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König Ottokars Glück und Ende

KÖNIG OTTOKARS GLÜCK UND ENDE (continued 2)

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Wie aber dann, Herr, wenn, statt aller Antwort, Der Donau breiten Pfad zurück ich messe Und weiter frag an meines Heeres Spitze?

Rudolf. Noch vor zwölf Monden kamt Ihr mir zurecht, Wenn Ihr der Waffen blut'gen Ausspruch wähltet! Ihr seid ein kriegserfahrner Fürst, wer zweifelt? Und Euer Heer, es ist gewohnt zu siegen; Von Gold und Silber starret Euer Schatz: Mir fehlt's an manchem, fehlt's an vielem wohl! Und doch, Herr, seht! bin ich so festen Muts, Wenn diese mich verließen alle hier, Der letzte Knecht aus meinem Lager wiche; Die Krone auf dem Haupt, den Szepter in der Hand Ging ich allein in Euer trotzend Lager Und rief Euch zu: Herr, gebet, was des Reichs! Ich bin nicht der, den Ihr voreinst gekannt! Nicht Habsburg bin ich, selber Rudolf nicht; In diesen Adern rollet Deutschlands Blut. Und Deutschlands Pulsschlag klopft in diesem Herzen. Was sterblich war, ich hab es ausgezogen Und bin der Kaiser nur, der niemals stirbt. Als mich die Stimme der Erhöhung traf, Als mir, dem nie von solchem Glück geträumt, Der Herr der Welten auf mein niedrig Haupt Mit eins gesetzt die Krone seines Reichs, Als mir das Salböl von der Stirne troff, Da ward ich tief des Wunders mir bewußt Und hab gelernt, auf Wunder zu vertraun! Kein Fürst des Reichs, der mächt'ger nicht als ich; Und jetzt gehorchen mir des Reiches Fürsten! Die Friedensstörer wichen meiner Stimme; Ich konnt' es nicht, doch Gott erschreckte sie! Fünf Schilling leichtes Geld in meinem Säckel, Setzt' ich in Ulm zur Heerfahrt mich ins Schiff; Der Baierherzog trotzte, er erlag; Mit wenig Kriegern kam ich her ins Land, Das Land, es sandte selbst mir seine Krieger! Aus Euren Reihen traten sie zu mir, Und Österreich bezwingt mir Österreich. Geschworen hab ich: Ruh' und Recht zu schirmen: Beim allessehenden, dreiein'gen Gott! Nicht so viel, sieh! Nicht eines Haares Breite Sollst du von dem behalten, was nicht dein! Und so tret ich im Angesicht des Himmels Vor dich hin, rufend: gib, was du vom Reich!

Ottokar. Die Lande hier sind mein!

Rudolf. Sie waren's nie!

Ottokar. Mein Weib Margrethe brachte sie mir zu!

Rudolf. Wo ist Margrethe nun?

Ottokar. Wo immer, gleichviel! Sie gab mir dies ihr Land!

Rudolf. Soll ich sie selber Als Richtrin stellen zwischen uns?—Sie ist im Lager!

Ottokar. Im Lager, hier?

Rudolf (mit geändertem Tone). Die Ihr so schwer beleidigt, An Rechten und an Freuden hart beraubt, Heut morgens kam sie, milden Sinnes bittend Um Schonung für den Mann, der ihrer nie geschont!

Ottokar. Die Mühe konnte sich die Frau ersparen! Wo Ottokar, da braucht's der Bitten nicht!

Rudolf (stark). Wohl braucht's der Bitten, mein Herr Fürst von Böhmen, Denn sprech ich nur ein Wort, seid Ihr verloren!

Ottokar. Verloren?

Rudolf. Ja! von Böhmen abgeschnitten.

Ottokar. Indes Ihr Wien belagert, mach ich's frei!

Rudolf. Herr, Wien ist über!

Ottokar. Nein!

Rudolf (hinter sich gewendet). Herr Paltram Vatzo! Wo ist er? Er begehrte mich zu sprechen; Der Bürgermeister samt dem Rat von Wien.

(Paltram Vatzo, Bürgermeister von Wien, mit einigen Ratsgliedern kommt, die Schlüssel der Stadt auf einem Kissen tragend.)

Paltram. In Unterwürfigkeit, mein Herr und Kaiser, Bring ich die Schlüssel Euch der Stadt von Wien, Euch bittend, daß Ihr mir nicht zürnt darob, Weil ich, dem König treu, dem ich geschworen, Die Stadt gehalten bis auf diesen Tag; Sie auch, verzeiht! vielleicht noch länger hielt, Wenn nicht das Volk die Übergab' erzwungen, Der langen Sperrung müd und der Entbehrung. (Er legt knieend die Schlüssel zu des Kaisers Füßen.) Mein Amt, ich leg es mit den Schlüsseln ab, Doch sollt als treuen Bürger Ihr mich finden. (Aufstehend.) Des Landes Herr ist Paltram Vatzos Herr, Zugleich mit meinem Land ergeb ich mich! (Er tritt zurück.)

Ottokar. Verdammt! O Wiener! Leichtbeweglich Volk! Hast du für deinen leckern Gaum gezittert? Doch soll's dich reun! Die Zufuhr sperr ich dir Aus Klosterneuburg, meiner starken Feste!

Rudolf. Auch Klosterneuburg ist in meiner Hand, Und nichts mehr dein am rechten Donauufer! Herr Friedrich Pettau, kommt!

(Friedrich Pettauer tritt vor mit niedergeschlagenen Augen.)

Ottokar. Ha, schändlicher Verräter! So gabst du meine Burg?

Pettauer. Nicht ich, o Herr! Ein rascher Überfall, spät gestern abends—

Ottokar. Genug! Ich weiß, daß ich verraten bin! Doch triumphiere nicht! Doch spott ich dein! Aus Steiermark naht mir ein stattlich Heer Mit Milota, dem treuerprobten Führer; Im Rücken faßt er deine Mietlingsschar, Indes, wie Donnerwolken, Ottokar Von vornehmer die schwachen Halme knickt, Und kein Entrinnen bleibt als in die Donau!

Rudolf. O sprich nicht weiter, allzu rascher Fürst!

Ottokar. Erkennst du nun, wie weit du noch vom Ziel?

Rudolf. Auf Milota bau deine Hoffnung nicht!

Ottokar. Mein Grund steht fest; an dir ist's wohl, zu zittern! In Waffen sehn wir uns. Leb wohl!

Rudolf. Du gehst? Du gibst die Lande nicht?

Ottokar (zum Abgehen gewendet). Ob ich sie geb!

Rudolf. Nun wohl, so sprich denn selbst mit Milota, Ob du mit Grund ihm so viel magst vertraun?

(Milota tritt auf in Ketten.)

Rudolf. So brachten mir die Herren ihn von Steier, In Ketten, weil er grimmig sie gedrückt. Nehmt ihm die Fesseln ab!—Hier ist das Banner Von Steiermark, und hier ist Östreichs Banner, (Landesherrn von Östreich und Steiermark treten auf des Kaisers Seite vor, mit Banner und Farben ihres Landes.) Sie gaben selbst sich in des Reiches Schutz.

Steht nicht so traurig da, mein Fürst von Böhmen! Schaut um Euch her! Die Wolken sind entflohn, Und klar seht Ihr nun alles, wie es ist. Wenn Österreich verloren—

Ottokar. Ha, noch nicht!

Rudolf. Täuscht Euch nicht selbst! Ihr fühlt's in Eurem Innern, Daß es verloren ist; und zwar auf immer!

Ihr wart ein mächt'ger Fürst, ein großer König, Eh' die Gelegenheit des Mehrbesitzes In Euch entzündet auch den Wunsch dazu; Ihr werdet's bleiben, mächtig, reich und groß, Wenn auch verloren, was nicht halten konnte. Denn Gott verhüte, daß ich einen Finger Ausstreckte nach dem Gut, das Euch gehört. Auch könnt' ich's nicht! Euch bleibt ein mächtig Heer, Zu aller Art des Streites wohlgerüstet, Und zweifelhaft ist aller Schlachten Glück. Allein, tut's nicht! Verkennt nicht Gottes Hand, Die Euch gewiesen, was sein heil'ger Wille.

Mich hat, wie Euch, der eitle Drang der Ehre Mit sich geführt in meiner ersten Zeit. An Fremden und Verwandten, Freund und Feind Übt' ich der raschen Tatkraft jungen Arm, Als wär' die Welt ein weiter Schauplatz nur Für Rudolf und sein Schwert. In Bann gefallen, Zog ich mit Euch in Preußens Heidenkrieg, Focht ich die Ungarschlacht an Eurer Seite, Doch murrt' ich innerlich ob jener Schranken, Die Reich und Kirche allzu ängstlich setzten Dem raschen Mut, der größern Spielraums wert. Da nahm mich Gott mit seiner starken Hand Und setzte mich auf jene Thronesstufen, Die aufgerichtet stehn ob einer Welt. Und gleich dem Waller, der den Berg erklommen Und nun hinabsieht in die weite Gegend Und auf die Mauern, die ihn sonst gedrückt; So fiel's wie Schuppen ab von meinen Augen Und all mein Ehrgeiz war mit eins geheilt. Die Welt ist da, damit wir alle leben, Und groß ist nur der ein' allein'ge Gott! Der Jugendtraum der Erde ist geträumt, Und mit den Riesen, mit den Drachen ist Der Helden, der Gewalt'gen Zeit dahin. Nicht Völker stürzen sich wie Berglawinen Auf Völker mehr, die Gärung scheidet sich, Und nach den Zeichen sollt' es fast mich dünken Wir stehn am Eingang einer neuen Zeit. Der Bauer folgt in Frieden seinem Pflug, Es rührt sich in der Stadt der fleiß'ge Bürger, Gewerb' und Innung hebt das Haupt empor, In Schwaben, in der Schweiz denkt man auf Bünde, Und raschen Schiffes strebt die muntre Hansa Nach Nord und Ost um Handel und Gewinn. Ihr habt der Euren Vorteil stets gewollt; Gönnt ihnen Ruh', Ihr könnt nichts Beßres geben!

O Ottokar, es war 'ne schöne Zeit, Als wir, aus Preußen rückgekommen, saßen Im Söller Eures Schlosses am Hradschin, Von künft'gen Tagen, künft'gen Taten sprachen! Bei uns saß damals Königin Margrethe— Wollt Ihr sie sehn? Margrethen sehen?

Ottokar. Herr!

Rudolf. Daß Ihr den Friedensengel von Euch stießt, Der sanft versöhnend ob Euch wartete, Die rasche Glut mit Segenswort besprach Und treulich, eine liebe Schwester, sorgte! Mit ihr habt Ihr das Glück von Euch verbannt.— Ihr seid in Eurem Haus nicht glücklich, Ottokar!— Wollt Ihr Margrethen sehn? sie ist im Lager!

Ottokar. Nein, Herr! Allein die Lehen will ich nehmen.

Rudolf. Von Böhmen und von Mähren?

Ottokar. Ja, Herr Kaiser!

Rudolf. Dem Reich erstatten—?

Ottokar. Östreich, Steiermark, Was ich vom Reich; was sich von mir getrennt. Ich habe viel für sie getan! Der Undank, Der Menschen Schlechtheit ekelt tief mich an.

Rudolf. So kommt ins Zelt!

Ottokar. Warum nicht hier?

Rudolf. Es werden Des Reiches Lehen knieend nur genommen!

Ottokar. Ich knien?

Rudolf. Das Zelt verbirgt uns jedem Auge. Dort sollt Ihr knien vor Gott und vor dem Reich, Vor keinem, der ein Sterblicher, wie wir.

Ottokar. Wohlan!

Rudolf. Ihr wollt? Gesegnet sei die Stunde! Geht Ihr voran, ich folg Euch freudig nach. Wir beide feiern einen großen Sieg!

(Sie gehen ins Zelt, die Vorhänge fallen zu.)

Milota (der zu den Seinigen hinübergeht). Nun, Gott sei Dank! Das macht mich wieder frei! Der letzten Zeit will ich mein Tage denken.

(Zawisch von Rosenberg kommt.)

Zawisch. Wo ist der König?

Milota. In des Kaisers Zelt; Er nimmt die Lehn!

Zawisch. Ho, ho! und so verborgen? Das müssen alle sehn, die treuen Herzens sind.

(Er haut mit dem Schwert die Zeltschnüre ab; die Vorhänge fallen, und man sieht Ottokarn vor Rudolf knien, der ihn eben mit dem Schwert mit Böhmen belehnt hat.)

Zawisch. Der König kniet!

Die Böhmen (unter sich). Der König kniet!

Ottokar. Ha, Schmach! (Er springt auf und eilt in den Vorgrund.) (Der Kaiser, der ihm folgt, mit der Fahne von Mähren in der Hand.)

Rudolf. Wollt Ihr die Lehn nicht auch auf Mähren nehmen? (Ottokar läßt sich auf ein Knie nieder.)

Rudolf (indem er ihm die Fahne von Mähren gibt). So leih ich Euch die Markgrafschaft von Mähren Und nehm Euch in des Reiches Eid und Pflicht Im Namen Gottes und durch meine Macht.

Steht auf, Herr König, und mit diesem Kuß Begrüß ich Euch als Lehnsmann und als Bruder.

Ihr aber, die ihr Östreich angehört Und Lehen tragt von seines Landes Fürsten, Kommt mit nach Wien, um dort den Eid der Treue, Den Lehenseid in unsre Hand zu leisten! Ihr folgt uns doch, geehrter Herr und König? (Ottokar neigt sich.) Nun, ich erwart Euch, wenn's Euch wohlgefällt. Ihr schwingt die Fahnen, laßt den Jubel tönen, Dem blutlos-schönen Sieg der holden Eintracht! (Ab mit den Seinigen.)

(Ottokar steht noch immer mit gesenktem Haupte da.) (Merenberg, der zurückgeblieben ist, tritt nach einigem Zögern ihn an mit bittenden Gebärden.)

Merenberg. Erlauchter Herr, ich wollt' Euch bitten!

Ottokar (fährt empor und sieht ihn mit einem grimmigen Blicke an; dann zerreißt er mit einer Hand die Spange des Mantels, daß er fällt; mit der andern reißt er von hinten die Krone vom Haupte und stürzt fort, ausrufend:) Fort!

(Indem alle ihm folgen, fällt der Vorhang.)

Vierter Aufzug

Vor der Burg zu Prag; ein großes Tor mit Fallgattern in der Mitte des Hintergrundes führt hinein. Daneben ein kleines Ausfallpförtchen, zu dem einige Stufen hinanführen, das aber verschlossen ist. Rechts im Mittelgrunde des Pförtners Wohnung mit einem steinernen Tische und einer Bank. Davor ein Beet mit Blumen.

Milota und Füllenstein von verschiedenen Seiten.

Milota. Traft Ihr den König?

Füllenstein. Nein.

Milota. Ich fand ihn auch nicht.

Füllenstein. In Znaim verlor er sich von dem Gefolge, Ein einz'ger Knecht, den man vermißt, mit ihm, Und irrt seitdem im Land herum von Mähren. In Kraliz sah man ihn, in Hradisch, Lukow; Zuletzt in Kostelez, hartbei an Stip, Da, wo die kleine Wunderquelle fließt, Zu der die Pilger weitumher sich wenden. Ein ärmlich Badhaus steht dort in der Tiefe, Von Menschen abgesondert und Verkehr, Da hielt er vierzehn Tage sich verborgen; Ein Ort zum Sterben mehr, als um zu leben! Und wie die Pilger pflegen dort herum, Die, eines Wunsches, der sie drückt, gedenkend, Ein Kreuz von Reisig in den Brunnen werfen Und aus dem Sinken oder Schwimmen prophezein, So tat er tagelang und schien betrübt. Zuletzt erfuhr's der Magistrat von Hradisch Und ging hinaus, den König einzuholen; Doch der war nicht mehr da und schon im Weiten.

Milota. Und wo er jetzt ist, habt Ihr nicht erfahren?

Füllenstein. Man will ihn auf dem Weg gesehen haben Nach Prag.

Milota. Hieher?—ich hoff, er wird jetzt ruhn! Die stolzen Flügel sind in was gepflückt; Das Land, das ewig ihn nach außen lockte, Er hat's zurückgegeben feierlich. Will er nach Väterweise herrschen hier, Die Deutschen heißen gehn aus seinem Reich Und unterm Beistand böhmischer Wladiken Bedenken seines Volkes wahres Glück: Vielleicht, daß ich vergesse, was er tat An mir und meinem Haus.—Geht Ihr zum Kanzler? So meldet ihm, ein kaiserlicher Herold, Vollziehung fodernd des geschloßnen Friedens, Vor allem die Befreiung jener Geisel, Die noch aus Österreich und Steiermark Gefangen liegen rings im Land umher, Ist eingeritten in das Tor von Prag. Er möge schleunig tun, was man begehrt, Bevor der König kommt und manches hindert.

Füllenstein. Doch wenn der König—

Milota. Tut, was ich Euch sage!

(Füllenstein ab.)

Milota. Wär' nicht das ganze Land mit ihm beschimpft, Ich wollte lachen, wie erst Zawisch lachte. Schnell alles angeordnet, eh' er kommt, Dann hat er zu bestät'gen und—zu schlafen! (Er geht ins Schloß.)

(Kurze Pause, dann kommt ein Knappe des Königs, ringsumherspähend, er ruft in die Szene.)

Knappe. So, jetzt ist niemand hier, mein gnäd'ger Herr!

(Ottokar kommt, in einen dunkeln Mantel eingehüllt, ein schwarzes Barett mit schwarzen Federn tief in die Augen gedrückt.)

Diener. Den Kanzler soll ich holen? Gnäd'ger Herr, Beliebt Euch lieber nicht ins Schloß zu treten? (Ottokar schüttelt das Haupt.)

Diener. Zwei Tage habt ihr nicht gegessen, nicht Geschlafen; denkt an Euer teures Leben! (Der König lacht höhnisch auf.)

Diener. Laßt Euch erbitten, geht ins Schloß, mein König! (Ottokar stampft ungeduldig mit dem Fuße.)

Diener. Ich gehe denn! doch laßt Euch nieder, Herr! (Geht ab ins Schloß.)

Ottokar. Ich sollte dich betreten, Schloß der Väter? Die Schwelle dir entweihn mit meinem Fuß? Als ich im Sieg, im jubelnden Triumph Zu dir heranzog durch die lauten Gassen, Erstrittne Fahnen dir entgegenhielt; Da machtest du mir deine Pforten auf Und meine Väter sahn von deinen Zinnen. Für Helden ward gewölbt dein hoher Bau, Und kein Entehrter hat ihn noch betreten!

Hier will ich sitzen, als mein eigner Pförtner, Und Schande wehren ab von meinem Haus. (Er setzt sich auf die Stufen am Ausfallstor und verhüllt sein Haupt.)

(Der Bürgermeister von Prag und einige Bürger kommen.)

Bürgermeister. Ei, laßt mich, ich muß eilen in den Rat. Ein Herold von des Kaisers Majestät Ist angelangt, da darf man sich nicht säumen, Denn Böhmen ist nun wieder an dem Reich. Der König hat es feierlich gelobt, Den Eid der Treue knieend übernommen.

Bürger. Wie, knieend?

Bürgermeister. Wohl! im kaiserlichen Lager! Er lag auf seinen Knien, der Kaiser saß, Das ganze Heer hat's staunend angesehen. Was regt sich dort?

Bürger. Ein Mann sitzt auf den Stufen.

Bürgermeister. Ja, Hochmut kommt zu Fall; ich sagt' es oft! Seht doch mal hin, wer dort am Tore sitzt! Verdächtig Volk streift jetzo durch das Land, Die abgedankten Söldner sind zu scheuen.

Bürger (kommt zurück). Ach, Herr!

Bürgermeister. Du zitterst ja!

Bürger. Es ist der König!

Bürgermeister. Der Mann dort auf den Stufen? bist du töricht?

Bürger. Er sah mir ins Gesicht. Schaut nur!

Bürgermeister. Er ist's! Wenn er vernommen, was wir hier gesprochen! Soll ich ihm einen Fußfall tun?—Das Beste, Wir ziehen uns zurück. Er scheint zu sinnen. (Sie ziehen sich rechts gegen den Vorgrund.)

(Benesch von Diedicz und seine Tochter treten rechts im Hintergrunde auf.)

Benesch (am Stabe, führt Bertan). Ei, sieh nur, wie die liebe Sonne scheint! Du mußt einmal ins Freie! Berta komm! Die dumpfe Stubenluft ist ungesund. Und tu mir's auch zulieb, und sprich einmal! Sprich, Berta, sprich! und wär's ein einzig Wort! Als: ja und nein. Tu's deinem alten Vater! Sieh, auf Johanni wird's—ich weiß nicht recht Wie lang, seit du so vor dich siehst und schweigst. Das ist recht kläglich! Willst nicht reden, Berta? Ich hörte lieber dich im Fieber rasen, Als jetzt den langen Tag kein einzig Wort. Ei, was vergangen ist, das ist vergangen! Wir denken nicht mehr dran, und so ist's gut.

Bürgermeister. Still!

Benesch. Nun, sie schweigt ja leider ohnehin! Herr, Tag für Tag, und öffnet nicht den Mund!

Bürgermeister (leise). Dort sitzt der König!

Benesch. Wo?

Bürgermeister. Dort auf den Stufen!

Benesch. Ei, Berta, sieh, dort sitzt der böse König, Der dir so weh getan, du armes Kind! Ei, sprich einmal und schmäl ihn tüchtig aus. Sag: arger Mann, ich freu mich deines Leids, Du hast's um mich verdient und meinen Vater.

(Berta hebt eine Handvoll Erde auf und wirft damit, wie Kinder pflegen, gerade vor sich hin, ohne zu treffen.)

Benesch. Ja, wirf ihn nur! o daß es Dolche wären! Wirf, Berta, wirf! den argen, bösen Mann. Doch Gott hat unsre Rach' auf sich genommen: Gekniet hat er vor seinem ärgsten Feind, Vor einem Mann, den er sonst wohl verachtet, Im Angesicht des Heers hat er gekniet. Ei, rüttle dich, ich fürchte mich nicht mehr! Ist doch ein Höherer, der dich bezwingt. Mach erst, daß mir mein Kind da wieder spricht, Dann laß mich töten, mich bekümmert's wenig.

(Die Königin kommt mit Zawisch und Dienern.)

Kunigunde. Wer ließ den Aberwitz da vor die Tür? Hab ich Euch nicht gesagt, Ihr sollt sie hüten?

Benesch (der fortgeführt wird). Nu, Berta, komm! er hat doch auch sein Teil. (Ab.)

Kunigunde. Ihr auch fort, alles fort, was Augen hat! (Alle geben, bis auf sie und Zawisch.)

Kunigunde. Wir sind allein! allein mit unsrer Schande! Wollt Ihr Euch nicht erheben, großer König, Und große Worte geben, wie ihr pflagt?

Sieh hin, da sitzt der Stolze, Übermächt'ge, Dem sonst die Welt zu klein für seine Größe; Da sitzt er wie ein Bettler vor der Tür Und holt ein »helf euch Gott!« sich und Verachtung. Der Mann, der Kronen trug, als wären's Kränze, Und, wenn die eine welk ward, neue flocht Aus frischgeschnittnen Blumen fremder Gärten. Das Leben Tausender in seiner Hand, Es hinsetzt', wie zum fröhlich leichten Brettspiel, Auf das von Blut und Staub geteilte Feld Und ausrief: Schach! als wenn es Steine wären, Vom Künstler plump geformt aus totem Stoff, Und Roß und Reiter zubenannt zum Scherz. Der selbst mit der Natur im Streite lag, Und wenn er morgens ausritt auf die Jagd Und sah den Himmel überdeckt mit Wolken, So sprach er: Wart! rief nach dem Meister Maurer, Und hieß ihn, mit dem neuen Kirchenbau In Güldenkron nicht allzusehr zu eilen. Da sitzt er und starrt leblos auf den Grund, Den er zuvor gestampft mit stolzen Füßen!

Zawisch. Ei, gnäd'ge Frau, das Glück ist eben rund!

Kunigunde. Was andre bindet, das war ihm ein Spiel! Sein Weib Margrethe stieß er fort von sich:— Weiß Gott, sie war für ihn, die Alternde, Die Königin des Jammers stand ihm wohl!— Und fern aus Ungarn holt' er ein Gemahl. Was kümmert's ihn, ob sie vielleicht schon längst Nach einem andern hingewandt den Blick? Ob grade damals ein Geringerer, Und doch viel Größrer warb um ihre Hand?— Ein unbezwungner Führer der Kumanen Wiegt einen dienstbarn Böhmenkönig auf!— Was kümmert's ihn! er will ein Weib und Erben, Mag brechen, was da bricht; und damit gut! Ein kräftig freies Wesen kam ich her, Gar würdig wohl des Jünglings zum Gemahl, Und fand—ei nun, den König Ottokar! Nicht ganz so kläglich, als er jetzt dort brütet, Doch nicht viel besser, weiß der große Gott! Von Rat und Meinung hielt er mich entfernt, Wie eine Magd viel mehr als eine Fürstin. Er nur allein, er wollte Herrscher sein.

Zawisch. Ei, gnäd'ge Fürstin, herrschen ist gar süß; So süß fast als—gehorchen, und man teilt's nicht!

Kunigunde. Er hat geherrscht; fürwahr, er hat geherrscht! Wie eine Seifenblase ist's zerronnen!

Und reden konnt' er, groß und fürstlich reden! Was nicht gewesen noch und niemals wurde, In seinem Munde war's! Als der von Nürnberg Vom Kaiser ihm die erste Botschaft brachte, Wie er da sprach, wie er sich fürstlich nahm! Nicht eine Stadt, kein Haus, nicht eine Scholle Gab er dahin von Östreichs weitem Grund; Und wenn's die Ärzte hundertmal geschworen, Des Kaisers hohes Leben hinge dran, Kein Blättchen Safran, den sie dort gewinnen! Auf unsern Steppen ist ein Tier, heißt Maultier, Wenn das den Wolf von weiten kommen sieht, So röhrt es laut, schlägt aus nach allen Seiten, Die Erde wirft's in weiten Wirbeln auf; Doch naht der Wolf, da bleibt es zitternd stehn Und läßt sich ohne Widerstand erwürgen. So fast hat dieser König auch getan! Mit großen Worten zog er aus ins Feld, Die halbe Welt in seinem Heer versammelt. Von Polen, Valben, Tartarn, Deutschen, Böhmen Vermischten sich die Stimmen in dem Lager, Und Östreich war zu klein für ihre Zahl. Doch als des Streites ernste Stunde kam, Da fehlte Herz für so viel rüst'ge Arme; In seines Feindes Lager—Rosenberg!

Zawisch. Erlauchte Frau!

Kunigunde. Habt Ihr schon je gekniet? Vor Frauen nicht—vor Männern schon gekniet? Um Sold, um Lohn, aus Furcht, vor Euresgleichen?

Zawisch. Ich nicht.

Kunigunde. Und würdet's nie?

Zawisch. In meinem Leben!

Kunigunde. Er aber hat's getan! vor seinem Feinde, Vor jenem Mann gekniet, den er verachtet, Der einst ihm dienstlich war, und wenn er sprach: Komm her! so kam er, und sprach er: geh hin! So ging er und beeilte sich gar sehr!

Zawisch. Erlauchte Königin, es war nur Scherz! Scherz unter guten Freunden. Seht, der Kaiser, Er wollte seine Macht den Leuten zeigen, Da bat er unsern König, und der tat's.

Kunigunde. Ich aber will nicht heißen: Knechtes-Frau; Nicht eines schnöden Dienstmanns Bette teilen; Will nicht, wenn mich der Kaiser heischt nach Wien, Die Schleppe tragen seiner Gräfin Hausfrau; Will nicht vor Rudolf knien, wie er getan. (Der König springt auf.)

Kunigunde. O springt nur auf; ich fürcht Euch wahrlich nicht! Soll ich die einz'ge sein von Mann und Frau, Die noch vor Ottokar, dem König, zittert? Gebt mir Geleit, ich will nach Ungarn heim, Dort wahrt man eines Königs Ehre besser. Ihr, Rosenberg, den Arm! und nichts mehr weiter Von jener Schmach, die Ihr mit angesehn!

Zawisch (indem er sie abführt). Es war nur Scherz! Wir fanden's alle lustig, Nicht bloß der Kaiser; freilich der am meisten. Und gut sah es sich an, man muß gestehn! (Sie gehen ab.)

Ottokar. Zawisch!

Zawisch (zurückkommend). Was wollt Ihr, Herr?

Ottokar. Dein Schwert!

Zawisch (indem er es gibt). Hier ist es!

Ottokar (zum Stoß ausholend). Verräter!

Königin (ruft inner dem Schloßtore). Rosenberg!

Ottokar. Hier nimm dein Schwert und geh!

Zawisch. Ei, schönen Dank! hier ist nicht gut zu weilen. (Ab, der Königin nach.)

Ottokar (nachdem er eine Weile starr auf den Boden gesehen hat). Ist das mein Schatten?—Nun, zwei Könige! (Trompeten von innen.) Man kommt, man naht! Wohin verberg ich mich? (Er hüllt sich in seinen Mantel und zieht sich zurück.)

(Ein kaiserlicher Herold kommt mit zwei Trompetern. Hinter ihm die befreiten östreichischen Geisel, worunter der alte Merenberg. Volk dringt nach. Der Kanzler im Wortwechsel mit dem Herold.)

Kanzler. Ich protestier im Namen meines Königs!

Herold (die Urkunde in der Hand). Artikel drei des fei'rlichen Vertrags Besagt: Die Geisel werden freigegeben, Und so, in Vollmacht kaiserlicher Hoheit, Sprech ich die Freiheit dieser Männer an Aus Östreich und aus Steier, Untertanen Des Kaisers und des Reichs zu dieser Frist. Zugleich begehr ich gänzliche Vollziehung Des Friedens, der bis jetzt nur halb erfüllt. Noch immer lieget böhmische Besatzung Im Lande hie und dort von Österreich; Auch Heinrich Kuenring, eurer Sache treu, Haust übel in dem Land jenseits der Donau, Still unterstützt vom nachbarlichen Mähren. Es soll nicht sein, befiehlt mein Herr und Kaiser! Es abzustellen komm ich her nach Prag.

Kanzler. Man wird dem König es erst melden müssen.

Herold. Wozu? Ist nicht der Kaiser Lehensherr? Derlei ist im Vasalleneid bedungen.

Kanzler. Der Kaiser, seinerseits, hat auch noch nicht In allem dem Vertrag genug getan! In Mähren stehn noch kaiserliche Völker.

Herold. Sie werden abziehn, wenn ihr euch gefügt.

Kanzler. Warum soll Böhmen denn zuerst erfüllen?

Herold. Beglückt, wer hat, das ist ein alt Gesetz.

Kanzler. So nennt Ihr das Gesetz? Das ist Gewalt.

Herold. Nennt's, wie Ihr wollt, nur handelt, wie Ihr müßt.

Kanzler. Ich kann Euch nichts versagen, nichts gewähren. Der König, sagt man, ist in Prag, er selbst Kann nur ob Eurer Forderung entscheiden.

Herold. So führt mich denn zu ihm!

Kanzler. Auch das nicht jetzt! Er ist in Prag, doch Näh'res weiß man nicht.

Herold. Nun wohl, so stoßt denn ihr in die Trompeten, Daß sich der Hall verbreite durch die Stadt Und König Ottokarn verkündet werde, Daß Boten da von seinem Lehensherrn.

(Ottokar tritt aus dem Volke, er hat den Mantel weggeworfen.)

Ottokar. Hier ist der König! Was verlangt Ihr?

Herold. Herr, Man weigert mir die Freiheit dieser Männer!

Ottokar. Wer weigert?

Herold (auf den Kanzler zeigend). Hier!

Kanzler. Nur, Herr, bis du genehmigt.

Ottokar. Sie bürgten mir für ihres Landes Schuld; Der Schuldbrief ist erlassen, nehmt das Pfand! Zwar dort seh ich ein Angesicht, das fast Mich reuen machen könnte solch ein Wort. Verbirg dich, Merenberg! Du bist kein Geisel, Ein überwiesener Verräter bist du, Der erste, der voranging mit Verbrechen. Verbirg dich! denn im Innern kocht es auf Und lechzt zu kühlen sich in deinem Blut!

(Merenberg zieht sich hinter zwei andere Geisel zurück.)

Ottokar. Was sonst?

Herold. Die Räumung Östreichs wird begehrt.

Ottokar. Es ist geräumt!

Herold. Nicht ganz.

Ottokar. Es soll geschehn! Bedungen ward's im Frieden, und so sei's.

Herold (ausrufend). Wer sonst noch Fordrung hat an Böhmens Krone, Ein vorenthaltnes Recht, erwiesner Schade; Wer Lehn zu nehmen hat vom deutschen Reich, Ich lad ihn auf das Rathaus, wo der Pfalzgraf Zu Recht wird sitzen und die Lehn erteilen. Vivat Rudolphus, römisch-deutscher Kaiser!

(Herold ab, Das Volk tumultuarisch ihm nach. Nur der Kanzler bleibt.)

Ottokar. Sie folgen alle? Lassen mich allein? (Zum Kanzler.) Bist du mein ganzer Hof?—Ha, Ottokar! Verachtet von dem Letzten meiner Diener, Verhöhnt von meinem Weib, mit Recht verhöhnt, Wie Wild gehetzt, von Haus und Bett vertrieben! Ich kann's nicht tragen, kann nicht leben so! Hinausgestrichen aus der Fürsten Zahl, Ein Dienstmann dessen, der mir sonst ein Spott; Und ungestraft, mein lachend, ziehn die Frechen, Die mich verraten, fort aus meiner Haft. Horch!

(Man hört in der Entfernung den Herold seinen Ausruf wiederholen.)

Ottokar. Vivat Rudolphus? In der Hölle leb' er! Ruf mir den Herold!

Kanzler. Ach, mein gnäd'ger König!

Ottokar. Ruf mir den Herold oder zittre, Knecht! (Kanzler ab.) War's besser nicht, zu fallen in der Schlacht, Der letzte meiner Krieger neben mir? Sie haben mich verraten, überrascht. Ein dunkler Nebel schwindet von der Stirn; Ich hab geträumt: wie kühle Morgenluft Kommt mir Erinnerung und läßt mich wachen.

Mit einem Heer zog ich an Donaustrand Und schlug ein Lager, so weit reicht die Denkkraft; Von da an Nacht! Was weiter dann geschehn, Wie sie mich lockten in des Kaisers Zelt, Wie dort—Ha, Tod und Teufel! Töten will ich Den letzten, der's mit angesehn! Mich selber, wenn ich nicht verlöschen kann Das Angedenken jener blutigen Schmach!

(Der Herold mit den Geiseln kommt zurück.)

Herold. Ihr ließt mich wieder rufen, gnäd'ger Herr!

Ottokar. Fürs erste merket, daß in niemands Namen, Als in dem meinigen man Ausruf tut In meiner Pragerstadt!

Herold. Allein—

Ottokar. Genug! Dann laßt die Geisel sich in Reihe stellen, Man muß erst untersuchen, ob kein andrer, Der Haft Entsprungner sich mit ihnen rettet.

Herold. Dagegen bürgt des Reiches Würde zwar; Doch stellt euch in die Reihe, wenn's beliebt.

Ottokar (die Reihe hinauf gehend). Du magst nur gehn, und du!—Bist du so schmuck, Herr Ulrich Lichtenstein? Du freust dich wohl, Weil du nun ledig? Nu, ich gönn es dir. Du hast mich nicht geliebt; je, ich dich auch nicht! Das macht uns wett. Zieh immer hin! Doch da ist einer, den ich sprechen muß. Gott grüß dich, Merenberg, du Schurk' und du Verräter!

Kanzler. Wenn er nur schweigt, nur nimmer widerspricht!

Ottokar. Wie geht's denn deinem Sohn im Dienst des Kaisers? Ein wackrer Junge, der schlägt nicht von Art! Du hast ihn noch zur rechten Zeit gerettet, Da es mit Ottokar schon abwärts ging. Als ich das letztemal ihn sah, versprach ich Ihm Kunde bald von mir und auch von dir; Wie wär's, wenn ich ihm jetzt ein Briefchen schriebe: Der alte Schurk', dein Vater, lebt nicht mehr! (Zum Herold.) Das ist kein Geisel, ist ein Hochverräter Und kann mit jenen andern dort nicht gehn!

Herold. Gerade den befahl mein Herr, der Kaiser—

Ottokar. Gerade den befiehlt sein Herr, der König— (Zu Merenberg.) Du warst der erste, du hast angefangen, Das Beispiel du gegeben von Verrat. Nach Frankfurt schriebst du Klagen und Beschwerden, Da wählten sie den Habsburg, meinen Feind!

Merenberg. Beschwerden nicht!

Ottokar. Nu, Lob doch auch nicht, Bruder! Als erst dein Sohn in meines Gegners Heer, Da folgten ihm von Österreich die andern Und haben an der Donau mich verraten, Mich preisgegeben, ihren rechten Herrn! Weißt du, wo deinen Sohn ich sah zuletzt? Es war bei Tulln, im kaiserlichen Lager, Wo König Ottokar—Tod und Verdammnis!— Vor seinem Feind—in Knechtesart—im Staub— Lösch aus, Erinnerung, in meinem Haupt, Senk, Wahnsinn, dich herab auf meine Stirn Und hüll in deine Wogen, was geschehn! Wo König Ottokar—warum nicht sagen, Was alle Welt gesehn?—vor seinem Feind gekniet! Und dieses Mannes Sohn, er stand dabei Und lachte!—Darum mußt du sterben, Mann! Die andern mögen gehn, der eine bleibt!

Merenberg. Gerechter Gott!

Herold. Bedenket, gnäd'ger Herr!

Ottokar. Bedenket lieber Ihr, vorlauter Herr! Daß, wenn Ihr nicht in diesem Augenblick— Doch zieht in Frieden und laßt mich gewähren; Noch bin ich Herr in diesem meinem Land.

Merenberg. Die Steiermark gehorcht nunmehr dem Reich!

Ottokar (zum Herold). Er war mein Untertan, als er an mir gefrevelt, Als meinen Untertan bestraf ich ihn! Werft ihn in tiefsten Turm, und wer mir meldet: Der Merenberg ist tot, der sei willkommen!

Herold. Der Kaiser aber—

Ottokar. Herr, sagt Eurem Kaiser: Er soll in Deutschland herrschen nach Gelust! Was ich versprach, ich hab es ihm gehalten, Obgleich verraten, überlistet, hintergangen, Ich hab's gehalten, weil ich es versprach.— Doch sagt ihm: hier im Busen poch' ein Mahner, Der immer zuruft: Nimm, was man dir stahl! Des Königs Ehre rett'! Die Ehre eines Königs Steht nicht um tausend Menschenleben feil. Man hat dich an der Donau überlistet, Versuch, ob in Gewalt er auch obsiegt! Das sagt ihm, Herr! und weiter sagt ihm noch: Der Friede ist erfüllt, er hat das Land, Die Geisel send ich ihm, er ist befriedigt; Doch mög' er hüten sich, in Böhmen mir Ein Wort zu reden, das mir nicht gefällt, Sich einzumengen hier in mein Geschäft, Sonst wollt' ich ihm—allein sagt ihm doch lieber: Er mög' es tun, er möge Trutz mir bieten, Mit einem Heer mir fallen in das Land, Daß ich den Haß, den heißen Grimm mag kühlen Im Blut, das seinem Herzen fließt zunächst. Lügt mir zulieb, ich hätt' auf ihn geschmäht, Genannt ihn einen eingedrungnen Herrscher, Der mir gestohlen, was mein eigen war; Gelacht des Herolds, den er mir gesandt, Den Mann, den er beschützt, zum Tod verdammt—

Herold. Das könnt Ihr nicht!

Ottokar. Ich kann es, denn es ist.

Herold. Kraft dieses Briefs—

Ottokar. Verdammt sei dieser Brief! Willst du mit Briefen mich und Worten meistern? Noch hab ich Schwerter, noch ist mir ein Heer, Das unbesiegt, du siegtest nur mit Ränken, Und reißen will ich diese Ränke, wie ich Den Brief zerreiße, den du dir erschlichst. (Er hat dem Herold den Brief entrissen.) Sieh her! (Im Begriff, die Urkunde zu zerreißen, hält er plötzlich inne.)

Kanzler. O Gott, was sinnt er? Teurer, gnäd'ger Herr!

Ottokar. Ruft mir mein Weib, die Königin! (Diener ab.) Vor aller Welt ward Ottokar beschimpft, Vor aller Welt muß er auch rein sich waschen! Sie hat den gift'gen Stachel mir gesenkt In meine Brust; sie mag zugegen sein, Wenn ich ihn ausziehe oder im Bemühn Ihn drücke in das Innerste des Lebens!

(Die Königin kommt.)

Kunigunde. Was ist?

Ottokar. Ihr habt mich, kurz erst, hart gescholten, Daß ich, um Blut zu schonen, nachgegeben Und eingeräumt dem Kaiser Gut und Land.

Kunigunde. Ich schelt' Euch noch!

Ottokar. Seht hier in meiner Hand Den Brief, der an den Kaiser mich gebunden. Zerreiß ich ihn, ist auch das Band zerrissen, Das jetzt mich hält; frei bin ich wie zuvor. Zerreiß ich ihn?

Kunigunde. Kein Mut'ger zweifelt da!

Ottokar. Doch hört! Aufs neue rast der Teufel Krieg; Aufs neue dampft das Land in Rauch und Blut. Und eines Morgens, leicht kann es geschehn, Bringt man Euch auf der Bahre den Gemahl.

Kunigunde. An Eurem Sarge will ich lieber stehn, Als mit Euch liegen, zugedeckt von Schande!

Ottokar. So stark? Ein Tröpflein Milde täte wohl!

Kunigunde. Solang Ihr Euch nicht von der Schmach gereinigt, Betretet nicht als Gatte mein Gemach. (Zum Abgehen gewendet.)

Ottokar. Bleibt noch! Seht her! der Brief, er ist zerrissen! (Er zerreißt den Brief.) Die Ehre ganz, und auf der Zukunft Tor! Was draus erfolgt, wir wollen's beide tragen! Gott gönn Euch was von dem, was hier erwacht, (Auf seine Brust zeigend.) Und gebe mir die Kraft, die Ihr bewiesen!

Kunigunde. Nun erst willkomm ich Euch!

Ottokar. So nicht! so nicht! Ich sehe Blut an deinen weißen Fingern, Zukünft'ges Blut! Ich sag: berühr mich nicht. Gott hat das Weib aus weichem Ton gemacht Und: Milde zugenannt; was bist denn du? Wird mein Gedächtnis wach erst und erzählt, Wie du den König, da er kam, empfingst, Den Gatten, da er rückgekehrt nach Haus— Geh fort! Ich fühle, daß sich mir die Sehkraft schwächt, Das ist ein Zeichen, daß es Zeit zu gehn. Geh fort! Fort, sag ich! Fort! (Die Königin geht ab.) Es ist vorüber!

Ottokar (zum Kanzler, den er angefaßt hatte). Schein ich dir hart? Sie war mir auch nicht gütig! Das geht so her und hin; Gott zieht die Rechnung! Euch, Herold, halt ich nun nicht länger mehr! Sagt Eurem Herrn, was Ihr mit angesehn! (Gegen Merenberg.) Mit dem in Turm! Was schützte vor Verrat, Als die Bestrafung früherer Verräter? Wer bauen will, der reutet seinen Grund, Drum fort, du böses Schlingkraut, gift'ge Ranke!

Merenberg. Zu rascher König, mich schilt nicht Verräter! Die sind's, die deinem Throne stehn zunächst, Die Rosenberg, die—

Ottokar. Kannst du auch verleumden?

Merenberg. Ach, der mich hält und mich zum Kerker führt, Er ist des Kerkers würdiger als ich!

Ottokar. Kein Böhme hat noch seinen Herrn verraten! Jetzt bin ich deines Frevels erst gewiß! In Turm den Lästerer!

Merenberg (der abgeführt wird). Zu spät wirst du bereun!

Ottokar. In Turm!

Milota. Und schweigt er nicht, stopft ihm den Mund!

(Merenberg wird abgeführt; Herold folgt.)

Ottokar (unter die Seinen tretend). Kein Böhme hat noch seinen Herrn verraten; Was auch der Lästrer spricht, ich bin gewiß! Nun im Begriff, zu gehn in einen Krieg Für unsers Landes Ruhm und seine Macht, Vertrau ich euch, wie ich mir selbst vertraue. Wer mißgesinnt ist, wer mein Tun nicht billigt, Der schließe frei sich aus von unserm Zug, Kein Nachteil soll ihn treffen oder Vorwurf. Wer aber gern mir folgt und denkt wie ich, Den drück ich an mein Herz und nenn ihn Bruder! Den Eid, den ich am Krönungstage schwur, Bei meines Vaters Sarg, ich wiederhol ihn: Treu bis zum Tod! Tut ihr dasselbe! Die Welt ist voll von Bösen und von Argen; Erneut den Schwur auf eures Königs Schwert.

(Er hat von einem der Umstehenden das Schwert genommen, die Vordersten knieen nieder.)

Kniet nicht! Steht auf! Ich kann nicht knieen sehn!— Und schwört auch nicht!—Denn man kann knien und schwören Und doch das Wort nicht halten, das man gab. Ich will euch so vertrauen, ohne Schwur!—

Und nun ans Werk! Du gehst zu Herzog Heinrich Nach Breslau! ihn und Prinik, den von Glogau, Du ladest sie zur Heerfahrt hier nach Prag. Du gehst nach Deutschland, und aus Meißen, Sachsen, Von Magdeburg, dem Markgraf mit dem Pfeil, Sprichst du den Beistand an, den sie mir gönnen. (Zum Kanzler.) Ihr schreibt mir an die andern Herrn und Fürsten! Wir wollen eine Schar zusammenlegen, Daß sich der Kaiser drob verwundern soll! Ich bin noch Ottokar, man soll schon sehn! Ihr alle leiht mir euren kräft'gen Arm! Was ihr verlort an Gütern und an Schlössern, Was ich euch abnahm und zur Krone schlug, Ich geb es wieder, geb euch mehr dazu. Den Rosenbergen sei ihr Frauenberg, Auch Aussig, Falkenstein. Dir, Neuhaus, Lar; Nehmt Laun, Ihr Zierotin; Dub, Kruschina! Nehmt Eure Güter wieder und seid fröhlich! Wir wollen eins sein, redlich halten aus. Dir, Milota, vertrau ich Mähren an, Du bist ein wackrer Krieger, du bewahrst mir's.

(Zawisch von Rosenberg kommt.)

Ottokar. Sieh da, Herr Rosenberg! Ei, Gott zum Gruß! Ich denk, Ihr folgt uns doch wohl auch ins Feld? Ihr seid der Ersten einer meines Reichs, Auf den ich vor gar vielen andern zähle.

Zawisch. Was meine Brüder tun, das tu ich auch! Der allgemeinen Not werd ich mich nicht entziehn. (Er geht.)

Ottokar (der ihm nachgesehen hat, mit Gebärde) Der hat's hier hinterm Ohr, dem trau ich nicht! Du, Milota, du bist mein Mann! Ich glaube wohl, daß du auch hassen kannst, Betrügen nicht! Dir will ich mich vertraun! Herr Kanzler, seid Ihr fertig?

Kanzler (der sich zum Schreiben gesetzt hat). Ja, mein König!

Ottokar. Wir haben viel durch Raschheit eingebüßt, Wir müssen uns durch Vorsicht wieder helfen. Nicht wahr, so ist's dir recht, mein alter Kauz?

Kanzler. O König, scheltet mich, wie sonst, mit Raschheit, Mir tät' es wohler, als die Milde jetzt.

Ottokar. Schreib an den Hauptmann du der Stadt von Znaim, Er soll mit tausend Mann—doch nein, zu viel! Die Feste bleibt indessen mir entblößt. Nein, mit fünfhundert Mann soll er die Grenze Allein fünfhundert sind zu wenig. (Auf Milota.) Nicht wahr? Schreib lieber, daß von Iglau—Wieder nichts! Mein Kopf ist wüst; zwei Nächte nicht geruht, Gegessen auch nicht.—Leih mir deine Bank, Ich will versuchen hier zu ruhn.

Kanzler. Mein König, Gefällt's Euch nicht, ins Schloß—?

Ottokar. Nein, nein, nein, nein! Doch holt mir meine Frau; sie ging im Zorn. Sie soll zu mir sich setzen, soll mir sprechen, Bis sich der Schlaf auf meine Wimpern senkt. Mein Freund, tu mir die Lieb' und geh nach ihr!

(Diener ab.)

Ottokar. Wie wohl es tut, die Glieder auszustrecken, Ist einer müd! Seht mal nach Merenberg; Der alte Mann mag hart im Kerker ruhn! Ist er ein Schurk' auch, soll man ihn nicht quälen Und soll ihm geben ritterliche Haft.

(Füllenstein ab.) (Diener kommt.)

Ottokar. Nun, kommt die Königin?

Diener. Sie kommt nicht, Herr!

Ottokar. So laßt sie gehn! Komm du her, alter Kanzler, Und leih zum Ausruhn heut mir deinen Schoß. Hab ich geruht—dann sollt ihr sehn— Ob ich der alte Ottokar noch bin. (Er schläft.)

(Füllenstein kommt zurück.)

Kanzler. Der König schläft!

Füllenstein. Nu, Merenberg bald auch! Als er nicht schwieg und alle Welt verklagte, Stieß ihn ein Szupan hart den Turm hinab; Er wird's nicht überleben, glaubt man fast!

Ottokar (sich emporrichtend). He, Merenberg, bist du's?

Kanzler. Er ist nicht hier!

Ottokar. Mir war, als stünd' er da!—Nu, schlafen! schlafen! (Er sinkt wieder zurück und schläft.)

(Der Kanzler legt, Schweigen gebietend, den Finger auf den Mund.)

(Der Vorhang fällt.)

Fünfter Aufzug

Kirchhof von Götzendorf. Drei Vierteile des Mittelgrundes durch das hereinragende Haus des Küsters geschlossen, mit einem Glockenturm daran. Vorposten des böhmischen Heers. Ein Wachfeuer, Krieger herumgelagert. Ottokar sitzt hinter demselben auf einer Erhöhung, das Kinn auf beide Hände und diese auf den Knopf seines Schwertes gestützt. Rechts im Vorgrunde Milota und Füllenstein am Boden liegend. Vor Tagesanbruch. Dunkel.

Ein Bote tritt rechts im Vorgrunde auf.

Bote. Ist hier der König?

Milota. Ja, was gibt's?

Bote (halblaut). Kumanen Und Ungarn von des Kaisers Heere streifen Die March hinauf im Rücken unsrer Stellung; Bei Drösing hat man ihrer schon gesehn. Soll ich's dem König melden?

Milota. Laßt nur sein! Der König ist schon übellaunig sonst; Auch stehn die Russen dort und meine Leute, Die werden sie den Rückweg suchen lehren.

Bote. Nun, wenn Ihr meint—

Milota. Geht nur, gleich komm ich selbst. (Bote ab.)

Füllenstein (halblaut). Das ew'ge Zaudern, ewige Bedenken! Und immer rückwärts! Ei, verdamm es Gott! Der König hat sein Wesen ausgezogen. Schon früher ging nicht alles, wie es sollte, Die Flucht der Königin gab ihm den Rest. Und wär's nicht, daß mich freut das Kriegeshandwerk, Ich wäre längst gewichen von dem Heer. Erst stürmt er vierzehn Tage Drosendorf Und läßt dem Kaiser Zeit, die Macht zu sammeln; Und als man endlich denkt: jetzt schlägt er los, Als wir gerüstet stehn und fertig vor Marchegg, Da heißt's: zurück! und Weiden, Weikendorf Und Anger, Stillfried, alle Stellungen Am Hasenberg, am Weidenbach und an der Sulz Läßt er dem Feind, beinah ohn' einen Schwertschlag.

Milota. Bald muß es sich entscheiden; sei getrost!

Füllenstein. Er nennt das Vorsicht; Zagheit nenn ich's eher! Sonst war das anders, ei, da galt noch Fechten. Jetzt sind wir Memmen!

Milota. Schweig! Der König regt sich!

Füllenstein. Zeit wär' es!

Ottokar (am Feuer). Gestern war ein schlimmer Tag! Der Feind gewinnet Boden. Doch was tut's? Ich habe Drosendorf; der Rücken ist gesichert.

Füllenstein (laut). Beinah der Rücken sichrer als die Brust!

Ottokar. Dir tu ich nicht zu Danke, Füllenstein!

Füllenstein. Nein, Herr, ich kann's nicht leugnen. Sonst war's anders.

Ottokar. Du hättest bei Marchegg schon losgeschlagen?

Füllenstein. So tat ich, Herr, und Ihr, Ihr tatet's auch Noch vor zwei Jahren. In der Ungerschlacht, Am selben Ort, habt Ihr nicht lang gezweifelt. Ei, Schwert heraus und in den Feind! Da ging's.

Ottokar. Es ging, weil es der Zufall günstig meinte. Ei, damals war ich ein verwegner Tor, Wie du noch jetzt bist. Reife bringt die Zeit.

Füllenstein. Herr, als noch bei Marchegg der Kaiser stand, Da zählt' er tausend Streiter, und nicht mehr. Jetzt ist er an die dreißigtausend stark.

Ottokar. Allwissend ist nur Gott!—Was ist die Uhr?

Diener. Drei Uhr nach Mitternacht.

Ottokar. Die Schlacht ist unvermeidlich! Wir sind am Feind. Der heut'ge Tag entscheidet. Wie heißt der Ort hier?

Diener. Götzendorf, mein König.

Ottokar. Der Bach?

Diener. Die Sulz.

Ottokar. Ich dacht', ich wär' in Stillfried.

Diener. Wir ritten gestern durch in dunkler Nacht. Jetzt liegt der Kaiser drinnen.

Ottokar. Nun, Gott walt's!

Diener. Ihr solltet dort ins Haus gehn, gnäd'ger Herr!

Ottokar. Und daß mir niemand angreift, bis ich's sage! Ich hab ihn hergelockt in diese Berge Mit vorgespiegelter, verstellter Flucht. Dringt er nun vor: die Mitte weicht zurück, Die Flügel schließen sich—dann gute Nacht, Herr Kaiser! Ich hab ihn, wie die Maus im Loch! Ha, ha! (Er bricht in ein heiseres Lachen aus, das sich in ein Husten verliert. Er reibt die Hände.) 's ist kalt! Hat niemand einen Mantel? Vor Sonnenaufgang weht die Luft am schärfsten. (Man gibt ihm einen Mantel.) Ist das 'ne Sommernacht? Noch stehn die Stoppeln Und schon so kalt! Sonst war der Sommer warm, Der Winter Frost; jetzt tauschen sie das Amt. Die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen! Hat man nicht Nachricht, wo die Königin Sich hingewandt?

Diener. Man weiß es nicht, mein König!

Ottokar. Und Zawisch ist bei ihr?

Diener. Ja, gnäd'ger Herr!

Ottokar. Ich denke sie zu seiner Zeit zu treffen! Will's noch nicht tagen?

Diener. Überhin der March Beginnt's zu graun; der Tag bricht an.

Ottokar (ist aufgesprungen). Ich grüße dich, verhängnisvolle Sonne! Eh' du zu Rüste gehst, hat sich's entschieden, Ob Fried' in Waffen, ob im Grabe Frieden. (Er wirft den Mantel weg.) Löscht aus die Feuer, laßt die Hörner tönen! Bereitet Euch zum Kampf, es gilt das Letzte!

Bote (kommt). Herr, Drösing brennt!

Ottokar. Im Rücken meines Heers? Dort stehen Eure Leute, Milota!

Milota. Versprengte Haufen von Kumanen, Herr! Auch glaub ich's nicht!

Ottokar. Ist hier herum kein Hügel? Daß man des Feuers Richtung könnte sehn.

Diener. Der Glockenturm.

Ottokar. Steig einer schnell hinauf. (Es pochen einige ans Tor.)

Ottokar. Wie kommen Ungarn mir nach Drösing? Gottes Feuer! Wer des die Schuld trägt, hängt!—Wird's bald?

Diener. Herr König, Man weigert uns den Eintritt.

Ottokar. Weigert? Wer?

Diener. Sind Damen drin im Haus.

Ottokar. Was, Damen! Possen!

Küster (der aus dem Hause getreten ist). Herr, das Gefolg der Königin von Böhmen.

Ottokar (ihn anfassend). Der Königin von Böhmen?—Das Gefolg'? Wohl auch sie selbst?—Ha, Schurk'!—und Zawisch auch? Es soll mir wohltun, meinen Zorn zu kühlen!

Küster. Bedenk Eu'r Hoheit!

Ottokar. Fort!

Küster. Ach, Herr!

Ottokar. Hinein! (Er dringt ins Haus, der Küster ihm nach.)

Milota. Wenn er den Zawisch trifft, ist er verloren! Ich muß ihn retten, gält's das Äußerste! Zieht euch zurück, und ruf ich aus dem Fenster, So dringt ins Haus und tut, was ich euch sage; Der König ist sein selbst nicht Herr im Zorn (Er geht ins Haus, die andern ziehen sich zurück.)

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Kurzes Zimmer, durch einen gotischen Bogen geschlossen, von dem ein dunkler Vorhang bis zur Erde herabhängt.

Ottokar, dem Frau Elisabeth in den Weg tritt, stürzt herein.

Ottokar. Fort, Kupplerin! Wo hast du deine Kunden?

Elisabeth. Ach, gnäd'ger Herr, gönnt ihr doch jetzt die Ruh'!

Ottokar. Der Vorhang dort, er deckt wohl das Geheimnis? Lieb Täubchen, komm! Auf, Decke! Vorhang auf! (Er reißt den Vorhang auf und prallt zurück.) (Auf einer schwarzbedeckten Erhöhung, von Lichtern umstellt, liegt Königin Margarethe tot im Sarge. Das Wappen von Östreich zu ihren Füßen.)

Ottokar (im Vorgrunde, dumpf). Das ist die Königin von Böhmen nicht!

Elisabeth. Sie war's!

Ottokar. Margrethe ist's von Österreich, Mein Weib einst; doch verwandt im vierten Grad, Und drum geschieden nach der Kirche Recht. —Gott geb' ihr ew'ge Ruh'!

Elisabeth. Ach, Amen, Amen!

Ottokar. Wann starb sie?

Elisabeth. Gestern morgens, gnäd'ger Herr!

Ottokar. Wie kommt sie hieher?

Elisabeth. Aus dem Sitz von Krems Vertrieben von den Streifern Eures Heers, Hat nach Marchegg zum Kaiser sie gewollt, Da übereilte sie der Tod.

Ottokar. Warum zum Kaiser?

Elisabeth. Herr, sie sagt' es nicht; Doch, denk ich, war es, Frieden zu vermitteln.

Ottokar. Sie war Vermittlerin! Und woran starb sie?

Elisabeth. Man pflegt's zu nennen: am gebrochnen Herzen; Denn weinend Tag und Nacht—

Ottokar. Genug! Genug! Wo aber wollt ihr hin?

Elisabeth. Wir wollen warten, Bis sich der Krieg so oder so entschieden—

Ottokar. So oder so!

Elisabeth. Und dann nach Lilienfeld, Sie zu begraben in der Ahnen Gruft, Wo Herzog Leupold ruht, der Sel'gen Vater, Und, der der Babenberger Mannstamm schloß, Ihr Bruder Friedrich, den sie Streitbar nennen.

Ottokar. Das tu!—Und diesen Ring….

Milota (kommt). Der Feind rückt an!

Ottokar. Ich komme gleich. Geht nur! (Milota ab.)

Ottokar. Und diesen Ring Leg du von mir der Sel'gen in das Grab.

Elisabeth. Ach Herr!

Ottokar. Und wenn der Krieg sich hat entschieden, Und ich es überleb, so komm nach Prag, Daß ich die Treu' dir lohn an deiner Frau. Jetzt muß ich fort! (Er geht auf die Türe zu.)

Elisabeth (die sie ihm öffnet). Gott segn' Euch!

Ottokar (bleibt an der Türe stehen). Margarethe, So bist du tot und hast mir nicht verziehn? (Er kommt zurück.) Bist hingegangen, treue, fromme Seele, Mit dem Gefühl des Unrechts in der Brust, Und stehst wohl jetzt vor Gottes Richterstuhl Und klagst mich an, rufst Rache wider mich! O tu's nicht, Margaretha, tu es nicht! Du bist gerächt. Um was ich dich und alles gab, Gefallen ist's von mir, wie Laub im Herbst. Was ich gesammelt, ist im Wind zerstoben, Der Segen fort, der fruchtend kommt von oben, Und einsam steh ich da, von Leid gebeugt, Und niemand tröstet mich und hört mich! (Er tritt näher.) Sie haben schlimm an mir getan, Margrethe! Der Undank hob sein Haupt auf gegen mich. Die mir die Nächsten, haben mich verraten, Die ich gehoben, haben mich gestürzt. Das Weib, um das ich hingab deinen Wert, Sie hat das Herz im Busen mir zerspalten, Die Ehre mein verkauft an meinen Knecht; Und als ich blutend heimkam aus der Schlacht, Goß sie mir Gift, statt Balsam, in die Wunden. Mit Hohn und Spott hat sie mich aufgestachelt, Daß blind ich rannte in das Todesnetz, Das nun zusammenschlägt ob meinem Scheitel. (Er kniet am Sarge.) Du hast mich oft getröstet; tröste nun! Streck aus die kalte Hand und segne mich. Denn eines fühl ich wohl: es kommt zu sterben; Der heut'ge Tag kann Ottokar verderben, Drum segne mich, wie du gesegnet bist! (Er legt sein Haupt auf die Kissen.)

Elisabeth. Er betet, glaub ich. Nun, du guter Gott, Verzeih ihm auch! Und ach, der großen Freude Für die hochsel'ge Frau! Sagt' ich's nicht immer? Er kehrt zurück. Nun seid ihr doch beisammen, Siehst du? (Gegen Himmel blickend.)

Von außen. Ist hier der König?

Elisabeth (zur Tür hinaussprechend). Ei, er will allein sein! Sie sollen ihn nicht stören! (Sie läßt die Vorhänge herab.) Streit und Hader, Dazu find't so ein Herr wohl immer Zeit. Die Zeit zum Beten aber kommt nicht immer. Schon wieder Lärm, ei, daß euch Gott, ihr Heiden! (Neuer Lärm von außen. Sie geht, mit dem Finger auf dem Mund Stillschweigen gebietend, leise zur Türe hinaus.)

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Platz vor dem Hause, wie zu Anfang des Aufzuges.

Milota führt einen Knappen vor. Die andern im Hintergrunde. In Zwischenräumen Trompeten und Lärm von außen.

Milota. Wie? Zawisch Rosenberg, er sendet dich?

Knecht. Ja, Herr!

Milota. Er ist im kaiserlichen Lager?

Knecht. Wohl.

Milota. Wo ist sein Brief?

Knecht. Ich habe keinen Brief. Er hieß mich nur—es klingt fast lächerlich— Er hieß mich an das Liedchen Euch erinnern: »Der Winter kehrt zurück, die Rosen welken.«

Milota. Was will er damit?—Rosen—Rosenberg! Sag ihm, die Rosen mögen immer blühn, Der Schnee zergeht; der Winter kehrt nicht wieder! (Knecht ab.)

Füllenstein (kommt). Wo ist der König?

Milota. Oben.

Füllenstein. Teufel auch! Es geht schon hitzig her!

Ein Ritter (tritt eilig auf). Ist hier der König? Die Vorhut wird zurückgedrängt. Schickt Hilfe!

Milota. Er säumt noch immer!

Füllenstein. Siehe da, er kommt!

(Ottokar kommt mit dem Küster aus dem Hause. Frau Elisabeth folgt.)

Ottokar (zum Küster). Man wird Eu'r Haus verschonen, wie nur möglich. Gehabt Euch wohl und schließt mich ins Gebet. Herbott, wie steht's?

Füllenstein. Sie sind schon handgemein.

Ottokar. Gebt mir den Helm!

Füllenstein. Der Gaul von einem Dienstmann Des Erzbischofs von Salzburg wurde scheu Und riß ihn fort, die andern sprengten nach.

Ottokar (hat den Helm auf und zieht das Schwert). Nun denn, mit Gott!

Küster. Er segn' Euch, gnäd'ger Herr!

Elisabeth. Zu tausendmal! Und führ Euch glücklich heim!

Ottokar. Wir wollen hoffen! (Trompeten von außen.) Nun, wir kommen schon!, Wo sind die Pferde?

Füllenstein. Dort am Gittertor!

Ottokar (gehend). Voran!

Elisabeth. Gott segn' Eu'r Hoheit. (Zugleich mit dem Küster.) Glück und Heil! (Alle ab.)

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Freie Gegend an der March. Es ist heller Tag.

Kaiser Rudolf mit seinen Söhnen, in Begleitung österreichischer und anderer Ritter mit Fahnen, tritt auf.

Rudolf. Die Sonne steigt aus Nebeln herrlich auf; Es wird ein schöner Tag! Mein Sohn, du trittst Zum erstenmal auf österreich'schen Boden, Sieh um dich her, du stehst in deinem Land! Das Feld, das rings sich breitet, heißet Marchfeld, Ein Schlachtfeld, wie sich leicht kein zweites findet, Doch auch ein Erntefeld, Gott sei gedankt! Und dafür soll es immerdar dir gelten! Dort fließt die March; dort, wo noch Nebel ringt, Liegt Wien, die Stadt, die Donau blinkt daneben, Von vielen Inseln mannigfach geteilt. Dort wirst du wohnen, gibt uns Gott den Sieg. Doch gilt's zu kämpfen erst, das sollst du auch. Die Rennfahn' geb ich dir, die sollst du führen, Mir vor sie tragen glorreich durch die Schlacht. (Er gibt ihm die Fahne.—Zu seinem jüngeren Sohne.) Dein junger Arm führt noch zu schwach den Stahl, Du bleibst bei mir, in deines Vaters Hut.

Ihr, Markgraf Hochberg, führt des Reiches Adler; Und wie der Adler lebend Wild nur beutet, Trefft den, der kämpft, und schonet des, der flieht. (Er gibt ihn.) Dir, Konrad Haslau, ob schon altergrau, Vertrau ich Östreichs flatterndes Panier, Das du in zwanzig Schlachten rühmlich trugst. Ihr bleibt ihm nah, Herr Heinrich Lichtenstein, Und wahrt des Manns und dessen, was er trägt. Ha, wohl verwahrt! Sucht' ich nach einem Schützer Für dies mein Haupt, ich wüßte keinen bessern Als einen Lichtenstein! Wohlan, ihr Herrn, Nehmt das Panier und tragt es allen vor; Den edlen weißen Strich von Österreich; Und wie er glänzend geht durchs rote Feld, So will ich sehen Östreichs weiße Zeichen Die Gasse ziehn durch blutgefärbte Leichen.

Nun vor, mit Gott! Und: Christus sei der Schlachtruf. So wie er starb für uns am blut'gen Holz, So wollen wir auch sterben für das Recht, Ob auch das Unrecht Güter böt' und Leben. Ehrwürd'ger Herr von Basel, geht voran, Stimmt uns das Schlachtlied an: Maria, reine Maid!

Diener (kommt). Die Königin von Böhmen, gnäd'ger Herr!

Rudolf. Wie kommt sie her zu mir?

(Kunigunde und Zawisch auftretend, hinter ihnen wird Berta geführt, mit Begleitern, die zurückbleiben.)

Kunigunde. Hier bin ich selbst! Um Schutz zu flehn, komm ich in Euer Lager.

Rudolf. Schutz, edle Frau, bei Eures Gatten Feind?

Kunigunde. Weil mir der Feinde grimmigster mein Gatte! Er rast, zumeist gen die, so ihm am nächsten, Und fliehend nur erhielt ich fast mein Leben.

Rudolf. Gar viel Vertraun schenkt Ihr mir, Königin! Denn Frauen kenn ich, sonst wohl hohen Muts, Die aber lieber tot von Gatten-Hand, Als daß sie flöhn zu denen, die ihn töten. Doch mögt Ihr immer dort in meinen Zelten Des Ausgangs harren, der Euch wohl versöhnt. (Zu einem Begleiter.) Bringt die erlauchte Frau in Sicherheit!

Kunigunde. Ich dank Eu'r Hoheit—Zawisch, kommt mit mir. (Ab.)

Rudolf. Ihr, Herr, steht nicht bei Eures Königs Fahnen?

Zawisch. Der König hat mich hoch und schwer beleidigt.

Rudolf. Beleidigt, Herr? und des gedenkt Ihr jetzt? Wo er vielleicht dem Tod entgegengeht? Dankt Gott, Herr, daß Ihr nicht mein Untertan, Ich wollt' Euch das Kapitel sonst erklären! Folgt Eurer Königin, die Euch statt eines Königs. (Zawisch ab.)

Rudolf. Noch eins, eh' wir zur Schlacht! Ich hab erfahren, Daß unter denen, die ich gestern abends Zu Rittern schlug, und die ob einer Unbild Dem Böhmenkönig abhold, oder sonst, Vor allen aus den österreich'schen Landen, Ein Bund besteht, ihn in der Schlacht zu suchen, Und daß ihn jener töte, der ihn fand: Den Bund vernicht ich hier, als euer Kaiser, Und jedem untersag ich, Hand zu legen An König Ottokar zu dieser Frist; Den einz'gen Fall der Notwehr ausgenommen. (Zu Seyfried Merenberg, der neben ihm steht.) Habt Ihr verstanden, Herr? Und so mit Gott!

Es stürzt einer herein. Die Böhmen nahn!

Rudolf. Die Österreicher sind schon da! Wir werden uns doch wohl nicht fürchten sollen? Ein einzler Haufe; schließt euch an, ihr Herrn!

(Herbott von Füllenstein mit einem Haufen.)

Füllenstein (hereinstürzend). Wo ist der Kaiser? Nur den Kaiser such ich!

Rudolf. Hier ist er, Freund!

Füllenstein. Bald heißt es wohl: er war.

Rudolf. Das frägt sich noch. Ei, laßt ihn nur, ihr Herrn, Das Fechten möcht ich doch nicht ganz verlernen! Komm an, mein Freund!

Füllenstein. Ihr folgt, und schlagt sie tot! (Gefecht. Alle ab.)

———————————————————————————————————- Ein anderer Teil des Schlachtfeldes. Links im Vorgrunde das Ende eines Hügels auf die Bühne hereinlaufend, daneben steht ein Baum.

Ottokar kommt, auf einen Knecht gestützt; zwei andere und Milota folgen.

Ottokar. Herr Milota, Eu'r Haufe greift nicht an! Wo bleiben Eure Mährer, Tod und Teufel? Ich fürcht, Ihr seid ein Schurk', Herr Milota! Und seid Ihr es, Herr, weil ich Euch vertraut, Seid Ihr es zehn- und hundertfach!

Sie haben mir das Pferd erstochen unterm Leib; Das Bein schmerzt noch vom unversehrten Sturz. Geh hin und such ein Pferd; ich weile hier! (Einer ab.) Ihr, Milota, jagt hin zu Euren Mährern! Doch nein! Bleibt da! Geh du und sag der Nachhut— Sie sollen auf den Feind, sonst will ich, Pest! auf sie! (Der zweite ab.) Seht mir ins Antlitz, Milota! Daß Gott! Ihr schaut mit Grimm. Ich hoff, das gilt dem Feind; Denn gält' es mir, auf Eurem Todbett, Herr, Würd' Euch ein Milota genüber stehn Und also schaun in Euer brechend Aug'.

Steigt dort auf jenen Hügel, Herr, und forscht Nach Füllenstein und wie das Treffen geht. (Milota ab.) Du leite mich zu jenem Baume hin, Daß ich mich halte, bis ein Pferd zur Hand, Und sieh dich um und sag's, wenn Feinde nahn. (Er steht am Baume und hält sich mit der Hand an einem niedrigen, dürren Zweige.) Die Böhmen fechten matt, wie man wohl ficht Für einen Ungeliebten, notgedrungen. Die Östreichsmänner und die Steirer aber, Die sonst nur träg mir ihren Dienst erwiesen, In Todesengel scheinen sie verwandelt, Und jeder ist ein Held nun wider mich. Der Zahltag ist erschienen, und sie zahlen!

Ich hab nicht gut in deiner Welt gehaust, Du großer Gott! Wie Sturm und Ungewitter Bin ich gezogen über deine Fluren. Du aber bist's allein, der stürmen kann, Denn du allein kannst heilen, großer Gott. Und hab ich auch das Schlimme nicht gewollt, Wer war ich, Wurm? daß ich mich unterwand, Den Herrn der Welten frevelnd nachzuspielen, Durchs Böse suchend einen Weg zum Guten!

Den Menschen, den du hingesetzt zur Lust, Ein Zweck, ein Selbst, im Weltall eine Welt— Gebaut hast du ihn als ein Wunderwerk, Mit hoher Stirn und aufgerichtem Nacken, Gekleidet in der Schönheit Feierkleid, Und wunderbar mit Wundern ihn umringt. Er hört und sieht und fühlt und freut sich. Die Speise nimmt er auf in seinen Leib, Da treten wirkende Gewalten auf Und weben fort und fort mit Fasern und Gefäß Und zimmern ihm sein Haus; kein Königsschloß Mag sich vergleichen mit dem Menschenleib! Ich aber hab sie hin zu Tausenden geworfen, Um einer Torheit, eines Einfalls willen, Wie man den Kehricht schüttet vor die Tür. Und keiner war von den Gebliebnen allen, Den seine Mutter nicht, als sie mit Schmerz geboren, Mit Lust gedrückt an ihre Nährerbrust, Der Vater nicht als seinen Stolz gesegnet Und aufgezogen, jahrelang gehütet. Wenn er am Finger sich verletzt die Haut, Da liefen sie herbei und banden's ein Und sahen zu, bis endlich es geheilt. Und 's war ein Finger nur, die Haut am Finger! Ich aber hab sie schockweis hingeschleudert Und starrem Eisen einen Weg gebahnt In ihren warmen Leib.—Hast du beschlossen, Zu gehen ins Gericht mit Ottokar, So triff mich, aber schone meines Volks!

Geblendet war ich, so hab ich gefehlt, Mit Willen hab ich Unrecht nicht getan! Doch einmal, ja!—und noch einmal: O Gott, Ich hab mit Willen Unrecht auch getan!

Es ist nicht Todesfurcht, was so mich reden läßt. Der du die Herzen aller kennst, Du weißt, ob dieses Herz die Furcht bewegt? Doch wenn dich eines Mannes Reu' erfreut, Den nicht die Strafe, den sein Unrecht schreckt; So sieh mich hier vor deinem Antlitz knien, (Er kniet.) Und hör mich beten wie ich jetzo bete: Geh als ein Gott der Gnade zu Gericht! (Er senkt sein Haupt.)

(Seyfried von Merenberg tritt, ganz gerüstet, im Hintergrunde auf.)

Seyfried. Ottokar!

Ottokar. Wer ruft?

Seyfried (hinten stehenbleibend). Wo hast du meinen Vater?

Ottokar (steht auf). Wer bist du?—Merenberg!

Seyfried. Wo hast du meinen Vater?

Ottokar (dumpf vor sich hin). Als Gott den Kain fragte, sagte der: Mir hast du ihn zu hüten nicht gegeben!

Seyfried. Ich gab ihn dir, ja wohl, mein eigner Unsinn! Und jetzt steh ich vor dir, in Stahl gekleidet, Und fordr' ihn wieder: gib mir meinen Vater!

Ottokar. Du weißt wohl, wo er ist.

Seyfried. Wohl weiß ich's: tot!

Ottokar. Er büßte, wie Verräter!

Seyfried. Er, Verräter! Er war dir nur zu treu, dir, mir, der ganzen Welt. Um meinen Dienst beim Kaiser wußt' er nicht. Der Brief, den er mir gab, enthielt nur Bitten Für dein verstoßnes Weib.

Ottokar. So hat ihn Gott!

Seyfried. Er hat ihn, ja! Empfiehl ihm deine Seele! (Stürzt mit dem Schwerte auf ihn los.)

(Emerberg tritt auf.)

Emerberg. Seyfried, was tust du?

Seyfried. Sieh, er mahnt mit Recht! Der Kaiser hat verboten, dich zu töten Mit Waffen; doch ich will, ein Basilisk, Versuchen, mit den Augen dich zu töten. Sieh her nach mir und höre: Merenberg! Der Hölle Ruf dereinstens: Merenberg!

Ottokar. Gebt Raum, ich muß zu meinem Heer!

Seyfried. Du bleibst! Du warst mir Lehrer, warst mir Muster, Beispiel, Ich habe dich geehrt, wie niemand sonst; Der Erde Ruhm ging mir in dir zu Grabe. Der Erde Glück in meines Vaters Haupt. Gib das Vertrauen mir auf Menschen wieder, Den Vater wieder, den ich selbst geliefert, Ich selbst in deine Hand. Vorschneller Würger, Sieh mir ins Antlitz; es ist Merenbergs. Komm, töt ihn noch einmal in seinen Zügen!

Ottokar. Schließ deinen Helm, dann sei des Kampfs gewährt.

Seyfried. Nicht also! Nein! Ficht, König, mit den Toten! Hei, tapfrer Ottokar, mit eins so feig?

(Ottokars Knecht kommt zurück.)

Knecht. Herr Milota, zu Hilfe! Feinde! Feinde!

Seyfried (zu Emerberg). Halt den zurück! Er muß sich mein erwehren! Daß ich dem Kaiser sagen möge: Herr, Ich schlug ihn nicht, er selber fiel mich an; Den Fall der Notwehr habt Ihr ausgenommen! (Emerberg ficht mit demKnecht.)

Knecht. Herr Milota!

Emerberg. Entweich!

Knecht. Ach Gott! ach Gott! (Er fällt getroffen zu des Königs Füßen.)

Ottokar (sein Schwert aufnehmend). So sei's! (Milota kommt.) He, Milota, hilf deinem König!

Seyfried. Freund oder Feind?

Milota. Nicht euer Feind, ihr Herrn! Geht hier der Weg nach Mähren?

Ottokar. Milota!

Milota. Mein Bruder, Benesch Diedicz, läßt Euch grüßen, Er ist gestorben als ein Sinnberaubter, Und Muhme Berta rast an seinem Sarg. Gebt Raum, ihr Herrn! Glück auf! ich stör euch nicht. (Geht in seinen Mantel gehüllt vorüber und ab.)

Ottokar. Verläßt du mich, und kann ich dich nicht schelten? Und doch war ich dein Herr, drum Schurke du auf ewig!

Seyfried. Gib dich!

Ottokar. Vermeinst du Ottokarn zu fangen? Es gilt zu fechten! (Er tritt hart auf den verletzten Fuß.)Trage, Fuß! Jetzt ist nicht Zeit zu schmerzen! Ihr, gebt Raum!

Emerberg. Du bist verloren, sieh, die Deinen fliehn! (Fliehende Böhmen bedecken den Hintergrund.)

Ottokar. Du lügst, kein Böhme flieht! Zu ihnen! Fort!

Beide (mit vorgehaltenen Schwertern). Du bleibst!

(Heinrich von Lichtenstein tritt mit einer Schar verfolgend im Mittelgrunde auf und eilt nach hinten, das Banner von Östreich in der Hand.)

Lichtenstein. Die Feinde fliehn! Hoch Österreich!

Ottokar. Steht, Memmen, steht!—Und ihr gebt Raum.

Seyfried. Im Grabe. Sonst nicht!

Ottokar (einen Hieb führend). Hier Böhmen!

Seyfried (ebenso). Und hier Österreich!

Ottokar (mit einem neuen Hiebe). Hier Ottokar!

Seyfried. Hier Merenberg und Gott! (Er haut ihn nieder.)

(Ottokar stürzt nieder, rafft sich schnell wieder auf, taumelt einige Schritte und fällt dann tot neben der Hügelerhöhung hin.)

Emerberg. Was tatst du? Das Gebot verletzt des Kaisers! (Merenberg steht, die Hände hinabgesunken, unbeweglich da.)

Heinrich von Lichtenstein (kommt zurück). Sieg, Sieg! Die Feinde fliehn! Hoch, Österreich!

(Rudolf tritt auf mit Gefolge.)

Rudolf. Halt ein mit Töten! Schont der Überwundnen! Was ist hier? Was hat dich zu Eis verwandelt? Ha, Ottokar, am Boden, blutend, tot! Du hast's getan! Flieh, wie der erste Mörder, Und laß dich nimmer sehn vor meinem Blick! (Merenberg entflieht.) Die Böhmen sollen ruhig heimwärts ziehn, Für den sie stritten, ruft es aus!, ist tot.

Frau Elisabeth (hinter der Szene). Gewalt, Gewalt!

Rudolf. Wer ruft?

Elisabeth (kommt und wirft sich dem Kaiser zu Füßen). Ach, gnäd'ger Kaiser! Sie plündern drin im Haus, sie zünden an Und gönnen selbst den Toten nicht die Ruh'! Ach, schützt uns, Herr!

Rudolf. Man soll zu Hilfe sehn! Wer bist du?

Elisabeth. Ach, der Königin Margrethe Von Österreich getreue Kämmerin, Und die dort tragen meiner Frauen Leiche.

(Vier Männer, von schwarzgekleideten Frauen begleitet, tragen den Sarg herein.)

Rudolf. Sieh dort die Leiche deines Herrn!

Elisabeth. Ach Gott! So starb er! Grade da er sanft geworden! Du armer Herr! Setzt hin dort unsre Leiche, So liegen sie im Tode doch vereint. (Der Sarg wird auf eine Erhöhung zu Ottokars Häupten gesetzt.)

(Kunigunde kommt, hinter ihr Zawisch und Berta.)

Kunigunde. Der König ist gefangen, wird gesagt.

Rudolf. Hier, Weib, hier liegt dein Mann!

(Kunigunde sinkt mit einem Ausruf bebend in die Kniee. Zawisch steht mit gesenktem Haupte.)

Rudolf (fortfahrend). Zu seines Weibes Füßen, Denn daß sie's blieb, hat sie im Tod erprobt.

Berta (ist hinter dem Sarge auf die Erhöhung getreten und lehnt mit dem Ellenbogen darauf, jetzt pocht sie an den Sarg und sagt:) Mach auf, Margrethe, sieh, dein Mann ist da!

(Mit mehreren Gefangenen ist der Kanzler hereingebracht worden, er stürzt hin.)

Kanzler. O Herr! Du mein verirrter, wackrer Herr! (Er nimmt Ottokars Haupt in seinen Schoß.)

Rudolf. So liegst du nackt und schmucklos, großer König, Das Haupt gelegt in deines Dieners Schoß, Und ist von deinem Prunk und Reichtum allen Nicht eine arme Decke dir geblieben, Als Leichentuch zu hüllen deinen Leib. Den Kaisermantel, dem du nachgestrebt, Ich nehm ihn ab und breit ihn über dich, (er tut es) Daß als ein Kaiser du begraben werdest, Der du gestorben wie ein Bettler bist.

Bringt ihn nach Laa und stellt ihn fürstlich aus, Bis man ihn holt zur Ruhstatt seiner Ahnen. (Er entblößt das Haupt und betet still, die andern tun dasselbe. Kunigunde verhüllt sich, Zawisch blickt starr vor sich. Pause.)

Berta (noch immer auf den Sargdeckel gelehnt). Und vergib uns, als auch wir vergeben! Und führ uns nicht in Versuchung!

Rudolf. Nicht führ' uns in Versuchung, großer Gott!

Und nun, mein Sohn, im Angesicht der Leiche, Vor diesem Toten, der ein König war, Belehn ich dich mit Östreichs weitem Erbe. (Auf seinen Wink knieen seine beiden Söhne nieder. Er spricht immer vorzugsweise zu dem ältern.) Sei groß und stark, vermehre dein Geschlecht, Daß es sich breite in der Erde Fernen Und Habsburgs Name glänze bei den Sternen! Du steh in allem deinem Bruder bei! Doch solltet ihr je übermütig werden, Mit Stolz erheben euren Herrscherblick, So denkt an den Gewaltigen zurück, Der jetzt nur fiel in Gottes strenge Hände, An Ottokar, sein Glück und an sein Ende!

Steh auf! und du! Und niemals kniee wieder, Ich grüße dich als dieses Landes Herrn. Und ihr auch grüßt ihn, laßt es laut erschallen, Daß weit es sich verbreite, donnergleich: Dem ersten Habsburg Heil in Österreich!

Alle. Heil! Heil!—Hoch Österreich!—Habsburg für immer!

(Indem alle unter Trompeten und Jubelgeschrei niederknieen, um die Huldigung zu leisten, fällt der Vorhang.)

Ende.

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes König Ottokars Glück und Ende, von Franz Grillparzer.

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