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Ini

Drittes Büchlein. (continued 2)

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Guido und sein Lehrer sahen noch Tausend Merkwürdigkeiten, welche aufzuzählen der Raum hier nicht gestattet. Unter andern folgende auf der Anatomie, welche sie als eine der vorzüglichsten Anstalten zu Paris besuchten, und wohin sich jetzt eine große Zahl gespannter Neugierigen drängte.

Die Veranlassung war diese:

Vor funfzig Jahren hatte, zu Befremdung von ganz Europa, ein Bürger in Paris mehrere todeswürdige Verbrechen begangen. Das Gesetz zauderte lange mit seinem Spruch, und wollte ihn endlich nach Spitzbergen verweisen, wohin, wie wir schon wissen, solche Unglückliche kamen, deren Vernunft sie nicht von der Schönheit eines gesetzlichen Lebens überzeugen konnte. Die Kolonie in Spitzbergen hörte aber davon, und indem jeder Einzelne dort sich rein gegen jenen Bösewicht halten konnte, schrieb sie an das Gericht und verbat die Verunehrung.

Man wankte von einer Meinung zur anderen. Seit mehr als einem Jahrhundert war in Europa keine Todesstrafe zuerkannt worden, es gab keine Henker und Hochgerichte mehr. Dennoch hatte der Mensch die Todesstrafe vollkommen

Da trat ein Lehrer der Zergliederungskunde auf. Laßt ihn durch seinen Tod nützen, sprach der Mann, er mag uns um eine wichtige Erfahrung bereichern. Wir entdeckten eine geistige Flüssigkeit, viel vervollkommnet gegen die, welcher sich vormals die Anatomen bedienten, um thierische Organe dauernd aufzubewahren. Sie erhält einen Körper genau in dem Zustande, worin er ihr übergeben wird. Ich rathe, wir füllen ein weites Gefäß mit diesem Fluidum. Der Verbrecher werde entkleidet und darin ertränkt. Dann soll aber das Gefäß verschlossen werden und funfzig Jahre lang unberührt bleiben. Nach Verlauf dieser Zeit aber soll man den Körper wieder herausnehmen, und die gewöhnlichen Mittel, welche im Wasser Verunglückte oft ins Leben rufen, anwenden. Meine Theorie weissagt, man werde sich nicht umsonst bemühn, denn die Lebenskraft ist nicht entflohn, alle Theile sind in

Der Arzt sah sich häufig bestritten, man lachte sogar über ihn. Endlich aber erklärte ein Geschichtforscher: er habe in einem alten Buche gefunden, daß einst im achtzehnten Jahrhundert, der Mann, welcher die ersten Gewitterableiter erfunden, Franklin genannt, Fliegen von Madera, die im Weinfasse nach Nordamerika gekommen wären, und zehn Jahre lang im Keller gestanden hätten, wieder lebendig gemacht habe.

Was wollt ihr nun? fragte der Arzt.

Fliegen und Menschen! spöttelten seine Gegner.

Nun, es kömmt auf den Versuch an, hieß es

Das Faß mit dem Ertränkten wurde in einem festen Gewölbe bewahrt, vor dessen Thür der Rath sein Siegel legte. Ein Protokoll berichtete der Nachwelt die Thatsache und bat daneben: falls der Verbrecher wirklich wieder zum Dasein gelangen sollte, dann die weitere Strafe, in Betracht der erlittenen Todesangst, aufzuheben. —

Jetzt waren die funfzig Jahre verstrichen. Der Tag des Versuches wurde beraumt. Die Naturkundigen schrieben für und gegen jenes, schon lange gestorbenen, Arztes Meinung. Man stellte Wetten an, ganz Paris sprach von nichts, als dem Manne im Spiritus.

Gelino hatte, durch bedeutende Fürsprache, die Erlaubniß des näheren Zutritts für sich und seinen Zögling empfangen. Man brach die Siegel, fand das Gefäß unversehrt, das nun in den Saal der Anatomie geschafft wurde.

Auf Erhöhungen saßen die eingelassenen Zuschauer, die Naturkundigen hatten sich um den Tisch, in der Mitte des runden Saales, gedrängt.

Der Körper ward aus seinem feuchten Grabe gezogen, auf den Tisch gelegt. Alle Theile waren

Die gewöhnlichen Rettungsmittel fanden Anwendung, man brachte die Flüssigkeiten aus der Luftröhre, rieb, erwärmte, flößte ein, u. s. w. Doch verging eine Stunde nach der anderen, ohne daß der Zustand des Kadavers sich im mindesten umwandelt hätte. Nicht wahr, wir hatten Recht? sagten die Ungläubigen, wer seine Wette verlohren glaubte, zog ein verdrießlich Gesicht.

Endlich rief ein junger Arzt: Vielleicht hindert der Spiritus, den die Einsaugungsgefäße aufnahmen, durch den zu großen Reitz den Umschwung der Säfte. Suchen wir ihn in einem Schwitzbade auszuführen, das ohnehin durch den hohen Grad von Hitze die Lebenskraft anregen wird.

Es ist nicht mehr die Rede von Lebenskraft, entgegnete der Vorsteher, indessen kann man ein Uebriges thun.

Das Schwitzbad wurde geheitzt, einige kräftige

Vom Saale schickte man jeden Augenblick nachzufragen. Die Nachricht langte an: der Kadaver schwitze. Ein Lebenzeichen! frohlockte der eine Theil: es sind die Dünste des Bades, die sich anlegen, stritt der Andere.

Nach einer halben Stunde schrie ein Bote athemlos: Athem! — Irrthum, Irrthum! — Seht ihr, seht ihr! — Ich hab’ es selbst empfunden.

Ein anderer sprang in den Saal, rief, mit eignem starren Puls: — Puls — Unmöglich! Warum unmöglich? — Meine Hand fühlte ihn.

Man wußte nicht woran man war, doch fing der Unglaube an, kleinlaut zu werden.

Der Körper ward nun in dichte Pelze gehüllt und wieder in den Saal gebracht. Jedermann sah die unzweifelhafte Verändrung des Gesichtes, die Bläue war geschwunden, ein brennendes Roth überzog es, wenn sonst schon sich keine Bewegung

Doch eine Feder, vor den Mund gelegt, flog weg, alle, welche an die Pulsader griffen, bezeugten, ein leises Klopfen wahrzunehmen.

Dabei blieb es aber wohl sechs Stunden, so daß der Zweifel wieder die Stimme erhob, und jene Anzeigen Täuschung nannte. Dann schrie aber alles plötzlich auf! Das eine Auge hatte sich geöffnet und wieder geschlossen. Nicht lange, so geschah das Nämliche mit dem zweiten, eine Stunde noch, und das erste Wort floh von den Lippen, die funfzigjährige Erstarrung geschlossen hatte.

Niemand mied den Saal. Man vergaß über die Neugier die gewohnte Nahrung zu nehmen, immer das Auge auf den Körper geheftet. Die ganze Nacht verstrich so, während hin und wieder die Sprache, doch verwirrt, hörbar wurde. Am andern Morgen aber war die Besonnenheit vollkommen da, der wieder Lebende sprach von seinem Verbrechen, seiner Reue, flehte um Erbarmen.

Man sagte es zu, schonte seiner auf alle Weise, pflegte, stärkte. Er besann sich in ein

Er trat auch zu ihm. O Himmel! rief er, wie bleich, wie gerunzelt deine Wangen, Richter, wie weiß dein Haar! Was hat dich seit gestern so verändert? Und all diese Leute, wie seltsam sind sie gekleidet! Wo bin ich? Wohin brachtet ihr mich?

Man half ihm auf, führte ihn an ein Fenster. Er sah viele unbekannte Gebäude, vermißte viele alte. Bin ich trunken? Wahnsinnig? Wo ist der Pallast geblieben, der dort gestern noch stand? Wie kömmt so plötzlich der große Tempel nach jener immer leeren Stelle? Was soll ich denken?

Es war Zeit, ihm die Räthsel zu lösen, sein

Wer malt nun aber sein Staunen! „Funfzig Jahre hätte ich geschlafen? Unmöglich!“

Man zeigte ihm Bücher mit der laufenden Jahrzahl, rief einige Personen, deren er sich als Jünglinge oder Kinder entsann, deren jetzige Gestalt keinen Zweifel bestehen ließ. Er konnte es dennoch immer nicht glauben, ihm war, als sei er vor wenigen Minuten versunken, und rühmte wiederholt die Süßigkeit seines tiefen Schlummers.

Endlich mußte er aber die Wahrheit erkennen, und wurde durch ganz Paris geführt, wo Fenster und Dächer, wie sich denken läßt, mit Zuschauern überfüllt waren. Geschichtforscher und Antiquare ließen ihm daheim keinen Augenblick Ruh, und erfuhren auch in der That, manches ihnen Unbekannte, durch seinen Mund.

Er hatte nun gehört, die weitere Strafe sei ihm erlassen. Doch rief er: Mein Gewissen klagt mich zu laut an, ich verdiene es nicht!

Man entgegnete: Möchte vor funfzig Jahren geschehen sein, was da wolle, die Zeit hätte einen Schleier darüber geworfen, auch seitdem

„Nein, nein, die Vorwelt wollte deine Begnadigung selbst, wenn du die lange Verweisung aus der Gesellschaft überständest.“

Gut! Laßt mich ein Jahrlang unter euch leben. Dann will ich, mein Gewissen zu entladen, freiwillig abermal in das Gefäß. Ihr übergebt mich den Enkeln auf Hundert Jahre. Weit nützlicher kann ich einst jener Zeit sein, mir ist es gleich, den Rest meiner Tage nun oder dann zu beschließen, ja es ist wohl im letzten Fall noch weit merkwürdiger. In diesem Jahre will ich mich von den Veränderungen der Welt während meines Schlafes überzeugen, und ohne Zweifel werde ich oft staunen.

Man konnte nicht umhin, den Zustand dieses Menschen von einer Seite zu beneiden, und willfahrtete ihm übrigens.

Guido und sein Lehrer warteten jedoch nichts mehr davon ab, sondern machten sich auf den Weg nach England. Der Luftpostillion fuhr

London fanden sie jetzt wahrhaft reich, durch seine glückliche, zum Handel bequeme Lage, und einen edlen Wetteifer im Kunstfleiß, ohne den unsinnigen frevelhaften Vorsatz, alle übrigen Nazionen der Erde zu Grunde richten zu wollen.

Gelino sagte: Vor dem traurigen Ruin, den sich England Ehedem zuzog, sah man hier auch Reichthum, doch, mehr dem Schein als der Wirklichkeit nach. Das Land war seine ganze Habe mehr als dreifach schuldig. Das baare Geld, oder vielmehr seine Darstellung in Papier,

Die alte Paulskirche stand noch, sogar, wiewohl verfallen, die Westminsterabtei. Ueber das, dem Brande von 1660 zum Andenken errichtete, Monument, hatte noch der Zahn der Zeit nichts vermocht.

Der Luxus war dem in Paris ähnlich, die Reisenden bezogen wieder einen Miethpallast der jenem nichts nachgab. Man hatte einen öffentlichen

Auch hatte ein neuer Graham ein himmlisches Bett aufgeschlagen. Wer nun die Beschreibung davon lesen wollte, mußte so viel zahlen, als für den Eintritt in jenen Lustgarten, daneben einen Eid schwören, nicht auszuplaudern. Guido las, ward von den Vorstellungen unendlich zauberisch ergriffen. Der Lehrer sagte:

Die Bühnen zu Coventgarden und Drurylane waren nicht mehr vorhanden, es gab andere und in größerer Zahl. Das vorzüglichste hieß Shakespears Theater, doch nicht nur der Name, sondern auch die Werke des alten Dichters hatten ihr Andenken erhalten. Auch bestand neben der Vorliebe für ihn, viel Nazionalgeschmack von Ehedem. Die Identifikazionen mit dem übrigen Europa, hatten ihn nicht ganz aufgehoben, was auch in anderen großen Provinzen der Fall, wiewohl im merklichen Abnehmen, war. Man gab Shakespears Trauerspiele noch immer, jedoch übersetzt in die allgemeine Sprache des Erdtheils, deren Vollkommenheit sie indessen nichts verlieren, sondern viel an Kraft, Ausdruck, Bedeutung gewinnen ließ. Die Theaterkunst trieb es so weit als in Paris. Führte man den Sturm auf, sah der Zuschauer ein wirkliches, sturmerregtes Meer auf welchem das Schiff scheiterte. Denn ein großes Wasserbecken gehörte zu dieser Bühne, die man bei solchen Gelegenheiten kunstreicher Phantasmagorie, mittelst der unglaubliche Illusionen hervorgebracht wurden.

Guido verlangte jedoch von den Ergötzungen weg, deren er schon so vielen beigewohnt hatte, um die große Flotte zu sehen. Wie in der Provinz Moskau das Landheer den Hauptsitz hatte, waren Brittaniens Häfen, und vorzüglich London, der Aufenthalt von Europas Seemacht. Auf der Themse lagen die meisten Orlogschiffe, welche zu ihren Uebungen in die Nordsee ausliefen und gefahrvolle Küsten und Zwischenmeere besuchten, die Piloten und niedern Mannschaften desto vollkommener zu unterrichten. Jetzt nahte das Spätjahr, mit den um die Zeit der Nachtgleiche gewöhnlichen Stürmen, wo die Hauptprüfung Statt hatte. Diesmal sollte die Flotte von London ins Kattegat gehn, eine andere von Portsmuth und Plimouth sich mit der Abtheilung

Kadix, Toulon, Genua, Ankona, Korfu, Konstantinopel waren übrigens auch Kriegshäfen, doch der obern Leitung der Admiralität zu London übergeben worden.

Die Flotte gehörte wie das Landheer dem Föderalismus. Ihre junge Mannschaft zog sie aus allen Küstenlanden. Der Dienst eines Seesoldaten, wie sein Unterricht, seine Entlassung oder Beförderung zu wichtigeren Stellen, wurden nach Grundsätzen verfügt, die jenen beim Landheere ähnlich waren.

Der Staat zahlte keinen Sold, dennoch aber war die Seemacht wohlgerüstet, wohlgenährt, besaß sogar Schätze genug, um einen langen Krieg aus ihren Mitteln führen zu können. Dies machte, weil die Schiffe sechs Monate im Jahre zum Handel gebraucht werden durften, den die Admiralität, für Rechnung der Flotte, nach allen Erdgegenden trieb. Unbedingte Hafenfreiheit durch ganz Europa machte ihn noch weit einträglicher.

Guido meldete sich bei dem Befehlhaber der

Der Seekrieg wurde auf eine weit furchtbarere Art geführt als Ehedem. Man zählte auch drei Truppengattungen. Eine davon bestieg Luftfahrzeuge, suchte brennende Stoffe auf die feindlichen Galleonen zu werfen und Masten oder Segelwerk zu zerstören. Sie ward im Vollziehen und Abwenden nach Bedarf geübt. Die andere diente in den Schiffen selbst auf mancherlei Weise. Es gab Schützen, welche dicht bepanzert an Strängen hingen. An den Masten wurden sie staffelförmig zur Höhe gezogen, damit ein dichter Rohrhagel zugleich konnte abgesendet werden, und nach dem Feuer hinter die Brustwehr zurückgesenkt, dort laden zu können. Einem feindlichen Schiffe nahe, mußten sie auf einer Fallbrücke hinüber und mit dem Schwert wüthen, blieben demungeachtet aber an das ihrige gebunden, um

Dies Wort warf einen Funken in Guidos Einbildungskraft, und ließ sie aufflammen. Sollte diese Aufgabe nicht zu lösen sein? fragte er sich. Und warum nicht? Strebt doch alles höherer Vollkommenheit entgegen. Er sann weiter über diesen Vorwurf nach.

Die Flotte lichtete die Anker. Guido hatte von dem Lehrer Abschied genommen, der in London zurückblieb. Bei einem wüthenden Orkan stach man um Mitternacht in See, doch die Fertigkeit spielte nur mit den Hindernissen. Gegen den Wind kämpften die Ruderwerke, die Klippen und Sandbänke, nach welchen zu steuern, mit gutem Bedacht geboten wurde, umlenkte Geographie des Meergrundes und der Piloten Besonnenheit. So langten die Schiffe nach wenig Tagen in den gefahrvollen Belten an, trafen bei einem dunkeln Nebel auf jene, welche die feindliche Rolle gaben, und der Kampf begann.

Guido flog erst mit den Luftgondoliren empor, stieg dann wieder in sein Schiff nieder, und senkte sich endlich mit den Tauchern in die Tiefe. Er wollte von Allem genaue Kunde zurückbringen, Jedermann sah sich befremdet durch seinen Eifer, seine Kraft und Ausdauer.

Es trat jedoch ein seltsamer Fall ein. Drei Schiffe von der Gegenparthei, schnitten der diesseitigen Flotte ein Fahrzeug ab. Es fand sich umringt, und von den Masten dort wehte das Signal, sich zu ergeben. Dies wollte es nicht,

Gefahren mangelten diesen, mitten im Sturm, im engen, klippenvollen Meere, gehaltenen Uebungen keineswegs, auch fiel mancher Soldat in die empörten Fluten, wo ihn weder das eigne fertige Schwimmen, noch die Hülfe der Kameraden zu retten vermochte; doch die Röhre lud man nicht.

Allein auf dem bedrängten Schiffe — Guido befand sich eben hier — kam ein Artillerist auf den Gedanken, die Widersacher dadurch abzuhalten, daß er ihre Segel und Ruderwerke zerstörte. Strafwürdig füllte er also sein Geschoß ernsthaft, und erprobte auch seine Fertigkeit so wohl, daß ein Fahrzeug drüben bald außer Stand gesetzt wurde, seine Bewegungen willkührlich zu lenken.

Dies Verfahren machte aber, daß die andern wütheten, und Gleiches mit Gleichem bezahlten. Ohne daß ihren Konstablern durch die Obern

Dort angekommen, ward Guido eingeladen, vor einem engeren Ausschuß der oberen Leitung der Seemacht, Versuche mit der anzufertigenden

Man schlug nun den Weg nach Spanien ein. Hier fand Guido viele Monumente mit traurigen Bezeichnungen, und überschrieben: „Denkmal beweinter Irthümer.“ Gelino gab ihm hierüber folgende Auskunft: Spanien hatte vor mehr als einem halben Jahrtausend einen hohen Gipfel des Wohlstandes eingenommen. Freundlich durch die Natur begünstigt, sah man zahlreiche, kunstfleißige, kluge Bewohner, seiner üppigen, reitzenden Gefilde pflegen, in den weiten blühenden Städten wohnten Thätigkeit und Ueberfluß. Doch ein Sistem frevelhafter Kirchlichkeit, weiter von Religion entfernt als irgend

Guido seufzte bei dieser Erzählung, freute sich aber desto inniger über das nun paradiesisch angebaute Land, die prangenden Reisgefilde, die duftenden Orangenhaine, die Weingärten, alle übrigen, welche er je gesehn, an Schönheit hinter sich lassend.

Madrit, sagte Gelino, wird dich entzücken. Ehedem soll es eine winklige, ohne Geschmack aufgeführte, und über alle Beschreibung unreinliche Stadt gewesen sein, späterhin ist sie jedoch von Grund auf neu erbaut worden, und das, dem an sich lieblichen, und noch viel veredelten Klima angemessen.

Guido fand die Bestätigung dieser Worte.

Hatten Polen und Teutonien, durch Kultur ihrem Boden Früchte erzogen, die man sonst nur in Spaniens Breite sah, so hatte dies Land, durch glückliches Streben und bei reicherem Segen der Naturkräfte, manche Erzeugnisse von Afrika zu sich verpflanzt. Die Gärten um Madrit sahen die edelsten Feigengattungen reifen, der Pisang blühte lustig, die Dattelpalme, der Kokosbaum

Von den vielen Plätzen waren diejenigen, welche nicht zu Handelsmärkten dienten, entweder mit Lustwäldchen von Cedern oder üppigen südlichen Fruchtbäumen bepflanzt, oder in anmuthige Wiesenplane umgeschaffen, oder mit weiten klaren Wasserbecken geziert, auf denen bequeme Gondeln zu Freudenfahrten einluden.

So glich Madrit einem großen Garten, und die Wohnungen der Menschen darin, Pavillonen, Nischen u. s. w. Kaum ließ sich ein reitzenderer Aufenthalt erträumen. Es gab auch Tempel aus Baumgewölben von seltner Höhe, unten mit Meisterwerken der Bildhauerei geschmückt, und die Andacht darin hatte einen feierlichen Zauber. Der große Hang, die Lieblichkeit der schönen Natur zu genießen, hatte auch mancher Bühne, aus Hecken erbaut, das Dasein gegeben.

Dem Mansanares war ein Bett von mehr Tiefe und Umfang als Ehedem gehöhlt worden, er stand mit dem Minho, Guadiana, Guadalquivir u. s. w. in Verbindung, welche, jetzt auch geeignet Seeschiffe zu tragen, der Hauptstadt den Vortheil eines ausgebreiteten Handels verschafften.

Nur Buenretiro und Aranjuez entzückten Guido noch mehr, als das liebliche Madrit, und er hätte es beweinen mögen, nicht mit Ini in diesen Elisäen wandeln zu können. Denn Geschmack und Reichthum hatten wetteifernd sich verbunden, die Gärten dort, mit Allem, was Phantasie und Herz glühend füllen kann, verschwenderisch auszustatten. Obgleich der Winter nahte, ließ ihn die noch überall grünende Wonne nicht ahnen.

Der Lehrer sagte aber: Fort von hier, mein Guido! Wenn diese Lust dich, dem die üppigen Vergnügungen von London und Paris langweilten,

Guido folgte sogleich, er hatte Selbstbeherrschung genug, um zu wollen, was er sollte.

Die Luftpost trug die Reisenden bald nach der westlichsten Hauptstadt in Europa. Dort befand sich unter andern eine berühmte Vorkehrung gegen Erdbeben. Weshalb Lissabon so große Summen zu diesem Zweck aufgewendet hatte, sieht man leicht ein. Die Anstalt würde einem Bürger des achtzehnten oder neunzehnten Jahrhunderts so großes Staunen aufgedrungen haben, wenn ihm ein prophetischer Geist davon hätte Meldung thun können, wie Jedermann im zehnten gefühlt hätte, wenn damals die Rede von Feuerröhren und Blitzableitern gewesen wäre.

Doch eine andere Szene fesselte Guidos Aufmerksamkeit, wo möglich, noch mehr. Da er nämlich am Ausfluß des Tago umherging, kam etwas über die See, keinem Schiffe gleichend. Das Herannahen des Phänomens setzte ihn in nur heißere Verwunderung. Er begriff nicht, wie ein Gegenstand von diesem Umfange auf den Wogen schwimmen könne. Endlich sah er klar, daß es eine Insel sei, und halb Lissabon strömte hinaus, sie anzustaunen.

Sie kam noch näher. Fernröhre hatten die Versammlung Neugieriger schon überzeugt, daß sich viele Menschen darauf befänden, welche theils auf dem Rasen und in den kleinen Gebüschen sich ergingen, theils in einem Wohnhause, das man auf dem Eilande erblickte, allerhand Zeitvertreib hielten. Wer konnte aber das alles erklären? War ein Stück Land irgendwo durch ein gewaltsam Naturereigniß losgerissen worden, und schwamm es nun zufällig gerade auf Lissabon her? Niemand wußte, was er denken sollte.

Freundlich grüßten aber von der Insel Kanonenschüsse, und die dankende Antwort wurde vom Kasteel des Hafens nicht vergessen.

Endlich hielt die Insel. Sie hatte eine so geringe Tiefe, daß sie unfern der Küste ihren Lauf enden konnte.

Nun offenbarte sich aber, daß Wallfische von ungeheurer Größe, deren Köpfe und Rücken auch vorher, obwohl nicht deutlich, über der Fluth bemerkt worden waren, das Eiland gezogen hatten. Die Männer, mit ihrer Lenkung bis dahin beschäftigt, spannten sie jetzt von den unerhört dicken Geschirren, warfen Anker von seltener Schwere, und banden die Thiere an ihren Tau.

Wallfische gezähmt, zum Dienst des Menschen angelehrt? rief Alles; in wem erwachte zuerst der kecke Einfall? welche Mittel ersann er, ihm Wirklichkeit zu geben?

Mit einem kleinen Nachen kamen nun einige Männer ans Land, fast erdrückt von Portugiesen. Sie zeigten auf einen hochbejahrten Greis in ihrer Mitte, nannten ihn den Besitzer des unerhörten Seefuhrwerks. Alles ging diesen nun um Auskunft an, er mußte einen Balkon besteigen, zu der immer mehr angewachsenen Menge zu reden.

Ich bin aus Nordamerika, Philadelphia mein

Mein Vater genoß keinen Vortheil davon, als daß er von denen, welche die seltsamen Künste seiner Thiere zu sehn begehrten, sich ein Zutrittgeld erlegen ließ, wodurch er aber dennoch eine artige Summe gewann.

Eines Tages blieb ein großer Hai ganz zufällig an dem Stricke hangen, womit mein Vater den Nachen am Lande zu befestigen pflegte. Und so zog er diesen, indem er fortschwamm, hinter sich. Das kann ein neues Kunststück geben, dachte mein Vater, und fertigte Sielenzeug für zwei Haie an. Erst thaten die Thiere unbändig, eine Last hinter sich empfindend, und

Ich, noch ein Knabe, sann dem Dinge weiter nach. Wie, wenn man Seeschiffe so fortbringen könnte? Man dürfte des entgegenwehenden Windes oft spotten, hätte nicht nöthig zu kreutzen, würde mehr Herr der Zeit, bedürfte der kostspieligen Ruder nicht, und käme vielleicht schneller als mit ihnen davon. Aber da bedürfte es größerer Thiere. Wenn indessen der Hai zum Gehorsam zu bringen ist, warum sollte es nicht auch der Wallfisch sein?

Der Vater starb bald, ich nahm mein Erbe, und begab mich nach Kanada, mir dort einen

Nun ruhte ich nicht, bis es mir gelungen war, vieler jungen Wallfische habhaft zu werden, wobei mir Taucherhütten und dazu eingerichtete Fangwerke dienten.

Dies gelang, aber mein weiteres Beginnen war mühevoll. Doch jung, kräftig, ausdauernd und mein Ziel mit festem Willen ins Auge gefaßt, ließ ich mich nicht ermüden. Daß ich kurz bin, sage ich euch, wie ich mein Vorhaben funfzig ganzer Jahre lang treu verfolgte. Dann sahe ich mich aber auch belohnt. Es war mir ein Schertz, eine Brigg oder einen Dreimaster von wohleingefahrenen Wallfischen dahin schleppen lassen, ich sah jedoch auch ein, wie die Kraft dieser Ungeheuer noch mehr leisten könne. Da fertigte ich einen großen Floß, aus aneinander gefügtem

Der Greis endete. Man konnte nicht Chaluppen genug finden, die Neugierigen überzusetzen. Daß Gelino und Guido nicht zurückblieben versteht sich. Man fand alles, wie der Mann gesagt hatte, bewunderte am meisten die Sielen und Zugketten der sechs Meerungeheuer, und sahe zu, wie sie gefüttert wurden und die Knechte auf ihren Rücken tanzen ließen.

Das Abladen der Waaren begann und der Mann verlangte an der Börse Rückfracht nach Nordamerika. Sie fand sich, seine Maschinen machten Alles in wenigen Tagen ab.

Während der Zeit erwachte in Guido eine heiße Neigung, die Inselfahrt auch zu theilen. Wir wollten ja ohnehin nach Westindien, sagte er zum Lehrer, laß uns Plätze miethen. Gelino hatte kein Ohr dazu, sein Alter empfahl mehr Vorsicht als der jugendlich ungestüme Muth. Zu wenig ist das noch erprobt, mein Freund, antwortete er, Unfälle, die der Mann selbst nicht erwartet, könnten uns treffen. Erfahrung muß noch deutlicher über den Gegenstand reden, vielleicht litt diese Reise nicht von heftigen Stürmen, er wähnt nun seine Anstalten über alle Gefahr

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