Biographien (continued 3)
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Eine ruhigere Stimmung herrschte in einem Briefe Goethe's vom 3. November 1825. "Von mir," schrieb er, "kann ich so viel sagen, daß ich, meinem Alter und Umständen nach, wohl zufrieden seyn darf. Die Verhandlungen wegen einer neuen Ausgabe meiner Werke geben mir mehr als billig zu thun; sie sind nun ein ganzes Jahr im Gange. Alles läßt sich aber so gut an, und verspricht den Meinigen unerwartete Vortheile, um derentwillen es wohl der Mühe werth ist, sich zu bemühen. Auch fehlt es nicht mitunter an guten Gedanken und neuen Ansichten, zu denen man auf der Höhe des Lebens gelangt."
Erhalten ward Goethe in dieser heitern Stimmung durch seinen lebhaften Antheil an zwei Dichtern des Auslandes, mit denen er um diese Zeit in schriftliche Berührung kam. Den Italiener Manzoni, für dessen Tragödie: "Der Graf von Carmagnola," sich Goethe lebhaft interessirte, nannte er in einem seiner Briefe "einen Dichter, der verdiene, daß man ihn studire." Durch die eigentümliche Art und Weise, wie der Lord Byron die dem "Faust" zu Grunde liegende Idee des unbefriedigten Strebens eines reichen, aber in sich zerfallenen Gemüths für das Drama: "Manfred" benutzt hatte, lenkte sich Goethe's Aufmerksamkeit auf diesen Dichter, dessen großes poetisches Talent er zwar anerkannte, doch zugleich sich wieder von ihm zurückgestoßen fühlte durch Byron's an Verzweiflung grenzende Unzufriedenheit mit der Welt und ihren Verhältnissen.
Zu den erfreulichsten Erscheinungen für Goethe in seinem höheren Alter gehörte die durch zahlreiche Gedichte seiner Freunde und Verehrer und durch sonstige werthvolle Gaben gefeierte Wiederkehr seines Geburtstages. Innig freute er sich, daß sein Talent noch immer eine Anerkennung fand zu einer Zeit, wo eine einseitige und befangene Kritik ihm seinen wohlverdienten Dichterruhm zu schmälern suchte. Zu einer allgemeinen und würdigen Feier, nicht blos in Weimar, sondern auch in mehreren andern Städten Deutschlands ward Goethe's Jubelfest im Jahr 1825. Die funfzigste Wiederkehr des Tages, an welchem Goethe in den Weimarischen Lebenskreis eingetreten war, sollte zugleich als sein Dienstjubiläum gefeiert werden. Dies geschah auf den Wunsch seines Fürsten, dem er ein halbes Jahrhundert hindurch seine treue Gesinnung als Staatsmann, Dichter, Rathgeber und Freund im höchsten Sinne des Worts in mannigfacher Weise bethätigt hatte. Aehnliche Festlichkeiten, von denen eine in Weimar erschienene Schrift eine ausführliche Beschreibung lieferte, hatten einige Monate früher, den 5. November 1825 bei dem durch Goethe mehrfach verherrlichten Regierungsjubiläum seines Fürsten statt gefunden.
Goethe war dadurch seiner gewohnten stillen Thätigkeit entzogen worden. Die Nachwirkungen jener geräuschvollen Tage schien er noch lange zu empfinden. Er schrieb darüber den 16. November 1825: "Wie der Eindruck des Unglücks durch die Zeit gemildert wird, so bedarf das Glück auch dieses wohlthätigen Einflusses. Erst nach und nach erhole ich mich vom 7. November. Solchen Tagen sucht man sich im Augenblick möglichst gleich zu stellen, fühlt aber erst hinterher, daß eine solche Anstrengung nothwendig einen abgespannten Zustand zur Folge hat. Ich bin höchst bedrängt, zwar nicht von Sorgen, aber doch von Besorgungen, und das kann sich zuletzt zu einem Grade steigern, daß es fast dasselbe wird."
Den Standpunkt, aus welchem Goethe im höheren Alter das Leben mit seinen mannigfach wechselnden Erscheinungen betrachtete, zeigte folgende Stelle in einem Briefe vom 19ten März 1827: "Mir erscheint der zunächst mich berührende Personenkreis wie ein Convolut sibyllinischer Bücher, deren eins nach dem andern, von Lebensflammen aufgezehrt, in der Luft zerstiebt, und dabei den übrig bleibenden von Augenblick zu Augenblick höhern Werth verleiht. Wirken wir fort, bis wir, vor oder nach einander, vom Weltgeist berufen in den Aether zurückkehren. Möge dann der ewig Lebendige uns neue Thätigkeiten, denen analog, in welchem wir uns schon erprobt, nicht versagen. Fügt er sodann Erinnerung und Nachgefühl des Rechten und Guten, was wir hier schon gewollt und geleistet, väterlich hinzu, so werden wir gewiß um desto rascher in die Kämme des Weltgetriebes eingreifen. Die entelechische Monade muß sich nur in rastloser Thätigkeit erhalten; wird ihr diese zur andern Natur, so kann es ihr in Ewigkeit nicht an Beschäftigung fehlen. Man verzeihe mir diese obstrusen Ausdrücke. Hat der Mensch sich doch von jeher in solche Regionen verloren, in solchen Spracharten sich mitzutheilen versucht, da, wo die Vernunft nicht hinreichte, und wo man doch die Unvernunft nicht wollte walten lassen."
Unter Goethe's poetischen Entwürfen beschäftigte ihn vorzüglich eine Fortsetzung seines "Faust." Diese Tragödie, zu welcher er ein Zwischenspiel, "Helena" betitelt, gedichtet hatte, sollte einen zweiten Theil erhalten. Mit dieser poetischen Arbeit beschäftigte er sich größtentheils in seiner am Park gelegenen Gartenwohnung. Heiter gestimmt ward er durch den Anblick der freien Natur. "Die Vegetation," schrieb er, "hat sich dieses Jahr in der ganzen Umgegend auch an alten Bäumen bemerklich gemacht, und so freue ich mich des lange Versäumten und Vernachlässigten noch mehr, als eines Vermißten und Ersehnten. Ich fühle mich genöthigt, jeden Tag wenigstens einige Stunden in meinem Garten zuzubringen." Den 21. November 1827 meldete Goethe, der zweite Theil des Faust rücke rasch fort. "Die Aufgabe," schrieb er, "ist hier, wie bei der Helena, das Vorhandene so zu bilden und zu richten, daß es zum Neuen passe und klappe, wobei manches zu verwerfen, manches umzuarbeiten ist."
Sein selten wankender Gesundheitszustand gönnte ihm eine rastlose Thätigkeit. Er hatte daher auch seit einigen Jahren seine gewöhnlichen Sommerreisen nach Carlsbad und Töplitz aufgegeben. Hinsichtlich seiner Arbeiten meinte er in einem Briefe vom 22. April 1828: "Wenn der Mensch nicht von Natur zu seinem Talent verdammt wäre, so müßte man sich als thöricht schelten, daß man in einem langen Leben immer neue Pein und wiederholtes Mühsal sich aufläde."
Den Eindruck, den der Tod seines von ihm innig verehrten Fürsten, des Großherzogs Carl August von Sachsen-Weimar, der den 14. Juni 1828 zu Graditz bei Torgau gestorben war, auf Goethe machte, schilderte ein aus Dornburg vom 10. Juli datirter Brief. "Bei dem schmerzlichsten Zustande meines Innern," schrieb Goethe, "mußte ich wenigstens meine äußern Sinne schonen. Ich begab mich daher den 7. Juli hieher, um den düstern Functionen zu entgehen, wodurch man, wie billig und schicklich, der Menge symbolisch darstellt, was sie im Augenblicke verloren hat, und was sie diesmal gewiß auch in jedem Sinne empfindet."
Linderung für seinen Schmerz fand Goethe in der schönen Natur Dornburgs und der Umgegend, wo er längere Zeit verweilte. "Ein reich ausgestatteter Blumengarten," schrieb er, "vollhängende Weingelände sind mir überall zur Seite, und da thut sich dann die alte wohlfundirte Liebschaft wieder auf. Gründliche Gedanken sind ein Schatz, der im Stillen wächst, und Interessen zu Interessen schlägt. Davon zehre ich denn auch gegenwärtig, ohne den kleinsten Theil aufzehren zu können. Denn das ächte Lebendige wächst nach, wie das Bösartige der Hydra auch nicht zu tilgen ist." Diese Aeußerung entlockten dem greisen Dichter die mannichfachen Versuche seiner Gegner, seine poetischen und wissenschaftlichen Bestrebungen in einem falschen Lichte zu zeigen, und ihn dadurch in der Achtung des Publikums herabzusetzen. Goethe äußerte sich darüber mit den Worten: "Von allem, was gegen mich geschieht, keine Notiz zu nehmen, wird mir im Alter, wie in der Jugend erlaubt seyn. Ich habe Breite genug, mich in der Welt zu bewegen, und es darf mich nicht kümmern, ob sich irgend einer da oder dort in den Weg stellt, den ich gegangen bin."
Ueber die ungenügenden und fehlerhaften Geisteserzeugnisse mancher neueren
Schriftsteller, vorzüglich auf dem wissenschaftlichen Felde, äußerte sich Goethe unmuthig in einem Briefe vom 2. Januar 1829. "Es giebt," schrieb er, "sehr vorzügliche Leute, aber die Hansnarren wollen alle von vorn anfangen, und unabhängig, selbstständig, original, eigenmächtig, uneingreifend, gerade vor sich hin, und wie man die Thorheiten alle nennen möchte, wirken, und dem Unerreichbaren genug thun. Ich sehe diesem Gange seit 1789 zu, und weiß, was hätte geschehen können, wenn irgend Einer rein eingegriffen, und nicht jeder ein Peculium für sich behalten hätte. Mir ziemt jetzt 1829 über das Vorliegende klar zu werden, es vielleicht auszusprechen. Doch wenn mir das auch gelingt, wird's doch nichts helfen; denn das Wahre ist einfach und giebt wenig zu thun; das Falsche giebt Gelegenheit, Zeit und Kräfte zu zersplittern."
Wissenschaftliche Forschungen behielten für Goethe noch immer ein sehr lebhaftes Interesse. "Ich suche," schrieb er, "meine Stellung gegen Geologie, Geognosie und Oryktognosie klar zu machen, weder polemisch, noch conciliarisch, sondern positiv und individuell. Das ist das Klügste, was man in alten Tagen thun kann. Die Wissenschaften, mit denen wir uns beschäftigen, rücken unverhältnißmäßig vor, manchmal gründlich, oft übereilt und modisch. Da dürfen wir denn nicht unmittelbar nachrücken, weil wir keine Zeit mehr haben, auf irgend eine Weise leichtsinnig in der Irre zu gehen. Um aber nicht zu stocken und allzuweit zurück zu bleiben, sind Prüfungen unserer Zustände nöthig. Mich bringt nichts ab von meinem alten erprobten Wege: die Probleme sacht wie Zwiebelhäute zu enthüllen, und Respect zu behalten vor allen wahrhaft stilllebenden Knospen. Je älter ich werde, desto mehr vertrau' ich auf das Gesetz, wonach die Rose und Lilie blüht."
Manche erfreuliche Anerkennung ward Goethe's Talenten im In- und Auslande gezollt. Mehrere seiner Freunde und Verehrer in England und Schottland überraschte ihn bei der Wiederkehr seines Geburtstages am 28. August durch das Geschenk eines kostbaren, mit großer Kunstfertigkeit gearbeiteten Petschafts. Fast gleichzeitig erhielt er seine von dem französischen Bildhauer David gefertigte Colossalbüste, anderer werthvollen Geschenke und Auszeichnungen nicht zu gedenken. Sein Leben war in mehrfacher Hinsicht ein glückliches zu nennen. Gleichwohl blieb er nicht verschont von bittern Erfahrungen. Seinen einzigen Sohn, den Kammerrath August v. Goethe, entriß ihm der Tod zu Rom in der Blüthe seiner Jahre, am 28. October 1830. Goethe's Fassung bei diesem Verlust schilderte folgende Stelle in einem seiner damaligen Briefe. "Hier kann allein der große Begriff der Pflicht uns aufrecht erhalten. Ich habe keine Sorge, als mich im Gleichgewicht zu erhalten. Der Körper muß, der Geist will, und wer seinem Wollen die nothwendige Bahn vorgeschrieben sieht, der braucht sich nicht viel zu besinnen."
So ward eine verdoppelte Thätigkeit, die seiner Natur ein dringendes Bedürfniß war, für Goethe zugleich das wirksamste Mittel, schmerzhaften Eindrücken kräftig zu begegnen. Beschäftigte ihn irgend eine große Idee, so entsagte er oft ganze Monate jeder Lectüre, um sich nicht durch andere Gegenstände zu zerstreuen. "Es ist doch," schrieb er, "genau betrachtet, nur eine Philisterei, wenn wir demjenigen zu viel Antheil schenken, worin wir nicht wirken können. Und dann darf ich wohl sagen: ich erfahre das Glück, daß mir in meinem hohen Alter Gedanken aufgehen, welche zu verfolgen und in Ausübung zu bringen, eine Wiederholung des Lebens gar wohl werth wäre. Daher wollen wir uns, so lange es Tag ist, nicht mit Allotrien beschäftigen."
Eine gewisse Begrenzung der Thätigkeit hielt Goethe für nothwendig. "Es ist ganz eins," schrieb er, "in welchem Kreise ein edler Mensch wirkt, wenn er nur diesen Kreis genau kennen zu lernen und völlig auszufüllen weiß. Wofür aber der Mensch nicht wirken kann, dafür sollte er auch nicht ängstlich sorgen, nicht über Bedürfniß und Empfänglichkeit des Kreises hinaus, in den ihn Gott und die Natur gestellt, anmaßlich weiter wirken wollen. Alles Voreilige schadet; die Mittelstraße zu überspringen, ist nicht heilsam. Thue nur jeder an seiner Stelle das Rechte, ohne sich um den Wirrwarr zu bekümmern, der fern oder nah die Stunden auf die unseligste Weise verdirbt, so werden Gleichgesinnte sich bald ihm anschließen, und Vertrauen und wachsende Einsicht von selbst immer größere Kreise bilden."
Diesen Lebensregeln und seiner rastlosen Thätigkeit auch in höherem Alter treu zu bleiben, war ihm durch die fast ununterbrochene Dauer seiner Gesundheit gegönnt. Er genas bald wieder von einem Blutsturz, der ihn 1831 befiel, als er sich mit dem Ordnen seines literarischen Nachlasses und mit dem zweiten Theil des "Faust" beschäftigte. Im August des genannten Jahres ging er nach Ilmenau. Nach seinem eignen Geständniß hatte er sich dorthin begeben, um den persönlichen Huldigungen auszuweichen, die ihn bei der Wiederkehr seines Geburtstages zu überraschen pflegten.
Sichtbar gestärkt kehrte er wieder nach Weimar zurück. Die Kraft und Munterkeit des Geistes im Gespräch mit seinen Freunden ließ kaum ahnen, daß ihm sein Lebensende sehr nahe war. Ein Engländer, der ihn besuchte, schilderte ihn noch so jung und kräftig wie einen Vierziger. Dem kalten Luftzug, der ihn auf dem Gange aus seiner Studirstube nach den vordern Zimmern angeweht habe, schrieb Goethe ein heftiges Bruststechen zu, das nach einer unruhigen Nacht noch am Morgen fortdauerte. Er ahnte keine Gefahr, als ärztliche Mittel jenes Uebel und den fieberhaften Zustand beseitigt hatten. Sein Athem war jedoch noch immer beengt, und in Gegenwart seines Arztes, des Dr. Vogel, den er den 20. März 1832 hatte rufen lassen, preßte ihm der Schmerz schneidende Töne aus. Von einer innern Angst bald in das Bette, bald in den daneben stehenden Lehnstuhl getrieben, fürchtete er eine Wiederkehr des Blutsturzes, der ihn das Jahr zuvor befallen. Seine Gesichtszüge waren verzerrt, das Antlitz graublau, der ganze Körper kalt, und von triefendem Schweiß bedeckt. Er fühlte sich sehr matt, und es traten Augenblicke völliger Bewußtlosigkeit ein. Mitunter phantasirte er, indem er ruhig in seinem Lehnstuhl saß. "Seht," sprach er unter andern, "seht den schönen weiblichen Kopf mit schwarzen Locken, in prächtigem Colorit, mit dunkelm Hintergrunde!" Unter solchen und ähnlichen Phantasieen und Rückerinnerungen an seinen ihm vorangegangenen Freund Schiller, rief er seinem Diener zu, doch den zweiten Fensterladen zu öffnen, damit mehr Licht in's Zimmer komme. Es sollen seine letzten Worte gewesen seyn. Immer schwerer athmend, drückte er sich in die linke Seite seines Lehnsessels. Es war am 22. März 1832, als er wie es schien, schmerzlos verschied.
Jenen Tag, an welchem sieben Jahre früher ein unglücklicher Brand das Weimarische Theater vernichtet, hatte Goethe, dem Glauben an Ahnungen von jeher geneigt, immer für einen tragischen und unglücksschwangern Tag gehalten. Mehrmals hatte er gefragt, der wievielste Tag im März heute sei, und der Zufall wollte, daß er an demselben Tage, in derselben Stunde starb, wo vor dreizehn Jahren sein vieljähriger Freund und Amtscollege, der Minister v. Voigt, verschieden war.
"Am Morgen nach Goethe's Tode," erzählt einer seiner jüngern Freunde, "ergriff mich eine tiefe Sehnsucht, seine irdische Hülle noch einmal zu sehen. Sein treuer Diener Friedrich schloß mir das Zimmer auf, wo man ihn hingelegt hatte. Auf den Rücken ausgestreckt, ruhte er wie ein Schlafender. Tiefer Friede und Festigkeit waltete auf den Zügen seines erhabenen edeln Gesichts. Die mächtige Stirn schien noch Gedanken zu hegen. Ich hatte das Verlangen nach einer Locke von seinen Haaren, doch die Ehrfurcht hinderte mich, sie ihm abzuschneiden. Der Körper lag nackend in ein weißes Betttuch gehüllt. Große Eisstücke hatte man in einiger Nähe umhergestellt, um ihn selbst frisch zu erhalten so lange als möglich. Friedrich schlug das Tuch auseinander, und ich erstaunte über die göttliche Pracht dieser Glieder. Die Brust überaus mächtig, breit und gewölbt; Arme und Schenkel voll und sanft muskulös; die Füße zierlich und von der reinsten Form, und nirgends am ganzen Körper eine Spur von Fettigkeit oder Abmagerung und Verfall. Ein vollkommener Mensch lag in großer Schönheit vor mir, und das Entzücken, das ich darüber empfand, ließ mich auf Augenblicke vergessen, daß der unsterbliche Geist eine solche Hülle verlassen. Ich legte meine Hand auf sein Herz—es war eine tiefe Stille—und ich wendete mich abwärts, um meinen verhaltenen Thränen freien Lauf zu lassen."
Die allgemeine Liebe und Verehrung, die er im Leben genossen, zeigte Goethe's glänzende Begräbnißfeier am 26. März 1832. Eine öffentliche Ausstellung seiner Leiche war der Beerdigung vorangegangen. Seine irdischen Ueberreste empfing die fürstliche Gruft. Die Weimarische Bühne blieb an Goethe's Begräbnißtage geschlossen, und ward am 27. März mit einer Vorstellung seines "Tasso" eröffnet. Am Schlusse des Stücks sprach der Schauspieler Durand einen von dem Geh. Rath und Kanzler v. Müller gedichteten, alle Gemüther tief ergreifenden Epilog. Auch mehrere Gedichte von Goethes Freunden und Verehrern sagten seinen Zeitgenossen, was sie an ihm verloren. In mehrfacher Hinsicht paßten auf ihn selbst die Worte, die er einst am Grabe der Herzogin Amalia von Sachsen-Weimar gesprochen: "Das ist der Vorzug edler Naturen, daß ihr Hinscheiden in höhere Regionen segnend wirkt, wie ihr Verweilen auf der Erde, daß sie uns von dorther, gleich Sternen, entgegen leuchten, als Richtpunkte, wohin wir unsern Lauf bei einer nur zu oft durch Stürme unterbrochenen Fahrt zu lenken haben; daß diejenigen, zu denen wir uns oft als zu Wohlwollenden und Hülfreichen im Leben hinwendeten, nun die sehnsuchtsvollen Blicke nach sich ziehen, als Vollendete, Selige."