Dichtungen.
Hans Grasberger translation
An Florenz.
Nur dich erfreut mein Gram! Sieh, welch Erbarmen Die holden Frau'n bewegt, dass Qual und Sterben Zu süss du noch erachtest für mich Armen. Wo ist nun Mitleid? Wen zum Schützer werben Vor Weibes Grimm, wenn Männer sich vernichten, In Hass und Kampf sich stürzen ins Verderben? Du, Amor, sollst wie immer heut auch richten! Und reiche nur den Bogen ihren Händen; Bin schuldig ich, dann mag sie mich vernichten. Der, welcher schmachtet zwischen Kerkerwänden, Der, den zum Tod man schleift in wilder Hetze, An welch ein Tribunal soll der sich wenden? Was nützen ihm und mir Recht und Gesetze? Doch sag', warum lehrt dich mein Lieben hassen? Wer fasst es, dass dich Fleh'n in Wut versetze? Dem Schatten gleicht dein Reiz, in dem erblassen Die dir sich nah'n; das Herz, das liebewarme, Muss schauernd sein Verderben hier umfassen. Ihr stolzen, stets zum Mord bereiten Arme, Ihr Augen, spottend der im Netz Verstrickten, Ihr Hände, höhnisch deutend auf uns Arme, Ihr Gaben all, verliehen der Beglückten Zu hohem Ruhm, nicht schuf euch Gottes Wille, Um Tod und Schmach zu bringen uns Entzückten! Ihr sollt im Spiegel eurer Schönheitsfülle Den Glanz uns ahnen lassen jener Sphären, Die noch uns birgt des Staubes Schleierhülle. Die ird'sche Schönheit soll uns glauben lehren An ew'ge Schönheit, göttliche Vollendung; Und du lebst nur zu töten, zu verheeren! Ein Himmelsbote, spottend seiner Sendung, Verdient den Untergang noch mehr als jene, Die ihm gefolgt in menschlicher Verblendung. Die Liebe zeigt dein Ende mir, du Schöne, Dass meine Warnung deinen Stolz vernichtet Und dir ins Auge lockt die Reueträne. O fühle doch der Welt dich auch verpflichtet, Für die so schön geschaffen du; gefallen Lass dir die Lieder, dir zum Ruhm gedichtet. Die Tugend nützt sich selbst nicht nur, nein allen, Dem Himmel gleich, der Licht am meisten spendet, Wo sich am dunkelsten die Schatten ballen, Du aber hast dich geizig abgewendet; Wir sterben, du bleibst ungestraft auf Erden; Nun seht ihr, dass nicht hier das Dasein endet, Und dass Gerechtigkeit geübt muss werden In andern Welten. Weh, dass treue Dienste Man lohnt durch Qual und tödliche Gefährden! — — — — — — — — — —
1.
Sophie Hasenclever.
Auf die „Nacht“ des Buonarroti von Giovanni Strozzi.
„Die Nacht, die wir in tiefem Schlummer sehen, Ein Engel schuf sie hier aus diesem Stein, Und weil sie schläft, muss sie lebendig sein, Geh, wecke sie, sie wird dir Rede stehen.“ Entgegnung Michelangelos. „Schlaf ist mein Glück; so lange Schmach und Kummer Auf Erden dauern, besser Stein zu bleiben, Nicht sehn, nicht hören bei so schnödem Treiben. Sprich leise drum und stör' nicht meinen Schlummer.“
2.
Sophie Hasenclever.
Florenz und die Verbannten.
„Für tausend Liebende bist du geboren In Engelsschönheit! Schläft der Himmel heute, Dass du des einen Beute, Du allen einst geschenkt und nun verloren? Sind wir, ach fern geboren, Nicht ganz verschmäht, so lass für uns auch tagen, Für uns Verbannte deiner Augen Sonnen!“ „Wohlan, nicht sinke euer Mut, ihr Toren, Denn nicht den grossen Raub lässt grosses Zagen Geniessen den, der mich zum Schein gewonnen; Und seht, ist nicht inmitten aller Wonnen Unfähig zum Genusse sein, viel schlimmer, Als dulden bei der Hoffnung fernstem Schimmer?“
3.
Sophie Hasenclever.
An Julius II.
Herr, hatte je ein altes Sprichwort Wert, So hat es dies: Wer kann, der will noch nicht. Auf hohle Reden legtest du Gewicht Und hast mit Gunst der Wahrheit Feind geehrt. Stets hab' ich mich in deinem Dienst bewährt, Dein, wie der Sonne ihrer Strahlen Licht; Doch, wenn ich Zeit verloren, rührt's dich nicht, Und schaltest mehr, je mehr ich mühbeschwert. Mein Hoffen hatt' ich ganz auf dich gestellt, Nur war ein gutes Schwert und rechte Wage Mehr angebracht als hohles Echowort. Doch wahrer Tugend wert hält diese Welt Der Himmel nicht, will er, dass Früchte trage Ein hohler Baum für uns, der schon verdorrt.
4.
Bettina Jacobson.
An Giovanni di Pistoja.
Schon wuchs ein Kropf mir bei den Quälerei'n, Wie's Katzen in der Lombardei geschieht Vom Wasser, (oder wie man's sonst wo sieht), Denn in den Bauch drückt schon das Kinn sich ein. Der Bart starrt aufwärts, der Gedächtnisschrein Liegt im Genick; wie bei Harpyien flieht Die Brust, und übers Antlitz tröpfelnd zieht Der Pinsel Mosaïken reich und fein. Die Lenden sind mir in den Wanst gespannt, Dagegen ward mein Hinterteil zur Kruppe; Unsichern Schritts, ein Blinder, wanke ich. Vorn nimmt die Haut in Falten überhand, Und hinten spannt sie über harter Kuppe, Denn wie ein Syrerbogen krümm' ich mich. So geht auch wunderlich Und falsch das Urteil aus dem Hirn hervor, Denn schlecht nur fährt ein Schuss aus schiefem Rohr. Such' nun, o Freund, hervor, Was noch für meine toten Bilder spricht! Schlecht ist mein Platz, zum Malen taug' ich nicht!
5.
Bettina Jacobson.
Spottgedicht.
So süss wie Mus ist dein Gesicht, o Schöne, So glatt, als wär' ein Schnecklein drauf spaziert, Wie Rüben zart; es gleichen deine Zähne Den Pastinaken, und dein Auge stiert So wie die Theriakpflanze grün; ich wähne, Durch solchen Glanz wird selbst ein Papst verführt. Wie Zwiebeln weiss und blond sind deine Haare! Erbarm' dich schnell, sonst lieg' ich auf der Bahre!
6.
Sophie Hasenclever.
So rasch, so kühn, mit Lug und Trug im Bunde Ist meine Freundin, dass sie Huld versprochen Im Augenblick, da sie mein Herz durchstochen, Und schon das Eisen steckte in der Wunde. Ach, zu derselben Stunde Durchwärmt mich Leben, da mich Tod durchschauert! Die bange Seele trauert, Denn wenn dies Schwanken dauert, Besiegt der Tod das Leben. Mehr vernichtet Das Böse, als das Gute heilt und schlichtet.
7.
Sophie Hasenclever.
Genöss' ich mindre Gnade, Dann reichte wohl zum Leben meine Kraft, Nun aber ist erschlafft Durch Zähren, die in Doppelbächen fliessen, Mein Herz und krank vom Tränenbade. So muss das hohe Glück die Schwäche büssen! Kein Weiser will geniessen, Wozu die Kraft ihm fehlet, Denn Wonne ohne Mass erdrückt hienieden. Ein stilles Glück wird spriessen, Vom Friedenshauch beseelet, Dem Herzen, das in Demut sich beschieden. Nicht bringt, was andern ziemt, auch mir den Frieden; Giebst dem, der nur um kleinen Lohn gebeten, Das Höchste du, so wird das Glück ihn töten.
8.
Sophie Hasenclever.
Wenn sich die Schmerzen, die mein Antlitz trüben, Dir, teure Herrin, zeigen, So scheinen sie zu steigen In gleichem Mass, wie in dem deinen, lieben, Das frei von Gram geblieben, Die Reize sich erhöh'n; durch meine Leiden Will Amor dich Geliebte noch verschönen; Da Ruhm dir bringt solch Lieben, So duld' ich denn mit Freuden. Macht schon mein Gram dich schön, wie erst mein Sterben! Und doch, wenn meine Tränen, Die Glanz und Reiz erhöh'n in deinen Zügen, Einst durch den Tod versiegen, So bringt mein Tod statt Ehre dir Verderben. Nun will ich nicht mehr sterben, Nein, dulden will ich gern in deiner Nähe, Denn süss ist Gram, der solche Schönheit nähret; Wem sie zu schau'n bescheret, Der trägt ja leicht zugleich ein grosses Wehe.
9.
Sophie Hasenclever.
Der goldne Kranz, sieh, wie er voll Entzücken Das blonde Haar mit Blüten rings umfängt, Es darf die Blume, die am tiefsten hängt, Den ersten Kuss auf deine Stirne drücken. Wie freudig das Gewand den langen Tag Sich um die Schultern schliesst und wieder weitet Am Hals, zu dem das Haar herniedergleitet, Das dir die Wangen gern berühren mag. Sieh aber hier, wie mit verschränkten Schnüren Nachgiebig und doch eng das seidne Band Beglückt ist, deinen Busen zu berühren. Der Gürtel spricht: Lass mich die Lust geniessen, Dass ewig meine Haft dich so umspannt — Wie würden da erst Arme dich umschliessen!
10.
Hermann Grimm.
Weil man wie Seelenzwang, Erscheint sie auch als Labe, Die Gunst empfindet, sich gebunden glaubt, So klagt mein Freiheitsdrang Ob deiner werten Gabe Mehr noch, als hätte mich ein Dieb beraubt. Und kann zum Strahlenhaupt Der Sonne ungeschwächt kein Auge dringen, Das doch erstarken müsst' bei solchem Wagen, So möchte kraftberaubt Nicht mein Vermögen sein, dir Dank zu bringen. Oft muss vorm Überfluss der Mangel zagen, Und jener wieder über diesen klagen: Denn Liebe will nur solche Freunde nennen, (Wie selten ach)! die gleich an Glück und Können.
11.
Bettina Jacobson.
An Giorgio Vasari.
Mit deinem Griffel, deinen Farbentönen Hast gleich die Kunst du der Natur gemacht, Ja übertroffen sie zum Teil an Macht, Da fähig du, ihr Schönes zu verschönen. Doch heut erst wird vollständ'ger Sieg dich krönen, Dich, der auf höh're Werke jetzt bedacht, Denn deine Schrift erhellt des Grabes Nacht Und gibt Unsterblichkeit den Erdensöhnen. Ob auch die Kunst oft die Natur bezwungen, Ob Jahre ihre Werke nicht verletzen, Sie hindert's nicht, dass alle einst zerstäuben. Du aber, Taten singend, die verklungen, Du, Tote weckend trotz Naturgesetzen, Wirst du und werden sie lebendig bleiben.
12.
Sophie Hasenclever.
An Giorgio Vasari.
Ein Maultier, Kerzen, wahre Zuckermassen! So über mein Vermögen handelt Ihr, Dazu die grosse Flasche Malvasier, Dass ich Sankt Michael muss die Wage lassen. Zu schönes Wetter lässt kein Lüftchen blasen: Das Segel hängt, der Kurs entschwindet mir, Mein schwaches Schifflein scheint ein Splitter schier, Den wilden Meeresfluten überlassen. Erwäg' ich Eure Gaben, Eure Güte Und Speis' und Trank und freundliches Bedenken, Dass man auf Reisen sorglich mich behüte, — Dann würde sich mein Dank auf nichts beschränken, Selbst wenn ich Euch mich selbst als solchen biete, Denn eine Schuld bezahlen, heisst nicht schenken.
13.
Bettina Jacobson.
Aus den Stanzen zum Lob des Landlebens.
(Michelangelo schildert im ersten Teil des Gedichtes die Reize des ländlichen Lebens und stellt diesem die Reihe der Laster gegenüber, die dem Reichen in der Stadt das Leben verbittern: Zweifelsucht, Falschheit, Schmeichelei, Zwist, Betrug, Lüge, endlich, in den folgenden Stanzen, den Hochmut, die Missgunst und die sieben Todsünden, ihre Kinder.)
Der Riese Stolz bläht sich so hoch, dass nimmer Er uns im Staub gewahrt; manch schöne Stadt Zermalmt mit plumpen Sohlen er in Trümmer; Zur Sonne will er schaffen sich den Pfad, So baut er Turm auf Turm, doch ihren Schimmer Sah er noch nie, da nur ein Aug' er hat, Und dies ihm an der Ferse sitzt. Im Wahne Durchrast die Himmel er gleich dem Orkane. Die Berge sind den Sohlen jenes Hünen, Was uns ein Sandkorn ist. Der Drachen Brut Birgt sich in seinem Fell und neben ihnen Erscheint der Walfisch in der Meeresflut Wie eine Fliege klein. Es schreckt den Kühnen Nur eins: Wenn sich erhebt der Stürme Wut Und Staub und Halme wirbelnd aufwärts sendet, Sein einzig' Auge durch den Qualm ihm blendet. Auch eine träge Alte ist ihm teuer, Die grosse Amme seiner Ungestalt, Sie nährt in ihm der wilden Kühnheit Feuer, Sie reizt ihn an zu Frechheit und Gewalt. Wohnt nicht das Weib bei diesem Ungeheuer, So birgt es sich im tiefsten Felsenspalt. Geht müssig er, hockt sie in dunkler Kammer Und schickt dem Volke Hungersnot und Jammer. Im Busen, aus dem alle Übel stammen, Trägt sie das Zeichen ihres Herrn; die Qual Des Nächsten mästet sie, sie schrumpft zusammen Bei andrer Glück, die Gier stillt ihr kein Mahl; Sie peinigt alle mit des Hasses Flammen Und liebt, o Wunder, selbst sich nicht einmal. Ihr Arm ist Eisen, Stein das liebeleere Das eis'ge Herz; sie schlinget Berg und Meere. Und beider Kinder — sieben sind's — durchfliegen Die Welt von Pol zu Pol, ein Höllenchor; Nur die Gerechten wollen sie bekriegen, Sie schliessen auf und zu des Abgrunds Tor, Denn Beute bringen sie nach grossen Siegen; Unzähl'ge Arme strecken sie hervor, Um nach und nach die Seelen ganz zu binden Wie Eupheuranken einen Turm umwinden.
14.
Sophie Hasenclever.
Epitaphien.
O fühlest du mit mir, der hier im Staube Verschlossen ruht, der Welt entrückt, Erbarmen, So spare deine Tränen für die Armen, Die leben, wechselndem Geschick zum Raube.
Warum ergreifst du Tod nicht müde Greise, Warum soll ich in meiner Blüte sterben? „Weil das, was altert in der Welt Verderben, Nicht aufschwebt und nicht weilt im Himmelskreise.“
Nicht mordete mit hoher Jahre Waffen Der Tod die Schönheit, die der Staub hier deckt, Er nahm sie schnell, auf dass sie unbefleckt Zum Himmel kehre, schön wie sie geschaffen.
Geboren war ich erst vor kurzer Frist, Als man mich hier begrub; so schnell entführet Der Tod mich, dass der freie Geist kaum spüret, Wie sehr sein Zustand jetzt verwandelt ist.
Nicht gab der Himmel meiner Reize Fülle, Die Vielen er zum Schmuck für mich entriss, Durch meinen Tod zurück, da ich gewiss Am jüngsten Tag mich kleid' in gleiche Hülle.
Man glaubt mich tot, der ich gelebt zum Frommen Der Welt, im Busen tragend tausend Seelen, Die mich geliebt; wie kann mir Leben fehlen, Da eine Seele nur der Tod genommen?
O würden Fleisch und Blut für meine Knochen — Dass ich aufs neue lebte — eure Tränen, Dann wär' aus Mitleid hart, wer weint; sein Sehnen Zwäng' mich zurück ins Joch, das ich zerbrochen.
Dass ich gelebt, weiss nur mein Leichenstein, Und denkt ein Mensch an mich, dann dünkt's ihn gar Wie Traum; so wirkt der Tod, dass das, was war, Erscheint, als könnt' es nie gewesen sein.
Ich, Braccio von Geschlecht, sah, seit in Schmerzen Zur Welt ich kam, nur kurze Zeit den Tag; Nun bin ich hier, wo gern ich harren mag, Leb' ich nur fort in meines Freundes Herzen.
War ich im Leben, der ich Staub jetzt bin, Des Freundes Leben, muss nicht Tod allein, Nein eifersücht'ge Qual dem Freund es sein, Stirbt je vor ihm ein andrer für mich hin?
Der Bracci Sonne sank hinab ins Grab, Mit ihr die Sonne der Natur. Nicht Waffen Bedurft' der Tod, um ihn dahin zu raffen; Ein Hauch schon bricht die Frühlingsblume ab.
15.
Sophie Hasenclever.
Dante.
Kein Lob erreicht ihn, denn was könnt' ich sagen, Da selbst den Blinden er voll Glanz erschienen? Doch dazu soll die Sprache jetzt mir dienen, Das Volk, das ihn beleidigt, anzuklagen! Ihm, der zum Reich der Seelen, die verloren, Hinabstieg, ihr Geheimnis zu erraten; Ihm, dem die Himmelstore auf sich taten, Verschloss die eigne Vaterstadt die Tore. O Vaterland des Undanks! Dir zum Schaden Hast du ihn ausgestossen! Du, das stets Die Besten mit dem schwersten Schmerz beladen. Nur seinen Namen braucht die Welt zu lesen! Denn ward ein Mann unwürd'ger je verbannt Und ist ein Mann so gross wie er gewesen?
16.
Hermann Grimm.
Wie kommt's, dass ich nicht mehr mein eigen bin? Wer ist's, durch den ich mich verlor, Der, fremd, in mir sich drängte vor, Mehr gilt in mir als eigner Sinn? Und wie durchschnitt Die harte Brust, Wer mich nicht einmal angerührt? Wer bist du, Liebe, Qual und Lust, Die nun mein Herz gefangen führt, Die durch das Aug' in meine Seele glitt Und da so masslos wächst und schwillt, Dass sie an tausend Enden überquillt?
17.
Hans Grasberger.
Den Augen gebt zurück, o Fluss, o Quelle, Das Wasser, nicht entsprungen euren Bronnen, Die Tränen, die in eure Flut verronnen, Zu wilder Höhe trieben eure Welle! Du trübe Luft, die mir das Licht, das helle, In Nebel hüllt, verdunkelnd meine Wonnen, Gib wieder, um die Blicke neu zu sonnen, Die Seufzer mir, dass es kein Dunst entstelle! Die Schritte, Erde, gib zurück den Füssen, Es sprosse neu das Gras auf meinem Wege; Gib, Echo, heut zurück mir Klag' und Stöhnen, Gebt meinem Aug' ihr Augen, o ihr süssen, Die Blicke wieder, dass ich lieben möge Ein andres Weib, da euch verhasst mein Sehnen.
18.
Sophie Hasenclever.
So kehren wirklich die befreiten Seelen, Auf kurz bemess'ne Zeit, Zurück in anderm Kleid, Dass Leben sie und Tod von neuem wählen? Wird strenge im Befehlen, Wie einst, die Liebste nah'n, Noch ganz von ihrem alten Reiz umflossen? Fast möcht' ich darauf zählen, Sie zeigte sich alsdann Ganz ohne Groll, von Milde übergossen. Und, war ihr Aug' geschlossen, Hat, neubelebt, sie Mitleid wohl erworben Mit meinem Tod, — die selber schon gestorben!
19.
Bettina Jacobson.
An Vittoria Colonna.
Des besten Künstlers herrlichsten Gedanken, Ein einz'ger Marmor kann ihn ganz enthalten, Doch muss, will ihn der Meister uns entfalten, Die Hand dem Geist gehorchen ohne Wanken. In dir auch birgt sich Glück und Pein; verdanken Könnt' ich dir höchstes Heil, doch zu gestalten Dies Glück, es zu gewinnen, zu erhalten, Fehlt mir die Kunst; so muss an Gram ich kranken. Nicht trägt denn Liebe Schuld an meinen Leiden, Nicht darf das Schicksal ich zu schmähen wagen; Kann Heil ich oder Tod von dir erwerben, Trägst du im Busen sie und ward von beiden Mir Tod zuteil, muss ich mich selbst verklagen; Mein schwacher Geist verschuldet mein Verderben.
20.
Sophie Hasenclever.
An Vittoria Colonna.
Dein leuchtend helles Diadem erringen, Auf steilem Pfade rauh und lang, O das vermag im Liebesdrang Ein Herz voll Demut nur und edler Sitte. Dir wächst die Kraft, mir werden lahm die Schwingen, Versagt der Odem auf des Weges Mitte. O höre meine Bitte: Obgleich mein Herz sich freut an deiner Ehre, Und jauchzt, dass deine Tugend so erhaben, So fleht es dennoch: lenke deine Schritte Ein wenig nur herab zu mir und wehre Mir Schwachem nicht, den Geist an dir zu laben; Wenn minder gross, du Hehre, Mein Herz dich wünscht, nicht höh'ren Flug will dulden, O so vergib dir selber mein Verschulden.
21.
Sophie Hasenclever.
An Vittoria Colonna.
Der Freundlichkeit, mit der Ihr mich bedenkt, Nicht allzu unwert, Herrin, mich zu zeigen, Wollt ich mit dem, was meinem Geiste eigen, Erst das erwidern, was Ihr mir geschenkt. Bald aber fühlt' ich: da Euch nachzusteigen, Wohin der Genius Euch empor gelenkt, Gibt's keinen Weg für mich: verzeiht und denkt, Wie sehr ich weiss, warum mir ziemt zu schweigen. Denn Irrtum wär' mein Glaube, wenn ich dächte, Dem gleichzutun mit meinem schwachen Werke, Was von Euch wie des Himmels Gnade regnet. Das Feuer fehlt, die Kunst, die es vollbrächte, Mir Sterblichem, dem kein Versuch die Stärke Verleiht, mit der der Himmel Euch gesegnet.
22.
Hermann Grimm.
An Vittoria Colonna.
Ach neben dir, die durch zu grosse Wonne Das Leben mir entreisst, Wie arm bin ich an Geist, An Kraft und Kunst! Ja deinen Strahlensegen Flieht, wie der Blick die Sonne, Mein blöder Geist; die Flügel möcht' er regen Weit über sein Vermögen; Er übertrifft sich selbst, nur deiner kleinsten Spende Auch wert zu sein; bald aber, ach zum Schaden, Erlahmt sein Flug, und klar sieht er am Ende, Nie kann der Dankesschuld er sich entladen, Für so viel Gnaden! Je mächt'ger lodern deiner Seele Flammen, Je mehr sink' ich in toten Staub zusammen.
23.
Sophie Hasenclever.
Was ist es, das die Seele mir entzündet? Ahn' ich der Gottheit Glanz, die Strahlen krönen? Sah ich auf Erden je ein Bild des Schönen, Das meine Seele zitternd nachempfindet? Blieb mir ein Himmelsstrahl, der nie erblindet, Von jener Seligkeit, nach der mit Tränen Sich die verbannten Menschenherzen sehnen, Die niemals ganz aus dem Gedächtnis schwindet? Das, was ich fühl' und schau', das, was mich leitet, Ist nicht in mir, noch weiss ich, wo es finden! Zeig' du es mir, denn seit ich dich erschaue, Fühl' ich, wie sich in meinem Busen streitet Ein Ja und Nein, ein bittersüss Empfinden; Gewiss dein Auge ist es, holde Fraue!
24.
Sophie Hasenclever.
„Sprich Amor, ist es Wahrheit, ist's ein Wähnen, Dass Götterpracht der Herrin Antlitz schmückt, Oder hat mich ein inn'res Bild entzückt, Und seh' ich hier den Abglanz jenes Schönen? Du weisst es, denn du kamst mit ihr; mein Sehnen Entfachst nur du, nur du hast mich berückt; Doch fleh' ich, trotz der Qual, die mich bedrückt, Nicht mindre diese Flammen, diese Tränen!“ „Die Schönheit, die du siehst, entstammt der Erde, Doch wächst ihr Glanz, steigt sie zu höhern Sphären; Durch deine Augen tritt sie in die Seele, Und diese, dass gleich ihr unsterblich werde Die Schönheit, nimmt sie auf, sie zu verklären; So laut're Schönheit siehst du, ohne Fehle.“
25.
Sophie Hasenclever.
O meine Augen, wisst: Die Zeit vergeht, die Stunde kommt heran, Wo trüber Tränen Born sich schliesst! Gott halt' euch aufgetan, So lange meiner Herrin Huldgestalt Auf Erden wallt. Schliesst sich der Himmel auf, Und meine Erdensonne Lenkt, euch entrückt, den Lauf Hinan zu aller Sel'gen Wonne, Was bleibt euch fürder noch zu schauen dann?
26.
Hans Grasberger.
An Vittoria Colonna.
Wenn Kunst, im Stein gestaltend, Erschaffend und erhaltend, Dir dauernd Leben gibt durch Menschenhände Bis an der Zeiten Ende, Wie könnte erst der Himmel dich verklären, Der Himmel, göttlich waltend, Der höh'rer Schönheit Spende Als Menschenkunst verleiht, wollt' er dir Hehren Auf Erden schon Unsterblichkeit gewähren! Doch ach, dein Bild besteht, und du musst sterben? Wer rächt hier dein Verderben? Dich räche die Natur, denn sieh, es bleibet Der Menschen Werk, indes ihr Werk zerstäubet.
27.
Sophie Hasenclever.
Auf Vittoria Colonnas Tod.
Als sie, um die viel Seufzer mich verzehren, Der Erde, meinem Blick und sich entschwand, Da blieb Natur, die ihrer wert uns fand, Beschämt zurück, und, der sie sah, voll Zähren. Heut wird man nicht den Tod sich rühmen hören, Ob dieser Sonnen Sonne: ihm entwand Die Liebe sie: hier lebend festgebannt, Weilt sie dort oben unter Engelchören. Wohl meinte dieser arge, böse Tod: Verstummen müssten hier die Ruhmesklänge, Darin man Tugend, Seelenschönheit ehrte. Und dennoch spenden jetzt uns die Gesänge Mehr Lebensglanz, als einst ihr Leben bot: Der Himmel liess uns, was ihm nicht gehörte.
28.
Bettina Jacobson.
Auf Vittoria Colonnas Tod.
Dass nah dem Feuer mich die Glut verzehrte, Was Wunder? Und, dass jetzt, wo es verglommen, Ich mich bekümmert fühle und beklommen, So dass ich nach und nach zu Asche werde? Ich sah, wie Flammenschein den Ort verklärte, Von dem mir all die schwere Pein gekommen, Doch gab der Anblick schon mir Heil und Frommen, Der Qual und Tod in Wonne mir verkehrte. Jetzt, da der Himmel mir des Feuers Helle, — Die mich entzündet, mich ernährte, — nimmt, Glüh' ich als Kohle noch im Aschengrabe. Schafft mir nicht Amor Feuerstoff zur Stelle, Bleibt auch kein Fünklein mehr, das weiterglimmt, Wenn ich zu Asche mich verwandelt habe.
29.
Bettina Jacobson.
Auf Vittoria Colonnas Tod.
Um so vollkommne Schönheit nicht von allen Zurückzufordern, wenn der Tod erschien, Ward einer sie verliehn: Der Hohen, Reinen, unter zartem Schleier. Hätt' allen Sterblichen es Gott gefallen, Sie zu gewähren, war der Rückkauf teuer. Ein Hauch ward zum Befreier, Ein Augenblick, an Dauer kaum gemessen, Genügte, dass sie Gott Zurückgeholt: Kein Auge schaut sie wieder! — Doch bleiben unvergessen, Ob auch die Hülle tot, Uns ihre schönen, heilgen, süssen Lieder. Lieh Gott an schlimme Brüder So viel wie ihr, wollt' es zurückerwerben, Mitleid, gesteh's: Wir alle müssten sterben! —
30.
Bettina Jacobson.
Auf Vittoria Colonnas Tod.
Ward auch schon manches Menschenbild gesehn, Das aus dem harten Stein mein Hammer bricht, So steht er doch in Meisters Bann und Pflicht, Durch den allein kann Schlag und Führung gehn. Nur was da göttlich wohnt in Himmelshöhn, Ist schön durch sich, versendet eignes Licht; Doch wird ein Hammer ohne Hammer nicht, Kann Leben auch aus Leben nur erstehn. Weil nun der Schlag nur stärker niederfährt, Je höher wir hinauf den Hammer schwingen, Flog über mich der deine himmelan. So, wenn Gott gnädig Hilfe nicht gewährt, Kann des Unfert'gen Bildung nur misslingen, Weil sie kein andrer hier vollbringen kann.
31.
Bettina Jacobson.
Nach Vittoria Colonnas Tod.
Versetz' in jene Zeit zurück mich heute, Wo zaumlos toben mochte blinde Glut! Gib mir das Antlitz wieder engelgut, Dem alle Jugendkraft gewelkt zur Seite; Die Schritte ohne Zahl in alle Weite, Die schwer und müh'voll nur das Alter tut, Dem Busen Feuer gib und Tränenflut, Willst du noch einmal, Amor, mich zur Beute. Denn lebst von Zähren wirklich du, vergossen In Leid und Lust, was macht den Greis dir teuer, Der fast am andern Ufer angekommen? Schon wehrt der Geist mit himmlischen Geschossen Sich gegen deinen Pfeil. Das stärkste Feuer, Es zündet nicht im Holz, das schon verglommen.
32.
Sophie Hasenclever.
Ein frohes Herz verschönt, und hässlich macht Ein traurig Herz; so werd' ich umgestaltet Durch dich, die meins verwaltet. — Nur eins begreif' ich nicht: du müsstest glühen, Da du die Glut entfacht! — Ein Auge klar und helle Hat für das Schöne mir mein Stern verliehen, Und willst du mir entziehen Des Trostes letzte Strahlen, Wirst du, seh' ich, dir schaden, denn ich meine, In jedes Bildnis malen Zugleich mit dem Modelle Wir Künstler uns hinein; wie wird das deine, Wenn ich so trostlos weine? Beglücke mich, dann mal' ich ohne Tränen, Und du wirst schön und wirst auch mich verschönen.
33.
Sophie Hasenclever.
Oft gleicht ein Bild dem Bildner mehr, o Jammer! Als dem Modell; so bilde Ich jetzt nur schmerzlich wilde Entstellte Züge, klägliche Gestalten! Dich formen will mein Hammer, Und formt mich selbst, die Stirn voll Schmerzensfalten. Was könnt' ich auch gestalten, Da Liebe mich vernichtet, Als diesen müden Leib voll Angst und Trauer? Gleicht nicht dem Stein, dem kalten, Aus dem ihr Bild errichtet, Die strenge Herrin? Felsen sind nicht rauher. Die Kunst allein gibt Dauer; Drum, willst du, dass dein Reiz dich überlebe, Beglücke mich, dass ich dir Schönheit gebe!
34.
Sophie Hasenclever.
Wohl muss ein reiner tücht'ger Sinn sich freuen An von der Kunst geschaffenen Gestalten, Die liebe Züg' und Formen aufbehalten Und Menschen bilden in Wachs, Ton und Stein. Wenn dann fühllose Zeiten sie entweihen, Solch edles Werk zertrümmern und zerspalten, So wird das Bild sich dennoch in der alten Schönheit im Geist, der es erfasst, erneuen. So ist es deiner Schönheit widerfahren: Als Bild des Heiles, das den Himmel schmückt, Hat sie der ew'ge Künstler ausgesendet. Verringert sie nun gleich sich mit den Jahren, Sieht meine Sehnsucht sie nur mehr vollendet, Der Schönheit denkend, die kein Alter knickt.
35.
Carl Witte.
Herrin, wie mag's nur sein — und doch bewährt Es die Erfahrung — dass weit längeres Leben Dem Bildwerk als dem Bildner wird gegeben, Des Meisterhand den rohen Stein verklärt? Der Schöpfer schwindet, das Geschaffne währt, Kurzlebig muss Natur vor Kunst erbeben, Ich weiss es, der ich ganz der Kunst ergeben, Klar sehe, wie die Zeit mit mir verfährt. So könnt' ich langes Leben wohl uns beiden Verleih'n, ob Stein, ob Farbe dir beliebt, Liess ich ein Bild von uns ganz treu und wahr: Dass man noch tausend Jahr nach unserm Scheiden Säh', wie du schön warst, wie ich dich geliebt, Und dass mein Lieben keine Torheit war.
36.
Friedrich Bodenstedt.
An Vittoria Colonna.
Nach vielen Jahren, vielem Suchen, Ringen, Erreicht der Weise erst, nah seinem Ende, Wie er durch Geist und Hände Lebendig aus dem Stein ein Bildnis schafft. Denn zu so hohen Dingen Gelangt man spät, und bald erlischt die Kraft. Dein Antlitz, götterhaft, Hat, lange suchend und nach vielem Irren, Natur, am Gipfel angelangt, gefunden; Nun ist sie alt, und ihre Kraft verzehrt. Darum ist Furchtverwirren Mit Schönheit oft verbunden, Das wundersam ein stark Verlangen nährt. Wer ist's nun, der mich lehrt, Was besser sei, nachdem ich dich gesehn: Die höchste Lust? Der Erde Untergehn? —
37.
Bettina Jacobson.
An Tommaso Cavalieri.
Was ich in deinem Antlitz sah, beschreibe Mit Worten nimmer ich; doch was es kündet Hob oft den Geist, den noch der Körper bindet, Zu Gott empor aus diesem Erdenleibe. Dien' ich dem Spott des Pöbels auch zur Scheibe, Zeiht er der Regung mich, die er empfindet, So hoff' ich doch, dass Treue fest gegründet, Dass keusche Glut so wert wie einst dir bleibe! Die ird'sche Schönheit, für den Blick des Weisen Gleicht sie dem Liebesquell, dem wir entstammen; Vom Himmel hat die Welt nicht andre Proben, Nicht andre Früchte kann die Erde weisen; Sind treu und keusch nur meiner Liebe Flammen, Ist süss der Tod und frei mein Flug nach oben.
38.
Sophie Hasenclever.
An Tommaso Cavalieri.
Ich sehe sanftes Licht mit deinen Blicken, Mit meinen eignen Augen bin ich blind, Mit dir im gleichen Schritte wandelnd, sind Leicht mir die Lasten, die mich sonst erdrücken. Von deinen Schwingen mit emporgetragen Flieg' ich mit dir hinauf zum Himmel ewig; Wie du es willst: kühn oder zitternd leb' ich, Kalt in der Sonne, warm in Wintertagen. In deinem Willen ruht allein der meine, Dein Herz, wo die Gedanken mir entstehn, Dem Geist, in dem der Worte Quell sich findet: So kommt's, dass ich dem Monde gleich erscheine, Den wir soweit am Himmel nur ersehn Als ihn der Sonne Feuerstrahl entzündet.
39.
Hermann Grimm.
An Tommaso Cavalieri.
Wenn in zwei Liebenden des Schicksals Walten, Wenn keusche Lieb' sich gleich und Frömmigkeit, Wenn einer weinet bei des andern Leid, Ein Will' und Geist in beiden Herzen schalten; Wenn eine Seele lebt in zwei Gestalten, Verklärt in beiden, sie zu gleicher Zeit Mit einem Flügel trägt zur Seligkeit, Ein goldner Pfeil zwei Busen hat gespalten; Wenn beide füreinander liebend brennen, Doch keiner selbst sich liebt, wenn jeder täglich Zum höchsten Ziel den andern will begeistern, Und wenn dies schwacher Abglanz nur zu nennen Von uns'rer Liebe, sag mir, ist's dann möglich, Dass Groll das Band löst zwischen solchen Geistern?
40.
Sophie Hasenclever.
Durch dich erst kenn' ich mich und aus der Ferne Streb' ich dem Himmel zu, von dem wir kamen, Und wie der Fisch geködert wird vom Hamen, Reichst du mir Speise, und ich komme gerne. Nur schwach kann ein geteiltes Herze schlagen, Drum gab ich dir das meine ganz und gar: Was von mir bleibt, du weisst es, der mich kennt! Ans Beste nur soll sich die Seele wagen, Drum muss ich heiss dich lieben, will ich leben! Denn ich bin Holz nur, du bist Holz, das brennt.
41.
Bettina Jacobson.
An Tommaso Cavalieri.
Wohl darf mit meiner Liebe heissen Flammen Gerechte Hoffnung sich zum Himmel schwingen, Denn wollte unsre Wünsche Gott verdammen, Warum hiess er die Welt aus Nichts entspringen? Wie sollt' ich auch für Höh'res mich entflammen, Als um der ew'gen Schönheit Ruhm zu bringen, Von der die Reize, die dich zieren, stammen, Die keusch und rein'gend jedes Herz durchdringen? Trüg'risch ist nur die Hoffnung jener Lust, Die mit der Schönheit stirbt und stets entflieht, Weil sie der Züge Wechsel untertan. Doch die ist unfehlbar in treuer Brust, Die um der Hülle Wandlung nicht verglüht; Durch sie wird uns der Himmel aufgetan.
42.
Carl Witte.
An Tommaso Cavalieri.
Wäre der Schönheit deiner Augensterne Das Feuer gleich, das sie ringsum entzünden, Dann flammte wohl die Welt aus Feuerschlünden, Es schmölzen selbst des Poles eis'ge Kerne. Doch hat der güt'ge Himmel, der sich gerne Erbarmt des Schwachen, dass wir nicht erblinden, Die Augen uns umflort, und wir empfinden Den Glanz nur wie ein Licht in weiter Ferne. Nie wird, wie's deinem Reiz gebührt, entbrennen Der Liebe Glut; nur Stückwerk schau'n wir Toren Des Ew'gen, lieben das nur, was wir sehen. Mich auch bewahrt mein mangelhaft Erkennen, Die Schwäche nur, dem Menschen angeboren, Für dich im Flammentode zu vergehen.
43.
Sophie Hasenclever.
Ein schönes Antlitz spornt mich himmelan, Nichts andres freut mich mehr, da schon im Leben Ich darf empor zu sel'gen Geistern schweben — Ein Glück, wie selten es ein Mensch gewann. So sehr zum Schöpfer stimmt sein Werk: ich kann durch Gottgedanken mich zu Gott erheben, Vom Himmel wird mir Geist und Wort gegeben, Seit ich erglüht in holdem Liebesbann. Drum kann ich von zwei schönen Augen nimmer Den Blick abzieh'n, als ob zum höchsten Glück, Empor zu Gott ihr Licht den Weg mir wiese. Und fühl' ich mich durchglüht von ihrem Schimmer, Strahlt mir aus ihrer edlen Glut zurück Das ew'ge Lächeln sel'ger Paradiese.
44.
Friedrich Bodenstedt.
An Tommaso Cavalieri.
Ein Schwefelherz in einem strohernen Leibe, Mit Knochen wie geschnitzt aus dürren Asten, Ein Flackergeist, der sich der ersten, besten Hingibt, betört von jedem üpp'gen Weibe; Ein Scheinmensch, blind für Höh'res, mürb wie Zunder, Dergleichen viele auf der Glücksjagd rennen, Mag lichterloh im Augenblick entbrennen Gleich wie vom Blitz gerührt; es ist kein Wunder! Mir konnte nur die höchste Schönheit taugen, Zu ew'gen Werken heil'ge Glut zu schüren: Ihr Glanz allein könnt' mich so hoch erheben. Klein schien mein Grösstes mir in deinen Augen; Ich floh das Volk, dich Einz'gen zu erküren; Mein Werk gab meiner Liebe ew'ges Leben.
45.
Friedrich Bodenstedt.
Das Feuer darf der ems'ge Schmied nicht scheuen, Sein Eisen neu und kunstvoll zu gestalten; Mit Kraft des Feuers muss der Meister schalten, Will er des lautern Goldes sich erfreuen. Der einz'ge Phönix kann sich nicht erneuen, Eh' er verbrennt. So auch in Glutgewalten Hoff' ich zu sterben, mit den Lichtgestalten Vereint, die Tod und Zeit nicht mehr bedräuen. O süsses Sterben! Selig, wer so brennt! Wenn ich zu Asche nach und nach verstoben, Nicht unter Toten leben muss fortan. Ja wenn sich von Natur dies Element Zum Himmel hebt, steig' ich, mit ihm erhoben, Grad' auf, feurig verwandelt, himmelan.
46.
Friedrich Bodenstedt.
An Tommaso Cavalieri.
Dein Geist stieg in des Leibes Kerkerzelle Von dort herab, wohin er einst enteilt, Dass sich ein Engel, der die Seelen heilt Und Ruhm der Welt verleiht, uns zugeselle. Dein Wesen, nicht die Schönheit sonnenhelle, Entflammt mich, denn ein Herz, wo Tugend weilt, Baut niemals seine Hoffnung übereilt Auf das, was rasch entführt der Zeiten Welle. Doch lebt solch' edler Geist in schöner Hülle, Dann fasst ihn jeder, wie man an der Scheide Die Klinge kennt, eh' eine Hand sie zückte. Nichts in der Welt lehrt so wie Schönheitsfülle Den Schöpfer lieben! Sieh, es streiten beide, Natur und Himmel, wer zumeist dich schmückte.
47.
Sophie Hasenclever.
Nicht Glück, nicht Gnade wird dem Übeltäter, So sagt das Volk, das auch für mich es sprach, Denn seit am eig'nen Selbst ich war Verräter Um dein zu sein, floh mich das Glück, und ach, Die Zeit verbeut's, dass gleich dem Phönix später Zu neuen Sonnen ich mich schwingen mag. Eins ist mein Trost, dass mehr ich mir gehöre, Wenn dein ich bin, als wenn nur mein ich wäre.
48.
Sophie Hasenclever.
Die Nacht.
Der aus dem Nichts, eh' noch die Welt bewohnt, Die Zeit in Zwiegestalt hervorgebracht, Er gab der einen hoher Sonne Pracht, Der andern gab er dann den nahen Mond. So wird im voraus jedermann gelohnt, Glück, Zufall und Geschick ihm zugedacht. Mir fiel die dunkle Seite zu, die Nacht; Schon in der Wiege blieb ich nicht verschont. Und wie bei dem, der eignem Glücke wehrt, In tiefrer Nacht mehr Schatten sich verbreiten, So sorg' und klag' ich, dass ich schlecht gehandelt. Doch Trost gibt, dass es meiner Nacht beschert, Der Sonne deines Tages vorzuschreiten, Die von Geburt an über dir gewandelt.
49.
Bettina Jacobson.
Die Nacht.
Jedweder Raum, bedeckt und eingefügt, — Was er im Innern auch umschliessen mag, — Bewahrt die dunkle Nacht am hellen Tag, Wo alles sich im Strahlenschimmer wiegt. Doch wird sie von der Flamme Glut besiegt, Verjagt die Sonne, was im Finstern lag, So bleibt nichts Arges mehr im dunkeln Hag, Ja, auch ein Glühwurm hätte schon genügt. Was in der Sonne treibt an Lebenskraft, An tausend Keimen, Pflanzen zu erkennen, Wird durchgepflügt vom starken Ackerknechte. Die Nacht hingegen ist's, die Menschen schafft, Und weil wir ihn der Wesen bestes nennen, Sind heil'ger als die Tage uns die Nächte.
50.
Bettina Jacobson.
An die Nacht.
O Nacht, du liebe, wenn auch dunkle Zeit, Die jeder Arbeit stilles Ende bringt, Wohl sieht und kennt dich, wer dein Loblied singt, Und wer dich würd'gen kann, der weiss Bescheid. Du schläferst ein des Hirnes Müdigkeit, Wie feuchter Nebel ruhvoll niedersinkt; Aus Tiefen zu ersehnten Höhen schwingt Mich oft ein Traum empor, durch dein Geleit. Du hemmst und scheuchst zurück, o Todesschatten, Des Herzens schlimmste Feindin, jede Pein, Tust, letztes Mittel, tief Betrübten gut. Du kräftigst unsre Glieder, unsre matten, Du trocknest Tränen, wiegst die Sorgen ein, Und rettest Edle vor Verdruss und Wut.
51.
Bettina Jacobson.
Die Nacht.
Wenn Phöbus Arme sich nicht strahlend winden Um dieses kalte, feuchte Erdenrund, Heisst solche Stunden „Nacht“ der Leute Mund, Weil sie die Sonne dann nicht mehr empfinden. Doch ist sie arm und schwach: Schon das Entzünden Der kleinsten Kerze raubt ihr Leben, und Ein Zunder an der Flinte macht sie wund, So dass wir sie gar schnell zerrissen finden. Will man noch wirklich Wesenskraft ihr geben, Muss Phöbus' Kind sie und der Erde sein: Sie trägt den Schatten, jener gibt ihm Leben. Doch, wie's auch sei: Wer lobt, der irrt. Voll Pein, Verdüstert, muss die Witwe schon erbeben Vor Eifersucht bei eines Glühwurms Schein.
52.
Bettina Jacobson.
Gesang der Toten.
Wer geboren wird, muss sterben In der Zeiten Flucht; die Sonne Duldet jegliches Verderben. Schnell vergehen Leid und Wonne, Geist und Wort sind bald verloren; Alle, die nach uns geboren, Schatten sind sie, leichter Rauch. Menschen waren wir ja auch, Froh und traurig so wie ihr, Und ihr seht, nun sind wir hier, Mussten schon zu Staub verderben; Alle Wesen müssen sterben. Unsre Augen konnten schauen, Aus den Höhlen voll und hell; Heute sind sie leer, voll Grauen, Denn die Zeit entführte schnell. — — — — — — — — — —
53.
Bettina Jacobson.
An Vittoria Colonna.
Die Schönheit ward als Vorbild mir auf Erden Für meinen doppelten Beruf geschenket; In beiden Künsten sollte sie mir strahlen, Ein Spiegel, eine Leuchte mir zu werden; Sie ist es, die zu jenem Ziel mich lenket, Für das ich einzig meisseln mag und malen. O törichter, vermessener Gedanke, Die hohe Schönheit Sinnenlust zu schelten! Gesundem Geiste zeigt sie Himmelspfade, Am Staube aber klebt der Blick, der kranke; Ein reines Auge nur sieht jene Welten, Die einzig uns erschliesst der Strahl der Gnade.
54.
Sophie Hasenclever
An Vittoria Colonna.
Nicht schön zu sein, unmöglich ist's dir Schönen, Nicht gut zu sein, dir Guten! Dein Erbarmen, Verderblich ist's mir Armen, Es schmilzt mein Herz in deiner Gnadensonnen Auflösend sich in Wonnen! Stirbt eh'r nicht deines Herzens Liebesfülle, Als deine süsse Hülle, So duld', ich fleh's mit Tränen, Dass ich bei dir verweile Bis du der Welt entronnen! O dann entrückt mein Sehnen Der Erde mich, ich eile Empor zum ew'gen Heile; Gibt uns der Schöpfer einst am jüngsten Tage, Den Leib zurück, zu Wonne oder Plage, Dann nimm mich auf, ob unschön ich geblieben, Dort gilt ja mehr als Schönheit treues Lieben!
55.
Sophie Hasenclever.
An Tommaso Cavalieri.
Als mir dein Augenstern zuerst erglühte, Da war's kein irdisch Licht, das mich getroffen, Schon sah mein Geist entzückt den Himmel offen, Ein ew'ger Friede zog in mein Gemüte; Denn nimmer stillt mein Herz der Anmut Blüte, Erzeugt aus dieser Erde niedren Stoffen; Der Schönheit Ursprung ist sein Ziel und Hoffen; Es fliegt der ew'gen Schönheit zu und Güte. Nie hoffe denn ein weises Herz den Frieden Von jener Blüte, die zu Staub verkehren Die rauhe Zeit, und Tod, der uns beschieden; Wohl mag der Sinne Glut den Greis versehren, Die Liebe nicht, sie heiligt uns hienieden, Doch erst der Himmel wird uns ganz verklären.
56.
Sophie Hasenclever.
Die Augen, stets der Schönheit zugetan, Der Geist, ihr hold und auf sein Heil bedacht, Sie dringen durch die Nacht Nur an der Hand der Schönheit himmelan; Denn aus der Sternenbahn Strömt Glanz vom Firmament, So klar, dass ihm zu nah'n, Die Menschenseele brennt, Und solch Empfinden nennt Man Liebe hier; ein edles Herz beflügelt, Entflammt der Blick nur, der den Himmel spiegelt.
57.
Sophie Hasenclever.
An Vittoria Colonna.
Im Herzen nicht ist meiner Liebe Leben; Das Herz, das irdisch, sterblich ist, enthält Die ew'ge Liebe nicht, sie lebt gesellt Dem Wahn, der Sünde nicht, von Schuld umgeben. Mir hat die Liebe klaren Blick gegeben, Die Schönheit dir beim Eintritt in die Welt, So dass ich selbst in dem, was einst zerfällt, In deinem Reiz erkenn' der Gottheit Weben! Vom ewig Schönen trennt in mir sich nimmer Die Liebe, wie die Wärme nie vom Feuer; Was ihm entstammt und gleicht, das möcht' ich schauen! Du trägst in deiner Augen sel'gem Schimmer Das Paradies, wo du zuerst mir teuer, Und seine Pforten sind mir deine Brauen!
58.
Sophie Hasenclever.
Dante.
Als Mensch vom Himmel einst herabgestiegen, Hat Hölle er und Läut'rungsglut gesehn, Dann bracht' er lebend, aus des Himmels Höhn, Uns wahres Licht, die wir im Dunkeln liegen. Dass du bestrahlt die Stätte meiner Wiegen, O lichter Stern, ist unverdient geschehn; Die ganze arge Welt dir zugestehn, Wär' kleiner Preis: Nur Gott kann dir genügen. Von Dante red' ich, dessen Werk verkannt, Missachtet ward vom Volk, dem undankbaren, Das stets sich von Gerechten abgewandt. Wär' ich wie er! Hätt' ich wie er den wahren, Tatkräft'gen Geist, und wär' wie er verbannt: Das schönste Glück der Erde liess' ich fahren.
59.
Bettina Jacobson.
So viel scheint gross und kostbar, und es blickt Das Volk drauf hin bewundernd, aber einer Steht abseits; ihm erscheint es um so kleiner Und gallenbitter, was sie hoch entzückt. Und das sogar: der eitlen unverständ'gen Gedankenlosen Welt muss er sich fügen, Muss reden, wie sie spricht und Freude lügen, Und lächelnd die verborg'nen Tränen bänd'gen. Mein Glück ist nur, dass ganz verborgen sei, Was ich beweine und was heimlich trachtend Des Herzens Wünsche wollen, die ich hege. Blind ist die Welt und nur Verrätern treu, Ich aber, Hass und Ehre gleich verachtend, Geh still und einsam weiter meine Wege.
60.
Hermann Grimm.
Ich bin jetzt vor mir selbst an Wert gestiegen, Bin lieber mir, seit dich mein Herze hegt; So wird erst auf den Stein ein Wert gelegt, Wenn ihn der Künstler formt mit edlen Zügen. Und wie der Blick am Blatt sich mag vergnügen, Mit Schrift und Bild geziert, nach dem nicht frägt, Das leer und kahl, so kann erst, seit geprägt In meinen Geist dein Bild, ich mir genügen. Als wären Zauber, wären Waffen mein, So zieh' ich, ohne dass Gefahr mich trifft, Mit solchem Schutzbrief aus nach allen Winden; Stark gegen Feu'r und Wasser werd' ich sein, Mit meinem Speichel tilg' ich jedes Gift, Und mache sehend durch dein Bild die Blinden.
61.
Sophie Hasenclever.
An Vittoria Colonna.
Wie sich im unbehau'nen, toten Stein, Je mehr der Marmor unter'm Meissel schwindet, Anwachsend immer voll'res Leben findet, So mag es, edle Frau, mit mir auch sein. Was Gutes in mir ist, es hüllt sich ein Tief in mein eigen Fleisch, und so, umrindet Vom rauhen, rohen Stoffe, der mich bindet, Drängt sich zu mir umsonst das Leben ein. Zu matt und kraftlos fühl' ich mich allein, Das Ende naht und Tag auf Tag verschwindet: Nimm fort, was sich um meine Seele windet! Ich könnt' es nicht, doch du kannst mich befrei'n!
62.
Hermann Grimm.
An Vittoria Colonna.
Bald auf dem rechten Fuss, bald auf dem linken, Bald steigend, bald ermüdet zum Versinken, Hintaumelnd ratlos zwischen Gut und Böse, Such' ich, wer meiner Seele Zweifel löse; Denn wem Gewölk verhüllt des Himmels Weiten, Wie können den des Himmels Sterne leiten? Drum sei mein Herz das unbeschrieb'ne Blatt, Und was das deine aus sich selbst gefunden, O schreib' es nieder! was in allen Stunden Die Richtschnur sei, nach der es Sehnsucht hat, Damit im Irrsal dieser Lebenstage Mir Antwort werde auf des Lebens Frage: Ob die geringere Gnade einstmals finden, Die demutvoll sich nah'n mit tausend Sünden, Als die, die stolz auf das was sie getan, Im Überfluss der guten Werke nah'n?
63.
Hermann Grimm.
An Vittoria Colonna.
Es spricht ein Mann, es spricht ein Gott mit Kraft Aus eines Weibes Munde, Und was sie sprach, die Kunde, Hat mich mir selbst für alle Zeit entrafft. Seit ich in ihrer Haft, Mir selbst durch sie genommen, Fühl' Mitleid ich mit mir, den sie betrauert. Tief schweigt die Leidenschaft; Ihr Reiz nur ausgenommen, Dünkt hohl die Schönheit mich; in Rosen lauert Der Tod, vor dem mich schauert. Du, die durch Feu'r und Wasser führt zum Frieden, O gib mich nie mir selbst zurück hienieden!
64.
Sophie Hasenclever.
An Vittoria Colonna.
Hat Antlitz, Glieder, eines Menschen Sein Des Künstlers Geist erfasst, den Gott verliehn, Dazu ein Tonmodell, mit leichtem Mühn Bringt er dann Leben in den harten Stein. So greift, nach roh entworfnen Zeichnerein, Der klügste, erste unter allen kühn Zum Pinsel, wählt, was ihm das beste schien, Nach prüfenden Vergleichen mancher Reihn. Auch ich kam als gering' Modell zur Welt, Doch anders ward ich, besser erst geartet, Durch Euch, o edle Frau, von hohem Mut. Werd' ich gefeilter, höher noch gestellt, Durch Eure Hand, — welch Strafgericht erwartet, Nach solcher Zucht noch meine wilde Glut?
65.
Bettina Jacobson.
Die Augen kränkt so vieles, was sie schau'n, Und alles hier muss, ach, mein Herz verletzen; Wozu noch leben, wär' mit seinen Schätzen Nicht mein das Herz der edelsten der Frauen? Darf auf Verzeihung ich, auf Hilfe trauen, Entflieh' ich der Gewohnheit Sündennetzen, Dem bösen Beispiel, dieser Nacht Entsetzen? Du kommst! Genug, nun darf auf Heil ich bauen. — — — — — — — — — —
66.
Sophie Hasenclever.
Dem Tod entgegen steu'r ich will'ger nicht, Als wer mit Widerstreben Zum Richtplatz folgt dem strafenden Gericht Und lassen muss sein Leben. Wie dieser bin dem Tod ich nah' vielleicht, Falls nicht mein Restchen minder schnell entweicht; Und dennoch gönnt mir nicht die Minne, Dass ich ein Stündchen Rast gewinne. Ich wach' und schlafe zwischen zwei Gefahren: Kaum dass ich leise Lebenshoffnung fühlt', Ist tiefer Seelenkummer aufgewühlt, Weil ich noch Gluten habe zu befahren, Und weil die Lieb' um so viel minder frommt, Als spät sie kommt.
67.
Hans Grasberger.
Ich sehe meine Zukunft wie im Spiegel, Wenn bald vom Frost und bald von Glut getroffen, Ich, dem das Grab schon offen, Voll Scham vergangner Zeiten denken muss. Gleich blieb sich Lieb' und Hoffen, Doch weil mit schnellrem Flügel Die Zeit jetzt flieht, und nah der Freude Schluss Dem Greise ist, dünkt Schmerz fast der Genuss! Entweicht denn beide, Lust so wie Beschwerde! Der Glücklichste ist ja auf dieser Erde, Wer, ach, auf ihr nur kurze Stunden weilet, Denn Tod nur ist der Arzt, der alles heilet.
68.
Sophie Hasenclever.
Der frischen Jugend wird es nicht bewusst, Wie so ganz anders, Herr, kurz vor dem Ende, Gedanken, Hoffen, Lieb' und Wünsche werden. Wächst unsere Seele, bringt's der Welt Verlust; Die Kunst reimt mit dem Tod sich nicht zusammen, Drum, was erwart' ich noch von mir auf Erden? — — — — — — — — — —
69.
Bettina Jacobson.
Ich leb' der Sünde, leb', um mir zu sterben, Mein Leben ist nicht mein, von Schuld umstrickt Gehört's der Sünde. Gott, der gern beglückt, Gab Segen nur, ich selbst gab mir Verderben. Die Freiheit macht' ich, die wir alle erben, Zur Sklavin, Staub zum Götzen, wahnberückt; Zu welcher Schmach hab' ich das Licht erblickt! — — — — — — — — — —
70.
Sophie Hasenclever.
Hier am äussersten Rande des Lebensmeeres Lern' ich zu spät erkennen, o Welt, den Inhalt Deiner Freuden, wie du den Frieden, den du Nicht zu gewähren vermagst, versprichst und jene Ruhe des Daseins, die schon vor der Geburt stirbt. Angstvoll blick' ich zurück, nun da der Himmel Meinen Tagen ein Ziel setzt: unaufhörlich Hab' ich vor Augen den alten, süssen Irrtum, Der dem, den er erfasst, die Seele vernichtet. Nun beweis' ich es selber: den erwartet Droben das glücklichste Los, der von der Geburt ab Sich auf dem kürzesten Pfad zum Tode wandte.
71.
Hermann Grimm.
Mein Lebenslauf gelangt durch Sturm und Wogen Auf schwankem Boot nun zu dem grossen Port, Dahin wir alle steuern fort und fort, Für alles Tun zur Rechenschaft gezogen. Wohl merk' ich nun, wie sehr du mir gelogen, O Phantasie, die du als Herrn und Hort Die Kunst mir gabst, wie irrig Tat und Wort, Und wie auch mich manch eitler Wunsch betrogen. Was wird aus lang verflog'nem Liebesweben, Wenn bald der Doppeltod mir nahen soll? Nicht ahn' ich, was man bei dem zweiten leidet. Mir kann nicht Stift noch Meissel Ruhe geben, Nur Gottes Liebe noch, die mitleidvoll Am Kreuz die Arme nach uns ausgebreitet.
72.
Bettina Jacobson.
Ihr meine vielen, irrtumsschweren Träume, Ihr solltet euch, da sich das Leben neigt, Zu einem einz'gen formen, der mir reicht Die Führerhand in lichte Himmelsräume. — — — — — — — — — —
73.
Mir raubten Eitelkeiten dieser Welt Die mir verlieh'ne Zeit, in Gott zu leben, Der Gunst vergass ich, die er mir gegeben, Hab' mehr mit ihr, als ohne sie gefehlt. Mich machte blind, was andre aufgehellt, Zu spät erkannt' ich Tor mein irrig' Streben, Verzagt fleh' ich dich an, den Bann zu heben, Darin mich noch die Eigenliebe hält. Den halben Weg, Herr, wolle mir erlassen, Der aufwärts führt, doch ohne deine Hand Fürcht' ich, dass ich auch diesen nicht vollende; Lehr' mich, was diese Welt so hoch hielt, hassen, Auch das, was ich verehrte, köstlich fand, Dass ew'ges Heil mir sicher vor dem Ende.
74.
Bettina Jacobson.
Vom Alter und von Sündenlast beschwert, Von festgewurzelt argem Trieb gehalten, Droh'n mir des Todes zwiefache Gestalten, Und oft hab' ich mein Herz mit Gift genährt. Auch kann ich, da die Kraft mir nicht beschert, Nicht Leben, Liebe, Schicksal umgestalten, Wenn fürder dein erleuchtend göttlich Walten Nicht leitend, zügelnd mich die Wege lehrt. Doch nicht genug, o Herr, wenn es mich treibt, Dass meine Seele wieder dorthin fahre, Wo du sie einst geschaffen aus dem Leeren, Gib, wenn an ihr nichts Irdisches mehr bleibt, Dass Reue ihr den halben Weg erspare Zu seligem und reinem Wiederkehren.
75.
Bettina Jacobson.
Was nicht ich will, o Herr, das möcht' ich wollen! Vom heil'gen Brand trennt mich ein Schlei'r von Eis Und löscht die Glut; nicht passt mein Tun zum Preis Der Feder; Lügen sind ihr nur entquollen. Dem Herrn kann mit der Zunge Lob ich zollen, Nicht mit dem Herzen! Ach, dass ich nicht weiss, Welch' Tor der Gnade auftun? Ihr Geheiss Verjagt allein den Stolz, den ränkevollen. Zerreiss', o Herr, den eisigkalten Schleier; Die Mauer, hart und starr, wirf sie zusammen, Sie, die dein Licht verbirgt, die Wehr der Sünde. Gib deiner schönen Braut dein Himmelsfeuer, Gib das verheiss'ne Licht, dass ich in Flammen, Von Zweifeln frei nur einzig dich empfinde.
76.
Sophie Hasenclever.
Dich lass an jedem Ort mich schau'n! Dein Feuer Verschlinge jeder Erdenliebe Flammen, In Gluten brenn' ich dann, die dir entflammen, So hell wie damals, als die Welt mir teuer. Zerreisse du des Irrtums dunkle Schleier, Die Sünden, die das Herz zur Qual verdammen, Vernichte sie; o lass ersteh'n zusammen Vernunft und Kraft und Willen, mein Befreier! Der Zeit hast du die Seele übergeben, Mit hartem Spruch hältst du ein göttlich Wesen Gefangen in des Leibes Kerkerwänden, Nicht ich kann wandeln dies mein sündig Leben; Nichts ohne dich ist gut in mir, erlösen Kannst du allein, nur du mein Schicksal wenden!
77.
Sophie Hasenclever.
Es fühlen Schmerz, es fühlen Trost nicht minder Die auserwählten Geister, dass erkoren Du hast für sie den Tod, um zu den Himmelstoren Den Eingang zu erkämpfen für uns Sünder. Sie jauchzen, weil entsühnt die Menschenkinder Von ihrer ersten Schuld wie neugeboren, Sie weinen, weil die Nägel dich durchbohren, Weil Knecht der Knechte wird des Heiles Gründer. Der Himmel zeugt für dich, denn in den Lüften Erlischt das Weltenauge, Berge wanken, Die Erde birst, das Meer erbraust im Laufe, Die grossen Väter steigen aus den Grüften, Indes die bösen Engel niedersanken, Der Mensch nur freut sich, den entsühnt die Taufe.
78.
Sophie Hasenclever.
Erinnrung ist mir lieb, doch mehr beschweret Sie noch mit Gram das Herz, der Schuld, der frühen, Gedenkend, will zur Rechenschaft sie ziehen Für eine Zeit mich, die nicht wiederkehret; Lieb ist sie mir, weil vor dem Tod sie lehret, Dass alle Erdenfreuden treulos fliehen, Herb, weil vom Himmel Gnad' herabzuziehen Dem schwer gelingt, der sich so spät bekehret. Wie fest wir auch auf die Verheissung bauen, So ist doch jener Glaube Frevelmut, Dass leicht des Zögerns Schuld verzieh'n uns Armen; Und dennoch tut, verspritzt in Todesgrauen, Vom Kreuz herab uns kund dein strömend Blut: So masslos wie dein Schmerz sei dein Erbarmen!
79.
Sophie Hasenclever.
O Herr, befreit von schwerer Bürde, wende Ich mich zu dir, die Weltlust gibt mich her; Ein schwankes Boot, im Sturm auf wildem Meer, Treib' ich nun müd' an ruhiges Gelände. Die Dornenkrone, die durchbohrten Hände, Dein gütig mildes Antlitz, mitleidschwer, Verheissen Gnade reu'ger Wiederkehr, Und trüben Seelen künft'ge Heilesspende. Lass deine heil'gen Augen, lass dein Ohr Nicht richten über mein vergangnes Leben, Zeig nicht dorthin mit drohender Gebärde. Nur reicher ströme mir dein Blut hervor, Je greiser ich, die Sünden aufzuheben, Dass schnell mir Hilfe und Verzeihung werde.
80.
Bettina Jacobson.