Front matter (continued 2)
Reading edition
„So, kannst du das lesen?“
„Ja, gut!“ sagte der kleine Bursche und las laut und deutlich das Geschriebene vor.
„Nun, Pierre, gehe und sage allen Leuten, was da steht, und daß sie kommen sollen und es lesen. Hast du nicht selbst gesehen, daß es wahr ist? Haben wir nicht das Unterdorf verbrannt, weil man von dort auf uns schoß? Haben wir nicht das Oberdorf geschont? Sind wir zwei nicht ganz gut Freunde?“ Er streckte dem Bürschchen die Hand hin. Es hat verstanden und schlug ein. „Nun so spring, kleiner Kamerad.“ Der Knabe rannte davon und machte sich sehr wichtig mit seiner Nachricht. Alle Leute mußten die Schrift lesen.
Einen Tag hatte die Truppe auf nachfolgendes Militär zu warten, am nächsten Abend traf dieses ein und nun sollte es weiter gehen in der Richtung nach Paris. Aber ehe noch die Truppen abzogen, war ihnen der kleine Pierre vorausgeeilt in das Dörfchen, wo seine Eltern lebten. Es lag in der Richtung nach Paris, zwar nicht an der großen Straße, aber nahe dabei, in einem Seitental. Wer konnte wissen, ob nicht ein Teil der Soldaten sich dorthin wenden würde? Er ließ sich nicht von den ängstlichen Großeltern zurückhalten, ihn trieb es ins Elternhaus, er wollte warnen.
Die Kunde vom Nahen der Feinde, von verbrannten Dörfern, war schon in das abgelegene Örtchen gedrungen und allerlei unwahre Schauergeschichten waren dazugedichtet worden; mit Entsetzen sah man der Zukunft entgegen. Die einzige Hoffnung war, daß die Flut nicht bis in das Seitental dringen möchte!
Unwillkürlich sahen die wenigen Leute, die da hinten lebten und ihre Felder bestellten, unzählige Male nach dem Weg hinunter, der von der großen Straße ab zu ihnen führte und beruhigt waren sie, daß sie keinen Menschen sahen.
Niemand ging in dieser Zeit ohne dringende Not von Ort zu Ort. Aber einmal entdeckten sie in der Ferne einen kleinen, schwarzen Punkt, der sich vorwärts bewegte und der allmählich größer wurde. Da hielten sie an mit der Arbeit.
„Nur ein Kind,“ meinte jetzt einer.
„Unser Kind,“ sagte eine Frau. Es war die Mutter von Pierre; sie erkannte ihn und rief den andern, die weiter oben im Feld arbeiteten, zu: „Pierre kommt und wie er läuft und winkt! Er hat etwas zu sagen. Heilige Maria, Mutter Gottes, wie das Kind springt!“
Da legten sie alle ihr Geräte aus der Hand und gingen dem Knaben entgegen.
Der war nicht wenig stolz, als sie ihn nun alle umstanden und lauschten, was er zu Berichten wußte. Daß das untere Dorf in Brand geschossen war und viele Menschen dabei umgekommen seien.
Aber bald geriet der kleine Mann in Zorn; denn sie hörten ihn nicht ganz an. Von der Schule und der Schrift an der Tafel wollten sie nichts wissen, und ihm war das doch die Hauptsache. Er wußte doch, wie man es machen mußte, damit die Häuser nicht verbrannt wurden, und war deshalb in solcher Eile zwei Stunden weit gelaufen, daß er noch glühte und kaum Atem fand.
Nun jammerten die Weiber: „Was tun, wohin fliehen vor diesen Barbaren?“ Die Männer waren ja fast alle in den Krieg gezogen, nur einer stand dabei, der ganz verwachsen war. Dieser stieß wilde, drohende Flüche aus gegen die Deutschen. Sie sollten nur kommen, ganz nahe heran, und aus dem Heuschober an der Straße wollte er sie niederknallen.
„Ja, ja, holt eure Büchsen,“ schrieen die Frauen.
„Ich hole die von meinem Mann!“ rief Pierre's Mutter und alle liefen in ihre Häuser.
Wären die Deutschen in dieser Stunde gekommen, es wäre vielleicht einer von ihnen getroffen worden, und ganz gewiß wären die Bauernhöfe mitsamt ihren Bewohnern in Brand geschossen worden. Aber zum Glück zeigten sich noch keine Deutschen und allmählich beruhigten sich die Leute ein wenig. Pierre folgte seiner Mutter, die nach des Vaters Pistole suchte. Da griff er nach ihren vor Aufregung zitternden Händen und flehte sie an: „Mutter, ich schwöre dir's bei allen Heiligen, es geschieht uns nichts, wenn ihr nicht schießt! Ich habe es doch gesehen: Im obern Dorf haben sie nicht geschossen und es ist keinem was geschehen und ich war doch selbst dabei, wie es der Offizier an die große Schultafel geschrieben hat, und er hat neben uns geschlafen heute Nacht, hat an unserm Tisch gefrühstückt und freundlich mit mir geredet. An seiner Hand bin ich ganz allein mit ihm im Schulhaus gewesen und es ist mir nichts geschehen.“
„Du ganz allein mit einem deutschen Offizier! Das ist ein Wunder Gottes! Hört man doch immer, daß sie die Kinder aufspießen, die Unmenschen!“ Da stampfte der Bub zornig auf den Boden. „Es sind keine Unmenschen, es ist verlogen! Aber natürlich, wenn ihr schießt, dann können wir alle braten in den Flammen unserer Häuser!“
Jetzt staunte die Mutter über ihren Buben und sie legte die Pistole weg. „Wenn das so ist, Pierre, warum hast du es den andern nicht gesagt?“
„Sie haben mich ja nicht hören wollen, haben alle zusammengeschrieen.“—„So komm mit, Pierre, komm, du mußt es ihnen allen erzählen; mach schnell, schnell, daß sie's hören, ehe die Deutschen kommen.“
Sie gingen miteinander, um den Buckeligen aufzusuchen; die Frauen kamen auch herzu und jetzt horchten sie alle und staunten den Pierre an, der Hand in Hand mit einem deutschen Offizier gegangen und nicht aufgespießt worden war. Dann wurden sie nachdenklich, ob man wirklich trauen könne, sprachen lebhaft hin und her, bis eine rief: „Da unten kommen sie!“
Ein kleiner Trupp Deutscher bewegte sich zwischen Wiesen das Tal herauf. Ein Offizier mit Mannschaften, die einen leeren Wagen mit sich führten. Wie gebannt standen die Leute; wußten nicht, sollten sie davonlaufen oder sich verstecken. Aber es war kein Wald in der Nähe, Felder und Wiesen ringsum.
Als die Feinde näher kamen, zogen sie sich alle in das nächste große Bauernhaus zurück und beobachteten mit Todesangst, was nun geschehen würde. Pierre und seine Mutter waren auch dabei. Plötzlich rief der Knabe: „Seht ihr den großen Offizier, es ist derselbe, der so freundlich gegen mich war. Das ist gut, den verstehen wir auch, er redet französisch. Dem kann man gleich sagen, daß von uns niemand auf ihn schießt. Sagst du es ihm, Mutter?“
„Wie werde ich den Offizier anreden, ich fürchte mich zu Tode, wenn er kommt!“
„Ich nicht, ich gar nicht, ich springe ihm gleich entgegen!“ Und richtig, der kleine Bursche sprang die Wiese hinab, dem Feinde entgegen. Mit Herzklopfen sahen alle ihm nach. Die Truppe mochte wohl sehr erstaunt sein, daß hier ein Knabe zutraulich ihnen entgegenkam, anstatt von ihnen davonzurennen, wie es sonst geschah. Aber der Leutnant erkannte den kleinen Burschen sofort wieder, redete ihn freundlich an und führte ihn an der Hand.
Pierre verstand nicht die deutschen Worte, in denen der Offizier seinen Leuten die Bekanntschaft erklärte und ahnte nicht, daß er sagte: „Vorsicht! Es kann eine List sein, mit der man uns in irgend einen Hinterhalt locken will. Bleibt nahe bei mir! Solange wir das Kind vorne haben, werden sie schwerlich auf uns schießen.“
Nun kamen sie den Häusern ganz nahe. „Dort ist meine Mutter,“ sagte Pierre und vom Haus aus sahen alle die Geängstigten, daß Pierre den Soldaten den Weg zu ihnen wies. Pierre wollte nun vorausspringen.
„Bleib bei mir, kleiner Freund,“ rief der Leutnant und hielt den Knaben fest. Da sah dieser betroffen auf.
„Hab' keine Angst, wir tun niemand etwas, wenn sie uns nichts tun. Aber bis ich das weiß, mußt du bei mir bleiben.“
Das kluge Bürschlein verstand sofort, wie das gemeint war. Wußte er doch selbst, daß dem Buckligen nicht zu trauen war. Der Kleine mußte den großen Offizier schützen.
Nun waren sie am Haus. Das Kind an der Hand, trat der Leutnant ein, gefolgt von seinem Trupp. Er machte die Stubentüre auf, sah vor sich ein paar Männer und eine ganze Anzahl Weiber und Kinder, die sofort anfingen zu schreien, wie wenn sie schon am Spieß steckten.
Der Leutnant rief mit fester, lauter Kommandostimme: „Wir kommen nicht als Feinde in euer Haus. Keinem wird ein Haar gekrümmt, wenn ihr nicht feindlich gegen uns seid. Wenn aber irgend etwas gegen uns geschieht, wird sofort auf euch geschossen und die Häuser verbrannt!“
Totenstille herrschte jetzt. Da wagte doch Pierre's Mutter ein Wort: „Mein Kleiner hat uns schon gesagt, daß der Herr so gut ist und niemand wird etwas Feindseliges tun.“—„Nein, niemand,“ betätigte der Chor der Weiber. Aber das scharfe Auge des Offiziers hatte im Hintergrund den bösen Blick des Buckligen gesehen und—eine Pistole in seiner Hand. „Die Pistole weg oder ihr seid alle des Todes!“ Die Weiber kreischten auf vor Schrecken, aber der Bucklige hatte die Pistole schon auf den Tisch gelegt und lächelnd entschuldigte er sich: „Pardon, es war nur Zufall, ich wollte nichts mit der Pistole, wirklich nicht, im Krieg hat man eben seine Waffe bei der Hand!“
Der Offizier ging an den Tisch, nahm die Pistole zu sich und sagte ruhig zu dem Buckligen: „Sie werden einstweilen bei meinen Leuten bleiben, bis wir fertig sind.“ Ein Wink und die Soldaten führten den Buckligen ab.
„Hände hoch!“ befahl der Offizier. Alle Anwesenden hielten die Hände hoch—keine Waffe, kein Messer zeigte sich.
„Es ist gut,“ sagte der Offizier und ließ seinen kleinen Kameraden frei. Dann erklärte er den Leuten in freundlichem Ton, daß er gekommen sei, bei ihnen Lebensmittel einzukaufen für die Soldaten. Sie sollten nun alle aus ihren Häusern bringen, was sie an Butter und Eiern, an Gemüsen, Fleisch und sonstigen Lebensmitteln irgend entbehren könnten und sollten es an den Wagen bringen. Es würde alles gut bezahlt werden, was sie freiwillig brächten; nur wer nichts brächte, dem würden seine Leute nachhelfen ohne Bezahlung. Da sprang nun wieder Pierre allen voran, zog seine Mutter mit sich und trieb sie an, sodaß sie die ersten waren, die einen Korb mit Lebensmitteln brachten. Stolz war Pierre, als er sah, wie „sein“ Offizier alles bar zahlte. Allmählich kamen aus allen Häusern die Frauen mit Vorräten und füllten den Wagen. Auch aus dem Haus des Buckligen wurde viel herbeigeschleppt; denn dem war es angst und bang zwischen den Soldaten. Die hatten ihn der Bequemlichkeit wegen an den Wagen angebunden, damit sie ihn nicht immer bewachen mußten. Er aber wollte sie gut stimmen, denn er traute den Feinden nicht, so rief er seiner Schwester, die mit ihm hauste, immer zu: „Noch mehr, bringe noch dies und das!“ Die leerte Küche und Speisekammer, aber ihr allein wurde nichts bezahlt.—Der Wagen war voll. In aller Freundschaft verabschiedeten sich die Soldaten, die einen guten Trunk bekommen hatten, von den Leuten.
Der Offizier sah sich den Buckligen an, er traute ihm nicht. Der konnte ihnen noch während sie abzogen schaden, er mochte wohl noch eine Büchse besitzen. Er besprach sich mit seinen Soldaten. Darauf gingen zwei von diesen noch einmal in das Haus zurück, suchten, machten da und dort eine Türe auf und zu; was wollten sie wohl? Neugierig folgte ihnen Pierre.
„Hier,“ riefen sie, „hieher bringt ihn!“ Der Bucklige wurde hereingebracht, der Offizier folgte. Sie standen vor einer Getreidekammer ohne Fenster. „Hier nehmen Sie Platz,“ sagte der Offizier. Wortlos folgte der Bucklige, glücklich, daß er nicht, wie gefürchtet, fortgeführt wurde. Die Kammertüre hatte ein großes, schweres Schloß, der Offizier schloß zu und schob den Schlüssel ein. „So, Pierre,“ sagte er, „du kannst uns noch ins Tal hinunter begleiten und dann darfst du den Schlüssel wieder heraufbringen und den Herrn wieder befreien!“
Da lachte Pierre laut auf vor Vergnügen, denn er hatte einen Grimm auf den Buckligen wegen der Pistole.
Fröhlich zog er mit den Soldaten hinunter. Sie setzten ihn auf den Proviantwagen, hatten ihren Spaß mit ihm, und fragten sich: wie es wohl ohne diesen kleinen Franzosen abgegangen wäre? Und die von oben sahen dem Zug nach und dachten: Wer weiß, ob wir nicht alle dem Kleinen unser Leben verdanken?
In Gefangenschaft.
Als in die Familie des Buchhändlers Schreiber die erste Kunde vom Krieg kam, da wußten Vater und Mutter, daß ihre beiden Söhne Lutz und Wilhelm sofort mit mußten. Denn der eine stand eben beim Militär, der andere hatte im vorigen Jahr gedient. Beide waren gesunde, kräftige Leute; wenn die nicht ausziehen würden, wer dann? Darüber war also kein Zweifel! Es galt nur, so schnell wie möglich alles zu bedenken und zuzurüsten, was die Krieger im Felde bedurften. Die Mutter war unermüdlich tätig und Anna, die 14jährige Schwester, half, soviel sie nur konnte; denn ihre beiden Brüder standen ihr sehr nahe, ihnen sollte nichts fehlen von allem, was sie im Krieg brauchen konnten. Auch der Vater, der sonst den ganzen Tag in seinem Geschäft, einer großen Buchhandlung, tätig war, kam nun gar oft herauf, um auch guten Rat zu geben und noch bei seinen Söhnen zu sein; er nannte sie immer noch „seine Buben“, obwohl sie ihm beide über den Kopf gewachsen waren. Die tüchtigen, jungen Burschen waren sein Stolz und seine Freude.
Lutz und Wilhelm waren in heller Begeisterung seit der Kriegserklärung. Wohl wußten sie: der Krieg ist ein Unglück; aber daß er gerade jetzt ausbrach, wo sie beide mittun konnten, das war doch ein unerhörtes Glück! Losziehen gegen die Feinde, die ringsum anstürmten, das Vaterland schützen, das von allen Seiten bedroht wurde, das war eine herrliche Aufgabe, keine großartigere konnte das Leben bringen.
Im ganzen Haus kam keine andere Stimmung auf als diese; für Vater, Mutter und Schwester gingen die Tage der Vorbereitung wie in einem großen Begeisterungssturm dahin.
Und dann wurde es plötzlich still; der erste Abend ohne die Brüder! Die waren nun fort, in der Richtung nach Frankreich,—mehr wußte man nicht. Aber die Zurückgebliebenen begleiteten sie in treuem Gedenken, und der Vater, der den Krieg 1870 mitgemacht hatte, erzählte jetzt mehr von seinen Kriegserinnerungen, als in den vier Jahrzehnten vorher.
„So glänzend wie damals wird es jetzt nicht mehr gehen,“ sagte er. Aber siehe da, keine acht Tage waren seit dem Ausrücken der Truppe vergangen, da verkündete ein Telegramm des Generalquartiermeisters von Stein: Die Festung Lüttich erobert!
Das war ein glänzender Anfang und Wilhelm hatte auch seinen Anteil daran. Bald kam ein Brief voll Glück und Stolz: „Ich bin in Lüttich dabei gewesen und habe mitgekämpft! Ihr habt gewiß in der Zeitung gelesen von dem Riesengeschütz, der „fleißigen Berta“, womit wir so schnell die stolze Festung zu Fall gebracht haben. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, was das für ein Höllenlärm ist, wenn unser großer Brummer loslegt und wie der Boden wankt von der Erschütterung. Und ist es nicht großartig, daß niemand etwas ahnte von solchem Riesengeschütz? Ganz im geheimen wurden sie in Krupps Fabrik angefertigt und alle Welt ist damit überrascht worden. Es ging aber heiß her und es waren schwere Gefechte, bis wir am 7. August als Sieger in die Stadt einziehen konnten. Dann aber war's schön! Anna, einmal hätte ich dich hergewünscht, du hättest gelacht, wenn du gesehen hättest, wie ein paar von uns eine schwarz-weiß-rote Flagge zusammen nähten, denn es war keine bei der Hand. Wir nahmen zum schwarzen Streifen ein Stück aus einer schnell zerschnittenen belgischen Hose, zum weißen ein Handtuch, der rote fiel etwas dünn aus, war ein halbes belgisches Halstuch. An einen abgehackten Besenstiel genagelt, gab das die Flagge, die auf dem Wall aufgepflanzt wurde. Es kann nichts Schöneres geben, als nach hartem Kampf eine deutsche Flagge hissen!—Was wohl Lutz erlebt, wir wissen nichts voneinander. Grüßt ihn.“
Kaum zwei Wochen später läuteten wieder die Siegesglocken in der Stadt, und von Mund zu Mund ging's: Großer Sieg in Lothringen, 10000 Franzosen gefangen, 50 Geschütze erobert. Diesmal war es Lutz, der jubeln konnte: Ich war auch dabei! Und sein Brief zeigte, daß er den Lieben daheim das Herz nicht schwer machen wollte. Er schrieb: „Von all den Toten und Verwundeten schreibe ich nicht, Ihr werdet genug davon lesen und hören. Aber ich sage Euch, nichts Erhebenderes gibt es als mitzuerleben, wie so viele Tausende mit Kampfesmut ins Feuer sehen und nichts Beglückenderes, als nach gewonnener Schlacht die Freude und den Stolz unserer Offiziere zu sehen und ihren Dank, ja den Dank von unserem obersten Kriegsherrn, von unserem Kaiser, zu hören. Wohin wir jetzt kommen, weiß ich nicht.“—
Ja, jetzt wurde es still; eine Woche, zwei Wochen vergingen, von den beiden Brüdern kam keine Nachricht. Das war eine bange Zeit daheim! Warum schrieben sie nicht? War die Post schuld oder lagen sie irgendwo schwer verwundet oder tot? Es kamen immer neue Verlustlisten. Mit Herzklopfen wurden sie durchgelesen; das tat der Vater unten im Geschäft. Er suchte so eifrig nach den Namen seiner Söhne und suchte doch mit der Hoffnung, sie nicht zu finden. Und wenn er die Listen durchgesehen hatte, kam er herauf ins Wohnzimmer und sagte beruhigend: Nichts gefunden.
Aber eines Tages—die Mutter und Tochter waren eben beschäftigt für jeden der Brüder ein Päckchen mit warmen Socken zu packen—da trat der Vater mit der Verlustliste in der Hand herein.
Die Mutter sah ihn an und wurde bleich. „Was ist's?“ „Keine Todesanzeige, keine Verwundung. Aber hier; Lutz Schreiber, vermißt.“ Und er fügte hinzu: „Wir brauchen uns nichts Schlimmes vorzustellen. Ihr werdet euch erinnern, daß erst kürzlich in einem Artikel ausgeführt wurde, wie bei jeder Schlacht einzelne versprengt werden, von ihrer Truppe abkommen und sich einem andern Regiment anschließen, weil sie nicht gleich die Möglichkeit finden, zu ihrer Truppe zurückzukehren.“ „Ja,“ sagte Anna, „bei dem Bruder meiner Freundin war es ja auch so, weißt du noch, Mutter?“ Vater und Tochter hatten dasselbe Gefühl: sie wollten der Mutter Mut machen. Sie hatte nach dem Blatt gegriffen; das zitterte aber so sehr in ihren Händen, daß sie nicht lesen konnte. Sie legte es weg. „Setze dich, Mutter!“ Anna schob ihr einen Stuhl hin; die Mutter griff nach der Hand ihres Mannes und sagte: „Bleibe noch ein wenig oben bei uns, es ist so schwer!“
Und wie in der ersten Stunde, so hielten die drei zusammen in den langen, schweren Zeiten der Ungewißheit, die nun folgte. Gegenseitig machten sie sich Mut und trugen in Geduld die Sorge.
Dann kam wieder ein Lichtstrahl, eine Karte von Wilhelm: „Wochenlang habe ich nichts von euch gehört, ihr wohl auch nicht von mir? Die Post hat versagt. Aber heute: sechs Paketchen und Briefe von euch und dazu vier gewaltige Kisten voll Liebesgaben für unser Regiment. Warme, saubere Hemden! Ihr wißt nicht, was das für eine Wonne ist! Ich und fünf Kameraden steckten seit vierzehn Tagen in feinen, weißen, spitzenbesetzten Damenhemden; die fanden wir in einer halb abgebrannten Villa eines verwüsteten Dorfes und zogen sie an, weil unser Zeug in Lumpen war. Jetzt schwelgen wir in warmer Unterwäsche, in Zigarren und Würsten und sagen tausend Dank für alle Liebesgaben. Was wißt ihr von Lutz?“
Die Wochen vergingen. Wieder kam der Vater mitten am Nachmittag herauf; er hatte einen Brief in der Hand. „Von Lutz,“ sagte er; aber es klang nicht fröhlich, und auf die gespannten, fragenden Blicke von Frau und Tochter antwortete er: „Er ist gesund, aber gefangen ist er!“—„Also doch, o Gott, gefangen!“ rief die Mutter.—„Aber er lebt doch und ist gesund,“ tröstete Anna; „bitte, Vater, lies seinen Brief vor!“
„Ja, es steht nicht viel darin; jedenfalls werden die Briefe gelesen und deshalb ist er in einem unnatürlich gezwungenen Ton geschrieben; manches ist wunderlich.“ Er las vor: „Liebe Eltern! Ich bin gefangen in Frankreich; man sagt uns nicht wo. Ich habe über nichts zu klagen und bin gesund. Schreibt mir an die Adresse, die außen auf dem Brief angegeben sein wird. Ich wüßte so gern, wie es Euch und Wilhelm geht. Es ist hier eine schöne Gegend und wärmer als bei uns. Ich grüße Euch alle. Meine liebe Schwester Anna soll Pater Renatus, Onkel Valentin, Exzellenz Neuburg und Christine Ebner, mein Liebchen, von mir grüßen. Hebt auch für meine Markensammlung die französischen Marken gut auf. Euer treuer Sohn und Bruder Lutz.“
Sie sahen sich alle drei betroffen an. „Der Brief ist gar nicht von Lutz!“ rief Anna. „Die Leute, die wir grüßen sollen, kennen wir ja gar nicht. Einen Pater, einen Onkel Valentin, die Exzellenz.“—„Ja, es ist ganz wunderlich; und wie sollte Lutz so ganz gewöhnliche Marken für seine Sammlung wollen. Es sind vier Fünfcentimes-Marken.“—„Aber doch fragt er nach Wilhelm, und es ist ja seine Schrift, seht nur, darüber kann doch kein Zweifel sein.“
„Dann ist er verwirrt im Kopf, fieberkrank vielleicht.“
Sie schwiegen alle drei und grübelten über den merkwürdigen Brief. Da leuchtete es plötzlich in Annas Gesicht auf: „Darf ich den Umschlag haben, Vater? Ich möchte die Marken ablösen.“
„Warum?“
„Er möchte sie doch haben!“—„Da nimm!“
Mit großer Vorsicht befeuchtete Anna den Umschlag mit Wasser. Die Marken fingen an sich zu lösen, behutsam hob sie ein Eckchen und sah darunter.
„Da steht etwas geschrieben,“ rief sie, „ich habe mir's doch gedacht!“—„Nur sachte, sachte!“
Alle drei waren in höchster Spannung, bis die vier Marken glücklich gelöst waren. Es kamen Worte zum Vorschein, in winzigen Buchstaben mit spitzem Bleistift geschrieben, und sie entzifferten folgendes:
Dürfen die Wahrheit nicht schreiben. Behandlung schlecht, aber wir sind gesund, halten es gut aus. Sorgt Euch nicht, wir leiden fürs Vaterland, dem Gott den Sieg geben wird. Fröhliches Wiedersehen im Frieden.
Ja, aus diesen Worten erkannten sie ihren tapfern Sohn und Bruder wieder! Immer aufs neue lasen sie das winzige Brieflein und waren tief bewegt.
„Bitte Vater, gib mir den andern Brief, sagte plötzlich Anna lebhaft, ich glaube, ich bringe auch da noch einen Sinn heraus. Er schreibt ja, ich soll seine Grüße ausrichten. Warum soll gerade ich den Onkel Valentin und die andern Herrschaften grüßen, die doch gar nicht existieren? Das bedeutet etwas. Die Brüder und ich haben ja früher zum Spaß oft Geheimschriften betrieben. Ich werde schon etwas herausbringen!“
Da saß sie nun eine Weile mit Bleistift und Papier, sann nach über die geheimnisvollen Namen und endlich kam sie darauf, die Anfangsbuchstaben zusammenzusetzen von _P_ater _R_enatus, _O_nkel _V_alentin, _E_xcellenz _N_euburg, _C_hristine _E_bner, und diese Buchstaben zusammen ergaben das Wort: Provence. „In der Provence ist er,“ rief sie triumphierend und sie lachte fröhlich, wie in der glücklichen Zeit, wo sie mit den Brüdern ihren Spaß gehabt hatte. „Mutter,“ sagte sie, „du darfst dich nicht zu arg bekümmern um Lutz, der ist noch ganz fidel; er hätte doch ebensogut einfache Namen wählen können. Aber das hat ihm nun gerade Spaß gemacht, und ich kann mir denken, wie er gelacht hat über den Pater, die Excellenz und gar über das Liebchen, Christine. Ich werde ihm auch einen schlauen Brief schreiben, mit dem soll er sich die Zeit vertreiben.“
So kam es, daß Eltern und Schwester, trotzdem sie Lutz in der Gefangenschaft wußten, doch getroster waren, als in den vorhergegangenen Wochen der Unsicherheit. Sie wußten nun doch, wo sie mit ihren treuen Gedanken den Sohn zu suchen hatten, und wenn er auch schlecht behandelt wurde, er nahm es ja tapfer auf. Auch sie wollten tapfer bleiben; manchem, der fürs Vaterland in den Krieg zieht, fällt dies traurige Los. Keiner darf sagen: alles nur dies nicht! Nein, was da kommt, möchte es auch das Schwerste sein, willig muß es ertragen werden.
Einige Tage nach dem Eintreffen dieses Briefes kam in die Stadt ein großer Transport von französischen Gefangenen. Eine Menge Menschen lief, sich diese anzusehen, als sie vom Bahnhof durch die Stadt hinausgeführt wurden auf den Schießberg, wo große hölzerne Baracken für sie errichtet und mit starkem Stacheldraht umzäunt waren.
Aber aus der Familie Schreiber mochte niemand hinausgehen, die Gefangenen zu sehen. Es war ihnen zu traurig, sie mußten dabei zu schmerzlich an ihren Gefangenen in Frankreich denken. Es lockte sie nicht, die Waffenlosen zu sehen, die mit gesenktem Kopf an der gaffenden Menge vorbeizogen, und auch die nicht, die frech oder haßerfüllt mit feindlichen Blicken nach den Deutschen sahen.
Dennoch beschäftigten sich die Gedanken des Buchhändlers immer mit den Gefangenen und ganz im stillen reifte in ihm ein Plan. Aber er konnte sich nicht entschließen, davon zu sprechen; denn es war etwas, das seiner Frau sehr schwer fallen würde, und sie hatte doch schon so viel zu tragen.
Eines Abends kamen sie miteinander aus der Kirche. Ein Kriegsgottesdienst war gehalten worden und die mahnenden Worte klangen in ihnen noch nach: „Helfen, wo wir irgend helfen können, tragen, was immer uns auferlegt sein mag.“ Da fand Herr Schreiber den Mut, seiner Frau den Plan mitzuteilen; und er sprach zu ihr, während er sie am Arm durch die dunkelnden Straßen führte: „Pauline, wenn du noch etwas mehr tragen willst zu allem, was dir schon auferlegt ist, so könnte ich noch etwas helfen.“
Auch sie war noch erfüllt von dem, was sie eben im Gottesdienst gehört hatte. „Natürlich tragen wir und helfen wir so viel wir irgend können. Was meinst du?“—„Ich habe mich erkundigt, ob man mich trotz meiner Jahre noch brauchen könnte zur Aufsicht bei gefangenen Offizieren. Und ich bekam den Bescheid, daß dies bei meiner früheren militärischen Stellung wohl sein könnte und daß meine gute Kenntnis der französischen Sprache hierfür wertvoll wäre. So würden sie mich also wieder in Uniform stecken und auf irgend einer Festung anstellen. Also müßtest du auch deinen Mann noch hergeben.“
„Könntest du nicht bei den hiesigen Gefangenen sein?“
„Hier sind keine Offiziere und das, was ich erstrebe, kann ich am ersten bei Offizieren erreichen. Sieh, meine Hoffnung ist, daß ich mit meinem Dienst bei französischen Gefangenen den deutschen Gefangenen dienen kann. Unter den französischen Offizieren ist eine ganze Anzahl, die in ihrem Land eine hohe Stellung einnehmen und deshalb Einfluß ausüben, sogar während der Gefangenschaft durch ihre Briefe und Beziehungen. Gelingt es mir, diesen Offizieren Achtung einzuflößen durch gerechte Behandlung und ihnen ein besseres Verständnis für deutsche Art beizubringen, so könnte das guten Einfluß ausüben auf die Behandlung unserer Gefangenen in Feindesland. Wer kann sagen, das sei unmöglich?“
„Ich nicht, ich gewiß nicht. Nur denke ich, bei uns behandelt jedermann die Gefangenen gut.“
„Gut, was heißt gut? Neulich erzählte mir jemand, daß elf französische gefangene Offiziere, denen Schweinebraten und Sauerkraut vorgesetzt worden waren, diese Speise, die ihnen nicht behagte, mitsamt den Tellern unter die Bank geworfen haben. Diese Gefangenen waren zu gut behandelt worden, sonst hätten sie sich solche Frechheit nicht erlaubt. Zu gut ist aber nicht mehr gut, zu gut ist schlecht, macht uns lächerlich und verächtlich in den Augen der Feinde. Nur wer streng ist und mit festem Charakter auftritt, kann die Güte zeigen, die nicht mißbraucht wird.“
Da erwiderte seine Frau nachdenklich: „Ja, ich glaube, daß dir das gelingen würde; du könntest da Gutes wirken. Du könntest nicht, du kannst. Wenn du mich fragst, ich halte dich nicht zurück, zu helfen, ich will die Trennung tragen.“
„An der tragen wir beide gleich schwer,“ sagte der Mann und fühlte, wie weh ihm der Abschied tun würde, den er doch freiwillig auf sich nahm.
Schon nach kurzer Frist kam die Einberufung, kam die Trennung und die große Stille im Haus. Aber an dem Abend, da Mutter und Tochter zum ersten Male zu zweien am Tisch saßen und ihre Vereinsamung so recht schmerzlich empfanden, traf ein Telegramm ein von Wilhelm. Es lautete: „Komme morgen mit ganz leichter Verwundung einige Wochen heim.“
Ja, eine schwere Zeit, aber eine Zeit voll Überraschungen ist der Krieg!
Der junge Professor
Als das neue Schuljahr begann, hatten wenige von den Schülern und auch wenige von den Lehrern Freude daran. Während der Ferien war der Krieg ausgebrochen; seitdem mochte man nichts hören, nichts reden, nichts lesen als vom Krieg; und nun sollte wieder Schule gehalten werden, wie wenn es gar keinen Krieg gäbe!
Einer aber freute sich doch darüber. Das war der junge Lateinschullehrer Jahn. Er lebte mit seinen alten Eltern zusammen, war ihr einziger, geliebter Sohn, und die drei verstanden sich prächtig. Aber still war es in diesem Heim, und so freute sich der junge Mann immer schon am Ende der Ferien auf die Zeit, bis er wieder seine Jungen in der Klasse um sich hatte.
In diesem Jahr ganz besonders. Mit ihnen zusammen wollte er die großen Kämpfe durchleben und sich über die deutschen Siege freuen, mit ihnen, den künftigen Soldaten Deutschlands!
Er selbst wäre ja so gerne gleich mit hinausgezogen ins Feld! Aber bis jetzt war er noch nicht einberufen, und die Eltern waren glücklich, daß ihnen ihr Einziger blieb. So sprach er nicht viel davon, wie es ihn drängte, mit ins Feld zu ziehen. Er sagte sich: Vielleicht kannst du auch unter deinen Jungen etwas fürs Vaterland wirken. Er wußte noch nicht auf welche Weise; aber die warme Liebe, in der sein Herz fürs Vaterland glühte, die mußte doch auch die Herzen der Jungen erwärmen.
Der erste Schultag kam. Im Gymnasium war vieles verändert. Mehrere Lehrer fehlten; sie waren einberufen worden. Die Klaßzimmer waren anders eingeteilt; denn man hatte Platz machen müssen für einige Klassen Volksschüler. Das große, neue Volksschulgebäude, das nahe dem Gymnasium lag, war als Lazarett für Verwundete eingerichtet und die Schüler mußten in andere Schulen verteilt werden. Solch eine Klasse Volksschüler war auf demselben Stock und gerade gegenüber dem Klassenzimmer untergebracht, in dem nun Professor Jahn seine Schüler wiederfand. Es waren Jungen im Alter von 11-12 Jahren, die er schon im Vorjahr gehabt hatte. Frisch und gesund sahen sie fast alle aus nach der Ferienzeit und lebhafter als früher blickten sie aus den Augen, hatten sie doch alle so Großes erlebt. Erwartungsvoll schauten sie nun ihren Lehrer an; der würde gewiß etwas über den Krieg sagen; oder sollte er doch gleich mit dem Latein anfangen?
Bewahre! Das konnte er nicht. Er redete mit seinen Schülern über das, was das deutsche Vaterland in den letzten Wochen erlebt hatte. Er wollte auch wissen, ob es ihnen allen ganz klar sei, daß wir ohne Schuld zu diesem furchtbaren Krieg gezwungen wurden. Dann fragte er nach den Feinden und sie riefen durcheinander: Russen, Franzosen, Serben, Engländer, Belgier, Japaner, Montenegriner.—Und unsere Freunde? Da schallte das einzige Wort durch die Klasse: Österreich!
„Ja, so viele Feinde und nur einen Freund! Da haben wir armen Deutschen wohl auch noch gar keinen Sieg erfochten? Oder wißt ihr einen zu nennen?“
Da brüllten sie durcheinander: „In Lothringen, Lüttich, in Ostpreußen, Namur, Maubeuge, Brüssel!“
Einer rief: „Paris!“
„Halt, halt, soweit sind wir noch nicht!“
„Aber soviel wie besiegt ist's!“
„Aber doch nicht besiegt. Nur kein Wort mehr sagen, als wahr ist! Über was beschweren wir uns denn so sehr bei unseren Feinden, wer weiß es?“
„Über die Grausamkeit,“ rief einer.
„Ja, ich meine aber etwas anderes.“
„Über das, daß sie gegen uns Krieg führen,“ meinte ein kindliches Bürschlein.
„Ja freilich, aber das tun die Feinde meistens. Ich meine etwas, das mir eingefallen ist, weil einer von euch schon Paris gerufen hat.“
Jetzt kam es vielen zumal: „Über die Lügen.“
„Jawohl, sie lügen. Pfui, das wollen wir ihnen nicht nachmachen; und wer sonst manchmal übertrieben oder geschwindelt hat, der soll sich's in diesem Krieg abgewöhnen. Wer ein ehrlicher Deutscher ist, der sagt nicht mehr als die Wahrheit.“
Plötzlich unterbrach sich der Lehrer: „Kinder, es ist schon halb neun Uhr, schnell die Bücher her! Um zehn Uhr sprechen wir weiter. Ich möchte von euch allen wissen, ob jemand aus euer Familie im Krieg ist. Das erzählt ihr mir dann. Jetzt muß gelernt werden und zwar fest. Stramm an die Pflicht wie unsere Soldaten!“
Es war heute ein guter Geist in der Klasse, fast ein militärischer; etwas vom Krieg war hereingeweht.
Um zehn Uhr wurde Professor Jahn zum Rektor gebeten, so konnte er nicht bei seinen Schülern bleiben. Als er nach der Pause zurückkam und über den großen Vorraum ging, in dem sich sonst seine Klasse tummelte, traf er dort nur die Knaben der Volksschule, keinen einzigen seiner Schüler.
„Seid ihr die ganze Zeit über im Schulzimmer geblieben?“ fragte er, als er wieder in seine Klasse trat. Erwin Planck, ein frischer Bursche, der oft den Sprecher für die Klasse machte, gab auch jetzt aufrichtige Antwort: „Draußen ist ein ganzer Haufen Volksschüler; da können wir nicht hinaus. Wir haben oft Händel mit ihnen gehabt, wenn wir an ihrer Schule vorbeigekommen sind.“—„Die gehören auch nicht herein ins Gymnasium!“ Der ganze Schülerchor stimmte zu.
Der junge Lehrer dachte daran, wie soeben der Rektor darüber gesprochen hatte, es werde schwierig sein, daß sich die Schüler der verschiedenen Anstalten gut miteinander vertragen. Er hatte recht gehabt. „Vielleicht läßt es sich so einrichten, daß auf unser Stockwerk keine Volksschulklasse kommt,“ entgegnete er, „ich werde noch mit dem Herrn Rektor darüber sprechen.“
Die Arbeit begann nun wieder, aber dem jungen Lehrer gingen allerlei Gedanken durch den Kopf und eine halbe Stunde vor Schulschluß hielt er es nicht mehr aus. „Macht eure Bücher zu,“ rief er, „ich will das schon verantworten vor dem Herrn Rektor. Wir müssen uns doch erst miteinander aussprechen. Wir gehören zusammen, haben das letzte friedliche Schuljahr miteinander verbracht und wollen auch diese Kriegszeit zusammen erleben. Das ist aber nicht ein Krieg, der uns so fern steht wie die andern Kriege, die wir ganz kühl in der Geschichtsstunde durchnehmen; das ist ein Krieg, der uns allen zu Herzen geht und in unsere Häuser, in unser Leben eindringt; hat er ja doch bis in unser Schulhaus herein seine Wirkung gezeigt. So dürfen wir uns auch die Zeit gönnen, miteinander davon zu reden. Einer ist unter uns, der hat schon seinen Vater verloren. Helmut Hartmann, nicht wahr, dein Vater ist als Offizier in der Schlacht bei Luneville gefallen? Du tust mir herzlich leid; aber einen schöneren, ehrenvolleren Tod als den im siegreichen Kampf gibt es nicht. Ich fordere euch, ihr Kameraden von Helmut Hartmann, auf, daß ihr alle aufsteht, um eurem Mitschüler die Teilnahme und seinem Vater die Ehre zu erweisen!“
Da erhoben sich alle und standen lautlos still; Helmut aber war tief bewegt von der Ehrung.
„Nun sage uns doch, Helmut, habt ihr Näheres gehört über den Tod deines Vaters?“
„Ja,“ antwortete dieser, nahm sich fest zusammen und stand stramm, wie er's wohl von klein auf bei den Offiziersburschen gesehen hatte, die seinem Vater etwas zu melden hatten. „Ja, wir haben gehört, daß mein Vater im Gefecht von einem Schrapnell getroffen und am linken Arm verwundet wurde. Ein Soldat, der hinter ihm stand, sah, wie er blutete, mein Vater achtete in der Hitze des Gefechtes nicht darauf und drang mit seiner Truppe weiter auf den Feind ein. Da traf ihn wieder ein Geschoß, diesmal an den Kopf. Er stürzte, war aber nicht tot. Soldaten hoben ihn auf und trugen ihn beiseite hinter ein Gebüsch, daß ihn der Feind nicht sähe, und legten ihm einen Notverband an. Dann mußten sie wieder ins Gefecht, das sich noch eine Stunde weiter hinzog, und es wurde Nacht, bis der Feind zurückgedrängt und geschlagen war. Man konnte die vielen Verwundeten in der stockfinstern Regennacht nicht mehr heimholen; aber die zwei Soldaten, die meinen Vater geborgen hatten, gewannen noch zwei aus ihrer Truppe, daß sie doch noch miteinander auszogen, ihren Offizier zu suchen, obwohl es fast unmöglich schien in dem fremden Gelände und in der finsteren Nacht. Aber sie fanden ihn, und er lebte noch und dankte ihnen, daß sie zu ihm gekommen waren. Sie gaben ihm Wein, legten ihn auf einen Mantel und trugen ihn sorgsam bis in das Dorf, in dem ein Feldlazarett aufschlagen war. Dort wurde er verbunden, dort hat er auch noch erfahren, daß die Schlacht gewonnen war, und hat uns Grüße schreiben lassen.—Am Tag darnach ist er gestorben. Vor seinem Tod hat er gesagt: ‚Laßt mich auf dem Schlachtfeld begraben.‘ Seine Soldaten haben ein Grab geschaufelt und Ehrensalven darüber abgegeben. Aus zwei Latten haben sie, ehe sie weiter ziehen mußten, ein Kreuz gemacht und haben das Grab mit Feldblumen bestreut.“
Der tapfere Offizierssohn hatte mit klarer Stimme vom Tode seines Vaters berichtet. Sein Lehrer war ergriffen. „So liegt er auf dem Schlachtfeld begraben,“ sagte er, „das ist das ehrenvollste Soldatengrab. Habt ihr gelesen, was man nach dem Tode des Prinzen Ernst Ludwig von Meiningen in seinem Feldnotizbuch aufgezeichnet fand? ‚Wenn ich auf dem Feld der Ehre für Deutschlands Größe fallen sollte, so begrabt mich nicht in meiner Fürstengruft, sondern scharrt mich in das Grab meiner tapferen Kameraden ein. Grüßt mir meinen Kaiser.‘—Seht, so schreibt ein Fürst. So mag sich auch jeder Sohn, jede Frau, jede Mutter trösten, wenn ihr gefallener Held nicht auf dem heimischen Friedhof ruht.
Nun aber möchte ich euch auch etwas zu bedenken geben. Wer hat denn diesem tapferen Offizier, von dessen Tod wir gerade gehört haben, den letzten Liebesdienst erwiesen? Wer hat ihn aus dem Gefecht getragen? Wer hat ihn nach stundenlangen Kämpfen, selbst todmüde und durchnäßt noch nachts gesucht, gestärkt, getragen und den Sterbenden auf ein Ruhebett gebracht? Das waren gemeine Soldaten. Kinder, das waren vielleicht alle einmal Volksschüler. In der Schlacht, im fürchterlichsten Ernst des Lebens, da erkennt man, wie nichtig diese Klassenunterschiede sind. Und nun möchte ich euch fragen: wollt ihr nicht das in dieser Kriegszeit beweisen, daß wir Deutsche alle Brüder sind, alle zusammen gehören, reich und arm, vornehm und gering, Lateinschüler und Volksschüler! Unser Kaiser hat gesagt: ‚Nun kenne ich keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche.‘ Wollt ihr sagen: ‚Wir kennen keinen Klassenunterschied mehr, nur deutsche Kameraden?‘“
„Ja, bei Gott, das wollen wir.“ Helmut, der Offizierssohn, hatte das gerufen, und das „ja“ ging durch die ganze Klasse.
Am Abend dieses ersten Schultags suchte Professor Jahn den Volksschullehrer auf, dessen Klassenzimmer dem seinigen gegenüber lag. Er sprach mit diesem Lehrer, der schon ein älterer, erfahrener Mann und Oberlehrer der Volkschule war. Die beiden Herren verstanden sich gut. Am nächsten Morgen, vor der Pause, redete der Oberlehrer seine Volksschüler an: „Haltet Frieden mit den Lateinschülern, die alberne Feindschaft verbitte ich mir. Wenn draußen Krieg ist, muß im Land Frieden sein, auch unter den Buben. Verstanden?“
Einer gab Antwort: „Die wollen gar nichts von uns, die sind hochmütig.“—„Ja manche, aber nicht alle; und ihr seid neidisch—auch nur manche, nicht alle. Da tut mir die Wahl weh, was schlimmer ist. Aber den Hochmütigen vergeht der Hochmut im Krieg und den Neidischen der Neid; weil sie alle zusammen eine große Aufgabe haben und nur einen Wunsch: daß wir siegen. Siegen können wir nur, wenn wir alle einig sind. Und siegen müssen wir doch oder nicht?“—„Ja, ja!“ das kam allen aus dem Herzen.
Um zehn Uhr, während der Pause, kam die ganze Klasse von Professor Jahn auf den Vorplatz, in dem sich schon die Volksschüler des gegenüber liegenden Zimmers aufhielten. Heute kam auch der Oberlehrer und Professor Jahn dazu. Die beiden Herrn traten am Ende des geräumigen Ganges zusammen und standen schon eine Weile plaudernd unter dem Fenster. Nun kamen sie zu den Knaben, die zwar friedlich, aber doch fremd einander gegenüberstanden. Der Oberlehrer redete sie an: „Wahrscheinlich sind an der Post wieder neue Telegramme angeschlagen. Herr Professor Jahn und ich wollen jeden Tag um zehn Uhr zwei von euch abschicken, daß sie nachschauen und dann berichten.“ Darauf erfolgte ein großes Hallo, natürlich wären am liebsten alle davon gesprungen, Volksschüler und Lateinschüler, die einen so gut wie die andern.
„Herr Professor, schicken Sie mich,“ baten alle Gymnasiasten und umdrängten ihren Lehrer.
„Ihr kommt alle an die Reihe, habt keine Angst, der Krieg geht nicht so schnell zu Ende. Wir nehmen zuerst solche, die ihren Vater oder ihre Brüder im Feld stehen haben, die haben den Vorzug.“ Noch ehe er weiterreden konnte, rief ein kleines Bürschlein: „Ich, Herr Professor, ich, meine drei Brüder sind im Feld!“
Jetzt ließ sich ein Volksschüler vernehmen: „Von mir vier Brüder!“
Dagegen konnten die andern nicht aufkommen; der Lateinschüler und der Volksschüler sprangen also miteinander davon.—Die zwei Klassen waren in dem Gedränge durcheinander gekommen und jetzt sprachen sie zusammen über die Brüder und wo sie standen; über die Väter, und daß die Briefe so lange ausblieben. Da fand es sich, daß einer von der Volksschule und einer von dem Lateinschule ihre Brüder in dem gleichen Bataillon hatten, und daß sie in den Vogesen gekämpft hatten. Nun lagen sie beide schwer verwundet in dem gleichen Feldlazarett; der eine hatte sechs Wunden, der andere hatte ein Bein verloren. Daraufhin kamen alle überein, daß diese beiden morgen miteinander nach den Telegrammen laufen dürften.
Die zwei Klassen verstanden sich immer besser. Einmal als die beiden Abgesandten die Nachricht von dem Fall der Festung Antwerpen brachten, gab Professor Jahn ein kleines Fest. Er lud aus beiden Klassen die Schüler zu sich, deren Angehörige in Belgien fochten. Es waren ihrer acht, die sich nicht wenig darüber freuten. Sie wurden bewirtet von der freundlichen Mutter des Professors und erzählten aus den Feldpostbriefen ihrer Angehörigen.
Und wieder gab es für einen Teil der Schüler ein kleines Fest, als ein Telegramm von neuen Heldentaten der tapferen „Emden“ berichtete; diesmal waren solche geladen, die Verwandte bei der Marine hatten. Einer derselben, ein Volksschüler war es, war selbst schon in Kiel gewesen, hatte die großen deutschen Kriegsschiffe gesehen und wußte es schon ganz gewiß, daß es einmal wie sein Kieler Vetter, zur Marine gehen werde. Auf ein Unterseeboot wollte er und dann so kühne Unternehmungen mitmachen wie die Mannschaft von U 9, von deren Heldenmut alle Zeitungen voll waren.
Aber einmal hielten die beiden Lehrer eine Trauerfeier. Eine große Verlustliste war herausgekommen, aus der mehrere Schüler den Tod ihrer Angehörigen erfahren hatten. Unter diesen war auch der Volksschüler, der vier Brüder im Feld gehabt hatte; drei waren in einer Woche gefallen. Der Oberlehrer sprach von den herben Verlusten und schilderte die schweren Kämpfe. Da war große Teilnahme in allen Herzen. Professor Jahn sagte am Schluß der kleinen Trauerfeier: Besser als ich's vermöchte spricht ein Gedicht aus, was uns bei dieser langen Reihe von Todesanzeigen bewegt. Ein Freund von mir, ein junger Pfarrer, hat es gemacht. Ihm ist der Tod so vieler Tapferen tief zu Herzen gegangen. Ich möchte es euch vorlesen und will es jedem von euch, der in Trauer gekommen ist, abschreiben und mit heimgehen.—Er las das Lied vor:
Die Toten.
Herr Gott, nun schließ den Himmel auf, Es kommen die Toten, die Toten zuhauf, Aus schwerem Kampf, aus blut'gem Krieg, Reich' ihnen den Lorbeer und ewigen Sieg! Wir können sie nicht mehr schmücken, Nicht mehr die Hände drücken Den vielen, vielen Scharen, Die unsre Brüder waren.
Herr Gott, nun trockne selber du Die Tränen im Aug', gib Fried' und Ruh' Dem wunden Herzen, dem stillen Haus, Führ alles Dunkle zum Licht hinaus. Dieweil wir Eltern und Frauen In zuckender Wehmut schauen Die vielen, vielen Scharen, Die unsre Brüder waren.
Herr Gott, nun segne dem deutschen Land Seinen gefallenen Heldenstand Gib allen freudigen Opfergeist, Der auch im Frieden sich stark erweist, Weil doch ihr herrliches Leben Für uns zum Opfer gegeben Die vielen, vielen Scharen, Die unsre Brüder waren.
Georg Merkel.
Zwei Wochen später an einem Montag früh, als die Schüler von Professor Jahn in ihre Klasse kamen, stand da ein fremder Lehrer. Professor Jahn war einberufen worden. Und wieder nach kurzer Frist hörten die Schüler, daß ihr geliebter Professor auf dem Schlachtfeld von Ypern gefallen und begraben sei.
Am Tag darnach sprach der Oberlehrer in der Pause die Klasse der Lateinschüler an und sagte: „Die Eltern von Professor Jahn haben mir erzählt, daß er kurz vor seinem Tode in sein Notizbuch schrieb: ‚Grüßt mir meine Buben!‘ Ihr habt einen edlen Lehrer gehabt, bleibt ihm treu; denn wie es in seinem Lieblingsgedicht steht, auch er hat ‚sein herrliches Leben für uns zum Opfer gegeben!‘“
Allerlei Kriegsbilder
nach Briefen und Zeitungen.
Der Turmbau zu Babel.
Zwei Offiziere der Kavallerie ritten zusammen und besprachen sich über das Völkergemisch, das gegen uns in den Krieg zieht, über die Neger, die Inder, Turkos und Japaner, die mit Franzosen, Belgiern, Engländern und Russen vermischt uns angreifen, und einer sprach den Zweifel aus, ob wir auch wirklich über all' diese Herren Herr würden. Der andere sagte: „Gerade das Völkergemisch gibt mir die Zuversicht, daß wir siegen werden, denn das ist schon in der Bibel beim Turmbau von Babel zu finden. Im nächsten Quartiere werde ich mir eine Bibel verschaffen und vorlesen, was da steht.“
Sie waren noch keine 50 Meter weitergeritten, so sah der Offizier auf der Straße, von einem Huf in den Schmutz getreten, ein Buch. Er ließ es sich von einem Radfahrer geben: es war eine Bibel. Nun konnte er seinem Kameraden sofort die Stelle über den Turmbau zu Babel, 1. Mose 11, vorlesen. So kam der eine der Offiziere zu einer Kriegsbibel, der andere zu der beruhigenden Überzeugung, daß das Sprachgewirre den Feinden zum Schaden gereichen werde.
Erbprinz Luitpold.
Im Monat August durchbrauste ganz Deutschland die frohe Kunde von dem glänzenden Sieg, den der bayrische Kronprinz Rupprecht mit seiner tapferen Armee in Lothringen errungen hatte. Von nah und fern jubelte man dem Sieger zu und wünschte ihm aus dankbarem Herzen alles Gute. Aber mitten in diese Glückwünsche traf den Kronprinzen die Botschaft eines schweren Unglücks. Sein ältester Sohn, der Erbprinz Luitpold, erkrankte an einer Halsentzündung und starb fern vom Vater, in Berchtesgaden.
Tief erschüttert war der Kronprinz von der Trauerkunde; aber er gab sich nicht dem Schmerz hin, sondern sprach die tapfern Worte: „Jetzt ist nicht Zeit zu trauern, es gilt zu handeln.“
Die Teilnahme am Tod des jungen Prinzen war ganz allgemein. Man kannte in München Prinz Luitpold wohl. Er besuchte das Gymnasium und wollte dort keinen Vorzug vor anderen Schülern haben. Wenn ihn ein Lehrer mit „Königliche Hoheit“ oder ein Schüler mit „Sie“ anredete, so verbat er sich dies und verkehrte ganz kameradschaftlich mit den Klassengenossen. Als er zum Sommeraufenthalt in Berchtesgaden weilte, fehlte es dort—wie überall—in der Kriegszeit an Erntearbeitern; und es erging an die Jugend die Bitte, zu helfen und die Männer auf dem Feld zu ersetzen. Prinz Luitpold war sogleich bereit, dem Ruf zu folgen und half tapfer mit bei der schweren Feldarbeit. Die Erinnerung daran ist in dem folgenden Gedicht festgehalten:
Auch ein junger Königsprosse, Dem der Sinn nach „Dienen“ stand, Steigt von seiner Väter Schlosse, Bietet freudig seine Hand.
Zu der ungewohnten Mühe Auf dem Feld im Sonnenbrand, Gleich den Andern spät und frühe, Tapfer in der Reih' er stand.
Schweigend schau'n die Berge nieder, Dunkel liegt der Königssee, Nirgends tönen frohe Lieder, Auf der Welt rings lastet Weh.
Zarter, lieber Königsknabe, Banges Ahnen faßt mich an, Daß du dort zu deinem Grabe Selbst den Spatenstich getan!
Denn indes dein Heldenvater Sieg auf Sieg der Welt verschafft, Hat dich kleinen Erntehelfer Schnitter Tod hinweggerafft.
Mag des Helden Herz erschauern, Da von fern dies Wort er spricht: „Jetzt ist nicht Zeit zu trauern, Handeln heischt allein die Pflicht!“
Doch indes er weiter lenken Muß das Schicksal der Armee, Sehnend wird er heimwärts denken, Manche Nacht in tiefen Weh:
Deine Mutter mußt ich geben Längst der Erde schon zurück, Doch sie ließ von ihrem Leben Mir in dir ein köstlich Stück.
Nun auch dieses hingeschwunden, Auf, mein Schwert! Fest faß' ich dich! Ringsum bluten tausend wunden— Eine weiß ich, die traf mich.
Johanna Klemm
Kein Standesunterschied.
Eine Berliner Zeitung hat eine große Menge Liebesgaben gesammelt und sie dann durch ihren Vertreter an eines unserer Regimenter bringen lassen, das dicht am Feind stand. Als er einem jeden gegeben hatte, was er sich ausgebeten hatte, trat ein Soldat an ihn heran, der eben zwei Eimer voll Wasser herbeigeschleppt hatte. „Haben Sie vielleicht noch ein Hemd übrig?“ fragte er bescheiden, „ich habe seit vier Wochen keines bekommen können.“—„Ja, hier haben Sie ein Hemd,“ entgegnete der Verteiler, sah sich dabei den Soldaten genauer an und erkannte in dem Mann, der ihn um ein Hemd bat, einen Universitätsprofessor.
Bei St. Quentin wurden an einem Tag eine ganze Menge Verwundete in ein Lazarett gebracht, das von deutschen Schwestern versorgt wurde. Es gab viel Krankenbetten zu richten, Strohkissen zu füllen, Matratzen zu tragen und dergl. Ein Verwundeter bemerkt zwei Soldaten in einer ihm unbekannten Uniform; sie fielen ihm durch die liebenswürdige Art auf, mit der sie den Schwestern halfen, überall anpackten und für die Verwundeten Karten schrieben. „Was sind das für Kameraden?“ fragte er.
„Das sind unseres Kaisers Söhne, die uns heute besucht haben, Prinz Adalbert und Prinz August.“
Der Hornist.
Eine feine List gelang einem württembergischen Hornisten. Sein Regiment stand im Gefecht mit französischer Infanterie und geriet in bedrängte Lage durch die Überzahl der Feinde. Der Hornist erkannte die Gefahr. Rasch entschlossen blies er das französische Rückzugssignal. Die Franzosen ließen sich täuschen, folgten dem Signal und machten Kehrt. Der Hornist wurde mit dem eisernen Kreuz ausgezeichnet.
Der Lokomotivführer.
Ein österreichischer Lokomotivführer hatte einen Eisenbahnzug mit Schießvorrat zu befördern. Die russische Artillerie hatte Nachricht davon bekommen und beschoß den Zug. Obwohl sie weit entfernt war, schlugen doch die Kugeln in unmittelbarer Nähe des Zuges ein und seine wertvolle Ladung war äußerst gefährdet. Da kam dem Lokomotivführer ein guter Gedanke. Als wieder ein Geschoß in nächster Nähe platzte, öffnete er rasch den Dampfhahn, so daß der Dampf mit Gewalt entwich und der ganze Zug in einer weißen Wolke verschwand. Die Russen in der Ferne mußten meinen, ihre Geschosse hätten die Lokomotive in die Luft gesprengt. Sie stellten ihr Feuer ein und der Zug war gerettet.
Das Extrablatt.
In einer deutschen Mädchenschule ist der Beschluß gefaßt worden, keine Fremdwörter mehr zu gebrauchen. Wer es doch tat, muß fünf Pfennig in die Rotkreuzkasse einlegen. In kurzer Zeit hat eine Klasse 13 Mark gesammelt. Aber der Herausgeber des Tagblattes erhält von den Mädchen dieser Klasse einen Brief des Inhalts: „Es kostet uns unser ganzes Taschengeld, wenn Sie täglich ein _Extra_blatt ausgeben; denn wir müssen immer fünf Pfennig zahlen, wenn wir Extrablatt sagen.“
Der Herausgeber des Blattes hatte Mitleid mit der Klasse und schon vom nächsten Tag an erschien bei ihm ein _Sonder_blatt.
Die allgemein verständliche Sprache.
Eine Truppe Deutscher kam nach schweren Gefechten in ein eben eingenommenes französisches Dorf. Seit 24 Stunden hatten sie nichts zu essen gehabt und den stärksten Hunger mit rohen Kartoffeln gestillt, die sie sich gelegentlich aus dem Acker gruben. Nun wollten sie sich's wohl sein lassen im Dorf. Viel gibt's da nicht zu essen, aber ein Huhn wäre doch wohl aufzutreiben. Wie kann man sich nur verständigen mit den französischen Bauern! Doch man weiß sich zu helfen. Ein Soldat geht in die Küche, wo die Bäuerin, zitternd vor der deutschen Einquartierung, wartet, was nun geschehen werde. Der Soldat nimmt einen Kochtopf, füllt ihn mit Wasser, hält ihn der Bäuerin unter die Nase, deutet in den Kochtopf und ruft Kikeriki! Da nickt sie verständnisvoll und bald kocht ein Huhn im Topf.
Die Gefangenen.
Ein preußischer Wachtmeister hatte gefangene Russen zu bewachen. Aber seine Übermüdung ist zu groß. Er fällt um und schläft. Entsetzt fährt er morgens aus dem Schlaf—ob die Gefangenen nicht entwichen sind? Er schaut nach, traut seinen Augen kaum: es sind 120 mehr als es am Abend waren. Die haben sich aus Gefangenenlager herangeschlichen und lassen sich gefangen nehmen. Sie wissen, bei den Deutschen geht es ihnen gut.
Der Generaloberst v. Hindenburg.
Ein Mann von gewaltiger Größe und Stärke, mit einem Angesicht voll Güte und Wohlwollen ist unser Generaloberst v. Hindenburg, der Retter Ostpreußens, der Russenschreck, wie ihn die Soldaten nennen, seitdem er bei Tannenberg und an den masurischen Seen die russische Armee geschlagen und in die Sümpfe gedrängt hat.
Dieser ungeheure Erfolg war das Ergebnis seiner Lebensarbeit, seiner längst erprobten Pläne. Schon seit Jahrzehnten vertrat Herr v. Hindenburg die Ansicht, daß, wenn einmal die Russen kämen, sie in die masurischen Seen gedrängt werden müßten. Andere Offiziere meinten im Gegenteil, die Russen dürften gar nicht in die Nähe der Seen kommen. Er gab aber nicht nach. Hindenburg war irgendwo in der Provinz Korpskommandant, als eines Tages im deutschen Reichstag die Idee auftauchte, es gehe nicht an, daß ein so großes Gebiet unfruchtbar bleibe: die masurischen Seen müßten ausgepumpt und aus ihnen fruchtbarer Boden geschaffen werden. Der alte General hatte keine Ruhe mehr; man wollte seine Seen, seine Sümpfe, die er alle persönlich kannte, anrühren! Er reiste sofort nach Berlin, erklärte, protestierte, agitierte! Er lief zu Abgeordneten, zu Parteiführern, zu Kommissionen und, als alles nichts nützte, zum Kaiser. Er hat auch den Kaiser solange nicht verlassen, als er ihm nicht versprach, daß man die Seen in Ruhe lassen werde.
Alljährlich zu den Manövern wurde Hindenburg zu den masurischen Seen geschickt. Dort, wie bei allen Manövern, trug der eine Teil der Armee ein weißes, der andere Teil ein rotes Band auf der Kappe. Die Roten waren die Russen, die Weißen wurden von Hindenburg befehligt; sie hatten Ostpreußen zu verteidigen. Wenn die Soldaten bei den Übungen erfuhren, daß sie gegen Hindenburg zu kämpfen hätten, wiederholte sich alljährlich der anläßlich der Übernahme der roten Bänder fast sprichwörtlich gewordene Ausruf: „Heuer gehen wir baden!“ Denn sie wußten, daß da alles vergeblich ist: ob sie von links, ob von rechts kommen, ob sie von vorn angreifen, oder von rückwärts jagen, ob sie mehr oder wenig sind, das Ende ist doch immer dasselbe: daß Hindenburg sie in die masurischen Seen einklemmt. Und jedes Jahr, wenn abgeblasen wurde, stand die rote Armee bis zum Hals im Wasser. Die Offiziere gingen nur noch in wasserdichten Uniformen zu den Hindenburg-Manövern.
Dann ging der alte General in Pension. Doch weiterhin verbrachte er die Sommermonate bei den masurischen Seen. Er entlehnte sich in Königsberg eine Kanone und ließ sie von früh bis spät aus einer Lache in die andere schleppen. Er wußte genau, welcher Sumpf von der Artillerie passiert werden kann und in welchem der Feind stecken bleibt.
Da brach der Krieg aus und was so lange nur Manöverübungen gewesen waren, jetzt wurde es ernst.
Sobald der Kaiser hörte, daß die Russen in Ostpreußen eingebrochen seien, berief er Hindenburg und forderte ihn auf, jetzt seine Kunst zu zeigen. Unverzüglich reiste dieser vom westlichen Kriegsschauplatz nach Osten. Schon während der Fahrt erteilte er telegraphische Befehle und als er ankam, war alles vorbereitet.
Auch die Russen waren da; die Russen, die nun unerbittlich samt Pferden und Geschützen in die masurischen Seen gejagt wurden.
Seitdem ist durch ganz Deutschland Hindenburgs Ruhm erklungen, wir sind ihm dankbar und sind stolz auf ihn. Er selbst aber ist wie alle wirklich großen Männer bescheiden geblieben. Er nimmt die Ehre nicht für sich allein an, er erkennt gern an, was andere leisten. Von seiner Armee rühmt er: „Sie hat einen herrlichen Geist; jeder vom obersten General bis zum untersten Mann ist voll sieghafter Zuversicht. Prachtvoll sind auch meine Flieger, sie haben schon heldenmütige Aufklärungsdienste geleistet. Auch unsere Verbündeten, die Österreicher, sind ausdauernd, tapfer und zäh.“
Wohl uns, daß wir solches hören dürfen! Es bestärkt uns in der stolzen Zuversicht:
Wir werden siegen!