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Memoiren einer Grossmutter, Band II

Die gefährliche Operation. — Die Reform der Küche.

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... Das Geschwür ist so groß geworden, daß es mich zu ersticken droht! Was tun? Wo Rat holen? Woher die Kräfte zum Kampf nehmen? O, lieber Gott, schenke mir Seelenstärke, die Operation ohne bleibenden Schaden ertragen zu können! Ich fühle mich zu schwach, das zu überstehen. Es ist ein Kampf auf Tod und Leben. Ich habe mich in den eigenen Kräften verrechnet und glaubte nicht, daß diese letzte Reform mich in solche Bangigkeit und in so starkes Zerwürfnis mit mir selber hineinstürzen würde. Warum fällt es mir so schwer, meine bisherigen Grundsätze zu überwinden? Ich glaube, meine anhängliche Natur ist daran schuld. Die Verehrung und Liebe für meine Eltern sind bei mir unzertrennlich mit der Verehrung ihrer religiösen Sitte verbunden. Es überkommt mich die Verzweiflung, wenn ich an die Notwendigkeit meines Handelns denke, von der mein künftiges Heil, meine Ruhe und Zufriedenheit, selbst das Glück meiner Kinder abhängen soll. Es wird sicher eine tiefe Wunde in die Herzen meiner Eltern schlagen. Ich war ihnen bisher eine liebe Tochter. Nun haben sie volles Recht, mir zu fluchen — Ja, ich verstehe ihren brennenden Schmerz. Ich bin selbst Mutter!

Aber wo sind meine eigenen Grundsätze? Ja, sie sind da. Seit fünfzehn Jahren kämpfe ich, sie zu erhalten. Sie sind mir ans Herz gewachsen, in Fleisch und Blut übergegangen. Nun sind sie aber der Störenfried und Anstoß für alle Meinigen geworden, an ihnen zerschellt jeden Augenblick alle Zärtlichkeit, alle Achtung und Liebe. — Und was mich so unglücklich in meinem jetzigen Zustand macht, ist das Verhältnis meines Mannes zu mir. Er hat es nie verstanden, oder sich nie die Mühe gegeben, mich anders zu betrachten, wie ein für sich notwendiges Ding. Er ist nie auf den Gedanken gekommen, daß ich meine eigenen Grundsätze, Gewohnheiten habe, daß ich bereits von Haus aus zu ihm mit Erinnerungen, ja sogar mit gewissen Erfahrungen kam; und daß die mannigfachen Lebensumstände meine Standhaftigkeit ausgebildet und gefestigt haben. Er gab sich nicht die Mühe, sich meinem inneren Wesen zu nähern und es zu erkennen. Er fordert von mir vor allem Unterwürfigkeit und Verleugnung meiner Grundsätze. Nein, mein Freund, diesen deinen letzten Wunsch ohne Murren zu erfüllen, bin ich nicht imstande. Dazu hättest du mich allmählich vorbereiten sollen, dann wäre es mir vielleicht nicht so tödlich schwer geworden! Da es aber nicht geschah, da du meinem inneren Leben fremd bliebest, wurde meine Anhänglichkeit an die Eltern und das Pflichtgefühl ihnen gegenüber von Tag zu Tag stärker. Ich schuf mir eine eigene Welt in mir, von der ich mich jetzt so schwer trennen kann. O, Gott im Himmel, nur du kannst unparteiischer Zeuge meiner Leiden sein! Wem soll ich klagen! Verstehst du mich, mein Mann? Legst du mir meine Konsequenzen nicht als eine Hartnäckigkeit aus, kannst du nicht darin etwas Höheres, Edleres sehen, als Eigensinn? Und die Kinder? Die sind ja noch zu jung — sie werden aber schon auf deine Seite kommen. Sie sind ja Kinder ihrer Zeit!

Das Messer ist geschärft. Ich muß mich entscheiden. Die Operation soll vor sich gehen, denn ich ersticke! Nur bitte ich um Zeit, damit ich den Kampf zuerst mit mir selbst auskämpfe und meine geistigen Kräfte sammle. O, wer hilft mir? Niemand! Zurück also in meine eigene Welt, in mein Herz, in die Gesellschaft meiner Gedanken, in die Welt meiner Vergangenheit, die eine inhaltreiche Geschichte ist, und in die undurchdringliche Zukunft. Ich will dieses furchtbare Opfer auf dem Altar meines häuslichen Herdes darbringen. Eher darf ich nicht sagen, daß ich meine Pflicht als Frau und Mutter erfüllt habe, bis ich auch diesem Wunsch der Meinigen nachgegeben habe. Was ist mein Leben ohne Liebe, ohne Anhänglichkeit und in einem immerwährenden Streit mit den Nächsten? Nach jedem Auftritt wegen dieser unheilvollen Frage sehe ich den Tod vor Augen. Die Bitterkeit, die ich stets dabei empfinde, könnte drei Leben, und nicht nur eines vergiften! Daher, ihr Henker, schärft die Messer, ich bin fertig. Ich will mit dieser Tat dem ewigen Spotten über die Religion in meinem Hause ein Ende machen. Lieber begehe ich selbst das Schreckliche und rette mit dieser Handlung die wahre Grundlage der Religion, den Glauben. Ich darf vielleicht nicht länger zögern, wenn ich das Schlimmste verhindern soll. — Heutzutage muß man ein Hillel und kein Schamai sein[37].

O, Schweres, namenlos Schweres hast du mir, Gott, auferlegt! Ich lebe ja in der schwersten Übergangszeit, in der wir jüdischen Frauen ohne alle persönlichen Rechte in den Ehestand getreten sind, in der unsere Männer sich als unsere Herren oder Diener, nie aber als unsere Freunde betrachten. O, totes Papier, fühlst du es nicht, welche Worte ich hier niedergeschrieben habe? Es wird mir schrecklich zumute. Meine Sinne schwinden. Meine Hand versagt ihre Dienste. Ich werfe das Papier weit von mir. Soll ich wünschen, daß es jemandem einmal in die Hände kommt?

So wurde denn in meinem Hause die treifene Küche eingeführt. Für dieses Opfer, das ich den Meinigen brachte, forderte ich die Erfüllung eines Wunsches: Einundfünfzig Wochen im Jahre mußte ich so leben, wie sie es haben wollten, eine Woche, die der Peßachfeiertage, sollte mir gehören. Und niemand sollte mir im Wege stehen, diese Feiertage ganz so zu feiern, wie ich es von Hause aus gewohnt war. Und dabei blieb es.

Ein guter Freund beeilte sich natürlich, meinem Vater von dieser Reform in meinem Hause Mitteilung zu machen. Mein Vater hörte ihn ruhig an, schwieg weise eine Weile und sagte dann. »Wenn meine Pessele es getan hat, so mußte sie es tun.«

Zu diesen religiösen Kämpfen im Hause kam noch der Kampf ums Dasein. Die geschäftlichen Angelegenheiten meines Mannes blieben dauernd unerfreulich. Weder als Bankangestellter, noch als Börsenmakler hatte er Glück. Er fühlte sich niedergeschlagen und müde, denn das schlechte Petersburger Klima übte einen bösen Einfluß auf seine Gesundheit aus. Die Kinder wurden groß. Ihre Erziehung forderte Mittel, die die unseren überstiegen. Unsere materiellen Verhältnisse hielten nicht Schritt mit den Bedürfnissen, die noch durch unseren Verkehr von Tag zu Tag größer wurden. Ich hatte so manche schwere Stunde durchzumachen. Aber ich tat mein Möglichstes, um vor den Kindern und den Fremden unsere materielle Lage zu verbergen. Die Hoffnung auf bessere Zeiten verließ mich nie. Ich arbeitete und arbeitete, daß das Glück, sollte es einmal kommen, keine verelendete Familie vorfände. Diese Hoffnung gewann mit der Zeit in meiner Phantasie Form und Gestalt — ich sah vor unserer Wohnung das Unbestimmte, das Wunderbare, das uns die frohe Nachricht bringen sollte, harren und leise unsere Tür öffnen —

Aber es öffnete sie gar so leise und langsam —

Es bedeutete eine glückliche Wendung für uns, als meinem Manne die Stellung eines Vizedirektors der Kommerzbank in Minsk angeboten wurde. Wir überlegten nicht lange, packten unser Hab und Gut zusammen und siedelten nach Minsk über.

Das war gegen Ende 1871.

Endlich wich die materielle Sorge von uns. In kurzer Zeit erhielt mein Mann die Stelle des Direktors, und von nun an führten wir wieder ein reiches, vornehmes Leben in Minsk.

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