Der Cotopaxi.
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1. Der Berg.
Von allen Schneebergen Ecuadors hat von jeher keiner so sehr das Interesse der Ecuatorianer selbst erregt wie der Cotopaxi. Das verdankt er seiner Lage, seiner Gestalt und seiner vulkanischen Tätigkeit. Einer die Ost- mit der Westkordillere verbindenden Vulkanreihe (Quilindaña-Cotopaxi-Rumiñagui-Corazon) angehörend, ist er so weit in die interandine Hochebene vorgeschoben, daß er vom Norden und Süden des Hochlands gut zu sehen ist. Wo wir auch im Hochlande reisten, fast überall trat, sobald sich die Fernsicht öffnete, der wundervolle weiße Riesenkegel des Cotopaxi aus den Wolken hervor, einzig in seiner Art, nie zu verwechseln mit einem der anderen großen Schneehäupter, der majestätische Zentralvulkan von Hochecuador. Ganz frei vom Fußpunkt bis zum Gipfel, ohne Vorberge und Zwischenstufen, präsentiert er sich auf der Westseite, und dort zieht stundenlang über seine Basisebene die einzige große Verkehrsstraße des Hochlands hin, von Latacunga nach Quito, auf der jährlich viele Tausende im vollen Angesicht des Berges von Norden nach Süden oder umgekehrt wandern.

Stirn des Westgletschers (4580
m
) des Antisana.
Den Cotopaxi kennen die Hochlandsbewohner alle, während sie über die anderen Bergerscheinungen sehr oft im ungewissen sind. Für die gewaltige Größe und Schönheit dieser Berggestalt sind sogar die für Natureindrücke so stumpfen Ecuatorianer empfänglich: »hecho como al torno« (wie auf der Drehbank gemacht), sagten vom Cotopaxi schon zu Humboldt die Eingeborenen bewundernd. Freilich, bei solcher gelegentlichen Bewunderung aus der Ferne ist es immer geblieben. Nur wenige Ecuatorianer haben die Schneeregion des Berges betreten, und diese wenigen immer nur in Begleitung von europäischen Reisenden. Gewöhnlich waren es indianische Träger, die es um des klingenden Lohnes willen taten. Von den »Gebildeten« des Landes, die sich mehr aus Neugierde oder Eitelkeit als aus ernstem Wissens- oder Tatendrang einem der europäischen Forscher angeschlossen haben, ist erst ein einziger (A. Sandoval mit Theodor Wolf) zum Gipfel gelangt, weil weder ihre physische Kraft noch ihr Mut noch ihre Energie ausreichten.

Kartographische Anstalt von F. A. Brockhaus, Leipzig
Details
Der Cotopaxi erhebt sich zu seiner 6005 Meter messenden Höhe (mit der mächtigen Firnhaube des Jahres 1903) aus der etwa 3000 Meter hohen Ebene des Rio Cutuchi im Westen, während auf den anderen Seiten sein Fuß auf dem Vorland in 3700 bis 3800 Meter Höhe steht. Auf der höchsten, der Westseite, gemessen, ragt sein Haupt also nur etwa 3000 Meter über seine Hochebenenbasis empor; er gehört somit nach seiner relativen Höhe als Bergindividuum trotz seiner rund 6000 Meter betragenden Gipfelhöhe nicht zu den Riesen seines vulkanischen Geschlechts, unter denen zum Beispiel der Kilimandjaro von einer etwa 700 Meter hohen Ebene zu 6010 Meter emporsteigt, also eine relative Höhe von rund 5300 Meter hat. Aber kein anderer aktiver Vulkan der Welt hat eine größere absolute Höhe als der Cotopaxi. Über seine Umgebung erhebt er sich gleich der Zitadelle eines gewaltigen Festungsvierecks, dessen vorgeschobene Werke die kleineren Nachbarvulkane Rumiñagui, Pasochoa und Sincholagua sind.
Dem Anblick der großen Zahl seiner Beschauer entrückt und am wenigsten bekannt ist die Ostseite des Berges. Sie ist die steilste und kürzeste Seite, da ihre Basis schon bei 3800 Meter dem vor- und untergelagerten Fußgebirge aufsitzt. So große Aschenfelder wie auf den anderen Seiten des Berges gibt es hier nicht, denn die vorherrschenden östlichen Winde tragen die leichten Auswürflinge des Gipfelkraters nach Westen. Aber um so gewaltiger ist im Osten die Überflutung von Lavaströmen, da der östliche Kraterrand etwas eingeschartet ist und die flüssige Glut am ersten übertreten läßt. In neuerer historischer Zeit hatten sich die Laven mehr nach der Westseite ergossen, aber gerade dadurch ist jetzt der Westrand des Kraters wieder höher geworden als der Ostrand. Nicht nur die Lavaströme haben die Hänge der Ostseite wild zerrissen und, am Abhang erkaltend, ohne den Bergfuß selbst zu erreichen, zahllose Stufen und Dämme aufgebaut, sondern auch die von den plötzlichen Schneeschmelzen herabgesandten Wasser- und Schlammströme haben diese Bergseite tief gefurcht und ihre großen Massen von Gesteinstrümmern ostwärts in das weite Hochtal »Valle vicioso« gewälzt. Aber nur in den unteren Teilen der Osthänge treten diese Zerstörungen und Neubildungen zutage; in den oberen größeren Partien umhüllt den Kegel jetzt ein mächtiger Firn- und Eismantel, dessen Randgletscher hier infolge der von Osten kommenden starken atmosphärischen Niederschläge sich weiter bergab (bis etwa 4300 Meter) ausdehnen als auf den anderen Seiten. Der Firnmantel ist aber in der Mitte seiner ganzen Vertikallänge etwas eingebogen und verdeckt dort mit Eis und Schnee die breite steile Bahn, die von den über den Kraterrand quellenden und am jähen Berghang abstürzenden Lavamassen im Massiv des Kegels ausgefahren ist. Frühere Besteiger haben diese Formation auf der Ost- wie auf der Westseite ohne Schneebedeckung gesehen.
Weniger tief als auf der Ostseite reicht auf der Südseite die Firn- und Eisdecke herab. Sie endet in ungefähr 4650 Meter Höhe am Fuß der Felsmasse »Picacho«, die schroff, verwittert, ruinenhaft aus dem Südhang des Berges hervorragt und ein vereinzeltes Überbleibsel des ältern, vom Cotopaxi verschütteten vulkanischen Fußgebirges ist. Sie hat zum Cotopaxi dasselbe Verhältnis wie die Somma zum Vesuv. Auch von jüngeren Lavaströmen, Schlammströmen, Wasserrissen bemerkt man auf der südlichen Bergseite relativ wenig, da der hochgewölbte südliche Kraterrand seit langem ein Überfluten der Laven nach Süden verhindert hat. Flach läuft der Südfuß bei 3700 Meter in die südlichen, schildförmigen, älteren Vorberge aus, die, von jüngerer Asche bedeckt, sich unabsehbar nach Süden dehnen.
Auch auf der entgegengesetzten, der Nordseite, steht der Fuß des Cotopaxi in etwa 3700 Meter Höhe auf dem ältern Grundgebirge. Dorthin aber in den weiten Binnenraum zwischen ihm selbst und seinen drei kleineren Nachbarn Rumiñagui, Pasochoa und Sincholagua hat der große Vulkan ungeheuere Ausbruchmassen, Lavaströme, Schlammfluten und Aschenregen, entsandt; und über dieser Wildnis thront der höchste Gipfel des Berges, die schneeige runde Nordkuppe, von der aus sich der weite Firnmantel bis zu 4700 Meter herabsenkt. Wegen dieser hohen Gipfelkuppe und weil man hier den elliptischen Kraterrand von der Schmalseite sieht, hat die Nordseite des Berges die ausgeprägteste Kegelform, während auf der Westseite, wo sich der elliptische Kraterrand in der Längsansicht zeigt und keinen hochragenden Gipfel trägt, der Kegel stark abgestumpft und breiter erscheint.
Am gleichmäßigsten in seiner Ausdehnung und Begrenzung legt sich der Schneemantel um die Westseite des Berges. Bis zu durchschnittlich 4700 Meter breitet er sich hier bergab aus, wird in der Mitte oben bloß von zwei dunklen Felsflecken durchbrochen und ist am Rande nur von wenigen einspringenden Lavawällen und vorspringenden ganz kurzen Gletscherzungen gesäumt. Darunter aber sinken die dunklen Berghänge noch weitere 1700 Meter bis zu seiner Basis ab, die hier auf der Westseite nicht wie auf den anderen Seiten ein bergiges, ödes Vor- und Unterland ist, sondern die interandine Hochebene selbst, durch die sich gemächlich der Cutuchifluß windet, und von deren Wiesen, Feldern, Gehöften und Dörfern sich einzelne Ausläufer zu dem großen Vulkan vorschieben wie Vorposten gegen den Feind. Seine Feindschaft gegen alles Lebendige offenbart sich gerade auf dieser Westseite furchtbar durch die Aschenfälle und Schlammströme, die er weit über das Kulturland entsandt hat. Und wie ein unablässig mahnendes Warnungssignal flattert in kurzen Intervallen am Gipfel eine kleine weiße Fahne von Kraterdämpfen. Aber gerade dieses harte Nebeneinander von Lebensdrang und Todesgefahr macht den Anblick des Berges von der Westseite so eindrucksvoll. Und dazu zeigt er sich von keiner andern Seite dem Beschauer so breit, so groß, so ebenmäßig in seinem Aufbau wie von dieser, von der ihn weitaus die meisten Menschen des Hochlandes sehen.
Von Westen gesehen, hat der Cotopaxi keinen andern großen Berg als Nebenbuhler neben sich. Auf keiner andern Seite holt die wundervolle vulkanische Kurve seines Profils, deren Schönheit uns auch auf den anderen Seiten begeistert, so weit aus wie auf dieser. Der kraftvolle Nachdruck dieser Kurvenführung liegt in dem letzten obersten Schwung, wie in einem titanischen, von der Erde zum Himmel geführten Hieb. Unwiderstehlich zieht diese Bogenlinie den Blick zuerst nach oben. Dann gleitet er mit den abwärts führenden Firnrinnen, Lavaströmen und Wasserrissen langsam zum Bergesfuß zurück, wo die große Kurve ganz sanft in die Horizontale der Basisebene ausklingt. »Bergschleppe« nennen die Japaner in treffendem Vergleich bei ihren Vulkanen den unmerklichen Übergang des untern Berghangs in die horizontale Richtung. In diesem breiten festen Aufruhen auf seinem Fundament empfinden und erkennen wir ein weiteres Element seiner Größe. Es ist nicht wie am Ätna, wo der Eindruck der Breite über den der Höhe überwiegt, sondern die Höhenwirkung dominiert am Cotopaxi entschieden. Aber wie am Ätna und ähnlichen Vulkanen sagt uns zugleich dieses breite Auslaufen seines Sockels, daß dieser Berg nicht durch hebende Kräfte erbaut ist, sondern durch die von oben herabfließenden Lavaströme und Aschenregen, deren Massen immer mehr abnehmen müssen, je weiter sie sich vom zentralen Ausbruchspunkt entfernen.
Diesen eigenartigen bauenden Kräften verdankt der Cotopaxi seinen Stil. Seine Form verrät zugleich seinen Bau und seine Jugend. Er ist, aus einiger Entfernung gesehen, ein Vulkankegel von architektonischer Symmetrie. Auch die Schar von kleinen parasitären Eruptionskegeln fehlt ihm, wie sie zum Beispiel den Kilimandjaro umringen und ihm teilweise aufsitzen. Deshalb ist eine große Ruhe und eine ruhige Größe in der Erscheinung des Cotopaxi, die durch den riesigen, gleichmäßigen, drei Viertel der Bergeshöhe umschließenden Schnee- und Eispanzer noch mehr gesteigert wird. Daß die symmetrische Gestalt nicht starr wirkt, verhindert das lebendige Spiel der Wolken, des Lichtes, der Farbe und die bewegte Umfassungslinie der Pflanzen- und Schneedecke. Dabei überlegen wir, daß die kolossale absolute Höhe dieses Berges von rund 6000 Meter noch längst nicht erreicht würde, wenn wir den Ätna und den Vesuv und den Stromboli übereinanderstellen könnten. Wir ahnen die große Ursache, die dieser Erscheinung zugrunde liegt; die Vorstellung von den ungeheuren vulkanischen Kräften, die diesen ebenmäßigen Riesenbau errichtet haben, flößt uns das Gefühl des Erhabenen ein und löst in uns neben den ästhetischen auch ethische Geistesregungen höherer Ordnung aus.
Die Versuche, den Gipfel dieses höchsten tätigen Vulkans der Erde zu besteigen, beginnen mit Alexander von Humboldt. Seinem im Mai 1802 unternommenen Versuch folgten Boussingault und Hall im Dezember 1831, der deutsche Reisende Moriz Wagner im Dezember 1858, aber erreicht wurde der Gipfel von Santa Ana am Westfuß aus erst am 27. November 1872 durch Wilhelm Reiß. Seinem Reisegefährten Alphons Stübel glückte der Versuch wenige Monate später ebenfalls. Vier Jahre danach, nur ein Vierteljahr nach dem furchtbaren Ausbruch vom 26. Juni 1877, nahm der an der Universität Quito als Geolog tätige Deutsche Theodor Wolf den Berg abermals in Angriff und erreichte den Krater auf einer neuen Route im September 1877, wobei auch die höchste Spitze des Kraterrandes, der Nordgipfel, zum ersten Male betreten wurde. Auf der gleichen Route hatte der spätere deutsche Staatssekretär des Reichsschatzamtes, Freiherr von Thielmann, im Januar 1878 Erfolg. Der Klassiker des Alpinismus, Edward Whymper, hat den Berg, den Wolf-Thielmannschen Spuren folgend, mit Schweizer Führern gleichfalls bezwungen. Das war im Februar 1880; seitdem hatte bis auf meine Zeit keines Menschen Auge wieder den Krater gesehen.
2. Der Anmarsch.
Das Wetter war regnerisch und nebelig, als wir am 11. Juli 1903 von Latacunga nach dem Dorf Mulaló am Südwestfuß des Cotopaxi ritten; meist über ebenes Terrain. Zuerst ging es an braunwässerigen eiligen Bächen zwischen ummauerten Gärten und Feldern entlang, dann über das breite, flache Schwemmtal des vom Cotopaxi kommenden Rio Aláques, wo uns die ungeheuren Massen von Geröll, Kies und großen Blöcken, die der Fluß zu beiden Seiten seines jetzigen Bettes ausgebreitet hat, zum erstenmal einen Begriff von der furchtbaren Wirkung der Schlammströme geben, die der Berg bei Eruptionen durch seine Schmelzwasser entsendet. Über 4 Meter hoch liegen hier noch die Schottermassen der Eruption des Jahres 1877.
Den Verlauf dieser »Avenida« (Schlammstrom) vom 26. Juni 177 schildert recht anschaulich Wilhelm Reiß: »Mit dumpfem Brausen, fast mit fernem donnerähnlichen Getöse wälzen sich die mit vulkanischer Asche, Gesteinstrümmern, glühenden Lavablöcken und großen Eismassen vermischten Gewässer am Abhang herab. An den unteren Gehängen drängen sie sich in den dort eingeschnittenen Schluchten zusammen, dieselben bis zu Höhen von 60 bis 100 Meter erfüllend, über die Seitenwände sich ergießend und auf den Abhängen Schutthügel bis zu 20 und 30 Meter Höhe absetzend. Am Fuß des Berges aber, wo die Wasserläufe nur wenig eingeschnitten sind, überschreiten sie die Talbetten und dehnen sich als wilde Schlammfluten über das Land aus, alles vernichtend und zerstörend. Häuser, Haciendas, Fabriken, Menschen und Vieh mit sich fortreißend, bildeten 1877 die Schlammfluten zwischen Mulaló und Latacunga einen weiten See von ungefähr 28 Kilometer Länge und 1,6 Kilometer Breite, in dessen ganzer Ausdehnung das Land nach Ablauf der Gewässer etwa ein Meter hoch mit Schlamm, Schutt und Detritus bedeckt war. Alle Straßen wurden zerstört, alle Brücken weggerissen; in der Umgegend von Latacunga berechnete man den Verlust an Menschenleben auf etwa 300 Personen, obgleich der Ausbruch bei Tage erfolgte und viele sich retten konnten. Mit einer Geschwindigkeit von etwa 10 Meter in der Sekunde (!) brausten die Fluten dahin. Drei Stunden nach seinem Eintreffen in Mulaló zerstörte der Schlammstrom bereits die 15 geographische Meilen entfernte Brücke über den Rio Pastaza am Fuß des Tunguragua; er erhob sich dort 100 Meter hoch in dem 12 Meter breiten Flußbett. Ähnlich einem Lavastrom, seitlich wie von einer Mauer oder einem hohen Damm begrenzt, bewegten sich die Schlammassen vorwärts; sie überstürzten sich wie hohe Wellen, die sich fortwährend nach vorn überschlugen.«
Auf einer wegen der Unsicherheit des Flusses immer interimistischen Brücke von Balken, Rohrgeflecht und Kiesbewurf setzten wir über den 12 Meter breiten Aláquesfluß, folgten jenseits dem Ostrand der interandinen Hochebene, die hier sumpfig und binsenbewachsen ist wie ein alter Seeboden, und stiegen dann gemächlich durch etwas reichlicher bebautes Land zum Dörfchen Mulaló (3073 Meter) an, das mit seiner kleinen Kirche und seinen 20 bis 30 Häusern auf einem niedrigen Hügel liegt, wodurch es bisher von der Zerstörung durch die Schlammströme des Cotopaxi bewahrt geblieben ist, die dicht daneben das Land überschwemmt und verwüstet haben. Aber die Aschenregen und Steinbombardements seines furchtbaren Nachbars Cotopaxi haben den Ort ebenso getroffen wie die übrige Umgebung, am verderblichsten wohl im April 1768, wo die Häuser durch die glühenden Schlacken in Brand gesetzt, elf Personen durch vulkanische Bomben erschlagen wurden und wo der Aschenregen eine anderthalb Fuß dicke tödliche Schicht auf die Gegend legte. Die Ruine der damals zerstörten alten Kirche steht noch neben der neuen. Im Haus des freundlichen »Padre Cura« (des Pfarrers) stiegen wir ab.
Der Aufforderung des Pfarrers folgend, meldeten sich am Morgen nach unserer Ankunft eine größere Zahl Peones zu unserer Begleitung, als wir brauchten. Die engere Auswahl traf der Vater des Priesters. Der alte Herr machte mit den Leuten kurzen Prozeß. Er bestimmte einfach die kräftigsten zum Mitgehen, und als einer von ihnen einen Einwand erhob, schrie er ihn wütend an, entriß ihm den langen Stock, den die Peones zu tragen pflegen, und hieb ihm damit über den dicken Filzhut, daß es krachte und stäubte. Die Logik dieses Verfahrens war zwingend; in fünf Minuten waren wir handelseinig.
Vom Cotopaxi bekamen wir auch hier nichts weiter zu sehen als die untere Region bis zur Grenze des ewigen Schnees (bei 4700 Meter), von dem kurze, spitze Zungen ausliefen. Darauf und darunter bis tief in die Páramoregion herab lag dichter Neuschnee. Der Pfarrer versicherte, der Berg werde nach starkem Neuschnee meistens ganz klar und bleibe es zwei bis drei Tage. Äußerst wechselvoll ist am Berg das Spiel der Wolken. Am Morgen bis gegen 9 Uhr zieht bis zur Höhe von 4000 Meter ein langer schmaler Ring von Stratuswolken aus Osten über Süden nach Westen dicht um den Cotopaxi. Darüber ist ein Raum von etwa 1000 Meter Höhe ziemlich wolkenfrei, und über ihm steigen auf dem Westhang des Berges einzelne Wolkengruppen von Westen her bergan. Ganz oben kommt der Wolkenzug wieder aus Osten. Allmählich aber gewinnt von 9 Uhr an der östliche Luftzug die Oberhand, und bald ziehen alle Wolken des Berges nach Westen.
Am Mittag des 12. Juli ritten wir mit unserer kleinen Karawane und einem noch in letzter Stunde als Führer engagierten alten Hirten, der angeblich die ganze Süd- und Westseite des Berges bis zur Firngrenze hinauf kannte, nach Norden weg. Gleich hinter Mulaló betraten wir das Gebiet der Schlamm- und Schuttströme, die sich, ungeheuren Muren unserer Alpen gleich, durch die südwestlichen Bachschluchten des Cotopaxi herabgewälzt und nach Austritt in die Ebene zu riesigen Trümmerfeldern ausgebreitet haben. Furchtbar ist die Vermurung im Bereich des Rio Saquimálag mit seinen Zuflüssen. Unter den jüngeren Eruptionen haben die von 1853, 1877 und 1881 am meisten zu diesen Verwüstungen beigetragen. Dreiviertel Stunde ritten wir über das Trümmerfeld, das sich westwärts noch viel breiter ausflacht. Kolossale Blöcke verschiedenster Gesteinsarten sind zu Tausenden darüber verstreut und geben uns eine annähernde Vorstellung von der Gewalt dieser Schlammfluten.
Weiterreitend stiegen wir bald in die Quebrada des Rio Saquimálag (3145 Meter) hinab, der in einem etwa 150 Meter breiten Cañon zwischen 25 bis 30 Meter hohen Steilwänden von Tuff und Lapilli nach Südwesten fließt. Die Talsohle ist durch Geröll und Sand zu einer Ebene ausgefüllt, in der sich der Fluß fortschlängelt. Wenn aber bei Eruptionen die Schmelzwasser mit ihren Schlammfluten kommen, erfüllen sie in wenigen Minuten den ganzen 150 Meter breiten Cañon bis zum Rand.
All dieses Land ist begreiflicherweise nur sehr wenig mit Pflanzen bewachsen. Es ward erst allmählich besser, als wir aus der Quebrada Saquimálag auf die Hochterrasse hinaufkamen, wo die kleine Hacienda Ilitio (3275 Meter) inmitten von Lupinenfeldern steht.
Mehr als vorher merkten wir beim Weiterreiten, daß das Gelände in Stufen ansteigt. Die lange, aus der Ferne ganz ungebrochen erscheinende Kurve der Vulkanböschung ist in Wirklichkeit eine lange Folge von kurzen und langen Stufen, die zum Berggipfel hin immer steiler werden. Teils sind sie durch die übereinandergeflossenen, an der Stirn steil abbrechenden Lavaströme entstanden, teils durch die rückwärts einschneidende Erosion der Bäche. In einer solchen Erosionsbucht, Hondon de León genannt, ging es nun durch Busch und Gras auf eine Stufe hinauf, wo nur noch vereinzelte, von Wind und Wetter zerzauste Berberitzenbäume und wenige Sträucher der rotweiß blühenden Fuchsie im hohen grauen Grase stehen.
Kaum hatten wir diesen Páramo betreten (3450 Meter), da erschienen auch schon in Scharen die lieblichsten Kinder der alpinen Flora Ecuadors, die Gentianen. Da die Lasttiere erschöpft waren und Wasser in der Nähe war, während es weiter oben bis an den Schnee keines mehr gab, ließ ich hier im hohen Gras die Zelte zum ersten Cotopaxilager aufschlagen (3670 Meter), so daß uns für den nächsten Tag bis zur Schneegrenze noch etwa 1000 Meter übrigblieben.
Während sich die Peones an der Baumgrenze für die Nacht ein dürftiges Schutzdach aus Zweigen zusammensteckten und meine beiden Arrieros eine Biwakküche improvisierten, trat endlich der langersehnte Moment ein, wo wir den Bergriesen, dem wir nun schon so nahe auf den Leib gerückt waren, in Wirklichkeit zu sehen bekamen. Nach einem prasselnden Regenschauer riß das graue Gewölk im Nordosten auseinander, und da stand der Cotopaxi in seiner ganzen Größe, frei vom Scheitel bis zur Sohle. Wieviel hundertmal ich auch seit Jahren Bilder des Cotopaxi betrachtet und studiert hatte, wie oft ich auch von seiner Schönheit und Erhabenheit gelesen und gehört hatte, so hatte ich ihn mir doch nicht vorgestellt. Und Freund Reschreiter ebensowenig. Die plötzliche Erscheinung ergriff uns wie ein Zauber. Wir schauten hinauf, in Andacht versunken. Dann löste sich die Gemütsspannung in hellen Jubel aus; doch bald gewannen wieder Verstand und Wille die Oberhand, und jeder tat, was seines Amtes war: Reschreiter zeichnete und malte (siehe buntes Umschlagbild), und ich photographierte, maß und suchte den ganzen Berg mit dem Fernglas ab.
Von uns aus bergauf läuft nach wenigen 100 Metern die Páramovegetation in ihre letzten Zungen und Flecken aus, dann folgt ein breites Band von graubrauner Bimsstein- und Schuttwüste, durchzogen von zahllosen Neuschneestreifen, und darüber schwingt sich der gewaltige Schneekegel zum dunkelblauen Himmel auf, in so blendender Weiße, daß sich die Augen von Zeit zu Zeit abwenden müssen. Lückenlos lag der ungeheure Firnmantel um den Berg, einzig unterbrochen durch zwei relativ kleine dunkle Felspartien an der obern Westseite. Von vielen Seiten schien der Aufstieg zum abgestumpften Gipfel möglich, am direktesten im Westnordwesten, am nächsten aber für uns im Westsüdwesten auf die Südwestkuppe zu. Alles dies erweckte uns frohe Hoffnungen für die nächsten Tage.
Unterdessen war es im Lager wohnlich geworden. Die Arrieros lagen vor ihren primitiven Zeltchen im Gras und rauchten, die Peones kauerten unter ihrem schnell hergerichteten Laubdach um ein qualmendes Feuer und verzehrten schmatzend und schweigsam ihren gerösteten Mais, den »Mote«, und wir setzten uns vor unser kleines Zelt an den Klapptisch auf unsere beiden Blechkoffer, tranken Tee, ließen uns die warme Sonne behaglich auf den Rücken brennen, weideten uns an der unvergleichlichen Aussicht hinauf zum schneeigen Bergriesen oder hinunter in die bräunlich violette, von silbernen Wasserfäden durchwobene Ebene, hinüber zum breiten dunklen Rumiñagui und zum doppelzackigen firntragenden Iliniza und fern hinaus zum herrlichen Kuppeldom des Chimborazo und gingen wieder einmal auf in der ewig jungen Schönheit unserer alten Mutter Erde. Hoch über uns zog ein Kondor – die sich regelmäßig einzustellen pflegten, wenn wir irgendwo ein Lager aufgeschlagen hatten – seine Kreise am dunkelblauen Firmament, und am nahen Bach flatterten wilde Tauben und girrten im Liebesspiel. Das ist die Poesie dieser Gebirgslager, die man gegen keinerlei Bequemlichkeiten der Welt eintauschen möchte!
Am nächsten Morgen bannte uns zunächst ein kräftiger Regen stundenlang ins Lager. Gegen 9 Uhr aber blitzte plötzlich die Sonne durch die nassen Nebel, und sofort waren wir auf den Beinen zum Weitermarsch. Bis zur nächsten Hügelhöhe kannte sich unser alter Führer noch aus; wir indes ebenfalls. Dann aber hörte seine Wissenschaft auf, und die unserige begann, soweit sie uns nun der Berg selber lehrte.
Bis hierher hatte uns offener alpiner Busch begleitet. Von 4000 Meter an bis 4250 Meter finden sich nur noch wenige weit versprengte, dicht an den Boden geschmiegte Polsterchen von Alchemillen und kleine Büschel eines violetten Grases, dann durchreiten wir bis 4700 Meter eine hochalpine Wüste, ein »Arenal«, ein wellig ansteigendes Gelände von Lapilli, Schlacken, Bimsstein, vulkanischer Asche und Staub, dunkelgrau bis rotbraun in der Gesamtfärbung und größtenteils so fest, daß Menschen und Maultiere ohne viel Rutschen und Einsinken darauf fortkommen können. Nur selten ragt aus der Schuttdecke ein großer zackiger Felsklotz darunterliegender Laven.
Am Unterrand dieser wasserlosen Lapilliwüste brandet das Meer des vegetabilen Lebens empor, gewinnt da und dort etwas Terrain, weicht an anderen Stellen zurück, immer in Bewegung, immer wechselnd, aber in meßbaren Zeiten doch stets an ein bestimmtes Strandniveau gebunden wie der Ozean an der Festlandsküste. Das Bild vom unaufhörlichen schweren Kampf des Lebens gegen die feindlichen Gewalten der anorganischen Natur tritt uns nirgends in solcher Größe und Anschaulichkeit entgegen wie an der Vegetationsgrenze hoher Gebirge. Und wir selbst stellen uns mitten hinein, indem wir durch die Wüstenzone der Schnee- und Eisgrenze entgegenziehen, die als eine zweite vielbewegte Strandlinie das andere, von oben herabwogende Meer der Firnfelder und Gletscher säumt. Auch dort ein ewiges Fluten und Zurückebben, und zwischen den beiden großen einander entgegenstrebenden Massenbewegungen, zwischen dem Leben und dem Tod, der schmale trennende Streifen vermeintlichen Festlandes, das unbewegt und unbeweglich erscheint, aber doch ebenso in fortwährender Bewegung ist.
Nun begannen wir auch die Gewalt des Windes zu fühlen. Mit wachsender Stärke braust er aus Osten vom Berg herab uns entgegen, böenartig und stoßweise, und zwingt uns bald, von unseren Tieren zu steigen, da diese nicht mehr vorwärts zu bringen sind, sondern bei jedem neuen Windstoß kehrtmachen und dem Sturm die unempfindlichere Rückseite entgegenstemmen. Wir werfen den Tieren die Zügel über den Hals und gehen voran; sie folgen langsam, weit hinter ihnen die beiden Arrieros mit den Lasttieren, die ihre Bürden immer noch weiter bergan schleppen, so sauer ihnen auch das Atemholen in der dünnen Höhenluft mit Schnauben und Keuchen und zitternden Flanken wird. Weit hinter den Tieren der Trupp meiner zum Lastentragen angeworbenen Peones, die wegen der Ausdauer der Tiere überhaupt nicht in Tätigkeit traten, und am Schluß der träge Dolmetscher Santiago und der alte »Führer«, der nie vorher in dieser Bergeshöhe gewesen war.
Mein etwas nördlicher Kurs brachte uns bald an den Steilrand der tiefen Schlucht des Puca-huaico. Ich sah, daß sie sich hier nur mit großem Zeit- und Kraftverlust traversieren ließ, darum blieb ich auf unserer bisherigen Seite und stieg ostwärts, den Schneefeldern entgegen, weiter bergan.

Paul Großer 1902.
Der Antisana von Westsüdwest aus; Standpunkt 4300 m.
Wir blieben auf dem »Arenal« bis zur Höhe von 4576 Meter, wo das erste Neuschneefeld begann und die hohe Stirn eines ältern Lavastroms ein kleines, ziemlich ebenes Aschenfeld halb umschließt. Hier an den Felsen, bergwärts einigermaßen geschützt gegen den scharfen Wind, wurden die beiden Zeltchen aufgestellt und mit schweren Steinen ringsum verankert. Kochwasser lieferte uns der Schnee, Trinkwasser hatten wir in einem Fäßchen mitgebracht, und Feuerholz hatten wir von den letzten verwetterten Chuquiraguasträuchern mitgenommen. In unserer Zeltumgebung wuchs nichts mehr als ein versprengtes Exemplar von Senecio microdon, ein zwerghaftes, pelzhaariges Polsterchen, und eine einzige Hypochaeris sessiliflora, eine kaum 2 Zentimeter hohe kleine Rosette.

Der Westgletscher des Antisana.
Nach einer Zeichnung von Rudolf Reschreiter.
Sobald alles in Ordnung gebracht war, schickte ich Menschen und Tiere nach der Hacienda Ilitio zurück, von wo aus sie uns in zwei Tagen wieder abholen sollten. Wir waren unser vier geblieben; außer uns beiden Europäern mein Faktotum Santiago und ein junger gutmütiger, in Wollponcho und doppelte Schaffellhosen gepackter Indianer, der Feuer machen, Schnee schmelzen, Reis kochen und während unserer Hochtour das »Haus« hüten sollte.
3. Die Besteigung.
Am Abend ward uns ein unbeschreiblich farbenzauberischer Sonnenuntergang zuteil. Der sinkende Sonnenball verwandelte den Himmel in ein wahres Feuermeer von Rot, Purpur, Gelb, Orange, Violett und Grün und versetzte die alten Vulkane und ihre Lavaströme in rote Glut, als wären sie wieder lebendig geworden wie vor Jahrtausenden. Langsam erstarb dann das Feuer in immer blaueren Tönen und wurde schließlich durch pechschwarze Wolken ganz ausgelöscht, die vom interandinen Hochland heraufzogen. Wir erwarteten ein schweres Gewitter, aber bald begann es bei stillem Wetter leicht und friedlich zu schneien. Die Nacht im warmen Zelt verlief in guter Ruhe. Nur weckte mich mehrmals ein tiefes Brummen und Donnern (Bramidos), das vom Krater oben herabkam, am meisten vergleichbar dem dumpfen Brausen einer fernen Meeresbrandung. Gegen Morgen klärte sich das Wetter ganz auf, aber damit stellte sich bei –2° ein schneidender Fallwind aus den oberen Bergregionen ein, der uns hart anpackte. Bei Tagesgrauen um ¾6 Uhr machten wir uns auf den Weg. Ich nahm diesmal als dritten Mann Santiago mit, der ja schon auf dem Firn des Chimborazo Proben ganz tüchtiger Leistungsfähigkeit abgelegt hatte – wenn er mußte – und uns jetzt durch das Tragen des Proviants und einiger Instrumente entlasten sollte. Ich hatte ihn in meine alpine Reservekleidung gesteckt und mit einem festen langen Stock versehen und band ihn trotz seines Widerstrebens mit an das Gletscherseil.
Zwei Stunden ging es auf den unteren, mit 20 bis 30° Neigung noch mäßig steilen Schneehängen ganz gut. Der Schnee war fest und ließ sich gut treten. Einen Fuß tief unter der Oberfläche lag das blanke Eis. Dann aber begann der kalte, um die Ostseite des Berges herum uns direkt entgegenfauchende Wind, der uns bisher nur lästig gewesen war, uns mit steigender Stärke wirkliche Beschwerden zu machen. In der Höhe tobte er noch viel heftiger. Wir sahen, wie er oben den feinen pulverigen Hochschnee in langen grauen Fahnen wie Nebel über die Firnkämme blies und wie der windgepeitschte Schneestaub in Tausenden von schmalen Rieselbändern über die Firnhänge förmlich herabgeflossen kam. Gleichzeitig führte uns der Wind einen penetranten Geruch von schwefeliger Säure entgegen als ersten unfreundlichen Gruß von dem noch 1000 Meter über uns verborgenen Gipfelkrater.
Bisher waren wir auf der Südwestseite des Berges im Morgenschatten gewesen. Gegen 8 Uhr blitzten die ersten Sonnenstrahlen gerade über den Gipfelrand herüber und zauberten unter Mitwirkung der aus dem Krater aufsteigenden Wasserdämpfe eine wunderbare orangegelbe Aureole um den silberweißen Scheitel des Vulkans. Die Atmosphäre flimmerte und zuckte wie über unseren heimatlichen sommerlich erhitzten Feldern und Wegen. Der Reflex des Sonnenlichts auf den Firnfeldern wurde bald so enorm, daß wir trotz allen Einsalbens im Gesichtsausschnitt unserer Schneehauben einen starken Gletscherbrand davontrugen und die Augen trotz der grauen Schneebrillen sich röteten. In den mittleren Bergesregionen sahen wir nun die Firnhänge im Sonnenlicht wie Spiegel funkeln, so daß mir lebhaft das Märchen vom gläsernen Berg und der verwunschenen Prinzessin in den Sinn kam, die von dem hinaufkletternden Ritter unter Preisgabe seines kleinen Fingers erlöst wird. Die Firnhänge waren dort, wie wir beim Näherkommen erkannten, auch an der Oberfläche total vereist. Darum begann nun das Stufenschlagen. Stellenweise war auf dem eisigen Firn der feine Hochschnee in zackigen Lappen angeweht, die sich oft in langen Reihen hinzogen wie eine vielbewegte Barometerkurve und unter dem Fuß leicht wegbrachen. Entsprechend der Gleichmäßigkeit des unter dem Eis liegenden Bergkörpers war die Zahl der Spalten gering; erst weit oben, wo es sehr steil wurde, nahmen sie zu.
Das spröde Eis splitterte beim Stufenhauen wie Glas. Das gab oft schwere Arbeit für Herrn Reschreiter, der die längste Zeit als vorderster Mann am Seil das Stufenschlagen besorgte, während ich meist als zweiter für meinen mit weniger guten Nagelschuhen versehenen Hintermann die Stufen vertiefte, gelegentlich den Ausgleitenden festhielt und im übrigen Notizen schrieb, Instrumente ablas und mit der Handkamera Aufnahmen machte. Wir haben trotz möglichster Vermeidung der ganz aperen Stellen über 2000 Stufen geschlagen, und so ging es recht langsam im Zickzack mit 35 bis 40° Steigung weiter aufwärts.
Rückwärts gewandt, traf der Blick auf das blendend weiße wallende Wolkenmeer unter uns, das nur durch wenige Lücken die tief darunter versenkten, in violette Schatten getauchten Hochebenen durchschimmern ließ, und im Süden in weiter Ferne auf den inselgleich aus dem Wolkenmeer aufragenden Schneedom des Chimborazo. Östlich aber von ihm hob sich über die weiße Wolkenschicht eine noch viel höhere, teils dunkelgraue, teils kupferbraune pilzförmige Masse gegen den lichtblauen Horizont, die ungeheuere Eruptionswolke des Sangayvulkans (5323 Meter). Ihre Höhe konnte ich auf annähernd 10 000 Meter schätzen.
Um 10 Uhr, nach viereinhalbstündigem Steigen, hielten wir kurze Rast; wir waren mit 5278 Meter Höhe dem Gipfel, den wir am Tag vorher in 4 bis 5 Stunden zu bezwingen gedacht hatten, genau zur Hälfte nahegerückt: rund 700 Meter lagen unter uns bis zum obersten Lager, rund 700 Meter über uns bis zum Kraterrand. Noch waren wir gut bei Kräften, aber die Einwirkung der großen Höhe spürte ich doch in gänzlicher Appetitlosigkeit und in heftiger, auch beim Ausruhen fortdauernder Herzpulsation: 125 Schläge in der Minute. Dazu stellte sich bald ein anderer Feind ein, der Nebel. Schon lange hatte die wachsende Sonnenwärme die Dünste der unteren Bergregionen in wallende Bewegung gebracht. Langsam waren die Nebelschwaden bergauf vorgerückt, aber immer wieder vom Ostwind der Höhe zurückgeschlagen worden. Nun waren sie, während der Wind etwas nachließ, plötzlich da und gaben das eroberte Terrain stundenlang nicht wieder frei. Auf unseren vorherigen Hochtouren hatten wir die Erfahrung gemacht, daß man in den Gipfelregionen der Kordilleren zwischen 10 oder 11 Uhr vormittags und 4 Uhr nachmittags fast immer mit Nebel rechnen muß. Ein ganz klarer Tag ist eine außerordentliche Seltenheit, die uns auch in der besten Jahreszeit nicht ein einziges Mal beschert war. Hier aber auf dem Cotopaxi waren wir besser daran als auf den anderen Schneebergen, weil hier am Tag ein Irregehen im Nebel kaum möglich ist. Bei der ungemein gleichmäßigen Form des Bergkegels führt ein konsequentes Aufsteigen auf dem steilsten Firnhang sicher zum Ziel, falls die Kräfte ausreichen und falls man nicht auf offene, brückenlose Spalten trifft, die in der Nähe des Kraterrandes häufiger werden.
Wir hielten also unsern bisherigen Kurs auf dem steilsten Schneehang vier weitere Stunden voll mühseliger Steigarbeit ein, bis wir gegen 2 Uhr bei einem Aufreißen der Nebelhüllen nördlich von uns einige dunkle Wände aus dem Firn emporragen sahen, die wir schon am Morgen von unten als eine dem westlichen Oberrand des Berges ziemlich naheliegende Felsmasse beobachtet hatten. Jetzt erkannten wir, daß von dort aus inmitten der Westseite die Erkletterung des Kraterrandes weniger schwierig war als auf unserer Südwestseite, wo uns weiterhin große Spalten entgegendrohten. Also wurde vorsichtig über halb verwehte Firnklüfte hinüber traversiert und am Fuß der Felsen in 5828 Meter Höhe eine Viertelstunde gerastet. Die Steilwand ist ein schneefreies, kleines Stück der Berglehne selbst, etwa 30 Meter hoch und 100 Meter breit, eine dunkelgraue zermürbte Lava, die an vielen Stellen von hellgrauen, strohgelben und lichtgrünen Krusten überzogen ist. Zu meiner Überraschung fühlte sich das Gestein heiß an, und nun sah ich auch aus vielen schmalen Rissen und Löchern dünne Dampfstrahlen austreten. Daher also die Schneefreiheit und die Krustenbildung. An den Rändern der Felsen hingen große Eiszapfen und lagen dicke Eisharnische, und darüber stieg der Firnhang steil weiter zu dem noch unabsehbaren Gipfel hinauf.
Hier erklärte unser dritter Mann, Santiago, er sei am Ende seiner Kräfte, er könne nicht weiter mitgehen und wolle auf unsere Rückkehr warten. Er streckte sich an den warmen Fels und schlief ein. Wir ließen die Rucksäcke mit Mänteln und Proviant bei ihm, steckten nur das Allernötigste zu uns und lösten das Seil, da auch für uns beide ein Zusammensteigen am Seil über die brüchigen Felsen unpraktisch war. Dieses Stück Felsenkletterei war, obgleich an und für sich eine greuliche Arbeit, doch durch die Abwechslung der Bewegung und der Umgebung eine wahre Erholung nach dem bisherigen achteinhalbstündigen unaufhörlichen Schneetreten und Eishacken. In den oberen Teilen der Felsen wurde die Lava ganz schlackig und löste sich beim Anstoßen in Schollen ab. Es sind Reste der Lavaströme, die sich vom Kraterrand über die Steilwände herabgewälzt haben und nach Zerreißung ihres Zusammenhangs den jähen Berghang hinuntergerutscht sind. Die Hände bekamen hier mehr zu tun als die Eispickel; oft ging es nur auf allen vieren. Darüber im Schnee ließ es sich wieder besser an. Selbstverständlich spürten wir nachgerade die große Luftdünne und eine starke Ermüdung, ich noch mehr als mein zehn Jahre jüngerer 35jähriger Kamerad, aber von den schlimmen Erscheinungen des Soroche, der eigentlichen Bergkrankheit, blieben wir verschont. Auf die große Lufttrockenheit reagierten von Zeit zu Zeit die Lungen und der Kehlkopf mit einem stoßhaften, krampfartigen Husten.
Der oberste Bergkegel steigt von etwa 5750 Meter an mit 40 bis 42° empor. Da das Nebelwehen nachgelassen hatte, konnten wir minutenlang die noch zu bewältigenden Firnfelder bis zu einem feinen Grat der hohen Nordwestkuppe übersehen. Das Ziel schien noch so weit, daß mir einige Momente ernstliche Zweifel aufkamen, ob wir bei der vorgerückten Stunde – es war ½3 Uhr geworden – den Kraterrand erreichen könnten, ohne uns der Gefahr einer nächtlichen Verspätung auszusetzen, denn die Sonne geht ja hier unter dem Äquator um 6 Uhr unter, und um ½7 Uhr ist bereits finstere Nacht; man hat also höchstens 13 Stunden Tageshelle von ½6 Uhr früh bis ½7 Uhr abends. Der Gedanke jedoch, nach soviel Arbeit so nahe am Ziel ohne schwere Widerstände in Eis oder Fels oder Luft die Waffen strecken und sieglos umkehren zu sollen, trieb uns vorwärts.
So kamen wir in kurzem in die oberste Region, wo die Steilhänge in große Firnstufen und diese in lange Rücken und Hügelreihen übergehen, lauter Schnee und Eis von sonderbaren, blumenkohlartigen Oberflächenformen, die immer phantastischer wurden, je mehr wir uns dem Gipfelkrater näherten. Die Stufenbildung des Firns ist zweifellos durch darunterliegende Lavawülste und Lavatreppen verursacht, die von den Magmaergüssen des Kraters hier oben am Rande erkaltet hängengeblieben sind, während die Hauptmassen hinabgerutscht sind.

Eisbrüche am Antisana, bei 5320
m
.
Noch eine Viertelstunde lavierten wir mit äußerster, nach Pausen der Ermattung immer wiederholter Konzentration von Kraft und Willen durch die wie riesige Wogen immer wieder vor uns aufsteigenden Firnhügel. Aber die Oberfläche war fest und ließ den Fuß sicher auftreten. Herr Reschreiter war ein Stück voraus, ich zurück beim Photographieren der wundersamen Firngebilde, die hier die Form von weißen Korallenbänken hatten. Da höre ich unfern über mir seinen Ruf: »Der Krater ist da!« und bin in einigen Minuten bei ihm.

Westseite des Cotopaxi, von Santa Ana de Tiupullo (3150
m
) aus.
Unmittelbar vor uns öffnet sich die Erde, und aus schwindelnder Tiefe gähnt uns der ungeheure Schlund des Gipfelkraters an. Mit einem Seufzer der Erleichterung und Genugtuung stoßen wir die Eispickel in den Firn und setzen uns zu ruhigem Schauen auf einen Schneehügel. In wenigen Minuten ist alles körperliche Unbehagen verschwunden; eine angenehme körperliche und geistige Abspannung, nicht Ermüdung, kommt über mich, während die Sinne und die Beobachtungslust in alter Weise wieder rege werden. Und damit wächst auch erst das rechte Triumphgefühl über den schwer erkämpften Sieg empor, das mir im Moment der Zielerreichung gänzlich gefehlt hatte.

Der Krater des Cotopaxi, vom Westrand (5940 m) aus.
Nach einer Zeichnung von Rudolf Reschreiter.
Zuerst stehen wir ratlos vor den ungeheuren Dimensionen, für die uns jeder Maßstab in dieser Landschaft fehlt. Wir können nur unser eigenes Körpermaß auf unsere Umgebung übertragen. Der Krater ist etwas elliptisch, seine längste Achse (Nord-Süd) 750 bis 800 Meter, seine kurze Achse (Ost-West) 500 bis 550 Meter lang. Dabei hat er, soweit man hinuntersehen kann, eine Tiefe von 400 bis 500 Meter, d. i., um einen geläufigen Vergleich zu ziehen, etwa die dreifache Höhe des Kölner Doms. Zu dieser Tiefe fallen von allen Seiten die inneren Kraterwände jäh mit 60 bis 80° Neigung ab, nach unten trichterförmig zusammengezogen, mehrfach in Stufen übergehend und auf diesen Stufen und zahllosen Gesimsen so viel Raum lassend, daß sich auf ihnen wieder Schnee- und Eisbänke festsetzen können. Von ihnen wie von den Firnhügeln des Kraterrandes hängen gigantische Eiszapfen von 20 bis 30 Meter Länge und 2 bis 3 Meter Dicke, stellenweise in wahren Baldachinen, über den finsteren Abgrund hinunter. Im Gegensatz zu den hellen Schnee- und Eismassen stehen die felsigen Kraterwände in düsteren vielfältigen Farben da. Jede der horizontal übereinanderliegenden Bänke von Lava und von Tuff- und Lapillischichten ist anders gefärbt. In den oberen Lagen herrschen rötliche Töne vor, darunter sind graue in der Mehrzahl, und unter diesen, wo die aufsteigenden Dämpfe noch heiß sind, den Fels zerfressen und Krusten absetzen, dämmert das Gestein graugrün, hellgrau, gelb und auch weiß. Gips und Inkrustationen von Schwefel scheinen dort stark vertreten zu sein.

Firn am obern Westhang des Cotopaxi mit Rauhfrostbildungen.
In der Tiefe von etwa 400 Meter ist nichts mehr zu erkennen als emporquellender weißer und hellgrauer Dampf; doch ist dieser jetzt nicht besonders dicht und stark. Von Zeit zu Zeit läßt sich im Innern ein dumpfes Grollen vernehmen, wie wir es schon beim Aufstieg an der Außenseite gehört hatten. Auch war einmal ein lautes rollendes Getöse vernehmbar wie von einer fernen niederbrausenden Lawine, worauf eine große Dampfwolke emporquoll, den ganzen Krater erfüllte und uns einige Sekunden in eine penetrante Atmosphäre von schwefeliger Säure einhüllte. Dann aber blieb es wieder bei dem ununterbrochenen mäßigen, meist geräuschlosen Aufsteigen von balligen Dampfsäulen wie aus einem riesigen, ruhig siedenden Kochkessel. Ob die Hauptmasse des Dampfes im Grund des Kratertrichters aus einem einzigen, weit hinein offenen Schacht aufsteigt, oder ob er aus einem verschütteten Kratergrund durch zahllose Fumarolen und Solfataren zwischen Schutt und Blöcken hervordringt, konnten wir nicht klar erkennen. Mir schien das erstere der Fall zu sein.

Nordwestgipfel des Cotopaxi (6000
m
) mit Rauhfrostbildungen.
Ein wundervoller Kontrast: dieser ungeheure heißdampfende Kraterschlund und seine obere Firn- und Eisumwallung. Wir können sie auf den uns gegenüberliegenden Kraterrändern auch von ihrer Innenseite überblicken. Hatten unsere Vorgänger hier oben nur relativ wenig oder infolge neuer Eruptionen gar keinen Schnee angetroffen und den Kraterrand als einen 5 bis 6 Meter breiten Wall von nackten Lavablöcken oder Auswürflingen gesehen, so umschließen jetzt auf allen Seiten Firnkuppen und Eisgrate den Kraterkessel als eine Krone, wie sie so groß und so herrlich nur des Königs aller Vulkane würdig ist. Die Schneeansammlungen haben den Kraterrand oft um das Doppelte verbreitert. Von 10 bis über 60 Meter hoch lagern die Firn- und Eismassen auf dem Gestein und brechen zum Krater hin in steilen, oft überhängenden Wänden ab. An mehreren Stellen sieht man frische Brüche, von denen gewaltige Eislawinen in die kochende Tiefe hinabgestürzt sind[1].

Westsüdwestseite des Cotopaxi, vom mittleren Lager (3670
m
) aus.
Was aber diese über 6000 Meter hohe Schneelandschaft des Cotopaxigipfels in ihrem äußern Aussehen von allen anderen mir bekannten alpinen Schneelandschaften unterscheidet, das sind die höchst seltsamen Oberflächenformen dieser hügeligen Firnmassen. Alle diese runden, breiten Firnhügel und Firnrücken bis etwa 150 Meter weit auf den Außenmantel des Kraters hinab sind überzogen von Millionen runder finger- bis armlanger Firnblätter, die gleichmäßig die Hügel und die Mulden bedecken und aussehen wie dicke hellgraue Schuppen oder Schindeln. Meist sind die einzelnen Blätter wieder mehrfach gelappt gleich den Blättern der Feige oder des Weinstockes. An anderen Stellen gleichen sie hängenden Straußenfedern, wieder an anderen den Korallenbänken der Madreporen. Alle Formen sind gerundet, nirgends eckig, und überall ist ihre Oberfläche krustig und pelzig, nicht glatt vereist wie die Firnoberfläche in den tieferen Regionen des Bergkegels. Auch in Ecuador habe ich diese eigenartigen Firngebilde nirgends wieder gesehen. Es sind sicherlich nicht Schmelzformen der Sonne oder des Windes, sondern Kristallisationen des aus dem Krater aufsteigenden Wasserdampfes, also eine Art Rauhfrost, wie er ähnlich auch bei uns daheim einmal vorkommt. Hier und da, wo in diese immer in Bewegung befindlichen Firnmassen Spalten und Klüfte gerissen sind, sind auch diese oft von den Rauhfrostblättern überzogen und teilweise überbrückt, was ganz wunderbare Effekte von Schneegirlanden und Schneelauben hervorzaubert. An einigen anderen Stellen wieder sind tiefe dolinenartige Löcher oder Höhlen von ein bis zwei Meter Durchmesser teils lotrecht, teils schief in den Firn eingesenkt, die ebenfalls von solchen Schneeblättern überhangen sind, aber ihre Entstehung, wie mir scheint, weder Bewegungen im Firn noch von oben einwirkenden Schmelzagentien verdanken, sondern warmen Stellen des felsigen Untergrundes, wo heiße Dämpfe aus Löchern und Spalten austreten.

Krater des Cotopaxi mit Rauhfrostblättern, Südhälfte.
Die mächtigste Auftürmung der Firnmassen und damit der höchste Gipfel des Berges liegt auf der Nordseite des Kraterrandes. Dort erhebt sich der Firn in einer stolzen Pyramide etwa 65 Meter hoch über den Kraterrand, dessen felsige Oberkante wir an dem innern Absturz deutlich erkennen können. Von der westlichen Böschung dieses höchsten nördlichen Schneegipfels zieht eine wundervolle scharfe Firnschneide zu dem flachen Firnrücken der Westseite hinab, auf deren mittlerm Teil wir stehen. Unser Standpunkt, dessen Höhe ich barometrisch auf 5940 Meter gemessen habe, ist ungefähr 65 Meter niedriger als die höchste nördliche Gipfelkuppe. Dieser würde damit eine Höhe von 6005 Meter, etwas mehr oder weniger je nach der aufliegenden Firnmenge, zuzusprechen sein.
Während unseres Aufenthalts auf dem Kraterrand blies der Ostsüdostwind stetig, aber mäßig, so daß es bei –2° ganz gut auszuhalten war. Beim Schauen, Messen, Schreiben, Photographieren, Skizzieren hatte aber keiner von uns beiden an das Schwinden der Zeit gedacht. Ich bekam deshalb einen gelinden Schreck, als ich, endlich nach der Uhr sehend, fast 4 Uhr ablas. Wir hatten also nur noch 2½ Stunden Tageslicht für den Abstieg, wo uns der Aufstieg 9½ Stunden gekostet hatte. Eilig traten wir über die oberen Firnhügel den Rückzug an und rutschten bald über die obenerwähnten Felsen zu unserm wartenden Begleiter hinab, der sich unterdessen wieder erholt hatte. Ohne längern Aufenthalt, als die Seilbefestigung erforderte, ging es weiter und in unseren noch guterhaltenen Spuren flott bergab, indem wir auf den weicher gewordenen Firnhängen mit Springen und Gleiten die zahllosen Zickzacks abschnitten, die wir bergaufwärts hatten treten und hauen müssen. Der Nebel hatte sich sehr gelichtet, aber von Westen her rückte eine kolossale schwarze Wolkenmauer auf uns los, als wollte sie uns erdrücken. Auf den unteren Schneefeldern der Westseite fußend, stieg sie vor uns kerzengerade himmelan, so hoch wie der Cotopaxi selber und von der dahinterstehenden Sonne mit einem schmalen weißglühenden Rand umsäumt; ein wunderbares, nie vorher gesehenes Phänomen von unheimlicher Größe, Gestalt und Farbe. In unseren Alpen würde eine ähnliche Erscheinung einen fürchterlichen Gewittersturm verkündet haben, hier auch in den Monaten der Regenzeit; aber jetzt im Verano löste sich das drohende Phantom in ein wirbelndes Schneegestöber auf, das unsere Schritte nur noch mehr beflügelte. Einige Male verloren wir unsere alte, kaum mehr zu erkennende Spur, fanden sie aber nach einigem Kreuz- und Quergehen wieder und erreichten ohne weitern Zwischenfall wirklich vor Sonnenuntergang bei ganz klar gewordenem Wetter die Schneegrenze.
Nachdem wir das Seil abgelegt hatten, mußten wir uns einige Zeit mit Santiago abgeben, der sehr erschöpft war. Dann bummelten wir über die Felsen an unseren den Weg zeigenden Steinmännern vorbei zum Lagerplatz, dessen Rauchsäule wir längst bemerkt hatten, und waren noch vor gänzlicher Dunkelheit bei unseren Zelten, wo uns der zurückgebliebene Indianer mit Bangen erwartet hatte. Der Appetit, der mir den ganzen Tag gefehlt hatte, stellte sich nun in beängstigender Stärke wieder ein, und nach Vertilgung alles vorhandenen Eßbaren schliefen wir, während es draußen wieder schneite und der Bergwind unsere steifgefrorenen, knisternden Zeltwände peitschte, in unseren molligen Pelzsäcken zwölf Stunden ohne Unterbrechung. Gegen Mittag des nächsten Tages kamen, wie verabredet, unsere Arrieros trotz fortdauernden Schneegestöbers mit den Tieren wieder herauf und brachen unser Lager ab, während wir gemütlich vorausschlenderten.
Weiter unten enthüllte sich uns noch einmal der Cotopaxi in seiner ganzen Schönheit, und dankbar kehrte unser Blick immer wieder zu seinen silberschimmernden Höhen zurück. Das Schneegestöber der letzten Nacht hatte nicht viel ausgerichtet. Die Sonne hatte seine Spuren und die der Schneefälle der beiden Vortage in den unteren Regionen größtenteils weggewischt. Darum zeigte sich jetzt der Rand des Schneemantels tief gezackt und eingeschnitten. Jeder der schwarzen Einschnitte ist ein wallförmiger Lavastrom. Wie die Fangarme eines gigantischen Polypen halten alle diese dunklen Lavabänder den Bergkörper umklammert. Ihr zerklüftetes, durchlässiges Gestein und bei den jüngsten vielleicht noch etwas Eigenwärme lassen den Schnee der niederen dünneren Randlagen nicht lange auf ihnen liegenbleiben. Die Höhe dieser zur Zeit der größten Abschmelzung sich zeigenden »wirklichen« Schneegrenze habe ich gemessen: auf der Ostseite bei 4550 Meter, Südseite 4730 Meter, Westseite 4850 Meter, Nordseite 4900 Meter; d. h. sie hat sich, seit sie vor 30 Jahren zuletzt gemessen wurde, um 100 bis 180 Meter aufwärts verschoben. Von alten Gletscherspuren ist am Cotopaxi nichts zu bemerken. Er ist dafür zu jung.
Am Spätnachmittag des 15. Juli ritten wir, schwerbeladen mit geologischen Handstücken, Pflanzen und sonstiger Ausbeute, wieder im Pfarrhof von Mulaló ein. Der Pfarrer nahm lebhaftes Interesse an unserm Erfolg und Bericht. Die Dorfbewohner aber, die sich auf die Nachricht von unserer Rückkehr einfanden, um ihre Neugierde zu stillen und zu klatschen, zogen, nachdem sie viel Dummes gefragt, uns wenig zugehört, viel geschwatzt, viel getrunken, geraucht und gespuckt hatten, abends wieder heim mit Kopfschütteln und Achselzucken. Keiner von ihnen glaubte unseren Berichten. Ich hörte, wie einer draußen sagte: »Kein Mensch ist noch auf dem Cotopaxi gewesen. Vor 20 bis 30 Jahren erzählten es auch schon einige Europäer, aber sie haben alle gelogen. Und nun lügen diese beiden Alemanes ebenfalls. Solche Berge kann kein Mensch ersteigen, und wenn einer doch hinaufkäme, würde er oben sterben.« Das ist die Überzeugung der bergscheuen Ecuatorianer von jeher gewesen, und sie wird es voraussichtlich immer bleiben.
Fußnoten:
Alte Reisen und Abenteuer
Bd. 1 Fornão de Magalhães, Die erste Weltumseglung. Bearbeitet von Dr. H. Plischke
Bd. 2 Ulrich Schmidel, Abenteuer in Südamerika. Bearb. von Curt Cramer
Bd. 3 J. Cook, Die Suche nach dem Südland. Bearbeitet von Dr. H. Damm
Bd. 4 Peter Kolb, Zum Vorgebirge der Guten Hoffnung. Bearbeitet von Dr. P. Germann
Bd. 5 Christoph Kolumbus, Die Entdeckg. Amerikas. Bearb. v. Dr. H. Plischke
Bd. 6 Kapitän Phillip, Gründung der Strafkolonie Sydney. Bearbeitet von Dr. H. Plischke
Bd. 7 Carl Friedrich Behrens, Der wohlversuchte Südländer. Reise um d. Welt 1721/22. Bearb. v. Dr. H. Plischke
Bd. 8 Hans Egede, Die Erforschung von Grönld. Bearb. v. Dr. M. Heydrich
Bd. 9 Hernando Cortes, Die Eroberung v. Mexiko. Bearb. v. Dr. H. G. Bonte
Bd. 10 Francis Drake, Als Freibeuter in Spanisch-Amerika. Bearbeitet von Dr. H. Damm
Bd. 11 Marco Polo, Am Hofe des Großkhans. Reisen in Hochasien u. China. Bearbeitet von Dr. A. Herrmann
Bd. 12 Mungo Park, Vom Gambia zum Niger. Bearb. von Dr. P. Germann
Bd. 13 Vasco da Gama, Der Weg nach Ostindien. Bearb. v. Dr. H. Plischke
Bd. 14 Francisco Pizarro, Der Sturz des Inkareichs. Bearb. v. Dr. H. G. Bonte
Bd. 15 John Smith, Unter den Indianern Virginiens. Bearbeitet von Dr. H. G. Bonte
Bd. 16 Georg Wilhelm Steller, Von Kamtschatka nach Amerika. Bearbeitet von Dr. M. Heydrich
Bd. 17 Herodot, Reisen und Forschungen in Afrika. Bearb. von Dr. H. Treidler
Bd. 18 Tacitus, Germania. Bearbeitet von Dr. H. Philipp
Reisen und Abenteuer
Bd. 1 Sven Hedin, Abenteuer in Tibet
Bd. 2 Sven Hedin, Transhimalaja
Bd. 3 Kapitän Scott, Letzte Fahrt (Scotts Tagebuch)
Bd. 4 Georg Schweinfurth, Im Herzen von Afrika
Bd. 5 H. M. Stanley, Wie ich Livingstone fand
Bd. 6 Kapitän Scott, Letzte Fahrt (Abenteuer der Gefährten)
Bd. 7 Sven Hedin, Durch Asiens Wüsten
Bd. 8 Sven Hedin, Zu Land nach Indien
Bd. 9 A. E. Nordenskiöld, Umseglung Asiens und Europas
Bd. 10 H. M. Stanley, Im dunkelsten Afrika
Bd. 11 Georg Wegener, Erinnerungen eines Weltreisenden
Bd. 12 Gustav Nachtigal, Sahara u. Sudan
Bd. 13 Ernest Shackleton, Im sechsten Erdteil
Bd. 14 Walter v. Rummel, Sonnenländer
Bd. 15 W. H. Gilder, Untergang der Jeannette-Expedition
Bd. 16 Slatin Pascha, Feuer und Schwert im Sudan
Bd. 17 Einar Mikkelsen, Ein arkt. Robinson
Bd. 18 H. M. Stanley, Mein erster Weg zum Kongo
Bd. 19 Sven Hedin, General Prschewalskij in Innerasien
Bd. 20 Sven Hedin, Meine erste Reise
Bd. 21 H. M. Stanley, Auf dem Kongo bis zur Mündung
Bd. 22 Henry G. Landor, Auf verbot. Wegen
Bd. 23 Sven Hedin, An der Schwelle Innerasiens
Bd. 24 Otto Sverdrup, Neues Land
Bd. 25 Hans Meyer, Hochtouren im tropischen Afrika
Bd. 26 Douglas Mawson, Leben und Tod am Südpol
Bd. 27 Arthur Berger, Auf den Inseln des ewigen Frühlings
Bd. 28 Vilhjalmur Stefansson, Jäger des hohen Nordens
Bd. 29 Prinz Max zu Wied, Unter den Rothäuten
Bd. 30 Emil Holub, Elf Jahre unter den Schwarzen Südafrikas
Bd. 31 L. B. Mansilla, Die letzten wilden Indianer der Pampa
Bd. 32 Hans Meyer, Hochtouren im tropischen Amerika
Bd. 33 Rickmer W. Rickmers, Die Wallfahrt zum wahren Jakob
Bd. 34 Wilhelm Junker, Bei meinen Freunden den Menschenfressern
Bd. 35 H. v. Foller, Unter Javas Sonne
Bd. 36 Philipp Berges, Wunder der Erde
Jeder Band enthält 160 Seiten Text, etwa 30 Abbildungen und 2 Karten, ist in sich abgeschlossen und einzeln käuflich / Beide Sammlungen werden fortgesetzt
Ausführliche Prospekte auf Verlangen kostenlos
Verlag F. A. Brockhaus / Leipzig
F. A. Brockhaus in Leipzig.