Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück (continued 2)
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Ohne länger auf ihre Verteidigung zu achten, wurden jetzt sämtliche Zeugnisse zu Protokoll genommen, welche die Bauern über die Zauberei des jungen Schermäusers aufzubringen wußten: daß man ihn öfters Holunderzweige habe abbrechen sehen, die man freilich im allgemeinen dazu gebrauche, den Maulwurf zu vertreiben, was aber jedenfalls auch Hexerei sei, und was nicht unwahrscheinlich auch dem entgegengesetzten Zwecke dienen könne; daß man ihn auch oft im Schatten von Holunderbüschen habe sitzen sehen, was von jeher ein seltsamer Ort und Aufenthalt gewesen sei; daß man ihn den lieben langen Tag durch Felder, Gärten und Wiesen hätte streifen sehen, Lieder trällernd, die wohl ihre Bedeutung gehabt hätten, niemals mit dem Aufstellen der Fallen oder andrer ehrlicher Arbeit beschäftigt; daß man ihn ferner auch nachts beim Mondschein habe laufen sehen oder am Fenster sitzend, was als ungewöhnlich aufgefallen sei. Daß er auch in der Erde gegraben habe, aber augenscheinlich nicht nach Maulwürfen. Daß er der Kleinen, die er stets mit sich geführt habe, öfters breite Blumenkränze auf den Kopf gesetzt habe. Daß man von jeher das Blut unschuldiger Kinder zu Zaubersuppen verwendet habe, und daß man nicht wissen könne, was er im Sinn gehabt habe. Daß man ihn an einem Teich habe sitzen sehen, wo die Frösche gesungen hätten, und daß er überhaupt gern mit dem Vieh umgegangen sei, auch gern in Höfen und Ställen sich aufgehalten habe.
Schließlich trat der Bischof selbst als Zeuge auf und meldete, daß Lux ihm, zweifelsohne durch Anwendung teuflischer Mittel, eine unüberwindliche Zuneigung eingeflößt habe, wie es denn wohl jedermann bekannt gewesen sei, daß der junge Bursch in seiner Gunst gestanden habe und mancher ihn vielleicht zu seiner hohen Verwunderung mit dem Schermäuser habe spazieren sehen; bis derselbe ihn habe bereden wollen, sich eines Alrauns zu bedienen, nämlich einer goldschwitzenden Wurzel, und ihm auch Anweisung gegeben habe, wie dem Fetisch durch Verfluchung des Christengottes müsse gehuldigt werden, vermutlich um seine Seele dem Teufel zuzuwenden, worauf ihm denn endlich die Augen über die wahre Natur des gottlosen Menschen aufgegangen wären. Nach eignem Geständnis hätte er seine Kenntnis solcher Zauberei aus einem alten Buche, worin auch allerlei verschwiegene Mittel vorgestellt wären, um unbeliebte Personen unmerklich vom Leben zum Tode zu bringen.
Diese Erzählung des Bischofs wirkte wohltuend und erleuchtend auf alle die Leute, denen es noch in peinlicher Erinnerung lebte, wie lieb ihnen der junge Geselle gewesen war, der ihnen lauter Freundlichkeit und Güte erwiesen hatte, was sie nun nicht mehr zu verbergen brauchten, da sich ja nur seine schwarze Kunst desto deutlicher darin offenbarte. Es wurden eine Menge Beispiele von seiner Verzauberung der Menschen zusammengetragen: wie er den schwarzen Tobias um die Abendzeit in seiner Hütte besucht, ihn herzlich angeblickt und ihm Unterstützung versprochen hatte, um ihn zu trösten, weil er um seinetwillen die Stelle als Hilfsjäger des alten Bernkule verloren habe; wie er sich häufig zur schiefen Resi auf die Bank vor dem Hause gesetzt und ihre gichtgekrümmten Hände gestreichelt hatte; wie er dem stelzfüßigen Klaus, der nicht Weib noch Kind besaß, Kleider und Strümpfe geflickt und oft mit eignen Händen eine Suppe gekocht hatte; wie er die Kinder an sich gelockt und ihnen Pfennige geschenkt hatte; wie die Mädchen in ihn vernarrt gewesen waren, obwohl er sich öffentlich nie um sie gekümmert hatte; wie er so sanfte Hände und vor allen Dingen einen zärtlichen Blick gehabt habe, wodurch er die Seelen habe betören können, wie sich nun herausstelle, um sie dem Teufel als schuldigen Tribut oder als Lösegeld in die Krallen zu spielen. Auch jetzt flößte Lux, die bald verwundert, bald wehmütig die Verhandlungen an sich vorübergehen ließ, ohne viel dazu zu sagen, vielen von den Richtern ein Gefühl ein, das ihnen wie natürliche Zuneigung erschienen wäre, wenn sie nicht durch die Bekenntnisse der übrigen Betroffenen eitel Teufelei dahinter hätten erkennen müssen, so daß ihr Abscheu vor dem gefährlichen Satansbuben dadurch nur vermehrt wurde.
Als nun auch in Zweifel gezogen wurde, ob Lux wirklich, wie sie angegeben hatte, der Enkel des verstorbenen Bernkule sei, zeigte sich, daß sie keine Papiere besaß, um sich auszuweisen, und ihr der Aufenthalt in Klus seinerzeit nur auf eine mündliche Erklärung des Alten und wegen der bischöflichen Fürsprache war gestattet worden. Es wurde für das beste gehalten, den kleinen Brun zu befragen, der, während man Lisutt bei dem angeblichen Bruder gelassen hatte, einem Lehrer zu vorläufiger Obhut übergeben worden war und von diesem als ehrlicher und zuverlässiger Bursche geschildert wurde. Als Brun sich unversehens seiner Mutter gegenübersah, ohne sich ihr nähern, geschweige denn mit ihr sprechen zu dürfen, die ihm aber ermunternd zulächelte und zunickte, wurde er blaß, und das Weinen stieg ihm so heftig in die Kehle, daß er es kaum verschlucken konnte. Nach einer feierlichen Ermahnung des Bischofs, die Wahrheit zu sagen, wurde er gefragt, ob Lux sein Bruder sei, worüber er aufs äußerste erschrak, da er wohl wußte, wie sie ihm eingeprägt hatte, daß er sie vor den Leuten nicht Mutter nennen dürfe, und er glaubte, es hänge ihr Glück oder ihr Leben von seinen Worten ab; aber es war ihm unmöglich, eine Lüge auszusprechen, und mit einem herzzerreißenden Blick auf Lux sagte er, nein, sie sei sein Bruder nicht, war aber zu weiteren Erklärungen durch kein Zureden zu bewegen.
Nachdem somit das vagabundenhafte, auf Lug und Trug gebaute Dasein der Lux nachgewiesen war, sollte auch Lisutt von ihr getrennt werden, und der Medizinalrat übernahm es, indem er sich für einen Kinderfreund erklärte, die Kleine an sich zu locken. Lisutt aß zwar die Süßigkeiten auf, die er ihr brachte, als er sie aber auf den Arm nehmen wollte, schlug sie nach ihm und schimpfte mit heller Stimme so kräftig, daß er sich eilig bekreuzte und entfernte und berichtete, das Kind habe sich wie ein feuerspuckender Teufel gebärdet, entweder es sei doch von einer Brut mit dem Schwarzkünstler, oder er habe es bereits von Grund aus verhext, so daß man sie füglich beieinander lassen könne, bis das Urteil gefällt sei.
Damit hatte es aber noch einige Schwierigkeiten: der Bischof nämlich war der Ansicht, ein Zauberer müsse mit Feuer verbrannt werden, die andern dagegen fanden, ein Scheiterhaufen passe nicht in die neuen Zeitläufte, er solle sich mit dem Galgen begnügen, ja verschiedene wollten weder vom Brennen noch vom Hängen etwas wissen und sagten, man hätte einzig die Sache mit dem Kirchenraub verfolgen sollen als etwas Handfestes und allgemein Verständliches, mit der Zauberei könnten sie viel Anfechtung und üble Nachrede erfahren.
So standen die Dinge, als plötzlich ein Umschwung in der galligen Laune des Bischofs eintrat, die zum großen Teil die Ursache war, daß er der armen Lux einen kläglichen Tod bereiten wollte. Die Stiftsdame Hermenegilde hatte sich, um ihre Entbindung zu erwarten, in einem kleinen, ihr gehörigen Schlößchen in der Nähe von Klus einquartiert, das für gewöhnlich nur von einem Verwalter und seiner Frau bewohnt wurde, und es war ihr Plan, daß das Kind bei diesen Leuten als bei seinen Eltern aufwachsen sollte, so daß sie es, wenn sie immer Lust hätte, besuchen und seine Erziehung beaufsichtigen könnte. Diese Vorstellung ängstigte den Bischof über alle Maßen, doch ging er scheinbar auf alle Wünsche der reizbaren Freundin ein und verständigte sich nur insgeheim mit der alten Dienerin, die sie begleitet hatte, indem er sie beredete, das Kind, kaum daß es völlig auf der Welt wäre, geschwind in das nächste große Findelhaus zu tragen, wo es denn für alle Zeit verschollen bleiben sollte. Die Sorge, ob der heikle Auftrag sich würde ausführen lassen, verkehrte die übliche Zufriedenheit Wonnebalds in Erbitterung, die er in dem Prozeß gegen Lux ausließ und die ihm das Brennen auf dem Scheiterhaufen als etwas Wünschenswertes und Notwendiges erscheinen ließ. Indessen, als er die Nachricht erhielt, daß das Kind zwar lebendig ans Licht getreten, aber stracks in das Findelhaus verbracht wäre, wo niemand es suchen und noch weniger finden könnte, glättete sich die Unruhe seines Herzens und machte der ihm angeborenen Behaglichkeit Platz. Er fing an, zärtliches Mitleiden für die unschuldig gepeinigte Lux zu empfinden, und zugleich regte sich die vernünftige Betrachtung, daß am Ende noch ihr Geschlecht bekannt werden würde und diese Entdeckung ihm nachträglich böse Ausdeutungen der Gunst, die er ihr hatte angedeihen lassen, eintragen könnte. Im stillen ärgerte er sich über den Medizinalrat, daß er ihn in eine so dornige Sache hineingestoßen hätte, die seinem Gemüt nicht zusagte, und es dünkte ihn in jeder Hinsicht das beste zu sein, wenn dem lieben Weibe zur Flucht verholfen und damit der leidige Prozeß für immer begraben würde. Zu diesem Zweck ordnete er an, daß Lux aus dem allgemeinen Untersuchungsgefängnis in einen Turm überführt würde, der zum Umfange der Burg gehörte und der in alten Zeiten als Luginsland sowie zur sicheren Aufbewahrung von Gefangenen war gebraucht worden; wobei er sich des Vorwandes bediente, daß der Zauberer vermutlich mittels schwarzer Kunst zu fliehen versuchen würde, wogegen jener feste Zwinger das beste Bollwerk wäre. Also wurden Lux und Lisutt eines Morgens in den Turm gebracht, in dessen pechdunkelm Innern eine Wendeltreppe mit hohen steinernen Stufen zu einer kahlen Stube mit einem Guckfenster nach jeder Himmelsrichtung führte.
Das Bewußtsein, nicht mehr im Gefängnis, sondern eigentlich im Hause des Bischofs zu sein, an dessen Gutmütigkeit sie immer noch glaubte, vor allem das Gefühl der Einsamkeit in der Höhe zwischen den winterlichen Lüften tat Lux wohl; sie hob Lisutt auf ihre Schulter, ließ sie durch die vier Gucklöcher sehen, küßte sie ungestüm und fing allerlei Spiele mit ihr zu spielen an mit mehr Fröhlichkeit, als sie seit langem getan hatte, so daß Lisutts Jauchzen zwischen den dicken Mauern erklang, wie wenn ein kleiner Vogel sich darin verflogen hätte und zwitscherte. Nach einigen Stunden jedoch stellte sich Müdigkeit und Hunger ein, und mit minderer Lust als im Anfang erzählte Lux Märchen und Schnurren, damit das Kind nicht zu essen verlangte, bevor sie ihm etwas zu geben hätte. Dann, nachdem es gemerkt hatte, was ihm fehlte, und herzlich nach Brot und Wasser verlangte, galt es allerlei zu ersinnen, um es zu vertrösten und zu zerstreuen; aber zwischen dem Sprechen senkte sich dunkle, unheimliche Furcht auf ihr Gemüt. Wenn sie nach der Treppe horchte, ob kein Schlurfen von Schritten käme, war es drinnen still wie Stille im Grabe, die unendlich und unabänderlich ist. Früh kam die Dämmerung und brachte wachendes Bewußtsein der Kälte und Verlassenheit mit sich; Lisutts Tränen stürzten nun unaufhaltsam, die sie bisher im Gefühle, wie weh sie ihrer Mutter taten, bitterlich kämpfend hatte zurückhalten können.
In Lux war Staunen und Schrecken: es hätte sie nicht verwundert, wenn ein neuer schöner Stern über dem unschuldigen Haupte ihres Kindes aufgegangen wäre und Könige und Weise ihm Gaben gebracht und ihm gehuldigt hätten; anstatt dessen sollte es auf nackten Steinen verhungern. Sie fühlte ihr Herz voll der reichsten, stärksten, tapfersten Liebe, und nichts konnte sie tun, um das vergötterte Kind vor grausamen Leiden zu retten, nicht so viel wie der Tod, der Feind der Menschen, der es erlösen könnte, indem er es ihr entriß. Frühlingstage und Sommertage waren gewesen, wo die Leute, wenn sie das süße Antlitz unter Blumenkränzen hervorlachen sahen, stehen blieben und es grüßten und segneten, wie man Leben, Sonne und Jugend segnet. Sie konnte es nicht fassen, daß jene Tage gewesen waren und daß dieser war.
Mit der Dunkelheit wurde es kälter, und der Wind, der lauter und schneller daherfuhr, blies durch die Fensterluken; es war Lux, als jagte der Tod auf wieherndem Roß in engen, immer engeren Kreisen um den Turm, um ihr die Seele der kleinen Lisutt zu entführen. Sie nahm das Kind, das allgemach von Erschöpfung überwältigt war, so daß es nicht mehr weinte, und stellte sich mit ihm an ein Fenster: da lag in kalter, heller, glorreicher Wintereinsamkeit der Berg, den sie von ihrem Häuschen aus täglich gegenüber gesehen hatten, und deutlich schimmerte der nackte Pfad, der sich geduldig an ihm in die Höhe wand. »Siehst du?« flüsterte Lux, »da werden wir, wenn wir noch eine kleine Weile still warten, zusammen in den Paradiesgarten hinter dem Berge gehn, wo der Himmelvater wohnt und uns Milch und Honig gibt, so viel wir mögen.« Lisutt nickte und lallte träumerisch: »Da werde ich deine Mutter sein und dich niemals hungern und dürsten lassen.« Lux zog ihre Jacke ab, um ein notdürftiges Bett für das Kind daraus zu machen, und sie hatte es kaum darauf gelegt, als es in einen Schlaf fiel, der erst sehr tief war, dann rastlos und fieberisch wurde. Sie selbst lag daneben auf dem Steinboden, zu besorgt um Lisutt, um das Nagen und Zehren des eignen Hungers zu spüren, aber schwach, mit flackernder Seele, bald in Träume, bald in Phantasien, bald in Betäubung hingerissen.
Sie sah Lisutt vor sich, wie sie als Säugling mit zahnlosem Mündchen ausgesehen hatte, das begehrlich schnuppernd ihre Brust suchte, und dachte, wie göttlich es gewesen war, sich dem geliebten Geschöpf selber zu Speise zu geben. Dann dachte sie an die alte Resi, wie sie jetzt im Bett lag, klein, holzdürr und holzbraun, mit traurig verrunzeltem Gesicht, eine krumme, empfindungslose Hand, die man nicht anrühren konnte, ohne zu weinen, auf der sauberen Bettdecke. Dann dachte sie an den hinkenden Klaus, der die weißen Stoppeln auf dem ledernen Gesicht hatte, wie er sich mit seinem Stumpf von der einen auf die andre Seite wälzte, ohne Schlaf zu finden, von stechenden Schmerzen und grämlichen Gedanken gepeinigt. Dann dachte sie an Brun, seinen reinen, festen Blick und sein unbeirrbares Herz, und was er jetzt einsam und verschwiegen um sie leiden würde. Dann wieder dachte sie, daß alles das bald nichts mehr für sie bedeuten würde, wenn sie mit Lisutt in jenes Tal hinübergegangen wäre, wo die Welt jenseit aller Gedanken bliebe, und dies Bewußtsein durchdrang ihr auf Augenblicke Leib und Seele mit Entzückung wie ein berauschender Stoff; aber es wich sogleich einem krampfhaften Schauder und dem Gedanken, daß sie leichten Herzens alle Himmel hingeben würde, um noch einmal Lisutt in ein goldbraunes, knuspriges, wohlriechendes Brot beißen und essen sehen zu können. Zwischen allen diesen hastigen Vorstellungen hörte sie den Tod, der um den Turm herumjagte und sang: Zu mir, o Leben, zu mir komm! Lachendes, grollendes, klagendes, ewig schönes Leben, ich liebe dich! In Purpur und Flören und Fetzen, o Leben, liebe ich dich! Ich singe Nacht für Nacht unter deinem Fenster und erzittre, wenn du eine Rose von deinem Haupt auf meine Brust wirfst!
Daß Lux und ihr Kind in solcher Weise vernachlässigt wurden, hing folgendermaßen zusammen: der Bischof hatte Befehl gegeben, daß niemand sich in die Bewachung und Bedienung der Gefangenen einmische, die er sich selbst vorbehalten habe, aber es fügte sich, daß er sich länger, als er gemeint hatte, bei der Hermenegilde, der er eben an diesem Tage einen Besuch abstattete, verweilen mußte. Die Kammerfrau, die mit ihm im Einverständnis die Entfernung des Neugeborenen besorgt hatte, spiegelte der Wöchnerin vor, daß das Kind zur Schonung ihrer Gesundheit zunächst von ihr getrennt bleiben müsse, fand indessen damit wenig Anklang bei Hermenegilde, denn diese war jetzt durch und durch in Mutterliebe entbrannt, sprach von allen Männern ohne Ausnahme mit Geringschätzung, und es kostete die erdenklichste Mühe und Gewandtheit, um sie im Bette zu halten. Wonnebald litt an ihrer Seite scharfe Höllenpein sowohl durch die augenblicklichen Angriffe, mit denen Hermenegilde ihm zusetzte, wie durch die Angst vor der weiteren Entwicklung der Dinge, und dachte zwischendurch mit Groll und manchem Seufzer an Lux, die wegen ihrer albernen Sprödigkeit schuld an dieser Not wäre.
Nichtsdestoweniger verharrte er in der Absicht, die Flucht der Gefangenen zu bewerkstelligen, und nachdem er am späten Nachmittag zurückgekehrt war und sich bei einer kräftigen Mahlzeit von der Strapaze und Gemütsbewegung erholt hatte, schritt er zur Ausführung des Planes. Als er ins Freie trat, blies ihm der Wind so stark entgegen, daß er den Mantel, den er umgehängt hatte, fester zusammenfaßte und die Kapuze über den Kopf zog, worauf er entschlossen über den freien Platz eilte, der zwischen dem Hauptgebäude der Burg und dem Turme sich erstreckte.
Nun traf es sich, daß Lando, der schon seit einiger Zeit mit dem Vorsatz umging, die einst Geliebte, wenn auch nicht für sich zu befreien, worüber er mit dem Schicksal nicht mehr streiten wollte, wenigstens doch vor Schande und vielleicht gar gewaltsamem Tode zu bewahren, ebendieselbe Stunde wie der Bischof gewählt hatte, um das Rettungswerk zu verwirklichen. Er hatte, sowie Lux in den Turm geführt war, eingesehen, daß die Gelegenheit jetzt günstig wäre, sich Werkzeuge verschafft, um das Torschloß zu erbrechen, und sich dann in das leerstehende Häuschen des alten Bernkule begeben, um die Zeit bis zum Hereinbrechen der Dunkelheit mit wehmütigen Träumereien zu betrügen. Er setzte sich an das Fenster, wo Lux viele Male mit ihm gekost und geflüstert hatte, und versenkte sich in die Wonnen der Vergangenheit, bis ihn der brummende Schlag der Burguhr weckte und ermahnte, sein Vorhaben zu beginnen. Die Nacht war nicht so dunkel, wie er hätte wünschen mögen, allein es war rings kein Mensch wahrzunehmen, und die Burg war unerleuchtet, wie wenn bereits alles schliefe. Gerührt und hingerissen von der Betrachtung, daß er das unglückliche Weib in kurzem wiedersehen würde, um sich sofort auf immer aus ihren Armen zu reißen, ging er mit verschlossenen Sinnen vorwärts, als er, eben der Pforte des Turms sich nähernd, einen Schritt hörte und in derselben Entfernung vom Turm, wie er selbst war, den Bischof erblickte, der gleichzeitig seiner gewahr wurde. Es schoß beiden eine Reihe von Empfindungen des Ärgers und der Eifersucht durch den Kopf, vor allem aber beherrschte einen jeden der Wunsch, er möchte vom andern nicht bemerkt worden sein, und obwohl dies dem Augenscheine nach durchaus unmöglich war, machten sie doch unwillkürlich eine Wendung von der Tür weg, so daß sie einander den Rücken zukehrten, und setzten eilig und beflissen ihre Wege in entgegengesetzter Richtung fort. Es konnte nun so scheinen, als ob sie, von den Reizen der Novembernacht angezogen, einen Spaziergang unternommen und dabei den Turm gestreift hätten, worauf sie nach einigen beliebigen Umwegen wieder unter das schützende Dach zurückgekehrt wären, was freilich in Wirklichkeit keiner vom andern glaubte. Sie hörten einander heimkommen und zu Bett gehen, und jeder horchte aufmerksam, ob sich noch etwas mit dem andern begäbe; auf diese Weise verhielten sich beide still und wachsam, bis sie endlich über dem anhaltenden Aufmerken einschliefen.
Es verstand sich von selbst, daß die Befreiung nunmehr bis zum nächsten Abend, wo das Dorf wieder in der Dunkelheit schlief, verschoben werden mußte, und inzwischen dachten Wonnebald und Lando darüber nach, unter was für einem Vorwande sie den andern zur betreffenden Stunde von der Burg entfernen könnten. Plötzlich indessen wurden sie durch ein überraschendes Ereignis von ihren Vorbereitungen abgelenkt: unangemeldet nämlich erschien der Erzbischof von Casalba auf der Burg, der nicht länger davon abstehen wollte, das Treiben seines Neffen sowohl wie des Bischofs durch eigne Anschauung zu untersuchen. Dem Bischof, der den Tag übellaunig begonnen hatte, kam die Zerstreuung erwünscht, und er ließ köstlich auftischen; aber Giselbert frühstückte mäßig und schnell und ging sogleich zur Besprechung der vorliegenden Angelegenheiten über, zunächst des Hexenprozesses, den er für ein anstößiges und bedenkliches Gemächte erklärte. Wonnebald brachte manches vor über die Gefahren des Zauberns, über die Neigungen und Gewohnheiten des Teufels und über Kobolde und Gespenster im allgemeinen, worüber es dem Erzbischof heiß und absonderlich zumute wurde, da er es für nichts andres als den Ausfluß blöden Aberglaubens halten konnte. Es schwante ihm, daß er Pück seinerzeit nicht treffend eingeschätzt und nicht an den rechten Platz gestellt habe, und er sagte sich, daß es jetzt an ihm sei, den verfahrenen Karren, wenn irgend möglich, ohne Lärm und Aufhebens aus dem Sumpfe zu heben. Darum ließ er die Frage selbst unerörtert und sagte nur, daß man auch die beste Sache nicht in schroffer Weise und bis zum äußersten führen dürfe, daß Formen veralteten und daß es wesentlich sei, nicht zum Trotz der allgemeinen Meinung an solchen festzuhalten, schließlich, daß man es aufgeben müsse, mittelalterlichen Brauch und Glauben bis aufs letzte Tüpfel wieder lebendig machen zu wollen. Wonnebald war schlau genug, die Meinung des Erzbischofs herauszuwittern, und beeilte sich, zu versichern, daß er ebenso denke, aber einer Partei habe nachgeben müssen, die im Lande mächtig sei und an deren Spitze der Medizinalrat von Boll stehe. Dieser sei ein fanatischer und blutdürstiger Charakter und würde ganz anders gewütet haben, wenn er, der Bischof, ihn nicht einigermaßen im Zaume gehalten hätte; auch hätte er bereits daran gedacht, die Zauberin entweichen zu lassen, damit der Prozeß hängen bleibe und die böse Sache im Sande verlaufen könne. Damit erklärte sich der Erzbischof einverstanden, nur müsse vermieden werden, sagte er, daß Lando der Person wieder in die Arme liefe, den sie in Tat und Wahrheit verzaubert zu haben scheine.
Er fand jedoch Lando, den er nun zu sich beschied, ruhiger und zugänglicher, als er sich nach seinem Briefe vorgestellt hatte: bei allen Anzeichen äußerster Melancholie und Hoffnungslosigkeit zeigte er sich doch willig, nicht nur auf die Geliebte zu verzichten, sondern auch dem Oheim in seine Residenz zu folgen, vielleicht sogar die ihm zugedachte Braut zu heiraten, die Giselbert ihm als krank vor Sehnsucht und mit mädchenhafter Scham verhülltem Kummer überaus anziehend schilderte. Mit feucht umflorten Augen und tiefer als sonst herabhängender Unterlippe versprach er dem Erzbischof, sich seinen Wünschen fügen zu wollen, da er sowieso den Möglichkeiten des Lebens nichts mehr nachfrage, wenn ihm dagegen verbürgt würde, daß die Geliebte ungekränkt entfliehen und ihr ferner nicht nachgestellt werden solle, worauf der Erzbischof nach einigem gespielten Bedenken und Zögern einging. Er streichelte seinen Neffen zärtlich und fing, um ihn zu zerstreuen, ein Gespräch über die Torheiten des Bischofs an, worauf Lando lustiger und gesprächiger wurde, freilich ohne seine Schwermut abzulegen, so daß auf dem schwarzen Grunde seine frechen Witze desto blendender funkelten.
Nachdem es beschlossene Sache war, daß Lux entfliehen sollte, überlegte sich der Erzbischof, daß es weiser wäre, anstatt Wonnebald oder Lando mit der Ausführung des Werkes zu betrauen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, wodurch zugleich eine gewisse Neugierde, die er empfand, befriedigt werden würde. Da es infolge seiner Frage, wer die Aufsicht und Verpflegung der Gefangenen im Turme besorgt hätte, herauskam, daß sie nicht nur am laufenden, sondern auch am vorigen Tage ohne Nahrung geblieben waren, erklärte der Erzbischof, nun nicht bis zum Untergange der Sonne warten zu wollen, bis er hinüberginge, besonders weil es sich um ein kleines Kind handle, das einer solchen Entbehrung leicht erliegen könne. Die Bestürzung Wonnebalds zeigte deutlich an, daß dem Versehen nicht mörderische Absicht, sondern Vergeßlichkeit zugrunde lag, weshalb es der Erzbischof bei einem kurzen, scharfen Fluch, der in vornehmen Kreisen gebräuchlich war, bewenden ließ und schnell von der bischöflichen Tafel Fleisch, Brot, Leckereien, Obst und Wein zusammenraffte und in einen Korb packte, um ihn den Darbenden zu bringen.
Der Aufstieg der steilen Treppe nahm ihm den Atem, so daß er mehrere Male keuchend stehen bleiben mußte; doch beschleunigte er die Schritte immer wieder, so gut er konnte. Beim Eintritt in das Turmstübchen sah er sogleich die Frau und das Kind allem Anschein nach bewußtlos auf dem Boden liegen; doch richtete sich Lux ein wenig auf und sah ihn aus tief umschatteten Augen so traurig an, daß sich sein Herz vor Mitleid und Grauen zusammenzog. Er kniete schnell neben ihr nieder und setzte die Weinflasche an ihre Lippen, indem er sie mit dem Arm unterstützte; erst als sie getrunken hatte, bemerkte er, daß ihr Hemd offen stand und Hals und Brust sehen ließ, und das Blut stieg ihm langsam in die zarten, verwelkten Wangen. Schleunig beugte er sich über das Kind, das still mit halb offenen Augen dalag, und über dessen Körper dann und wann ein kleines Zucken lief, rieb seine Schläfen mit Wein und versuchte, einige Tropfen in das offene Mündchen fließen zu lassen, während welcher Bemühungen Lux anfing zu weinen, und je eifriger er sich bemühte, desto leidenschaftlicher schluchzte. Allgemach belebte sich Lisutt und konnte dazu gebracht werden, daß sie ein wenig Brot und Fleisch aß, worauf sie sich zusehends erholte, ihre Mutter und den fremden Mann betrachtete und diesen mit freundlich ernstem Blick und zutraulichem Nicken fragte: »Bist du der Himmelvater?« Dem Erzbischof kamen Tränen in die Augen, und er bückte sich ein wenig, um eine von den kältestarren Händen der Kleinen zu ergreifen und sie an sein Gesicht zu drücken, was sie sich feierlich froh gefallen ließ.
Während Giselbert Geld zwischen die Lebensmittel im Korbe versteckte, Lux Anweisungen gab, welchen Weg sie einschlagen und wohin sie sich wenden sollte, dann wieder Lisutt vorsichtig mit kleinen Bissen fütterte, war es Abend geworden, und er mahnte zum eiligen Aufbruch. Auf der Treppe jedoch gab es einen Aufenthalt: denn unten war Brun, der, obwohl er sich kaum auf den Beinen halten konnte, als er seine Mutter herunterkommen hörte, ihr entgegenging und an ihren Knien zusammenbrach. Es stellte sich heraus, daß er, sowie Lux in den Turm geführt worden war, sich dorthin geschlichen und in dem Gebüsch, das ihn umgab, versteckt gehalten hatte, in der Hoffnung, bei irgendeiner Gelegenheit hineinschlüpfen zu können, jedenfalls aber ihre Gefangenschaft freiwillig zu teilen und, wenn auch von ihr ungesehen und ungeahnt, ihr nah zu sein. Nachdem er mit Essen und Trinken ein wenig gestärkt war, verlangte er Lisutt zu tragen, mußte sich aber mit dem Korbe begnügen, da Lux die Kleine nicht aus den Armen lassen wollte. Der Erzbischof sah den dreien nach, wie sie sich den schlängelnden Pfad des Burghügels hinunterbewegten, bald verschwindend, bald von neuem auftauchend, bis er sie nicht mehr erkennen konnte, und ging dann langsam ins Haus zurück.
Am Kopfe der Brücke, die unweit des Wassersturzes über den Strom führte, hatte sich Lando aufgestellt, um Lux, wenn sie hinüberginge, das letzte Mal zu sehen, ihr Lebewohl zu sagen und vielleicht noch einmal ihre Hand zu drücken und ihren Mund zu küssen. Er wartete mit klopfendem Herzen und in prickelnder Erregung, die ebenso lieblich wie peinlich war; allein als er sie kommen sah, in einer Bewegung, wie ein Sturmvogel leicht und kräftig durch milde, nasse Luft schneidet, das helle Gesicht dem kalten, schwarzen Himmel, die Augen dem gegenüberliegenden Berge zugewendet, empfand er plötzlich bitteres Weh im Herzen und weinte verstohlen auf den hölzernen Pfosten, an den er sich so dicht preßte, als ob er eins mit ihm wäre. Lux hätte ihn ohnehin nicht gesehen, oder wenn sie ihn gesehen hätte, nicht erkannt oder nicht beachtet; nichts war da für sie, außer sie selbst und die beiden getreuen kleinen Wesen, die sie nah bei sich fühlte, miteinander getragen und gehalten von der Erde und der Luft und dem Wasser, die sie rauschend, atmend, zitternd, wissend umgaben. Eben als sie über die Brücke gingen, erwachte Lisutt, vielleicht durch das Dröhnen des Wassers, und sagte verschlafen, indem sie, wie es ihre Gewohnheit war, ihr weiches Gesicht mit der kalten Nase in den Hals ihrer Mutter grub: »Du riechst gut!« worauf sie sofort wieder einschlief. Es kam Lux eine unwiderstehliche Lust an zu lachen, daß es von dem breiten Bergrücken widerhallte, die Frostluft über dem winterlich schlafenden Dorfe durch lautes, jauchzendes Geschrei zu erschüttern; aber sie hielt an sich und drückte nur Bruns magere Hand und Lisutts leise schmorenden Körper fester.
Die Einwohnerschaft von Klus war noch in Aufregung über die Flucht des Schermäusers, welche offenbar durch Magie oder schwarze Kunst war bewerkstelligt worden, als eine weit ärgere Neuigkeit laut wurde: die Stiftsdame Hermenegilde nämlich, die inzwischen der Beseitigung ihres Kindes auf die Spur gekommen war, erschien auf dem Rathause und rief den Bischof als ruchlosen Bösewicht aus, der nicht nur der Millionenmaria die Krone gestohlen, sondern dazu noch einen Unschuldigen des Verbrechens bezichtigt habe. Um ihre Aussage gehörig zu bekräftigen, wies sie eine Handvoll Rubine, Saphire und andrer Edelsteine vor, die er ihr geschenkt habe, und die allerdings als zu dem vermißten Heiligtume gehörig erkannt wurden. Das Diadem selbst, sagte Hermenegilde, würde sich zweifelsohne im Besitze des Bischofs finden, der sich ohne Erröten als Entwender desselben ihr gegenüber bekannt habe, und auf Befragen, warum sie sich zur Hehlerin eines solchen Frevels gemacht habe, gab sie an, daß in ihrer Brust ein langes Kämpfen verschiedener Pflichtgefühle, als der Rücksicht gegen ein hohes geistliches Haupt und den Bischof, ihren Beichtvater, insbesondere, der Wahrheitsliebe, der Nächstenliebe und mehr dergleichen stattgefunden, und daß eben jetzt das Mitleid mit dem fälschlich Beklagten, von dessen Flucht sie noch nichts gewußt hätte, gesiegt habe.
Diese Aussage der von Mutterliebe und Rachsucht gestachelten Hermenegilde setzte die Justiz von Klus in unerträgliche Verlegenheit, und sie hätten die peinliche Angelegenheit vielleicht vertuscht, wenn nicht einige Herren darunter gewesen wären, die, scharf und scheel, immer bei der Hand waren, wenn es galt, der Geistlichkeit etwas aufzumutzen, und wenn die Stiftsdame nicht bereits wie eine gackernde Henne von Haus zu Haus gegangen wäre, um ihr faules Geheimnis in jedes offene Ohr zu legen.
Es wäre nicht unnatürlich gewesen, wenn der Bischof, durch das rasch verbreitete Geschwätz gewarnt, die verräterische Krone auf die Seite gebracht hätte, bevor eine Untersuchung in Gang kam; aber er war an diesem Tag abwesend, weil er den Erzbischof in seiner großen Kutsche bis zur nächsten Eisenbahnstation begleiten mußte, die mehrere Stunden weit entfernt lag, und kam erst zurück, als sich bereits einige Gerichtsbeamte in seiner Wohnung festgesetzt hatten, um sie nach dem heiligen Gegenstande zu durchstöbern. Wonnebald war zu überrascht, um seinen Schrecken verhehlen zu können, und warf sich laut ächzend in einen Sessel, von dem aus er die Nichtswürdigkeit der Hermenegilde verwünschte, die es nicht für zu entmenscht hielte, einen treuen Freund, Vater, Berater und Seelsorger öffentlicher Schande preiszugeben. Die Herren hörten diese Klage achtungsvoll im Hintergrunde mit an, wagten aber endlich, sie durch die Bitte um Schlüssel zu unterbrechen, mit denen sie die Kasten, Schränke und Türen öffnen könnten, worauf Wonnebald mit müder Handbewegung auf eine silberne Truhe deutete, in der sich ein Schlüsselbund befand. Während sie damit hantierten, fuhr er fort zu jammern, daß er schon am vergangenen Tage durch den Besuch des Erzbischofs aus seinen Gewohnheiten herausgerissen sei, daß er in aller Frühe habe aufstehen müssen, um im Wagen Knochen und Eingeweide durcheinander geschüttelt zu bekommen, daß man ihm in der Bahnhofswirtschaft ein Huhn vorgesetzt habe, das fader als gekochtes Kalb gewesen sei, und einen Wein, der wie Blausäure und Essig geschmeckt habe, daß er keine Mittagsruhe habe halten können, und daß er nun, da er gehofft habe, sich endlich wiederherstellen zu können, in eine solche Wirtschaft gerate, so daß er sich in Wahrheit einen großen Märtyrer und Leidensgenossen nennen dürfe.
Unterdessen war die Messingkrone in einem Ofenloch gefunden worden, das Wonnebald im Laufe des Sommers als Rumpelkammer zu benutzen pflegte, und das zufällig noch nicht gebraucht war, und die Herren entfernten sich, indem sie dem Bischof höflich empfahlen, die Burg nicht zu verlassen, deren Ausgänge übrigens mit Polizeisoldaten besetzt wurden. Wonnebald atmete auf, als die Störenfriede sich entfernt hatten, und da er der Meinung war, es würde töricht sein, nachdem das Schicksal ihn dermaßen gepeinigt habe, sich freiwillig weiter zu kreuzigen, ließ er sich eine auserlesene Abendmahlzeit auftragen und schlief gut gesättigt bis in den lichten Morgen. Es zeigte sich, daß dies eine glückliche Maßregel gewesen war, denn während er bei frischen Kräften den Morgenkaffee zu sich nahm, kam ihm ein vortrefflicher Einfall, mit dessen Hilfe er sich aus dem Netz zu ziehen hoffte, das man ihm umgeworfen hatte. Bald darauf wurde er im Wagen abgeholt, um auf das Rathaus geführt zu werden, was nur langsam vonstatten ging, da brüllendes Volk das Gefährt umdrängte, um ihn zu beschimpfen und womöglich zu ermorden, der, ohne seine Furcht merken zu lassen, die Menge mit milder Gebärde durch das verschlossene Fenster segnete.
Die Entrüstung über die offenbare Schandtat des Bischofs war ohne Maß. In Hinsicht der Art, sie aufzufassen, bildeten sich zwei Parteien, von denen die eine glaubte, er habe mit dem Schermäuser unter einer Decke gespielt, ihm nur zum Schein den Prozeß gemacht und schließlich zur Flucht verholfen, während die andre behauptete, der Jüngling sei unschuldig gewesen und als Opfer des Bischofs zu betrachten, der ihm das eigne Verbrechen aufgehalst habe. Das Ergebnis war bei beiden Parteien das gleiche, nämlich, daß der Bischof ein fluchwürdiger Charakter und Wolf im Schafspelze wäre, für den keine der gewöhnlichen Strafen, sei es Hängen oder Halsabschneiden, hinreichend wäre. Niemand war so erbost wie der Medizinalrat, der, während einige darauf bestanden, dem Bischof von Anfang an mißtraut und den jugendlichen Maulwurffänger im Herzen bemitleidet zu haben, frei bekannte, daß er sich habe täuschen lassen und sich dessen nicht schäme, da es dem schwarzen Herzen ein leichtes sei, die Reinen zu betrügen. Ein Lamm, das in den Mist falle, sagte er, bleibe noch unter dem Unflat ein unschuldiges, weißes Lamm, und so sei es mit der Kirche, die aller Unflat, mit dem niederträchtige Diener sie beschmutzten, nicht entstellen könne; freilich gäbe es schwache Seelen, die sich durch solchen zufälligen Schmutz irremachen ließen, und darum seien die Urheber des Unflats die gottlosesten unter den Sündern und müßten auf langsamem Feuer geröstet oder mit glühenden Zangen gezwickt und zerrissen werden.
Der Bischof hatte in einem kleinen Saale, wo man ihn warten ließ, Muße, sich zu sammeln, und erschien in würdevoller Fassung vor den düsterblickenden Herren, die seine Aussage protokollieren sollten. Er blickte still und rätselhaft über ihre Köpfe weg, während sie ihm vorlasen, aus was für einem Grunde er verhaftet wäre, und entgegnete auf ihre förmliche Aufforderung, er könne sich wohl verantworten, wolle es aber an keiner andern Stelle tun als in seiner Kirche und vor seinem Volke, welches ein Recht darauf habe, die Wahrheit aus dem eignen Munde seines Hirten zu vernehmen. Einer der Herren, welche Kirchenfeinde waren, erwiderte unwirsch, das sei ungesetzlicher Firlefanz und könne nicht gestattet werden; da aber der Bischof, immer noch still über die Köpfe wegblickend, erklärte, er sei mit allem zufrieden, was ihm auferlegt würde, und könne schweigen, bis es Gott gefalle, ihren Willen umzuwenden, entschied die Mehrheit, daß ihm willfahrt werden solle, und es wurde bekanntgemacht, daß der Bischof in der Kirche vor allen, die es hören wollten, sich wegen der gegen ihn vorliegenden Beschuldigung verantworten würde.
Es wirkte auf das Gemüt eines jeden versöhnend, daß der Bischof auch ihm das Bekenntnis seiner Schuld oder Unschuld ablegen wolle, und keiner dachte daran, sich seinem Wunsche zu versagen, so daß die Wallfahrt den Burghügel hinan kein Ende nahm und nicht nur die Kirchenschiffe, sondern auch die anstoßenden Räumlichkeiten von tiefbewegten Christen voll wurden. Der Bischof hatte bis zur festgesetzten Stunde im Rathause verbleiben müssen, doch hatte man ihm auf sein Verlangen sein veilchenfarbiges Prachtgewand geholt, mit welchem bekleidet er dann glanzvoll aus einer Seitenkapelle in die Kirche hereinbrach. Kaum erschienen, tauchte er wiederum vor einem halbverborgenen Altare unter und kauerte dort eine Viertelstunde in augenscheinlichem Gebete, während welcher Zeit die Menge in andächtigem Schweigen verharrte und die wenigen, die vorlaut pfeifen wollten, murrend zur Ruhe verwies. Nach Beendigung des stillen Gebets bestieg der Bischof eine niedrige Kanzel, welche mehr zur Zierde als zum Gebrauch da war, betete nochmals mit aufgehobenen Händen lautlos und begann nach diesen Vorbereitungen eine Rede, in welcher er sich etwa folgendermaßen verbreitete:
»Ach, wie veränderlich ist die Zeit! Ach, wie wechseln Glück und Unglück im verschlungenen Reigen! Hier, wo ich als euer Hirt und Vater stand und euch segnete, stehe ich jetzt wie ein armer Sünder, wessen angeklagt? Gestohlen soll ich haben wie ein Räuber! Meine Kirche soll ich beraubt haben wie ein wütender Skorpion, der den eignen Schwanz frißt! Ihr Kleingläubigen, ihr seid schuld, daß ich meine Zunge entsiegeln, meine Seele entblößen und schamrot werden muß. Hört, was sich an jenem gebenedeiten Tage begeben hat, den ihr für einen Tag des Diebstahls und der Schande haltet.
Eine lange Nacht durch hatte ich schlaflos mit Zweifeln gekämpft, wie ich oft zu tun pflege, ob ich Wurm vor Gott würdig sei, die Herde der Menschen mit geistlichem Stabe zu lenken, und unter vielem Tränenvergießen und Händeringen forschte ich in mir nach den Tugenden des vollkommenen Christen. Hast du, fragte ich mich, alle zehn Gebote gehalten? Hast du deinen Nächsten wie dich selber geliebt? Wie ist es mit der Reue? Wie ist es mit der Buße? und so weiter und weiter, bis mir der Schweiß von den Schläfen tropfte und ich zu ersticken glaubte, weswegen ich vom Bett aufstand und mich in die Kirche begab, um Gott als Schiedsrichter zwischen mir und meinem Gewissen anzurufen.
Als ich an der Kapelle der himmlischen Mutter vorüberkam, zog es mich wundersam, daß ich nicht unterlassen konnte, vor der fürbittenden Jungfrau niederzuknien, und heftig betete, sie möchte mir ein Zeichen geben, ob ich des hohen Amtes, das ich bekleide, würdig sei. Nicht lange hatte ich in solcher Weise gebetet und geweint, als sie plötzlich den hochheiligen Arm bewegte, an ihre Krone langte, sie lüftete und mir armen Sünder auf den gebückten Kopf setzte. Ich jauchzte und triumphierte nicht, sondern schauderte, als ob das Heiligtum mich zermalmen sollte! O der Gnade! O der unverdienten Gnade! Ferne sei es von mir, so dachte ich, mit der Gunst Gottes wie mit einem Orden zu prahlen! Ich verbarg die Himmelsgabe und begoß sie stündlich mit inbrünstigen Tränen, wobei ich bereits am folgenden Tage entdeckte, daß die beiden größten Steine, die das weihevolle Diadem zierten, entwendet worden waren. Nachdem ich für die Seele des Diebes gebetet hatte, nahm ich, um nicht noch ein irrendes Schaf in Versuchung zu führen, sämtliche übriggebliebene Edelsteine und händigte sie der Stiftsdame Hermenegilde ein, damit sie aus dem Erlös die Nackten kleide und die Hungernden speise, ihr, die mich heute mit falscher Zunge zu durchbohren sucht.
Teure Gemeinde, glaubst du ihr oder mir? Glaubst du, ich könnte im Hause Gottes lügen? Würde mich nicht auf der Stelle sein Blitz zerschmettern, wenn ich lästerte? Aber tut mit mir, was ihr wollt; konnte die Mutter Gottes den Arm heben, um mir die Krone aufzusetzen, wird Gott sich nicht minder regen können, um mich mitten aus brennendem Feuer oder aus kochendem Öl herauszuholen.«
Nach einigen andern prahlerischen Redensarten dieser Art beendete der Bischof seine Rede, die er durch gewaltige Gebärden ausgeschmückt und dann und wann durch lautes Weinen unterbrochen hatte, worin das Volk andächtig einstimmte, so daß ein hörbares Schluchzen und Glucksen durch die Kirche rauschte. Viele von den Anwesenden fielen vor Inbrunst auf die Knie und bekreuzten sich eifrig, und als Wonnebald von der Kanzel herunterkam, rutschten sie zu ihm hin, küßten sein Gewand und baten um seinen Segen, den er rüstig und flink aus dem Handgelenk, wie es seine Art war, rechts und links austeilte. In der Meinung, durch die Stimme des Volkes von jedem Verdachte freigesprochen zu sein, begab sich der Bischof sogleich durch einen zu seiner Wohnung gehörenden Gang nach Hause, woran ihn auch niemand hinderte, da ein solcher ohne Zweifel durch die begeisterte Volksmenge in Stücke zerrissen worden wäre.
Die Gebildeten waren keineswegs von der Wirklichkeit des geschilderten Wunders überzeugt, aber durch das schwungvolle Benehmen des Bischofs einigermaßen in Verwirrung gesetzt und warfen einander stillschweigend Blicke zu, die ebensowohl nachdenkliche Rührung über einen solchen Beweis von Übernatürlichkeit wie Erstaunen über die Unverschämtheit des Schwindels bedeuten konnten. Da sich indessen ein fortwährend wachsendes Glaubensfeuer im Volke offenbarte, hielten es die meisten für ratsam, keine dem Gottesliebling nachteilige Äußerung laut werden zu lassen, besonders nachdem der Medizinalrat wiederum bewiesen hatte, wie schön auch dem Manne frommer Kindersinn anstehen könne. Diese feurige Natur nämlich entbrannte bei Enthüllung der bischöflichen Makellosigkeit und seiner überirdischen Krönung sofort in andächtigen Eifer und beanspruchte für sich nur den Ruhm, vor aller Welt zum Besten der Kirche von dem stattgehabten Wunder Zeugnis abzulegen.
Gab es ein Herz, das noch mehr als das seine durch den Einblick in ein auserwähltes Gemüt war entflammt worden, so war es das der Stiftsdame Hermenegilde, deren Gefühl plötzlich einen neuen Umschwung, von der Mutterliebe zur Gottesminne, nahm. Die Erkenntnis, aus selbstsüchtiger Rache einen hochehrwürdigen und geradezu heiligen Mann beinahe ins Verderben gestürzt zu haben, erfüllte sie mit Reue und Sehnsucht, so daß sie sich dem Angebeteten schon in der Kirche zu Füßen geworfen hätte, wenn das Gedränge um seine Person nicht zu groß gewesen wäre. Schmelzend vor Zerknirschung suchte sie in seine Wohnung vorzudringen, allein ungeachtet ihrer demütigen Versicherungen blieb Wonnebald taub, freilich nicht ohne eine künftig wiederkehrende Gnadenzeit in tröstliche Aussicht zu stellen.
Als dem Erzbischof das Gerücht sowohl der gegen den Bischof erhobenen Anklage wie seiner Verantwortung zu Ohren kam, seufzte er mehrere Male und verwünschte im Innern Wonnebald und denjenigen, der ihm zum erstenmal seinen Namen genannt hatte. Am meisten plagte ihn der Ärger über sich selbst, daß er sich in der Beurteilung und Behandlung des Menschen so arg vergriffen habe, indessen auf einem Spaziergang, den er nach vollbrachten Tagesgeschäften unternahm, beruhigte er sich ein wenig durch die Betrachtung, daß ihn eine solche Erfahrung vielleicht vor Selbstüberhebung schützen sollte, daß außerdem Dummheit und Dreistigkeit zuweilen das beste Echo aus der Welt herauslockten und also auch diesmal vielleicht die Spitzbüberei des Bischofs der Kirche mehr zum Nutzen als zum Schaden gereiche. Vollends als an den folgenden Tagen Nachrichten einliefen, wie sich infolge des Wunders das kirchliche Leben in Klus verdoppelt und verklärt habe, ertappte er sich des öfteren bei einem unwillkürlichen Lächeln und machte sich selbst das Zugeständnis, daß er mit Wonnebald zwar viel gewagt, aber am Ende denn doch das Richtige getroffen habe. Zwar entsprach es seinem Geschmack, sich persönlich so wenig wie möglich mit dem wundertätigen Benehmen der Millionenmutter einzulassen, doch unternahm er auch nichts dagegen und ließ der Begeisterung ihren Lauf, und wenn er es nicht umgehen konnte, sich darüber zu äußern, tat er es vorsichtig und in feinen Wendungen, wie daß bei Gott kein Ding unmöglich sei oder daß für den Gläubigen jedes Wunder wirklich sei und ihm von niemand bestritten werden dürfe noch könne.
Mochten den Papst ähnliche Betrachtungen leiten, oder war ihm das Wunder von Klus durch so feurige Zungen geschildert worden, daß das Unkraut des Zweifels dabei nicht aufgehen konnte, kurz, er beschloß, den Bischof durch Überreichung der Tugendrose auszuzeichnen, was denn freilich auch, nachdem die Muttergottes sich zu seinen Gunsten ihrer eignen, kostbaren Kopfbedeckung entäußert hatte, nicht anders als billig genannt werden konnte. Hierdurch wurde das Wunder erst eigentlich beglaubigt, und seit die Nachricht von der bevorstehenden Verleihung sich verbreitete, fingen auch die besseren Kreise an, ihre Ehrfurcht vor dem Bischof lauter zu äußern, und wo etwa noch zerstreute Gedanken den mystischen Vorfall unschlüssig und makelsüchtig umschwirrt hatten, lösten sich diese nunmehr gänzlich auf wie Nebelgebräu vor der triumphierenden Tagessonne.
Der geistliche Kammerherr, der dem Bischof die goldene Rose zu überbringen hatte, glaubte weder an Gott noch an die Heiligen noch an sonst etwas und konnte sich nichts andres vorstellen, als daß der Kluser Bischof ein Mann von feinster Klugheit und Überlegenheit sein müsse, daß er den Leuten eine so abgeschmackte Wundergeschichte habe eingeben und verdaulich machen können. Er selbst war in der diplomatischen und schriftstellerischen Laufbahn zu einem großen Ansehen gelangt, niemals aber hatte er sich in den Geruch der Frömmigkeit bringen können, und bewunderte deshalb nichts so sehr wie die Hinterlist und Gaukelkunst, vermöge der es einem gelang, die Rolle des Gottesmannes zu spielen. Der Bischof feierte nach seiner Weise die Anwesenheit des päpstlichen Gesandten durch ein prächtiges Mahl in seiner Burg, wobei alle Kunstwerke und Erzeugnisse des Gewerbes, als Bilder, Statuen, Gläser, Schüsseln und Silberzeug, zur Ausstellung gebracht worden waren, so daß man nicht wußte, wohin man blicken und was man kosten sollte. Es war auch um diese Zeit der Justizrat Schimmelmann von seiner Reise zurückgekehrt und zum Feste eingeladen, das er durch geistreiche Erzählungen und vieldeutige Witze aufs anmutigste belebte. Wonnebald aß und trank mit Lust und ließ es an geeigneter Stelle nicht an einem munteren Ausruf fehlen, meistens aber schwieg er mit beifälliger Herablassung, denn er hatte sich mittlerweile daran gewöhnt, das Lamm Gottes darzustellen, und träufelte nur von Zeit zu Zeit, wie wenn er nicht anders könnte, etwas Salbungsvolles und Erbauliches ins Gespräch. Der Überbringer der Rose beobachtete den durchtriebenen Ränkeschmied, als den er den Bischof ansah, neidvoll bescheiden, behandelte ihn mit Ehrerbietung und hinterbrachte dem Papste einen über alle Maßen günstigen, fast begeisterten Bericht über den erleuchteten Betrieb des Pückschen Bischofssitzes.
Indessen bekam Wonnebald die Mahlzeit, die er beim Rosenfeste zu sich genommen hatte, schlecht; was erst nur eine leichte Störung in den verdauenden Organen zu sein schien, erwies sich als tückische Krankheit, die den prangenden Körper in wenigen Tagen zerstörte und als Leiche zurückließ. So unerwünscht dies jähe Sterben dem Bischof sein mochte, der sein Dasein so geschickt und fröhlich zu benutzen verstand, so gewinnbringend war es für sein Gedächtnis, das sich nun an den glorwürdigsten Punkt seiner Laufbahn anknüpfen mußte. Das Trauergepränge dauerte mehrere Tage, und während derselben verbreitete sich das Gespräch häufig um die Frage, wie man den Verblichenen geziemend und dauerhaft ehren könne, sei es durch ein Denkmal oder eine beschreibende Darstellung seines Lebenswandels, was aber alles dem allgemeinen Gefühl noch nicht Genüge tat. Da nun im Reden der Bevölkerung sowie in dem Nachruf, den der Medizinalrat zum Andenken Wonnebalds in den Zeitungen drucken ließ, derselbe beiläufig als ein heiliger Mann war bezeichnet worden, kam man von selbst dazu, ohne daß ein bestimmter Urheber des Gedankens hätte genannt werden können, an die Heiligsprechung des Bischofs zu denken und ebendiese als die passendste Würdigung seiner Verdienste anzusehen. Die hohen Verbindungen des Medizinalrats ermöglichten es ihm, den Plan als einstimmigen Wunsch der Kluser Bevölkerung zu Ohren des Papstes zu bringen, der, obwohl er von allen Seiten nur das Beste über den Pückschen Lebenswandel gehört hatte, sich doch vorsichtig in einer so wichtigen Angelegenheit zurückhielt. Wie ausdrücklich sich auch die göttliche Meinung durch Aufsetzen der Marienkrone für den Bischof ausgesprochen hatte, schien es vom Standpunkte des nicht allwissenden Menschen doch geboten, die Lebensführung des Kandidaten Punkt für Punkt, gleichsam wissenschaftlich, auf seine Heiligkeit hin zu untersuchen, wodurch sich denn freilich auch seine unbedingtesten Verehrer zunächst in eine gewisse Verlegenheit versetzt fanden. Bei näherem Bedenken indessen sagten sie sich, daß, wenn Wonnebald auch nicht in Höhlen gelebt, noch sich ausschließlich vom Tau des Himmels oder durch Berührung der Hostie ernährt, noch überhaupt in dieser gewissermaßen älteren Richtung Löbliches und Wunderwürdiges vollbracht habe, er hingegen die Tugenden der Demut und Einfalt, welche die eigentlich christlichen seien, bis zum äußersten getrieben habe, wie er denn die von Gott empfangene Auszeichnung vor jedermann verheimlicht habe und bis zum Ende haben würde, wenn ihn nicht die Verleumdung der Bösen zur Mitteilung gezwungen hätte. Er hätte, sagten sie, ohne sich je der Wissenschaft zu bedienen, die so oft die Feindin des echten Glaubens sei, eine hohe kirchliche Würde erlangt, von innen erleuchtet oder durch Eingebung von oben zur Verwaltung eines so schweren Amtes befähigt. Immer mehr im frommen Eifer sich erhitzend, fügten diese Sachwalter des Bischofs hinzu, daß, wenn nicht mehr oder überhaupt gar keine staunenswerten Taten von ihm bekannt seien, dies sich eben von seiner vollkommenen Demut herschreibe, mit der verglichen die meisten Heiligen, von denen die Geschichte wisse, unchristlicher Ruhmsucht gefrönt hätten.
Diese nachdrücklichen Begründungen konnten in harmonischer Weise durch ebenso bedeutende materielle Kräfte unterstützt werden, was bei den großen Kosten, die die Heiligsprechung mit sich bringt, nicht gering anzuschlagen war. Ein glücklicher Einfall erinnerte die Unternehmer an die Marienkrone, die, nachdem sie aus dem Ofenloche des Bischofs ans Licht gefördert, mit Beschlag belegt war und sich nebst sämtlichen dazugehörigen Edelsteinen noch immer in gerichtlicher Verwahrung befand, und deren Geldwert hinreichte, um die Vollziehung des großen Geschäftes daraus zu bestreiten. Es hatte zwar die Absicht bestanden, der Gottesmutter ihre Krone zurückzugeben, doch ließ sich dagegen einwenden, daß sie dieselbe freiwillig und vermutlich aus guten Gründen an Wonnebald abgetreten habe, und daß man in ihrem Sinne handle, wenn man sie zur Erhöhung und ewigen Krönung seiner Person nutzbar mache.
Die Bevölkerung von Klus hatte die Sache ihres Bischofs während der Entwicklung der Dinge völlig zu ihrer eignen gemacht und sah in der Verzögerung eine ihr angetane Kränkung, woraus denn wiederum geschlossen werden konnte, was für ein dringendes Bedürfnis die Anbetung des Wonnebald im Volke sei. In Erwägung aller dieser Umstände zeigte sich der päpstliche Rat endlich geneigt, und die Einreihung des Bischofs in die Schar der Heiligen fand unter den üblichen Zeremonien zu vollkommener Befriedigung der Kluser Frommen statt. Das Bild Pücks wurde in der Burgkirche aufgehängt, mit nach oben gedrehten Augen, von wo eine Hand im Begriff war, das bekannte Diadem herunterzulassen, kunstlos gemalt, aber der andächtigen Gemeinde durch Vergegenwärtigung der seligen Gesichtszüge erbaulich. Auch der Erzbischof von Casalba, der an gewissen Festtagen in der Kluser Kirche einen Gottesdienst abhielt, verweilte gern einige Augenblicke vor dem Bilde und beglückwünschte mit gedankenvollem Lächeln sich und die Menschheit über den zeitigen Tod des Bischofs, da, wenn er länger gelebt und seine Laufbahn so schleunig wie bisher fortgesetzt hätte, die Kirche schließlich gezwungen gewesen wäre, ihn zum Herrgott zu machen, um ihn seinen Verdiensten und dem allgemeinen Bedürfnis entsprechend weiter zu befördern.
21. bis 30. Tausend * Druck der Offizin Fr. Richter in Leipzig