III. Schulerdkunde und Kino
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Wer das Bisherige aus dem Interesse des Lehrers und Jugend-Erziehers heraus gelesen hat, wird die Fragen so weit geklärt gefunden haben, daß wir nunmehr die besondere Frage des Kinos im erdkundlichen Schulunterricht ohne zu viel Belastung mit Selbstverständlichem und Allgemeinem in Angriff nehmen können. Es handelt sich wohl vornehmlich um drei Fragen, erstens: welche besondern Anforderungen sind etwa an Unterrichtsfilme zu stellen, zweitens: wie bekommt man sie und drittens: wie gestaltet sich die Vorführung und der ganze Unterricht?
Daß die Kinematographie im Schulunterricht, und vor allem im erdkundlichen, eine große Rolle zu spielen berufen ist, ist schon zu oft von Fachleuten anerkannt worden, als daß wir noch viel Worte darüber machen zu müssen glauben. Etwaige Zweifler hoffe ich besonders durch die allgemeinen Ausführungen im ersten Abschnitt beruhigt zu haben. Selbstverständliche Voraussetzung ist die Umrahmung des Bilderanschauungsunterrichts durch gesteigerte Eigenanschauung einerseits und durch gedankliche Vorbereitung und Verarbeitung des Stoffes anderseits. Der naturgeschichtliche Schulunterricht geht ja in noch engerm Sinne als die Wissenschaft auf Begriffe aus. In der ganzen Richtung der heutigen Pädagogik liegt es aber, diesen Begriffen durch erhöhte Anschauung die Wage zu halten und sie vor Verkrüppelung zu bewahren. Daß hierbei die unmittelbare Naturanschauung bei weitem das Wichtigste und ihre Ausdehnung das Nötigste ist, ist zweifellos. Ich rede einer Ausdehnung des Anschauungsunterrichts durch Ersatzmittel (also auch durch Kinematographie) nur unter der Bedingung das Wort, daß sie einen Teil einer umfassenden Gesamtunterrichtsreform bildet, in der „Freiluftbildung“ der wichtigste Programmpunkt ist. Ohne das wirkt jede Erweiterung des Ersatzmittelanschauungsunterrichts unverdaulich, und der Kino im Schulunterricht geradezu irreführend und verbildend.
Unter Wahrung dieser Voraussetzungen aber bildet der erdkundliche Film das zeitsparendste, echteste und beredteste Mittel zur Vorbereitung eigner Anschauung und zur Vergleichung und richtigen Erfassung des den Schülern nicht sinnenfällig zu machenden Stoffes. Hierzu kommen aber nicht nur ausschließlich fachgemäß und kunstgerecht aufgenommene und vorgeführte Filme in Betracht, sondern wiederum nur solche, die die besondern Wünsche der pädagogischen Fachleute erfüllen, und möglichst von vornherein auch unter ihrer Beratung, Mitwirkung und Begutachtung hergestellt worden sind.
Die Wünsche der Lehrer werden dabei besonders zweierlei Filme bevorzugen: solche, die in immer weitern Kreisen vom engsten ausgehend die Heimat darstellen, und solche, die von diesen und andern erdkundlichen Gegenständen das Typische in besonderer Klarheit und Vollkommenheit hervorheben. Zu den letztern werden auch solche Filme gehören, die z. B. die Drehung der Erde in schematischer Weise veranschaulichen. Eine allgemeine Forderung, die zum Teil durch die genannten Eigenschaften erfüllt werden würde, ist die, daß der Kino im Unterricht nicht zerstreuend, sondern eben belehrend wirken soll.
Anderseits wird die Zahl und Mannigfaltigkeit der Filme, die im Schulunterricht benötigt werden, verhältnismäßig gering sein. Es handelt sich ja im großen und ganzen in allen Schulen für alle Schülergeschlechter um ein und denselben Lehrgang, der in den höhern Schulen ausführlicher, in den niedern einfacher immer wiederkehrt. Es würde also wohl möglich sein, eine typische Liste wünschenswerter Bewegungsaufnahmen für den erdkundlichen Unterricht in allen Schulen z. B. Deutschlands aufzustellen. Diese Aufnahmen wären für engere Bezirke durch Heimataufnahmen zu ergänzen.
Diese Verhältnisse weisen darauf hin, daß Schulfilme als solche eine Sache für sich sind, die einer besondern Organisation zu unterwerfen sind und am ehesten von Kinotheatern und dem üblichen Geschäftsturnus unabhängig gehalten werden können. Sehr wohl könnte eine Reichsvereinigung aller Schulkinointeressenten die Herstellung der benötigten Filme selbst in die Hand nehmen, sie könnte ein gemeinsames Negativarchiv schaffen, von wo aus die benötigten Positive an die Einzelstellen geleitet werden könnten. Diese wären wieder nicht die einzelnen Schulen, sondern landschaftliche und örtliche Schulverbände, die sich gemeinsam die nötige geringe Zahl von Positiven anschaffen würden. Diese würden dann in einem geregelten Verleihungskreislauf jeweils vor alle Schüler gebracht werden. Das noch übrige, die kinetographische Einrichtung, müßte m. E. jede Schule einzeln besitzen, da es niemals gedeihen kann, wenn der kinematographische Unterricht jedesmal mit ganzen Klassenwanderungen durch die Straßen zu der oder jener Projektionsanstalt verbunden sein müßte. Damit ginge zuviel Zeit verloren, und die Ablenkung wäre größer als der Gewinn. Vielmehr könnte das Physikzimmer oder auch der Festsaal in jeder Schule dazu eingerichtet werden, und die Erdkundestunde würde dann immer dorthin verlegt werden.
Neuerdings sind von verschiedenen Firmen Apparate von so geringem Umfang und einfacher Handhabung (für Normalfilme) in den Handel gebracht worden, daß mit ihnen auch in jeder Schulklasse Bilder von etwa 100 × 80 cm vorgeführt werden können. Die Lichtquelle bildet eine Glühlampe ohne Lichtgehäuse, die an die Hausleitung oder eine kleine Batterie angeschlossen werden kann. Auch dann wäre die Einrichtung gar nicht so schwierig, wenn, was wegen der besondern Verhältnisse recht gut möglich, eine andere kleine oder mittlere (Salon- oder Schul-)vorstellungseinrichtung gewählt werden könnte. Es würde sich ja nur darum handeln, daß ein Typ, wenigstens nur die auf ein Filmformat eingerichteten Typen für alle Schulen vereinbart würden. Die Wahl eines solchen Typs würde es auch erleichtern, daß besonders die Aufnahmen aus der engern Heimat von Lehrern selbst hergestellt werden könnten. Wohlhabende und anspruchsvolle Schulen könnten einen großen Kinoapparat daneben bereithalten, um auch mal etwas Besonderes zeigen zu können.
Alles hier Gesagte ist aber noch Zukunftsmusik, und es bleibt die Frage zu besprechen, wie sich erdkundliche Bewegungsbilder zurzeit in den Unterricht einfügen ließen.
Dazu gibt es nun zwei Wege: gelegentliche Einzelvorstellungen von Unternehmern oder Liebhabern in der Schule oder das Mieten oder der gemeinsame Besuch von Kinotheatern. Die Einzelanschaffung von Apparaten für Schulen ist aus Gründen, die ich nebst der ganzen Frage besonders im „Buch vom Kino“ behandeln werde, und mit der sich übrigens ein weiteres Bändchen dieser Bücherei gesondert beschäftigen wird, zurzeit unmöglich, d. h. unwirtschaftlich. Zu Einzel„gastspielen“ wird die Gelegenheit aber auch selten sein (auch dürften sie sich schwerlich lohnen); und so bleibt zurzeit als Hauptsache die Verbindung der Schule mit Kinotheatern.
Was darüber allgemein zu sagen ist, gehört ebenfalls an einen andern Ort. Bemerken will ich nur, daß u. a. in Hamburg 30 000 Schulkinder mit Genehmigung der betreffenden Behörde unter Leitung des dortigen Lehrerkinoausschusses vormittags — zur Schulzeit — in ein Kino geführt wurden, um dort ein von mir mit großer Mühe und Kosten geschaffenes erdkundliches Musterprogramm zu sehen. Einige Veränderungen und Abstreichungen, die man sich zu machen bemüßigt fand, boten freilich den Vorwand, meine Autorschaft zu verschweigen und andere damit zu schmücken. Immerhin zeigt die Gelegenheit, daß es geht. Daneben aber können Kinotheater sich die Förderung der Lehrer und Schulbehörden sowie Vormittagseinnnahmen usw. dadurch sichern, daß sie erdkundliche wie überhaupt naturwissenschaftliche Vorstellungen unter Wahrung aller hier und in „Kino und Kunst“ geltend gemachten Gesichtspunkte und unter Ausschluß aller andern Sachen bieten. Da werden sie dann freilich wieder mit dem Grundübel, der schwierigen Beschaffung guter und der Hebung mangelhafter Filme, zu kämpfen haben. Und bestehen bleibt der Einwand, daß derartige Dauervorstellungen gehäufter Gegenstände vom erzieherischen Standpunkt aus immer ein mit vielen Gebrechen behaftetes Nothilfsmittel bleiben.
Den ernsthaften und über vollkommene Mittel verfügenden Unterricht der Zukunft denke ich mir nämlich keineswegs so, daß nun die Erdkundestunden eine Art lustiges Kinotheater werden. Vielmehr wird es sich darum handeln, in einer Stunde oder auch je mehrern einen Begriff durch reichliche Vorbehandlung allmählich so weit in den Köpfen klar werden zu lassen, daß er endlich durch die — nötigenfalls wiederholte — Vorführung eines einzelnen Bewegungsbildes gleichsam in höchster Wirklichkeitskraft zusammengefaßt wird. Ein Kinobild darf nicht eher erscheinen, als bis alle Schüler in ihm nicht mehr das Stoffliche allein, sondern durch es hindurch gleichsam die verkörperten Begriffe sehen, um die es sich handelt. So mag zuerst die Lehre von der Kugelgestalt der Erde in der üblichen Weise vorgetragen werden: Feststellung des falschen Scheines, seine Bezweiflung, Aufzählung ihm widersprechender Erscheinungen des täglichen Lebens, Veranschaulichung der wirklichen Verhältnisse durch schematische Zeichnung, durch Globus usw., Feststellung der Größenverhältnisse durch Zahlen usw., dann ausführliche Besprechung des sich daraus ergebenden Anblicks etwa von einem senkrecht aufsteigenden Ballon aus, und dann erst, nachdem alle diese Erscheinungen selber gleichsam errechnet haben, ihre Bestätigung durch das vom Ballon aufgenommene Kinobild, das das Aufsteigen ferner Kirchturmspitzen, dann des Daches, der Kirchwände usw. zeigt. In ähnlicher Weise wird ein andermal, auch nach Lesung klassischer Beschreibungen, ein Stück Wüste nebst Oase usw. vorgeführt. Nur in dieser Behandlung würde der Kino im Erdkundeunterricht nicht zerstreuend und verwirrend, sondern wahrhaft begriffbefestigend wirken. Die „Schülerprogramme“, die zurzeit manchmal öffentlich oder geschlossen gezeigt werden, sind — abgesehen von allen Mängeln — nur hübsche, der Erholung dienende Veranstaltungen zum Lohn für saure Wochen —; mit der Kinetographie als Unterrichtshilfsmittel haben sie so gut wie gar nichts zu tun. Ja sie haben — eben infolge der falschen Maßstäbe, die sie lieferten — mehr zur Hemmung als zur Förderung ernster Schulkinematographie beigetragen.
Inzwischen ist in dieser Sammlung über den Gegenstand die überaus reichen Stoff bringende Sonderschrift von Prof. Sellmann „Kino und Schule“ erschienen, auf die ich besonders verweise.