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Kornelius Vanderwelts Gefährtin

11

Reading edition

Es ging bergab mit den ›Fünf Erdteilen‹. Es gab lustigere Schankbetriebe im mächtig sich dehnenden Hafengebiet, und das arbeitende Volk war über die weißgescheuerten Tische, die Bierseidel und Genevergläschen hinausgewachsen und verlangte nach anders gearteten Genüssen als dem Gedudel der Harmonika. Noch war eine ältere Stammgemeinde treugeblieben, aber als auch die sprichwörtlich gewordene Grobheit des Matthes keine Funken mehr schlug und einzuschrumpfen begann, weil ihr die Hauptzielscheibe, die ein Leben lang verängstigte Frau, vor Augen fehlte, rückten auch die alten Kunden in verlegener Langeweile auf ihren Sitzen, und nur hier und dort klatschten noch die Skatkarten auf die Tischplatten.

Der Matthes alterte zusehends. Von einer Erkältung konnte er sich schwer erholen, und der vierschrötige Mann schlich wie ein Schatten umher. Aber noch wollte er nicht zugeben, daß seine besten Trümpfe ausgespielt wären, und er nörgelte mehr als je in Haus und Betrieb herum, bis ihn ein neuer Anfall aufs Lager warf.

Angela Freydag sah alles und sah mehr. Sie sah, wie die niedergedrückten Lebensgeister der alten Frau sich heimlich zu regen begannen, je mehr sie bei dem alten Manne zu versagen drohten, wie die Alte sich zusammenraffte, als hätte sie noch etwas vom Leben nachzuholen, was ihr einen Entgelt bieten müßte für alle Stöße und Schläge des Daseins. Die alte Frau stand von ihrem Lager auf und übernahm die Pflege des Mannes.

»Es geht nicht an, Engel,« sagte Thomas Vanderwelt, »daß du auch noch die Geschäfte der Matthesleute auf deine Schultern nimmst und vor den Gästen die Wirtsmutter spielst. Ich sage es nicht, weil ich mich meiner eigenen Unfruchtbarkeit schäme. Ich bin eine taube Blüte, über die nicht viel mehr zu reden ist. Ich sage es, weil ich an den Vater denke und an sein Entsetzen, seinen Angela-Engel in solcher Gesellschaft zu sehen.«

»Beruhige dich, Thomas. Der Vater würde sagen: Der Angela-Engel wird schon wissen, was er will.«

»Darf ich es auch wissen, Engel?«

Sie säumte an einem Handtuch, und er setzte sich grübelnd zu ihr und ließ das derbe Leinen durch seine Finger gleiten.

»Was ich will, Thomas? Feststellen, ob es sich lohnt, uns keinen Augenblick eher aufzugeben.«

»Ob was sich lohnt, Engel? Meine Gedanken sind seit einiger Zeit nicht mehr bei der Sache, und du mußt ihnen schon zu Hilfe kommen.«

Sie senkte die Arbeit in den Schoß und blickte forschend über ihn hin.

»Eine Frage an dich, Thomas, bevor ich antworte. Wo sind deine Gedanken seit einiger Zeit?«

Er prüfte das Leinen weiter zwischen seinen Fingern, als wäre es ihm wichtiger als die Frage.

»Ach, Engel, ich gefalle mir mal wieder in Übertreibungen, das ist alles. Gedanken! Als ob ich andere Gedanken hätte als ein abgeblaßter Papagei im Käfig.«

»Unterlaß mir zuliebe die weltschmerzlichen Bilder. Sag' mir, ob es noch einen Funken geben kann, der dich aufrüttelt?«

»Einen Funken mag es schon geben. Aber ob dieser traurige Rest wert ist, aufgerüttelt zu werden —«

»Der Rest kann das Beste enthalten. Das Pulver, das sich entzündet und die Kugel aus dem Lauf treibt.«

»Es lohnt nicht, Engel. Ich habe in der letzten Zeit viel darüber nachgedacht.«

»Woher willst du müder Mensch wissen, was sich lohnt und was sich nicht lohnt? Welche Versuche geben dir das Recht dazu? Hast du alle Möglichkeiten ausgeschöpft? Bist du jeder Betätigungsmöglichkeit nachgegangen? Ja, es ist richtig, ich habe vorhin dieselben Worte gebraucht, und du hast mich nach ihrem Sinn gefragt. Den will ich dir jetzt gern offenbaren. Dein Vater Kornelius Vanderwelt, Thomas, würde deshalb sagen, der Engel wird schon wissen, was er will, weil er die großen Ziele sah, das Werk und nicht das Handwerkszeug. Es würde ihm nicht einfallen, zu fragen, ob es ehrenvoller ist, Bier zu verkaufen oder Kohlen zu fördern oder Schiffe zu befrachten. Wenn er das eine oder andere nicht gerade vermocht hätte, so hätte er das dritte oder vierte getan und den zupackenden Mann gewertet und nicht den überheblichen Kastengeist, der sich auch nur eine Sekunde besinnt, ob der Handel mit Stahl und Eisen vornehmer sei als der mit Guano. Die Art des Mannes ist vornehm, nicht die Art seiner Betätigung. Das solltet ihr jungen Menschen endlich lernen, die ihr euch ein funkelnagelneues Geschlecht dünkt.«

»Du selber sprachst davon,« sagte Thomas Vanderwelt nach einer stummen Weile, »du wolltest feststellen, ob es sich lohnt, uns keinen Augenblick eher aufzugeben. Wie soll ich das verstehen?«

Sie blickte ihn an und sah, daß sein Kopf wie eine schöne, welke Blüte an ihrer Schulter lehnte. Und dennoch war es der Schmalkopf des Vaters mit den breiten Wölbungen der Stirn.

»Thomas — ich habe mir eine Zeit gesetzt. Es kann sich eine Sache als so minderwertig herausstellen, daß ihre Beibehaltung eine Vergeudung von Zeit und Kraft bedeuten würde. Ist der Punkt erreicht, so lege ich nieder.«

»Was legst du nieder?«

»Die Sorge um den Nachruhm des Namens Kornelius Vanderwelt.«

»Liegt dir so viel daran?«

Sie nahm seinen Kopf mit beiden Händen, schob ihn von ihrer Schulter und suchte finster in seinen Augen.

»Nicht sehr viel mehr — wenn mich das der Sohn und Erbe fragt.«

»Und was würdest du tun — wenn der letzte Punkt erreicht ist?«

»Abreisen,« sagte sie hart, und kein Zug in ihrem Gesicht zuckte.

Sie hörten nur ihren Atem noch. Den ruhigen der Frau, den immer schneller werdenden des Mannes.

»Engel — wenn wir anderen dir schon so minderwertig erscheinen, wie wir es sind — denk' an die begabten Jungen. Übereile nichts.«

»Denk' du daran, Thomas. Und beeile dich.«

»Ich bin so müde — so elend müde — —«

»Müde wird man nur von der Trägheit des Herzens. Reg' die Hände und reiß das Herz mit. Es läßt sich so gern mitreißen.«

»Ach, Engel, die Hände. Sieh dir die Hände an. Es sind Knabenhände geblieben.«

»Ist das ein Kunststück, Thomas, aus Knabenhänden Manneshände zu machen? Manneshände für deine Person und für deine Familie? Glaubst du, ich ränge mit dir und rüttelte und schüttelte dich, wenn ich nicht doch noch die Möglichkeit sähe?«

»Zu meiner Familie gehört auch meine Frau.«

Sie zögerte keine Sekunde.

»Gibt es Hindernisse, so sind sie da, um beseitigt zu werden. Du hältst das Heft zur Scheidung in der Hand.«

Sie wartete auf Antwort und sah, wie er in den Schultern fröstelte.

»Ach,« sagte er klagend, »was ist nicht alles aus meinem Leben beseitigt worden. Der Stolz auf mich selbst — und die Freude an der Frau. Oder war die Reihenfolge die umgekehrte? Alles an Zweck und Ziel war aus meinem Leben gestrichen, seit ich blindlings in diese Ehe lief, Engel, und selbst das Jungferntum war aus der Mitgift gestrichen.«

Angela Freydag spürte ihr Herz hart gegen die Rippen schlagen. Ihre Nasenflügel weiteten sich.

»Man mag sagen, Thomas, das sei kein Gesprächsstoff zwischen uns beiden. Aber er ist es doch, wenn es — wenn es um eine Lebensrettung geht. Was du soeben ausgesprochen hast, setzt dich ins Unrecht. Denn du hast trotzdem die Ehe fortgesetzt. Jetzt aber sorge, daß Recht wird. Nicht mehr vergeben. Nicht mehr! Sagen: das nächstemal — aus! Und die Faust hinter das Wort setzen. Aus!«

Ihre Hand zog einen Strich, ballte sich zusammen, fiel hart auf die Tischplatte. Durch das Zimmer hallte ein Laut, als wäre hart eine Tür ins Schloß gefallen.

Thomas Vanderwelt hatte sich erhoben. Ein paar Tropfen perlten auf seiner Stirn. Er fühlte es, als er sich das Haar aus der Stirne strich. Die nächsten Atemzüge stand er, als ob es um ihn herum wirbelte, als ob er mit stoßenden Händen in den Wirbel hineinschlagen müßte. Eine Welle hob ihn hoch und zeigte ihm Land. Eine Welle riß ihn nieder.

»Engel — hilf mir! Die Jungen — die Jungen sind es wert.«

»Ich helf' dir. Dir und den Jungen und keinem anderen. Weißt du, was helfen heißt? Nicht einen Ertrinkenden aus dem Wasser ziehen. Ihm den Arm unter die Brust legen, damit er das Schwimmen lernt. Dann ist es vorbei mit der Ertrinkungsgefahr.«

»Engel — Engel! Als ich ein Knabe war und nicht lernen wollte, wie du wolltest, hab' ich zum Schluß doch immer wieder nach deiner Hand gehascht. Das möcht' ich auch heute. Deine liebe, liebe Hand möcht' ich.«

Sie öffnete die Hand, die immer noch geballt vor ihr auf der Tischplatte lag, und streckte sie flach auf den Tisch.

»Sie war einmal eine liebe Hand. Als dein Vater sie so nannte, Thomas, und sie schön fand. Ja, das war. Jetzt muß sie so hart wie ein Hammer sein, um eines Tages — eines Tages — wieder schön gefunden zu werden.«

Er ergriff die Hand, und sie ballte sich schmerzhaft fest um die seine.

»Erst das erlösende Wort sprechen, Thomas, sonst wäre jede Dankbezeigung ein rührseliger Unsinn.«

»Engel,« rang er mühsam hervor, »soll ich es ihr wie eine Kugel vor den Kopf schleudern?«

Die Klammer ihrer Hand rührte sich nicht. Und er fühlte, daß sie die Wahrheit gesprochen hatte, daß ihre Hände unerbittlich hart geworden waren.

»Du kannst es ihr«, gebot sie, »in zwei Malen sagen. Das erste Wort heißt: Bis hierher und nicht weiter mehr. Und das zweite Wort: Aus! — Du kannst es auch deiner Schwester Juliane sagen.«

Noch einmal rüttelte er an ihrer Hand. Und sie sprach ganz langsam in seine erregten Augen hinein: »Im Namen deines Vaters, Thomas.«

»Aus!« schrie er auf. Und er drückte sein Gesicht auf ihre Hand, und sie ließ sie ihm.

Ärger hat nicht Jakob mit dem Herrn an der Wasserfurt gerungen, dachte sie, bis der Herr ihn segnen mußte. — —

Es ging nur langsam aufwärts in der Seele Thomas Vanderwelts. Seine Lebenswelt war zu viele Jahre abwegig gewesen, und die Staubschicht zu dick, als daß er sie mit wenigen Atemstößen hätte hinwegblasen können. Sein Geist aber hatte die Schärfe der Dornen und Disteln, unter denen er sich so lange zu Hause gefühlt hatte, und sah das Unschöne schneller als das Gedeihliche. So tat er oft mißtrauisch die Schritte wieder zurück, die er eben erst vorwärts getan hatte, und glaubte, ein heimlich Grinsen zu gewahren, wo ihm ein ermunterndes Lächeln entgegengetreten war.

An einem Vorfrühlingsabend begegnete er Magdalene Matthes auf der Haustreppe. Sie wollte mit freundlichem Gruß an ihm vorüber, aber er verstellte ihr den Weg.

»Weshalb haben Sie Ihren Besuch nicht wiederholt? Weshalb weichen Sie mir aus? Fürchten Sie sich vor mir?«

»Ha,« sagte sie fröhlich, »ich wollt', ich könnt' es, mich vor Ihnen fürchten. Dann erkennte ich doch Ihre Überlegenheit an. Aber ich will gern wiederkommen, wenn Sie mir versprechen, mich gruseln zu machen.«

»Liebes Fräulein Magdalene, wollen wir wie ernste Menschen miteinander reden?«

»Gern, Herr Vanderwelt, und damit Sie sehen, wie hoch ich Männer achte, die ernste Gespräche führen wollen, bitte ich Sie in mein Zimmer. Treten Sie ruhig ein. Ich befinde mich unter Ihrem Schutz.«

Er tat, wie sie es wünschte. Er trat ruhig ein und setzte sich an den kleinen Fenstertisch. Dort stand ihr weißes Bett und dort ihr Kleiderschrank, und er wartete geduldig, bis sie Jacke und Hut abgestreift und in den Schrank gehängt hatte.

Sie saß ihm gegenüber und sah ihn ohne Verlegenheit an. Wie einen guten Gast, der zu Besuch gekommen ist.

»Sie sind ein junges Mädchen von einundzwanzig Jahren, Fräulein Magdalene. Sie brauchen sich nicht zu wundern, daß ich es weiß. Sie waren zwanzig, als wir ins Haus zogen, und das ist bald ein Jahr. In meinem Gedächtnis haben Nebensächlichkeiten leider immer die größte Rolle gespielt.«

»Ja,« antwortete sie, »ich bin mündig geworden.«

»Und ich, Fräulein Magdalene, zähle vierunddreißig Jahre und kann das letztere immer noch nicht von mir behaupten.«

»Sie können es nachholen, wann Sie wollen, Herr Vanderwelt.«

»Ich bin nur bei Ihnen eingetreten, um Ihnen zu sagen, daß ich will. Nur finde ich das Wollen leichter als das Vollbringen, und ich schäme mich nicht, mich mit Ihnen über das Wie und Wo zu unterhalten.«

»Ich verstehe Sie ganz gut, Herr Vanderwelt. Weil ich aus dem Geschäftsleben komme, meinen Sie.«

»Ja, weil Sie mitten im Geschäftsleben stehen. Weil Sie bei all Ihrer Lebenslustigkeit helle und ernste Augen haben, und weil mir mit den billigen Redensarten vom ›Steineklopfengehen‹ und ›Sandkarren‹ nicht gedient ist.«

»Ich freue mich ganz — ganz unbändig über Ihren Besuch, Herr Vanderwelt.«

»Ich werde mich ebenso unbändig mit Ihnen freuen, wenn etwas Nennenswertes dabei herausgekommen ist.«

»Darf ich sprechen?« fragte sie.

»Nur um Sie zu hören, sitze ich hier in Ihrem Stübchen.«

»Herr Vanderwelt, nicht ungeduldig werden, wenn nicht alles über Hals und Kopf geht. Und auch nicht grimmig werden, wenn ich die Dinge beim rechten Namen nenne. Sie haben gelassen zugesehen, wie man Ihnen ein Ruder nach dem anderen aus der Hand nahm, und ebenso gelassen zugesehen, wie der Kahn von dannen schwamm und versackte. Nun heißt es, ihn mit Geduld wieder heben und flott machen.«

»Geduld. Ich bin vierunddreißig Jahre und habe die Sorge für zwei Knaben.«

»Das ist schön, daß Sie sie beide nennen. Aber das gehört jetzt nicht hierher. Erst müssen Sie den Kahn heben, und dann können Sie die Sitzplätze verteilen. Nun wollen wir einmal überlegen, Herr Vanderwelt.«

Den Kopf in die Hände gestützt, blickte sie zum Fenster hinaus und die Gasse entlang zum dämmerigen Hafendamm.

»Überlegen wir nicht schon seit einer halben Stunde?« murmelte der Besucher.

Sie überhörte seine Ungeduld. Sie sann hinaus, als müßten aus dem Nebel des Stroms die Bilder steigen. Und die Bilder stiegen wie Schatten auf, und sie mühte ihr Hirn, den Schatten schärfere Umrisse zu geben, und die Furche, die sich ihr in die Stirn grub, gab ihrer Mädchenhaftigkeit das Gesicht einer reifen Frau.

Er saß mit zusammengelegten Händen und sah sie an. Und es wurde heller und heller in seinen Gedanken, und mit Staunen wurde er gewahr, daß seine Gedanken dieselben Wege gingen wie die ihren, seit sie das Gleichnis vom Kahn gebraucht hatte.

»Sie meinen den Rhein?« fragte er leise.

Sie nickte. »Ich meine den Rhein. Ich meine ihn zu Berg und zu Tal, von Mannheim bis Rotterdam, und so Gott will, darüber hinaus. Und ich meine Ruhrort als den Hafen. Und wenn man nicht die Möglichkeit hat, Kähne zu befrachten, so kann man — so kann man sie steuern. Wenn man Kähne hat.«

»Ich habe Kähne,« sagte er. »Ich habe zwei. Der Wilm hat sie geheuert.«

»Wir wollen den Wilm nicht vom Brote jagen. Frau Engel hält ihn hoch in Ehren. Aber mir ist immer — ist immer, als kämen von diesen Kähnen Taue herüber an Land, an denen man an Bord klettern könnte. Und einmal an Bord, geht man mit auf Fahrt und lernt das Handwerksgeschäft und das Errechnen von Gewinn und Verlust und das Wiedereinholen jedes Verlustes durch gewinnbringende Ausnutzung der Rückfrachten. Nein, durch Ausnutzung der eigenen Persönlichkeit. Dahin, daß man in persönlichen Verkehr zu den Kunden an allen Plätzen tritt. Dahin, daß man sich die Kunden zu persönlichen Freunden gewinnt. Und aus dem ›Partikülier‹ wird der Verlader.«

»Ha,« rief er, »und aus dem Verlader wird der König von Ruhrort! Das ist die Geschichte von der Eierfrau, die auf die Nase fiel.«

»Lassen Sie sie doch ruhig auf die Nase fallen,« erwiderte sie und behielt die nachdenkliche Furche bei. »Wie ich die Eierfrauen kenne, sind sie zäh wie die Katzen, und aus dem nächsten Korb Eier blökt schon wieder das Kalb heraus. Es wird sich sicherlich nicht alles wie an der Schnur abspielen, aber ein Herr Thomas Vanderwelt wird sich ja auch nicht von einer Eierfrau in den Schatten stellen lassen, und wem das Goldene-Pläne-Machen Freudenstunden bereitet, der muß auch die Nackenschläge in den Kauf nehmen können.«

In seinen Augen wurde es heiter. Aber es war nicht die Heiterkeit der Überlegenheit, sondern die währende Freude an der Stunde, von der ihr Mädchenmund gesprochen hatte.

»Es sitzt sich gut bei Ihnen,« sagte er und rückte näher an den Tisch. »Irgend etwas springt von Ihnen zu mir herüber. Was, weiß ich noch nicht, aber ich glaube, es ist Ihr unbekümmerter Jugendmut.«

»Finden Sie nicht, Herr Vanderwelt, daß ›Wir mit den leeren Taschen‹ die glücklichsten Menschen von der Welt sind? Wir dürfen alles das planen, was die anderen schon besitzen, und dürfen es viel schöner noch planen, und wenn nachher nur ein Bruchteil davon in Erfüllung geht, so bleibt es immer ein Gewinn und ein gewaltig schöner Glücksfall.«

»Ja, ja,« murmelte er, »es hat seine Reize. Nur darf man den Glücksfall nicht dem Zufall überlassen.«

Sie streckte ihm aus einem lebhaften Drange heraus über den Tisch die Hand entgegen, und er nahm sie.

»Das ist es, Herr Vanderwelt. Dem Wort sind Sie auf die Spur gekommen, und es bringt uns einen Sprung weiter. Von morgens früh bis abends spät am Steuer stehen, jeden Wind ausnutzen, jede steigende Wasserwelle. Und wäre es auch nur, um sich sagen zu können: ›Ich tat meinen Teil‹, und damit die anderen sich sagen können: ›Auf den ist Verlaß!‹«

»Ich möchte morgen früh beginnen, Fräulein Magdalene.«

Sie schüttelte seine Hand hin und her, als sollte er noch mehr erwachen.

»Sie haben ja schon begonnen. Sie haben ja heute abend schon begonnen. Und morgen früh ist Fortsetzung, und jeden Tag einen Schritt weiter. Ach, Herr Vanderwelt, was für eine Freude werden wir von unserer heimlichen Verschwörung haben.«

»Wir? Wollen Sie denn auch weiter mittun?«

»Natürlich will ich weiter mittun. Sie sind ja seit Jahr und Tag aus dem Ruhrorter Geschäfts- und Hafenbetrieb heraus. Glauben Sie, der hätte stillgestanden, seitdem Sie auf die Seite traten? Da kennen Sie die Geschäftsgewaltigen von Duisburg-Ruhrort und was dazu gehört schlecht. Ich bin nur eine kleine graue Maus in dem Riesenbetrieb, aber gerade die Mäuse haben die feinsten Ohren, und es heißt nicht umsonst bei wichtigen Anlässen: ›Könnt' ich da nur Mäuschen sein!‹«

»Mädel, Mädel, wo nehmen Sie nur den verteufelten Wagemut her?«

»Ich könnte sagen, Herr Vanderwelt: aus meinen leeren Taschen. Aber das träfe den Nagel nur halb. Den besseren Teil nehme ich aus meiner Liebe — zu —«

»Zu —?«

»Zu Frau Engel, Herr Vanderwelt. Zu der Frau, die nur das hohe Ziel kennt und sich darum nie erniedrigt. Und wenn sie Wäsche spülen müßte. Solch ein Vorbild sollten Sie sich auch wählen.«

Er schwieg. Und nach einer Weile sagte er ruhig: »Ich möchte selbst eins werden. Das scheint mir jetzt notwendiger.«

Sie waren aufgestanden, und die Worte fehlten zwischen ihnen. Er griff nach dem Hut.

»Von morgen an gehe ich in den Hafen. Aber mit offenen Augen. Was ich an Ballast führe, geht über Bord.«

»Von morgen an«, sagte Magdalene Matthes, »werde ich mit Ihren Augen ins Geschäft gehen. Aber ich werde meine Kündigung einreichen müssen, um vor mir selber nicht als Ausspäherin gelten zu müssen.«

»Ich verpflichte Sie hiermit als meine Buchhalterin, als meine Schriftführerin, als die Gesamtheit meiner Mannschaft. Bis Ihre Kündigungsfrist abgelaufen ist, muß an meiner Seite Platz für Ihre Tätigkeit sein. Glückauf, Fräulein Matthes.«

»Glückauf, Herr Vanderwelt,« antwortete sie zukunftsfroh und drückte ihm herzhaft die Hand. —

Angela Freydag sah ihn am nächsten Morgen das Haus verlassen und mit gleichmäßigen Schritten dem Hafen zugehen. Und sie sah Magdalene Matthes das Haus verlassen, und ihre Augen begegneten sich.

»Keine Sorge,« sprachen die Augen des Mädchens, »ich bin mit am Werk.«

»Halt aus, Mädchen,« sprachen die Augen der Frau. »Aushalten ist Frauensache.«

Von diesem Morgen an kam eine Abgeklärtheit über Angela Freydag, die sie nicht mehr verlassen sollte. Wie bisher sorgte sie für Haus und Wirtschaft, aber zuweilen war ihr, als sei sie nur noch als Gast geladen, dessen Besuchszeit in absehbaren Tagen abliefe, und sie übe ihre Tätigkeit nur als eine Gegenleistung der Gastfreundschaft.

Kamen diese Gefühle zu ihr, und sie kamen immer öfter und heiterer, so gab sie sich ihnen nicht träumerisch hin, sondern nahm sie als Ansporn, das, was ihr in diesem Hause noch zu tun übrigblieb, mit geschärfteren Sinnen zu durchdenken und den Hebel ihrer Persönlichkeit mit gesteigertem Nachdruck einzusetzen.

Häufiger als in früheren Tagen pflegte sie die gemeinsame Kammer der Knaben aufzusuchen, denn die Klingel in der Wirtsstube schlug am Nachmittage kaum an, und die Versorgung des bettlägerigen Matthes hatte sich die wiedererstandene Frau als ihr ureigenes Recht ausbedungen, das die einst so Demütige mit giftigen Worten verteidigen konnte.

»Ich hab' mit dem Mann noch meine Abrechnung. Geschenkt wird ihm nix.«

Angela Freydag hörte darüber hinweg. Was ging sie die Abrechnung der Alten an? Sie hatte mit den Jungen zu tun. Und die Jüngsten der Jungen waren die beiden Knaben, waren Martin und Nikolaus, die vor fast einem Jahre das Gedicht an den Großvater, an Kornelius Vanderwelt geschrieben hatten und ihren jungen Geist in die Höhe steigen ließen.

Zu Ostern, in wenigen Wochen, würden sie die Obertertiaklasse erobert haben. Ein Jahr zu früh für den regelmäßigen Arbeitsgang und doch für ihre begeisterungsfähigen Seelen nicht früh genug.

In Angela Freydags Augen waren sie beide mutterlos. Selten oder nie hatte sie Frau Juliane oder Frau Antonie in der Kammer der Knaben angetroffen, es sei denn, daß eine der Frauen mit wichtigem Auftrag die Knaben aus der Arbeit aufschreckte und mit einem Brieflein durch die halbe Stadt entsandte. Thomas Vanderwelt aber war nun dabei, sich draußen im Hafen sein Floß zu zimmern, um den freien Rhein zu gewinnen. Da blieb die Sorge um die Knaben Angela Freydag, und es war ihre liebste Sorge.

»Was treibt ihr?« fragte sie, wenn sie beim Eintritt in die Kammer mit Jubelgeheul bewillkommnet wurde.

»Setz' dich einmal nieder, Tante Engel. Hierher an den Tisch. Nikolaus, wirf die Scharteken vom Stuhl. Sitzest du gut, Tante Engel? Das Publikum muß in eine freundliche Gemütsverfassung gebracht werden.«

»Narren ihr! Sammelt die Schulbücher vom Boden auf und zeigt mir eure Hausaufgaben.«

»Muß das sein, Tante Engel? Hat's nicht Zeit? Inzwischen verpufft die ganze Begeisterung.«

»Recht so, Jungens. Da habt ihr die Probe aufs Beispiel, und die haltet mir fest. Was verpufft, ist nicht echt und nicht lebensfähig. Das schillert nur in allen Regenbogenfarben und zerplatzt.«

»Baus!« machten die Jungen und suchten ihre Bücher zusammen.

»Das Aufgabenheft brauche ich nicht,« sagte Angela Freydag und schob es zurück. »Zwischen uns herrscht Vertrauen. Ich belüg' euch ja auch nicht. Außerdem predigt euch euer heller Verstand, daß der Wissende der Herr ist und der Unwissende der Knecht. So, das wäre die Mathematik. Verstehe ich nicht, aber die Zeichnungen sind sauber. Und das wäre das Latein. Verstehe ich auch nicht, aber es sind zwei Seiten voll und wird wohl genügen. Und das — das ist Griechisch, und ich verstehe es noch viel weniger. Wollt ihr euch lustig machen, ihr Sonntagsreiter?«

»Sonntagsreiter hat sie gesagt, Martin! Sonntagsreiter! In der Woche braucht man den Klepper nicht, und Sonntags hoppelt man darauf herum. Tante Engel, du hättest nur unsere Reihenfolge bestehen lassen sollen.«

»Wißt ihr es denn nicht mehr aus eurer Kinderzeit? Erst mußtet ihr den Lebertran schlucken, dann kam die Backpflaume als Belohnung. Schmäht mir den Lebertran nicht. Er fördert den Knochenbau. Wie das Lateinische und Griechische Verstand und Geist. Die Kunst aber ist die große goldene Feierabendsonne.«

»Gilt sie nur für den Feierabend?« fragten die Knaben enttäuscht.

»Ihr habt mich mißverstanden, ihr lieben, heißen Jünger. Am Abend geht sie auf und gibt die Kraft für die Nacht und den ganzen neuen Tag. Damit der Mensch den Werktag durchhält und mit jeder Arbeit, die er hinter sich bringt, der Freude näher kommt. Sonst müßte er ja glauben, die Sonne am Himmel schiene nur für die Müßiggänger.«

»Schreib's auf, Nikolaus, für die nächste Nummer.«

»Es kann noch in diese, Martin. Wir machen den Leitspruch daraus. Los. Ein jeder für sich.«

Der eine saß am Fensterbrett, der andere am Bettpfosten und strichelte Buchstaben aufs Papier. Jetzt lief der eine zum anderen, und sie verglichen die Blätter. Aus Rand und Band geraten, schlugen sie sich auf die Schultern, hin und her. Die Prägung der Worte war fast die gleiche geworden und bedurfte nur geringer Feilung.

»Erfahre ich nun bald,« fragte Angela Freydag, »was für Narrheiten ihr treibt?«

»Tante Engel, du mußt unser Mitarbeiter werden. Wir verpflichten dich feierlich. Eigentlich wollten wir es ja ganz alleine machen, aber was wir nur unter Hochdruck zutage fördern, das sagst du so ganz selbstverständlich daher.«

»Ist es wahr, Tante Engel, daß es ›geborene Künstler‹ gibt? Die ganz und gar Kunst sind?«

»Ja, ihr Jungen. Es gibt Menschen, die aus ihrem bloßen Leben das größte Kunstwerk gestalten. Sie sind noch seltener als die namhaften Künstler, und Kornelius Vanderwelt, euer Großvater, war einer von ihnen.«

Die Knaben kamen ihr näher. Ihre Augen leuchteten, als sie von ihrem Vorfahren vernahmen, der ein so großer Künstler gewesen war. Es wurde ihnen zumut, als ginge ein Schein von seinem stolzen Haupte auf ihre Jugendlocken über.

»Tante Engel, du bist doch auch eine berühmte Künstlerin gewesen. Auf dem Konzertflügel.«

»Ihr wollt mich wohl nicht ganz leer ausgehen lassen, wenn ihr an den Großvater denkt?«

»Der Großvater und du, Tante Engel, das ist doch derselbe Begriff. Seit wir denken können, haben wir euch immer zusammen gesehen, und der Martin, als er noch ganz klein war, hat mich einmal gefragt, ob du der Großvater seiest oder der große Mann da.«

»Tante Engel, es war der Nikolaus. Er wollte dich damals heiraten, aber er wußte nicht, ob das anginge, da du doch der Großvater seiest.«

»Weil du die Piep rauchtest, Tante Engel.«

Angela Freydag saß zwischen Kornelius Vanderwelts Enkeln und ließ sich die Jugendwogen warm und wohlig zu Herzen gehen. Ihre Hände griffen in die blonden Schöpfe, ihre Augen lachten in die Knabenaugen.

»Muß ich nun zum dritten Male fragen, was es mit euren Heimlichkeiten auf sich hat? Ich muß doch wissen, ob ich an einer Sprengbombe mitarbeiten soll oder an Apollos Sonnenwagen.«

Die Knaben blickten sich an. Dann sprangen sie gemeinsam an den Tischschubkasten und suchten einen Stoß geschriebener Blätter hervor. »Mit der ersten großen Einnahme wird eine Schreibmaschine gekauft. Natürlich eine ›gebrauchte‹,« erklärten sie beruhigend.

Angela Freydag nahm die Blätter entgegen. Ihr wurde froh und sogar ein wenig feierlich zumute, als sie auf die beschriebenen Seiten blickte. »Aus Sehnen und Leben« benannte sich die handschriftliche Zeitung, die sie in den Händen hielt. Ob nicht der junge Kornelius Vanderwelt, bevor ihn das Sehnen nach dem Leben auf die Weltmeere getrieben hatte, auch eine solche Schülerzeitung gedichtet und geschrieben haben mochte?

Die erste Seite in zwei Spalten geteilt. Auf jeder ein Gedicht, beide in genau der gleichen Verszahl. Links Martins, rechts Nikolaus' Name.

»Tante Engel, das war ein Spaß. Dort saßen wir, wo wir eben saßen. Der eine am Fensterbrett, der andere auf der Bettkante. Eins — zwei — drei — und los! Da schwirrten die Saiten. Der Martin war mit seinem Gedicht zuerst zu Rande gekommen, dafür hatte es bei näherem Zuschauen eine Strophe weniger als das meine, und er mußte eine Strophe hinzudichten, damit auf der ersten Seite das schöne Gleichmaß bewahrt blieb. Wieder 'ran an den Feind, und auf die Sekunde wurde er mit mir fertig. Wie haben wir gelacht, Tante Engel!«

Und Angela Freydag dachte: Da sitzen sie in einem elenden Bauwerk, den Himmel über sich und unter sich eine Schifferkneipe, und das Blut bricht doch durch und schlägt vor lauter Freude Purzelbäume von einem Stern zum anderen.

»Umblättern, Tante Engel,« drängten die jungen Dichter. Sie wollten das Staunen genießen.

Ein Märchen folgte vom Rhein. Eine Erzählung aus dem Hafen. Gleichnisse zwischen Schule und Freiheit, in denen die Freiheit triumphierte. Ein Sportbericht wie ein schottisch Tuch, so bunt überwürfelt mit Fachausdrücken. Eine Spalte voll rheinischen Humors. Und dann der Briefkasten. Der Briefkasten, in dem unzähligen Anfragern immer wieder aufs neue versichert werden mußte, daß die Nummer wirklich nur fünfzig Pfennig koste, obschon noch keine Nummer erschienen und noch kein Anfrager möglich war.

Die Kaufmannsader der Vanderwelts, dachte Angela Freydag. Sie hält auf ihren Preis.

Unter den größeren Arbeiten prangten die Namen der Verfasser, die geringeren waren mit ›Bischof‹ und ›Ruprecht‹ gezeichnet. Angela Freydag wies mit dem Finger darauf. »Was bedeutet das?«

»Verstecknamen, Tante Engel. ›Bischof‹ bedeutet Martin, denn der heilige Martin war ein Bischof, und ›Ruprecht‹ bedeutet Nikolaus, denn der liebe, liebe Nikolaus läuft auch als Knecht Ruprecht durch den Wald. Wärst du darauf gekommen? Ehrlich, Tante Engel.«

»Es sind prachtvolle Verstecknamen,« gestand sie, zog ihre Geldtasche und blickte hinein. »Wie oft erscheint die Zeitung?«

»Monatlich,« sagten die Jungen atemlos.

»Bin ich euer erster Besteller?«

»Ja! — Willst du bestellen?«

»Ich bestelle hiermit die Monatsschrift ›Aus Sehnen und Leben‹ auf ein Jahr. Macht, soweit ich richtig rechnen kann, sechs Mark. Und da ich euch nicht eines Tages mit dem Gelde auf und davon gehen möchte, so erlege ich es in bar. Nehmt hin. Auf jeden Dichter kommt ein Taler.«

»Tante Engel! Tante Engel!« schrien die Jungen, vom Glück wie benommen. Und warfen sich ihr an den Hals, saßen auf ihren Knien, wiegten sich an ihrer Brust.

»Wollen wir es ihr sagen, Nikolaus?« flüsterte der Martin.

»Alles, alles, und wenn wir damit hineinfallen.«

»Tante Engel — also — du bist doch unsere Vertraute — die Gedichte von der ersten Seite, die haben wir an eine Berliner Zeitschrift geschickt.« Und lagen wieder still an ihrer Brust und ließen sich wiegen. — —

Es war eine Woche später, als Angela Freydag die beiden Himmelsstürmer unter strömenden Tränen fand. Sie taten keinen Klagelaut, aber die Tränen bahnten sich auch lautlos ihren Weg, rollten über die Wangen und zogen in den Schulheften trübselige Furchen.

»Ihr seid mir ja ein paar nette Sonnenanbeter,« tadelte sie die Zerschmetterten. »Wie wollt ihr denn euere Leser an die Sonne in eueren Gedichten glauben machen, wenn ihr selber das graue Elend habt? Oder hat Berlin euch die Gedichte zurückgeschickt? Mein Zartgefühl hätte das zuerst fragen sollen.«

»Berlin — Berlin — hat sie angenommen.« Und die Jungen lächelten unter Tränen.

»Martin! Nikolaus! Wollt ihr wohl gefälligst die Schlappheit unterdrücken? Seit wann steht ihr nicht mehr auf, wenn ich mit euch spreche? Das Glück fällt euch in den Schoß, und ihr wollt euch hier in Weltschmerz gefallen?«

Die Jungen waren aufgesprungen, purpurne Scham auf den Wangen.

»Entschuldige, Tante Engel. Entschuldige vielmals. Es soll nicht wieder vorkommen.«

»Und weshalb ist es vorgekommen? Darf ich das als euere vertraute Mitarbeiterin vielleicht erfahren?«

Die Jungen blickten scheu in die Zimmerecken. Ihr Knabentum vermochte den Helden noch nicht zu spielen. Und der Blick wagte sich zu der gebietenden Frau empor, die für sie nur die Güte gewesen war, und als sie das Verständnis bemerkten, das sie ihrem Schmerze entgegenbrachte, sprangen sie ihr an den Hals.

»Tante Engel, nicht wahr, das glaubst du nicht von uns, daß es Geldgier wäre? Aber es war doch das erste, selbstverdiente Geld, und wir wollten doch die gebrauchte Schreibmaschine dafür kaufen. Das ist nun für ewige Zeiten aus und vorbei, und mit dem Bestellgeld für die Zeitung können wir es nicht machen, weil wir auch das eingehende Bestellgeld abliefern müssen.«

»An wen?«

»An die Mutter. An Tante Juliane.«

»Also an Frau Juliane. Ist das richtig? Und was hattet ihr von Berlin eingenommen?«

»Denke dir, Tante Engel! Denk' dir doch nur! Zwanzig Mark für jedes Gedicht! Zwanzig Mark, und zusammen vierzig.«

»Hei,« sagte sie, »das ist ein feiner Anfang, und ich muß euch beglückwünschen. Der Rückschlag schadet nicht. Manche werden überheblich, bevor sie erprobt haben, ob es Glück oder Verdienst war. Manche denken, sie brauchten in Zukunft nur irgend etwas auf Papier zu schreiben, was sich reimt, und es hätte Geldeswert. Der Künstler muß durch das Leid hindurch wie der Titan durch die Schicksalswelt, um seinen Adel zu spüren, aber so weit seid ihr gottlob noch lange nicht, und ihr dürft noch um den verlorenen Groschen weinen.«

Sie sagte die Worte vor den Ohren der Knaben, leicht und launig und schmerzstillend. Aber in ihrem Innern zog sich drohend eine Wolke zusammen.

»Hüt' dich, Habgier und Eigennutz, die helleuchtenden Kerzen auf dem Kindesaltar auszulöschen.«

Sie ging in das Zimmer, in dem die beiden Frauen beieinander saßen. Kopf neben Kopf an das Fenster gepreßt, mit den Händen Grüße winkend. Sie fuhren herum, als sie Angela Freydags Schritte vernahmen, wie auf böser Tat ertappt.

»Was verschafft uns die Ehre?« fragte Juliane. »Gilt Ihr Besuch mir oder meiner Schwägerin?«

»Er dürfte Ihnen beiden gelten. Aber da Herr Thomas Vanderwelt berufen genug erscheint, die Angelegenheiten mit seiner Frau selbst zu ordnen —« Frau Antonie erhob sich und verließ ohne aufzublicken das Zimmer — »so ist es mir recht, mit Ihnen allein zu reden. Ich habe mit einer besonderen Art von Genugtuung bemerkt, daß Sie begonnen haben, der starken Begabung der beiden Knaben Ihre Anteilnahme zuzuwenden. Diese Anteilnahme äußerte sich vor allem darin, den Knaben ihre Einnahmen wieder abzunehmen.«

»Vierzig Mark! Was sagen Sie dazu? Vierzig Mark für zwei Gedichte.«

»Das Geld ist Nebensache. Die Freude am Erfolg, der sich in dem Gelde wie in einem Wertmesser auswirkt, ist die Hauptsache. Ich bitte Sie, das zu bedenken und die Freudenquellen nicht zu verstopfen.«

»O nein! O nein! Wie sollte ich? Halten Sie mich für eine solche Törin? Das Geld kam mir geradewegs vom Himmel gesandt, denn ich brauchte ein Frühlingskleid wie das liebe Brot und konnte doch nur mit einer Anzahlung aufwarten. Eine Frage noch. Es wäre mir lieb, sie von fachmännischer Seite beantwortet zu hören, und Sie gehörten doch auch einmal der Kunst an. Können sich die Einnahmen der Jungen steigern lassen? Ich meine, können diese Nebeneinnahmen, wenn die Jungen erwachsen und zu einem Hauptberuf übergegangen sind, große Summen erreichen? Ich für meinen Teil werde ja doch meine Unterhaltungspflicht eines Tages allein auf meinen Sohn übertragen müssen und, wenn nicht alle Zeichen trügen, meine verehrte Schwägerin auf den ihren. Da möchte man jede Möglichkeit, die Lebenshaltung zu verbessern, ausnutzen und die Jungen beizeiten an die Trense nehmen. Wie denken Sie als Fachmännin darüber?«

»Fühlen Sie nicht, Frau Juliane, wie Sie sich mit jedem Worte an dem heiligen Geist Ihres Jungen versündigen? Und an dem des Neffen dazu? Sind Sie so bar jedes Mutter-, Frauen- und Familiengefühls, daß Sie die Begabung der Jungen, ganz gleich, ob sie auf kaufmännischem oder künstlerischem Gebiet zum Ausdruck kommen sollte, nur an die Leine nehmen möchten, um Ihren Wagen ziehen zu lassen? Nein, es hat keinen Zweck, mit Ihnen darüber zu reden. An Ihrer Selbstsucht prallt jeder Versuch einer Einwirkung ab. Seit Mädchenzeiten, Frau Juliane. Aber daß Sie eine schwere Gefahr für die Enkel Kornelius Vanderwelts bedeuten, das ist mir erst heute offenbar geworden.«

»Sie gestatten, daß ich mich aus dem Gespräch zurückziehe.«

»Nur aus dem Gespräch?« fragte Angela Freydag und schritt an ihr vorüber. »Das scheint mir etwas zuwenig.«

Den ganzen Tag durchwanderte sie das Haus und wurde ihren vielen Pflichten gerecht, und doch sah sie vor ihren Augen nichts als das Bild der beiden Knaben, der flügelschlagenden, sonnendurstenden, und alles Flügelschlagen brachte sie nicht höher hinauf, weil sie eine Eisenkugel am Beine schleppten, und kein Sonnendurst wurde ihnen gestillt, weil sie den unersättlichen Erdendurst anderer zu stillen hatten und darüber verkamen.

Wie eine Wölfin durchwanderte Angela Freydag das Haus, und ihre Blicke sonderten das Kranke von dem Gesunden.

Es waren noch andere Kranke im Hause als die durch die Sumpfniederungen gleitenden Frauen Juliane und Antonie. Aber Angela Freydag brauchte sie nicht zu sondern, denn sie hatten sich allein schon abgesondert, wie Tiere tun, die ihre letzten ohnmächtigen Zuckungen den Blicken des Tages entziehen. Der alte Matthes lag hilflos auf seinem Schmerzenslager, und die alte Frau hielt die Kammertür verschlossen und ließ keinen zu ihm.

»Einen Schnaps, Alte! Einen großen Schnaps, um über die höllischen Schmerzen wegzukommen.«

»Du brauchst keinen Schnaps. Hättst du im Leben weniger getrunken, hättst du jetzt die Schmerzen nich auszuhalten. Damals mußt' ich sie aushalten. Dat is die Strafe.«

»Willst du kuschen? Hol' den Schnaps her! Oder ich komm' dir an die Naht!«

»Du? Ogottogott. Bekuck' dich doch mal im Spiegel un freu dich, dat ich dir nix tu.«

»O du niederträchtig Geschöpf. Un so wat hat man mehr als vierzig Jahr neben sich geduldet.«

»So is richtig. Vierzig Jahr hab' ich nich mucksen dürfen, un jetz hältst du et Maul un schläfst.«

Nicht Hand noch Fuß konnte der Matthes rühren und nur ohnmächtig mit den Zähnen knirschen. Ob er wachte oder schlief, sie war da und das Grinsen, das ihre Teilnahme ausdrücken sollte. Klapprig und ledergelb schlurfte sie in der Kammer umher und versorgte ihn mit Speise und Trank.

»Die Magdalene soll kommen.«

»Weshalb soll die Magdalene kommen? Die Magdalene hat Besseres zu tun, als solch 'nen alten Kerl zu bekucken.«

»Die Magdalene soll kommen! Ich will meine Enkelin Magdalene an meinem Bett wissen un nich dich Hexe du!«

»Du hast ja nich mal deine leibliche Tochter in deinem Haus wissen wollen. Da hat auch die Tochter von der Tochter nix an deinem Bett zu suchen.«

»Zwanzig Mark — hörst du? — zwanzig Mark an die Armen, könnt' ich jetzt an dich.«

»Betrag dich anständig, dat et en Christenmensch neben dir aushalten kann.«

Zuweilen kam der Arzt, verschrieb ein paar Pulver oder Tropfen und lobte vor des Matthes Ohren umständlich die treue Pflegerin, die selber sterbensmatt sei und dennoch nicht wiche und wanke in der Sorge um den Gatten.

»Ein Engel des Herrn, Matthes. Ein Engel des Herrn.«

Er war gegangen, und nach kurzer Weile reichte Magdalene Matthes die neu verschriebene Arznei durch den Türspalt in die Kammer. Der Kranke verfluchte den Apothekerkram und befahl einen Grog.

»Is et nich einen widerwärtigen Menschen?« fragte die alte Frau, bevor die Tür sich schloß.

»O du Satan!« schrie der Matthes und mühte sich, sich auf den Ellbogen aufzurichten. »Tat ich nicht recht, dat ich dich zeitlebens unterm Daumen hielt, du Satan? Dat Leben hättst du mir zur Hölle gemacht, wenn et nach dir gegangen wär, o du — Engel des Herrn!«

Die Alte zählte die Arzneitropfen in den Löffel und gab sie dem Gatten zu schlucken.

Immer schneller schwand der Matthes dahin. Der Arzt erwartete nur noch den Eintritt der letzten Lungenentzündung. Und die Alte saß an seinem Lager, strich ihm die Kissen glatt, reichte ihm zu trinken, wischte ihm die Stirn.

Der Matthes hielt sich gut. Er wollte dem Weibe den Triumph nicht gönnen, ihn weinerlich gesehen zu haben. Einmal aber spannten sich seine Mienen, horchten seine Augen und Ohren auf. Die alte Frau hatte ein Lied zu singen begonnen.

»Das menschliche Leben Eilt schnelle dahin. Wie die Räder am Wagen, Wie die Räder am Wagen. Wer weiß, ob ich morgen Am Leben noch bin.«

Da wußte er, daß seine Zeit gekommen war, nahm nicht mehr Arznei noch kühlenden Trank, sondern sah dem Kaperschiff entgegen, das mit dunklen Segeln aus den Nebeln heraus ihn ansteuerte.

Und das Seltsame geschah. Von der Stunde an, da der ins Wesenlose entgleitende Mann der alten Frau nicht mehr bedurfte, kroch sie auf das Lager neben ihn und war teilnahmlos geworden für Umwelt und Geschehnisse. Sie verweigerte die Nahrung, sie gab auf Fragen keine Antworten mehr, sie sah in der Nacht den Matthes sterben und starb am nächsten Tage hinter ihm drein. Wie eine Frau, die ohne den bewunderten Gatten nicht mehr leben kann noch mag.

Angela Freydag ging zu den Entschlafenen in die Kammer und verweilte lange bei ihnen. Es war kein billiges Mitleid in ihr und keine rührselige Regung über das Zufallspiel des Todes. Aber ihr war, als ob mit dem Dahinschwinden der beiden alten Menschen eine Hemmung mit dahingegangen wäre, und als ob die Rechnung, an der sie seit Tagen und Nächten unablässig rechnete, leichter aufging.

»Hab' Dank für dein Sterben, Matthes.« Und sie nickte der alten Frau nicht anders zu.

Die Wirtschaft blieb an diesem Abend und an den nächsten Tagen geschlossen. Angela Freydag hatte in ihrer Stube den Besuch von Magdalene Matthes erhalten, und es war eine Weile still zwischen ihnen geblieben. Angela Freydag stand am Fenster und ließ die Blicke über die dämmernde Frühlingslandschaft des Stromgebietes schweifen.

»Ich möchte Sie noch bitten, mir eine Frage zu beantworten, Magdalene. Wahrheitsgemäß, wie es unter uns guter Brauch ist. Hat das Mitleid Sie zu Thomas Vanderwelt geführt?«

»Ich glaube, daß es so war, Frau Engel.«

»Mitleid ist ein Trinkgeld, Magdalene. Große Menschen zahlen in großer Münze. Es gibt nichts Ärgeres im Zusammenleben zweier Menschen als den Gedanken, daß der eine vom anderen ein Trinkgeld angenommen habe.«

»Bitte, sprechen Sie weiter.«

»Ich habe nichts weiter mehr zu sagen, Magdalene. Eher einen Trunk aus einem gemeinsamen Glase als Trinkgelder.«

»Ich antwortete Ihnen, als Sie fragten, Frau Engel: ich glaubte, daß es Mitleid gewesen wäre. Seit ich Sie sprechen höre, weiß ich, daß ich es mir nur vorgeredet habe. Aber Sie erlassen es mir gewiß, weiter darüber zu reden, da ich mit mir selber noch nicht darüber gesprochen habe.«

»Dann ist es gut. Wann erwarten Sie Thomas Vanderwelt?«

»Herr Vanderwelt muß jeden Augenblick das Haus betreten. Er wollte noch eine Besprechung mit mir abhalten und die letzten Berechnungen vornehmen. Er läßt nicht mehr locker, der Herr Vanderwelt.«

Thomas Vanderwelt kam die Treppe herauf. Er hörte die Frauen in Angelas Stube sprechen, klopfte an und wurde hereingerufen.

»Ich freue mich, daß du vorwärts wirkst, Thomas. Nimm Platz und laß uns plaudern. An welchem Ende willst du beginnen?«

»Rheinseitig, Engel, rheinseitig. Der Rhein weiß nicht, wer ich bin, und wenn er es zu wissen glaubt, denkt er an einen waschlappigen Kerl, dem man nicht einmal eine Frau anvertrauen könnte, geschweige denn Frachten. Und die Leute am Rhein wissen es auch nicht besser. In ein paar Tagen schwimmen meine Kähne. Der Wilm fährt den einen, ich den andern. Der Vater verlangte ja die Schifferprüfung von mir. Und wenn wir in die Häfen kommen, werde ich die Kundschaft besuchen und zu ihr sprechen: Ich wollte euch nur zeigen, daß wieder ein Vanderwelt das Ruder hält und Verlaß ist.«

»Und wenn du zurückkommst, Thomas?«

»Dann werde ich ein kleines Kontor aufmachen mit zwei Räumen. Wir haben sie schon gemietet, Engel. Wie zwei kleine Kojen sind sie. Die eine Koje für die Mannschaft, die andere für den Kapitän.«

»Ist das die Mannschaft?« fragte Angela und wies auf Magdalene Matthes.

»Das ist sie, Engel. Aber du mußt sie dir unter immer neuen Verkleidungen vorstellen, wie auf einem Seeräuberschiff. Jetzt stellt sie die Wache im Vorzimmer dar, die nichts tut, als die vielen Besucher melden. Jetzt die Geheimschreiberin eines großen Zechenwerkes, die mit ungeheuren Aufträgen eingetroffen ist. Jetzt die Geschäftsbevollmächtigte, die in einem eigenen Zimmer haust, weil im Gewühl des Hauptkontors —«

»Ich bin zufrieden, Thomas. Ein Kaufmann muß Erfindungskraft besitzen wie ein Dichter, oder er ist nur ein Krämer. Wie lange willst du mit deiner Mannschaft in den Kojen hausen?«

Er blickte schnell zu seiner Kameradin hinüber, und da sie so wenig wie er eine Antwort wußte, bekam sie einen roten Kopf vor Erregung.

»Ich hätte einen Plan,« sagte Angela Freydag. »Seit heute habe ich ihn, seitdem es keinen Wirt ›Zu den fünf Erdteilen‹ mehr gibt. Was glaubt ihr großen Rechenkünstler wohl, was dieses alte Eckhaus für einen Wirklichkeitswert besitzt? Nein, nicht das Haus. Der Eckplatz, der das ganze Geviert beherrscht. Die beste Lage des landarmen Ruhrorts. Hafen, Strom und Schifferbörse wenige Schritte vor sich, und von der Stadt lebendig umklammert. Ach, ihr meint, das seien schöne Traumbilder, weil das Baugeld fehlt. Ihr sollt ja auch gar nicht bauen, ihr bescheidenen Anfänger. Eine Baugesellschaft soll bauen, die an die Stelle der ›Fünf Erdteile‹ ein machtvolles Hochhaus erstehen läßt, mit Stockwerken voller Kontore. Und ihr bedingt euch die günstigsten Kontorräume aus. Zu ebener Erde. Damit Jan Maat nicht Treppen erklimmen muß.«

»Wir bedingen uns aus?« fragte Thomas Vanderwelt verwundert. »Es ist doch nicht unser Haus, sondern das deine.«

Ein Hauch lief über Angela Freydags Gesicht. Und sie hatte ihre Gelassenheit wieder.

»Das Haus ist mein, und das Geschäft mit der Baugesellschaft werde ich mir nicht nehmen lassen. Ich bringe das Bauland ein und werde meine Bedingungen stellen. In die Luft hinein können sie nicht bauen. Ich werde für euch meine Bedingungen stellen.«

In den Augen Thomas Vanderwelts funkelte es auf. Das Kaufmannshirn war an der Arbeit. Und in den Augen der Magdalene Matthes wetterleuchtete es. Auch hier war ein Kaufmannshirn an der Arbeit.

»Für euch und für die Jungen,« sagte Angela Freydag und horchte hinaus.

Aber das Horchen ihres Geistes wurde ein Wirklichkeitshorchen. Und sie wandte den Kopf.

»Was hast du, Engel?«

»Ich höre einen Mann durch das Haus gehen.«

»Laß mich nachsehen, Engel.«

»Er tastet sich die Treppe hinauf. Nein, bleib, Thomas. In meinem Hause muß ich selbst nach dem Rechten blicken.«

Sie ging auf den Flur und schloß die Tür hinter sich. Wie eine Erscheinung wuchs die Frau vor dem Fremden auf.

»Wohin wollen Sie?«

Der Fremde tat, als ob er den Anruf der Frau nicht vernommen hätte. Er stieg nur schneller die Stufen zum oberen Stockwerk empor.

»Antworten Sie. Oder soll ich Sie wie einen Einbrecher an der Kehle fassen?«

»Guten Abend,« sagte der Fremde. »Ich besuche hier eine Bekannte.«

»Wie heißt Ihre Bekannte?«

»Hören Sie, um mir meine Geheimnisse abfragen zu lassen, bin ich nicht ins Haus gekommen.«

»Dann bedaure ich, Sie nicht eher aus dem Hause lassen zu können, als die Polizei eingetroffen ist. Sie wird gleich benachrichtigt werden und feststellen, mit was für einer Art Besucher wir es zu tun haben.«

»Bin ich denn hier in ein Tollhaus geraten?« fragte der Fremde ungeduldig. »Dort oben am Fenster sitzt eine Frau und winkt, und hier auf dem Flur steht eine andere, als wollte sie einen niederreißen.«

»Werde ich jetzt bald den Namen erfahren?« beharrte Angela Freydag. »Wer hat Ihnen gewinkt?«

»Wer? Wer? Wie soll ich den Namen wissen? Den dachte ich oben zu erfahren?«

»Und Sie wagen, in ein Haus einzudringen, um Abenteuer zu suchen? Sind Sie bei Sinnen, oder soll ich Sie zur Besinnung zurückführen?«

»Entschuldigung,« sagte der Fremde. »Wenn Sie, wie aus Ihrem Benehmen hervorgeht, die Hauswirtin sind, so scheinen Sie über Ihr eigenes Haus schlecht unterrichtet zu sein. Das ist doch in der ganzen Nachbarschaft bekannt, daß hier oben ein paar Herumtreiberinnen sitzen, und wegen der läuferischen Frauenzimmer wollen Sie mich mit der Polizei in Berührung bringen?«

»Gehen Sie! Laufen Sie! Daß ich meine Gutheit nicht bereue.«

Wie ein Erlöster sprang der Fremde die Treppe hinunter. Die Haustür schlug ins Schloß.

»Ich habe«, sagte die Stimme der Magdalene Matthes neben Angela Freydag, »Herrn Vanderwelt gebeten, die Säuberung des Treppenhauses Ihnen als der Hausfrau zu überlassen. War das recht, Frau Engel?«

»Es war recht. Wer ein neues Leben beginnen will, Thomas, muß wenigstens ein paar saubere Hände mitbringen.«

Thomas Vanderwelt ging ruhig die Stiegen hinauf zu den Wohnkammern der Familie. Er öffnete die gemeinsame Kammer der Knaben. Sie waren ausgeflogen. Er öffnete das Zimmer seiner Schwester Juliane. Sie war nicht daheim. Und als er das dritte Zimmer öffnete, sah er Frau Antonie im Fensterwinkel stehen, und ihre Augen flackerten in Ungewißheit zu ihm hinüber.

Er nickte ihr zu.

»Jawohl, Antonie.«

Und trat näher, legte die geballte Faust auf den Bettpfostenknauf und sagte nur noch das eine Wort: »Aus!« — —

In dieser Vorfrühlingsnacht lag Angela Freydag schlaflos, und hinter ihrer rastlos arbeitenden Stirn reiften die letzten Entschlüsse.

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