← Table of contents
Im grünen Tann

Front matter (continued 4)

Reading edition

Spät erst verlöschen Lichter und Fackeln und legt sich der Lärm und Jammer. Nur der gleichmäßige Schritt der Wachposten ist hörbar und kurze Rufe bei Ablösung derselben.

In seinem Gemach kniet der Abt vor dem Kruzifix, bitterlich weinend, den unglückseligen Schritt bereuend und Gott den Allmächtigen um Schutz für das Kloster anflehend….

* * * * *

In der Dämmerung des kalten nebligen Morgens verläßt das Mädchen frostdurchschüttelt das Beinhaus und huscht durch den Friedhof, um über den Platz vor der Abtei das Elternhaus so rasch als möglich zu erreichen. Doch der Wachposten hält die Jungfer an, sein Ruf lockt Soldaten herbei, die eben im Begriff standen, das Frühstück zu requirieren, mit Halloh wird das nur mit Hemd und Nachtjäcklein bekleidete Mädchen umringt. Gellend schreit das geängstigte Mädchen um Hilfe und wehrt sich verzweifelt gegen die Zudringlichkeiten der Musketiere. Ein Sergent aber, der die Flucht aus dem Friedhof wahrgenommen, tritt in denselben, um nachzusehen, was sich wohl zwischen den Gräbern ereignet haben möchte. Bald hat er die Leiche des erschlagenen Soldaten erblickt, auf die er losstürzt und dabei aus Leibeskräften um Hilfe ruft. Betroffen lassen die Musketiere das Mädchen los und laufen in den Kirchhof, den Kameraden zu holen. Ein betäubendes Geschrei folgt, die Soldaten zetern und brüllen, der Sergent läßt durch den Trompeter Alarm blasen, und in wilden Sätzen stürmen die Musketiere notdürftig bekleidet, doch mit ihren Waffen heran. Im Kloster wie in den Häusern wird's lebendig, Hörige, Mönche laufen zusammen, auch die Offiziere kommen mit blankgezogenen Degen angerannt, Befehle schreiend und die Kompagnie formierend. Hastig fordert der Kapitän en chef Rapport, und ein wilder Fluch entfährt seinem Munde beim Anblick des ermordeten Musketiers. Dann wird eine Patrouille zur Fahndung nach dem unbekannten Mörder entsendet und ein Lieutenant mit vier Mann abgeschickt, den Abt herabzuholen.

Abgehärmt, bleich nach schlaflos verbrachter Nacht, unsicheren Ganges folgt Abt Alphons dem Offizier heraus auf den Klosterplatz. Ohne Gruß deutet der Kapitän mit der Degenspitze auf die am Boden liegende Leiche und fordert Rechenschaft vom Prälaten, der für jeden Mann wie für jede Waffe verantwortlich sei.

Alphons bebt; die Leiche sagt ihm das, was er in der Rede des Kommandeurs nicht verstanden.

„Monsieur l'Abbé sein obligé, müssen zahlen contribution: cent florins par l'homme, und stellen un homme Ersatz. Und Strafe extra an jede Mann cinq sous! Wird meurtier nix gestellt: deux fois cent florins!“

Alphons ringt in Verzweiflung die Hände: „Ich bin doch unschuldig an der Unthat!“

Der Kommandeur läßt die Kompagnie einrücken, den Toten in das Beinhaus tragen und begleitet den fassungslosen Abt in das Kloster, um die verhängte Kontribution sofort einzukassieren.

* * * * *

Zu wahren Schreckenstagen wurde für das Kloster die nächste Zeit; die Musketiere zeigten sich immer gieriger, raubten aus Küche und Keller, immer dabei auf die Mordthat verweisend, die gerochen, für die die gesamte Bevölkerung bestraft werden müsse. Das Schutzgeld verlangte der Kapitän auf Monate voraus, verpraßte es teils im Spiel mit den Offizieren, teils schickte er es nach Frankreich und forderte dann immer neue Summen, sobald Ebbe im Beutel war.

So kam es eines Tages dazu, daß der Großkeller Pater Jakob dem Abt mit Betrübnis mitteilen mußte, daß alle Vorräte aufgezehrt seien und neue Lebensmittel beschafft werden müßten. Zugleich fragte der greise Konventuale, ob er selbst vielleicht in Dornhan[21] Lebensmittel verlangen solle. Abt Alphons will jedoch selbst, und zwar nach Villingen reisen, in der Hoffnung, mit dem Amtsbruder Georg von Sankt Georgen zusammentreffen zu können, behufs einer Beratung der durch die Herbeirufung der Franzosen geschaffenen bösen Lage des Klosters. Alphons giebt bezüglichen Befehl und trifft die nötigen Vorkehrungen; insonders wird auch der Kapitän verständigt mit dem Ersuchen, einige Musketiere zum persönlichen Schutze des Abtes abzuordnen, wasmaßen bei den unruhigen Zeiten allgemeiner Unsicherheit militärische Begleitung dringend nötig ist, und der Abt immerhin eine größere Summe Geldes zum Einkauf von Nahrungsmitteln mit sich führen wird. Über den Zweck der Reise informiert, stellt der Kommandeur bereitwillig eine Abteilung seiner Musketiere zur Verfügung, die in Wehr und Waffen des Aufbruchbefehles harren. Aus seinem Bedenken gegen die Reise nach Villingen und gegen diese Begleitung macht Pater Jakob dem Abt gegenüber kein Hehl, doch Alphons weist jede Mahnung unwirsch zurück. Ihn drängt es nach einer Aussprache mit dem Abt von Sankt Georgen, mit dem er reden muß, um zu erfahren, ob auch jenes Kloster unter französischem Schutz so schwer leidet. Hat Georg dem Alpirsbacher geraten, die Franzosen zu rufen, so weiß der Georgener möglicherweise Rat, sie wieder los zu werden. Und die Greuelwirtschaft muß ein baldiges Ende finden; nur ist sich Alphons darüber nicht klar, wie er die Franzosen aus dem Klostergebiet bringen soll. Vier Jahre solchen „Schutz“ zu dulden, ist unmöglich, unerträglich für Alphons, der die nagende Reue im Herzen trägt, die Reue, den Rat des Georgener Abtes befolgt zu haben aus übertriebener Furcht vor dem Württemberger. Daß ihn der begangene Schritt reut, gesteht Alphons freilich niemandem; aber der alte Pater Jakob liest aus des Abtes gramdurchfurchtem Antlitz deutlich, was dessen Herz bewegt, und deswegen hofft der Großkeller auf baldige Befreiung von der Franzosenherrschaft in der Erwartung, daß der Abt den rechten Weg dazu sicher finden werde.

Wie zu Alpirsbach erpreßten die herumstreunenden Musketiere auch in anderen Ortschaften der Umgegend Geld und Gut in grausamster Weise. Sie durchstreiften den Tann hinüber nach Peterzell, raubten die Siedelungen an der Straße nach Schenkenzell aus und statteten selbst den Schilbachern Besuch ab, wobei sie den Leuten das gesamte Vieh wegtrieben. Je mehr die Gebrandschatzten jammerten, desto toller trieb es das zuchtlose Kriegsvolk, das durch seine Grausamkeit eine wahre Geißel für das Klostergebiet ist. Die Lust an Menschenqual stieg ins Maßlose; hohnlachend schraubten die Kriegsknechte die Steine von den Pistolen ab und zwängten die Daumen der Beraubten an ihre Stelle; sie zerschnitten Weibern die Fußsohlen und streuten Salz in die offenen Wunden, das sie dann unter wieherndem Gebrüll von Ziegen ablecken ließen. Kindern, so sie nicht sofort sagten, wo die Eltern Geld vergraben haben, wurde die Zunge durchstochen und Roßhaare durchgezogen, und Männern wurde vielfach ein mit Knoten versehenes Seil um die Stirne gebunden, das mit einer Kurbel so fest zugedreht wurde, daß den Gequälten die Kopfhaut in Fetzen gerissen wurde. Weiber wurden am lichten Tage auf freiem Felde vergewaltigt und ihnen dann mit viehischer Lust Löcher in die Kniescheiben gebohrt. Ein besonders beliebtes Martermittel war das „Feuerkriechen“, das überall dort angewendet wurde, wo sich ein Backofen befand. Erst raubte die Horde, wessen sie habhaft werden konnte, dann zwängte sie die Bauern und Weiber in den Backofen, vor dessen Ausgang ein Feuer angezündet wurde. Sodann wurde an der Rückseite des Backofens ein Loch ausgebrochen und mit Piken durch dasselbe auf die Leute eingestochen und diese dadurch gezwungen, den Backofen zu verlassen und durch das Feuer ins Freie zu kriechen. Je mehr sich die Gequälten dabei verbrannten und heulten, desto größer war die Freude der entmenschten Soldateska. Zu all' diesen fürchterlichen Grausamkeiten kam häufige Brandstiftung, sobald die Musketiere nichts mehr wegschleppen konnten.

Weitum im Klostergebiet herrschte Schrecken und Entsetzen, Verzweiflung unter den gepeinigten Hörigen und Unterthanen. Wer sie in dieser gräßlichen Not aufrichtete, zu nächtlicher Stunde tröstete und Mut zusprach und baldige Befreiung verhieß, das war der Pelagier Euseb, der von Hof zu Hof bis in die entfernteren Einödsiedelungen im Schwarzwald schlich und verkündete, daß die Männer und Burschen bewaffnet in jener Nacht im Hohlweg bei Alpirsbach sich versammeln und die Franzosen niedermachen sollen, wenn auf der Höhe des Zankwaldes und des Bettelmännchens im Hardenwald Feuer lohen werden zum Zeichen des Aufstandes.

* * * * *

Ein trüber Novembertag ist über dem Schwarzwald angebrochen; bleigrau verhangen ist das Firmament, öd die Landschaft weitum, schwarz steht der Tann, dunkel ragen die Felsen aus dem Gewirr der Zwergföhren im Hinteren Lehengericht des engen Schiltachthales. Knapp ist hier Raum für das Bächlein und die Straße gen Schramberg zwischen den ginsterumwucherten, dicht von Tannen, Fichten und Föhren bestandenen Schwarzwaldbergen. Nur wenige Siedelungen hat dieses waldreiche Thälchen, die zusammen die Gemeinde „Hinteres Lehengericht“ bilden im Gegensatz zum „Vorderen Lehengericht“ im Kinzigthale. Auch diesen Einsiedlern im Walde geheime Kunde zu thun und den Aufstand gegen die unglückselige Franzosenherrschaft zu Alpirsbach zu organisieren, ist Euseb über die Höhenzüge gewandert und hält eben Rast am Waldesrande nahe der Straße, doch gut gegen Späherblicke verborgen. Der Pelagier hockt unter einer mächtigen Tanne und hat die Büchse quer über seine Kniee gelegt, so daß er jeden Augenblick kampf- und schußbereit ist, falls Gefahr drohen sollte. Das Geräusch eines Hufschlages auf der hartgefügten Straße veranlaßt Euseb zu scharfem Ausblick auf die Straße, die der Abt von Alpirsbach im bequemen Schritt heranreitet in Begleitung einiger Musketiere. Euseb zuckt zusammen; ihm ist der Anblick der Wälschen ins Herz hinein verhaßt, seine Fäuste ballen sich und die Adern schwellen. Wie verblendet doch der stolze Prälat ist, daß er Fremde zu seiner Begleitung nimmt! Genügen ihm die eigenen Unterthanen nicht zum Schutz? Doch was soll das heißen? Die Musketiere im Rücken des Reiters stecken die Köpfe zusammen, sie drohen mit erhobenen Gewehren, und jetzt springen sie auf den ahnungslosen Abt los, einer der Franzosen backt an und zielt — —. Blitzschnell springt Euseb auf, visiert scharf und schießt. Kopfüber stürzt der Franzose nieder, erschreckt geht der Gaul des Abtes durch, schreiend fliehen die Musketiere rückwärts gen Alpirsbach. Der Pelagier springt jedoch dem Gebieter nach, um ihm schützend Geleit zu geben.

Knapp vor dem Flecken Schramberg gelingt es Euseb, den Abt, der mühsam sein Roß wieder beruhigte, einzuholen.

Kaum wird Alphons des Hörigen ansichtig, der mit dem wieder schußfertigen Gewehr keuchend herangelaufen kommt, da wettert der Abt zornig darüber, daß der Heger so nahe der Straße schieße und Menschenleben gefährde. Auch habe der leichtfertige Pelagier ihm nun das Geleite verjagt!

„Was willst du hier? Dein Gehege ist doch oben im Zankwald!“

Demütig, die Mütze in der Faust, steht Euseb vor dem Gebieter: „Verzeiht Ew. Gnaden! Ich bin Euch nachgelaufen, um Euch Geleit zu geben und zu schützen!“

„Warum hast du so nahe der Straße geschossen?“

„Es galt Euer Leben zu retten!“

„Wie, was?“

„Erlaubt mir, Euch zu begleiten! Ich bürge sicheres Geleit!“

„Wo sind die Musketiere?“

Ein bitteres Lächeln tritt auf des Pelagiers Lippen. Euseb deutet mit dem Arm nach rückwärts.

„Was, zurückgelaufen sind die Kerle?“

„Bis auf einen, ja!“

„Bis auf einen — was soll das heißen?“

„Der eine küßt den Erdboden!“

„Was? Du wirst doch niemand verletzt haben?“

„Nein, Ew. Gnaden! Verletzt nicht, aber totgeschossen hab' ich den Meuchler!“

„Was soll's; ich verstehe nicht! Red' deutlicher, Pelagier!“

„Der Franzmann wollte weiter nichts, als Euch rücklings vom Gaul schießen, und ich schoß ein klein wenig früher ihn hinweg.“

„Bist du toll?!“

„Nein! Gottlob ist's gelungen!“

„Mich, sagst du, mich wollte einer der Musketiere vom Gaul schießen? Meine Schutzbegleitung — —?!“

„Nette Schützer das! Na, Ew. Gnaden sind die Schandbuben los!“

Betroffen schaut Alphons auf den Pelagier herab, der finster vor ihm steht; ihm dämmert allmählich der wahre Sachverhalt auf, doch vermag er das Motiv des meuchlerischen Überfalles nicht zu fassen. „Du meinst, die Franzosen wollten mir ans Leben?“

Euseb nickt.

„Aber weshalb?“

„Ew. Gnaden haben wohl Geld bei sich?“

„Großer Gott — du hast recht! Abscheulich! Die Kerle wollten mich berauben, sie, die mir zum Schutz von Leben und Gut beigegeben wurden! Gott selbst hat dich zur rechten Zeit geschickt!“

Von einem warmen Gefühle erfaßt, reicht der Abt dem Hörigen vom Gaul herab die Hand: „Ich danke dir! Begleite mich nach Villingen! Ich glaube nun selbst: ich bin von meinen Unterthanen besser behütet!“

Stramm richtet sich Euseb auf und spricht mit besonderer Betonung: „Jagt das welsche Gesindel fort, Herr! Wir helfen Euch!“

Alphons seufzt.

Das giebt dem Pelagier Mut zu weiteren Bemerkungen: „Jagt die Schandmenschen fort, ehe es zu spät!“

„Wenn ich das nur könnte! Die Greuel sind fürwahr himmelschreiend!“

„Das war vorauszusehen!“ sagt halblaut Euseb und schreitet neben dem langsam reitenden Gebieter, der ob dieses leisen Vorwurfes unwillkürlich das Haupt tiefer sinken läßt.

Stumm geleitet der Pelagier seinen Herrn durch das stille Schramberg südwärts. Nach einer Weile spricht Euseb, mehr für sich: „Fort müssen sie, baldigst und für immer!“

„Wie sie aber fortbringen?“ wirst Alphons ein, obwohl er anfänglich keine Lust hatte, sich über solch wichtige Angelegenheiten mit einem Hörigen auszusprechen.

„Könnt Ihr es nicht, Herr, so thun es wir!“

„Wie, ihr? Die wenigen Unterthanen von Alpirsbach! Der Franzosen sind es hundert Mann, waffengeübte Musketiere!“

„Zum Klosterbann gehören noch mehr Leute!“

„Nein, nein, nur keine Gewaltthat, die noch mehr Elend über das Kloster bringen wird!“

„Ihr habt es zunächst in der Hand, o Herr, die Blutsauger fortzubringen —“

„Wieso ich?“

„Ihr zahlt einfach das Schutzgeld nimmer —“

„Wie, du weißt —“

„Ich weiß gar nichts! Ich mutmaße jedoch, daß Ihr die Welschen bezahlet, denn ohne Schutzgeld würden die Franzosen nicht bleiben.“

„Richtig kalkuliert! Also du meinst, ich solle nichts mehr bezahlen und dem General den Schutz kündigen!“

„Schickt dem General Botschaft, er soll sein Gesindel zurückberufen!“

Wieder entsteigt der Brust des Abtes ein Seufzer im Gedanken an die vierjährige Schutzfrist.

„Ihr könnt das wohl nicht, Herr? Seid wohl vielleicht gebunden an eine bestimmte Zeitdauer?“

Alphons nickt betrübt.

„Dann zahlt die Franzosen auch für diese Frist und wir sind die Bluthunde los!“

„Das kostet schweres Geld — —“

„Ist aber immer noch besser, als wenn Land und Volk völlig zu Grunde gerichtet wird. Denkt an das arme verwüstete Vaterland, o Herr!“ Euseb trollet gesenkten Kopfes voraus; jeder überläßt sich seinen Gedanken.

* * * * *

Seit der Abt das Stift verlassen, geht es toll zu in Alpirsbach; es ist, als feiern die Mäuse Hochzeit, da die Katze aus dem Hause. Die Musketiere vertreiben sich die Langeweile durch Fahndung nach Gut und Geldeswert und betrachten raubgierig die Kirche des Stiftes, auf deren mutmaßliche Schätze sie urplötzlich aufmerksam geworden sind, als ihrer einige den P. Jakob in reichgesticktem Meßgewand die Messe lesen gesehen. Wohl zaudern die Kerle beim Überschreiten der gottgeweihten Stätte, doch ist die Scheu rasch überwunden, zumal niemand in der Kirche sich befindet als der Küster, der im Begriffe steht, das Münster wieder zu verschließen. In wenigen Augenblicken ist dieser überwältigt, gebunden und geknebelt; die Raubgesellen springen sodann auf den Hochaltar, sprengen das Tabernakel auf und rauben die kostbare Monstranze und das Ciborium. Aus anderen Altären werden Kelche, die Silberleuchter genommen, Kästen in der Sakristei geplündert, Gewänder weggeschleppt, alles in unheimlicher Eile und Geschäftigkeit, ohne Lärm. Erst draußen bei der Beuteteilung wird es laut, die Räuber streiten unter sich, keiner gönnt dem anderen einen Vorteil; die Monstranze wird zertrümmert, und in blutigem Geraufe wird um ihre Goldteile gekämpft, ebenso zerschlägt die Bande alle übrigen goldenen und silbernen Kirchengeräte, um eine Teilung zu ermöglichen. Da von dieser Beute nur ein kleiner Bruchteil der Räuber Anteil haben kann, die übrige Mannschaft leer ausgehen muß, ist die Unzufriedenheit, der Neid, Habgier und Raublust auch der anderen geweckt, die nun aufs neue nach Schätzen suchen. Vergeblich setzen und wehren sich die bestürzten Klosterbrüder gegen Kirchenraub und Schändung des Gotteshauses; sie werden verhöhnt und verspottet und unter Gejohl gezwungen, in der Kirche Führer in die Grüfte, wo die verdorbenen Abte beigesetzt sind, zu machen. Die wälschen Raubgesellen erbrechen mit Pieken die Särge und fahnden nach Schmuck und Ringen, Gebeine achtlos verschleudernd und durcheinander werfend.

In Verzweiflung ob solcher Unthaten hat einer der Fratres sich in den Glockenturm geschlichen, wo er die Sturmglocke zieht, um die Klosterunterthanen und Hörigen zu Hilfe zu rufen. Kaum wimmert die Glocke vom Turm, da stürmen einige Musketiere auch schon hinauf, fassen den Frater und werfen ihn hohnlachend durch das Schallloch hinunter, so daß der Ärmste mit zerschmetterten Kopf und gebrochenen Gliedern unten auffällt. Voll Entsetzen aber flüchten die Alpirsbacher mit Weib und Kind von dannen, hinein trotz rauhem Wind und Winterskälte in den Tann, gehetzt von den Peinigern, die ihre helle Lust an dieser Menschenjagd haben.

Und angesichts solcher Schreckenstaten der zügellosen Musketiere verhalten sich die Offiziere völlig passiv, sie rühren keine Hand zur Abwehr und obliegen in den Klosterwaldungen dem Gejaide. Vergebens sucht nach der Kirchenberaubung P. Jakob im Kloster nach den Herren, um sie zu beschwören, weitere Greuel zu verhüten; sie sind fort, die Raubgesellen sich selbst überlassen. Mit Verzweiflung im Herzen schließt sich der alte Konventuale in seine Zelle ein, den Erlöser Tod ersehnend.

* * * * *

Vom Pelagier begleitet hat Abt Alphons seine Kaufgeschäfte in Villingen erledigt, den Georgener Abt jedoch nicht angetroffen und daher sofort den Rückweg wieder angetreten. Eine innere Unruhe treibt ihn zur Eile, und Euseb hat Mühe, seinem Gebieter zu folgen. Reitet er jedoch Anhöhen im Schritt hinan, so läßt der Abt den Pelagier nahe an den Gaul herantreten, um ein Gespräch anzuknüpfen. Der sonst so stolze Abt hat das Bedürfnis, sich mit dem Pelagier, den er schätzen gelernt, auszusprechen. Wie treu besorgt der Pelagier um ihn gewesen ist auf der bisherigen Reise, ein Schützer und Diener, der auf nichts vergaß, was dem Herrn frommen konnte. Und wie der Mann an seiner Heimat hängt! Fast überkommt den Abt ein Bedauern, den zinspflichtigen Hörigen beim Tod seines Weibes so hart behandelt zu haben. Einer augenblicklichen Gefühlsregung nachgebend sagt der Abt: „Höre, Euseb! Du hast dich wacker gehalten! Ich will dir die Zinsziege wieder zurückgeben und anderes dazu!“

Der Hörige schüttelt den Kopf.

„Wie, du verschmähst die Gabe?“

„Verzeiht mir, Herr! Die Zeit ist anders geworden, ich kann Stallvieh jetzt nicht brauchen, bin zu wenig mehr zu Hause, kann es nicht betreuen.“

„Wie soll ich das verstehen?“

„Ich kann darüber nicht reden! Bald wird alles klar sein!“

„Du sprichst in Rätseln, Euseb!“

„Schafft die Franzosen fort, Herr! Befreit die Heimat von den Blutsaugern, es ist höchste Zeit dazu!“

„Wenn es mir jedoch nicht gelingt?“

Finster blickt der Pelagier vor sich hin, seine Fäuste ballen sich, und dumpf spricht er: „Dann jagen wir sie fort!“

Auch auf des Abtes Antlitz legt sich tiefer Ernst, beklommen murmeln seine Lippen: „Mir ahnt noch Schlimmeres! Mir schwant das Ende unter Eberhard!“

Euseb bleibt plötzlich flehen und unwillkürlich verhält der Abt den Gaul, zugleich besorgt um sich blickend.

„Was ist's, droht uns Gefahr?“

Euseb legt seine Rechte an den Sattel, schaut zum Abt empor, treuherzig, seelenvoll und spricht mit bewegter Stimme: „Herr! Haltet zu Württemberg!“

Unter dem kraftvollen Schenkeldruck und Sporenstoß sprengt der Gaul im Galopp hinweg, zur Seite geschleudert stürzt Euseb nieder und sein Kopf schlägt im Falle auf einen Stein auf, so daß das Blut sogleich aufspritzt.

Früh dämmert es; nebelverhüllt ist das schweigsame Gelände, finster steht der mächtige Tann. Abt Alphons jagt den schäumenden Gaul die Straße entlang; noch eine Anhöhe, dann geht's hinunter nach Alpirsbach. Ein seltsam rötlicher Schimmer liegt über dem Gelände; das kann nimmer ein verspätet Abendrot sein. Flammen sind es, rotglühende Feuersäulen, die zum Nachthimmel lodern und grausig das Münster und die stolze Abtei beleuchten. In Alpirsbach brennt es; schon wimmern die Glocken schaurig um Hilfe.

Der Abt drückt dem müden Gaul die zackigen Sporen aufs neue in die Weichen und rast dem Kloster zu.

Dunkle Gestalten rennen hin und her und suchen zu bergen in den brennenden Häusern der Stiftshörigen; doch die trunkenen Soldaten wehren den Mönchen brüllend und jauchzend. Blökend rennt das Vieh um die lodernden Stätten, auf das die Musketiere Jagd machen und mit den Musketen schießen. Krachend stürzen die glimmenden Balken ein, Funkengarben stieben auf, ein Knistern und Prasseln, ein Johlen und Brüllen, Zetern und Schreien, und dazwischen Glockengewimmer.

Und die trunkenen Scharen drängen zappelnde Mönche ans Feuer, der Pförtner wird gefaßt unter tierischem Gelächter, rohe Fäuste zerren die Kutte auf, ein Wurf — das schwarze Mönchlein fällt mitten in die wabernde Lohe — ein markdurchdringender Schrei — gierig schlagen die Flammen drüber.

Gröhlend begrüßen die wüsten Brandstifter den heransprengenden, zornglühenden Abt, sie springen herbei unter den Spottrufen und zeigen Lust, den Prälaten vom zitternden Pferd zu reißen. Mit Schauder blickt Alphons auf die trunkene Schar und die Zerstörung ringsum.

Einer der Landsknechte muntert auf, den Abt ins Feuer zu werfen, brüllend greifen die Kerle zu, sie jagen nun die Mönche, die sie vor dem Württemberger Herzog schützen sollen.

Da stürzen zwei der Offiziere atemlos, mit verstörten Mienen heran. Betroffen weichen die Musketiere zur Seite und geben Raum. Auf Befehl des Leutnants schmettert ein Hornist das Alarmsignal in die Dämmerung. Die Musketiere eilen zu den Waffen und sammeln sich beim Scheine der brennenden Häuser.

Der andere Offizier vermeldet in aller Eile, daß der Kapitän im Walde erschossen worden sei, und ein später abgefangener Mann eingestanden habe, daß die Schweden im Anzug seien. Der Abt möge den Leichnam des Kapitäns holen — er liegt in der Nähe einer Hegerhütte — und beerdigen lassen. Dann übernimmt der Offizier die Kompagnie, und schier fluchtartig vollzieht sich der Abzug der Franzosen, die das Kloster schutzlos verlassen in der Stunde der Gefahr.

Fassungslos steht der Abt von den Mönchen umringt.

Aus dem Laubwald und drüben aus dem Tann des Bettelmännchenberges lohen mächtige Feuersäulen auf, schaurig den Wald mit rotem Schein beleuchtend.

Bittere Thränen stürzen dem Abt aus den Augen beim Anblick der ausgeraubten, geschändeten Kirche und der Verwüstung im Kloster wie in den Häusern der geflohenen Unterthanen.

Mühsam dämpfen die Mönche die in sich zusammengesunkene Glut der Brunst, und kehren dann in die Abtei zurück, sorgenvoll und angsterfüllt der schrecklichen Schweden harrend.

Im Tann nahe der Straße gen Süden ist's lebendig geworden, von allen Seiten auf geheimen Pfaden eilen Burschen und Bauern herbei und harren im Hohlweg, gut gedeckt hinter Baumstämmen, des Anzuges ihrer Peiniger und des Angriffsbefehles des Pelagiers Euseb. Von Mund zu Mund ist die Kunde gegangen, daß Euseb den Kapitän erschossen und den zwei Offizieren Botschaft gethan vom Anzug der Schweden, weshalb anzunehmen sei, daß die Franzosen die Flucht gen Schiltach ergreifen werden. Von jedem Gehöft sind wehrhafte Männer gekommen, als das Flammensignal aufloderte, und stumm harren ihrer etliche zweihundert Mann, freilich schlecht bewaffnet, der Musketiere.

Wie Schafe im Gewitter kommen sie bei Fackelschein herangerannt und dringen in den Hohlweg ein, wo sie durch die felseneingeengte Straße sich dicht zusammenschließen müssen.

Ein gellender Pfiff tönt durch den finstern Tann, es raschelt im Walde, an den Felsrändern tauchen schwarze Gestalten auf, die Steine und Granitblöcke herunterschleudern mitten unter die Musketiere. Weherufe, Geschrei, Kommandorufe dringen aus der Schlucht. Mit Morgensternen, Sensen, Dreschflegeln, alten Flinten hauen am Ausgang des Hohlweges die Bauern auf die fliehenden Franzosen ein; die von Euseb im voraus aufgerichteten und nun schnell entzündeten Holzstöße leuchten zur Befreiungsarbeit. Schreckerfüllt sucht ein Teil der Soldaten rückwärts zu entkommen; doch auch an diesem Schluchtausgang hat Euseb seine Verschworenen aufgestellt, die niemand durchlassen. Unablässig prasseln Steine in die Reihen der bewegungslosen in der Falle gefangenen Wälschen, zerschmetternd und vernichtend. Nur wenige der Musketiere vermögen zu feuern; es fehlt an Raum in der engen Schlucht, die Verwirrung ist zu groß, die Fackeln sind erloschen, im Gewühl ausgetreten worden. Wer stürzt, wird zertreten. Das Geheul der Soldaten ist fürchterlich. Euseb und eine Schar mit Schußwaffen ausgerüsteter Bauern feuern von den Felsen herab in die eingekeilte Menge, und nach jedem Schuß stürzt ein Franzose tödlich getroffen nieder. Ein Verzweiflungskampf an den beiden Schluchtausgängen entbrennt, doch die Bauern halten die Sperre, wenn ihrer auch schon viele schwerverwundet gefallen sind. Auf Geheiß Eusebs werden brennende Scheiter in die Reihen der Wälschen geworfen, bei deren Geflacker sicherer die verzweifelten Feinde aufs Korn genommen werden können.

Knieend flehen die Franzosen um Pardon, haufenweise werfen sie die Musketen weg, aber die Stunde der Wiedervergeltung unsäglicher Greuel ist gekommen, die Blutsauger werden niedergeschlagen; nur wenigen gelingt es, der Schlucht und dem Blutbad im Dunkel zu entrinnen.

Bis zum dämmernden Morgen verharren die Bauern, um sodann bei wachsendem Licht ihre Toten und Verwundeten zu bergen. Die Franzosen läßt man liegen; ächzt und stöhnt noch der eine oder andere, so erhält er den Gnadenhieb auf den Kopf.

Dann ziehen die Bauern durch den Tann ab, jeder seinem heimatlichen Gehöft zu, stumm und still. Das Befreiungswerk aus furchtbarster Qual und Not ist gethan. — — —

* * * * *

Ein Jahr ist vergangen; des grausamen überlangen Krieges müde verhandelten die Gesandten der kriegführenden Mächte zu Osnabrück und Münster über einen endgültigen Frieden. Für Herzog Eberhard, der wieder zu Stuttgart residierte, trat der Schwedenkanzler Oxenstierna ein, und heiße Kämpfe auf diplomatischem Gebiete verursachte die württembergische Klosterfrage. Lange wurde die Restitution der Klöster zu Gunsten des Herzogs hintertrieben, bis man aus gänzlicher Ermattung der Verhandlungen in der Sitzung zu Osnabrück auf den Vorschlag kam, daß der Herzog die Ordensleute in den Klöstern belasse, jedoch die hohe Obrigkeit über sie behalte, wie er sie vor der Reformation innegehabt habe. Oxenstierna aber erklärte, daß man die Klöster dem Herzog überlassen und das übrige seinem Gewissen anheimstellen solle. Württemberg solle in den geistlichen und weltlichen Besitz und in die Rechte wie vor dem Kriege eingesetzt werden.

Da die katholischen Mächte wegen einiger schwäbischer Klöster den Krieg fortzusetzen doch nicht gewillt waren, bestimmte denn auch das Friedensinstrument zu Osnabrück[22], daß die Klöster[23] dem Herzog von Württemberg zufallen. Damit erlangte das württembergische Fürstenhaus einen Zuwachs von Gebieten, Rechten und Reichtümern, wie es solche vorher weder durch Fehden, Kriege, noch Heiraten, Käufe und Erbschaften in derartigem Umfange erworben hatte.

Im Stift zu Alpirsbach hat Abt Alphons es sich angelegen sein lassen, die Schäden an Gebäulichkeiten auszubessern, Wohnhäuser für die Unterthanen aufzubauen, das Münster neu zu weihen und Kirchengeräte zu beschaffen, den Stiftskeller zu versorgen und das Zinswesen neu zu ordnen. Inmitten dieser arbeitsreichen Zeit entschlief sanft und selig Pater Jakob hochbetagt, gesegnet vom Abt, mit einem Lächeln auf den welken Lippen. Er hat es überstanden. Seinem Wunsch gemäß ward seine Leiche ohne besonderen Pomp still in der Gruft des Münsters beigesetzt. Die Unterthanen der Abtei weinten ihm manche Thräne nach, denn der liebe, alte, freundliche und wohlwollende Konventuale hatte aller Liebe und Verehrung besessen. Und fast schien es, als sei mit dem milden, versöhnlichen Greis auch das Glück des Klosters geschwunden. Hin und her überlegt der Abt, wie der Kaiser mehr für das Kloster interessiert werden könnte, auf daß die drohende Restitution wirkungslos an Alpirsbach vorübergehen könne. Keinen Stein soll der Württemberger vom Stift bekommen, verschwor sich der Abt Alphons, in welchem der alte Trutz und Stolz auf die Unabhängigkeit des Stiftes wieder erwacht ist.

Da kam an einem milden Oktobertag ein reitender Bote aus Sulz mit einem Schreiben, das die Kunde vom Friedensschluß zu Osnabrück und vom Übergang des Klosters an Württemberg brachte. Knapp vor Eintreffen dieses Boten hatte der Abt sorgfältig unter eine Beschwerdeschrift an den Kaiser das Sigillum der Abtei angebracht und liebevoll das Stiftswappen betrachtet. Erbleichend liest Alphons die Unglücksbotschaft, die seiner Herrschaft für immer ein Ende bereitet. „Verloren, rettungslos verloren!“ stammelt der Abt und sinkt in sich zusammen. Dann aber rafft er sich wieder auf und schreit in wilder Erregung: „Ich protestiere, dieser Frieden ist ungiltig, er ist hinterlistig eingegangen und läuft der Stiftung unseres Klosters wie dem Religionsfrieden zuwider. Ich verlasse das Stift gutwillig nun und nimmer. Ich protestiere nach Osnabrück!“

Als sich die Erregung gelegt und Abt Alphons den Konventualen von dem westphälischen Frieden und Auslieferung der Klöster an Herzog Eberhard Mitteilung gemacht hatte, las er seinen Protest an den Kaiser von Österreich in seiner stillen Stube wieder durch, und manche Thräne netzte das Pergament, als er mit bebender Hand die Nachschrift hinzufügte: „Dieweilen den Teufeln in der Hölle, wenn sie eine Erlösung zu hoffen hätten, nicht versagt wäre, den Weg Rechtens zu betreten, dies dem Abt und Ordensleuten von Alpirsbach nicht versagt sein könne.“

Mit Bestürzung haben die Mönche die neue Kunde aufgenommen; die trautstille Stätte im grünen Tann, das stolze Kloster wie das herrliche Münster verlassen zu müssen, stimmt die Konventualen tieftraurig, und wehmütig suchen sie ihre Habseligkeiten zusammen, um für den Tag der Abreise von Alpirsbach gerüstet zu sein.

Froher wirkte die Kunde auf die Hörigen und Unterthanen, in deren Herzen die Zugehörigkeit zu Württemberg sich mächtig regt und die Hoffnung keimt, daß unter des Herzogs Herrschaft vielleicht über kurz oder lang die Freiheit blühen könnte.

So schaut denn in Alpirsbach alles gespannt aus nach den Sendboten des Herzogs: die Mönche mit Bangen, die Untertanen mit leisen Hoffnungen.

* * * * *

Mit steifer Kälte ist der 1. Dezember im Schwarzwald angebrochen; tiefer Schnee bedeckt den Tann wie das Gelände, grimmig kalt pfeift der Wind über die starre Landschaft. Bis auf die Hörigen, die unter Eusebs Anleitung im Holze arbeiten, ist kein Mensch zu sehen in der ganz nordisch gewordenen Gegend. Wer es kann, hockt am warmen Ofen.

Unbeachtet reitet ein Mann in dunklem Wams, gefolgt von zwei berittenen Knechten, in scharfem Tempo auf die Abtei zu. Reif und Eis sitzt an den Kleidern, auf Bart und Har der Reiter, die Gäule dampfen. Vom Münster kündet eine Glocke die Mittagszeit. Im Galopp sprengen die Reiter vor das Kloster und halten vor der Pforte an. Eilig verläßt einer der Knechte den Sattel, und fordert heftig klopfend Einlaß.

Ein Frater öffnet und starrt mit weitaufgerissenen Augen auf den Knecht, der Württembergs Farben am Koller trägt. Und da ist auch schon der Herr selbst, der im Namen des Herzogs Eberhard den Abt zu sprechen fordert. Kammerrat Orth ist es, der gekommen, um das Kloster zu übernehmen.

Scheu drängen sich die Fratres in den Gängen, indes ein Mönch den Abt verständigt, der leichenblaß das auf seiner Brust ruhende goldene Prälatenkreuz umklammert. Auf einen Wink entfernt sich der Frater und führt den Gesandten des Herzogs in den Sprechsaal der Abtei. Auf dem Gang in diesen Saal ist's dem Abt, als schreite er als Delinquent zur Hinrichtung; es schlottern die Kniee, es hämmert in den Schläfen, in den Ohren saust es und heiß drängt das Blut zum Herzen. Alphons atmet schwer und heftig, krampfhaft hält er das goldne Kreuz, das Abzeichen seiner Würde und Macht, umklammert, das ihm nun abgefordert werden wird. Vor der Saalthüre hält der Abt einen Augenblick inne und flüstert ein Stoßgebet mit zuckenden Lippen. Es gilt einen Verzweiflungskampf auf diplomatischem Wege. Es muß sein! Fest drückt Alphons auf die Klinke und tritt ein. Hoheitsvoll schreitet er auf den sich verbeugenden Kammerrat zu, begrüßt ihn durch ein Neigen des Kopfes und fragt nach dem Begehr des Besuches. Das Auge fest auf den Abt gerichtet, beginnt der Landbote Württembergs: „Ew. Gnaden habe ich im Auftrage meines gnädigsten Gebieters, des Herzogs Eberhard, zur Räumung des Klosters und Übergabe jeglichen Stiftseigentums, sowie zur Huldigung auf Württembergs Herrscher aufzufordern.“

Wie Wetterleuchten zuckt es in des Abtes Antlitz; heftig geht der Atem, es grollt und wogt in seiner Brust. Mühsam keucht Alphons hervor: „Dem protestiere ich wie gegen den erschlichenen Frieden. Ich weiche nur der Gewalt!“

Hochaufgerichtet zieht der Kammerrat ein Schreiben aus dem Wams. „Hier ein Handschreiben meines gnädigsten Herzogs an Ew. Gnaden zu meiner Legitimation sowohl, als zum Beweise huldvoller Gesinnung des Herzogs, sofern die Übergabe in Güte vor sich gehen wird.“

Mit jähem Ruck ergreift der Abt das herzogliche Schreiben, zerreißt es ungelesen und wirst die Fetzen dem Gesandten vor die Füße. Grollend spricht er. „Ich habe mit Eurem Herzog nichts zu verhandeln. Ich protestiere! Der Friede von Osnabrück gilt nicht für Alpirsbach!“

„Ich warne Ew. Gnaden! Mild und gütig läßt Euch der Herzog auffordern, den Beschluß der Mächte zu respektieren, Euch zu fügen in das unabänderliche Schicksal! Schont Gut und Leben! Weigert Ihr Euch, so muß Gewalt sprechen, denn die bewilligte Restitution wird durchgeführt, und Alpirsbach muß württembergisch werden!“

„Nein, nun und nimmer! Ich weiche nur der Gewalt!“

„Dann ist jegliches Verhandeln in Güte zu Ende! Gehabt Euch wohl inzwischen! Mögen Ew. Gnaden es nicht bereuen!“

Kühl sich verbeugend, entfernt sich sporenklirrend der Gesandte aus dem Saale und läßt den Abt in schwerster Gemütsbewegung stehen. Kurz darauf kündet lebhafter Hufschlag auf dem hartgefrorenen Boden, daß der herzogliche Sendbote mit Begleitung Alpirsbach, ohne Gastfreundschaft vom Kloster gefordert zu haben, verläßt.

Alphons begiebt sich, mehr aus Gewohnheit denn aus Bedürfnis, nach der folgenschweren Unterredung ins Refektorium, wo er den zu Tische versammelten Konventualen verkündet, daß soeben ein herzoglicher Gesandter die Übergabe des Klosters verlangte, die ihm verweigert worden sei. Nun werde wohl Gewalt gebraucht werden. Der Wegnahme von Dokumenten, Zinsbüchern, des transportablen Klosterschatzes müsse daher vorgebeugt werden durch schleunigste Überführung derselben in den Pfleghof zu Rottweil. In diesem Sinne fordert der Abt die Konventualen auf, alles Wertvolle zu bergen und ihm behilflich zu sein. Unberührt bleiben die Speisen; den Mönchen ist der Schreck in die Glieder gefahren.

Bebend fragt der silberhaarige P. Gotthard: „Und wenn die Herzoglichen kommen, wohin richtet sich unser Schritt?“

„Ich werde nach Ochsenhausen flüchten und Ihr mit mir!“ kündet der Abt, verrichtet das Gebet nach Tische und begiebt sich in seine Gemächer.

Hastig suchen die Konventualen ihre Zellen auf; es rumort im Kloster, Kisten werden herbeigeschleppt und gepackt, ein Kramen und Suchen überall nach Wertgegenständen, ein Hämmern und Schlagen, daß auf Chorgebet und Magnifikat heute völlig vergessen wird.

Durch die Fratres ist die Kunde auch rasch zur Kenntnis der Unterthanen gekommen, die nun eilig trotz der Kälte neugierig in die unteren Räume der Abtei laufen, um Näheres zu erfahren über das bevorstehende Württembergischwerden. Die Männer werden angehalten, Gäule und Fuhrwerk zu schaffen, auf daß die wertvolle Stiftshabe so rasch wie möglich geflüchtet werde. Der ganze Ort gerät in Aufregung und Bewegung.

Einige Tage vergehen in rastloser Bergungsarbeit, und Abt Alphons ist eifrig daran, Bestandteile der Registratur, die er nicht mitnehmen kann, zu vernichten. Seinen schriftlichen Protest gegen den Frieden und die Restitution hat er wohl abgesandt, ist aber von der Wirkungslosigkeit dieses Schrittes überzeugt. Er will nur seiner Pflicht bis aufs äußerste genügen und kein Mittel außer Waffenwiderstand, den ihm die Ordensregel verbietet, unversucht lassen. So fertigt er denn den ersten Transport der Stiftshabe ab, hochbeladen fahren die Klosterknechte und Hörigen die Wagen nach Rottweil.

Am 19. Dezember war es, daß sich ein Trupp von sechzig Mann in württembergischen Fahnen mit Kammerrath Orth an der Spitze der Abtei nahte. Kaum erblickten die von Abt Alphons aufgehellten Späher das Anrücken der Mannschaft, da eilten diese ins Kloster und schlugen Alarm. Was Beine hat in Alpirsbach, läuft auf dem Klosterplatze zusammen; von Hof zu Hof fliegt die Kunde wie Flugfeuer, und selbst bis in den Tann dringt die Kunde vom großen Moment der Klosterübergabe an Württemberg.

Auch Euseb der Pelagier hört davon; ein Zittern geht durch seinen Körper, ihm schwindelt der Kopf. Was er ersehnt, wofür er sein Leben freudig geben würde: nun soll es wahr werden! Beil und Säge wegwerfend, stürmt er quer durch den Tann in jähen Sätzen hinunter zum Kloster.

Dumpf dröhnt der Schritt der württembergischen Soldaten auf dem gefrorenen Klosterplatze, wo Halt gemacht wird. Kammerrath Orth steigt vom Gaul und begiebt sich ins Kloster, wo die Mönche zeternd durcheinanderlaufen und nach ihren Taschen suchen.

Wieder stehen sich der Abt und der Gesandte des Herzogs im Sprechsaal gegenüber. Mit feierlichem Ernst fordert Orth im Namen Eberhards die Übergabe der Abtei mit Hinweis auf die ihm zu Gebote stehende Gewalt.

Ein Wehruf entflieht des Abtes Lippen: „Verloren, verloren!“

Mild mahnt der Gesandte, durch freiwilligen Abzug das Leben der Mönche und Unterthanen zu schonen.

Thränen stürzen aus Alphons' Augen, mit zitternder Stimme spricht er: „Ich weiche in Gottes Namen aus dem Kloster, das nahezu 600 Jahre frei bestanden! Ich weiche der Gewalt als letzter katholischer Abt von Alpirsbach![24] Doch laßt mir mein Eigentum, so solches noch im Kloster ist!“

„Kraft meiner Vollmacht bewillige ich dies! Gott sei mit Ew. Gnaden fürder! Von diesem Augenblick an ist Alpirsbach mit allen Rechten und Besitz Eigentum Württembergs!“

Wie gebrochen giebt Alphons sein Abtkreuz dem Gesandten und wankt hinaus.

Schlitten fahren vor die Abtei, auf welche die Mönche und Fratres ihre Bündel und Säcke legen. Weinend nehmen die Konventualen Abschied von den zurückbleibenden Unterthanen und ihrem Kloster. Dann besteigen sie selbst die Fahrzeuge, die Gäule ziehen an, fort geht es aus der Waldheimat.

Auf Geheiß des Gesandten huldigt das Klostervolk von Alpirsbach dem neuen Herrn und Gebieter, dem Herzog Eberhard von Württemberg, unter Salutschüssen der herzoglichen Truppe. In diesem Augenblicke kommt Euseb herangestürmt.

In die Hochrufe auf den Landesherrn mischt sich ein gellender Schmerzensschrei. Euseb stürzt zu Boden mit durchschossener Brust. Eine Kugel hat sich verirrt und den Weg in ein gut württembergisch Herz genommen. So endete im heißersehnten Augenblick der Vereinigung mit Württemberg Euseb, der Pelagier.

Fußnoten:

[18] Pelagier sind leibeigene Leute der Abtei, die von früheren Herren an den Altar des hl. Pelagius übergeben worden sind, Manns- und Frauenpersonen, die „werden nicht gehalten wie andere eigene Leute“. Sie bildeten, mochten sie vormals freie, sich selbst aus Frömmigkeit ergeben haben, oder als Leibeigene von andern an das Stift übergeben worden sein, eine eigene Bruderschaft zum hl. Pelagius „in dem langen Münster“ zu Alpirsbach.

[19] Für den ganzen Umfang des Klostergebietes hatte der jeweilige Abt von Alpirsbach das sogenannte Hauptrecht, d.h. „das Recht, von jeder Mannsperson, sie besitze Güter, welche sie wolle, sie sei dem Kloster mit Leib verwandt oder nicht, das beste zur Zeit des Todes vorhandene Stück Vieh zu beziehen.“ Die Pelagier waren außer diesen Hauptfall noch einen jährlichen Zins von drei Hellern auf den Tag und Altar des hl. Pelagius schuldig. Dagegen erhielt jeder Pelagier zwei Laib Roggenbrot, jedes im Wert von einem Kreuzer.

[20] Das Streben der bedrohten Äbte ging dahin, sich ihre Rechte durch kaiserliche Erlasse zu sichern, weshalb eine Immediateingabe an den Kaiser gerichtet wurde. Hievon verständigt, protestierte Eberhard III. gegen die Überlastung Württembergs durch kaiserliche und ligistische Truppen und die Übergriffe der Prälaten insonders. Trotz dieses Protestes erfolgte das kaiserliche Mandat vom 7. Mai 1640, womit Eberhard aufgefordert wurde, alle Handlungen zu unterlassen, über welche die Prälaten Klage führten, als da seien: Anmaßung der bischöflichen Jurisdiktion, Affigierung von Religionsmandanten, Abhaltung der Leute vom katholischen Gottesdienst mit bewaffneter Hand, Aufdrängung längst verwirkter Schutzgerechtigkeit und Obrigkeit &c. Auf dieses Mandat hin wurde seitens der herzoglichen Diplomaten dem Wiener Hof zur Kenntnis gebracht, daß der Herzog stets von den Prälaten bei den kaiserlichen Gerichten geplagt, stündliche Eingriffe in dessen geistliche und weltliche Rechte gemacht, und die zu den Klöstern gehörigen Kirchen unter dem Vorwande kaiserlicher Vollmacht ihm entzogen werden. Diese diplomatische Aktion hatte den Erfolg, daß die Prälaten mit Ausnahme der dem Herzog freundlich gesinnten Äbte von Maulbronn, Bebenhausen und Königsbronn von den Reichstagssitzungen ausgeschlossen wurden.

[21] In Dornhan besaß das Kloster allen Zehnten, desgleichen den Blutzehnten, Grund und Boden, auch den Stab über Erb und Eigen. (Von jedem Fohlen vier Tübinger, von jedem Kalb, Lamm oder Kitz je einen Tübinger, und „was Lämmer vor dem Maytag verkauft wurden, die gaben den 10. Pfennig und das 10. Milchschwein, desgleichen Hühner und Gänse.“)

[22] § 24 Artikel IV.

[23] 14. Oktober 1648. Die Klöster waren: Anhausen, Bebenhausen, Maulbronn, Lorch, Adelberg, Denkendorf, Hirsau, Blaubeuren, Herbrechtingen, Murrhart, Alpirsbach, Königsbronn, Herrenalb, St. Georgen, Reichenbach, Pfullingen, Lichtenstern u.a.

[24] Auf Alphons Kleinhans folgten 19 evangelische Äbte bis zur Auflösung des ganzen Klosterbestandes im Jahre 1807.

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings