fuhr mein Freund gereizt fort. »Aber mir ist das gar nicht spaßhaft. Für mich ist ein Kranker ein Kranker, und ich betrachte es als meine Pflicht, ihn zu retten. Gleichgültig, wer und was er ist! Da strengt man sich an, müht sich wie ein Vater um so einen Menschen, und zum Dank tobt und schreit er, wirft einem die Medizinflaschen ins Gesicht, beißt einem in die Hände — und brüllt, er will heiligen Kuhmist haben!«
»Ein hochinteressanter Patient! Du, dem mußt du mich vorstellen!«
»Nein!«
»Wirklich im Ernst: den möchte ich kennen lernen!«
»Wozu?«
»Erstens um ihn zu beruhigen, zweitens um mit ihm zu plaudern.«
»Das wird dir schwer fallen. Mister Galgenstrick spricht ein englisches Kauderwelsch, das kein Normalmensch verstehen kann.«
»Daher auch wahrscheinlich seine Aufgeregtheit. Der arme Kerl begreift einfach nicht, was ihr mit ihm vorhabt! Walter, du weißt, ich spreche Englisch wie meine Muttersprache —«
»Hm!«
»Ich danke dir! "Hm" ist eine halbe Zusage! Also wann werde ich Mister Galgenstricks Bekanntschaft machen?«
»Morgen um drei Uhr! Aber pünktlich sein!«
»Pünktlich, als ob ich Dr. Heßberg hieße!«
Am nächsten Nachmittag zeigte mir Walter den indischen Patienten. Er war wegen seiner vorgeschrittenen Tuberkulose in einem Separatzimmer untergebracht.
Ich hatte erwartet, einen jener abgemergelten Inder zu finden, wie man sie auf den Bildern der indischen Hungersnöte in illustrierten Zeitschriften sieht. Zu meiner Überraschung traf ich einen jugendlichen Mann von nicht unsympathischen Gesichtszügen, dem man seine schwere Krankheit kaum ansah.
Er lag ruhig im Bett und betrachtete mich mit durchtriebenen Augen, die eine drollig-naive Spitzbüberei verrieten.
Der Bursche gefiel mir. Wenn ich nach dem ersten Eindruck eine Diagnose seines Charakters hätte stellen sollen, hätte ich gesagt: »Windhund.«
»Geh nicht zu nah an ihn ran,« flüsterte mir Dr. Heßberg zu. »Er beißt, wenn er gereizt wird!«
Aber aus den Augen Mister Galgenstricks sprach keine feindliche Absicht. Er musterte mich eine Weile schweigend und frug dann: »Bringst du mir heiligen Kuhmist, Herr?«
Ich muß gestehen, es war das schauderhafteste Englisch, das je meine Ohren schmerzte.
»Nein,« antwortete ich. »Aber ich werde versuchen, ihn dir zu verschaffen.«
Walter gab mir einen Rippenstoß. »Bist du verrückt?«
Der Kranke hingegen nickte befriedigt. Ich hatte ihm eine Hoffnung gegeben, und er war mir dankbar dafür.
»Wann kommst du wieder, Sahib?«
»Morgen!« sagte ich. Und bekam für diese Antwort den zweiten Rippenstoß.
Und ich kam morgen wieder, und übermorgen, und beinahe täglich.
Freilich, das gewünschte Heilmittel durfte ich ihm nicht verschaffen, aber ich brachte ihm ein anderes, wohltuendes Heilmittel: Ablenkung. Ich hatte mich nach wenigen Tagen an sein Kauderwelsch gewöhnt, verstand ihn fließend und gewann mir dadurch sein Vertrauen.
Ja, ich brachte ihn im Laufe einer Woche so weit, daß er sich willig behandeln ließ, obwohl er für des Arztes Bemühungen nur ein verächtliches Lächeln übrig hatte.
»Es ist alles sinnlos,« behauptete er, »aber macht mit mir, was ihr wollt!«
Mitunter hatte er Stunden der tiefsten Niedergeschlagenheit. Dann flackerte ein wilder Haß gegen alle Weißen in ihm auf, — besonders gegen die Engländer.
Aber er hatte auch Stunden, in denen er lenksam war wie ein Kind.
Und eine solche Stunde benutzte ich zu der Bitte, mir seine Lebensgeschichte zu erzählen. Ich versprach ihm, sie wörtlich aufzuschreiben.
Wider alles Erwarten sagte er nach kurzem Besinnen zu.
Und da auch Dr. Heßberg keine Einwendung dagegen hatte, so brachte ich schon zum nächsten Besuche Bleistift und Papier mit, und Mister Galgenstrick begann zu diktieren.
Hier ist die Geschichte seiner Erlebnisse.
Ich schrieb sie nieder, wie er sie erzählte, und ich enthalte mich jeden Kommentars.
Möge sie für sich selbst sprechen.
Ich bin geboren in Bombay, bin der dritte Sohn meines Vaters und heiße Maharabatigolamatana.
Weil aber dieser Name meinem Vater zu lang war und auf die Dauer zu einsilbig schien, kürzte er ihn ab und rief mich »Galgenstrick«.
Ich bin Hindu, und unsere Familie gehört der Kriegerkaste an. Mein Vater war denn auch ein sehr tapferer Mann und lag in beständigem Krieg mit den englischen Wächtern; die Engländer nämlich sind ein merkwürdiges Volk: sie selbst stecken mein ganzes Vaterland ein, sie wollen aber nicht erlauben, daß ein armer Hindu nur eine einzige fremde goldene Uhr einsteckt, und so kam es öfter zu lebhaften Meinungsverschiedenheiten zwischen meinem Vater und England.
Bei solchen Meinungsverschiedenheiten pflegte mein Vater sehr heftig schreiend aufzutreten, weil man ihm den Rücken mit einer Peitsche bearbeitete, wobei meist der Rücken, seltener die Peitsche entzweiging. Die dummen Engländer glaubten, durch dieses Peitschen meinen Vater zu entehren, — als ob ein Nichthindu überhaupt einen Hindu entehren könnte. Es ist dies ein Pröbchen des Größenwahnes der Weißen, dieser unreinen Menschenrasse, die glaubt, weil sie uns Steuern abnimmt, sei sie uns ebenbürtig. Sie wissen nicht, daß ein Hindu lieber Hungers stürbe als mit einem Weißen an einem Tisch äße, und daß uns eine Speise schon als unrein und ungenießbar gilt, wenn nur der Schatten eines Weißen auf sie fiel.
Wollte ich alle die Kriegstaten meines Vaters aufzählen, so würde es ein Buch werden, länger als meines Vaters Strafliste.
So will ich nur erzählen, daß er im vierzigsten Jahre seines gesegneten Lebens einen ehrenvollen Tod starb, unterhalb eines Querbalkens, mit dem ihn ein Seil verband, das man zweckmäßig um seinen Hals gelegt hatte.
Ich schnitt den Leichnam ab, verbrannte ihn, nachdem ich aus den Taschen seiner Kleidung die Uhr des Henkers und den goldenen Bleistift des Staatsanwaltes entfernt hatte, streute die Asche ins Meer und betete, daß die Seele meines Vaters in den Leib eines heiligen Affen fahren möge.
Denn ich bin ein frommer Hindu und befolge alle Bräuche meiner Religion, solange sie nicht mit Unkosten verknüpft sind oder mich in meinen Lebensgewohnheiten stören.
Die Tränen treten mir in die Augen, wenn ich der letzten Worte gedenke, die mein Vater zu mir sprach: »Liebes Kind,« sagte er (das heißt, er drückte sich etwas unhöflicher aus), »liebes Kind, ich steige morgen die Leiter hinauf, die auch du eines Tages besteigen wirst. Denn dies ist Überlieferung in unserer Familie. Ich habe mein Leben mit nichts begonnen, aber ich habe mich zu ansehnlichen Schulden emporgearbeitet. Wenn du jemanden bei der Nennung meines Namens weinen siehst, so tritt auf ihn zu und tröste ihn: "Du bist nicht der einzige, dem er etwas schuldig geblieben ist."
Ich habe dich in meinem Geiste erzogen, mein Kind: du hassest, was das Leben häßlich macht, nämlich die Arbeit, und liebst die Beschäftigung des Weisen, das Nichtstun! Ich bin stolz auf dich: wer vermöchte ein Geldstück mit so viel heimlichem Nutzen zu wechseln wie du? Ich glaube, ein Weißer könnte seine Ringe durch die Nase tragen statt an den Fingern, du würdest sie entfernen, ohne daß er es bemerkte. Ich sterbe beruhigt. Wenn du von mir sprichst, mein Kind, so tue es in einem Tone, als stünde ich hinter dir und könnte dich noch verprügeln, wie ich es so oft und ausgiebig getan habe!«
Bei diesen Worten lächelte ich, mein Vater sah es, versetzte mir einen Fußtritt, daß ich dachte, das Gefängnis stürze ein, und er fuhr fort:
»Du stehst nun allein in der Welt, allein in der großen Gaunergemeinschaft, die sich Menschheit nennt. Lerne lachen, wenn es dir weh ums Herz ist, und lerne weinen, wenn du vor Heiterkeit tanzen möchtest! Es gibt keine Schlechtigkeit, die sich nicht als Tugend maskieren ließe! Alles auf dieser Welt ist Schein, und ob du Gutes tust oder Schlechtes, es wird dir so ergehen, wie es vom Schicksal vorausbestimmt ist. Glaube nicht, daß sich die Götter, die das Schicksal lenken, durch die Handlungen der Menschen in ihren Entschlüssen beeinflussen ließen: der Menschen Schicksal ist ihnen nur ein Würfelspiel!
Verachte die Menschen, wie es das Schicksal selbst tut. Denn was hast du von ihnen zu erwarten? Wenn du große Wohltaten übst, werden sie dich beneiden, — wenn du aber große Schelmenstreiche ausführst, werden sie dich bewundern. Ich habe dich derartig erzogen, daß du die höchste Bewunderung finden wirst!
Das Erbteil, das ich dir hinterlasse, ist ungeheuer. Denn nicht nur hinterlasse ich dir Malatri, die Brillenschlange, sondern auch den Inhalt sämtlicher Westentaschen, Hosentaschen und Brusttaschen sämtlicher Weißen, die unser Land besuchen!
Lebe wohl, mein Kind!«
So sprach mein Vater, umarmte mich, indes dicke Tränen über seine Wangen perlten (ein Zeichen, daß ihm sehr heiter zumute war), und entließ mich. Der Gefängniswärter, der von unserer Unterredung kein Wort verstanden hatte, führte mich auf die Straße.
In der Nacht machte mein Vater einen mißglückten Ausbruchsversuch, und am nächsten Tage verließ seine Seele den Leib.
Ich machte vor dem Gefängniswärter eine tiefe Verbeugung, flüsterte »Salaam«, eine Ehrenbezeigung, bei der man sich die schlimmsten Beleidigungen denken kann, und schritt gedankenvoll die Straße hinab.
Ich kam vorbei an dem Krankenhaus der Tiere, in dem wir die siechen Tiere pflegen, bis der Tod ihren Leiden ein Ende setzt. Und wir pflegen die fallsüchtige Kuh, den aussätzigen Affen, das krätzige Huhn mit derselben Liebe und Ehrfurcht wie die leidende Ratte und den verstümmelten Skorpion.
Und ich ging weiter, vorüber an Tempeln und heiligen Teichen, und kam in den Stadtteil der Weißen, wo der große Bahnhof steht, der uns die Fremden bringt, auf daß wir ihre Taschen leeren; wo ihre Kirchen ragen, in denen sie zu einem Gott beten, den ich nicht begreife und nicht begreifen will; wo ihr Regierungspalast, auf dessen breitem Bau ein schmales Türmchen ruht, wie ein Tragsessel auf dem Rücken eines Elefanten, hochmütig den Hindu anstarrt; wo die Stadthalle ernst dreinblickt, die in ihrem Bauche unzählige Bücher birgt, aus denen die Weißen allerlei Unnützes lernen, was sie für wissenswert halten.
Es sind stolze Häuser, nicht vergleichbar unseren Lehmhütten, und wenn sie einmal zerstört sein werden, werden sie schönere Ruinen geben. Und sie werden bewundert von allen, die sie zum ersten Male schauen.
Ich aber achtete nicht auf alle diese bekannten Herrlichkeiten, ich beeilte mich, nach Hause zu kommen zu Malatri, der Brillenschlange, die ich von meinem Vater geerbt hatte.
Malatri ist die durchtriebenste, heimtückischste Schlange Indiens, und ich glaube, daß die Seele eines englischen Diplomaten in ihr wohnt. Ihr sind die Giftzähne ausgebrochen, und Schiwa füge, daß das gleiche auch der englischen Politik passieren möge.
Jetzt, da Malatri gestorben ist, kann ich ruhig ausplaudern, wozu sie mir diente: Wenn die Nacht herniedersank, barg ich sie unter meinem Kleid, schlich in das Europäerviertel der Stadt und ließ Malatri in das Schlafgemach einer weißen Lady schlüpfen. Zischend richtete sich die Schlange auf, die Herrin schrie, die Hausbewohner liefen zusammen, um die Schlange zu erschlagen, — und in dem allgemeinen Tumult fand ich Zeit und Muße, in den vornehmen Zimmern des Hauses ein wenig Umschau zu halten. Wenn ich dann meine Beute nach Hause brachte, pflegte Malatri, die kluge Brillenschlange, schon an der Pforte auf mich zu warten. Ich lobte sie, gab ihr Reis und süße Milch zu fressen, wickelte mich in meine Decke und schlief ausgezeichnet, wie eben ein Mensch schläft, der sich eines guten Gewissens und eines wohlgelungenen Einbruchsdiebstahls erfreut.
Es ist merkwürdig, daß die Weißen so sehr vor einer Brillenschlange erschrecken, und es hängt sicherlich mit der törichten Furcht zusammen, die dieses dumme Volk vor dem Tode hat. Wir Hindus wissen, daß wir keine Stunde früher oder später sterben werden, als es uns vom Schicksal vorausbestimmt ist. Ist unsere Stunde noch nicht gekommen, so können uns Tausende von giftigen Schlangen beißen, ohne daß es uns schadet, — ist aber unsere Zeit abgelaufen, so sterben wir an dem Stich einer Mücke, an dem Schlag eines Strohhalmes, an dem Biß eines Mehlwurms.
Die Europäer begreifen das nicht, sie verbringen ihr ganzes Leben in Furcht und Sorge, in Angst und Selbstquälerei, sie scheuen den Tod, statt sich auf die Sterbestunde zu freuen, die sie von einem solchen selbstverpfuschten Leben erlöst.
Das Schlimmste aber ist, daß diese weißen Menschen sich unterfangen, mit ihren niedrigen Anschauungen unser abgeklärtes Leben zu stören. Nicht nur daß sie uns die Witwenverbrennungen und das Ertränken der neugeborenen Mädchen verbieten, sie suchen auch bei Pestepidemien durch allerhand Vorschriften, die sie »sanitäre Maßregeln« nennen, den Gang des Schicksals zu ändern. Ein ebenso vergebliches wie fluchwürdiges Unternehmen.
Sie verbieten uns in solchen Jahren, von dem Wasser des heiligen Stromes zu trinken, — weil Aussätzige darin baden, und weil wir die Kadaver der heiligen Tiere in diesen Strom zu werfen pflegen.
Sie glauben eben nicht an das Schicksal, nicht an die Macht Schiwas, sondern nur an die Macht des Goldes, und deshalb ist es ein gutes Werk, ihnen das Gold wegzunehmen.
Ich aber füge mich nur dem Schicksal. Will es das Schicksal, so habe ich heute satt zu essen, — will es das Schicksal, so hungere ich. Zeitweise verdinge ich mich einem Europäer als Boy. Will es das Schicksal, so gelingen mir meine Betrügereien gegen ihn, und er gibt mir obendrein ein gutes Zeugnis, das ich durch einige eigenhändige Zeilen noch verbessere, — will es das Schicksal anders, so erwischt er mich beim ersten Betrug und verprügelt mich, daß ich nicht mehr weiß, was hinten und vorne ist. Beides ist mir recht.
Finde ich in der Tasche eines Fremden eine Geldbörse, und will es das Schicksal, daß sie wohlgefüllt ist, so behalte ich sie, — will es aber das Schicksal, daß sie leer ist, so trage ich sie zur Wache.
Alle Hindus sind in dieser Verehrung des Schicksals einig, und nur über einen Punkt herrscht zwischen mir und meinen Brüdern eine Meinungsverschiedenheit: Jene behaupten, es sei das höchste Glück der Erde, auf dem Rücken zu liegen und in die Sonne zu blinzeln, ich aber sage, es ist ein noch größeres Glück, dabei auf dem Bauch zu liegen.
Nun, das sind eben verschiedene Weltanschauungen, über die sich nicht streiten läßt.
Solche Gedanken ballten sich hinter meiner Stirne, als ich an jenem denkwürdigen Tage des Abschieds von meinem ehrwürdigen Vater die Straßen hinabeilte, um Malatri, die Brillenschlange, zu holen. Da hemmte ein ungewohnter Aufzug meine Schritte.
Wohl zwanzig junge Europäer, in Reihen zu drei und drei aufgestellt, kamen des Wegs daher, begleitet von einer weinenden Frau und von Jim Boughsleigh, dem Soldaten, der sie mit geladenem Gewehr bewachte.
Ich weiß nicht, ob Ihr Jim Boughsleigh kennt? Wenn Ihr ihn nicht kennt, habt Ihr jedenfalls nicht viel verloren. Er ist ein langgeschossener dürrer Mensch mit einer Nase, die an Wochentagen sanft rosa, Sonntags aber ins Bläuliche schillert. Wie er mir erzählte, ist er in Southampton geboren worden, verlebte aber viele Jahre in einem Städtchen namens Arbeitshaus und trat schließlich in die Kolonialarmee ein, weil sich seine langen Beine so gut zum Laufen eignen.
Als ich Jim Boughsleigh kennen lernte, befand er sich gerade in heiligem Zustand. Er lag auf der Straße, streckte alle viere von sich und gab auf keine Frage Antwort. Seine Seele weilte auf Urlaub im Paradies.
Ich habe ihn später noch öfter in diesem heiligen Zustand angetroffen, und ich habe beobachtet, daß er dabei stets eine leere Flasche bei sich hatte, auf der »Whiskey« stand. Einmal war noch ein wenig heiliges Wasser in dieser Flasche, ich zog sie ihm aus der Tasche, setzte sie an den Mund, trank — und warf die Flasche entsetzt fort, denn es saß ein brennender Dämon darin.
Von dem Klirren der Flasche erwachte Jim Boughsleigh, ächzte und sprach die heiligen Worte: »Mich is schlecht! Very hundsmiserabel is mich!«
Späterhin, als wir uns etwas angefreundet hatten, wollte Jim Boughsleigh auch mir von seinem heiligen Wasser zu trinken geben. Aber ich lehnte ab, weil in den Vorschriften unserer Religion kein Gebot enthalten ist, Dämone zu trinken. Und weil ich der Ansicht bin, daß der Genuß des Wassers vom heiligen Strom in Benares, obwohl Pestkranke darin baden und Tierleichen darin schwimmen, lange nicht so viel Schaden auf der Welt anrichtet als der Genuß des heiligen Whiskeywassers.
Jim Boughsleigh war ein Narr wie alle Europäer. Befand er sich in unheiligem, nüchternem Zustand, so fand er nicht genug Worte des Lobes für seinen Stand und seinen Herrscher. Er blähte sich auf wie ein Kalkuttahahn und krähte:
»Ich bin ein Soldat Seiner Majestät des Königs von England, des Kaisers von Indien! God save the King!«
»Ist dein König sehr mächtig?« frug ich ihn.
»Der mächtigste König der Welt! Von Rechts wegen sollte ihm die ganze Erde gehören!«
»Wieviel Frauen hat er denn?« erkundigte ich mich weiter.
»Schafskopf! Eine einzige!«
Da dachte ich mir meinen Teil. — Ein König, der sich nur eine einzige Frau leisten kann, kann nicht gar so reich sein! Jeder indische Fürst hat ein paar hundert.
Aber ich wollte nicht vorschnell urteilen, denn ich bin ein Hindu und kein Europäer, und deshalb fuhr ich fort zu fragen:
»Wieviel Elefanten hat dein König in seinem Stall?«
»Gar keine! Esel!«
»Welcher Kaste gehört dein König an?«
»Bei uns gibt es nur eine Kaste, die der Gentlemen!«
Ich dachte mir: »O weh! Wer verbergen muß, welcher Kaste er angehört, der kann nicht weit her sein! Am Ende gehört er zur Kaste der Wasserträger?« Und ich rümpfte in Gedanken meine Nase.
Aber weil ich ein gründlicher Mensch bin, stellte ich eine letzte Frage:
»In welchem Tempel wird dein König verehrt?«
Da lachte Jim Boughsleigh herzlich und sagte:
»In einem großen Tempel, dem größten Heiligtum der Engländer: es heißt die Börse!«
Das imponierte mir gewaltig, und ich habe seitdem tiefe Ehrfurcht vor dem König von England. Und ich denke mir: wenn er auch keine heiligen Elefanten besitzt, so wird er doch genug heilige Affen in seiner Umgebung haben.
In solchen Tönen pflegte Jim Boughsleigh seinen Herrscher und seinen Soldatenberuf zu lobpreisen, wenn er seine unheiligen Stunden hatte. Befand er sich hingegen in heiligem Zustand, so schimpfte er auf seinen King und auf seine sämtlichen Vorgesetzten mit einer Überzeugungskraft, daß einem Angst und Bange werden konnte, und er verglich sie mit Tieren, von denen ich noch nie etwas gehört hatte.
Dies also war Jim Boughsleigh, der an jenem Tage mit geladenem Gewehr als Wächter der Weißen des Wegs daherkam.
Als er mich erblickte, grinste er über das ganze Gesicht, so daß ich seine Zähne sehen konnte, soweit sie ihm seine Kameraden noch nicht eingeschlagen hatten, und winkte mir mit den Blicken, näher zu treten.
Ich dachte mir: »Mögen sämtliche Dämonen in deine Eingeweide fahren!«, machte eine tiefe Verbeugung und näherte mich in demütiger Haltung, indem ich um Auskunft bat: »Wer sind diese weißen Sahibs?«
»Das sind Deutsche!« grinste Jim Boughsleigh und fügte einen greulichen Fluch hinzu, den ich aber nicht wiederholen mag, denn ich bin ein Hindu und kein kultivierter Europäer.
»Bringst du sie an den Dampfer?« frug ich.
»Nein, ins Gefängnis!«
»Was haben sie denn verbrochen?«
»Sie sind Deutsche!«
Da machte ich ein sehr beileidsvolles Gesicht, innerlich aber lachte ich mir einen Ast: Haha, fangen die Weißen an, sich gegenseitig einzusperren? Das ist recht! Schade, daß sie nicht früher damit angefangen haben!
»Ist es denn ein Verbrechen, ein Deutscher zu sein?« frug ich weiter.
Da hob einer der Gefangenen, der unser englisch geführtes Gespräch verstanden hatte, den Kopf, betrachtete Jim unsäglich verachtungsvoll und sagte: »Es ist ein Glück, ein Deutscher zu sein!«
Das gefiel mir von ihm, denn jeder Mensch soll stolz auf seine Abstammung sein, wenn er auch nur ein Weißer ist. Dem Jim Boughsleigh aber gefiel es gar nicht, er nahm sein Gewehr und stieß dem Gefangenen den Kolben in den Rücken, daß sich vor Wut und Schmerz sein Gesicht verzerrte.
Ich verstand die ganze Geschichte nicht und erkundigte mich deshalb: »Edler Jim, seit wann sperrt man denn die Deutschen ein?«
»Seit der Krieg ausgebrochen ist! Weißt du, was das ist: "Krieg"?«
Innerlich mußte ich wieder furchtbar lächeln über diese eingebildete Frage. Ist es nicht zum Kugeln: ein englischer Soldat fragt mich, einen Hindu der Kriegerkaste, ob ich wüßte, was »Krieg« ist?
Aber weil mein Gesicht nicht dazu da ist, meine Gedanken widerzuspiegeln, blieb ich äußerlich ernst und sprach: »Ein Krieg ist, wenn zwei Männer sich in ehrlichem Kampfe gegenübertreten, um ihre Kräfte zu messen, so daß man sehen kann, welcher von beiden der Stärkere und Tapferere ist!«
Da wieherte Jim Boughsleigh wie eine Eselin, der etwas Spaßhaftes eingefallen ist, und prustete: »Mensch, nein, bist du komisch! In einem modernen Krieg sieht man den Gegner meist überhaupt nicht! Auf viele tausend Meter schießt man auf ihn mit Kanonen, deren Geschosse den Kuckuck danach fragen, ob du tapfer oder feig bist! Wenn dich ein Granatsplitter auf den Kopf trifft, bist du einfach kaputt, ob du nun ein Riese Goliath oder ein Schneidermeister Fips bist! Wen's trifft, das ist Zufall!«
Mich ärgerte dieses dumme Gerede. Ich wußte zwar nicht, was ein Kuckuck oder ein Granatsplitter ist, noch kenne ich den Riesen Goliath oder den Schneidermeister Fips, aber ich weiß, daß nichts auf dieser Welt Zufall ist, sondern alles vorausbestimmtes Schicksal. Wen ein Granatsplitter (oder wie das Ding heißt) treffen soll, den kann es mitten im Frieden treffen, wenn es das Schicksal so will.
Ich hätte das Jim Boughsleigh auseinandersetzen können, — aber wozu mit einem Weißen streiten? Wenn ein Weißer merkt, daß er unrecht hat, fängt er an zu schreien, zu prügeln und irgendeine geheime Rache zu brüten.
Während ich mich freue, wenn ich einen Klügeren antreffe, der mir von seiner Weisheit mitteilt, ärgert den Weißen nichts ingrimmiger, als wenn er einen Klügeren findet. Der Weiße ist so maßlos eitel, daß er jede Überlegenheit seines Nächsten wie eine persönliche Kränkung empfindet, daß er den faulen Durchschnitt liebt und jeden, der darüber emporragt, mit seinem Haß zu verkleinern sucht. Und daher kommt es, daß in Europa die Dummköpfe das große Wort führen.
Ich sparte mir also die Mühe, Jim Boughsleigh aufzuklären darüber, daß es kein alberneres Wort gäbe als das inhaltlose Wort »Zufall«, ich machte wieder eine Verbeugung, bei der ich mir allerhand dachte, und wollte meines Weges gehen, als mich Jim zurückhielt.
»Hast du heute abend Zeit?« meinte er. »Ich habe mit dir Wichtiges zu sprechen!«
»Heute ist ein Festtag,« gab ich zurück. Denn ich hatte in der Tat die Absicht, mir mit Malatri, der Brillenschlange, einen Festtag zu machen.
»Und morgen?« forschte Jim Boughsleigh.
»Morgen wird mein ehrwürdiger Vater gehenkt! Aber übermorgen stehe ich zu deinen Diensten, Herr!«
»Also übermorgen abend nach sechs Uhr am heiligen Teich! Sei pünktlich: es handelt sich um etwas sehr Wichtiges für dich!«
»Ich werde zur Stelle sein, edler Jim!«
Ich warf noch einen Blick auf die deutschen Gefangenen, von denen einer eine Bemerkung in einer mir unverständlichen Sprache machte, über die sie alle herzlich lachten, und bog in eine Nebengasse ein.
Verwunderung hatte mich erfaßt, denn ich hatte es noch niemals erlebt, daß Weiße, auch wenn sie im Unglück sind, heiteren Gemütes bleiben.
Noch mehr aber wunderte mich die Ankündigung Jims. Was mochte er wohl so Wichtiges mit mir zu sprechen haben? Es war das erstemal, daß er sich förmlich mit mir verabredete, und ich folgerte daraus, daß er mich zu irgend etwas notwendig brauchte.
Was konnte es nur sein? Ich argwöhnte Böses, — haben doch die Engländer, so weit ich zurückdenken kann, uns Indern nur Böses angetan.
Je länger ich in Zweifeln nachdachte, desto aufgeregter wurde ich, — nicht vor Todesangst, denn die Todesangst ist ein Gefühl, das uns die Engländer nicht beibringen werden, und wenn sie uns noch so lange zivilisieren, sondern vor Betrübnis, man werde mich vielleicht zu irgendeiner Schlechtigkeit zwingen wollen.
Als ich in meiner Lehmhütte anlangte, war ich vor Nachdenken ganz erschöpft. Ich beschloß, meinen Beutezug mit Malatri, der Brillenschlange, auf eine andere Nacht zu verschieben, wusch mich, verrichtete meine Gebete und wickelte mich in eine Decke. Aber es dauerte lange, bis mich weiche Hände in das Reich der Träume trugen, denn mich marterte die Frage: »Was mag nur Jim Boughsleigh von dir wollen?« ...
So weit war mein Freund, der Hindu, in seiner Erzählung gekommen, als die Krankenschwester an das Bett trat und mich leise bat, meinen heutigen Besuch zu beendigen: der Kranke müsse nun schlafen.
Ich verabschiedete mich von Mister Galgenstrick mit einem lächelnden Kopfnicken, da ich wußte, daß ihm jede körperliche Berührung mit einem Weißen peinlich war.
Mister Galgenstrick hob zum Abschiedsgruß seine linke Hand, um sie über die Brust zu legen. Diese Bewegung aber löste bei ihm einen heftigen Hustenanfall, begleitet von Blutspucken, aus, so daß die Krankenschwester ihn stützen mußte. Sie reichte ihm Kochsalz zu schlürfen, er lehnte es aber mit einer halb traurigen, halb trotzigen Kopfbewegung ab.
Ich eilte nach Hause, um meine stenographischen Aufzeichnungen in Reinschrift zu übertragen. Die ganze Nacht hindurch schrieb ich, und wenn ich »Galgenstricks« Erzählungen vielleicht stellenweise nicht ganz wortgetreu wiedergegeben habe, so liegt das in erster Linie an dem närrischen englischen Kauderwelsch, das er sprach.
Als ich am nächsten Mittag das Lazarett wieder besuchte, mahnte mich auf dem Korridor die Krankenschwester, unseren Patienten nicht zu überanstrengen.
»Er darf nicht so viel reden. Es greift ihn zu sehr an!«
Ich versprach, nicht länger als eine Stunde zu bleiben.
Um dem Kranken eine Freude zu machen, hatte ich ihm einige Photographien indischer Landschaften und Gebäude mitgebracht, die ich aus Büchern meiner Bibliothek herausgerissen hatte. Er betrachtete die Bilder lange schweigend, bat mich dann durch eine Geste, sie unter sein Kopfkissen zu legen.
Ich glaube, ich bin durch dieses kleine Geschenk sehr in seiner Achtung und Neigung gestiegen. Wenigstens ließ er sich diesmal nicht lange bitten, mir zu erzählen, deutete vielmehr gleich auf meine weißen Notizblätter und den wohlgespitzten Bleistift, gab der Krankenschwester ein Zeichen, sich zu entfernen, und begann:
In den nächsten zwei Tagen nach dem Zusammentreffen mit Jim Boughsleigh stellten sich einige Änderungen im gewöhnten Leben Bombays ein. Man sah mehr Soldaten als sonst auf den Straßen, besonders viel mohammedanische Truppen. Vor dem Klubgebäude der Deutschen standen bei Tag und Nacht Wachen, und kein Deutscher konnte dieses Haus verlassen, ohne daß ihm ein Wächter gefolgt wäre.
Es konnte sich dabei übrigens nur um ältere Männer und Frauen handeln, denn die jungen Männer waren alle eingesperrt worden. Besonders scharf waren die Wachen am Hafen. Niemand durfte herein oder hinaus, ohne daß er kontrolliert worden wäre. Mein Freund Lapalogi verdiente in jenen Tagen ein Vermögen mit dem Ausstellen falscher Pässe.
Es bekam ihm leider schlecht, denn ein Konkurrent verriet ihn den Engländern, und diese stellten ihn als Zielscheibe an die nächste Wand, was er so schlecht vertragen konnte, daß er umfiel und tot war. Er war ein sehr talentvoller Mensch.
Die Europäer nannten ihn zwar einen Schuft, aber das war sehr ungerecht. Allerdings wurde er, kaum dreißigjährig, wegen seiner Fälschungen erschossen, — wäre er aber ehrlich gewesen, so wäre er vermutlich schon zehn Jahre zuvor verhungert. Seine Werke werden ihn lange überdauern, besonders das falsche Papiergeld, das er meisterhaft herzustellen verstand.
Auch ich hatte in diesen Tagen einen bescheidenen Nebenverdienst. Ein junger Deutscher ersuchte mich nämlich, ihm gegen eine Belohnung von zwölf Rupien das Gewand eines Mohammedaners zu verschaffen, in dem er sich nach seiner Heimat durchschmuggeln wollte. Das Schicksal wollte es, daß ich noch am selben Tag das gewünschte Kleid stehlen konnte. Ich ließ mir vierzehn Rupien dafür bezahlen und schwor, daß ich nichts dabei verdiente.
Ich weiß, daß es bei euch Weißen als verboten gilt, seinem Nachbar die Kleider zu stehlen. Bei euch darf man seinem Nächsten höchstens die Arbeitskraft, die Gesundheit, die Lebensfreude stehlen. Ich habe viel darüber nachgedacht, aber ich bin zu keinem Resultat gekommen, wo der erlaubte Diebstahl aufhört und der verbotene Diebstahl anfängt. Die Frage ist mir zu schwierig, und ich unterscheide deshalb lieber zwei andere Arten Diebstähle, nämlich: Diebstahl von Sachen, die man gebrauchen kann, und Diebstahl von Sachen, die man nicht gebrauchen kann.
Wenn ich ein Gesetzgeber wäre, würde ich nur die letztere Art bestrafen.
Noch eine andere Neuerung beobachtete ich in jenen Tagen in den Straßen der Stadt. Es wurden in jedem Stadtteil einige Häuser mit englischen Fahnen geschmückt und mit Bildern aus dem Soldatenleben geziert, auf denen in großen Buchstaben stand: »Come in!«
Wir Eingeborenen lasen mit viel Interesse diese Aufforderung hereinzukommen — und blieben draußen.
Was ging uns dieser neue europäische Unsinn an?
Wenn die Weißen sich gegenseitig totschlagen wollen, so bin ich damit vollkommen einverstanden, und ich will gerne dafür beten, daß jede Partei unterliegt. Aber weiter will ich nichts damit zu tun haben. Habe ich nicht recht?
Pünktlich zur vereinbarten Stunde machte ich mich auf den Weg, um am heiligen Teich mit Jim Boughsleigh zusammenzutreffen. Malatri, die Brillenschlange, nahm ich in einem Sacke mit, denn ich beabsichtigte, in dieser Nacht wieder einmal meine Vermögenslage gründlich zu verbessern.
Ich machte einen kleinen Umweg, der mich an dem Regierungspalast vorbeiführte. Vor diesem Gebäude drängten sich viele, viele Weiße, und am Fenster stand ein Mann und las von einem Blatt mit hoher Fistelstimme eine Nachricht vor: »Die Russen sind gestern in Berlin eingezogen, die Franzosen stehen in Koblenz.«
Als die Weißen diesen Satz hörten, brachen sie in tollen Jubel aus, umarmten sich, küßten sich und sangen »God save the King!«.
Ich wußte nicht, wer die Russen und Franzosen sind, ich weiß auch nicht, was sie in Berlin und Koblenz zu suchen haben, und ob dies fremde Inseln oder Schiffe sind, jedenfalls aber schloß ich aus der allgemeinen Freude, daß das, was der Mann am Fenster vorgelesen hatte, ein sehr guter Witz gewesen sein muß.
Sogar ein paar junge Deutsche, die man gerade von frisch angekommenen Schiffen über den Platz ins Gefängnis führte, lachten hell auf und riefen: »Reuter-Meldung!«
Ich überließ die Europäer ihrer Heiterkeit und beeilte mich, an den heiligen Teich zu kommen.
Jim Boughsleigh wartete schon auf mich. Er saß am Rande des Teiches, und ich bemerkte mit Mißfallen, daß sich sein Bild in dem heiligen Wasser spiegelte.
Bei den Begrüßungsworten traf mich sein Atem, und ich fühlte sogleich, daß er schon mehrfach aus seiner Flasche genippt hatte und daß er auf dem besten Wege war, wieder seine heiligen Zustände zu bekommen.
Es war ein prächtiger Abend, der Himmel ein einziges blaues faltenloses Tuch, die Palmen tauschten heimliche Zärtlichkeiten mit dem milden Wind, Vögel lockten sich und sangen sich in ihrer zwitschernden Sprache Liebesgedichte, Ratten huschten und spielten.
Es war einer der Abende, an denen man fühlt, daß die guten Götter doch mächtiger sind als die bösen Dämonen.
Ich legte den Sack mit Malatri, der Brillenschlange, neben mich, beugte mich zu dem heiligen Teich nieder, grüßte mit den Blicken die Frommen, die darin die vorgeschriebenen Waschungen vornahmen, und schöpfte eine Handvoll Wassers. Als ich sie zum Munde führte, entdeckte ich darin — o günstiges Zeichen! — eine Wasserspinne. Ich setzte sie sorgsam in das Naß zurück und trank meine Hand leer.
Jim Boughsleigh grinste, und ich konnte mir wohl denken, warum. Er verstand es nicht, daß man so viel Wesens mit einer Spinne machen konnte. Die Weißen werden uns in dieser Beziehung nie verstehen, sie begreifen nicht, daß in den Tieren menschliche Seelen wohnen, daß alles, was lebt und webt, ihresgleichen ist, sie haben den Zusammenhang mit der Natur verloren. Sie haben der Natur den Krieg erklärt, ohne zu ahnen, daß sie damit sich selbst den Krieg erklärt haben, da sie doch nur ein Teil der Natur sind. Sie gleichen einem Schilfrohr, das stärker sein will als der Wind. Und weil sie sich selbst taub gemacht haben gegen die Stimmen der Natur, hören sie nicht, wie es rings um sie kichert und spöttelt. Manchmal aber schwillt das Kichern der Natur zu einem gellenden Hohnlachen an, und dann sagen die Weißen: »Es war ein Erdbeben!« oder: »Ein Vulkan hat Feuer gespieen!«
Sie sind wirklich verächtliche Narren, diese Weißen!
Jim Boughsleigh tat einen tiefen Schluck aus seiner Flasche und reichte sie mir dann, damit ich seinem Beispiel folge. Ich lehnte ab, aber da hob er die Faust und schrie: »Sauf, Hindu!« Und weil er der Stärkere war, wollte es das Schicksal, daß ich trank.
Jim steckte seine Pfeife in den Mund, zog die Streichhölzer hervor, und weil seine Hand bereits etwas unsicher war, sah ich mit Freude, daß er mit dem brennenden Streichholz unter seiner Nase herumfuchtelte, was ihm einen Brüller des Schmerzes entlockte.
Endlich brannte seine Pfeife, und er hub an: »Hast du die Deutschen gesehen, die ich ins Gefängnis brachte?«
»Ja, Herr! — Was habt ihr Engländer mit ihnen vor? Laßt ihr sie hungern?«
Jim grölte vergnügt. »Offiziell nicht!« versicherte er. »Nur inoffiziell! Offiziell sind wir ein Kulturvolk! — Wie hat dir der Anblick gefallen, mein Lieber?«
Ich witterte eine Falle. Weshalb frug Jim nach meiner Ansicht? Haben die Engländer uns etwa nach unserer Ansicht gefragt, als sie uns unser Land wegnahmen und als sie unsere Brüder vor ihre Kanonen banden? Ich beschloß also, vorsichtig zu sein, und erwiderte achselzuckend: »Was gehen mich die Deutschen an?«
»Du bist ein Affe!« knurrte Jim und spuckte in den heiligen Teich.
Daß er mich mit einem Affen verglich, machte mich doppelt mißtrauisch. Weshalb schmeichelte er, wenn er nicht die Absicht hatte, mich zu betrügen?
»Du bist ein Affe!« wiederholte Jim Boughsleigh. »Was dich die verdammten Deutschen angehen? Sehr viel gehen sie dich an! Weißt du denn nicht, daß die Deutschen die verbissensten Feinde der Hindus sind?«
Das war mir neu. Ich habe einmal als Boy bei einem deutschen Reisenden gedient, er hat mir ein ausgezeichnetes Zeugnis gegeben und ich habe für seine goldene Uhr fünf Rupien bekommen; auch hat er mir im Laufe eines Monats nur siebzehn Fußtritte gegeben, während ich durchschnittlich von den Engländern die doppelte Portion in einer Woche erhalte, — nein, ich hatte damals nichts gegen die Deutschen.
»Wieso sind die Deutschen die Todfeinde des Hindus?« frug ich nach einigem Nachdenken.
»Trink noch einmal!« gab mir Jim Boughsleigh zur Antwort und zwang mir die Flasche in die Hand, nachdem er selbst längere Zeit daran gesogen hatte. »Trink, Junge, aber nicht solche Säuglingsschlucke, sondern ordentlich! — Weshalb die Deutschen deine Feinde sind? Eine verdammt dumme Frage!«
Ich fand, daß dies eigentlich weit mehr eine verdammt dumme Antwort sei, und schwieg.
Jim Boughsleigh qualmte eine dicke Wolke aus seiner Pfeife. Seine langen Beine baumelten in das Wasser des Teiches, aber sein Zustand war bereits so heilig geworden, daß er es nicht bemerkte. Er spuckte noch einmal aus und sagte:
»Die Deutschen wohnen weit, weit von hier in einem eisig kalten Land. Es ist dort so kalt, daß sie alle erfrieren müßten, wenn sie nicht — hm — (Jim bohrte sich in der angebrannten Nase) — wenn sie nicht Menschenfleisch fräßen!«
Mich erfaßte ein Schauder ob solcher Freveltat.
»Bleib nur sitzen,« ermahnte mich Jim. Er griff sich mit der Rechten krampfhaft in die Magengegend, stöhnte leise: »O, mich is very hundsmiserabel,« und fuhr mit erhobener Stimme fort: »Ja, Menschenfleisch frißt die Bande! Und willst du wissen, was für Menschenfleisch?«
Natürlich wollte ich das wissen. »Engländerfleisch?« schrie ich entsetzt.
»Auch das!« belehrte mich Jim. »Aber nur am Geburtstag und bei Hochzeitsfeiern! An Wochentagen fressen sie Hindufleisch! Beefsteaks aus Hindufleisch!«
Ich war sprachlos. Wer hätte das von den Deutschen gedacht? Sie hatten mir bisher einen für Europäer ganz anständigen Eindruck gemacht. — Aber traue einer den Weißen!!
Was mir Jim Boughsleigh da erzählte, war so schrecklich, daß ich es nur langsam fassen konnte.
Nicht daß die Deutschen die Hindus schlachteten, schien mir das Grauenvolle, denn es ist gleichgültig, welchen Tod man stirbt. Aber daß sie die toten Körper aufaßen, statt sie nach den Geboten unserer Religion zu verbrennen, das überstieg alle Grenzen der Menschlichkeit.
Ich konnte nicht glauben, was mir Jim erzählte. Aber er beteuerte mir: »Ich will ein Lump sein, wenn ich nicht die Wahrheit spreche! Sogar hier im Gefängnis haben die verdammten Deutschen Hindufleisch verlangt. Ganze Berge Konservenbüchsen davon hat man im Deutschen Klub gefunden!«
Ich ächzte wie ein verwundetes Tier. Jim Boughsleigh sah es mit Befriedigung.
»Gibt es denn in Deutschland Hindus?« frug ich.
Jim glotzte mich einen Augenblick verdutzt an, dann sagte er mit überlegener Miene:
»Massenhaft!! Jeder Deutsche hält sich seinen Hindu! Und füttert ihn mit Fleisch, bis —«
»Mit Fleisch?« schrie ich auf. »Mit Fleisch? Wissen sie denn nicht, daß es nur den Hindus der Kriegerkaste erlaubt ist, Fleisch zu essen?«
»Natürlich wissen sie das! Aber das ist den Schuften ganz gleichgültig! Krokodilfleisch geben sie den Hindus zu essen, deutsches Krokodilfleisch, weil das am billigsten ist! Na, trinken wir noch eins!«
Er zog wieder einen langen Schluck und reichte mir die Flasche.
Ich glaube, ich habe noch nie einen Menschen so ingrimmig gehaßt, wie ich in diesem Augenblick die Deutschen haßte.
»Es ist nicht anders möglich,« murmelte ich dumpf, »die Deutschen sind keine Menschen, sondern böse Dämonen!«
Jim Boughsleigh dämpfte seine Stimme zum Flüsterton:
»Ich wollte es dir nicht sagen, aber da du es von selbst erraten hast: ja, sie sind böse Dämonen!«
»So nehmen sie auch des Nachts Tiergestalt an?«
»Mit Vorliebe! Das ist eine Spezialität von ihnen! Sie verwandeln sich des Nachts in — in — ja, wie gesagt — sie verwandeln sich — in Frösche!«
Mir schwindelte. »In Frösche?!«
»Ja, mein Lieber, in grüne Frösche! Hast du schon einmal die Frösche quaken hören? Das ist die deutsche Sprache!«
Das nahm mich nun wieder Wunder, denn ich hatte bisher die Empfindung gehabt, daß das Froschgequake viel mehr Ähnlichkeit mit der englischen Sprache habe als mit der deutschen.
Wir schwiegen eine Weile, — ich vor Erregung, Jim, weil ihm die Zunge von Satz zu Satz ungehorsamer wurde.
Da ich nur lüge, wenn es mir etwas einbringt, will ich die Wahrheit sagen und eingestehen, daß an meiner Erregung nicht nur die Empörung über die deutsche Grausamkeit die Schuld trug, sondern auch der genossene Whisky. Der Dämon aus Jims Flasche war mir vom Magen in den Kopf geklettert und spielte dort mit meinem Gehirn jenes Spiel, das die Engländer Football nennen.
»Fragst du nun immer noch, was dich die Deutschen angehen?« forschte Jim Boughsleigh und hantierte mit einem flackernden Streichholz unter seinem rechten Ohr herum, weil er dort seine Pfeife vermutete, die ihm ins Wasser gefallen war. Und heiser fuhr er fort:
»Man muß sie ausrotten!«
Ich nickte.
»Ja, Herr, das muß man!«
»Au verflucht!!« schrie Jim, weil sein Ohr in die Streichholzflamme geraten war. »Ausrotten muß man sie! Und du mußt dabei mithelfen, wenn du kein feiger Hund sein willst!«
»Wieso ich?« stutzte ich. Eine Ahnung stieg mir auf.
»So fragt ein Angehöriger der Kriegerkaste? — Mit uns nach Deutschland mußt du —«
»Damit sie mich dort schlachten?«
»Oder du sie!«
Jim wurde geradezu zärtlich. Er blickte mich liebevoll an, mit großen runden Whiskyaugen, und schwärmte schwelgend:
»Du gehst mit nach Deutschland: o, es ist schön dort, die Sonne scheint, der Mond lacht, die Sterne —«
»Aber es ist doch eiskalt dort?«
»Unsinn!! Brühwarm ist es! Wo ist der Halunke, der behauptet, daß es dort kalt ist?« Er richtete sich kriegerisch auf.
»Du selbst hast es doch vorhin gesagt, Herr,« wagte ich einzuwenden. »Die Deutschen fressen Hindufleisch, weil es so kalt ist!«
»Ich selbst? — Allerdings — tja — jawohl — natürlich — in der Tat es ist kalt dort — scheußlich kalt — widerwärtig kalt — aber ... aber ... Ach was, trinken wir noch eins!«
Er setzte wieder die Flasche an, ließ sie aber erschrocken fallen, denn in diesem Augenblick kam mit lärmender Musik ein Zug Menschen um die Ecke.
Ich will hier nicht ausführlich meine Ansicht über die europäische Musik äußern, denn ich habe es längst aufgegeben, geschmackbildend auf die Weißen einzuwirken. Nur das eine will ich feststellen: daß man zwar mit einer Handtrommel und einer Flöte ganz liebliche Töne hervorbringen kann, wenn man hundertmal hintereinander dieselbe kurze Tonreihe spielt, daß aber natürlich nur ein ohrenbetäubender, sinnloser Lärm herauskommen kann, wenn nach Art der Weißen zwanzig Menschen und mehr gleichzeitig in verschiedenartige Instrumente hineinblasen.
Gar nicht erst reden will ich von dem schwarzen Musikkasten, den die Weißen in ihren Wohnungen aufstellen, und auf dessen Tasten sie mit den Händen hin und herfahren. Ich will nur, zum Besten der Weißen, meine Entdeckung mitteilen, daß es bedeutend angenehmer klingt, wenn man, statt mit den Fingern auf die Tasten zu schlagen, mit dem Popo darauf herumrutscht.
Mögen sich dies die weißen Musiklehrer merken!
Der Zug, der mit Musik um die Ecke bog, war sehr lustig. Zuerst kam eine Militärkapelle, dann ein von mehreren Männern getragenes großes Bild, das einen tückisch aussehenden Kopf darstellte. Darunter stand »Lord Kitchener wants you!« und noch einmal in drei indischen Sprachen die Übersetzung: »Lord Kitchener braucht dich!« Den Schluß des Zuges bildeten Soldaten und lachende Eingeborene.
Jim Boughsleigh salutierte, soweit es sein heiliger Zustand zuließ. Als er sich wieder setzte, hätte er mir beinahe den Sack mit Malatri, der Brillenschlange, in den Teich gestoßen.
»Wer ist das?« frug ich, als der Zug vorbei war.
»Wer?«
»Der Lord Kitchener, der behauptet, daß er mich braucht?«
Jim schnalzte mit der Zunge. »Das ist — das ist der Kriegsgott der Engländer.«
»Ist das am Ende derselbe Lord Kitchener, der den Mahdi vernichtet hat und Chartum einnahm?«
»Unsinn! Das war ein ganz anderer — das war sein Urenkel! Dieser Lord Kitchener ist ein mächtiger Gott!«
Das schien mir nun wieder wenig glaublich, denn ich hatte auf dem Bild genau bemerkt, daß Gott Kitchener nur zwei Arme hatte, — und bei uns haben die einfachsten Götter ihre sechs bis acht Arme.
»Wozu braucht er mich denn?« tastete ich vorsichtig.
»Um die verfluchten Deutschen zu vertilgen! Sei nicht dumm, Hindu, und komm' mit! So gut, wie du's bei den Soldaten hast, kannst du's nirgends haben: fast keine Arbeit, — die Vorgesetzten tragen dich auf Händen und lesen dir jeden Wunsch von den Augen ab, — und Geld kriegst du jede Woche einen Haufen!«
Jim Boughsleigh verdrehte die Augen wie ein Händler, der einem dummen Reisenden ein aus Europa frisch importiertes Tonfigürchen als echte altindische Götterstatue anpreist. Er redete so eindringlich auf mich ein, daß mich Ekel vor ihm ergriff.
Was hatte er nur? Daß mich die Europäer auf Händen tragen würden, das glaubte er wohl selbst nicht. Und daß sie mir viel Geld geben wollten, war verdächtig. Denn viel Geld geben die Engländer nur her, wenn sie etwas Böses wollen.
»Na?« drängte Jim Boughsleigh ungeduldig. »Lieber Freund, wie ist's? Läuft dir das Wasser nicht im Munde zusammen? Fasse dein Glück beim Schopf! Ich rede mit dir wie ein Vater!«
Das konnte mich schwerlich verlocken, denn wenn mein Vater mit mir redete, so nahm er dazu meist einen Riemen in die Hand. Ich versuchte, mit einer neuen Frage auszuweichen: »Sind denn die Engländer nicht stark genug, um die Deutschen allein zu besiegen?«
»Natürlich sind sie stark genug, mein Herzchen! Es ist die reine Großmut von uns, wenn wir euch an dem Ruhm teilnehmen lassen wollen. Habe ich nicht auch meinen Whisky mit dir geteilt? — Pah, die Deutschen! Feige, kraftlose Hunde sind sie —«
»Aber du sagtest doch, sie seien mächtige Dämonen?«
Jim Boughsleigh wurde wild.
»Zum Teufel, höre mit deinen dummen Fragen auf! Es ist, wie ich dir sage! Und wenn du kein Narr bist, trittst du noch heute in die glorreiche Armee Seiner Majestät des Königs von England ein!«
»Um nach Deutschland geschickt zu werden?«
»Nein, nur nach Ägypten braucht ihr! Das ist ganz nahe von hier! Ein wunderschönes Land — o, wie schön ist es dort — Mumien, Pyramiden, Sphinxe — na, trink noch mal!«
Ich hatte genug gehört. Ich nahm den Sack mit Malatri, der Brillenschlange, rückte außer Prügelweite und erklärte: »Jim Boughsleigh, die Armee des Königs von England ist die herrlichste der Welt! Ich sehe es an dir! Aber ich bin ein Narr, ich bin ein verblendeter Narr; ich stoße mein Glück von mir und trete nicht ein. Ich bin nicht würdig, einer so herrlichen Armee anzugehören! — Mögen die Götter dich schützen!«
Mit diesen Worten sprang ich eilends auf und rannte mit dem Sack davon, so schnell ich konnte und ohne mich umzusehen.
Jims Whiskyflasche flog mir dicht am Kopf vorbei und ich hörte ihn einige Wünsche ausstoßen, die durchaus nicht nach »lieber Freund« und »mein Herzchen« klangen.
Ich hatte geglaubt, daß ich mit dieser schroffen Beendigung der Unterredung endgültig der Gefahr entronnen sei, Jim Boughsleighs Waffenkamerad werden zu müssen und nach fernen Ländern zum Kampf gegen die deutschen Dämonen verschickt zu werden.
Ich wußte nicht, daß es mir vom Schicksal anders bestimmt war. Und seinem Schicksal kann keiner entgehen. Wohl vermagst du dich vor dem Arme der Menschen zu verbergen, aber es gibt kein Winkelchen auf Erden, wo du dich vor den Armen Schiwas verstecken könntest. Das bunte Treiben der Menschen gleicht dem Gewimmel eines Ameisenhaufens — aber Schiwa kennt jede einzelne Ameise beim Namen und läßt sie keine Sekunde aus den Augen. Du glaubst dein Leben nach deinem Willen und deinen Trieben einzurichten und bist im Strome des Geschehens doch nichts anderes als ein Metallfischlein, das von einem unsichtbaren Magnetstab gelenkt wird.
Als ich Jims Stimme nicht mehr hinter mir fluchen hörte, verlangsamte ich meinen Schritt. Mein Herz war schwer, und doppelt schwer dünkte mich daher auf meinem Rücken die Last des Sackes. Denn ein fröhliches Herz ersetzt dir tausend Sklaven, ein trüber Sinn aber legt dich in eiserne Fesseln.
Ich gedachte der guten Lehren, die mein Vater mir gegeben hatte, ehe ein Hanfstrick ihm die Taille zwischen Kinn und Schultern zu eng schnürte, und ich wünschte mir inbrünstig: O, gäbest du mir auch jetzt einen deiner Ratschläge!
Während ich diesen frommen Gedanken nachhing, fiel mein Blick auf einen Affen, der auf einer Palme kauerte und mich mit großen, klugen Augen so eindringlich ansah, daß mich wie eine Eingebung die Gewißheit durchzuckte: in diesem heiligen Tierleib wohnt deines Vaters Seele.
Tränen feuchteten meine Augen, ich warf mich zu Boden und flehte: »Gib mir ein Zeichen, ob du mein Vater bist!«
Mit angehaltenem Atem beobachtete ich, wie der heilige Affe eine Palmfrucht abriß, an ihr herumnagte und sie dann nach mir warf. Und da er genau meinen Kopf traf, so daß mir eine dicke Beule schwoll, zweifelte ich keinen Augenblick länger, daß ich in der Tat meinen ehrwürdigen Vater vor mir hatte.
Ich flehte also weiter: »Bei dem Brummen meines Kopfes, in dem sich ein Bienenschwarm niedergelassen zu haben scheint, bitte ich dich, o Vater, mir zu bedeuten, ob mein heutiger Beutezug mit Malatri, der Brillenschlange, gesegnet sein wird?«
Dreimal wiederholte ich diese Beschwörung, aber leider schien mein ehrwürdiger Vater seit seiner Hinrichtung etwas schwerhörig geworden zu sein. Der Affe kümmerte sich nicht weiter um mich, er drehte mir den Rücken und begann sich zu lausen.
Mit Andacht folgte ich seinen Bewegungen, allein ich konnte ihnen keinerlei väterlichen Wink entnehmen, sei es, daß ich die Zeichensprache nicht verstand, sei es, daß die zunehmende Dämmerung meinen Blick trübte.
Denn es war inzwischen dunkel geworden, in den Häusern der Weißen flammten die Lichter auf und drunten im Hafen hatten die großen Dampfschiffe ihre Flammenaugen aufgeschlagen und blinzelten zum Lande herüber.
Ich liebe die Nacht. Es gibt nichts Schöneres als eine muntere Nacht, wenn man den Tag über gut ausgeschlafen hat. Und ich sage euch: ein Kluger kann in einer einzigen Nacht mehr stehlen, als zehn Dumme in zwanzig Tagen ausgeben können.
So erhob ich mich denn, um das Haus zu suchen, in dessen Zimmern ich ein wenig aufzuräumen gedachte.
Zuvor aber eilte ich nochmals in meine eigene Lehmhütte, um mit roter Farbe das Zeichen Schiwas auf meiner Stirne zu erneuern.
Ach, der viele Whisky, den Jim Boughsleigh in meinen Magen genötigt hatte, trug die Schuld daran, daß dieses Zeichen zittrig und verklebt ausfiel. Und ich zweifle heute nicht mehr daran, daß mir Schiwa darob zürnte und nur aus dieser Ursache es fügte, daß der Abend ein so unseliges Ende nahm.
Mister Galgenstrick machte eine Pause der Wehmut in seiner Erzählung. Er zog, schmerzlich stöhnend, die indischen Landschaftsbilder, die ich ihm mitgebracht hatte, unter dem Kopfkissen hervor, betrachtete sie, fuhr liebkosend mit den Händen darüber hinweg.
Ich störte ihn nicht. Man darf diese seltsamen Menschen nicht in ihren Gedankenflügen unterbrechen, sonst werden sie argwöhnisch, und dann ist weder mit Güte noch mit Gewalt ein Wörtchen mehr aus ihnen herauszubringen.
Wer aber zu schweigen versteht, bis ihre Gedanken aus Nebelschleiern sich zu Gestalten der Sprache verdichtet haben, dem schenken sie ihr Vertrauen und teilen ihm ungefragt mit, was ihren Geist beschäftigt. Sie hüten ihre Gedanken wie ein Rosenbeet und hetzen den Hund auf jeden, der sich ihm lüstern naht; fühlen sie aber, daß du ihr Freund bist, so brechen sie selbst die schönste Rose, um sie dir zu schenken.
Endlich hatte Mister Galgenstrick sich wieder auf meine Anwesenheit besonnen, er versteckte die Bilder unter das Kopfkissen und sprach mit bitterer Erregung:
O könnte ich diesen Abend des Schreckens aus meinem Leben streichen! Dann läge ich jetzt nicht bei euch verachteten Weißen mit durchlöcherter Achsel, vergeblich schmachtend nach dem einzigen Mittel, das mir helfen könnte: nach heiligem Kuhmist!
Statt leblose Bilder meiner Heimat zu betrachten, o Herr, weilte ich in der Sonne Indiens, wäre vielleicht ein reicher Mann, hätte vier Frauen, die für mich arbeiten müßten, und könnte, Betel kauend, einem glückseligen Alter entgegenreifen.
Aber ich will nicht murren, ich bin kein Europäer, der seine Torheiten verdoppelt, indem er sie bereut — das Schicksal wollte es so, wie es geschah. Und nur eine einzige Sorge hält in dieser Stunde mein Herz mit Polypenarmen umklammert: daß, wenn ihr mich zu Tode geheilt haben werdet und ich gestorben bin, meine Seele in eurem rauhen Lande keinen heiligen Tierleib finden wird, in dem sie wohne. Denn ihr behandelt die Tiere schlecht, ihr schlagt und quält sie, und — so unfaßbar es einem Inderohr klingen würde — ich möchte bei euch noch lieber ein Weib sein als ein Tier!
Aber auch dies will ich dem Schicksal überlassen, das mit verbundenen Augen und verstopften Ohren spöttisch lächelnd waltet.
Den Sack mit Malatri, der Brillenschlange, auf dem Rücken tragend pilgerte ich aus dem Eingeborenenviertel der Stadt nach den Häusern der Weißen.
Ich hörte Malatri rascheln, als freue sie sich, mir wieder einmal ihre Treue beweisen zu können.
Der Dämon, der aus der Whiskyflasche in meinen Kopf gekrochen war, schien besserer Laune zu werden: während er bisher in meinem Gehirn grollend rumort hatte, begann er jetzt lustig mit den Beinen zu strampeln, so daß mir mit einem Male gar fröhlich zumute ward. Es kam hinzu, daß die Bäume und Häuser gar possierliche Knixe machten, und ein großes Gebäude nahm sogar grüßend sein Dach wie einen Hut vor mir ab, schwenkte es in der Luft und setzte es wieder auf.
Diese Heiterkeit erlitt nur für einen kurzen Augenblick eine Unterbrechung, als ich am Gefängnis vorbeikam. Da sah ich hinter einem vergitterten Fenster einen der Deutschen stehen, die ich drei Tage zuvor unter Jim Boughsleighs Bewachung geschaut hatte: er preßte seinen Körper ganz eng an das Gitter, richtete seine traurigen Augen gegen die Sterne, und sein Mund sang leise ein Lied, das ich seitdem oft habe von den Deutschen singen hören. Ich halte es für ein religiöses Lied, denn sie scheinen besondere Kräfte aus ihm zu schöpfen, und wenn sie es singen, tritt ein leuchtender Glanz in ihre Augen. Ich kann das Lied nicht wiederholen, denn die deutsche Sprache ist gar schwer für einen Hindu, aber die Anfangsworte sind mir im Gehirn haften geblieben, sie lauten: »Deutschland, Deutschland über alles!«
Ich stand unter dem vergitterten Fenster, lauschte und ich wunderte mich, daß ein Mensch so viel Schmerz in ein Lied legen konnte, besonders, wenn er in einen Frosch verwandelt ist.
Denn nachts verwandeln sich ja, wie ich damals glaubte, die Deutschen in Frösche.
Aber ich durfte mich nicht lange mit Zuhören aufhalten, ich bin gewohnt, vor Mitternacht einzubrechen, und man soll seinen guten Gewohnheiten nicht untreu werden; ich schritt also weiter und rasch stellte sich meine Lustigkeit wieder ein.
An einer Straßenecke standen zwei Wächter. Als ich genauer hinsah, war es nur einer. Er hielt mich fest und herrschte mich an: »Was hast du in dem Sack, Hindu?«
»Eine giftige Schlange, Herr!« erwiderte ich. »Wenn du es nicht glaubst, so greife hinein!«
Dazu aber hatte er keine Lust. Er drehte sich mißmutig um, und ich hörte, wie er knurrte: »Das Schwein hat einen Schwips!«
Ich bog in einen Seitenweg ein, denn wenn ich einbreche, lege ich keinen Wert auf die Begleitung eines Wächters. Entweder sie nehmen einen fest oder, was noch schlimmer ist, sie verlangen die Hälfte der Beute. Wobei sie so brüderlich teilen, daß sie am Ende sieben Achtel der Beute haben.
Ich musterte die Häuser und spähte, ob nirgends ein Fenster offen stünde?
Die Weißen haben es nicht gerne, daß man durch das Fenster bei ihnen einsteigt. Das ist eines der Vorurteile, von denen sie sich nicht befreien können. Ich habe viele Menschen, die vom Reichtum zur Armut herabsanken, gefragt, und alle haben mir bestätigt, daß sie nicht durch Leute zugrunde gerichtet wurden, die durchs Fenster kamen, sondern durch Leute, die sehr freundlich durch die Türe eintraten und die nie vergaßen, bei ihren Besuchen ihre Visitenkarte abzugeben.
Ich halte auch den Besuch eines Hindus, der eine Brillenschlange im Sack bei sich hat, für weit ungefährlicher als den Besuch eines Weißen, der die Giftschlange in der Brust trägt.
Leider stand nirgends ein Fenster offen.
Das hätte mich von meinem Vorhaben abhalten sollen, allein ich war zu gut gelaunt, um unverrichteter Dinge nach Hause zurückzukehren. Das Schicksal hatte eben mein Verderben beschlossen.
Ein Haus, dessen unterstes Stockwerk im Dunkel lag, während im oberen Stockwerk noch ein Licht brannte, schien mir einer näheren Bekanntschaft würdig. Ich erinnerte mich, daß ich aus diesem Hause des öfteren hatte eine Lady kommen sehen, eine Witwe, die reich mit Schmuck beladen war.
Wozu braucht eine Witwe Schmuck?
Bei uns Hindus war es Sitte, daß sich die Witwen auf dem Scheiterhaufen des toten Gatten verbrennen ließen — bei den Weißen scheint es Sitte zu sein, daß die Witwen nach dem Tode ihres Gebieters erst richtig zu leben beginnen. Kein Hindu wird sich einer Witwe nähern, die Weißen aber umgirren mit Vorliebe die Witwen — besonders die Witwen, deren Mann noch lebt. Überhaupt ist es mir unverständlich, nach welchen Grundsätzen eigentlich die Weißen ihre Frauen behandeln. Der Hindu prügelt das Weib, das nichts arbeitet, — der Weiße behängt es zum Lohn mit Schmuck. Ja, ich habe die Beobachtung gemacht, daß just diejenigen Frauen am üppigsten mit Schmuck behängt sind, die die meisten Prügel verdienen.
Ich schlich ein paarmal um das Haus der Witwe, wobei ich das Heulen eines wilden Hundes so natürlich nachahmte, daß Malatri zu fauchen begann.
Als sich im Hause nichts regte, kletterte ich zu einem Fenster des dunklen ersten Stockwerks empor und drückte die Scheibe ein. Das Klirren des Glases übertönte ich wieder durch Hundegebell.
Der Dämon in meinem Kopf schien kein Freund von Kletterübungen zu sein, denn er wurde wieder ungemütlich. Aber ich hatte jetzt Besseres zu tun, als mich mit ihm auseinanderzusetzen.
Ich war in einen finsteren Raum eingestiegen. Vorsichtig lauschend kroch ich auf dem Boden vorwärts, wobei ich den Sack mit Malatri vor mir herschob. Zwischen meine Zähne hatte ich ein langes Messer geklemmt.
Nichts rührte sich.
Ich gelangte auf eine finstere Treppe, huschte langsam, ganz langsam empor und geriet auf einen Gang, auf dem ein Schrank stand. Durch einen Türspalt drang ein Lichtschimmer: hier war also das Schlafzimmer der Lady.
Ich hatte erwartet, vor der Schlafzimmertüre, wie es Sitte ist, als Wache einen schlafenden Hindu zu finden — er fehlte. Wahrscheinlich stahl er gerade irgendwo in der Nachbarschaft.
Nun galt es zu handeln. Ich kniete am Boden nieder und begann unten an der Türe ein Loch mit dem Messer zu schaben, breit genug, um Malatri, die Brillenschlange, hindurchschlüpfen zu lassen. Ich glaube nicht, daß irgendwer diese Arbeit so sicher und geräuschlos zu vollbringen imstande ist, denn schwerlich wird jemand eine so gute Schule genossen haben, wie ich sie bei meinem ehrwürdigen Vater genoß.
Von Zeit zu Zeit hielt ich in meiner Arbeit inne und lauschte — niemand beobachtete mich.
O welch ein Irrtum! Und doch beobachtete mich einer, und das war der Whiskydämon in meinem Kopfe, der beschlossen hatte, mir einen niederträchtigen Streich zu spielen.
Und das kam so:
Ich hatte das Loch in die Türe geschabt, ich hatte Malatri aus dem Sack gelassen und beobachtete, wie das kluge Tier in das Zimmer der Lady schlüpfte. Nun wollte ich mich in dem Schrank auf dem Gang verbergen, um darin den Schreckensschrei der Witwe und den allgemeinen Tumult in Ruhe abzuwarten. Ich öffnete also leise die Schranktüre, — in dieser Sekunde aber ließ mich der Whiskydämon schwindlig werden, ich stolperte und fiel mit schrecklichem Gepolter in den Schrank hinein, aus dem ein Hagel von Glasgeschirr auf mich niederging.
Hätte sich die Erde geöffnet, ich hätte nicht heftiger erschrecken können.
Unwillkürlich stieß ich einen wilden Schrei aus, denn ich war zu allem Unglück in einen Glasscherben getreten, und rannte die Treppe hinunter, um zu flüchten. Ein Höllenlärm entstand. Türen öffneten sich, Männer und Mädchen, Farbige und Weiße, stürzten brüllend heraus, ein Schuß krachte, dazwischen kreischte die Stimme der Lady — ich glaubte mein Ende nahe.
Instinktiv erwischte ich die Türe zu dem dunklen Zimmer des ersten Stockwerks — ich sprang, trotz meines blutenden Fußes, über einen Tisch — und zum offenen Fenster hinaus.
Draußen aber stand der Wächter, der mich auf dem Hinweg nach dem Inhalt meines Sackes gefragt hatte, mit drei Genossen, und sie schienen mich erwartet zu haben.
Ich rannte ihn über den Haufen und lief — lief, so schnell mich die Beine trugen — keuchend, besinnungslos — auf ein Licht zu, das ich ferne leuchten sah.
Und — ich weiß selbst nicht, wie es geschah — plötzlich stand ich vor einem jener Läden, die außen mit bunten Soldatenbildern beklebt waren und in denen selbst zu so später Stunde noch Licht brannte — ich ergriff atemlos die Türklinke — und stand drinnen.
Verwundert blickte ich mich um.
In einer Ecke hockten vier Soldaten, qualmten aus kurzen Pfeifen und spielten fluchend Karten. Hinter einem breiten Tisch aber saß ein Kolonel, der bei meinem hastigen Eintritt behaglich schmunzelte und mir die Hand hinstreckte. In meiner Verwirrung legte ich meine Hand hinein, die er fest drückte.
Dann griff er in die Tischschublade, nahm ein paar Silberstücke heraus und hielt sie mir hin.
Ist heute die ganze Welt betrunken? dachte ich verdutzt, denn ich wußte nicht, was dies bedeuten sollte.
»Was soll ich mit dem Gelde, Herr?«
»Behalten sollst du's, mein Junge!« sagte der Kolonel. »Steck's nur ein!«
Mißtrauisch tat ich, wie er mich geheißen hatte. Ich sah von einem zum andern — sie grinsten vergnügt.
Mir kam der Laden unheimlich vor, und da ich mir sagte, daß meine Verfolger wohl inzwischen meine Spur verloren haben mochten, wandte ich mich zum Gehen.
Da aber faßte mich der Kolonel jäh an der Schulter, ließ eine Reitpeitsche, die gleichfalls in der Tischschublade gelegen hatte, dicht vor meiner Nase vorbeipfeifen und schrie in gänzlich verändertem Ton: »Dageblieben! Nicht von der Stelle!«
Ich sah mich abermals verwundert um — die andern grinsten noch vergnüglicher als zuvor.
»Laßt mich gehen!« bat ich. »Was wollt ihr von mir?«
»Du bist witzig, mein Söhnchen!« höhnte der Kolonel. Und zu den Soldaten gewendet, sprach er weiter: »Ihr habt es gesehen!«
Mich packte Furcht und Entsetzen. Wollten sie mich einer Freveltat beschuldigen? Wußten sie schon von meinem Einbruch?
»Was habt ihr gesehen?« stieß ich hervor.
Da richtete sich der Kolonel feierlich auf, nahm den Khakihelm ab und sagte langsam: »Wie du dich soeben durch Handschlag und Annahme des Werbegeldes freiwillig der Armee unseres mächtigen Königs verpflichtet hast!«
»Das ist eine Lüge!« tobte ich. »Das ist —«
Ehe ich den Satz aussprechen konnte, brannte mir schon ein Schlag der Reitpeitsche im Gesicht. Die Soldaten packten meine Arme — ich konnte mich nicht rühren.
Der Whiskydämon hatte meinen Kopf verlassen, ich war plötzlich pudelnüchtern.
Dicht vor meinem Antlitz funkelten die falschen Augen des Kolonels, und ich hörte seine Stimme zischen: »Wirst schon mürbe werden, mein Jungchen!«
Die Soldaten banden mir die Hände und setzten mich auf einen Stuhl.
»Aber ich schwöre euch, daß ich nicht Soldat werden wollte ...,« wimmerte ich.
»Das hättest du dir früher überlegen sollen!«
»Ich versichere euch, daß —«
»Maul halten!! Der Soldat hat nur zu sprechen, wenn ihn seine Vorgesetzten fragen! — Wie heißt du?«
Der kreischende Ton schüchterte mich ein, tonlos erwiderte ich: »Ich heiße Maharabatigolamatana — mein Vater rief mich "Galgenstrick"!«
Die fünf wieherten vor Lachen.
»Ruhe!!« brüllte der Kolonel, worauf die anderen mäuschenstill wurden. »Also Galgenstrick! — Schöner Name! Bist nicht der einzige Galgenstrick in unserer Armee!«
Er ging, die Hände in den Taschen, rauchend im Zimmer auf und ab. »Den hätten wir!« sagte er.
Ich machte einen letzten, verzweifelten Versuch. »Aber so laßt euch doch erklären, Herr —«
»Noch ein Wort, und ich lasse dich prügeln, daß kein Fetzen Haut an dir heil bleibt!«
Ich senkte den Kopf. Alles Gefühl hatte meinen Körper verlassen, ich spürte mich selbst nicht mehr. Eine stumpfe Gleichgültigkeit war über mich gekommen, — mochten sie mit mir machen, was sie wollten.
Nur unklar dachte ich an Malatri, die Brillenschlange, die in meine Lehmhütte zurückkehren würde, wie sie es gewöhnt war, und mich nicht mehr finden würde ... heute nicht ... morgen nicht ... nie wieder ...
Und wenn ich nicht meinen schändlichen Überlistern einen solchen Triumph mißgönnt hätte, so hätte ich jämmerlich geweint.
»Führt ihn ab!« befahl der Kolonel und deutete lässig mit der Reitpeitsche auf mich.
Und während sie mich derb vorwärts stießen, öffnete sich die Ladentüre und herein taumelte — Jim Boughsleigh.
Ein Freudenschrei entfuhr mir. Schiwa hat mir den Retter gesandt.
»Jim!« jauchzte ich, und neue Hoffnung wärmte mein Herz, »Jim, edler Freund, sage du es ihnen, daß ich nie und nimmer Soldat werden wollte!«
Und nun geschah das Unfaßbare, nun sollte ich erfahren, daß ich die Schlechtigkeit der Weißen noch weit unterschätzt hatte, und daß der Biß der giftigsten Schlange Balsam ist, verglichen mit dem falschen Kuß eines Weißen.
Denn Jim erhob seinen Fuß, trat nach mir Wehrlosem, spuckte aus und grölte:
»Was sagt das braune Schwein? — Glaubt mir, Kolonel: auf meine Veranlassung hat er sich anwerben lassen — mein Verdienst ist es!«
Da sah ich, daß das Schicksal beschlossen hatte, mich von der Heimat zu trennen. Ich gab jede Hoffnung auf. Meine Glieder zitterten — ich verlor die Kraft, mich aufrechtzuhalten — ich gab mir die größte Mühe, Herr meiner selbst zu werden — umsonst, ich fiel zu Boden, schlug mit den zusammengeschnürten Händen um mich. Schaum trat vor meinen Mund.
Wie durch einen Nebel schaute ich, wie sich Jim Boughsleigh die Silberstücke auszahlen ließ, die als Belohnung für die Anwerbung eines Farbigen ausgesetzt sind — dann schüttelten mich Krämpfe, mein Kopf stieß wider eine harte Spitze, und — und —
»Schwester! Schwester!« schrie ich erschrocken und klingelte wie besessen.
Der Kranke war mitten im Satz bewußtlos in die Kissen zurückgesunken. Das Klingelzeichen aber erweckte ihn, er versuchte unter wildem, mir unverständlichem Kreischen aus dem Bett zu springen.
Unter Aufbietung aller meiner Kräfte gelang es mir, den Rasenden, der geifernd nach meinen Händen biß, ins Bett zurückzupressen, bis die Schwester mit einem Wärter kam.
Die Schwester warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu, sagte aber nichts, sondern wandte sich sogleich dem Kranken zu, dessen Geschrei langsam in ein erschöpftes Wimmern überging.
Ich stopfte meine Notizen in die Rocktaschen und eilte, den Arzt vom Tagesdienst zu holen.
»Soso,« meinte dieser, »der Inder auf Nummer achtundneunzig! Ein böser Fall! Der wird wohl das Ende des Krieges kaum erleben! — Scheußliche Sache, der Krieg!«
Während der Arzt sich erhob, um nach dem Kranken zu sehen, telephonierte ich ein Auto herbei.
Merkwürdige Gedanken schossen mir durch den Kopf, als ich diesmal die Reinschrift ausführte. Und öfter als einmal blieb, wenn ich aufsah, mein Blick auf dem Plakat haften, das meine Frau kürzlich einem Hausierer abgekauft und über meinen Schreibtisch genagelt hat, und das in dicken Buchstaben verkündet: »Gott strafe England!«
Und ich dachte mir: das unverständliche Gekreisch, das Mister Galgenstrick in seinem Fieberanfall ausgestoßen hatte, wird wohl nichts anderes gewesen sein als eine etwas ausführlichere indische Umschreibung dieses zum geflügelten Worte gewordenen Satzes.
Bis tief in den Morgen hinein arbeitete ich. Ich brauchte wenig an »Galgenstricks« Worten zu ändern, denn er erzählte mit einer überzeugenden, naiven Anschaulichkeit.
Nur in zwei Punkten bekenne ich mich schuldig, Korrekturen vorgenommen zu haben: ich habe manche sprachliche Bilder, die nur einem Inder verständlich sein können, durch annähernd entsprechende Bilder aus der deutschen Gefühlswelt ersetzt, und — ich habe einige allzu drastische Äußerungen »Galgenstricks« über uns Weiße schonend gemildert.
Denn ich halte es nicht für den ausschließlichen Daseinszweck des Lesers, sich zu ärgern.
Ehe ich am nächsten Tage den Kranken aufsuchte, ging ich zu Dr. Heßberg, um mich nach des Patienten Befinden zu erkundigen.
Dr. Heßberg war sehr böse und überschüttete mich mit Vorwürfen. »Wenn man nur euch verflixten Laien nicht mehr in Lazarette hineinließe!! Da schwänzeln gewisse Herrschaften in den Krankensälen herum, die nicht das geringste dort zu suchen haben, regen uns mit ihren Gaben und ihrem Geschwätz nur unnütz die Patienten auf — zum Donnerwetter, ein Kranker ist ein Kranker und keine Sehenswürdigkeit!«
Zerknirscht ließ ich die Strafpredigt über mich ergehen.
»Und worin besteht mein Verbrechen?« frug ich, als Dr. Heßberg beim Amen angekommen war. »Ich habe überhaupt kein Wort mit ihm geredet, habe mir ruhig erzählen lassen, ohne ihn zu unterbrechen!«
»Das fehlte auch gerade noch, daß du einen Kranken durch Widerspruch reizen würdest! Es war schon eine Mordsdummheit, jawohl, eine Mordsdummheit, daß du ihm die indischen Bilder brachtest! Man kann sich dem Bett nicht mehr nähern, ohne daß der Kerl aus Angst um seine Bilder rabiat wird! Das nennt ihr Laien nachher, dem Kranken "eine Wohltat erweisen"! Ich werde noch den Antrag stellen müssen, jedem Lazarettbesucher beim Eintritt die Taschen mit Röntgenstrahlen zu durchleuchten!«
Obwohl Dr. Heßbergs Reden durchaus nicht schmeichelhaft für mich waren, freute ich mich über sie. Sah ich doch daraus, wie besorgt er um das Wohl eines jeden einzelnen Patienten war, und ich sagte mir: O möchten doch die Ärzte im Lager unserer Feinde den in Gefangenschaft geratenen, verwundeten Feldgrauen ebensoviel sorgende Liebe widmen wie ein deutscher Arzt einem kranken Wilden.
»Also ich verspreche dir, dem Kranken nicht mehr die geringste Kleinigkeit mitzubringen!«
»Dazu würdest du auch gar keine Gelegenheit haben! Denn es kann selbstverständlich keine Rede davon sein, daß du ihn wieder besuchst!«
»Aber erlaube, das ist denn doch —«
»Bitte, ich bin der Arzt — da gibt es keine Widerrede!«
Wir trennten uns verbittert.
Das war ja eine nette Eröffnung, die mir Dr. Heßberg gemacht hatte. Also ich sollte die Fortsetzung von Mister Galgenstricks Erlebnissen nicht mehr erfahren. Das schmerzte mich tief. Nicht etwa weil bei mir plumpe Neugier nach Stillung gierte, sondern ich hatte ein warmes, rein menschliches Interesse an dem armen Teufel gewonnen, und mir war nun zumute, als sollte ich einen freudig gewonnenen Schützling für immer aus den Augen verlieren.
Ich schloß die Blätter, auf denen ich seine Erlebnisse aufgezeichnet hatte, in das unterste Fach meines Schreibtisches — in das Fach, in dem meine unvollendeten, endgültig aufgegebenen Arbeiten ruhen, die ich scherzhaft meinen »Nachlaß zehnter Band« zu nennen pflege.
Acht Tage später — ich hatte mich halbwegs beruhigt — klingelte mich Dr. Heßberg telephonisch an.
»Hallo??«
»Jawohl! Schrei nicht so! Hier Heßberg.«
»Wie geht's Mister Galgenstrick?«
»Besser! Du — er will dich sprechen!«
»Aha! Siehst du, ich bin doch nicht so schlecht, wie du mich hingestellt hast!«
»Eingebildet, wie alle Schriftsteller! Wenn du mir ihn aber wieder aufregst —«
»Weiß schon!«
»Spaß beiseite, ich bitte dich in allem Ernst —«
»Sehr richtig!«
»Ich lege den allergrößten Wert darauf, daß —«
»Und wie geht's deiner Frau?«
»Scheusal! Also sei vernünftig, und —«
»Auf Wiedersehen!«
»Adieu, — verzeihe, das Wort darf man ja nicht mehr gebrauchen: Leb wohl!«
Dieses Telephongespräch fand um drei Uhr mittags statt, — um halb vier war ich bei Mister Galgenstrick.
Ich fand ihn ruhiger, als ich gehofft hatte. Er begrüßte mich lächelnd und schien sich zu freuen. Er »schien«, — denn bei diesem Menschen, der sein Mienenspiel eisern in der Gewalt hielt, mußte man sich aufs Erraten seiner stummen Empfindungen beschränken.
»Wie fühlst du dich, Galgenstrick?«
»Der Doktor ist gut,« antwortete er ausweichend. »Aber heiliger Kuhmist wäre besser!«
»Du hast nach mir verlangt?«
»Ja, ich will dir weiter erzählen.«
»Strengt es dich auch nicht zu sehr an?«
»Darauf kommt's nicht mehr an. Das Schicksal tut, was es will.«
Er ließ sich von mir das Kopfkissen tiefer in den Rücken schieben, so daß er halb aufgerichtet lag, und erzählte:
Ich hatte unklar gesehen, wie Jim Boughsleigh sein Sündengeld einschob. Möge er an dem Whisky, den er sich dafür kaufte, erstickt sein! Mögen ihn die wilden Hunde gefressen haben!
Dein Gesicht, Herr, sagt mir, daß dir meine Verwünschungen mißfallen. Ich weiß, ihr Weißen sagt, man soll seinen Feinden verzeihen, und ich will gerne glauben, daß ihr eure Kanonen nur zu diesem Zwecke baut. Auch wir Hindus verzeihen unseren Feinden, nur schlagen wir sie gerne vorher tot.
Ich könnte dir nun mit Leichtigkeit vorlügen, daß es mir die erste Zeit in der Kaserne sehr schlimm ergangen sei. Aber ich will niemanden schlechter machen, als er ist. Bei den Engländern habe ich das auch gar nicht nötig.
Nein, es erging mir besser, als ich es erwartet hatte. Man brachte mich mit vielen anderen Hindus in einem großen Hause unter, das einen weiten kahlen Hof einschloß. Des Nachts stand uns ein Zimmer zur Verfügung, in dem ehemals zehn weiße Soldaten gewohnt hatten, und da wir nur zu achtzig darin zu schlafen brauchten, fühlten wir uns ganz wohl, und wenn wir unsere Beine bis an die Schultern hochzogen und den Kopf dazwischen steckten, hatten wir bequem Platz.
Es gefiel mir auch, daß man in diesem Hause nicht, wie es sonst Sitte bei den Weißen ist, die schuldlosen Tiere tötete, sondern die Wanzen und Ratten durften sich nach Herzenslust vermehren.
Anfangs hatte man uns Strohsäcke zum Schlafen gegeben, aber der Hindu schläft nur, in eine Decke gewickelt, auf dem Fußboden. Es ist dies auch praktischer, denn die Strohsäcke muß man von Zeit zu Zeit reinigen, den Fußboden aber nie.
Meine Befürchtung, daß ich mit Mohammedanern oder Weißen in einem Raum weilen müsse, erwies sich als unbegründet. Schmerzlich allerdings war es mir, einem Angehörigen der Kriegerkaste, mit Hindus niedriger Kasten gemeinsam hausen zu müssen, und es dauerte eine Weile, bis ich imstande war, diese Schmach als eine Fügung des Schicksals geduldig zu ertragen.
Das Essen war reichlich und wir durften uns die Tiere von den Brahmanen, die unter uns waren, schlachten lassen, wie überhaupt die Engländer sich so wenig um unsere Religion kümmerten wie um ihre eigene.
Nun, ich will es dahingestellt sein lassen: gaben sie uns so viel zu essen, um unsere Freundschaft zu gewinnen, oder gaben sie es uns in derselben Absicht, in der sie ihre Gänse mästen? Sonst war das Leben nicht ganz so schön, wie es mir Jim Boughsleigh in Aussicht gestellt hatte. Am frühen Morgen trieb man uns in den Hof, stellte uns in Reihen, und dann mußten wir alles machen, was uns der Offizier befahl. Sonst gab es Prügel.
Der Offizier sagte oft, daß er es gut mit uns meine, und hatte dabei die Hand am Revolvergriff.
Manchmal drohte ich vor Erschöpfung umzusinken, dann bekam ich einige Peitschenhiebe und war wieder munter. Ich fügte mich in mein Los, und wenn der Offizier mich anschrie, so dachte ich mir »Rutsche mir den Buckel entlang, o Herr,« und auf diese Weise kamen wir ganz gut miteinander aus.
Also lernte ich die Kriegskunst. Manches freilich verstanden wir Hindus weit besser als unsere Lehrmeister, zum Beispiel, wie man lautlos auf dem Boden schleicht. Ich lachte innerlich, wenn ich unseren Vorgesetzten dies vormachen sah, und sagte mir: »Die englischen Soldaten gäben schlechte Einbrecher. Nun vielleicht ist in England die Kaste der Diebe für die höheren Diplomaten reserviert.«
Aber ich lernte vielerlei Neues. Um nur eines zu erwähnen: ich wußte noch nicht, daß man den Patronen, ehe man sie in die Gewehrläufe schiebt, die Spitze abbrechen muß. Ich wunderte mich darüber und fragte den Offizier, warum dies geschähe, und er klärte mich auf: »Das steht so im Völkerrecht!«
Überhaupt klärte uns der Offizier gründlich auf — mit Vorliebe darüber, was die Deutschen für böse Dämonen sind und daß sie ohne jeden Grund den Krieg angefangen haben und daß sie schon seit vielen Jahren daran arbeiten, das harmlose England einzukreisen.
Und daß deshalb alle Kulturvölker auf Englands Seite getreten seien, zum Beispiel die Serben und die Zuaven, und auch alle freiheitsliebenden Herrscher, zum Beispiel der Zar.
Und indem er sich an die mohammedanischen Regimenter wandte, fuhr der Offizier fort: »Deshalb hat auch der Sultan den Heiligen Krieg gegen die Deutschen erklärt!«
Von dem vielen Geld, das man mir als Lohn versprochen hatte, bekam ich nichts zu sehen und ich hätte mir kaum das zum Leben notwendige Opium für meine Pfeife kaufen können, wenn ich mir nicht manchmal kommandiert hätte: »Hände in fremde Taschen — marsch, marsch!«
Auch der Hindu braucht in seinen freien Stunden eine Zerstreuung, sonst sinkt er auf die Stufe eines Weißen herab. Die Araber haben, wie man mir erzählt hat, ihre Märchenerzähler, die Engländer haben ihre Zeitungen. Sie zwangen auch uns, sie zu lesen, und wir erfuhren daraus, wie die Deutschen überall besiegt werden, und wie besonders die Russen zwei furchtbare Waffen haben: die Masurischen Seen und den strategischen Rückzug.
Und daß in Deutschland furchtbare Hungersnot herrscht. Dies konnte ich nicht begreifen. Denn da sich die Deutschen doch nachts in Frösche verwandeln, brauchen sie bloß Fliegen zu fressen, um sich zu sättigen.
Ich befragte den Offizier über diesen Punkt, und bereitwillig klärte er mich wieder auf: die deutschen Fliegen ziehen im Herbst nach Afrika und kehren erst im Frühjahr zurück.
Nun war mir die Sache klar.
Ich erinnere mich auch, daß der Offizier eines Mittags eine Ansprache hielt, die folgendermaßen lautete: »Es ist mir zu Ohren gekommen, daß einige von euch die Spitzen ihrer Messer und Dolche vergiften. Ich mache euch darauf aufmerksam, daß dies bei strengster Strafe verboten ist. Auch taugt euer Gift nichts. Wirksames Gift bekommt ihr in dem Zimmer neunzehn der Kaserne. Es kostet euch nichts und es gibt, so viel ihr wollt. Also merkt euch das Verbot!«
Wir merkten es uns und gingen nach dem Zimmer neunzehn. —
Die Sorge aber, die mich am schwersten in dieser Zeit bedrückte und mit dem Gewicht einer Kanone auf mir lastete, war diese: Der Hindu, der über das Meer fährt und aus seiner Heimat auswandert, verliert seine Kaste. Und dieser Verlust ist schlimmer als der Verlust des Lebens.
Denn wenn du stirbst, so verläßt du nur den Leib, der nicht viel wert ist und nur dazu dient, dir Schmerzen zu bereiten und dich in Versuchung zu führen. Deine Seele aber zieht in einen neuen Leib ein, und nach dessen Verfall abermals in einen neuen.
Es ist mit der Seele wie mit euch Weißen, wenn ihr eine Wohnung kündigt. Nur lassen wir unseren alten Leib gerne in einer besseren Verfassung zurück als ihr eure alten Wohnungen. Unsere Seele »zieht um« — und auch so ein Seelenumzug ist mit mancherlei Unannehmlichkeiten verknüpft, zum Beispiel dem Todeskampf.
Die Seele kann nicht verloren gehen, wohl aber die Kaste. Und wenn du sie nach der Rückkehr in die Heimat wiedergewinnen willst, so mußt du dich schweren Gebräuchen unterziehen, den Göttern große Opfer darbringen — und noch größere den Priestern. Aber das versteht ihr Weißen nicht.
Doch auch diese Sorge nahm uns unser Offizier vom Rücken, der uns beinahe so viel vom Rücken nahm, wie er uns darauf gab.
Denn er versicherte uns: »Ihr braucht ja gar nicht über das Meer zu fahren! Die Deutschen sind schon so gut wie vernichtet, und ihr werdet deshalb nur zum Schutze des inneren Indiens verwendet.«
Diese Auskunft erfreute uns doppelt, weil ein seltsames Gerücht in Bombay die Runde machte. Einer erzählte es dem andern, und als die englische Regierung es gar dementierte, wußte jeder, daß es wahr sei.
Es hieß nämlich, draußen auf dem Meere huschten Schiffe der deutschen Dämonen, kleine Kreuzer, und sie führten spitze, eiserne Fische mit sich an Bord, die sie unter Blitz und Donner gegen die feindlichen Schiffe anschwimmen ließen. Die Fische aber fräßen sich mit der Schnelligkeit eines Wetterleuchtens durch die dicksten Schiffswände hindurch und platzten von diesem Fraße. Und rissen bei diesem Platzen alles mit sich in die Luft.
Die Ahnung eines solchen Schicksals aber muß einen jeden frommen Hindu mit Grauen erfüllen, denn wie kannst du einen Leichnam verbrennen, der auf dem Meeresgrund liegt?
Wir dankten deshalb den Göttern, als wir erfuhren, daß wir nicht über das Meer zu fahren brauchten.
Während der ersten Wochen unserer Übungen in der europäischen Kriegskunst durften wir die Kaserne nicht verlassen. Vielleicht fürchteten die Engländer, daß wir ebenso freiwillig, wie wir in ihr Heer eingetreten waren, auf unseren Spaziergängen wieder aus dem Heer austreten würden. Als sie aber glauben mochten, unseres Gehorsams sicher zu sein, ließen sie uns für die Dauer etlicher Abendstunden in die Stadt hinab.
Zuvor aber ließen sie uns auf die Treue gegen ihren König vereidigen. Wir mußten uns auf dem Hofe aufstellen, ein Brahmane sprach in unseren Dialekten die Eidesformel vor, die wir unter unseren Zeremonien bekräftigten. Und ich glaube, wenn die Engländer die Eidesformel verstanden hätten, die uns der Brahmane vorsagte, hätten sie ihn am höchsten Galgen aufgeknüpft.
Wir aber befolgten die goldene Regel, feierlich ernst zu bleiben, wenn uns das Lachen kitzelt, und so ging die Vereidigung ohne Zwischenfall vorüber.
Die Engländer waren sogar sehr zufrieden mit unserer Eidesleistung. Wenigstens hörte ich beim Wegtreten, wie ein Kolonel zum andern sagte: »Der Eid war das reinste russische Ehrenwort!«
Nach uns wurden die mohammedanischen Truppen vereidigt, aber ich ersparte mir den Anblick, denn in meinen Augen gelten die Bekenner Mohammeds als ebenso unreine Rasse wie die Weißen.
Zunächst verschmähte ich es, von der Erlaubnis des Ausgangs Gebrauch zu machen. Ich war des Abends müde, auch fühlte ich keine Sehnsucht, Menschen vom Schlage Jim Boughsleighs zu begegnen. Ich brachte meine freie Zeit mit Beten und Nachdenken zu.
Ihr Europäer mögt uns in mancher Fertigkeit überlegen sein — in der Kunst, einsam zu sein, seid ihr nur Stümper, wir die Meister. Ein Mensch, der nicht spricht, ist euch unheimlich, und wo ihr nur könnt, sucht ihr die Gesellschaft von Menschen auf, die schwatzen und lärmen. Dies kommt daher, weil ihr euch nicht nur vor euren Mitmenschen fürchtet, sondern noch weit zitternder vor euch selbst! Und ihr habt alle Ursache dazu. Denn wie es giftige Tiere gibt, die am Tage sich in ihre Nester und Höhlen verkriechen und nur des Nachts zu ihrem listigen Treiben erwachen, so schlafen auch eure bösen Triebe in dem Tageslicht des Beobachtetwerdens, — in der Einsamkeit aber erwachen sie und fallen euch selbst an.
Ihr bestaunt den Fakir, der, um seine Seele zu vervollkommnen, auf einem Bett von aufrechtstehenden spitzen Nägeln ruht, — ihr selbst aber zerfleischt euch tagein, tagaus mit Reden, die spitziger und rostiger sind als die Nägel des Fakirbettes. Und glaubt ihr, daß sich eure Seele dabei vervollkommne? — Euer Mund ist ruhelos, weil es euer Herz ist! Und darum habt ihr es immer eilig. Ich aber, ein Hindu der Kriegerkaste, habe immer Zeit, weil ich weiß, daß ich eine endlose Kette von Leben zu leben habe, und was ich heut nicht kann besorgen, besorge ich vielleicht in fünfhundert Jahren. Wenn es das Schicksal will.
Aber weshalb erkläre ich das alles? Du bist nur ein Weißer und kannst niemals ein Hindu werden. Ich sage es dir auch nur, damit du besser meine Handlungen verstehst, — soweit ein Nichthindu überhaupt einen Hindu verstehen kann.
Ich erzählte dir, Herr, daß ich es anfangs verschmähte, abends auszugehen. Aber mich kam die Sehnsucht an, wieder einmal meine Glieder in einen der heiligen Teiche zu tauchen, wieder einmal in einem Tempel zu beten und das Glück zu genießen, daß eine heilige Kuh aus meinen Händen fresse.
Also verließ ich eines Abends die Kaserne. Als ich durch die Straßen schritt, sah ich, daß die Engländer nicht zu sorgen brauchten, ein Hindu könne freiwillig aus dem Heer austreten, denn an allen Ecken standen Wachen, und zumal zum Hafen konnte kein Lebender gelangen.
Ist es dir schon einmal begegnet, daß dir eine Stadt, die du liebtest und zu kennen glaubtest, plötzlich über Nacht fremd geworden war? Als ich durch die Straßen wandelte, rieb ich mir immer und immer wieder die Augen: war das noch Bombay? Wohl standen die Häuser, die Hütten, die Bäume noch an ihren Plätzen und ich hätte jeden im Traum zu finden vermocht —, aber mir war, als sei eine unerklärliche Veränderung mit ihnen vorgegangen. Eine unsichtbare Mauer hatte sich zwischen mir und meiner Vaterstadt getürmt, und ich empfand ein Frösteln, als sei ein Freund, dem ich mich ganz zu eigen gab, unerwartet einer Frage meiner Seele die Antwort schuldig geblieben, so daß ich den breiten Strom sah, der alle Menschen trennt und über den es keine Brücke gibt.
Am Ufer des heiligen Teiches, an dem Jim Boughsleigh seine Angel nach mir ausgeworfen hatte, machte ich halt. Ich wusch mich nach der heiligen Sitte, und ich sah mit Betrübnis, daß die andern Hindus ihre Augen von mir abwandten. Auf den Bäumen saßen wohl die Affen, aber sie würdigten mich nicht, mit Früchten nach mir zu werfen — als ob auch sie dächten: »Verräter!«
Ich schlich in einen Tempel, warf mich nieder und klagte den Göttern mein Leid. Die Bilder der Götter hörten mich ernst an: schon so viel Elend und Schmerz ist an ihr Ohr geklungen, daß du keine Wunde ihnen enthüllen kannst, die sie nicht schon tausendfach brennender gesehen hätten. Aber sie sind nicht wie die Menschen, deren Herz sich an die Klagen gewöhnt und sich verhärtet, nein, die guten Götter haben für jeden neuen Aufschrei neues Mitleid bereit, wie die Dämonen für jedes neue Unglück neuen Hohn.
So verließ ich gestärkt den Tempel, und freundlich blickten die Götterbilder mir nach, freundlicher als die Augen der Brahmanen und Tempeltänzerinnen, denn ich war mit leeren Händen gekommen.
»Pst! Freund!« klang es zu mir, als ich die Stufen hinabeilte. Ein Mohammedaner, den ich ungern so nahe dem Heiligtum sah, hatte mich angerufen. Er schien mich erwartet zu haben, aber ich kannte ihn nicht. Was kümmern mich die verblendeten Bekenner Allahs? Ich verachte sie, und deshalb überhörte ich des Fremden Ruf und wollte meines Wegs gehen.
Allein der Fremde ließ mich nicht so leichten Kaufs los, er sperrte mir den Weg und, ob ich wollte oder nicht, ich mußte ihm ins Antlitz blicken, und ich sah, daß in seinen Augen Klugheit und Güte wohnten. Er war ein sehniger, schlank gewachsener Mann, und wenn er ein Hindu gewesen wäre, hätte ich ihn nach seinem Begehr gefragt. Da er aber nur ein Mohammedaner war, suchte ich ihm auszuweichen.
»Wischnu und Schiwa mögen dir gnädig sein!« grüßte mich der Mohammedaner.
Einen so frommen Gruß durfte ich nicht unerwidert lassen. »Und dir deine Götter!« entgegnete ich.
Er lächelte und mir fiel ein, daß die Bekenner Allahs ja nur an einen Gott glauben. Und da man sich immer ärgert, wenn man eine Dummheit gemacht hat, und ich niemand anderen zur Verfügung hatte, meinen Ärger an ihm auszulassen, so fuhr ich ihn an: »Erlöse mich von deinem Anblick, damit ich mich nicht verunreinige!«
Ich hatte erwartet, daß er nun seinen Dolch ziehen werde, denn diese Menschen fühlen sich sehr leicht beleidigt, und ich hatte schon mein linkes Bein vorgeschoben, um ihn darüber stolpern zu lassen und ihn dann von hinten zu besiegen. Der Fremde jedoch sprach ruhig: »Du bist ein mutiger Mann und deshalb zu meinem Vorhaben geeignet. Und da du so leuchtenden Auges aus dem Tempel tratst, bist du auch ein gläubiger Mann und wirst die Beteiligung an einem frommen Werke nicht abschlagen.«
Mich kniff die Neugier. Ich dachte nur: »Juckt er dich mit seinen rätselhaften Andeutungen, soll er dich auch mit einer deutlichen Aufklärung kratzen!«
Auch war es mir so ungewöhnlich, daß ein Mohammedaner mich ansprach (denn sie lassen außer sich selbst nur noch die Christen und die Juden gelten), daß ich mich zu der Frage hinreißen ließ: »Ein frommes Werk? Sprich, was es sein soll!«
Da schaute sich der seltsame Fremde vorsichtig nach allen Seiten um und flüsterte: »Nicht so laut! Wir wollen nicht stehenbleiben! Schreite neben mir einher, als ob wir Gleichgültiges sprächen!«
Wir setzten uns in Bewegung. Ich konnte mir des Mohammedaners Benehmen und Absicht immer weniger deuten.
»Bist du durstig?« frug er und zog eine Whiskyflasche aus dem Gewand.
Da erinnerte ich mich daran, wie Jim Boughsleigh mich mittels dieses flüssigen Dämons zu umgarnen versucht hatte, und Empörung peitschte mich: »Wie? Du, dem seine Lehre den Wein verbietet, reichst mir solches Getränk? Lasse mich allein, denn wie könnte das Werk ein frommes sein, das du mit Hilfe eines Dämons beginnen willst?«
Er lächelte wieder. »Hättest du getrunken, so wäre kein Wort mehr über meine Lippen gekommen, denn ich brauche einen nüchternen Mann!«
Ich bewunderte die Schlauheit des Mohammedaners. Vielleicht handelt es sich um einen Einbruch? dachte ich. In diesem Falle hätte ich allerdings schweren Herzens absagen müssen. Denn nur noch eine Stunde durfte ich der Kaserne fernbleiben.
»Sprich!« heischte ich kurz.
Da trat der Fremde in den Schatten eines Baumes, und seine Lippen sprudelten: »Merke dieses Zeichen!« Er legte die drei mittleren Finger der rechten Hand über die Mittelfinger der linken und hob sie bis zur Stirn. »Hast du es gesehen?«
»Ja!« Und ich konnte mich nicht enthalten zu fragen: »Wie oft hast du heute schon aus deiner Flasche getrunken?«
Er lachte. »Ich trinke nicht, aber es ist mitunter nötig, sich betrunken zu stellen, ... solange die Engländer die Herren dieses Landes sind!« Bei den letzten Worten sprühten seine Augen so leidenschaftlichen Haß, daß ich mich ihm gesinnungsverwandt fühlte. Von diesem Augenblick an vertraute ich ihm, als hätte ich schon zwanzig Diebstähle mit ihm gemeinsam ausgeführt.
»Wirst du das Zeichen nachahmen können?«
Ich tat es.
Wir traten wieder aus dem Schatten des Baumes und wanderten weiter.
»So höre mich: Versuche, wenn mohammedanische Soldaten in deiner Nähe sind, unauffällig dieses Zeichen zu machen! Aber lasse es nie die Engländer sehen! Erwidert keiner meiner Brüder das Zeichen, so tue, als habest du nur eine unwillkürliche, spielerische Handbewegung gemacht. — Wenn dich aber einer mit demselben Zeichen wiedergrüßt, so gib ihm dieses!«
Blitzschnell hatte er aus seinem Kleid ein versiegeltes Schreiben gezogen und es mir in eine Falte des Gewandes geschoben. Ich trat einen Schritt zurück, denn noch konnte ich mich nicht an die körperliche Berührung eines Nichthindus gewöhnen.
»Lasse es nicht in die Hände der Engländer fallen!« zischelte er.
Ich sperrte Nase und Mund auf. War das alles? Ein versiegeltes Schreiben? Und deshalb so viel Geheimtuerei?
»Was bedeutet das Ganze?«
»Ein frommes Werk! Die Götter werden es dir lohnen! Und die Engländer dich dafür verwünschen!«
Ich wußte nicht, welche von beiden Belohnungen mir die begehrenswerteste dünkte.
»Und ich soll es irgendeinem Mohammedaner geben?«
»Irgendeinem, der das Zeichen kennt!«
»Und wann soll ich zum ersten Male das Zeichen erproben?«
»Sobald ihr auf hoher See seid!«
Ich zuckte zusammen, — aber schon im gleichen Augenblick kam mir mein Schreck töricht vor.
Diesmal war ich es, der lächelte, und ich sprach: »Auf hoher See? Wir kommen nicht übers Meer, wir werden nur in der Heimat verwendet!«
Da schaute mich der Mohammedaner so tieftraurig an, daß mein Lächeln erstarb und Unruhe mir ins Herz zog.
»Armer Freund!« klagte er und wischte sich mit der Hand eine voreilige Träne von der Wimper. »Armer Freund!«
Als ich ihn so bewegt sah, geriet ich in solche Aufregung, daß ich hastig einen Zipfel seines Kleides ergriff und ihn bestürmte:
»Was willst du damit sagen? Weshalb weinst du? Bei allem, was du verehrst, sprich, sprich!«
Aber er wiederholte nur: »Armer Freund!«
Und riß sich los und enteilte.
Ich stand da, mit blitzenden Augen und wogender Brust. In der geballten Faust hielt ich die drei Rupien, die mir aus alter Gewohnheit in der Hand geblieben waren, als ich das Kleid des Fremden berührt hatte.
War ich das Opfer einer Zauberei? War der Fremde ein böser Dämon gewesen?
Doch nein, er hatte geweint.
Aber vielleicht hatte auch ihn ein kluger Vater gelehrt, zu weinen, wenn sein Herz vor Freude sprang, und zu lachen, wenn der Schmerz ihn würgte.
Sicher wußte er mehr, als er gesagt hatte.
Mein Kopf wirbelte, — nein, ich wollte mit diesem Schreiben, das vielleicht eine Zauberformel barg, nichts zu tun haben, ich mußte es ihm zurückgeben. »Mein Freund,« rief ich und eilte in die Straße, in der er verschwunden war, »mein Freund ...«
Aber ich fand ihn nicht mehr. Er mußte sich in irgendeinem der Häuser verborgen haben.
Der Atem ging mir aus, und ich verlangsamte meinen Schritt.
»Armer Freund« hatte er mich genannt. Sah er eine dunkle Zukunft voraus? Ahnte er Leiden, die mich treffen sollten und die er nicht von mir abwenden konnte? Verband uns beide ein verwandtes Geschick?
Ich fühlte den Brief in meinem Kleide, und mein Verstand sagte mir: »Wirf ihn von dir! Zerreiße ihn, verbrenne ihn!« Zu gleicher Zeit aber klang es in mir: »Bewahre ihn gut! Es ist ein frommes Werk, zu dem du berufen bist!«
Die Ruhe, die ich aus dem Gebet geschöpft hatte, war in peinvolle Beklemmung gewandelt, ich war in einen Irrgarten widersprechender Gefühle geraten, und wohin ich mich auch wandte, einen Ausgang zu finden, stieß ich auf dicke Mauern.
Ich achtete nicht mehr auf die Richtung, die ich einschlug, und mein Instinkt führte mich den Weg zu meiner Lehmhütte, vor der ich plötzlich stand, ohne zu wissen, wie ich dorthin geraten war.
Es war dunkel geworden, die Häuser standen wie ausgestorben, denn die Engländer hatten bei Kriegsbeginn einen Erlaß verkündet, der es den Eingeborenen verbot, des Abends Licht zu brennen. Auf diese Weise hofften sie, alle geheimen Zusammenkünfte verhindern zu können.
An der Pforte meines kargen Heims strauchelte ich über einen plumpen Gegenstand. Ich bückte mich — und fuhr zurück: da lag Malatri, die Brillenschlange, und sie war tot. Erschlagen von rohen Händen.
Ich warf mich nieder, preßte den armen Kadaver an mich, streichelte den zerschmetterten Kopf, so daß mir das geronnene Blut an den Fingern kleben blieb. Ich rief: »Malatri, Liebling meiner Seele, Genosse meiner Beutezüge, hörst du mich nicht? Erwache und richte dich auf! Ich will dir vom besten Reis bringen, ich will dir die süßeste Milch stehlen, ich will dir ein weiches Lager bereiten! Du sollst an meinem Hals schlafen, ich will dich bedienen wie einen Fürsten, — so vernimm doch den Ruf deines Freundes und gib ihm ein Zeichen!« ...
Dies waren die Worte, die der Schmerz mir eingab.
Aber die Seele, die in Malatris geschmeidigem Körper gewohnt hatte, ließ sich nicht mehr zurückrufen. Schon hatte sie in einem anderen Leibe ihre Stätte gefunden, vielleicht lebte sie in einer der Ratten, die über die Schwelle huschten und meine Klagen mit leisem Pfeifen begleiteten.
Nun hatte ich nichts mehr, was mich an die Heimat fesselte. Mit der letzten Wurzelfaser war ich losgerissen aus dem Boden — gleichgültig, wohin man mich verpflanzen werde.
Das Spielzeug des Schicksals ...
Ich hob Malatri von der Erde, trug sie zu einem nahen, fließenden Gewässer und überließ sie den trägen Wellen.
Verspätet traf ich in der Kaserne ein. Zu meiner Verwunderung blieb die erwartete Strafe aus, der Posten ließ mich passieren, ohne mich zur Rede zu stellen. Er lachte mir nur breit ins Gesicht, als wisse er ein spaßhaftes Geheimnis.
Kaum aber hatte der Gott des Schlafes meine Lider angehaucht, da riß ein gellendes Trompetensignal uns alle empor. Und als wir aufblickten, stand in der Türe unser Offizier mit fünf Soldaten, und sie hielten ihre Revolver bereit.
Wir waren den Anblick von Revolvermündungen zu sehr gewohnt, um unruhig zu werden, und dachten, es sei wieder einmal eine Nachtübung anberaumt. Als wir jedoch unsere Gewehre ergreifen wollten, sahen wir mit Erstaunen, daß sie heimlich weggeräumt worden waren.
Ich mußte doch länger geschlafen haben, als ich geglaubt hatte.
»Antreten im Hofe ohne Waffen!« befahl der Offizier und schnitt ein Flüstern, das sich erheben wollte, durch das Kommando ab: »Ruhe! Kein Wort!!«
Wir alle mußten vor ihm den Raum verlassen, er folgte nebst seinen fünf Soldaten, ohne den Finger vom Revolverhahn zu nehmen, und es war nicht anders, als treibe er eine Herde vor sich her.
Im Hofe aber sah es seltsam aus. Da standen zwei Regimenter englischer Soldaten mit geladenen Gewehren, und sie ließen uns nicht aus den Augen.
Dem einen Regiment gegenüber standen die mohammedanischen Truppen, die im andern Flügel der Kaserne untergebracht gewesen waren. Ihnen fehlten, gleich uns, die Waffen.
Dem zweiten Regiment gegenüber mußten wir uns aufstellen.
Auf großen, mit Pferden bespannten Karren lagen unsere Gewehre.
Kein lautes Wort fiel, selbst die Befehle wurden halbleise erteilt, als gälte es, sie vor unberufenen Lauschern geheimzuhalten.
Waren wirklich alle so bleich, oder sog der Schein des heiligen Mondes die Farbe aus ihren Wangen?