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Im Schatten der Titanen

Im stillen Winkel

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Eine Neigung, die für die Gestaltung ihrer Zukunft bestimmend werden sollte, hatten Jenny und Werner von Gustedt gemeinsam: die für ein Leben auf dem Lande in stiller Arbeit und Zurückgezogenheit. Jenny hatte das Leben der großen Welt genug genossen, seine Reize waren für sie erschöpft, und nicht nach Vergnügen und Zerstreuung, sondern nach Tätigkeit und Sammlung trug sie Verlangen. Bei Werner wieder machte sich die Familiengewohnheit der Jahrhunderte geltend, und beide stimmten in der Ansicht überein, die Jenny aussprach, indem sie schrieb: "Nichts, auch kein Königthum ist mir vergleichbar mit dem ausfüllbaren, übersehbaren Wirken eines großen, reichen Gutsbesitzers. Der Beruf, zu ordnen, zu beglücken, zu verschönern, zu verbessern, der Land und Leute, Natur und Geist umfaßt, erscheint mir so gut und so groß wie kein anderer."

Und so hatte sich Werner Gustedt entschlossen, dem Gedanken an den Staatsdienst zu entsagen. In Westpreußen, in schöner wald- und seenreicher Gegend, zwischen Deutsch-Eylau und Marienwerder, kaufte er das Rittergut Garden, und hierher, in tiefe Einsamkeit, fern allem gewohnten Verkehr mit den geistesverwandten Freunden, führte er die junge Frau, das einstige gefeierte Weimarer Hoffräulein. Nun erst forderte das Leben den Beweis für das, was sie geworden war. Ihr ganzes Wesen hatte schon längst so sehr nach Betätigung verlangt, daß selbst eine so schwere Aufgabe, wie die ihr gestellte, ihr nur willkommen sein konnte.

Die Erfüllung der praktischen Pflichten einer Gutsfrau ist für die an den städtischen Haushalt gewöhnten niemals leicht; um wie viel schwieriger mußte sie vor siebzig Jahren im äußersten Osten Deutschlands, inmitten einer halbpolnischen Bevölkerung, ohne städtische Nachbarschaft, ohne Eisenbahn, ja selbst ohne Chausseen, sich gestalten, noch dazu für eine junge, nur an das Hofleben gewöhnte Frau. "Wie oft muß ich in meinem Haushalt von 30 Personen," schrieb Jenny an Frau Wilhelmine Froriep, der Schwägerin ihrer lieben Emma, mit der sie ihre praktischen Erfahrungen eingehend auszutauschen pflegte, "meine hofdämische Unwissenheit büßen." Und doch beschränkte sie sich nicht allein auf den Kreis der gegebenen häuslichen Pflichten. Leid und Armut waren ihr auch in Weimar begegnet, und sie hatte nach besten Kräften zu helfen gesucht, aber was sie dort suchen mußte, das trat ihr hier auf Schritt und Tritt entgegen, was dort ihr mitleidiges Herz bewegte, dafür fühlte sie sich hier verantwortlich, wo es sich um die Bevölkerung des eigenen Gutes handelte.

Es war im großen ganzen ein verwahrlostes, dem Trunk ergebenes, in Unreinlichkeit und Unordnung dahinvegetierendes Volk. Kranken- und Armenhäuser gab es meilenweit in der Runde nicht, die Schule war schlecht, um das körperliche und geistige Wohl der Kinder kümmerte sich niemand. Jenny empfand diese Mängel auf das schmerzlichste. "Für die Kollekte der hiesigen Provinz für Spitäler in Jerusalem," schrieb sie einmal, "während wir fast in keinem Kreise eines haben, gebe ich keinen Pfennig;" und ein andermal: "Was uns verdrießt, ist die alberne Errichtung eines Denkmals für den verewigten König, — eine so kostspielige Schmeichelei in einem Lande, wo es fast gänzlich an Kranken-, Waisen-, Armenhäusern, an Chausseen und Kanälen fehlt." So viel in ihren Kräften stand, suchte sie die Unterlassungssünden von Staat und Gemeinde auf dem Gebiete, das ihr unterstellt war, gutzumachen. Was sie leistete, war weniger Wohltätigkeit im damals üblichen Sinn, als soziale Hilfsarbeit, wie wir sie heute verstehen. Wo sie Armut fand, suchte sie ihr durch Überweisung von Arbeit abzuhelfen; sie setzte es bei ihrem Manne durch, daß eine Dreschmaschine, durch die einige dreißig Familien im Winter brotlos geworden wären, erst angeschafft wurde, als eine andere Erwerbsarbeit ihnen gesichert war; wo ihr Trunksucht begegnete — und das geschah in jenem fernen Winkel Preußens noch häufiger als anderswo — bekämpfte sie sie zunächst durch Verabreichung von gesunder und kräftiger Nahrung; wo Alter und Krankheit zur Arbeit unfähig machten, da suchte sie neben allzeit bereiter persönlicher Hilfe die Gemeinde und den Kreis zur Erfüllung selbstverständlicher Menschenpflichten heranzuziehen. Sie stieß bei ihrer Arbeit auf viel Übelwollen, viel Mißverstehen: Von der einen Seite sagte man ihr achselzuckend: "Armut hat es immer gegeben, und die Leute, deren Elend Sie als etwas so entsetzliches empfinden, sind daran gewöhnt." Was half es, wenn sie empört ausrief: "Mag sein, daß dem Menschen der Jammer zur Gewohnheit wird, aber nie, nie gewöhnt sich eine Mutter an die Not ihres Kindes," und von der anderen Seite ihre Hilfe nur zu oft als unbequeme Bevormundung empfunden und dem Säugling schon der schnapsgetränkte Lutschbeutel in den Mund geschoben wurde. Zu lange schon, das fühlte sie bald, hatte das Elend, der schlimmste aller Erzieher, unter dessen Peitschenhieben der Mensch sich nur zum Sklaven entwickeln kann, auf den armen Knechten und Mägden, den fast noch leibeigenen Instleuten gelastet, als daß sie selbst noch hätten wandlungsfähig sein können. "Zu so großem Zweck reicht ein Menschenleben nicht aus," schrieb sie; "wollen wir von der Zukunft irgend eine Besserung erwarten, so müssen wir nicht bei den Erwachsenen anfangen, die wir nur vor Noth zu bewahren vermögen, sondern bei den unschuldigen Kindern."

Ihre Natur, die sich mit dem einen Wort "Mütterlichkeit" am besten charakterisieren ließ, hatte sie stets, schon als ganz junges Mädchen, zu den Kindern gezogen. Alles Leid, das ihr begegnete, empfand sie bis zum körperlichen Schmerz, das der Unschuldigsten — der Kinder — verursachte ihr die größten Qualen. Nicht nur, weil es die Wehrlosen traf, sondern auch weil es immer aufs neue ihren schwer errungenen Glauben zu erschüttern drohte. Zu der Überzeugung vom Vorhandensein eines allgütigen Schöpfers, eines Gottes der Liebe, eines himmlischen Vaters nach Christi Lehre, stand das Elend in der Welt und das Unglück des Lebens in einem furchtbaren Widerspruch, den sie nur dadurch glaubte lösen zu können, daß sie es als Strafen für begangene Sünden auffaßte, und zwar für Begehungs- und für Unterlassungssünden der Besitzenden wie der Besitzlosen. Würden alle Besitzenden ihre Menschen- und Christenpflicht erfüllen, würden alle Armen echte Christen sein, so gäbe es bald — davon war sie damals noch überzeugt — weder Not noch Elend. Um diese Auffassung zu verstehen, muß zuerst Jennys Begriff des Christentums verstanden werden. "Religion ist That," schrieb sie, "Christenthum ist That, lauter That, nur That." Der religiöse Glaube hat, wie sie meinte, nur für den Menschen selbst, den er beglückt, Bedeutung, für die Allgemeinheit kommt es allein auf das Handeln an. An einen Freund schrieb sie einmal darüber:

"Glauben ist nicht das gewöhnliche Fürwahrhalten, wie etwa bei einer geschichtlichen Thatsache, es ist die Hand, die sich Gott entgegenstreckt. Es ist nicht wie ein Wissen, das der Schulmeister einpaukt, es ist die Kraft des Schaffens und der Liebe, die durch christliches Wollen, Wandeln, demüthiges Forschen zu unserer Seele herangezogen wird, wie Eisen durch den Magnet. Wer glaubt, daß Christus Gottes Sohn ist, und seinen Diener oder auch nur seinen Hund mißhandelt, der ist kein Christ! Wenn Sie diese Äußerlichkeiten nicht für wahr halten können, so lassen Sie doch die Geburt, die Wunder, die Höllenfahrt, die Auferstehung des Herrn ganz bei Seite, wandeln Sie nur mit allen Kräften Ihrer Seele nach seinen Geboten, aber so, daß das tägliche Leben wie eingehüllt ist darin und alle Beziehungen zu Ihren Nebenmenschen darin wurzeln. Denkt man, der Glaube sei ein Fürwahrhalten aus genügenden Gründen? Aber die Gründe sind nie genügend. Er sei eine Zuversicht dessen, was man nicht sieht und doch weiß? Die Prüfung kommt und die Zuversicht weicht. Glaube ist Leben, nur Leben, lauter Leben."

Das Rechte tun und nicht den Glauben predigen — das forderte sie als Beweis für echtes Christentum, und sie war so überzeugt davon, daß die 'Sünde der Leute Verderben' ist, daß sie alles Unglück aus dem Unrechttun ableiten zu können glaubte; ein langes Leben voll harter Erfahrungen vermochte zwar ihre Ansicht auf der einen Seite zu modifizieren, auf der anderen zu erweitern — im Grunde aber war und blieb sie der Grund und Boden, in dem ihr geistiges Leben wurzelte.

Ein Brief, den sie von Garden aus an ihre Freundin Emma Froriep schrieb, ist dafür bezeichnend:

"Mit dem Verweisen auf künftige, ewige Seligkeit lockst Du keinen Hund hinter dem Ofen des Materialismus hervor. Diese Hoffnung, so wahr und so tröstlich für den Gläubigen, ist nur ein Reiz zu Spott und Zweifel für den Ungläubigen. Suche das Weltkind auf seinem Feld zu schlagen, und zwar mit der beweisbaren, augenscheinlichen Wahrheit, daß die Sünde auch hier auf Erden der Leute Verderben ist; male in hundert Bildern die Gegensätze, z. B. die arme Tagelöhnerfamilie, bei der der Vater nach schwerer Arbeit in seiner reinlichen Hütte sitzt, den Löffel freundlich mit Frau und Kind in die Mehlsuppe taucht, noch eine Stunde vor der Thür sein Pfeifchen raucht, mit den Kleinen spielt, betet und sich zur Ruhe legt; dagegen den Trunkenbold, der flucht, dem Wucherer für Schnaps mehr als den Tagelohn hingiebt, die Frau schlägt, die Kinder verwünscht, in Schmutz und Lumpen verkommt. Male den Gutsbesitzer, der Rath, Hülfe, Trost für jeden seiner Leute hat, und den, der in Erpressung und Lieblosigkeit alle Arbeitskraft ausnutzt; male den reichen Offizier, der sein Vermögen verthut, vertrinkt, verspielt und mit einer Kugel durch den Kopf endet, und den armen Mann, der durch geistige oder körperliche Arbeit ein Vermögen gewinnt und Gutes für die Menschheit leistet; male treu ihr inneres und äußeres Leben und dann laß aufrichtig die Frage beantworten: 'Auf welcher Seite ist das Glück?' Auch dann, wenn nach diesem Leben nichts wäre, auch dann ist der Christ der glücklichste Mensch auf Erden."

Das Leiden der Kinder aber — und schließlich auch das der Tiere, für das ihr Mitleid fast ebenso rege war — schien die Grundpfeiler des ganzen Gebäudes ihrer Religion zu erschüttern. Ist es möglich, angesichts eines gequälten Tieres, eines mißhandelten Kindes an den Gott der Liebe zu glauben?! Kann ein gütiger Vater im Himmel ruhig mit ansehen, was für einen guten Menschen schon unerträglich ist?! Selbst die weitere Erklärung des Unglücks als einer Prüfung, an der die moralischen und geistigen Kräfte reifer Menschen wachsen sollen, versagte angesichts derer, die noch keine Kräfte haben. Und die alttestamentarische Ansicht von den Sünden der Väter, die sich rächen bis ins dritte und vierte Glied, erschien ihr unvereinbar mit dem Gott der Christen. Sollte sie sich mit Goethes Weisheit, 'das Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren' zufrieden geben, wo sie nur Verabscheuungswürdiges sah? Nach vielen schweren Gewissenskämpfen — 'wie Jakob mit dem Engel, so habe ich mit mir selbst gerungen' — glaubte sie darin einen, wenn auch keineswegs befriedigenden, so doch als weiteren Ansporn zur Tat dienenden Ausweg gefunden zu haben: "Kinderleiden sind gewiß zum Theil eine Folge der ungeheuren Schuld der Gesellschaft gegenüber den Armen, und sie rächen sich an derselben Gesellschaft, indem sie Verbrecher, moralische und physische Krüppel, Lebens- und Arbeitsunfähige entstehen lassen." Hier also schloß sich der zerrissene Ring ihres Gedankengangs wieder. Ist das Leid Folge der Schuld, so wird es im selben Umfang verschwinden, als die Schuld abgetragen wird. Ihr tiefes Mitgefühl und ihre Überzeugung wurden zusammen zur Triebkraft ihres Tuns.

Zu einer Zeit, wo Fröbels Erziehungsgedanken noch nicht bis zu dem einsamen Gut in Westpreußen gedrungen sein konnten — seinen ersten Kindergarten eröffnete er ungefähr im selben Jahr — sammelte Jenny von Gustedt die Kinder der Landarbeiter und der Instleute um sich, "um ihnen neben warmen Kleidern, guter Milch, reinen Händen und Gesichtern, durch Spiel, Erzählung und Gespräch die primitivsten Ideen des Guten, Wahren und Schönen beizubringen." Zur weiteren Unterstützung ihrer Bestrebungen veranlaßte sie ihren Mann, die bisher in einem fernen Dorf gelegene Schule nach Garden zu verpflanzen, und einen jungen, guten Lehrer anzustellen, der Hand in Hand mit ihr zu arbeiten fähig war.

"Unsere Träume und Hoffnungen für Garden," so schrieb sie an Wilhelmine Froriep im Hinblick auf das bisher Erreichte, "treten allmählich als Wirklichkeiten hervor: ein junger, eifriger Lehrer, unterstützt von unserer häufigen Anwesenheit beim Unterricht, von Preisen und kleinen Kinderfesten, bringt schnell die liebe Schuljugend zu Ordnung, Fleiß und Reinlichkeit, und da beim Verderb der Erwachsenen nur durch die Kinder ein Heil für die Zukunft zu erwarten ist, hat Werner das etwas große Opfer nicht gescheut, ganz allein die Kosten dieser Stelle zu tragen."

Aber den unglücklichsten der Kinder war durch all das doch nur zum Teil geholfen: da gab es Verlassene und Waisen, denen selbst das ärmlichste Zuhause fehlte. Jenny entschloß sich, zunächst vier von ihnen in ihr Haus zu nehmen und mit Hilfe einer dafür angestellten Pflegerin unter ihren Augen erziehen zu lassen. Das erste Kind, das sie aufnahm und von dem sie noch als alte Frau besonders gern zu erzählen pflegte, war ein wunderschönes kleines Mädchen, das sie im Straßengraben neben der schwerbetrunkenen Mutter liegend fand. Erstaunt über den sorgfältig gepflegten Körper des Kindes, erfuhr sie, daß die Mutter es mit dem Schnaps zu waschen pflege, ehe sie ihn trinke. Fünf Jahre blieb das Mädchen in Jennys Obhut, dann entführte es die Mutter, nach weiteren fünf Jahren fand man es eines Morgens sterbend vor der Türe, einen elenden Säugling im Arme.

Die Beschäftigung mit den Zöglingen, deren Zahl schließlich auf sieben anwuchs, führte im allgemeinen zu erfreulichen Resultaten. Über die Anfänge des Stiftes schrieb sie: "Das kleine Mädchenstift ist auch ins Leben getreten, und vier sehr nette Mädchen im Alter von 3-11 Jahren werden unter meiner Aufsicht erzogen; da es die ärmsten und verwaistesten waren, fühlen sie sich sehr wohl ... Zu Weihnachten wurde durch diesen Zuwachs der Familie die Freude sehr erhöht, und ich kann nicht sagen, wie rührend mir die kleinen Wesen waren, die zum erstenmal in ihrem Leben eine Weihnachtsfreude, diesen Glanzpunkt der Kindheit, kennen lernten."

Was wäre aber Jennys Leben, so reich und vielseitig sie auch seinen Inhalt gestaltete, für sie selbst gewesen, wenn ihrer Mütterlichkeit nur fremde Kinder anvertraut worden wären. "Man sagt oft," schrieb sie einmal, "daß ein Weib, das fremde Kinder erzieht, aller Muttergefühle theilhaftig würde. Nur ein Mann oder eine Kinderlose kann das behaupten, die von den Wundern des Mutterseins, den geheimnißvollen Einflüssen des Blutes keine Ahnung haben. Alle Qualen der unglücklichen Ehe wiegen federleicht gegenüber der Seligkeit der Mutterschaft, alle körperlichen Nöthe und Schmerzen sind nichts als ein nothwendiger winziger Erdenrest, der daran mahnt, daß sie nicht reine Himmelswonne ist. Dabei ist das Mutterherz ein besonders merkwürdiges Ding: neben der Gattenliebe findet eine andere ähnliche keinen Platz, ohne sie zu beeinträchtigen oder zu verdrängen, das Mutterherz aber ist wie ein Diamant: bei jedem Kinde wird eine neue Seite geschliffen und eine neue Flamme erzeugt, die der früheren nicht schadet, sondern sie noch mehr verklärt." Als sie diesen Brief — ein Gratulationsschreiben an eine jung Vermählte — absandte, war ihr zweites Kind, ein Töchterchen, das dem ältesten, einem Sohn, nach kaum einem Jahre gefolgt war, gerade geboren worden, und die Kinder bildeten ihr wachsendes Entzücken, den Mittelpunkt ihres Denkens und Tuns. Welche mütterlichen Träume und Zukunftsgedanken umspielten jetzt schon Ottos schwarzes Köpfchen und das goldig schimmernde der kleinen Marianne!

Die Kinder sind unsere Unsterblichkeit — wer vermag diesen Gedanken in seiner ganzen Tiefe, in der ganzen Schwere der Verantwortung, den er auferlegt, stärker zu empfinden als eine Mutter, als eine solche Mutter, bei der "Gefühle und Erfahrungen so unverlöschbare Eindrücke hinterließen und eine südliche Phantasie ins Ungemessene trug".

Nach ihren Briefen aus jener Zeit zu schließen, überließ sie die Kinder so wenig als möglich anderen. Gerade die unbewußten Eindrücke der ersten Kindheit erschienen ihr als ausschlaggebend für das ganze Leben. Das sprach sie schon aus, als sie bei der Geburt des Grafen von Paris an die Herzogin von Orleans schrieb: "O, gieb wohl Acht, aus welchen Zweigen du die Wiege des Kindes flichtst, denn die Zweige wachsen zu Bäumen empor und beschatten das Menschenleben; umsonst umwindest du dann die Stämme mit Kränzen, umsonst schmückst du die Wipfel mit Blumen, ein Windstoß des Schicksals verweht sie, und es zeigt sich wieder, ob eine Traueresche oder eine immergrüne Tanne darunter wuchs."

Keinerlei gesellige Ansprüche entzogen sie ihren Mutterpflichten; bei den weiten Entfernungen und schlechten Verbindungen war an nachbarlichen Verkehr nicht zu denken, und das Leben war so ausgefüllt, daß er nicht vermißt wurde: "Ich lebe nach all meinen Einsamkeitsträumen und finde sie in Wirklichkeit noch lieber," schrieb sie nach dreijährigem Aufenthalt in Garden und fügte hinzu, daß sie sich nicht vorzustellen vermöchte, jemals in das städtische Leben zurückkehren zu können. Nur leise klang hie und da die Sehnsucht nach fernen Lieben durch. "Von mir," heißt es in einem Brief an Frau Froriep, "kann ich nur Erfreuliches berichten: meine lieben Herzenskinder gedeihen an Geist und Körper, und übermorgen ist Weihnachten!! — Ottchen ist groß und kräftig, und seine Liebe und Zärtlichkeit beglückt mich unendlich ... Wir sehen niemanden, und jeder Tag ist sich gleich — gleich lieb und angenehm, ich zeichne, stricke, schreibe, lese zuweilen, spiele abends mit Werner Schach, oder wir lesen einander vor. Die Grundfarbe des Lebens sind immer die zwei lieben Engelchen, und hätte ich meine Mama und meine Emma, dann möchte ich niemals sterben."

Das liebe Bild Weimars mochte aber doch immer lockender vor ihrer Seele stehen, und das Verlangen, ihr Frauenglück, ihren Mutterstolz dort strahlen zu lassen, wo alle Freuden und Leiden ihres Mädchenlebens sich abgespielt hatten, war bald stark genug, um sie die beschwerliche Reise im Wagen mit zwei kleinen Kindern nicht fürchten zu lassen. Im Februar 1841 schrieb sie an eine ihrer Weimarer Freundinnen:

"Wie ich mich freue, Dich wieder zu sehen, Dir meine lieben, lieben Kinderchen zu zeigen! Wie ich die Unerschöpflichkeit über dieses Thema nun selbst übe, kann Dir Emma sagen; jetzt, wo ich die süße Hoffnung habe, sie nach Hause zu bringen, sie dort lieben und hoffentlich gefallen zu sehen, kann ich eher schweigen, obwohl mir Ottos Geschichten bei weitem interessanter erscheinen als die Berechnungen über den Durchbruch der Weichsel und die Angelegenheiten vom Gleichgewichte Europas! ... Jetzt habe auch ich die stille Ruhe eines befriedigten Herzens und eines ausgebildeten und ausgefüllten Lebens; mein Werner, meine Kinder, mein Haus, meine Lebensweise, meine Gegenwart, meine Aussicht für die Zukunft, alles erfüllt mich mit der gleichen unausgesetzten Dankbarkeit gegen Gott, und die Opfer vieler Lieblingsbeschäftigungen erscheinen mir um so unbedeutender, da ich mit regem Interesse Werners Thätigkeit, seinem so reichen und viel umfassenden Berufe folge."

Alte und neue Freunde, unter diesen der Gatte ihrer Stiefschwester Cecile, Graf Fritz Beust, machten ihren Weimarer Aufenthalt zu einem sehr wohltuenden, und doch kehrte sie gern zurück in den Kreis ihrer Wirksamkeit, zu ihrem Gatten, den sie mehr und mehr lieben lernte. Manche Aussprüche in ihren Briefen legen von dem ungetrübten Glück ihrer ersten Ehejahre Zeugnis ab. So schrieb sie einmal, als Werner in Geschäften längere Zeit abwesend gewesen war:

"Während meiner sechswöchentlichen Strohwittwenschaft war ich sehr einsam, und gegen das Ende dieser Zeit ergriff mich eine große Sehnsucht, dennoch habe ich mich durch stille Beschäftigung und namentlich durch die ununterbrochene Gegenwart meiner Kinderchen erheitert — als aber einmal mitten in der Nacht mein Werner neben meinem Bette stand und leise meinen Namen rief, da wußte ich mich doch kaum eines schöneren Moments in meinem Leben zu erinnern; seitdem kann ich der Freude seiner Gegenwart gar nicht satt werden, und so einförmig und still unsere Tage aussehen, so sind sie doch lebendig durch unser Glück und unsere Liebe."

Und in einem anderen Briefe heißt es: "... ich bin schon einigemale mit den Kindern und deren Kameraden zu dem unschuldigen Fest der Schlüsselblumenlese auf einer runden allerliebsten Wiese mitten in einem herrlichen Buchenwald gewesen — wenn ich da mit einem Buche sitze und die kleine jubelnde Gesellschaft um mich herum spielt, scheint es mir, als gäbe es gar keine anderen Feste in der Welt, und komme ich dann nach Hause und gehe mit meinem Werner herum, so scheint mir dies wieder wie ein beneidenswertes Fest — kurz, ich bin eine glückliche Frau ..."

Wie wenig die Außenwelt sie lockte, mit der sie nur durch den Briefwechsel mit ihren Freunden verbunden war, wie sicher sie sich glaubte in ihrem stillen Frieden vor allen Zweifeln, aller Zerrissenheit des Innern, unter der sie einstmals litt, geht aus folgenden Zeilen hervor: "Die liebe Prinzeß Augusta hat meiner Ignoranz in der neuesten schönen Litteratur etwas nachgeholfen und mir die Reisebilder der Hahn und einige andere Bücher geschickt; ich habe sie mit großem Interesse gelesen, mich dabei mit einigem Grausen an die Atmosphäre von Ottiliens Salon und leider recht viel an ihr armes zerrissenes Gemüt erinnert, — ich bin mit einigen Kopfwunden und einigen radikal verwachsenen Narben durch den Strom geschwommen, der die arme Ottilie umbrauste und dem sie sich hingab und hingiebt wie die verrückte Hahn, — jetzt wo ich am friedlichen Ufer stehe, wo der Strom nicht einmal mit seinem Schaum hinkommt, erscheinen mir die Seelen doppelt unselig, die sich hin- und herschleudern lassen, anstatt einen kühnen Sprung zu tun und ans Land zu kommen."

Demselben Gedankengang folgte sie, als ihr junger Freund, der Erbgroßherzog Karl Alexander, sich verlobt hatte und sie ihm schrieb: "Am ruhigen Ufer angelangt zu sein, wie ich, sich selbst freudig in dem geliebten Anderen und dann in den Anderen aufgehen zu sehen, wie ich, von dieser sicheren Stätte aus nach außen im Großen zu wirken, wie ich es nur im Kleinen vermag — darin vereinigen sich meine höchsten und besten Wünsche." Auf ihren Brief erhielt sie folgende Antwort, die der erste Anfang zu dauernder brieflicher Verbindung sein sollte:

Weimar, den 1. März 1842.

"Meine liebe gute Frau von Gustedt!

"Sie werden vielleicht erstaunt sein, einen Brief von dieser Hand zu erhalten, die es wagt, in einem Tone zu schreiben, der auf alte freundschaftliche Beziehungen schließen läßt, aber wenn ich Ihnen sage, daß die Person, die Ihnen schreibt, von allen Ihren Freunden der Treuste und Ihnen am aufrichtigsten zugetan ist, und dessen dauernde Freundschaft für Sie aus seiner Kindheit stammt, werden Sie leicht erraten, welche Hand sich heute zum ersten Mal die Freiheit nimmt, Ihnen zu schreiben. Es ist ein alter Wunsch von mir, Ihnen einmal brieflich zu wiederholen, daß weder Zeit noch Entfernung jemals aus meinem Herzen die Erinnerung und meine tiefe Anhänglichkeit an Sie auslöschen können, aber die Furcht, indiskret zu erscheinen, hat mich zurückgehalten, heute aber, wo ich an einem der wichtigsten Abschnitte meines Lebens angekommen bin, habe ich das Bedürfnis, meine Gefühle dem Herzen einer Freundin anzuvertrauen und hätte ich da, sagen Sie es selbst, gnädige Frau, schweigen und mich nicht an Sie wenden sollen? Arbeiten aller Art, zwingende Briefe haben mich verhindert, den Wunsch, den ich hatte, Sie zu sprechen, zu verwirklichen, denn es giebt Dinge, die zu wichtig und zu zart sind, um besprochen zu werden, wenn nicht Körper und Geist in Ruhe sind. Ich weiß bereits, welche Teilnahme Sie für meinen letzten wichtigen Entschluß empfunden haben, es war auch kaum nötig, es noch zu versichern, denn ich wußte im Voraus, daß Sie mir bei dieser Gelegenheit Ihre Glückwünsche nicht verweigern würden, die mir so notwendig sind und denen ich einen so hohen Wert beimesse. Dafür möchte ich Ihnen jetzt meinen aufrichtigen Dank aussprechen, nehmen Sie ihn an mit der Versicherung, daß er aus dem Grunde eines Herzens kommt, das Ihnen ganz ergeben ist. Ich wage die Bitte hinzuzufügen: geben Sie mir Ihren Segen als Freundin, er wird mir Glück bringen, er wird mir die Kraft geben, Sie nachzuahmen in der Erfüllung Ihrer Pflichten und in der geistigen Entwicklung, die Sie zu so schönen Erfolgen geführt hat und die alle Menschen ergreift, die das Glück haben, sich Ihnen zu nähern. Sie müssen von nun an auch meiner Braut ein wenig Freundschaft entgegen bringen, denn ich liebe sie aufrichtig, und sie verdient Ihre Achtung. Ich darf wohl sagen, daß sie alle Eigenschaften hat, die hoffen lassen, daß wir gut miteinander leben werden, ihr sanfter Charakter, ihre immer frohe und gleiche Laune, ihr gebildeter Verstand und die Zuneigung, die sie mir entgegenbringt, berechtigen mich, wie ich glaube, zu dieser Hoffnung. Ich wage sogar zu hoffen, daß sie dereinst den beschwerlichen, aber segensreichen Weg wandeln wird, den auch meine Urgroßmutter, meine Großmutter und meine Mutter gegangen sind und noch mit solchen Erfolgen gehen; und das ist nicht der geringste Vorteil, den sowohl das Land wie auch meine Familie aus dieser geplanten Vereinigung ziehen werden ...

"Meine 23 Jahre und ihre 17 sind allerdings kein hohes Alter, aber das Sprichwort sagt: 'wem Gott ein Amt giebt, dem giebt er auch die Kraft', das läßt mich hoffen, daß unsere Jugend kein Unglück ist, um so mehr als sich dieser Fehler ja mit jedem Tage verringert. Ich wünsche herzlich, Sie bald mit meiner Braut bekannt machen zu können, und hoffe, daß wenn ich erst verheiratet bin, Sie sich mit eigenen Augen davon überzeugen werden, wie es in meinem kleinen Haushalt zugeht. Der Gedanke, daß ich von meinem Haushalt spreche, kommt mir so seltsam vor, daß ich zu träumen glaube. — Aber dieser Brief wird ein Buch, und ich muß gestehen, daß ich vergaß, daß ich Ihre Güte und Ihre Geduld mißbrauche, wenn ich in einem fort von mir spreche. Gestatten Sie mir noch, Sie zu bitten, Ihrem Gatten meine Empfehlung zu vermitteln, und bewahren Sie Ihre Güte und Freundschaft dem, der für das Leben bleibt

Ihr ergebener Freund

Carl Alexander."

Es gehört zu jenen freundlichen Märchen, an die die Menschen so gerne glauben, solange ihr Herz noch jung ist, daß Freundschaft und Liebe dem Dache gleicht, das vor den Unbilden des Wetters Schutz bietet, oder dem Öl, das die heranbrausenden Wogen des Schicksals besänftigt. Wäre es Wahrheit, wie gesichert vor allem Bösen hätte Jennys Leben verfließen müssen! Aber das Unglück kennt keine Hindernisse, wenn es sein Opfer erreichen will, und um so größer und vernichtender ist es, je reicher und tiefer die Seele ist, die es trifft. Ein Pfeil, der an der Haut des Elefanten abprallt, durchbohrt die Taube; ein Schrotkorn, das im Fell des Bären stecken bleibt, tötet die Nachtigall.

Vielerlei Erlebnisse, die für robuste Naturen ohne tieferen Eindruck vorübergegangen wären — Undankbarkeit und Untreue bei denen, die mit Wohltaten überschüttet wurden, Fehlschlagen der liebevollsten Erziehungsmethoden — wirkten beinahe verdüsternd auf Jennys Gemüt. Schlechte Ernten, getäuschte Hoffnungen auf Verbesserungen im Kreis und in der Provinz überwand sie nicht, wie glücklichere Naturen, durch neue Hoffnungen, sie steigerten vielmehr ihre Sorgen. Kamen trübe Nachrichten von Freunden und Verwandten, so überwand sie sie schwer. Als Wilhelmine Froriep ihr vom Tode ihres Kindchens Mitteilung machte, schrieb sie ihr: "Wie mein höchstes Glück in meinen beiden Kindern liegt, so ist dies auch gleich die wunde Stelle, an der mein Mitgefühl für andere Mütter fast physisch schmerzhaft ist — in jeder Fingerspitze fühle ich körperlich, was im Herzen vorgeht ..." Waren die eigenen Kinder krank, so pflegte sie sie bis zur Erschöpfung, aber sie litt weit mehr unter der Angst, als unter dem Versagen der Körperkräfte. Die lang andauernde, schmerzhafte Krankheit ihrer zärtlich geliebten Mutter, der sie fern bleiben mußte, weil sie sich zwischen ihr und den Kindern nicht zu teilen vermochte, erfüllte sie mit dauernder Angst. Die Geburt ihres dritten Kindes, eines Mädchens, das auf ihren Namen getauft wurde, vermochte sie darum nicht mit derselben Wonne zu begrüßen, die sie sonst empfunden hatte — ein Umstand, der sie Zeit ihres Lebens diesem Kinde, meiner Mutter, gegenüber etwas wie Schuldbewußtsein empfinden ließ. Ein halbes Jahr nachher, im Dezember 1844, rief der besorgniserregende Zustand der Mutter sie nach Weimar. "Wenn man nicht mehr für die Seinen leben kann, warum dann überhaupt noch leben?" hatte sie in einem ihrer letzten Briefe geschrieben, "ich kann ihnen nichts mehr sein, kann ihre Zärtlichkeit nur mit einem Blick der Verzweiflung beantworten. O gütiger Gott, erhöre mich, laß mich heimkehren zu Dir! Von dort aus werde ich meine Kinder segnen, werde ihnen danken für alles Glück, das mir geworden ist durch sie! Alle Seligkeit des Lebens verdanke ich ihnen, und die Worte, die ich so gern wiederhole: Ich bin eine glückliche Mutter, sollen auch meine letzten sein und mir den Abschied verschönen!" Jenny traf sie nicht mehr am Leben. Sie gab ihr noch das letzte Geleit, dann kehrte sie heim, um vieles gealtert, wie jeder, an dessen Lebensweg der erste Grabstein sich aufrichtet. Lange vermochte sie sich nicht zu erholen. "Meine Nächte," so schrieb sie, "sind durch schreckliche Träume des vergangenen Jammers, der durch die Lebhaftigkeit derselben immer wieder zur Wirklichkeit wird, sehr peinlich; dann erwache ich in Angstschweiß gebadet mit Herzklopfen und mit einer demnach wieder neuen Täuschung, weil ich zwar die trostlose Überzeugung des nahen Todes meiner geliebten Mutter träume, in der Regel aber nicht, daß er wirklich erfolgt sei — daher mir die Gewißheit beim Erwachen einen neuen Schreck giebt. Am Tage erhole ich mich durch die Stille, den freundlichen Sonnenschein, der zu jeder Stunde meine behaglichen Zimmer erhellt, durch die geistige Ruhe, die unschuldige Fröhlichkeit meiner drei lieben Kinder und die Liebe meines Mannes. Es ist mir sehr wohlthuend, daß mir niemand von meinem Schmerze spricht, und mich wieder niemand stört, wenn ich davon sprechen oder daran denken will. So vergehen leise und sanft meine Tage in einer stillen Trauer, die mir so mit meiner Seele verwebt zu sein scheint, daß ich nicht weiß, wie sie je aufhören kann, oder wie sich neben sie die Fähigkeit, eine frohe Botschaft, eine recht volle Lebensfreudigkeit zu empfinden, stellen wird. Ich beschäftige mich auch so leise hin und fühle mich nicht allein nicht geistig gelähmt, sondern sogar durch den Gedanken an meiner Mutter Liebe und Segen zur Tätigkeit, die sie billigte, angeregt."

Die ländliche Ruhe empfand sie jetzt doppelt wohltätig. Den Schmerz durch Zerstreuung zu betäuben, jenes Rezept schlechter Seelenärzte, die nicht wissen, daß er die Heilkraft in sich selbst trägt, wies sie weit von sich: "Der Schmerz soll sein, wie der Schnitt an der wilden Rose, der ihrer Veredelung durch ein neues Reis vorangeht," schrieb sie, und auf einen teilnehmenden Freundesbrief antwortete sie: "Meine Pläne konzentriren sich alle auf Garden; meine letzte Reise hat einen tiefen Eindruck nicht allein auf mein Herz, aber auch auf meine Phantasie gemacht, erst jetzt kommen Nächte vor, wo ich sie nicht im Traume wieder durchlebe, und das Wort 'reisen' hat einen schmerzlichen Klang für mich ... Ich lebe ganz klösterlich, still, ernst, beschäftigt und ergeben, obgleich wehmüthig bis im Innersten der Seele, meine Kinder sind mein Glück, sie gedeihen in dem gesegneten Landleben, wo ich alles auf sie einrichten kann, auch der strenge Winter ist ihnen nicht entgegen, da sie täglich, und Otto oft den ganzen Tag, draußen sind; jetzt fahren sie im Schlitten spazieren, und mein Jennchen hält mit ihren zwei dunkelroten dicken Bäckchen auf dem weißen Kopfkissen ihren Mittagsschlaf."

Während sie mit ihrem Besitztum sich immer mehr verwachsen fühlte, je mehr Liebe und Arbeit darauf verwandt worden waren, und jede Ausgestaltung des Hauses, jede Gartenanlage es ihr mehr und mehr zur Heimat machte, in der sie und ihre Kinder Wurzel faßten, erschien dem Gatten das Feld seiner Tätigkeit immer enger. Der Wunsch, ins Weite zu wirken, beherrschte ihn immer lebhafter. Jenny beobachtete diese Entwicklung mit stillem Kummer. Sie hoffte, er würde als Landrat Befriedigung finden, und unterstützte daher seine Bestrebungen nach dieser Richtung. "Ich wünschte sehr für Werner," schrieb sie, "daß er Landrath wird, da mein viel sehnlicherer Wunsch, daß er sein Leben mit dem in jeder Hinsicht angestrengten Eifer ausfüllen möchte, sein Gut materiell und moralisch zur höchst möglichen Vollkommenheit zu bringen, nicht erfüllt wird, und sein Interesse gemeinnütziger ist und in weiterem Kreis sich bewegt, so würde er als Landrath auf andere Weise meine Lebensidee erfüllen, denn seine Pläne für Chausseen, gute Wege, Sparkassen, Krankenhäuser, Turnanstalten, ökonomische Landverbesserungen, sind nicht allein dem Plan, aber auch den Vorarbeiten nach, reif, und ich zweifle nicht an seiner Energie zu ihrer Ausführung."

Für sie selbst gewann der Plan an Reiz, da seine Ausführung sie nicht von Garden fortzuführen schien und sich ihr dabei die Möglichkeit bot, für ihre sozialen Bestrebungen einen breiteren Boden zu finden. Ihre Briefe aus dem Anfang des Jahres 1845 lassen überhaupt einen zuweilen bis zum krampfhaften gesteigerten Tätigkeitsdrang erkennen. Die verschiedensten Pläne durchkreuzten ihr Hirn, und für die, die der öffentlichen Wohlfahrt dienten, suchte sie ihre fürstlichen Freunde vor allem zu interessieren. Schaffung von Rettungshäusern für uneheliche Kinder, Suppenanstalten für Arme, Heime für die schulpflichtige Arbeiterjugend schlug sie ihnen im Detail vor. Sie bekam damals dieselben Antworten, die heute die Regierungen zu geben pflegen, wenn sie zur Abhilfe dringender Notstände aufgefordert werden: man wolle die Frage untersuchen lassen. "Als ob es der Untersuchung noch bedürfte," schrieb sie, "wo im 19. Jahrhundert in Preußen Menschen verhungern und erfrieren und Kinder aus Mangel an Nahrung und Pflege elendiglich zu Grunde gehen!" In einem längeren Brief des Erbgroßherzogs von Sachsen-Weimar — einem der sehr wenigen, die erhalten blieben — findet sich eine Bemerkung, die auch auf eine solche Anregung ihrerseits schließen läßt, aber auch die weiche Liebenswürdigkeit des jungen Fürsten, die damals schon für energische Tatkraft nicht viel Raum ließ, so daß jenes "Weh dem, daß du ein Enkel bist!" auch auf ihn Anwendung finden mochte, tritt gerade in diesem Schreiben besonders deutlich hervor:

Weimar, den 12. März 1845.

"Was Sie von mir denken, kann ich, verehrte und geliebte Freundin, weder rathen noch wissen; was mich angeht, so weiß ich nur, daß ich diesen Brief mit einem Gefühl wirklicher Beschämung beginne. Auf Ihre liebenswürdigen und freundschaftlichen Worte durch ein Schweigen von mehreren Wochen zu antworten, — nicht danken, wo soviel Güte es zur heiligen Pflicht macht, das ist ein Verhalten, das den schärfsten Tadel verdiente, wenn das Gewissen des Angeklagten ihn nicht berechtigte, seinen Richter um Milde zu bitten. Es giebt Briefe und Briefe, wie es Freunde und Freunde giebt.

"Sie selbst bezeichneten eines Tages die verschiedenen Arten und teilten sie ein in Freunde, die wir lieben, solche, die wir nicht lieben, und solche, die wir nicht leiden können. Es besteht eine große Ähnlichkeit zwischen den verschiedenen Arten von Freunden und den verschiedenen Arten von Briefen; es giebt welche, die man aus Pflichtgefühl schreibt, solche, die man aus Rücksicht schreibt, und es giebt endlich Briefe, die man aus innerem Drang, aus Freundschaft, aus Begeisterung schreibt. Ich brauche Ihnen, glaube ich, nicht zu sagen, daß die Briefe, die Sie mir an Sie zu richten gestatten, zu dieser letzten Klasse gehören, und gerade weil sie dazu gehören, können sie nicht zu jeder beliebigen Zeit geschrieben werden, wie man auch nicht jeden Augenblick eine gute Unterhaltung führen kann. Deshalb schien es mir, als ob die im Tumult des Karnevals verbrachten und durch eine Familienversammlung unterbrochenen Wochen kaum die geeignete Ruhe boten, um mit Ihnen zu sprechen.

"Lassen Sie mich nun von einer Verpflichtung zu einer anderen übergehen und Ihnen im Geiste die Hand küssen für den lieben, freundlichen und zarten Brief, durch den Sie mich geehrt haben und der mich so erfreut hat. Ich will ihn im einzelnen beantworten und ich kann nicht besser beginnen, als indem ich von Ihrer Gesundheit spreche, die, wie ich hoffe, zur Stunde wieder vollkommen hergestellt ist. Die Eindrücke, die Sie im letzten Winter gehabt haben, waren zu tief, zu schmerzlich, um nicht Ihre Gesundheit zu erschüttern, aber ich habe eine zu hohe Meinung von Ihrem Willen, von Ihrem Eifer für das Gute, von Ihrer Thätigkeit und endlich von Ihrer Religion, um nicht überzeugt zu sein, daß Sie schon seit langem Ihre Ruhe und Ihre Gesundheit wiedererlangt haben. Gott behüte mich davor, Ihren Schmerz nicht achten zu wollen, er ist viel zu heilig, um nicht Gegenstand allgemeiner und aufrichtiger Theilnahme zu sein; aber es bleibt ewig wahr, daß eine regelmäßige Beschäftigung heilenden Balsam in solche Wunden gießt. Darum sehe ich Sie muthig den Weg weiter verfolgen, der Ihnen, seit Sie uns verlassen haben, den Segen Ihrer Untergebenen eingetragen hat, ebenso wie die, für die Sie hier sorgten, Sie segneten und noch segnen. Der Plan, den Sie mir vorlegen, oder vielmehr der Vorschlag, den Sie mir machen, mich für eine Anstalt zu interessieren, deren Zweck sein soll, für die Kinder von Ammen und unverheiratheten Müttern zu sorgen, ist ein neuer Beweis dafür. Ich beeile mich, alle erforderlichen Informationen einzuziehen und in Kurzem werde ich die Ehre haben, Ihnen davon zu berichten. Auf jeden Fall bin ich von dem wahrhaft christlichen Gefühl überzeugt, das Ihnen diesen edlen Plan eingegeben hat, auch von dem Schmerz, den Sie empfinden, wenn Sie an das Unrecht denken, mit dem so viele Menschen in dieser Beziehung ihr Gewissen belasten. Es geht ja mit diesem Unrecht wie mit so vielem anderen, das man begeht, ohne daran zu denken, ich kann sagen: glücklicherweise, ohne es zu vermuthen. Wenn man sich immer beobachten würde, wenn man immer Acht gäbe, würde man in seinen eigenen Augen ganz anders erscheinen, als man sich zu sehen gewohnt ist.

"Ich weiß nicht, ob Ihr Gemahl, dem ich mich zu empfehlen bitte, Landrath geworden ist oder nicht; es wäre mir lieb, wenn Sie mir das mittheilen würden. Ich wünschte es ihm aufrichtig, und wenn die Verwirklichung von mir abhinge, hätte ich mich nicht auf bloße Wünsche beschränkt. Wie gern sähe ich Sie in der richtigen Sphäre für Ihre Thatkraft und Leistungsfähigkeit. Doppelt gern, weil Sie, auf einen sozusagen unkultivierten Boden gestellt, alles selbst erst schaffen mußten; eine ganz von Ihnen geschaffene Welt, meine liebe Jenny, muß sehr schön sein, beinahe ein Paradies, denn über dem Schönen, das Sie immer schaffen, werden Sie stets das Gute herrschen lassen! — Damit wäre Ihr Brief annähernd beantwortet, ich sage annähernd, weil im Grunde nur das Leben allein die rechte Antwort geben kann auf die Worte, die sich an alle fühlenden, empfindenden und handelnden Fasern meines Wesens zu richten scheinen. Ich bitte Sie demnach, von meinem Leben die Antwort auf Ihr Interesse, Ihre Freundschaft und Ihre Theilnahme zu erwarten. — Ich kann die Feder nicht fortlegen, ohne Ihnen noch ein wenig von hier zu erzählen. Ihr Vater und Ihre Schwester befinden sich wohl; Cecile geht seit einigen Tagen wieder aus und scheint sich gut von ihrer Entbindung erholt zu haben. Der Kleine wurde in Gegenwart von Mama und uns allen getauft, was mich tief gerührt hat, denn Beust gehört so sehr zu meiner eigenen Familie, er bildet so sehr einen Theil meiner selbst, daß es mir vorkommt, als ob alles, was ihm begegnet, Gutes und Böses, mir selbst geschähe. Ich sehe häufig Fräulein von Froriep, deren liebenswürdigen Charakter ich mehr und mehr bewundere, ohne von den anderen Eigenschaften zu sprechen, die sie auszeichnen. Sie erinnert mich oft an Sie, und ich glaube deshalb um so mehr, daß das, was sie so liebenswürdig, so gleichmäßig gut und interessant macht, eine Gabe ist, die sie von Ihnen hat. Denn das ist eine wirkliche Wohlthat der Freundschaft, eine ihrer Segnungen, daß sie die guten Eigenschaften eines Freundes auf den andern überträgt. Es scheint mir eine der schönsten Erinnerungen zu sein, die man an jemanden haben kann, sich zu sagen, daß diese oder jene gute Eigenschaft, die ich besonders liebe, von diesem oder jenem Freunde stammt. — Vor einigen Tagen kam Frau von Goethe an, die sich wegen Familienangelegenheiten herbegeben hatte. Es schmerzte mich, sie zu sehen; ich kann sie nur einem entwurzelten Stamm vergleichen, der auf dem Wasser schwimmt, so ohne Ziel, ohne feste Absichten, ohne Plan, ohne Zukunft ist sie. Durch ihre manchmal etwas barocke Eigenart brach zuweilen ihr mütterliches Gefühl durch, und dann sagte sie mit Thränen in den Augen von Alma: 'unser aller Frühling ist hin.'

"Ich sah auch Walther, der bald nach seiner Mutter kam; er sieht so schwächlich und gedrückt und lebensuntauglich aus, — verzeihen Sie den Ausdruck, — daß es einen schmerzt, wenn man ihn sieht. Man kann sagen, daß ein großer Name, wenn er nicht Ruhm und Auszeichnung bedeutet, zur Last wird. Unter den Freunden, die wir im Laufe des Winters hier sahen, befand sich auch ein gewisser Herr von Schober, ein Mann von Geist und Talent, dessen schöne Gedichte ihm in Deutschland einen Namen gemacht haben. Ich erfreute mich des Verkehrs mit ihm ... Eine Reise nach Holland, die ich jetzt während dieses Januarwetters unternehmen muß, kommt mir recht ungelegen. Es ist die Zeit, in der ich mich am liebsten vollkommen in meine Studien vergraben und von nichts stören lassen möchte. Vermuthlich theilen Sie meinen Geschmack, darum verzeihen Sie, daß ich Ihre Zeit so ungebührlich lange in Anspruch genommen habe. Mit vielen Empfehlungen von meiner Frau und den herzlichsten Grüßen von mir

Ihr treuster Freund

Carl Alexander."

Als im Herbst 1845 dem Gardener Ehepaar ein Töchterchen geboren wurde, das den Namen der toten Großmutter erhielt, sah Jenny ihre Tätigkeit nach außen für eine Zeitlang unterbrochen und auf die Kinderstube beschränkt. Ihrer vergessenen Künste erinnerte sie sich nun wieder und zauberte in zarten Aquarellfarben die reizenden Köpfe ihrer vier Kinder aufs Papier. Otto, einen schlanken, feinen Jungen mit dem klassischen Profil der Bonapartes, "der," wie sie schrieb, "für mein Mutterauge das vollkommenste Idealchen ist," malte sie am liebsten keck auf seinem Pony sitzend; Mariannen, mit den großen Märchenaugen, gab sie blasse Rosen in die Hand; während Jenny, "der kleine blondgelockte Engel, bei dessen Anblick mir Thränen der Liebe und Dankbarkeit in die Augen steigen," mit ernstem Gesichtchen auf der Gartenfußbank Sandkuchen backt oder das kleine Dianchen, den Liebling aller, auf dem Schoße hält. Die zwei älteren Kinder gingen schon in die Dorfschule — eine Maßnahme, die Freunde und Verwandte entsetzte — während daheim eine junge Schweizerin, die Jenny aus der einfachen Bonne ihrer Kinder allmählich zur lieben Freundin wurde, sie im Französischen unterrichtete. In Religion und Geschichte unterrichtete Jenny selbst und nach einer Methode, die damals noch eine ganz neue war: mit der Geschichte der engsten Heimat begann sie. Beim eigenen Vorstudium hatte sie sich dabei für die Geschichte der preußischen Ordensritter so begeistert, daß sie einzelne Gestalten daraus, wie z. B. die Winrichs von Kniprode, zum Vorbild aller Rittertugenden erwählte. Als noch größerer Held jedoch erschien ihr der große Friedrich, dessen Lebensgeschichte sie in schlichten Reimen zusammenfaßte, um sie den Kindern recht genau einzuprägen. Auch die Enkel lernten sie, als sie noch nicht lesen konnten, und keine historische Persönlichkeit ist mir infolgedessen so lebendig geblieben wie der "alte Fritz".

Noch mehr als ihr historischer wich ihr religiöser Unterricht vom Gewohnten ab. Die Kinder lernten weder Bibelsprüche noch Gesangbuchverse, von der biblischen Geschichte erfuhren sie wie von schönen Märchen, an die zu glauben, im Sinne des Fürwahrhaltens, sie nie gezwungen wurden. Nur ein Gesetz gab es für sie als das unbedingte, dem zu folgen Tugend sei und selig mache, das zu verletzen, den Weg zu moralischem Zusammenbruch, zu Unglück und Elend betreten heiße: Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst. Wie Jenny ihren Kindern dies Gesetz verständlich zu machen suchte, wie sie ihnen an Beispielen aus dem täglichen Leben die Folgen des Gehorsams und des Ungehorsams ihm gegenüber auseinandersetzte, das hat sie in einem kleinen Büchlein zusammengefaßt, dessen vergilbte Seiten mich wehmütig anschauen, und hinter denen die Köpfe all der Kinder, die daraus lernten, aufzutauchen scheinen. Auf dem weißen Marmorkreuz aber, das auf ihrem Schreibtisch stand, leuchten noch immer in goldenen Lettern die Worte: Die Liebe höret nimmer auf.

Im Herbst 1846 traf Jenny der schwerste Schlag: die kleine Diana starb — die große Diana zog sie nach ins Grab! Was Jenny empfand, kann ihr niemand nachempfinden als eine Mutter, und zum ersten Male fühlte sie sich, trotz der liebevollen Nähe des Gatten, allein mit ihrem Schmerz. Niemand begriff, daß der Tod eines so kleinen Kindes einen unausfüllbaren Lebensabgrund aufreißen kann; niemand konnte verstehen, daß für eine Mutter das Kind ein Teil ihrer Selbst ist, und sie immer verstümmelt bleibt, wenn es ihr entrissen wird — wie sie denn eigentlich nur vollkommen wird durch ihre Kinder.

Wilhelmine Froriep gegenüber, die eine Mutter war wie sie, sprach sie sich aus: "Seitdem ich den tiefen unauslöschlichen Schmerz empfunden habe, den Dein Mutterherz doppelt gekannt hat, habe ich unzählige Male mit dem Gedanken in Deiner milden wohltuenden Nähe verweilt, mein liebes, liebes Minele, und sehnte mich, in Deinen Augen das volle Mitgefühl zu lesen, das nur Mütter empfinden können, namentlich bei dem Tode eines so jungen Kindes; — aber Du weißt, ich war fast den ganzen Winter so krank, daß ich, statt meine Einsamkeit zu nutzen, sie als eine große Bürde fühlte; — meine drei mir gebliebenen Kinderchen hatte ich sehr viel um mich, aber ich war zu schwach, um dies so recht freudig und dankbar zu empfinden, und hätte mein Körper das Wort führen dürfen, so hätte er sich sogar sehr darüber beklagt. Im Seebad fühlte ich mich wohl, die Luft war so herrlich, und das Meer scheint so ganz ohne Abschnitt mit der Ewigkeit zusammenzuhängen, daß die Seele ruhiger wird; doch meiner Rückkehr nach Garden folgte eine unbeschreiblich trübe Zeit. Wenn die Leiden der Phantasie sich zu denen des Herzens gesellen, werden beide unendlich vermehrt, und ist dann der Körper nicht stark genug, um den Willen zu unterstützen, kann die Thätigkeit nicht den Damm der Gedanken bilden, so wird das Leben recht schwer, ich kämpfe noch fortwährend mit dem traurigen Einfluß, den die alte Umgebung ohne das heißgeliebte Kind auf mich übt, und noch sehne ich mich stündlich von hier weg; da dies Gefühl sich aber mildert, meine Gesundheit sich stärkt, und meine Thatkraft zunimmt, so fasse ich Geduld mit mir, und wo Vernunft und Ergebung nicht ausreichen, hoffe ich auf die Zeit."

Der alte Freund — Arbeit — der ihr noch immer geholfen hatte, sollte auch jetzt wieder helfen. "Ich lebe nur meinen Kindern, die mir viel Freude machen, ohne daß freilich die Schatten fehlen," schrieb sie. "Oft sitze ich auch auf alte deutsche Art mit meinem Mädchen in der Jungfernstube, weil meine Lampe und mein Buch ihnen vortheilhaft sind, und mich der fleißige Kreis erfreut ... Wäre meine Seele ohne Sehnsucht nach Mutter und Kind, und hätte ich eine Freundin, der ich mich so recht innig mittheilen könnte, so wäre diese Existenz ganz nach meinem Geschmacke."

Bald jedoch sollte sich zeigen, daß das tiefe Leid eine große seelische Umwälzung in ihr hervorgerufen hatte: Garden, die traute Heimat ihrer Kinder, wo ihr die Wälder so freundlich gerauscht, die Seen ihr lachendes blaues Auge vor ihr aufgeschlagen hatten, erschien ihr nur noch wie das Grab des einen Kindes, und ihr Geist und ihr Herz, die verlernt hatten, ein eigenes Leben zu leben und darum so qualvoll litten, wenn ein Teil ihres Lebens, das Kind, ihnen genommen wurde, sehnten sich hinaus, zurück nach der Heimat ihrer Jugend. In einem ihrer Briefe aus jener Zeit heißt es:

"Daß meine Wünsche sich nach Weimar richten, kann ich nicht leugnen und zeigt sich auch jetzt keine, auch gar keine Aussicht, uns dorthin zu verpflanzen, so mag man sich doch gern bereit halten, glückliche Zufälligkeiten und Schickungen zu ergreifen. — Den Winter dort zuzubringen, hat immer große Schwierigkeiten: den Kindern ist der hiesige gleichmäßige Winter zuträglicher, Otto hat Schlitten, Pferd und alles Zubehör eigen, und fährt nach Belieben, bis es 10 Grad Kälte übersteigt, dann ist die Freude kurz und er bleibt auch gern zu Hause. Das Kleinste, wenn es Gott giebt und erhält, macht schon nächsten Winter die Reise, wenn nicht unmöglich, doch ganz unwahrscheinlich. Der günstige Einfluß unseres Schullehrers auf Mariannchen wird schwerlich ersetzt werden, eine französische Bonne steht mir seit Ostern in diesem Zweige der Erziehung bei, und für Jennchen sind die großen ganz durchwärmten und zugfreien Räume und die Spiele mit den kleinsten meiner Stiftskinder auch schwer zu ersetzen. Werner hat sein Gut und seine Provinzialinteressen, auch angenehme Männer zum Umgang und meistens eine Reise, die den Winter durchschneidet, und seine Laune ist so gleichmäßig, und sein Ausdruck so zufrieden, daß er keinen hinreichenden Grund zu einem andern Winteraufenthalte bietet. Nun bleibe ich, die sich wohl oft die Abende in Weimar vormalt, wo alles Lebenslustige bei Ball und Theater und ich mit Emma, Dir, Luise, meiner lieben Cecile zusammen wäre, oder der Familienkreis, der jetzt so gemüthlich geworden ist, mit Karls und Beusts und Papa — aber ich bin eins gegen 5, und da außerdem das Beste meines Selbstes in den 5 steckt, ist das, was davon übrig bleibt, nicht lebensfrisch genug, um egoistisch zu sein."

Viele ihrer Freunde teilten ihren Wunsch und suchten ihn dadurch zu verwirklichen, daß sie an berufener Stelle Schritte taten, um Werner Gustedt den Weg in den weimarischen Staatsdienst zu eröffnen, der auch ihm als angenehme Aussicht erschien. Jenny zweifelte von vornherein an dieser Möglichkeit, ihr Mann war zu sehr Preuße, zu wenig Hofmann, um willkommen zu sein. Sie wußte außerdem, daß auch von seiten des Stiefvaters, der mit ihrem Mann nicht gut stand, nur Opposition zu erwarten war, daß auch der Erbgroßherzog, so sehr er ihr nahestand, für ihn keine Sympathie besaß, und zwar um so weniger, je mehr seine Schwester, die Prinzessin von Preußen, für ihn eintrat. Aber trotz dieser Erwägungen der Vernunft, überließ Jenny sich eine Zeitlang nur zu gern ihrer Phantasie, die ihr ein Leben in Weimar in den schönsten Farben malte. Selbst wenn der Aufenthalt dort kein dauernder würde sein können, so hätte sie ihn doch der drückenden Einsamkeit Gardens vorgezogen; "nach ein paar Jahren," so schrieb sie, "könnten wir im schlimmsten Fall wieder werden, was wir jetzt sind, nur in der Nähe einer großen Stadt, unserer Verwandten und im Mittelpunkt des Fortschritts und eines regen geistigen Lebens."

Wie anders klingen diese Worte der Sehnsucht, als ihre Einsamkeitsschwärmerei der dreißiger Jahre! So fern ab sie den Weltereignissen lebte, sie spiegelten sich doch in ihrer eigenen Seele wider: der Traum der Romantik war ausgeträumt, die Wirklichkeit forderte ihre Rechte; dem Schauspiel wich die Idylle. Wenn sie sich, in innerster Seele unbefriedigt von einem Leben, das trotz aller selbstgewählten und geschaffenen Arbeit doch nur ein Leben des Genießens, wenn auch des reichsten geistigen Genießens gewesen war, in die ländliche Einsamkeit zurückgezogen hatte, um dort in ihrem Mann, in ihren Kindern, in ihren Armen und Pflegebefohlenen aufzugehen, so hatte sie dabei vergessen, was den Mädchen ihrer Zeit zu vergessen freilich zur Pflicht gemacht wurde, daß sie selbst eine Persönlichkeit war, die ihre Rechte früher oder später zur Geltung bringen mußte. Unter dem Druck der Erziehung und der Vorurteile war die Wandlung von einem geistig lebendigen Mädchen in eine gute Hausfrau, deren höchster Ruhm es war, die eigene Individualität mehr und mehr abzustreifen und das Ideal weiblicher Pflichterfüllung dadurch zu erreichen, daß sie dem Willen und den Wünschen der Familie blindlings nachkam, niemals aber die eigenen laut werden ließ, bei dem größten Teil des weiblichen Geschlechts damals eine selbstverständliche. Eine ungewöhnlich starke Natur mußte es sein, die nicht zwischen den Mühlsteinen der Weibespflichten zerrieben wurde, und es mußten ihr Kräfte von außen zu Hilfe kommen.

Hatte der Tod ihres Kindes sie aufgeschreckt aus gefühlvoll-träumerischem Versunkensein in das friedliche Glück des Hauses, so rissen die politischen Zeitereignisse sie aus einem Gedankengang, der sich nun um das Wohl und Wehe der sie zunächst Umgebenden drehte. Es war nicht nur die Not daheim, die um Abhilfe schrie und der mit persönlichen Maßnahmen beizukommen sein mochte, es war der furchtbare Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit, der sich wie ein dunkler klaffender Abgrund deutlicher und deutlicher vor jedem, der sehen wollte, auftat. Wer war geneigter als die Kinder der Romantik, sich von der Not der schlesischen Weber, der hungernden preußischen Bauern, bis zu dem Elend der englischen Fabrikarbeiter aufs tiefste bewegen zu lassen und sich mit der ganzen Überschwenglichkeit ihrer Liebes- und Mitleidsempfindungen ihnen zuzuwenden? Bettinens Buch an den König, George Sands Begeisterung für die Sache des Volkes liefern den Beweis dafür. Kam eine religiöse Überzeugung dazu, wie die Jennys, die vom christlichen Glauben ausging und in der Forderung der Nächstenliebe der Tat gipfelte, so mußten die Ereignisse der Zeit auf sie wirken wie Frühlingswetter auf wohl vorbereiteten Ackerboden. Mit noch weit größerem Eifer als in ihrer Mädchenzeit vertiefte sie sich wieder in ernste Studien, deren Zweck für sie jetzt nicht mehr allein die persönliche Aufklärung war, deren praktische Ergebnisse sie vielmehr hoffte, dem Allgemeinwohl einmal nutzbar machen zu können.

Für ihre Betrachtungsweise ist ein Brief an Gersdorff aus dem Jahre 1846 charakteristisch, der an die Lektüre philosophischer Schriften anknüpft, und in dem es heißt:

"Die Wahrheit, an die ich glaube, liegt zwischen Seneca und Bacon; Bacons Ziel: der Nutzen und materielle Fortschritt durch die Wissenschaften, als Mittel zu Senecas Ziel: die größte moralische und geistige Entwicklung des Menschen. Diese Entwicklung ist das Endziel alles Strebens; wäre es im rohen Naturzustande erreichbarer als durch Civilisation, so würde ich für den rohen Naturzustand stimmen, so aber glaube ich: es liegt der Wissenschaft ob, Raum, Kraft, Zeit, Mittel zu schaffen, um den Geist möglichst unabhängig von der Materie zu machen, zugleich die Intelligenz zu üben und zu schärfen, und dem flügellosen Menschen Flügel zu schaffen. — Die Mittel, welche mit dem wenigsten Zeitaufwande und dem geringsten Verbrauch an Kräften die Bedürfnisse der physischen menschlichen Natur befriedigen, mithin das Vergessen des Körperlichen erleichtern, entfesseln den Geist und geben ihm Zeit, Raum, Kraft und Mittel zum Wachsen und Gedeihen. — Deshalb thut die Wissenschaft göttlichen Dienst, wenn sie Dampfmaschinen, Luftheizungen, Gasbeleuchtungen, Hebel, Wölbungen, Heilmethoden, Ackerwerkzeuge, Produktionsmittel aller Art erfindet, und so lange muß sie rastlos diesem göttlichen Dienste vorstehen, bis die Massen der Menschen Muße gewinnen, um geistige Entwickelung pflegen zu können."

Als dann das Jahr 1847 erschien, mit hohlen Augen und eingefallenen Wangen, eingehüllt in das fadenscheinige Gewand des Hungers, und die Not auf Schritt und Tritt Jenny mehr als je entgegenstarrte, sah sie noch deutlicher als je die Unzulänglichkeit bloßer privater Hilfe ein. Zwar schuf sie einen großen leeren Raum ihres Hauses zur Volksküche um und stellte Frauen an, die in großen Kesseln die Mahlzeiten für die Scharen von Hungernden kochten, die Tag für Tag herbeiströmten; zwar gelang es ihr, Nachbarn und Gemeinden zu ähnlichen Einrichtungen anzuregen, aber sie gehörte nicht zu denen, die voll eitler Freude über die eigene Leistung die große allgemeine, nicht zu erreichende Not vergessen, weil ein paar Menschen während ein paar Tagen satt werden. Unbekannt mit all jenen politisch-ökonomischen Systemen, die die Sozialisten Englands, Frankreichs und Deutschlands aufgestellt hatten, um für alle menschenwürdige Verhältnisse zu schaffen — in ihren Bücherlisten und Auszügen ist kein einziges Buch der Art aufgeführt — und immer noch durchdrungen von der Macht des guten Willens der einzelnen mußten ihre Ideen, sobald sie sich auf Bekämpfung der allgemeinen Mißstände bezogen, notwendigerweise unzureichende bleiben. Aber daß sie sich überhaupt mit ihnen beschäftigte, daß sie, die gläubige Christin, niemals in den verbreiteten Fehler ihrer Glaubensgenossen verfiel, der so bequem ist für die, denen es gut geht, und so einschläfernd für beunruhigte Gewissen: die Armut für eine göttliche Einrichtung anzusehen, und Not und Jammer für göttliche Prüfungen — das allein beweist, daß eine Faustnatur in ihr lebendig war. Die Eindrücke der Zeit diktierten ihr folgenden Brief an Gersdorff:

"... Alle Welt stimmt darin überein, daß der Augenblick gekommen ist, wo für das Wohlergehn der breiten Masse des Volks etwas gethan werden muß, — der edelste wie der egoistischste Mensch begegnen sich heute in dieser Erkenntniß. Es ist interessant zu beobachten, was ein Jeder heranschleppt, um den Damm gegen jene Sturmfluth bauen zu helfen, die näher und näher kommt, um uns zu ertränken. Die einen sehen in schönen Parlamentsreden die Rettung, die anderen in der Organisation der Arbeit. Und zu diesen gehöre ich: vom König bis zum letzten Straßenkehrer müßte jeder sich der Vollendung dieser Aufgabe widmen, alles Andere als nebensächlich bei Seite schiebend, kein Opfer zur Erreichung dieses Zieles für zu gering haltend. Die Schwierigkeiten sind enorme, aber sie sind nicht unüberwindlich, und die Arbeit lohnt der Mühe, weil ihr Ziel die erste Stufe zu vollkommener Radicalcur der kranken Menschheit ist. Preußen ist von allen europäischen Staaten derjenige, der zu ihrer Ausführung am geeignetsten erscheint; seine militairische Organisation, die Gewohnheit jedes Preußen, zu gehorchen und den Gesetzen persönliche Opfer zu bringen, das Princip der Bevormundung, das die Regierung immer befolgt hat, kurz ihre ganze Machinerie haben das Terrain vorbereitet. Ueberall herrscht Ordnung, nur in der Arbeit herrscht blinde Anarchie. Die Philosophen machen Preußen gerade aus der Bevormundung einen großen Vorwurf, wer aber tiefer sieht, kann nicht so sehr in ihr das größte Uebel erblicken, als in ihrer Einseitigkeit. Ein Kind muß getragen werden, ehe es selbst gehen kann: aus der Organisation der Arbeit, die Willkür ebenso ausschlösse wie Ausbeutung und Unbotmäßigkeit, würde nach und nach erst die Kraft, die Freiheit, die Selbständigkeit sich entwickeln .... An einer uns Landbewohnern naheliegenden Aufgabe könnte die Organisation der Arbeit durch den Staat einsetzen: Der Errichtung von Fabriken auf dem Lande, die auch im Winter der Landbevölkerung Arbeit böte, damit die Einführung der Dreschmaschine sie nicht mehr und mehr zum Hungern verdammt."

Zu dem starken Einfluß, den die Zeitereignisse auf Jenny ausübten, und dessen Grad sich an ihren ebenso vertieften wie gesteigerten und erweiterten Interessen ermessen läßt, der auch den Wunsch in ihr weckte, der Entwicklung näher sein, an ihr mitwirken zu können, trat noch ein anderer, rein persönlicher hinzu: die Aufklärung über ihre Herkunft.

Am 1. Oktober 1847 hatte Jerome Napoleon nach zweiunddreißigjährigem Exil den Boden Frankreichs wieder betreten. Ob er über den Aufenthalt von seiner und Dianens Tochter Pauline im Kloster immer unterrichtet gewesen war, ob sie sich ihm als "Mutter Maria vom Kreuz" auf Grund der Briefe Dianens erst zu erkennen gab, als er Paris wieder zur Heimat wählen durfte — darüber fehlten mir Nachrichten. Ob Briefe der Nonne an Diana von Jenny gefunden wurden und zur Verbindung der Schwestern führten, läßt sich auch nicht mehr feststellen, ebensowenig wie der erste Brief der Nonne an Jenny mit der Mitteilung, wessen Töchter sie beide waren, erhalten wurde, eines nur steht fest: daß Diana selbst es war, die es Pauline zur Pflicht gemacht hatte, Jenny aufzuklären und sie zu bitten, den zu lieben, dem sie das Leben dankte. Wie groß mußte Dianens Liebe gewesen sein, wenn sie über den Tod hinaus dem Mann, der Schmach und Leid und Verlassenheit über sie heraufbeschworen hatte, die Liebe ihrer Tochter zu sichern suchte. Wie erschütternd aber mußte die Nachricht von der Mutter heimlichem Liebesbund, die ihr Ende des Jahres 1847 zugegangen war, auf Jenny wirken. Zwar hatte sie in Weimar nie gelernt, die Beziehungen der Menschen zueinander mit dem Maßstab der Prüderie zu messen, aber von der Heiligkeit der Ehe war sie doch tief durchdrungen, und in ihrer Mutter hatte sie das Muster aller christlichen Tugend verehrt, und nun: welch ein Aufruhr all dieser Gefühle. Ihre gute, edle Mutter war die Geliebte eines der verrufensten Könige gewesen, sie war sein Kind, Bastardblut floß in den Adern ihrer Kinder! Wie mochten die bösen Zungen der Welt ihre Mutter beurteilt haben und noch beurteilen, was für ein Schicksal stand ihren Kindern bevor, wenn man erfahren würde, daß sie eine außerehelich Geborene zur Mutter haben. Sie kannte ja diese Welt nur zu gut: hatte sie sich nicht mit einem merkwürdigen Ahnungsvermögen am meisten zu den unehelichen Kindern hingezogen gefühlt, die von allen Enterbten die unschuldigsten und die verachtetsten sind? Und während sie so empfand, klang zu gleicher Zeit die flehende Stimme der toten Mutter an ihr Ohr, die um Liebe bat, um Liebe für sich und den Vater. Sie sah sie vor sich in ihrer ganzen Lieblichkeit, die doch stets von leiser Melancholie beschattet blieb; sie sah sie, wie sie selbst in ihren Todesqualen ihrer Kinder in heißer Liebe gedachte. Wie mochte sie gelitten haben ein ganzes Leben lang, von dem Augenblick an, da ihr der Säugling vom Herzen gerissen und fern von ihr im Kloster aufgezogen wurde. Hatte sie nicht dies furchtbare Opfer — entsetzlicher noch, als wenn der Tod ein Kind entführt — ihren anderen Kindern zu Liebe gebracht? Jennys Herz, das noch blutete von der Wunde, die des Töchterchens Tod ihm geschlagen hatte, erbebte vor Mitleid und Liebe, und alles, was die hergebrachte Moral ihr an erkältender Weisheit noch eben gepredigt hatte, verschwand vor dem einen großen Gefühl. Nun aber begann auch ihre Phantasie, sich ihrer Gedanken zu bemächtigen. Stets, selbst als der Haß gegen ihn in Deutschland noch alles beherrschte, hatte ihr Geist dem großen Korsen Altäre gebaut. Und nun war sie seines Blutes, und die Stimme dieses Blutes war es gewesen, die sie gezwungen hatte, dem Schicksal der Bonapartes voll tiefer Anteilnahme zuzusehen, es in seiner tragischen Größe zu erkennen, als alles um sie her voll Genugtuung in ihm nur die gerechte Strafe Gottes erblickte. Und hatte sie sich nicht doch des Vaters zu schämen?! Ihre Mutter hatte ihn bis zur Selbstvergessenheit geliebt, ihre Schwester schilderte ihn als einen der besten Menschen, und zweiunddreißig Jahre des Exils waren auch für schwere Sünden eine harte Buße. Gehörte er aber zu den vielen von der Welt über Gebühr Verlästerten und Verfolgten, dann war er der Liebe doppelt bedürftig.

So stieg endlich aus dem Chaos der Empfindungen und Gedanken all jene Zärtlichkeit hervor, die sie, nach der Innigkeit seines Dankes zu schließen, dem Vater entgegengebracht haben muß. Aber die neue Verbindung des Herzens gab auch ihren Interessen eine neue Richtung. Hatte sie bisher die politischen Ereignisse Frankreichs lebhaft verfolgt — die Freundschaft mit der unglücklichen Helene von Orleans hatte dazu beigetragen —, so fühlte sie sich von nun an innerlich mit ihnen verknüpft, und die rege Korrespondenz ließ sie ihr vollkommen gegenwärtig erscheinen. Der Wunsch Jeromes, die Tochter in seine Arme zu schließen, fand in ihrem Herzen ein lebhaftes Echo. Wie ihre Empfindung sie zu dem Vater zog, so ihr geistiges Ich zu jener Stadt, die wie eine Feuerkugel wieder einmal nach allen Richtungen Europas die erleuchtenden und erwärmenden ebenso wie die zündenden Strahlen ihres Wesens zu werfen schien.

Die Märzstürme der Revolution machten zunächst die Reise nach Paris für Jenny unmöglich. Aber auch aus anderen Gründen war sie ans Haus gefesselt: im Juli 1848 wurde ihr ein Sohn — ihr letztes Kind — geboren, und die nächsten Monate gehörten seiner Pflege. Ihr Mutterherz klopfte so stark und heiß für dieses Kind wie für die anderen, aber ihre Gedanken, die sich sonst bei jedem neuen kleinen Erdenbürger um so mehr auf die Kinderstube konzentriert hatten, konnte sie diesmal nicht hindern, weit über die Mauern des Hauses hinauszuschweifen. Was sie fühlte und dachte, als der Widerhall der Berliner Barrikadenkämpfe bis an ihr Ohr drang, als Preußens König sich dem Willen des Volkes beugen und die Gefallenen mit entblößtem Haupte ehren mußte, und als der Gatte ihrer lieben Freundin, Prinzeß Augusta, heimlich das Land verließ — darüber befindet sich nichts mehr unter ihren Papieren. Daß sie die Ereignisse aber mit anderen Augen betrachtete, als es in der Sphäre streng konservativen preußischen Junkertums, in der sie lebte, üblich war, dafür legt ein merkwürdiger Artikel von ihr: "Meine Ideen zur Reorganisation des Staates nach 1848" Zeugnis ab, den sie ihrem Stiefvater sowohl wie dem Erbgroßherzog von Weimar und der Prinzessin Augusta von Preußen zusandte. Ihre Antworten sind leider nicht mehr vorhanden — wenn sie überhaupt jemals geschrieben wurden. Der Artikel lautet:

"Ein großer mächtiger Geist zieht durch die Welt — ein Geist des Schreckens, der Leidenschaft und — der Gerechtigkeit; Schrecken und Leidenschaften müssen weichen vor einem reinen, guten Willen, der Geist der Gerechtigkeit muß bleiben, denn er ist der Geist Gottes, der heilige Geist des Evangeliums; — laßt uns tun nach seinem Gebote, denn ein höheres gibt es nicht; laßt uns hell sehen bei seinem Lichte, denn es ist dasselbe Licht, das jenseit des Grabes leuchtet, das Licht, das nimmer vergeht — die Wahrheit und die Liebe!!

"Wir, die Reichen, die irdisch Begünstigten, haben seit einer Reihe von Jahren die Lawine beobachtet, welche die ganze bürgerliche Verfassung zu zertrümmern droht; wir haben die Notwendigkeit kommen sehen, daß der Arme, auch der fleißige und genügsame Arme, im Schweiße seines Angesichts, mit Aufopferung aller Lebensfreuden, nicht mehr das tägliche Brot für sich und die Seinen verdienen kann; wir haben eine Einsicht in die mercantilischen, statistischen, politischen Verhältnisse haben können. — Mancher hat einzeln gern etwas, auch viel, aber lange nicht genug gethan, um dem Übel zu steuern, und eben weil es einzeln geschah und ein Jeder begriff, daß er doch nicht helfen könne, ist es dürftig geschehen, und je greller die Schauer und der Jammer des Elends, welches Jeder allein nicht bewältigen konnte, in die Seele schnitt, desto mehr beschränkte man sich, und mit Recht, auf einen kleinen Kreis, auf Hilfe an Einzelnen, desto mehr sorgte, sparte, erwarb, vermehrte man, um für die eigenen Kinder allen irdischen Unglücksfällen vorbeugend zu begegnen, weil man an den verhungerten, mißhandelten, verkümmerten, elenden, an der Seele gekränkten Kindern, an den vernachlässigten Greisen und Kranken, an der nicht zu bewältigenden Fluth moralischer und physischer Versunkenheit und Verzweiflung ein schreckliches Bild von dem hatte, was möglicher Weise den Liebsten und Nächsten geschehen konnte. Ich brauche nur an das Hungerjahr 1847, an die Webernoth in Schlesien, an die Nothjahre durch Dürre und Überschwemmungen in der Provinz Preußen, an die Thatsachen z. B. in Bettinens Buch an den König über die Berliner Zustände zu erinnern, ich brauche nur Jeden zu bitten, in der Residenz, auf dem Lande, namentlich in den kleinen Provinzstädten, auf der Straße sich umzusehen; wer Arzt, Bürgermeister, Schullehrer, Fabrikherr oder Landwirth ist, der braucht, dem Elende zu Gefallen, noch keinen Schritt außer seiner Berufssphäre zu machen, um zu wissen, zu sehen, zu fühlen, daß unter Menschen, unter Christen die Zustände nicht so bleiben können. — Es ist grauenhaft, daß eine Mutter vom Staate gezwungen werden kann, ihr Kind verhungern zu sehen — und dem ist so: sie läuft zehnmal zum Bürgermeister, der sie nicht einmal anhört — er ist nicht härter, nicht gewissenloser als ein Anderer, aber er hat täglich zwanzig Fälle, wo Hülfe Noth thut, und er hat nicht die Mittel, er kann nicht helfen; so die Gemeinde namentlich in Jahren von Mißwachs, und so endlich der Staat — Willen, Einsicht, Mitleid, Wünsche sind da, aber keine Mittel — diese sind es, die geschafft werden müssen, und wehe, wenn der Spruch des Heilandes auch jetzt in Erfüllung gehen müßte: 'Wahrlich ich sage euch, es ist leichter, daß ein Kameel durch ein Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher in das Himmelreich komme!'

"Ich frage, was der Reiche verliert, wenn er den Überfluß abgiebt, um die Armuth möglichst aus der Welt zu schaffen? Der Bessere unter den Reichen genießt im Angesicht so vielen Elends seinen Luxus mit schlechtem Gewissen; Seide, Silber, Diener, Paläste sind Dinge der Eitelkeit, der Convenienz, der Sitte, sind aber weder Glück noch Genuß, wenigstens keine höheren, als ein komfortables bürgerliches Leben auch gewährt; Vielen sind sie Gewohnheit, deshalb ihre Entbehrung ein anzuerkennendes Opfer, bei weitem den Meisten sind es nur Nothwendigkeiten des Standes: man möchte ebenso gern ein wollenes als ein seidenes Kleid tragen, ebenso gern eine behagliche Stube als zehn besitzen, ebenso gern zwei Gerichte als zehn essen, ebenso gern ein tüchtiges Dienstmädchen als zwei anspruchsvolle Kammerjungfern haben, aber man meint, es ginge nicht, man wird als Sonderling zum Gespräch und Spott der Leute, man muß demüthigenden Momenten Trotz bieten, sich vertheidigen, seine Einfachheit erkämpfen, und das thut man nicht — man braucht es ja nicht. — Der Reiche wird nicht mehr große Feste geben, aber fragt, wieviel wahrhaft Fröhliche auf diesem Feste sind? Wo hundert Hausstände auf ein jährliches Fest in Wohnung, Dienerschaft und Hausgeräth versehen sein mußten, wird ein einziges Etablissement, wie jede Stadt es jetzt hat, mit wenig Kosten für den Einzelnen dieselben Freuden und größere gewähren, weil sie sich nicht bis zum Überdruß häufen können. — Der Reiche wird nicht mehr reisen können? O ja, dieselbe Reise, die er noch vor zehn Jahren mit vier Postpferden in acht Tagen für sechs- bis achthundert Thaler machte, macht er mit der Eisenbahn für sechzig oder achtzig, und so wird nicht einmal sein Genuß geschmälert werden.

"Der Luxus befördert die Industrie — dieser Satz entbehrt alles wahren Gehaltes. Gewinnt die Industrie nicht mehr, wenn eine geschäftige Hausfrau zwei Cattunkleider zerreißt, als wenn eine Dame ein seidenes Kleid auf dem Sopha aufträgt? Gewinnt nicht die Industrie mehr, wenn sechs Porzellan-Milchtöpfe zerbrochen, als wenn alle hundert Jahre eine silberne Milchkanne umgeschmolzen wird? Die Kostbarkeit des Stoffes macht nicht den Verdienst des Arbeiters, sondern die Masse der Arbeit. Wenn statt einer Brüsseler Spitze, die die Augen der Stickerin verdirbt, zehn sächsische geklöppelte Spitzen gebraucht werden, welche von den ärmsten Leuten im Erzgebirge gemacht werden, wo ist da für das Allgemeine der Nachtheil? — Der Luxus befördert nicht die Industrie, aber ein reges Leben, eine allgemeine Wohlhabenheit thun es im wahren Sinne des Wortes — der obige Satz war ein Trost, den sich der Reiche machte, eine Rechtfertigung, die man für ihn erfand, aber keine Wahrheit.

"Dem Armen muß ein menschliches Leben geschaffen werden, Kinder, an denen sich sein Herz freuen kann, deren Geburt nicht ein Unglück, deren Dasein nicht eine Last, deren Tod nicht eine Erleichterung ist; Frauen, die im Hause walten und wachen können, die seinen Herd erfreulich, seine Feierstunde sanft, seine Mahlzeit reichlich bereiten können; ein ruhiges Krankenbett, wo er nicht mit Angst und Kummer über das versäumte Nothwendigste liegt, wo er sich nicht zur Arbeit quält, ehe er halb genesen ist, wo er nicht den Vorwurf der Seinigen über ihre Last und Mühe zu ertragen hat, einen warmen Rock gegen die Kälte, eine gesegnete Einsicht gegen Aberglauben und Irrthum, ein unvergälltes Herz beim Anblick der Wohlhabenden — endlich einen ungebettelten Sarg und ein gepflegtes Grab. — An diesem Gewinne ermeßt seine Entbehrungen, an diesen Entbehrungen seine namenlose Geduld. Wer dürfte sich einen Christen nennen, der zu diesen nächsten, selbstverständlichsten Zielen einer Reorganisation der Gesellschaft nicht gelangen und seine ganze Kraft dafür einsetzen wollte?"

Professor Scheidler, dessen brieflich geäußerte Ansichten sie wohl am meisten in ihrer Gegnerschaft zu der landläufigen Auffassung ihrer Standesgenossen unterstützten, schrieb ihr darauf: "Wären Sie ein Mann, so würde ich von Ihrer öffentlichen Tätigkeit Großes von Ihnen erwarten, so aber fürchte ich fast, daß Ihre Ideen nicht zu Ihrem Glück gereichen."

Seine Befürchtungen sollten sich nur zu bald bewahrheiten. Zum erstenmal kam es zu tieferen Differenzen zwischen dem Ehepaar. Werner Gustedt rechnete sich zwar zu keiner bestimmten Partei; er war seiner Gesinnung und seinen Bestrebungen nach eher liberal als konservativ, aber er war ein Gegner jeden Philosophierens und Spintisierens über Zukunftsprobleme, war ein Mann praktisch-nüchterner Gegenwartsarbeit. Den Phantasien seiner Frau war er niemals gefolgt, ihre Vorliebe, umfassende Pläne zu schmieden, hatte ihn stets geärgert, und er war immer nur froh gewesen, wenn sie sich bei der Ausführung einer praktischen Aufgabe eine Zeitlang beruhigte. Vielleicht hätten ihn ihre radikalen politischen Gesinnungen auch nur verstimmt oder ihm ein Lächeln abgelockt, wenn sie nicht den Versuch gemacht hätte, in weiteren Kreisen für sie Propaganda zu machen. Das wünschte er nicht, und diesem Wunsch gab er deutlichen Ausdruck. Für Jenny war es, wenn nicht eine Folge verstandesmäßiger Erwägungen, so doch eine Folge instinktiven Gefühls, daß die geistige Selbständigkeit der Frau ein die Ehe auflösendes Moment in sich trägt, und zwar um so mehr, je mehr sie öffentlich zum Ausdruck kommt; daß sie sich in ihrem Tun und Lassen ihrem Gatten unterzuordnen hatte, war für sie selbstverständlich. Aber das Recht auf ihre persönliche Überzeugung wollte und konnte sie darum nicht preisgeben. Weder der Wunsch ihres Mannes, noch seine abweichenden Meinungen konnten ihr daher so wehe tun, wie die geringschätzige Art, mit der er ihren eigenen Ansichten begegnete — eine Art, die ihr deutlich genug zeigte, daß er ihnen die Existenzberechtigung absprach. Das war für sie das schmerzlichste, weil es ihr Rechtlichkeitsgefühl verletzte, und um des häuslichen Friedens willen lernte sie, was so viele Frauen glauben lernen zu müssen: Schweigen — jenes Schweigen, das den Frieden nur vortäuscht, in der Tat aber zwischen den Menschen eine höhere Scheidewand aufrichtet, als der bitterste Streit es vermag. Denn dem Streit kann Einigung oder Versöhnung folgen, das Schweigen ist der Anfang eines leisen, langsamen Voneinandergehens.

Jenny beschränkte sich von nun an wieder auf den Austausch ihrer Ideen im Briefwechsel mit ihren Freunden. Zu ihren alten Korrespondenten: ihrem Stiefvater Gersdorff, Prof. Scheidler und einem alten englischen Freund, Mr. Hamilton, der sie über die innere und äußere Politik Englands auf dem laufenden erhielt, sollten bald neue hinzutreten, und auch an neuen, großen Anregungen sollte es nicht fehlen.

Im Jahre 1849, als die politische Situation es gestattete, folgte Jenny der Einladung Jeromes nach Paris. Mit welchen Empfindungen mögen Vater und Tochter sich zum erstenmal umarmt haben, und wie merkwürdig muß das erste Begegnen zwischen den beiden Schwestern gewesen sein: der preußischen Protestantin und der französischen Nonne! — Eine neue, reiche, wunderbare Welt tat sich auf vor ihren Augen: die Welt bewegten politischen Lebens, in deren Mittelpunkt die Familie Bonaparte stand; die glanzdurchglühte, schönheiterfüllte Welt der katholischen Kirche und der unvergleichliche Reichtum alter, künstlerischer Kultur. Welcher Mensch, der von den Wäldern und Seen, der halbbarbarischen Bevölkerung Westpreußens und dem engen Interessenkreis seines Junkertums an die Gestade der Seine versetzt wird, könnte sich des gewaltigen Eindrucks entschlagen? Um wie viel mehr mußte eine Frau, wie Jenny, von ihr überwältigt werden, in deren Innern, ihr selbst fast unbewußt, die Sehnsucht nach geistigem Leben, nach reifer Kultur gebrannt hatte. Paris wird immer, trotz Revolution und Republik, die aristokratischste Stadt der Welt bleiben — wie Berlin ihren bourgeoisen Charakter nie zu verleugnen vermag. Jenny, eine Aristokratin im besten Sinne, mußte sich dort wie zu Hause fühlen. "Es giebt Augenblicke im Leben," schrieb sie in Erinnerung an ihren ersten Pariser Aufenthalt, "die uns, wenn sie eintreten, ganz vertraut erscheinen, weil eine dunkle Erinnerung uns sagt, daß wir sie irgendwann und wo schon im Traume erlebten; in Paris konnte ich mich tagelang auf Schritt und Tritt des gleichen Eindrucks nicht erwehren; ich fühlte mich ebenso sehr hingehörig, wie ich mich in Berlin immer fremd gefühlt habe." Warme Sympathie verband sie sehr rasch mit Jerome und Pauline, ebenso mit ihrem Stiefbruder Napoleon, dessen politisch-radikale Gesinnung sie auch in Zukunft mit ihm freundschaftlich vereint bleiben ließ. Im Kreise der Ihren lernte sie eine Reihe der führenden Geister der Zeit kennen, die der wieder aufgehende Stern der Bonapartes an sich zog, und knüpfte die fast zerrissenen Familienbeziehungen mit den Verwandten ihrer Mutter wieder an. Nach ihrer Heimkehr entwickelte sich eine vielseitige, rege Korrespondenz daraus, von der mir leider nur kärgliche Bruchstücke zugänglich geworden sind.

Einer derjenigen, von dem sie, wie sie sagte, außerordentlich gefördert wurde, war der bekannte Nationalökonom J. A. Blanqui, der sich durch seine Geschichte der politischen Ökonomie in Europa, der ersten ihrer Art, weit über die Grenzen seines Vaterlandes einen Namen gemacht hatte. Als Jenny nach Paris kam, war sein infolge eines Auftrags der Pariser Akademie der Wissenschaften entstandenes Werk über die Lage der arbeitenden Klassen in Frankreich gerade erschienen und hatte durch die rücksichtslose Enthüllung grenzenlosen Elends berechtigtes Aufsehen gemacht. Seine Vorschläge zur Abhilfe der Not, die er auf Grund der sieben Fragen der Akademie zum Schluß zusammenstellte, gipfelten in der Forderung der Beseitigung aller Zollschranken und Monopole. In Wirklichkeit aber ging er viel weiter, als er es hier im Rahmen eines offiziellen Auftrags aussprechen konnte. Wenn er auch nicht, wie sein Bruder, der Kommunist L. A. Blanqui, zum äußersten linken Flügel der damaligen Sozialisten gehörte, so war er doch als alter Saint-Simonist ein überzeugter Gegner der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung — der erste der Art, der Jenny Gustedt begegnete und bei ihr von vornherein, ihrer ganzen eigenen Entwicklung nach, ein geneigtes Ohr finden mußte. Den Briefwechsel mit ihm leitete sie durch eine Neujahrsgratulation ein, auf die er folgendes zur Antwort gab:

Paris, 18. Januar 1850.

"Gnädigste Frau!

"Im Augenblick, wo ich mir gestatten wollte, meinen Dank für Ihr freundliches Gedenken, das Prinz Jerome die Freundlichkeit hatte, mir mitzuteilen, persönlich auszusprechen, erhalte ich Ihren überaus liebenswürdigen Brief. Keine Unterstützung könnte mich mehr beglücken, als die Ihre, und ich werde sie als die wertvollste Ermutigung treu im Gedächtniß bewahren. Gewiß, gnädige Frau: es ist das parlamentarische und politische Geschwätz, das uns heute tötet und ganz Europa gefährdet. Alle unsere Revolutionen haben Millionen sogenannter Staatsmänner hervorgerufen, die sich schmeicheln, Alles zu wissen, ohne jemals etwas gelernt zu haben. In der Unkenntniß der elementaren Dinge besteht eine große Gefahr. Unsere griechischen und lateinischen Studien — und noch dazu welches Griechisch und Lateinisch! — haben aus uns kein gebildetes, sondern ein halbbarbarisches Volk gemacht, ähnlich den Griechen, die zur Beute der Türken wurden. Die Türken, die uns bedrohen, sind aber gefährlicher als die Mahomets II. Denn die Barbaren, in deren Mitte wir leben, haben es vor allen Dingen auf das Wohl des Nächsten abgesehen. In dieser groben und vulgären Form taucht die gleiche Frage überall auf: in Frankreich, in Preußen, in Deutschland. Gegenüber den wenigen gewissenhaften Männern, die aus Überzeugung für die Verbesserung der Lage der arbeitenden Klassen eintreten, giebt es so und so viele, die diese Frage nur im Interesse ihrer egoistischen politischen Passionen auszubeuten suchen. Wer aber heute den ersten Schritt auf dem Wege zum wahren Volksglück tun will, der muß jede persönliche Eitelkeit abstreifen, und zwar um so mehr, je mehr er von Geburt der Bourgeoisie angehört, sich also eigentlich zum Besten der Notleidenden in das eigene Fleisch schneiden muß. Sie werden jetzt begreifen, warum gerade Ihre Sympathie mir doppelt rührend und wertvoll ist. Sie haben mir die Ehre erwiesen, diese Korrespondenz durch Ihren liebenswürdigen Neujahrsgruß zu eröffnen, gestatten Sie mir, gnädigste Frau, das vergangene Jahr als das für mich glücklichste zu bezeichnen, weil ich in seinem Verlauf das Glück gehabt habe, Sie kennen zu lernen. Ich habe mich heute kurz gefaßt, um Sie nicht zu entmutigen, und auch infolge einer respektvollen Zurückhaltung, die mehr als Sie glauben, meine tiefe Sympathie zum Ausdruck bringt, die Ihr vornehmer Charakter mir von Anfang an einflößte. Was Sie sonst sind, konnte ich erraten, indem ich Sie sah, und ich bin stolz darauf. Es bedurfte auch nur kurzer Zeit, um in der verschleierten Tiefe Ihres Frauenherzens das zu entdecken, was Sie bescheiden vergebens zu verstecken suchen: einen gereiften Geist, stolze und großmütige Empfindungen.

"Es würde mir zu höchstem Glück gereichen, Ihnen dienen zu können und dafür das zu empfangen, was in allen Lebenskämpfen so unschätzbar ist: das Verständniß der Freundschaft, die Ermuthigung durch Sie

"In größter Verehrung bleibe ich, gnädigste Frau, Ihr ergebener

J. A. Blanqui."

Von dem Verlaufe des Briefwechsels, der bis 1854, Blanquis Todesjahr, sich ausdehnte, sind nur noch einige Stücke von Jennys Hand vorhanden. So schrieb sie ihm einmal folgendes: "Mit Ihrer schroffen Ablehnung aller kommunistischen Ideen bin ich nicht ganz einverstanden. Warum sollte, eine lange vorbereitende Entwicklung, vor allem eine gute, gleichmäßige Erziehung vorausgesetzt, nicht ein Zustand möglich sein, der eine Gemeinsamkeit des Lebens und des Besitzes zur Grundlage hat? Selbstverständlich stehe ich, was die Utopistereien der heutigen Kommunisten anbelangt, auf Ihrer Seite: mit Blut und Schrecken wird solch ein Zustand ebenso wenig erreicht werden, wie man durch Verbrennung der Ketzer das Christentum förderte. Er muß das Ergebniß des allgemeinen Fortschritts der Menschheit sein, und ich kann nicht leugnen, daß an ihn zu glauben etwas sehr wohltuendes für mich hat."

Unter den ihr durch alte und neue Freunde und durch die politischen Ereignisse zuströmenden Anregungen wuchs ihr Interesse an ökonomischen und politischen Fragen, aber soweit sie sich dabei auch, getrieben von ihrem tiefen Mitgefühl mit den Enterbten des Glücks und von ihrer religiösen Überzeugung, sozialistischen Anschauungen näherte, so blieb sie doch, soweit die Gegenwart in Betracht kam und in bezug auf politisch-rechtliche Fragen, auf dem Boden patriarchalisch-konservativer Anschauungen stehen. Wenn sie z. B. die Möglichkeit des Kommunismus anerkannte, so doch nur für eine ferne Zukunft und auf Grund allmählicher Erziehung und Entwicklung der Menschheit zu einer gewissen Höhe moralischer und geistiger Kultur. Im Unterschied aber zu der überwiegenden Mehrzahl gläubiger Christen, die wie sie die Tugend als Voraussetzung des Glücks erklärten, erkannte sie die ökonomische Lage der Menschen als Bedingung auch ihrer sittlichen Entwicklungsfähigkeit. Darum legte sie den Ärmsten gegenüber so gut wie keinen Wert auf das Predigen der Moral, den allergrößten aber auf die Beseitigung der Not in jeder Form. Erst auf dem Grunde einer gesicherten Existenz, die durch eine möglichst beschränkte Arbeitsleistung gewonnen werden soll, also auch genügend Zeit gewährt, um sich geistige Bildung anzueignen, hielt sie ein Fortschreiten der Menschheit zu ihren höchsten Zielen für möglich. Den auf tiefer Kulturstufe Stehenden gleiche politische Rechte zu geben, hielt sie jedoch für ebenso widersinnig, als wenn reife Menschen unmündige Kinder als ihresgleichen behandeln würden. Es erschien ihr angesichts des ihr so wohlbekannten armen, verrohten, scheinbar zur Freiheit unfähigen westpreußischen Volks ungeheuerlich, ihm politische Macht und damit politischen Einfluß zu gewähren. Sie übersah dabei zweierlei: daß auch in den Reihen derer, die physisch und geistig nicht Not leiden, die Herzens- und Geistesroheit überwiegt, wenn sie sich auch hinter reiner Wäsche und gewählten Formen verbirgt, und daß das Moralpredigen bei ihnen ebensowenig nützt wie bei den Armen, weil es von einer herrschenden Klasse in ihrer Gesamtheit Übermenschliches verlangen hieße, daß sie sich in der Erkenntnis der vollendeten Reife der ihnen bisher Untergebenen ihres Einflusses und ihrer Macht freiwillig entäußern sollte, indem sie die volle Gleichberechtigung gewährt. Wenn Jenny zu dieser Überlegung nicht gelangte, so ist der Grund dafür in der Tatsache zu suchen, die ihres Lebens Glück und zugleich die Bedingung seiner Beschränkung war: in der Epoche, unter deren Einfluß sie sich entwickelte. Das Kennzeichen ihrer Erziehungsmethode war besonders im Hinblick auf die Frauen die Treibhauskultur des Gefühls. Der Intellekt mußte sich in seiner Weichheit und Schwäche vor der bis zum äußeren verfeinerten Empfindung nur zu oft für besiegt erklären. So war es zuerst die Empfindung, die Jenny für die Not der Massen so hellsichtig machte — dieselbe Empfindung, die sie für die Unzulänglichkeit der eigenen Klasse nur zu oft mit Blindheit schlug. Sie empfand die Roheit des Volkes als etwas Schmerzhaftes, Peinliches, sie empfand das gesittete Benehmen ihrer Standesgenossen als etwas Wohltuendes, Gutes, und da die schöne Form für sie persönlich nichts anderes war als ein schönes Gewand auf einem vollendeten Körper, so mußte die Häßlichkeit eines Körpers schon sehr groß sein, um von ihr auch durch die Hülle bemerkt zu werden.

Nach diesen Gesichtspunkten muß man eine Anzahl Briefe Jennys über politische Fragen betrachten, wenn man ihnen gerecht werden will. Für den Oberflächlichen müßte vieles widerspruchsvoll erscheinen, was tatsächlich von ihr vollkommen konsequent gedacht war. Lesen wir z. B., was sie im ersten Jahre der preußischen Reaktion an Gersdorff schrieb:

"Ich glaube nicht, daß, so lange diese Generation mit ihren Erinnerungen an 48 und 49 lebt, irgend eine Aussicht auf Revolution ist — denn der Demokratie fehlen erstlich die Massen und zweitens die Hälfte ihrer aufrichtigen Bekenner von 48, welche sich in der politischen Reife des Volkes geirrt haben, und nun einsehen, daß man zu Johanni zwar Johannisbeeren, aber keine Weintrauben keltern kann. — Ich würde auch mit einem großen Teil des jetzigen Verfahrens einverstanden sein, wenn ihm die Idee zu Grunde läge, in der Bevormundungszeit, die wieder begonnen hat, die Entwicklung zu fördern, die zur Reife und mithin zur Beseitigung der Vormundschaft führt; die Innigkeit und Einigkeit mit Österreich und Rußland deutet aber leider auf den Willen zu einer in alle Ewigkeit fortgeführten Vormundschaft.

"Ich kann auch die Kriegsantipathie von Regierenden und Volk nicht schelten — ich sehe darin keine Feigheit und Schlechtheit, sondern ein Überwiegen der wahren Ehre im christlichen und göttlichen Sinn über die falsche Ehre des Mittelalters, die uns noch in den Junkerknochen liegt. Diese Begriffe von Ehre waren von A bis Z falsch, unvernünftig und unphilosophisch — die einzige Ehre ist die Ehre, die das Christentum anerkennt: 'ohne Sünden bleiben'; nichts und niemand hat die Macht uns zu schänden, als wir selbst durch unsere eigene Sünde, nichts und niemand kann uns wieder zu Ehren bringen als unsere eigene Buße und Tugend."

Hier steht der schärfste Radikalismus im einzelnen — mit ihrer Verurteilung des Ehrenkodex der Offiziere und Aristokraten stand sie sicherlich in ihren Kreisen allein — neben einem gewissen Verständnis der Maßnahmen der Reaktion, von denen sie hoffte, daß sie im Interesse des Volksfortschritts und der Erziehung zur künftigen Freiheit gehandhabt würden. In einem Brief an Scheidler aus derselben Zeit tritt diese Auffassung der Bevormundung als eines notwendigen Erziehungsmittels noch deutlicher hervor. Sie schrieb:

"Was Ihre politische Meinung über Preßfreiheit betrifft so kann ich ihr noch nicht unbedingt beistimmen, die Sache hat zu viel für und wider sich, als daß ich mich nach so wenig reiflicher Überlegung für eine Partei erklären könnte, nur scheint mir, daß Sie die Gründe wider die Preßfreiheit nicht für gewichtig genug halten. Wäre darin nur der Verkehr zwischen Gebildeten und mehr oder weniger Gelehrten zu verstehen, so müßten Sie unbedingt Recht behalten, allein die Frage ist: kann es zum Besten des Volkes, der größeren Massen sein, oberflächliche Begriffe von Dingen zu erhalten, welche sie nur halb verstehen und nie, ihrer Lage und Beschäftigungen wegen, ganz ergründen können? Und ist es räthlich für die Oberhäupter eines Staates, einen Einfluß zu gestatten, welchem oft keine reine Absicht zu Grunde liegt und wo persönliches Interesse sich meist hinter dem Universal-Interesse verbirgt? Jedes Warum und Aber in Staatsregierungen zu begreifen, dazu gehört mehr Kenntniß und Einsicht, als der gewöhnliche Mann je erwerben kann. Sie werden mir sagen, daß gefährliche oder falsche Artikel widerlegt werden können, allein wo haben Geschäftsleute wohl die Zeit, jeden Tag zwanzig Artikel zu widerlegen? Ist bei diesem Fall die Bemerkung der Madame de Staël nicht allgemein zu brauchen: 'Que sert la justification là où le plus souvent on n'écoute pas la réponse?'

"Die Gründe für Preßfreiheit sind freilich sehr gewichtig, und es geht mir mit meiner Meinung darüber wie mit der über Republiken: ich fände beide Staatseinrichtungen unbedingt jedem anderen Gegensatze vorzuziehen, wenn die Menschen, besonders die Massenführer und Massenaufreger, besser und redlicher wären."

In einem späteren längeren Brief an Professor Scheidler zeigte sich dagegen mit um so größerer Klarheit der Standpunkt, den sie dauernd als festen Boden unter den Füßen behielt: daß der Staat für das menschenwürdige Dasein seiner Bürger verantwortlich sei. "Mir blieb eine Lücke in den von Ihnen angeführten Gleichheitsansprüchen," schrieb sie, "ich möchte nämlich, Sie führten dabei noch die Gleichheit der menschlichen Naturbedürfnisse, Nahrung, Wärme etc. an, woraus die Gleichheit ihrer Ansprüche zu deren Befriedigung auf die einfachste Weise, als Verpflichtung der Staaten, deducirt werden müßte. Dahin gehört auch die Verpflichtung, frühzeitige Ehen, ohne Unvernunft, möglich zu machen. Diese Hauptfragen treten immer wieder viel zu sehr in den Hintergrund, anstatt gerade vorn und obenan zu stehen, und in einer Weise obenan, daß gar nichts Anderes vorgenommen werden müßte, ehe diese große Aufgabe gelöst wäre, die ohne allen Zweifel nach der materiellen Beschaffenheit der Erde gelöst werden kann. Wenn alle Regierungen, auch nur die von Europa, unablässig dahin strebten, Einrichtungen zu treffen, daß ohne übermäßige Arbeit jeder Mensch seine Lebensbedürfnisse auf die einfachste Weise befriedigen könnte, daß bei selbstverschuldetem Elend der Eltern die Kinder gerettet würden, so würden sie es erreichen. Deshalb habe ich mich im Jahre 1848 zu dem ersten Erscheinen der Socialisten und Communisten so hingezogen gefühlt, weil sie sich dem näherten, was ich für das Wichtigste hielt.

"Keine Nation sein, keinen Kaiser haben, als Volk gedemütigt und gekränkt sein, das sind zwar gerechte Schmerzen und verbittern das Leben Vieler; aber kein Brot und keine Wärme haben, vor Sorgen und Arbeit nicht zum menschlichen Dasein gelangen, als Eltern entweder täglich bittere Kummerthränen weinen oder einer thierischen Gleichgültigkeit anheimfallen, das sind ganz andere Schmerzen, ganz andere Ungerechtigkeiten, das verbittert in unendlich höherem Maße das Leben von unendlich mehr Mitbürgern, die dieselben Ansprüche an Beseitigung ihres Elends haben als die, welche mit ihren Klagen die Sturmglocke läuten, weil sie den Strang in der Hand halten, während die Elendesten stumm bleiben. Die oben genannten politischen Leiden sind des douleurs de luxe neben den Leiden des wahrhaft armen Mannes."

Inzwischen hatte Jennys persönliches Leben eine tiefgreifende Wandlung erfahren: im Jahre 1850 war ihr Mann Landrat des Riesenburger Kreises geworden, hatte zu gleicher Zeit Garden verpachtet und sich in Rosenberg, einem Gute in der Nähe der Kreisstadt, neu angekauft. Der Abschied war Jenny nicht leicht geworden: das mit so viel Liebe eingerichtete und alljährlich vervollkommnete Haus, der schöne Garten, in dem jeder Baum und jeder Strauch ihr etwas Lebendiges war, der stundenlang sich hinstreckende Wald, der kaum zwanzig Schritt vor der Haustür anfing, der blaue spiegelnde See, im Sommer und Winter der Kinder beliebtester Tummelplatz — das alles wurde ihr zu verlassen doppelt schwer, als der Weg sie wieder in eine fremde Umgebung und nicht nach Weimar führte, was sie so sehr gewünscht hatte.

"Für meine Kinder," so schrieb sie damals, "wäre ich gern wurzelfest geblieben, denn ich glaube, es liegt ein großer Segen darin, eine Heimat im engsten Sinn des Wortes zu haben, aber ich sehe ein, daß das immer seltener wird, und hoffe, daß andere Werte an Stelle des verloren gegangenen treten werden ... Doch bin ich sehr froh, daß Werner bei seiner gemeinnützigen Tätigkeit, die seinen Geschäften sehr hinderlich ist, endlich zum Entschluß kommt, zu Johanni zu verpachten; lieber wär mir der Verkauf, er schien sich aber dazu nicht entschließen zu können. — Die Sparkassen des Kreises sind im Gang, die Chaussee naht ihrer Vollendung, und nach einer 4 monatlichen mühsamen Verwaltung der freiwilligen Unterstützungen der zurückgebliebenen Landwehrfamilien des Kreises hat er einen Gesetzentwurf ausgearbeitet, der die Gemeinden zu deren Unterhalt verpflichten will und den er dem Oberpräsidenten eingesandt hat. Es sind drei Werke, auf die er mit Befriedigung hinblicken wird, wenn sie vollendet sind; sie waren notwendig und werden Segen bringen, und in unserer Zeit ist es doppelt wichtig, daß es auch Männer gebe, die im Schatten Fundamente bauen."

In Rosenberg stand der Gustedtschen Familie zunächst nur ein primitives Heim zur Verfügung, das gegen das wohnliche Gardener Herrenhaus sehr abstach. Auf einem hoch über dem See gelegenen, von Linden und Buchen gekrönten Hügel bauten sie sich ein neues Haus. Jenny, die oft von sich sagte, daß ein Baumeister und ein Tapezier an ihr verloren gegangen wären, entwarf die Pläne für den Bau wie für die Einrichtung selbst, eine Arbeit, die ihr große Freude bereitete und ihre Gedanken lange Zeit von allem anderen abzog. Nach einem Jahre war das Werk vollendet und zeugte von dem mit praktischem Verständnis verbundenen Schönheitssinn seiner Schöpferin.

Nachdem Jenny sich und den Ihren die wohltuende Umgebung geschaffen hatte, wandte sie sich mit frischen Kräften den öffentlichen Aufgaben zu, die sie mehr als je zum gegebenen Tätigkeitskreis der Frau hatte betrachten lernen. Auf die Unterstützung Armer und Kranker, auf die Aufnahme von verlassenen Kindern hatte sie ihr Haus von Anfang an eingerichtet: "Den Raum für Alles, sehr groß, hell, leer, weiß gestrichen, mit gut heizendem Ofen, sollte auf dem Lande jedes Guts- und Pfarrhaus haben," schrieb sie; "stelle Betten hinein, so ist es ein Lazareth, zieh Leinen durch, so ist es Wäschetrocken- und Bügelraum, mach Streu, Kopfkissen, Decken, so ist es für die Einquartirung geeignet, bei schlechtem Wetter Kinderspielplatz, bei großen Festen Speisesaal; stell ein Harmonium hinein, so wird es eine Capelle."

Aber sie verfolgte noch größere Pläne, als die bloßer privater Hilfsarbeit, und fand in dem Pfarrer des Kreisstädtchens — Pfeil — einen verständnisvollen Förderer ihrer Ideen. Ein Rettungshaus für uneheliche Kinder wollte sie gründen, das eine bleibende Zufluchtsstätte für diese allerärmsten sein sollte. Da sie, seit sie Kinder besaß, sich nicht mehr als unumschränkte Herrin ihres Vermögens, sondern sich ihnen gegenüber in bezug auf seine Verwendung verantwortlich fühlte, so glaubte sie das, was deren Zukunft sicherstellen sollte, nicht für ihre Interessen angreifen zu dürfen. Auch ihren Gatten wollte sie nicht in Anspruch nehmen; sie hatte sich ihre wirtschaftliche Selbständigkeit neben ihm gesichert und respektierte die seine — ein Verhältnis, das sie einmal brieflich folgendermaßen verteidigte: "Für mich selbst halte ich fest an der Überzeugung: 'qu'il ne faut pas faire les affaires avec le sentiment;' und ich trenne so scharf Gefühl und Geschäft, daß ich sogar mit meinem Manne, wenn wir einander Geld leihen oder dergl., Schuldschein und Interessen gebe und empfange, genau berechne und pünktlich zahle oder einziehe ... Ich habe zu viel Erfahrungen gemacht, daß dadurch ein üppiges Unkraut aus der Aussaat zum Familienglück herausgesammelt wird, und es entsteht wirklich weder Kälte noch irgend ein Nachteil daraus, denn das Schenken steht ja doch jedem frei und gehört zum Bereiche des Gefühls; so bin ich auch für Heiratscontrakte, genaue immer vorrätige Testamente, genaues Feststellen jedes Eigentums von Mobiliar u. dergl."

Wollte sie also ihren Lieblingsplan zur Wirklichkeit werden lassen, so galt es auf andere Weise die Mittel dafür zu beschaffen, denn wenn auch Stadt und Kreis Unterstützungen bewilligten, so mußte sie den Grundstock des Ganzen liefern. Sie entschloß sich, einen großen Teil ihres Schmuckes, der durch Geschenke Jeromes sehr bereichert worden war, zu verkaufen, und fuhr deswegen selbst nach Berlin. Ein breites schweres Kettenarmband der Herzogin von Orleans, Perlengehänge der Großfürstin Maria Paulowna, Ringe der Prinzessin Augusta von Preußen, vor allem aber die Rubinen und Brillanten, die als Rahmen ein in ein Armband eingelassenes Miniaturbild Jeromes umgaben, verwandelten sich auf diese Weise in schützende Mauern für die von der Gesellschaft Ausgestoßenen. Nur ihre Kinder erfuhren später, was sie getan hatte, da sie sich verpflichtet fühlte, ihnen auch darüber Rechenschaft abzulegen. Das Rettungshaus aber steht heute noch. Ob es in dem halben Jahrhundert im Sinne seiner Schöpferin wirkte, oder ob es vor lauter Mühe, Seelen zu retten, die Menschen zu retten vergaß?

All dem eifrigen Wirken und fröhlichen Gedeihen sollte plötzlich ein Ende gemacht werden. Marianne und Jenny erkrankten an jenem seltsamen Landesübel, dem Weichselzopf. Die Ärzte nehmen noch heute an, daß diese Verwirrung der Haare zu einem dicken unauflöslichen Ballen und die damit zusammenhängende körperliche Schwäche auf Schmutz und Vernachlässigung zurückzuführen ist. Nun gab es ringsum keine schöneren, gepflegteren Kinder als die der Gustedts; die Mägde des Hauses sprachen angesichts ihrer Erkrankung von Hexerei; man wollte, wie im Märchen von Schneewittchen, von einer Landstreicherin wissen, die den Kindern eine vergiftete Frucht gereicht habe, aus Rache dafür, weil man ihr Kind im Rettungshaus untergebracht und ihr zwangsweise genommen hatte. Der Arzt ordnete bei Mariannen, bei der das Übel am stärksten auftrat, das Abschneiden der Haare an. Trotz der Warnungen einiger Bauernfrauen, die bei der einheimischen Bevölkerung in weit höherem Ansehen standen als der Doktor und behaupteten, daß gerade die Haare die Krankheitsstoffe aus dem Körper zögen, griff Jenny kurz entschlossen selbst zur Schere. Nach drei Tagen lag ihr holdseliges Töchterlein zum ewigen Schlaf auf der Bahre.

Es scheint, als ob die Türe nur einmal vom Unglück geöffnet zu werden braucht, um auch sein ganzes großes Gefolge hereinzulassen. Der schwergeprüften Mutter, die ihr blühend schönes, fast erwachsenes Kind, das begabteste von allen, sich von der Seite gerissen sah, blieb keine Zeit, ihrem Schmerz sich hinzugeben.

"Du hast von meinen schweren und harten Prüfungen gehört," schrieb sie im Herbst 1854 an Wilhelmine Froriep, "Du weißt, wie eine Mutter fühlt, obgleich Du nicht die trübe Nachhaltigkeit kennst, die der Verlust eines geliebten, fast erwachsenen Kindes für das Mutterherz hat; andere auch recht schmerzliche Schicksalsschläge folgten diesem Unglück, — der verflossene Winter war eine Reihenfolge der sorgenvollsten Tage durch die langwierige Krankheit meines Jennchen, und diesem Kummer folgte die schwere Krankheit Werners — aber Gottlob, er ist vorgestern ganz gesund von Karlsbad zurückgekehrt, und so bereue ich nicht die zweimonatliche Trennung, so schwer sie mir auch geworden ist. Jenny, ein sehr niedliches, frisches Mädchen, hat ihren Weichselzopf glücklich überstanden, und ihre lockigen Goldhaare sind in alter Fülle zurückgekehrt. Mein Wernerchen hat auch Masern, Ziegenpeter u. dergl. Kinderkrankheiten durchgemacht, und ich natürlich doppelt mit ihm, aber es sind doch mäßige Sorgen, die man auf der armen, so folgenreichen Erde noch nicht schwer ins Gewicht fallen läßt; dazu bin ich viel, sehr viel allein, zu alt, um Freundschaften zu schließen, zu austauschbedürftig, um mir selbst zu genügen — was denn die Zeiten der Strohwittwerschaft recht grau macht." Von Otto, dem ältesten, ihrem Sorgenkind, schrieb sie im selben Brief: "Er ist ein großer, schlanker Junge, eigentlich schon Jüngling, der als Freund neben mir steht, und so wie er unter fortwährendem Kränkeln doch groß, muskelstark und blühend wird, ein Reiter, Schwimmer, Turner, ein Dominierender bei Kriegen und Prügeln der Gymnasiasten, so entwickelt sich auch sein Charakter unter allen Anfechtungen der Sünde recht erfreulich; im Lernen bleibt er allerdings durch die vielen Krankheitsversäumnisse, trotz seines tadellosen Fleißes zurück, in der Charakterbildung ist er jedoch seinem Alter sehr voraus." Die Eltern waren, des Gymnasiums wegen, genötigt gewesen, ihn in dem nahen Marienwerder in Pension zu geben. Der Vater hatte von der Trennung des Sohnes von der Mutter sehr viel gehofft, weil ihre liebevolle, nachsichtige Erziehung dem zu allen Jugendtorheiten geneigten Knaben nicht förderlich zu sein schien. Vor allem hatte er den Eindruck gewonnen, daß seine Kränklichkeit ihm vielfach nur ein willkommener Vorwand war, um sich dem Lernen zu entziehen, während Jenny von der Echtheit seiner Leiden überzeugt und immer geneigt war, ihn zu schützen und zu entschuldigen. So entwickelte sich in immer stärkerem Maße jener stille Kampf um die Erziehung des Kindes, der, mit so zarten Waffen er auch geführt wird, dem Eheleben so schwere Wunden schlägt: der Vater denkt an das Leben, für das der Sohn sich entwickeln soll, die Mutterliebe will ihn so lange wie möglich vor diesem Leben schützen.

Zunächst schien die Mutter recht behalten zu sollen; der an Freiheit und Selbständigkeit, an Liebe und Nachsicht gewöhnte Knabe empörte sich gegen die strenge Zucht der Pension und des Gymnasiums, die damals noch weit mehr als heute in der Individualität des Schülers nichts als eine verdammenswürdige Verletzung der vorgeschriebenen Ordnung sahen, und deren Ziel daher nicht ihre Entwicklung, sondern ihre Unterdrückung war. Otto Gustedt wurde relegiert. Daheim kam es zu bösen Auftritten, unter denen die Mutter weit nachhaltiger litt als das Kind. Hochmut und Faulheit warf der Vater ihm vor, wo Jenny die Berechtigung beleidigten Selbstgefühls und körperliche Schwäche zu sehen glaubte. Ihre Zärtlichkeit und Sorgfalt ihm gegenüber wuchs um so mehr, je härter ihn der Vater behandelte. "Das Spannen auf das Bett des Prokrustes, das man Erziehung nennt, war mir immer widerwärtig," schrieb sie; "man soll der jungen Menschenpflanze eine Stütze geben, wie dem jungen Bäumchen, aber man soll sie nicht je nach Laune und Wunsch, wie die Gartenkünstler des 18. Jahrhunderts, zu allerlei künstlichen Gestalten beschneiden und zurecht stutzen." Bei dieser an sich zweifellos richtigen Auffassung vergaß sie nur, was heute, wo sie zu allgemeinerer Geltung gelangte, fast stets vergessen wird: daß, wie der unbeschnittene Buchsbaum doch nicht zur hochragenden Buche wird, es auch Menschenpflänzchen gibt, die durch alle Freiheit und Entwicklung doch keine starken Individualitäten zu werden vermögen, die wie Lehm und Wachs erst durch die Hand des künstlerischen Erziehers Wesen und Form erhalten. Jennys Hand aber war weich: sie streichelte die Falten von der Stirn, sie zeigte ihren Kindern die großen und schönen Ziele und die Wege, die zu ihnen führen, wenn sie jedoch abseits gingen, so fehlte ihr zum Zurückziehen die Kraft. "Ich weiß, wie oft meine Augen und der Ton meiner Stimme um Verzeihung gebeten haben, wenn ich schalt, und dadurch wurde das Schelten fast wirkungslos," schrieb sie später einmal. "Sie erzog ihre Kinder, wie man Genies erziehen müßte," sagte eine alte Freundin von ihr, und wer damals den schönen, schlanken, fünfzehnjährigen Otto sah, aus dessen klassisch geschnittenen Zügen zwei Augen hervorstrahlten, die jeden gefangen nahmen, der mochte die Nachsicht der Mutter verstehen. War er ihr doch von allen ihren Kindern noch am meisten wesensverwandt: seine Güte, seine himmelstürmende Phantasie, die ihn auf immer neuen Wegen immer neuen Zukunftsträumen nachjagen ließ, verband sie nicht nur zu genau, sie wußte auch aus eigener bitterer Lebenserfahrung, zu welch inneren Konflikten und harten Enttäuschungen sie ihn im Leben führen würden. Und Zukunfts- und Gegenwartsleiden vereint steigerten nur noch ihre sorgende Mutterliebe.

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