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Märchen und Erzählungen für Anfänger. Zweiter Teil

Kleine Gedichte.

Reading edition

1. Der Schütz.

Mit dem Pfeil, dem Bogen, Durch Gebirg und Thal Kommt der Schütz gezogen Früh am Morgenstrahl. Wie im Reich der Lüfte König ist der Weih, — Durch Gebirg und Klüfte Herrscht der Schütze frei. Ihm gehört das Weite, Was sein Pfeil erreicht, Das ist seine Beute, Was da kreucht und fleucht. Schiller.

2. Barbarossa.

Der alte Barbarossa, Der Kaiser Friederich, Im unterird’schen Schlosse Hält er verzaubert sich. Er ist niemals gestorben, Er lebt darin noch jetzt! Er hat im Schloß verborgen Zum Schlaf sich hingesetzt. Er hat hinabgenommen Des Reiches Herrlichkeit Und wird einst wiederkommen Mit ihr zu seiner Zeit. Der Stuhl ist elfenbeinern, Darauf der Kaiser sitzt; Der Tisch ist marmelsteinern, Worauf sein Haupt er stützt. Sein Bart ist nicht von Flachse, Er ist von Feuersglut, Ist durch den Tisch gewachsen, Worauf sein Kinn ausruht. Er nickt als wie im Traume, Sein Aug’ halb offen zwinkt; Und je nach langem Raume Er einem Knaben winkt. Er spricht im Schlaf zum Knaben: „Geh hin vors Schloß, o Zwerg, Und sieh, ob noch die Raben Herfliegen um den Berg. Und wenn die alten Raben Noch fliegen immerdar, So muß ich auch noch schlafen Verzaubert hundert Jahr.“ Rückert.

3. Des Knaben Berglied.

Ich bin vom Berg der Hirtenknab’, Seh’ auf die Schlösser all’ herab; Die Sonne strahlt am ersten hier, Am längsten weilet sie bei mir: Ich bin der Knab’ vom Berge! Hier ist des Stromes Mutterhaus, Ich trink’ ihn frisch vom Stein heraus; Er braust vom Fels in wildem Lauf, Ich fang’ ihn mit den Armen auf: Ich bin der Knab’ vom Berge! Der Berg, der ist mein Eigentum, Da ziehn die Stürme rings herum; Und heulen sie von Nord und Süd, So überschallt sie doch mein Lied: Ich bin der Knab’ vom Berge! Sind Blitz und Donner unter mir, So steh’ ich hoch im Blauen hier; Ich kenne sie und rufe zu: Laßt meines Vaters Haus in Ruh! Ich bin der Knab’ vom Berge! Und wann die Sturmglock’ einst erschallt, Manch Feuer auf den Bergen wallt, Dann steig’ ich nieder, tret’ ins Glied Und schwing’ mein Schwert und sing mein Lied: Ich bin der Knab’ vom Berge! Uhland.

4. Morgenlied.

Die Sterne sind erblichen Mit ihrem güldnen Schein; Bald ist die Nacht entwichen, Der Morgen dringt herein. Noch waltet tiefes Schweigen Im Thal und überall, Auf frisch betauten Zweigen Singt nur die Nachtigall. Sie singet Lob und Ehre Dem hohen Herrn der Welt, Der über Land und Meere Die Hand des Segens hält. Er hat die Nacht vertrieben: Ihr Kindlein fürchtet nichts! Stets kommt zu seinen Lieben Der Vater alles Lichts. Hoffmann v. Fallersleben.

5. Herbstlied.

Bunt sind schon die Wälder, Gelb die Stoppelfelder, Und der Herbst beginnt. Rote Blätter fallen, Graue Nebel wallen, Kühler weht der Wind. Wie die volle Traube Aus dem Rebenlaube Purpurfarbig strahlt! Am Geländer reifen Pfirsiche mit Streifen Rot und weiß bemalt. Sieh, wie hier die Dirne Emsig Pflaum’ und Birne In ihr Körbchen legt! Dort mit leichten Schritten Jene goldne Quitten In den Landhof trägt! Flinke Träger springen, Und die Mädchen singen, Alles jubelt froh! Bunte Bänder schweben Zwischen hohen Reben Auf dem Hut von Stroh. Geige tönt und Flöte Bei der Abendröte Und im Mondenglanz; Junge Winzerinnen Winken und beginnen Deutschen Ringeltanz. von Salis.

6. Sprüche.

Gott grüße dich! — Kein andrer Gruß Gleicht dem an Innigkeit. Gott grüße dich! — Kein andrer Gruß Paßt so zu jeder Zeit. Gott grüße dich! — Wenn dieser Gruß So recht von Herzen geht, Gilt bei dem lieben Gott der Gruß So viel wie ein Gebet. J. Sturm.

Wozu ist Geld doch gut? Wer’s nicht hat, hat nicht Mut, Wer’s hat, hat Sorglichkeit, Wer’s hat gehabt, hat Leid. von Logau.

Der Schneeball und das böse Wort, Sie wachsen, wie sie rollen fort; Eine Handvoll wirf zum Thor hinaus: Ein Berg wird’s vor des Nachbars Haus. W. Müller.

7. Reiters Morgengesang.

Morgenrot, Leuchtest mir zum frühen Tod? Bald wird die Trompete blasen; Dann muß ich mein Leben lassen, Ich und mancher Kamerad. Kaum gedacht, Wird der Lust ein End’ gemacht; Gestern noch auf stolzen Rossen, Heute durch die Brust geschossen, Morgen in das kühle Grab. Ach, wie bald Schwindet Schönheit und Gestalt; Thust du stolz mit deinen Wangen, Die wie Milch und Purpur prangen? Ach die Rosen welken all! Darum still Füg’ ich mich, wie Gott es will. Nun so will ich wacker streiten; Und sollt’ ich den Tod erleiden, Stirbt ein braver Reitersmann. Fr. Hauff.

8. Mein Vaterland.

Treue Liebe bis zum Grabe Schwör’ ich dir mit Herz und Hand; Was ich bin und was ich habe, Dank’ ich dir, mein Vaterland. Nicht in Worten nur und Liedern Ist mein Herz zum Dank bereit; Mit der That will ich’s erwidern Dir in Not, in Kampf und Streit. In der Freude wie im Leide Ruf’ ich’s Freund und Feinden zu: Ewig sind vereint wir beide, Und mein Trost, mein Glück bist du. Treue Liebe bis zum Grabe Schwör’ ich dir mit Herz und Hand; Was ich bin und was ich habe, Dank’ ich dir, mein Vaterland. Hoffmann v. Fallersleben.

9. Sprüche.

Der Rose süßer Duft genügt, Man braucht sie nicht zu brechen; Und wer sich mit dem Duft begnügt, Den wird der Dorn nicht stechen. F. Bodenstedt.

Sorgen sind meist von der Nesseln Art: Sie brennen, rührst du sie zu zart; Fasse sie nur an herzhaft, So ist der Griff nicht schmerzhaft. E. Geibel.

Der ist kein kühner Reiter, Wer nie den Sand geküßt; Der ist kein wackrer Streiter, Wer ohne Wunden ist.

Und hat die Welt dir weh gethan, So greif sie frisch von neuem an, Bis du, trotz Sturz und Wunden, Im Kampf sie überwunden. J. Sturm.

Am Abend wird man klug Für den vergangenen Tag, Doch niemals klug genug Für den, der kommen mag. Rückert.

10. Muttersprache.

Muttersprache, Mutterlaut! Wie so wonnesam, so traut! Erstes Wort, das mir erschallet, Süßes, erstes Liebeswort, Erster Ton, den ich gelallet, Klingest ewig in mir fort. Ach, wie trüb ist meinem Sinn, Wenn ich in der Fremde bin, Wenn ich fremde Zungen üben, Fremde Worte brauchen muß, Die ich nimmermehr kann lieben, Die nicht klingen als ein Gruß! Sprache, schön und wunderbar, Ach, wie klingest du so klar! Will noch tiefer mich vertiefen In den Reichtum, in die Pracht; Ist mir’s doch, als ob mich riefen Väter aus des Grabes Nacht. Klinge, klinge fort und fort, Heldensprache, Liebeswort, Steig empor aus tiefen Grüften, Längst verschollnes, altes Lied, Leb auf’s neu’ in heil’gen Schriften, Daß dir jedes Herz erglüht! Überall weht Gotteshauch, Heilig ist wohl mancher Brauch; Aber soll ich beten, danken, Geb’ ich meine Liebe kund, Meine seligsten Gedanken: Sprech’ ich wie der Mutter Mund. von Schenkendorf.

11. Sprüche.

Was verkürzt mir die Zeit? Thätigkeit. Was macht sie unerträglich lang? Müßiggang. Was bringt in Schulden? Harren und Dulden. Was macht gewinnen? Nicht lange besinnen. Was bringt zu Ehren? Sich wehren. Goethe.

Prahl’ nicht heute: Morgen will Dieses oder das ich thun. Schweige doch bis morgen still, Sage dann: das that ich nun. Rückert.

12. Meeresstille.

Tiefe Stille herrscht im Wasser, Ohne Regung ruht das Meer, Und bekümmert sieht der Schiffer Glatte Fläche rings umher. Keine Luft von keiner Seite! Todesstille fürchterlich! In der ungeheuern Weite Reget keine Welle sich. Goethe.

13. Die Teilung der Erde.

„Nehmt hin die Welt!“ rief Zeus von seinen Höhen Den Menschen zu; „nehmt, sie soll euer sein. Euch schenk’ ich sie zum Erb’ und ew’gen Lehen; Doch teilt euch brüderlich darein.“ Da eilt, was Hände hat, sich einzurichten; Es regte sich geschäftig jung und alt. Der Ackermann griff nach des Feldes Früchten, Der Junker birschte durch den Wald. Der Kaufmann nimmt, was seine Speicher fassen, Der Abt wählt sich den edlen Firnewein, Der König sperrt die Brücken und die Straßen Und sprach: „Der Zehente ist mein.“ Ganz spät, nachdem die Teilung längst geschehen, Naht der Poet, er kam aus weiter Fern’; Ach, da war überall nichts mehr zu sehen, Und alles hatte seinen Herrn! „Weh mir! So soll denn ich allein von allen Vergessen sein, ich, dein getreuster Sohn?“ So ließ er laut der Klage Ruf erschallen Und warf sich hin vor Jovis Thron. „Wenn du im Land der Träume dich verweilet,“ Versetzt der Gott, „so hadre nicht mit mir. Wo warst du denn, als man die Welt geteilet?“ „Ich war,“ sprach der Poet, „bei dir. Mein Auge hing an deinem Angesichte, An deines Himmels Harmonie mein Ohr; Verzeih dem Geiste, der, von deinem Lichte Berauscht, das Irdische verlor!“ „Was thun?“ spricht Zeus: „die Welt ist weggegeben, Der Herbst, die Jagd, der Markt ist nicht mehr mein; Willst du in meinem Himmel mit mir leben, So oft du kommst, er soll dir offen sein.“ Schiller.

14. Ein Gleichnis.

Jüngst pflückt’ ich einen Wiesenstrauß, Trug ihn gedankenvoll nach Haus; Da hatten, von der warmen Hand, Die Kronen sich alle zur Erde gewandt. Ich setzte sie in frisches Glas, Und welch ein Wunder war mir das! Die Köpfchen hoben sich empor, Die Blätterstengel im grünen Flor, Und allzusammen so gesund, Als stünden sie noch auf Muttergrund. So war mir’s, als ich wundersam Mein Lied in fremder Sprache vernahm. Goethe.

15. Die zwei Tugendwege.

Zwei sind der Wege, auf welchen der Mensch zur Tugend emporstrebt; Schließt sich der eine dir zu, thut sich der andre dir auf: Handelnd erringt der Glückliche sie, der Leidende duldend. Wohl ihm, den sein Geschick liebend auf beiden geführt! Schiller.

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