← Table of contents
James Watt und die Erfindung der Dampfmaschine

Watts Lehrzeit.

Reading edition

Achtzehn Jahre alt, verließ James Watt das Vaterhaus, um in dem nicht allzuweit entfernten Städtchen Glasgow bei einem geeigneten Meister in die Lehre zu treten. Dort fehlte es ihm nicht an einflußreichen Verwandten, und von der Gefahr, auf Abwege zu geraten, konnte keine Rede sein. Nur zwei sich kreuzende Hauptstraßen besaß das Städtchen damals, dessen meiste Häuser aus Holz gebaut und mit Stroh gedeckt waren. Selten, daß sich auf dem vorbeifließenden Clyde ein größeres mehrmastiges Schiff zeigte, obwohl die angesehensten Bürger Händler mit Virginiatabak waren, die gar stolz in ihren Scharlachröcken, Hahnfederhüten und Puderzöpfen die kurze Hauptstraße durchwandelten. Wirtshäuser und Zeitungen gab es nicht; die Neuigkeiten der Welt kamen den Glasgowern eine Woche später durch ein Londoner Blättchen zur Kenntnis. Man traf sich, nach Beruf und Neigung zusammengeführt, abends in den Klubs. Theater waren ebenfalls nicht zu finden, und als im Jahre 1752 ein hölzernes Theater errichtet wurde, fand sich das Volk in seinen religiösen Gefühlen so verletzt, daß es die Bude stürmte und die Besucher mißhandelte. Und als der Bau eines Theaters im Jahre 1762 wiederum ins Auge gefaßt wurde, wollte niemand Grund und Boden dazu verkaufen. Zu neuen Ausschreitungen kam es zwei Jahre später, als man vor den Stadttoren dennoch ein Theater baute. Waren also die biederen Glasgower zwar Feinde des Theaters, so doch nicht eines kräftigen und reichlich bemessenen Trunkes, eine Schwäche, die dem nie ganz gesunden Watt jedenfalls nichts anhaben konnte. Zunächst freilich sollte sein Aufenthalt in dem kleinen Universitätsstädtchen, in dem er nach einigen Jahren die wichtigste Erfindung für die Dampfmaschine machte, nicht von langer Dauer sein. Der Meister, bei dem er in die Lehre trat, nannte sich zwar Optiker und war auch ein sehr vielseitiger Mann, der Brillen, Geigen und Spinette verkaufte oder zur Ausbesserung annahm, auch einfachere mathematische Instrumente zur Not wieder instand setzte, aber um des Lebens Notdurft willen auch Angelruten und Fischnetze oder was sonst gewünscht wurde, herstellte. Da man sich aber die Ausbildung des jungen Watt zum mathematischen Instrumentenmacher doch etwas gründlicher und tiefer vorgestellt hatte, so erhielt Watt von dem Professor der Naturwissenschaft Dick den Rat und die nötigen Empfehlungsbriefe zur Übersiedlung nach London. Sie erfolgte in Begleitung eines Verwandten. Hoch zu Roß gelangte der Jüngling in ebensoviel Tagen von Glasgow nach der britischen Hauptstadt, wie es heute mit der Eisenbahn Stunden erfordert, wenn man den bummeligsten Zug nimmt. Watts Unterbringung bei einem Londoner Meister machte aber große Schwierigkeiten. Niemand wollte oder durfte ihn nehmen, da er die vorgeschriebene Bedingung, nämlich siebenjährige Lehrlingschaft bei einem eingesessenen Meister, weder erfüllt hatte noch erfüllen konnte. Nach vierzehntägigem vergeblichem Suchen schrieb Watt an seinen Vater, höchstens gegen Draufzahlung eines Lehrgeldes würde ihn ein Meister für ein Jahr bei sich aufnehmen. So entschloß er sich denn, zunächst bei einem ihm durch seinen Verwandten bekannt gewordenen Uhrmacher namens Neale ohne jede Vergütung in Dienst zu treten. Bei diesem übte er sich in der Kunst des Gravierens. Bald jedoch glückte es ihm, bei einem regelrechten Verfertiger mathematischer Instrumente, namens Morgan, gegen ein Lehrgeld von zwanzig Guineen und Überlassung seiner Arbeitsergebnisse für ein Jahr unterzukommen. Rasch erwarb sich der eifrige Jüngling Fertigkeit in der Herstellung von messingnen Transporteuren, Quadranten, Azimutalkompassen, Theodoliten, Verhältniszirkeln und was der mathematischen Instrumente noch mehr sind. Er lernte auch die Vorteile einer weitgehenden Arbeitsteilung kennen. Im Bestreben, möglichst bald keiner väterlichen Zuschüsse mehr zu bedürfen, schränkte sich Watt aufs äußerste ein, und wo er durch Arbeiten in seiner Freizeit etwas verdienen konnte, setzte er die Stunden der Nacht daran. Schlimme Zustände herrschten damals in London und seiner Umgebung. Das Schicksal, das den deutschen Dichter Seume und viele andre unglückliche Opfer fürstlicher Habsucht und Gewissenlosigkeit traf, über See als Soldat verkauft zu werden, drohte auch einem Watt, wenn er unvorsichtig war. Truppen von Werbern griffen junge Männer auf und zwangen sie, Matrosen zu werden; Agenten der Ostindiengesellschaft führten dieser zwangsweise Leute für den Kolonialdienst zu, Seelenverkäufer lieferten eingefangenes Menschenmaterial auch an die amerikanischen Pflanzer. Wehe dem, der in seinen Personalverhältnissen nicht ganz einwandfrei war! Er entrann nicht mehr seinen Häschern, und Watt hätte sich ebenfalls nicht vor dem Lordmayor genügend legitimieren können, denn er befand sich in einer gesetzlich nicht erlaubten Lehrlingsstellung, er hatte die vorgeschriebenen sieben Jahre Lehrzeit nicht durchgemacht. So konnte er sich immer noch in der Werkstatt seines Meisters am sichersten fühlen, seine zehn Stunden herunterarbeiten und abends, abgerackert und mit zitternden Händen, wie er selbst schrieb, sein Lager aufsuchen. Sein Arbeitsplatz in der Nähe der Ladentür zog ihm aber eine schlimme Erkältung, Husten und Rheumatismus zu. Das Übel wich nicht, so daß Watt im Herbst 1756 nach der schottischen Heimat zurückkehrte, mit Bions Werk über mathematische Instrumente und allem Handwerkszeug versehen, das zur Niederlassung als Meister im Norden erforderlich war.

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings