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L'Âme aux deux patries

V.

Reading edition

Ein sommerlicher Sonnenuntergang in München lebte heute in meiner Erinnerung auf. Von der Terrasse zur Friedenssäule hatte ich auf die Isar herabgesehen, die unter dem verklärten Gewölk so leuchtend und blau dahinfloß, so deutsch mit dem verträumten Gebüsch ihrer weiten Sandbänke, und zugleich so sagenhaft schön in ihrer ewigen Frische, als eile sie nach dem Meere, Galateens Muschelboot zu umspielen.

Und München erschien mir da wie eine jener herrlichen mittelalterlichen Schlaguhren, mit ihrem kunstvollen Aufbau von Säulen, Gehäusen und Vertiefungen. Zeiger und Figuren treten immer in gleicher Schönheit, gleicher Bedeutsamkeit hervor, und das Zifferblatt ist von erlesener Pracht. Aber etwas in den goldenen Speichen der Räder ist zertrümmert oder gehemmt, und die Zeit verhallt hier in zu tiefen, zu lauschenden Klängen. Und dieses Echo, diese Beschaulichkeit ist es, die wir nicht immer ertragen, denn gerade das Unveränderliche und Unverbrüchliche in uns erheischt ein schnelleres Tempo unseres äußeren Lebens.

Aber wie uns in dem trüben, und zugleich schon grellen Lichte spätwinterlicher Tage Bilder des Südens bewegen, so umwehten mich jetzt, inmitten der weiten Regungslosigkeit und Leere, die Bilder bewegterer Städte. Von den lauen Winden zu mir herübergetragen, durchschauerte mich das silberne Paris, und lächelnd wie eine verschleierte Schöne, die Place de la Concorde. Ein anderer Sonnenuntergang flammte da auf, und überflutete die weiten Champs Elysées, den surrenden Wagenstrom mit seinem gedämpften, prunkenden Gerausch, und all die strahlenden oder trügerischen, oder schnöden Silhouetten des Glücks, die er vorbeiträgt. Was immer sie quälen mag, stets sind es Schattenbilder selbstverständlichen Genusses, die sie uns malen. Wie die weithin leuchtende Front der zwei Paläste am Eingang der Rue Royale, so trägt hier die Fassade des Lebens den Stempel jenes Maßes und jener Disziplin, die wahren Formensinn kennzeichnet. Wenn andernorts Leichtsinn und Ungefähr an Äußerlichkeiten haften, so ist es hier das Auge, das zumeist sich heimisch fühlt und inmitten der Verwirrung ganz vermag sich auszuleben.

Allein hier riß mich das brutale Gellen einer Trambahnglocke aus der Ferne in die Wirklichkeit zurück. Mit furchtbarem Gepolter lärmte der umfängliche Kasten einher, und eine Dame im Reformkleid wandelte mir entgegen. Heiß und öde dehnten sich die Häuserreihen wieder vor mir hin, und jede Straße fand von neuem Muße, mit ihrer Physiognomie, ihrer Atmosphäre mich zu bedrängen. Denn ach! inmitten der seelischen Abgeschiedenheit, die München an Wintermorgen wie an Juliabenden oft bis an den Rand wie einen Schmerzensbecher füllt, war mir, als ob der Strom des Lebens sich hier zu einem See besänftigte, sich weitete, und als ahne er hier nichts von seinen reißenden Stellen, deren Hast und Getöse allen Schmerz der Besinnung so weit überrauscht!

Und wie ein Riese schien da die Sehnsucht den Weg mir zu vertreten und mich zu würgen, als müßte sie aus meinen Augen hervorbrechen beim Anblick der hoch dahinziehenden Vögel: zur englischen Küste trugen sie meinen Geist im Fluge hin, und die Lust zu wandern kam wieder über mich.

Ich gedachte der Woche, die ich in London einsam verschwelgte, und zu welcher Lust sich mein Alleinsein steigerte, angesichts der Gestalten, die uns, lebenden Statuen gleich, zu Hunderten dort begegnen. In welcher Stimmung ich da eines Nachts aus dem Theater fuhr, und wie mich fror in der warmen Sommernacht, weil angesichts so vieler, vollendet schöner Erscheinungen, derselbe Gedanke wie angesichts der Elgin Marbles mich bewegte: welch edles Ding ist doch der Mensch. Wie müde und erregt zugleich ich dann das leere Haus betrat, in dem ich wohnte und wie ich da mit geschlossenen Augen und verschränkten Armen noch lange unten verweilte, ganz in London versunken; von dem Sausen und Brausen des unendlichen, nie lärmenden London berauscht. Ja wie ich mitten in der Nacht entzückt erwachte, die stolzen Bilder zu atmen, die London entströmten. Zwar schwebte mir gerade in Frankreich, gerade in England — Deutschlands geistiges Bild so gerne vor Augen! So tags zuvor bei englischen Freunden auf dem Lande, als ich in der großen Halle mit mir allein zurückblieb, weil mir schien, als wüßte ich in letzter Zeit, durch neue Eindrücke und die Meinungen und Ansichten anderer von allen Seiten abgelenkt, oft nicht mehr, was ich selber dachte.

Nun aber flutete das Licht des alabastermilden englischen Himmels so beschaulich durch die weitgeöffneten Tore, und die Bäume vor dem Eingang breiteten wie schützend ihre gewaltige Ruhe über diese Erde, diesen Rasen, und über das unaufhörlich holde Gurren und Geflatter der Turteltauben!

Aber wie hoch in der stillen Luft das Laub der Bäume erst leis erzitterte, und dann in Aufruhr blieb, so wurden meine erst leis sich schwingenden Gedanken von allen Himmelsrichtungen aufgescheucht, bis sie im Sturme hin und wieder fortgetragen, wie Blätter mein Bewußtsein umwirbelten. Ich konnte sie nicht erhaschen, die eigene Verwirrung, den eigenen Zwiespalt nicht begreifen, noch jenes tiefe Echo heimatlicher Erde, das deutschem Geiste aus angelsächsischem Boden entgegenhallt; als würden jene Worte wieder zu ihm hingetragen, mit welchen Shakespeares verbannte Könige dies Land betraten:

Ich grüße mit der Hand dich, teure Erde, — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — So weinend, lächelnd, grüß ich dich, mein Land Und schmeichle dir mit königlichen Händen.

Aber Shakespeare selbst, der in seiner ausgeprägt englischen Eigenart uns so nahe stand, wie glich er diesem Boden, auf welchem geschlossenste Äußerungen unserer Rasse, so heimisch und fremd zugleich, uns entgegentreten!

An diesem Faden weiterspinnend, war es dann ein anderer wichtiger Punkt, der zumeist mich fesselte. Die Identität unserer geistigen Stellungnahme zu den Griechen: Walter Pater, in seiner Auffassung und Fühlung zur Antike mit unseren Rhode und Burckhardt, als eines Geistes Kind.

Von unseren inneren Analogien aber versank ich staunend in die Betrachtung unserer äußerlich so starken Verschiedenheiten. — Allein von allen Dingen sah und erfaßte ich da nur ihr Suchen, Fließen, Streben nach einem gleichen Ziele. Und nichts, was die Vorzüge der Engländer, Deutschen und Franzosen länger auseinanderhielt und voneinander abschloß, wollte mir da noch den Eindruck von etwas Verheißungsvollem, noch Ganzem, noch Befriedigendem gewähren.

Mein Alleinsein wurde indeß von einem der Gäste unterbrochen, einem gewichtigen Parlamentarier und Anhänger Chamberlains, der in die Halle trat. Zwar war gerade er es, dessen politisches Credo: „We are the first nation“ aus allen seinen Beweisführungen mit unfehlbarer Sicherheit hervorging.

„What are you doing?“ sagte er.

„I was thinking against protectionism“ sagte ich. Und da er mich verwundert ansah: „Because we have so many things to agree on and to exchange!“ Und da er mich anstarrte: „because if you are the first nation, then we are the first people.“

„Oh! is that so?“ sagte er.

Doch als ich ihm nun meine Gedanken auseinandersetzen wollte, da standen mir die Worte, die den Stein des Weisen, den ich doch schon zu halten glaubte, fassen sollten, nicht zu Gebote, sondern die Flammen, die im Kamin mit ihrem laut- und ruhelosen Rhythmus loderten, schienen in elementarerem Bezug zu meinen Träumen, als ich selbst. — —

Warum aber weckte ich den Nachhall so vergessener Dinge? Lag an der Wirklichkeit, lag in der Gegenwart stets ein Etwas, das des Reizes tief entbehrte, oder ihn verhüllte, da Augenblicke, die wir zu genießen uns nur flüchtig bewußt wurden, als wir sie erlebten, sich verklären, wenn sie wie abgeflossene Wellen längst verrauschten? Selbst die fiebernde Öde dieses Münchner Sommertages, täuschte mich seine spleenartige Wirkung nicht?

Still schwebte schon der Mond am klaren Himmel über die Parkanlagen, die Straßen und Plätze. Von den dunklen Baumgruppen hob sich der Hildebrand’sche Brunnen wie ein Götterzeichen ab, die immer neuen Strahlen seiner Lebensfülle milde wie der Mond ergießend. Immer neu sind dem Auge die kühnen, reichen Schweifungen des Beckens, in welchem das Wasser unter der überströmenden Schale, frei wie eine Flut sich ausbreitet und bewegt. Und immer neu blicken von dem mächtigen Sockel, wie durch rieselnde Schleier, überlebensgroße, marmorne Häupter. Aber das edel gesenkte Antlitz des Athleten, die weit getrennten Gruppen und das Quellen aus all den herrlichen Nischen, sie alle ertönen in übermächtiger Einheit zu einem rauschenden Akkord, aus welchem Münchens eigenste Seele in ihrer hohen Intellektualität und ihren reichen Gründen, echt wie der frische Strahl des Wasserstaubes, uns entgegenhaucht.

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