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Hüben und Drüben; Dritter Band (3/3)

Das Loch in der Hose. (continued 2)

Reading edition

„Aber Jeanette, wie geht es, mein Kind? kennst Du mich noch,“ rief sie und sprang auf die Kleine zu, die ihr die Aermchen entgegenstreckte, „was machst Du, Herz?“

„Gut, Tante Lily,“ rief die Kleine mit ihrem komischen gebrochenen Dialekt, „sehr gut — Lily lange weggeblieben.“

„Recht lange, Schatz — entsetzlich lange, aber nun freut sich Lily auch, daß sie wieder zu Hause ist und mit Jeanette spielen kann — und eine so schöne Zuckerdüte hat sie ihr mitgebracht. Will Jeanette einmal mit hinaufkommen und sie sich holen?“

„Jeanette will mitgehen,“ erklärte die Kleine, und dem Mädchen, das sie unter Aufsicht hatte, sagend, sie nehme das Kind mit auf ihr Zimmer, damit sich die Mutter nicht etwa ängstigen möchte, faßte sie Jeanetten bei der Hand und stieg mit ihr die Treppe hinauf.

Jeanette war ein kleines, liebes, herziges Ding, etwas über drei Jahr alt, kugelrund, mit rothen Backen und Zähnchen wie frisch aufgereihte Perlen; drollig dabei zum Aeußersten und eine solche kleine Plappertasche, daß sie der Liebling des ganzen Hauses geworden. Die und jene Part holte sie auch bald da bald dorthin, und ihre Mutter, überhaupt am Tag von ihrem sehr lebhaften Geschäft stets in Anspruch genommen, hatte manchmal Mühe, sie nur am Abend wieder zu bekommen.

Elisabeth setzte sich mit dem Kind an’s Fenster, und dieses mußte ihr jetzt erzählen, wie es ihm die lange Zeit gegangen und was es gelernt und mit wem es Alles gespielt habe, und die Kleine plauderte auch eine ganze Weile lustig fort. Plötzlich mochte ihr aber doch wohl einfallen, weßhalb sie eigentlich heraufgeführt worden, und zu Elisabeth mit ihren klugen Augen aufsehend sagte sie:

„Aber Tante Lily — meine Zuckerdüte.“

„Ja so, mein liebes Herz,“ lachte Elisabeth, „da hätte ich ja beinahe die Hauptsache vergessen — warte, gleich sollst Du sie haben,“ und sie sprang dabei von ihrem Sitz auf und der Kommode zu, wo sie das Mitgebrachte bewahrte, während ihr Jeanette erwartungsvoll folgte.

Der Reisekoffer, aus dem nicht Alles hatte ausgekramt werden können, stand noch im Zimmer; als aber Elisabeth die Düte aus der Kommode genommen und sich rasch damit umdrehen wollte, blieb ihr leichtes Kleid an dem Schloß hängen und riß ein Loch hinein.

„Da haben wir’s,“ rief sie halb lachend, halb ärgerlich, „jetzt ist ein großes Loch in meinem schönen Kleid — nun wird mich der Papa einmal tüchtig auszanken, Jeanette.“

„Gerad’ Loch, wie Pello böse Mann gebissen,“ sagte die Kleine, indem sie sich scheu im Zimmer umsah.

„Böse Mann?“ rief Lily erstaunt, denn sie wußte, daß die Kleine nur jenen unbekannten Mörder so genannt und früher jedesmal geweint hatte, sowie sie den Namen aussprach, „Pello hat ihn gebissen?“

„Ja — großes Loch, bösen Mann — wollte Jeanette todt machen und Pello wollt’s nicht leiden — arme Pello ist selber todt, weil er bösen Mann gebissen.“

Pello war der kleine Hund jener armen, unglücklichen Frau, die ein so schreckliches Ende genommen.

„Und wie sah der böse Mann aus, Herz?“ frug Elisabeth, der plötzlich eine Masse wirrer Gedanken durch’s Hirn schossen.

„Zuckerdüte,“ erwiederte aber Jeanette, und langte nach der bunten Düte, die Elisabeth noch in der Hand hielt.

„Ja, Herz,“ sagte diese, sich zu ihr niederkauernd und die Düte öffnend, „hier, mein Schatz, da sind schöne große Chokoladenplätzchen — und hier Rosenbonbons — und sieh’ einmal die vielen kleinen bunten Eierchen, rothe, blaue, weiße, gelbe, braune; das gehört Alles Dein, und das nimmst Du Deiner guten Mama mit hinunter und läßt Dir davon geben, alle Tage etwas, damit Du nicht zu viel ißt und krank wirst — nicht wahr?“

„Ja,“ sagte die Kleine altklug, „daß Jeanette nicht krank wird — aber etwas darf ich doch jetzt essen?“

„Gewiß, mein Herz — siehst Du das Stück Chokolade und den großen Bonbon und ein ganzes Händchen voll kleine bunte Eier, das darfst Du Alles jetzt essen — so, und nun setz’ Dich einmal hier her zu mir — da hier auf die Fußbank, da schütt’ ich es Dir in die Schürze, und dann plaudern wir hübsch zusammen und Du erzählst mir von dem bösen Mann.“

„Nein, Lily — Jeanette nicht von dem bösen Mann erzählen,“ rief aber die Kleine, ängstlich mit dem Kopf schüttelnd, „kommt wieder und thut Jeanette weh wie arme Pello.“

„Aber, Herz, ich bin ja bei Dir — hier thut Dir Niemand was.“

„Nein — nicht böse Mann,“ bat aber Jeanette — „Tante Lily soll Jeanette was erzählen.“

„Gut, Herz — also will ich Dir etwas erzählen,“ ging Elisabeth auf den Wunsch der Kleinen ein, „eine recht, recht hübsche Geschichte von einem Prinzen und einer Prinzessin und einem großen Schloß, in dem sie wohnten, und einem bösen, bösen Riesen, der das Schloß stürmen und den Prinzen todtmachen wollte.“

„Böse Mann,“ sagte die Kleine leise und nestelte sich auf der Fußbank neben Elisabeth nieder.

„Ja, mein Kindchen,“ nickte das junge Mädchen, „das war wohl ein böser Mann. Der Prinz und die Prinzessin aber waren sehr gut und lebten so glücklich mit einander. Sie wohnten in einem schönen großen Schloß aus lauter Gold und Elfenbein gebaut, und hatten einen Garten rings darum her, in dem die wundervollsten und herrlichsten Blumen blühten und die delikatesten Früchte hingen.“

„Aepfel,“ sagte Jeanette, die indessen an ihrem Bonbon knusperte, aber aufmerksam zuhörte.

„Aepfel und Birnen,“ erzählte Elisabeth weiter, „goldene Nüsse, Trauben, Aprikosen und Gott weiß was Alles. Kinder hatten sie nicht, aber ein kleines braunes kluges Hündchen, das ihnen überall nachfolgte und die hübschesten Kunststücke machen konnte.“

„Pello,“ sagte Jeanette.

„Und das hatten sie so lieb,“ erzählte Elisabeth weiter, „wie man es gar nicht beschreiben kann. Es lief auch immer hinter ihnen drein und verließ sie keinen Augenblick. Der böse Riese wäre auch gern schon heimlich in das Schloß eingebrochen, aber das Hündchen paßte vortrefflich auf, und jedes Mal, wenn er nur in die Nähe kam, bellte es so laut und machte einen solchen Spektakel, daß die Leute alle herbeiliefen, und dann mußte der alte böse Riese laufen, was er nur konnte, damit sie ihn nicht erwischten. — Eines Tages nun da war das kleine kluge Hündchen gar viel herumgelaufen und recht müde geworden, so müde, daß es sich auf sein Bettchen legte und fest schlief und sich um gar Nichts kümmerte, was draußen vorging.“

„Aber da kömmt ja nachher der böse Mann,“ rief die Kleine ängstlich und vergaß selbst die Zuckersachen, die sie in der Schürze hielt.

„Da kam der alte häßliche Riese,“ erzählte Elisabeth weiter, „und schlich sich vorsichtig herum —“

„Und wie er die Thür aufmachte, klingelte es,“ rief Jeanette.

„Da klingelte es,“ bestätigte Elisabeth, „und das hörte das kleine Hündchen und sprang schnell in die Höhe und bellte. — Wie aber der Riese in’s Zimmer kam, wollte er die Prinzessin auffassen und forttragen, und da fuhr das Hündchen auf ihn zu —“

„Und biß ihn groß Loch in’s Bein — so groß wie bei Lily.“

„Ja und biß ihn,“ rief Elisabeth, deren eigenes Herz in fast fieberhafter Erwartung bei der Erzählung schlug, „und dann sah er sich nach der Prinzessin um, und die kannte ihn gar nicht, denn er trug einen großen grauen Bart — nicht wahr Jeanette?“

Jeanette barg ihr kleines Gesicht in den Händen und fürchtete sich; aber sie erwiederte Nichts.

„Trug der Riese einen Bart, Jeanette?“ frug Elisabeth leise — „weißt Du nicht, mein Kind?“

„Böse Mann — böse Mann!“ stöhnte die Kleine. „Jeanette will zu Mama — hat armen Pello todt gemacht.“

„Aber weißt Du gar nicht, wie er aussah, liebe Jeanette?“ bat das junge Mädchen, kauerte sich nieder zu ihr und schlang ihren Arm um sie. „Jetzt brauchst Du Dich doch nicht zu fürchten, Tante Lily ist ja bei Dir — komm, sag’ mir, mein Herz.“

„Jeanette will zu Mama,“ bat aber die Kleine, der Elisabeth’s Erzählung wahrscheinlich wieder die alten furchtbaren Eindrücke jenes Tages zu lebhaft vor die Seele heraufbeschworen hatte. Sie fürchtete sich ernstlich und wollte sogar ihre Zuckerdüte im Stich lassen. Elisabeth bekam ihre Noth, sie nur wieder so weit zu beruhigen, daß sie noch oben blieb, und erzählte ihr jetzt von den großen Dampfbooten und den vielen geputzten Menschen, von dem herrlichen Obst und dem blitzenden Wasser, bis das Kind das alte Schreckbild vergessen hatte, und wieder lachte und zuhörte.

Da ging plötzlich die Thür auf, und der Justizrath trat in’s Zimmer, Jeanette aber, noch immer nicht ganz beruhigt, erschrak so darüber, daß sie auf’s Neue zu weinen anfing und sich ängstlich an Elisabeth anklammerte. Diese war froh, als das Mädchen gerade von unten heraufkam, um Jeanetten abzuholen.

„Was hatte denn nur die kleine Lily?“ frug der Justizrath, als sie fort waren. „Sie ist doch sonst immer so munter und hat sich noch nie vor mir gefürchtet.“

„Ach, die alte Geschichte, Papa,“ sagte Elisabeth, „ich frug sie nach dem ‚bösen Mann‘, und das scheint sie noch immer zu erschrecken. Hat man denn in der ganzen langen Zeit unserer Abwesenheit keine Spur von dem Mörder gefunden?“

Der Justizrath schüttelte mit dem Kopf.

„Nicht die Spur,“ sagte er, „drei Menschen haben sie allerdings wieder indessen verhaftet, mußten sie aber wegen Mangel an Beweisen auch eben so bald freigeben; ich habe drüben einen ganzen Stoß von Akten über die Sache; das einzige Unglück ist, daß die alte gute Dame kein Buch geführt, nicht einmal ein Verzeichniß ihrer Werthpapiere und deren Nummern hinterlassen hat. Wie soll man ihnen jetzt auf die Spur kommen? Der jetzige Besitzer darf sie anbieten, wem er will, ja sie hier im Ort selber verkaufen; es kann ihm Niemand beweisen, daß sie früher im Besitz der Ermordeten gewesen.“

„Und die Juwelen?“

„Ja, mein liebes Kind, das ist eben so unsicher,“ sagte der Vater. „Ein hiesiger Juwelier hat allerdings einmal einen Theil derselben in Händen gehabt, wenn der Dieb aber nur die Vorsicht braucht, sie aus ihrer alten, doch werthlosen Fassung zu nehmen, welcher Mensch könnte nachher, selbst wenn sie aufgefunden würden, darauf schwören, daß es dieselben wären? Nein, das ist einer jener Fälle, die uns Justizbeamten zur Verzweiflung bringen, weil sie nicht den geringsten Halt an etwas Wesentlichem bieten, und möglich, daß es mit der Zeit einmal durch einen Zufall an den Tag kommt — wir haben ja viele solche Beispiele, aber unser Scharfsinn und unsere Ausdauer helfen uns Nichts dabei; sie sind geradezu weggeworfen. Doch was ich Dich fragen wollte — wo ist Käthchen?“

„Sie macht noch ein paar Besuche — doch ich hätte eine Bitte an Dich, über die Du mich vielleicht auslachst.“

„Auslachst? ist sie so sonderbarer Art? was willst Du denn?“

„Darf ich die Akten über jenen unglücklichen Fall einmal durchsehen?“

„Du?“ lachte der Vater in der That gerade hinaus, „Du willst die Akten studiren? Liebes Herz, das ist keine Unterhaltungslektüre für Dich, und nach dem ersten Bogen wärst Du sanft darüber eingeschlafen.“

„Sie sind doch kein Amtsgeheimniß?“

„Geheimniß, nein — leider nicht, denn es steht weiter nicht viel darin, als was die ganze Stadt schon weiß und zum Ueberdruß besprochen hat; das wäre kein Hinderniß, Du fändest Dich aber nicht einmal hinein, wenn ich sie Dir wirklich gäbe.“

„Und doch bitte ich Dich darum, Papa,“ beharrte das junge Mädchen, „Du glaubst nicht, wie ich mich für den Fall interessire — vielleicht nur dadurch, daß die kleine Jeanette so geheimnißvoll bei ihrem ‚bösen Mann‘ bleibt. Nenne es auch meinetwegen Neugierde, aber ich sehne mich ordentlich danach, diese Aktenstücke zu lesen, und gebe Dir dabei das feste Versprechen, mit keinem Menschen weiter darüber zu reden, als mit Dir selber.“

„Meinetwegen,“ lächelte der Vater, „wenn Du denn gar so versessen auf die trostlose Geschichte bist, so sollst Du sie haben, Du mußt sie mir aber morgen, oder spätestens übermorgen zurückgeben, denn sie liegen schon zu lange bei mir im Haus.“

„Nur bis morgen früh Papa.“

„Bis dahin wirst Du sie auch herzlich satt bekommen.“

„Und darf ich sie mir gleich holen?“

„Wenn ihr Mädchen euch einmal etwas in den Kopf gesetzt habt, so laßt ihr auch nicht locker,“ meinte der Vater kopfschüttelnd, „ich habe aber bis jetzt immer gedacht, es sei nur da der Fall, wo es sich um irgend ein Vergnügen oder um einen Putz handelt. Eine Sache aber, die Dich so wenig interessiren kann, wie trockene Akten —“

„Und bin ich nicht die Tochter eines Justizraths?“ lächelte Elisabeth, „wie magst Du also glauben, daß mich ein derartiger räthselhafter Fall, der Deine ganze Arbeitskraft für lange Zeit in Anspruch genommen, nicht interessiren würde.“

„Ihr seid selber Räthsel,“ sagte der Justizrath kopfschüttelnd, „und der Henker mag aus Euch klug werden — wenn nur Käthchen zu Hause wäre — die wird Dich übrigens bei Deiner Lektüre nicht unterstützen.“

„Nein, Käthchen schwerlich,“ sagte Elisabeth, „darf ich mit auf Dein Zimmer, Papa?“

„Na, so komm’, Du kleiner Quälgeist,“ lachte der Vater, „denn eher giebst Du doch keine Ruh; das sag’ ich Dir aber, Du mußt mir morgen ein Referat über das Gelesene geben, damit ich sehe, ob ich Dir wieder Akten zur Durchsicht anvertrauen darf —“ und damit küßte er Elisabeth auf die Stirn und ging mit ihr in sein Studirzimmer, um ihr dort die verlangten Hefte auszuhändigen.

Achtes Kapitel. Der Verdacht.

Der Justizrath stand gewöhnlich im Sommer, ja selbst bis spät in den Herbst um fünf Uhr auf und arbeitete, damit er, wie er sagte, seine Abende frei hatte, und nicht mehr bis spät in die Nacht hinein gedrängt würde. Er ging auch dafür ziemlich früh, und fast regelmäßig um zehn Uhr zu Bett, wie er denn überhaupt ein sehr geordnetes, fast etwas pedantisches Leben führte. Er hatte sich aber an diesem Morgen kaum seine heutige Arbeit zurecht gelegt und eben erst die Morgenpfeife gestopft und angezündet, als Elisabeth, die Akten unter dem Arm, zu ihm in’s Zimmer trat.

„Aber Kind!“ rief der Vater erstaunt, „schon auf? Du hast früh ausgeschlafen.“

„Ich habe gar nicht geschlafen, Papa,“ sagte Elisabeth ruhig und legte die Akten auf den Tisch.

„Gar nicht geschlafen?“ rief der Justizrath, „beim Himmel, Kind, wie siehst Du aus? Bleich und übernächtig — ich glaube wahrhaftig, Du hast seit gestern nicht einmal Deinen Anzug gewechselt.“

„Nein, Papa,“ sagte die Tochter, „ich bin die ganze Nacht aufgeblieben.“

„Die ganze Nacht? — über den Akten? — es ist unglaublich — und Du wirst krank werden. Sieh’ Dich einmal im Spiegel.“

Elisabeth sah wirklich sehr angegriffen aus — ihre Augen lagen tief in den Höhlen, ihre Wangen waren bleich und ihre Glieder selbst schien ein Zittern zu überfliegen.

„Mach’ Dir keine Sorgen, Papa,“ sagte sie aber ruhig, „ich bin nicht krank — nur vielleicht etwas aufgeregt, denn ich habe die ganze Nacht gelesen.“

„Die ganze Nacht?“

„Allerdings, und zwar die Akten zweimal durch, von Anfang bis Ende.“

„Kind, das nimm mir nicht übel,“ sagte aber der Vater, „das wäre recht hübsch und lobenswerth von einem angehenden Praktikanten, aber daß Du das —“

„Hast Du einen Augenblick Zeit, mich anzuhören?“

„Dich anzuhören — Du weißt, mein Schatz, daß jetzt meine Arbeitsstunde ist. Können wir nicht, was Du mir zu sagen hast, beim Frühstück besprechen?“

„Was ich Dir zu sagen habe, ist kein Frühstücksgespräch, Papa — es betrifft den vorliegenden Fall.“

„Ich verstehe Dich nicht,“ sagte der Justizrath, mit dem Kopf schüttelnd.

„Erinnerst Du Dich, daß Du gestern äußertest, es gebe Beispiele, wo lang verheimlichte Verbrechen nur durch einen Zufall an den Tag kämen?“

„Allerdings,“ nickte der Vater, „aber was hat das hiemit zu thun?“,

„Willst Du mich ruhig anhören?“

„Setz’ Dich, Kind, setz’ Dich, Du bist so ernst und feierlich, daß ich selber neugierig auf Das werde, was Du mir mitzutheilen hast. Also was ist es? Bitte, sprich.“

„Beantworte mir erst eine Frage, Papa,“ bat Elisabeth. „Ist es Sünde, auf einen vollkommen fremden Menschen den Verdacht irgend eines Verbrechens zu werfen, ohne ganz bestimmte Beweise dafür in Händen zu haben?“

„Mein liebes Herz,“ sagte der Vater, „wenn wir einmal ganz bestimmte Beweise in unseren verschiedenen Rechtsfällen hätten, so brauchten wir fast gar keine Untersuchung. Erst diese ergiebt sie, und ein ausgesprochener Verdacht braucht den Betreffenden — wenn er wirklich unschuldig ist — noch immer nicht zu schädigen — ja im Gegentheil ist es viel besser, er wird laut, um entweder widerlegt oder bestätigt zu werden. Aber gegen wen hast Du Verdacht — denn etwas Derartiges scheint doch aus Deinen Reden hervorzugehen — und wie, in des Himmels Namen, kannst Du einen Blick in diese furchtbare Sache gethan haben, der Du doch bis jetzt vollkommen fern standest?“

„Ich weiß nicht, wie ich beginnen soll, Papa,“ sagte Elisabeth, während ein schwerer Seufzer ihre Brust hob, als ob es ihr am Athem fehle, „aber ich habe in der That einen Verdacht, doch so wild und unbestimmt, daß ich fast fürchte, Dir ihn mitztheilen.“

„Gut,“ sagte der Justizrath, „dann wollen wir den Beamten jetzt einmal bei Seite lassen — ich bin überdieß noch im Schlafrocke, Schatz — und dem Vater kannst Du Alles offen sagen, was Dich drückt. Auf wem also liegt Dein Verdacht?“

„Auf Herrn von Berger,“ sagte Elisabeth mit leiser, fast tonloser, aber doch vollkommen deutlicher Stimme.

„Alle Wetter!“ rief der Justizrath und fuhr in seinem Stuhl empor, „Du bist kühn, Mädel, und greifst mitten hinein in die Masse, um Dir Deinen Mann herauszuholen. Was um Gottes Willen bringt Dich auf den, und wie steht er in der geringsten Verbindung zu dem Mord in Hoßburg?“

„Das weiß ich nicht, Vater — das Letztere wenigstens nicht. Aber höre mich. An demselben Tag — doch Du warst ja dabei, wie er erklärte, nie in Hoßburg gewesen zu sein.“

„Allerdings — und dann kann er hier auch kein Verbrechen verübt haben — selbst wenn er dessen fähig wäre, was ich noch sehr bezweifle —“

„An demselben Tag,“ fuhr Elisabeth fort, „an welchem der Mord verübt worden, ja kurz nach der Zeit selbst, bin ich Herrn von Berger auf der Promenade hier begegnet.“

„Hast Du ihn denn früher gekannt?“

„Nein — er fiel uns damals — mir wenigstens — auf, da er sehr anständig gekleidet, aber sein Beinkleid am Knie zerrissen war, was er gar nicht bemerkt haben konnte. Er trug ein in Papier geschlagenes Paket unter dem Arm, beides auffällig für einen anständig gekleideten Herrn. Gleich darauf nahm er eine Droschke und ich sah ihn erst in Bonn wieder.“

„Und erkanntest ihn nach so flüchtigem Begegnen? Liebes Kind, kann das nicht ein Irrthum gewesen sein? Der Beweis ist allerdings zu schwach, um auch nur einen Verdacht darauf zu gründen.“

„Er läugnete, daß er je in Hoßburg gewesen.“

„Könntest Du beschwören, daß er es war?“

„— — Ich glaube, ja,“ sagte Elisabeth nach einigem Zögern, „aber höre weiter — er läugnete nicht allein, sondern er erschrak auch, als ich ihm sagte, ich erriethe seine Gedanken. Er hatte sich zufällig sein Beinkleid am Knie gerade so zerrissen, wie an jenem Morgen, und ich rieth das auf’s Gerathewohl.“

„Er erschrak?“

„Klara sowohl wie ich hatte es bemerkt, aber damals weiter nicht beachtet. Doch mehr noch als das: der kleine Pello, der Hund der alten Dame, hat dem Mörder ‚ein Loch in’s Bein gebissen‘, wie Jeanette sagt — das war das Einzige, was ich aus ihr herausbringen konnte — jedenfalls nur in das Beinkleid, denn die Kleine fiel selber darauf, als ich mir gestern mein Kleid am Koffer zerriß.“

„Und weil zwei Menschen das Nämliche passirt ist, soll der Zweite das Verbrechen des Ersten verübt haben?“

„Höre mich weiter. Zu den Akten sind zwei Briefe eines Mannes geheftet, der wunderbarer Weise denselben Namen führt: Berger. Er ersucht darin seine Cousine um eine Unterstützung.“

„Berger? — Berger? — Ja, wahrhaftig, Du hast Recht — jetzt erinnere ich mich — aber ob das derselbe ist? Der Name kömmt doch gar zu häufig vor. Eine Menge Menschen tragen ihn.“

„Der Vorname stimmt — wenigstens das F., mit denen sie gezeichnet sind. Herr von Berger in Bonn heißt Ferdinand.“

„Hm — hm — und die Handschrift?“

„Das weiß ich nicht. Klara muß mir einen von seinen Briefen schicken.“

„Und was bewiese das Alles, wenn wir nicht konstatiren können, daß er an jenem Tage wirklich hier gewesen ist?“

„Er hat seine Cousine um Geld gebeten, also war er arm, jetzt ist er reich.“

Der Justizrath schüttelte noch immer mit dem Kopf. „Er hat sich durch Spekulationen in Paris viel Geld verdient, wie mich Freund Perler versichert.“

„Er verkauft Diamanten,“ fuhr Elisabeth fort; „unter den Steinen aber, die er besitzt, sind ein paar unechte, und der Juwelier, der hier den Schmuck des alten Stiftsfräulein in Händen gehabt, sagt — nach den Akten — aus — daß einige unechte Steine dabei gewesen wären.“

„Aber um Gottes Willen, woher weißt Du das Alles?“ rief der Justizrath wirklich erstaunt aus.

„Nach jenem Abend,“ fuhr Elisabeth fort, ohne die Frage gleich zu beantworten, „war er verschwunden — ich habe ihn nicht wieder gesehen und muß gestehen, daß mir das auffiel. Geschäfte? Es ist das ein gefälliges Wort, und leicht vorgeschützt, aber damals, mit keiner Ahnung eines solchen Verdachts, grübelte auch ich nicht weiter darüber nach. Er ist jetzt nach Paris und Brüssel, wer weiß, ob er je nach Deutschland zurückkehrt.“

„Und weiß er, daß wir in dem nämlichen Hause wohnen, in dem der Mord verübt ist?“

„Nein — wenn er überhaupt von dem Mord Kenntniß hat,“ sagte das junge Mädchen.

Der Justizrath war aufgestanden und ging, die linke Hand auf dem Rücken, in der rechten die Pfeife haltend, mit raschen Schritten in seinem Zimmer auf und ab.

„Das ist eine sehr — sehr merkwürdige Geschichte,“ murmelte er zwischen den Zähnen durch, „sehr merkwürdig —“

„Aber, Papa, hast Du mir nicht gesagt, daß der Zufall manchmal —“

„Ach, ich rede nicht davon,“ sagte der Vater, „merkwürdigere Dinge sind schon vorgefallen, aber daß alle unsere Gerichte vergebens nach einer Spur gesucht haben, und daß da ein junges, unerfahrenes Mädchen — sehr merkwürdige Geschichte das — sehr merkwürdig in der That.“

„Und was willst Du jetzt thun, Papa?“

„Ja, mein Kind, das ist sehr leicht gefragt, aber schwer beantwortet,“ sagte der Justizrath, indem er vor ihr stehen blieb, „was willst Du thun? — was kann ich thun, ehe wir nicht die wirkliche Identität zwischen den Beiden festgestellt haben?“

„Ich schreibe heute Morgen an Klara und lasse mir einen Brief von ihrem Bräutigam schicken.“

„Unter welchem Vorwand?“

„Ich bin Autographensammler.“

„Hm — hm,“ sagte der Justizrath und setzte seinen Spaziergang fort, „man liest jetzt so viel, daß das weibliche Geschlecht nicht allein beim Telegraphenwesen, sondern auch in den Druckereien verwandt werden solle — hm — hm — denke fast, daß es im Justizfach auch manchmal mit Nutzen anzustellen wäre.“

„Und was willst Du jetzt thun, Papa?“

„Laß mir Zeit zum Ueberlegen, Schatz, — alle Wetter, Mädel, die Justiz ist nicht darauf eingerichtet, daß sie Hals über Kopf einen Beschluß faßt, und das hier ist außerdem ein Casus, wo mit äußerster Vorsicht zu Werke gegangen sein will, denn im ungünstigen Fall kompromittire ich nicht allein eine anständige und mir befreundete Familie, sondern mich selber dazu — Berger — Berger — in der That, es ist merkwürdig, der Name stimmt in der That, und manches Andere würde vielleicht auch stimmen, aber — es ist ja doch gar nicht möglich, und Freund Paßwitz — hm, hm, hm — Jedenfalls müssen wir vorher wissen, ob jener Berger aus Bonn und der, welcher sich um Geld an das alte Stiftsfräulein gewandt hat, ein und dieselbe Person sind — nachher läßt sich ein Vorgehen entschuldigen, ja ist vielleicht geboten. Willst Du also schreiben?“

„Gleich heute, Papa — noch in dieser Stunde, denn wenn sich der furchtbare Verdacht bestätigt, so ist allerdings kein Tag Zeit zu verlieren, um Klara vor einem furchtbaren Schicksal zu bewahren.“

Der Justizrath schüttelte noch immer mit dem Kopf. Die ganze Sache kam ihm so entsetzlich unwahrscheinlich vor, daß er sich noch nicht damit befreunden konnte, und trotzdem hatten die einzelnen Verdachtsgründe doch auch wieder gerade in ihrer Zusammenstellung einen gewissen Halt, den er als Kriminalist unmöglich unbeachtet lassen konnte. Keinesfalls war ein entscheidender Schritt eher zu unternehmen, ehe nicht die Handschrift jenes Berger eingetroffen.

„Gut, mein Kind,“ sagte er nach einer längern Pause des Nachdenkens, in der er den Dampf seiner Pfeife in wahren Wolken von sich blies, „schreib — schreib umgehend, und dann wollen wir das Weitere berathen. Das versprich mir aber, Herz, sobald Du geschrieben und den Brief fortgeschickt hast, legst Du Dich zu Bette und schläfst mir, bis zum Mittagessen gerufen wird — wie?“

„Ich verspreche es Dir, Papa,“ sagte Elisabeth, küßte den Vater und verließ dann das Zimmer; der Justizrath aber schob all’ die anderen, für nothwendig gehaltenen Arbeiten bei Seite, und nahm die Akten jenes geheimnißvollen Raubmords wieder vor, die er von Anfang bis Ende noch einmal aufmerksam, und ohne sich dabei von irgend Jemanden stören zu lassen, durchstudirte.

Neuntes Kapitel. Vergebliche Nachforschungen.

Vier Tage vergingen so, ohne daß in der Sache ein weiterer Schritt gethan gewesen wäre. Das Gericht hatte sie allerdings noch nicht aufgegeben, und alle Beamten waren instruirt worden, mit äußerster Aufmerksamkeit jeder nur irgend verdächtigen Spur zu folgen, aber ein Resultat wurde dadurch nicht erzielt, und man hoffte es auch kaum mehr. Daß sich der wirkliche Thäter nicht lange nach dem verübten Verbrechen in Hoßburg aufgehalten hatte, ließ sich denken, und wer konnte sagen wohin — ja nur nach welcher Richtung er sich von da gewandt?

Der Justizrath war heute Morgen in einer Sitzung gewesen — als er nach Hause kam, erwartete ihn Elisabeth schon in fieberhafter Ungeduld an der Treppe.

„Bitte, Papa, nur ein Wort.“

„Hast Du Antwort bekommen?“

„Ja —“

„Und ein Autograph?“

„Ebenfalls, aber die Zeit drängt; auf heute in acht Tagen ist die Trauung angesetzt.“

„Alle Wetter, der junge Herr scheint Eile zu haben. Kann ich den Brief sehen?“

„Hast Du die Akten noch im Hause?“

„Komm’ mit auf mein Zimmer; dort wollen wir die Handschrift vergleichen,“ sagte der Vater. „Es wäre doch in der That merkwürdig, wenn Du Recht hättest.“

Die Akten lagen noch auf seinem Schreibtisch, und die beiden angehefteten Briefe aufschlagend, streckte er die Hand nach dem erwarteten Schreiben aus. — Elisabeth hielt es noch zurück.

„Beantworte mir erst eine Frage, Vater.“

„Was, mein Kind?“

„Welche Strafe wird der Verbrecher erhalten — wenn er schuldig ist?“ sagte das Mädchen mit leiser, kaum hörbarer Stimme.

„Welche Strafe? Ei, mein Kind,“ sagte der Justizrath, „das hängt ganz von dem Ergebniß der Untersuchung ab. Stellt sich die That — was allerdings schwer zu beweisen oder nachzuweisen ist — als ein vorbedachter Mord heraus, dann verdient er den Tod —“

„Großer Gott!“

„Ist das aber nicht der Fall, hat er bloß in der Erregung des Augenblicks gehandelt, so ist es möglich, daß er mit lebenslänglicher — ja vielleicht nur zwanzigjähriger Zuchthausstrafe davonkommt.“

„Und ich, Vater,“ sagte das Mädchen in Todesangst, „ich soll dazu helfen, eine so furchtbare Strafe über einen Menschen zu verhängen? — Es wäre entsetzlich, und der Gedanke daran würde mich mein ganzes Leben quälen und peinigen.“

„Ich sehe doch, daß Du noch nicht recht zum Justizbeamten paßst, mein Kind,“ sagte der Vater, „und aus dem Grund ließen sich Frauen vielleicht — trotz ihrem sonstigen Scharfsinn — nicht dazu verwenden. Du möchtest einen Mörder — wenn er wirklich ein solcher ist — nicht seiner Strafe überliefern, aber Deine Freundin seinen Armen?“

„Meine arme, arme Klara!“ rief Elisabeth, ihr Antlitz in den Händen bergend.

„Komm’, gieb mir den Brief,“ sagte der Vater ruhig, „und das Andere überlass’ vor der Hand mir. Ich werde Dich nicht mehr damit behelligen, als unumgänglich nöthig ist. Vielleicht zeigt es sich ja auch, daß dieser Berger, den wir kennen, mit der ganzen Sache gar Nichts zu thun hat, und dann ist es um so mehr unsere Pflicht, einen so schweren, jetzt auf ihm ruhenden Verdacht zu entfernen — ist er aber schuldig, dann hat er auch ein so schweres Verbrechen verübt, daß es Pflicht jedes braven Menschen ist, ihn deßhalb zur Verantwortung zu ziehen — ja die Selbsterhaltung zwingt uns dazu, denn wer von uns wäre sicher, nicht in der eigenen Familie von solchen Buben angefallen und beraubt oder ermordet zu werden, wenn die Vergeltung solcher That nicht auf dem Fuße folgte? Also gieb mir den Brief, Schatz, denn wie Du selber sagst, haben wir nicht mehr viel Zeit, um Deine Freundin Klara vor einem vielleicht recht traurigen Schicksal zu bewahren.“

„Hier ist der Brief, Vater,“ sagte Elisabeth, während jeder Blutstropfen ihr Antlitz verlassen hatte, „ich fühle, es muß sein — thu’ Deine Pflicht.“

„Ich danke Dir, mein Kind!“ sagte der Justizrath, und verglich schon, noch während er sprach, die beiden Schriftstücke miteinander — aber ein Verkennen war nicht möglich — die steil stehenden Buchstaben beider rührten unzweifelhaft von einer und derselben Hand her. — Jener Berger in Bonn war der nämliche, der an das alte Stiftsfräulein geschrieben und sie „Cousine“ genannt hatte, und mußte damals außerdem in sehr großer Geldverlegenheit gewesen sein, denn seine beiden vorgefundenen Briefe lauteten dringend und waren voll Betheuerungen, daß es das letzte Mal sein solle, wo er sie um Unterstützung angehe, da er Aussichten habe, sich eine feste und bleibende Existenz zu gründen.

Ganz anders klang freilich dieser, nur sieben Monate ältere Brief, der der Geliebten in jugendlichem Uebermuth die glänzenden, glücklichen Tage schilderte, die sie jetzt bald, recht bald zusammen und Seite an Seite verleben wollten.

Der Justizrath legte das neue Blatt schweigend zu den Akten.

„Und was schreibt Dir Klara?“

„Der Brief ist nur kurz, Papa,“ sagte Elisabeth, während sie denselben entfaltete und las:

„Meine liebe, liebe Lily!

„Ich bin jetzt glücklich — recht glücklich. Seit Ferdinand zurückgekehrt ist, scheint er ganz verändert — meine Befürchtungen waren ungegründet — Bella hat Recht — er liebt mich wirklich. — Wie danke ich Dir, daß Du so Theil an mir nimmst, und Dich besonders für Ferdinand so sehr interessirst — Du sollst auch einen seiner süßesten Briefe erhalten — erfahren darf er es freilich nicht, daß ich ihn Dir geschickt habe, er würde sonst vielleicht böse darüber werden — er kann ja aber nicht wissen, wie lieb ich Dich habe. Unsere Verbindung ist jetzt auf morgen in acht Tagen festgesetzt, und unsere Hochzeitsreise machen wir — rathe, wohin? Du riethest es nicht, und wenn ich Dir ein Jahr Zeit dazu ließe — denke Dir, nach Westindien. Er ist aber excentrisch in Allem, was er thut — eine gewöhnliche Reise nach Frankreich oder Italien genügt ihm nicht, und da er in Westindien Geschäftsverbindungen hat, will er das gleich benutzen, um alte Bekanntschaften zu erneuen und neue anzuknüpfen. Bella wird in der Zeit Papa die Wirthschaft führen, bis wir nach Bonn zurückkehren. Aber heute kann ich Dir nicht mehr schreiben — Ferdinand ist erst seit gestern Abend wieder hier eingetroffen und ich erwarte ihn jeden Augenblick — wenn er kommt, habe ich nachher natürlich keine Zeit mehr.

„Empfiehl mich Deinem Papa, küsse mein herziges Käthchen und behalte lieb wie immer

Deine glückliche Klara.“

„Arme — arme unglückliche Klara.“

„Also nach Westindien will der junge Herr die Hochzeitsreise machen,“ sagte der Justizrath, dabei mit dem Kopfe nickend, „das wäre allerdings ein äußerst bequemer Platz, um von da ab im Nothfall jede Spur zu verwischen. Lily, Lily, ich fange immer mehr an zu glauben, daß Dein Verdacht ein begründeter gewesen — aber geh’ jetzt auf Dein Zimmer, Kind — überlass’ mir das Weitere. Ich weiß nun, wie sehr die Zeit drängt, und will Nichts versäumen, um sowohl einem möglichen Unglück zu begegnen, als auch das Geheimniß bis zum entscheidenden Augenblick zu wahren, falls jener Berger doch noch, wider alles Erwarten, unschuldig und der ganzen Sache fremd sein sollte.“

Das waren jetzt zwei schwere Tage im Hause, die nächsten beiden, und Käthchen wußte nicht, was sie vom Vater und besonders von der Schwester denken sollte. War Elisabeth krank geworden? — Bleich und elend genug sah sie aus, aber sie verrichtete ihre gewohnte Arbeit nach wie vor, nur auf die drängenden Fragen der Schwester gab sie ausweichende Antworten — Käthchen war noch so jung, so fröhlich — weßhalb sollte sie auch ihren Frieden stören, ihrem theilnehmenden Herzen einen solchen Kummer aufbürden — und doch würde sie selber es viel leichter getragen haben, wenn sie die Last hätte mit einer andern Brust theilen können.

Der Justizrath dagegen, während Elisabeth still vor sich hin brütete, schien von einer ganz ungewohnten Thätigkeit belebt und selbst beim Essen, wo er sich sonst ganz und ausschließlich seiner kleinen Familie widmete, so zerstreut, daß er von Käthchen an ihn gestellte Fragen entweder gar nicht oder ganz verkehrt beantwortete. Der Fall war in der That auch wichtig genug, um seine Aufmerksamkeit vollständig in Anspruch zu nehmen; aber selbst mit Elisabeth sprach er kein Wort weiter darüber. Nur einmal ließ er sich von ihr all’ die Einzelnheiten aus Bonn ausführlich erzählen und betrieb dann seine Nachforschungen theils durch den Telegraphen, theils in der Stadt mit einem bei der Justiz sonst ganz ungewohnten Eifer.

Selbst mit der kleinen Jeanette wollte er in Gegenwart der Mutter einen neuen Versuch anstellen, um etwas aus dem Kind herauszubekommen. Das aber zeigte sich als vollständig erfolglos, denn die Kleine hatte ihre Furcht noch lange nicht überwunden und fing wieder heftig an zu weinen, als nur der „böse Mann“ erwähnt wurde. Es mußte aufgegeben werden. Längere Konferenzen hatte der Justizrath aber dagegen mit der Modehändlerin, Madame Belchamp.

Am Morgen des dritten Tages kam der Justizrath ungewöhnlich früh vom Kriminalamt zurück und schien in nicht geringer Aufregung. Selbst Käthchen, die ihm an der Treppe begegnete, bemerkte es.

„Ist etwas vorgefallen, Papa?“ frug sie, „Du siehst so erhitzt aus!“

„Nichts, mein Kind — nichts was Dich stören könnte,“ sagte aber der Vater, sie auf die Stirn küssend. „Ist Elisabeth zu Haus?“

„Mit Lily?“ frug Käthchen erschreckt.

„Nein, auch nicht mit Lily,“ lächelte der Justizrath, „sei ohne Sorgen — nur Amtsgeschäfte. Ist sie daheim?“

„Ja, Papa.“

„Bitte sie doch einmal, zu mir auf mein Zimmer zu kommen.“

„In Amtsgeschäften, Papa?“

„Nein, Du kleiner Naseweis, wenn Du auch nicht Alles zu wissen brauchst.“

Der Justizrath hatte in seiner Stube noch nicht einmal seinen Hut und Stock abgelegt, als Elisabeth schon auf der Schwelle stand.

„Du hast mich zu sprechen verlangt, Papa?“

„Ja, mein Kind,“ sagte der Vater, seine Sachen ablegend, „bitte, mach’ die Thür zu.“

„Ist etwas vorgefallen?“

„Ja, allerdings!“ rief der Justizrath erregt, „denke Dir, wir haben den wirklichen Mörder des Stiftsfräulein.“

„Den wirklichen Mörder?“

„Einen von jenen Handwerksburschen, der an dem Tage im Haus gesehen worden — aber nicht den schielenden.“

„Und hat er gestanden?“

„Gestanden noch nicht,“ sagte der Justizrath, „ja, so geschwind geht das nicht, mein liebes Kind, denn derlei Burschen gestehen nicht so leicht etwas ein; aber es ist erwiesen, daß er in jener Zeit hier in Hoßburg war, und man hat ihn ertappt, wie er alberner Weise einen Brillantring verkaufen wollte, den der Juwelier bestätigt, unter dem früheren Schmuck des Stiftsfräulein gesehen zu haben, während der Mensch behauptet, er hätte ihn in irgend einem Hause in der Stadt — in welchem kann er nicht einmal mehr angeben — auf dem Hausflur gefunden. Er will sich indessen im Preußischen aufgehalten haben und sei jetzt, da er hier heimatsgehörig ist, nach Hoßburg zurückgekehrt und durch Geldverlegenheit gezwungen gewesen, den Ring zu verkaufen. Zufälliger Weise bot er ihn unserem Juwelier an, der augenblicklich die Anzeige machte und den Menschen in Haft brachte.“

„Und wenn er den Ring wirklich gefunden hätte?“

„Das ist doch ein wenig zu unwahrscheinlich,“ sagte der Justizrath, „übrigens hat er schon gestanden, daß er damals in Hoßburg mit einem Kameraden fechten gegangen sei, — das sind also jedenfalls die beiden Handwerksbursche, die unser Mädchen damals im Hause gesehen hat.“

„Und ist die Jette schon mit ihm zusammengebracht?“

„Vor einer Stunde war sie oben; ich wollte erst sicher in der Sache sein, ehe ich Dich beunruhigte, und hatte sie deßhalb auf das Kriminalamt bestellt, mir meine Dose hinaufzubringen. Ich habe sie mit dem Menschen konfrontirt, aber sie erklärt freilich, nicht auf ihn schwören zu können. Das ist auch natürlich, denn so genau wird sie ihn sich nicht angesehen haben, thut übrigens auch Nichts zur Sache.“

„Und wenn sich später herausstellen sollte, daß der Handwerksbursche wirklich unschuldig an dem Verbrechen ist?“

„Du glaubst fest an Herrn von Berger’s Schuld?“

„O, Vater, mißversteh’ mich nicht!“ rief Elisabeth erschreckt, „Gott weiß es, wie heiß ich schon zu ihm gebetet habe, daß jener Mann rein und schuldlos aus dem Verdachte hervorgehe, aber — die Zeit verstreicht — und wenn es doch nicht wäre — und Klara dann —“

„Es ist und bleibt eine verfluchte Geschichte,“ sagte der Justizrath, sich verlegen hinter dem Ohr kratzend. „Du hast Recht, — in einem gewöhnlichen Fall könnte man der Sache ruhig ihren Lauf lassen, ist der Gefangene aber wirklich nicht schuldig, und haben wir den Andern nach Westindien und von da irgend wohin auf den amerikanischen Kontinent entwischen lassen, so machte ich mir selber die bittersten Vorwürfe darüber mein Lebenlang.“

„Und Klara —“

„Ja Klara, Kind; aber was kann ich thun? auf einen noch ganz unbestimmten Verdacht hin, der sich in der That auf nichts Reelles weiter basirt, als die Aehnlichkeit der Handschrift und auch in der nicht den geringsten Beweis für einen Mord giebt, Freund Paßwitz warnen und das ganze Haus in Schrecken setzen?“

„Wenn man ihn nun bäte, die Verbindung aufzuschieben?“

„Dann muß ich ihm doch einen Grund angeben, weßhalb,“ rief der Justizrath. „Nein, das geht auf keinen Fall, und ich sehe schon, ich muß selber wieder nach Bonn.“

„Ach, wenn ich mit und an Klara’s Seite sein könnte,“ sagte leise Elisabeth.

„Nun, wir wollen sehen, wie sich noch Alles macht,“ nickte der Justizrath vor sich hin. „Gott sei Dank, wir haben doch wenigstens noch ein paar Tage Luft und vielleicht bringen wir bis dahin den Gefangenen auch zum Geständniß. Assessor Berthus hat ihn in Händen und wird ihn schon mürbe machen, den verfluchten Kerl. Ergiebt sich dann aus der Untersuchung ein Resultat, so war unsere ganze Angst unnütz.“

Damit war das Gespräch für jetzt abgebrochen, und der Justizrath mußte gleich darauf wieder auf das Amt, hatte sich aber insofern in dem Gefangenen geirrt, als dieser hartnäckig bei seinem Läugnen blieb.

Der Ring, das gestand er ein, war nicht sein rechtmäßiges Eigenthum; er hatte ihn gefunden und nicht der Polizei angezeigt, — noch dazu in einem Haus gefunden, wo der wirkliche Eigenthümer leicht zu ermitteln gewesen wäre, und darin mochte er gesündigt haben, — in weiter Nichts. Er wollte auch das Haus nicht einmal mehr kennen; als man ihn aber, mit Bedeckung natürlich, in den Hausflur führte, auf dem das Stiftsfräulein früher gewohnt, erinnerte er sich ohne Weiteres daran, daß es hier — oder doch wenigstens in einer ganz ähnlichen Hausflur gewesen sei. Da — gerade dort, auf einem kleinen Absatz, der von der Flur mit zwei Stufen nach der links befindlichen Thür führte, hatte der Ring gelegen. Der Handwerksbursche erzählte dabei, er habe dort an dem nämlichen Griff geklingelt, aber Niemand hätte geantwortet, auch auf sein zweites Anläuten nicht, und während er so an der Thür gewartet, sei sein Blick auf den funkelnden Stein gefallen, den er aufgehoben und sich dann entfernt habe.

Dabei blieb er, — von weiter wollte er Nichts wissen und betheuerte, auf das Kriminalamt zurückgeführt, wieder und wieder, daß er jenen inneren Raum nie betreten, eine alte Dame nie gesehen, auch Niemanden darin gehört habe. Es sei Alles todtenstill dort gewesen, und er endlich wieder fortgegangen.

„Und warum er nicht eine oder zwei Treppen höher gestiegen wäre, da er doch des Fechtens wegen in das Haus gekommen? — ja nicht einmal auf der anderen Seite bei der Modewaarenhändlerin angeläutet habe?“

„Er hätte gefürchtet,“ sagte der Handwerksbursche, „des unglücklichen Ringes wegen gefragt zu werden, und deßhalb seinem Kameraden draußen auch gesagt, es würde in dem Hause Nichts gegeben.“

„Und wo der Andere jetzt sei?“

„Das wisse er nicht.“

„Und wie er hieße?“

„Das könne er auch nicht sagen; er habe ihn nur ‚Bruder Breslauer‘ genannt, da er aus Breslau stamme, — er sei Gürtler gewesen, wie er selber.“

Der Justizrath kam nach dieser zweiten Untersuchung wieder, den Kopf voller Zweifel und Bedenken, nach Hause. Die Gegenstände, die der Handwerksbursche bei sich führte, waren so unverfänglicher Art und so ärmlich, daß daraus keinenfalls hervorging, er habe vor kurzer Zeit einen beträchtlichen Raub ausgeführt. Der Ring machte ihn allerdings verdächtig, aber konnte den der eigentliche Thäter nicht wirklich vor der Thür verloren haben? Die Möglichkeit ließ sich keinenfalls läugnen.

Der Herbergsvater, wo jener Handwerksbursche damals übernachtet hatte, sollte noch befragt werden, ob er in jener Zeit mehr als gewöhnlich Geld verausgabt, war aber schon seit gestern unglücklicher Weise über Land, und wurde erst heute Abend oder morgen früh zurückerwartet.

So verging die Zeit, und der Tag von Klara’s Trauung rückte mit raschen Schritten näher. Was geschehen sollte, mußte bald geschehen, wenn es nicht zu spät sein sollte.

Elisabeth befand sich in einer ordentlich fieberhaften Unruhe, und trotzdem wagte sie nicht, ihren Vater weiter zu befragen, zu drängen — lastete doch das Gefühl: die Ursache einer so schweren Anklage gegen den Bräutigam der Freundin zu sein, schon zu furchtbar auf ihr. — Sie hatte jetzt ihre Pflicht gethan, — mehr konnte kein Mensch von ihr verlangen.

So rückte der Mittwoch heran, — am Sonnabend sollte die Trauung sein, und Elisabeth hatte es noch nicht über sich gewinnen können, Klara’s Brief zu beantworten, — der nächste Tag mußte ja auch die endliche Entscheidung bringen — und selbst der Mittwoch verging und Donnerstag kam, ohne daß der Justizrath ein Wort weiter gegen sie erwähnt hätte. Jetzt litt es sie aber nicht länger, — sie mußte Gewißheit haben, und war eben fest entschlossen, ihren Vater, sobald er nach Hause käme, zu fragen, was er jetzt Willens sei zu thun, als dieser zu ihr in’s Zimmer trat und ruhig sagte: „Liebes Kind, packe Deinen Koffer, — in zwei Stunden reisen wir —“

„Nach Bonn?“

„Nach Bonn — wir haben noch Reisegesellschaft.“

„Von hier?“

„Assessor Berthus ist allerdings schon gestern mit einem Aktuar dorthin abgegangen, aber Madame Belchamp und die kleine Jeanette werden uns begleiten.“

„O Du mein Gott,“ stöhnte Elisabeth.

„Hältst Du Dich nicht für stark genug, Kind,“ sagte der Vater freundlich, „so will ich Dich nicht dazu zwingen, — bleibe dann lieber hier —“

„Daß mich die Angst in der Zwischenzeit tödtet.“

„Es ist eine schwere Stunde, der Du entgegengehst, überlege es Dir wohl vorher, mein Herz.“

„Ich gehe mit Dir, Vater,“ sagte Elisabeth entschlossen, „ich muß an Klara’s Seite sein, denn sie wird den Schlag am Härtesten fühlen, — aber wenn er doch unschuldig wäre, Vater! — Seit ich Dich nicht gesprochen, und keine Stunde weder bei Tag noch bei Nacht die Gedanken aus meinem Kopf bringen konnte, sind mir die Verdachtgründe, die ich gegen Dich ausgesprochen, so schaal, so nichtig vorgekommen, daß ich mir selber schon die bittersten Vorwürfe darüber gemacht. Denke Dir, Vater, denke Dir, wenn Alles falsch und es nur ein durch einen Zufall scheinbares Zusammentreffen wäre, das einem braven Manne die Ehre rauben sollte?“

„Laß Dir das keine Sorgen machen, Schatz,“ sagte der Vater, der sich recht gut in den Seelenzustand seiner Tochter denken konnte. „Eben so exaltirt wie Du früher den ersten Gedanken erfaßtest, und Deine ganze Kraft daran wendetest, um der gefundenen Spur nachzugehen, eben so stark wirkt jetzt bei Dir der Rückschlag, wo die ersten Zweifel mit dem Wunsch vielleicht auftauchen, der Freundin das erhoffte Glück auch zu erhalten. Es ist das so menschlich wie natürlich, und ich möchte es bei Dir nicht einmal anders haben. Aber überlasse auch mir die Leitung des Ganzen und sei versichert, daß ich mit äußerster Vorsicht und Delikatesse zu Werke gehe. Wir werden bald an Ort und Stelle lernen, woran wir sind, und ist der junge Herr dann unschuldig, so hoffe ich, das noch zu erfahren, ehe wir den geringsten Eclat in der Sache machen, oder irgend gewaltsam auftreten. Doch noch eins — Du erzähltest mir neulich von einem alten Juden mit grauen Haaren, mit dem jener Berger viel verkehrt, und der auch in Deiner Gegenwart der unechten Steine erwähnte.“

„Ja, Papa.“

„Weißt Du, wie er heißt und wo er wohnt?“

„Nein, aber ich glaube, daß sich das bald erfahren ließe, da ihn sein Aeußeres leicht von Anderen unterscheidet; schon seine schneeweißen Haare zeichnen ihn aus.“

„Gut, mein Kind, — also packe Deine Sachen zusammen, unser Aufenthalt wird kein langer sein und Du brauchst nicht viel.“

„Und Käthchen?“

„Können wir dießmal nicht gebrauchen, — es ist keine Vergnügungstour, die wir machen. Ich habe ihr schon gesagt, daß ich Dich nur auf ein paar Tage zu Deiner Tante brächte und auf der Rückreise wieder mitnähme. Kannst Du in zwei Stunden mit Deinen Vorbereitungen fertig sein?“

„In einer, Papa.“

„Gut, mein liebes Herz, und nun Muth, — der liebe Gott wird Alles zum Besten lenken.“

Zehntes Kapitel. Wieder in Bonn.

Mit wie leichtem und fröhlichem Herzen hatte Elisabeth ihre letzte Reise nach eben dieser Stadt angetreten, und wie schwer — wie furchtbar schwer wurde ihr die jetzige. Das war auch in der That keine Vergnügungstour — der Vater hatte Recht, — das war ein Hetzen von Zug zu Zug, und selbst das Dampfschiff ging dafür nicht rasch genug den Strom hinab, sondern im heißen, staubigen Coupé flogen sie, neben dem herrlichen kühlen Rhein hinab, ihre Bahn. Sie waren auch die ganze Nacht hindurch gefahren und erreichten Bonn etwa zehn Uhr Morgens.

Wie verschieden von ihrer früheren Ankunft am lachenden Stromesufer, wo liebe Freunde ihnen entgegenwinkten und die Zeit nicht erwarten konnten, um einander in die Arme zu fliegen, war aber die jetzige. Im Bahnhof selber erwartete sie Niemand, als der bleiche unheimliche Assessor Berthus, vor dem Elisabeth schon immer — sie wußte selber nicht weßhalb — eine fast unüberwindliche Scheu gehabt. War es vielleicht, weil der Mann mit den dünnen blassen Lippen, den spärlichen Haaren und den scharfen grünen Augen immer lächelte, — er sah gar so unheimlich dabei aus, und vor ihm und seinem Inquiriren sollten die Gefangenen auch die meiste Furcht haben.

Er hatte sie im Nu in ihrem Waggon entdeckt, und wie freundlich er grüßte und Elisabeth artig aus dem Wagen hob. Auch gegen Madame Belchamp war er galant und wollte die kleine Jeanette ebenfalls heraus heben, aber sie litt es nicht und klammerte sich an ihre Mutter an.

Uebrigens hatte der Assessor für Alles gesorgt.

„Bitte um Ihre Gepäckscheine, Herr Justizrath — Madame Belchamp — bitte, bemühen Sie sich mit der Kleinen nach Droschke 74 — gleich an der Thür rechts. Fräulein Elisabeth ist wohl so freundlich, Sie zu begleiten, der Herr Justizrath und ich folgen zu Fuß. — Ihr Gepäck soll zu gleicher Zeit mit Ihnen eintreffen. — Dieß ist Ihre Nummer im Hotel, Madame — dieß die Ihrige, mein gnädiges Fräulein — Sie werden Alles vorbereitet finden.“

„In welchem Hotel?“

„Der Kellner hier wird Sie begleiten, — er sitzt mit auf dem Bock und besorgt Ihnen Alles, — wir folgen in wenigen Minuten, — das Hotel liegt dicht bei —“

Elisabeth eilte, aus der Nähe des gefürchteten Mannes zu kommen, und der Justizrath, der dem Assessor schon seinen Ueberzieher, Plaid und Regenschirm überlassen mußte, was dieser dem wartenden Kellner aufbürdete, nahm ohne Weiteres seines Kollegen Arm und verließ mit ihm zusammen den Bahnhof.

„Haben Sie etwas ausgerichtet?“ sagte er dabei; „glauben Sie, daß wir auf der richtigen Fährte sind?“

„Die Zeichen mehren sich,“ nickte Assessor Berthus vor sich hin. „Den Juden, dessen Signalement Sie mir gestern telegraphirten, habe ich gefunden — es ist eine allbekannte Persönlichkeit und soll ein streng rechtlicher Mann sein, — der Polizei ist wenigstens das Gegentheil noch nicht bekannt.“

„Und die Steine?“

„Hatte er noch im Besitz, — es sind die nämlichen, die unser Juwelier früher in Händen gehabt.“

„Ist der Juwelier Müller da?“

„Schon seit gestern Morgen. Er ist bereit, diese Steine zu beschwören, da sich an dem einen noch das Zeichen seiner eigenen Feile findet.“

„Haben Sie sich mit dem Medizinalrath in’s Vernehmen gesetzt, Assessor?“

„Nein, Herr Justizrath,“ sagte der Herr; „ich habe allerdings seine Bekanntschaft gemacht, und er mag ein ganz tüchtiger Gelehrter sein, aber in seinem eigenen Hause ist er schwach und unbeholfen, und ich fürchtete mehr zu riskiren als ich gewinnen konnte.“

„Er würde nie einem Verbrecher Vorschub leisten, und wenn er in nächster Verwandtschaft zu ihm stünde.“

„Nein, das — fürchte ich auch nicht — wenigstens nicht wissentlich und absichtlich, aber — glauben Sie mir, wir haben dadurch Nichts versäumt.“

„Haben Sie mit Professor Perler gesprochen?“

„Ja, — der gefällt mir schon besser. Er erwartet Sie in Ihrem Zimmer im Hotel — ich bat ihn, nicht an die Bahn herauszukommen.“

„Und diesen Herrn von Berger?“

„Wir waren gestern Abend zusammen in Gesellschaft und sind die besten Freunde,“ lächelte der Assessor. „Er kennt mich nur unter dem Titel Professor Berthus, — das klingt jedenfalls unverfänglicher.“

„Aus Hoßburg?“

„Bitte um Verzeihung — aus Berlin.“

„Und für was halten Sie den Herrn?“

„Ich halte ihn fähig, eine solche That verübt zu haben, aber — es wird schwer halten, ihm beizukommen. Sonst ist er der liebenswürdigste Gesellschafter, mit dem ich je zusammengetroffen bin und — ich glaube, wir werden uns auch noch nicht so bald wieder trennen.“

„Die Gerichte sind hier von Allem in Kenntniß gesetzt?“

„Nein, — nur die betheiligten Personen. Es ist eine sehr schöne Sache um das ‚Amtsgeheimniß‘, aber sicher bleibt sicher.“

„Und was wollen Sie jetzt thun?“

„Toilette zum Diner machen, das wir heute in Professor Perler’s Haus einnehmen werden. Die Familie Paßwitz und Herr von Berger werden auch dort sein.“

„So weiß der Professor Alles?“

„Alles.“

„Und er will uns unterstützen?“

„Er hat es mir selber angeboten; ich würde nie gewagt haben, ihn darum zu bitten.“

„Und wie wollen Sie Alles einleiten, Berthus?“

„Ueberlassen Sie das mir, Herr Justizrath,“ sagte der Assessor mit seinem freundlichen Lächeln, „thun Sie vor der Hand weiter Nichts, als daß Sie bei Tisch Alles genau beobachten, ohne natürlich irgend einen Verdacht zu erregen. Mich kennen Sie, wie sich das von selbst versteht — gar nicht, ich werde Ihnen schon durch irgend Jemand vorgestellt werden, und daß sich Ihre Fräulein Tochter nicht verräth, dafür bürgt mir ihre Antipathie gegen mich.“

„Aber lieber Berthus!“

„Bitte, Herr Justizrath, — erwähnen wir es nicht weiter. Ihrer Fräulein Tochter gefällt meine Persönlichkeit nicht, was jedenfalls ihrem Geschmack alle Ehre macht, — hätte sie mich je näher kennen lernen, so würde sich vielleicht diese Abneigung in etwas gegeben haben. Doch das hat ja mit unserem Geschäft Nichts zu thun, ja im Gegentheil, es arbeitet uns in die Hände.“

„Und wenn dieser Berger wirklich schuldig wäre und vor der Zeit etwas merken sollte?“

„Dafür ist gesorgt, fort kann er nicht mehr,“ sagte der Assessor lächelnd; „die dahin getroffenen Vorsichtsmaßregeln sind ausreichend, vertrauen Sie mir. Aber hier sind wir am Hotel — Nr. 5 ist Ihr Zimmer, besprechen Sie Alles mit dem Herrn Professor. Um zwei Uhr treffen wir wieder dort zusammen. — Ich habe die Ehre —“

„Und wohnen Sie nicht mit hier?“

„Nein, — mit Herrn von Berger Stube an Stube in der nächsten Straße, — auf Wiedersehen, Herr Justizrath —“ und mit den Worten schritt er, das Trottoir entlang, seiner eigenen Behausung zu.

Der Justizrath wollte ihn noch einmal zurückrufen, — es lagen ihm noch eine Masse Dinge auf dem Herzen. — So durfte Klara keinenfalls dabei sein, wenn die Sache zum Ausbruch kam, — der furchtbare Augenblick wenigstens mußte ihr erspart werden — und dann der Medizinalrath selber, — aber Berthus war schon um die Ecke, ehe er noch einen bestimmten Gedanken fassen konnte, und mit dem vollen Vertrauen auf die Klugheit und Umsicht seines Gefährten beschloß er, vor der Hand der Sache ihren Lauf zu lassen. Er war überhaupt müde von der Reise und bedurfte einer kurzen Ruhe.

Desto unermüdlicher schien der Assessor, der, einmal auf eine Fährte gebracht, derselben nachspürte wie ein richtiger Schweißhund, und Hunger und Müdigkeit dabei nicht einmal dem Namen nach kannte.

Im Hotel angekommen, war in der Portiersstube sein erster Blick nach Berger’s Nummer, — der Schlüssel hing am Haken, er selber konnte also nicht zu Hause sein.

„Briefe für mich angekommen?“ frug er.

„Nein, Herr Professor.“

„Herr von Berger oben?“

„Ausgegangen, — Lieutenant von Glaser und der junge Engländer haben ihn abgeholt.“

Der Assessor nickte; er wußte jetzt, wo er seinen Mann zu suchen hatte, drehte augenblicklich wieder um und schritt einem nicht sehr entfernten Frühstückskeller zu, in dem sich die genannten Herren jetzt schon zwei Tage hintereinander Morgens erfrischt hatten. Er war nicht fehlgegangen. Hinter ein paar Flaschen Rheinwein, mit Lachs und Kaviar, traf er die kleine fröhliche Gesellschaft, die er aber natürlich gar nicht bemerkte, sondern sich eben an einen freistehenden Tisch setzen wollte, als er von Berger selber angerufen wurde.

„Hallo, Professor! auch durstig? kommen Sie mit hier her zu uns; wir haben einen famosen Rüdesheimer entdeckt.“

„Ah, meine Herren, sehr angenehm, Sie zu treffen. Kam eigentlich nur herein, um einen ‚Stehschoppen‘ zu trinken, — wenn Sie erlauben —“ und er setzte sich mit zu ihnen an den Tisch.

Berger war aufgeregt; aber wie es schien vortrefflicher Laune, und der ‚kleine berliner Professor‘, wie ihn die jungen Leute nannten, gerade der Mann, ihn darin zu erhalten. Berthus schien selber Geschmack an dem Wein zu finden, und ließ noch eine, selbst noch eine zweite Flasche geben, und wußte eine solche Unzahl von Anekdoten und pikanten Späßen, daß die kleine Gesellschaft gar nicht aus dem Lachen herauskam und den aufrichtigen Neid der übrigen Tische erregte.

Endlich zog Berthus die Uhr heraus.

„Alle Wetter,“ sagte er, „gleich halb zwei Uhr und um Zwei sollen wir drüben beim Herrn Professor Perler sein. Mein lieber Herr von Berger, ich glaube, es wird Zeit, daß wir uns anziehen, sonst kommen wir wahrhaftig zu spät.“

„Liebes Professorchen,“ sagte Berger, verdrießlich nach seiner eigenen Uhr sehend, „ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich viel lieber hier bliebe, — aber Sie haben Recht, wir müssen die Zeit einhalten.“

Seine beiden Freunde wollten remonstriren und ihn verführen, das ‚langweilige Diner‘ zu versäumen, — es sei ja, wie sie sagten, der ‚letzte freie Tag‘, aber es ging nicht gut, — gerade heute nicht, — sein ‚Schwiegerpapa‘ war auch da und seine Braut, und er mußte wirklich vorher noch Toilette machen.

Fünf Minuten später schritt er mit ‚Professor Berthus‘ Arm in Arm die Straße hinab, seinem Hotel zu, und punkt zwei Uhr standen Beide im Gartensalon des Professor Perler, wo der Tisch gedeckt worden.

Eine Viertelstunde früher war schon, auf des Professors Veranlassung, Klara mit Elisabeth dort zusammengetroffen, und Klara mit einem Jubelschrei in die Arme der Freundin geflogen.

„O, Lily, — meine liebe, süße Lily,“ rief das junge Mädchen unter Thränen lächelnd, „wie lieb und gut das von Dir ist, daß Du zu meinem Ehrentag gekommen bist; ich kann Dir gar nicht sagen, wie ich mich nach Dir gesehnt und Dich herbeigewünscht habe, — aber Herz,“ rief sie plötzlich, die Freundin auf Armeslänge von sich drückend, „was fehlt Dir, — Du siehst bleich — ganz erschrecklich bleich und angegriffen aus. Warst Du krank?“

„Nur von der Reise ein wenig erschöpft, Klärchen, — aber auch Du siehst anders aus, als ich Dich mir gedacht, — ich hoffte, Dich von Glück strahlend zu finden.“

„Ich bin glücklich, Lily,“ sagte Klara, ihren Kopf auf der Freundin Schulter legend.

„Du bist glücklich?“ flüsterte Elisabeth, „und sagst das gerade mit einem Tone, als ob Du Dich bei mir entschuldigen müßtest. Dein Brief lautete so glücklich.“

„Und so ist mir auch zu Muthe, Lily,“ sagte Klara, ohne jedoch ihr Antlitz zu erheben, „glaube mir, Herz — bitte, glaube mir, Lily.“

„Ich will Dir glauben,“ sagte Elisabeth leise, „wenn das Dich beruhigt, — aber etwas ist vorgefallen, meine Klara, das wirst und kannst Du mir nicht ableugnen. Hab’ ich Recht? — komm’, sieh mich an, Kind, — aus Deinen Augen erfahr’ ich die Wahrheit weit eher, als von Deinen Lippen.“ Sie wollte dabei Klara’s Kinn sanft emporheben; aber diese duldete es nicht.

„Es ist Nichts vorgefallen, Lily,“ sagte sie leise, — „Nichts von Bedeutung wenigstens, — ich wäre ärger als ein Kind, wenn ich mir Sorgen darüber machte.“

„Und darf ich es wissen, Klara?“

„Ja, — aber nicht jetzt — nachher — nach Tische, wenn wir im Garten spazieren gehen. — Und wo ist Käthchen?“ setzte sie rasch hinzu, wie um das Gespräch auf einen anderen Gegenstand zu bringen, — „warum hat sie euch nicht begleiten dürfen?“

„Wir konnten doch nicht schon wieder mit der ganzen Familie kommen,“ lächelte Elisabeth, — „Käthchen muß jetzt Haus halten, und Papa hat auch nur so wenig Zeit, daß er sich kaum die paar Tage abzwingen konnte.“

„Zu desto größerem Dank bin ich ihm dann verpflichtet, daß er es mir zu Liebe doch gethan.“

„Ja, wahrlich Dir zu Liebe, Klara,“ sagte Elisabeth mit tiefem Gefühl, „und nur der Gedanke an Dich hat uns hierher getrieben.“

„Meine gute Lily, — aber still — da kommen noch Gäste.“

„Die Stimme sollt’ ich kennen,“ sagte Elisabeth und mußte sich Gewalt anthun, gefaßt zu scheinen.

„Es ist Ferdinand mit seinem neuen Freund, einem Professor Berthus.“

„Berthus?“

„Ja, — kennst Du ihn? ein höchst drolliger Kauz, wenn auch mit abstoßendem Aeußeren, aber ich könnte fast eifersüchtig auf ihn werden, denn Ferdinand ist ordentlich verliebt in ihn.“

„Auf Herrn Berthus?“

„Auf den Professor — ja.“

„Und seit wann kennt ihn Dein Bräutigam?“

„O, seit etwa zwei Tagen erst. Er kam mit einer Empfehlung von Berlin an Professor Perler und meinen Vater und scheint wohl ein sehr gescheidter Mann, aber — doch da kommen sie, — Ferdinand wird überrascht sein, Dich zu treffen.“

Sie hatte nicht Zeit, mehr zu sagen, denn in dem Augenblick öffnete sich die Thür, und von Berger, den Assessor Berthus am Arm und sein Gesicht ein wenig von dem genossenen Wein geröthet, betrat das Zimmer, wo er, der Aussage eines der Dienstboten nach, seine Braut wußte.

Klara hatte übrigens richtig vermuthet. Wirklich überrascht blieb er auf der Schwelle stehen, als er das junge Mädchen bei seiner Braut fand und auch augenblicklich erkannte.

„Mein gnädiges Fräulein, das ist allerdings eine unverhoffte Freude,“ stammelte er, etwas verlegen, und Elisabeth entging nicht, daß er sich leicht entfärbte; ehe sie aber etwas darauf erwiedern konnte, öffnete sich die Seitenthür, und Professor Perler mit seiner Frau und Tochter und dem Justizrath traten in’s Zimmer.

War Berger indeß wirklich einen Moment verlegen gewesen — und die Gewißheit dafür ließ sich in seinen Zügen nicht lesen — so konnte ein solches Gefühl bei ihm nie Wurzel fassen. Es schwand so rasch, wie es gekommen, und die Hand dem Vater Elisabeth’s entgegenstreckend, wie er nur seiner ansichtig wurde, ging er auf ihn zu und rief mit herzlicher Stimme: „Ah, mein lieber Herr Justizrath, wie soll ich Ihnen danken, daß Sie meiner Klara die Freude gemacht haben; das war wirklich unendlich liebenswürdig von Ihnen.“

„Herr von Berger,“ sagte der Justizrath höflich, indem er die gebotene Hand nahm, „Ihrer Fräulein Braut zu Liebe haben wir allerdings den weiten Weg gemacht, — aber auch unserer selbst wegen, — Sie haben uns nicht dafür zu danken.“

„Dann erlauben Sie, daß ich Ihnen auch zugleich einen Freund unseres Hauses, Herrn Professor Berthus, vorstelle — lieber Professor, Herr Justizrath von Hochweiler aus — wie hieß doch gleich die Stadt, bester Justizrath?“

„Hoßburg.“

„Ah, in der That,“ rief Berthus, mit seinem trockensten Lächeln, „freut mich in der That, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Justizrath, — in der That, — und das Fräulein Tochter, wie ich vermuthe.“

„Meine Tochter,“ sagte der Justizrath, an dem jetzt die Reihe war, verlegen zu werden, denn alles Blut stieg in diesem Augenblick in Elisabeth’s Antlitz und drohte ihr die Adern zu sprengen.

„Sehr angenehm, mein gnädiges Fräulein,“ erwiederte aber Berthus mit einer tiefen Verbeugung, „und sehr ehrenvoll, — Sie werden das morgende Fest verherrlichen. Aber wo ist Ihr Schwiegerpapa, Berger? er wird uns wieder mit dem Essen warten lassen.“

Der Assessor fühlte, daß er Elisabeth Luft geben mußte, wenn sie sich nicht verrathen sollte, und hatte damit das richtige Kapitel getroffen.

„Dein Papa läßt uns wirklich wieder warten, liebe Klara,“ sagte er; „er hat den Kopf so voll von abstrakten Dingen, daß er uns arme Sterbliche immer darüber vergißt.“

„Er wird gewiß gleich kommen, Ferdinand,“ bat Klara mit einem ängstlichen Blick auf ihren Bräutigam, — „er bekam heute Morgen noch so viel zu thun.“

„Hat auch noch gar Nichts versäumt,“ sagte die Frau Professorin, „sie sind doch noch nicht mit der Suppe fertig, und ehe angerichtet wird, kommt er schon.“

Das Gespräch wurde jetzt allgemein. Berthus unterhielt sich besonders mit dem Professor über den letzten politischen Leitartikel in der Kölnischen Zeitung, und Berger war mit Klara in eine Fensternische getreten und das junge Mädchen flüsterte leise und bittend ihm zu. Endlich kam der Medizinalrath, — Rosa hatte schon auf der Warte gestanden, um ihn gleich anzumelden, und in dem Augenblick zeigte auch die Frau Professorin an, daß die Suppe servirt sei.

Jetzt begannen die gewöhnlichen Höflichkeitsformeln. Berthus bot artig der Frau Professorin den Arm. Berger führte Elisabeth, der Professor Klara, und der Medizinalrath kam eben zu spät, um Fräulein Rosa noch zur Tafel zu geleiten.

Elftes Kapitel. Die Entscheidung.

Die Frau Professorin hatte übrigens die Plätze bestimmt, und so kam Klara nicht neben ihren Bräutigam, sondern zwischen Berthus und den Justizrath zu sitzen, Berger dagegen zwischen Rosa und Elisabeth, sie selber aber zwischen den Justiz- und Medizinalrath, und das Gespräch wollte im Anfang nicht recht fließen. Berger, sonst die Seele einer solchen Gesellschaft, war einsylbig, — hatte ihn der so plötzliche und unerwartete Besuch aus Hoßburg beunruhigt? — er unterhielt sich nur wenig mit seinen Nachbarinnen, und gab selbst auf einzelne von Rosa’s Fragen zerstreute Antworten, Berthus dagegen brachte Alles wieder in das alte Geleise, und mit einem ganz unerschöpflichen Humor nicht allein seine beiden Nachbarinnen zum Lachen, sondern bald auch Leben in den ganzen kleinen Kreis.

Der Justizrath konnte am wenigsten von Allen in Gang kommen, denn der verzweifelte Assessor hatte ihm jede nähere Auskunft verweigert, und er befand sich in einer etwa der ähnlichen angenehmen Aufregung, wie Jemand, der auf einer mit einer angezündeten Lunte versehenen Pulvertonne sitzt und nun nicht genau weiß, wann die Geschichte platzt. Das machte ihn auch entsetzlich einsylbig gegen die an seiner Rechten sitzende Braut, denn er wußte nicht allein nicht über was in aller Welt er sich mit ihr unterhalten sollte, sondern fürchtete auch noch außerdem jeden Augenblick, daß er sich verrathen und sie vor der Zeit alarmiren würde.

Berger war das nicht entgangen; sein Blick flog wenigstens, — wenn auch im Gespräch mit einer seiner Nachbarinnen oder den Scherzen des ‚kleinen Professors‘ lauschend, immer dann und wann zu Elisabeth’s Vater hinüber, und ein paarmal wandte er seinen Blick unwillkürlich der Thür zu, als er sah, wie dessen Auge unruhig dort hinüberflog, als ob er noch Jemanden erwarte.

Berthus hatte das ebenfalls bemerkt, da aber Klara zwischen ihm und dem Justizrath saß, sah er sich nicht im Stande, diesem ein Zeichen zu geben, und mußte der Sache eben ihren Lauf lassen. — Es lag überhaupt ‚der Schatten nahender Ereignisse‘ auf der ganzen kleinen Gesellschaft, denn auch Professor Perler und seine Frau fühlten sich gedrückt, und Elisabeth mußte sich Gewalt anthun, um nur ihre Aufregung zu verbergen. Berthus allein schien von alle dem Nichts zu empfinden und wußte mit einer Gewandtheit die übrigen Tischgenossen bald an der, bald an jener Seite der Tafel in das Gespräch mit hinein zu ziehen, die Nichts zu wünschen übrig ließ.

Klara’s Bräutigam, überdieß schon durch den vorher genossenen Wein aufgeregt, hatte auch bald jedes vielleicht unbehagliche Gefühl abgeschüttelt. Was den Justizrath von Hoßburg noch einmal hierhergeführt? — er war doch jedenfalls nur seiner Tochter zur Begleitung mitgekommen, und wie Klara und Elisabeth aneinander hängen, wußte er ja gut genug, und freute sich nicht darüber. — Aber auch das war bald überstanden und er selber morgen um diese Zeit schon frei von all’ den gesellschaftlichen Banden, die ihn hier fesselten, heute konnte er sie deßhalb noch recht gut einmal über sich ergehen lassen. Er wurde auch selber wieder heiterer, indem er auf Berthus’ Scherze und Anekdoten einging, und das Diner wurde ohne weiteren Zwischenfall beendet.

Als man die Früchte auftrug, brachte der Professor noch eine besondere Sorte feinen Rauenthaler Ausbruch, von wirklich vorzüglicher Güte, und Berthus besonders, der ordentlich ein wenig ausgelassen war, als ob ihm der starke Wein in den Kopf stieg, machte schon einen Versuch zu singen, hielt aber wie erschreckt inne, als sein Blick auf die Damen fiel. Da gab die Frau Professorin das Zeichen für diese zum Aufstehen und sagte dabei: „Da wir doch keinen Theil am Trinken nehmen, wollen wir die Herren lieber sich selber überlassen. Wenn ihr den Kaffee nachher wünscht, Kuno, so bitte, läutet nur, und er wird dann in die Laube gebracht.“

„Gut, mein Kind,“ sagte der Professor, — „ein halbes Stündchen kann es aber immer noch dauern.“

„Uebereilt euch nicht; wir machen indessen eine kleine Promenade.“

Sobald die Frau Professorin aufstand, hatte Berthus einem Lohndiener, der in Livree die Gäste bedienen half, einen Wink gegeben. Dieser trat nur an die Thür, öffnete sie halb, sah hinaus und meldete dann gleich: „Madame Belchamp wünscht die Frau Professorin zu sprechen.“

„O bitte, lassen Sie sie eintreten,“ sagte die Frau, „wir gehen dann gleich zusammen in den Garten.“

Elisabeth, die schon aufgestanden war, erbleichte, ging auf Klara zu und legte ihren Arm um sie, wie um sie zu schützen.

Berger, der mit dem Rücken der Thür zu saß, drehte sich um, — war ihm der Name bekannt vorgekommen? aber er kannte die Dame wohl kaum, und als Madame Belchamp, sehr geschmackvoll gekleidet, mit Jeanetten an der Hand, das Zimmer betrat und die übrigen Herren aufstanden, erhob er sich ebenfalls.

Die Frau Professorin war um den Tisch herumgegangen, um die Fremde zu begrüßen, als Berthus eine Weintraube von der Tafel nahm und damit auf das Kind zuging.

„Wie ein klein liebes herziges Ding,“ sagte er dabei. „Hier, mein kleines Fräulein, darf ich Ihnen eine Traube anbieten? — Sehn Sie einmal, Berger, was für ein lieber Schatz.“

Jeanette hatte die Traube genommen, aber die vielen Menschen ängstigten sie.

„Willst Du mir kein Händchen geben, Kind?“ frug Berthus, und bog sich zu ihm nieder.

Jeanette sah ihn an und gab ihm ihr Händchen, und drehte sich dann um, um zur Mutter zu gehen.

„Aber dem Herrn hier mußt Du auch noch ein Händchen geben, mein Schätzchen,“ sagte Berthus und führte es gegen Berger, — „komm’, gieb ihm eins, — er schenkt Dir auch noch einen Bonbon.“

Jeanette sah ihn an, — kaum aber fiel ihr Blick auf ihn, als sie die erhaltene Traube erschreckt fallen ließ und mit einem lauten Aufschrei: „böser Mann — böser Mann!“ zu der Mutter flüchtete.

„Merkwürdig,“ sagte Berthus, indem er die Traube wieder aufhob, „was Kinder oft für Idiosynkrasieen haben.“ Sein Blick suchte dabei Elisabeth; aber er sah nur noch, wie sie, Klara fest an sich pressend, mit dieser in den Garten hinaus drängte, und die Professorin selber, die vielleicht fürchtete, daß der nächste Moment schon zu einer Entscheidung führen könne, ergriff Madame Belchamp’s Hand und geleitete diese, die ihr weinendes Kind aufgenommen hatte, durch den Salon in den Garten.

Berger selber stand im ersten Augenblick verdutzt, denn wenn er auch das Erschrecken des Kindes vor seinem Anblick gar nicht beachtet hatte, so fühlte er doch in dem ganzen Auftreten der fremden Dame, in dem Benehmen der Professorin selbst, daß hier etwas Außergewöhnliches vorging, wenn er auch vielleicht noch keine Ahnung hatte, wie nahe es ihn selber betraf.

Sogar der Professor war außer Fassung gebracht, und sein Blick haftete düster auf dem jungen Mann. Berthus schien in der That der Einzige, der seine volle Ruhe bewahrte, oder vielmehr das Zeichen, das er selber eingeleitet hatte, nicht im Geringsten beachtete.

„Aber, meine Herren,“ rief er lachend aus, „was für ein Aufbruch? Die Damen haben uns in höchst liebenswürdiger Weise mit diesem neu heraufbeschworenen Nektar allein gelassen, und es wäre bei Gott Sünde, den Zeitpunkt nicht zu benutzen. — Was haben Sie nur, Justizrath? Sie starren ja immer gerade vor sich aus?“

Er hatte bemerkt, daß Berger’s Blick auf dem allerdings sehr aufgeregten Justizrath haftete.

„Ich? — ich —“ stammelte dieser, durch Berthus’ Ruhe wirklich selber irre gemacht, — „o Nichts — die Dame war uns —“

„Hahahaha, alter Schwede,“ lachte der kleine Assessor, dessen Gesicht von dem genossenen Wein glühte, „hat Ihnen die hübsche Dame gefallen? — allerdings eine allerliebste Figur. Wie schade, daß uns die Frau Professorin nicht einmal vorgestellt, — aber nachher, beim Kaffee, — jetzt bitte, lieber Perler, lassen Sie die Flasche noch einmal herumgehen. — Ihre Plätze, meine Herren, — bitte, nehmen Sie Ihre Plätze wieder ein, — nicht wahr, Berger, das ist ein ganz famoser Stoff, den wir eigentlich nur dem Besuch des Justizraths zu danken haben, denn bis jetzt hat ihn Perler noch nicht herausrücken mögen, heh?“

Die Herren hatten ihre Plätze wieder eingenommen; in dem Justizrath stieg aber plötzlich ein ganz eigener Verdacht auf, der ihn nicht wenig beunruhigte. Berthus nämlich, — wie er recht gut wußte, sonst gar nicht an spirituöse Getränke gewöhnt, hatte heute dem starken und schweren Wein außerordentlich lebhaft zugesprochen und viel — sehr viel getrunken, — wenn es zu viel gewesen wäre und er dadurch vielleicht Alles gefährdete, — ja vielleicht sogar im Rausch plauderte? Er bog sich, — da der Platz zwischen ihm und dem Assessor frei geworden, zu diesem über und flüsterte ihm ein paar Worte zu, — Berthus lachte.

„Kein Gedanke daran, Justizräthchen,“ rief er zurück, „unser Wirth nimmt mir das nicht übel, — wie, alter Junge? Fidel müssen wir sein — kreuzfidel, das ist die Hauptsache, alles Andere aber Schwindel — purer blanker Schwindel.“

„Mein lieber Freund,“ sagte Professor Perler, der selber des Justizraths Befürchtung zu theilen anfing, „Sie werden mir doch sicher glauben, daß ich mich freue, wenn meine Gäste lustig sind, — nur möchte ich Sie vor dem jetzigen Wein warnen; er steigt rasch in den Kopf.“

„Bah,“ lachte Berthus, „muthig müssen wir der Gefahr begegnen; wie, Berger? — Männer werden sich doch nicht vor einem Glas Wein fürchten. — Da passirte mir neulich ein gottvoller Spaß,“ lachte er, während er Berger die Flasche zuschob — und jetzt eine Anekdote erzählte, die selbst den Justizrath zum Lachen zwang. — Auch Berger, wenn er überhaupt einen Verdacht geschöpft, war wieder völlig sicher geworden und erzählte ein ähnliches Abenteuer, das sie nach einer lustig durchlebten Nacht gehabt, und Berthus hörte ihm mit leuchtenden Augen zu.

Der Lohndiener kam herein; er brachte Cigarren und Lichter und überreichte Berthus dabei einen kleinen Zettel, auf den dieser aber nur einen flüchtigen Blick warf. Es standen auch nur wenige Worte darauf: ‚Wir haben die Beweise.‘

Der Justizrath hatte ihn ängstlich beobachtet, — er konnte den Zettel kaum gelesen haben, als er ihn schon lachend zusammendrehte und an das Licht hielt, während er mit der anderen Hand eine Cigarre nahm.

„Ah, das hat mir gefehlt,“ rief er dabei, „nach einer Cigarre hab’ ich mich ordentlich gesehnt — und die seh’n gut aus — bitte, Justizrath, bedienen Sie sich, — die Cigarren kaufen Sie in Hoßburg nicht.“

„Nun, ich weiß doch nicht,“ sagte der Justizrath verlegen, „wir haben dort auch recht rauchbare Cigarren.“

„In Hoßburg?“ lachte Berthus, — „jetzt bitte ich Sie um Gotteswillen, in dem Nest.“

„Sind Sie denn dort bekannt, Berthus?“ frug Berger.

„Bekannt?“ rief der kleine Mann; — „na, ich sollte denken, jeden Winkel kenn’ ich, — wo wohnen Sie dort, Justizrath?“

„Auf dem Wiesenweg,“ erwiederte dieser, der nicht recht wußte, wohinaus der Assessor damit wollte.

„Heh?“ rief dieser, — „da habe ich auch einmal gewohnt — und in welchem Haus?“

„Im sogenannten Krüger’schen.“

„Im Krüger’schen Hause? Nro. 17? Alle Teufel, das ist ja das nämliche Haus, wo vor ein paar Monaten der famose Mord verübt wurde, also gerade unter Ihrer Nase, Justizrath, heh? Haben Sie nicht davon gehört, Berger?“

„Ich?“ sagte der junge Mann, während sein Gesicht vielleicht um einen Gedanken röther wurde, „wie sollte ich hier am Rhein davon gehört haben?“

„Nun, alle Zeitungen waren ja voll davon, — bitte, Professor, noch einmal einzuschenken; der Wein ist wirklich kostbar, — alle Zeitungen — war auch eine verfluchte Geschichte. — Denken Sie sich, Berger, da wohnte unten Parterre ein altes reiches Fräulein, — wie hieß sie doch gleich, Justizrath —“

„Redenheim —“

„Ach ja, ganz recht, Redenheim — Fräulein Konstanze, wie sie immer genannt wurde. — Reich war sie dabei, aber geizig wie ein Harpax, die ihr Geld lieber im Kasten schimmeln ließ, als es einem lebenslustigen fidelen Verwandten aufzuhängen, der sie mit Briefen bombardirte —“

„Aber was interessirt uns die Geschichte,“ sagte Berger, der sich umsonst bemühte, sein Unbehagen zu verbergen und gleichgültig zu scheinen.

„Ne, hören Sie nur weiter,“ rief aber Berthus, „können Sie sich denken, wie sich der junge Bursch zu helfen wußte? Auf eine verflucht summarische Weise — er reist einfach hin nach Hoßburg, bittet die Alte nochmals um Geld, und wie sie ihm das wieder verweigert, schlägt er sie ruhig auf den Kopf und nimmt sich, was er braucht.“

Berger warf scheu den Blick umher und sah, wie Aller Augen auf ihn gerichtet waren; nur der Medizinalrath horchte mit dem gespanntesten Interesse der Erzählung.

„Und haben sie ihn gefaßt?“ frug dieser jetzt.

„Gefaßt? ja, das ist eine höchst merkwürdige Geschichte,“ erzählte Berthus weiter, „denn der Bursche hatte die Sache so schlau angefangen, daß er sich in Hoßburg vor Niemand blicken ließ und verschwunden war, ehe man nur das verübte Verbrechen entdeckte.“

„Und die alte Dame war ganz allein gewesen?“ frug der Medizinalrath.

„Ganz allein, — nur ein kleines Hündchen und ein kleines Kind, das einer Putzmacherin, einer Madame Belchamp, gehörte, war gegenwärtig. Das Hündchen trat er todt, aber das Kind ließ er leben, das ihn von da an nur den ‚bösen Mann‘ nannte,“ nickte Berthus — „und hier vorhin zu Tod erschrak, als es sich demselben wieder gegenüberbefand.“

„Hier?“ rief der Medizinalrath und sah den Justizrath bestürzt an. Aber dessen Blicke hafteten auf Berger, hinter dessen Stuhl der Lohndiener stand.

Berger war todtenbleich geworden, — seine linke Hand stützte sich auf den Tisch, als ob er im Begriff wäre aufzuspringen, und wild starrte er in das ihm lächelnd zugedrehte Gesicht des Assessors.

„Merkwürdig, nicht wahr?“ nickte ihm dieser zu — „und halb todt würden Sie sich lachen, Berger, wenn Sie wüßten, wie wir dem Burschen auf die Spur gekommen sind, — denken Sie sich — nur durch ein einfaches Loch in der Hose, das ihm der kleine Hund gerissen, und das eine junge Dame auf der Promenade bemerkt hatte.“

„Also haben Sie ihn gefangen?“ rief der Medizinalrath.

„Fest und sicher,“ lachte Berthus, — „nicht wahr, Berger? eigentlich ein verfluchter Streich, so dicht vor der Reise nach Westindien.“

Berger antwortete nicht, — nur einen Blick warf er im Zimmer umher — kannte er doch jeden Fußbreit im ganzen Haus — im nächsten Moment sprang er auf, — aber des Lohndieners Arme, auf den er gar nicht geachtet, umschlangen ihn in demselben Augenblick, als Berthus eins der Weingläser aufgriff und gegen die Thür schleuderte.

Wie mit einem Schlag öffneten sich die beiden in den Saal führenden Thüren, aus deren jeder zwei Polizeibeamte sprangen und sich auf den Verbrecher warfen. Ehe dieser im Stande war, den Lohndiener abzuschütteln, sah er sich machtlos in den Händen der kräftigen Burschen.

„Was soll das heißen?“ schrie Berger, heiser vor Wuth und Aufregung — „diese Behandlung —“

„Fort mit ihm!“ rief aber Berthus rasch, „daß die Damen nichts davon erfahren, wir folgen gleich nach. Ist die Droschke da?“

„Alles bereit, Herr Assessor.“

„Gut, fort mit ihm,“ und im Nu war der Gefangene aus der Thür geschleppt, seinem Geschick entgegen.

„Aber, meine Herren!“ rief der Medizinalrath, wirklich entsetzt über diese Behandlung seines Schwiegersohns von seinem Stuhl emporspringend, „was soll das heißen? — Herr von Berger —“

„Danke Du Gott! lieber Freund,“ rief aber der Professor, seinen Arm erfassend, „daß Du und Deine Tochter einer großen und furchtbaren Gefahr glücklich entgangen seid, ehe das Verderben über euch hereingebrochen, — das war der Mörder!“

„Aber ich begreife nicht —“

„Sie werden Alles begreifen, Herr Medizinalrath,“ sagte Berthus, dem man keine Spur des getrunkenen Weins mehr ansah, ruhig, „sobald Sie nur einen Blick in das Gewebe von Schamlosigkeit und Verbrechen thun, mit dem jener Mensch Ihre Familie umsponnen hat.“

„Aber haben Sie wirklich feste, sichere Beweise?“ rief jetzt auch der Justizrath, den Berthus viel zu wenig in sein Vorgehen eingeweiht hatte, um Alles verstehen zu können.

„Die bringt uns dieser Herr,“ sagte der Assessor, als in diesem Augenblick ein Aktuar des hiesigen Gerichts den Saal betrat; „aber ich fürchte, daß wir die Gastlichkeit des Herrn Professors schon zu schwer gemißbraucht haben, um seine stille Häuslichkeit noch länger mit dem furchtbaren Ernst eines solchen Verbrechens zu stören. Ich bitte die Herren, mir auf das Kriminalamt zu folgen.“

Der Professor wollte Einwendungen machen, aber Berthus selber drängte fort. Den Damen mußte Alles ferngehalten werden, was sie ängstigen oder betrüben konnte, und eine Polizeiuntersuchung paßte nicht in die freundliche Wohnung des Privatmannes. Unterwegs aber erzählte er den ihn begleitenden Herren, — dem Medizinalrath erst die flüchtigen Umrisse des Verdachts — und dann die eigenen Maßregeln, die er getroffen, um Gewißheit zu erlangen.

Er war allerdings mit eiserner Rücksichtslosigkeit vorgegangen, und hatte auch wohl deßhalb das Wie? selbst dem Justizrath verschwiegen, weil er dessen Opposition fürchtete. Während des Diners war Polizei in Berger’s Wohnung gegangen, um die schon gepackten Koffer zu öffnen und zu untersuchen — aber das nicht allein — sein Verdacht war auch auf die alte Haushälterin des Medizinalraths gefallen, die er ungescheut der Hehlerei mit dem Mörder anklagte und dadurch auch bei ihr, in der nämlichen Zeit — und während Paßwitz abwesend war — eine Untersuchung ihrer Kommode erzwang. Das Resultat berichtete jetzt der Aktuar.

Bei Berger hatten sich die untrüglichen Zeichen des Raubmords gefunden, und zwar nicht allein in einer Anzahl Pretiosen, die der von Hoßburg mitgekommene Juwelier als früheres Eigenthum der Ermordeten erkannte, sondern auch in den Werthpapieren, die man zu einem sehr bedeutenden Betrag bei ihm fand. Allerdings konnten die Nummern nicht mit Gewißheit nachgewiesen werden, aber man wußte genau von dem hoßburger Bankier, welche Coupons die alte Dame stets zur Einlösung gebracht, und unter einem Verzeichniß der letztausgezahlten (von denen er natürlich nicht mehr genau angeben konnte, von wem er sie bekommen,) fand sich auch ein Theil dieser Nummern, — waren also jedenfalls in Hoßburg selber eingeliefert worden. Ebenso hatte man den Siegelring der alten Dame in dem einen Koffer gefunden.

Die Untersuchung bei der Haushälterin konstatirte allerdings keine direkte Hehlerschaft mit dem Mord, aber trotzdem fanden sich bei ihr eine Masse von Sachen, die sie unter schweren Verdacht anderer Diebstähle brachten. Verschiedenes Silbergeschirr — manches sogar mit des Medizinalraths Chiffre versehen, das man früher im Hause vermißt hatte — fand sich vor, — silberne Löffel mit den verschiedensten Buchstaben, auch einige werthvolle Schmucksachen, über deren Erwerb sie nicht im Stande war, genügende Auskunft zu geben; kurz, die Nachsuchung schien vollkommen berechtigt gewesen zu sein, so unangenehm sich der Medizinalrath auch davon berührt fühlte.

Berger selber war durch das Plötzliche der Entdeckung in seiner geträumten Sicherheit völlig gebrochen. Er wollte allerdings Anfangs leugnen — wollte trotzig auftreten, aber er fand bald, daß es vergebens sei. Noch in der nämlichen Nacht machte er einen Selbstmordversuch, wurde aber daran verhindert und gestand am nächsten Morgen das begangene Verbrechen.

Und Klara? — die erste Kunde von dem Verbrechen ihres Bräutigams erschütterte sie furchtbar, aber Elisabeth wich nicht von ihrer Seite und jetzt — jetzt endlich gestand sie der Freundin, daß sie Berger selber nie wirklich geliebt, und nur dem Drängen ihres Vaters und dem Treiben und Bohren der alten Bella nachgegeben habe. In den letzten Tagen besonders war ihr auch erst Berger’s spöttische Nichtachtung ihres Vaters aufgefallen und hatte ihr weh — recht weh gethan, aber sie hielt sich durch ihr Wort gebunden, und deßhalb ihr scheues Ausweichen Elisabeth’s Fragen gegenüber. Jetzt war sie frei.

Daß die Gefangennahme und Ueberführung Berger’s in der Stadt gewaltiges Aufsehen machte, läßt sich denken, und sie bildete natürlich für eine Zeit das Stadtgespräch. Der Verbrecher wurde aber auf Requisition der hoßburger Gerichte dorthin ausgeliefert, und Medizinalrath Paßwitz, der überhaupt die Absicht gehabt hatte, während der Abwesenheit seiner Tochter eine Reise zu machen, verließ schon am nächsten Tag mit Klara Bonn und ging nach England hinüber.

Berger wurde später, da ihm ein vorbedachter Mord nicht nachgewiesen werden konnte, zu zwanzigjähriger Zuchthausstrafe verurtheilt, aber er ertrug die Schande nicht. Einen unbewachten Augenblick benutzend, zerschnitt er sich mit einer Glasscheibe die Adern und war verblutet, ehe man ihn fand und verbinden konnte.

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