Note 98 — Erstes Buch.
Eugen Rolfes translation
In den Fällen der beiden vorausgehenden Absätze waren beide Prämissen allgemein bejahend und ergaben einen kontingenten Schlußsatz. Jetzt wird der Fall genommen, daß die Prämissen zwar beide allgemein, aber von ungleicher Qualität sind, und zunächst, daß der Obersatz verneinend und notwendig und der Untersatz bejahend und kontingent ist. Dann ist der Schlußsatz nicht kontingent, sondern notwendig und, wie Aristoteles beifügt, weil notwendig, auch im Sinne der Tatsächlichkeit und Möglichkeit wahr. Die allgemeine Regel in Absatz 3 f. wird hiernach genauer gefaßt und eingeschränkt. Der Beweis wird von Aristoteles in folgender Weise geführt. Wir setzen statt der Buchstaben Begriffe ein. Notwendig ist nichts, was lacht, ein Tier; jeder Mensch kann lachen; also ist notwendig kein Mensch ein Tier. Denn gesetzt, ein Mensch sei ein Tier. Es wurde aber vorausgesetzt, daß nichts, was lacht, ein Tier sein kann. Das läßt sich dahin umkehren, daß kein Tier lachen kann. Aus dieser Prämisse aber und der anderen, daß irgendein Mensch ein Tier ist, würde folgen, daß irgendein Mensch nicht lachen kann, was der ursprünglichen Voraussetzung widerstreitet, daß jeder Mensch lachen kann. Silvester Maurus entfernt sich in diesem Absatz von dem Text des Aristoteles und kommt mithin für die Erklärung nicht in Betracht. Er beweist an Hand frei gewählter Begriffe — die von mir verwandten sind aus dem Kommentar von Julius Pacius —, daß sich ein verneinender Schlußsatz de inesse und darum auch de posse non inesse ergibt. Von Kirchmann behauptet in seinen Erläuterungen, N. 106, S. 83–85, und will beweisen, daß Aristoteles hier, wie nach seinem Vorgeben sonst des öfteren, eine falsche Schlußregel aufstelle. Der Untersatz: B kann in jedem C sein, oder jeder Mensch kann lachen, lasse sich umkehren in: es kann sein, daß B in keinem C ist, oder daß kein Mensch lacht, und bei solchem Ansatze gebe es gar keinen Schluß. Aber was wäre damit dargetan? Gibt es so keinen Schluß, folgt dann, daß es auch bei bejahendem Untersatz keinen gibt? Es muß einen geben, mit einem notwendigen Schlußsatz, denn wenn der bejahende Untersatz gilt, so ist damit das Vorhandensein einer Fähigkeit in C dargetan, mit der A unverträglich ist. Ebendarum ist der Obersatz notwendig: kein B ein A, kein Lachendes ein Tier. Denn wo das Lachen als Tatsache ist, da ist eine Fähigkeit, die mit Tierheit unverträglich ist. Der Fall der Anm. 94 beweist hiergegen nichts. Der Satz: ein Weißes oder jedes Weiße kann eine Pflanze sein, geht auf zwei Begriffe ohne innere oder notwendige Beziehung. — Bei den anderen Auslegern und Übersetzern, Philoponus, Julius Pacius, Waitz, Zell und Bender, kommt kein Bedenken wegen der Richtigkeit dieser Schlußregel zum Ausdruck.