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Meeresfische

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Die größten Haifischarten sind durchaus nicht zugleich auch die gefährlichsten. Vielmehr sind gerade der bis 15 kg lang werdende Riesenhai (Seláche máxima) der Nordmeere und der ihn noch übertreffende Rauhhai (Rhínodon typicus), überhaupt die größte lebende Fischart, verhältnismäßig harmlose Gesellen, die nach Art der Wale von allerlei kleinerem Meeresgetier leben und natürlich einer ungeheuren Menge davon zu ihrer Sättigung bedürfen. Den Walfischjägern helfen sie auch beim Entspecken der erlegten Meeresriesen mit, kümmern sich aber nicht im geringsten um den Matrosen, der etwa bei dieser unangenehmen Arbeit von dem schlüpfrigen Riesenkadaver herab ins Meer sauste. Vielmehr stellen die mittelgroßen Haie die gefürchteten Menschenfresser vor. Als ein solcher gilt mit Recht der noch keine 5 kg lang werdende, sehr schlank gebaute und oberseits schön graublau gefärbte Blauhai (Carchárias gláucus), der auch durch Abfressen der Köderfische und Zerreißen der wertvollen Netze den Fischern im Mittelmeer Verdrießlichkeiten genug macht, deshalb grimmig von ihnen gehaßt und bei jeder sich bietenden Gelegenheit schonungslos verfolgt wird. Aber gerade sein Fang mißglückt oft genug, indem der Fisch das Angeltau durchbeißt oder mit einem gewaltsamen Ruck zerreißt, nachdem er es sich vorher durch Herumwälzen mehrfach um den Leib gewickelt hat. Selbst der an Bord gezogene Blauhai ist durch seine fürchterlichen Schwanzschläge noch ein sehr achtbarer Gegner, und die Matrosen suchen daher auch immer zuerst durch Axthiebe den gefährlichen Schwanz vom Rumpfe zu trennen. Noch furchtbarer ist der stärkere Weißhai (Carchárodon rondeléti), der mit einem einzigen Schnapp seiner schrecklich bezahnten Kiefer einen Menschenleib mitten auseinander zu beißen vermag. Ein solches Ungetüm von 10 kg Länge, 3 kg Körperumfang und 3000 kg Gewicht wurde unlängst an der kalifornischen Küste gefangen; sein gewaltiger Rachen zeigte eine Breite von ¾ kg und eine Spannhöhe von mehr als 1 kg, so daß 2 Kinder bequem auf dem Unterkiefer sitzen konnten, ohne mit den Köpfen den Gaumen zu berühren. Auch die kleinen Haie unserer Meere sind verhältnismäßig recht grimmige Bursche. So schon der nur halbmeterlange Hundshai (Scyllium canícula) und der doppelte Größe erreichende, hübsch gefleckte Katzenhai (Scyllium cátulus), deren rauhe Haut gern zur Bekleidung von Säbel- und Degengriffen benutzt wird, da sie der umschließenden Hand einen festen und sicheren Halt gewährt. Der aufmerksame Strandwanderer findet zur Zeit der Heringszüge öfters die von den Wogen an den Strand geworfenen Kadaver dieser kleinen Haie oder auch ihre merkwürdigen, der Fischerbevölkerung als ”Seemäuse“ bekannten Eier (Abb. 13). Diese wunderlichen Dinger sind gestreckt viereckige Hornkapseln von gelblichbrauner Farbe und an jeder Ecke mit einem langen, gewundenen Anhang versehen, der wie eine verdorrte Weinranke aussieht und zur festen Verankerung des Eis an Meeresgewächsen dient. Durch einen schmalen Spalt an jedem Eiende kann Wasser zu den Kiemen des eingeschlossenen Embryos gelangen, und der Abschluß der Eischale ist auf eine sinnreiche Weise derart eingerichtet, daß der reife Junghai zwar leicht einen Ausweg, kein Feind aber den Zutritt finden kann. Ähnlich sehen auch die Eier der Rochen aus (Abb. 12). Dagegen gehört der etwa gleichgroße Dornhai (Acánthias vulgáris, siehe Abb. 10, Fig. 1) zu den lebend gebärenden Arten und ist zugleich der geselligste aller Haie. In großen Schwärmen folgt er den Heringszügen und richtet als einer der freßgierigsten Räuber gewaltige Verwüstungen unter ihnen an. Seinen Namen führt er deshalb, weil der vorderste Strahl der beiden Rückenflossen zu einem starken Dorn entwickelt ist.

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Abb. 12. Rochen-Ei.

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Abb. 13. Ein Haifisch-Ei (geöffnet).

Merkwürdig ist das Verhältnis der größeren Haie zu dem der Makrelengruppe angehörigen, hübsch gebänderten Lotsenfisch (Naucrátes dúctor). Selten nur sieht man einen Hai ohne diese anhänglichen Begleiter. Nach den Erzählungen der Seeleute sollen die flinken Lotsenfische für den Hai auf Kundschaft ausziehen und ihn dann zu einem erspähten Bissen hinführen, von dem sie auch ihren Anteil erhalten. In Wirklichkeit wird sich die Sache wohl so verhalten, daß sich der Lotsenfisch in der Nähe des großen Räubers, von dessen Tafel ja auch manches für ihn abfallen mag, vor anderen Raubfischen sicher fühlt und selbst zu gewandt ist, als daß ihn sein freßgieriger Freund erhaschen könnte. Also eine auf Einseitigkeit beruhende Symbiose! — Diese Erklärung erscheint um so wahrscheinlicher, als der Lotsenfisch ganz die gleiche Anhänglichkeit auch gegen Schiffe und Wracks bekundet, immer in der Hoffnung, bei diesen besonders reichlich und mühelos Nahrung zu finden.

Während sich mit einem erlegten Hai im allgemeinen nur wenig anfangen läßt, und der aus ihm gewonnene Ertrag in gar keinem Verhältnis zur Mühe und Gefahr der Erbeutung steht, gehört ein anderer Riesenfisch des Meeres, der Stör (Acipénser stúrio), zu den volkswirtschaftlich wichtigsten Arten. An ihm ist fast alles verwendbar. Das wohlschmeckende und nährkräftige Störfleisch wurde schon von den Römern als ein besonderer Leckerbissen gewürdigt, der mit großer Feierlichkeit unter Musikbegleitung auf die Tafel gesetzt zu werden pflegte, und erfreut sich auch bei uns, nachdem man es früher wenig beachtet hatte, steigender Beliebtheit, seitdem dieser edle Fisch durch den schonungslos betriebenen Fang so selten geworden ist, daß das Pfund Störfleisch mit 3 Mark und mehr bezahlt werden muß, also nur noch den wohlhabenden Kreisen zugänglich ist. Mehr als frisches kommt neuerdings geräuchertes Störfleisch aus Rußland in den Handel, und auch dieses hat so vielseitige Eigenschaften, daß ein geschickter Koch es nach Belieben in Schinken, Beefsteak, Lammsbraten oder Geflügel umwandeln kann. In noch höherem Ansehen aber steht der aus dem Rogen des Weibchens gewonnene Kaviar, eine köstliche, aber auch sündenteure Delikatesse, in Güte und Preis nach Gewinnungs- und Zubereitungsart sehr verschieden. Der billige und minderwertige, nur oberflächlich gereinigte und unter starkem Salzzusatz auf Matten an der Sonne getrocknete, dann mit Öl vermengte und mit den Füßen in Holzfässer eingetretene Preßkaviar ist wenigstens in Rußland noch Volksnahrungsmittel; in den von mir besuchten Gegenden am Kaspi vertrat er geradezu die Stelle des Käses. Körniger Kaviar, der in durchwässerten Sieben durch Peitschen mit Ruten sorgfältig von anhaftenden Häutchen und sonstigen Unreinlichkeiten befreit und in langen Trögen schwach durchgesalzen wird, ist bedeutend teurer. Am höchsten stehen diejenigen Sorten im Preise, die nach dem Abkörnen in leinene Säckchen kommen und in diesen in Salzlauge gehängt, dann schwach ausgedrückt und an der Luft getrocknet, nach dem Verpacken in die bekannten kleinen Holzfäßchen aber beständig unter Eis gehalten werden. Ein weiteres wichtiges Nebenerzeugnis der Störfischerei ist der aus der Schwimmblase der Fische gewonnene Leim, der auch beim Stärken der Wäsche und zur Herstellung von Gelees Verwendung findet. Endlich liefert auch noch die die Wirbelsäule vertretende Rückenseite des Störs ein Gericht, das als Wjasiga das Entzücken aller Petersburger und Moskauer Schlemmer bildet und aus dem sich auch eine wundervolle Pastetenfüllung herstellen läßt. Im Meere werden gewöhnlich nur vereinzelte Störe erbeutet, ein Massenfang ist nur im Unterlauf der Ströme möglich, in denen diese Fische zu Beginn der Laichzeit emporsteigen, wobei die Rogner derart mit Eiern vollgepfropft sind, daß sie sich nur mühsam fortzubewegen vermögen, während sonst der Stör zu den flinken Raubfischen zählt. Leider ist seine Abnahme bei uns infolge lange betriebener Überfischerei eine derart rasche, unaufhaltsame und allgemeine, daß man in sehr absehbarer Zeit mit dem völligen Aussterben dieses wertvollen Nutzfisches in unseren Gewässern zu rechnen haben wird, falls die bisher gescheiterten Züchtungsversuche nicht schließlich doch noch zu einem Erfolge führen. So wurden im Weichseldelta 1900 noch 27000 kg Störfleisch erbeutet, 1906 nur noch 9800 und 1908 gar nur mehr wenige 100 kg. Dagegen hat der Fischreichtum der russischen Gewässer (es handelt sich dort zumeist nicht um den eigentlichen Stör, sondern um seinen größeren Vetter, den bis 9 m lang und bis 1500 kg schwer werdenden Hausen [Acipénser húso]) bisher allen Verfolgungen Trotz geboten, wobei aber schwer ins Gewicht fällt, daß gerade der Störfang dort von altersher aufs strengste geregelt ist und mit Maß und Vernunft betrieben wird, besonders erfolgreich auch unter dem Eise der zugefrorenen Wolga. Gerade deshalb aber vermag Rußland allein aus dem Störfleisch einen Gewinn von mindestens 12 Millionen Rubel jährlich zu erzielen, und die Bevölkerung ganzer Landstriche findet durch diesen einzigen Fisch einen guten Lebensunterhalt. Wenn man bedenkt, daß ein erwachsenes Hausenweibchen bis zu 3 Zentner Kaviar liefert, und das Pfund davon schon an Ort und Stelle mit 8 Mark bezahlt wird, so wird man ermessen können, welchen Glücks- und Freudentag der Fang eines solchen Riesenfisches für den armen Fischersmann bedeutet.

Der Stör ist jedoch nicht nur ein wirtschaftlich hochwichtiger Fisch, sondern auch ein naturgeschichtlich besonders interessanter, da er als letzter Rest eine der ältesten und sonst ausgestorbenen Ordnungen aus dem Reich der Fische verkörpert und uns lebende Kunde gibt vom Aussehen und Bau der Wirbeltiere in den Urzeiten der Tierwelt. Sein Körper ist schlank, die unterständige Schnauze gestreckt und vorgezogen, die Kiefer zahnlos, und das Schuppenkleid wird ersetzt durch 5 Längsreihen eigenartiger Knochenschilder, die aussehen wie chinesische Hütchen und bei jungen Stücken schärfer gekantet sind als bei alten. Auch haben die dem Laich schon nach 3 Tagen entschlüpfenden Jungen während ihrer ersten Lebensmonate noch Zähne. Sie streben schon frühzeitig dem Meere wieder zu, aber über das dortige Leben und Treiben der Störe wissen wir eigentlich herzlich wenig.

Ähnliches gilt auch von dem größten und zugleich wehrhaftesten aller Knochenfische, dem sagenumwobenen, in unzähligen Seefahrergeschichten verherrlichten Schwertfisch (Xíphias gládius), dem Todfeinde des Thuns, dessen Wanderscharen er durch seine ungestümen Angriffe öfters auseinandersprengt oder von ihrem Wege abdrängt. Da er überdies auch häufig die wertvollen Riesennetze der Mittelmeerfischer zerreißt, ist er ihnen verhaßt, und sie jagen ihn deshalb, wo sie nur können. Andere betreiben diese Jagd aus rein sportlichen Gründen, weil ihr in hohem Maße der Reiz des Gefährlichen innewohnt. Denn das Schwert, d. h. der degenförmig bis auf 1½ kg verlängerte Oberkiefer des Xiphias ist in der Tat eine furchtbare Waffe, deren Wirkung durch das pfeilschnelle Vorstoßen des großen und kraftvollen Fisches noch wesentlich gesteigert wird. Mit unwiderstehlicher Gewalt rennt er diese Lanze dem Gegner tief in den Leib, oder er gebraucht seine Waffe kleineren Beutefischen gegenüber als Schwert, indem er sie durch seitliche Bewegungen rechts und links niedersäbelt oder mitten durchschneidet und mit diesem blutigen Werke nicht aufhört, bis eine ganze Reihe von Schlachtopfern die Walstatt bedeckt, worauf sich der Raubritter daran macht, sie in aller Ruhe und Behaglichkeit zu verzehren. Ashby konnte einmal an der Stelle, wo ein Schwertfisch vor seinen Augen in einem Heringsschwarm gewütet hatte, noch einen ganzen Scheffel getöteter Heringe aufsammeln. Der Schwertfisch ist sich seiner Wehrhaftigkeit denn auch gar wohl bewußt und scheut keinen Gegner, wagt sich erwiesenermaßen sogar an Wale und Haie und ficht mit ihnen grimmige Kämpfe aus, die zu den großartigsten Schauspielen des Weltmeeres gehören und bei denen unserem Fisch auch seine ungewöhnliche Gewandtheit und Schnelligkeit sehr zustatten kommen. Dem Menschen geht er gewöhnlich scheu aus dem Wege, aber bisweilen scheinen einzelne Schwertfische nach Nashornart von einer wahren Berserkerwut befallen zu werden und rennen dann rücksichtslos alles an, was ihnen begegnet, sei es selbst ein großes Schiff. So erklären sich die gelegentlichen und nicht selten tragisch endenden Angriffe von Schwertfischen auf Badende oder auf bemannte Boote, die er durch und durch zu stoßen, so leck zu machen und zum Sinken zu bringen vermag. Von der furchtbaren Wucht seines Stoßes kann man sich einen Begriff machen, wenn man z. B. im Britischen Museum den Kiel eines Ostindienfahrers betrachtet, durch dessen Metallbeschlag und Holzwerk ein Schwertfisch seine Waffe 55 kg tief hineingetrieben hatte. Ja es ist sogar ein Fall verbürgt, wo ein in einem Boote sitzender Matrose von einem Schwertfisch getötet wurde, indem dieser sich aus dem Wasser emporschnellte und dem Unglücklichen seine Lanze mitten durch den Leib rannte. Aus alledem läßt sich entnehmen, daß die Jagd auf den Schwertfisch, von dem nur die umfangreiche Schwanzmuskulatur als genießbar gilt, ganze Männer verlangt. Sie wird trotzdem von amerikanischen Sportsmen mit wahrer Leidenschaft betrieben, und zwar ausschließlich mit der Harpune, da der Fisch auch die stärksten Netze glatt durchschneidet. Die von sinnloser Angriffslust und wütender Kampflust ruhelos durchs Meer getriebenen Schwertfische sind gewöhnlich ganz alte Stücke. Die Jungen führen das gefährliche Schwert überhaupt noch nicht, sondern dieses bildet sich erst mit zunehmendem Alter ganz allmählich aus.

Den Riesen der Meeresfische seien nun auch gleich noch die Zwerge unter ihnen gegenübergestellt. Will man die Lanzettfischchen schon zu den echten Wirbeltieren rechnen, so muß hier zunächst Asymmetron lucayánum erwähnt werden, der bei den Bahamainseln vorkommt und nur 19 mm mißt, während unser kleinster Süßwasserfisch, der Zwergstichling, immerhin über 50 mm lang wird. Sodann ist nach Krause namentlich das formenreiche Geschlecht der Meergrundeln reich an winzigen, nicht über 25 mm hinauswachsenden Arten. So durchstreift das durchsichtige Seeräuberchen (Latrúnculus perlúcidus) fast unsichtbar die Fluten bei den britischen Inseln und an einigen anderen europäischen Küsten. Dieses Geschöpfchen ist um so merkwürdiger, als es nach den Untersuchungen Colletts wie die meisten Insekten und viele Pflanzen nur ein Jahr lebt und somit das einzige bekannte Beispiel eines einjährigen Wirbeltiers vorstellt. Im August entschlüpfen die Jungen dem im Juni oder Juli abgesetzten Laich, sind schon im Dezember völlig ausgewachsen, bekommen im April die geschlechtlichen Unterscheidungsmerkmale und sterben sofort nach der Laichabgabe im Sommer ausnahmslos ab, so daß man in den Herbstmonaten stets nur junge Seeräuberchen antreffen kann. Die allerkleinste Art ist aber der Luzonfisch (Mistíchthys luzonénsis) von den Philippinen, bei dem die Weibchen durchschnittlich nur 13,5, die Männchen gar nur 10–11 mm lang werden. Auch diese wahrscheinlich lebend gebärenden Tierchen sind im Leben bis auf einige schwarze Flecken fast durchsichtig und werden nach Zeller trotz ihrer Winzigkeit als Speisefische genützt. Sie werden in besonders eng gewobenen Netzen gefangen, mit Pfeffer und anderen Gewürzen zubereitet und natürlich mit Stumpf und Stiel verzehrt, etwa wie bei uns die Stinte, deren übler Geruch ihnen aber abgeht, so daß sich auch die Europäer sehr mit diesem ”Badi“ genannten Gericht befreundet haben. Übrigens hat es auch schon in grauen Urzeiten derart winzige Fische gegeben. So fand man im roten Sandstein Schottlands wohlerhaltene Devonfische (Palaeospóndylus), die auch nur 12–15 mm messen und einen ähnlichen Saugmund besitzen, wie unsere Neunaugen, wobei es freilich einstweilen noch dahingestellt bleiben muß, ob es sich nicht vielleicht um die Larvenformen eines Panzerfisches handelt.

Um nochmals auf die zur Überlistung der Beutetiere und zum Verbergen vor Feinden dienende Farbenanpassung der Fische zurückzukommen, so gibt es außer der auf den Bodenuntergrund bezüglichen vielfach auch eine solche, die sich der umgebenden Pflanzenwelt, also den in langen Bändern wogenden Tangen des Meeres oder den Rohrstrünken und Halmen des Süßwassers anschmiegt. Geradezu verblüffende Beispiele für die erstere Gruppe finden wir namentlich unter den Fischen warmer Meere, so den berühmten Fetzenfisch (Phyllópteryx éques) der australischen Gewässer mit seinen zahlreichen Dornfortsätzen und bandartigen Anhängseln, aber auch schon der bereits in der Nordsee auftretende Seeteufel oder Angler (Lóphius piscatórius, s. Abb. 10, Fig. 5) sieht wahrlich abenteuerlich genug aus. ”Ein sonder scheußlich, heßlich Tier sollen diese Meerkrotten sein“, sagt schon der alte Gesner, der eine im wesentlichen ganz richtige Lebensbeschreibung des Seeteufels gegeben hat, und in der Tat wird man den absonderlichen Burschen, dessen einer platten Keule gleichender Leib fast nur aus dem unflätigen, zahnstarrenden Riesenmaul, dem ungeheuerlichen Dickkopf und dem weiten Magensack zu bestehen scheint, beim besten Willen nicht schön finden können. Zwischen den Krautwäldern der Meeresküste liegt er tückisch verborgen, wobei er sich oft noch mit Hilfe der seehundsartigen Brustflossen in den Sand eingräbt, und läßt unablässig die merkwürdigen angelartigen Fortsätze auf Kopf und Rücken im Wasser spielen, die recht gut Würmer vorzutäuschen vermögen und so hungrige Kleinfische anlocken,[1] denen dann durch einfaches Aufreißen des gewaltigen Rachens ein frühes Grab in dem unersättlichen Magen des Anglers bereitet wird. Das Eingraben hat dieser dabei eigentlich kaum nötig, denn wie Franz bei den Klippen Helgolands beobachtete, ist die sehr wechselnde Färbung seiner Oberseite, die durch zahllose, vielfach gezackte und gelappte Linien in der Art, wie wir sie von den Ammoniten her kennen, ausgezeichnet wird, eine fabelhaft genaue und bis in die kleinsten Einzelheiten gehende Nachahmung all der Farbenwirkungen und mannigfaltigen Abschattierungen von Dunkelolivenbraun und Gelbbraun, die wir bei klarem Wasser in dem von Tangen durchwucherten Klippenmeer sehen. Erhöht wird diese Wirkung noch dadurch, daß Maul und Seiten des Fisches mit kleinen grünbraunen Bartelfortsätzen besetzt sind, die in ihrer lappigen Gestalt täuschend den umgebenden Algen gleichen. Wenn auch der wehrhafte Angler Feinde nur wenig zu fürchten hat, so kommt diese ganze Ausrüstung dem trägen Gesellen doch sehr zustatten beim Überlisten und Fangen seiner Beute, und diese pflegt deshalb bei seinem ständig regen Heißhunger so reichlich auszufallen, daß die Fischer, die den an sich fast ungenießbaren Seeteufel erwischen, ihm wenigstens den Bauch aufschneiden, um sich die von ihm zahlreich verschluckten und oft noch ganz frischen Fische anzueignen.

Wo eine weitgehende Farbenanpassung fehlt, hat die erfinderische Natur durch mannigfache anderweitige Mittel dafür gesorgt, ihre Kinder wenigstens zeitweise den Nachstellungen ihrer Feinde zu entziehen oder ihnen das Erhaschen ihrer Beute zu erleichtern. Hierher gehört z. B. das Schießvermögen mancher Fische, auf der anderen Seite dagegen alle diejenigen Fälle, wo Fische den Räubern des Meeres dadurch ein Schnippchen schlagen, daß sie das feuchte Element für mehr oder minder kurze Zeit verlassen und mit dem Aufenthalte auf festem Erdboden oder in freier Luft vertauschen können, und damit kommen wir auf die viel erörterte Frage der fliegenden Fische. Einen ebenso überraschenden wie fesselnden Eindruck gewährt es, wenn plötzlich zu beiden Seiten des Schiffes Scharen von Flugfischen aus dem Wasser emporschießen, silberglitzernd auseinanderstieben, sich in langem, flachem Bogen über die Wellen schwingen und endlich ermattet wieder in das gewohnte Element zurückfallen, oder wenn man in finsterer Nacht das leise Knistern ihrer Flugflossen hört, das Anprallen einzelner an die Schiffswand merkt und andere klatschend auf das Deck des hochbordigen Schiffes selbst herniederfallen — ihrer Schmackhaftigkeit halber eine hochwillkommene Zugabe für den Küchentopf der Matrosen. Alle Flugfische sind Kinder der wärmeren Meere, einige kommen aber schon im Mittelmeer regelmäßig vor, und deshalb berichten schon die Beobachter aus dem klassischen Altertum eingehend über dieses Naturwunder, und auch später haben die Forscher aller Zeiten und Völker die damit zusammenhängenden wissenschaftlichen Fragen zu lösen und zu lichten versucht, ohne sich doch darüber bis zum heutigen Tage einig geworden zu sein. So herrscht denn auch heute noch keine völlige Klarheit auch nur über die Grundfragen, keine Klarheit darüber, was die Fische eigentlich veranlaßt oder zwingt, das Wasser mit der Luft zu vertauschen, darüber, ob sie während des Fluges die Richtung abändern können oder nicht, darüber, ob sie währenddem flügelartig mit den Flossen schlagen oder diese lediglich als Fall- oder Gleitschirm benutzen, darüber, was sie nachts so hoch emporträgt, daß sie auf das Deck der Schiffe niederfallen können, während sich am Tage ihre Flugbahn stets nur in sehr mäßiger Höhe fortbewegt. Allerdings sind alle solche Beobachtungen bei der Schnelligkeit und Plötzlichkeit der Erscheinung, bei dem ungünstigen Stande des auf dem Schiffe befindlichen Beobachters von oben her und bei der unsicheren Beleuchtung, die das ”Atmen“ der Wellenberge und das glitzernde Silberkleid der Fische mit sich bringt, äußerst schwieriger Art, aber hier wäre ein sehr dankbares Feld für die wissenschaftliche Tätigkeit des Kinematographen, dem die endgültige Lösung dieser viel umstrittenen Frage nicht schwer fallen könnte. Suchen wir aus all den zahllosen, sich oft widersprechenden Berichten und Streitschriften den wesentlichen Kern herauszuschälen, vergleichen wir das so Gewonnene miteinander und wägen es sorgsam gegeneinander ab, so erhalten wir etwa folgendes Bild vom gegenwärtigen Stande unseres Wissens über das Rätsel der Flugfische.

Der Fisch schnellt sich pfeilgeschwind und mit großer Wucht aus dem Wasser empor, und zwar hauptsächlich mit Hilfe des rasche Schraubenbewegungen vollführenden, kräftigen Schwanzes und durch Zusammenpressen der ungemein stark entwickelten Seitenmuskulatur. Es ist also ganz derselbe Vorgang, wie er sich beim wandernden Lachse vollzieht, wenn er ein Wehr überspringen will. Aber der Flugfisch schießt nicht so steil, nahezu senkrecht aus dem Wasser wie der verliebte Salmonide, weil es für ihn ja weniger darauf ankommt, eine möglichst große Höhe zu erreichen, als vielmehr darauf, sich eine möglichst weite Flugbahn zu schaffen. Das Herausspringen vollzieht sich daher in mehr oder minder spitzem Winkel zur Wasserfläche, höchstens in einem solchen von 45°, und in schräger Richtung, in die der Fisch wahrscheinlich schon vorher im Wasser seinen Körper eingestellt hat. Sehr erleichtert wird ihm das Emporschnellen jedenfalls auch noch dadurch, daß er eine ganz ungewöhnlich große Schwimmblase besitzt, die z. B. bei einer 16 cm langen Art 9 kg lang und 2½ kg breit ist, so daß für sie durch ringförmige Ausbuchtungen im Knochengerüst noch besonders Raum geschaffen werden muß, und 44 ccm Luft faßt, also den Fisch sehr leicht macht und ihm demnach wohl mehr als Flug-, denn als Schwimmorgan dient. Das Herausschießen vollzieht sich ohne Rücksicht auf die Bewegung des Windes oder die Richtung der Wellen, obwohl feststeht, daß es bei völliger Windstille und spiegelglatter See überhaupt nie stattfindet, demnach die Unterstützung des Windes an sich zum Flug dieser Geschöpfe unerläßlich erscheint. Wahrscheinlich fördern auch hastige Schläge mit den mächtigen, zu Flugorganen umgewandelten Brustflossen das Emporheben in die Luft, denn wenn man sich in unmittelbarer Nähe befindet, hört man deutlich das raschelnde und knisternde Geräusch der Flossen. Seitz berechnet die Zahl der derart vollführten Flatterschläge auf 10–30 in der Sekunde. Ich selbst habe trotz angestrengtester Aufmerksamkeit und vorzüglichem Krimstecher solche Flügelschläge mit den Flossen, deren Möglichkeit von Moebius und du Bois-Reymond überhaupt geleugnet wird, nie zu erkennen vermocht, gebe aber bei der Schwierigkeit der Beobachtung und der Kurzsichtigkeit meiner Augen gerne die Möglichkeit einer Selbsttäuschung zu. Jedenfalls breitet der Fisch, sobald er erst einmal eine gewisse Höhe erreicht hat, seine Flugflossen wagrecht oder mit einer geringen Neigung nach oben aus und läßt sich nun durch sie passiv vom Luftstrom tragen. Soviel scheint sicher zu sein, daß er während des eigentlichen Fluges, der freilich gar kein echter Flug ist, sondern nur ein fallschirmartiges Schweben und Gleiten, keine Flatterbewegungen vollführt, daß demnach die Erscheinung nicht mit dem Flattern der Fledermäuse, dem Gaukeln der Schmetterlinge oder dem Schwirren der Bienen verglichen werden kann, sondern höchstens mit dem Schweben der Flughörnchen und Flugechsen oder mit dem Aufschwirren der Heuschrecken aus dem Wiesengras. Eigentlich ist es nur ein künstlich verlängerter Sprung. Von einem wirklichen Fliegen, dieser ”Poesie der Bewegung“ kann schon deshalb gar keine Rede sein, weil dazu der Flächeninhalt der Brustflossen trotz ihrer auffallenden Länge zu gering und vor allem die sie bewegende Muskulatur viel zu schwach ist. Denn während das Gewicht der Brustmuskulatur zum Gesamtgewichte des Körpers bei Vögeln sich durchschnittlich wie 1: 6,22 verhält und auch bei Fledermäusen noch wie 1: 13,6, ist dasselbe Verhältnis bei den besten Flugfischen nach den Wägungen von Moebius wie 1: 32,4. Ihre Brustmuskeln müßten also 5,2mal so viel Kraft entwickeln, als die der Vögel oder 2,45mal so viel als die der Fledermäuse, wenn sie den Körper durch Flossenschläge erheben und in der Luft fortführen sollten. Es ist nun aber nicht das geringste bekannt, aus dem auf eine solche ausnahmsweise Steigerung der Muskelkräfte bei Flugfischen geschlossen werden könnte, die im ganzen Wirbeltierreiche einzig dastehen würde. Allerdings scheint mir Moebius bei seinen fleißigen und grundlegenden Untersuchungen die ausgleichende, das Körpergewicht unter Umständen stark erleichternde Wirkung der ungeheuerlichen Schwimmblase der Flugfische nicht genügend in Rechnung gezogen zu haben, da er ja nur mit Spiritusexemplaren arbeitete. Jedenfalls hat er aber darin recht, wenn er auch die Flossenlänge als für eine wirkliche Flugleistung ungenügend erklärt. Die relative Flächengröße der Brustflossen ist zwar nur wenig geringer als die der Vogelflügel, allein ihre relative Länge ist viel kleiner, oft nur halb so groß. Und doch hängt gerade von ihr hauptsächlich das Maß der Flügelarbeit ab, denn der Widerstand der Luft wächst im Hundert der Geschwindigkeit, mit der der Flügel gegen sie schlägt. Da nun die Geschwindigkeit so zunimmt, wie die Entfernung des in Bewegung gesetzten Flügelpunktes vom Schultergelenk, so hebt ein Flügelstück, das doppelt so weit entfernt ist, den Körper mit vierfach größerer Kraft als ein anderes Flügelstück von gleicher Größe in einfacher Entfernung vom Schultergelenk. Mögen daher die Brustflossen der Flugfische als Träger der Körperlast fast ebenso viel leisten wie die Flügel der Vögel, so sind sie doch ihrer Kürze wegen zum wirklichen Fliegen nicht geeignet. Ich möchte dem noch hinzufügen, daß ja auch die eigenartig gewölbte Form des Vogelflügels und seine Fähigkeit zum Verkürzen oder Vergrößern der Fläche während des Fluges den Brustflossen abgeht, was ebenfalls keine geringe Rolle spielen dürfte. Es handelt sich bei den Flugfischen nur um starre Gleitflächen, die ein vorzügliches Schweben, nicht aber ein wechselvolles Fliegen ermöglichen. Läßt sich demnach die Erscheinung auch nicht mit dem herrlichen Flugvermögen der Vögel vergleichen, so steht sie als bloßer Gleit- und Schwebeflug doch entschieden über dem der Flughörnchen und Flugechsen, sowohl was die Länge der Flugbahn, als auch was ihre Schnelligkeit anbelangt, wozu freilich der Umstand das meiste beitragen mag, daß über bewegter See ständig ungleich stärkere Luftströmungen herrschen, als im stillen Blättermeer des Urwaldes. Die Fluggeschwindigkeit beträgt immerhin 7–14 Sekundenmeter, die Flugdauer 10–20 Sekunden und (wenn man die kurzen Unterbrechungen beim Eintauchen in die Wellenkämme nicht mitzählt) selbst bis zu 1 Minute, die zurückgelegte Strecke bis zu 200 kg und mehr, allerdings gewöhnlich nur in einer Höhe von kaum einem Meter über dem Meeresspiegel. Also immerhin ganz ansehnliche Leistungen, die den angestrebten Zweck, nämlich die Flieger dem gierigen Rachen der Raubfische zu entziehen, vollkommen erreichen dürften. Der zurückgelegte Weg stellt keine eigentliche Flugbahn vor, sondern eine parabelähnliche Wurfbahn, deren Form und Länge abhängt von der Größe der Anfangsgeschwindigkeit, von der Körperlast und von der Ausdehnung und Neigung der tragenden Flächen; als Werfer des Körpers dienen, wie schon erwähnt, die stark ausgebildeten Rumpfseitenmuskeln und der kräftige Schwanz, dessen untere Hälfte gerade bei den besten Fliegern sehr bezeichnender Weise weit mehr entwickelt ist als die obere. Anfänglich halten die fliegenden Fische, deren große klare Augen so vorteilhaft von den bleifarbigen anderer abstechen, den Körper fast wagrecht, aber allmählich senkt sich das Schwanzende, die Körperhaltung wird immer schräger und steiler, bis endlich der Schwanz in einen Wellenkamm eintaucht und nun entweder der ganze Fisch wieder in seinem eigentlichen Element verschwindet oder aber sich sofort von neuem abstößt und in gleicher Weise einen zweiten und dritten Flug unternimmt. In solchen Augenblicken helfen auch die Flügelflossen vielleicht nochmals durch Flatterbewegungen beim Aufsteigen mit, und in solchen Augenblicken ist der Fisch auch imstande, die seitherige Flugrichtung willkürlich zu ändern, was ihm in der Flugbahn selbst bei der rein passiven Art seines ”Fliegens“ kaum möglich ist, da er dann als ein mehr oder weniger willenloses Spielzeug der Windströmungen zu gelten hat. Humboldt hat ganz recht, wenn er die Fortbewegung der Flugfische mit der eines flach über das Wasser hingeworfenen Steines vergleicht, der aufschlagend und wieder abprallend meterhoch über dem Wasser einhersaust. Nun stimmen aber alle aufmerksamen Beobachter darin überein, daß die Flugbahn sich nicht in gleichmäßiger Höhe halte, sondern sich mit der Wellenatmung des Meeres abwechselnd hebe und senke, ähnlich wie der Flug der Möwen und anderer Wasservögel. Moebius sucht auch diese Eigentümlichkeit auf rein mechanischem Wege zu erklären und macht dafür die von den Wellen aufsteigenden dynamischen Luftströmungen verantwortlich. Der wagerecht über die Wogen hinstreichende Fisch muß emporgehoben werden, sobald er den höheren Teil der Wellenböschungen erreicht, weil er hier jedesmal dem von diesen aufsteigenden Luftstrom so nahe kommt, daß dessen Wirkung sich merklich geltend machen kann, und zwar übernehmen dabei die Furchen der Brustflossen die Rolle von prächtigen Windfängen. Ihre Form und Lage ist nämlich derart, daß der aufsteigende Luftstrom, wenn er sie füllt, den Fisch höher und zugleich vorwärts schieben muß. Sehr gut hiermit stimmt überein, daß besonders scharfäugige Beobachter gesehen haben wollen, daß die Brustflossen beim Fluge doch nicht ganz ruhig liegen, vielmehr in ständiger zitternder Bewegung sich befinden. Es ist eben die von den Wellen aufsteigende Luft, die diese Zitterbewegung hervorruft. In ähnlicher Weise erklärt sich auch das Niederfallen von Flugfischen zur Nachtzeit auf dem Schiffsdeck, während sie doch bei Tage stets wesentlich niedriger fliegen. Aber sie sehen dann eben das Schiff und nehmen ihre Flugrichtung von ihm weg und nicht zu ihm hin. Anders bei Nacht, wo sie in der Finsternis blindlings aus dem Wasser herausfahren und dann von der Windströmung leicht gegen die Schiffswände getragen werden können. Hier aber weht, wovon man sich experimentell leicht überzeugen kann, der anprallende Wind lebhaft nach oben, und in dem Augenblicke, wo die Flossen in diesen aufsteigenden Luftstrom eintreten, fährt er in ihre Windfänge und führt den Fisch aufwärts und dann im Bogen über die Schanzbekleidung hinüber; währenddem hat die eigene Schwere des Fisches seine Schwebegeschwindigkeit bedeutend vermindert, auf dem Schiffe fährt ihm nichts mehr hebend unter die Flossen, und so stürzt er denn unbehilflich und schwerfällig auf das Verdeck nieder, denn — wirklich fliegen kann er ja gar nicht. Seeleute werden sich freilich durch diese einfache und einleuchtende Erklärung nicht irre machen lassen in ihrer alteingewurzelten Überzeugung, daß das helle Licht der Schiffe es sei, das in dunkler Nacht die Flugfische unwiderstehlich anziehe und ins Verderben locke. Im Einklang mit alledem steht es endlich auch, daß in die Höhe geworfene oder aus der Höhe fallen gelassene Flugfische nicht den geringsten Versuch zum Fliegen machen, sondern zu Boden fallen wie jeder andere Fisch.

Der Umstand, daß Flugfische nur in den warmen Meeren vorkommen, muß zu der Vermutung führen, daß die dortigen klimatischen Verhältnisse die Ausbildung des Flugvermögens irgendwie besonders zu begünstigen vermochten, und vielleicht haben wir wenigstens einen dieser Faktoren in der Gleichmäßigkeit zwischen Luft- und Wasserwärme zu suchen, durch welche auch bei empfindlichen Geschöpfen der plötzliche Übergang von einem Medium ins andere wesentlich erleichtert wurde. Die Frage nach den äußeren Gründen und treibenden Ursachen, die zur allmählichen Ausbildung des Flugvermögens bei Fischen geführt haben, ist von den Forschern sehr verschieden beantwortet worden. Manche meinen, daß dadurch nur überschäumender Freude am Dasein Ausdruck gegeben werden solle, daß es sich also nur um eine Art Spiel handle, andere glauben, daß das zeitweise Bedürfnis nach sauerstoffreicherer Atemluft die Fische zu den Ausflügen in ein fremdes Element veranlasse. Ich möchte es aber doch mit denen halten, die in dem Auffliegen nichts als eine Flucht vor größeren Raubfischen erblicken, denn das ganze Benehmen der Tiere spricht zu deutlich und zu unverkennbar für diese Auffassung, und das ganze Leben der Fische ist ja ein ewiger Krieg, ein unablässiges Würgen und Gewürgtwerden. Dann aber ist das plötzliche Verschwinden in einer anderen Welt, in die der Gegner nicht zu folgen vermag, sicherlich ein prächtiges, in seiner naiven Einfachheit schier verblüffendes Ausfluchtsmittel, und nachdem die Natur einmal darauf verfallen war, leuchtet es ein, daß unter dem Einflusse der natürlichen Zuchtwahl das Flugvermögen rasch bis zu einem gewissen notwendigen Grade sich entwickeln mußte. Wenn die Fische dabei manchmal aus dem Regen in die Traufe geraten, indem nun Scharen von Möwen, Albatrossen, Fregattvögeln und anderen beschwingten Fischfressern in der Luft sich über sie hermachen, so ist dies doch noch lange kein Gegenbeweis, denn einmal ist die zunächst gegenwärtige Not doch immer die größte und ausschlaggebende, und sodann sind derartige Fälle doch nicht allzu häufig, indem die fischfressenden Vögel im allgemeinen mehr in der Nähe der Küsten sich aufhalten, die Flugfische dagegen meistens in freier See sich tummeln.

Bei Beurteilung all der angeregten Fragen müssen wir uns immer vor Augen halten, daß es nicht nur eine Art von Flugfischen gibt, sondern ihrer vier Dutzende, daß jede davon wieder ihre besonderen Eigentümlichkeiten hat und daß insbesondere das Flugvermögen verschieden entwickelt sein wird, so daß sich hier unmöglich alles über einen Leisten schlagen läßt. Als die besten Flieger dürfen wohl die zur Gruppe der Makrelenhechte gehörigen Hochflieger mit den ungleich entwickelten Schwanzlappen gelten, und unter ihnen leistet wiederum der Schwalbenfisch (Exocoétus vólitans) das Höchste, was der streng für das Wasserleben zugeschnittene Fischtypus überhaupt zu leisten vermag. Die zierliche, schlank-rassige Gestalt, die zartblaue Färbung der Oberseite, die ausdrucksvollen Augen und die großen durchsichtigen Flügelflossen machen diese Art zu einem sehr schönen Fisch. Während er mehr der südlichen Tropenzone eigen ist, wird er in der nördlichen durch den etwas größeren Springfisch oder fliegenden Hering (Exocoétus exsíliens) vertreten, der sich durch eine über die Brustflossen verlaufende braune Binde auszeichnet. Im Mittelmeer sind namentlich der Flughahn (Dactylópterus vólitans) und die Meerschwalbe (Trígla lucérna) häufig. Der in den indischen Gewässern heimische fliegende Stachelbarsch oder Flugdrache (Ptérois vólitans), der steif wie ein Papierdrachen über die Wogen gleitet, zählt selbst zu den gefährlichsten Räubern, denn er zerfleischt Fische, die ihn an Größe um das zwanzigfache übertreffen. Doch nicht nur fliegende Fische gibt es im Ozean, sondern auch hüpfende und tanzende lehrt er uns kennen. Schon ehe man die Tropenzone erreicht, sieht man nicht selten halbmeterlange Fische von ziemlich hohem, aber schmalem Körperbau senkrecht aus dem Wasser herausspringen, in der Luft sich überschlagen und mit dem Kopfe voran wieder ins Meer zurückfallen. Es ist dies die allen Seefahrern wohlbekannte Bonite (Scomber pelamys), ein Mitglied der Thunfischgruppe, silberglänzend von Farbe mit schwarzgrauen Rückenstreifen und Flossen. Ihre Bewegungsart überrascht nicht minder als der Flug der Schwalbenfische, weil das Aufsteigen aus dem Meere ebenso senkrecht erfolgt wie das Herabfallen, weil das kobolzartige Umdrehen in der Luft auch dem oberflächlichsten Beobachter auffällt und weil sie fast genau auf derselben Stelle wieder ins Meer taucht, von wo sie aufgestiegen war. Den Grund für diese absonderlichen Turnübungen weiß man nicht recht anzugeben, vermutet aber, daß es sich bloß um eine Art Belustigung für den Fisch handelt, daß lediglich spielerischer Übermut ihn aus dem Wasser heraustreibt, zumal das Tanzen der Boniten nur bei schönem Wetter, ruhiger See und heiterem Himmel beobachtet wird.

Als ein Beispiel derjenigen Fische, die den Aufenthalt im Wasser zeitweise mit dem auf dem Erdboden vertauschen, sei hier der schleimig aussehende Schlammspringer (Periophthálmus koelreúteri) genannt, ein unansehnliches, nur 15 kg langes, aber in mehr als einer Hinsicht höchst merkwürdiges Geschöpfchen. Nicht nur für Sekunden oder Minuten, sondern für lange Stunden vermag er das feuchte Element zu verlassen, und er tut es weniger aus Furcht vor Feinden, als vielmehr in der Absicht, selbst Beute zu machen und auf dem Festlande nach Kerfen und Schnecken zu jagen. Ermöglicht wird ihm das durch die außerordentlich enge Beschaffenheit seiner Kiemenspalten, die die Verdunstung des in den Kiemenhöhlen befindlichen Wassers lange hintanhält. Schon rein äußerlich hat das an den tropischen Küsten Afrikas und namentlich im Brackwasser der Mangrovenwaldungen lebende Tierchen mancherlei Absonderlichkeiten aufzuweisen. Seine drolligen Froschaugen stehen nämlich dicht beieinander oben auf dem Kopfe und können in wunderlicher Weise etwas herausgeschoben oder zurückgezogen werden, sind überhaupt sehr beweglich und sogar mit Lidern versehen. Die weit nach vorn gerückten Bauchflossen sind miteinander verwachsen und zeigen ein starkes Haftvermögen, die Brustflossen sind mit kräftigen Muskelstielen ausgerüstet und können so am Lande als Beine dienen. Oder der ausruhende Schlammspringer stützt sich auf sie wie ein Seehund, und wenn er dann mit seinen roten Glotzaugen gierig nach den im Wurzelwerk der Mangroven herumlaufenden Fliegen späht, sieht er aus wie ein alter Mann, der sich am Wirtshaustisch auf beiden Ellbogen lümmelt und sehnsüchtig dem bestellten Getränk entgegenblickt. Vorsichtig wie eine Katze schleicht dann der Fisch seinem auserkorenen Opfer Schrittchen für Schrittchen näher, — ein mächtiger Satz, und das Kerbtier ist von dem breiten Maule erfaßt. Nicht selten springt bei solchen Jagden das Tier auch selbst dünne Mangrovenwurzeln an und klettert geschickt meterhoch an ihnen empor, indem es sie mit den Fußflossen umklammert und sich mit dem Schwanze nachschiebt. Gewöhnlich bewegen sich die Tiere auf dem Schlamme in froschartigen Sprüngen ziemlich langsam und schwerfällig fort, wobei sie eine sehr bezeichnende Fährte hinterlassen, aber bei nahender Gefahr rennen sie fast so schnell wie Eidechsen davon und flüchten entweder ins nahe Wasser oder vergraben sich mit verblüffender Geschwindigkeit im Schlamme. Sie sind scharfsinnig, aufmerksam und scheu, und es ist deshalb gar nicht so leicht, einen unversehrten Schlammspringer zu erhaschen, obwohl sie an geeigneten Örtlichkeiten massenhaft herumwimmeln. Trotzdem gelangen sie neuerdings öfters lebend nach Deutschland und in die Hände unserer Liebhaber, halten sich bei geeigneter Pflege in einem größeren Aquaterrarium vortrefflich und geben hier reichlich Gelegenheit zu den anziehendsten und dankbarsten Beobachtungen. Wer jemals auch nur eine Stunde lang ihrem unterhaltenden, munteren Tun und Treiben zugeschaut hat, der wird zu der Überzeugung gelangt sein, hier ein Tier vor sich zu haben, das biologisch weit mehr Amphibium ist, denn Fisch. Besonders merkwürdige Beziehungen zwischen den Schlammhüpfern und gewissen Nacktschnecken (Onchidien) hat Semper aufgedeckt. Diese Onchidien sind nämlich entsetzlich langsame Geschöpfe, die ihren Feinden rettungslos verfallen wären, wenn sie nicht außer ihren gewöhnlichen, zum Aufsuchen der Nahrung dienenden Kopfaugen noch eine ganze Anzahl (wohl an 100) anderer Augen auf dem Rücken besäßen, die auffallenderweise und im Gegensätze zu den Kopfaugen ziemlich genau nach dem Typus des Wirbeltierauges gebaut sind. Keine andere Schneckengattung kann sich solcher Rückenaugen rühmen. Semper glaubt nun, daß sich die Schnecke, indem sie mit ihren Rückenaugen die heranhüpfenden Schlammspringer rechtzeitig wahrnimmt, oft noch sichern kann, freilich nicht durch die Flucht, sondern dadurch, daß sie den Körper rasch zusammenzieht und aus gewissen Drüsen, mit denen ihr ganzer Rücken besät erscheint, in Form unzähliger kleiner Kügelchen ein Sekret herausschleudert, das auf die Fischhaut eine unangenehme Wirkung auszuüben scheint, denn der von diesem Sprühregen getroffene Angreifer entfleucht alsbald, und die Schnecke ist gerettet. Jedenfalls ist es sehr auffällig, daß solche Nacktschnecken mit Rückenaugen nur da zu finden sind, wo auch Schlammspringer vorkommen, und daß da, wo diese fehlen, die Onchidien-Arten auch keine Rückenaugen haben. Nicht alle Schlammspringer scheinen in der geschilderten Weise zu leben. Wenigstens fand Hickson am Strande von Celebes eine Art, die den Schwanz immer ins Wasser getaucht hielt, auch wenn sich der Körper außerhalb desselben befand. Haddon untersuchte die Sache später näher und stieß auf die merkwürdige Tatsache, daß dieser Fisch mit seiner entsprechend eingerichteten Schwanzflosse zu atmen vermag, ja so sehr darauf angewiesen ist, daß er mit der regelrechten Kiemenatmung gar nicht mehr auskommen kann. Schon mit einer guten Lupe läßt sich ein überaus lebhafter Blutumlauf in dieser sonderbarsten aller Schwanzflossen erkennen. Also ein erster Ansatz zu der amphibischen Lebensweise, die dann bei den afrikanischen Formen zu ungleich größerer Vollkommenheit gediehen ist.

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Abb. 14. Schützenfisch (Toxotes jaculator).

Wohl kein Fisch erlangt aber seine Beute auf eine so merkwürdige Weise wie der Schützenfisch (Toxótes jaculátor, Abb. 14) und der Spritzfisch (Chaétodon rostrátus), jener an den Küsten und in den Flüssen Hinterindiens, dieser an denen Javas zu Hause. Wo das Ufer üppigen Pflanzenwuchs aufweist und einzelne Zweige über das Wasser herüberhangen, da nähern sich ihm diese hübschen Fischchen in kleinen Trupps und spähen mit großen, lebhaften Augen begehrlich nach den Fliegen aus, die im Gezweige sitzen. Dann nehmen sie eine bestimmte genau aufs Korn und spritzen plötzlich aus ihrem Maule einen kleinen Wasserstrahl nach ihr, und zwar bis meterhoch und mit so unübertrefflicher Sicherheit, daß das Kerbtier fast regelmäßig getroffen wird, herabfällt und nun schleunigst verzehrt wird. Ging aber der Schuß daneben, so schwimmt der Fisch einigemale aufgeregt und verärgert im Kreise herum, wählt sich einen günstigeren Standpunkt aus und versucht dann sein Weidmannsheil von neuem. Merkwürdigerweise ist der Schießmechanismus dieser Wasserflinten wissenschaftlich noch gar nicht näher untersucht, und man weiß eigentlich nur, daß im Augenblicke des Schießens der Unterkiefer plötzlich vorgestreckt wird, und daß beim Spritzfisch das Maul überhaupt zu einer dünnen Röhre verlängert ist. Es ist dies um so verwunderlicher, als die interessanten Fische nicht nur neuerdings ihren Einzug in die Aquarien unserer Liebhaber gehalten haben, sondern auch schon von altersher in ihrer Heimat vielfach zu Hausgenossen des Menschen gemacht wurden, indem man sich daran ergötzte, ihnen Stäbe mit eingeklemmten Fliegen ins Wasser zu stellen, um die Geschicklichkeit zu bewundern, mit der sie alsbald die Kerfe herabschossen. Beim Spritzfisch, der viel seltener in die Flüsse kommt, wird die Fliegenjagd wohl nur einen Nebenerwerb bilden, denn die schnabelartige Verlängerung seiner Kiefer, die in so sonderbarem Gegensatze steht zu der fast kreisförmigen Gestalt seines Körpers und zu der scharf abgeschnürten Schwanzflosse, weist deutlich darauf hin, daß seine Hauptnahrung in kleinen Schaltieren besteht, die er eben mit diesem Schnabel selbst aus engen und tiefen Höhlungen herauszuholen versteht, wobei ihn seine borstenartige Zahnbildung noch wesentlich unterstützt, denn der einmal erfaßten Beute ist ein Entrinnen nicht mehr möglich.

Beide Arten gehören zu der formenreichen und farbenprächtigen Gruppe der auf die tropischen Meere beschränkten Schuppenflosser, die ihren Namen davon haben, daß das Schuppenkleid bei ihnen auch auf das reich entwickelte Flossenwerk übergreift, namentlich auf Rücken- und Afterflosse, und so den sonst im Fischreiche so scharf ausgeprägten Unterschied zwischen Flossen und Rumpf mehr oder minder verwischt. Es sind durchgängig kleine Fischchen, die zumeist zwischen den Korallenbänken ihr lustiges Wesen treiben und die Korallenstämmchen scharenweise förmlich abweiden, sei es, daß sie die herausschauenden Korallenpolypen selbst verzehren, sei es die ihnen anhaftende Kleinlebewelt oder die auf ihnen wuchernden Algen. Ihnen allen gemeinsam ist ein hoch gebauter, aber seitlich stark zusammengepreßter Rumpf von nahezu Sphäroidform, aus der auch die kleine, sehr bewegliche Schnauze und die kurze, scharf abgesetzte Schwanzflosse kaum heraustreten, während die üppig ausgestalteten anderen Flossen sich ihr sogar unverkennbar anschmiegen. Ist schon der Spritzfisch mit seinen 5 Querbinden und dem netten Pfauenaugenfleck auf der Afterflosse ein sehr hübscher Fisch, so übertreffen seine Verwandten an Metallglanz, Farbenpracht und Eigenart der Zeichnung doch alles, was wir aus dem Reich der Fische kennen. Sie sind die Kolibris des Meeres und schwirren wie diese gaukelnd und farbenschimmernd von Blume zu Blume, sie sind die Paradiesvögel der Korallenwaldungen und verhalten sich als solche lange still, um dann plötzlich ihre Farbenpracht in den wundervollsten Gold- und Silberreflexen aufblitzen, in den lieblichsten Schattierungen aufleuchten und in den kühnsten Zeichnungen auffunkeln zu lassen, sie sammeln alle Farben des Regenbogens, alle Lichter des Prismas und alle Schönheit der kostbarsten Edelsteine in den kristallklaren Fluten Neptuns, bieten dem entzückten Auge immer neue, immer überraschendere und immer glänzendere Farbenzusammenstellungen, zeigen sich stets und überall als eine wahre Farbenorgie der schaffenden Natur im bunten Korallengarten des tropischen Meeres. Keine Feder vermag diese Schönheit zu beschreiben, kein Pinsel sie auch nur annähernd wiederzugeben, und wo ein gottbegnadeter Künstler es doch versucht hat, wird der Laie und überhaupt jeder, der nicht selbst einen Blick in die Herrlichkeit der Tropen werfen durfte, rasch mit dem Urteil fertig sein, daß das doch tolle Übertreibung, daß dergleichen in Wirklichkeit gar nicht möglich sei, daß solch ebenso raffinierte wie unvermittelte Zusammenstellungen von Rosenrot, Himmelblau, Sammetschwarz, Schwefelgelb, Grasgrün und Purpurleuchten auf dem reinsten Gold- oder Silbergrunde doch gar nicht vorkommen könnten, am allerwenigsten in Form so künstlerisch ausgeklügelter Flecken, Bänder, Streifen, Ringe und Augen. Es sind eben die reinsten und glänzendsten Farben, die die Natur überhaupt hervorgebracht hat, und ihre Wirkung wird noch stark erhöht durch die bewunderungswürdige Art und Weise ihrer Verteilung. Die glänzendsten Vögel, die buntesten Schmetterlinge, die schimmerndsten Echsen vermögen damit nicht zu wetteifern. Dazu kommt noch die oft höchst abenteuerliche Entwicklung des Flossenwerkes, das nicht selten in der ungewöhnlichsten Weise verlängert und verzerrt ist, seltsam geformte Stacheln, lang nachschleppende Peitschenschnüre oder aufleuchtende Schwefelfäden aufweist. Es könnte bei all dieser Buntheit in Form und Farbe höchst gewagt erscheinen, auch bei den Schuppenflossern noch von einer Art Schutzkleid sprechen zu wollen, und doch hat man dazu volle Berechtigung. Das Leben im Korallenwalde ist ja an sich schon so bunt, daß einfach gefärbte Geschöpfe darin fast mehr auffallen würden, als lebhaft gezeichnete. Aber der Schutz soll hier auch gar nicht durch eine Anschmiegung an die Farben der Umgebung erreicht werden, sondern vielmehr dadurch, daß unvermittelt nebeneinander gestellte Bänder oder geometrische Figuren in den lebhaftesten Kontrastfarben die natürlichen Körperumrisse gewissermaßen auflösen, die Form des tierischen Leibes für das Auge verschwinden lassen. Der Naturforscher bezeichnet diese absonderliche, aber oft sehr wirksame Art der Schutzfärbung als Somatolyse und kennt sie z. B. auch aus der Vogelwelt her von den Spechten und von den schönen Hochzeitskleidern gewisser Entenmännchen. Heuglin erzählt uns, daß man zwischen den Korallenriffen zunächst meist nichts sehe als ein mattes Schimmern und ein ungewisses Farbenflimmern, bis es dann plötzlich wie sprühende Funken auseinanderstiebt. Die anmutigen Bewegungen der Flossenschupper im Korallenwalde vergleicht er mit denen der lieblichen Laubsänger im grünen Blättermeere des Buchendoms. Viele Schuppenflosser sind durch ein dunkles Band über Stirn und Augen ausgezeichnet, so der Fahnenfisch (Chaétodon sétifer) des Roten Meeres mit bedeutend verlängertem fünftem Strahl der Rückenflosse und herrlichem Pfauenaugenfleck auf ihr, der Korallenfisch (Ch. flávus) des Indischen Ozeans, tiefgelb mit braunschwarzem Streifen, und der prachtvolle Kaiserfisch (Ch. imperátor) des Stillen Ozeans, der aus veilchenblauem Leibe gelbe, bogige Längsstreifen aufweist und über der Brustflosse einen sammetschwarzen, schwefelfarb umrandeten Flecken. Um noch einige der bekanntesten Arten anzuführen, seien weiter kurz genannt: der Klippfisch (Ch. vitáttus) der ostafrikanischen Gewässer, zitronengelb mit schwarzer Streifung, der Geißler (Ch. macrolepidótus) mit zwei mächtigen Querbinden und langer Peitschenschnur an der Rückenflosse, der Herzogsfisch (Ch. diacánthus) mit azurblauer Zeichnung auf gelbem, Ch. semicirculátus mit silberweißer auf dunkelblauem und Ch. lamárcki mit glühend roter auf hellblauem Leibe. Der Korallenfisch (Scatophágus árgus) erscheint über und über fein getüpfelt (Abb. 15).

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Abb. 15. Korallenfisch (Scatophagus argus). (Phot. von Oberl. W. Köhler, Tegel.)

Wenigstens eine annähernde Vorstellung dessen, was die Natur an Farbenpracht in der Welt der Fische zu leisten vermag, kann uns auch ein Bewohner des Mittelmeeres geben, nämlich die Seebarbe (Múllus barbátus). Unbeschreiblich schön ist sie mit ihrem leuchtenden Leibe und den prunkvollen Goldstreifen schon im Leben, schöner noch im Sterben. ”Nichts Schöneres“, ruft selbst der ernste Seneca aus, ”als eine sterbende Seebarbe! Sie wehrt sich gegen den nahenden Tod, und diese Anstrengungen verbreiten über ihren Leib das glänzendste Purpurrot, das später in eine allgemeine Blässe übergeht, während des Sterbens die wunderherrlichsten Schattierungen durchlaufend.“ Die schwelgerischen Römer der Kaiserzeit verzehrten denn auch die von ihnen höher als alle anderen Fische geschätzten Seebarben nie, ohne sich vorher an dem wechselvollen Farbenspiel ihres Todes zu ergötzen. Man legte eigene Wasserleitungen von den Fischteichen bis zu den Lagerpolstern der Gäste, damit diese die herrlichen Fische erst lebend bewundern konnten, worauf die rotgoldenen Barben in den weißen Händen schöner Frauen ihr Leben aushauchen mußten, um dann schleunigst zu sofortiger Zubereitung in die Küche zu wandern. Wenigstens darin lag Sinn, denn kaum ein anderer Fisch steht nach dem Tode so schnell und gründlich ab, wie die feinschuppige Seebarbe. Obwohl sie kaum 2 kg Gewicht erreicht, sind damals doch geradezu wahnsinnige Summen für diesen nach Ansicht der Römer köstlichsten aller Fische bezahlt worden, bis zu 5000, ja selbst 8000 Sesterzen für das Stück. Auch heute noch bildet die Seebarbe ein beliebtes und gern gekauftes Schaustück der italienischen und gelegentlich auch der westenglischen Fischmärkte, und ihr zartes Fleisch soll in der Tat vortrefflich munden. Wer aber weiß, daß diese Barben sich von den ekelsten Abfallstoffen des Meeres ernähren und mit Vorliebe die Leichen der Schiffbrüchigen benagen, wird wenig Appetit darauf verspüren. Die durch eine auffallend hohe Stirn und zwei Bartfäden an der Unterlippe ausgezeichnete, im übrigen schlank und regelrecht gebaute Seebarbe hält sich gewöhnlich auf schlammigem Meeresgrunde auf, den sie mit ihrer stumpfen Schnauze auf der Suche nach etwas Genießbarem nach Schweineart gehörig durchwühlt und dadurch oft weithin das Wasser trübt. Ein hervorragend schöner Bewohner des Atlantik, der sich gelegentlich bis in unsere Gewässer verstreicht, ist der nur 1 kg schwer werdende und ebenfalls ein ziemlich schmackhaftes Fleisch liefernde Lippfisch (Lábrus míxtus), das Weibchen am ganzen Körper prachtvoll zinnoberrot mit wenigen himmelblauen Zeichnungen, das Männchen oberseits herrlich dunkelblau. Zur Laichzeit wird dieses wundervolle Gewand noch leuchtender und glühender, ist aber wie bei unserem Stichling augenblicklichem Wechsel und Farbenverschiebungen unterworfen, die von der jeweiligen Gemütsstimmung des Tieres abhängig zu sein scheinen. Liebeswerben verschönt, Eifersucht verhäßlicht ihn. Jenes übergießt seinen Leib mit schimmernden Tinten, dieses mit mißtönigem Grau. Der Fisch ist nämlich ebenso eifersüchtig, rauflustig und kampfwütig wie unser Stechbüttel und soll auch gleich diesem eine Art Brutpflege ausüben. Eine andere Lippfischart, L. maculátus, ist am ganzen Körper prächtig smaragdgrün, wozu eine blaßgelbe Zeichnung kommt. Ihren Namen haben die sich durch Munterkeit und Anmut auszeichnenden Lippfische von ihren sehr beweglichen Wulstlippen, mit denen sie Muscheln von den Meerespflanzen ablesen.

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Abb. 16. Kugelfisch (Tetrodon fahaka).

Ein weiteres, in seiner Eigenart höchst wirksames Verteidigungsmittel lernen wir bei dem sonderbaren Igelfisch (Díodon maculátus) kennen. Er hat einen kräftigen Papageischnabel, dessen Kinnladen mit einer elfenbeinartigen, sich je nach der Abnutzung immer wieder ersetzenden Masse überzogen sind, eine sehr große Schwimmblase, gedrungene Gestalt und den ganzen Körper mit spitzen Dornen und Stacheln besetzt. Gerät er in Gefahr, so zieht er hastig Luft ein, füllt damit den ungeheuren, dünngewebigen, die ganze Bauchhöhle einnehmenden Kropf an, während eine den Schlund umgebende Muskelschicht das Entweichen der eingepumpten Luft verhindert, bläst sie so zu einer vollkommenen Kugel auf und wirft sich gleichzeitig auf den Rücken, so daß die Bauchseite an der Wasseroberfläche schwimmt. Dabei gebärdet sich der kleine Kerl wie ein zorniger Truthahn, schwimmt immer im Kreise herum, richtet seine Stacheln drohend auf und ist in diesem Zustande in der Tat fast völlig geschützt gegen jeden Raubfisch. Wo immer dieser zubeißen will, trifft er auf die ihm entgleitende, unverschlingbare Kugel und verletzt sich an den spitzen Stacheln die Lippen, bis er endlich von allen weiteren Versuchen abläßt und davonschwimmt, worauf der Igelfisch unter vernehmlichem Geräusch die eingepumpte Luft wieder ausströmen läßt, seine gewöhnliche Gestalt annimmt und damit auch den Gebrauch seiner Flossen wieder erlangt. Plehn führt einen Fall an, daß ein von einem Hai verschluckter Igelfisch sich durch dessen Magen- und Leibeswand hindurchbiß und unbeschädigt ins Freie gelangte, während der Räuber an den furchtbaren Verletzungen zugrunde ging. Das geschilderte Gaukelspiel ist nämlich durchaus nicht das einzige Verteidigungsmittel des tapferen Igelfisches; er vermag vielmehr auch noch recht empfindlich zu beißen, Wasser von sich zu spritzen, sich plötzlich schlaff zu machen und zu versenken und auch eine tief karminrote Absonderung von sich zu geben, über deren Natur und Wirkung wir allerdings noch völlig im Unklaren sind. Dasselbe Kunststück wie der Igelfisch bekommen auch die Kugelfische (Tétrodon) fertig, deren eine Art, der Fahak (T. fáhaka), vom Mittelmeer aus in den Nil und seine Kanäle aufzusteigen pflegt (Abb. 16). Obwohl dieses Tier nicht mit einem Stachelpanzer prunken kann, trotzt es in der aufgeblasenen Kugelform doch gleichfalls allen Feinden, denn die Zähne der Raubfische gleiten an dieser glatten Schweinsblase ab, und die Vögel werden sie von oben her eher für eine zusammengewehte Schaumblase als für ein eßbares Lebewesen halten. Nimmt man einen solchen Fisch aus dem Wasser und legt ihn auf die Handfläche, so bemüht er sich ängstlich, immer noch mehr Luft einzupumpen, und tut dabei mitunter des Guten zuviel, so daß er schließlich mit lautem Knall zerplatzt. Die Araberkinder spielen mit diesen merkwürdigen Fischen wie die unsrigen mit den Maikäfern und benutzen die aufgeblasenen und ausgetrockneten Tiere als Bälle oder taten dies doch früher, denn heute werden die Kugelfische als Reiseerinnerung von den Orientfahrern zu gern gekauft und zu hoch bezahlt, als daß sie noch der Schar kleiner, braunhäutiger und schönäugiger Rangen zum Spielzeug dienen könnten. Mit den Igel- und Kugelfischen verwandt ist noch ein anderer höchst sonderbarer Geselle, der plumpe Klump- oder Mondfisch (Móla móla), der sie allerdings an Größe um das Vielfache übertrifft, da er eine Länge von 2½ kg und ein Gewicht von mehr als 300 kg erreicht. Das ungeschlachte Ungetüm sieht mit seiner eines richtigen Abschlusses entbehrenden Hinterfront fast aus, als wäre es nur der abgeschnittene Kopf eines noch riesigeren Seeungeheuers. Ein großer Geistesheld kann der schwerfällige, dunkel olivgrün gefärbte Fisch unmöglich sein, denn seine Hirnmasse beträgt nur 1⁄7000 des Körpergewichts und sein Rückenmark stellt nur ein kurzes, kegelförmiges Anhängsel zu diesem Zwerghirn vor. Das rauhhäutige, aber schuppenlose Geschöpf scheint zwar eine weite Verbreitung zu haben, aber doch überall nur selten vorzukommen. Am ehesten trifft man es noch an sonnigen Tagen in seitlicher Schlafstellung auf der Oberfläche des Meeres treibend an. Seiner geringen Beweglichkeit entspricht die Auswahl seiner Nahrung: Meerespflanzen und allerlei niederes Meeresgetier mit geringer Eigenbewegung. So unheimlich dieser schwimmende Kopf also auch aussieht, so harmlos ist er doch, und die Fischer kümmern sich auch nicht viel um ihn, da das Klumpfischfleisch beim Kochen zu einer leimigen Kleistermasse zerfällt und sich deshalb mehr als Klebemittel, denn als Speise eignet. Den Namen Mondfisch haben sie dem Tiere gegeben, weil es ihrer Behauptung nach bei Nacht einen sanften Mondesglanz ausstrahlen soll. Wahrscheinlich handelt es sich dabei lediglich um anhaftende Leuchtbakterien, wie der Klumpfisch überhaupt in besonders hohem Maße von Parasiten bevölkert wird, denn die anatomische Zergliederung vermochte das Vorhandensein besonderer Leuchtapparate bisher noch nicht nachzuweisen. Wenn Mondfische aus dem Wasser genommen werden, so lassen sie einen eigentümlich stöhnenden Ton hören, von dem man aber noch nicht weiß, wie er zustande gebracht wird.

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Abb. 17. Knurrhahn (Trigla hirundo). (Phot. von Oberl. W. Köhler, Tegel.)

Das bringt uns auf die Lautäußerungen der Fische. Um eine gute Stufe höher als die unbestimmten und jedenfalls unfreiwilligen Töne des Mondfisches stehen die Lautäußerungen des in der Nord- und Ostsee lebenden Knurrhahns (Trígla hirúndo), die auch freiwillig im Wasser zum besten gegeben werden (Abb. 17). Unsere Fischer behaupten sogar, daß bei schwülem Wetter und namentlich vor dem Ausbruch von Gewittern die Knurrhähne scharenweise an die Oberfläche kämen und dann förmliche Knurrkonzerte veranstalteten. Mindestens der erste Teil dieser Behauptung ist richtig, denn es ist an manchen Küsten ein beliebter Sport, solche auftauchende Knurrhähne mit dem Teschin zu schießen, obwohl ihr trockenes Fleisch nicht viel wert ist. Erzeugt werden solche Töne durch das Aneinanderreiben der Kiemendeckelknochen oder verschiedener harter und nervenreicher Muskeln in der Wand der verhältnismäßig sehr großen Schwimmblase, die zugleich als wirksamer Resonanzboden dient, so daß eine ganze Tonstufe zustande kommt, die zwischen dem behaglichen Schnurren einer Hauskatze und hell quiekenden Tönen auf und nieder führt und es begreiflich erscheinen läßt, wenn schon Aristoteles von einem ”Meerkuckuck“ sprach und unsre Fischer von ”Meerpapageien“ erzählen. Auch sonst ist der Knurrhahn ein recht interessanter Fisch. Schon der groteske, fast viereckige Dickkopf mit dem zahnstarrenden Froschmaul und den durch Panzerplatten geschützten Glotzaugen, der feinschuppige, nach hinten zu jäh kegelförmig zugespitzte Rumpf mit dem schmächtigen Hinterleibe, die prächtige Rosafärbung des Bauches und die mächtig entwickelten, fast an die Flügel von Nachtschmetterlingen erinnernden Brustschuppen vereinigen sich zu einem Gesamtbilde von höchster Eigenart. Das merkwürdigste aber sind je drei lange, fingerartig gegliederte Anhängsel vor den Brustflossen, die es dem Tiere ermöglichen, auf dem Meeresgrunde fortzukriechen, ja förmlich zu gehen, wobei der Hinterleib etwas in die Höhe gehoben wird und seitliche Bewegungen der roten Schwanzflosse nachhelfen. Im Schwimmen sieht dieser Fisch hochelegant aus, denn es gleicht einem Fliegen im Wasser, indem die großen, blauen, metallisch schimmernden Brustflossen wie Flügel abwechselnd ausgebreitet und zusammengelegt werden. Sie ermöglichen es dem Knurrhahn, der ja mit seiner artenreichen Sippe der nächste Verwandte der bekannten tropischen Flughähne ist, sich auch für kurze Strecken aus dem Wasser in die Luft zu erheben, und wirken dann beim Herablassen als Fallschirme.

Wenn auch im allgemeinen das Sprichwort ”Stumm wie ein Fisch“ heute noch zu Recht besteht, so hat es doch im Laufe der Zeit schon mancherlei Einschränkungen erfahren, und fast steht zu erwarten, daß wir uns in dieser Beziehung in Zukunft auf noch größere Überraschungen gefaßt machen dürfen. Können wir ahnen, welche Offenbarungen der Meeresgrund noch für uns birgt, sobald wir nur einmal gelernt haben, unser Ohr und unsere anderen Sinne dort unten frei und ungehindert zu gebrauchen! Sollte im dunklen Meeresschoße wirklich nur unentwegt das eisige Schweigen des Todes herrschen, gibt es nicht vielleicht auch für diese abgeschlossene Tierwelt ein Singen und Klingen, dessen Tonfülle teilnimmt an der großen, ewig-schönen Symphonie der Natur? So viel wissen wir wenigstens heute schon sicher, daß es auch lustige Musikanten unter dem Volk der Fische gibt, Orgelspieler, Leiermänner, Pfeifer, Raßler, Grunzer und Trommler. Fischer, die das Ohr auf den Rand ihres Bootes legen, können bisweilen ganz deutlich diese Fischkonzerte aus Tiefen von 10–12 kg herauftönen hören. Am besten ist das Trommlerkorps ausgebildet. Es sind stattliche, barschartig gebaute Burschen, diese Trommelfische (Pogónias chrómis), die namentlich in den verschiedenen Teilen des Atlantik zu Hause sind. Die erzeugten Töne klingen bei den einzelnen Arten verschieden. Mit dem Klange einer Orgel oder Harmonika, selbst mit einem Orchester von Bässen und Cellis, am passendsten aber wohl mit dem Klange von Maultrommeln hat man sie verglichen. Die Laute der einzelnen Fische würden für das menschliche Ohr wohl verloren gehen, aber die Gesamtheit vieler gibt ein Gelärm von nicht zu beschreibender Eigenart, ein stundenlang ununterbrochenes, dumpfes, schier unheimlich anmutendes Getrommel, durchsetzt von hellerem Gurgeln und Glucksen. ”Es besteht“, so schreibt Pechuel-Loesche, ”keine Spur von Ähnlichkeit mit Glocken- oder Harfenklängen, und doch sind die Laute wunderbar genug. Will man sie recht scharf unterscheiden, so muß man das Ohr fest an den Schiffsbord drücken. Besser ist es, im Boote ein breites Ruder ins Wasser zu senken und das freie Ende mit den Zähnen zu beißen, am besten vom Boote aus gleich den Kopf bis über die Ohren ins Meer zu tauchen, rückwärts natürlich, um atmen zu können. Da vernimmt man dann in der dunklen Flut ein allseitig wirr durcheinander gehendes Knurren und Murksen, mit einem leichten Knirschen und Knarren vermischt.“ Die Trommel der geschuppten Musikanten ist nichts anderes als ihre merkwürdig verzweigte und durch Zwischenhäute in verschiedene Kammern geteilte Schwimmblase, in die Luft eingepumpt wird, wodurch die durchlöcherten Trommelfelle in Schwingungen versetzt werden und die verschiedenartigen Töne zustande kommen. Zu diesem Zwecke sind auch besondere Trommelmuskeln von auffallend roter Färbung am Unterleibe eingelagert, die rasche Zusammenziehungen und Ausdehnungen der Schwimmblase bewirken können. Da sich dabei natürlich auch das spezifische Gewicht des Fisches verändert und sein Schwerpunkt sich verrückt, so gerät der Tonkünstler ganz von selbst in tanzende Bewegung. Ein Tanzliedchen zur Minnezeit im dunklen Meeresschoße! Ja, wenn Fische reden könnten! Der Umstand, daß bei vielen Arten nur die Männchen Trommelorgane besitzen, weist darauf hin, daß die Töne in irgendwelchen Beziehungen zum Geschlechtsleben stehen müssen, also vielleicht Trommelständchen darstellen, die der verliebte Fisch seiner Auserkorenen darbringt. Wahrscheinlich werden die erzeugten Lautäußerungen doch auch irgendwelchen Zweck haben, und die Vermutung liegt nahe, daß sie der gegenseitigen Verständigung dienen. Sicherlich darf man aber aus beiden Mutmaßungen die Folgerung ableiten, daß diese Fische auch ein gewisses, wenn auch modifiziertes Hörvermögen besitzen müssen, denn sonst hätten ja die Trommelkonzerte gar keinen Sinn. Von dem 2 kg lang werdenden und seines schmackhaften Fleisches halber hochgeschätzten Adlerfisch (Sciaéna áquila) behaupten die Fischer, daß sie seinen Gesang selbst noch aus Tiefen von 50 kg vernehmen und dadurch die Standplätze dieses scheuen und schwer zu fangenden Raubfisches feststellen könnten. Prinz Bonaparte nennt das laut tönende Geräusch, das ein schwimmender Trupp dieser kraftvollen Fische hören läßt, ”fast eine Art Brüllen“.

Auch das Fortpflanzungsgeschäft der Seefische bietet dem denkenden Beobachter eine Fülle hochinteressanter Ausblicke, zumal verschiedene Formen der aufopferungsvollsten Brutpflege bei diesen als kaltblütig und teilnahmslos verschrieenen Geschöpfen weit häufiger vorkommen, als sich der Laie träumen läßt. Meist ist freilich das Männchen derjenige Teil, dem die Sorge um die Bewachung, Verteidigung und Aufzucht der Nachkommenschaft zufällt. So legt das Weibchen des Seeteufels seinen Rogen an Felsen ab, und das Männchen setzt sich dann bis zur völligen Reife der Eier so fest und ausdauernd auf sie, daß in dem Eierhaufen ein Abdruck seiner Unterseite verbleibt; die kleinen Zähnchen auf der Innenseite seiner Bauchflossen dienen wahrscheinlich zum Festhalten der Eier. Der Lump oder Seehase (Cyclópterus lúmpus, siehe Abb. 10, Fig. 7), der zur Laichzeit einen rotgefärbten Bauch bekommt, setzt die Eier unter Klippen ab, wo sie dann das Männchen nach geschehener Befruchtung mit der Schnauze fest gegen das Gestein drückt und sich selbst daneben verankert, um den hoffnungsschwangeren Schatz zu bewachen. Erleichtert wird ihm sein Amt dadurch, daß das die Eier umhüllende Sekret bald verhärtet und so den Rogen festhält. Fremdkörper, die das Wasser zwischen die Eier treibt, fängt der Lump mit dem Maule auf und schafft sie fort. Gegenüber solchen Geschöpfen aber, die sich mit Raubgelüsten nahen, versteht der Lump keinen Spaß, sondern greift sie tapfer an und scheut selbst einen Kampf mit dem grimmen Seewolf nicht, den er durch wütende Bisse oft genug in die Flucht schlägt. In der biologischen Anstalt auf Helgoland wurde ein Beobachter des brutpflegenden Fisches von ihm derart in den Finger gebissen, daß Blut floß. Sind die Jungen endlich glücklich ausgeschlüpft, so heften sie sich auf dem Rücken des besorgten Vaters fest, und dieser trägt nun die teure Bürde zufrieden nach tieferen und sichereren Gründen. Der hochrückige, dickköpfige und breitmaulige Seehase mit der klebrigen, knotenbesetzten Haut ist aber auch noch in einer anderen Beziehung merkwürdig. Die brustständigen Bauchflossen sind nämlich zu einer Scheibe verschmolzen, die als Schröpfkopf wirkt, so daß sich der Fisch, der ein ebenso träger wie schlechter Schwimmer ist, damit an beliebigen Gegenständen festsaugen kann, selbst an glatten Glasscheiben, und zwar so innig, daß nach den Berechnungen von Hannox 36 kg Gewicht erforderlich sind, um einen 20 kg langen Seehasen wieder loszureißen. Faul liegt das auch in der Nord- und Ostsee häufige Tier so wochenlang vor Anker und wartet geduldig, bis der Zufall etwas Genießbares an seinem gefräßigen Maule vorüberführt. Die jungen Seehasen sind zwar sehr klein, aber doch schon recht vierschrötig gebaut, von grasgrüner Farbe, und folgen ihrem Vater wie Kücken der Henne. Droht Gefahr, so saugen sie sich auf dem Rücken und an den Seiten ihres Beschützers fest und lassen sich von ihm davontragen. Das weichliche und wässerige Fleisch des Seehasen wird bei uns nur wenig gegessen; anders ist es aber in nordischen Ländern. Eine ähnliche Lebensweise wie der Lump führt die Meergrundel (Góbius níger), einer unserer gemeinsten Seefische, zeichnet sich aber zugleich als vorzügliche Nestbauerin aus. Auch sie vermag sich mit den zu einer Saugscheibe verwachsenen Bauchflossen an Steinen und dergleichen festzusaugen und tut das im Aquarium auch an der Glasscheibe, durch die sie dann den Beobachter anstarrt. Nach Eintritt der Ebbe finden sich immer viele Grundeln in den zurückbleibenden Tümpeln und werden dann von der Jugend mit Handnetzen herausgefischt, soweit sie nicht den Möwen und Krähen zum Opfer fallen. Eine Grundelart benutzt nach den Beobachtungen Marshalls zur Nestanlage die eine Klappe einer abgestorbenen Herzmuschel. Sie legt diese mit der hohlen Seite nach unten, entfernt den Sand unter ihr, schmiert die Höhlung der Muschelschale mit ihrem eigenen Körperschleim aus und streut lockeren Sand über das Ganze, um die Schale so zu beschweren, daß sie an Ort und Stelle bleibt. Zuletzt scharrt sie einen kurzen Gang in den Sand, der in den Hohlraum unter der Muschelschale führt. Alle diese Arbeiten verrichtet allein das Männchen. Erst wenn das Bauwerk nahezu fertig ist, erscheint das Weibchen und legt seine Eierchen hinein, die vom Männchen wacker bewacht werden und nach 8–9 Tagen die Jungen entschlüpfen lassen. Für die Fischerei haben die nur 20 kg langen Meergrundeln keine Bedeutung. Dies gilt auch vom Seeskorpion (Cóttus scórpius), obwohl er beträchtlich größer wird. Nicht gerade zur Freude unserer Fischer findet er sich oft massenhaft in ihren Netzen. Nur die Leber wird gelegentlich verzehrt, das Fleisch gilt als ungenießbar und findet höchstens als Angelköder Verwendung. Überdies fürchten die Fischer den Stich des häßlichen Fisches, während dieser für den Forscher dadurch von Interesse ist, daß seine sehr wechselnde Färbung bei aller scheinbaren Auffälligkeit eine weitgehende Anpassung an den steinigen Meeresgrund darstellt (Abb. 18).

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Abb. 18. Seeskorpion (Cottus scorpius). (Phot. von Oberl. W. Köhler, Tegel.)

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Abb. 19. Schlangennadel (Nerophis aequoreus) (links Männchen mit Eiern.) (Phot. von Oberl. W. Köhler, Tegel.)

Höchst eigenartige Formen der Brutpflege finden wir bei den bekannten Seepferdchen (Hippocámpus antiquórum, s. Abb. 10, Fig. 8), diesen lebenden Skeletten, die dem Springer im Schachspiel so ähnlich sehen, auf den ersten Blick so wenig Fischartiges haben und in den Seewasseraquarien durch ihr absonderliches Aussehen, die bestechende Anmut ihrer Bewegungen, ihr lautloses Auf- und Niederschweben, ihr lebhaftes Spielen und durch die seltsame Beweglichkeit des nach vorn eingerollten Schwanzes immer zuerst die Aufmerksamkeit der Besucher auf das von ihnen bewohnte Becken lenken. Schade nur, daß sich die zarten Geschöpfchen im engen Gewahrsam so schlecht halten, denn sonst wären wir wahrscheinlich über ihre Lebensweise besser unterrichtet, als es heute trotz ihrer Häufigkeit der Fall ist. Das verknöcherte Aussehen des Tieres kommt daher, daß die Haut keine Schuppen führt, sondern mit Knochenplatten ausgelegt ist. Das Flossenwerk hat eine starke Verminderung erfahren. Während die Bauchflossen ganz fehlen, sitzen die Brustflossen am Kopfe hinter der Schnauze, da, wo man die Ohren vermuten sollte. Zur Fortbewegung tragen sie nur wenig bei, sondern diese wird fast ausschließlich durch die einzige Rückenflosse bewirkt, die ganz nach Art einer Dampferschraube arbeitet und das Tier mit einer gewissen feierlichen Langsamkeit durch die Fluten treibt. Das Seepferdchen ist ein schlechter und unbeholfener Schwimmer und wird deshalb oft von den Wogen an den Strand geworfen, wo man dann den kleinen, vertrockneten Leichnam findet und als Andenken an den schönen Aufenthalt im Nordseebade mit nach Hause nimmt. Der gewöhnliche Aufenthalt der Seepferdchen ist zwischen Seegräsern und Tangen, wo sie auch ihre aus allerhand winzigem Getier bestehende Nahrung finden. Ausruhend legen sie sich an den Wasserpflanzen vor Anker, indem sie deren Stengel mit ihrem putzigen Schwänzchen umwickeln, das sie also in ganz ähnlicher Weise gebrauchen wie die Kletteraffen ihren Rollschwanz. Gewiß sind die Seepferdchen in ihrer steifen Haltung und mit dem possierlichen, starren Gesichtsausdruck höchst niedliche Tierchen, aber von besonderer Klugheit, von der die älteren Naturgeschichtsbücher fabeln, kann keine Rede sein, ihr ganzes Gebaren atmet vielmehr Eintönigkeit und Langeweile. Allerdings spielen sie ganz hübsch miteinander, umwickeln sich gegenseitig mit den Schwänzen, was aber auf rein mechanische Berührungsreize zurückzuführen sein dürfte, und zur Fortpflanzungszeit scheint es sogar zum Austausch gewisser Zärtlichkeiten zwischen den verliebten Paaren zu kommen. Das Weibchen klebt seine Eier auf den Bauch des Männchens, das sie hier befruchtet, worauf dann die Oberhaut von beiden Seiten her über sie hinwegwuchert und sie in eine schützende Tasche so lange einschließt, bis die Jungen entschlüpfen, die sich zunächst still verhalten, später aber durch ihre Unruhe dem Vater lästig fallen, so daß er sich ihrer zu entledigen sucht und sie durch eigentümlich knickende Körperbewegungen zur Bruttasche hinaus befördert. Sie sind dann etwa ½ kg lang. Die Weibchen sind bei diesen Fischen merkwürdigerweise stets lebhafter und auffallender gefärbt als die Männchen. Also auch das Hochzeitskleid hat der gutmütige, offenbar stark unter dem Pantoffel stehende Gemahl seiner Holden überlassen. Übrigens ist den Seepferdchen auch ein nicht unbeträchtliches Farbwechselvermögen eigen, und noch in anderer Beziehung erinnern sie an die Chamäleons, indem sie nämlich jedes ihrer wunderlichen Gespensteraugen unabhängig vom anderen bewegen können. Ganz ähnliche Brutverhältnisse hat auch die ihrem Namen entsprechend lang und dünn gebaute Seenadel (Syngnáthus ácus) aufzuweisen. Auch hier trägt das Männchen die Eier bis zu ihrer völligen Entwicklung in einer aus zwei fleischigen Längsfalten gebildeten Bauchtasche mit sich herum, die später eine Klappe zur Entlassung der jungen Fischchen öffnet. Man hat auch behauptet, daß die kleinen, frei herumschwärmenden Seenadeln während ihrer ersten Lebenszeit bei Gefahr in die Bauchtasche des Vaters zurückflüchteten wie die jungen Känguruhs in den Brutbeutel ihrer Mutter. Nachgewiesen ist das aber nicht. Bei der ungepanzerten und deshalb mehr wurmartig aussehenden Schlangennadel (Neróphis aequoreus) kommt es überhaupt nicht zur Bildung des Brutbeutels, sondern die Eier bleiben lediglich in 2–3 Reihen dem Bauche des Männchens angeklebt (Abb. 19). Auch der Seestichling (Gastrósteus spináchia) gehört gleich seinem allbekannten Vetter aus dem Süßwasser zu den Brutpflege treibenden Arten. Er legt seine Nester im Algengewirr an, ist beträchtlich größer als der Stechbüttel und besitzt 15 freie Rückenstacheln (Abb. 20). Merkwürdigerweise soll er in Einehe leben und auch das Weibchen am Brutgeschäft sich beteiligen.

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Abb. 20. Seestichling (Gastrosteus spinachia). (Phot. von E. Steuder, Hamburg.)

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Abb. 21. Tiefseefisch (Stomias boa).

Die allergrößten Wunder des Fischreiches aber birgt die Tiefsee, und in ihrem geheimnisvollen Schoße harren noch unzählige Rätsel des menschlichen Forschergeistes. Noch bringt aus ihr jede Forscherfahrt neue Formen mit heim, und sie alle bergen eine Unzahl neuer Ausblicke, eine überraschende Fülle wertvollster Anregungen. Nirgends hat die schöpferische Natur so schrankenlos in der launenhaften Hervorbringung absonderlicher, verzerrter, einseitiger und abenteuerlicher Formen geschwelgt wie gerade hier, und auch die kühnste Phantasie des schwärmendsten Künstlers vermöchte Gleiches oder auch nur Ähnliches nicht zu schaffen. Schier ratlos steht der Systematiker dieser erdrückenden Menge gänzlich von einander abweichender Formen gegenüber, und der Biologe weiß nicht, an welchem Ende er diese Flut von Rätseln zuerst anpacken soll. Was heute mühsam genug aufgeklärt erscheint, wird morgen durch neue, noch seltsamere Entdeckungen wieder über den Haufen geworfen. Die verwirrende Mannigfaltigkeit der Formen läßt sich oft zurückführen auf die einseitige Bevorzugung und Ausbildung bestimmter Organe, die bei verwandten Formen wieder verkümmert und durch die Umbildung anderer ersetzt sind, wie ja die Natur oftmals den gleichen Zweck auf die verschiedenste Weise zu erreichen weiß. So kennen wir Tiefseefische mit gewaltigen Glotzaugen, die bei anderen zur Größe von Stecknadelköpfen zusammengeschrumpft sind und bei nicht wenigen überhaupt fehlen. Diese werden aber für ihre Blindheit durch mächtige Fühler entschädigt, die oft doppelt so lang sind als der ganze Körper. Der Großschweif (Gigantúra chúni) hat röhrenförmige Teleskopaugen mit geteilter Netzhaut; dabei hat die Hauptretina ein wohlentwickeltes Sehvermögen, während die Nebenretina als ein vorzüglicher Signalapparat, als ein ”Sucher“ aufgefaßt werden muß. Bei dem wurmförmigen Stylophthálmus paradóxus stehen die Augen auf fabelhaft langen und dünnen Stielen, die sich erst im Laufe des Larvenlebens allmählich entwickeln. Das eherne Gesetz des Fressens und Gefressenwerdens, das fast überall die Gestaltung der Fischwelt beherrscht, kommt nirgends so scharf und unerbittlich zum Ausdruck, wie in der scheinbar recht stillen und friedlichen Tiefsee, die in Wirklichkeit von einem fürchterlichen und erbarmungslosen Kampfe ums Dasein durchtobt wird. Hier sind so schaudererregende Hechelgebisse am Platze, wie sie der Schwarzfisch (Melanocétus kréchi) in seinem breiten Froschmaule führt, oder Stomias boa (Abb. 21) in seinem Riesenschlangenkopf, hier kann es zur Bildung von Tieren kommen, die, wie das Großmaul (Macrophárynx) oder wie Eurypharynx pelecanoides (Abb. 22) mit dem Pelikanschnabel, eigentlich nur noch aus einem riesenhaften Rachen mit etlichen unbedeutenden Anhängseln zu bestehen scheinen, oder bei denen ein gewaltiger, höchst ausdehnungsfähiger Magensack alle anderen Organe in den Hintergrund drängt. Dies ist z. B. bei Melanocétus johnsóni der Fall, und infolgedessen kann dieses Fischchen Tiere verschlingen, die es an Körpergröße gut um das Doppelte übertreffen. Zu ihrer Herbeilockung trägt es über der Schnauze noch eine lange Angelrute, in deren Spitze ein Leuchtorgan sitzt. Gegenüber solchen Untieren darf ein nach Art des Cerátias uranóscopus gebauter Tiefseefisch (Abb. 23) wohl als eine ausnehmend reguläre und anmutige Erscheinung gelten.

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Abb. 22. Tiefseefisch (Eurypharynx pelecanoides).

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Abb. 23. Tiefseefisch (Ceratias uranoscopus).

So außerordentlich verschieden und mannigfaltig auch Form und Lage solcher Leuchtkörper sind, so sind sie histologisch nach den schönen Untersuchungen Brauers doch ausnahmslos zurückzuführen auf mit Sekretkörnern angefüllte Drüsenzellen, die als die eigentlichen Lichterzeuger anzusehen sind, während alle übrigen Bestandteile der Leuchtorgane nur nebensächliche Bedeutung haben, so der Pigmentmantel und der Reflektor, deren Rolle ja ohne weiteres kenntlich ist, wie auch gewisse lichtbrechende Teile des Innenkörpers aller Wahrscheinlichkeit nach als Linsen wirksam sein dürften. Meist sind die Leuchtdrüsen geschlossen, und der Leuchtvorgang verläuft demgemäß intrazellulär (zwischenzellig). Aber es gibt auch Leuchtdrüsen (z. B. bei den Gonostomiden), die unmittelbar ins Wasser ausmünden, und wo der Leuchtvorgang erst einsetzt, sobald das Drüsensekret mit dem Wasser in Berührung kommt, so daß es sich hier unbedingt um einen rein chemischen Vorgang handelt, der deshalb auch noch nach dem Ableben des Tieres vor sich gehen kann. Solche Geschöpfe verfügen also über hochmodern ausgerüstete Scheinwerfer, deren sie sich zum Erkennen und Anlocken von Beutetieren wie auch zur Abschreckung von Feinden bedienen, wobei aber noch dahingestellt werden muß, ob die Lichterzeugung vom Willen des Tieres abhängig ist oder nicht. Die vielfach vorhandenen Vorrichtungen zum Abblenden machen eigentlich das erstere wahrscheinlicher. Außer diesen eigentlichen Leuchtorganen sind aber bei Tiefseefischen nicht selten noch andere, kleinere, zu Hunderten und Tausenden über den ganzen Rumpf zerstreut, die offensichtlich eine andere biologische Bedeutung haben müssen. Brauer und andere Forscher neigen der Ansicht zu, daß diese oft zu hübschen Mustern angeordneten Organe ein vielfarbiges Licht aussenden, mithin in ihrer Gesamtheit die charakteristische Zeichnung des Tieres darstellen und somit dieselbe Rolle spielen wie die Pigmente oder Färbestoffe bei den im Bereich des Sonnenlichtes lebenden Tieren. Biologisch würden sie demgemäß zum Erkennen der Artgenossen und zum gegenseitigen Aufsuchen der Geschlechter dienen. In schönster Übereinstimmung mit dieser Auffassung steht die Tatsache, daß sie sich nur bei solchen Tiefseefischen finden, die mehr vereinzelt leben und große Strecken durchschwimmen, während sie bei den seßhaften Grundfischen und gesellig lebenden Arten als überflüssig nicht zur Ausbildung gelangen. Etwa ein Fünftel aller Tiefseefische ist im Besitze von Leuchtorganen, und zwar nimmt deren Leuchtvermögen mit zunehmender Meerestiefe wieder ab, woraus Brauer folgern möchte, daß sie sich in der Dämmerungszone ausgebildet haben und hauptsächlich für diese kennzeichnend sind.

Die Farben, Sehwerkzeuge, Leuchtlaternen und phosphoreszierenden Organe der Fische in den verschiedenen Meeresschichten stehen offenbar im engsten Zusammenhange mit der Verteilung und dem Hinabreichen der Sonnenstrahlen ins Meereswasser. Es ist also im Meere eine unverkennbare, wenn natürlich auch Übergänge aufweisende Trennung der Fauna nach Tiefenschichten und in engster Abhängigkeit von den Belichtungsverhältnissen durchgeführt. Außerdem haben aber auch die Tiefseefische noch ihre geographische Verbreitung, denn die Annahme wäre grundfalsch, daß etwa in den tieferen Wasserschichten annähernd gleiche Verhältnisse herrschen und deshalb auch ihre Bewohner mehr oder minder gleichmäßig über den ganzen Meeresboden verbreitet seien. Vielmehr gibt es auch in der Tiefsee verhältnismäßig eng begrenzte faunistische Bezirke mit scharfen Schranken in Temperatur, Salzgehalt, Nahrungsverhältnissen und Bodenbeschaffenheit, die dem Ausdehnungsbestreben und der Vermischung der einzelnen Arten Grenzen setzen. Die auffallende Tatsache, daß manche Tiefseefische an beiden Polen vorkommen, ist wohl dahin zu erklären, daß diese Formen ursprünglich wärmeren Gegenden entstammen und beim Übergang ins kältere Gebiet, sei es nach diesem, sei es nach jenem Pole hin, durch gleiche Einflüsse auch die gleiche Umbildung erfuhren.

Fußnote:

Notes in this chapter

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