Vorwort (continued 2)
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Das ist gewiß eine ganz außerordentlich frappante Sache. Bei unserem Erdmond vermißt man, wenn ein Stern seinem Rand nahe kommt, ebenfalls jede Spur einer solchen Lichtbrechung, und man zieht den Schluß daraus, daß der Mond noch keine Atmosphäre haben könne, die auch nur ein Tausendstel von der Dichtigkeit unserer irdischen besitze. Die allgemein auch in Laienkreisen verbreitete Annahme, daß der Mond absolut »luftlos« sei, gründet sich auf diesen Schluß. Ein Mensch würde also, in solchen Kometenschweif versetzt, zunächst überhaupt wegen kompletten Luftmangels für seine Lunge ersticken.
Dabei sieht man aber in den dickeren Kometenschweifen ganz bestimmt durch eine Lichtwolke von vielen tausenden (bis zwanzigtausend) Meilen Tiefe. Zwanzigtausend Meilen tief ein dauerndes Lichtglimmen, durch das für uns der Anblick der Schweifdicke entsteht: und doch auf dieser ganzen Strecke kein Stoff, der auch nur dem Tausendstel unserer Erdluft entspräche! Man ahnt, um was für homöopathische Verdünnungen der Stoffe es sich hier handeln muß, einerlei, ob das nun gefährliche oder ungefährliche Stoffe für unsere Lebensprozesse sein sollen.
Schon der französische Akademiker Babinet hat also auch das Wort geprägt vom »sichtbaren Nichts«, als das solcher Kometenschweif sich allen gröberen chemischen Sondierungen gegenüberstellen müsse.
Olbers dachte sich die einzelnen Schweifteilchen so weit und einzeln zerstreut im allgemeinen Äther der Planetenräume herumschwirrend, wie auf unserer Erde unendlich feine Wasserteilchen in gewissen von fern glänzenden Nebeln weit getrennt schweben, Nebeln, die doch in Hinsicht der Strahlenbrechung des Lichts und anderer Wirkungen sich nicht im mindesten anders verhalten als pure Luft. Als eine Art Äthernebel ginge der Kometenschwanz vor uns dahin, nur von weitem wie ein neckendes Phantom dem Auge sichtbar, beim Versuch des Ergreifens aber (und wäre die greifende Hand auch nur der Lichtstrahl) völlig unfaßbar gleich den Gespenstern des Märchens.
Hier aber muß sich jetzt noch ein Gedanke einmischen, der von einer dritten Seite in die gleiche Richtung lenkt.
Was treibt denn überhaupt die Schweifmaterie von der Sonne fort?
Was bewirkt eben das, was uns heute mit dem Halleyschen Kometen in Berührung bringen soll, wenn sein Kopf zwischen uns und der Sonne steht?
Der Kometenkopf, mag er selber auch ein noch so leichtes Meteoritenwölkchen sein, dessen Stoff auch bereits in sehr weiter Zerstreuung schwebt, folgt als Ganzes doch unabänderlich noch dem allwaltenden Gesetz der Schwere, der Riesin Gravitation. Jedes beliebige meteorische Einzelstäubchen, das als Sternschnuppe bei uns verpufft, tut das ja noch, warum nicht er? Wäre es nicht der Fall, so hätte die Sonne ja nie über ihn Macht gewinnen, seine Bahn zu sich heranbeugen, ja ihn unter Umständen (wie bei dem Halleyschen Gebilde) in die Verträge ihrer festen Vasallen mit hinein schmieden können. Als absoluter Gravitationssklave stürzt solch ein gefangener Kern wie der Halleysche allemal wieder in seinem 76. Jahr an uns vorbei zur Sonne hin und in wirbelnder Jagd ganz nahe um sie herum.
Aber gleichzeitig macht sich mit dieser seiner Sonnenannäherung auch etwas von hier aus schlechterdings Rätselhaftes geltend, nämlich eben das Abströmen des Schweifes vom Kern direkt von der Sonne fort.
Die Schweifmaterie widersteht der Gravitation!
Auf sie wirkt die Sonne nicht ziehend, wie auf den Kern, sondern umgekehrt abstoßend.
Treibt den Kern die Gravitation wie ein unhemmbarer Sturm so nah wie seine Eigenbewegung nur irgend zuläßt an die Sonne heran, so wirkt diese gleiche Sonne auf den Schweif wie ein Gegenwind, der ihn senkrecht fortwirbelt!
Schon eine ganze Weile, ehe der Kometenkopf seine größte Sonnenannäherung erreicht hat, macht sich dieser Gegenwind, wie bereits erzählt ist, geltend, der Schweif beginnt von ihm abzuwehen, wie Korn aus einem undichten Sack, der als Ganzes senkrecht nach der Schwere fällt, dessen ausfliegende Frucht aber zugleich ein Konträrwind lang hinter ihm fortwirbelt.
Dieses Abströmen ist auch mit der Hitze, die in Sonnennähe auf die Meteoritenwolke des Kerns wirkt, nicht erklärt. Mag diese Hitze Kohlenwasserstoffe aus den einzelnen Meteorteilchen vorlocken, mag sie auch allmählich einen Teil ihres Salzinhalts verflüchtigen und in gelben Flammen verbrennen, mag sie endlich gar Eisenteile dort so verdampfen, daß wir es dicht an der Verdampfungsstelle spektroskopisch wahrnehmen können, obwohl der Kern in solchem höchsten Moment selber stets weit, weit von uns entfernt ist und Sonnennähen erlebt, die wir niemals mitmachen können: das alles kann bei ihm jedenfalls nur aufsteigende Wolken auf seiner Sonnenseite erzeugen, wie wir sie ja auch tatsächlich dann sehen. Daß aber schon ganz früh eine gewisse Kernmaterie sich sonnenabgekehrt einem phosphoreszierenden Schatten gleich von diesem Kern hinterwärts über Millionen von Meilen auszugießen beginnt; daß selbst jene Hitzewolken immerfort eine Tendenz zeigen, fontänenhaft rückwärts mit gewissen ihrer Teile auch in diesen Ausguß wieder abzufließen: das erklärt an sich die Hitze so wenig wie die Gravitation. Auf diese »gewissen Teile«, diese »gewisse Kernmaterie« muß noch ein aparter Bann für sich wirken.
Ein Bann, der der Gravitation entkommt: es liegt wahrlich schon für die allgemeinste theoretische Erwägung nahe, auch hier nur an allerfeinste Teilchen zu denken, Teilchen, für die das Bild auch nur eines meteorischen Staubkorns, das einzeln an unserer Atmosphäre bei der Berührung als helle Sternschnuppe aufglänzen könnte, außerordentlich viel zu derb wird.
Eine erste Theorie hat auch hier an elektrische Wirkungen gedacht.
Bessel, als er 1835 eben bei dem vorletzten Erscheinen des Halleyschen Kometen das Wunder der Wolkenbildung und Schweifablenkung dort zum erstenmal genau studierte, war schon darauf gekommen. Er sowohl wie sein Freund Olbers und ihr gemeinsamer großer mathematischer Berater Gauß sahen klärlich ein, daß es sich um eine Abstoßungskraft zwischen gewissen feinsten Kometenteilchen und der Sonne handeln müsse, und man hatte für solche Abstoßung zunächst nur eine einzige Naturwirkung zur Verfügung, nämlich die bekannten Abstoßungserscheinungen gleichartiger Elektrizitäten.
Wenn der Komet der Schauplatz eigener intensiver elektrischer Prozesse war; wenn in der Sonnennähe außer der wachsenden Sonnengravitation auch die eigenen elektrischen Wirkungen der Sonne sich immer mehr merkbar machten; wenn die Kometenelektrizität und die Sonnenelektrizität gleichartig waren und somit dem Gesetz unterlagen, daß gleichartige Elektrizitäten sich abstoßen: so erhielt man zunächst als Basis überhaupt eine abstoßende Macht. Nahm man nun Kometenteilchen von einer Feinheit der Stoffzerstreuung an, daß diese elektrische Abstoßung die Gravitation in ihnen überbieten mußte, so ließ sich eine abstoßende Fortbewegung im Gegensatz zur Schwererichtung konstruieren, die diese Teilchen als »Schweif« senkrecht von der Sonne aus dem Kern und seinen Wolken in die Planetenräume hinausjagte.
Zöllner hat ähnliche Gedanken später zu einer großen Theorie ausgebaut. Heute kann man sie in der veränderten Symbolsprache moderner Elektrizitätsanschauungen ausdrücken, ohne daß doch das Grundbild, scheint es, dabei ein wesentlich anderes würde. Gewisse leise Schwierigkeiten sind stets in der Art geblieben, wie man sich die volle Übermacht der elektrischen Abstoßung über die Gravitation denken sollte.
Inzwischen ist in neuester Zeit aber noch eine andere sinnreiche Erklärung aufgetaucht, wie man sich bei Annahme ungemein winziger und zerstreuter Teilchen eine solche Abstoßung auch in größter Sonnennähe vorstellen könnte.
Die Schweifmaterie, sagte ich, erscheint so fein und so weitmaschig verpulvert, daß sie durchströmendes Sternenlicht für uns nicht ablenken kann. Aber es fragt sich, ob sie selber gerade in solchem Zustande nicht durch das Licht, das Sonnenlicht in ihrer Sonnennähe, dahingetrieben werden müßte.
Ein ganz alter Kometengedanke kommt hier noch einmal zu Ehren, den fast drei Jahrhunderte Physik verschüttet hatten. Der Satz, den Seneca schon schreibt: »Die Kometenschweife fliehen vor den Sonnenstrahlen«, hatte dem großen Kepler zu denken gegeben. Konnten es nicht die Lichtstrahlen der Sonne selber sein, die den Schweif vor sich herjagten?
Nach der Physik jener Zeit war das »Licht« etwas Körperliches in dem Sinne, daß von der Lichtquelle aus dabei beständig wirkliche winzige Körperchen in den Raum hinausgeschleudert wurden. Jede Kerzenflamme bombardierte uns so mit ihren Lichtkörperchen. Die große Sonne aber entsandte fortgesetzt einen wahren Hagel dieser Art um sich her. Wo diese Körperchen auf einen Widerstand, auf andere, entgegenstehende Körper stießen, da mußten sie prallend einen Stoß, einen Druck ausüben.
Nun, sie waren winzig. Bei irgendwie größeren Dingen im Raum konnte dieses liliputanische Lichthändchen nicht viel wollen. Wenn ich meine Hand einer Kerzenflamme näherte, so fühlte ich den Lichtgegendruck gar nicht, geschweige denn, daß er meine Hand beiseite drücken könnte. Aber wenn man sich entsprechend winzige Einzelkörperchen, etwa ganz, ganz feinen Staub, dachte, auf die einzeln grade so ein Lichtteilchen anprallen konnte, so war doch recht gut denkbar, daß diesmal das Stäubchen vor dem Stäubchen wirklich etwas rückwärts wich.
Nun hielt Kepler zwar den Kometen schon für ein kosmisches Gebilde, aber doch für eine recht lose Wolke. Und wenn nun von dieser Wolke ein Teil im Schweif wirklich gerade vor den Sonnenlichtstrahlen zu fliehen begann: warum sollte es sich da nicht um allerfeinste Teilchen dieser Kometenwolke handeln, die wirklich und wahrhaftig von dem feinen Hagel der Lichtkörperchen dieser Sonne in die Flucht geschlagen wurden? Klein, sehr klein müßten die Kometenteilchen ja dann wohl sein; aber sonst ging die Sache unverkennbar nett, vorausgesetzt, die Lichttheorie mit ihren Körperchen war richtig.
Allerdings war die Gravitationslehre damals noch nicht wissenschaftlich scharf entwickelt, man übersah die Macht selbst noch nicht genügend, der diese Wirkung die Stange halten sollte. Das sollte erst Newton nachholen. Newton selbst aber war wieder der Keplerschen Idee nicht hold, obwohl er an der Lichttheorie in dieser Form noch festhielt.
Wenig später fiel aber dann auch diese ganze Lichttheorie dahin: man faßte das Licht jetzt überhaupt nicht mehr als ein Aussprudeln eigener Lichtkörperchen, sondern entschied sich für eine Wellenbewegung im Äther. Und damit schien der alte Gedanke völlig antiquiert. Ein solches Wellenschaukeln konnte wohl nichts von der Stelle rücken, auch das kleinste Stäubchen nicht.
Euler war der einzige, der im 18. Jahrhundert warnte. Irgendeinen Druck, meinte er, müßten doch auch solche Lichtwellen ausüben. Es sollte aber noch weit über hundert Jahre dauern, bis einer auch nur darauf wieder zurückkam.
Maxwell tat es tief im 19. Jahrhundert, bei Gelegenheit seiner Revision der ganzen Wellenlehre. Auch ihm schien die Annahme eines solchen »Strahlungsdrucks« wieder unvermeidlich, doch hielt er ihn noch für unmeßbar winzig, so daß auch jetzt die alten Fragen noch nicht wieder eigentlich akut wurden.
Wider Erwarten ließ sich die Messung indessen nachher bewerkstelligen. Für entgegenstehende Stäubchen oder Tröpfchen von gewisser Größe konnte der Strahlungsdruck (der des Lichtes, wie der jeder andern Strahlung) wirklich nicht belanglos sein.
Der bekannte schwedische Physiker Svante Arrhenius legte sich in diesem Punkte dann endlich auf genaues Rechnen.
Er kam zu dem Resultat, daß ein solches Stoffteilchen in der Nähe der Sonne bei dem Gewicht etwa von Wasser einen Durchmesser von rund dem Sechshundertstel eines Millimeters haben müsse, um vom reinen Strahlungsdruck so in seinem Fall nach der Schwere (also auf die Sonne los) gehemmt zu werden, daß es frei und einsam schwebend still stand. Das kleine Händchen der Strahlung hielt in dem Falle der Riesenfaust der Gravitation, die sonst alles zur Sonne riß, mitten im offenen Raum die Wage!
Ging man von da ab dann bei solchem Gegenstäubchen noch im Durchmesser herunter, so begann der Strahlungsdruck allen Ernstes das Stäubchen der Gravitation zum Trotz von der Sonne fortzutreiben.
Bei dem Sechstausendstel eines Millimeters war dieser Gegendruck unter Umständen schon zehnmal so stark wie die Gravitation. Unaufhaltsam wurde das winzige Stäubchen in die Planetenräume hineingetrieben.
Arrhenius hat sehr hübsch ausgemalt, wie das weitere Schicksal eines solchen Schiffleins, das der Lichtdruck dahinbewegt, bei ungestörten Verhältnissen verlaufen müßte.
Das Licht fließt und fließt und drängelt sein Schifflein unaufhaltsam weiter. Wenn ein solches Stäubchen die Erdbahn passierte, so würde es durch den Lichtdruck der Sonne noch immer so bewegt werden, daß es schon nach 20 Tagen den Zwischenraum, der die Erdbahn von der Bahn des Mars trennt, durchschwommen hätte. Nach 80 Tagen überschritte es die Jupiterbahn, nach 14 Monaten die des Neptun. Wenn fremder Strahlungsdruck es nicht in Windstillen und Gegenwind seiner Richtkraft brächte, müßte es nach 9000 Jahren das nächste Fixsternsystem bei jenem Doppelstern Alpha im Sternbilde des Zentauren erreichen.
Der Gedanke hat an sich seine Größe. Er lehrt, wie Materie in stäubchenhaft winzigster Zerstreuung beständig von unserer Sonne zu allen ihren Planeten, ja in ferne Fixsternsysteme getrieben werden könnte.
Wenn ein Planet wie unsere Erde feinsten Staub irgendeiner Art gelegentlich selber aus seiner Atmosphäre verlöre, so müßte auch er an solchen Weltfahrten teilnehmen, einfach, weil das Sonnenlicht auf ihn scheint.
Mancherlei Perspektiven könnten hier auftauchen, die trotz der grenzenlosen Raumesöden, die Sonne und Planeten, Sonnen und andere Sonnen trennen, ein beständiges geheimes Hin- und Herfluten kleinster Stoffteilchen denkbar machen.
Immer freilich gilt die Transportmöglichkeit nur von sehr kleinen Stäubchen. Durch Verminderung des Gewichts (z. B. für allerzarteste Rußflöckchen) könnte man sie noch beweglicher machen. Aber der minimale Durchmesser müßte bleiben. An Körperchen vom Durchmesser eines solchen Sechstausendstels eines Millimeters wären 470 Billionen nötig, um auch nur ein Kubikzentimeter Wasser zu bilden. Immerhin wäre man noch nicht auf der Grenze der Moleküle. So weit dürfte man aber auch gar nicht gehen. Denn ein Molekül ist so winzig, daß das Händchen des Lichtes (bildlich gesprochen) es gar nicht mehr umfassen kann. Dort versagt also der Strahlungsdruck von neuem: reine Moleküle fallen nach der Gravitation genau so wie schwerere Staubteilchen.
Von hier ist nun bloß ein einfacher Schritt (und Arrhenius hat ihn sofort selbst getan), um auf die alte Grundidee Keplers vor den Kometenschweifen zurückzukommen.
Die meteorische Kernwolke des Kometen folgt der Gravitation, stürzt also gegen die Sonne. Eine gewisse Auslese ihrer losen Stoffteilchen aber, die gerade jener kritischen Größe entspricht, wird, je näher das Ganze der Sonne kommt, immer energischer vom Strahlungsdruck dieser Sonne erfaßt und als Schweif umgekehrt aus der Hauptmasse fortgetrieben werden müssen.
Arrhenius denkt in der größeren Kernnähe und bei den kürzeren Schweifen besonders an vereinzelt schwebende Kohlenwasserstofftröpfchen der angesetzten Größe. Bei ihrer Kondensierung sollen elektrische Prozesse, die als solche wieder die Sonne in der Kometenwolke erzeugt, mitwirken, also die gleichen Vorgänge, in deren Gefolge dann auch die abwirbelnde Schweifmaterie noch auf weite, weite Strecken hin wie phosphoreszierend aufglimmt. Für die ganz langen, schier endlosen Schweife dagegen nimmt er nur noch feinste Rußteilchen als eigentliches Objekt des Strahlungsdruckes an, die durch Verkohlung solcher Kohlenwasserstofftröpfchen entstanden sind und bei einem überaus geringen Gewicht mit einer Abstoßungskraft dahinbewegt werden können, die die Schwerewirkung der Sonne um das Vierzigfache übertrifft.
Vor Jahren schon und ohne jede Rücksicht auf die Idee des Strahlungsdrucks hatte nämlich der Astronom Bredichin aus den verschiedenen Schweiflängen der einzelnen Kometen verschiedene Grade der dabei wirkenden Abstoßungskraft zu errechnen gesucht und war dabei für die längsten, am geradlinigsten von der Sonne abgekehrten Schweife auf weit höhere Ziffern als für die kurzen, dicken und sozusagen nur widerwillig gekrümmten gekommen. Ganz folgerichtig riet auch er dabei schon auf verschiedene Substanzen in diesen Abstoßungsklassen, und wenn (wie es wiederholt beobachtet worden ist) ein und derselbe Komet (z. B. der herrliche Donatische von 1858) mehrere ungleich lange und ungleich gerade Schwänze in der Sonnennähe von sich abwirbeln ließ, so schloß er, daß hier verschiedene disponible Kernmaterien sich je nach ihrer verschiedenen Schwere bald mehr, bald weniger dem Abstoßungsdruck entsprechend angeordnet hätten. Das fügte sich jetzt sehr hübsch in Arrhenius' Erklärung ein.
Für unsern praktischen Fall mit dem Halleyschen Kometenschwanz im Mai aber würde es gerade das Entscheidende werden; geht doch hier nicht ein kurzer Kernschweif, sondern gerade recht das fernste Ende eines langen Millionenmeilenschwanzes über uns fort; im Sinne von Arrhenius bekämen wir also wohl nur noch solche allerfeinsten Rußpartikelchen wie vom Schlotqualm eines endlos fern an uns vorbeifahrenden Dampfschiffs ab.
Wie Arrhenius sich die Sache denkt, kann man sich direkt im Experiment vormachen.
In einer nach unsern Kräften luftleer gepumpten Sanduhr (einem alten Stundenglase) läßt man etwas Schmirgelpulver, vermischt mit in Rotglut vorher verkohlten Sporen eines Bovistpilzes von oben nach unten durchlaufen. Gegen den niederrieselnden feinen Staubstrahl richtet man jetzt von der Seite her das durch eine Linse konzentrierte Licht einer elektrischen Bogenlampe. Das schwerere Schmirgelpulver fällt einfach der Gravitation nach abwärts, ohne sich um den Lichtdruck zu kümmern. Die absinkenden Kohlestäubchen dagegen werden eben von diesem Lichtdruck abgelenkt und in langem Schweif zur Seite getrieben. Im engen Bilde erscheint, was der Komet als ungeheures kosmisches Experiment in seinem luftleeren Weltraum uns nach Arrhenius auch nur vormacht! Dem Schmirgel gleich fällt die meteorische Staubmasse des Kernes nach dem Gravitationsgesetz zur Sonne. Die feinen Rußpartikelchen fliehen dagegen unter dem Lichtdruck dieser Sonne als Millionen Meilen langer Schweif dahin.
Auf jeden Fall führen die verschiedensten Wege, wie man sich die Abstoßung denken mag, alle unerläßlich auf eine Schweifmaterie von ganz außerordentlicher Winzigkeit und Zerstreuung des Inhalts.
Keine leiseste Theorie existiert, die solche Abstoßung, sei sie nun elektrischer Natur oder Strahlungsdruck, auch nur noch auf solchen feinen Meteorstaub, wie er in unsern Sternschnuppen verpufft, anwendbar dächte. Es muß sich um eine noch viel, viel minutiösere Stoffauslese handeln.
Kein Gedanke, daß sich etwa ein einheitlicher dicker Giftqualm einschmuggeln könnte, der unsere ungeheure, rasend schnell vorbeibewegte und in ihren tieferen, dichteren Schichten, in denen wir atmen, wie eine Art hygienischen Watteschutzes um die Erde gewundene Atmosphäre völlig durchsetzen könnte.
Keine entfernteste Möglichkeit heißer Dampfstrahlen etwa aus glühendem Wasserstoff oder Eisendämpfen, die der Komet nach Art der Sonnenprotuberanzen zu uns herüberschleudern könnte. Der ungeheure Sonnenball selbst hat wahrlich andere Explosivmittel und Stoffmaterialien als solches Kometenwölkchen zur Verfügung, er wirft unter Umständen wirklich glühende (wenn auch stofflich sehr dünne) Wasserstoffgarben in die Höhe, die siebzigtausend Meilen ansteigen können; keine dieser Sonnenprotuberanzen könnte aber auch nur die Bahn des innersten Planeten, des Merkur, bedrohen, der immer noch rund sieben Millionen Meilen über der höchsten Protuberanz dahinzieht. Um aus einem Kometenschweif eine glühende Wasserstoffprotuberanz zu machen, müßte man den zur Sonne so schwachen Kometenkern aber Garben werfen lassen bis zu zwanzig Millionen Meilen. Das Unsinnige liegt schon so zutage, abgesehen von all den andern Gegengründen.
Das elektrische Glühen der unendlich feinen Schweifmaterie wird man sich auch nur als einen beständigen schwachen Ausgleich zwischen den winzigen Einzelteilchen denken müssen im Sinne des Aufleuchtens der außerordentlich verdünnten Materie in unsern Geißlerschen Röhren.
Es ist ja erstaunlich, in was für Stadien der Verdünnung sich kosmische Körper offenbar befinden können, ohne doch die Fähigkeit des Leuchtens und die Wirksamkeit für unsere Spektralapparate zu verlieren.
Jeder hat von den echten Nebelflecken gehört, ungeheuren Gebilden, in denen leuchtende Gasmassen sich über unfaßbar riesige Gebiete des Raumes ausdehnen. Diese Nebelflecken geben trotz ihrer enormen Entfernung so viel Licht, daß wir sie photographieren können; einzelne, wie der Orionnebel, erscheinen schon in kleinen Fernrohren als imposantes Objekt. Im Spektroskop erkennt man sehr gut auch noch die hellen Linien der Gassubstanzen, die da glühen, und man darf daraus mit Sicherheit auf Wasserstoff, Stickstoff und Helium schließen.
Die ältere Annahme hielt nun auch solchen Nebelfleck für ein echtes höllenhaftes Glutmeer, in dem unsere Erde augenblicklich verpuffen würde wie eine Sternschnuppe. Neuere Astronomen denken dagegen genau umgekehrt an Gase, die leuchten, weil sie so außerordentlich verdünnt sind und bei sehr niedrigen Temperaturen im kalten Raume schweben. Auch hier mag man irgendein elektrisches Glühen vermuten, für das Gase gerade in diesem Zustande besonders geeignet erscheinen. Über die wirklich kolossale Verdünnung kann aber bei den Raumverhältnissen in diesem Falle kein Zweifel sein.
Arrhenius berechnet in einem Nebelfleck, dessen Gas den vielfachen Raum der Neptunbahn einnähme, die Dichte des Gases nur auf ein Billionstel der Dichte unserer Luft. Und doch erscheint der Nebel, in fernen Fixsternräumen schwebend, noch als Lichtgebilde für uns und gibt Stofflinien im Spektralapparat ganz wie ein Komet, der relativ dicht neben uns um unsere Sonne geht!
Dem Laien pflegt durch die allgemein verbreitete Kant-Laplacesche Bildungstheorie die Vorstellung ganz besonders geläufig zu sein, daß unser eigenes Sonnensystem mit all seinen Planeten und Monden einst auch eine einheitliche gashafte Nebelmasse dieser Art gebildet habe, wobei die jetzt zur Sonne und ihren Planeten und Monden geballte Materie sich bis über die Neptunsbahn einheitlich lose ausgedehnt hätte. Scheiner hat gerade das aber gelegentlich auch einmal exakt durchgerechnet, und er hat als Resultat bekommen, daß unsere Atemluft an der Erdoberfläche 240 000 Millionen mal so dicht sei, als diese anfängliche Nebelmaterie höchstens gewesen sein könne. Das sogenannte Vakuum unter unsern Luftpumpen, das wir gern stolz als »leeren Raum« bezeichnen, stellt im guten Falle erst ein Hunderttausendstel unserer Luftdichte dar. Man bekommt hier einen Begriff, was wirklich leerer Raum hieße.
Bei jenem 240 000 Millionstel unserer Luft stehen wir tatsächlich noch bei realen Körpern, die selbständig leuchten und ein Lichtspektrum geben, das ihre Elemente verrät! Erst weit jenseits dieser Werte würde aber die Welt des Lichtäthers selbst beginnen, auf deren Wellendruck Arrhenius seine Kometenteilchen in den Schweifen dahinsegeln läßt.
Man muß diese Vergleichsbilder kennen, wenn auf der einen Seite ein Forscher sagt, ein Kometenschweif erscheine ihm wie ein »leuchtendes Nichts« … und auf der anderen Weltuntergangsängste umlaufen, die unter dem gleichen Gebilde sich ein Ding etwa wie eine weißglühende Stange vorstellen, die mit zerschmetternder Vehemenz gegen unsere Erde schlagen wird …
Resümieren wir also noch einmal unser Los in der kritischen Nacht vom 18. zum 19. Mai.
Nach der vorläufig besten und neuesten Berechnung liegt die eigentlich bedeutsame Nachtstunde für uns in Deutschland genau zwischen morgens 3 Uhr 22 Minuten und 4 Uhr 22 Minuten. Sie gehört also nach unserer bürgerlichen Datierung bereits dem 19. Mai an, während der Astronom sie nach seiner Berechnungsart noch zum 18. Mai zählt. Über eventuelle Verschiebungen des engeren Termins werden im letzten Momente ja noch alle Zeitungen wie bei einer wichtigen Theaterpremiere berichten.
In dieser Stunde also geht der Komet genau zwischen der Sonne und unserer Erde durch. In Australien, in der Südsee und in Ostasien wird man direkt beobachten können, wie der Kometenkopf scheinbar in die Sonnenscheibe eintritt, um sie erst nach einer ganzen Stunde des Vorbeipassierens wieder zu verlassen.
Während dieser Stunde aber wird die Erde selbst durch den Kometenschweif gehen, und wenn dieser Schweif angetan wäre, wirklich unsere Atmosphäre mit irgend etwas Schrecklichem zu versetzen, so würde sich dieses Schreckliche dann alsbald unaufhaltsam durch unsern gesamten Luftkreis verbreiten müssen.
Was ist nun in Wahrheit zu erwarten?
Da uns nicht ein Kometenkopf berührt, sondern nur der Ausläufer eines Kometenschweifs, ist es nicht wahrscheinlich, daß wir direkt noch meteorischen Staub von der Stärke in unseren obersten Atmosphäreschichten erhalten, daß ein Sternschnuppenregen auftritt; schade, denn dieses Schauspiel wäre ebenso ungefährlich wie schön, und es lohnte, daß man eine Nacht darum aufbliebe.
Ausgeschlossen sind nach aller bestehenden Theorie sowohl katastrophenhafte Stoßerscheinungen, wie Gefahren durch explosible oder giftige Stoffe.
Denkbar wäre dagegen zu dem kritischen Termin eine bestimmte Sorte irdischer Feinwirkung, die wir diesmal zum erstenmal genau feststellen könnten, weil wir zum erstenmal die nötigen Apparate dafür zur Verfügung haben. Auch ihr geht jeder katastrophenhafte, uns und unsere Technik gefährdende Charakter ab, dagegen handelt es sich um die Möglichkeit von sowohl wissenschaftlich wie technisch wertvollen Feststellungen.
Es wäre nämlich immerhin möglich, daß der Kometenschweif gewisse feine elektromagnetische Störungen auf unserer Erde hervorriefe.
Bekanntlich gibt es auf unserm Planeten höchst eigentümliche zeitweise Störungen und Stürme innerhalb der geheimnisvollen Kraftbetätigungen, die wir elektromagnetische nennen und deren Wirksamkeit wir erst in neuerer Zeit genauer zu erforschen und zu verwerten begonnen haben. Unsere Magnetnadeln geraten dabei in mehr oder minder lebhafte Unruhe. In stärkeren Fällen durchsausen gewaltige elektrische Erdströme die Oberflächenschicht des Planeten und bringen alle unsere Telegraphenleitungen für eine kurze Weile in heillose Unordnung, ja außer jeglicher brauchbaren Funktion. Zugleich wird bis in Gegenden, wo man an dergleichen nicht gewöhnt ist, eine völlig ungefährliche, aber sehr auffällige Lichterscheinung unserer Atmosphäre merkbar, die sich sonst auf eine gewisse Nähe der magnetischen Pole unserer Erde beschränkt: nämlich das sogenannte Polarlicht oder (für unsere Nordhalbkugel) Nordlicht.
Obwohl diese oft plötzlichen und für unsere modernen Verkehrsapparate mindestens momentan lästigen elektromagnetischen »Unwetter« zunächst durchaus irdische Phänomene sind (auch mit Einschluß des Nordlichts), so hat man doch allmählich gelernt, daß bei ihnen irgendein weiterer kosmischer Zusammenhang zweifellos auch noch besteht.
Sie fallen nämlich durchweg zeitlich genau zusammen mit bestimmten Erscheinungen auf der Sonne.
Die Sonne zeigt an ihrer Oberfläche gelegentlich gewisse Anzeichen, die auf eine lebhaftere eruptive Tätigkeit schließen lassen. Als sichtbarlichstes Gebilde gehören (in irgendeinem Zusammenhang, der an sich noch nicht völlig geklärt ist) hierher die Sonnenflecken. Diese Sonnenflecken treten in bestimmten Perioden stärker und dann wieder schwächer auf; bald ist die Sonnenscheibe von ihnen fast bedrohlich besetzt, bald wieder scheinen sie so gut wie ganz zu verschwinden.
Mit großer Sicherheit hat man nun eine elfjährige Periode dieser Art feststellen können, in der einmal eine Steigerung bis zu einem Maximum eintritt, dann aber wieder ein ebenso konsequentes Sinken folgt.
Ganz genau die gleiche elfjährige Periode beobachtet man aber auch in einem bestimmten Schwanken unserer Magnetnadeln. Hier muß ein Zusammenhang bestehen.
Bei bestimmter Häufung und Größe einzelner Sonnenflecken wird dann auch eine unmittelbare Wirkung deutlich. Mit dem Auftreten des Fleckenfeldes auf der Sonne, ja noch enger genau mit dem Moment, da es sich innerhalb der Sonnenrotation gerade unserer Erde senkrecht gegenüberstellt, pflegt bei uns ein erhöhtes elektromagnetisches Gewitter (mit wilden Magnetnadel-Ausschlägen, abnormen elektrischen Erdströmen und starken Nordlichtern) einzutreten.
Die Sonne ist von uns rund 20 Millionen Meilen entfernt. Trotzdem ist es, als greife von ihr in solchem Moment etwas Unsichtbares wie ein Scheinwerferstrahl bis zu uns herüber und störe unsere Apparate.
Man hat wirklich an solche Wurfstrahlen gedacht. Bei den Sonnenfinsternissen sieht man einen sonst unsichtbaren Kranz ungeheurer Stoffstrahlen, die leuchtend weithin von der Sonne auszufließen scheinen, die sogenannte Korona. Es könnte sein, daß bei großen Eruptionen dort solche Strahlen stärker aufschießen und bei bestimmter Einstellung bis zu uns kommen. Unendlich feine Materie jedenfalls, haben sie nichts zu tun mit jenen erwähnten wirklichen glühenden Wasserstoff-Protuberanzen der Sonne, die nie entfernt so weit reichen könnten. Ihre einzige Wirkung, die sie bei uns tun können, ist offenbar nur eben jene ganz feine elektromagnetische, die sich in Magnetnadelschwankungen, Nordlichtern und (nur in unsern feinen Apparaten merkbaren) Erdströmen andeutet. Arrhenius denkt auch hier an feinste Stoffteilchen jener kritischen Größe, die, durch engere Sonneneruptionen zunächst hochgeschleudert und verstreut, dann zum Teil vom Strahlungsdruck bis in die Planetenräume hinausgetrieben und so auch bis zu uns gebracht würden. Die elektrische Ladung dieser Teilchen würde dann die Erdphänomene erklären.
Wie man sich das nun im einzelnen ausmalen mag: jedenfalls gibt diese Kette offensichtlicher elektromagnetischer Zusammenhänge zwischen Sonne und Erde und ihre Wirkung bei uns einen vagen Anhalt, was auch ein Kometenschweif als irgendwie elektrisch tätiger »Scheinwerfer« bei uns erzeugen könnte.
Nehmen wir an, auch er enthält elektrisch erregte Teilchen, so wäre es immerhin denkbar, daß auch sie bei ihrer Mischung mit unserer Erdatmosphäre, wenn denn sonst bei ihrer Winzigkeit absolut nichts, so doch einen gewissen »elektromagnetischen Sturm« erregten, also unsere Magnetnadeln ausschlagen ließen, unsern elektrischen Betrieb momentan durch unkontrollierbare Erdströme störten und (als sinnfälligsten Effekt) vielleicht bis in unsere dichtesten Kulturbreiten hinein brillante bunte Nordlichter aufflammen ließen.
Wenn ein besonders großer Sonnenfleck das kann, indem er uns vielleicht über zwanzig Millionen Meilen fort einen besonders langen elektromagnetisch geladenen, aber sonst für uns ganz unsichtbaren Koronastreifen zuschickt, bei dessen Berührung hier unten alles dieser Kraft speziell Untertane zittert, wie toll verkehrt klingelt und endlich den Himmel mit zuckenden magnetischen Strahlen rötet: warum soll das nicht der Komet auch vielleicht vollbringen? Vielleicht! Bewiesen ist es natürlich nicht.
Möglich ist ja, daß solcher Komet in seiner Sonnennähe wie eine Art Konzentrierer und Kondensator der ausfließenden Sonnenkraft selber wirkt. Nach Arrhenius würde er massenhaft in nächster Sonnennähe elektrisch geladenen Koronastaub der Sonne direkt an sich ziehen und nachher im Strahlungsdruck konzentriert wieder auspulvern gegen die Planeten hin: hier wirkte er also tatsächlich wie eine Art Scheinwerfer für Sonnenenergie.
Es ist auch bereits behauptet worden, daß die Kometenschweife sich stärker entwickelten in Jahren der Sonnenflecken-Maxima, sei es, daß sie dann mehr direkten Eruptionsstaub der Sonne zu ihrem Eigenmaterial noch hinzuerhielten, sei es, daß die dann ohnehin stärker ausströmende elektrische Wirkung sie bloß auf stärkere Strecken hin zum elektrischen Leuchten brächte und so den Schweif größer erscheinen ließe.
Ein Grund aber, sich diese problematische elektromagnetische Wirkung abnorm groß vorzustellen, liegt jedenfalls wieder nicht in dem ganzen Sachverhalt.
Wenn es im höchsten Grade wahrscheinlich, ja so gut wie gewiß ist, daß wir früher schon so und so oft durch Kometenschweife hindurchgegangen sind (jeder Komet, der für uns vor der Sonne herging und einen langen Schweif hatte, kommt ja historisch dafür in Betracht), so haben wir damals eben überhaupt nie etwas gemerkt (es sei denn Nordlichter, die man früher aber nirgendwo einzuregistrieren wußte und deshalb durchweg überhaupt nicht registrierte), einfach, weil unsere Technik noch nicht mit elektromagnetischen Feinapparaten arbeitete. Wie jung diese Arbeit ist, lehrt klärlich wohl die kleine Reminiszenz, daß bei der vorigen Wiederkehr des Halley-Kometen, 1835, eben zwei Jahre verflossen waren, seit zum erstenmal und zunächst rein als Privatexperiment zwei Göttinger Gelehrte, Gauß und Weber, zwischen der Sternwarte und dem physikalischen Kabinett ihres Göttingen eine elektrische Telegraphenverbindung primitivsten Stils hergestellt hatten.
Wichtig ist aber auf jeden Fall, daß auf diese Symptome, und seien sie noch so geringfügig, geachtet werde. Nicht als Angstobjekt, sondern als willkommenes kosmisches Experiment sollen wir diese Kometennacht verstehen und werten.
Von der schönen Treptower Volkssternwarte, die gewiß zu den edelsten Errungenschaften kulturell ersprießlicher Wissenschaft gehört, die wir in den 76 Jahren seit dem letzten Halley-Termin gewonnen haben, wird dabei besonders aufgefordert, es möchten doch in der Nacht vom 18. zum 19. Mai und tunlichst schon etwas vorher auf der Erde alle Versuche mit den Apparaten der elektrischen Wellentelegraphie unterbleiben, damit sich eventuelle elektrische Wirkungen des Kometen als solche von den fein gestimmten Empfangsapparaten ablesen ließen.
Und so gibt es noch mehrere andere Punkte, auf die auch gerade von dort her besonders aufmerksam gemacht worden ist als auf Dinge, die sorgsam zu beachten wären.
Ob eine abnorme Aufhellung des Himmels einträte.
Ob sich besondere bunte Dämmerungserscheinungen hinterher geltend machten, die auf das Eindringen allerfeinster Staubteilchen in unsere oberen Luftschichten deuten könnten.
Ob Änderungen an dem sogenannten Zodiakallicht, einem für gewöhnlich schon recht rätselhaften Lichtkegel, der sich gelegentlich am Abend- oder Morgenhimmel zeigt, merkbar würden.
Ob »leuchtende Nachtwolken«, d. h. ungewöhnlich silberglänzendes Cirrusgewölk, das in außerordentlichen Höhen schwebt und mit dem es auch irgend eine ganz aparte Bewandtnis zu haben scheint, sich gerade jetzt wieder sehen ließen.
Bei fast allen diesen Dingen kann auch jeder Laie registrieren helfen.
Auch wenn es nicht wahrscheinlich ist, daß der Kometenschweif selber diesmal vermehrtes Sternschnuppenmaterial liefert, so sollten doch auch Sternschnuppen und größere meteorische Feuerkugeln mit größter Sorgfalt nach Zeit und Ort aufgezeichnet werden, und es sollte das Material, auch wenn es wirklich noch so geringfügig erscheint, einer Sternwarte zugesandt werden.
Arbeit, kleine Arbeit gilt es da mitzutun. Aber aus solcher Arbeit, Stein um Stein und seien sie klein wie Meteorstäubchen, baut sich die Forschung, – nicht aus vergänglichen Sensationen.
Ob ein vielleicht zu erwartender elektromagnetischer Kleinsturm auch auf unsere Witterung einen bescheidenen Einfluß haben könnte? Ob eine bestimmte jähe barometrische Luftdrucksänderung wenigstens ein schwacher Hilfsanlaß zu dem einen oder andern etwas intensiveren lokalen Vulkanausbruch oder Erdbeben werden könnte?
Anhalt haben wir gerade dafür nicht.
Ein Einfluß jener elfjährigen Sonnenfleckenperiode auf unsere irdischen Witterungsverhältnisse ist bisher nicht sicher nachgewiesen. Daß wir im ganzen heute auf eine Epoche stärkeren Vulkanismus wie (im Zusammenhang mit vielleicht wieder einsetzender Gebirgsbildung) stärkerer Erdbeben losgehen, ist an sich wahrscheinlich (daher Martinique, Messina und so weiter), es fragt sich aber durchaus, ob da der Barometerstand des Augenblicks wirklich im größeren Sinne mitspielen kann, und abermals fragt sich, ob elektromagnetische Erdstörungen nun wieder diesen Barometerstand beeinflussen.
Schließlich: hier überall könnten wir nur lernen, und wir wollen lernen. Gibt die Kometenkrisis einen besonders heftigen Wettersturz, so wäre das eine lehrreiche Tatsache. Wahrscheinlich nach dem bisher Vorliegenden ist sie nicht, aber dieses »Vorliegende« ist stets nur ein »Vorbericht«. Unfehlbar ist sein Votum nie.
Ja: unfehlbar!
Hier wollen wir natürlich nicht ins Übertriebene fallen.
Alle Forschungsergebnisse bis heute sind nur ein Annäherungswert.
Es kann schlechterdings Unbekanntes geben, das die Erde, das Sonnensystem, die ganze Fixsternwelt in diesem Moment, da diese Zeile gelesen wird, in unfaßbaren Hitzegraden zu Gas verflüchtigt. Es kann. Die Forschung gibt ihre Argumente, zu mehr ist sie nicht verpflichtet. Der Arzt kann einen Menschen untersuchen und für kerngesund erklären und er kann im nächsten Moment am Herzschlag sterben. Die Erde kann im Moment, da wir auf den Kometen warten, durch eine unzusammenhängende Katastrophe, die von Alpha Zentauri über acht oder zehn Billionen Meilen zu uns herübergreift, vernichtet werden. Jeder von uns kann in Monte Carlo die Bank sprengen; damit zu rechnen ist aber nicht empfehlenswert, obwohl diese Wahrscheinlichkeit sicherlich sehr viel geringer ist, als daß eine Welt, die seit hundert und mehr Jahrmillionen ohne kosmische Katastrophe sich glatt weiterentwickelt hat, gerade uns Eintagsfliegen dieser lebenden Menschengeneration den Gefallen tun sollte, unterzugehen.
Herr Professor Semmler zu Halle um 1770 betonte (es ist erzählt), daß Kometen keinen direkten physischen Einfluß auf unsere Reiche, Republiken und Regierungen hätten, daß es hingegen dem beschaulichen Menschen frei stehe, sich bei ihnen das eine oder andere Erbauliche auch ohne besonderen Zusammenhang ins Gedächtnis zu rufen. Der Mann hat in einem Punkte recht.
Wenn wir heute beinah etwas betrübt hinzufügen müssen, daß es auch mit der neueren Sensation des Versengens, Vergiftens, Versalzens und Bombardierens seitens des Kometenschweifs aller menschlichen Voraussetzung nach nichts ist, so muß uns doch unbenommen bleiben, in der kommenden Kometenstunde das eine oder andere zu denken, das zwar keinerlei Zusammenhang mit dem Kometen da oben hat, aber an sich hübsch und nützlich zu denken ist in allen ernsten und guten Stunden.
Mögen wir ein Glas weihen in jenem Moment eben der rastlosen Arbeit, wie sie auch in diesem Ringen des Forschergeistes um die Kometenfrage so denkwürdig zum Ausdruck kommt.
Schließlich ist es doch diese Arbeit selbst, die auch in die dunkelsten Träume eines physikalischen Weltuntergangs den letzten Trost bringen würde.
Denken wir uns, daß ein solcher Untergang in unendlichen Fernen der Zeit, in Billionen oder Trillionen von Jahren, einmal eintreten könnte; nicht durch einen Kometen; aber vielleicht weil die Sonne in ihrem Lauf endlich den ungeheuren Raum doch durchmessen hätte, der sie heute von den nächsten Fixsternen trennt, und einen Zusammenstoß dort erlebte. Wenn wir sehen, was menschliche Geistesarbeit heute schon geleistet hat, so ließe sich, bei gleicher Weiterarbeit, wohl die Frage aufwerfen, was für Intelligenzwesen in jener fernen Zeit unsern Planeten oder unser ganzes System bewohnen würden, Wesen, die aus uns geworden wären, wie wir einst aus Amöben des Urstrandes uns heraufentwickelt haben, aber Wesen, deren Intelligenz und Technik so hoch über unserer heutigen ständen, wie ein Mensch heute über der Amöbe steht. Und es ließe sich fragen, ob diesen fernen Wesen ein solcher Zusammenstoß noch gefährlich werden könnte; ob sie nicht wirklich längst in realer Erfüllung jenes Wallaceschen Märchens vorher Mittel und Wege gefunden hätten, sich, wie vor der Erkaltung dieser Sonne, so auch vor ihrem berechneten Zusammenstoß irgend sonst wohin im All in Sicherheit zu bringen.
Der Gedanke läßt sich aber noch steigern. Sollte solche Möglichkeit nicht gegeben sein oder sollte lange vorher schon die Schicksalsparze den Sonnenfaden oder Erdenfaden abschneiden: auch dann hat die Idee der rastlosen Arbeit etwas Befreiendes.
Wohl wäre unsere Arbeit zunächst zu Ende. Aber nicht die Arbeit der Entwicklung. Aus dem eingestampften, vielleicht wieder zum Nebelfleck verflüchtigten System würde neue rastlos wühlende Naturarbeit sich von neuem stufenweise emporringen, wieder bis zu Leben, bis zu Intelligenz. Und vielleicht würde dieses neue System auf sichereren Verträgen inmitten einer abermals gereinigteren Auslese des Harmonischeren, Passenderen, Angepaßteren beruhen und so eine längere Entwicklungsdauer haben als unseres.
Auch der wildeste Götterdämmerungstraum der Sage schloß immer wieder mit diesem ganz fernen, ganz blassen, aber doch wieder lichteren Bilde. Aus der Asche des Weltenbrandes stieg endlich, endlich doch wieder eine grüne Wiese, wo neue Götter, neue Menschen, gereinigt von der alten Schuld, die goldenen Kugeln wieder fanden und weiterspielten. Auch dem Blick des Naturforschers müßten sich die goldenen Kugeln im All immer wieder fügen aus jedem Zusammenbruch.
Denn das Naturgesetz und die Logik der Werdearbeit stürben in keinem dieser Brände mit.
Und auch ihm bleibt der große Gedanke Darwins, auf alles Kosmische erhöht, daß jeder Einsturz nur eine Stufe der Unvollkommenheit beseitigt, herausreinigt aus der unablässig wachsenden Allgemeinbalance, Allgemeinanpassung, Allgemeinharmonie.
Sie werden aber nichts mehr von uns wissen, diese Kommenden, diese Besseren, diese Geklärteren: so raunt der trübe Gedanke. Die jungen Götter der Sage, die wieder mit neuen goldenen Kugeln spielen, erzählen sich die Geschichte der alten Schuld, die im Weltenbrande gesühnt wurde, als ein wunderbares Märchen. Von uns wird nie wieder einer erzählen; von den eingestampften Opfern eines kosmischen Fortschrittsexperiments.
Vielleicht gibt es aber doch All-Träume, die selbst dem standhalten, wenn auch wir zu träumen wagen.
Im All geht in Wahrheit nichts verloren. Auch keine Form. Nichts, was einmal war. Unser Bild wandert noch nach Äonen mit Lichtpost zu fernen Sternen. Aber es lebt auch verborgen in allem folgenden fort. Wer die Formel weiß, kann es ewig aus seinen Wirkungen wieder zusammensetzen. Nur darum ist ja schon bei uns eigentlich Geschichte möglich. Darum beleben sich die alten Ichthyosaurier wieder vor unserm Blick. Geschichte ist der Triumph der geheimen Allgegenwart aller Dinge.
Auch Sehnsucht nach Geschichte, nach Aufdecken, Wiederfinden der Vergangenheit liegt aber von gewisser Stufe ab in aller Arbeit der Natur. Intelligenz muß immer wieder hierher lenken. Nun denken wir uns Intelligenz unendlich über unserer, die aus wenigen Formeln das ganze Farbenbild der Vergangenheit wieder ablesen, wieder erwecken könnte. Unendliche Zukunftsarbeit würde in diesem Sinne auch eine unendliche Rückwärtsarbeit werden. Ein unendliches Wiederfinden aller abgerissenen Fäden über noch so viel Weltenbrände hinaus. Was haben aber auch wir eigentlich schon mehr als das in unserm individuellen Leben, jeder von uns, innerhalb unserer eigenen Kultur: als ein rastloses Arbeiten im Augenblick, in dem gerade bei uns die große Naturflamme lodert; und ein Hörensagen von andern vor uns, die keiner mehr direkt sieht, eine Geschichtstradition von früheren, toten Generationen, denen die Fackel aus der müden Hand gesunken ist; das muß uns genügen und genügt uns doch zu frohem Tagesschaffen. Ob die Nacht zwischen dir und diesem oder jenem alten Forscher und Denker nun nicht bloß durch Menschengräber und Kinderlachen, sondern wirklich durch Weltenstürze und neue goldene Weltkugeln geht: was würde es ändern?
Hinter allem aber (darauf weihe auch dein Glas, sei es nun wirklicher Goldwein oder bloß Geistestrank) muß zuletzt doch das große Naturgeheimnis bleiben, mit seinem dunkeln Auge, das immer gleichmäßig auf uns weilt, das nie zuckt, was sich auch vollziehe. Es muß jeden einzelnen von uns über kurz oder lang aufnehmen. Stellen wir ihm auch die Menschheit anheim. Wenn einer es je einmal zur Antwort bringt, kann das auch nur in der Linie unendlicher rastloser Arbeit geschehen. Dann löst diese Arbeit es aber rückwärts für uns alle mit. In diesem dunkeln Auge des Geheimnisses finden wir uns alle wieder …
Das sind Gedanken, die jetzt mit dem Kometen wirklich nicht mehr zu tun haben, als daß auch sie etwas durch Neptunsweiten schweifen.
Bleiben wir näher. Sagen wir uns, daß dieses silberne Wölkchen da oben nun abermals seine 76 Jahre von uns fern weilen wird, uns so lange aus dem Gesichtskreise verlieren wird.
Nehmen wir ihn als alten Menschenfreund und alten Menschenkenner, diesen einsamen Weltenwanderer da droben, der schon so viel mit uns durchgemacht hat, so viel Menschenglauben und Menschentand hat zerschellen und immer doch (wir hoffen es) etwas saure Menschenarbeit hat triumphieren sehen. Was wird er finden, wenn er nach seinen 76 Jahren wiederkehrt?
Ein Glas dem Problematischen, das doch noch in all unserer Wissenschaft steckt. Ein Klang der einen großen Wahrheit, daß noch niemand ganz recht hat; daß noch keine unserer Weltanschauungen ganz recht haben kann; und daß zum Glück noch keine ganz recht hat. Was wird er finden?
Wird unsere Naturforschung in 76 Jahren ganz zur äußerlichen Technik geworden sein, die sich von allen tiefsten Denkwerten abgelöst hat? Oder wird sie den Anschluß gefunden haben, der für ihren höheren Menschheitswert der entscheidende sein muß: an eine echte idealistische Weltansicht? Oder ist das noch zu früh?
Werden wir einen neuen Humanismus erhalten, in dem auch die Naturforschung, die einst vergessen worden war, ihre Stätte findet, nicht als verrohende Macht, sondern veredelt, geläutert vom humanistischen Gedanken?
Und wird dieser erweiterte, verklärte Humanismus nicht beschränkt bleiben auf die Gelehrtenzelle, sondern eine wärmende Sonne werden für das ganze Volk?
Wird in 76 Jahren die Sternwarte, zu der wir jetzt wandern, um dieses kleine unheimliche Silberfederchen, das da im eisigen Raum treibt, anzustarren, eine ethische Erziehungsstätte sein?
Es ist die letzte Strandwelle des alten Glaubens, daß der Komet etwas prophezeien könne, was in solchen Fragen lebt. Er prophezeit aber nichts. Nur die Kraft und die Tat und die Arbeit prophezeien. Als die Menschheit seine Wiederkehr prophezeite, da war sie bei der Arbeit, da taten die Dinge einen Ruck, da wurden sie größer.
Weltuntergang! Wir wollten trinken und küssen, alle Reserven auftrinken und aufküssen. Es braucht keine Reserven mehr, morgen ist Weltfeiertag.
Und nun soll das alles wieder nichts sein.
Ja wäre es nicht eigentlich doch eine Wohltat gewesen, diese Stimmung in der scheußlichen Langeweile unserer Zeit?
Wir arbeiten so heillos viel, wir haben das Recht, das Arbeiten auch einmal für einen Greuel zu erklären, zwischendurch.
Nun will uns die grämliche Wissenschaft auch das wieder nicht erlauben.
Im elenden Trott sollen wir wieder weiterschuften, immer mit kleinen Sparrationen, wie Südpolfahrer; Vorsicht, morgen ist noch ein Tag und die Woche hat noch fünf, hebt Reserven auf, Reserven für die Enkel und Urenkel.
Gewiß, auch das läßt sich sagen. Aber zuletzt ist es auch nur der uralte Kometen-Pessimismus, der selbst damit nicht zufrieden ist, daß die Welt nicht untergeht …
Und schließlich glauben wir doch alle nicht daran, wir Menschen von 1910, mit unserer Kraft und unserer Sehnsucht.
Nein. Laßt uns die heilige Kometenstunde (um denn endlich das darin zu finden, was von je wirklich das Grundgegenteil aller Kometengedanken gewesen ist) mit einem stillen Glas und vielleicht einem stillen Kuß auf schöne Lippen dem ewigen Wunder des Gedankens, der Liebe und der Schönheit weihen, dem unbesiegbaren Sonnenzauber dieser alten Welt, den keine kalten Sterne jemals haben bedrohen können.
Und dann …?
»Worauf«, spricht ein alter Chronikschreiber, der das letzte Wort haben mag, (nachdem sie nämlich wieder einmal vergebens auf den Weltuntergang gewartet hatten) »Worauf alle wieder an ihre Arbeit gingen, als wenn garnichts geschehen wäre.«
Von Wilhelm Bölsche erschien im gleichen Verlage
W. Bölsche, Das Liebesleben in der Natur. Eine Entwickelungsgeschichte der Liebe. Stark vermehrte und umgearbeitete Ausgabe. 2 Bde. 30.-35. Tausend. br. à M. 6.–, geb. à M. 7.50
Neue Weltanschauung: Das bekannteste Werk Bölsches erscheint jetzt in einer neuen zweibändigen Ausgabe und zu einem wesentlich ermäßigten Preise, so daß es auch Kreisen zugänglich wird, denen die dreibändige Ausgabe zu teuer war. Daß der Verfasser bei der Neuausgabe alle Fortschritte der Wissenschaft berücksichtigt hat, braucht kaum bemerkt zu werden. Im Mittelpunkt der ganzen Darstellung steht der Grundgedanke, daß der Mensch mit seinem ganzen Wesen im Tierreich wurzelt, daß er ein Teil desselben ist, sich aus ihm im Laufe ungezählter Millionen Jahre historisch entwickelt hat. Der eigentliche Gegenstand des Buches ist eine allgemeinverständliche Darstellung der Zeugungs- und Entwickelungsverhältnisse im Tierreich mit Einschluß des Menschen. Bölsche beschränkt sich dabei nicht darauf, aus der umfangreichen Fachliteratur die einschlägigen Tatsachen herauszusuchen und zusammenzustellen, sondern er betrachtet diese Tatsachen lediglich als ein Gerüst, das seine oft weit ausgreifenden naturphilosophischen, künstlerischen und ästhetischen Ausführungen stützen soll. Da, wo mitunter – nach Ansicht gewisser Leute – sogar heikle Dinge berührt werden mußten, läßt der Verfasser auch den Humor zur Geltung kommen. Es ist gewiß keine leichte Aufgabe, für ein Laienpublikum eine solche Entwicklungsgeschichte der Fortpflanzung zu schreiben, und gar ohne Abbildungen.
W. Bölsche, Die Mittagsgöttin. Roman. 2 Bände. 4. Aufl. br. M. 7.–, geb. M. 9.–
Velhagen & Klasings Monatshefte: Ein Werk, reich wie das Leben selbst, vom frischesten Wirklichkeitshauch durchweht und doch zugleich von hoher Idealität erfüllt, eine Weltanschauungsdichtung im großen Stil. Humor und Tragik, Pathos und Pikanterie, Realistik und Romantik, Zartes und Derbes in buntem Gemenge, in sprießender Fülle. Charakterzeichnungen von einer Schärfe und Deutlichkeit in jeder Linie und psychologisch so vertieft, daß sie den Vergleich mit keinen anderen Gebilden der neueren Literatur zu scheuen haben. Und als Untergrund ein Mosaik von Großstadt- und Landschaftsschilderungen, in denen sich ebenso glänzend die Akribie des Naturforschers wie die Stimmungsgewalt des Lyrikers offenbart. Die Farbenpracht dieser Schilderungen hat etwas Berauschendes; nur hier und da wirkt die Überfülle des Details ermüdend und verwirrend. Berlin und der Spreewald bilden den Schauplatz des Romans; was diese packenden Gegensätze an Reiz und Inhalt bieten, das hat der Dichter so gut wie ausgeschöpft. Inhaltlich führt der Roman mitten in die Geisteskämpfe der Gegenwart. Seinen Stoff entnimmt er dem spiritistischen Treiben unserer Tage, aber Bölsche erfaßt den Gegenstand tief genug, um in dem Werke die gesamten Gegensätze des heutigen Weltanschauungskampfes widerzuspiegeln. Und dieser Kampf vollzieht sich nicht in einem Für und Wider von abstrakten Deduktionen, sondern in der Seele einer bedeutenden Persönlichkeit, die ein leidenschaftliches Streben nach Wahrheit erfüllt.
Essaybände von Wilhelm Bölsche
W. Bölsche, Naturgeheimnis. 8. Tausend. br. M. 5.–, geb. M. 6.50
Weserzeitung: Goethe und Haeckel – wie oft hat Bölsche diese beiden großen Pioniere schon in seiner eigenartigen geistreichen Weise behandelt und auch im »Naturgeheimnis« bringt er sie wieder zusammen und läßt uns den Gleichklang vernehmen, der durch das Leben und Streben der beiden Forscher gegangen. Diesen volltönenden harmonischen Gleichklang, der aus einer großen Wahrheit hervorschauerte und ständig das Streben der beiden in wundervollen Rhythmen durchklang – aus der »Grundwahrheit Goethes von der Einheit der Natur«. »Und in dieser Einheit liegt alles, auch das Schöne«. Zu neuen Welten sucht Bölsche neue Wege. In jenem selten gefundenen Gleichbesitz von naturwissenschaftlicher und dichterischer Befähigung erschließen sich ihm unendliche Weiten zu jenen fernen Weihnachtsinseln einer glücklicheren Zukunft, wie in den »Visionen auf dem Palatin«, oder in dem grandiosen »Gespräch mit der Peterskuppel«. Wie die Geheimnisse ihn dort umstellen, dort »wo so unsagbar viel Menschensehnsucht sich verblutet« und er sich dann durch alle die Weltirrungen und Wirrungen hindurchfindet an der Hand der großen Weltlogik und der Naturgesetzlichkeit. So weiht er schließlich die schönste Kuppel der Erde »einer lichteren Zeit, freieren Menschen mit reinerem Sinn«, einer ferneren Zeit, da die Forschung eine religiöse Tat und jeder echte Forscher ein Priester sein wird.
W. Bölsche, Vom Bazillus zum Affenmenschen. 10. Tausend. br. M. 5.–, geb. M. 6.–
Aus dem Inhalt: Bazillus-Gedanken – Wenn der Komet kommt – Das Geheimnis des Südpols – Die Urgeschichte des Magens – Ein lebendes Tier aus der Urwelt – Der Affenmensch von Java – Das Märchen des Mars.
Deutsche Rundschau: Gleicht die wissenschaftliche Forschung dem Abbau eines Bergwerkes mit edlen Metallen, so entspricht die Arbeit der Popularisierung derjenigen der Hüttenwerke, in denen man das Metall befreit von den umgebenden Gestein. Da ist es denn sehr erfreulich, in Wilhelm Bölsche bei jener vermittelnden Arbeit einen Mann tätig zu wissen, der als der Freund solcher Gelehrter wie Haeckel nicht nur des Vertrauens, sondern als Publizist von seltenen Fähigkeiten auch der Liebe seines Publikums jeder Zeit sicher ist. Der Titel deutet an, in welcher Richtung sich die Ausführungen bewegen. Den Gedanken einer natürlichen Entwicklung, die in ununterbrochener Arbeit die höheren Arten langsam aus den niederen entstehen ließ, jenen großen Gedanken, auf dem unsere gesamte moderne Naturwissenschaft basiert, möchte auch das vorliegende Buch Wilhelm Bölsches einem weiteren Kreise verständlich machen. Hier soll gezeigt werden, daß die ewigen Gesetze des Werdens sich an kleinen und kleinsten Fällen ebensogut beobachten lassen wie an den gewaltigsten.
Essaybände von Wilhelm Bölsche. Wille. Emerson
W. Bölsche, Hinter der Weltstadt. Friedrichshagener Gedanken zur ästhetischen Kultur. 4. Taus. br. M. 5.–, geb. M. 6.–
Deutsche Rundschau: Dieser Band gesammelter Aufsätze und Betrachtungen beschäftigt sich mit bedeutenden Männern und Erscheinungen des 19. Jahrhunderts, in dem sichtlichen Bestreben, aus der gesamten Natur- und Geisteswissenschaft dasjenige herauszustellen, was für das 20. Jahrhundert noch fortwirkende und vielleicht neu begründende Kraft haben dürfte. Das, worauf der Autor über ähnliche Bestrebungen weg hinaus will, bezeichnet er als ästhetische Kultur. Ein Zug von Nichtbefriedigtsein mit der Gegenwart, aber auch von Unverzagtsein der Zukunft gegenüber geht durch die aus diesem Buche zu uns sprechende Weltanschauung. Der Autor hat sich, wie er im Vorwort erzählt, aus dem Lärm der Hauptstadt Berlin in die Ruhe des weit draußen gelegenen Vorortes Friedrichshagen geflüchtet und überschaut nun von da aus auf seine Weise die Erträge des abgelaufenen Jahrhunderts. Er beginnt mit Novalis und endet die Reihe mit Fechner, den er gleichsam als naturwissenschaftliche und naturphilosophische Ergänzung des Dichters Novalis betrachtet. Dazwischen erscheinen Fontane, Heine, die Gebrüder Hart, Gerhart Hauptmann, Herman Grimm und die Ebner-Eschenbach. Seine März-Träumerei und der, wie mir scheint, sehr bemerkenswerte Aufsatz über die Freien Universitäten zeigen Bölsche in Ideen lebend, die weit verschieden von denen waren, welche ein Teil der von ihm behandelten Männer vertrat. Reicher Inhalt und anregende Kraft wohnen den »Friedrichshagener Gedanken« inne.
Bruno Wille, Offenbarungen des Wacholderbaums. Roman eines Allsehers. 5. Tausend. 2 Bände. br. M. 8.–, geb. M. 10.–
Friedr. Paulsen: In Goethe waren Philosophie und Poesie eins, ihn verehrt darum auch unser Verfasser als seinen Schutzpatron. Ich erblicke in dieser Dichtung ein Anzeichen, daß die neue Fechnersche Naturphilosophie, wie sie mit der mathematischen Naturwissenschaft in enger Beziehung steht, so auch mehr ein dauerndes Bündnis zwischen Philosophie und Poesie bedeutet, als die alte, dem Namen nach spekulative, dem Wesen nach logisch-schematische Naturphilosophie.
Ralph Waldo Emerson, Natur und Geist. 2. Tausend. br. M. 3.–, geb. M. 4.–
Pädagogisches Jahrbuch: Emerson will, daß wir »uns die Freuden eines ursprünglichen Verkehrs mit dem Universum sichern«, er möchte uns zum inneren Schauen verhelfen, und das innere Auge für die Natur öffnen. Überall wird hinter der Natur und durch die Natur der Geist, das eigentlich Schöpferische, sichtbar. Mit reichem Tatsachenmaterial sucht er die Zusammenhänge zwischen realen Dingen und menschlichen Gedanken, die unmittelbare Abhängigkeit der urwüchsigen Sprache von der Natur, die Umbildung der Lebenserscheinungen draußen zu Typen des inneren Erlebens nachzuweisen.
Neue naturwissenschaftlich-philosophische Anschauungen
Georg Rothe, Die Wünschelrute. Historisch-theoretische Studie. br. M. 2.–, geb. M. 2.80
Georg Rothe zeigt auf Grund historischer und wissenschaftlicher Forschungen, daß das Phänomen der Wünschelrute nichts Übernatürliches an sich hat, sondern lediglich ein Stück Natur ist, dessen Gebiet infolge der ablehnenden Haltung der Schulwissenschaft noch nicht genügend erforscht ist. Gleichwie der Hypnotismus heute wissenschaftlich anerkannt und zu Heilzwecken verwendet wird, so sollte auch die Wünschelrute den Physikern, Physiologen und Psychologen als Untersuchungsobjekt geeignet erscheinen, um ihre sehr wesentlichen Erfolge zu erklären und weiter ausnutzen zu können. Rothe gibt die erste wissenschaftliche Erklärung.
Wilhelm Fließ, Vom Leben und vom Tod. Biologische Vorträge. br. M. 2.–, geb. M. 3.–
Hans Schlieper, Der Rhythmus des Lebendigen. br. M. 2.50, geb. M. 3.50
Wilhelm Fließ hat auf rein wissenschaftlicher Grundlage zwei neue Naturgesetze entdeckt, nämlich das Gesetz der zweifachen Periodizität, sowie das der Doppelgeschlechtigkeit aller Menschen. Sie erklären überzeugend, woher z. B. das konstante Verhältnis der Überzahl männlicher Geburten kommt, sie weisen nach, warum Krankheitsbazillen plötzlich erlöschen, z. B. bei Pest und Cholera. Fast klingt es wie ein Märchen, die neue Entdeckung führt den Nachweis, daß die Geburten innerhalb einer Familie in engem Zusammenhange mit den Todestagen der Vorfahren stehen. Schlieper führt die Untersuchungen im Tierreich weiter.
Maurice Maeterlinck, Die Intelligenz der Blumen. 3. Taus. br. M. 4.50, geb. M. 5.50
Über Land und Meer: Der tief in die Geheimnisse der Natur eingeweihte Dichter legt uns hier mit ebensoviel Liebe und Innigkeit wie Geist und scharfer Beobachtungsgabe an einer Reihe der merkwürdigsten, erst in unserer Zeit recht gewürdigten Tatsachen dar, welch ungeheures Maß von Klugheit, Erfindungsgabe, List, Mut und andern seelischen Eigenschaften in der ganzen Pflanzenwelt fortwährend gegen die zahlreichen feindlichen Mächte aufgeboten und betätigt wird, um die Erhaltung der einzelnen Arten durchzusetzen. Er zeigt uns, daß jede Blume »ihre Idee, ihr System, ihre erworbene Erfahrung« hat und daß sie zuweilen irre geht in ihren Bestrebungen, genau wie der menschliche Geist.
Maurice Maeterlinck, Das Leben der Bienen. 13. Tausend. br. M. 4.50, geb. M. 5.50
Gedruckt in der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig