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Ins neue Land

Von Gabriele Reuter (continued 2)

Reading edition

Da meinte sie denn nur noch, es sei doch besser, wenn Richard später regelrecht auf einer Akademie studiere, und dazu brauche er das Abitur gleichfalls. Sie entfesselte durch diesen Ausspruch Rolfers’ kaustischen Hohn über die Akademien als die Brutstätten aller Mittelmäßigkeiten – eine Überzeugung, die ihm von seiner kurzen Lehrtätigkeit an einer dieser Anstalten geblieben war.

»Wenn der Junge sich so weiter entwickelt, wie er jetzt einen Anlauf nimmt, getraue ich mir auch noch mit einem Arm einen Meister aus ihm zu machen, der seinen Vater tüchtig überflügeln kann und ein wirklicher Gewinn für die deutsche Kunst werden soll. Aber du darfst mir nicht dazwischen pfuschen, Martha – das erwarte ich von dir. Merk dir’s, Kind.«

Nannte Rolfers sie »Kind«, wurde der Frau ganz wund und weh ums Herz, tausend Erinnerungen, süße und traurige, fielen über sie her und machten sie schwach, so daß sie nur den Kopf schütteln und die Lider senken konnte, damit er die Tränen, die darunter brannten, nicht bemerkte.

Der Frühling kam spät und spärlich. Es war, als scheue er sich, seine friedevolle Blumenschöne hineinzuwerfen in all das Morden, Würgen und Bluten. Kalt wehten die Winde, Schnee und Regenschauer wechselten, die Hohlwege um Rolfers’ Haus zwischen dem dürren Heckengeäst waren eine unergründliche Schlammasse, oder ein jäher Frost ließ sie glashart erstarren. Trotzdem hatte Rolfers keine Ruh mehr im Haus und versuchte in Richards Begleitung weitere und weitere Wanderungen.

Vater und Sohn hatten sich durch stachlichtes Tannendickicht gearbeitet, das von Feuchtigkeit triefte, giftgrün quollen die Moosflecke auf den Stämmen. Der Moderdunst dampfte aus braunem Farngekräut, aus den faulenden Blättern der Weißbuchen. Efeu und Waldrebe bildeten ein zähes nasses Gespinst, das Luft und Licht von der Tiefe abhielt. Überall glitschte der Fuß auf Schlüpfrigem aus.

Vor einem nicht hohen, aber steil niederstürzenden Abhang blieb der Mann keuchend stehen und lehnte sich fest gegen einen rissigen Stamm, den Schwindel zu überwinden, der ihn gepackt hielt. Wieder hatte er seine Kraft überschätzt. Es war lächerlich – erbärmlich – aber er wußte, daß er da nicht hinunter kommen würde, mit diesem Gefühl von Unsicherheit, von mangelndem Gleichgewicht, gegen das er fortwährend anzukämpfen hatte.

»Sie sind müde,« sagte der Junge. »Legen Sie doch die Hand auf meine Schulter. Ich nehme Ihren Stock und gehe langsam, damit ich nicht ausrutsche.«

Rolfers nickte ihm zu und folgte schweigend seinem Anerbieten. Vorsichtig, zuweilen als Halt nach einem Zweige greifend, schritt der junge Führer den bösen Weg hinab. Unten kamen sie in einen Eichenbestand. Der Sturm rauschte durch ihr dürres Laub, ihre Äste knarrten und stöhnten, abgerissene Zweige lagen auf dem fahlen Grase. Aus dem Dickicht hinter ihnen klangen Töne, als jammerten verfolgte Menschen in großer Qual.

»So denk’ ich mir die Argonnen,« rief Richard atemlos. »Donnerwetter, wenn man sich vorstellt, daß es so von allen Seiten kracht und prasselt wie hier, und es sind Kugeln und Granaten statt dürrer Zweige.«

»Und man tritt in Leichen, statt in faulende Blätter. Nein, Junge, man kann es sich nicht denken, denn es ist unausdenkbar schauderhaft,« grollte Rolfers’ Stimme. »Dies hier ist ja ein friedlicher Hain gegen die finsteren Moorwälder dort. Und die Angriffe nachts in der rabenschwarzen Finsternis, bei peitschendem eiskalten Regen, wenn man nicht weiß, hat man Freund oder Feind im Griff der Fäuste – man ringt mit wilden Tieren und wird selbst zum Tier. Was man von Schlachtenbildern gesehen hat – was man von früheren Kriegen in der Schule gelernt hat – alles kindischer lächerlicher Kitsch gegen die Greuel von heute. Junge – für’s Vaterland sterben – das klingt ... Aber in so einem Mordwald liegenbleiben – von den Weiterstürmenden vergessen – und dann gleiten so die schwarzen Kerls von den Bäumen herunter und schleichen mit ihren langen Messern den Wald ab – jeden Augenblick denkst du, finden sie dich jetzt ...? Und man tappt nach dem eigenen Messer – kann nicht dazu – kann nicht ... liegt wehrlos da vor ihrer bestialischen Grausamkeit. Und wenn sie glücklich vorüber sind, der Durst, der wie die Hölle ist, der Hunger, das Rasen in den Eingeweiden, die Angst – und das kleine Viehzeug, was sich nun leise scheußlich in den eignen Wunden an die Arbeit macht ... Junge, was unsere Leute da aushalten, das ist mehr, hunderttausendmal mehr als das Sterben fürs Vaterland –«

Richards Augen glühten den Mann an, der stehenbleibend so zu ihm sprach. – Er – er selbst hatte ja das gelitten, von dem er so objektiv erzählte. Es wühlte in des Jungen Zügen, es riß wie Schmerz und Lust an seinem Herzen. Sein glänzender Blick hing voll scheuer Andacht an dem leeren Ärmel – dort waren die Wunden, in denen die Würmer gehaust – er sah den Vater liegen im nassen eklen Geschling der modernden Pflanzen, sah die lehm- und blutbedeckte, zerrissene stinkende Uniform, sah einen grellen Mondstrahl durch die Finsternis über das schöne weiße qualverzerrte Gesicht tasten ... Und fühlte den Krieg – fühlte jäh geoffenbart sein Entsetzen ...

Rolfers’ Mienen verfinsterten sich. Pfui Teufel, dachte er, als er des Knaben blasses Gesicht und seine Erschütterung bemerkte, was vollführe ich für ein Theater, um dem Bengel Eindruck zu machen ...

»Komm weiter,« brummte er ungeduldig und ging, nun der Weg wieder eben geworden, mit langen Schritten voraus, dem Freien zustrebend. Am Waldrand warf sich ihnen der Sturm brausend entgegen. Über den Himmel jagten mit rasender Eile dunkle Wolken von riesigen Formen oder gestreckt, zerfetzt, auseinandergerissen von der Gewalt der Winde, die sie trieben. Dazwischen glänzte hartes helles Blau – die Landschaft leuchtete in einem jähen Licht weit hinaus, in starken kindlichen Farben: die blankgrüne Wintersaat, die fetten schwarzen frischgebrochenen Äcker, auf denen hin und wieder ein Alter seinen Pflug mit hageren Gäulen, die gleich ihm daheim geblieben, über die Breite führte. Und die sprießenden Moorwiesen, auf denen schon die schwarz-weißen Kühe zu weiden begannen, an der Waldecke das niedre Haus mit dem hohen grauen Rohrdach, wie eine ungefüge grün- und braungefleckte Haube, die an der Stirn das alte germanische Donnergotteszeichen trug. Um den Ziehbrunnen flachsköpfige Kinder spielend mit dem kläffenden Hündchen. Alles voll Heiterkeit und blitzendem Frohsinn.

Rolfers ließ seine Augen schweifen: »Dafür lohnte sich’s schon,« sagte er. »Sieh, Richard, daß so was erhalten bleibt – still und friedlich bleibt – die Kinder spielen dürfen – das Hündchen kläffen, die alte Hexe in der Sonne sitzen kann – und die Felder so fröhlich blaugrün sich breiten – darum heißt es: fürs Vaterland sterben!«

Der Junge nickte stumm. Eine große Wolke fuhr herüber, nahm plötzlich allen Glanz und alle Lust aus der Landschaft fort, ließ nur den Kampf des Grau mit dem Grau. Er mußte seine Mütze packen, damit sie ihm nicht vom Kopf gerissen wurde. Gegen den immer stärker werdenden Sturm kämpften sie sich am Waldrand hin, bis sie die Ecke erreichten und in einer weichhingedehnten schönen Mulde das Dorf vor ihnen lag. Rolfers überlegte einen Augenblick. »Wir können hier noch ein Stückchen weiter gehen und ich zeige dir unser Schloß, einen famosen alten Barockbau. Der Graf wird im Felde sein und die Gräfin in Hamburg. Ich denke, wir können es ungestört besichtigen.«

– – ‘Dort werde ich mir einen Stuhl geben lassen und eine Weile ausruhen’, dachte er dabei, denn es schien ihm unerträglich, den Jungen noch einmal seine Erschöpfung merken zu lassen.

»Hast du schon einmal ein Schloß gesehen?« fragte er unterwegs.

»Das vom Kaiser in Berlin!«

»Na ja, natürlich, ich meine so ein feines Landschloß. Die gehören auch zu Deutschland, genau so wie die verrumpelten Waldhütten. Sollst schon sehen, wird dir gefallen.«

Die Wiesen bekamen ein gepflegtes Ansehen, einzelne schöne Baumgruppen gaben der Gegend einen parkartigen Charakter. Auf umfriedeter Koppel jagten sich ein paar braune Fohlen, die Richard mit ihren ungeschickten Sprüngen begeisterten. Der Hütejunge zog die schmierige Kappe und klatschte mit seiner langen Peitsche. Eine Allee alter Linden nahm die Wanderer auf. Sie endete in einem weiten Platz, auf dem das graue Schlößchen mit seinen Gartenanlagen, seinen Statuen und der geschwungenen Rampe sich vornehm genug ausnahm. Gewaltige Buchen und Kastanien mochten ihm im Sommer einen grünen Hintergrund bilden. Zur Seite zogen sich efeubesponnene Wirtschaftsgebäude um einen länglichen Hof.

Rolfers stieg mit dem Jungen die Rampe hinauf und zeigte ihm die Karyatiden, die das Wappen über dem Portale trugen, und die geflügelten Putten, die es umschwebten. Ein Diener sah aus einem Parterrefenster und grüßte.

»Sind Nachrichten vom Grafen da?« fragte Rolfers.

»Ja, es geht ihm gut. Aber der jüngste Bruder des Herrn ist gefallen. Die Gräfin-Mutter ist hier. Darf ich den Herrn Professor melden?«

»Nein – im Visitenanzug sind wir doch nicht. Ich glaubte die Herrschaften in Hamburg.«

»Sie sind gestern erst zurückgekehrt. – Die Frau Gräfin würde sich gewiß freuen!«

»Ich spreche in den nächsten Tagen vor. Auf Wiedersehen, Wilke.« Rolfers lüftete den Hut und ging mit Richard durch die Lindenallee weiter. Der Junge trat zwischen die Bäume und blickte noch einmal zurück auf die weite Wiese.

»Das möchte ich malen – – die komischen kleinen Viecher auf dem Grün ...«

»Versuch’s – geh morgen nachmittag her.«

»Sehen Sie mal – die Bäume sind schon anders als im Winter – so viel dunkler und voller Saft ...«

»Ja – ich mochte den Vorfrühling auch immer gern. Er ist bedeutend malerischer als das volle Blühen. Zeichne mal eine Studie von dem Geäst. Das ist wie Schmiedeeisen. – Na – da laufen wir der Gräfin doch in die Arme.«

Am Ende der Allee erschienen zwei schwarze Frauengestalten und näherten sich ihnen.

Rolfers sah lachend auf den Jungen: »Mach’ kein so verstörtes Gesicht, sie fressen dich nicht.«

Rolfers ging den beiden Damen entgegen und begrüßte sie. Richard hatte sich Gräfinnen anders vorgestellt. Die Jüngere trug einen grauen Lodenmantel über dem Trauerkleid und einen ziemlich schäbigen schwarzen Filzhut, die alte Dame hatte einen schwarzen Schal um den Kopf gewickelt und das Kleid sehr hoch geschürzt, die Füße in derben Lederstiefeln. Trotz des ländlich-ungenierten Anzugs sahen sie vornehm aus und gefielen ihm. Die Art und Weise, wie sie mit dem Professor sprachen, war sehr herzlich – es mußten gute alte Bekannte sein. Die junge Gräfin sagte, sie habe gestern erst gehört, daß er zurück sei und schwer verwundet – und habe bereits zum nächsten Morgen den Wagen bestellt, um nach ihm zu sehen. Nun sei sie erfreut, ihn schon so tapfer marschierend zu finden. Er müsse mit seinem jungen Gast zu ihnen hereinkommen und Tee nehmen. Sie werde ihn später nach Haus fahren lassen, denn er dürfe sich durchaus nicht überanstrengen.

Rolfers zögerte einen Augenblick, da sah sie Richard freundlich an und fragte mit der freien Liebenswürdigkeit, die zuweilen an den Damen der großen Welt so bezaubernd wirken kann: »Nicht wahr, du bist auch meiner Ansicht, wenn der Professor stundenlang im Sturm herumgelaufen ist, muß er sich stärken. Und wir haben auch frischen Apfelkuchen, den magst du doch?«

Richard nickte etwas ungeschickt mit dem Kopfe, wie die jungen Füllen auf der Wiese, wobei er sehr rot wurde.

»Mein Schüler,« stellte Rolfers ihn nun vor, und die Gräfin rief lebhaft: »Ja, verzeihen Sie, daß ich Sie du nannte – Sie sehen noch so jung aus ...«

»Das ist er auch noch – vorläufig nichts weiter als ein Schulbub.«

Man ging nun gemeinsam zum Schlosse zurück, der Professor zwischen den beiden Damen – sie sprachen von den gefallenen jungen Helden, von dem, was der Graf aus dem Felde an seine Frau schrieb, vom Kriege überhaupt. Richard trottete ziemlich unbeachtet nebenher. Er verwunderte sich, daß die alte Dame nicht weinte, während sie von ihrem jüngsten Sohn sprach – er war noch nicht neunzehn Jahre alt gewesen – ihre Augen hatten einen seltsam tiefen strahlenden Ausdruck, ihr Mund lächelte und doch lagerte der Schmerz um ihn her. Sie erschien ihm wie eine leidtragende Mutter Gottes – über den Kummer hinaus erhaben.

Man begab sich in ein Zimmer, an dessen seidenbespannten Wänden schöne gebauchte Rokokokommoden mit Meißner Porzellanfiguren standen, man saß auf geschweiften Armsesseln, mit verblichenen Damasten bezogen. Die Gräfin bereitete selbst den Tee auf einem Tischchen, das mit viel Silbergeschirr und eierschalendünnen Täßchen besetzt war. Nachdem der alte Diener ihr Mantel und Hut abgenommen und sie ihr Kleid heruntergelassen hatte, sah man erst, wie fein und schlank ihre Gestalt war.

Richard fand sich plötzlich in eine Welt versetzt, die ihm fremd aber zaubervoll anziehend erschien, und es imponierte ihm gewaltig, daß Rolfers in dieser Welt durchaus heimisch war und in dem teilnehmenden und vertrauten Ton eines alten Freundes mit den trauernden Frauen sprach.

»Sie müssen oft zu uns kommen, lieber Professor,« sagte die jüngere Gräfin, als er und Richard sich verabschiedeten und sie ihnen bis zur Tür das Geleit gab. »Sie tun meiner Schwiegermutter und mir einen wirklichen Dienst, wenn Sie uns ein wenig zerstreuen. Die Abende sind fast nicht zu ertragen in diesem leeren Schlosse mit der Angst und Sorge auf dem Herzen. Die Mama ist bewunderungswürdig, aber dann bricht sie zuweilen doch zusammen.«

Rolfers versprach, seinen Besuch bald zu wiederholen, die Gräfin reichte auch Richard die Hand, der sie linkisch schüttelte. »Ihren jungen Schüler bringen Sie aber mit,« sagte sie, dem Knaben herzlich zulächelnd, »das heißt, wenn er sich nicht zu arg bei uns langweilt. Aber wir haben ja Bücher und Mappen mit Photographien, die ihn sicher interessieren werden.«

Richard wurde aufs neue sehr rot, während er die Aussicht, wiederkommen zu dürfen, als etwas Entzückendes empfand, erschrak er zugleich, und unbestimmte Verpflichtungen, zu denen er dadurch gezwungen sein würde, beängstigten ihn.

Kaum hatten sie den gelben Break bestiegen, den die Gräfin bestellt hatte, und fuhren durch die dunkelnde Lindenallee ihrem Heim entgegen, begann der Professor auch schon: »Wenn die Gräfin dir die Hand reicht, hast du sie zu küssen – nicht mit einem heftigen Schmatz – sondern nur mit einem leisen Berühren der Lippen. Übrigens könntest du dir auch die Pfoten etwas sauberer halten. Das wollte ich dir schon längst einmal sagen.«

»Ich bin doch kein Fatzke, der sich die Nägel poliert,« brummte Richard, schon wieder zu innerem Widerspruch gereizt.

»Von Fatzkentum ist keine Rede, wenn man seinen Körper pflegt. Das gehört einfach zum kultivierten Menschen und auf diesem Gebiet hast du noch so ziemlich alles zu lernen.«

»Mutter war ich immer gut genug, so wie ich bin,« sagte Richard ungezogen.

Rolfers schwieg und dachte: wie schwierig ist dies alles. Dem Richard aber ging es durch den Kopf: warum bin ich so ekelhaft –? Na, es ist schon gut so, häßlich und plump wie ich bin – ein feiner Herr wie er werde ich doch niemals. Er sah auf die schlanke schöne kraftvoll beseelte Hand, mit der Rolfers seine Zigarre hielt und fühlte jäh den Schmerz um die verlorene Rechte. Eine Welle von heißer Bewunderung schlug über sein Herz.

Am andern Morgen, als Richard aus der Schule kam, stürzte er eifrig zu seiner Mutter herein.

»Du – draußen steht ein Diener vom Schloß mit einem großen Korb für den Professor.«

Martha ging hinaus, ihr Ausdruck war mürrisch, unzufrieden. Schon am vergangenen Abend bemerkte Richard, wie schweigsam sie seine Erzählung von dem Besuch bei den Gräfinnen aufgenommen hatte.

Der Diener lieferte einen anmutig mit Gewächshausflieder umkränzten Korb erlesener Äpfel und Weintrauben nebst einem Briefchen ab. Richard stand strahlend vor Freude neben der Gabe, während Rolfers mit dem geöffneten Brief hinausging, dem Diener Bescheid zu geben.

»Mutti, sieh nur, ist das nicht herrlich! Viel zu schön, um es zu zerstören. Lieb von den Damen, nicht?«

Martha stand mit zusammengekniffenem Mund vor der zarten weiß und lila Blütenfülle.

Rolfers kam zurück, neigte sich über die Blumen und Früchte und sog ihren Duft ein. »Das gefällt dir, was, Kerlchen? Ja – wir Künstler und der Luxus – das gehört nun mal zusammen. Wir sind ja auch Luxusgewächse. Du, wir sind zu morgen abend gebeten – einen Rehbraten mitessen! was sagst du?«

»Mutter auch?« fragte der Junge plötzlich und in seine Augen kam das helle stählerne Licht, das Rolfers besonders an ihnen liebte.

»... Nein – – die Gräfinnen kennen Mutter doch nicht.«

Ein Schweigen war plötzlich im Zimmer, unter dem Rolfers unbehaglich hin und her ging. Richard polterte mit seinen Büchern und Martha entfernte sich – man hörte sie dann in der Küche.

Bei Tisch sagte Richard: »Ich möchte nicht mit in das Schloß. Was soll ich da ...?«

»Lege dir keinen Zwang auf, mein Sohn,« antwortete Rolfers kühl. »Ich glaube, die Gräfinnen können deine Gegenwart entbehren.«

Martha senkte den Kopf, eine Röte stieg ihr vom Hals herauf bis unter das helle krause Haar.

Rolfers sah sie an und schwieg zunächst. Er hatte diese peinliche Situation vorausgesehen und deshalb das Schloß bisher vermieden. Nun mußte es durchgefochten werden.

»Du hast Schwereres auf dich genommen, Martha,« sagte er zu der Frau, als sie allein waren, »warum dem Jungen die Freude verderben? Es war reizend, seine hellen Blicke zu sehen, mit denen er das Unbekannte begrüßte. Die alte Gräfin beobachtete ihn ein paarmal ganz gerührt. Er gefiel ihr, der Junge. Aber wie du willst, ich rede dir da nicht hinein. – Nur – was mich betrifft – ich kann mich dem Umgang mit den Nachbarn nicht ganz entziehen. Besonders jetzt, wo ich ihnen für viele Gastfreundschaft und manche erwiesene Gefälligkeit einmal nützlich sein kann.«

»Du glaubst gewiß, ich hätte dir den Jungen aufsässig gemacht,« sagte die Frau heftig. »Das ist ungerecht. Ich habe kein Wort gesagt. Mag er gehen. Er gehört ja doch bald ganz zu dir.«

»Welcher Ton?« fragte Rolfers überrascht. »Martha, ich fürchte, du irrst dich sehr. Ich bin kaum in die Vorkammern seines Vertrauens eingedrungen. Mißgönnst du mir das schon?«

Er legte seine Linke auf ihre Rechte und sah ihr nachdenklich ins Gesicht. Dann schüttelte er ein wenig den Kopf.

Martha begann zu schluchzen. »Ich bin auch nur ein Mensch.«

»Ein lieber und wertvoller Mensch, Martha, – vergiß nie, daß du mir das bist! Und daß ich dich sehr nötig habe! Ja, wenn ich dich nicht wieder fand – wo wäre ich jetzt?«

Er beugte sich und küßte sie leise auf das Haar.

»Meine gute Freundin!«

Sie lächelte durch ihre Tränen und gab ihm die Hand:

»Du hast nichts mit der Gräfin? Zwar – was geht es mich an ...?«

»Martha, ich denke, du könntest mir den Takt zutrauen, daß ich dich dann nicht hierher gebracht hätte – dich und den Jungen! – Aber sieh, wenn du anfängst eifersüchtig zu werden – dann geht das alles nicht mehr.«

»Nein, nein!« rief die Frau ängstlich.

»Dann bekommt alles eine Färbung, die ich nicht ertragen könnte!« sagte Rolfers. »Du bist dein freier Herr, Martha. Scheint dir unser Zusammenleben, wie es sich nun herausgebildet hat, ungenügend oder unerfreulich, möchte ich dich keine Stunde länger hier halten. Obschon ich dich entbehren würde. Von dem Jungen nicht zu reden. Ich weiß, ich bin ein unangenehmer Geselle – war es immer – bin es heute mehr als je zuvor.«

»Ich kenne dich besser,« sagte Martha weich. »Was kommt auf mich an. Wieviel Geduld und Zeit wendest du an Richard. Da muß ich mich oft wundern.«

»Er ist doch mein Fleisch und Blut,« sagte Franz Rolfers ernst und seine Augen blickten still gesammelt in die Ferne. Ich lüge, dachte er, aber mag es immerhin sein – sie würde ja nie verstehen, daß ein Fremder mir dasselbe hätte werden können, wenn er Richards Talent und seinen Arbeitseifer hätte.«

Martha wollte mit ihrem Sohn offen und ehrlich reden über Rolfers’ Verkehr im Schloß und in der Nachbarschaft, an dem sie durchaus nicht teilzunehmen wünschte. Sie hatte sich viele gute und kluge Worte zurechtgelegt, die sie zur Klarstellung dieser schwierigen Angelegenheit und zu Rolfers’ Verteidigung sagen wollte. Aber sie kam nicht dazu, ihren Vorsatz auszuführen. Es fand sich niemals die passende Gelegenheit oder die rechte Stimmung. Auch an dem Abend nicht, an dem sie beide ihr Mahl zu zweien hielten – seit wie langer Zeit wieder einmal allein miteinander ... Da ging es am wenigsten. Sie sprachen sehr eifrig über den Krieg und die Zeitungsnachrichten, über Schützengräben und Friedensaussichten. Später rückte sich Richard die Lampe zurecht und zeichnete schweigsam, und Martha las, bis sie den Wagen rollen hörten, der den Professor zurückbrachte. Die Selbstverständlichkeit des Vertrauens zwischen ihnen war gestört. Von den beiden Menschen, die so eng zusammengehört hatten, fühlte sich, durch ein drittes Element geschieden, plötzlich jeder in seiner eigenen Welt, mit seinen eigenen Kämpfen beschäftigt, weit entfernt von dem anderen.

Rolfers sah bald nach seinem Besuch im Schlosse, daß alles für ihn neu zu beginnen sei. Und er fragte sich zuweilen, ob er nicht endlich erlahmen müsse. Richard war reizbar, zum Widerspruch geneigt, bei allem, was der ältere Mann sagte oder tat, sah man Hohn und Verachtung auf dem Gesicht des Jungen. Wozu setzte er sich eigentlich dieser Behandlung von einem Knaben aus? Er, der sonst selbstherrlich und empfindlich gewesen war bis zu dem Grade, daß er sofort abreisen oder einen Verkehr schroff abbrechen konnte, wenn ihm ein Mensch unsympathisch wurde, ihm durch gegensätzliche Ansichten über Kunst, durch den Klang der Stimme, durch irgendeine Äußerlichkeit auf die Nerven ging. Wie oft hatte er sich nicht für Monate in die Einsamkeit begeben, weil er nicht einmal die Gesellschaft seiner guten Freunde zu ertragen vermochte. Und seine Nerven waren durch das lange Leiden empfindlicher als je zuvor. Nicht nur die Qual des Nichtstuns fraß an seiner Seele. Das ungeheuere Leid, das er ringsum wüten sah, die schmerzliche Erkenntnis von dem Verlust an Schönheit, an Jugend, an reinem Menschentum, den dieser grauenhafte Krieg mit sich brachte, bedrückte ihn oft mit Schwermut, aus der er sich kaum herauszuarbeiten vermochte.

Oft hätte er den widerborstigen Bengel schütteln und ohrfeigen mögen und ihm zuschreien: Ja, hast du denn keine Seele, keine Empfindung für das, was um dich vorgeht? Siehst du denn nicht, wie ich bereit bin, dir mein Alles zu geben, den Rest meines zermarterten Lebens, damit deines doppelt reich und herrlich blühe?

Rolfers sagte sich, daß er verzichten müsse, dem Jungen menschlich näherzukommen, er besaß dafür wohl ein für allemal nicht die richtige Art. Er hatte es ja auch gar nicht gewollt – ursprünglich. Nur spürte er jetzt, wie die Kunst und das Menschliche eben nicht reinlich auseinanderzuhalten waren. Beide Mächte beeinflußten sich gegenseitig in einer Weise, die ihm erschütternde neue Erfahrungen brachte.

Sein ganzes Werk an Richard – diese eigenartige, scharf durchdachte, ganz persönliche Art der Ausbildung zur Kunst, die er anstrebte, wurde in Frage gestellt, ja völlig unmöglich gemacht, wenn der Junge sich ihm nicht willig hingab. Er sah bereits deutliche Anzeichen von Verwilderung in Richards Arbeiten, deren Ursprung entschieden in dem heftig aufgestörten Widerspruchsgeist, in dem stets wachen Mißtrauen gegen des Lehrers Anweisungen zu finden war. Und je mehr Richard geistig von ihm abrückte, desto strenger wurde Rolfers in seinen Forderungen, desto einsilbiger in ihrer Begründung.

– So ärgerte es den Professor maßlos, daß Martha hinter seinem Rücken ihrem Sohn einen Malkasten mit Ölfarben geschenkt hatte, trotzdem er den Jungen vorläufig noch ganz auf das Zeichnen beschränkt wissen wollte. Tagelang schwieg er in verbissenem Groll. Endlich ließ er sich noch einmal herab, seinem Schüler die Gründe für seine Forderung zu erklären. Richard hörte mit einem Gesicht zu, auf dem deutlich zu lesen stand: er sei anderer Meinung, und diese habe wohl eine gleiche Berechtigung. Rolfers sah ihn am Nachmittag verstohlen hinausstreichen – den verbotenen Kasten unter dem Arm.

Lange würden die Dinge so nicht weitergehen können.

– – Ist es immer und überall Elternlos, zu geben – zu schenken – nichts dafür einzutauschen – nicht Dankbarkeit – nicht Liebe – nicht einmal ein wenig Anhänglichkeit? so fragte sich Rolfers oft. Bestand zwischen Elternliebe und der Liebe des Menschen zum Vaterlande ein sonderbarer, geheimer Zusammenhang? Brauchten die Kinder, wie das Vaterland, die Menschen, die sich ihnen hingaben, restlos auf, um zu bestehen, um weiter zu blühen? Galt von ihnen das gleiche wie von der Kunst? Die hatte ihn auch ganz und gar für sich verlangt. Das wußte er gut genug. Die rücksichtslose Abwehr gegen jede feste menschliche Gemeinschaft war doch nichts anderes als eine strenge Forderung seiner Kunst. War es ihm nun aus solcher Vereinsamung heraus unmöglich geworden, die Seelenschwingungen in einem anderen menschlichen Geschöpf, einem jungen, neu beginnenden zu verstehen und ihm gerecht zu werden?

– – – Er ahnte ja, was ihm den Knaben gewonnen hätte! – Aber nun sollte er in reifen Mannesjahren aus seiner Welt heraus und wieder zurück in das Primitive, in die Familie? Wohl wollte er geben – aber sich selbst aufgeben, das schien ihm unmöglich. Mit vierzig Jahren und ungebrochener Geistigkeit sein bisheriges Leben, seine Ideale und Gewohnheiten verneinen, damit das neue Reis treibe – konnte er das vollbringen? In ihm schrie ein starker Mensch und wehrte sich empört gegen die drohende Vergewaltigung seines Ich.

Also galt es dann nur noch, die Hand auch von dem letzten Werk zu lassen, dem Werk, in das er sich so glühend verbissen hatte? Es forderte das letzte Opfer von ihm – und das konnte er nicht bringen.

Im Garten stand Rolfers neben dem Tulpenbaum, an dem die Blätterknospen aufbrachen, und sah mit heißen überwachten Augen dem alten Lütje zu, der sorglich die Rosen an neue Stöcke band. Bei den Gemüsebeeten arbeitete Frau Martha im Schweiße ihres Angesichtes. Sie war hausfraulich und voller Eifer bedacht, die Wirtschaft mit Kartoffeln, Rüben und Kohl zu versehen, denn Fleisch, das auch sonst nicht häufig im Dorfe aufzutreiben war, gab’s jetzt in diesen Kriegszeiten noch seltener und von mangelhafter Güte. So pflegte sie lange Zwiesprache mit dem alten Holsteiner um Düngung, Saat- und Pflanzzeit, studierte Bücher wie den »kleinen Kriegsgemüsegarten« und den »Blumengarten der deutschen Hausfrau«, hantierte mit Spaten, Steckholz und Rechen, wurde rotbäckig und fröhlich in der neuen Tätigkeit.

»Sie wächst fest hier und lernt, sich zu Hause zu fühlen,« dachte Rolfers, als er den breiten Mittelweg zu ihr hinunterschlenderte. Die schwarze, frischgegrabene Erde duftete nach Feuchte und Fruchtbarkeit. Auf den Buchseinfassungen der Rabatten lag grausilbern ein schwerer Tau und die Pflänzchen zwischen den noch kahlen stachligen Rosenbüschen standen kerzengerade, wie aufmarschierte Schulkinder. Hier und da blühten schon Büschel von gelben Primeln, von blauen Perlhyazinthen und den zarten Glöckchen der Scilla. Die breiten Irisblätter drängten wie Lanzenspitzen aus der Erde, rot schimmerten die gefiederten Blättertriebe der fliegenden Herzen. Alle altmodischen Bauernpflanzen gab es in Rolfers’ Garten, wenn der Sommer auf seiner Höhe stand, mußte auf den Rabatten ein dichtgedrängter tausendfarbiger Blumenflor sein Malerauge entzücken. Er hatte Martha freie Hand gelassen, für Samen und Stauden so viel auszugeben, wie sie mochte, das hatte sie sich nicht zweimal sagen lassen.

Als er vorüberging, richtete sich die Frau aus ihrer gebückten Stellung auf und lachte ihm zu. Ihre Augen glänzten in dem erhitzten Gesicht, unter dem weißen Tuch, das sie um den Kopf gebunden hatte, hing ihr blondes Haar in losen Löckchen über die Stirn.

Schon sind ihre Bewegungen wieder kräftiger und behender geworden, und wie hübsch ihr das Rosenrot um die hellen Augen steht, dachte Rolfers, als er sie so zufrieden sah in der Morgensonne. Wer weiß, erblüht ihr eine neue Jugend?

Er dachte es ohne Erregung des Blutes. Sein Antlitz blieb ernst und streng verschlossen. Die Augen blickten sehr müde in all dies Keimen und Drängen jungen Daseins. Während hier die Pflanzen trieben und sich entfalteten, ungestört wachsen durften wie in jedem Jahr, und die Amsel im Gebüsch ihr Lieblingslied sang, ging rings um die Grenzen des Deutschen Reiches das Morden und Schlachten der Menschen untereinander seinen furchtbaren Gang weiter, wurde hartnäckiger und grauenhafter mit jedem Tage. In der Früh hatte er die Nachricht bekommen, daß wieder ein guter Freund von ihm, wohl zehn Jahre jünger, ein fester und ehrlicher deutscher Künstler, bei einem Sturmangriff gefallen war – Kopfschuß – sofort tot. Der Glückliche ...

Für ihn selbst mußte der Kampf ein Leben lang dauern. Warum für ihn, und für jenen das schnelle leichte Ende?

Er ging an der Frau vorüber, es war ihm nicht nach einem behaglichen Geplauder zumute. Er öffnete das Pförtchen in der Tannenhecke und trat hinaus in den sandigen Knick, von blinkenden Tropfen überrieselt, die die leichte Bewegung aus den höheren Bäumen schüttelte. Der Knick war in seiner ganzen Länge mit Fliederbäumen eingefaßt – die würden, wenn der Mai kam, in duftenden blauen Blütenwogen prangen – aber noch war es lange nicht so weit. Der Professor bog an dem Häuschen des Torfstechers ab, das sich unter seinem grauen Rohrdach demütig in den Boden hinein zu verkriechen schien, und schlug den Weg durchs Moor ein, das er vor allem liebte. Ein durchsichtiger weißer Nebel lag noch über dem schweren Braun der Weite, das nur hin und wieder durch das sprossende Grün der Erika unterbrochen wurde. An den dunkelgoldenen Wasserläufen, die sich durch die Torfbreiten zogen, quakten die Frösche. Klumpen strahlender Sumpfdotterblumen standen hier und wohlduftender Kalmus, und die ersten Vergißmeinnicht mit kleinen, fröhlichen Blauaugen. Die Ebereschenbäume zur Seite des Weges entfalteten ihr fein gefiedertes Laub. Zuweilen stieß ein Kiebitz seinen sonderbar schnarrenden Ruf aus. Rolfers ging träumend auf dem schmalen Wege, der bei jedem seiner Schritte elastisch auf und nieder schwankte. Hier kannte er jeden Laut, jeden Duft, jede Farbennuance des Frühlings, er liebte die weiten flachen, reizvoll geschwungenen Linien der Landschaft, immer überweht von der herben Luft, die vom Meer herüberkam. Wieviel hatte diese Gegend seiner Kunst geschenkt. Er hob den Kopf gleich einem witternden Wilde und sog die quellenden Düfte all des Sprossens und Werdens ein, fühlte die warmen Sonnenstrahlen auf seinen gesenkten Lidern spielen und sein Herz wurde schwerer und schwerer vor Traurigkeit.

Er ging weiter in tiefen dunklen Gedanken. Dort hinten am Waldrand stand, wie in einen durchsichtigen silbergrünen Schleier gehüllt, jene Gruppe schöner Birken, die der frühere Besitzer seines Hauses, der gute Pötsch, so oft gemalt hatte. Bis er sich auf Rolfers’ Rat gewaltsam von dem Stück Heimaterde losriß, in das er sich festgerannt hatte. Heute saß der Unglückliche irgendwo in Sibirien in russischer Gefangenschaft. Er, der zu einem tragischen Geschick so ungeeignet wie möglich war, nur weil er die Idee gehabt hatte, letzten Sommer die finnischen Seen zum Ziel seiner Studienfahrten zu machen. Seit Monaten war keine Nachricht mehr an die Frau gekommen, die darüber gemütskrank geworden und in eine Heilanstalt gebracht war. Ob er selbst längst von Ungeziefer, Schmutz und Jammer oder irgendeiner Seuche aufgefressen war, oder den Peitschenhieben eines Kosaken erlegen – oder ob er noch einmal heimkehren würde, um sein Weib als eine Irre wiederzufinden, die Kinder irgendwo bei fremden Leuten untergebracht? Wenn Rolfers durchaus wollte, konnte er auch dieses Schicksal auf sein Konto setzen.

Herrgott – war denn aus dieser Traurigkeit gar nicht herauszufinden? Die durchwachten Nächte trugen mit Schuld, er wußte es wohl. Die Nächte, in denen oben im Atelier die Lampe nicht verlöschte und ein einsamer Mann sich übte in endlos erneuten Versuchen, ungeschickter als ein Kind, das Schreiben lernt, und doch mit der zähen Energie eines reifen starken Menschen die linke Hand zu zwingen, Feder, Bleistift und Kohle zu führen, wie ihr Herr es wollte – und am Ende auch den Pinsel mit der Farbe zu handhaben.

Er hatte Briefe von Kollegen, von alten Studiengenossen, die ihn stets tröstend auf Menzels Beispiel hinwiesen, der mit der linken Hand so sicher gezeichnet habe wie mit der rechten. Schon gut – aber ihm stand die Übung eines Lebensalters bei ... Am Ende erreichte er es vielleicht auch – wenn er ein Greis geworden. Immer aussichtsloser schienen ihm die Versuche, kindisch unbehilflich war alles, was er in diesen Wochen und Monden erreicht hatte. Er schämte sich, es dem Licht des Tages zu zeigen, verschloß sorgfältig den Raum vor allen fremden Blicken, ausgenommen denen seines getreuen Lütje, der die gute Eigenschaft besaß, überhaupt nichts zu sehen. Unerträglich wäre es ihm gewesen, wenn Martha oder Richard seine Versuche entdeckt hätten. Darum übte er auch nur des Nachts, sobald er beide schlafend wußte, und kämpfte unter der kleinen Insel von Helligkeit, welche die beschattete elektrische Birne gab, inmitten des Meeres von Finsternis, das rings um ihn her über dem Lande lag und wie ein Feind durch die Fenster zu ihm einzudringen versuchte.

Klagend seufzte der Wind über die Wiesen, eintönig klatschte der Regen oder er pickte und rieselte noch melancholischer – oder der Sturm rüttelte an Dachziegeln und Läden. Selten erfreute ihn ein Blick auf klare Sterne oder auf den still im Dunkelblauen schwebenden Mond, wenn er, sich einen Augenblick der Erholung gönnend, zum Fenster trat und sich aus den geöffneten Flügeln hinausbeugte in die Nachtluft.

Warum das gierige unermüdliche hartnäckige Arbeiten? Hatte er dazu nicht Zeit genug vor sich – viele Jahre Zeit ... Zu einer Beherrschung des Materials, die mit Meisterschaft – wie er sie verstand – irgend etwas zu tun hatte, würde er es ja doch nie bringen. Das fühlte er bitter und deutlich. Hätte er’s nicht gefühlt – grausame unbarmherzige Jugend mußte ihn darauf stoßen, daß er den Schlag nie wieder verschmerzen würde.

Er hatte Richard an der großen Wiese am Schloß getroffen, wie er dabei war, die zwei Fohlen zu malen, und mit dem ihm neu geschenkten Kasten voll Ölfarben munter auf einer ziemlich großen Leinwand herumwirtschaftete. Der Hüterjunge hielt ihm gerade das eine der braunen fröhlichen jungen Tiere, aber es schlug, jeder Fessel noch ungewohnt, nach vorn und hinten aus, und obschon Richard mit seinem Pinsel darauf los arbeitete, daß ihm der Schweiß von der Stirne lief, war die Bewegungslinie, die er packen wollte, doch nicht herausgekommen. Rolfers interessierte sich für seine verzweifelten Versuche – das war wieder einmal so kühn angelegt, so persönlich gesehen, daß man seine helle Freude daran haben konnte. Er schaute dem Jungen eine Weile zu, bis der sich verzweifelt in den blonden Schopf fuhr und schrie: »Es ist zum Rasendwerden – ich krieg’s nicht und krieg’s nicht – das Biest hält auch keine Sekunde still ...«

»Das Hinterbein ist von vornherein falsch eingesetzt,« sagte Rolfers, beugte sich über Richard, nahm ihm den Pinsel aus der Hand. »Siehst Du – so muß es einsetzen.« Aber die Hand gehorchte doch nicht, wie er gehofft, der Pinsel fuhr wild in das Bild hinein und es kamen Striche heraus, die Rolfers niemals beabsichtigt hatte.

»Zum Teufel,« schrie Richard wütend, »was machen Sie denn da – Sie verpatzen mir ja die ganze Geschichte! Sie können doch nicht mehr malen ...«

Rolfers hatte den Pinsel ins Gras geworfen und Richard schmiß voll Zorn die Leinwand daneben.

»So, die Arbeit war mal umsonst. Drei Nachmittage hab ich mich schon gequält. Und ich hätt’s auch noch gepackt – wenn Sie nicht dazugekommen wären.«

Rolfers war weiß geworden und seine Züge erstarrten. Er regte sich nicht und sprach auch nichts. Langsam schlossen sich seine Augen, als vermöchte er das Licht nicht mehr zu ertragen. Er wußte, diese Sekunde war die bitterste in seinem Leben, dagegen war alles bisher Durchlittene nur eine Vorbereitung gewesen. Er dachte: wenn ich mich jetzt bewege und mein Schritt schwankt, so beginnt er zu lachen – und das kann ich nicht ertragen – dann muß ich ihn erwürgen ...

Er hörte, wie Richard, scheinbar ohne auf ihn zu achten, brummend und knurrend seine Malsachen zusammenpackte, und fühlte, er müsse ihm den Vorrang ablaufen und fortgehen, denn zusammen konnten sie den Heimweg unmöglich machen. So wandte er sich dann, mit einer sonderbaren Steifheit und Schwäche in allen Gliedern, und ging die Lindenallee hinunter, schneller, immer schneller, bis der Wald ihn aufnahm und er in einen Seitenweg einbiegen konnte, der ihn den Augen seines Todfeindes entzog. Denn der Knabe war in diesem Augenblick sein Todfeind.

Lange saß er auf einem gefällten Stamm unter den hohen Buchen und ächzte laut in bitteren Qualen, und fühlte, wie es ihm heiß und salzig aus den Augen rann und die Wangen hinablief.

Seitdem brannte die Wut und Gier in seiner Brust, dem Jungen zu beweisen, daß Manneswille das Unmögliche erzwingen kann. Wie die draußen an der Front Tag und Nacht das Unmögliche dem höchstgespannten Menschenwillen abtrotzen. War er nicht einer von ihnen? Gehörte er nicht noch immer zu ihnen, ihr Genosse und Kamerad? Obwohl die graue Uniform, von Schlamm und Blut befleckt, von der Sonne und dem Regen verbrannt und zerweicht, nur noch als ein heiliges Erinnerungszeichen neben seinem Bette hing. Was sie konnten: die Übermacht eines ungeheuren Schicksals besiegen, das mußte er als einzelner ihnen gleichtun. Im Grunde war hier die Probe, ob er wert gewesen war, dem Vaterlande gedient und geblutet zu haben, damit diese Jugend heranwuchs – und wieder Kunst machen und Schönheit neu schaffen und die Alten verachten durfte ...

Das alles sagte sich der ins Herz getroffene Mann in der nächsten – in vielen folgenden Nächten, die er einsam arbeitend durchwachte und durchkämpfte.

Vielleicht half ihm ein künstliches Glied, das ihm an sich als etwas greulich Unästhetisches, seinen künstlerischen Geschmack Verletzendes zuwider war ... Tausendmal mehr nach seinem Sinn wäre es gewesen, den leeren Ärmel herabhängen zu lassen, wie er es bisher getan. Und er fuhr doch nach Hamburg, diesmal nur in Begleitung von Lütje, prüfte, wählte, ließ ändern und wieder ändern in der Werkstätte für Prothesen. Er gab selbst Verbesserungen an. Der Besitzer der Werkstatt setzte seine Ehre darein, dem Künstler mit dem bekannten Namen, den das harte Los getroffen, etwas besonders Treffliches zu schaffen. Und so kehrte Rolfers äußerlich als ein für den flüchtigen Blick gesunder und wohlgebildeter Mann nach Haus zurück.

Martha freute sich kindlich. Sie hatte längst gewünscht, er möge sich zu diesem letzten Schritt entschließen. Es war ihr unbegreiflich, daß er so lange damit gezögert hatte. Warum ihm gerade dieses Letzte so schwer fiel, konnte sie nicht verstehen. Und sie war befremdet, für ihre Freude bei Rolfers keinen Widerhall zu finden, sondern nur Abwehr und Kühle. Er war doch zuweilen gar zu schwer zu durchschauen. Bei allen notwendigen Übungen, das fremde Kunstglied bewegen, sich seiner bedienen zu lernen, ließ er sich jetzt nur noch von dem ungeschickten Lütje helfen und verschmähte ihren Beistand. Sie mußte ihm das Essen auf sein Zimmer bringen. In seiner ganzen Lebensweise zog sich Rolfers mehr und mehr von ihr und Richard zurück und umhüllte sein verwundetes Herz mit dem altgewohnten Panzer der Einsamkeit.

Richard hatte mit einem Blick seiner Augen, die schnell und scharf waren wie die eines Raubvogels, die Wirkung seines unbedachten und grausamen Ausbruches auf den Professor vollständig erfaßt. Ein wirbelndes Gefühl von schmerzhafter Wollust durchraste ihn.

Als das strenge feine Antlitz, das ihm schöner erschien als irgendein andres auf Erden, so erbleichte und seine Augen sich schlossen, und der schlanke große Mann dastand wie von einem Hieb getroffen, bäumte ein ungeheurer Stolz sich in dem Knaben auf und schrie in seinem Herzen: »Das habe ich gekonnt – ich – Rächer meiner Mutter und meiner Jugendschmach!«

Und er hätte geradeheraus lachen mögen, laut und wild und triumphierend lachen. Er biß die Zähne aufeinander und knirschte mit ihnen, denn er war doch nicht sicher, ob das Lachen nicht zum Schluchzen geworden wäre, und weil er sich entsetzte über die Wirkung seiner Worte.

Armer Rächer – auch ihm kamen nun schlaflose Nächte, in denen er sich wälzte und in sein Kissen wühlte, um die Tränenfluten zu verbergen, die sein Gesicht überschwemmten.

Er heulte, weil er sich fürchterlich verachtete. Als Kind hatte er sich oft vorgestellt, daß er seinen Vater töten müsse – daß dieses Geschick wie eine dunkle Notwendigkeit über ihm schwebe. Und er hatte sich immer ausgemalt, wie es geschehen würde. Er sah sich Rolfers zum erstenmal gegenüberstehen und den Dolch erheben – grauenhaft, kurz, gewalttätig schön ... Nun hatte er nur Gift nach ihm gespritzt, nach dem Wehrlosen, wie ein feiges Weib. Gemein – niederträchtig ...

– Sein leidenschaftlich unbändiges Herz wurde durchschüttert von unermeßlichem Mitleid. Es bedrängte ihn, wie noch nie zuvor ein Gefühl ihm zu schaffen gemacht. Er hatte ja nun erst begriffen, was es für diesen Mann heißen wollte, nicht mehr arbeiten können – leben müssen und nicht mehr wirken dürfen ... Blind und taub, dumm und beschränkt war er ja neben ihm hergegangen, ohne Empfindung für die Seelengröße, die ihm, dem Jungen, dem Feinde, zu schenken versuchte, was für sie selbst verloren war. Das hatte er sich nun verscherzt, ewig verscherzt. Ein Mann wie der Professor verzeiht ja nicht, das stand bei Richard fest. Nein – er durfte sich auch selbst niemals verzeihen. Damit war alles aus zwischen ihnen. Nur daß das so wehtat, hatte er nicht geahnt. Daß ihm den ganzen Tag die Brust wie wund und verbrannt war, mußte er nun tragen. Ja – er genoß den Schmerz, rang sich noch immer tiefer in ihn hinein. Beleidigt hatte er den Heiligen des Vaterlandes – das kämpfende Vaterland in ihm! Was – er hatte ihm Kälte, Mangel an Begeisterung vorgeworfen – aber während er, Richard, nur sang und jubelte und sich berauschte in schönen Träumen, hatte der andre sich geopfert – hatte gelitten –! War denn der Professor nicht zum Krüppel geworden – damit das Vaterland frei blieb – damit er, Richard Lebus, schaffen und ein gewaltiger Mann und Künstler werden dürfte – wie er es doch vorhatte. Arbeiten, toll arbeiten – das war nun alles, was ihm blieb. Ohne Rolfers’ Rat, ohne seine Hilfe, allein auf sich angewiesen. Aber ein Kerl werden, der sich sehen lassen konnte! Vor dem der Professor doch einmal Respekt haben mußte.

So nahm der Junge es auf sich, daß Rolfers sich nicht mehr um ihn kümmerte, nahm es wie eine Notwendigkeit, die er sich selbst bereitet hatte – deren Folgen er tragen mußte. Ging ihm noch scheu aus dem Wege. Und hatte den ganzen Tag und die halbe Nacht, wenn ihn nicht der gesunde Jungenschlaf überwältigte, ernsthafte und eindringliche Phantasiegespräche mit ihm, konnte stundenlang grübeln über ein Wort, das der weltreife Mann flüchtig hingeworfen hatte, mit dessen Sinn und Bedeutung der Knabe sich nun abquälte.

– Ob diese Zeit groß oder nur blutig sei, werde erst die Zukunft erweisen. Die Größe einer Zeit hänge nicht von Kriegen und Siegen ab, auch nicht von der berauschten Stimmung des Auszuges zum Kampf. Und Helden seien nur die zu nennen, die sich als Träger eines Gottgedankens fühlen, – nicht die, welche für ihr Fleisch und Blut, für die Sicherheit ihrer eigenen und ihrer Familien Existenz kämpften. Bewundernswert auch diese, ja, – aber noch lange nicht Helden.

Das erschien Richard eine Herabsetzung deutscher Krieger, für die sein Herz brannte, sobald er einen erblickte. Und oft mußte er dem Professor grollen, daß er ihn von Berlin fort in diese Einöde geführt hatte, wo er den wilden Duft und das Rauschen und Brausen der Zeit nur in die Ferne lauschend spüren konnte, während er in Berlin sich ganz hineinwerfen, sich von ihm mit tragen lassen durfte, in den Siegestaumel mit hinein jauchzen konnte.

– – Warum in der Tutmesbüste des Königs Amenophis und in denen seiner kleinen Töchter, der ägyptischen Prinzessinnen, ein größerer Ewigkeitswert stecken solle als in allen leuchtenden Taten, die auf den Schlachtfeldern dieses Jahres geschahen? – Das Wort hatte Richard, als er es hörte, heftig erzürnt, ja erbittert. Er spürte daraus eine Gegensätzlichkeit, geradezu wieder eine Feindschaft zwischen seinem Wesen und Rolfers’ Wesen. Der Mann – der Weltkünstler, für den es keine Grenzen gab, keine nationalen Unterschiede – nur Unterschiede in Stärke und Schwäche, in Schön und Häßlich, für den dieser Krieg keine Aufwärtsbewegung, sondern einen Zusammenbruch bedeutete, einen Zusammenbruch seiner Welt des guten Europäertums.

»Guter Europäer« – auch so ein Ausdruck, den der Junge haßte. Womöglich sollte er auch noch ein guter Ägypter werden – nein, er bedankte sich. Diese ägyptische Kunst, von der der Professor so viel hermachte, er hatte sie sich oft genug beschaut im Alten Museum – neugierig, wie er auf alles Fremde neugierig war. Gegeben hatte sie ihm nicht das geringste – er stand ganz verständnislos vor den Kolossen – das seltsame starre Götterlächeln erboste ihn nur. Was hatten sie so zu lächeln, über die Welt und alle ihre bedrängende wundervolle Schönheit weit hinaus! Am liebsten hätte er sie zerschlagen, zerhauen, alle miteinander, in seiner jungen barbarischen Zerstörungslust, weil ihn ihre Ruhe, ihre Erhabenheit, ihr strenger Stil bis zur Wut kränkten. Das Auge seines Fohlens auf der Schloßwiese war ihm mehr als alle die strengen Götter und Könige, als Amenophis mit dem überfeinerten geistreich-kränklichen Gesicht und die Vornehmheit seiner Prinzessinnen-Töchter. Wie die Pupille des Tieres in feuchtem Schwarzblau in der Milch der Iris schwamm – wie das Geschöpf ihn ansehen konnte – so dumm-unschuldig ... War das nicht zum Schreien schön ...? Und das wunderlich ungefüge weiche Pferdemaul mit den großen Nüsterlöchern darüber, das zarte Rosa an ihren Rändern ... Gott – – welche Seltsamkeit der Form und Farbe nur in einem feuchten Fohlenmaul – in einem schwimmenden Tierauge.

Nein, wahrhaftig, er würde sich zur Wehr setzen gegen alles, was nicht an Freude, an Glück aus ihm selbst kam! Die rasende Bewunderung der eigensten Empfindung, die himmelhoch in die Höhe schlug ... die und keine andere! Und wenn’s ihn mit dem herrlichsten Mann verfeinden sollte in alle Ewigkeit. In ihm tobte der Kampf um sein eigenes Werden, und der war wahrhaftig wild und hart genug! Nur sich nicht betrügen lassen – auch von Liebe und Ehrfurcht nicht! Tat es weh, daß man hätte brüllen können, dafür war man eben deutscher Kämpfer und verbiß den Schmerz.

Frau Martha schalt mit ihrem Sohn. Der vierschrötige Junge stand in hilfloser Verlegenheit vor ihr und ließ die Flut ihrer heftigen Worte wie einen Regenguß über sich ergehen. Der Schuldirektor hatte ihr einen Brief geschrieben und ernsthaft geklagt, daß Richards Unaufmerksamkeit und Faulheit von Tag zu Tag zunehme. Er sei nicht unbegabt, nur grenzenlos verträumt, und wenn er nicht einen energischen Anlauf nehme, so könne er unmöglich in der neuen Klasse, in die er Ostern versetzt worden sei, mit den andern Schülern Schritt halten.

– »Und eitel wirst du auch noch,« klagte die Mutter, nachdem er dies alles hatte anhören müssen und nicht wußte, was er darauf erwidern sollte, denn es war ja leider die Wahrheit – er, Richard, war stinkend faul. »Geckenhaftigkeit war doch bisher dein geringster Fehler,« hörte er seine Mutter zanken, »aber jetzt muß ich meine Veilchenseife sowie meinen Nagelpolierer immer auf deinem Waschtisch suchen. Das ist einfach rücksichtslos von dir. Für solchen Kommunismus bin ich nicht zu haben, merk’ dir das ... Ja,« wendete sie sich zu Rolfers, »meine Flasche Kölnisches Wasser hat er mir auch stibitzt – was sagst du dazu ...? Ein Junge, der herumgeht und duftet wie ein Mädel von der Tauentzienstraße – pfui Teufel!«

Also doch –! dachte Rolfers, sagte es aber nicht laut und lächelte verschmitzt. Der eigenartige Duft, der seinen Sohn neuerdings umwehte, eine seltene Mischung von Veilchenparfüm, Schmierstiefeln, Pferdestall und Eau de Cologne, war ihm schon seit einiger Zeit aufgefallen und hatte ihn nicht wenig erheitert. Auch daß Richards dunkelblonder, wüster Haarschopf dem kleinstädtischen Friseur zum Opfer gefallen und durch eine kurzgeschnittene Bürste ersetzt worden war, nicht eben zur Verschönerung des Knabenkopfes, in dem Weichheit und Härte wunderlich miteinander stritten und vorläufig nur die hellen glanzvollen Augen zwischen ihren schwarzen Wimpern eine starke Anziehungskraft üben konnten.

»Ich werde morgen in die Stadt fahren und einmal gründlich mit dem Direktor über Richard sprechen,« sagte Rolfers. »Er hat natürlich recht und Richard muß sich Mühe geben. Zu einer Zurückversetzung darf es nicht kommen. Auf keinen Fall. Das würde seine Stellung in der Schule unmöglich machen. Dann müßte man ihn sofort herausnehmen und es käme die Frage mit den gräßlichen Instituten, Pressen und dergleichen an die Reihe. Er hätte tausendmal weniger Freiheit zum Herumstreifen, zum Träumen und zum Zeichnen. Die Penne muß durchgemacht werden, wie der Schützengraben auch. Angenehm ist beides nicht. Ich kann dir sagen, Richard, – mancher von den Bengels hat sich brennend nach der Schulklasse zurück gesehnt, wenn er’s auch nicht Wort haben wollte.«

Rolfers wandte sich zu dem Jungen und seine dunklen tiefliegenden Augen flammten über ihn hin.

»Ehe ich mit dem Manne über dich rede, muß ich erst Klarheit haben, was du eigentlich von deiner Zukunft willst? Rechtsanwalt oder Künstler – was soll’s werden?«

»Das ist doch keine Frage mehr,« brummte Richard.

»Das ist eine sehr ernste Frage, mein Sohn,« antwortete der Professor scharf. »Leute ohne starken Willen kann die Kunst nicht gebrauchen. Ein für allemal nicht. Diese Schulsache ist bei deiner Begabung einfach eine Willensangelegenheit. Eine Übung zu Größerem! Also – kann ich bei dem Direx für dich eintreten – oder kann ich’s nicht?«

Richard war feuerrot geworden und sah zum erstenmal seit langer Zeit dem Professor klar und frei ins Gesicht.

»Sie können es!«

»Gut – schlag ein!«

Rolfers streckte ihm seine Linke entgegen und Richard legte seine Rechte hinein. Der Mann drückte sie fest.

Richard ging ganz betäubt nach diesem Auftritt hinaus in den Hof. Der Professor war doch ein großartiger Mensch – wer von den Vätern seiner Berliner Freunde würde so gehandelt haben? Keiner – kein einziger. Geschimpf und Gejammer und Strafen und Drohungen hätte es gehagelt – jawohl. – Er mußte ihm doch zeigen, was er in den letzten Wochen geschafft hatte. Es waren ein paar ganz feine Sachen darunter. Die würden ihm Freude machen.

Nun brauste das Gefühl mit der Gewalt Deines wilden Bergbaches durch des Jungen Herz. Er – er – er füllte sein Denken, Träumen, Phantasieren. Freund – Freund – sagte er bisweilen leise vor sich hin. Professor – Professorchen, rief seine helle Knabenstimme durchs Haus, sobald er von der Schule heimkam.

Versunken konnte er lange auf Rolfers’ Hand blicken, denn Menschenhände bedeuteten ihm viel, – er hatte Jungens, die sich ihm zum Freunde boten, abgelehnt, weil ihre Hände ihm nicht gefielen.

Nun verglich er seine eigene Hand heimlich und oft mit der des Professors. Es machte ihn tief glücklich, in der Form der Nägel, der Fingerspitzen, in der Bildung des Daumens Ähnlichkeiten zu entdecken. Und ein inneres heißes Weinen stieg in ihm auf bei dem Gedanken, daß er niemals die Rechte, die Schaffenshand, die Künstlerhand des geliebten Meisters werde sehen, halten, zeichnen dürfen. Und er fühlte zuerst die ganze Bitterkeit des Unwiederbringlichen, des Todes, der Vernichtung. Fühlte sie an dieser einen Menschenhand, die das Schöne geschaffen hatte und niemals wieder schaffen würde. Langsam bildete sich in ihm das Neue – das Verständnis und das Wollen: ein Erbe zu sein ... Sein Schüler, – o ja –! Der Professor hatte selbst gesagt, das habe mit Gefühlen nichts zu schaffen ... Sein Sohn – dem Gedanken war er immer aus dem Wege gegangen. Vor dem Begriff des Vaters stand das eiserne Gitter der Verachtung. Und nun arbeitete sein Wille, es aus den Gründen seines Herzens herauszureißen. Und wie im Märchen ging es zu – das Trennende zerschmolz vor seinem festen Griff. –

Gott, Gott! Er war ja nicht nur der Schüler des Professors – er war sein Sohn ...! Teile von dessen Wesen, dessen Geist mußten auch in ihm lebendig sein! Spürte er nicht seine Gabe des Schauens, die Fähigkeiten der bildnerischen Hand vom Kopf bis in die Fingerspitzen – und schwoll nicht oft seine ganze Seele, der junge Leib von ausbrechendem Jubel hoch empor, wenn er sich dem Angebeteten so im tiefsten verwandt fühlte ...

Wie junger Wein war seine Liebe, würzig und herbe und voll perlender Frische und hätte am liebsten alle Bande zersprengt und brausend ins Weltall sich ergossen. Und doch auch wieder so scheu, verschämt, daß sie nie den Ausdruck für all dies Quellen und Drängen und all die goldenen Seligkeiten gefunden hätte. Eine Liebe, die keine Zärtlichkeiten kannte und auch nicht nach ihnen begehrte, die sich nicht mehr aufhielt mit der Oberfläche der Dinge, sondern gleich eindrang in den Kern der Persönlichkeit des andern. Ein flüchtiges, ein ganz kleines Zeichen der Zuneigung, des Vertrauens, und sie lebte tagelang in glücklichem Schweigen von dem wenigen. Und suchte seltene eigene Wege der Opferung.

Franz Rolfers sah wohl die Umwandlung. Mit zwiespältigem Gefühl. Fragte sich zuweilen: Ist’s nicht zu spät? Ist ein Vertrauen zwischen Alt und Jung, zwischen dem Absterbenden und dem Werdenden nicht ein für allemal unmöglich? Denn ein Groll saß ihm noch im Herzen seit jenem schlimmen Abend an der Schloßwiese vor dem Fohlen. Er fühlte seitdem die Feindschaft dessen, der zurückgedrängt wird, der der Jugend das Feld räumen soll. Er hatte den Knaben besiegen wollen, nun war der zum Sieger über ihn geworden. Das verzieh er ihm nicht so schnell. Ließ ihn nur sachte an sich kommen. Gab ihm widerwillig das Glück des scheuen Werbens. Zuweilen war er kokett, wie Frauen gegenüber – war eine Viertelstunde lang herzlich, gut, aufgeschlossen, zog sich dann wieder für ganze Tage kühl zurück. So ging der heimliche Kampf hin und her, lange Zeit.

Der Flieder blühte schon in blauen Wogen am langen Knick hinter dem Garten und seine Düfte schlugen mit süßen Dämpfen bis in die Veranda und in die Zimmer des holsteinischen Landhauses. Der Frühling hatte sich besonnen und holte mit einem Schlage nach, was er wochenlang versäumt hatte. Sogar zwischen dem feuchten, bröckelnden Gemäuer des alten Ziehbrunnens sprießten feine grüne Farnkräutlein und umkleideten seine dunkle Tiefe mit zierlicher Schönheit. In den Büschen sang und klang es von hundert verschiedenen Vogelstimmen. Lichtgrüne, flache Hände breitete der Tulpenbaum an seinen breiten Ästen aus und die alten knorrigen Apfelbäume waren nur noch zauberhafte Gebilde von rosenroten Blütengirlanden, durchsummt von Bienen und Hummeln. Aus dem vollen Gras steckten die Tulpen ihre Feuerkerzen und der blaue Schaum der Vergißmeinnicht goß sich darüber. Über dem Moor wogten silberne Gräser und rötlich blühender Sauerampfer. Das Laub der Birken dunkelte schon, aber hellgrün stand der Buchenwald in der Ferne. Und weiße, runde Sommerwolken schwammen durch den Himmel, ein milder, luftiger Wind schaukelte und flirrte durch all das schwebende, bewegte Ast- und Laubwerk, und blies durch die blühenden Graswellen, daß sie in tausend feinen Farben und weichen Linien aufschillerten, wogten und wiegten.

Richard taumelte vor Glückseligkeit in diesem Frühlingsrausch, den er, das Großstadtkind, zwischen staubigen Schulzimmern und der sonnenlosen Hofwohnung gebunden, noch niemals in der Fülle seines Glanzes kennengelernt hatte. Jede Morgenfahrt durch die graugrüne Seide der sprossenden Haferfelder, durch das Sonnengold der Rapsbreiten, vorüber an dem Smaragd der fetten Marschwiesen, von denen die schwarz-weiß gefleckten Kühe sich so wirkungsvoll abhoben, unter dem Gehänge der blühenden Hecken in den Sandhohlwegen – in denen es zwitscherte und flötete von Leben der nistenden Vogelfamilien – jede Fahrt zur Schule mit der braven braunen Liese, die für den Militärdienst untauglich befunden worden, wurde ihm zum Erlebnis. Zuweilen ließ er die Zügel hängen und das gute Tier trottete weiter den gewohnten Weg – er aber schaute in den blauen Himmel und verfolgte den Wirbelflug der Lerche, das sanfte Gleiten, das leise Zergehen der weißen Sommerwolken. In der Nacht rannte er auf das Moor hinaus, sah die Nebelschwaden wehen und im milden Weiß den Mond sich spiegeln, daß das Geschwebe opalfarben zu schimmern begann – hörte versunken auf das Liebesgequake und Geschnarr der Frösche – auf all das Gleiten, Schlüpfen, Huschen der kleinen Tierwelt, die so seltsam erregt die Nacht durchwachte – sah die märchenhafte Kröte, mächtig und schauerlich mit ihren Warzen auf dem Rücken träge über den Weg hüpfen wie ein verzaubertes Hexenweib, sah die seltsam verkrüppelten Gestalten der alten Erlen an den dunklen Wasserläufen hocken und ihre Zweige wie sehnsüchtige Arme in die Luft breiten – etwas Unbegreifliches zu fassen. Der Boden schwankte und wankte unter seinem Fuß, der da sank – sank – Er mußte eilend zurückspringen auf sicheren Boden – und ahnte tausendfach erstorbenes, verwandeltes und neuerstehendes Leben dort in der braunen Tiefe, die den saugend hinabzog, der sich unvorsichtig auf sie hinauswagte. Und die Schauer der Vergänglichkeit durchwehten kühl sein Blut, das noch eben pochte und glühte in seinen Adern, während die Nüstern die schweren taumelig süßen Liebesdüfte der Frühlingsnacht eintranken.

Und so geschah es, daß er heimkam, in Haar und Kleidern die feuchte Frische, den herben Geruch des Nebels, des sprossenden Gekräuts, die Stiefel bedeckt mit Schlamm und Erde, ein junger Wald- und Moorschratt, seine Augen ganz durchleuchtet vom Mondglanz. Licht sah er oben in dem Atelierfenster, unter dem Dach. Es trieb ihn, hinaufzuspringen, vorsichtig die Treppe hinan, an der Tür der schlafenden Mutter vorüber, um »Ihm«, den er dort oben wußte, ein Stück zu geben von seinem Glück. Nichts andres. Dunkelheit ringsum, Schwüle, eingeschlossene schwere Luft. Und in Hemdsärmeln am Tisch, bei der elektrischen Birne, die hartes, weißes Licht auf das Blatt warf, vornübergebeugt der Mann, sein hageres Gesicht mit der großen scharfen Nase, der hohen Stirn, den dunklen Augen hinter großen runden Brillengläsern, vor ihm, in einem Krug ein paar Grashalme. Und er verbohrt, versessen, ganz hingegeben in der Arbeit, der mühseligen, von all der Sommerherrlichkeit da draußen nur die paar Gräser in ihrer reinen feinen Form mit dem Rest seines Selbst, mit der linken Hand nachzubilden. Neben ihm auf dem Stuhl, von ihm abgelöst, das seltsam schauerliche unlebendige Gebilde aus Drähten, Holz, spiegelndem Metall, Schnallen und Riemen, das künstliche Glied.

Richard stand betroffen. Es graute ihm, und er wußte nicht warum. Der Mann sah auf, fragte kurz: »Was willst du?« Und schob ein Blatt über seine Versuche.

Richard bemerkte es.

»Also, – was heißt das?« fragte Rolfers ungeduldig. »Warum kommst du herauf und störst mich?«

»Ich dachte nur – die Nacht ist so unbändig schön –, ob Sie nicht hinauskommen möchten?« stotterte er.

»Ich habe zu tun. Geh jetzt!«

Rolfers nahm die Brille ab, legte sie vor sich hin, sah dann wieder auf.

»Nun?«

Der Junge stand noch immer da, ein Duft aus der Wiese, frisch wie Sommernächte duften, wehte von ihm zu dem überwachten Mann hin. Und mit dem Dufte kam ein Lächeln. Richard hatte nichts andres zu geben. Worte waren unmöglich. Er hätte sie auch nicht gefunden. Nur in seinen Augen, um seinen blühenden Mund lag alle Liebe, die er in diesen Sekunden empfand.

Auf den Zehenspitzen ging er hinaus.

Eine Woche später traf ihn Rolfers hinten im Moor, den Waldrand skizzierend. Er hockte auf seinem Malerschemel, wunderlich ungeschickt. Beim Näherkommen bemerkte Rolfers, daß der Junge sich mit Bindfaden den rechten Arm auf den Rücken festgebunden hatte. Er ließ den Skizzenblock fallen, als er Rolfers auf dem schmalen Wege nahen sah, und wollte davonlaufen. Aber er warf den Malschemel dabei um und die Fußbank, die er für Farben und Pinsel herbeigeschleppt hatte, und stand nun beschämt, an seiner Fesselung zerrend.

»Junge – verdrehter, toller Bengel!«

»Ich will nichts Besseres haben als Sie!« schrie er leidenschaftlich, und die Tränen sprangen ihm wie Blitze aus den hellen Augen hervor.

Rolfers hatte ihm den linken Arm um den Hals gelegt und hielt ihn so, damit er ihm nicht davonrannte. Und legte seine Wange auf des Knaben Kopf, auf sein hartes Bürstenhaar.

»Mein Junge, mein lieber Junge!«

Weiter wurde nichts über den Fall zwischen ihnen geredet.

Martha hatte zu tun mit Schreiben und Katalogisieren und Frachtbriefe ausfüllen. Lütje mußte Kisten zunageln, große und kleine, und sie zur nächsten Bahnstation fahren. Die Laune des Professors war nicht die beste. Unwirsch fuhr er im Haus umher, hatte zu tadeln und zu schelten, wenn etwas nicht so ausgeführt wurde, wie er es wünschte.

Eine große Kunsthandlung in Berlin wollte eine Ausstellung seiner Arbeiten veranstalten, eine Gesamtübersicht seines Schaffens durch verschiedene Epochen, von Jugendzeiten an. Eine Ehrung des Helden, der für das Vaterland gelitten, – so schrieb der Besitzer.

Anfangs hatte Rolfers sich geweigert.

»Wozu – kein Mensch hat heut Sinn für Bilder. Wenn wir einen ehrenvollen Frieden geschlossen haben – ja, dann lasse ich’s mir gefallen. Dann können sie meinethalben Ehrungen der Toten veranstalten – mit dem Lorbeerkranz und der Florschleife unter dem größten Schinken. Jetzt ist’s ein Reinfall. Ich will nicht.«

Schließlich ließ er sich doch überzeugen. Praktische Erwägungen gaben den Ausschlag. Mit weiterem Verdienst war für die Zukunft nicht zu rechnen, da mußte man sehen, das Vorhandene möglichst günstig zu verwerten. Jetzt war sein Name noch im Gedächtnis der Kunstfreunde, der Museumsleiter. In zwei, drei Jahren war er vergessen und der Marktpreis seiner Bilder bedeutend gesunken. So sagte er sich, mit harter Aufrichtigkeit. Und dachte an Richard. Ihm mußte das Nötige zum Studium bereitstehen.

Selbst nach Berlin zu fahren, das Hängen der Bilder zu beaufsichtigen, dazu konnte er sich nicht entschließen. Ihm graute vor der Welt, vor dem Publikum. Tausendmal schon war er froh gewesen, die abgelegene Heimstätte zwischen Wiese und Moor zu besitzen – hier ein Obdach für die Zeit zu haben, die er noch auf Erden zu verträumen, zu durchleiden gezwungen war. Sich verkriechen zu können, ein weidwundes Tier, vor dem Mitleid, der Sentimentalität der Menschen, war schon Glück.

Er dachte daran, Martha zu senden, ließ jedoch diesen Plan gleich wieder fallen. Sie brauchte nicht durch den Künstlerklatsch der Hauptstadt gezogen zu werden.

Richard ...? Sehr jung war er zu solcher Mission. In Kunstdingen trotzdem von einer Reife des Verständnisses, die mit seinem Alter nicht mehr in Zusammenhang stand. Eins der ewigen Rätsel in der Welt der Naturgeschehnisse: dieses Hinauswachsen der Berufenen über die Gesetze von Zeit und regelrechter Entwicklung ...

»Richard – packe dir einen Handkoffer. Du mußt übermorgen zur Eröffnung meiner Ausstellung in Berlin sein. Ich gebe dir einen Brief mit, der dich als meinen Vertreter einführt. Was meinst du – freut’s dich? Du mußt ordentlich die Augen aufmachen, um mir Bericht zu geben! Weh dir, Mann, wenn du was Wichtiges vergißt!«

Richard stand mit offenem Munde – ganz dumm vor Staunen. Vom Hals empor strömte ihm heiße Röte über Wangen und Stirn – und die Augen wurden mit jeder Sekunde glänzender.

»Sie – Sie wollen mich doch nur uzen – es ist doch nicht wahr, Professor?«

Rolfers lächelte. So etwas, wie das Gesicht des Jungen jetzt zu sehen, das war doch entzückend ...

»Sehen Sie – Sie lachen – es ist doch nicht wahr.«

Dies kam mit einem unendlich enttäuschten Ton.

»Frage deine Mutter!«

»Na, ja, Richard, der Professor will dir das Vertrauen schenken. Übermorgen mit dem Frühzug sollst du fahren. Ich habe deinen guten Anzug gebügelt.«

Richard stieß einen Schrei aus, der schon ein Indianergeheul der Freude genannt werden durfte, und machte Luftsprünge wie sein geliebtes Fohlen auf der Weide.

Er raste treppauf, treppab und erfüllte das ganze Haus mit dem Gesause und Gebraus seiner stürmischen Jugendseligkeit. Rolfers wie Martha bekamen keinen Augenblick der Ruhe mehr zu spüren, bis der kleine Handkoffer auf dem Korbwägelchen stand, bis Richard sich in der schaurigkühlen Luft des grauenden Morgens seiner Mutter abschiednehmend um den Hals warf und Rolfers, der ebenfalls aufgestanden war, um ihm feierlich den Brief an den Kunsthändler, seinen alten Freund, zu übergeben, die Hand schüttelte. Rolfers hatte in dem Schreiben kein Hehl daraus gemacht, daß der junge Bote sein Sohn sei und hoffentlich einmal sein künstlerischer Erbe.

Sinnend blickte er dem davonrollenden Wägelchen nach, von dem der Junge leidenschaftlich mit der Mütze zurückwinkte, als er um die Ecke bog. Martha fiel es auf, wie ruhig und heiter Rolfers dreinschaute, auf seiner Stirn lag ein leuchtender Friede.

Sie seufzte. Ihr war nicht friedvoll zu Sinn, und sie hatte alle diese Nächte ihr Kopfkissen mit vielen Tränen befeuchtet. Doch die zwei, die nur miteinander beschäftigt waren, hatten es nicht beachtet, wie sehr sie von Kummer und Gram beschwert neben ihnen einherging.

Mit zwei Aufträgen war Richard neben dem Hauptzweck seiner Reise bedacht worden. Der Professor hatte ihn am Abend noch mit hinauf ins Atelier genommen und ihm eine feine alte Goldkette gezeigt.

»Sieh, die möchte ich deiner Mutter schenken. Sie hat viel Mühe und Arbeit von der Sache gehabt. Und ich wünschte, daß du ihr einen schönen Kleiderstoff mitbrächtest. Eine weiche Wolle, die sanfte, fließende Falten gibt, die Farbe dachte ich mir in einem dunkeln Violett wie reife Pflaumen. Das muß gut stehen zu ihrem blonden Haar und zu der Kette. Wir wollen unsre Mutter doch hübsch sehen. Sie gibt zu wenig auf ihr Äußeres.«

»Ja, das habe ich ihr oft gesagt,« rief Richard eifrig. »Aber sie wollte nie hören, und es ist ja auch wahr, wir hatten immer so wenig Geld, fügte er naiv hinzu.

»Darum müssen wir beide nun für sie sorgen,« sagte Rolfers und klopfte Richard auf die Schulter. »Sieh, daß du etwas Schönes findest – und vergiß auch die Farbentuben für dich nicht. Hier ist das Verzeichnis.«

Seine Mutter befahl ihm, in ihre Wohnung zu gehen und nachzusehen, ob dort alles noch gut verwahrt und in Ordnung sei. Bei dieser Gelegenheit erfuhr Rolfers erst, daß die Wohnung noch nicht gekündigt war.

»Ja, warum hast du das Ostern nicht getan, Martha?« fragte er. »Deine Einrichtungen gehen mich ja nichts an – aber da du sonst so sparsam wirtschaftest, nimmt es mich wunder ...«

Martha entgegnete ein wenig verdrossen, sie müsse einen Ort haben, ihre Möbel aufzubewahren, an denen sie doch hänge, und überhaupt wolle sie einen Fleck wissen, der ihr gehöre. Sie zeigte ein so ablehnendes Wesen in dieser Angelegenheit, daß Rolfers schnell das Gespräch auf ein andres Thema brachte. Aber in den Tagen, in denen Richard entfernt war, mußte er noch oft an den verschlossenen und feindseligen Ausdruck denken, der sich bei dem Gespräch über die Wohnung auf ihrem Gesicht gezeigt hatte.

Er ging viel und unruhig im Haus umher.

»Die Stille ist geradezu beklemmend, findest du nicht, Martha?« fragte er mehrmals. »Ich hatte gar nicht gewußt, daß der Bengel so viel Lärm vollführte.« Und er hörte in Gedanken die frische eifrige Stimme durchs Haus jubeln: Professor – Professorchen! Denn je vertraulicher der Junge wurde, desto mehr Fragen und Wünsche hatte er auch an ihn.

Abends, als er mit Martha, wie sie es gern zu tun pflegten, den breiten Weg zwischen den Gemüsebeeten hinab und hinauf wandelte, an dessen Rändern nun schon die ersten Rosenknospen sich öffneten, fragte er seine Gefährtin sacht und ein wenig verlegen: »Sage, Martha, hast du keine alten Photographien – so dumme kleine Kinderbilder von dem Jungen? Die möcht’ ich wohl gerne einmal sehen.«

»Ich ließ sie in Berlin!« erwiderte Martha kurz, und Rolfers schwieg betroffen. Er ging dann bald ins Haus ‘... Jetzt wird er bei Gebhardts sitzen,’ dachte er, denn er hatte seine Freunde gebeten, den Richard in der Familie gastlich aufzunehmen, er wußte, daß dies in dem großgeführten Hause keine Schwierigkeiten machte. ‘Oder vielleicht haben sie ihn auch ins Theater geführt. Wie er sich wohl gebärden wird ... ich wollte, ich könnte ihn sehen’ ... So träumte er sehnsüchtig und versuchte umsonst, seine Gedanken auf ein Buch zu sammeln.

Martha hatte sich ebenfalls früh in ihr Zimmer zurückgezogen. Sie verschloß die Tür. Dann entnahm sie ihrer Schublade ein altes abgegriffenes kleines Lederalbum und blätterte darin. Es enthielt die Bilder von Richard, nach denen Rolfers gefragt hatte. Richard als nackendes Kindchen, Richard im karrierten Kittel, mit einem Ball in der Hand, auf den er herabblickte, als trage er die Weltkugel, Richard als Matrose und im Verein mit zahllosen dicht zusammengedrängten Schuljungenköpfen. Und das letzte: Richard mit der Gitarre auf einem Baumstumpf unter den Wandervögeln. Sie küßte und streichelte die Bilder und sprach leise zu ihnen, gab ihnen leidenschaftliche Kosenamen, als seien sie lebendig.

»Nein, nein,« flüsterte sie, »die soll er niemals sehen – die sind mein Eigentum, meines allein – Seine süße Kindheit, die will ich mit niemand teilen – die gehört nur mir allein!«

Sie versteckte das Album wieder sorgfältig unter ihrer Wäsche und schob die Lade zu.

Lange saß sie auf dem kleinen Schaukelstuhl neben der Kommode, wiegte sich leise hin und her und schaute trübe vor sich nieder. Zuletzt raffte sie sich auf, seufzte noch ein paarmal, nahm ihre Schreibmappe, rückte sich die Lampe und begann mit einem energischen Entschluß verschiedene Briefschaften, die sie in den letzten Tagen erhalten hatte, aufmerksam durchzulesen. Sie nahm darauf einen leeren Bogen, legte ihn vor sich hin und sah nachdenksam vor sich nieder. Noch einmal rechnete sie auf dem Löschblatt verschiedene Zahlenreihen zusammen und begann resolut den Brief zu schreiben. Doch mußte sie zweimal ein neues Blatt nehmen und frisch beginnen, weil große Tränen auf das Papier fielen und die Schrift verlöschten. Endlich brachte sie ihren Vorsatz mit einer grimmigen Miene von Entschlossenheit dennoch zustande. Sie ging hinaus und öffnete die Haustür. Oben lehnte sich Rolfers aus dem Fenster.

»Wer ist dort?«

»Ich will nur einen Brief zum Kasten bringen,« antwortete Martha und lief eilig, als verfolge man sie, in die mittlerweile eingetretene Dunkelheit hinaus.

Rolfers holte den Jungen selbst von der Station ab. Der sprang strahlend froh aus dem Zug, von lauter guten Nachrichten überströmend. In Berlin und Hamburg flatterten die Siegesfahnen von allen Dächern, denn Lemberg sei gefallen, und nun stürmten die Heere auf Warschau zu –! Und die Ausstellung –! Der Professor solle nur nicht glauben, daß die Menschen um des Krieges willen kein Interesse mehr für Kunst haben wollten –! Gedrängt hätten sich die Leute – die Nationalgalerie habe das große Seestück gekauft, das mit der grauen schweren Luft und dem dunkeln Wasser – und es habe sich fein gemacht, daß schon bei der Eröffnung der Ausstellung daran gestanden habe: Verkauft. Und die Kunsthalle in Hamburg werde auch ein Bild kaufen, es sei aber noch ungewiß welches. Und Gebhardt hätte es schon telegraphiert, aber er wollte ihm die Freude gönnen, es zu berichten. Und lieb sei er zu ihm gewesen – Frau Gebhardt auch und der junge Gebhardt ... Nicht zu sagen –! Aber er wisse schon, wem er das zu verdanken habe.

Der Abend verging unter den fröhlichen Berichten des aufgeregten Knaben. Sie saßen auf der Veranda. Rolfers hatte Martha gebeten, das Essen ein wenig festlich zu gestalten, und hatte Rosen geschnitten, sie auf den Tisch zu stellen. Zuletzt brachte er noch eine Flasche Sekt aus dem Keller und schenkte ihn in die schönen schlanken Kristallkelche, die sonst im altertümlichen Glasschrank standen. Richard war ganz wild vor Entzücken. Martha schüttelte den Kopf und meinte, Rolfers verwöhne den Jungen, doch sie wurde überstimmt. Der Professor war lustig wie ein Akademieschüler – und die beiden heckten allerlei Witze und Schnurren miteinander aus. Richard packte auch das Paket mit dem dunkelvioletten Kleiderstoff aus, gemeinsam umhüllten sie die widerstrebende Frau mit der weichen Wolle, und endlich hing Rolfers ihr die goldene Kette über den Kopf. Dann holte Richard seine Laute und stimmte Vaterlandslieder an, und der Professor sang tapfer mit, lehrte ihn auch Melodien von schönen alten Volksliedern. Martha hatte anfangs mit eingestimmt, aber sie schwieg bald wieder.

Einmal fragte Rolfers: »Martha, ist dir nicht wohl, du siehst so blaß aus?« Doch sie meinte, es sei nur der grüne Schein von den dichten Weinranken.

Mit heißen roten Backen und Augen wie zwei Lichtern schaute Richard aus den weißen Bettkissen, als seine Mutter noch einmal zu ihm kam, ihm den Gutenachtkuß geben.

»Mutti – war das ein schöner Abend – nicht? Herrlich! Daß der Professor so lustig sein könnte, hätte ich doch nie geglaubt! Und die Goldkette, was –? Die mußt du jetzt täglich tragen – o, warum hast du sie abgenommen – sie steht dir so gut! – Mutti, was hast du – dich quält etwas – du hast dich auch nicht gefreut über die Geschenke – glaubst du nicht, daß der Professor uns lieb hat? Sag’ doch, Mutti?«

Der erregte Knabe setzte sich aufrecht, legte den Arm um seiner Mutter Hals und streichelte sie.

»Dich hat er lieb!« stieß Frau Martha hervor. »Was bin ich ihm? Nichts! Weniger als nichts! ... Eine Wirtschafterin –! Ausnützen tut er uns und dann ein Geschenk. Wie’s mich beleidigt, ahnt er nicht einmal! So von oben herab! – O – ich kenne ihn, den Zauberer – aber über mich hat er keine Macht mehr – nur dich – dich hat er ganz und gar!«

Sie schluchzte laut auf. Richard löste bestürzt den Arm von ihrem Hals. Der Ausbruch traf ihn so unvorbereitet, daß er zunächst nur grenzenlos erschrocken war. Niemals noch hatte er so leidenschaftliche Töne aus seiner Mutter Munde verkommen. Wie kam sie, die Stille, Gefaßte, Verständige, zu diesem Verzweiflungsweinen? Wie lange mußte das schon in ihr gewühlt haben ... Aber was denn? Er begriff den Grund ihres Kummers noch immer nicht.

»Sag’ mir doch nur, warum du so traurig bist?« bat er. Und als sie schwieg, nur den Kopf heftig schüttelte, begann er leise zögernd, voll Scham und Scheu: »Wenn du ihm nicht verziehen hattest, warum kamst du dann zu ihm? Ich habe es nicht gewollt! Ich verstand dich auch anfangs nicht – ja – aber dann –! Dann habe ich ja begriffen – so gut – so gut ... Man muß ihn verehren ...«

Martha riß ihren Sohn plötzlich in ihre Arme und küßte ihn wild.

»Ich ertrage es nicht – ich ertrage es nicht!« stöhnte sie. »Ich gehe daran zugrunde – ich werde schlecht, wenn ich hier bleibe – gemein, boshaft – gehässig – ganz, ganz klein werde ich, wenn ich länger hier bleibe ... Er hat mir alles genommen – und er wird dich mir auch noch nehmen. Du siehst und hörst ja schon nichts andres als ihn! Du bist ja schon wie verzaubert – Richard, hast du denn dein armes Mutti gar nicht mehr lieb?«

»Aber, Mutter –,« rief der Knabe, richtete sich schnell auf und sah seine Mutter mit seinen hellen Augen zornig an, »wie redest du nur? Ich kenne dich gar nicht mehr ... Ich habe dich lieb, das ist doch selbstverständlich. Darf ich darum einen andern Menschen nicht liebhaben ... Mutti – er – er ist doch mein Vater!«

»Gut – so wähle!« sagte Martha. Sie war aufgestanden und blickte mit verweinten, zerwühlten Zügen auf ihn nieder. »Ja, Richard – es geht nicht anders. Ich habe mir Übermenschliches zugetraut und kann es nicht durchführen. Meinetwegen sage, ich bin schwach. Ich bin auch nur ein schwaches Weib. Ich will fort von hier. Fort aus dem Hause will ich!«

»Mutter – das – nein, das kannst du nicht!« schrie Richard ganz laut vor Schrecken und starrte seine Mutter voll Entsetzen an.

»Sei leise, Richard, er hört uns,« mahnte die Mutter. »Mein Junge, es wird dir schwer, aber du mußt mir das Opfer bringen – du wirst – ich weiß es ...«

»Welches Opfer?« fragte Richard und begann zu zittern. »Was meinst du denn, Mutti?«

»Daß du mit mir gehen sollst, Richard, das meine ich. Heimlich wollen wir fort. Anders geht es nicht – sonst bringt er uns ja doch wieder in seine Gewalt. Ich kann es nicht durchleben, wie er dich von meinem Herzen fortlockt ... Und glaube mir, Richard – ich kenne ihn – in ihm ist eine schauerliche Kälte. Was gilt ihm Menschenglück – ihm gilt nur die Kunst ... Wenn du ihn da enttäuschest – du sollst es sehen, wie er dich rücksichtslos über Bord wirft ...«

»Das darf er auch,« sagte der Knabe trotzig. »Das ist sein gutes Recht!«

»Ich will es nicht erleben. Ich nicht. Ich zerbreche daran.«

Ihre Augen irrten hilflos. »Vielleicht ist es schon zu spät,« sagte sie plötzlich gedrückt, wie unter einer allzu schweren Bürde von Kummer. »Ja, ich fühle es, bleibe nur bei ihm ... Laß mich gehen, Richard, halte mich nicht zurück. Sieh – ich habe mir eine Stellung gesucht, wo ich Brot habe, selbständig bin. Nicht in Berlin, das war nur, um ihn irrezuführen. Du wirst mich nicht verraten, Richard! Wenn ich erst ganz weit fort von euch bin, in der Arbeit, in recht viel Arbeit – dann wird es ja schon gehen. Dann werde ich mich ja schon wiederfinden ...«

»Mutter – das ist alles so unmöglich – so sonderbar unmöglich ...«

Nun streichelte sie ihn unter Tränen, die ihr über das blasse, eingefallene und erschöpfte Gesicht liefen.

»Gelt – du sagst ihm nichts – verrätst mich nicht? Mein armer Junge, daß ich dir so weh tun muß ...«

»Ja,« murmelte Richard und ließ den Kopf trostlos auf die Brust fallen, »du tust mir weh – so weh ...« Er krümmte sich, wie in großen Körperschmerzen. »Nie habe ich daran gedacht ... Nie ... Mutter – bitte – versuche doch zu schlafen ... Morgen wirst du alles anders sehen ...«

»Nein, Richard – das ist kein Plan von heut – der ist seit Wochen in mir gereift. Und nun bin ich ganz entschlossen ... Aber ich will dich nicht zwingen, mit mir zu gehen. Es wäre wohl zu grausam ...?«

Richard ballte die Fäuste. ‘Nein, nein, ich gehe auch nicht mit ihr,’ schrie es in ihm. ‘Ich gehöre zu ihm und bleibe hier’ ...

Sie hatte wohl eine Antwort erwartet und beobachtete ihren Sohn eindringlich, gespannt. Er kniff die Lippen zusammen und wandte den Kopf von ihr fort. Mürrisch streckte er sich in seinen Kissen aus.

Einige Augenblicke stand sie unschlüssig an seinem Bett. »Richard, willst du mir nicht noch einen Kuß geben?« fragte sie mit leiser demütiger Stimme. Er machte eine heftig verneinende Bewegung und wühlte sein Gesicht in die Kissen ...

Da ging sie gebeugt und schwankend in ihr Zimmer zurück. Sie ließ die Türe geöffnet, denn ihr war, als könne sie jetzt nicht allein sein, als müsse sie wenigstens noch seinen Atem hören. Leise und schnell legte sie sich nieder. Schwer hing die heiße Sommernacht über dem Lager, auf dem Martha verstohlen in die Kissen weinte. Sie hörte, wie Richard sich zuweilen hin und her warf. Dann wieder lag er lange still, so daß sie von einer sonderbaren Angst ergriffen wurde. Könnte sie wahrhaftig ohne ihren Jungen leben? Sie hatte das so hingesprochen ... Aber wenn er sich von ihr losmachen würde, wenn sie ihn verlieren müßte? ... Trotzdem wich sie nicht von ihrem Vorsatz, an den sie sich klammerte, wie der Ertrinkende sich an ein Rettungsboot festkrallt. So viele Jahre hatte sie in nüchterner Stille gelebt ... Nein, sie hätte gelogen, wenn sie behaupten wollte, jenes Jugendschicksal laste noch auf ihr. Sie hatte es längst verwunden. Sie war friedlich und froh in ihrem Jungen gewesen. Keine Ahnung hatte sie jemals beunruhigt, daß ihr noch einmal Seelenleiden aufgespart sein könnten, wie sie sie in den letzten Wochen durchgemacht hatte.

Sie hörte die Türe leise gehen, vernahm das Tappen nackter Füße. Sie unterschied Richards Gestalt im weißen Nachthemd. Er kam sachte näher, setzte sich zu ihr, beugte sich tief über sie nieder und flüsterte ihr ins Ohr: »Mutti, sage mir eins ... Du hast ihn noch lieb, nicht wahr? ...«

Sie schlang die Arme um ihren Sohn und drückte ihren Kopf an seine Brust. »Ich weiß nicht –! Hilf mir, Richard ... hilf mir doch – – ja – ich glaube – ich liebe ihn immer noch ...«

Er hielt sie lange still in seinen Armen und an seiner Brust. Dann sagte er ruhig und sicher: »Ich gehe mit dir, Mutti. Ich verlasse dich nicht. Das denke nur nicht. Ich bleibe immer bei dir. Aber nun höre zu: Heimlich gehen wir nicht, das tun wir auf keinen Fall. Was man will, muß man auch vertreten. Du mußt es ihm sagen.«

»Ich kann nicht!«

»Doch, du kannst. Er hält uns nicht zurück, wenn wir fortgehen wollen – dazu ist er viel zu stolz. Wenn du willst, so rufe mich nur, und ich sage ihm, daß ich mit dir gehen will. Dann ist alles aus zwischen uns.«

Der Knabe sprach die letzten Worte in einem so herzzerreißenden Ton von Hoffnungslosigkeit, daß Martha ihn heftig an sich drückte und flüsterte:

»Du wirst mich auch nicht hassen – mein Einziges?«

»Nein, Mutti – ich verstehe dich ja,« sagte er leise und müde.

So saßen sie noch eine ganze Weile festverschlungen in der schwülen Sommernacht, schwiegen miteinander oder redeten leise über die Einzelheiten von Marthas Plan.

Endlich kehrte Richard in sein Bett zurück und fiel gleich in einen tiefen, schweren Schlaf.

Rolfers ging über den Hof in die Scheune. Lütje sollte das Pferd putzen und einspannen. Er wollte mit Richard über Land fahren, um ihm einen bestimmten Punkt zu zeigen, von dem aus er das Bild gemalt hatte, welches die Hamburger Kunsthalle zu kaufen beabsichtigte. Er war in guter Stimmung und pfiff, in Erinnerung des fröhlichen kleinen Gelages auf der Veranda, die Melodie von »Deutschland, Deutschland über alles«.

Ja, Gott sei Dank, die Einnahme von Lemberg, der Durchbruch von Mackensen – damit war doch ein weit offenes Tor geschaffen, durch das sich der Erfolg der deutschen Waffen vorwärts stürmend nach Rußland hineinwälzen konnte. Deutschland würde nicht untergehen ... Es würde leben und siegen ... Und sein Blick schaute erlöst in die Zukunft. Der furchtbare Druck, der alle die vergangenen Monate auf seiner Brust gelegen hatte, war vergangen. Er konnte wieder frei atmen – sich freuen und leben. Sein Ich war tot – unter tausend bitteren Schmerzen gestorben. Dieses harte störrische Ich, das nur dazu da war, damit die Welt im Wirbel um diesen einen Mittelpunkt kreiste, das nur sich selbst wollte und begehrte, auch in aller Kunst nur sich selbst zur Darstellung bringen mußte, und darum doch niemals das Höchste erreichte ... Das wußte er ja ganz genau. Auch mit den zwei gesunden Armen und Händen hätte er’s nie gefaßt und erlangt, immer sich in Theorien zerquält ... Der Junge – der arbeitete viel naiver darauf los, als er’s je gekonnt. Am Ende erreichte Richard das in der Kunst, was er so inbrünstig gesucht sein Leben lang. Könnte er ihn nur bewahren vor der Akademie-Wirtschaft, dem neidischen Schauen auf den Nebenbuhler, dem Gieren nach Erfolg, nach Aufsehen. Könnte er ihn schützen vor der wilden Hetzjagd, in der sie sich alle verzehrt hatten, er und seine Zeitgenossen. Es lag doch eine wundervolle reife Süße in dem Sichselbstaufgeben um des Kommenden willen – nur noch einer sein, der den Weg bereitet in das neue Land, für die Jugend in der geretteten Heimat.

Rolfers trat in den dämmerigen Schuppen, in den die Sonne durch das große Eingangstor eine Bahn hellen Lichtes sandte, von Milliarden Staubatomen durchflimmert. Er sah den alten Kutscher nicht und wollte eben wieder hinausgehen, ihn im Stalle nebenan zu suchen, da hörte er hinter dem verstaubten Schlitten aus der Dunkelheit ein Bewegen. Er horchte auf – dort verbarg sich jemand.

Mit ein paar raschen Schritten ging er um den Schlitten herum. Auf einem Futtersack saß Richard, zusammengekrümmt, beide Arme auf einen vorspringenden Balken gelegt, den Kopf darauf gedrückt. Seine Schultern zuckten in kurzen Stößen, ein Ton, wie von einem Weinen, das gewaltsam unterdrückt werden soll, drang zu Rolfers. Es wurde ihm kalt und schwindlig vor den Augen, so tief erschrak er. Was war denn hier geschehen?

»Richard ...«

Er wollte mit der Linken ihm den Kopf heben, aber der wühlte sich nur tiefer in das Versteck der Arme. Der ganze Knabenkörper wurde durchschüttelt von diesem leidenschaftlichen Schluchzen.

»Richard, mein Kerlchen – um Gottes willen – was ist dir denn geschehen? Sieh mich doch an – weißt du denn nicht, wie ich’s mit dir meine? Du kannst mir doch vertrauen!«

Der Junge sprang heftig auf, zeigte ihm ein heiß und rot geweintes Gesicht, entzündete, verschwollene Augen, warf ihm beide Arme um den Hals und legte, wie in einer völligen Erschöpfung von Jammer, seinen Kopf an die Brust des Mannes. Der suchte zunächst nur seine Tränen zu trocknen, streichelte ihm das Haar und flüsterte ihm gute, beruhigende Worte zu.

Richard hob den Kopf und lächelte, wie kranke Kinder zuweilen lächeln, um die Erwachsenen über ihre Schmerzen zu beruhigen.

»– Es ist ja nichts,« antwortete er eilig, »nur Dummheit ... Ich hatte etwas mit Mutti, – es ist schon vorbei.«

»Da machst du mir nun nichts weiß, mein Junge,« sagte Rolfers sehr ernst. »Die Wahrheit werde ich schon erfahren, auch wenn du sie mir nicht sagen willst – verlaß dich drauf.«

Sein Blick weilte eindringlich auf dem Knaben. Die verschiedensten Möglichkeiten, die den sonst so harten Jungen zu diesem einsamen Schmerzensausbruch veranlaßt haben könnten, jagten durch seine Phantasie. Auf das Richtige verfiel er nicht. Irgendein Erlebnis in Berlin erschien ihm als das Nächstliegende. Mutter und Sohn hatten gestern abend lange miteinander geredet, – ja er hatte ihre erregten Stimmen einigemal in harter Steigerung gehört.

»Richard, – soll ich dich erst bitten, mir zu sagen, was dir fehlt?«

In dem von Weinen verschwollenen Gesicht wühlte und arbeitete es. »Die Mutter wollte mit Ihnen reden,« stotterte der Junge. »Sie wird es doch nicht tun, sie sagt ja, sie hat keinen Mut.«

Rolfers zog die Brauen zusammen, sein Gesicht bekam dadurch etwas Finsteres, Drohendes. »Keinen Mut,« grollte er, »was soll denn das heißen ... Da habe ich seit Monaten geglaubt, mit Freunden zusammen zu leben, und nun scheint es, sie hecken hinter meinem Rücken irgend etwas aus, was nur geheimgehalten werden muß.«

»Sehen Sie,« sagte Richard lebhaft, »das habe ich der Mutter auch gesagt. Sie müssen es wissen! Wir wollen fort!«

»Was – fort von mir – fort –? du auch?«

Richard nickte. »Ich gehöre zu Mutter!« Das war nur noch ein trotziges Gemurmel. Aber Rolfers hatte es doch verstanden. Er war vollständig fassungslos – an diese Möglichkeit, wenn er sie auch Martha freigestellt, hatte er doch niemals im Ernst gedacht. Das Gefühl einer ungeheuren Enttäuschung schnürte ihm die Kehle zu. Ein Zorn stieg in ihm hoch – er hätte sich auf den Jungen werfen und ihn erwürgen können. – Der aber, wie er sah, daß der Mann blauweiß wurde im Gesicht und an der Nachricht fast erstickte, beugte sich, nahm seine linke Hand und küßte sie. Demütig und zärtlich hob er die Hand und legte sie auf sein eigenes Herz, das in wilden Stößen ihm die Brust beklemmte. Und sah mit seinen hellen, rotgeränderten Augen, deren Wimpern noch feucht glitzerten, flehend zu ihm auf. Wie ein stummes Tierchen, dem großes Unrecht geschieht.

Rolfers zog einen tiefen Atemzug. »Also – da scheint sich deine Mutter etwas recht Törichtes ausgegrübelt zu haben! Nun – wir werden ja sehen – wir werden ja sehen!«

Er faßte mit der linken Richards Kinn und hob seinen Kopf ein wenig zu sich empor. Seine Hand war kalt und zitterte, aber er sah den Knaben lange an.

»– du glaubst, ich ließe dich von mir,« sagte er undeutlich, »dich – meinen Weg, mein Ziel ... meine Ewigkeit ...«

Er strich mit der Hand über die Stirn.

»Nun komm, wir gehen durchs Gartenpförtchen ins Moor hinaus. Die Mutter ist vorn und sieht uns nicht, – da erzählst du mir alles. Wir werden schon ein Mittel finden, die Mutter umzustimmen. Ich glaube, ich weiß bereits eins – mit dem ich mich in diesen ganzen letzten Wochen herumgeschleppt habe ... Sonderbar – man weiß – ein Entschluß ist reif – und kann doch nicht dazu kommen, die letzte Türe aufzustoßen.«

»Nicht wahr,« fragte Richard, »wenn wir heimlich fortgegangen wären – Sie hätten uns nie wieder geholt?«

»Nein, da kennst du mich gut – das hätte ich nie über mich gebracht.«

Richard nickte sinnend. Plötzlich hob er die Arme, warf sie Rolfers um den Hals, drückte ihn stürmisch und küßte ihn auf den Mund, der ihm beglückt entgegenkam, und zum erstenmal sprach er den Namen: »Vater – mein Vater!«

Sie gingen beide den Weg ins Moor, auf dem Rolfers schon in vielen kampfreichen Stunden seines Lebens auf und nieder geschritten war. Hand in Hand gingen sie dort und redeten miteinander wie zwei Freunde.

Martha saß vor der Veranda und nähte, als Rolfers zurückkehrte und sich zu ihr setzte. Richard war durch den Hof ins Haus gelaufen. Über dem Garten lag ein warmes, goldenes Nachmittagslicht, die großen Tannen dufteten kräftig und der zarte Geruch der Rosen schwebte wie eine süße leichte Melodie in der Luft. Martha fühlte sich ein wenig dumpf im Kopf und gleichsam ausgehöhlt. Als habe mit der gestrigen Aussprache gegen ihren Sohn ihr Wesen an Spannkraft und ihr Entschluß an Energie verloren. Sie fand das Leben unerträglich schwer und arbeitete sich immer tiefer in Kummer und Zorn gegen Rolfers hinein, denn ihr schien, ehe sie ihn wiedergetroffen hatte, ihre Existenz wie ein friedliches Bächlein zwischen Wiesenufern dahingeglitten zu sein. Er allein hatte alles in eine wilde leidenschaftliche Unordnung gebracht, aus der sie, was auch geschehen mochte, sobald nicht wieder auf ebene freundliche Straßen hinausfinden würde. Immer heftiger und eiliger stach sie mit der Nadel durch den weißen Stoff, als müsse mit der Beendigung dieser Naht auch ihr Schicksal endgültig beendigt werden. Sie hörte Rolfers kommen und es schoß ihr durch den Kopf: jetzt wäre der geeignetste Augenblick, um ihn mit unsrem Plan zu überfallen. Sie nickte ihm nur flüchtig zu und nähte immer schneller weiter, ohne aufzusehen. Er versuchte, sich eine Zigarette anzuzünden, doch das oft Geübte gelang ihm diesmal nicht, die Hand zitterte zu heftig, er mußte um Marthas Unterstützung bitten. Sie strich ein Zündholz an, und versorgte ihn mit Feuer, um dann hastig ihre Arbeit wiederaufzunehmen. Er sah ihr eine Weile schweigend zu.

»Man sollte meinen, Martha, du nähtest um dein Leben ...,« sagte er heiter und eine Wenigkeit ironisch. »Sieh einmal auf und genieße diese goldene Stunde!«

»Ach – es ist einem nicht immer um goldene Stunden!« sagte sie traurig.

»Nein, gewiß nicht. Die paar, die uns geboten sind, pflegen wir uns noch kunstvoll zu verdunkeln. Ich fürchte auch, ich wähle eigentlich nicht die richtige Zeit, um dich etwas zu fragen, was mir schon lange im Gemüt rumort. Aber es muß nun doch heraus: Willst du meine Frau werden?«

Martha warf die Arbeit zur Erde und flog auf ihrem Stuhl in die Höhe.

»Das soll ich doch nur um Richards willen,« rief sie dunkel erglühend und schon wieder nahe an den ausbrechenden Tränen. »Wenn du glaubst, ich tue dir jeden Willen, so irrst du. Das ist ein für allemal vorüber!«

»Martha, ich möchte in dieser Stunde, die mir sehr ernst und heilig ist, keine Unwahrheit zwischen uns lassen. Ich will Richard als meinen Sohn anerkennen, ich will ihm meinen Namen geben. In ihm ist mir das Beste meines Lebens neu erstanden! Ich bekenne ganz offen, daß ich ihn vielleicht nicht lieben gelernt hätte, wenn ich nicht in ihm mein eigenes Sein, mein Streben und Sehnen wiedergefunden hätte. Du kennst mich, Martha, – meine Stärke und meine Schwäche, unter der du ja schon genug zu leiden gehabt hast: es geht mir nicht allein um irgendeinen lieben Jungen – es geht mir um meine Kunst – ach – was sage ich – meine! Es geht mir um die Kunst schlechthin, die in Richard sich so prachtvoll frisch und kräftig regt! Muß ich künftig nur noch Hüter sein, so will ich das ganz und aus allen meinen Kräften werden! In diesen fürchterlichen Weltkrämpfen ist es doch etwas Heiliges, die kleinen Pflänzchen zu betreuen, in denen sich das Ewige verkörpert, das der Mensch doch schließlich ebenso nötig braucht wie Brot und Kleider, ja wie das Vaterland selbst. Es ist ja merkwürdig, daß die Kunst auf blutigem, gefährlichem Boden oft so gut gedeihen kann. Sie ist eine dämonische Luxuspflanze, die sich von kostbarem Menschendünger nährt. Ich denke, du verstehst mich nun, wenn ich sage, es geht in dieser Angelegenheit keineswegs um dein oder um mein Glück, sondern um etwas viel Höheres, Allgemeineres. Hätte ich die Überzeugung nicht, ich würde gewiß nicht wagen, dir diese letzte Entsagung zuzumuten ...«

Martha wand die Finger ineinander und blickte Rolfers hilflos an. »Ich kann nicht, Franz – was du von mir verlangst, kann ich nicht leisten! Das mit der Kunst – es ist gewiß wahr – aber es klingt so kalt – ich kann es doch nicht verstehen.«

Sie stand auf, starrte in den blühenden sommerwarmen Garten, blickte wieder zurück auf den Mann, den sie liebte – sie fühlte es so stark in dieser Stunde – und der ihr doch so fremd war und so Grausames von ihr forderte, während er still wartete.

»Gut denn – nimm Richard – ich schenk ihn dir – wenn es sein Glück ist ...,« sprach sie bebend und schluchzend. »Nur sehen will ich ihn zuweilen! Weiter nichts, als ihn hin und wieder ein paar Tage zum Besuch haben, das wirst du mir ja gönnen!«

Sie trank ihre salzigen Tränen mit den Lippen, als müsse sie damit den herben Trank ihrer Zukunft kosten.

»Nein, Martha – das eben will ich nicht! Richard braucht uns beide! Du bist seine Mutter – unter deiner Hut ist er so geworden, wie ich ihn heute liebe – niemals möchte ich den warmherzigen Jungen von seiner Mutter trennen. Ich will jetzt nicht von Dankbarkeit reden ...«

‘Das könnte ich auch am wenigsten ertragen,’ flüsterte Martha zornig.

»Also lassen wir das Kapitel beiseite,« sagte Rolfers. »Wäre es dir lieber, Martha, wir würden unsre neue Ehe mit der Einbildung beginnen: wir zwei alternde Menschen, für uns könne noch mal ein Liebesfrühling kommen? Unser Frühling heißt Richard – ich meine, er blüht schön und verheißungsvoll. – –

Sieh, ich biete dir meine Hand ... Mancherlei habe ich durchlitten – darum glaube ich nun, ich kann dir helfen und dir ein Führer sein aus dir selbst heraus – hinein in ein besseres und höheres Gefühl, das uns zwei innerlich einen soll! Elternliebe muß genug Kraft und Saft haben, um eine Gemeinschaft reich und froh zu machen, meinst du nicht?«

»O Franz ...« Wie sie seinen Namen sprach, bebend unter tausend Erinnerungen, wußte der Mann, daß er sie gewonnen hatte. Er öffnete die Türe und rief laut nach seinem Sohn.

Anmerkungen zur Transkription:

Der Originaltext ist in Fraktur gedruckt.

Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.

Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen:

S. 26: drängte --> drängte. (Punkt ergänzt.)

S. 52: quält dich nicht ..« --> quält dich nicht ...« (Auslassungspunkt ergänzt)

S. 59: Überrraschung --> Überraschung (Druckfehler korrigiert)

S. 220: einma --> einmal (Druckfehler korrigiert)

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