Leben mit einer Göttin (continued 2)
Reading edition
Lächerlich ist es natürlich, zu glauben, daß die Ereignisse, die nun eintraten, hätten ausbleiben können, wenn Jorinde meine rechtmäßige Ehefrau gewesen wäre. Die Unsicherheit, der ich schließlich erlag, war doch schließlich von ganz anderem Rang als die Bindung, die durch einen Eheschluß geboten wird. Niemals konnten diese beiden Ebenen ineinandergreifen. Das ist an sich unbezweifelbar. Und dennoch: Der Ring, – der Ring hätte die Entscheidung zumindest aufgeschoben, durch Aufschub vielleicht ganz verhindert. Das deutet darauf hin, daß hinter meinen Erwägungen doch ein letzter unauflösbarer Rest zurückbleibt. Ich sage mir das selbst – ohne jedoch über diesen Rest irgendwie klar werden zu können.
Die erste Erwähnung des Mechanikers geschah in einem Brief Jorindes ganz nebenbei, neben zwanzig Kleinigkeiten. Trotzdem fiel für mich diese Mitteilung sofort aus dem Rahmen des übrigen heraus.
Bei einem Ausflug nach Göggingen, so schrieb Jorinde, habe sie den jungen Mann getroffen, der dort in der großen Hessingschen orthopädischen Heilanstalt als Mechaniker beschäftigt sei. Zu ihrer Freude habe sie in ihm eine Art Jugendfreund wiedererkannt, den ehemaligen Assistenten, oder besser gesagt, Diener ihres Vater, der ihr, wenn sie als Kind ins Laboratorium kam, freundliche Worte gegeben, sie herumgeführt habe. – „Ein merkwürdiges Wiedersehen“, schloß die Bemerkung. „Mich freut es, daß er nicht nur bei meinem Vater etwas gelernt, sondern auch aus Eigenem sich weitergebildet hat, so daß er jetzt eine ganz selbständige und angesehene Stellung auf einem anderen wissenschaftlichen Gebiete ausfüllen kann. Er erzählt sonderbare Geschichten über seine Abenteuer in Amerika während des Krieges. Ich werde ihn öfters sprechen, denn Göggingen ist von Augsburg aus mit der Elektrischen in Minuten zu erreichen, und es sind sehr hübsche Spaziergänge dort.“ –
Ich las die Stelle noch einmal. Augenblicklich wußte ich, wie mit einem Gongschlag –: etwas Neues beginnt. Eifersüchtig war ich zwar auch bisher schon bei gegebener Gelegenheit gewesen, – aber nicht im Ernst, nur als „Spiel mit dem Feuer“. Ich hatte während der Eifersucht gleichsam gewußt, daß sie grundlos sei, – so wie man manchmal im Traum weiß, daß man schläft und träumt. Jetzt aber war außerdem, förmlich neben aller Eifersucht, auch noch ein Grund zu ihr da.
Ich wurde traurig. Sehr düster wurde es in meiner Seele.
Zuerst freilich raffte ich mich zusammen. Ich beschloß, gegen den eben aufgetauchten „Dritten“ zu kämpfen, indem ich ihn nicht ernst nahm. Möglichkeiten dazu gab es ja genug. Tatsächlich konnte ich mir auch wirklich kaum einreden, daß sich Jorinde mit ihren ausgesprochen aristokratischen Neigungen für einen ehemaligen Diener mehr als flüchtig und ganz von oben herab interessieren würde. Der Diener war freilich durch eigene Kraft emporgestiegen, imponierte, hatte die Welt gesehen, das deutschfeindliche Amerika während des Krieges überstanden und für seine Person in gefahrvollen Abenteuern überwunden ... Nun, wie dem auch sei: Ich unterstrich in meiner Antwort das Dienerhafte, machte gar einen alten, weißbärtigen Diener aus ihm, den „treuen Diener seines Herrn“, warnte die „Prinzessin“ vor dem „in Ehren ergrauten Pagen“ – und ähnliche Späße mehr.
Der Brief war in ganz ähnlichem Tone gehalten wie meine Neckereien, wenn Jorinde bei Ausflügen einen Herrn vom Nebentisch etwas zu lange angeschaut hatte. Und war ebenso ungeschickt. Denn aus Jorindes selbstverständlichem Widerspruch kam dann stets ein Ernst in die Sache, der vor meiner sogenannten Neckerei, in deren Kern doch eigentlich nur Angst pulsierte, ganz undenkbar gewesen wäre. – Jorinde protestierte, noch immer lustig und auf den irreführend leichten Klang meines Angriffs eingehend, gegen den weißen Bart; der Mechaniker sei im Gegenteil, so hieß es, ein junger hübscher Mann, der ihr sehr gut gefalle und auf den ich eifersüchtig sein solle ...
„Eifersüchtig“ – nun war das schreckliche Wort schon ausgesprochen. – An sich vielleicht nicht so schrecklich wie in meinem besonderen Fall. Meine Beziehung zu Jorinde vertrug ja keine weitere Belastung mehr; die Spannung, die sich nur eben noch an der Grenze des Ertragbaren hielt, durfte und konnte nicht weiter gesteigert werden. So viel Unsicherheit, so viel Zittern vor meiner Göttin – und nun noch ein Dritter neben uns beiden: das ging über meine Kraft.
So kehrte schon mein nächster Brief reumütig und geschlagen aus dem Witzgefecht zu aufrichtigem Ernst zurück. Ich bat Jorinde rund heraus, nicht mehr nach Göggingen zu fahren, sie solle den Verkehr abbrechen, ehe er gefährliche Formen annehme, die sie selbst heute noch nicht vorherzusehen imstande sei.
Dieser Brief kreuzte sich mit einem sehr heiteren und ironischen Schreiben Jorindes. Sie erzählte mir, daß sie bei einem Spaziergang mit dem Mechaniker in einer Bauernwirtschaft eingekehrt und dort zur Musik eines großen Orchestrions stundenlang mit ihm getanzt habe. Sie sei ganz froh, endlich wieder Gelegenheit zum Tanz gefunden zu haben, die es in Augsburg gar nicht gebe, zumindest nicht in einer Art gebe, die ihr passen könne. – Und viele, viele Küsse an mich. Ich solle mich nur nicht ärgern. Sie sei munter und quietschvergnügt ...
Tücken des Briefwechsels: niemals ist ein Gespräch mit regelmäßiger Frage und Antwort zu erzielen, sondern wenn man längst etwas ganz anderes gefragt hat, trifft die gar nicht mehr passende Antwort auf eine frühere Frage ein, völlig unzutreffend für die Stimmung von heute. Es ist, als ob ein Kranker, dem täglich etwas anderes fehlt, immer wieder mit den Heilmitteln für die Krankheit, die vorbei ist, kuriert würde. – Und doch bleibt einem nichts anderes übrig, als durch möglichst schnelles Hintereinanderherjagen der Briefe die davoneilende Zeit gewissermaßen einholen zu wollen. Ein sinnloses Unternehmen, nur zur eigenen Beruhigung für Momente gut genug, genau genommen eigentlich nur für den Moment, in dem man den wohldurchdachten neuen Brief in den Briefkasten wirft, – in diesem einen Augenblick hat man tatsächlich das Gefühl, die Angelegenheit zu beherrschen, zusammengefaßt in der Hand zu halten, – nachher aber weiß man ganz genau, daß Briefschreiben nichts hilft, daß allzu großer Briefeifer eher noch schaden kann; denn je häufiger man schreibt, desto seltener und kühler wird einem geantwortet – ein Satz von geradezu naturwissenschaftlicher Sicherheit, den ich wohl im Kopfe hatte und nach dem ich mich gleichwohl nicht zu richten vermochte.
Endlich kam Jorindes Antwort auf meine ernste Bitte. – Sie schrieb sehr rührend. Der Mangel an Vertrauen, den ich bewiesen habe, täte ihr weh. Denn Liebe sei doch nichts anderes als gegenseitiges Vertrauen. „Die ganze Sache ist eine solche Harmlosigkeit,“ fuhr der Brief fort, „daß Du wirklich nicht den geringsten Anlaß hast, Dich aufzuregen oder unruhig zu sein. Hätte ich Dir das Zusammentreffen verheimlichen wollen, – wer konnte mich zwingen, Dir überhaupt davon zu schreiben. Du hättest nie etwas davon erfahren. Aber das eben ist mein Lohn dafür, daß ich Dir alles sage – Mißtrauen meines einzigen Freundes.“
Ich mußte ihr innerlich recht geben. Kühl betrachtet, war es wirklich eine ganz häßliche Einmischung, wenn ich ihr vorschreiben wollte, mit wem sie verkehren dürfe, mit wem nicht. – Der erste Eindruck, den dieser Brief Jorindes auf mich machte, war denn auch ein vorzüglicher. Später aber fiel mir ein, daß sie auf die Hauptsache, ob sie nämlich den Verkehr mit dem Mechaniker aufgeben oder fortsetzen würde, überhaupt nicht eingegangen war. Ich erschrak bei dieser peinlichen Feststellung. Nun erst wurde mir klar, daß ich es eigentlich am liebsten gesehen hätte, wenn ich ihr gegenüber vollständig ins Unrecht gedrängt worden wäre, – dadurch, daß sie sich meinem Wunsche, den ich als Unrecht anerkannte, gefügt hätte. Ich wollte also gleichsam im Tatsächlichen recht behalten und nachher großmütig, reumütig mein Unrecht eingestehend, um Verzeihung bitten. Nicht aber umgekehrt. – Diesen Seelenzustand nun meiner Frau auseinanderzusetzen ... ich unternahm es wohl, es konnte aber nicht gelingen. Was sie aus meinem Brief herauslas, herauslesen mußte, war ein süßsaueres „Ja“, eine etwas verärgerte Einwilligung zu ihren Ausflügen nach Göggingen. „Wenn es sein muß, wenn es für Dein Seelenheil unbedingt nötig ist, – meinetwegen, ich wende nichts mehr ein.“ – Es war wohl ein Fehler, mit den geringen Reserven, die ich noch besaß, den Starken, den Gleichgültigen spielen zu wollen. Ganz verstohlen hoffte ich natürlich, daß meine Gleichgültigkeit dazu beitragen würde, ihr den neuen Gesellschafter uninteressant zu machen. Dazu aber reichte offenbar der Grad meiner Gleichgültigkeit nicht mehr aus. Die Richtung meines Vorgehens war vielleicht gut, aber auf halbem Wege brach ich in die Knie.
Jorinde also kam weiter mit meinem Feinde zusammen – und jeder Brief, der mir die Fortdauer dieses Umgangs erklären sollte, steigerte meine Qual. Die Gründe, die Jorinde vorbrachte, machten die Sache nur noch ärger. Übrigens führte sie diese Begründungen in aller Argslosigkeit an, – denn wiewohl ich meine Unruhe nicht ganz verhehlte, schämte ich mich doch, all meine Furcht um sie, meinen ganzen bejammernswürdigen Zustand einzugestehen. Es hätte mich in ihren wie in meinen eigenen Augen allzu tief herabgesetzt. Ihre Forderung, daß ich Vertrauen zu ihr haben müsse, war ja unwiderleglich, – kam geradezu aus dem Mittelpunkt unserer Beziehung heraus, die sich doch völlig auf Glauben, ja auf Glauben ohne Beweis aufbaute. Es hätte nur leider eines stärkeren Herzens bedurft, um diese Stellung zu halten, – das sah ich ein. Wußte aber zugleich, daß es etwas anderes als diese höchst gefahrvolle Stellung für mich, ja für jeden wahrhaft Liebenden gar nicht geben könne. So mühte ich mich denn weiter, solange es eben gehen mochte, – nahm mir vor, alle die kleinen, wahnsinnig schmerzhaften Nadelstiche, die ihre Briefe mir (in aller Arglosigkeit) zufügten, nicht zu beachten, erst bei der nächsten Zusammenkunft mündlich die ganze Sache mit ihr zu besprechen. – Zu meinem Unglück war aber gerade diesmal diese nächste Zusammenkunft in ziemliche Ferne gerückt. Bei unserem letzten Beisammensein hatten wir beschlossen, – in dem vollkommenen, geradezu kameradschaftlich wohligen Einverständnis, das damals zwischen uns geherrscht hatte, damals ganz besonders, damals mehr als je vorher – hatten beschlossen, daß wir uns vor den Sommerferien nicht mehr sehen und mit voller Kraft nur unseren schwierigen Berufsaufgaben widmen würden, um uns dann am Ende der Arbeitssaison für so viel Entsagung durch eine herrliche Sommerreise nach Holland und an die Nordsee belohnen zu können. Jorinde studierte damals zum erstenmal eine moderne Rolle, – die Hauptrolle in Max Brods neuem Lustspiel „Klarissas halbes Herz“. Die Gestalt der kapriziösen, dabei aber nicht oberflächlichen, sondern von großer Leidenschaft besessenen „Klarissa“ stellte ungeheuere Anforderungen, verlangte Blut und Mark der Schauspielerin (nebenbei bemerkt: auch diesem Stück, in dem so viel von Untreue die Rede ist, schob ich zu einem gewissen Teil die Schuld an meiner inneren Unruhe zu. Die Wankelmütigkeit der Bühnenfigur mußte ja in irgendeiner Weise auf die Darstellerin abfärben. Den Gemahl Klarissas aber beneidete ich um seine eisernen Nerven). – Und so wie meine Frau, stand auch ich vor wichtigen Entscheidungen. Meine beiden jüngeren Brüder bedrohten mich mit einem Prozeß. Ich hatte sie nach dem Tode des Vaters aus der Erbschaft vollständig abgefunden. Nun aber machten sie trotzdem Ansprüche auf die Fabrik geltend. Das Aufblühen des Unternehmens stach ihnen wohl gewaltig in die Augen. Sie wünschten als Kompagnons einzutreten, mit ganz minimalen Einlagen, die ihnen als Rest des väterlichen Vermögens geblieben waren, aber mit vollen Herrenrechten. Die Früchte meiner Arbeit, auf die Jorindes Sonnenstrahlen herabgeleuchtet hatten, sollten mir abgenommen werden. Mehr als das: meine wissenschaftlichen Experimente waren bedroht, wenn die rein kaufmännisch denkenden Brüder als gleichberechtigte Inhaber neben mich traten. – So setzte ich mich denn kräftig zur Wehr, und Jorinde hatte bisher Anteil an meinem Kampf genommen, tat dies wohl auch weiterhin ... nur ich war unterhöhlt, mich selbst beschäftigte nur noch ausschließlich die Beobachtung des „Dritten“, der, täglich und stündlich von mir verwünscht, in immer neuer Darstellung aus Jorindes Briefen hervorgrinste. Es war allerdings in diesen Briefen nicht viel die Rede von ihm. Nur hie und da widmete ihm Jorinde ein Wort. Mir aber schien es, als ob die Briefe von nichts andrem mehr handelten.
Ihre Gründe, – arglos vorgebracht, wie ich schon sagte, aber um so peinigender für mich: daß sie blutarm sei, an Schlaflosigkeit leide – der Arzt habe ihr Spaziergänge verordnet – sie habe aber keine Lust, allein spazierenzugehen. Und mit Theaterleuten wolle sie außerhalb des Theaters nichts zu tun haben. „Die gehn mir schon ohnehin auf die Nerven“, schrieb sie. „Du wirst doch begreifen, daß man sich manchmal nach Abwechslung sehnt. Es ist mir so sympathisch, einmal mit einem Menschen zu reden, der mit der Hand arbeitet, nicht immer nur mit dem Kopf.“
Und ich? – notierte ich an den Rand dieses Briefes ...
Oh, ich verstand Jorinde nur allzu gut. – Hier tat sich der Abgrund zwischen ihr und mir auf. Wir gehörten eben jeder doch in eine andere Welt. Das Abendessen im Hause ihres Vaters tauchte vor meinen Augen auf. Die dunklen Möbel, – der junge Privatdozent mit dem edlen, kühnen Landsknechtgesicht, Pfeife rauchend, – der Vater, der wie ein Förster aussah, der die Stadt verabscheute und im bayrischen Wald auf die Jagd ging. Auch der Mechaniker, der seine Hand nach meiner Jorinde ausstreckte, kam aus den Tiefen dieses undurchdringlichen Waldes. Er holte nun meine Frau heim. Mit ihm war sie tief innerlich verbunden, durch ihre Einfachheit, ländliche Stille, – es war kein Zufall, daß er früher bei ihrem Vater gearbeitet hatte, daß er Kindheitserinnerungen in ihr weckte. Nein, sie gehörten beide gleichsam zu derselben großen Familie. – Ich dagegen, der schmächtige Berliner aus der glattgewalzten nordischen Sandwüste, ich, der Natur entfremdet, vergeblich bemüht, aus meinem ausgedörrten Herzen Vertrauen zur großen Mutter Erde, zu meiner Göttin heraufzupumpen ... was hatte ich im Grunde mit Jorinde gemein. Nur lieben konnte ich sie, dunkel lieben, grenzenlos, – das Herz sehnte sich nach der großen Mutter, ohne daß mein Kopf dahin nachzufolgen vermochte, wo es meinem Herzen so wohl tat. Wo war der Weg, der zu ihr führte! Wie anders hätte der Mechaniker sie besessen, – besaß sie vielleicht schon! Waldströme rauschten um seine mächtige Gestalt, wie ein brauner Holzfäller im finsteren Bergtal trat er, die blanke Axt geschultert, aus dem Dickicht, – so erschien er mir im Traum. Ich wollte mit ihm ringen. Aber er berührte mich kaum, er ging mit Jorinde vorbei; sie hatte mich gar nicht angesehen.
Unmöglich, zu ihr zu gelangen. Es war nicht meine Welt. – Eine klare Erkenntnis: sie lebte in dem „anderen Deutschland“. Es gibt ja zwei verschiedene Staaten dieses Namens. Berlin – und: Deutschland ohne Berlin. Solange man in Berlin ist, merkt man dieses andere Deutschland nicht. Aber es ist nicht minder da. Grundverschieden, trotz äußerlicher Ähnlichkeit mit Berlin, wie sie sich etwa im Bau neuer Stadtviertel zeigt oder in der sauberen Maschinenschrift der Gutachten von Professor Grothius. Das ist nur Mimikry. Alle deutschen Städte treiben eine Art Mimikry, sind berlinähnlich – im Innersten aber, ebenso wie das ganze ungeheuere Feld- und Waldland ringsum, etwas ganz anderes als Berlin. –
Es war natürlich vergebliche Mühe, durch solche Überblicke allgemeinster Art die Herrschaft über mich selbst oder gar über Jorinde erlangen zu wollen. – Jeder neue Brief warf mich aus meiner erkünstelten Ruhe. „Wäre es Dir vielleicht lieber, wenn ich meine freie Zeit mit der frivolen Theaterclique verbrächte?“ schrieb Jorinde. Gewiß wäre es mir lieber, hundertmal lieber – antwortete ich. Und ich fühlte es wirklich so. Oder bildete mir zumindest ein, so zu fühlen. Ausführlich stellte ich ihr meine Motive dar. Theater – das wäre im Umkreis ihres Berufs gelegen! Ein Verkehr, den man pflegen muß, um nicht durch Separation allzuviel Feindseligkeiten zu erregen. Der Verkehr mit dem Mechaniker aber war – freiwillig, in einem gewissen Sinn überflüssig. Gerade das war es, was mich erregte. Auf Theaterleute wäre ich nie eifersüchtig gewesen. Wiewohl ich diese Art von Verkehr kenne, – man spricht da mit einer hübschen Frau nie anders, als indem man sie streichelt, indem man mit der Hand an ihrem Ärmel auf- und abfährt. Doch gerade diese zur Konversation gehörigen Liebesbezeugungen stumpfen ab. – Nein, nein, niemals hätte ich es mir beifallen lassen, auf ihre Kollegen vom Theater eifersüchtig zu sein. So verrückt sei ich denn doch nicht ...
In ihrer Antwort lachte sie mich aus (wie sie überhaupt in ihren Briefen den guten Humor nicht verlor. Ich glaubte sogar zu bemerken, daß sie seit der Begegnung mit dem Holzfäller-Mechaniker in wesentlich fröhlicherer Stimmung war als vordem). – „Du hast mich doch ganz, mit Leib und Seele“, hieß es dann an einer anderen Stelle, ernsthaft, in dem Brief. – Ja, ja, du bist mein, rief es in mir. Ein Jubel, ein frischer Atemzug, der mich erquickte nach all der Not. Wie Duft des Meeres, wenn man zerarbeitet, müde, zum erstenmal nach langem Stadttagewerk zur Düne, zum Strand hinunterläuft, direkt vom Bahnhof, – um den reinen brausenden Sturm einzuatmen, der über die ungeheuere Wasserfläche fährt. Mein Gott, Jorinde ist ja mein, ist ja noch mein. Das Holde, Unübersehbare, Unausdenkbare meines Glückes kam mir wieder plötzlich zu Bewußtsein, wie neu geschenkt. – Doch gleich darauf klemmten sich mir die Lungen ein. Ich hatte weitergelesen: „Er liebt mich, – doch weiß er, daß ich nie heiraten werde.“
Da stand es nun also, schwarz auf weiß. Da stand es, was ich gefürchtet hatte. Mein Argwohn war also nicht, wie ich insgeheim doch gehofft, übertrieben gewesen, – zu einem Teil war er schon in Erfüllung gegangen, zu einem wesentlichen Teil. – Er liebte sie. Eigentlich ganz selbstverständlich. Kann man mit Jorinde verkehren, ohne von ihrer einleuchtenden Schönheit überwunden zu werden? – Und nun wuchs meine Unruhe ins Grenzenlose. Der eine Satz im Brief Jorindes eröffnete tausend Fragen. Es war klar, und es ging ja auch deutlich genug aus dem Brief hervor, daß Jorinde sich dieser neuen Liebe gegenüber abwehrend verhielt. Aber kam es denn nur auf sie an? Der Dritte war ja gleichfalls ein lebendiger Mensch, keine Puppe, – gewiß entfaltete er Kräfte, seinem Charakter gemäß, über den ich mir aus den spärlichen Andeutungen Jorindes leider gar kein Bild machen konnte. Sie betonte zwar immer, daß sie „alles schrieb“, – schrieb aber gar nichts Wesentliches, so schien es mir nun, – nicht einmal, wie der Mechaniker hieß, wußte ich bis jetzt. Nicht einmal den Namen, o mein Herr und Gott! ... Das tat freilich nichts zur Sache. Und auch auf seinen Charakter kam es eigentlich nicht so sehr an, – mochte er auch der bescheidenste, unzuversichtlichste Mensch der Welt sein, ganz ängstlich vor Jorinde, noch ängstlicher als ich, – die Tatsache, daß er ein lebendiges Wesen war, genügte ja durchaus, um mich auf das fürchterlichste zu stören. Auch eine Maus ängstigt sich ja vor Menschen, – dennoch schläft man nicht gern in einem Zimmer, in dem man eine lebendige Maus knabbern hört. Daß sie ein lebendiges Wesen ist, daß man nicht weiß, was sie im nächsten Augenblick machen, wohin sie spazieren wird, – – ja, ganz ebenso unheimlich war mir der Dritte, der sich, und sei es noch so behutsam, in meinem und Jorindes dunklem Schlafzimmer zu rühren begann.
In allem merkte ich von nun an seine Wirkungen, – Jorindes Briefe schienen mit nicht so zärtlich wie zuvor. Geheimnisvollerweise war es ja seither so gewesen, daß die Liebe, die aus ihren Briefen sprach, sich in auf- und absteigender Linie bewegte. Es nahm immer denselben Verlauf: die Briefe, die unmittelbar auf einen Abschied folgten, glühten geradezu, – es gab da Wendungen wie „Ich zittere nach Deinem Mund“ – „Ich kann die Nacht nicht überleben nach so sonnigen Tagen“ – Wendungen, wie ich selbst sie gern geschrieben hätte, hätte ich mir nicht längst schon angewöhnt, meine Gefühle brieflich nur gedämpft auszudrücken, um Jorinde nicht zu verstimmen. Doch es nutzte ja nichts. Die Abkühlung ließ nicht auf sich warten. Die folgenden Briefe waren nicht nur gleichgültiger, – das könnte man für eine bloße Einbildung halten, – nein, sie waren geradezu meßbar mit geringerer Lust, geringerem Mitteilungsbedürfnis geschrieben: nämlich kürzer, mit großem, freiem Rand, großen Buchstaben, großen Zwischenräumen zwischen den Zeilen und ohne jenen Briefschmuck, den ich am meisten liebte, nämlich ohne diese quer an den Rand gesetzten, manchmal rings um den ganzen Briefbogen herumführenden Nachschriften, die so richtig das Gefühl vermitteln, daß sich der Briefschreiber aus dem Zusammenhang mit dem Adressaten nicht lösen mag, daß er verweilt, daß ihm immer noch etwas Neues einfällt, wie in lebendigem Gespräch unter vier Augen. – Dies alles also fehlte bei späteren Briefen. Ich sah die Ebbe jedesmal kommen, wurde aber immer neu von ihr überrascht.
Es war wohl ein natürlicher Vorgang, was sich in Jorindes Briefen ausdrückte und was nur mir in meiner Perspektive als widerspruchsvoll erschien, es war ein Naturablauf der Gefühle, wie Blühen, Reifen und Verwelken von Pflanzen. Aber diesem Naturablauf gewachsen zu sein, – das eben war die Aufgabe, die meine Kräfte überstieg. Und auf dem abwärtsgleitenden, wankenden Boden eines nur mit Mühe und äußerster Selbstbeherrschung zu führenden Briefwechsels tauchten nun überdies die Auswirkungen des „Dritten“ auf. Sie ließen sich nicht konkret feststellen, – ließen sich aber ahnen. Gab man sich Ahnungen hin, dann waren diese Emanationen, diese Überschattungen durch eine fremde Ansicht freilich überall da. So etwa in Jorindes Schrift, die schon begonnen hatte, der meinen ähnlich zu werden (süßeste Entdeckung! geheimste Freude!), und die nun wieder ihre alten, von mir unabhängigen oder ganz fremden Buchstabenformen annahm. – Oder wenn ich ihr allerlei Medikamente gegen ihre Schlaflosigkeit schickte, sie aber Medikamente überhaupt ablehnte und an den Spaziergängen als viel gesünderem Heilmittel festhielt, – was lag näher, als darin die Beeinflussung durch Meinungen eines Naturburschen zu sehen, wie dieser Mechaniker einer sein mochte! Gewiß mußten seine Ansichten (einfach die Kraft seiner Gegenwart) allmählich die Oberhand gewinnen, mich und meine besondere Ideenwelt bei Jorinde verdrängen.
Gerade das aber war es, was sie nie zugab. Ihrer Ansicht nach liebte sie mich „immer gleich“. Es gab für sie kein Auf und Ab der Gefühle. Wenn sie doch wenigstens dieses Auf und Ab zugegeben hätte, – ich glaube, dieses bloße Zugeständnis, dieses Einsehen, daß es so sei, hätte mich schon ein wenig getröstet, über das ärgste hinweggebracht. „Schau, du mußt doch selbst bemerken, daß deine Briefe vor einem Monat ganz anders geklungen haben als heute, viel inniger, viel mehr für mich Partei ergreifend, mich entschuldigend, da wo es not tat, meine Vorzüge gegen meine Schwächen ausspielend.“ Aber nein, das merkte sie nicht. „Ich liebe dich immer gleich.“ Es war mir, als trüge sie eine Maske wie aus Zement; hinter diesem Satz aber „Ich liebe dich immer gleich“, hinter der Oberfläche der Maske bröckelte es, unaufhaltsam. – Dabei war es ja durchaus keine Lüge, wenn sie „immer gleich“ sagte. Ehrlicherweise sagte sie das. Schließlich mußte ich ihr ja zugestehen, auf ihre Art zu leben und zu lieben, – und in ihren Augen waren eben gewisse Verschiebungen, Änderungen, die bei mir unendlich viel bedeuteten, so gut wie gar nichts. – Leider konnte mir auch diese Einsicht nicht helfen. Denn zugegeben, daß sie selbst überzeugt davon ist, mich „immer gleich“ zu lieben, daß sie die geringen Stufen der Abschwächung, die mich so besorgt machen, gar nicht empfindet, – so könnte es doch eines Tages geschehen, daß ihr wie mit einem Ruck das allmählich, nun aber schon merklich gesunkene Niveau ihrer Liebe fühlbar wird. Was dann!? Sie wird gleichsam in ihrer versperrten Vorratskammer von Liebe nachsehen, die sie gefüllt glaubt, und plötzlich bemerken, daß diese Kammer ausgeraubt ist. Und sie, – sie wird das so natürlich hinnehmen wie den ganzen Lebenslauf. Ich aber – ich habe ja zusehen müssen, offenen Auges, wie man aus dieser Kammer Stück für Stück das, was mir gehört, weggetragen hat, – und ich darf mich gar nicht zur Wehr setzen, denn die Herrin sieht den wochenlang fortgesetzten Diebstahl nicht, will ihn nicht sehen – und die ganze Welt lacht mich aus und schreit: „Eifersucht! Eifersucht!“
Ja, ja, – alle Qualen der Eifersucht lernte ich nun kennen. Nicht daß sie den anderen liebt, – nicht das ist ja der Schmerz des Eifersüchtigen, – sondern daß sie mich nicht mehr so sehr liebt wie früher, daß mir durch ein anderes Gefühl, sei es auch an sich gering, ein Anteil an ihrem Herzen, das vordem ganz mein eigen war, entzogen wird, daß ich nicht mehr Alleinherrscher bin und daß man nicht absehen kann, wohin, zu welcher Umwälzung der Herrschaftsverhältnisse dieses Abzwacken von Nebengefühlen im Laufe der Zeit führen mag ... O mein Gott, nun war es wohl endgültig um meinen Seelenfrieden geschehen.
Ich ging keinen Augenblick so weit, auch in meinen schwärzesten Befürchtungen nicht, zu glauben, daß Jorinde dem Mechaniker das gewährt hatte, was sie „das Materielle“ nannte und gewissermaßen verabscheute. Weit entfernt war dieser Verdacht. Ich kannte ja Jorindes Stolz. Sie schätzte sich selbst viel zu hoch ein, als daß sie sich zur Frau zweier Männer erniedrigt hätte. – Aber gab es denn nicht andere, für mich ebenso schreckliche Möglichkeiten der Hingabe? Oh, unendlich süße Möglichkeiten, wenn Jorinde es war, die in ihnen erschien, – ein Kuß etwa – unvorstellbar, wahnsinnig, daß ein anderer als ich sie küssen sollte. Und doch wußte ich ja, daß sie über Küsse ganz anders dachte als ich. „Was liegt denn an einem Kuß“ – ich konnte diesen Ausspruch von ihr aus meinem Gedächtnis leider nicht wegbringen. – Ich raste bei dieser Erinnerung! Und malte sie weiter aus. Ja, genügte denn nicht ein Händedruck, – oder der Tanz – oder ein langes, in guter Ruhe über Stunden hin geführtes Gespräch, in dem die Seele sich ergießt, Zeit hat, mit allem, was sie wünscht und hofft, ans Licht zu kommen. Oh, war es nicht fürchterlich, – ein anderer konnte mit Jorinde reden, so oft er Lust dazu hatte, und ich, ich mit all meiner Sehnsucht war eingesperrt in die Ferne der Kilometer, ein Gefangener, der gegen das Gitter des Raumes tobt. – „Denkst du immer an mich?“ Diese Frage war ja niemals zu beantworten, schon damals nicht, als nur Jorinde und ich allein einander gegenübergestanden waren, – schon damals hatten sich alle erdenklichen Gegenstände zwischen uns geschoben, um unsere Gedanken abzulenken, – schon damals war das bloße Nichtwissen um jede Minute des anderen mir wie ein fürchterlicher Mangel in der Struktur des Menschen erschienen – jetzt aber wußte ich ja überdies noch, daß sie zu gewisser Zeit ganz bestimmt nicht an mich, sondern an den anderen dachte, geistig mit ihm beschäftigt war. Es war anders nicht möglich. Sie mußte zur Haltestelle der Elektrischen gehen, seinetwegen, – mußte danach streben, die festgesetzte Stunde nicht zu versäumen, – o Qual, o Qual, – ja, fühlte sie denn nicht, waren ihre Sinne wirklich so stumpf, dies nicht zu erkennen, daß sie mit jedem Schritt zu dieser Station der Elektrischen hin einen grauenvollen Diebstahl an meinem, meinem Gut beging! Daß jede Bemerkung, dem anderen zugeflüstert, ein Verrat an mir war!
Ich konnte nicht länger an mich halten. Ich schrieb ihr offen, wie ich es fühlte.
Ihre Antwort brachte mich zur Verzweiflung. – Ich könne mir eben nicht vorstellen, so klagte sie, in welch einer peinlichen, lähmenden Umgebung sie lebe. Die unangenehmen Kollegen – und zu Hause die Wirtin, über die sie schon immer geklagt hatte, ein unfreundliches, zanksüchtiges Geschöpf. „Du mußt doch einsehen, daß man das Bedürfnis hat, einmal auch ein schlichtes, vernünftiges Wort zu reden – nicht ewig Klatsch und Niedrigkeit anzuhören. Aber Du gönnst mir die Freude nicht, obwohl ich Dir wiederhole, daß es nichts Gleichgültigeres geben kann als diesen Umgang. In den letzten Tagen war er meine einzige Rettung.“ (Welche Widersprüche in den paar Zeilen: meine Randbemerkung.) „Ich danke Gott auf den Knien, daß der Mechaniker mich nicht verlassen hat. Ich hatte Streit mit der Wirtin, ich mußte sofort ausziehen. Und da ist er vom Morgen bis zum Abend mit mir gelaufen, Wohnung suchen, bis ich endlich schlecht und recht einquartiert bin. Ich wohne jetzt in der Gabelsberger Straße, ganz nett. Ohne den Mechaniker wäre ich verloren gewesen. Du siehst also, wie unrecht es von Dir ist“ u. s. f.
Ich war empört. Das wenigstens hatte ich bisher für mich in Anspruch genommen: der einzige zu sein, der ihr half. Meine Göttin war ja in einer gewissen, rein äußerlichen Hinsicht mein Geschöpf. Von dem Gespräch in der Reginabar an hatte ich ihr Schicksal bestimmt, ihre Bahn Schritt für Schritt ermöglicht. Und nun mischte sich ein anderer ein. Ich erklärte, dies unter keinen Umständen dulden zu wollen ...
Nicht daß in ihrer Antwort viel von meiner Herzlosigkeit die Rede war, daß sie sich aufs neue über mein Mißtrauen beschwerte, nicht ihre Auflehnung gegen meine „Eifersüchtelei“ (mit diesem zahmen Worte benannte sie es merkwürdigerweise) brachte mich nun vollends aus der Fassung. Ein Satz am Anfang ihres Briefes war es, der mich ganz tief erschreckte. Da hieß es: „Dein Schreiben, für das ich Dir danke, hat mich sehr gelangweilt. Es ist immer nur der alte Trödel.“ – Was für ein Ton! Es war die erste Grobheit in unserem Briefwechsel, der bisher nie verwildert, nie ausgeartet war – bei aller Erregung nie. Und nun – „gelangweilt!“ – Das hieß doch offenbar, daß der andere schon von ihrem Herzen Besitz ergriffen hatte. Liebe konnte so nicht sprechen! Es war gewiß nicht bloße Empfindlichkeit von mir, daß ich dies sofort ganz scharf spürte. Mochte sie es wissen oder nicht, sie war mir verloren. – Alle Selbstbeherrschung schwand. Berufsarbeit war lächerlich unwichtig. Ich mußte sie sehen! Retten, was zu retten ist. Mit dem nächsten Zug nach Augsburg. – An diesem Tage ging keiner mehr. – Es blieb nichts übrig, als den Morgen abzuwarten.
In schlafloser Nacht (schlaflos wie schon eine ganze Reihe von Nächten vorher, nur noch bohrender, noch fieberhafter als die anderen) gab es eine einzige Hilfe für mich, ein einziges Mittel, nicht irrsinnig zu werden. Ich mußte mir vorstellen, daß zwischen uns beiden wirklich Schluß war. Auf alle günstigen Umstände, die Zweifel an diesem düsteren Ende wecken konnten, auf die Liebesbeteuerungen (selbst noch in ihrem letzten Briefe) durfte ich vorläufig, für diese Nacht, keine Rücksicht nehmen, absichtlich mußte ich sie zu vergessen suchen. Nur kein Schwanken! Nur nicht jetzt das unermeßliche heilige Glück sehen, die große offene Fläche, gut zu leben – und im nächsten Augenblick hinuntergeschleudert, für immer aus dem Licht verdrängt sein. Gerade diese Zweifel zwischen Ja und Nein peinigten mich ja am meisten. – Zu Ende, zu Ende! Mit diesem tödlichen Schmerz des Abschieds in der Brust fand ich noch am allerehesten einen Zustand, der zwar nicht Ruhe genannt werden kann, der aber doch noch innerhalb des Faßbaren und Möglichen lag. Jorinde geht mich nichts mehr an. Weg, alle Gedanken an sie weg! Sie ist nicht, ist nie gewesen. – Da schrak ich zusammen. Das wäre doch noch gräßlicher als alles. Daß sie nicht lebt, daß das Ganze eine bloße Einbildung von mir gewesen ist – nein, lieber leiden, lieber verzichten und ganz weggehen, als ihre Existenz aufgehoben sehen. Aus diesem tiefsten „Nein“ zum bloßen Abschied, aus dunkelstem Schwarz in gemäßigtes Grau mich erhebend – so dämmerte ich dem Morgen entgegen.
Wie habe ich nur die zehn Stunden Eisenbahnfahrt zwischen Berlin und Augsburg überleben können!
Jemand sprach mit mir, und ich antwortete. Ein freundlicher alter Herr mit weiß umrandeter Glatze, den ich (ich wußte nur nicht, woher) ziemlich gut kannte. Seine Freude über die Fortschritte der Elektrifizierung in Deutschland konnte ich freilich nicht so recht teilen; dennoch war ich froh, daß ich mir nicht ganz allein überlassen blieb. Ich bat öfters um Entschuldigung für meine Zerstreutheit. Ich erwartete eine Frage. Es war mir unmöglich, nicht davon zu reden – und schließlich deutete ich an, daß ich sehr traurig sei und einer furchtbaren Entscheidung entgegenfahre. „Es wird schon gut ausfallen“, tröstete mich der Alte. Wie mir schien, mit echtem Mitleid. Ich war geneigt, seine Worte als Orakel zu nehmen. Es konnte ja vielleicht wirklich noch alles ins Rechte gebracht werden. Ich gestattete mir probeweise diesen Gedanken, kurz nur spielte ich mit ihm, – immerhin ertrug ich bei Tag die Unsicherheit eher als in der Nacht. „Glauben Sie das im Ernst?“ fragte ich aufatmend. Er lächelte: „Warum nicht?“ Dann sprach er wieder von der neuen Schnellbahn zwischen Leipzig und Halle.
Stundenlang hielt ich mich aufrecht. Der Mann half mir, indem er mich zwang, meine Gedanken doch einigermaßen ihm zuzuwenden. – Nur einmal noch konnte ich mich nicht enthalten, von mir zu reden. Der Zug hielt in R. Diesen Ort hatten wir so oft zum Zielpunkt unserer Ausflüge von Augsburg aus gemacht. Erregt verließ ich das Abteil, stand im Gang draußen und betrachtete, als der Zug sich wieder in Bewegung setzte, sehnsüchtig den Platz vor dem Bahnhof, der für einen Moment sichtbar wurde. Als ich wieder eintrat, sagte ich: „Hier in R. war ich einmal sehr glücklich.“ – „Erinnerungen?“ fragte mein Freund. – „Schöne Erinnerungen, die machen mich jetzt traurig.“ – „Ach, gehen Sie, es gibt doch nichts Besseres als solche Erinnerungen.“ Da verstummte ich, – hörte ihm aber auch nicht mehr zu.
Ich hatte Jorinde telegraphisch gebeten, sie möge mich „genau halb fünf“ im Café Königshof erwarten.
Im Grunde zweifelte ich nicht daran, daß sie nicht da sein würde. Da alles vorbei war ...
Nun mußte die Entscheidung fallen. Nur noch Minuten! – Aber die wenigen Minuten von der Bahn bis zum Café erschienen mir länger als die ganze Reise. Es war, als kämen die Pferde überhaupt nicht vorwärts. Atemlos saß ich im Wagen, atemlos wie im schnellsten Lauf. Regen schlug an die klappernden Glasscheiben. Unter diesem Regen war die Luft wie zusammengepreßt, so schwer, kaum in die Lunge einzuziehen.
Der Wagen hielt vor dem Café.
Ich trat ein, durchlief den Raum mit einem Blick, – ging dann prüfend von Tisch zu Tisch, denn das Café war dicht besetzt, es konnte also eine einzelne Person in der Menge sehr leicht dem Auge entgehen. – Nein, lauter fremde Menschen – sie war nicht da, wiewohl die Uhr schon einige Minuten über halb fünf zeigte.
Sie war nicht da. –
„Ich hatte es ja nicht anders erwartet.“ Mehrmals sagte ich mir das vor. – Zugleich fühlte ich, daß ich nur deshalb das Ungünstige so bestimmt erwartet hatte, um mich dann vom Günstigen überraschen zu lassen. Es geschieht ja immer das Unerwartete. Ein kluger Mann richtet seine Erwartungen demgemäß ein ...
Nur jetzt nicht wahnsinnig werden! Jetzt nicht den Kopf verlieren!
Die ganze zehnstündige Fahrt, die hinter mir lag, pulsierte mir fieberisch wüst in allen Gliedern, rüttelte an meinem Hirn.
Sie hätte eigentlich doch kommen können, – dachte ich. Wenn auch nur zum Abschied – sie hätte kommen können. So grausam brauchte sie nicht zu sein. Mich nach langer Fahrt hier einfach stehen zu lassen! – Tränen waren mir nahe. Nein, sie hätte wirklich kommen müssen. Unbedingt. Eine einfache Höflichkeitspflicht. In aller Ruhe: Adieu und ein freundliches, friedliches Abschiedswort. Das war doch das mindeste, was ich nach all der großen Liebe verlangen durfte. Ein Auseinandergehen ohne Gruß – das war hart, geradezu überraschend hart, das hatte ich eigentlich doch in meinen ärgsten Vorstellungen nicht erwartet ...
Es fiel mir ein, daß Jorinde vielleicht „Restaurant“ statt „Café“ gelesen haben konnte. Dicht neben dem Café, nur durch einen verglasten Korridor getrennt, lag ein Weinrestaurant. Ich ging hinüber. – Das Restaurant, schneeweiß gedeckt, war ganz kühl und leer.
Wie ich aber, vom Restaurant her zurückkehrend, den Korridor betrat, sah ich Jorinde die Stiegen heraufkommen, den Regenschirm schließen und eilig ins Café eintreten.
Jorinde! –
Ich rief sie. Ein heiserer, dumpfer Laut nur, – aber sie hatte mich gehört – oder sah mich. Sie blieb stehen. Ich durchschritt den Korridor, glaubte zu fallen, – fiel aber nicht, stand ganz fest und reichte ihr die Hand.
„Wie geht’s?“ sagte sie frisch. Ganz so, wie sie es immer zu sagen pflegte.
Ich nickte nur. Dann sagte ich wohl etwas, daß es im Café zu voll sei – daß ich seit gestern mittag keinen Bissen gegessen hätte –, wir könnten daher lieber ins Restaurant gehen.
Mit jener leichten Bereitwilligkeit, die ich so sehr an ihr liebte, von der ich mir aber aus ihren Briefen nie einen Begriff machen konnte, so daß ich beim jedesmaligen Zusammentreffen aufs neue überrascht war, sie so durchaus nicht widerspenstig zu finden, – ganz gutwillig also schlug Jorinde sofort den Weg nach rechts ein, durch den Korridor. – Wie bezaubert sah ich sie an. Sie war sehr blaß, schmaler als sonst, offenbar überarbeitet. Ein rosa Strohhut vermehrte noch mit seinen Reflexen den fahlen Glanz ihrer Wangen. Wie müde – – und wie schön!
Auch sie musterte mich: „Du siehst furchtbar schlecht aus.“
Ich zuckte die Achseln.
Plötzlich sah sie sich um, schüchtern, – der Korridor war leer, – da hatte sie sich zu mir gebeugt, und ich fühlte ihren weichen Kuß auf meinem Mund. Nicht ganz kurz, aber auch nicht leidenschaftlich, nicht lüstern gehaucht, – eine volle Berührung der Lippen mit ehrlicher Kraft. Es war der selbstverständliche Kuß zweier Ehegatten, ohne jeden Hintergedanken. Süßeres habe ich in meinem ganzen Leben nicht gehabt als diesen unerwarteten Kuß. Nicht als ob sie mich besonders beglücken oder erlösen wollte, hatte sie mich geküßt. Nein, ein Kuß wie immer, – ein Kuß, weil Küssen zur Begrüßung unter uns üblich und weil eben alles beim alten war. Nach diesen allerqualvollsten verworrenen Stunden der Nacht und Bahnfahrt – nichts konnte so wohl tun wie dieser einfache klare wiesenblumenhafte Kuß.
Ich hatte mir während der ganzen Reise vorgenommen, vom Mechaniker überhaupt nicht zu sprechen. Nur ihrer Wohnung wegen war ich gekommen. Da sie etwas von „schlecht und recht einquartiert“ geschrieben hatte, war ich eben besorgt. Der Streit mit ihrer Wirtin, die neue Krise ... ich redete drauflos, von nichts anderem als ihren Wohnungssorgen. Mochte sie es glauben oder nicht: kein anderer Grund hatte mich veranlaßt, unserer Verabredung zum Trotz noch vor der Sommerreise zu kommen.
Wir saßen an einem breiten Ecktisch des großen, vollständig leeren Speiselokals.
„Nein, wie du aber schlecht aussiehst“, unterbrach mich Jorinde öfters. Hörte sie überhaupt zu?
„Nein Wunder“, erwiderte ich. „Die Fabrik macht mir große Sorgen. Du weißt: der Prozeß.“
War es denn nur möglich! Nach all den wahnsinnigen Ausschreitungen meiner Phantasie bewegte ich mich nun wieder auf der Bahn des Alltäglichen. Die Fabrik, der Prozeß! Wie leicht ging das! Und neben mir, an der nächsten Tischkante saß Jorinde. – Der Kellner kam, man bestellte – Jorinde legte die Jacke ihres helldrappen Kostüms ab, der Kellner und ich halfen ihr – ihre Bewegungen fächelten mir das so lange vermißte Aroma ihres Puders, den Erdbeerduft ihres Leibes zu – nun in der weißen Seidenbluse, in der die zarten Schultern sich abzeichneten – so schlank – war es wirklich dasselbe Wesen, an das sich all meine grausamen Befürchtungen hefteten? – Und jetzt, mit welcher Einfachheit reichte sie mir über den Tisch hin die rechte Hand, die innere Handfläche nach oben gekehrt, eine schlichte Aufforderung, meine Hand in die ihre zu legen wie zur Erneuerung alter, nie unterbrochener Freundschaft. Mein Gott, war es am Ende möglich, daß alle die Qual meiner aufgestachelten Einbildungskraft – durchaus grundlos gewesen wäre? ...
„Auch du siehst nicht besonders aus“, sagte ich, indem ich ihr prüfend in die leicht umschleierten Augen sah.
„Ja – Saisonende! Ich bin ziemlich am Rand mit meiner Kraft.“
„So viel Mühe hast du?“
„Nie hätte ich gedacht, daß mich das Theater so anstrengen würde.“
Sie nahm ihren Beruf sehr ernst. Verbürgte das nicht, daß sie auch im Leben nicht leichtsinnig sein konnte?
„Warum wir einander nur so quälen.“ Ich gab ihr die Hand, nach der sie die ihre ausgestreckt hatte. „Da wir doch ohnehin so viel Energie aufwenden müssen, jeder in seinem Beruf –“
„Es ist wirklich überflüssig“, sagte sie und sah mich dabei mit schelmischem Lächeln an, das zu ihren und meinen Worten nicht ganz zu passen schien. Aber sehr weich und zärtlich hielt sie meine Hand fest ... Nun bot sie mir, leicht vorgeneigt, zum zweitenmal die Lippen. Wie von einem leichten Traum umfangen, bewegte sich ihr Gesicht lieblich mir entgegen. – Ich weiß nicht, was da ganz plötzlich in mich gefahren sein mochte. Alle unterdrückte Wut kam in mir empor, die Wut eines Sklavenaufstandes gleichsam, Rachedurst für erlittene Demütigungen, – zitternd, meiner selbst nicht mächtig, von äußerster Gier erfüllt, sie gleich jetzt, auf der Stelle zu besitzen, wenn es möglich gewesen wäre – mit heißem Griff riß ich das Mädchen an mich – es war nicht der kühle Kuß wie im Vorraum – sondern meine Zähne drangen in ihre Lippen, während gleichzeitig meine Finger an ihrer Kehle lagen. Sie schrie leise auf, machte sich los. Blut färbte ihr Taschentuch, das sie an den Mund führte ... Betroffen stammelte ich etwas von Entschuldigung. Kaum gewonnen, sollte sie mir wieder verlorengehen? „Sei nicht böse, ich bitte dich – sei doch nicht böse. Ich weiß nicht, was ich getan habe, ich weiß nicht, was mit mir los ist ...“
Sie schwieg lange, – war es ein strafendes Schweigen oder war sie nur so erschreckt? Abgewendet, stumm, – wie ich aber bat, sie solle mir doch zur Strafe, zur Vergeltung gleichfalls die Kehle zudrücken, lachte sie plötzlich auf.
„Nun ist also alles wieder gut?“ sagte ich mit jäher Energie. „Oder bist du mir böse?“
„Nein, ich bin dir nicht böse“, erwiderte sie innig.
Wir sahen einander ernsthaft an. Es lag wirklich nicht der mindeste Grund vor, einander böse zu sein. Man verdüstert sich nur ganz mutwilligerweise das Leben, – rätselhaft, warum. Bei Licht betrachtet, besaßen wir doch alle Vorbedingungen eines großen reinen Glückes. Wir liebten einander, wir waren jung, gesund, nicht arm ...
„Und doch hast du mir so beleidigend geschrieben?“
„Ich?“
„Geradezu grob – daß einer meiner Briefe dich gelangweilt hat. Das war doch schon sehr arg.“
Sie redete eifrig auf mich ein, bis ich ihr versprach, diesen ihren häßlichen Brief zu vernichten, zu verbrennen. – Sie sei eben nervös gewesen, ich solle ihr doch verzeihen, – ich wisse doch, daß sie niemand als mich habe, auf der ganzen weiten Welt niemand sonst ...
„So ist es dir recht, daß ich heute gekommen bin – obwohl es anders vereinbart war?“
„Ich bin froh“ – wie aufrichtig, wie klar sie das sprach!
„Heute abend fahren wir nach R. Bist du einverstanden?“
Sie zögerte keinen Augenblick. „Da muß ich nur noch nach Hause gehen und meine Sachen für die Nacht zusammenpacken. – Morgen spiele ich nicht, für übermorgen mach’ ich mich auch noch frei.“
Ich ließ mir das Reichskursbuch bringen. Wir sprachen eine Weile ganz sachlich nur von den möglichen Abendzügen nach R. – Mein Gott! In meinen kühnsten Träumen hätte ich gestern nicht zu hoffen gewagt, daß sie mehr als eine Viertelstunde für mich Zeit haben würde. Und schon diese Viertelstunde hätte mich namenlos glücklich gemacht. Ein gutes Wort nur, ein kurzes, klärendes Gespräch – das war das äußerste, was ich bestenfalls erwartet hätte. Und nun, und nun, – welche unfaßbare Wendung – welch eine Nacht knapp vor mir! – und dabei so selbstverständlich, so ohne jeglichen Sturm, als könne es gar nicht anders sein – nun saß ich neben ihr, und wir berieten in aller Sachlichkeit, ob wir um acht Uhr oder schon um sieben fahren sollten, ob wir bei einiger Eile noch zum ersten Zuge zurecht kämen und so fort. – Es gibt eine Sachlichkeit über allen Räuschen der Welt, eine Ruhe, stürmisch lebendiger als alle Kunstmittel der Nervenmassage, – diesen höchsten aller Räusche genoß ich nun.
Der Kellner brachte das Bestellte. – Noch nie im Leben habe ich um diese Zeit einen Braten gegessen. Aber Jorinde drängte: „Du siehst ja ganz verhungert aus. Wie kannst du nur so unvernünftig sein, – während der ganzen Fahrt nichts essen!“
„Auch gestern nicht – seit deinem letzten Brief.“
„Du mußt ihn verbrennen. Vergiß nicht, du hast es mir zugesagt. – Nein, so unvernünftig zu sein! Und lauter Dummheiten.“ Unter solchen Reden schnitt sie mir den Braten, fütterte mich geradezu. Aber ich konnte schon das erste Stück nicht herunterwürgen. Hunger hatte ich wohl, aber nicht den mindesten Appetit.
„Bitte, so iß doch.“
„Ich kann nicht.“
„Du mußt.“
„Also hilf mir. Nimm die Hälfte.“
„Gut. – Aber du auch, du auch. – Sonst komme ich heute abend nicht mit.“
Jedes Wort haftet mir im Gedächtnis. Weltumstürzende Aussprüche großer Staatsmänner können ihrer Umgebung nicht wichtiger erscheinen als mir diese lieben Sätzchen Jorindes, die so besorgt klangen, deren freundlicher Klang mich beglückte. Nach all den Peinigungen des Briefwechsels – welch eine Ruhestunde, welche Erholung! Es war, als würden die Fesseln aufgeschraubt, die meine Seele bis dahin in unnatürlich zusammengedrückter Haltung schmerzend festgehalten hatten. Nun streckte sie sich, gradete ihren Rücken, brachte den Blutkreislauf wieder in Fluß. – Belebend der Rotwein dazu, dessen blühender Schein auf das feine Linnen des Tischtuchs fiel.
Alles so seltsam, daß mir der Kopf wohlig weh davon tat. Das große Lokal, für Abendbeleuchtung bestimmt, – im kalten nüchternen Tageslicht lag es in ungewohnter Schmucklosigkeit, gleichsam übertrieben unfestlich da – dazu vor den Spitzenvorhängen draußen ein unfreundlicher Regennachmittag – und all dies, was sonst melancholisch gemacht hätte, wirkte andachtsvoll, – die Stille wie das Schweigen in einer Kirche, – zauberhaft alles und so zart, daß es wie in feinem Regenbogendunst zu zittern schien, in völlig unmateriellen Farben, kaum mehr der Erde angehörig und ihrem dumpfen Reich. Eine Gasthausstube wie tausend andere: das Paradies! –
Wir sprachen natürlich auch vom Mechaniker. Ich weiß nicht, ob sie oder ich damit begann. Jedenfalls hatte ich lange genug an mich gehalten. „Wie heißt er denn eigentlich?“
„Günther Schmidt.“
„Siehst du, nicht einmal das hast du mir geschrieben – wie er heißt. Und dabei behauptest du noch, mir immer alles geschrieben zu haben.“
„Habe ich auch“, erwiderte sie kühn.
Aber sie hatte recht, wahrhaftig recht. Wie lächerlich erschien mir plötzlich die ganze Angelegenheit. „Alles“ schreiben, – was sollte das denn eigentlich bedeuten? Wer vermöchte denn „alles“ zu schreiben? Und war der Namen nicht wirklich ganz unwichtig? – O unwichtig dies und jenes, wenn Jorinde neben mir saß und ich ihre Hand hielt! Ich hörte denn auch kaum auf sie hin, als sie Näheres über den Mechaniker erzählte, von der Hessingschen Anstalt, an der er arbeite, von Hessing selbst, dem genialen Erfinder, der, aus dem Handwerksstand hervorgegangen, bessere Schienen für verkrüppelte Glieder anzufertigen gewußt als alle diplomierten Chirurgen der Welt, – von der Tradition seiner Anstalt, die den Fachmann der Praxis über den Akademiker stelle, – so daß auch der Mechaniker keinen gewöhnlichen Mechanikerposten dort bekleide, sondern einer der ersten sei ...
„Er interessiert dich?“
„Aber nein, – er ist mir doch vollständig gleichgültig.“
Ich atmete auf, erst jetzt, – als sei gerade dies das rechte Wort gewesen, das ich erwartet hatte. „Ach, Jorinde, warum hast du mir denn das nie geschrieben?“
„Ich glaube doch, daß ich es dir oft genug geschrieben habe.“
Auch ich entsann mich jetzt. Aber es hatte nie so überzeugend geklungen wie in diesem Augenblick.
„Ich will dir etwas gestehen“, plauderte sie. „Anfangs habe ich die Sache in meinen Briefen ein wenig aufgebauscht. Es gefiel mir ganz gut, dich eifersüchtig zu machen. Nachher aber ...“
„Nachher?“
„Nachher wurde es zuviel des Guten.“
„Da warst du dann beleidigt, weil ich eifersüchtig wurde, – wie du mich doch haben wolltest.“
„Ja.“
„Einfach ja?“
„Ja.“
Etwas in mir riet, dies doch nicht so ganz glatt hingehen zu lassen. Nicht etwa, weil ich gegenwärtig irgendwelche Besorgnis empfand, auch nur den Schimmer einer Angst um meine Frau, – wohl aber der Zukunft wegen. „Und wie du nun sahst, daß es zuviel des Guten wurde,“ sagte ich, „da hast du die Sache in deinen Briefen wohl wieder – abgebauscht?“
„Nein, – die bloße Wahrheit!“
„Du siehst nun aber, wie schwer dies alles zu regulieren ist. Fängt man einmal mit so etwas an, so weiß man nicht, wo man endet. Ich meine das auf die ganze Beziehung zwischen dir und ihm.“ Wunder wie verständig redete ich mit ihr. Ich beherrschte die Situation. Nun durfte ich eine gefährliche Frage stellen, wiewohl ich mir vorgenommen hatte, auf diesen Punkt unter keiner Bedingung einzugehen. „Wie verkehrt ihr eigentlich miteinander? Ihr sagt einander: „Du?“
Zu meiner Überraschung: „Ja.“
Ich legte Messer und Gabel weg: „Nun, das genügt wohl ...“ Ich fühlte die Zimmerdecke auf mich stürzen ...
Eine kurze Pause. Dann lachte sie auf: „Das hast du dir wohl gedacht? Aber nein, wir sagen natürlich Sie zueinander.“
Was ist nun die Wahrheit? Das, was sie zuerst gesagt, oder die Berichtigung, als sie mein tiefes Entsetzen sah? ... Dies blieb eine dunkle Stelle dieses sonst so lichten Zusammenseins. „Kannst du es mir schwören?“ – „Ja.“ „Bei dem, was dir am heiligsten ist?“ – „Ja.“ – „Beim Grab deiner Mutter?“ – „Ja.“ – War es die kurze Antwort, dieses „Ja“, das zu wenig Substanz enthält, um einem so mächtigen Strom von neuer Unruhe den Weg zu sperren, – ich weiß den Grund nicht. Weiß nur, daß von dieser Gesprächswendung etwas Unaufgelöstes in meinem Herzen zurückblieb. – Und noch etwas anderes stimmte nicht ganz. Ich hatte sie küssen wollen. Sie wehrte ab. So ist nun einmal Jorinde! Zweimal hat sie selbst mich völlig ungescheut geküßt, – nun wo ich dasselbe wollte, wies sie angstvoll auf den Spiegel an der fernen gegenüberliegenden Wand: man könnte uns vom Korridor aus sehen! Doch nicht dieser Widerspruch erregte mich, sondern ihr Aufschrei: „Günther!“ – Also hatte auch er sie geküßt – oder zumindest küssen wollen? – Merkwürdig, daß sie bei ihrem Irrtum gar nicht verlegen wurde. Nie werde ich die Wahrheit herausbringen. Ihr ganzes Benehmen zeugte von so unbedingter Treue, – an der Hauptsache dieser Treue zweifelte ich ja auch gar nicht, – es verwirrte sich nur alles für einen Moment, dann wurde es wieder klar. Ich hatte Selbstbeherrschung genug, von diesem Zwischenfall kein Wort zu reden. Nur bei späterer Gelegenheit fragte ich sie, wie sie den Mechaniker anspreche.
„Herr Schmidt.“
„Anders nicht?“
„Manchmal auch Herr Günther.“
„Oder vielleicht manchmal auch kurzweg – Günther?“
„Nein, das nie.“
„Wirklich nicht?“
„Glaubst du, daß ich lüge?“
Es ist also nicht ausgeschlossen, daß ich mich verhört habe. Ja, ich muß die Möglichkeit zugeben, daß ihr Aufschrei im Moment des Kusses vielleicht weder „Herr Günther“ noch „Günther“ gelautet hat, sondern irgendwie ganz anders. Denn eine Lüge habe ich eigentlich nie von Jorinde gehört.
Noch manches fragte ich. Ich erfuhr, daß sie nie mit ihm Briefe gewechselt habe, – sie ließ auch nie zu, daß er für sie zahle, – das hätte eine Verpflichtung bedeutet. Und getanzt? – Ein einziges Mal!
Mein Gott, ich zermalme sie ja – dachte ich einen Augenblick lang, – so deutlich war es, daß ich, ich allein alle ihre Gedanken ausfüllte, daß mein Argwohn ihr unrecht tat, daß die Episode mit dem Mechaniker viel bedeutungsloser war, als ich je hätte glauben können. Gerade Ausdrücke, die Jorinde so nebenher gebrauchte, bestärkten mich in dieser neuen glücklichen Ansicht. „Er respektiert mich“, sagte sie von ihm. Oder: „Er ist ein Kind. Du kannst dir eben nicht vorstellen, wie ein unreifer Mensch das alles betrachtet.“ So spricht eine Frau nicht von einem Mann, der ihr etwas bedeutet.
„Aber er liebt dich.“
„Ich weiß es nicht.“
„Hat er denn nie etwas davon gesagt?“
„Nein. – Ach, du meinst, daß alle so sprechen und fühlen wie du. Ein kleiner Mechaniker. Er würde es gar nicht wagen. Und er braucht ja eine reiche Frau, um selbständig zu werden. Das ist seine Hauptsorge. Davon spricht er, von nichts anderem sonst. Du meinst, alle Menschen denken nur an Liebe wie du.“
Ich küßte ihre Hand. „Aber wo ist dein Ring?“
Sie trug ihn nicht. Es hätte Aufsehen unter den Kollegen erregt.
„Und bei Herrn Günther.“
„Ach, laß doch den, – nun gewiß, er ginge keinen Schritt mit mir, dazu ist er viel zu ehrlich.“
„Nun also?“
„Gönnst du mir wirklich die kleinen Spaziergänge nicht?“
„Wenn er sich nun aber wirklich in dich verliebte! Das kannst du doch auf keine Weise ausschließen. Bedenke, welche Verantwortung du auf dich nimmst. Du machst ihn für sein ganzes Leben unglücklich.“
Ihr Gesicht wurde hart. „Was geht das mich an! Ich kann nichts dafür, wenn mir die Männer nachlaufen. Ich tue nichts dazu.“
So verstellen sich Göttinnen. – Eben noch hatte ich mich ihr überlegen gefühlt, hatte gefürchtet, sie zu zermalmen mit meiner Herrschaft, – nun war ich wieder zu Furcht und Anbetung verwiesen. Und dabei behandelte sie mich zart. Sah sie, daß ich traurig wurde, so milderte sie das eben Gesprochene, entschuldigte sich, führte immer wieder an, daß die letzten Rollen alle ihre Kräfte verzehrt hätten. Eine arme Schauspielerin, eine geplagte Anfängerin, – aber nur Achtung, nicht übermütig werden, sonst zeigt sie den Blitz und den schuppigen Ägisschild mit dem Gorgohaupt. –
Wir fuhren im Auto zu ihrer Wohnung. Nicht ganz bis hin. Sie mochte in der Gasse nicht auffallen. So ließ ich an der Ecke zuvor halten. Ehe sie ausstieg, umfing ich sie: „Und freust du dich auf heute abend?“
„Ich habe doch lange genug warten müssen.“
Ich drückte sie fester an mich, ihren weichen, biegsamen Körper. – Sie lachte mir noch zu, ehe sie um die Ecke verschwand. – O Natur, Natur! Dieses eine Wort entschuldigte doch für alle Qual.
Nun allein im breiten Ledersitz des Autos – allein und doch auf so ganz andere Weise allein als vor wenigen Stunden in der Bahn – denn nun war es ja sicher, daß Jorinde in wenigen Minuten wieder da sein würde. O Sicherheit, die mich umfing – nach all den Zweifeln und Aufstörungen der letzten Zeit. Gerade in meinem Alleinsein kam mir diese Sicherheit erst richtig zu Bewußtsein. Es war eine süße Ruhe, eine Art Schlaf. Jede Faser meines Körpers, das spürte ich, kehrte allmählich zur Ruhe zurück. Alles ringsum fühlte ich als vollständigen Frieden. – Da stellte der Chauffeur draußen den Motor ab. Es war wie ein Schlag. Nun erst merkte ich, daß der Wagen bis jetzt mit gehendem Motor gestanden war, tüchtig durchgeschüttelt; und diesen Lärm, dieses Zittern hatte ich in meinen vibrierenden Nerven immer noch als Ruhe empfunden; jetzt aber tauchte ich in die wirkliche Stille unter wie in ein laues Bad. – Vielleicht war es eine leichte Ohnmacht, die mich umfing. – Ich kam wieder an die Oberfläche. „Wie lange warten wir schon?“ Der Chauffeur zog die Uhr, zeigte mir etwas. Ich verstand ihn nicht. Es war mir auch einerlei. O diesen Frieden genießen – bis ans Lebensende, – es wäre Glückes genug. Und selbst, wenn Jorinde jetzt überhaupt nicht zurückkäme – oder wenigstens noch lange nicht – es wäre Frieden, der silbergraue Frieden des Himmelreichs. Der Regen fiel, kaum sichtbar, – nur ein leichtes Abwärtswallen der dämmerigen Luft, – ein leises Rauschen an den großen Glasfenstern, durch die ich hinaussah, nach rechts und nach links, doch beinahe ohne den Kopf zu bewegen. So müde, so müde! Die Straße war fast menschenleer. Aber die Häuser machten einen warmen, anheimelnden Eindruck. Ich hatte das Gefühl, als ob ich schon einmal – vor Jahren, als Kind vielleicht – hier gewesen wäre. Oder vielleicht hatte ich die Straßenansicht einmal geträumt. Das Schattenbild einer angenehmen Erinnerung mischte sich mit lieblich gedämpften Farben in die Gegenwart. Nun kam ein Radfahrer vorbei. Klar sah ich alles – und doch trunken. Er hielt an, indem er seine Hand an die Seitenwand des Autos legte. So stützte er sich leicht an unseren Wagen, immer auf seinem Rad aufrecht sitzend, und fragte den Chauffeur irgendwas. Der hatte offenbar nichts dagegen, gab bereitwilligst Auskunft. Beide lachten. Dann fuhr der junge Bursch davon.
Ich ließ nochmals das Fenster hinunter. „Wie heißt die Straße hier?“
„Frohsinnstraße.“
Frohsinnstraße! – Doch eine alte Frau, die wie eine Hexe aussah, stand in der Nähe und sah immer wieder in den Wagen herein. Was mochte sie wollen, warum ging sie nur immer ein paar Schritte weit, blieb dann wieder stehen und kehrte um, um zu mir hereinzuspähen? – Ach nein, sie hatte nichts Böses im Sinn. Eine Straßenbahn kam, nahm die Alte mit. Ich hatte nur die Haltestelle nicht bemerkt, an der sie gewartet hatte.
Ach nein, – das Leben ist nicht so bös. Wir ängstigen uns grundlos. Es gibt eine Frohsinnstraße. Die Hexe wird mitgenommen. Man erteilt Auskünfte, Mensch und Mensch helfen einander unter gemütlichem Lachen. Der Regen fällt weich, befruchtend in den grauen Frühlingsabend. – Und Jorinde – kommt sie denn wirklich nicht? Nun dauert es eigentlich schon gar zu lange. Ein Telephongespräch wegen Rollenübernahme, ein wenig Einpacken, das kann doch nicht so lange dauern? – Ach nein, sie kommt gewiß. Viel ist zwar möglich, viel ist bei Jorinde möglich, – das aber scheint doch undenkbar, daß sie mich hier im Auto warten ließe. Ich spüre zwar ein Tröpfchen Unsicherheit, – aber das ist nur ganz genau jenes winzige Tröpfchen, das nötig ist, um den Ozean von Sicherheit, in dem ich schwimme, fühlbar zu machen.
Und da ist sie ja schon, – im grauen Reisemantel, die Lederkappe aufgesetzt das Köfferchen in der Hand.
Vorwärts, Chauffeur, in den Abend, in die Nacht, zum Bahnhof, zu den Sternen. – Es gibt keinen glücklicheren Menschen als mich.
Man hört oft die Redensart: Othello, das Drama der Eifersucht. – Die so reden, haben nie erlebt, was Eifersucht ist.
Othello ist das Drama einer plumpen Täuschung. Eifersucht spielt wohl eine Rolle dabei, – doch ist Othello weit entfernt davon, den Urtyp des Eifersüchtigen darzustellen. Beweis: daß er sich zum Schluß widerlegen läßt, seine Eifersucht für durchaus unbegründet, Desdemona für vollendet treu hält. Wer so fühlen kann, ist auch vorher nie wirklich eifersüchtig gewesen. Das Wesen der Eifersucht liegt ja eben darin, daß sie unter allen Umständen unvergänglich und unwiderlegbar ist, daß sie sich vollständig außerhalb des Gebiets von Beweis und Nichtbeweis hält. So wie es ein Vertrauen gibt, das eines Beweises nicht bedarf, so wie wahrer Glauben den Versuch eines Beweises gar nicht erträgt, – so gibt es auch ein Mißtrauen ohne Beweis, das ist die Eifersucht. Wahre Eifersucht hat daher etwas vom Rang des Religiösen an sich, freilich nicht auf der Lichtseite, sondern auf der dunklen Hemisphäre des Daseins. Denn nicht das ist Eifersucht, daß man eine Frau für treulos hält, ohne genügende Beweise, auf bloßen Verdacht hin; – nein, weiter noch, der Eifersüchtige fühlt und weiß, daß es überhaupt niemals, durch kein Mittel auszumachen ist, ob die Frau treu ist oder nicht, daß es nichts in ihrem Benehmen gibt, was nicht nach beiden Richtungen hin, als Argument für Treue wie für Untreue, gedeutet werden könnte, daß auch die Frau, selbst wenn sie helfen wollte, bei der Deutung ihrer eigenen Seele ebensowenig weiß wie der, der sich um sie abhärmt, und daß daher jeder Deutungsversuch ganz zwecklos, das Eifersuchtsgefühl dagegen das einzig Sichere, das Absolute ist. – Vielleicht ist dies allerdings schon eine solche Definition der Eifersucht, wie sie nur ein Eifersüchtiger geben kann. Gut, ich stecke eben in meiner Welt, – das leugne ich ja nicht.
Das wundervolle Zusammensein mit Jorinde hatte nichts genützt. Gar nichts.
Daß sie sofort und mit Freude mein war wie nur je, – daß also diese schöne Frau mir angehörte, so oft es möglich war, – hätte mir das nicht genügen können? – War es nicht phantastisch, die ausschließliche Herrschaft über ihre Gedanken zu beanspruchen. Wann hast du an mich gedacht? Wie oft? Oh, so kindisch, danach zu fragen, – und dabei nie kontrollierbar – und dennoch, sobald ich nur wieder in Berlin war, meine Sorge Tag und Nacht.
Eine Entscheidung hatten die schönen zwei Tage in R. nicht gebracht. – Wohl sah ich Jorindes schlanken Leib in hundert lockenden Bildern vor mir, roch förmlich das rotbraune alte Hotelzimmer mit seinem schwachen Seifen- und Haarwasserparfüm, mit seiner frischgebügelten Bettwäsche, dem Metall der kleinen elektrischen Lampe auf dem Nachttisch, – erlebte nochmals Jorinde in der Pracht ihrer Hingabe, nochmals ihr Streicheln über mein Haar, ihre Anschmiegungen, süßer als die irgendeiner anderen Frau der Welt – sah mich am Morgen ihren goldenen Armreifen auf der Marmorplatte vor dem Spiegel tanzen lassen, hörte ihre lieben Scheltworte (sie war so ordentlich und sparsam, fand das kostbare Stück ein wenig zerkratzt), – das alles beruhigte nicht, belebte nur meinen sehnsüchtigen Schmerz.
Während ich mich mit Entzücken der geringsten Erinnerung hingab, dem Surren und Glitzern, Tanzen und Niederfallen dieses Goldrings auf den Marmor, – ging sie wahrscheinlich mit dem Mechaniker spazieren. Denn es war stillschweigende Übereinkunft geblieben, daß sie den Verkehr fortsetzen würde.
Vielleicht legten sie beim Gehen Hand in Hand? Und wenn sie einander nur mit dieser gewissen sehnsüchtigen Beharrlichkeit Aug’ in Aug’ schauen! – Es ist doch unmöglich für einen jungen Mann, an Sommerabenden, neben einem schönen Mädchen, – – ich zitterte vor Wut, wenn mir diese Szenerie erschien. Doch ich war wehrlos. Sie drängte sich auf.
Nun war also Jorinde wieder abgetrennt von mir, den unbekannten Einwirkungen einer fremden Welt überlassen. Das „Du“ fiel mir ein, das sie zuerst zugegeben, dann abgeleugnet hatte. Der Ausruf „Günther“. – Um wieviel beweiskräftiger jetzt all dies als in ihrer Gegenwart. – Mir wurde klar (woran ich in Augsburg und R. gar nicht gedacht hatte), daß diese beiden Umstände einander unterstützten. Wen man duzt, den ruft man auch mit dem Vornamen. – Und weiter: das Interesse an seiner selbständigen Stellung. – Ich bedauerte, nicht genauer hingehört zu haben, als sie von diesen Dingen sprach.
Manchmal dachte ich ganz kalt: „Was hätte ich davon, wenn ich nun wirklich herausbrächte, daß sie ihn mehr liebt als mich, – oder daß er einen wesentlichen Teil ihrer Gedanken in Anspruch, also mir fortnimmt. Wie könnte ich mich denn trösten? Es gibt ja nichts! Ich habe mein Leben ganz und gar auf sie gestellt. Das war eine Zeitlang so süß – immer, immer sie vor Augen zu haben, nur ganz kurz bei den dringendsten Dingen des Bedarfs zu verweilen – und dann wieder zu ihr die Gedanken! Wie ist es jetzt? Der Gedanke an sie ist Qual. Will ich mich aber von ihm ablenken, so falle ich ins Leere, – es ist einfach rund um sie nichts da, keine Interessen, keine Welt, sie schwebt als einziger bewohnbarer Fleck mitten im leeren Raum. Also bin ich ja auf sie allein angewiesen. Wozu die Zweifel, ich muß ja doch bei ihr bleiben, mag sie sein, wie sie will. – Am Ende wäre es am besten, sie anzuleiten, wie sie mir am wenigsten Verdacht einflößte. Sie brauchte ja überhaupt nichts vom Mechaniker zu schreiben. – Ob ich mir nur einreden könnte, daß ich ihr glaube: das ist die Frage dabei.“
Ich fühlte, wie ich tiefer und tiefer mich entwürdigte. – Es gab verzweifelte Stimmungen, in denen ich mich nur noch daran klammerte, daß sie, zumindest für einige Zeit noch, meine Unterstützung brauchte. Das Geld, früher ein Grund zur Unruhe in der zarteren Auffassung unserer Liebe, wurde nun eine Art von Ruhepunkt: so sehr hatte ich meine Ansprüche, meine Auffassung von Ruhe und innerer Sicherheit hinuntergestimmt. Der absurde Gedanke, die Geliebte durch einen Detektiv beobachten zu lassen, kam mir nahe. Glücklicherweise ließ ich mich niemals dazu herbei, dieser Versuchung nachzugeben. Eine solche Veranstaltung hätte ja dem ganzen Sinn unserer Beziehung geradezu ins Gesicht geschlagen. – Hielt ich mich aber auch in dieser einen Hinsicht aufrecht, so fühlte ich doch, wie sich alles Edle meiner Seele in Zersetzung befand. In widerlicher Bescheidenheit überblickte ich manchmal die Trümmerreste meines Glückes und fand sie immer noch – beträchtlich genug. Das war schlimm. Das trieb mich zu einem Gefühl, das mir vordem ganz fremd gewesen war: Selbstverachtung.
Wie aber, wenn der Mechaniker reich wurde, – wozu er ja vermöge seiner Tüchtigkeit auf dem besten Wege schien? – Dann hätte sie mich ja nicht mehr gebraucht. – So gab es für jede Gemeinheit eine Gegengemeinheit, um deren allenfalls heilsame Wirkung auf mich aufzuheben.
Nein, ich sollte kein Behagen mehr haben. Entweder auf der allerobersten Stufe der Reinheit und des Glückes – oder gar nicht atmen können – jedes Mittelding, jedes Durchschlüpfen war ausgeschlossen.
Wie oft versuchte ich den Kern meiner Unruhe zu fassen. Etwa so: Jorinde log nicht. Richtig. Aber ihre Stimmungen wechselten. Immer wahrhaftig, war sie doch immer eine andere! Wie in ihren Briefen, deren Herzlichkeit wiederum knapp nach den Tagen in R. mich beglückt und – verwöhnt hatte, in der Folge aber dem bekannten kühleren Ton zu weichen begann. Unmöglich, diesen Prozeß, der nach jedesmaligem Zusammentreffen einsetzte, durch irgendein Kunstmittel aufzuhalten. – Manchmal glaubte ich klar zu sehen, daß ich sie ganz anders behandeln müßte, um sie mir dauernd zu sichern. Brutal, gleichgültig, selbst treulos! – Aber wäre mir auf diese Art nicht das beste meiner Liebe, die unendliche Zärtlichkeit und Verehrung, die ich für Jorinde empfand, verlorengegangen? Von allem abgesehen: meiner ganzen Natur nach war ich eben unfähig, anders zu lieben als auf diese gefahrvoll unverstellte, lautere, das ganze Herz ergreifende, auf meine Art.
Denn das ist doch das Schönste von allem: ganz aufgehen in Arbeit und Sorgfalt um die Geliebte, nicht bloß Leidenschaft für sie fühlen, sondern geradezu freundschaftliches Wohlwollen, – so daß man ihr guten Erfolg in allem wünscht, Ruhm, Zufriedenheit, Gesundheit, – so daß man fähig wird, jeden Schritt, den sie nach vorwärts macht, als Bereicherung des eigenen Seins, ja mit einer Dankbarkeit zu genießen, die über die Dankbarkeit für eigenes Glück weit hinausgeht. Erst diese wahrhaft menschliche Stufe der Liebe scheint mir wahre Liebe zu sein. Doch ist es nicht Menschlichkeit im gewöhnlichen Sinn, hat nichts mit Nächstenliebe, mit banaler, wenn auch guter Anteilnahme an unserem Nebenmenschen zu tun – es ist ja eine Göttin, an der man Anteil nimmt, nicht ein Mensch –, es ist ein frevelhaftes Emporsteigen in die heidnischen Berge Thessaliens, von denen man schnell wieder hinabgeschleudert werden kann, wie Tantalus in den Hades hinab, – o wie deutlich mischt sich das Feuer der Vermessenheit in die kühle Tugend, die Sünde der Fremdheit noch in die vertrauliche Hilfsbereitschaft. Wenn mich nun aber Jorinde beleidigte oder in ängstliche Spannung versetzte, mußte ich mich in Verteidigungszustand gegen sie setzen – und das war das Schreckliche: Da wo es mich drängte, mein Herz in süßestem Wohlwollen zu verströmen, wie Tantalus an seine göttlichen Freunde, und wo ich auch die Fähigkeit in mir fühlte, dies rückhaltlos zu tun, da mußte ich mich wehren, Böses ersinnen, vergiftenden Trotz.
Ein Glück, daß mir bei all dem immer noch klar blieb, daß die Schuld an diesem Verfall nicht auf Jorindes Seite, sondern ausschließlich, ausschließlich auf meiner Seite war. Jorinde war richtig, so wie sie war. Wäre nun auch ich richtig, wäre ich stärker, kälter, vertrauensvoller gewesen, so hätte ich den Anforderungen standgehalten, die das Leben mit einer Göttin, – oder vielleicht das Leben schlechthin stellt ...
Doch ich wurde ja zusehends schwächer. Die schlaflosen Nächte ließen einen einseitigen Schmerz in meinem ganzen Körper zurück. Auf der rechten Seite schmerzte der Kopf, das Rückgrat, die Hüfte, sogar der Schenkel. – Jorinde foltert mich! Geradezu körperlich tut sie mir weh! Es ist nicht nur die seelische Spannung, die ich nicht länger ertrage, – auch dieses Aufpeitschen fieberhafter Blutströmungen halte ich nicht mehr aus!
Als ein besonderes Mißgeschick erschien es mir, daß um diese Zeit die Photographie der unbekannten Dame, die mich immer so tröstend an Jorinde erinnert hatte, aus der Bahnhofshalle am Nollendorfplatz verschwand. Aller Trost wurde aus meinem Leben entfernt ...
Ich gab den Kampf nicht auf. Ich suchte Trost in der Religion, befaßte mich mit verschiedenen Philosophien, – doch was ich auch hörte und las, es bekräftigte mich in meiner Grundüberzeugung: Frieden ist nur im Schoß der Geliebten.
Dieser Frieden ist mir unwiederbringlich verlorengegangen, und so sterbe ich gern.
Auch die Bücher der Dichter durchstöberte ich auf der Suche nach einem beruhigenden Wort. Aber die modernen wissen nichts von der Liebe, – von verzehrender, unterjochender Liebe, wie ich sie meine, – und bei den älteren, die wohl das Wesentliche davon empfunden haben (so scheint es), stieß mich die fremdartige Umgebung ab. Nur ein einziges Mal empfing ich aus einem Kunstwerk unmittelbar das, wonach ich dürstete. An einem schönen Frühlingssonntag spielte man in einem Vormittagskonzert Beethovens letztes, schönstes Quartett, das Quartett des Abschieds. Ich kannte es längst und sehr genau, hatte es selbst wiederholt gespielt, – aber jetzt erst, in meiner ärgsten Zerrüttung, verstand ich es. Welch ein tiefer Schmerz der Anfangstakte, – dann sofort ein die Brust weitendes Hauptthema, frei herausgesungen, – gleichsam der Idealzustand der heiteren Ruhe, der für immer dahin ist. Wie Phantasmagorie tauchen leichte punktierte Figuren auf, man glaubt Anklänge an die Pastoralsymphonie gleicher Tonart zu erkennen. Oh, da war Glück, da war Verbundenheit in Gott, Frieden, Größe, Andacht. Traut aber irgendwer dem aufsteigenden Motiv, das jetzt (beim ersten Forte) Entschlossenheit, Energie vorspiegelt? Nein, nein, – bald setzen die schwermütigen Anfangstakte ein, durch harmloses Geplänkel hindurch dringen sie immer mehr an die Oberfläche, beherrschen die Durchführung, – und der arglose Schluß dieses Satzes hebt sich von drohend schwarzem Gewitterhimmel ab. Donner und Blitz, Feuerwerk aller Rhythmen, Orgie und Satire ist denn auch im Scherzosatz entfesselt. Der Violinbogen springt, die Bässe poltern monoton. Ein rasender Schrei nach Vergessen, nach Wollust, nach Betäubung und Schmerz. – Bis dann in der unbegreiflichen Eingebung des Lento der „Abschied“ wirklich da ist, in all seiner Melancholie süß und zart, Keim des Wahnsinns, der sich bis ans Sternengewölbe entfaltet. Klagt nicht das herrliche Cis-Moll-Zwischenspiel wie ein Requiem? Das Grab ist geöffnet, schwarze Fahnen wallen, von Kerzen düster erhellt, – hinab, hinab in grenzenlose Tiefe alles, was mir lieb war, alles, woran meine Gedanken sich anklammerten, woraus sie Kraft und Erquickung sogen! Das liebliche Bild der Geliebten erscheint nochmals, von Sopranfiguren umspielt. Rückhaltslos, ja rückhaltslos wird hier das Herz dem Wahnsinn geöffnet. Die trügerische Reinheit der Dur-Harmonien baut Phantasiefreuden auf, man spürt die sehnsuchtsvolle, nie mehr stillbare Leere einer Seele, die mit letzter Ausschweifung an ihren Erinnerungen hängt. – Dann aber, welch eine Erlösung, beginnt Beethoven zu sprechen: „Der schwer gefaßte Entschluß.“ „Muß es sein? – Es muß sein! Es muß sein!“ Furchtbare Frage zuerst, dringender und immer dringender gestellt. Dann setzt mutig und frisch die Antwort ein. Weg mit allen kranken Gefühlen, – leben, leben, da dies nun doch einmal unser Teil ist! Wie nun mit einemmal der Bann gebrochen ist, ein quellender Strom neuer Themen einsetzt, – zart ansteigend bis zu dem in sich gefaßten, schrittweisen, wundervoll männlichen Marschthema in A-Dur. „Es muß sein, es muß sein!“ bekräftigt immer wieder eine oder die andere Stimme dazu, treibt den rüstigen Wanderer vorwärts in eine neue Landschaft. Welch ein Aufbruch! Welch eine beneidenswerte Sicherheit wiedergefundenen Selbstbewußtseins! – Was ich aber am meisten bewundere, ist Beethovens Seelenerkenntnis: sich losreißen von der Geliebten – das erscheint anfangs ziemlich leicht und einfach. So folgt auf die pathetische, doch einfach harmonisierte Frage „Muß es sein?“ recht schnell die nicht einmal sehr aufgeregte Antwort des Allegro „Es muß sein“. Gewissermaßen so: „Adieu, leben Sie wohl, gnädiges Fräulein. Es war ja sehr nett, was wir miteinander erlebt haben. Aber so, wie sich die Sache jetzt gestaltet hat, geht sie ja offenbar nicht weiter. Das sehen Sie doch wohl selbst ein. Wir quälen einander nur gegenseitig. Also ist es das beste, wenn wir einander frischweg die Hände zum Abschied reichen. Nichts für ungut, vielleicht auch mal auf Wiedersehen. Adieu.“ – So etwa klingt mir der Anfang des Schlußsatzes. Aber nach der Reprise verdüstert sich das Bild sehr schnell. Das Marschthema bekommt schon einen leise sentimentalen Einschlag; sinkt dann in tiefere Lagen, sequenzartig, Moll, von tiefen Trillern untermalt, unheimlich. – Und nun die erschütterndste Episode: die Frage „Muß es sein?“ taucht nochmals auf, jetzt aber gewaltiger, im Glanz eines furchtbaren Tremolo aller Oberstimmen. Und die Antwort: „Es muß sein!“ klingt nun nicht mehr kurz und schnell, – ach, sie hat vielmehr das Tempo der Frage („Grave“) angenommen, nur leise, vorsichtig, ohne Impetus. Klage, nichts als tränenreiche, widerstandslose Klage ist die Antwort geworden. Sie muß sich auf den Baß der Frage stützen, sonst bräche sie in sich zusammen. – O Schauer, Schauer der Wahrheit! Beethoven, wie konntest du wissen, daß es so und nicht anders ist: zunächst so leicht der Entschluß, dieser Liebe ein Ende zu machen, und erst nach einiger Zeit in seinem ganzen gräßlichen Ernst, in seiner unwiderruflichen Schmerzhaftigkeit erkannt! Erst leicht, dann schwer ist der Abschiedsentschluß, – so lehrt wirkliches Erlebnis, indes schablonenhafte Stümperpsychologie das Umgekehrte voraussetzen würde. Solcherart sind die Einblicke, die das Werk des Genius von dem bloßer Talente scheiden. – Und nun zu Ende: nochmals Zusammenraffen aller guten Kräfte, um den Wahnsinnskeim zu überwinden. Sieg! Sieg! Ein Sieg in Zartheit, in stiller Einkehr. Sanft ertönt es jetzt, fragend und antwortend zugleich, in süßer, schon unirdischer Schwebe: „Es muß sein.“ Und dann pizzicato, leicht und fein trippelt der Meister aus der Welt davon, entfernt sich still aus dem Leben, ohne viel Aufhebens zu machen. Diese letzten Takte sind wohl das Zauberhafteste, was Beethoven geschrieben hat. Ein Lächeln erfüllt sie, ein sacht verspieltes, fast kindliches Lächeln, etwas spieldosenhaft Liebliches, – die Spieluhr einer anderen Welt erklingt. Ohne Leidenschaft und Leid – rein und leicht ist das Himmelreich. – Und das Herz sagt „Amen“ und sagt wohl noch: „Möge auch mir solch seliges Ende beschieden sein!“
Der letzte und entscheidende Brief Jorindes lautete:
„Mein guter, lieber Mann! Ich teile Dir mit, daß ich ein Zimmer in Bobingen gemietet habe, wo ich nach Schluß der Saison (ganz bald) wohnen und Dich erwarten werde, bis Du mit Deinen Geschäftssachen fertig bist. Dann fahren wir zusammen nach Holland, hurra, wie ich mich freue, gelt? Ich nahm das Zimmer schon jetzt, um in diesen letzten Wochen der Saison gelegentlich einen oder zwei Tage dort verbringen zu können. Meine Nerven sind kaputt. Wenn es nur der Spielplan häufiger erlaubte hinauszufahren! Neulich traf ich den Mechaniker – zufällig, in der Stadt –, er fand, daß ich sehr elend aussähe und hat mir dann dieses Zimmer verschafft, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Das Haus gehört Verwandten von ihm. Ich erhalte da auch sehr billig Milch, fette Sahne, wie man sie in der Stadt nie zu sehen bekommt oder nur für neun bis zehn Mark das Liter, während es hier nur sieben Mark kostet. Du bist mir doch nicht böse, gelt, daß ich das gemacht habe (nämlich die Miete), ohne Dich vorher anzufragen. Es eilte, denn schon machen sich überall Sommergäste unangenehm bemerkbar. – Möchtest Du mich nicht einmal in meinem Sommersitz besuchen? Es ist sehr einfach hier. Auch die Gegend ist nicht berückend. Um so schöner wird dann die Reise nach Holland mit Dir, dann hast Du auch wenigstens eine Frau mit, die nicht ein bloßes Knochengerüst ist. Ich meine infolge dieser Kur, die ich jetzt mache. Also, nicht böse sein! Schreibe bald, viel und lieb. Und schone Dich doch ein wenig, ich bitte Dich darum. Rege Dich nicht auf. Es ist wirklich kein Anlaß vorhanden. Iß brav, sonst mag ich Dich nicht, wenn Du wieder so hohläugig ausschaust wie neulich. Das war doch gänzlich unnütz und überflüssig. Hoffentlich siehst Du das nun ein. – Es küßt Dich
Deine dankbare Jorinde.
PS. Man fährt mit der Eisenbahn nach Bobingen, nicht mit der Elektrischen.“
Ich war natürlich im Augenblick entschlossen, nach Augsburg zu reisen, und zwar unverzüglich.
Es hätte des verräterischen Gleichklanges (Bobingen, Göggingen) nicht bedurft: ich wußte, noch ehe ich einen Blick auf die Landkarte geworfen hatte, daß diese beiden Orte nicht weit voneinander entfernt waren. – Was bedeutete nur die merkwürdige Nachschrift in Jorindes Brief? Sollte sie den Verdacht ablenken? – Sie konnte allerdings auch bedeutend harmloser aufgefaßt werden: Jorinde lud mich ja ein, sie in ihrem „Sommersitz“ zu besuchen. Also gab sie mir naturgemäß auch die nähere Anweisung, wie ich hinzukommen hätte. O diese teuflische doppelte Auslegung, die überall möglich war! Bedeutsam aber war das Wort „Sommersitz“ (wie es überhaupt in diesem Briefe nichts Bedeutungsloses gab). Wies „Sommersitz“ nicht auf dauernden Aufenthalt hin, – also würde Jorinde nach der Hollandreise wieder dahin, zu ihm zurückkehren? Daß sie an dieser unserer gemeinsamen Reise festhielt, sich auf sie freute, gab mir seltsamerweise keinen Trost. Alles wurde überwogen durch den Eindruck, daß sie ihren Sommerplan in einem wesentlichen Punkte dem Rate jenes Dritten angepaßt hatte, daß er schon Autorität genug besaß, sie zu raschem Entschluß zu veranlassen, – wie nahe aber sind Liebe und Autoritätsglauben bei einer Frau – und nun wohnte sie, ihm bequem erreichbar, mitten in jener bayrischen Landschaft, der sie beide entsprossen waren, wohnte ständig da, nicht zu kurzen Spaziergängen nur, und noch dazu bei seinen Verwandten! Das war es, was mich am meisten aufregte: Die vage Vorstellung von Familienvertrautheit mit jenem anderen, von dörflich anspruchslosem Leben, mir unzugänglich, von einem gemeinsamen Spiel, das ich nicht durchschauen konnte, von einer Verbundenheit, die mich ausschloß. Sie waren ja alle zusammen eine Familie gegen mich! – Und das sollte ich dulden, sollte abwarten bis zur Erledigung meiner „Geschäftssachen“, – von denen Jorinde so obenhin sprach, obwohl ich ihr von der gefährlichen Wendung, die der Prozeß gegen meine Brüder genommen, mehrmals ausführlich geschrieben hatte. – Nein, nein, sie irrte, – ich würde mich durch diese „Geschäftssachen“ nicht abhalten lassen, sofort zur Stelle zu sein, – ich hatte kein Interesse mehr an ihnen! Wozu sich in einer vorgeschobenen Position behaupten wollen, wenn der Mittelpunkt nicht mehr zu halten ist? So beauftragte ich sofort nach Empfang des Schicksalsbriefes meinen Rechtsanwalt, einen Vergleich zu schließen, – meine Brüder sollten alles nehmen, was sie wollten, mir nur einen finanziellen Anteil lassen; die geistige Leitung der Fabrik beanspruchte ich nicht mehr. Ich konnte sie ja auch nicht mehr leisten. Mußte am Ende noch froh sein, wenn ich Kompagnons bekam, die mir die Arbeit abnahmen, zu der ich mich mehr und mehr unfähig fühlte. – Der Zusammenbruch war da. Ein Plan schwebte mir vor, – in Augsburg oder sonst in Jorindes Nähe eine Wohnung für mich zu nehmen. Ich hielt es nicht länger aus, fern von ihr zu leben. Das war das einzige Klare an diesem Plan, – unbestimmte Hoffnungen schwirrten allerdings rings um ihn. Mit ihr zusammen von vorn anfangen, – vielleicht, wenn sie meine Frau war – wiewohl ich einsah, daß dies im Wesen nicht viel ändern konnte. Nun, jedenfalls ging es auf die Art wie bisher keinen Tag mehr weiter! Wie hatte ich es nur so lange ertragen können – keine Stunde, in der nicht völliger Umsturz drohte – ein Umstand, so gleichgültig wie die Tatsache, daß das Liter Milch in Bobingen um zwei Mark billiger war als in der Stadt, genügte, um mein Lebensglück, dem ich gern all mein Hab und Gut geopfert hätte, über Nacht zu vernichten, – auch hier allerdings jene verfluchte Doppeldeutigkeit, wenn ich den Brief genau las: es hieß dort, daß gute Milch in der Stadt „nie“ zu sehen war „oder nur für neun Mark“. Was bedeutete, um aller Heiligen willen, was bedeuteten hier die Worte „ober“ und „nur“? Es war nicht zu durchdringen, ebensowenig wie dieses ganze dumpfe Geheimnis zwischen Jorinde und mir. Verzaubert war ich, verzaubert die Frau, wie in jenem schauerlichen Märchen meiner Kindertage. Unmöglich, einander festzuhalten. Das ging über Menschenkraft hinaus! Und doch hatte ich auf dieser Welt nichts, nichts anderes mehr zu schaffen, als Jorinde für immer und in tiefster Einigkeit bei mir festzuhalten. –
Das Vorwärtsrütteln der Eisenbahn war doch noch eine Art Beruhigung für die tobenden Nerven.
Ich hatte wieder telegraphiert. Aber Jorinde war diesmal weder im Kaffeehaus noch im Restaurant. – Die Gespenstererscheinung unserer vorigen Begegnung huschte durch den bläulichen Glaskorridor, saß schattenhaft am weißgedeckten Tisch im leeren Speisesaal. – Es war natürlich diesmal damit zu rechnen gewesen, daß Jorinde gerade am Tage meiner Reise in Bobingen draußen sein und mein Telegramm nicht erhalten würde. Ich hatte es vorhergesehen. – Dennoch: was hätte ich nicht darum gegeben, von ihr auch diesmal wieder mit solch einem sanften ehelichen Kuß empfangen zu werden, der eigentlich jede weitere Auseinandersetzung überflüssig macht oder wenigstens von Anfang an in gute Bahnen lenkt ...
Was nun? – Ich irrte die Maximilianstraße hinunter, bestellte Kaffee in der prunkvollen Halle des Fuggerhauses, das jetzt das „Hotel Drei Mohren“ ist. – Die Enttäuschung hatte unerwartete Gegenkräfte in mir ausgelöst. Ich wußte plötzlich, wußte bestimmt, daß Jorinde mich liebte. Wenn solche Liebe vergehen kann, dann kann ja alles vergehen. Es war unmöglich ... Auch aus ihrem letzten Brief las ich nun einen zärtlichen Ton heraus, der mir im ersten Schreck ganz entgangen war. Die Anrede gleich „Mein guter, lieber Mann“. Unzähligemal wiederholte ich mir die vier Worte.
Sollte ich nach Bobingen hinausfahren, sie überraschen! – Der Gedanke, daß ich sie mit dem Mechaniker dort antreffen würde, war mir schrecklich. Die Situation mochte noch so unverfänglich sein; nur ihn sehen, diesen Eindringling, – das schon schien mir in seiner brutalen Tatsächlichkeit meine Kräfte zu übersteigen.
Doch vielleicht war sie gar nicht draußen? War in der Stadt – und nur ein Zufall hatte sie abgehalten, rechtzeitig zu mir zu kommen? – Eine neue Hoffnung. Ich erbebte vor Glück bei dem Einfall, daß ich sie vielleicht in ihrer Wohnung finden würde. Wiewohl es doch ersichtlich nichts Böses sein mußte, wenn sie in ihr Landheim hinausgefahren war: ich flehte Gott um die Gnade an, daß es nicht geschehen sein möge, – sonst ja, aber heute, gerade heute, möge es nicht geschehen sein!
Rasch ins Auto. – Als müßte sich alles so wiederholen, wie es damals, bei unserem letzten glücklichen Zusammentreffen gewesen war, ließ ich den Wagen an der Ecke der Frohsinnstraße halten. Oh, solche Wiederholungen haben etwas entsetzlich Leichenhaftes an sich und nützen gar nichts. – Ich ging die Gabelsbergerstraße hinein, – denselben Weg, den sie damals gegangen war, um den Koffer zu packen – an der Ecke noch hatte sie sich umgewandt und mir zugelächelt! Dann stand ich vor dem Haus, in dem sie seit geraumer Zeit wohnte. Ich sah es zum erstenmal; denn so nahe heran hatte ich sie nie begleiten dürfen. Hier also lebte sie. Wie seltsam! Dies der Erdenfleck, zu dem alle meine Briefe, all meine unendliche Sehnsucht und Bangigkeit hingeflogen waren. – Da mischte sich der wütende Gedanke ein, daß vielleicht, nein sicherlich, auch die Sehnsucht eines anderen denselben Weg, dasselbe Ziel hatte. – Wie unrein war doch alles, ach, ohne meine Schuld, – nichts in der Welt konnte sich rein erhalten!
Im dritten Stock öffnete ein graubärtiger, sehr großer und dürrer Mann die Tür, an der ich geläutet hatte. Nein, das Fräulein sei seit heute morgen nicht zu Hause gewesen. Sonst wisse er nichts, gar nichts ... Er höre auch schlecht, er bitte, lauter mit ihm zu reden ...
So blieb also doch nichts übrig, als nach Bobingen hinauszufahren.
Ohne viel zu überlegen, nahm ich den nächsten Zug. Möglicherweise verfehlte ich sie nun erst recht. Sie konnte in jedem der Züge sitzen, die jetzt gegen Abend von Bobingen in der Richtung Augsburg zurückfuhren. – Doch gab es keine Wahl mehr für mich. Das sinnlose Starren in die vorbeirasenden Gegenzüge gab ich bald auf. – So wie es kommen muß, kommt es jetzt, dachte ich. Ist sie nicht draußen, so fahre ich sofort wieder zurück. Ein tolles Ringelspiel. Nun, jedenfalls sehe ich sie heute noch vor Nacht, das ist die Hauptsache. Allerdings bringe ich sie draußen in Verlegenheit, in dem Nest. Schon ein Zusammentreffen in Augsburg fand sie unschicklich, hatte Angst um ihren Ruf. Und nun erscheint plötzlich ein Berliner Herr in dem Dorfe, besucht die Schauspielerin ... Dazu macht sich doch jeder seinen Text ... Jorinde wird sehr böse sein, ihre Einladung war vielleicht nicht ernst gemeint oder hatte gewisse Vorsichtsmaßregeln zur Voraussetzung ... Es wäre wohl das beste, mich diesmal gar nicht als ihr Bekannter einzuführen. Ich kann ihr ja ein Zeichen geben, daß ich gleichsam inkognito da bin, – ein Fremder.
Und warum bin ich gekommen? Nun, es wäre doch lächerlich, in Augsburg zu bleiben, wenn ich schon einmal die weite Fahrt gemacht habe, und sie nichts davon wissen zu lassen. Ich komme nur, um sie zu benachrichtigen. Draußen müssen wir gar nichts miteinander reden, sehen einander nur im Einverständnis an, – dann fahren wir in demselben Zug, aber scheinbar ohne Kenntnisnahme voneinander, nach Augsburg zurück. Von dort vielleicht sofort weiter nach R. Vielleicht genügt auch ein kurzes Gespräch in Augsburg. Ich will diesmal wirklich ganz bescheiden sein. In drei, vier Sätzen muß sich alles sagen lassen. – Wenn ich aber von Augsburg zurückreiste, wenn wir einander diesmal (es wäre das erstemal) verfehlten: dann würde doch auch Jorinde dies übelnehmen, sich über mich ärgern. Sie freut sich ja, wenn ich komme. Immer hat sie sich so ehrlich damit gefreut. Und nun hätte ich am Ende sie in Bobingen lassen und nach Berlin zurückkehren sollen, ohne sie zu sehen? Undenkbar! Jorinde wäre untröstlich, wenn sie das erführe ... Bleibt nur der eine Ausweg: mich möglichst unauffällig in ihre Nähe schleichen, mich bemerkbar machen – und sie dann gleich nach Augsburg oder sonstwohin mitnehmen.
So belog ich mich auf ganz raffinierte Art. Oder war es Wahrheit? – Jedenfalls hatte ich mich in eine ganz sonderbare Situation gebracht, in der ich nun gezwungen war, eine Art ungewollter Spionage zu treiben. Der Detektiv, den ich früher als tief unter der Würde unserer Liebe stehend abgelehnt hatte, dieser Detektiv war nun – ich selbst.
Bobingen. – Ich stieg aus. Vorsichtig verließ ich den Bahnhof.
Ich brauchte nicht weit zu gehen.
Die alleeumsäumte Straße, die zum Bahnhof führte, kamen zwei Menschen in langsamem Schritt einher. Ich erkannte von weitester Ferne Jorinde in weißem Kleid – und ihn, den Mann. – Zitternd trat ich hinter einen Baum, ließ die beiden näher kommen. Sie gingen nicht im Schlußarm, sondern ungefähr einen Schritt voneinander entfernt. Ich konnte nicht unterscheiden, ob sie miteinander sprachen oder nicht. Während sie an mir vorübergingen, schwiegen sie.
Gewohnt, mit dem ersten Blick Jorindes Aussehen zu prüfen, fand ich, daß sie leicht abgebrannt war, – die blonden schlanken Augenbrauen flammten im gebräunten Gesicht. Sie sah gut aus, – auch in der Gestalt etwas voller als sonst, – die sehnsuchterweckende Kindlichkeit ihrer Arme, ihrer Hüften, ihres Schrittes war geblieben; nur gesünder und weniger zerbrechlich strahlte all diese Anmut, die einstens mein gewesen war ... Warum hatte sie nur das mit dem „Knochengerüste“ geschrieben? Es peinigte mich, weil in diesem Augenblick alles darauf ankam, ob man Jorindes Worten unbedingtes, wörtliches Vertrauen schenken könne oder nicht.
Den Mann hatte ich noch gar nicht recht angesehen, da waren die beiden schon im Bahnhofsgebäude verschwunden.
Meilenweit weg wünschte ich mich. – Überall in der Welt war es schön, nur hier nicht.
Hinter den Nadelwäldern sank die Sonne eines reinen Sommerabends. Die Landschaft schien aufzuatmen, sobald die beiden in den Bahnhof traten. – Ich aber mußte ihnen nach. Von der betäubenden Tatsache, daß ich nun wirklich wie in meinen schlimmsten Träumen meine Frau mit einem fremden Mann gesehen hatte, von diesem wahnwitzig schmerzenden Druck befreite mich weder das leise Blasen der Landluft noch der weite Ausblick in die grünen Hügel ringsum. – Zwar hatte ich nichts Böses gesehen. Und doch: ich hatte gesehen, wie es sich ausnahm, wenn meine Frau nicht an mich dachte. Das war grauenvoll. Und so leicht, so natürlich nahm es sich aus wie alles, was sie tat! Nun hatte ich also gleichsam die mir abgewendete Seite ihrer Seele gesehen. Es war mir, als stürze ich in einen Sumpf, dessen schmutzige Wellen mir über das vor Scham erglühende Gesicht schlugen ...
Und doch mußte ich hinter den beiden her. Es war ein Verhängnis, begründet in der Logik der Situation. – Denn nun würde entweder der Mechaniker heimfahren, der Jorinde besucht hatte, und nachher könnte ich dann hier im Ort mit Jorinde sprechen (wovon nur? ich wußte eigentlich gar nicht, wovon), oder Jorinde fuhr weg, und der Mechaniker blieb bei seinen Verwandten. Dann mußte ich doch in denselben Zug springen, um gleichzeitig mit Jorinde nach Augsburg zu kommen und möglichst bald mit ihr zu reden, möglichst bald, – denn die Spannung in mir war nicht mehr lange ertragbar. Jedenfalls also hatte ich den Abschied der beiden zu beobachten, um mein weiteres Verhalten danach einzurichten. – Das aber war es, was mich eigentlich anzog, wenn ich nachträglich ganz ehrlich gegen mich sein will: es reizte mich, ihren Abschied zu beobachten. Beim Abschied mußte sich doch zeigen, in welchem Verhältnis sie zueinander standen, ob sie einander bloß die Hand drückten, kurz – oder lang, sehr lang – oder ob sie einander gar küßten ... Nun stand die Entscheidung über mein Leben unmittelbar bevor. Ausflüchte, verschiedenfache Deutung würde es dann nicht mehr geben. O wie fürchtete ich mich vor der Entscheidung, und wie wünschte ich sie herbei ...
Ich löste, nach allen Seiten spähend, eine Fahrkarte, lugte durch die Tür in den geringeren Warteraum, vergewisserte mich, daß sie nicht dasaßen, – und hatte schon die dunkle Ecke dieses Zimmers entdeckt, von der aus ich am halb offenen roten Vorhang des Büfetts vorbei in den Wartesaal zweiter Klasse blicken konnte. Dort hatten die beiden an der dem Vorhang gegenüberliegenden Wand Platz genommen, unter einem goldgerahmten Spiegel, ziemlich weit weg von mir. – Obwohl sie in der Nähe des Fensters, im Licht saßen, sah ich sie infolge der Entfernung durch die rauchige Stubenluft hin nicht deutlich. Noch weniger allerdings konnten sie mich in meinem finsteren Winkel erkennen; hätten mich selbst dann nicht erkannt, wenn sie geahnt hätten, daß ich in der Nähe war. – Sie benahmen sich völlig unbefangen, sehr ruhig. Saßen nicht nahe beieinander, sondern durch die Tischecke getrennt. Nun bemerkte ich, daß sie sprachen. Doch offenbar war es kein aufregendes Gespräch, denn sie tranken in regelmäßigen Abständen ihren Tee, – was mir natürlich nicht gelang. – Eigentlich hatte ich den Eindruck, daß sie sich miteinander langweilten. Doch gibt es ja auch ein Schweigen zuzweit, das auf den höchsten Grad der Vertrautheit hindeutet. – Ihre Gesichtszüge verschwammen, ich konnte die beiden Schatten, die, wie mir vorkam, seit einer Ewigkeit einander etwas erzählten und die noch eine Ewigkeit lang so beisammen sitzen würden, nicht enträtseln. Ich bemerkte nur, daß Jorinde ihren Hut abgenommen hatte. Ihr blondes Haar glänzte in der Halbdämmerung.
Endlich eine Bewegung! – In angestrengtem Hinschauen hatte sich das ganze Zimmer, in dem ich saß, samt dem Nebenraum, samt allen Gruppen wartender Bauern und Bäuerinnen wie in Stein verwandelt. Nun fuhr der Zug ein, und mir war es eine Befreiung, mit den anderen zusammen aufstehen, auf den Bahnsteig hinausstürmen zu dürfen.
Im Gedränge stand ich dicht hinter den beiden.
Der Zug hielt ganz kurz. Nun also mußte es geschehen! – Doch ich sollte noch länger auf die Folter gespannt werden. Eine Möglichkeit, auf die ich nicht gerechnet hatte, – aber dabei freilich von Anfang an die wahrscheinlichste von allen: der Mechaniker stieg zusammen mit Jorinde ein. – Es gab gar keinen Abschied zwischen ihnen. Es war ein gemeinsamer Ausflug gewesen, und nun fuhr er mit ihr zurück.
Ich hatte gerade noch Zeit, mich in einen anderen Waggon zu stürzen. Dann setzte sich der Zug in Bewegung.
Die unerwartete Wendung steigerte in mir das Gefühl von Jorindes Treulosigkeit, – ich gab mir keine Rechenschaft, warum. Bisher war ja nichts, rein nichts geschehen, was nicht vollständig der Darstellung in Jorindes Briefen entsprochen, worauf ich nicht hätte vorbereitet sein müssen.
Nun führte also derselbe Zug uns drei dahin. – Wäre er doch entgleist! – In meinem Kopf tauchten wirre Sätze auf, wie etwa „Es könnte ja ein Eisenbahnglück geschehen“ – und andere Verdrehungen.
Wenn nun der Zug entgleiste – und ich würde nicht gerettet, stürbe mit ihr zugleich – das wäre freilich sehr schön –, aber das Totenkleid könnte ich ihr nicht nähen lassen – nach ihren Angaben: aus schwerem weißen Taft, viereckig tief ausgeschnitten, mit weißen Rosen unter der Brust, – o du liebe Eitelkeit du, ich weiß ja, daß ich es dir versprochen habe, aber nun siehst du doch: alle Versprechen habe ich gehalten, wie ich sie dir damals bei unserem ersten Abendessen in der Reginabar gegeben habe, alle, alle getreu, nur dieses eine kann ich nicht halten, weil ich doch selbst mit zerschmetterten Rippen daliege ...
Aber der Zug fuhr lustig weiter und nichts geschah.
Nur ich stand auf, setzte mich, fand keine Ruhe und stand wieder auf. – Dann begann ich den Verbindungsgang durch den ganzen Zug hinzuschreiten. Ich konnte der Verlockung nicht widerstehen, in die hellerleuchteten Coupés hineinzuschauen. Obwohl dies ja nun ohne alle Beschönigungsmöglichkeit nichts als nackte Spionage war ...
Die beiden saßen in einem leeren, glänzend lackierten Abteil dritter Klasse.
Ich sah hinein, ging weiter, – kehrte zurück und sah wieder hinein. – Sie saßen nebeneinander auf derselben Bank, aber wiederum nicht dicht beisammen, nicht Hand in Hand, – sondern in ruhigem und, wie es schien, wenig angeregtem Gespräch. – Sie waren ja allerdings den ganzen Tag lang beisammen gewesen und hatten Zeit gehabt, einander über alles ihre Meinung zu sagen.
Es war ein furchtbarer Anblick. Die beiden so zusammengehörig – und ich, von Jorinde aus betrachtet, eigentlich in Berlin, – so fern, gar nicht in Betracht kommend.
Da stehe ich nun, dachte ich – und es ist wirklich wie im Märchen. Festgebannt stehe ich – und Jorinde, mein Glück, trägt man mir vor meinen Augen davon wie ein gefangenes Vöglein auf offener Hand. Und ich kann die Glieder nicht regen, nicht einmal den Mund öffnen zu schmerzlichem Schrei ...
Mit einem Male merkte ich, daß Jorinde, die am Fenster saß, vom Mechaniker halb verdeckt, ihre glänzenden blauen Augen, in die in diesem Augenblick die volle Deckenbeleuchtung einstrahlte, emporhob und auf mich zu richten begann.
Sie überlegte wohl ... eine Ahnung stieg in ihr auf ...
Ich hatte mich vom seitlichen Türpfosten aus trotz aller Vorsicht etwas zu weit nach vorn geschoben, und es war nicht ausgeschlossen, daß sie mich erkannt hatte.
So trat ich denn ein.
Im Eintreten legte ich, streng blickend, einen Finger an die Lippen – dann wandte ich mich sofort mit dem Rücken gegen die beiden, beschäftigte mich nur damit, umständlich meinen Hut im Gepäcknetz unterzubringen. So schnitt ich jede Begrüßung ab.
Ich wollte fremd sein. – Ursprünglich wohl, um ihr alle Verlegenheit zu ersparen; denn ich wußte, daß Jorinde dem Mechaniker von meiner Existenz nichts erzählt hatte. – Sie trug ja auch den Ehering oder Verlobungsring nicht an der Hand. Es war das erste, wonach ich im Eintreten sah. Hätte sie diesen Ring an der Hand gehabt, so wäre mir nicht sofort klar gewesen, daß sie dem Mechaniker gegenüber das ledige, Werbungen zugängliche Mädchen spielte, – so hätte mich das Gefühl der Fremdheit, das ja auch sonst stets gegenwärtig war, bei diesem letzten Zusammensein nicht übermeistert. Ich hätte mich einfach als ihr Mann oder ihr Verlobter vorgestellt, und alles wäre gut gewesen. Der Ring, der Ring hätte uns gerettet. Aber Jorinde trug den Ring nicht. Sie war von mir abgerückt, – ihre Art war niemals die meine gewesen, – allerdings liebte ich sie gerade darum, – doch für die maßlosen Qualen, die daraus entsprangen, mußte ich mich nun auch rächen.
Und so war es neben dem Bestreben, ihr eine gesellschaftliche Peinlichkeit zu ersparen, auch noch das deutliche Bewußtsein, sie zu bedrängen, was mich erfüllte. Denn ich sah, daß sie Angst hatte. Vor meiner Miene vielleicht. Jedenfalls vor meinen Absichten, die sie nicht erraten konnte, – die freilich auch mir unbekannt waren, von Moment zu Moment neu hervorschossen.
Ein Lächeln, das sie wagte, erwiderte ich nicht.
Plötzlich erhob sie sich, streckte die Hand aus und nannte (nein, wie geistesgegenwärtig) einen falschen Namen, – fragenden Tons, als erkenne sie mich erst jetzt und nicht ganz sicher. „Herr Bühler?“ Damit wäre ich in die Unterhaltung einbezogen worden – und jede Gefahr vorbei.
Aber gerade das wollte ich nicht.
Ich verbeugte mich: „Gnädige irren wohl“ – und nannte einen anderen, gleichfalls falschen Namen.
Damit rückte ich, jede Annäherung durch eine Gebärde ausschließend, in meine Ecke ab.
Der Mechaniker nahm das unterbrochene Gespräch mit ihr wieder auf.
Ich begriff Jorindes Angst. – Wie, wenn er ein Wort sagte, das unmißverständlich eine nahe Beziehung zwischen ihnen andeutete ...
Um den Abschied hatten sie mich betrogen ... Nun aber hielt ich mehr als den Abschied in der Hand: ihr Gespräch.
Ich tat, als sähe ich durch die Tür in den Gang hinaus, in die roten Funkengarben, die draußen in der Nacht am Fenster vorbeiflogen. Dabei lauschte ich auf jedes Wort, – lauschte auf die unheimliche Stille, die bald entstand. – Denn Jorinde antwortete nicht. Blaß geworden, starrte sie vor sich hin.
Sie tat mir leid, – aber nun war es zu spät. Ich konnte doch jetzt nicht hintreten und mich nachträglich als ihr Ehemann verbeugen. Die Fremdheit, von uns wissentlich gestiftet, wuchs nun als ein eigenes lebendiges Wesen, unabhängig von uns, ins Gigantische.
Es waren ganz leere Dinge, von denen der Mechaniker sprach, – von einer Schwester erzählte er ihr, die nun bald heiraten würde, von den Vorbereitungen in seinem Dorf, – auch er würde zur Hochzeit fahren und freute sich schon darauf. – Daß Jorinde sich ängstigte, merkte er gar nicht. – Jetzt erst sah ich ihn an. Das also war er – der Dritte, die Maus im Zimmer! Er sah wirklich aus wie eine Maus. So unansehnlich, so klein. Wohl um zwei Köpfe kleiner als ich. Sein Gesicht war gelblich und mager, die Augen blaß. – Jorinde hatte einmal gesagt, daß sie helle Augen nicht mochte, nie einen Mann mit hellen Augen lieben könnte. Und einen Augenblick, ganz vorübergehend, beruhigte mich diese Erinnerung. Auch sie also liebte das Fremde wie ich. Sie liebte meine schwarzen, ich ihre blauen Augen. In einer anderen Situation hätte ich mich vielleicht daran gehalten. Hier aber war es schon zu wild!