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Hüben und Drüben; Zweiter Band (2/3)

Herr Müller.

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Verzierung
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Erstes Kapitel.

Es giebt nichts Entsetzlicheres auf der Welt, als Morgens früh eine Wirthsstube zu betreten, in der am Abend vorher, vielleicht bis ein oder zwei Uhr in der Nacht, getrunken und geraucht worden, und wo der Raum noch nicht gelüftet und gereinigt ist.

Ein warmer, widerlicher Dunst liegt in dem Zimmer und versetzt besonders Dem ordentlich den Athem, der es eben aus der frischen Morgenluft betritt. Auf den begossenen klebrigen Tischen stehen schmutzige Gläser und geleerte Flaschen, auf der Erde zerstreut liegen angebrannte Fidibus und Cigarrenstummel, während die unordentlich umhergeschobenen Stühle überall den Weg verstellen und ein solches Gemach, wenn es dafür überhaupt einen Comparativ gäbe, noch ungemüthlicher machen. Kommt dann gar noch ein fauler Hausknecht dazu, der sich nicht einmal die Mühe nimmt, die Fenster zu öffnen, und mit seinem Besen den Staub und Sand umherwirbelt, dann ist ein solcher Ort gerade zum Verzweifeln, und wenn den Reisenden nicht das Wetter dazu zwingt, hält er sicher nicht darin aus.

Genau so sah es heute in dem sonst ziemlich eleganten Gastzimmer des „Hotel Müller“ in B. aus, als ein Fremder die Thür öffnete und, von den auf ihn eindrängenden und mit einer Staubwolke vermischten Dünsten eben nicht angenehm überrascht, auf der Schwelle stehen blieb.

„He, guter Freund“, sagte er zu dem nicht einmal nach ihm umschauenden Hausknecht, „wäre es Ihnen nicht vielleicht einerlei, wenn Sie bei Ihrer Beschäftigung ein paar Fenster öffneten. Ich dächte, frische Luft könnte diese Atmosphäre nur verbessern; glauben Sie nicht?“

Der Bursche, dem die Anrede galt, schlief augenscheinlich noch, er verrichtete wenigstens seine Arbeit mit halbgeschlossenen Augen und schien auch gar nicht zu hören, daß Jemand mit ihm gesprochen, nahm wenigstens nicht die geringste Notiz davon und kratzte ruhig weiter.

„Angenehm“, brummte der Fremde vor sich hin, that aber das, was ihm allein helfen konnte: er öffnete die Fenster nämlich selber und klingelte dann mit einer der auf den Tischen befindlichen Glocken, um irgend eine brauchbare Bedienung herein zu rufen. Zugleich band er sich einen Shawl, den er locker um den Hals trug, fester um die Kehle, denn es zog jetzt bös im Zimmer.

Das Läuten schien indessen keinen wesentlichen Erfolg zu haben. Der Hausknecht kümmerte sich gar nicht darum, und weiter ließ sich Niemand blicken. Erst als er den Versuch einigemal wiederholt hatte, steckte ein sehr niedliches Stubenmädchen den Kopf in die Thür und sagte:

„Na, ist denn Niemand hier, wo steckt denn der faule Kellner nun einmal wieder? He, Hans — habt Ihr ihn nicht gesehen?“

Die Frage galt augenscheinlich dem Hausknecht, auf den sie aber ebenso geringen Eindruck machte, wie das Klingeln vorher. Entweder hatte er sie nicht gehört, oder wollte er sie nicht hören, aber er kehrte ruhig weiter.

„Bitte, wecken Sie den Mann nicht“, sagte der Fremde ruhig, „er scheint im ersten Schlaf zu liegen. Wenn Sie nur so freundlich wären, mein Schatz, mir einen von diesen Tischen abzuwischen und dann eine Tasse Kaffee und ein Glas Cognac für mich zu bestellen, nachher brauchen wir jenen Biedermann nicht zu belästigen.“

„Ei du lieber Gott“, sagte das junge Mädchen, „es sieht ja aber noch gar zu erschrecklich hier aus. Ja freilich, wenn man Nachts bis halb drei Uhr auf den Füßen sein muß, dann verschläft man sich wohl auch einmal. — Sie sollen’s gleich haben.“

Dabei hatte sie ein feuchtes Wischtuch genommen, den einen Ecktisch abgeräumt und rein gewischt, einem Stuhl denselben Liebesdienst erwiesen, und diesen jetzt dem frühen Gast hinrückend, fuhr sie fort:

„Da, nehmen Sie Platz — und wie das hier zieht — aber Sie sollen gleich Ihren Kaffee haben, und dann wird auch der Platz hier rasch aufgeräumt. Wo nur der Mosje Louis steckt.“ Und mit den Worten verließ sie das Zimmer, um das Verlangte selber herbeizuholen.

Der Fremde schien gar nicht mehr zu hören, was sie ihm sagte, sondern nur mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt zu sein. Er hatte den Reisesack, den er trug, neben sich auf einen Stuhl gestellt, setzte sich an den Tisch, stemmte den Kopf in die Hand und sah still und düster vor sich nieder, veränderte auch seine Stellung nicht, bis das Mädchen mit Kaffee und Cognac zurückkam, Beides vor ihn hinsetzte und dann geschäftig daran ging, das Zimmer in Ordnung zu bringen. Der Hausknecht hatte indessen seine Arbeit ebenfalls beendet, und wollte gerade die Thür wieder schließen, als sein Blick auf den Fremden fiel. Er drehte wieder um, kam herein, ging auf diesen zu und sagte, während er sich mit dem linken Daumen am Hals kratzte und mit der rechten Hand auf die Füße des Reisenden zeigte, nur das eine Wort:

„Stiefel putzen?“

Dieser sah überrascht zu ihm auf.

„Ah, guten Morgen, Kamerad. Ausgeschlafen?“ lachte er.

„Auf der einen Seite“, brummte der Mann mit der rothen Schürze. „Stiefel putzen?“

„Hm“, meinte der Fremde, indem er einen Blick auf seine Fußbekleidung warf, der eine Bürste eben keinen Schaden gethan haben würde, „jetzt nicht, später. Kann man hier logiren?“

Das war eine Frage, die den Hausknecht nichts anging, und ohne sie deshalb einer Antwort zu würdigen, drehte er sich auf seinen Pantoffeln wieder um und schlappte aus dem Zimmer.

Der Fremde sah ihm nach und lachte still vor sich hin; andere Gedanken gingen ihm aber doch durch den Kopf, um sich lange mit dem faulen Burschen zu beschäftigen. Er trank seinen Kaffee, stürzte den Cognac hinterher, nahm dann eine schon etwas stark gebrauchte Cigarrendose aus der Tasche und zündete sich mit einem Feuerzeug, das er ebenfalls bei sich führte, eine Cigarre an.

Das Stubenmädchen, ohne sich indeß dabei in ihrer Arbeit stören zu lassen, betrachtete sich den Fremden kopfschüttelnd, denn sie konnte nicht recht klug aus ihm werden.

Es war in der That eine etwas wunderliche Persönlichkeit, und wenn er auch anständig gekleidet ging, lag doch in seinem ganzen Wesen wieder etwas, das man hätte genial nennen können, das aber eigentlich an das Liederliche und Verkommene streifte. Er trug einen weiten leichten Paletot, wie ihn Künstler gewöhnlich tragen, einen breitrandigen, schwarzen, etwas zerdrückten Hut von feinem weichen Filz, gestreifte Beinkleider und lilla Glacéhandschuhe, aber seine Wäsche war nicht tadellos rein, und konnte nur vielleicht damit entschuldigt werden, daß er eben von der Reise kam. Trotzdem würde er entschieden anständiger ohne die unechte Tuchnadel ausgesehen haben.

Für den Mann ist jeder goldene Zierrath unpassend, aber entsetzlich, wenn er auch noch unecht ist, und kann eigentlich nur bei Weinreisenden entschuldigt werden.

Seinem Aussehen nach mochte der Fremde etwa in den Vierziger Jahren stehen; sein Alter ließ sich aber nicht genau erkennen, da der volle braune Bart und der breitrandige Hut das Gesicht ziemlich verdeckten. Im Bart selber zeigten sich aber schon kleine graue Flecke, die Schatten, die der sinkende Abend auf uns wirft, und nur seine Bewegungen waren noch lebendig und fast jugendfrisch.

Er hatte den Rauch in dichten Wolken ausgeblasen und ein paarmal auch den Kopf nach dem Mädchen umgedreht, als ob er sie anreden wollte, es aber immer wieder unterlassen. Da ging die Thür auf und „Mosje Louis“, der Kellner trat ein. Mosje Louis war in der That „jeder Zoll ein Kellner“.

Er erschien spät, aber er erschien seiner würdig, in vollem, nichts zu wünschen übrig lassendem Ornat, die schwarze Tuchjacke sauber abgebürstet, die großcarrirten Hosen nach dem neuesten Schnitt und sehr eng, die Wäsche untadelhaft, mit allem nur darauf anzubringenden Zubehör von Tuchnadel, Chemisett- und Hemdknöpfchen, Berloques, Kette und Ringen; und das Toupet. Es war in der That makellos und über beiden Ohren hoch und gelockt auflaufend, während gerade auf der Mitte des Kopfes eine wahre Chaussee von einem Scheitel schnurstracks hindurch bis hinten hinunter in die himmelblaue Halsbinde lief.

Schade, daß seine etwas stumpfe Nase nicht mit dem Ganzen harmonirte. Selbst dem geistreichsten Gesicht giebt außerdem ein in der Mitte gescheiteltes Haar stets einen „minder geistreichen Ausdruck“, um mich so artig wie möglich auszudrücken, und Mosje Louis besaß unglücklicher Weise nicht einmal ein geistreiches Gesicht. Er sah eigentlich schon, ohne künstliche Vorrichtung, von Natur etwas dumm aus. Aber jene glückliche Selbsttäuschung, die den Schwindsüchtigen mit frischer Lebenshoffnung erfüllt, half auch Mosje Louis über diese weit geringere Unbequemlichkeit des Lebens hinweg. Er selber hielt sich für schön, ja für unwiderstehlich, und sein kleiner Unterkellner, der leider jetzt im Bett lag und krank war, wollte sich über seine Witze immer vor Lachen ausschütten.

Mosje Louis erschien also, warf einen etwas erstaunten Blick auf den frühen Gast, einen schmachtenden auf das Stubenmädchen und sagte leise:

„Guten Morgen, Lieschen!“

„Guten Morgen, Herr Louis!“ erwiderte das junge Mädchen, ohne weiter Notiz von ihm zu nehmen. Sie war mit ihrer Arbeit gerade fertig geworden, überschaute das Zimmer noch einmal flüchtig und verschwand dann mit den Worten, bei denen sie auf den Fremden deutete: „halbe Kaffee und Glas Cognac!“ aus der Thür.

Herr Louis sah ihr freundlich zunickend nach, da er aber ihrem Blick nicht wieder begegnen konnte, nahm er sein sehr groß geblümtes rothseidenes Taschentuch aus der Jackentasche, schneuzte sich mit vielem Geräusch, trat dann, während sich der Fremde nach ihm umsah, auf diesen zu und sagte, indem er das Tuch wieder in die Tasche zwängte und sich die Hände lebhaft rieb:

„Guten Morgen!“

„Guten Morgen,“ sagte der Fremde kurz und musterte den Burschen von Kopf bis zu Füßen.

„Mit dem Frühzug gekommen?“

„Ja“.

„Sehr schöner Morgen.“

„Es hat gegossen, was vom Himmel herunter wollte.“

„So?“ sagte Herr Louis, über die Nachricht erstaunt, denn jetzt schien die Sonne, und er zog die Augenbrauen dabei so hoch hinauf und vorn zusammen, daß sie eine Verlängerung des Scheitels nach vorn herunter bis auf die Nasenwurzel herstellten. Er sah aber trotzdem nicht hübsch aus.

„Kann ich vielleicht — wenn es nöthig sein sollte, ein oder zwei Tage hier wohnen?“ brach der Fremde indessen die meteorologische Verhandlung ab.

„Es ist gerade noch ein Zimmer frei“, log Herr Louis, denn das halbe Haus stand leer; „erlauben Sie —“ und damit streckte er seine Hand nach dem Reisesack aus, um den Fremden vor allen Dingen einmal sicher zu haben.

„Bitte“, sagte aber dieser, indem er sein Eigenthum noch festhielt. „Vorher muß ich mich erst noch nach Einigem erkundigen, aber vielleicht sind Sie im Stande, mir Auskunft zu geben. Wissen Sie, wem diese Wirthschaft zu eigen gehört?“

„Wäre nicht übel, wenn ich es nicht wüßte“, lächelte Herr Louis etwas spöttisch und fuhr sich mit den gespreizten Fingern der rechten Hand durch die entsprechende Chausseeseite; „der Frau Josephine Müller.“

„Josephine Müller?“

„Zu dienen.“

„Ihr Mann ist todt?“ examinirte der Fremde weiter, und Herr Louis schoß einen raschen und forschenden Blick auf ihn, denn ein eigener Verdacht stieg in ihm auf, zögernd sagte er auch nur: „Ja!“

„Und ist sie zu Haus?“

„Nein — verreist, auf Besuch“, bemerkte Herr Louis, und fuhr sich durch die andere Chausseeseite — was zum Henker konnte der Fremde mit seiner Wirthin wollen, daß er sich nach dem Tod ihres Mannes erkundigte. Ueberdies war das eine sehr alte Geschichte und der Herr Müller schon seit sechs Jahren verschollen und damals mit einem Dampfer zu Grunde gegangen.

„Verreist — so —?“ sagte der Fremde gedehnt und, wie es schien, in seinen Erwartungen getäuscht; „weit?“

„Nein, nur zum Besuch aufs Land. Sie kommt morgen Mittag jedenfalls wieder.“

„In der That?“ rief der Fremde rasch und augenscheinlich erfreut; „dann seien Sie doch so gut und weisen Sie mir mein Zimmer an. Ich werde sie jedenfalls erwarten.“

Herrn Louis gefiel das nicht, aber gegen diesen direct ausgesprochenen Willen ließ sich auch nichts weiter thun. Er nahm also, da der Fremde aufstand, den Reisesack und ging, mit einer einladenden Verbeugung ihm zu folgen, voraus, beschloß aber doch, jedenfalls heute noch herauszubekommen, was der Fremde beabsichtigte, denn Herr Louis hatte selber eine Menge weitgreifender Pläne und dachte gar nicht daran, sie sich von einem „hergelaufenen Voyageur“, der mit dem Frühzug und nur mit einem Reisesack eintraf, kreuzen zu lassen. Der Mann trug ja nicht einmal einen Schirm.

Der Fremde schien aber nicht die geringste Notiz von des Oberkellners Gedanken oder Plänen zu nehmen, ging in sein Zimmer, zog seine Stiefeln aus und setzte sie vor die Thür, schloß sich dann ein, entkleidete sich und ging zu Bett, als ob es zehn Uhr Abends gewesen wäre.

Während der Fremde schläft, können wir uns indessen die Verhältnisse des Hotel Müller ein wenig betrachten.

Das Hotel hatte schon der Vater der jetzigen Wirthin innegehabt, bis sie sich in den „seligen Müller“, einen übrigens wackeren und thätigen Mann verliebte, diesen heirathete und nach des Vaters Tod das Wirthshaus „Zum goldenen Elephanten“ in das moderner klingende „Hotel Müller“ umwandelte. Caspar Müller, ihr damaliger Mann, brachte auch das jetzige Hotel durch seine unermüdliche Thätigkeit in „Schwung“, daß es bald das beste der Stadt wurde, und verdiente viel Geld dabei. Da war er einst genöthigt, um bedeutende Außenstände einzucassiren, nach London hinüber zu fahren. Ein sehr heftiger Sturm warf aber den Dampfer an die Küste; er strandete, und von sechsunddreißig Passagieren wurden nur drei gerettet. Caspar Müller aber blieb verschollen. Jene furchtbare Sturmnacht, die so viele Menschenleben kostete, hatte auch sein Schicksal besiegelt, und es wurde nichts weiter von ihm gehört.

Die Wittwe führte indessen das Geschäft fort, und unermüdlich, wie sie in demselben immer gewesen hatte sie ihm auch die Jahre allein und wacker vorgestanden. Aber sie fand zuletzt keine rechte Freude mehr daran, denn mit einem erworbenen Vermögen, von dem sie mit mäßigen Ansprüchen recht gut hätte leben können, sah sie keinen Grund, weshalb sie sich eigentlich noch länger unnöthiger Weise quälen sollte, und beabsichtigte deshalb, das Hotel unter guten Bedingungen zu verpachten. Bis das aber geschehen konnte — denn nichts zwang sie, diese Sache zu übereilen — wollte sie sich eine Haushälterin nehmen und hatte zu dem Zweck schon eine Aufforderung in den Zeitungen erlassen. Bis diese freilich eintraf, mußte ihr Oberkellner, Herr Louis, das Ganze leiten.

Herr Louis hatte unten im Wirthszimmer Kaffee getrunken und seinen eigenen Gedanken dabei Audienz gegeben, als Lieschen, das Stubenmädchen, hereinkam und den einen Tisch deckte, denn einige Stammgäste frühstückten gewöhnlich im Hotel Müller, wo sie mäßige Preise und ein vortreffliches Glas Wein fanden.

Herr Louis hatte gerade nichts zu thun; es war heute Morgen merkwürdig leer in der Weinstube; so, an dem Mädchen vorbeigehend, suchte er ihr unter das Kinn zu greifen und sagte:

„Nun, Schatz, wie geht’s?“ Lieschen parirte aber den Versuch, schlug ihm den Arm zurück und sagte schnippisch:

„Wie man’s treibt!“

„Nu, nu“, bemerkte Herr Louis beleidigt, „die Jungfer ist ja heute Morgen bei sehr übler Laune. Lieschen, Lieschen, Sie stehen sich sehr im Licht.“

„Ich? — daß ich nicht wüßte“, lachte das Mädchen, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen, indem sie mit geschickter Hand die Teller und Gläser auf dem Tisch ordnete; „ich denke mir immer, es ist noch nicht so weit, und ehe Sie das bekommen, wo Sie dahinter her sind, läuft wohl noch mancher Tropfen Wasser den Berg hinunter.“

„Wo ich dahinter her bin?“ rief Herr Louis, anscheinend sehr erstaunt, erröthete aber doch etwas, denn er hatte kein reines Gewissen.

„Na, thun Sie nur nicht so“, lachte Lieschen. „Sie glauben wohl, unsereins ist blind — aber zum Gratuliren wär’s doch wohl noch zu früh —“ und damit wollte sie sich rasch der Thür zu drehen, als ihr Herr Louis in den Weg trat. Es lag ihm aber nichts daran, dies Gespräch fortzusetzen, denn Lieschen hatte wirklich einen wunden Fleck berührt, und er sagte freundlich:

„Na, kommen Sie her, Kind, wir wollen uns nicht zusammen zanken, und Sie sollen auch nicht dabei zu kurz kommen, wie sich die Sachen hier gestalten. Also Frieden geschlossen, und zum Versöhnungszeichen essen Sie jetzt ein Vielliebchen mit mir, wer zuerst dem Andern morgen früh den guten Morgen abgewinnt.“

„Ja, ich hätte Zeit zu solchen Albernheiten“, rief aber das Mädchen; „die ewige Quälerei mit den Vielliebchen — allen Menschen bieten Sie’s an, und Keiner will — guten Morgen, Herr Louis — seh’n Sie, jetzt hätt’ ich’s Ihnen schon abgewonnen!“ und mit den Worten machte sie sich lachend von ihm los und warf die Thür hinter sich ins Schloß.

Herr Louis war beleidigt, aber es blieb ihm keine Zeit, seinem Unmuth Worte zu geben, denn mehrere Gäste kamen zu gleicher Zeit, die bedient sein wollten, und denen konnte er sich nicht entziehen. Lieschen mußte nachher ebenfalls herein, um mit aufwarten zu helfen, und gegen Mittag erschien auch der arme Teufel von Unterkellner, ein furchtbar magerer, aufgeschossener Bursch, der aus Aermeln und Hosen herausgewachsen war und jetzt einen unförmlich aufgeschwollenen Backen in ein rothbaumwollenes Tuch eingebunden trug. Es war gerade keine appetitliche Erscheinung, aber er konnte eben nicht entbehrt werden.

Eine kleine Anzahl von Gästen aß auch später hier zu Mittag, und das Diner war schon beendet, als der Fremde von heute Morgen wieder herunter kam und noch etwas zu essen verlangte. Er hatte es verschlafen, wie er sagte, ließ sich jetzt an einem kleinen Seitentisch besonders decken, bestellte eine Flasche St. Julien und gab sich dann dem Genuß der Speisen mit aller Ruhe hin.

Das Speisezimmer war geräumt, die noch vorhandenen Gäste waren nebenan in das Billardzimmer gegangen, um bei einer Partie ihren Kaffee zu trinken. Der Fremde saß auch bei seiner Tasse im Zimmer und rauchte seine Cigarre, während Herr Louis, dicht neben ihm, aus einem Teller voll Knackmandeln diejenigen Mandeln aussuchte, die durch ihren Umfang zu der Hoffnung eines Vielliebchens berechtigten. Er drückte sich auch nicht absichtslos um den Gast herum, denn er hielt die Gelegenheit für günstig, ihn jetzt ein wenig über seine Absichten auszuforschen. Hatte er doch selber kühne Pläne auf die Hand der noch immer rüstigen und sogar noch hübschen Wittwe — oder vielmehr auf das Hotel, bei dem er die Wittwe nur als Zugabe — gewissermaßen eine Formsache — heirathen mußte, und nicht die geringste Lust, hier einen möglichen neuen Heirathscandidaten so ohne Weiteres heran und ihm freie Hand zu lassen.

Es war aber mit dem Mann nichts anzufangen, er blieb einsilbig und suchte allen an ihn gestellten Fragen vorsichtig auszuweichen. Das aber bestärkte Herrn Louis nur noch mehr in seinem Verdacht, und er begann jetzt seinerseits einen neuen Operationsplan zu entwerfen. So viel hatte er schon herausbekommen, daß der Fremde wenig über die Verhältnisse des Hauses wußte, jedenfalls seit langen Jahren nicht in B. gewesen war. Trug er sich also wirklich mit solchen Plänen, wie Herr Louis fürchtete, so wollte er einmal versuchen, diese mit einem Schlag über den Haufen zu werfen und dann jedenfalls zu sehen, was der Herr für ein Gesicht dazu machte. Mißglückte es, nun so war es immer kein Unglück und nur ein Scherz gewesen, oder — der Fremde konnte ihn auch falsch verstanden haben. Herr Louis beschloß nämlich, der Wirthin einen zweiten Mann zu octroyiren.

Die Wirkung war aber nicht so mächtig, wie sie der eifersüchtige Kellner erwartet hatte. Der Fremde nahm die neue Nachricht ziemlich ruhig hin und fragte nur etwas erstaunt:

„Hm — ich glaubte, die Madame hieße noch Müller?“

„Du lieber Gott,“ meinte Herr Louis achselzuckend, „der Müller giebt’s gar viele. Ihr jetziger Mann führt denselben Namen.“

„Ja,“ sagte der Fremde, „das ist wahr. Ich heiße ebenso,“ und dampfte ruhig weiter.

Herr Louis wußte jetzt ebenso wenig, woran er mit dem räthselhaften Menschen war. Hatte er vielleicht eine Schuldforderung einzukassiren? Daß er die Frau vom Haus unter jeder Bedingung selber sehen wollte, sprach dafür. Das ließ sich vielleicht durch das Fremdenbuch herausbekommen — aber auch das mißglückte. Der Gast schrieb sich ein: „Müller, Particulier, Hamburg — zum Vergnügen,“ stand auf, zündete seine ausgegangene Cigarre wieder an und ging in sein eigenes Zimmer hinauf. Herr Louis aber blieb unten an dem Tisch sitzen und aß in Gedanken drei oder vier Vielliebchen mit sich selber.

Zweites Kapitel.

Das hingeworfene Wort des Burschen war aber trotzdem auf fruchtbaren Grund gefallen, denn es schien dem Fremden doch nicht so ganz gleichgültig, ob Madame Müller wieder geheirathet habe oder nicht — wenn auch aus einem anderen Grund, als Herr Louis dachte.

„Hm, hm, hm,“ sprach er leise vor sich hin, indem er in seinem Zimmer auf und ab ging und, die Stirn in tiefe Falten gezogen, seinen eigenen — wie es schien, eben nicht angenehmen — Gedanken nachhing. „Das ist wieder ein Strich durch die Rechnung — also auf’s Neue verheirathet. Welches Interesse wird jetzt der neue Mann an dem alten Schwager nehmen, und wenn ich ihr nun auch meine ganze verzweifelte Lage vorstelle, da — speist mich der Herr Gemahl vielleicht aus verwandtschaftlichen Rücksichten mit fünf oder zehn Thalern ab, und meine letzte Hoffnung ist mir zu Grunde gerichtet.“

„Und meine arme Frau?“ fuhr er nach einer langen Pause fort, indem er, die Stirn an das Fensterkreuz gelehnt, durch die Scheiben auf die Dächer hinausstarrte. „Seit fünf Vierteljahren sitzt die jetzt in Breslau, während ich in der Welt herumfahre und Brot für uns Beide suche, wo ich mich selber kaum am Leben erhalten kann. — Eine verfluchte Einrichtung in der Welt, daß die eben Alles haben, die nichts brauchen, und die Alles brauchen, welche nichts haben. Hol’ der Teufel dieses socialistische System — wenn ich nur auf eine glückliche Idee fallen könnte, das Herz meiner unbekannten Schwägerin zu erweichen.“

Er warf sich mit diesen Worten in einen Lehnstuhl, das rechte Bein über das linke, stützte den Kopf in die Hand und starrte finster brütend auf die ihm gegenüber befindliche Wand. Sein Blick fiel dort auf ein Oelgemälde, das Brustbild eines Mannes, ohne aber im Anfang das Bild desselben in sich aufzunehmen. Nur wie in’s Leere starrte er wohl eine volle Viertelstunde darauf hin, bis das Portrait allmählich Farbe und Gestalt annahm, und seine eigenen Gedanken wieder zu seiner nächsten Umgebung zurückkehrten.

Das Bild stellte einen Herrn in einem blauen Frack mit blanken Knöpfen dar, der eine etwas steife Cravatte, einen aufgedrehten Schnurr- und kurzen Backenbart trug. Mit besonderer Sorgfalt war aber vorzüglich die gestickte Weste und die goldene Uhrkette gemalt, und die rechte Hand auch, etwas gewaltsam heraufgebracht, möglicher Weise um einen sehr schönen und großen Siegelring daran zu zeigen. Es war in der That kein großes Kunstwerk, aber eines von jenen Bildern, denen man trotz einer sehr mittelmäßigen Auffassung, ansieht, daß sie eine gewisse Aehnlichkeit haben.

Des Fremden Gedanken schienen sich aber doch nicht lange auf einen Punkt fesseln zu lassen. Er sprang auf und ging eine Weile mit untergeschlagenen Armen im Zimmer auf und ab — und dennoch fiel sein Blick immer wieder auf das Bild, das ihn anfing zu geniren. Es hatte eine Aehnlichkeit mit Jemandem, den er kannte, und er konnte nicht heraus bekommen mit wem. Es ist das gerade so, als ob wir uns auf einen bekannten Namen besinnen wollen und können nicht darauf kommen; was im Stande ist, einen Menschen den ganzen Tag zu quälen. Aber das Grübeln half nichts; die Gedanken peinigten ihn, und er beschloß, einen Spaziergang durch die Stadt zu machen. Eben trat er aus seinem Zimmer, als Herr Louis vorbeiging.

„Wollen eine kleine Promenade machen?“ sagte er verbindlich.

„Ja,“ lautete die etwas zerstreute Antwort, „aber — apropos, Oberkellner, wen stellt denn das Bild da drinnen vor?“

„Das Bild? Welches meinen Sie?“

Der Fremde schloß statt aller Antwort das Zimmer wieder auf und deutete auf das über der Commode hängende Oelgemälde.

„Ah, das!“ sagte Herr Louis, indem er sich im Zimmer umsah, „das ist eben der verschollene Herr Müller, der frühere Mann unserer Frau. Soll sehr ähnlich gewesen sein.“

„In der That?“ rief der Fremde, und wäre Herr Louis jetzt nicht selber in dem Anschauen des Bildes vertieft gewesen, so hätte ihm nicht entgehen können, daß diese Nachricht einen eigenthümlichen Eindruck auf den Gast machte. „Aber wie kommt das Bild des Wirths hier in ein Gastzimmer?“ fragte dieser endlich nach einer Pause.

„Dies Zimmer,“ sagte Herr Louis, „ist erst seit ein paar Tagen mit zu dem Hotel genommen; früher war es privat, und da Madame verreiste, blieben die Bilder noch vor der Hand hängen.“

„Und ihr jetziger Mann ist zu Haus?“ fragte der Fremde.

„Ihr jetziger Mann?“ sagte Herr Louis, der im ersten Moment ganz seine Lüge vergaß, „ja so — Sie meinen den jetzigen Herrn Müller. Nein — der ist auch verreist — eine Geschäftsreise nach Bordeaux, um Wein zu kaufen, wird aber auch in den nächsten Tagen zurückerwartet.“

„So?“ sagte der Fremde rasch, und schien merkwürdiger Weise ganz vergessen zu haben, daß er hatte ausgehen wollen, denn er setzte sich wieder in den Lehnstuhl und stellte den Hut neben sich. Dort blieb er auch sitzen, als Herr Louis schon lange das Zimmer verlassen hatte, zündete nicht einmal ein Licht an, und ging erst etwa gegen zehn Uhr in das Gastzimmer hinunter, um sein Abendbrot zu verzehren.

Es mochte halb elf Uhr sein, als er damit fertig war (die sämmtlichen Gäste hatten den Wirthsraum schon verlassen) und noch eine zweite Flasche Wein bestellte. Er begann diese, langsam an seinem Glase nippend — der Unterkellner lehnte mit verbundenem Gesicht zwischen dem Büffet und der Thür und schlief, die Serviette fest unter den linken Arm geklemmt, und Herr Louis stand an seinem Pult, notirte eben die zweite Flasche und erwog in seinen Gedanken, ob der Reisesack da oben auf Nr. 36 so viel werth sein möchte, wie die auflaufende Rechnung. Nebenbei überlegte er aber auch noch, weshalb der Fremde so überrascht gewesen sei, als er gehört habe, daß jener mythische zweite Herr Müller vereist sei, denn das hatte ihm doch nicht entgehen können.

„Herr Oberkellner!“

„Befehlen?“

„Bitte — trinken Sie nicht ein Glas Wein mit? Es schmeckt besser zu Zweien.“

Herr Louis machte nur eine der Einladung entsprechende Bewegung, nahm sich ein Glas vom Büffet, versetzte dabei dem jungen Burschen einen leisen Knuff, denn die Gelegenheit war zu günstig, und nahm dann neben dem Gast Platz. Bei einem Glase Wein ließ sich doch am Ende herausbekommen, was er eigentlich beabsichtige. Aber auch hierin sah er sich getäuscht, denn der Fremde schien sich auffallender Weise viel mehr für den todten, wie für den lebendigen Herrn Müller zu interessiren, und da Herr Louis recht gut wußte, daß es kein besseres Mittel gab — wenn alle anderen fehlschlugen — um Jemanden zum Erzählen zu bringen, als wenn man selbst damit beginnt, so theilte der Oberkellner jetzt dem Fremden Alles mit, was er selber über den „Seligen“ wußte.

„Er war vier oder fünf Jahre mit >der Frau< verheirathet gewesen,“ begann Herr Louis seine Erzählung, „und, wie Alle behaupten, sehr glücklich. Dann kam die unselige Reise. Der Dampfer scheiterte, von einem heftigen Sturme verschlagen, auf den Goodwinsands, und nur ein Theil der Mannschaft und Passagiere wurde gerettet. Doch das Alles hatte ja damals in den Zeitungen gestanden und war bekannt, nur Eines schien auch dem Fremden neu, daß nach mehreren Monaten nämlich noch ein paar Leute von eben demselben Schiff auftauchten, die man damals für mit verunglückt gehalten hatte. Diese waren nämlich in der Nacht von einem amerikanischen Schiff aufgefischt worden und mit nach New-York genommen, und sagten auch aus, daß noch ein anderer Schooner ebenfalls an der Stelle gehalten habe und beigedreht wäre — ob er es aber ermöglichte, noch Jemanden zu retten, wüßten sie natürlich nicht, und eine ganze Zeit lang sei dann das Gerücht gegangen, der „selige Herr Müller“ lebe noch, wäre in New-Orleans gelandet und würde mit dem nächsten Schiff zurückkehren. Aber es mußte doch nur ein bloßes Gerücht gewesen sein, denn Jahr nach Jahr verging und Herr Müller kam nicht wieder. Er war jedenfalls in jener Unglücksnacht mit der Mehrzahl der Passagiere zu Grund gegangen.“

Während Herr Louis das erzählte, hatte der Fremde den letzten Rest der Flasche geleert und machte Miene, aufzustehen. Damit war aber dem Oberkellner nicht gedient, der entweder selber heut Abend Appetit zu einem Glas Wein hatte, oder dabei noch etwas aus dem schweigsamen Mann herauszupressen suchte. Vor allen Dingen schickte er den Jungen zu Bett, holte dann selber noch eine Flasche Chateau Margaux herbei und wollte sich eben wieder an den Tisch setzen, als draußen auf der Treppe ein furchtbares Gepolter laut wurde. Aber es war nur der Unterkellner mit dem dicken Backen gewesen, der im Schlaf die Treppe herunterfiel. Unten raffte er sich wieder auf und erneute den Versuch, in sein Bett hinauf zu kommen, während Herr Louis dem Gast erzählte, was er für eine Noth mit dem Jungen habe.

Der sonst so schweigsame Gast thaute aber bei der dritten Flasche ordentlich auf, und fing an, Anekdoten, besonders aus dem Theaterleben, zu erzählen, daß sich Herr Louis vor Lachen ordentlich ausschütten wollte. Bei jeder Anekdote fiel aber Herrn Louis ebenfalls eine entsprechende — wenn auch aus einem anderen Wirkungskreis — ein, und es war zwei Uhr Morgens, ehe sich die beiden würdigen Leute, und zwar als die besten Freunde trennten. Von den früheren Verhältnissen des Trinkcumpans hatte Herr Louis aber eben so wenig zu hören bekommen, wie er vorher gewußt — trotz der fünf Flaschen Rothwein, die sie nach und nach mit einander ausgetrunken; und als Herr Louis zu Bett schwankte, ging der Fremde mit festen Schritten in sein Zimmer hinauf und wanderte dort wohl noch eine volle Stunde mit untergeschlagenen Armen auf und ab. Er konnte jedenfalls mehr vertragen als der Oberkellner.

Herr Louis erwachte am nächsten Morgen mit Kopfschmerzen und außerdem noch mit einem unbestimmten Gefühl, daß er in dieser Nacht sehr fidel gewesen und der Fremde ein „famoser Bursche“ sei. Zwei Sachen drückten ihn aber dabei, und er hatte eine dunkle Ahnung, daß er sich mit ihm Du genannt und wußte nicht recht genau, ob er ein Vielliebchen mit ihm gegessen habe oder nicht. Aber er bezweifelte Beides wieder, als der Fremde zum Kaffee herunter kam und ihn sehr artig und förmlich „Herr Oberkellner“ nannte. Nachher ging er wieder hinauf auf sein Zimmer.

So verging der Tag und es neigte sich schon gegen Abend, als draußen vor der Küche ein kleines Intermezzo spielte. Lieschen nämlich, so kalt und gefühllos sie auch gegen die Aufmerksamkeiten des oft schwachen Herrn Louis blieb, und so schnippische Antworten sie seinen gewähltesten Redensarten entgegensetzte, besaß doch ein zartfühlendes Herz, das, wie das so oft in der Welt geschieht, einem Paar rothen Aufschlägen und überhaupt dem zweifarbigen Tuch nicht hatte widerstehen können. Der Sergeant Meier schien es mit Sturm erobert zu haben, und da sich die beiden jungen Leute bis dahin noch keinen eigenen Herd gründen konnten, begnügten sie sich vor der Hand mit dem des Hotel Müller; d. h. Lieschen steckte dem Geliebten, wo das nur immer verstohlen anging, aufgesparte Leckerbissen zu, und Sergeant Meier zehrte dann später in seiner eigenen Klause an diesen und seiner Liebe zu Elisabeth.

Die Abendstunde war dabei, als die passendste für derlei Ueberlieferungen, ausersehen worden, und die Sache schon eine lange Weile gut gegangen und unentdeckt geblieben. Heute wollte es aber Lieschen’s böser Stern, daß Herr Louis gerade in dem unseligen Augenblick den in die Küche führenden Gang betrat, als Sergeant Meier eben seinen Deputat-Topf unter den Mantel schob. Nach dieser Begegnung schien er aber ein längeres Zögern für unnöthig zu halten, grüßte den verdutzten Oberkellner steif und militärisch mit der Hand an der Mütze, machte rechtsumkehrt und verschwand durch die nächste Thür, während Lieschen in aller Verlegenheit über die Entdeckung nicht gleich wußte, ob sie sich ebenfalls entfernen oder bleiben sollte.

„So?“ machte aber Herr Louis, der seine Sprache wieder erlangte, als der handfeste Sergeant verschwunden war, ihren Zweifeln ein Ende; „das sind mir ja schöne Geschichten! Also das Essen schicken wir aus dem Haus, mischen uns in die Militärfrage, haben einen Sergeanten zum Liebsten und benutzen das Hotel Müller zu einer Speiseanstalt für verwahrloste Krieger?“

„Aber bester Herr Louis!“

„O ja, jetzt heißt es bester Herr Louis,“ fuhr aber der gereizte Oberkellner fort, indem er seine rechte Chausseeseite mit Gewalt zum Aufsträuben brachte „und sonst kann man kaum einen freundlichen guten Morgen über die Lippen bringen! Fräulein Lieschen — ich bedaure, diese Entdeckung gemacht zu haben.“

„Aber bester Herr Louis,“ fuhr das arme Mädchen fort, denn sie fürchtete jetzt nichts mehr, als daß es der beleidigte Oberkellner ‚der Frau‘ sagen würde, — „es war ja wirklich nur das erstemal und soll nie, nie wieder geschehen. — Ich hatte mir ja doch auch nur mein eigenes Abendbrot aufgehoben, weil ich gestern Abend nichts essen konnte.“

„Ihr eigenes Abendbrot, so?“ bemerkte aber Herr Louis spöttisch, „und das war wohl kein Truthahnbein, was aus dem Topf herausguckte?“

„Nichts wie ein Carbonadenknochen — wirklich, Sie können mir es glauben — und an dem überdies nur noch das halbe Fleisch!“ betheuerte das Mädchen. „Seien Sie doch nicht so häßlich; ich thue Ihnen ja auch Alles zu Gefallen, was ich nur kann.“

„Ja wohl,“ bemerkte Herr Louis, „nicht einmal ein Vielliebchen wollten Sie mit mir essen.“

„Ach, ich hatte in dem Augenblick gerade so viel zu thun. Warum sollte ich denn kein Vielliebchen mit Ihnen essen wollen; da ist doch gar nichts dabei. Wenn Ihnen das Freude macht, mit Vergnügen.“

Herrn Louis’ Herz schmolz. Selbst der Sergeant schwand in dem Augenblick in ein Atom zusammen. Während er noch unwillkührlich, wie ein dumpf nachgrollendes Gewitter, mit der linken Hand durch die entsprechende Chausseeseite fuhr, suchte die rechte schon in der Seite der Jackentasche ein paar gefangen gehaltene Knackmandeln, und mit den versöhnenden Worten: „Nehmen Sie sich nur um Gottes Willen in Acht, daß Ihnen die Frau nicht einmal bei einer solchen Militärversorgung in den Weg läuft,“ brach er die Mandel auf und reichte Lieschen die eine Hälfte des Zwillingspaares.

„Aber passen Sie auf, Herr Louis, ich gewinne es Ihnen ab.“

„Darauf riskir ich’s!“ versicherte der Oberkellner, indem er seine Hälfte auf den Kopf biß.

„Aber unten in der Wirthsstube gilt es nicht, Herr Louis,“ verwahrte sich Lieschen, „denn wo man seinen Dienst hat, kann man nicht an solche Sachen denken.“

„Topp,“ versicherte Herr Louis, äußerst coulant in allen solchen Bewilligungen, wo er erst einmal Jemanden fest in seinem Netz hatte.

„Frau Müller nicht zu Haus?“ sagte in diesem Augenblick eine Stimme, nach der sie sich etwas überrascht umsahen. Sie gehörte auch einer noch nicht alten Dame oder Frau — Herr Louis wußte nicht gleich, zu was er sie rechnen sollte, — die gerade durch die offene Hausthür trat und einen einfachen braunen Hut auf, und einen Shawl umhängen hatte.

„Nein — verreist,“ sagte er übrigens kurz, denn er wünschte in diesem Augenblick nicht gestört zu werden.

„Und wann kommt sie zurück?“ fragte die Fremde artig.

„Heute — Zeit unbestimmt.“ Damit wandte sich Herr Louis ab und wollte Lieschen eben noch eine Bemerkung mittheilen, als ihn eine andere Stimme ganz unerwarteter Weise an seine Pflicht mahnte.

„Nun, Louis — hören Sie denn nicht wie drinnen geklingelt wird? Was habt Ihr Beiden denn hier draußen zu stehen und zu schwatzen? Man darf doch nur den Rücken wenden — und es geht Alles drunter und drüber — Sie mein’ ich, Herr Oberkellner! Haben Sie mich verstanden?“

Herr Louis mußte es verstanden haben, denn die Aufforderung war gar nicht falsch zu verstehen, er selber aber über das plötzliche und unverhoffte Erscheinen der Frau, wie über die barsche Anrede — noch dazu vor dem Stubenmädchen — so verdutzt geworden, daß er im ersten Moment wie vor den Kopf geschlagen dastand. Die letzten Worte aber brachten ihn wieder zu sich selber.

„Bitte um Verzeihung, Madame,“ sagte er würdevoll, „wurde eben herausgerufen, da die Frau da —“ und er zeigte mit dem Daumen über die Achsel nach der Fremden, „Sie zu sprechen verlangte; Ich versäume nie meine Pflicht,“ und mit einer leichten, aber stolzen Verbeugung schwenkte er rechts ab und in die Wirthsstube hinein. Lieschen hatte schon den vorhergegangenen Moment benutzt, um in die Küche zu fahren und der Frau außer Sicht zu kommen.

Die Wirthin hatte sich indessen nach der Fremden umgesehen, der es natürlich nicht entgehen konnte, wen sie hier vor sich hatte. Mit einem leichten Gruß überreichte sie ihr auch, ohne weitere Worte, einen schon bereit gehaltenen Brief, den Frau Müller öffnete, flüchtig übersah, und dann die vor ihr Stehende von Kopf bis zu Füßen, musternd, etwas freundlicher als bisher, sagte:

„Kommen Sie mit hinauf auf mein Zimmer. Was wir mit einander zu reden haben, können wir doch nicht hier auf der Hausflur abmachen.“

Frau Müller war in der That noch eine rüstige, selbst hübsche Frau von stattlichem Aeußern, nur mit einem sehr entschiedenen fast männlichen Benehmen, wie es freilich ihre lange selbstständige und unabhängige Stellung mit sich gebracht, und die Fremde schien sich beim ersten Begegnen gedrückt davon zu fühlen. Das verlor sich aber bald, oder milderte sich wenigstens bei einer längeren Unterhaltung, die das Interesse Beider in Anspruch nahm.

Frau Müller suchte nämlich eine Wirthschafterin, und die eben eingetroffene Frau brachte ihr einen Empfehlungsbrief von einer Freundin, in dem sie ihr das beste Zeugniß gab und ihr Engagement warm befürwortete. Die Frau hatte oben im Zimmer, als sie nur eben Hut und Tuch abgelegt, den Brief noch einmal aufmerksam durchlesen und sagte dann, sich schon mit einem viel freundlicheren Gesicht zu der Fremden wendend:

„Also Sie haben Lust bei mir die Wirthschaft zu führen und glauben derselben vorstehen zu können? — Aber bitte, setzen Sie sich doch — Sie sind mir hier durch Frau Ludloff warm empfohlen worden.“

„Ich habe wenigstens den besten Willen,“ sagte die Fremde schüchtern, indem sie der Einladung Folge leistete.

„Und Ihr Name ist? — meine Freundin nennt Sie hier in dem Brief nur bei Ihrem Vornamen, Therese.“

„Wie der Ihrige — Müller!“

„Der Name ist allerdings ziemlich allgemein. Sie waren verheirathet?“

„Ich bin es noch,“ seufzte die Fremde, „aber mein Mann verließ mich vor fünfzehn Monaten schon, um irgendwo eine Beschäftigung für sich — eine Heimath für uns zu suchen und — kehrte nicht zurück — schrieb auch nicht, und ich kann jetzt nicht anders glauben, als daß ihn irgendwo ein Unglück betroffen hat. Bis jetzt ernährte ich mich auch mit weiblichen Arbeiten, denn Vermögen besaßen wir nicht — aber diese werden ja zu ärmlich bezahlt; meine Augen verhinderten mich außerdem, Abends bei Licht zu arbeiten, und ich sah bald, daß ich mich damit nicht am Leben erhalten konnte. Da rieth mir Frau Ludloff, die mich viel beschäftigt und sich stets sehr freundlich gezeigt hatte, mich an Sie zu wenden, und da sie selber glaubte, ich würde diese Stelle zu Ihrer Zufriedenheit ausfüllen können, so — wagte ich es, mich Ihnen vorzustellen. Wollen Sie einen Versuch mit mir machen, so werde ich gewiß Alles thun, was in meinen Kräften steht, mir Ihre Zufriedenheit zu erwerben.“

Ein eigener schmerzlicher Zug hatte sich über das Antlitz der Wirthin gelegt, als sie dem einfachen und doch so wehmüthigen Bericht der Fremden lauschte; schilderte diese doch auch einen Theil ihrer eigenen Geschichte, wenn sie selber auch nie mit Nahrungssorgen zu kämpfen gehabt. Aber sie wußte dafür um so besser, wie weh es thut, den Gatten zu verlieren und dann noch Monate — Jahre lang zu zweifeln, ob er wirklich verloren sei — zu hoffen, daß er wiederkehre, und dann seine Hoffnung immer und immer wieder getäuscht zu sehen. — Und was mußte die arme Frau Alles durchgemacht haben, die da still und in ihr Geschick ergeben vor ihr saß und sich ihren Weg durch dieses Leben allein und freundlos nun erkämpfen mußte. — Sie fühlte tiefes Mitleiden mit ihr und beschloß, sie jedenfalls anzustellen. Zeigte sie sich dann auch nicht gleich in allem Anfang recht geschickt für ihren neuen Dienst, so ließ sich ja Alles lernen, wenn man nur ein wenig Geduld mit ihr hatte.

„Und haben Sie lange in Breslau gelebt?“ fragte sie endlich, um in ihrer Entscheidung nicht zu rasch und voreilig zu scheinen.

„Nur zwei Jahre,“ lautete die Antwort, „mein Mann war früher Reisender; als wir uns aber verheiratheten, gab er das auf, um ein eigenes kleines Geschäft in Hamburg zu gründen. Wir hatten jedoch Unglück; ein Brand zerstörte Alles, was wir besaßen, ohne daß ein Stück versichert gewesen, und — wie das so geht,“ setzte sie zögernd hinzu, „ein Unglück kam zum anderen, bis es uns endlich — gänzlich ruinirte.“

„Wie hieß Ihr Mann mit Vornamen?“ fragte da die Wirthin, die bei dem letzten Bericht aufmerksam geworden war.

„Ferdinand,“ lautete die Antwort.

„Aus Danzig gebürtig?“

„Haben Sie ihn gekannt?“ fragte die Fremde erstaunt, „er war allerdings in Danzig zu Haus.“

„Ihn nicht,“ seufzte die Wirthin und schüttelte traurig mit dem Kopf, „aber hat er Ihnen nie erzählt, daß er einen Bruder gehabt?“

„Allerdings; doch wie es scheint, haben sich die beiden Brüder nie recht mit einander vertragen können; wenigstens keinen Verkehr mitsammen gehabt.“

„Weil —“ wollte ihr die Wirthin rasch erwidern; aber noch ehe sie weiter sprach, fiel ihr ein, daß sie der armen Frau mit ihrer Antwort wehe thun müßte; sie brach deshalb kurz und freundlich ab, „aber das sind Sachen, die uns jetzt zu fern liegen und der Vergangenheit angehören; nur daran haben wir uns noch zu halten, daß wir eigentlich Verwandte, und zwar ganz nahe Verwandte sind.“

„Wir Beide?“ rief die Fremde erstaunt.

„Allerdings,“ sagte die Wirthin; „unsere Männer waren Brüder, und oft habe ich den meinigen von seinem Bruder Ferdinand sprechen hören.“

„Du großer Gott!“ seufzte die Fremde — aber wie es schien, mehr erschreckt als erfreut, „davon hatte ich freilich keine Ahnung, und was müssen Sie jetzt von mir denken, daß ich mich da gerade in meiner bedrängten Lage an Sie gewandt.“

„Lassen Sie sich das um Gottes Willen keine Sorge machen,“ sagte die Wirthin gutmüthig. „Erstlich thaten Sie es unbewußt, und dann verlangen Sie ja auch von mir gar keine Unterstützung. Sie bieten mir Ihre Arbeit gegen einen entsprechenden Gehalt, und die Verwandtschaft soll da wahrlich kein Hinderniß sein — wenn Sie selber sich nicht gedrückt dadurch fühlen. Aber da thäten Sie großes Unrecht,“ setzte sie fast herzlich hinzu, „denn ich hoffe, daß wir uns recht gut mit einander vertragen werden. Keine weitere Einrede, Frau Therese,“ lachte sie, „denn den Namen Müller müssen wir bei Seite lassen, sonst gäbe es nichts als Verwirrung im Haus; und jetzt kommen Sie mit mir, daß ich Ihnen gleich Ihr Zimmer anweisen und einen kurzen Ueberblick über Ihre Pflichten geben kann, alles Uebrige machen wir dann später in Ruhe ab, wenn Sie erst einmal bei mir eingezogen sind.“

Sie ließ auch in der That keine Einrede gelten, führte die Schwägerin selber hinüber in das für sie bestimmte freundliche Gemach, ließ ihre Sachen aus dem Gasthaus holen, in dem sie abgestiegen war, und versprach ihr dann, die ersten Tage mit ihr Alles gemeinschaftlich zu besorgen, damit sie sich erst in das Haus eingewöhne, nachher würde es nicht die geringste Schwierigkeit haben, wenn sie es allein besorgen sollte. Sie erzählte ihr dabei, daß sie allerdings die Absicht gehabt habe, die ganze Wirthschaft zu verpachten und sich vollständig von allen Geschäften zurückzuziehen, denn eigentlich gehöre zur richtigen Führung eines solchen Anwesens ein Mann, und da sie nicht wieder zu heirathen gedenke, wäre sie doch gezwungen, es mit der Zeit aufzugeben. Bis sie aber Jemanden gefunden habe, der ihr auch wirklich convenire, wolle sie es doch lieber selber fortführen, denn einmal habe sie es von ihren Eltern überkommen, und dann auch werfe es wirklich einen zu guten Nutzen ab, um es eben unnöthiger Weise und aus freien Stücken aufzugeben.

Das besorgt, ging sie wieder in ihr Zimmer hinüber und ließ Herrn Louis zu sich heraufrufen, der aber dem Befehl nicht eher Folge leistete, bis er sich in seiner eigenen Kammer davon überzeugt hatte, daß sein Chemisette tadellos sei und sein Toupet nichts zu wünschen übrig lasse. Dann meldete er sich bei der Frau.

„Louis,“ redete ihn diese an, ohne seine Toilette auch nur eines Blickes zu würdigen, denn sie war gerade mit der Durchsicht einiger Papiere beschäftigt; „ich habe heute eine Wirthschafterin in’s Haus genommen, die an meiner Statt die Leitung des Hotels übernimmt, und deren Anordnungen Sie in jeder Weise folgen werden. Haben Sie mich verstanden?“

„Madame!“ sagte Louis, durch diese Eröffnung nicht unerheblich bestürzt, denn diese Wendung lief seinen eigenen Hoffnungen und Wünschen schnurstracks entgegen.

„Nun?“ sagte diese und wandte den Kopf nach ihm um, „haben Sie vielleicht etwas dagegen einzuwenden?“

„Ich?“ rief Herr Louis erschreckt, „bitte, Madame — wie kommen Sie darauf. Ich — ich hatte nur gehofft —“

„Was?“

„Daß ich — daß ich selber vielleicht im Stande sein würde —“

„Im Stande? Was? So reden Sie doch deutlich heraus, und machen Sie dann, daß Sie wieder hinunter auf Ihren Posten kommen. Was hatten Sie gehofft?“

„Daß ich selber im Stande sein würde, Ihr Vertrauen so weit zu rechtfertigen,“ brach jetzt Herr Louis mit einem verzweifelten Entschluß aus, „mir die Leitung Ihres Hauses anzuvertrauen, denn eine Dame —“ er stak wieder fest.

„Ihnen? So?“ sagte die Frau und wandte sich gegen ihn um, „und nicht einmal den Rücken kann man wenden, ohne daß Sie hinter dem Lieschen her sind und ihr mit Ihren Albernheiten keine Ruhe lassen.“

„Aber Madame —“

„Ich weiß Alles,“ unterbrach ihn aber die Frau. „Mit Ihrem dummen Vielliebchenessen, mit dem Sie Gott und die Welt quälen und mir jeden Monat beim Kaufmann eine Rechnung von ein paar Thalern für Knackmandeln auflaufen lassen — Und das Lieschen —“

„Aber Madame!“ rief jetzt Herr Louis noch einmal, denn die Beschuldigung mit dem Stubenmädchen traf ihn um so tiefer, weil sie nicht ganz unbegründet war, „glauben Sie denn wirklich, daß ich mich so wegwerfen würde, um mit der Mamsell ein Verhältniß anzuknüpfen? Nein, ich habe größeren Ehrgeiz, denn, die Knackmandeln ganz abgerechnet, die nun einmal bei einem anständigen Dessert nicht fehlen dürfen, trage ich die Ueberzeugung in mir, daß ich dem ersten Hotel der Welt würdig vorstehen könnte, und wenn ich bis jetzt alle die mir gemachten brillanten Anerbietungen von der Hand wies — wenn ich bis jetzt —“ und sein Auge haftete mit leidenschaftlicher Gluth auf der Wittwe, während er fast unwillkürlich mit dem rechten Fuß ausschritt und die rechte, etwas große und rothe Hand mit weit ausgespreizten Fingern gegen sie streckte, „selbst meinem Herzen einen unnatürlichen Zwang auflegte und da schwieg, wo meine ganze Seele —“ er stak fest, denn die Frau hatte sich ganz erstaunt nach ihm herumgedreht und ihr Blick brachte ihn vollständig aus dem Concept.

Wohl hatte er sich diese Rede, gerade den günstigen Zeitpunkt geduldig abwartend, oft und oft in seiner eigenen Stube und vor dem kleinen schmalen Spiegel einstudirt, aber dabei natürlich nur immer in sein eigenes unwiderstehliches Gesicht geschaut. Jetzt fand er sich aber der Wittwe selber gegenüber, und der Ausdruck ihrer Züge war dabei ein so wenig ermunternder, daß er den Faden vollständig verlor und gerade im entscheidenden Moment, wie schon erwähnt, gründlich stecken blieb.

„Sagen Sie mal, Louis,“ nahm da für ihn die Frau das Wort, seine poetische Rede mit einer höchst prosaischen Wendung unterbrechend, „Sie haben wohl heute zu Ihren Knackmandeln Rothwein getrunken? — oder sind Sie übergeschnappt? In beiden Fällen bleibt mir weder Zeit noch Lust, Ihren Unsinn anzuhören; haben Sie deshalb die Güte, sich wieder hinunter zu bemühen und Ihren Geschäften nachzugehen — wenn Sie es nicht vielleicht vorziehen sollten, sich in’s Bett zu legen. — Schon gut — Sie sehen, daß ich zu thun habe. Die neue Wirthschafterin heißt Frau Therese, und daß ich von ihr keine Klagen über Sie höre wie die bisherigen, — sonst müßte ich Sie Ihren übrigen brillanten Anerbietungen überlassen. Jetzt machen Sie, daß Sie hinunterkommen.“

Dieser letzte Befehl war zu deutlich, als daß er noch eine fernere Zögerung gestattet hätte, und Herr Louis, aus all’ seinen Himmeln gestürzt, und in einer Stimmung, in der er eine Welt hätte vergiften können, mußte wieder hinunter in das Gastzimmer und mit der Serviette unter dem Arm die Gäste fragen, ob sie zu ihrem Beefsteak Kartoffeln oder Salat wünschten.

Drittes Kapitel.

Oben in der Stube auf Nr. 36, saß indessen der „Particulier Müller“ und brütete über einem großen Gedanken.

„Das ist meine einzige Rettung,“ flüsterte er leise vor sich hin, indem er, den Kopf in die Hand gestützt, in der Sophaecke saß und wieder das Bild anstarrte, „wir sind uns immer so ähnlich gewesen, daß wir oft mit einander verwechselt wurden — ich habe sogar einmal für meinen Bruder unschuldiger Weise Prügel bekommen. — Wenn ich jetzt vor sie hinträte — wenn ich ihr sagte: Josephine kennst Du mich nicht mehr? Bin ich Dir so ganz fremd geworden? Hast Du Deinen Caspar in den wenigen Jahren schon vergessen? — Dann ist sie nicht mehr im Stand an eine Täuschung zu glauben. Die Zeit drängt dabei. — Der neuen Banden wegen, die sie fesseln, müssen die alten vor der Welt geheim gehalten werden. Ich ehre ihr Unglück — ich bin erbötig, mit dem ersten Schiff Europa zu verlassen und ihr in einem fremden Welttheil die Ruhe, den Frieden zu sichern, aber — mir fehlen dazu die Mittel. Fünfhundert Thaler setzen mich dazu in Stand, den für Beide nothwendigen Schritt zu thun — fünfhundert Thaler sind für sie eine Kleinigkeit — ihre alte Liebe kommt dazu — Reue über das Geschehene, was glücklicher Weise nicht mehr zu ändern ist, und morgen — kehre ich zu meiner armen Frau zurück und beginne mit dem Geld ein neues Geschäft. Ich will ja arbeiten, wenn mir nur die Hände nicht mehr gebunden sind, wenn ich mich erst wieder frei bewegen kann. Ich will das alte leichtsinnige Leben abschwören, ich will ein ordentlicher, fleißiger Mann werden, und das hier soll der letzte leichtsinnige Streich sein, den ich mache, darauf gebe ich mir selber Hand und Wort.“

Er war aufgesprungen und lief wohl noch eine Viertelstunde mit raschen Schritten in seinem Zimmer auf und ab.

Die Wirthin war zurückgekommen; von dem Hausmädchen hatte er es gehört, und es galt jetzt, keine Zeit mehr zu versäumen. Der Boden brannte ihm unter den Füßen, und je eher er sich dieser ihm drückend werdenden Lage entzog, desto besser. Außerdem wußte ja auch der Kellner, daß er die Frau vom Hause sprechen wolle, und würde ihm sicher, auf den schmächtigen Reisesack hin, keinen längeren Credit bewilligt haben.

Was er zu thun hatte, wußte er auch genau, und um das Eisen zu schmieden, so lange es heiß war, klingelte er dem Oberkellner und bat diesen, ihn bei der Frau zu melden — wenn sie ihn nämlich heut Abend noch annehmen wolle, denn es war indessen fast neun Uhr geworden. Herr Louis, eben nicht in der Laune, die Frau heute Abend noch einmal aufzusuchen, schüttelte aber dazu mit dem Kopf. Sie hatte schon vorhin über Kopfschmerzen geklagt und das Stubenmädchen ihr eben Camillenthee hinaufbringen müssen. Bei Nachtzeit machte man auch keiner Dame einen Besuch, und hatte es so lange Zeit gehabt, so konnte er auch ebenso gut bis morgen früh warten.

Eigentlich war ihm das nicht unlieb, denn im andern Fall hätte er an dem nämlichen Abend fortgemußt, und so stand ihm noch ein gutes Souper mit ein paar Flaschen Wein und ein vortreffliches Bett die Nacht zu Gebot. Die ganze Rechnung ging doch jetzt in einem hin, und es verstand sich von selbst, daß er unter solchen Umständen keinen Pfennig davon bezahlte. Damit also einverstanden, fragte er nur den Kellner, wann er die Frau morgen früh sprechen könnte, und als dieser ihm sagte, daß sie schon um sieben Uhr aufstände und um halb acht fertig angezogen wäre, ging er jetzt selber in den Speisesaal hinunter, um sein Abendbrot zu verzehren.

Lieschen, die Kellnerindienste mit versehen mußte, wenn viele Gäste da waren und dann besonders das Essen zu überwachen hatte, war gerade beschäftigt, dem Particulier Müller ein Couvert aufzulegen, und dieser hielt die Weinkarte in der Hand und studirte eben die Sorten nach, als die neue Wirthschafterin in den Saal kam, um Lieschen zu der Frau hinauf zu beordern. Sie trat auch bis zum Tisch, und Lieschen’s Schulter berührend, theilte sie ihr leise die empfangene Ordre mit, als ihr Blick zufällig auf den Gast fiel, dessen Gesicht von dem vor ihm stehenden Lichte hell beschienen wurde. Sie sah ihn stier an und jeder Blutstropfen verließ dabei ihre Wangen, aber fast unwillkürlich drehte sie sich auch von ihm ab und schritt in demselben Augenblick dem Ausgang wieder zu, als Müller aufsah und eben nur noch ihre fortschreitende Gestalt erkennen konnte. Aber er erschrak — war das die Wirthin gewesen?

„Wer war die Dame,“ fragte er rasch Herrn Louis, der eben mit dem als Vorspeise bestellten Caviar zu seinem Tisch trat.

„Dame —“ sagte aber Herr Louis, verächtlich die Nase rümpfend, indem er einen Blick über die Achseln hinter ihr herwarf, „schöne Dame — das war die neue Haushälterin, die hier die Wirthschaft führen soll — eine schöne Wirthschaft, die das werden wird, und ich wenigstens beabsichtige in nächster Zeit mein Bündel zu schnüren. Denke gar nicht daran, jeder Gans allergehorsamsten Diener zu spielen.“

Herr Louis war gereizt, da aber die neue Haushälterin Herrn Müller nicht im Geringsten interessirte, so machte er sich über den Caviar her, bestellte sich eine Flasche Markobrunner und fühlte sich bald so behaglich, wie sich ein Mann unter solchen Umständen nur fühlen kann.

Die neue Wirthschafterin hatte indessen kaum mit dem ihr folgenden Mädchen den Gang erreicht, als sie stehen blieb und sie fragte, ob sie den Herrn kenne, dem sie eben das Gedeck aufgelegt.

„Gewiß“ lautete die Antwort, „er logirt ja seit ein paar Tagen bei uns und hat auf die Madame gewartet, die er wegen irgend etwas sprechen muß.“

„Und die Frau weiß noch nicht, daß er hier ist?“

„Wenn’s ihr Herr Louis nicht heute Abend gesagt hat. Es war ja schon spät, wie sie ankam. Kennen Sie ihn?“

„Ich? — nein“, lautete die ausweichende Antwort, „aber machen Sie nur, daß Sie zur Frau hinaufkommen; sie hat schon zweimal nach Ihnen verlangt.“

Das Mädchen sprang die Treppe hinauf und Therese blieb mit zitternden Knien unten auf der ersten Stufe stehen. Das war ihr Mann gewesen — unter Tausenden hätte sie ihn im Nu herausgekannt, und ein Irrthum blieb unmöglich. Aber was um des Himmelswillen wollte er hier? — weshalb hatte er sie so böswillig verlassen, ja ihr nicht einmal einen einzigen kleinen Brief, nicht ein Wort des Trostes gesandt, daß er noch lebe und daß es ihm gut gehe. Und weshalb war sie jetzt vor ihm geflohen? — wußte sie es doch selber nicht. Im ersten Augenblick hatte sie ihm an die Brust fliegen wollen, aber dann wieder trieb sie eben so rasch ein ganz eigenes scheues Gefühl von ihm zurück. Sie mußte sich ja erst fassen; sie mußte erst überdenken, was sie thun, wie sie handeln sollte. Und wenn sie jetzt zurückkehrte und auf ihn zutrat und sagte: „Ferdinand, wo bist Du so lange geblieben? Was hab’ ich Dir zu Leide gethan, daß Du mich in Kummer und Elend allein gelassen hast?“ — Aber das ging nicht — die vielen fremden Menschen um sie her. Und sollte sie ihn nicht anreden? Das durfte sie ja doch auch nicht, denn war er nicht möglicherweise selbst in diesem Augenblick auf dem Weg, um sie selber aufzusuchen, und freute er sich nicht vielleicht eben so sehr, sie wieder zu haben, wie ihr Herz ihm noch immer entgegenschlug, trotz allem Herzeleid was er ihr angethan?

Aber sie wollte jetzt nicht übereilt handeln. Er wohnte ja hier im Hause, diese Nacht verließ er dasselbe keinesfalls. Er hatte sie ja auch nicht einmal gesehen und konnte keine Ahnung haben, daß sie ihm so nahe wäre — o, wie weh ihr das im Herzen that, daß sie glauben mußte, er könne sie fliehen, wenn er um ihre Anwesenheit wüßte. — So wollte sie denn vor allen Dingen mit ihrer Schwägerin sprechen und diese um Rath fragen; das schien eine verständige, resolute Frau zu sein, und wenn er sie morgen aufsuchte, konnte sie ihm vielleicht am besten ins Herz reden, daß er sein armes Weib nicht gar so elend machte.

Sie war auch in der That nicht im Stande, dies Gefühl noch die ganze Nacht auf dem Herzen zu behalten, ohne sich ausgesprochen zu haben, und ging ohne Weiteres zu der Frau hinauf, um dieser ihre Entdeckung mitzutheilen.

Frau Müller war eben im Begriff, sich niederzulegen, denn sie fühlte sich von der heutigen Reise ermüdet und angegriffen. Nichtsdestoweniger hörte sie mit großer Aufmerksamkeit die Neuigkeit an und schüttelte nur dann und wann mit dem Kopf, denn sie konnte sich nicht denken, was den Mann veranlaßt haben mochte, sich um seine eigene Frau gar nicht mehr zu bekümmern, und hierher zu kommen. Daß sie sich nicht in der Person geirrt haben könne, betheuerte Frau Therese wieder und wieder, wenn sie auch nur einen einzigen Blick auf den Mann geworfen; es war nicht möglich und eben auch nicht wahrscheinlich. Lieschen wurde jetzt nach dem Fremdenbuch geschickt, aber das gab ihnen ebenfalls keinen Aufschluß: „Müller, Particulier, Hamburg, zum Vergnügen.“ Mit solchen Nachrichten beruhigt sich wohl die Polizei die alle „vergnügten“ Menschen als harmlos betrachtet, so lange sie nicht zu vergnügt werden und ihren Mitmenschen die Fenster einwerfen; aber den beiden Frauen konnte dieser Selbstbericht nicht genügen, ja, machte sie eher noch verwirrter. — War der Mann denn wirklich ein Particulier geworden? — Das Contobuch, das sich Madame ebenfalls heraufbringen ließ, bestätigte wenigstens, daß er in ein paar Tagen schon sehr viel Geld verzehrt — aber wo in aller Welt hatte er dann in der kurzen Zeit das Vermögen herbekommen, und weshalb war er nicht schon lange zu seiner Frau zurückgekehrt? — Es half nichts, daß sie sich Beide den Kopf darüber zerbrachen.

„Das Einzige, was wir thun können“, sagte die Frau endlich zu Theresen, „ist, daß wir erst einmal morgen früh hören, was er will. Ich lasse Sie dann wissen, wann er bei mir ist, und Sie bleiben so lange auf Ihrer Stube, bis ich Sie herüber rufe. Bis dahin aber halten Sie sich ihm lieber aus dem Weg und gehen deßhalb heute Abend nicht mehr in das Wirthszimmer hinunter.“ Dabei blieb es.

Herr Particulier Müller hatte indessen sein Abendbrot unten beendet, und wie das mit uns sehr häufig geschieht, daß wir, in welcher Lage wir auch immer uns befinden mögen, eine Art von Genugthuung, ja stiller Heiterkeit über uns kommen fühlen, wenn wir zu irgend einem festen Entschluß in einer wichtigen Angelegenheit gelangt sind, so kam es auch Herrn Müller vor, als ob ein drückendes Gewicht von ihm genommen wäre und er jetzt erst wieder, nach langer Zeit, frei aufathmen dürfe. Er beschloß also diesen „letzten Abend“ im Hotel — denn morgen um diese Zeit war er wer weiß wie weit — auch noch würdig zu feiern, und da ein Glas Wein, oder selbst eine ganze Flasche, bekannter Weise nicht schmeckt, wenn man sie allein trinken soll, so war er genöthigt, aus Mangel weiterer Bekanntschaft den stets bereiten Louis wieder zuzuziehen.

Unter anderen Verhältnissen würde indessen Herr Louis Bedenken getragen haben, dem fremden Gast — wenn er auch mit dem Nimbus eines Particulier umgeben auftrat — auf den schmächtigen Reisesack hin weiteren und gewissermaßen unbegrenzten Credit zu gestatten, denn seine Rechnung war schon ganz bedenklich aufgelaufen. Heute aber, in der gereizten Stimmung, in der er sich befand, und über düsteren, unheilsvollen Zukunftsplänen brütend, schien er nur zu sehr geneigt, kleine Hindernisse als nicht bestehend zu betrachten. Wenn die Welt zu Grunde gegangen wäre, was lag heute Herrn Louis daran, und wie konnte es ihm, von solchen Ideen erfüllt, da auf ein paar Flaschen Wein mehr oder weniger ankommen?

Außerdem war die Frau heute Abend unwohl und keine Gefahr also, daß sie noch einmal herunter kommen könne. So saßen denn die beiden würdigen Leute wieder bis Nachts zwölf Uhr bei ihrem Glas Wein, und da sich der Particulier Müller heute bei sehr guter Laune fühlte und Herr Louis zuletzt davon angesteckt wurde, so erzählten sie sich Anekdoten und lustige Streiche aus ihrem oder anderer Leute Leben, und wurden zuletzt so cordial zusammen, daß der Oberkellner endlich die unausweichlichen Knackmandeln zum Vorschein brachte und der Gast in höchst liebenswürdiger Weise nicht eins, nein, einen ganzen Teller voll Vielliebchen mit ihm verzehrte.

Viertes Kapitel.

Wenn der Particulier Müller aber auch bis tief in die Nacht hinein geschwärmt hatte, so war er doch trotzdem am frühen Morgen wieder auf, denn heute galt es, den entscheidenden Streich zu führen — länger hätte er sich auch überdieß nicht in dem Hotel halten können, und je früher am Morgen er damit begann, desto rascher kam er damit zu Ende. Eine Nacht durfte er keinesfalls noch nachher im Hause bleiben.

Am vorigen Abend schon hatte er sich von seinem Freund, dem Oberkellner, ein Rasirmesser geborgt, und wie es nur eben hell geworden war, um die Operation vorzunehmen, klingelte er um seinen Kaffee und etwas heißes Wasser, verschloß dann seine Thür und stutzte und rasirte sich seinen Bart genau so, wie ihn das Portrait über der Kommode trug. Auch die Haare ordnete er sich in ähnlicher Art, und als er sich nachher im Spiegel mit dem Bild verglich, mußte er sich selber eingestehen, daß die Aehnlichkeit eine vollkommene sei. Er konnte gar nicht verfehlen, den Eindruck zu machen, den er beabsichtigte.

Die einzige Schwierigkeit war jetzt, in das Zimmer seiner Schwägerin zu kommen, ohne dem Oberkellner vorher zu begegnen, denn Müller zweifelte keinen Augenblick daran, daß diesem die Aehnlichkeit mit dem Bilde ebenfalls auffallen müsse. Schlug der aber vor der Zeit Lärm, so war die Sache kein Geheimniß mehr und dann vollkommen werthlos; seiner Schwägerin wäre es nicht mehr eingefallen ihn abzukaufen. Uebrigens hatte er sich schon am vorigen Tag den Gang gemerkt, durch welchen er in das Zimmer der Frau gelangen konnte, ohne vorher die Treppe hinunter und an der andern Seite wieder hinauf zu steigen. Aber vorher mußte er sich melden lassen und dazu blieb ihm keine andere Person erreichbar als der Hausknecht. Nur ob er ihn dazu bewegen konnte, war die Frage, denn bis jetzt hatte er aus dem Burschen noch keine drei Worte herausbekommen. Doch der Versuch mußte gemacht werden.

Die Thurmuhr — eine eigene Uhr besaß Herr Müller schon lange nicht mehr — schlug eben acht, als er diesem würdigen Individuum klingelte. Bald darauf erschien er mit drei oder vier Paar Stiefeln unter den Armen, machte die Thür auf, rief herein: „Komme gleich!“ und verschwand dann wieder, um die betreffenden Fußbekleidungen an ihre entsprechenden Nummern abzuliefern. Nach einiger Zeit aber kehrte er wirklich, mit der Kleiderbürste in der Hand, zurück — denn was Anderes konnte man von ihm verlangen? — blieb in der Thür stehen und sagte, sich überall nach einem auszubürstenden Kleidungsstücke umsehend:

„Na, wo is es?“

„Wo ist was?“ fragte Herr Müller, der sich indessen sein rothseidenes Taschentuch vor das Gesicht hielt, damit der Bursche nicht sein verändertes Aussehen bemerken sollte.

„Nu, der Rock oder die Hose,“ erwiderte der Bursche, „oder soll ich Ihnen vielleicht einen Zahn ausreißen, denn Sie halten ja das Gesicht so fest zu.“

„Bitte, lieber Freund,“ sagte aber Herr Müller, „thun Sie mir doch den Gefallen und gehen Sie einmal hinüber zur Wirthin —“

„Geht mich nichts an,“ brummte aber der Hausknecht, indem er sich wandte, um das Zimmer wieder zu verlassen; „das ist dem Kellner, dem Mosche Luih seine Sache. Wenn ich ihn sehe, will ich ihn heraufschicken.“ Er stand schon wieder auf der Schwelle, aber der Fremde griff in die Westentasche, und das war eine Bewegung, die er nur zu gut kannte und der er noch nie im Leben hatte widerstehen können.

„Lieber Freund,“ wiederholte auch jetzt der Fremde, indem er ihm ein Fünfgroschenstück in die Hand drückte — es war das letzte, das er sein nannte — „hätten Sie wohl die Freundlichkeit, für mich hinüber zu gehen? Ich vertraue Ihnen die Bestellung lieber an.“

„Na, man ist ja kein Unmensch,“ sagte der Hausknecht, indem er das Geldstück besah und in seine eigene Tasche gleiten ließ, „und was soll ich drüben?“

Herr Müller trug schon seit gestern eine Karte bei sich, die er sich ebenfalls von dem Kellner erbeten. Auf dieser hatte er mit Fractur — um seine Handschrift nicht zu verrathen — den Namen „Caspar Müller“ geschrieben und die Karte dann in einem Couvert versiegelt.

„Hier, diese Karte,“ sagte er jetzt, das Papier dem Hausknecht gebend, „tragen Sie gleich zu Ihrer Madame hinüber und sagen Sie ihr, der Herr, dessen Namen da drinnen stände, wünsche sie augenblicklich zu sprechen, da er ihr etwas Wichtiges mitzutheilen habe. Verstanden?“

„Hm,“ sagte der Hausknecht und besah sich den kleinen Brief von allen Seiten, „da steht ja gar nichts oben drauf.“

„Ist auch gar nicht nöthig. Sie wissen ja doch, wem Sie es übergeben sollen.“

„Na, schön,“ erwiderte der Bursche, indem er das Couvert in seine Westentasche zu dem Fünfgroschenstück schob, „werde es nachher besorgen, wenn ich hier mit meiner Seite fertig bin.“

„Wenn Sie nicht gleich hinüber gehen, kann es mir nichts helfen,“ sagte aber Herr Müller ruhig, „dann seien Sie so gut und geben Sie mir den Brief und die fünf Groschen wieder — die mag dann das Hausmädchen verdienen.“

„Ne, das kann ich auch,“ meinte aber der jetzt gefügige Geselle, denn schon eingestecktes Geld wieder herauszugeben, ging doch unmöglich an; „wenn die Geschichte so eilig ist, mag sie ihn gleich haben, und Nummer 28 bis 19 muß eben warten, bis ich wiederkomme,“ und dabei drehte er sich auf dem Absatz herum und ließ Herrn Müller jetzt zwar nicht mit Zahnschmerzen, aber doch in einem Grad von Aufregung zurück, der ihm das Herz wie ein Hammer in der Brust pochen machte und den Angstschweiß auf die Stirn trieb.

Die Würfel waren aber auch jetzt gefallen; der Stein rollte, die Kugel war aus dem Lauf, und keine Macht der Welt konnte sie wieder zurückbringen. Der Name Caspar Müller bereitete die Frau auf Alles vor, was sie zu erwarten hatte, und seine eigene Erscheinung nachher mußte jedem etwa auftauchenden Zweifel ein Ende machen. Keinesfalls wies sie auch das einzige Rettungsmittel von der Hand, das er ihr bot. Was konnte ihr an den paar Hundert Thalern liegen, wo es ja den häuslichen Frieden ihres ganzen Lebens galt. Und doch war ihm nicht recht behaglich dabei zu Muthe, denn er dachte an seine eigene Frau — was diese dazu sagen würde, wenn sie es wüßte, dachte an den Betrug den er spielte, und mochte er ihn auch beschönigen wie er wollte, es blieb doch immer nur ein Raub, den er verübte.

Aber konnte er etwa anders? Zwang ihn denn nicht die baare, blanke Noth zu diesem Schritt, und hätte er nicht etwa gar stehlen müssen, um sich nur am Leben zu erhalten, wenn ihm dieser Versuch fehl schlug? — Stehlen? — Und war das hier etwa besser wie stehlen? einer armen, alleinstehenden Frau, die sich nicht zu rathen und zu helfen wußte, ja seiner eigenen Schwägerin eine Summe Geldes durch eine Lüge abzupressen? Er mochte den Blick nicht zu dem Spiegel aufheben, an dem er vorüberschritt, so schämte er sich vor sich selber, und unruhig horchte er wieder und wieder an der Thür, ob denn die Antwort noch nicht bald käme, daß er endlich von seinen peinlichen Gedanken und Selbstvorwürfen erlöst würde. Und immer wieder horchte er vergebens, denn so vollkommen vorbereitet die Wirthin auch auf den Empfang des Ferdinand Müller gewesen war, so unerwartet traf sie die Meldung des Namens ihres eigenen verstorbenen Mannes, und so bestürzt war sie darüber, daß ihre Bewegung nicht einmal dem sonst fast stumpfsinnigen Hausknecht entgehen konnte.

„Und was für Antwort soll ich auf Nummer 36 bringen?“ fragte dieser endlich, als die Wirthin noch immer wie gebannt auf den verhängnißvollen Namen starrte, „er wartet d’rauf.“

„Ich — ich werde ihn nachher rufen lassen,“ sagte die Frau, sich gewaltsam sammelnd, „aber jetzt — schicken Sie mir einmal gleich die neue Wirthschafterin herauf — hören Sie? Ich ließe sie bitten, den Augenblick zu mir zu kommen, ich hätte ihr — doch schon gut — sagen Sie ihr nur, daß sie augenblicklich kommt.“

Der Hausknecht drehte sich um, diesen neuen Auftrag auszuführen und dann seine übrigen Stiefel fertig zu putzen. Die fünf Groschen hatte er verdient und Nr. 36 jetzt weiter nichts zu thun, als eben zu warten, bis er gerufen würde. Wie blaß aber die Frau geworden war, als sie den Brief gelesen! was da wohl d’rin gestanden haben mochte — gewiß war Jemand gestorben, doch was ging das ihn an; er sollte die Wirthschafterin rufen, und war das geschehen, so hatte er auch mit der ganzen Geschichte nichts weiter zu thun.

Nur wenige Minuten vergingen bis Frau Therese bei ihrer neu entdeckten Schwägerin erschien, und was für wirre, peinigende Gedanken waren dieser indessen durch Herz und Hirn gezuckt und hatten ihr Brust wie Seele eingeschnürt, daß sie kaum athmen konnte. — Wenn sich die Frau nun gestern Abend geirrt — wenn sie, durch die Aehnlichkeit getäuscht, ihren eigenen Mann, den Caspar Müller, den sie die langen, langen Jahre für todt und verloren geglaubt, für den ihrigen gehalten hätte — wenn er jetzt wiederkommen — plötzlich zu ihr in’s Zimmer treten sollte. — Sie konnte den Gedanken nicht gleich fassen, denn zu plötzlich, zu überraschend schnell war das Alles sich gefolgt, und rathlos, die Hände gefaltet, den Kopf gesenkt, ging sie noch mit raschen Schritten in ihrem Zimmer auf und ab, als sich die Thür öffnete und ihre Schwägerin den Raum betrat.

„Sie haben mich zu sprechen gewünscht,“ sagte sie leise und sah sich scheu im Zimmer um, denn sie hoffte halb, halb fürchtete sie, ihren Gatten hier zu treffen, aber die Wirthin schob ihr nur die Karte hin und „Caspar Müller“ las sie verwundert. Sie wußte nicht, was sie daraus machen solle — wie das mit dem was sie erwartete zusammenhing — „Caspar Müller? Wer ist das? War das nicht Ihres Mannes Name?“

„Meines Mannes,“ bestätigte die Frau, „und diese Karte hat mir der Fremde eben herübergeschickt, den Sie gestern Abend in der Wirthsstube gesehen und für Ihren Mann gehalten haben.“

„Diese Karte? — aber sein Vorname ist Ferdinand.“

„Und wissen Sie bestimmt, daß Sie sich nicht getäuscht? Die beiden Brüder sollen sich immer ähnlich gesehen haben, und nie, nie konnte ich bestimmte Nachricht von dem Tod meines Gatten erhalten. Er war nur verschollen, und wie Andere, die mit ihm todtgesagt gewesen, wieder nach einiger Zeit in Europa und in dem Kreis der Ihrigen erschienen, so kann ja auch er zum Leben zurückgekehrt und mir erhalten sein.“

Therese seufzte tief auf, aber mit dem Kopf schüttelnd, sagte sie leise: „Und wenn es Zwillingsbrüder gewesen wären, ich hätte sie von einander gekannt, wenn ich sie so gesehen, wie gestern Abend meinen Mann. O, Gott wollte ich recht von Herzen und auf meinen Knien danken, wenn Ihnen der Gatte zurückgegeben würde, aber der, den ich gestern Abend gesehen habe, war es nicht.“

„Und sind Sie davon fest und sicher überzeugt?“ fragte die Wirthin.

„Ich wollte den heiligsten und schwersten Eid darauf ablegen, aber“ fuhr sie fort, „wir haben noch ein anderes Mittel, uns zu überzeugen. Dort liegt noch das Fremdenbuch von gestern Abend und meines Mannes Handschrift. Hier —“ und sie nahm ihr Notizbuch aus der Tasche — „ist der letzte Brief, den ich von ihm erhalten habe. Sie selber besitzen doch auch noch jedenfalls die Unterschrift ihres Mannes aus früherer Zeit — vergleichen Sie die drei Proben mit einander, und Sie werden bald selber keinen Zweifel mehr hegen.“

„Sie haben Recht,“ rief die Wittwe rasch, indem sie ein kleines Ebenholzkästchen aufschloß und ein Packet Briefe herausnahm. „Die Unterschrift muß jeden Zweifel lösen, und jetzt werden wir gleich sehen, woran wir sind.“ Sie hatte mit den Worten schon einen Brief herausgenommen und geöffnet, aber die Schrift ihres verstorbenen Mannes hatte auch nicht die entfernteste Aehnlichkeit mit dem in dem Fremdenbuch eingetragenen Namen, während das Wort Müller in jeder Einzelheit mit der Handschrift von Theresens Gatten correspondirte.

„Sie sehen selber, daß ich Recht habe,“ sagte Therese, „es bleibt kein Zweifel mehr, es ist mein Mann; aber dann begreife ich nicht, wie er dazu kam, Ihnen diese Karte zu schicken, die er selber geschrieben haben muß.“

„Ich begreife es aber desto besser,“ sagte die Wittwe, deren Brauen sich finster zusammenzogen, während sie, beide Hände aus den Tisch gestützt, noch immer die Handschriften mit einander verglich, oder wenigstens darauf niederstarrte, „doch davon werden wir uns selber überzeugen, wenn wir den Herrn erst gesprochen haben,“ sagte sie plötzlich, indem sie sich wieder aufrichtete und ihre Briefe verschloß. „Bitte, liebe Therese, nehmen Sie ihren Brief wieder an sich und das Fremdenbuch vor der Hand mit auf Ihr Zimmer, das Sie auch nicht verlassen dürfen, bis ich Sie selber von dorther rufe. Wir wollen so wenig wie möglich fremde Menschen bei der Sache haben.“

„Aber mein Mann —“

„Schicken Sie das Hausmädchen hinüber auf Nummer 36 und lassen Sie den Herrn bitten, sich zu mir zu bemühen. Sagen Sie auch dem Mädchen, daß sie ihn gleich selber zu mir führt; er möchte den Weg nicht wissen, obgleich ich fast vermuthe, er hat sich schon danach umgesehen. Und dem Mädchen tragen Sie dann auf, augenblicklich wieder zu Ihnen zu kommen, damit sie mir hier nicht am Zimmer horcht. Es wäre vielleicht besser, Sie sähen sich selber nach ihr um, denn Sie können ja in Ihrem Zimmer hören, wenn sie dort vorbeigehen.“

„Und wollen Sie ihm sagen, daß ich hier, daß ich bei Ihnen bin?“

„Erst müssen wir vor allen Dingen erfahren, was ihn selber zu mir führt, danach werden wir unsere anderen Maßregeln zu ergreifen haben. Also vergessen Sie nicht, was ich Ihnen gesagt habe, und nun fort, denn ich fürchte fast, Herr Müller da drüben, welchen Vornamen er nun auch trägt, wird indessen ungeduldig geworden sein.“

Therese verließ das Zimmer, um die erhaltenen Befehle auszuführen, wenn sie auch noch immer nicht begriff, auf was das Alles hinauslaufen sollte. Weit rascher hatte dagegen die Wirthin des Fremden Absicht aufgefaßt, denn von Jugend auf gewohnt, mit einer Menge der verschiedensten Menschen zu verkehren, und diese nicht immer von ihrer Lichtseite kennen zu lernen, war schon lange bei allen zweifelhaften Fällen stets ihr erster Gedanke, daß das Ganze auf eine Gelderpressung hinauslief, und Erfahrung hatte sie gelehrt, wie sie unter zehn Fällen sieben- oder achtmal Recht gehabt. Und doch blieb ihr hierbei räthselhaft und unbegreiflich, auf welche Weise ihr Schwager — und daß er es sei, bezweifelte sie jetzt selber nicht mehr, seitdem sie die Handschriften miteinander verglichen — beabsichtigt habe, seine Rolle durchzuführen. Wenn er sich für ihren verstorbenen Mann ausgab, mußte er doch auch darauf gefaßt sein, dafür zu gelten, und dann jeden Tag fast eine Entdeckung des begangenen Frevels fürchten. — Daß Herr Louis aus ihm selber am besten bekannten Gründen ihr einen zweiten Mann angedichtet hatte, wußte sie ja gar nicht.

Doch Alles mußte sich ja bald zeigen, denn Müller, der indessen drüben auf Nr. 36 wie auf Kohlen gestanden und gewartet hatte, folgte der Einladung augenblicklich — das Mädchen konnte kaum Schritt mit ihm halten, und schon hörte sie ihn draußen auf dem Gang.

„Herein!“ Die Thür öffnete sich und die Wittwe, die völlig darauf gefaßt gewesen war, den beabsichtigten Betrug mit einem Blick zu durchschauen, stieß unwillkürlich einen leisen Schreckensschrei aus, als ihr Gatte — ihr Caspar, wie sie ihn zuletzt gesehen, wie sie ihn immer noch im Gedächtniß trug, auf der Schwelle stand und ihr die Hand entgegen streckte. Aber vorsichtig zog er mit der andern dabei die Thür hinter sich zu, denn das Mädchen brauchte von der Erkennungsscene nichts zu sehen, und mit langsamen Schritten kam er jetzt auf die Frau zu, die sich vor Schreck und Ueberraschung am Tisch festhalten mußte um nicht in die Knie zu sinken.

Herr Müller beging dabei einen Fehler. Er warf einen, wenn auch nur flüchtigen Blick durch das Zimmer, um sich zu überzeugen, ob Niemand Anderes zugegen wäre, aber er fiel damit aus der Rolle, denn den wirklichen Mann hätte in einem solchen Augenblick die Gegenwart von hundert Zeugen nicht gekümmert.

Zu jeder andern Zeit hätte auch die Frau wohl schwerlich diesen Mißgriff übersehen, aber dieser erste Moment der Ueberraschung war zu groß für sie gewesen und wirkte zu bewältigend. Als ob sie eine Erscheinung sähe, starrte sie ihn an, und Müller, dem der gemachte Eindruck nicht entgehen konnte, sah sein Spiel gewonnen. So auf die Frau zugehend und sie in seine Arme nehmend, sagte er leise und zärtlich:

„Josephine — kennst Du mich nicht mehr?“

Die Frau duldete die Umarmung; Wahrheit und Täuschung schien hier so eng verkettet, daß sie sich nicht im Stande fühlte, beide gleich von einander zu trennen. Wie stark auch die feste Ueberzeugung der letzteren gewesen sein mochte, das, was lebend und athmend vor ihr stand, rief mit der Erinnerung vergangener Zeiten Alles wieder wach, was die langen Jahre in ihrem Herzen todt und begraben gelegen, und ihren Kopf auf seine Brust legend, flüsterte sie:

„O, Caspar, Caspar, bist Du es denn wirklich? — ja, Du mußt es sein. Therese hat sich geirrt,“ fuhr sie fast leidenschaftlich fort. „Du heißt nicht Ferdinand, und die schwere, schwere Zeit, die ich durchlebt, ist jetzt vorbei. Jetzt bleibst Du bei mir und verläßt mich nie, nie wieder!“

„Therese — Ferdinand — nie wieder verlassen?“ Herrn Müller überkam bei den Worten ein ganz eigenes, unbehagliches Gefühl, denn während die ersten Namen den unbestimmten Verdacht einer Entdeckung in ihm wach riefen, war dieser leidenschaftliche Jubel, mit dem ihn die Frau umschlang, nicht die Empfindung gewesen, auf die er seine ganze Hoffnung gesetzt. Die Frau mußte in dem ersten Glück des Wiedersehens ganz vergessen haben, daß sie schon wieder verheirathet sei. Auf diese Wendung gar nicht vorbereitet, wußte er auch in der That nicht gleich, wie er sich dabei benehmen sollte, und erwiderte nur, in aller Verlegenheit, desto feuriger die Umarmung.

„Und wo, um Gotteswillen, bist Du so lange gewesen?“ fuhr die Frau endlich fort, indem sie sich fast gewaltsam von ihm losmachte, und ihn auf Armeslänge von sich haltend, aufmerksam betrachtete, „wo warst Du, daß nicht eine Zeile von Dir mich erreichen und aufrichten konnte?“

„Ach, mein Herz,“ sagte Herr Müller, für diese Frage völlig gerüstet, „in jener Schreckensnacht, als ich auf einem Stück Holz im Meere schwamm, fischte mich ein Wallfischfänger auf und nahm mich mit auf seiner Tour in die Südsee. Die erste Nacht war ich bewußtlos, und später konnte er mich des schlechten Wetters wegen nicht mehr aussetzen. Oben im Eismeer aber froren wir ein — o, ich habe schreckliche Zeiten mit durchgemacht, und als wir endlich loskamen und ich ein anderes Schiff fand, das mich heimführen sollte, scheiterten wir zum zweiten Mal an der russischen Küste — und wie schwer es ist, von dort wegzukommen — glaubt gar Niemand — der nicht selber dort gewesen.“

Die Frau hatte ihn, während er sprach, fest und aufmerksam betrachtet, und so sicher er sich in seinem eigenen Zimmer gefühlt, als er sich dieses Zusammentreffen ausmalte, so unsicher machte ihn jetzt das auf ihm haftende Auge. Er brachte die letzten Worte nur langsam heraus. — Weshalb sah ihn aber auch die Frau nur so stier an. Diese hörte aber kaum, was er sprach, denn jetzt, in ruhiger Beobachtung, begann der Zauber zu weichen, der sie zuerst befangen gehalten.

Wie sie den Mann hatte in ihre Stube treten sehen und in der ganzen Gestalt, in den Zügen, ja selbst in seinen Bewegungen das getreue Abbild ihres Gatten erkannte, da allerdings überwältigte sie ihr Gefühl, und der erste unwillkürliche Eindruck war, daß der Todte wirklich zum Leben erstanden sei. Jetzt aber, während vielleicht unbewußt der fremde Klang der Stimme das Seinige dazu beitrug und ihr Auge unmittelbar an den Zügen dessen haftete, der hier als ihr Gatte auftrat, kehrte zuerst der Gedanke an einen möglichen Betrug zurück, wurde das Mißtrauen geweckt, und eine Menge Kleinigkeiten mußten es bestätigen.

Das vor ihr waren die Züge des Gatten, aber sie waren es auch wieder nicht; die blauen Augen desselben hatte er, ja, aber dennoch lag etwas in deren Ausdruck, das sie früher nie gekannt und das ihr fremd blieb. Auch um die Nase lag ein fremder Zug, und die Narbe, — wo war die kleine aber tiefe Narbe geblieben, die er sich einst bei einem Sturz, gerade über dem rechten Auge geholt? Jetzt blieb kein Zweifel mehr, alles Andere konnte sich verändert haben, aber die Narbe nicht, und der vor ihr Stehende war ein Betrüger.

Mit dem Bewußtsein gewann aber auch die überdies resolute Frau ihre ganze Ruhe wieder, und so rasch ihr die Gedanken durch das Gehirn zuckten, hielt sie den einen doch fest, daß sie erst die Absicht des Betrügers erforschen wollte, ehe sie ihn entlarvte.

Herr Müller hörte indessen kaum selber was er sprach, denn die beiden Worte: Therese und Ferdinand schallten ihm noch in den Ohren und erfüllten ihn mit einem ganz eigenen Unbehagen. Therese — Ferdinand, wie um Gotteswillen kam die Frau gerade in diesem Augenblick auf die beiden Namen; aber was konnte sie auch von ihm wissen? Nichts auf der Welt! Darin fühlte er sich vollkommen sicher, und jetzt nur, um einer Scene ein Ende zu machen, die er, wie er fast fürchtete, nicht lange würde durchführen können, setzte er leise und wie vorwurfsvoll hinzu:

„Aber wär’ ich doch nur dort geblieben — wär’ ich dort nur umgekommen, — daß ich Dich so wiederfinden mußte.“

„So?“ wiederholte die Frau, die nicht gleich begriff, was er damit meinte; „so wiederfinden?“

„Ach, daß Du wieder heirathen mußtest!“ seufzte der Mann und barg sein Gesicht in der linken Hand.

„Und was soll jetzt werden?“ fragte die Frau, die in diesem Augenblick vollkommen gut begriff, auf was Alles hinauslief.

„Ich weiß es nicht,“ stöhnte Herr Müller wie verzweiflungsvoll, indem er den Arm wieder sinken ließ, und ein Bild tiefer Trauer vor der Wittwe stand, „soviel ist gewiß, ich muß fort — ich darf Deine Ruhe, Deinen Frieden nicht stören. Ich will wieder hinüber über den Ocean, und nie mehr dürfen sich unsere Wege kreuzen —“

„Du wolltest wieder fort?“

„Ich muß,“ lautete die resignirte Antwort, „wenn ich nur nicht meine letzten Mittel erschöpft hätte, um hierher zu kommen.“

Die Frau senkte den Kopf, daß er ihr Gesicht nicht sehen konnte, denn ein leises Lächeln zuckte darüber hin. Jetzt war sie vollkommen sicher, auf was das Ganze hinauslief, und nur das Eine konnte sie sich noch nicht erklären, aus welchem Grunde sie ihr liederlicher Schwager wieder für verheirathet hielt, und wer ihm das gesagt haben konnte. Doch das blieb sich jetzt gleich, und wie sie sich erst wieder auf sicherem Grund und Boden und die erste Schwäche vollständig überwunden fühlte, war ihr weiterer Plan auch rasch gefaßt.

„Aber Caspar,“ sagte sie, den Kopf wieder zu ihm hebend, „Deine Mittel hast Du erschöpft, um nur hierher zu kommen, und jetzt wolltest Du wieder fort? — wolltest mich zum zweiten Mal verlassen? — weshalb? Die lange schwere Zeit der Trennung liegt hinter uns, und nichts, nichts im Leben soll uns wieder trennen.“

Herr Müller sah sie etwas überrascht an. „Aber Dein zweiter Mann!“ sagte er endlich zögernd.

„Mein zweiter Mann?“ rief die Wittwe. „Glaubst Du, daß ich Dich je so weit vergessen habe, wieder an eine zweite Heirath zu denken? O, wie wenig hast Du mich da gekannt.“

„Du — bist nicht wieder verheirathet?“ sagte Herr Müller, und in der Frage lag in der That weit weniger Entzücken, wie diese Entdeckung eigentlich hätte erregen sollen.

„Nein, Caspar, sicher nicht — o, wie konntest Du das glauben. Nein, wahrlich nicht auf’s Neue verheirathet, aber glücklich — ja selig, Dich nach so langer Zeit wieder zu haben. Ich wollte auch schon unsere Wirthschaft ganz aufgeben,“ fuhr sie, seinen Arm erfassend, fort, „ich hatte keine Lust, keine Liebe mehr zu dem Geschäft, und da ich mich in der That zu schwach fühlte, dem weiten Anwesen vorzustehen, so ließ ich mir Deines Bruders Frau, Therese, von Breslau herüberkommen, um mich darin zu unterstützen. Dein armer Bruder ist ja auch schon weit über ein Jahr verschollen, und die unglückliche Frau wandte sich in ihrem größten Elend an mich um Rath und Hülfe.“

„Und Therese ist hier?“ sagte Herr Müller, und es war ihm in dem Augenblick, als ob ihm der Boden unter den Füßen weggezogen würde.

„Sie ist nebenan in ihrem Zimmer,“ setzte die Frau rasch hinzu, und hätte sie noch den geringsten Zweifel gehabt, daß der vor ihr Stehende nicht ihr Mann, sondern ihr Schwager sei, so würde ihn der Schreck, der augenscheinlich in den Zügen des Ertappten lag, vollständig gehoben haben; „laß mich sie rufen, daß sie sich mit mir freut.“

„Nicht jetzt — nicht jetzt, beste — Josephine“, wehrte aber Herr Müller ab, indem er ihren Arm ergriff und festhielt, „diese erste Stunde unseres Wiedersehns müssen wir auch allein — unter uns feiern. Ich — ich — bin zu glücklich, zu selig —“

„Nein, nein,“ rief aber die Wittwe, sich von ihm losmachend, „die arme, unglückliche Frau hat gestern den ganzen Tag geweint, und ich will heute nur glückliche Menschen um mich sehen. Sie wird sich mit uns freuen und dadurch glücklich sein. Warte nur einen Augenblick, ich bin gleich wieder bei Dir,“ und trotzdem, daß Herr Müller noch einen Versuch machte, sie mit Bitten zurückzuhalten, sprang sie aus dem Zimmer und ließ den armen Teufel, ein wahres Bild des Jammers und der Verzweiflung, zurück.

Was nun? — er hatte noch nie in seinem Leben so schnell herüber und hinüber gedacht. Die Rückkunft der beiden Frauen erwarten und dann vor beiden wie ein ertappter Verbrecher stehen? — unmöglich! Aber fort? — wohin? und seine Frau hier? — Jetzt war Alles verloren — und dieser verfluchte Oberkellner, der ihn durch seine schändlichen Lügen allein zu diesem Schritt verleitet, war an Allem schuld. Aber kam er auch glücklich aus dem Hause, was dann? — überall starrte ihm Elend und Verzweiflung entgegen — aber immer noch lieber Elend und Verzweiflung getragen, ehe er in diesem Augenblick seiner Frau begegnete. Er war ein leichtsinniger Mensch, aber nicht schlecht, und so viel Ehrgefühl ihm immer noch geblieben, daß er die Schande brennend fühlte, die er sich selber angethan, wenn er jetzt vor seiner Frau und Schwägerin als ertappter Betrüger stand. Also fort — gleichviel wohin, und wenn er sich in irgend einer fremden Stadt als Tagelöhner verdingen, wenn er sein Brot vor den Thüren erbetteln sollte, wo ihn die Welt nicht kannte — nur jetzt, jetzt fort aus diesem Haus.

Mit raschen, geräuschlosen Schritten eilte er nach der Thür, die ein kleines ovales Fenster, innen mit einem leichten Vorhang bedeckt, trug. Durch dieses konnte er vorher einen Blick auf den Gang werfen, ob die Luft rein sei, erschreckt aber fuhr er zurück, denn draußen, nicht drei Schritt von der Thür entfernt, stand Herr Louis. Hatte den die Frau dort hingestellt, um ihn zu bewachen?

Das war allerdings nicht der Fall, und Herr Louis in Wirklichkeit ebenso erschreckt gewesen den Vorhang zurückgehen zu sehen, wie er selber, denn jenes würdige Individuum hatte einen freien Augenblick unten einmal benutzt, um zu versuchen, ob er nicht erhorchen könne, was hier oben vorginge, da ihm kein Mensch ein Wort davon sagte. Im ersten Moment glaubte er auch wirklich, es sei die Frau selber, die ihn beim Spioniren ertappt, und seine erste unwillkürliche Bewegung drängte ihn von der Thür hinweg. Als sich aber der Vorhang hob, hatte sein scharfes Auge doch den Particulier Müller erkannt, und wie dieser ebenso rasch verschwand, als er erschienen war, ging es ihm auf einmal wie ein Licht auf, daß sich der Fremde nur da drinnen versteckt habe, um ihm seine Vielliebchen abzugewinnen. Mit einem Satz war er wieder an der Thür, um womöglich durch den dünnen Vorhang oder das Schlüsselloch zu erkennen, was Jener da drinnen treibe, als er auf sehr unerwartete und plötzliche Weise gestört wurde. An der anderen Seite des Ganges öffnete sich nämlich eine Thür, und der entsetzte Oberkellner sah sich plötzlich der Frau gegenüber, die ihn rasch ärgerlich fragte:

„Nun? was haben Sie da an meiner Thür zu horchen, Mosje? Hab’ ich Sie endlich einmal dabei erwischt? Solche Leute kann ich nicht in meinem Dienst brauchen. Sie verstehen doch, was ich damit sagen will, und am Ersten dürfen Sie sich nach einer anderen Stellung umsehen.“

„Bitte tausendmal um Entschuldigung, Madame“, stotterte der verdutzte Bursche, indem er seine Serviette zu einem Strick zusammendrehte, „ich suchte Herrn — Herrn Particulier Müller, mit dem ich —“

„Schon gut, ich will nichts weiter hören. Bringen Sie jetzt rasch einmal eine Flasche Sodawasser herauf — aber beeilen Sie sich!“

Der Oberkellner fuhr die Treppe hinunter, als ob er elektrisirt worden wäre, und die Wittwe, sich jetzt zu der dicht hinter ihr folgenden Schwägerin wendend, sagte freundlich:

„Fassen Sie sich nur, liebe Therese — ein Glas Sodawasser wird Ihnen wohl thun, und mir zu Liebe stellen Sie sich nur im ersten Augenblick, als ob Sie Ihren Mann nicht kennen. Ich möchte doch gern noch sehen, wie er sich dabei benehmen wird. Nur Muth — er darf keine Schwäche an Ihnen merken,“ und dabei ergriff sie die Thür und öffnete dieselbe.

Herr Müller indessen hatte, ehe er einen festen Entschluß fassen konnte, die Stimme der Frau schon wieder draußen auf dem Gang gehört und dort hinaus konnte er nicht mehr entkommen. Einen verzweifelten Blick warf er durch das Fenster, aber ein Sprung von zwei Etagen Tiefe war unausführbar; er hätte rettungslos das Genick gebrochen, und nur als letzte Zuflucht zeigte sich ihm eine andere Thür — das Schlafzimmer der Wittwe. Aber es schien, als ob heute die Hölle alle ihre Diener gegen ihn ausgesandt, daß er rettungslos zu Grunde gehen solle, denn die Thür war verschlossen, und schon hörte er die Stimme der Frau vor dem Zimmer.

Dicht neben der Kammerthür war ein Gestell angebracht, an dem Kleider hingen, und um den Staub von ihnen abzuhalten, ein kattuner Vorhang darüber befestigt. Wenn er darunter fuhr? Sie hätten ihn gewiß nicht im Zimmer gesucht, sondern geglaubt, daß er es schon verlassen habe, und suchten sie ihn unten oder auf Nr. 36, so behielt er auch sicher Zeit, ungesehen zu entkommen. Diese Gedanken fuhren ihm aber nur so blitzesschnell durch’s Hirn, denn wie eine bedrohte Maus in das erste beste Loch hineinfährt, nur um vor der Hand einmal aus Sicht zu kommen, so schlüpfte er in dem einen Gefühl, nur um dem Blick seiner schwer gekränkten Frau zu entgehen, unter den Vorhang und rührte und regte sich dort nicht, damit ihn das Rauschen desselben nicht verrathen möge.

Im nächsten Moment öffnete sich die Thür und Madame blieb etwas überrascht auf der Schwelle stehen, als sie ihren angeblichen Mann nirgends mehr im Zimmer erblickte.

„Fort?“ sagte sie, indem sie staunend umher sah, „ohne Abschied, und das Fenster offen? Der Unglückliche wird doch um des Himmelswillen nicht den rasenden Sprung gewagt haben?“

Sie flog auf das Fenster zu und sah hinaus, während Therese in Todesangst und mit gefalteten Händen auf der Schwelle stehen blieb.

„O Du großer, allmächtiger Gott,“ stöhnte die arme Frau, „wenn ihn die Furcht vor mir in den Tod getrieben hätte, ich könnte ja mein ganzes Leben lang nicht wieder froh werden!“

„Hier ist er nicht hinunter,“ versicherte aber die Wittwe vollkommen beruhigt, als sie einen Blick hinab geworfen. „Er wird den Augenblick benutzt haben, als ich das Zimmer verließ, und hoffentlich ist er noch im Hause, denn das war meine Absicht nicht.“

„Und wenn er nun durch jene Thür geflüchtet wäre,“ sagte Therese, die einen Blick im Zimmer umhergeworfen.

„Durch jene? Die ist verschlossen,“ erwiderte die Frau und ging hinüber, um die Thür zu versuchen. Ihr Kleid streifte den Versteckten, während sie davorstand. „Nein, noch kann er aber das Haus nicht verlassen haben. — Lieschen! Louis!“ rief sie dann, rasch zur Thür tretend, so laut sie rufen konnte, und zog dabei aus Leibeskräften an der Klingel.

Herr Louis — in dem drückenden Gefühl, bei einer entwürdigenden Handlung erwischt zu sein, kam mit einer Flasche Sodawasser in der einen und zwei Gläsern in der anderen Hand wie ein Pfeil die Treppe heraufgeschossen, und die Hausmagd, die eben nebenan die Zimmer reinigte, erschien ebenfalls mit ganz verdutztem Gesicht in der Thür, während Lieschen von dem anderen Gang herbeistürzte.

„Hat Niemand von Euch den Fremden von Nr. 36 gesehen?“

„Er war hier im Zimmer, als Sie vor der Thür standen,“ rief der Oberkellner und nahm dabei eine Stellung an, als ob er eben im Begriff sei, einen körperlichen Eid darauf abzulegen.

„Aber er kann doch nicht durch die Luft davongeflogen sein. Lieschen spring einmal nach Nummer 36 hinüber — er darf nicht fort, ehe ich mit ihm gesprochen habe. Katharine, Du gehst an die Hausthür, und ruf den Hausknecht, wenn er mit Gewalt hinaus will.“

„Ob ich mir nicht gedacht habe, daß er durchbrennen würde,“ brummte Herr Louis vor sich hin, während er Flasche und Gläser auf den Tisch setzte; dabei aber fiel sein Blick zufällig auf den Vorhang, der eine, wenn auch nur ganz unbedeutende Bewegung machte, und unten daran erkannte er eine Fußbekleidung, die keinenfalls ein Eigenthum der Wirthin sein konnte.

„Wenn der Stiefel nicht auf Nr. 36 gehört,“ betheuerte sich Herr Louis im Stillen, „so will ich mein Leben lang Wasser trinken.“

„Nun, was stehen Sie da wieder in Gedanken,“ rief ihn die Frau ungeduldig an, „machen Sie, daß Sie mit hinunter kommen und den Fremden finden.“

„Hat ihn schon!“ rief er, indem er ein paar Schritte zur Seite trat und den Vorhang halb lüftete. „Guten Morgen, Vielliebchen!“ rief er aber schon im nächsten Augenblick, als er nun die gestreiften Hosen unter dem Kattun entdeckte. Die nächsten Frauenröcke dabei zurückschlagend, blickte er aber, auf’s Aeußerste erstaunt, in ein vollkommen fremdes, unbekanntes Gesicht, denn seitdem er sich rasirt, hatte er den Particulier Müller ja gar nicht wieder gesehen, während dieser den Burschen hätte erwürgen können. Der Frau aber, die das Ganze rasch übersah, lag gar nichts daran, daß Herr Louis Zeuge irgend einer Familienscene sein sollte; so, während Herr Müller verlegen aus seinem Versteck vortrat, denn was half seit seiner Entdeckung ein längeres Verbergen, sagte sie ruhig:

„Herr Louis —“

„Madame befehlen?“

„Ist das der Herr von Nummer 36?“

„Bitte tausendmal um Entschuldigung —“ stotterte der Oberkellner, „jedenfalls hat er die Hosen von Nummer 36 an, aber — aber im Gesicht sieht er ganz anders aus.“

„Gut, dann gehen Sie hinunter in die Wirthsstube und verlassen Sie dieselbe nicht wieder, bis ich selber hinabkomme. Wir werden den Herrn hier selber examiniren. Den Hausknecht schicken Sie auf den Gang herauf; er soll dort warten, bis ich ihm weitere Befehle gebe, da es sein könnte, daß er gebraucht wird.“

„Zu Befehl, Madame,“ sagte der Oberkellner, aber immer noch, ohne sich von der Stelle zu regen, und mit einem halb zweifelhaften, halb unentschlossenen Blick auf Nr. 36.

„Nun, worauf warten Sie noch?“

Der Oberkellner machte eine halbe Schwenkung. Es blieb ihm hier gar zu viel noch räthselhaft, und besonders hätte er gern gewußt, ob er sein Vielliebchen gewonnen oder nicht, denn das abrasirte Gesicht des Gastes kannte er in der That nicht wieder. Dem so direct gegebenen Befehl mußte er aber auch gehorchen, und kaum hatte er das Zimmer verlassen, als Madame Müller hinter ihm den Riegel vorschob.

„Herr Ferdinand Müller,“ sagte sie dabei, indem sie sich ruhig, wenn auch ernst, an den Ertappten wandte, denn alles weitere Zurückhalten war jetzt unnöthig, „Sie sind mein Gefangener, und ich lasse Ihnen vor der Hand diese Ihnen bekannte Dame als Kerkermeisterin. So weit ich vermuthen darf, hat sie jedenfalls das erste Anrecht, Ihre Erklärungen entgegen zu nehmen. In einer halben Stunde werde ich dann zurück sein, um zu hören, was Sie mir selber zu sagen haben, denn Sie müssen es begreiflich finden, daß ich eine etwas nähere Auseinandersetzung der mir zugedachten Ueberraschung erwarten darf.“

„Verehrte Frau —“ stammelte Herr Müller, der sich in diesem Augenblick wohl klaftertief unter die Erde wünschte.

„Es ist schon gut — vorher wünschte ich, daß Sie sich genauer auf Ihren Vornamen besinnen, um jedes weitere Mißverständniß zu vermeiden, es ist das wesentlich nothwendig; nachher wird unsere Auseinandersetzung auch so viel leichter werden.“ Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, schloß sie ihr Schlafzimmer auf, trat hinein und drückte die Thür wieder hinter sich in’s Schloß.

Therese war indessen an der einen Seite der Stube auf einen Stuhl gesunken, während ihr Mann noch auf der anderen zerknirscht und in einander gebrochen stand. Keines sprach ein Wort, während aber Müller’s Blick nur dann und wann scheu und furchtsam zu der schwer gekränkten Frau aufzuckte, hing dieser Blick voll und traurig an der halbabgewandten Gestalt des Gatten, und die großen hellen Thränen tropften ihr dabei schwer und langsam in den Schooß. Da hielt sich Müller nicht länger. Kein Wort des Vorwurfs war über ihre Lippen gekommen, aber ihr bleiches, schmerzdurchfurchtes Antlitz sprach viel deutlicher, als je Worte es hätten ausdrücken können, das Leid, das sie ertragen, und auf sie zugehend, warf er sich vor ihr auf die Knie, schlang seine Arme um ihre Hüften und weinte wie ein Kind.

Herr Louis hätte draußen gern noch eine kleine Weile an der Thür gehorcht, denn ganz unerklärlich blieb ihm einestheils das Betragen der Frau, daß sie ihm, ihm den Dienst kündigen konnte, und dann kam ihm auch jetzt auf einmal das Gesicht des Fremden so merkwürdig bekannt vor. Wo in aller Welt war er dem schon einmal früher begegnet? Die Physiognomie desselben beschäftigte ihn auch in der That so ausschließlich, daß er hinab in die Wirthsstube ging und dort ganz in Gedanken eine halbe Flasche Wein hinunterstürzte und nachher, sich fortwährend mit dem linken Zeigefinger die Stirn reibend, wieder die Treppe und nach Nr. 36 hinaufstieg. Er wollte dort weiter nichts, als zusehen, ob der Fremde wieder auf seinem Zimmer sei oder — ob wenigstens sein Reisesack noch dort stände.

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