I. Aufstieg.
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Äonenhafte Zeitläufe blicken herab auf das Aufstreben lebendiger Materie auf unserm Planeten nach edleren und höheren Formen des Daseins: das ist die Entwicklungsgeschichte der Organismen. Und mitten drin in diesem gewaltigen Ringen steht der Mensch, der Schöpfung Krone, – doch dies nur auf Zeit, und nimmermehr ihr Ende, vielmehr die bloße Vorstufe eines Geschlechts von Halbgöttern auf Erden!
Oder vielleicht richtiger: der jetzige Mensch ist nur ein unfertiges Produkt auf dem Weg zu wahrem Menschentum. Der »Mensch« als ein in seiner Art vollendeter Organismus muß erst noch kommen. Der wahre Mensch wird dann eben jener Halbgott sein.
Dann aber haben wir mit Unrecht unser Augenmerk bisher fast nur auf die Vergangenheit der Entwicklung gerichtet statt auf die Zukunft des Menschen.
Möchte doch daher das Licht eines neuen Tages über die Menschheit aufgehen, ja, möchte sogar diese Stunde schon seine Morgenröte sein! – – –
Dieser Wunsch hat aber nur dann Aussicht auf Erfüllung, wenn die höchsten und heiligsten menschlichen Erkenntnismittel den Pfad erleuchten, der gewandelt werden muß, und wenn reiner Wille die Menschheit beseelt.
Dreifach nämlich ist der Hauptweg der Erkenntnis.
Erstens: Eingebung aus den Tiefen des Unbewußten, Intuition, die von selber kommt und ihr Licht vorauswirft. Auch Verlaß auf diese selbsttätige Spürkraft des Geistes bei der Deutung der Eindrücke: denn Deuten immerhin, und beileibe nicht ideenlose Aufschichtung von Tatsachen, wie die Moderne es oft wohl möchte.
Die Ideen und Eingebungen kommen dem genialen Denker unwillkürlich zumeist bei der Beobachtung von Tatsachen, und anderseits geht er absichtlich von diesen aus, um zu Ideen zu gelangen, um den Sinn des Daseins zu erfassen und den rechten Weg zu finden.
Zweitens: Naivität, so weit als möglich, in der unmittelbaren Auffassung der Tatsachen. Naivität ist nichts anders als vollkommene Aufrichtigkeit. Bei der Wahrnehmung ist sie daher das Hinnehmen der unverfälschten, durch kein eigenes Hinzudenken veränderten Erfahrung, einerseits also das impressionistische Einwirkenlassen der Sinneseindrücke aus der Außenwelt und anderseits die Erfassung der reinen Seelenvorgänge, wie sie gerade im Menscheninnern von selbst verlaufen: gleichwie ein Kind, klug, mit seelenvollen Augen den bunten Wechsel der Natur aufnimmt, rein von eigenen Beimengungen des Verstandes, also tut es auch derjenige, der von Irrtümern frei bleiben will.
Drittens: Logisches Schließen ebenfalls bei der Deutung der Erscheinungen und zur Herstellung des vernünftigen Zusammenhangs zwischen ihnen.
Intuition, Naivität und Logik, das ist das Heiligtum unter den Erkenntnismitteln.
Und wir bedürfen des Besten auf dem jetzt zu betretenden Wege: denn steil sind zwar immer der Vollendung Pfade; doch diese, die hier begangen werden, sind furchtbar in ihrer Steilheit und Höhe! – – –
Seit den kosmogonischen Theorien von Kant und Laplace und seit den Lehren von Lamarck und Darwin betrachtet die Wissenschaft, ja, man darf sagen die gebildete Menschheit, Entwicklung als ein allgemeingültiges Gesetz, dem alles, was wir kennen, unterliegt: sowohl die in ihrer Pracht am Himmel glänzenden Sterne, als auch die Gefäße des Lebens einschließlich des Menschen.
Mögen jene Theorien auch noch so unzulänglich sein – gleichviel: sie haben unsere Erkenntnis unzweifelhaft erweitert.
Der Inhalt der Deszendenztheorie im engeren Sinne ist dieser: Von den niedersten Lebewesen bis hinauf zum Menschen hat eine allmähliche Entwicklung stattgefunden. Es werden die Bedingungen dieser Entwicklungsrichtung aufgesucht und eben dadurch, daß sie gefunden werden, wird der Weg zur organischen Vervollkommnung des Menschen gewiesen. Zunächst geschieht das für die Vergangenheit, dann aber auch für die Zukunft. Denn die Kenntnis der zurückgelegten Strecke gestattet gewisse Schlüsse für die bevorstehende.
Demnach stellen wir fest, daß die Entwicklung eine bestimmte Richtung hat; sie geht von einfachsten und unvollkommensten zu immer zusammengesetzteren und vollendeteren Formen des Lebens. Innerhalb dieser allgemeinsten Richtung treten aber beim Menschen noch besondere Merkmale als auffallende hervor. Das sind einerseits die Steigerung des Bewußtseins, des Geistes oder der Vernunft und die Ausbildung des Charakters, des ästhetischen Gefühls und der künstlerischen Gestaltungskraft, anderseits die Entfaltung der dem Menschen eigentümlichen Körperschönheit.
Das aber ist innerhalb des Reiches der Lebewesen der Lauf der Natur, die Stromesrichtung des Weltgeschehens: Aufstieg, Vervollkommnung, Steigerung und Bejahung des Daseins, Tätigkeit, Umformung von Energien, welch letzteres mit Lust betont ist, wenn es fließend und leicht von statten geht, mit Unlust dagegen, wenn es gehemmt wird oder schwer verläuft.
Rein naiv und impressionistisch können wir sogar das eben Gesagte als das Gesetz des Lebens aussprechen.
Erst ein Zurückgehen im Denken hinter die reine Erfahrung läßt Aussagen machen über den Wert der Welt hinsichtlich ihres innersten Prinzips und wirklichen Wesens. Der Naive fällt keine solchen Werturteile darüber: er nimmt vielmehr im Erkenntnisakt die Wirklichkeit hin, wie sie erscheint, und gelangt so zur Formulierung des Gesetzes des Lebens, in dem allerdings noch kein utopistischer irdischer Optimismus ausgesprochen ist, sondern lediglich die Lebensbejahung, die Notwendigkeit tätiger und freudiger Mitarbeit an allen Problemen der Vervollkommnung, mit andern Worten die fröhliche Kampfesstimmung des mutigen Streiters. Denn Kampf ist das Erdenleben. Aber es kann und soll sein ein freudiger, siegesgewisser Kampf, in dem es Friedenspausen und Ruhmestage gibt, dann nämlich, wenn jeweils der Lorbeer um die Schläfen des Siegers sich windet.[1] – – –
Wenden wir dann den Blick ab von der Außenwelt und nach innen, so finden wir in unserm Seelenleben mächtige Auftriebe, Impulse nach der Höhe, gleichsam als drängte uns etwas über unsere ererbte Organisation hinaus: es ist ein Streben nach Vervollkommnung, das wir da in unserer eigenen Tiefe erleben.
Diese Feststellung beruht auf der »Psychologie der unmittelbaren Erfahrung«: der Mensch ist einfach so eingerichtet, daß er in seinen besseren Individuen dem Willen zur Vollkommenheit nimmer zu entrinnen vermag. Hier haben wir an einem Punkte das Seelenleben rein erfaßt: unmittelbar und ohne alle Überlegung steigt in dem Tüchtigen die Sehnsucht nach höherem Dasein empor bis an die Oberfläche des Bewußtseins!
Das sind zwei völlig stichhaltige Gründe dafür, daß das Vervollkommnungsstreben auch betätigt werden muß, und beiden wohnt eine innerlich ihnen anhaftende Beziehung auf die Allgemeinheit inne. Ich wiederhole die Gründe und setze die genannte Beziehung hinzu: 1. Das Gesetz des Lebens, das von der Beobachtung des Naturlaufs unmittelbar abgeleitet wurde, besagt, daß die Hauptrichtung der Entwicklung auf Steigerung der Organisation geht. Für den Menschen geht daraus hervor, daß es in der Richtung der Entwicklung liegt, wenn er seine vornehmsten Eigenschaften weiter entfaltet. Diese aber sind die spezifisch menschlichen. Daß die Gesamtheit und nicht etwa nur ein einzelner davon betroffen wird, versteht sich von selbst. 2. Die Erscheinungen der inneren Wahrnehmung bei höher stehenden Menschen bestätigen durchaus das, was von derjenigen der Außenwelt abgeleitet wurde: der Mensch findet in sich einen zwingenden Wunsch nach Vervollkommnung vor. Das bezieht sich zunächst auf sein Selbst, aber zugleich auch auf die Gesamtheit und äußert sich in idealen Bestrebungen der Wissenschaft, Philosophie, Kunst, Religion und Nächstenliebe, in der Verteidigung des Vaterlands und Mehrung seiner Macht, in dem Nachjagen nach Ruhm, Ehre und Reichtum. All dem liegt mehr oder weniger bewußt in erster Linie das Verlangen zugrunde, sich selber als Persönlichkeit höherer Ordnung, als Vollmenschen auszubilden und zu betätigen: die Wege der Vollendung des Selbstes und der Gesamtheit fallen in ihrem Verlaufe zusammen.
Nach allem: Es dürstet der Mensch nach Vervollkommnung, und er blickt hinaus in das Getriebe des Weltgeschehens und liest von der Natur den gleichen Willen ab.
Was aber bedeutet Vervollkommnung? Ich definiere: Vervollkommnung ist weitere Entfaltung der höchsten Eigenschaften. Denn das gehört zum Begriff der Vervollkommnung.
Jetzt aber entsteht das Problem des Weges: Wie kann am sichersten, wirksamsten und schnellsten das Vervollkommnungsstreben des Menschen in die Tat umgesetzt werden?
Die Analysis der Vervollkommnung ergibt, daß sie in traditionelle und erblich-organische zerfällt.
Wie die Überschrift aussagt, ist es die Aufgabe dieser Schrift, die letztere zu behandeln. Nur ein flüchtiger Blick sei daher der Vollständigkeit halber auf das Wesen der Tradition geworfen.
Durch sein hochentwickeltes Bewußtsein, sowie kraft seiner Fähigkeiten der Sprache und der Schrift vermag der Mensch die Erfahrungen seines ganzen Geschlechts aufzubewahren, zu sichten, zu ordnen, zu vermehren und auf seine Nachkommen übergehen zu lassen. So bildet sich ein in stetem Fluß und fortdauernder Änderung begriffener Niederschlag der Erfahrung der gesamten Menschheit. Diesen Niederschlag nennen wir die Tradition oder Überlieferung der Menschheit. Sie umfaßt Sitten und Gebräuche, die naive Überlieferung des Volkes (folklore), Natur- und Geisteswissenschaften.
Insbesondere sind es einzelne hervorragende Männer, die von Zeit zu Zeit entstehen, welche die Tradition sprungweise auf eine höhere Stufe heben und dadurch die Menschheit veredeln. Solche Männer heißen Genien: sie sind die Lichtbringer und Führer der Menschheit.
Einigermaßen steigert ja auch die Wissenschaft als solche ohne die direkte Arbeit der Genien die geistigen, sittlichen und körperlichen Werte der Gesamtheit. Denn sie mehrt unsere Erkenntnis von der Wirklichkeit; Gewinn aber an Wissen und an Einsicht in die wahren Vorgänge der Natur gereichen natürlich den Menschen zum sittlichen und körperlichen Wohle. Das darf man nicht zu gering veranschlagen. Die Vorteile, die unserer Gesundheit aus der Wissenschaft erwachsen, liegen allen klar vor Augen. Weniger Verständnis jedoch haben viele dafür, daß auch die Sittlichkeit durch Wissen gewinnt; deshalb seien zwei Beispiele dafür angeführt: die humane Gestaltung der Rechtspflege und Irrenfürsorge ist sicherlich mehr ein Ergebnis wissenschaftlicher Aufklärung als etwa der kirchlichen Religion.
Freilich scheint es mir, ein noch mehr in die Tiefe dringender Blick zu sein, wenn man einsieht, daß die genannten Erscheinungen mit dem von innen heraus wirkenden Vervollkommnungstrieb in Zusammenhang stehen. Diese Kraft befindet sich natürlich in steter Wechselwirkung mit der äußeren Erfahrung und offenbart sich an ihr.
Doch kann bei aller Gerechtigkeit gegen die allgemeine wissenschaftliche Tätigkeit nicht eindringlich genug vor ihrer Überschätzung gewarnt werden. Es ist unmöglich, hier eine exakte Rechnung vorzulegen: aber viel ist es jedenfalls nicht, was alle die Nicht-Genien zusammen der Menschheit an wirklichen und bleibenden Werten gegeben haben. Sicherlich ruht jeder bedeutende Fortschritt auf den Schultern der Genien! – – –
Der Gegenstand dieser Abhandlung aber ist die Steigerung der erblichen Organisation des Menschen, seine generative Höherentwicklung. Es soll die Richtung der Entwicklung dadurch fortgesetzt werden, daß wir Menschen mit Hilfe unseres Bewußtseins den Weg zu neuen und höheren Formen der Kreatur einschlagen, als es deren eine bisher überhaupt auf der Erde gegeben hat!
Wie wir sahen, steht diesbezüglich das Gebot der inneren Stimme im Einklang mit demjenigen, das die Naturbeobachtung ergibt.
Ich wende mich nunmehr zu unserm soeben nochmals klar definierten Thema.