← Table of contents
Herrn Mahlhubers Reiseabenteuer

Mahlhuber’s Reiseabenteuer. (continued 2)

Reading edition

„Bester Herr“, flüsterte das junge Mädchen da rasch und heimlich dem ausruhenden Commerzienrath zu, indem sie vorsichtig seinen Arm berührte.

„Bitte tausend mal um Entschuldigung“, murmelte der Commerzienrath, der wahrscheinlich glaubte, daß er sie angestoßen habe. —

„Bester Herr“, wiederholte das arme Mädchen in Todesangst, denn der günstige Moment konnte schon im nächsten Augenblick verflossen sein, „wenn Sie Mitleid mit einem armen Mädchen haben wollen, so widersprechen Sie mir nicht und steigen Sie in Lichtenfels mit aus — sei es auch nur sich in ein anderes Coupé zu setzen — die Verzweiflung und Noth treibt mich zu diesem Schritt, und Sie leisten einem unglücklichen Wesen einen großen Dienst.“

„Hallo!“ dachte der Commerzienrath und sah überrascht seine Nachbarin an, deren liebes, von der Erregung der eigenthümlichen Situation rosig übergossenes Antlitz so bittend und vertrauend, so ängstlich und kummervoll zu ihm aufgehoben war, während in den treuen dunkeln Augen ein ganzer Himmel lag. Er begriff auch gar nicht, da er kaum die Hälfte der Worte verstanden, was sie eigentlich von ihm wollte, hätte es aber auch nicht übers Herz bringen können, Nein zu ihr zu sagen, was es auch gewesen sein mochte. Lange Zeit zum Ueberlegen wurde ihm dabei gar nicht gelassen, denn Herr Fädchen, dem es nicht entgangen war, daß seine künftige Schwägerin etwas mit ihrem Onkel geflüstert und ihm wahrscheinlich mitgetheilt haben mochte, wer er selber sei — der alte Herr hatte ganz erstaunt dabei ausgesehen —, glaubte jetzt für sich selber wieder den günstigen Zeitpunkt gekommen ein Wort einfließen zu lassen.

„Sie haben doch hoffentlich eine gute Reise gehabt, verehrter Herr Regierungsrath?“ sagte er mit seiner süßen, auf Alles gefaßten Stimme, die jeder Biegung, nur nicht des Widersprechens fähig war.

„Regierungsrath?“ Der Commerzienrath wollte gegen einen solchen, ihm nicht zustehenden Titel protestiren, aber der leise Druck, den er an seinem Arme fühlte, war ihm Dasselbe, was dem Gefangenen das Bewußtsein der Kette ist — er war nicht mehr frei, und in einer dunkeln Ahnung von allen möglichen neuen Unbequemlichkeiten machte er wieder eine etwas ungeschickte Bewegung gegen den jungen Blondin.

„Sie haben doch hoffentlich eine gute und glückliche Reise gehabt?“ schrie dieser aber jetzt lauter als vorher, weil er glauben mochte, der alte Herr habe ihn nicht verstanden, und auch ein dunkles Gefühl hatte, als ob ihm einmal Jemand gesagt, er höre etwas schwer.

„Gute Reise?“ brummte der Commerzienrath, dem die in den letzten 48 Stunden ertragenen Leiden vor der Seele im Nu emporstiegen, „glückliche Reise? — bisjetzt war’s eine Marterpartie, und wenn ich Dorothee gefolgt hätte....“

„In Bamberg werde ich mir das Vergnügen machen, Sie bei einem Onkel von mir einzuführen“, schrie der junge hoffnungsvolle Mann wieder, „er hat eine Materialienhandlung und ist ein vortrefflicher alter Herr — spielt auch ausgezeichnet die Flöte — er wird uns heute Abend etwas vorspielen — er thut das alle Abende, manchmal zwei, drei Stunden lang — es ist ein prächtiger alter Kauz. — Sie gehen doch bis Bamberg?“

Der Commerzienrath, der nur eine unbestimmte Ahnung hatte wo Bamberg lag, hätte schon einen Umweg gemacht, als er nur von der Flöte hörte, denn erstens war ihm jedes Instrument unangenehm, die Maultrommel ausgenommen, und dann die Flöte noch besonders verhaßt vor allen übrigen. Er fühlte aber auch, daß er hier mit dem jungen hübschen Mädchen und dem so laffig aussehenden jungen Burschen jedenfalls in eine Verwickelung käme, der er am besten vielleicht noch durch einen zeitigen Rückzug entgehen konnte. Abenteuer — hatte er es dem Doctor nicht vorhergesagt? — da war eins brühwarm vom Feuer weg, und fix und fertig gleich aufgetragen, um verzehrt zu werden. Das hatte ihm noch gefehlt, die Nacht keinen Schlaf und am hellen Tage Aufregungen und Verwickelungen. Nein, dagegen gab es ein probates Mittel; er nahm an der nächsten Station leise und ohne Jemandem ein Wort davon zu sagen, seinen Reisesack und sein Sitzkissen unter den Arm und empfahl sich; dann konnte die übrige Gesellschaft ruhig nach Bamberg oder wo sie sonst hinwollte fahren, und nachdem er sich hier einen Tag ausgeruht, war er dann immer im Stande die Reise, und zwar in aller Gemüthlichkeit und unbelästigt, fortzusetzen. Vor allen Dingen beschloß er dabei sich fern von Damen zu halten, die ihn jetzt regelmäßig in die verschiedenartigsten Verlegenheiten gebracht, und wenn es wahr ist, daß man durch Schaden klug wird, so wollte er sich die Sache gesagt sein lassen und davon profitiren.

Um nun wenigstens nicht mehr angeredet und belästigt zu werden, lehnte er sich in seine Ecke zurück, schloß die Augen und that als ob er fest eingeschlafen wäre.

7. Die Nichte.

Auch seine junge Nachbarin hatte sich fest in ihr Tuch gewickelt und zurückgelehnt, aber der blonde Schwager in spe schien sich davon nicht abschrecken zu lassen, sondern setzte das Gespräch unverdrossen, wenn auch nur auf seiner Hälfte, fort, bis der Zug in der Nähe der nächsten Station Lichtenfels pfiff.

„Gott sei Dank!“ murmelte der Commerzienrath leise vor sich hin, „aus der Verlegenheit wär’ ich denn also bald heraus“, und leise seinen Schirm zurechtrückend und den neben sich liegenden Reisesack umdrehend, daß er den Henkel gleich erfassen konnte, saß er sprungfertig und aufmerksam auf das geöffnete Fenster schauend da, bis der Zug hielt und der Conducteur den Schlag öffnete.

„Station Lichtenfels!“

„Wollen Sie uns hier schon verlassen, Herr Regierungsrath?“ tönte eine Stimme mitten aus dem Waggon heraus — es war die Dame mit dem papagaigrünen Hut, die wenigstens nicht im Grolle von dem betitelten Mann scheiden mochte.

„Wünsche allerseits glückliche Reise!“ sagte der Commerzienrath, ohne sich umzusehen und selbst den künftigen Verwandten keines Blickes würdigend.

„Es thut mir unendlich leid, so angenehmer Gesellschaft so früh entsagen zu müssen“, hörte er noch hinter sich, und mit einem in den Bart gemurmelten „Bitte, bitte recht sehr!“ kletterte er, den Reisesack und das Sitzkissen hinter sich herschleifend, die eisernen Tritte nieder und eilte jetzt spornstreichs, und ohne sich nur umzusehen, der Restauration zu, dort seine Sachen abzulegen und nach seinem übrigen Gepäck zu sehen. Ein kleiner Junge, der sich ihm dienstfertig zum Führer anbot, geleitete ihn rasch zum Packwagen zurück, wo der Packmeister, der das für Lichtenfels bestimmte Gut schon verabfolgt hatte, eine Partie mitgehender Packete in Empfang nahm.

„Ich möchte gern mein Gepäck haben!“ rief der Commerzienrath.

„Liegt da drüben“, lautete die prompte Antwort und Herr Mahlhuber schüttelte erstaunt mit dem Kopfe und sagte bewundernd:

„Das muß ich gestehen, das ist eine vortrefflich rasche Expedition.“

Der Zug hielt sich aber hier nur wenige Minuten auf; das Zeichen wurde gegeben, die Conducteure sprangen auf ihre Sitze und die lange dunkle Wagenreihe setzte sich wieder langsam, mit dem ruckweisen Anspannen der Ketten, in Bewegung.

„Empfehle mich ergebenst, Herr Regierungsrath!“ rief der semmelblonde junge Mann aus dem Coupéfenster heraus und winkte mit der Hand hinüber.

„...pfehle mich. — Daß dich der Böse hole sammt deinem Regierungsrath!“ knurrte Herr Mahlhuber leise und finster vor sich hin, ohne sich auch nur nach dorthin umzusehen, von wo die Stimme kam, denn seine Aufmerksamkeit war jetzt vor allen Dingen auf den kleinen Haufen Gepäck gerichtet, der aufgeschichtet an der Barrière lag und in dem er nicht ein einziges Stück seines Eigenthums entdecken konnte.

„Wo sind denn meine Koffer?“ fragte er, als ihm die Ahnung eines neuen Unfalls dämmerte, rasch und erschrocken den einen Postbeamten, der bei den Sachen stand und die Expedition derselben zu haben schien.

„Ihre Koffer? — Weiß ich nicht“, brummte dieser, die Spitze eines Bleistifts zwischen den Lippen und ein kleines schmales Buch in der Hand, indem er die einzelnen Stücke zu überzählen schien, „3, 4, 5, 6 —“

„Aber sie sollten doch hier liegen —“, rief der Commerzienrath.

„Weiß ich nicht — 7, 8, 9, 10 — waren nach Lichtenfels bestimmt? — 11, 12, 13, 14.“

„Nein, nach München; aber ich fragte den Packmeister deshalb —“

Der Postbeamte warf den Kopf auf die Seite und deutete, ohne weiter eine Miene zu verziehen, mit dem Bleistift über die Schulter, hinter dem wegbrausenden Zuge her.

„Futsch!“ sagte er dabei so ernsthaft, wie es das in tausend kleine Winkel und Falten gezogene Gesicht nur möglicherweise erkennen ließ, und notirte zu gleicher Zeit die richtig befundene Anzahl der eingetroffenen und registrirten Colli in sein kleines Buch.

Der Commerzienrath blieb wirklich im ersten Augenblick sprachlos vor Schreck, denn der Gedanke, trotz aller erlittenen Unbill, war ihm noch zu neu, sich mitten in der Welt wie er ging und stand und allein auf sich selber angewiesen zu wissen; dann aber, wie uns das oft so im Leben geht, wenn zu viel des Unheils über uns plötzlich und gewaltsam zusammenbricht, lachte er geradeheraus und sah dann gleich darauf wieder so ernsthaft aus, als ob er eine Stecknadel verschluckt hätte.

Der Postbeamte blickte ihn halb mistrauisch, halb erstaunt an; da es ihn aber ungemein wenig interessirte, was der Passagier that und trieb, drehte er sich ohne ein Wort weiter zu sagen um und ging langsam seinen Geschäften nach.

Der Commerzienrath blieb rathlos da stehen, wo er sich gerade befand, und überlegte sich eben, was er jetzt thun solle, seinen Sachen mit dem nächsten Zuge nachreisen oder danach schreiben und sie hier erwarten, als Jemand Anderes seinen Gedanken eine neue Richtung gab.

Seinen Augen wollte er nicht trauen, als er das junge hübsche Mädchen, seine Nachbarin aus dem Coupé, die er wenigstens halbwegs nach der nächsten Station glaubte, mit einem Gendarmen gerade auf sich zukommen sah, und das Erstaunen wuchs, als ihm die Schöne auf die herzlichste Weise mit „Lieber Onkel“ anredete und ihm mit halbverbissenem Lächeln erzählte, der „Herr“ da — der Gendarm nämlich, habe sie gefragt, wo sie herkomme und wohin sie wolle, und durchaus ihren Onkel zu sehen verlangt.

Der Commerzienrath sah erst den Gendarmen und dann das junge hübsche Mädchen an, und heimlicherweise kniff er sich dabei in den Arm, um sich unter der Hand erst einmal vor allen Dingen davon zu überzeugen, daß er nicht träume, sondern diese tollen Geschichten wirklich und bei vollkommen gesundem Verstande mit durchmache. Daran war übrigens kein Zweifel, und die dem anständig aussehenden alten Herrn gegenüber sehr artig gestellte Frage des Gendarmen, mit wem er das Vergnügen habe zu sprechen, brachte ihn endlich zu vollem Bewußtsein zurück.

„Mahlhuber — Commerzienrath Mahlhuber“, sagte er mit einer gewissen Art von Selbstbewußtsein, denn einem königlichen Beamten gegenüber hörte jedes Incognito auf. War es Absicht oder Zufall dabei, wer kann in den Falten des menschlichen Herzens lesen? aber sein Oberrock klappte in diesem Augenblick ein wenig zurück, und dem aufmerksamen Blick des Gendarmen entging nicht der darunter eingeknüpfte Orden, der ihm im Nu ein verbindliches Lächeln über das breite Gesicht zog.

„Entschuldigen Sie“, sagte er mit einer nicht ungelungenen Verbeugung, „daß ich Ihr Fräulein Nichte belästigt habe, aber die junge Dame ging dort allein mit ihrem Reisebeutel auf und ab, und vor etwa einer Viertelstunde ist uns erst hierhertelegraphirt worden, auf ein einzelnes Mädchen, deren unvollkommene Beschreibung allerdings die entfernte Vermuthung einer Aehnlichkeit mit Ihrer Fräulein Nichte zuließ, zu fahnden. Die junge Dame sollte wahrscheinlich in Bamberg, möglicherweise auch schon in Lichtenfels aussteigen. Der Herr Commerzienrath werden entschuldigen —“

„Bitte, bitte“, sagte dieser, während er dem dankenden Blick der jungen Fremden begegnete, „aber — das ist ganz hübsch und gut — meine sämmtlichen Sachen sind jedoch aus Versehen nach München anstatt nach Lichtenfels expedirt, und wie krieg’ ich die wieder?“

„Haben Sie schon telegraphiren lassen, Herr Commerzienrath?“ fragte der Gendarm, sehr geehrt dadurch, einem solchen Herrn einen Rath ertheilen zu können.

„Telegraphiren? — Nein — und wann kann ich die Sachen wieder hier haben?“

„Sollen sie hierher zurückgehen?“

„Ja“, sagte Herr Mahlhuber, nach kurzer Ueberlegung, entschlossen.

„Jedenfalls mit dem Nachtzuge — erlauben Sie mir, daß ich das für Sie besorge?“

„Mit Vergnügen“, sagte der Commerzienrath, und das junge Mädchen schien während der etwas langedauernden Verhandlung, in der sich der dienstfertige Mann die Nummern der Packzettel geben ließ und dann damit in das Telegraphenzimmer ging, wie auf Kohlen zu stehen. Endlich war das Alles besorgt. Die Nachricht, das Gepäck hierher zurückzusenden, war schon in München und der Gendarm seinen Geschäften nachgegangen. Der Commerzienrath Mahlhuber stand mit der jungen Fremden allein auf dem Platze.

„Aber nun, mein Fräulein“, brach er endlich, indem er sich die Brille abwischte und wieder aufsetzte, das Schweigen, „möchte ich Sie doch um Alles in der Welt gebeten haben, mir zu sagen, was Sie eigentlich von mir wünschen und wie ich in der That zu der Ehre komme —“.

„Zu so großem Dank ich Ihnen verpflichtet bin“, sagte tief erröthend die junge Fremde, „darf ich Ihnen doch in diesem Augenblick noch nicht vollen Aufschluß geben; aber Sie haben mir und Jemand Anderm einen großen Dienst erwiesen, und vielleicht kommt einmal die Zeit, wo ich im Stande bin, mich Ihnen dankbar zu erweisen. Darf ich Sie jetzt nur noch bitten, mit mir zum Fluß hinunterzugehen, wo ich mich übersetzen lassen möchte? die Leute hier dürfen mich nicht allein gehen sehen.“

„Das wird Ihnen wenig helfen, mein Fräulein“, sagte der Commerzienrath, dem mit dieser aufgezwungenen Ritterschaft doch anfing unheimlich zu werden, „sowie Sie über den Fluß kommen, sind Sie doch allein, denn ich versichere Sie, daß ich nicht daran denke, mich noch weiter in diese mir schon außerdem höchst unangenehme Sache einzulassen — meine Stellung als Staatsbürger und mein Leberleiden als Mensch verbieten mir —“.

„Sobald ich das andere Ufer betrete“, unterbrach ihn rasch die junge Dame, „bin ich aus dem Bereich jeder Verfolgung.“

„Verfolgung?“ wiederholte der Commerzienrath ängstlich, dem es überhaupt ein bängliches Gefühl wurde, Jemandes Flucht zu unterstützen, nach dem sich ein Gendarm erkundigt hatte, „Sie werden doch nicht — nicht irgendetwas — irgendetwas angegeben haben?“

„Nichts Böses“, lächelte das junge Mädchen; ein tiefes Roth stahl sich dabei über die sanften Züge, und die treuen Augen sahen so offen und unschuldsvoll zu ihm auf, daß an einen Zweifel an ihren Worten gar nicht zu denken war.

„Aber was verlangen Sie denn noch von mir?“ fragte der Commerzienrath, dessen gutes Herz gegen jedes andere selbstsüchtige und commerzienräthliche Gefühl arbeitete, „was muß ich thun, um sie wenigstens für den Augenblick aus irgendeiner — irgendeiner unangenehmen Lage zu ziehen?“

„Mich nur an — oder wenn Sie Ihrer Güte die Krone aufsetzen wollen, über den Fluß begleiten — dort hab’ ich Freunde.“

Der Commerzienrath schüttelte mit dem Kopfe, die ganze Geschichte kam ihm mehr wie ein Märchen vor, das ihm Jemand erzählt hätte und das er glauben konnte oder auch nicht — wie es ihm gerade gefiel. Es blieb ihm aber jetzt gar keine andere Wahl als sich zu fügen, denn verrathen durfte er das vielleicht durch unglückliche Familienverhältnisse zu einem solchen Schritte getriebene junge Mädchen nicht, und sie jetzt im Stiche lassen wäre fast Dasselbe gewesen. So also mit einem aus tiefster Brust heraufgeholten Seufzer ihr den Arm bietend, führte er seine schöne Schutzbefohlene — oder wurde vielmehr durch sie geführt — den schmalen Pfad hinab, der sich zum Wasser niederzog. Als er aber wieder, etwa eine halbe Stunde später, in die Restauration zurückkehrte, ließ er sich ein Zimmer mit einem Bett geben, aß etwas, zog sich dann aus und legte sich — nachdem er die Thür vorher sorgfältig verschlossen und verriegelt hatte, ordentlich schlafen.

Dem Kellner war strenge Ordre geworden, ihn nicht eher zu stören, bis er von selber aufstehen würde, und mit dem beruhigenden Gefühl, allen Unannehmlichkeiten entgangen und in wenigen Stunden diesem ganzen fremden Unwesen enthoben zu sein, faltete er die Hände und war bald sanft und süß eingeschlafen.

Der Commerzienrath Mahlhuber war fest entschlossen, mit dem ersten Morgenzuge und sobald er nur wenigstens erst einmal seine durchgegangenen Koffer wieder hatte, unbeschadet des Gelächters einzelner Narren und gefühlloser Menschen, die Heimfahrt anzutreten — er dachte nicht daran einen neuen Don Quixote aus sich zu machen.

8. Der Ueberfall.

Reisen — ja, es sollte ihm noch einmal Jemand kommen und ihn auf Reisen schicken wollen, dem wollte er sagen, was er von ihm dächte. — Reisen — alles liederliche Gesindel der Welt trieb sich auf Reisen umher: verkappte Engländer, junge leichtsinnige Mädchen, entsetzliche Frauenzimmer mit Hutschachteln und ohne Ueberschuhe — und was für Geld flog dabei auf die Straße! Lieber Himmel, was hatte er in den zwei Tagen nicht allein an Schadenersatz für Hut und Schachtel, Wagenpolster, Fensterscheiben, Ueberschuhe für Unkosten gehabt, außerdem sein ganzes Gepäck in die Welt hineinfahren lassen, und Telegraphen und Wirthshäuser bezahlt, und wie war er behandelt worden!

Auf die Dorothee war er besonders böse — die mußte ihm jedenfalls das Pistol geladen haben — und dann das entsetzliche Frauenzimmer mit dem papagaigrünen Hute mit den zum Fenster hinausgeworfenen Schuhen. — Kein Wunder, daß der Commerzienrath Mahlhuber eine ganze Weile in dem sonst nicht schlechten Bette lag und vergebens einzuschlafen versuchte. Auch die Leber fing ihn wieder an zu drücken, und die operirte Balggeschwulst preßte er solange, bis sie ihn ebenfalls schmerzte.

Reisen — Handwerksburschen reisten und hatten einen Zweck dabei; Postillone reisten, weil sie dafür bezahlt wurden, sie wußten auch wohin sie wollten und trieben sich nicht unnützerweise in Gegenden umher, in die sie nicht gehörten. Aber er, was hatte er, der Commerzienrath Mahlhuber aus Gidelsbach, hier in Lichtenfels im Hirsch zu suchen? Weshalb war er hier, was trieb er hier und was sollte ihm eine solche Reise nützen? Seine Leber verringern? Er hätte darauf schwören mögen, daß sie seit den letzten 24 Stunden um 1½ Zoll gewachsen war, sie stieß ihn jetzt auch an die Rückenwirbel an, und in die Narbe der operirten Geschwulst hatte sich wahrscheinlich die gestern geholte Erkältung gezogen, denn sie brannte ihm wie Feuer. Und der junge Pudel — heiliger Gott, wenn er an den jungen winselnden Satan dachte, lief es ihm noch jetzt eiskalt den Rücken hinunter.

Mit dem Gedanken fiel er endlich in einen unruhigen, unerquicklichen Schlaf, der ihn, wenn auch nicht gerade die überstandenen Scenen, doch andere ähnliche qualvolle durchleben ließ.

Ihm träumte, er läge in Gidelsbach in seinem eigenen Bette — was hätte er darum gegeben, wenn es wahr gewesen wäre —, und Dorothee hatte gerade gebacken und brachte ein großes Schwarzbrot herein, das sie ihm oben auf die Bettdecke und gerade auf die Brust legte. Er wunderte sich noch darüber, weshalb das wol geschehen sein könne, als sie ein zweites herbeitrug und auf das erste stellte; er wollte schreien und dagegen protestiren, aber er brachte keinen Ton heraus, und die Magd kam auch und schleppte ein drittes riesiges Brot herbei, und dann die Frau mit dem papagaigrünen Hut, und dann die Mamsell aus dem otzlebener Gasthofe mit den aufstreiften Aermeln und den langen Locken, und dann das junge Mädchen aus dem Coupé, dessen Onkel er unfreiwillig geworden, und zuletzt der schweigsame Passagier aus dem Postwagen, den er für einen Engländer gehalten und der zuletzt zu ihm „Gute Nacht, Herr Commerzienrath!“ gesagt hatte. Eine furchtbare Angst überkam ihn dabei, die ihm fast die Besinnung raubte, und ihm nun endlich, nach langem Ankämpfen gegen die Schwäche, Kraft genug gab, mit einem in der Hast aufgegriffenen Regenschirm aus der Stube, die Treppe hinunter und aus dem Hause zu stürzen. „Meine Schuhe!“ schrie die Dame mit dem papagaigrünen Hut hinter ihm her, „Lieber Onkel!“ das junge Mädchen, „Aber Herr Commerzienrath!“ die alte Dorothee, er hörte und sah nicht mehr und lief in einemfort, bis er zu seinem Entsetzen entdeckte, daß er sich im äußersten Négligé, wirklich nur im Hemd und von der Mittagssonne beschienen, in dem belebtesten Theile von Gidelsbach befand. Die Füße drohten ihm dabei den Dienst zu versagen, der kalte Schweiß trat ihm auf die Stirn, und sich nun rasch an die nächsten Häuser drückend, spannte er den Regenschirm auf, in dessen Schutz sich den Blicken der Volksmenge soviel als möglich zu entziehen und sein Haus wieder zu erreichen. „Guten Morgen Herr Commerzienrath!“ sagte der Amtsschreiber Weber, der ihm begegnete; „Herr Gott, Sie gehen ja in bloßen Füßen.“ „Guten Morgen Herr Commerzienrath!“ nickte ihm die Frau Geheimräthin Beutel aus dem gegenüberliegenden Hause zu; „ach bitte, kommen Sie doch einmal herüber, ich habe Ihnen etwas Nothwendiges zu sagen.“ „Guten Morgen, Herr Commerzienrath!“ rief der Materialwaarenhändler Bohne, an dessen offener Thür er mit ungedeckter Flanke vorüber mußte, „Herr Jemine Sie werden sich erkälten!“ „Ne seht nur — da leeft Ener im Hemde!“ schrie da plötzlich ein junger nichtsnutziger Tagedieb, der an irgendeiner Ecke stand.

„Hurrah, hurrah!“ hörte der Commerzienrath in seinem Traume die Buben schreien und die Straße heruntertoben, näher und lauter. „Aber Herr Commerzienrath“, sagte da die Frau Bauräthin Drilling, die ihm gerade entgegen- die Straße herunterkam und rasch und erschreckt ihre grüne Brille abnahm. — Der Commerzienrath hörte nichts mehr, wartete nichts weiter ab, sondern fuhr, gleichgültig wohin er gerieth, in das erste beste offene Haus hinein, das er fand und mit ungeheurer Beruhigung erkannte. Er erinnerte sich nämlich, daß dieses Haus mit der hintern Wand an das seine stieß, und wenn er unbemerkt oben auf den Boden kommen konnte, der mit seinem Dache in Verbindung stand, war er gerettet. So rasch ihn seine Füße trugen, lief er die Treppe hinauf und rannte in der ersten Etage beinahe ein Dienstmädchen um, das, als es ihn sah, einen Eimer mit Wasser fallen ließ und um Hülfe schrie. Hinter ihm bellte ein Hund, schrien Stimmen, klapperten Thüren, er floh wie ein gehetztes Reh die steilen Treppen, weder an Leber noch Balggeschwulst denkend, hinauf, bis er den Boden erreichte und offen fand. Jetzt war er gerettet, lief durch die erste Kammer, dann durch eine zweite, dann eine dritte, bis er plötzlich den letzten Dachstuhl erreichte, und hier den Boden nicht mehr gedielt, sondern nach unten offen fand. Nur die Querbalken lagen etwa drei Fuß voneinander entfernt darüberhin; dicht hinter ihm aber tönten die Stimmen der Verfolger, und eine Wahl blieb ihm nicht — er mußte hinüber. Er sprang auf den ersten Balken, von diesem auf den zweiten — er fühlte wie ihm die Leber dabei gegen seine Rippenwände schlug, wie das Blut in der Narbe auf seinem Kopfe pulsirte, er wollte einhalten und konnte nicht mehr, sein schwerfälliger Körper war einmal in Schuß gekommen, er mußte weiterspringen. — Und unter ihm gähnte die dunkle Tiefe — ein Abgrund, von dessen Existenz er keine Ahnung gehabt, dessen Tiefe er nicht mit dem scheuen Blicke erreichen konnte. Und weiter wurde die Entfernung zwischen den einzelnen Balken, immer weiter, jetzt 3½, jetzt 4 Fuß, immer noch setzte er darüber hin und es war als ob die Angst ihm Flügel geliehen. Jetzt lagen sie 4½ Fuß, jetzt 5, jetzt 6 Fuß voneinander entfernt. Athemlos schnellte er sich von Holz zu Holz und kein Ende konnte er erkennen, so weit in die Unendlichkeit hinein lag die gefährliche Bahn, der er folgte, und auf der ihn ein schadenfroher Geist dahinriß. Kaum noch mit den Fußspitzen erreichte er den schmalen Halt, jetzt wankte er, er wollte das Gleichgewicht wiedergewinnen, umsonst, noch einen verzweifelten Sprung wagte er nach dem nächsten Balken, dieser knackte, brach unter seinem Gewicht und der Commerzienrath schlug mit der Hand, die er ausstreckte sich zu retten und irgendwo anzuklammern, dermaßen an die weiße Kalkwand, an der sein Bett stand, daß er, in Angstschweiß gebadet und an allen Gliedern zitternd, davon erwachte und in seinem Bette emporfuhr. Im ersten Augenblicke hatte er wirklich auch keine Ahnung, wo er sich eigentlich befand.

Ein lautes Klopfen an der Thür brachte ihn endlich soweit wieder zu sich, daß er sich besinnen konnte, er sei weder in diesem unanständigen Aufzuge in Gidelsbach umhergelaufen, noch von den Bodenbalken heruntergestürzt, wenn ihn die Knochen auch in der That gerade so schmerzten. Aber wer klopfte mit einer solchen Hartnäckigkeit an seiner Thür? Und hatte er nicht strenge Ordre gegeben (er sah nach seiner Uhr, es war 5 Uhr Nachmittags, und er mochte etwa vier Stunden geschlafen haben), ihn unter keiner Bedingung zu stören?

„O Dorothee“, klagte der gequälte Mann vor sich hin, „wäre ich dir und nicht diesem verdammten Doctor gefolgt, so säße ich jetzt noch — herein denn zum Donnerwetter! — Wer ist da draußen, und was klopfen Sie als ob Sie die Thür einschlagen wollten?“

„Ich kann nicht hinein“, sagte eine freundliche Stimme von außen, die jedenfalls einem Manne gehörte, „es ist von innen zugeschlossen.“

„Aber wer sind Sie, was wollen Sie?“ rief der Commerzienrath, nicht ohne eine unbestimmte Ahnung, daß der heutige Gendarm mit diesem Klopfen in näherer Beziehung stehen könnte.

„Ich habe Ihnen eine erfreuliche Nachricht mitzutheilen“, sagte die Stimme von außen wieder, „und bitte sich nicht im mindesten meinetwegen zu geniren.“

„Geniren?“ brummte der Commerzienrath und streckte, halb überlegend, das eine Bein aus dem Bette; „der Bursche glaubt wol, ich ziehe einen Frack an — aber erfreuliche Nachricht? Wahrscheinlich ist mein Gepäck angekommen, Gott sei Dank, daß es endlich überstanden ist. Warten Sie einen Augenblick“, rief er dann wieder mit lauter Stimme und weit energischer, als er sich bisjetzt in irgendeinem Lebensverhältnisse gezeigt, „ich werde gleich aufmachen“; stieg dann aus dem Bett, riegelte die Thür auf, glitt rasch wieder mit einem leisen Schmerzensschrei „O meine Leber!“ unter die Decke und rief: „Herein!“

„Guten Morgen, Herr Commerzienrath“, sagte fast mit dem „Herein“ zugleich eine süßliche unendlich höfliche Stimme, und ein wohlfrisirter und gelockter Kopf mit dem Scheitel in der Mitte, was dem Träger etwas unleugbar Dummes gab, streckte sich augenblicklich, von dem übrigen Körper gefolgt, in das Zimmer. Der Fremde war übrigens sehr elegant, wenn auch gerade nicht besonders geschmackvoll gekleidet, trug eine schwere goldene, oder wahrscheinlich vergoldete Uhrkette, eine Tuchnadel mit riesiger Camee, Ringe an den Fingern und im linken Ohr sogar einen sehr kleinen und sehr zierlichen Ohrring; außerdem Stiefeln von Glanzleder, umgeklappte Vatermörder und sehr lange weiße Manchetten.

„Mit wem habe ich die Ehre?“ sagte der Commerzienrath, der sich mit dem unbehaglichen Gefühl eines nicht Angezogenen solcher Staatstoilette gegenüber womöglich noch tiefer in seine Decke zurückzog. „Sie wollten mir etwas Angenehmes mittheilen, ich muß tausend mal um Entschuldigung bitten, daß sie mich zu dieser Tageszeit —“

„Um Gottes Willen machen Sie keine Umstände, bester Herr Commerzienrath“, rief der Fremde, der sich indeß vergeblich nach einem freien Platze umgesehen, seinen Hut abzulegen und ihn endlich dem vollgepackten Reisesack anvertrauen mußte, auf dem er nicht recht die Balance zu halten schien; „wie ich gehört habe, sind Sie gesonnen sich hier in Lichtenfels häuslich niederzulassen.“

„Ich?“ rief der Commerzienrath, erstaunt emporsehend.

„Nun ich weiß, daß es noch Geheimniß bleiben soll“, beruhigte ihn der Fremde, „und auf meine Discretion können Sie sich verlassen, jedenfalls ist es aber ein sehr glücklicher Umstand für Sie, daß ich heute den Morgenzug versäumte und zu spät von Koburg herüberkam, ich reise für das Haus Helboldt und Sohn und mache in feinen Weinen und Champagnern — Helboldt und Sohn, Herr Commerzienrath, ich brauche Ihnen blos den Namen zu nennen, und Sie werden einsehen, wie nur ein glücklicher Zufall mich hier noch zurückhalten konnte. Helboldt und Sohn führen eine wahre Pracht von Weinen und ich hege nicht den geringsten Zweifel, daß Sie nach bester Auswahl reichlich bestellen werden. Hier“, fuhr er dann fort, indem er nach und nach aus allen seinen verschiedenen Taschen winzig kleine Flaschen mit Etiketten hervorbrachte und auf den Nachttisch des wirklich vor Erstaunen sprachlosen Commerzienraths stellte, „habe ich Ihnen gleich die besten Sorten, unter denen Sie jedenfalls Das finden werden, was Sie suchen, mitgebracht.“

„Aber Herr, zum Donnerwetter“, brach jetzt endlich der verhaltene Grimm des Commerzienraths los, „sind Sie des Teufels oder wollen Sie mich zum Narren haben?“

„Ich, Herr Commerzienrath?“

„Deshalb sind Sie hierhergekommen? mir Ihre sauern Weine anzupreisen?“ rief jetzt der in seiner Ruhe, in seinem Schlafe (Leber und Balggeschwulst noch gar nicht gerechnet) mishandelte Mann. „Das war die gute Nachricht, die Sie mir zu bringen hatten?“

„Saure Weine, Herr Commerzienrath?“ wiederholte der Weinreisende mit einem Gefühl, als ob ihm Jemand einen Dolchstich versetzt hätte. „Helboldt und Sohn saure Weine — ich bitte Sie um tausend Gottes Willen — nicht einmal unser Weinessig —“

„Gehen Sie zum Teufel, Herr!“ unterbrach ihn der sonst so schüchterne, jetzt jedoch zur Verzweiflung getriebene kleine Mann, „ich liege hier halb todt im Bette, mich auszuruhen, um meine Gesundheit wiederherzustellen, um mit Tagesanbruch dies verdammte Nest verlassen zu können, und Sie brechen mir hier gegen alles Land- und Völkerrecht unter falschen Vorspiegelungen in mein Zimmer, mich unter meiner eigenen Bettdecke zu maltraitiren. Packen Sie Ihre verwünschten Flaschen wieder ein und lassen Sie mich ungeschoren.“

„Aber, Herr Commerzienrath, bei einem längern Aufenthalt hier — Helboldt und Sohn —“

„Ich sage Ihnen ja, daß ich auf der Durchreise bin, Herr, ist Ihnen das nicht deutlich genug —“

„Aber Ihr Fräulein Nichte —“

„Meine Nichte?“ rief der Commerzienrath stutzig werdend, und aufhorchend.

„Ihr Fräulein Nichte“ fuhr der nicht so leicht abzuschüttelnde Bursche fort, „hat doch vorhin in meinem Beisein geäußert, daß Sie gesonnen wären, sich hier häuslich niederzulassen, weil Ihnen die Gegend enorm gefallen hätte.“

„Meine Nichte? Herr, lassen Sie mich mit Ihren Weinen und meiner Nichte zufrieden“, tobte der Commerzienrath, durch den neuen Beweis nicht im geringsten milder gestimmt, „ich will von Beiden nichts wissen; und nun seien Sie so gut und packen Sie die verdammten Flaschen wieder ein — Sie verstehen doch deutsch? — und lassen Sie mich zufrieden. Ich bleibe nicht hier, habe keine Nichte, will keinen Wein und liebe nicht, mich, wenn ich im Bette liege, mit fremden Leuten zu unterhalten. Guten Morgen, Herr Helboldt und Sohn.“

„Herr Commerzienrath“, sagte der Weinreisende pikirt, indem er seine Flaschen wieder einpackte und seinen Hut ergriff, „wenn auch nicht gegen mich persönlich, so sollte doch wenigstens die Achtung, die Sie der Firma Helboldt und Sohn schuldig —“

„Helboldt und Sohn soll —“, brummte der Commerzienrath, sich unwillig in seinem Bette mit dem Gesicht nach der Wand, ebenso rasch aber auch wieder zurückdrehend, da er an sein Portemonnaie und die Uhr dachte, die auf dem Tische lagen.

„Nun ich sehe“, sagte achselzuckend der Geschäftsreisende, „daß wir doch wol in keine Geschäftsverbindung miteinander treten können; es thut mir auch leid Sie bemüht und meine kostbare Zeit solcherart vergeudet zu haben, ich bin Reisender —“

„Reisen Sie glücklich“, brummte der Commerzienrath, mit einem halb malitiösen Lächeln unter seiner Bettdecke vor.

„Guten Morgen, Herr Commerzienrath“, brach der Bevollmächtigte kurz ab und warf die Thür hinter sich ins Schloß, daß die Scheiben im Fenster und Wasserflasche und Glas im Waschtische zusammenklirrten.

„Flegel!“ knurrte Mahlhuber leise vor sich hin, als er sich wieder im Bett zurechtrückte, die Augen noch einmal schloß und einen Versuch zu machen schien aufs neue einzuschlafen. Das aber ging unter keiner Bedingung; der Aerger mit dem unverschämten zudringlichen Menschen hatte ihn dermaßen aufgeregt, daß an eine Fortsetzung seiner unterbrochenen und überhaupt mittelmäßig genug gewesenen Ruhe gar nicht zu denken war. Er hob sich endlich mit einem schweren Seufzer von seinem Lager, wusch sich und zog sich an, und beschloß einen Spaziergang in der wirklich freundlichen Umgebung zu machen, um müde zu werden und dann wenigstens Aussicht auf einen Nachtschlaf zu haben. Sein Gepäck mußte ja doch noch heute Abend oder spätestens morgen früh ankommen und, Gidelsbach lag nicht so entsetzlich weit entfernt, es nicht wieder erreichen zu können.

Der Spaziergang schien keine so üble Idee gewesen zu sein, nur störte ihn die Unmasse von Heiligen- und Märtyrerbildern, die er überall traf, und die blutigen Leiber und Wunden derselben riefen ihm auf peinliche Art seine eigene Leber wie seine Operation wieder und wieder ins Gedächtniß zurück. Mit Gewalt zwang er sich jedesmal nicht daran zu denken, aber kaum hatte er sich durch einen andern Gegenstand zerstreut, tauchte wieder, in Stein oder Holz, und immer bunt bemalt, mit einem Ueberfluß von Blut daran, ein neues Bild vor ihm auf.

„Es ist zum Verzweifeln!“ seufzte der Commerzienrath leise vor sich hin, während er sich scheu, soweit als möglich, um die solchen bösen Eindruck auf ihn machenden frommen Kunstwerke herumdrückte; „es ist wirklich zum Verzweifeln, und ich begreife eigentlich doch nicht recht, weshalb diese Masse von Monumenten nöthig ist.“ Als Commerzienrath und guter Christ durfte er aber nicht mehr denken, ja er machte sich in seinem Innern schon schreckliche Vorwürfe soviel gedacht zu haben, und suchte sich endlich dadurch eine Erleichterung zu verschaffen, daß er quer über ein Feld hinweg dem nächsten Holzrande zuzueilen suchte, dort mehr „ungestört“ zu sein. Das freilich hatte nur die unangenehme Folge für ihn, daß er unterwegs, und mitten in einem etwas weichen und unbequemen Saatfelde, von einem biedern Landmanne, dem Eigenthümer desselben, angehalten und aufgefodert wurde, zwei Gulden Strafe für das Verlassen des Weges zu zahlen, widrigenfalls er, der Bauer, sich in die unangenehme Nothwendigkeit versetzt sehen würde ihn zu pfänden.

Der Commerzienrath wollte dagegen protestiren, ja knöpfte unter dem Vorwande, ihm eine Karte mit seinem Namen zu geben und ihm zu beweisen, daß er nicht absichtlich ihm einen Schaden habe zufügen können, seinen Rock auf, unter dem der Orden schimmerte; der Bauer blieb aber gänzlich gefühllos, selbst gegen das bunte Band im Knopfloche des Fremden, das er vielleicht nicht einmal sah, keinesfalls beachtete. Er bestand auf seinen zwei Gulden, oder Hut und Schnupftuch des Uebertreters der Gesetze, ja wurde dermaßen grob gegen den kleinen unbehülflichen Mann, daß dieser nicht umhinkonnte, in die jedenfalls unbillige Foderung oder vielmehr Erpressung zu willigen und das Geld zu zahlen.

Damit kam er noch dazu nicht einmal nach dem Waldrande, sondern wurde mit Zwangspaß auf die Straße zurückgeschickt, nochmals Spießruthen zwischen den ihm fatalen Erinnerungen zu laufen bis Lichtenfels.

Der Marsch hatte übrigens das Gute für ihn, daß er hungerig und durstig den kleinen Ort wiedererreichte, vor allen Dingen nach den Bahnhofsgebäuden hinabging, sich dort die Gewißheit zu holen, daß seine Sachen noch nicht gekommen wären, und dann langsamer die krummen, schauerlich gepflasterten Straßen des Städtchens zurück bis in sein Wirthshaus wanderte, etwas zu genießen.

9. Die Gesellschaft im Hirsch.

Das Gastzimmer im Hirsch war heute von festlich gekleideten Menschen, von denen dem Reisenden auch schon eine Menge auf der Straße begegnet waren, ziemlich besetzt, und es wurde eine große Quantität Bier getrunken, wie unzählige Portionen Essen nach allen Richtungen hin aufgetragen, die fast ebenso rasch verschwanden als sie kamen. Allerdings hatte der Commerzienrath darunter zu leiden, denn er wollte zuerst auf seinem Zimmer essen, wohin er sich eine Portion Rinderbraten mit jungen Bohnen, sowie eine Flasche Wein bestellte; aber vergebens wartete er eine halbe Stunde darauf, es kam nichts; er rief die Treppe hinunter, es hörte ihn Niemand. — Unten wurden Thüren aufgerissen und zugeschlagen und unzusammenhängende Reden, wie Portion Kalbsbraten — Kartoffeln — drei Halbe Bier — gleich — komme schon — geführt, und einzelne dieser Ausrufe bekam auch er zur Antwort, weiter aber nichts, und er sah endlich ein, daß er, wenn überhaupt gesonnen heute noch etwas zu essen, in die Gaststube mit hinunter müsse, den dort hineinströmenden Lebensmitteln und Getränken ebenfalls in den Weg zu kommen.

Das gelang ihm auch endlich nach einiger Anstrengung, und nachdem ihm ein junger Mensch von Kellner oder Wirthssohn, der die Teller herumtrug, als ob er es nur gewissermaßen aus Gefälligkeit oder zu seinem eigenen Vergnügen thue, einen sehr guten Rinderbraten und sehr schlechten Rothwein gebracht hatte, drückte sich der kleine Mann damit in eine Ecke, zwischen ein paar politisirende bairische Staatsbürger hinein und hörte geduldig ihre über ihn hinüber gewechselte Meinung der neuesten Verhältnisse, das Für und Wider des gerade ausgebrochenen russischen Kriegs, wie ihre Urtheile über das vaterländische Ministerium mit an. Die beiden durch das starke Bier etwas erhitzten Leute thaten aber dabei Aeußerungen, die den schüchternen Commerzienrath zuerst mit Erstaunen, dann mit wirklichem Entsetzen erfüllten. Wenn ihnen Jemand, der es gut mit dem bairischen Ministerium meinte, zugehört hätte, mußte er ja glauben, daß er, der Commerzienrath Mahlhuber, Besitzer des Ludwigkreuzes und vollkommen loyaler Unterthan, mit diesen Menschen gleiche Gesinnungen theile, und stand er jetzt auf und trug seinen Teller an einen andern Tisch (selbst den Fall gestattet, daß ein anderer Tisch frei gewesen wäre), so konnte er den schönsten Skandal mit den zu Allem fähigen Menschen bekommen. Was er aß und trank, so sehr er sich auf die Mahlzeit nach der starken Bewegung gefreut, schmeckte er gar nicht; freilich kam ihm das, wenn es ihm bei dem Rinderbraten nachtheilig war, wieder bei dem Wein zugute, und er hatte Flasche wie Portion eben beendet, als noch zwei andere Männer in Uniform, der hiesige Gendarm mit dem Conducteur der thüringischen Post, das Zimmer betraten und zu ihrem Tische kamen. Gott sei Dank, die beiden rothen Republikaner hörten doch jetzt wenigstens auf zu politisiren.

„Guten Abend, meine Herren“, sagte der Conducteur, mit der Hand militärisch an die Mütze greifend; „Platz doch hier nicht belegt?“

„Bitte, nein“, sagte einer der Politiker, „haben Sie nichts Neues gehört vom Kriegsschauplatz? — Keine neuen Zeitungen mitgebracht?“

„Ich? Nein“, lachte der Postbeamte, „wollte sie uns hier holen — ist aber eben ein Unglück hier in der Stadt passirt“, setzte er dann ernsthafter hinzu.

„Ein Unglück? Hier in Lichtenfels?“

„Ja“, sagte der Conducteur, „in der Staffelstraße ist ein armer Teufel von Maurer mit einer großen Familie vom Gerüst gefallen.“

„Mit der ganzen Familie?“ rief der Commerzienrath erschreckt.

„Nein, das nicht“, lachte der Conducteur, „der Mann hat nur eine starke Familie zu Hause, aber er hat den Hals gebrochen.“

„Sie hinken ja, Herr Conducteur?“ sagte der eine von des Commerzienraths Tischnachbarn, der aufgestanden war, dem Postmanne seinen Platz zu geben, „was haben Sie denn am Fuße?“

„O nichts“, meinte dieser, halb mit gegen den Commerzienrath gewendet „neulich Abends, kurz vor Schlafengehen, gehe ich noch einmal barfuß durchs Zimmer; an demselben Tage hatte aber mein jüngstes Mädchen eine Fensterscheibe zerbrochen und einer von den scharfen spitzigen Splittern war zufällig in eine Dielspalte gerathen und dort stecken geblieben. Wie ich also durch die Stube gehe —“

„O um Gottes Willen hören Sie auf“, bat ihn der Commerzienrath, dem es schon bei dem Gedanken an eine so furchtbare Verwundung wie mit Messerstichen vom Wirbel bis in die Fußzehen schoß, „das geht Einem durch Mark und Bein.“

„Was denn?“ fragte der Conducteur erstaunt.

„Nun, daß Sie in so scharfes Glas getreten sind“, sagte, immer noch sichtlich schaudernd, der Commerzienrath.

„Ich?“ fragte der Conducteur erstaunt, „ich bin hineingetreten?“

„Aber Sie erzählten uns doch eben —“

„Daß so ein Glassplitter im Zimmer gelegen hat? Ja“, lachte der Conducteur, „aber dafür hat der Mensch seine Augen, und wenn ich barfüßig gehe, passe ich immer furchtbar auf.“

„Aber Sie sagten ja, daß das die Ursache Ihres Hinkens —“

„Meines Hinkens? Ich hinke gar nicht mehr“, sagte der Conducteur ruhig, „das Bein war mir nur vorhin ein bischen eingeschlafen.“

Die Andern lachten, während der Conducteur aufstand sich eine Cigarre anzuzünden, und der Commerzienrath sah sich etwas erstaunt im Kreise um, denn er wußte nicht recht, ob der Mann im Ernst war oder ihn nur zum Besten haben wollte. Der Gendarm unterbrach aber sein Nachdenken, indem er den leergewordenen Platz und die Freiheit der Bierstube benutzte und sich mit einer achtungsvollen Handbewegung nach der Mütze neben den Commerzienrath niedersetzte.

„Nun, noch nichts von Ihren Sachen gehört, Herr Commerzienrath?“ sagte er so freundlich, wie die Polizei überhaupt nur freundlich aussehen kann.

„Ah Sie sind der Herr, der mir die telegraphische Depesche besorgte?“ erwiderte der Commerzienrath und wurde roth dabei, denn er log in diesem Augenblick, wenn er dem Sicherheitsbeamten gegenüber that, als ob er ihn nicht gleich erkannt hätte. Lieber Gott, er wollte ihm ja verbergen, daß er sich nach dem heute Vorgefallenen nicht so ganz sicher fühle, und glaubte das am besten durch angenommene Gleichgültigkeit bewerkstelligen zu können. Der Gendarm übrigens, der nicht den geringsten Verdacht dem anständigen Fremden gegenüber hatte, sagte lächelnd und verbindlich:

„Ja wol, Herr Commerzienrath, zu dienen, unangenehme Sache das, sein Gepäck auf eine solche Weise zu verlieren. Es ist auch unverzeihlich von dem Packmeister, daß er nicht besser aufgepaßt hat. Donnerwetter, wenn einmal das Gepäck für Lichtenfels eingeschrieben ist, so muß es auch in Lichtenfels abgeliefert werden, sonst hört die Freundschaft auf.“

Der Commerzienrath überlegte sich noch, ob er dem Manne mittheilen solle, daß das Gepäck gar nicht für Lichtenfels bestimmt gewesen wäre, und besann sich eben auf eine Ausrede, ihm eine mögliche Veranlassung zu nennen, weshalb er unvorbereiteterweise hier ausgestiegen sei, als jener etwas näher an ihn heranrückte, seinen dicken Schnurrbart so dicht als möglich an das Ohr des Commerzienraths brachte — so dicht in der That, daß ihn einzelne daran vorstehende Haare im Ohre kitzelten — und mit leiser Stimme sagte:

„Sie wissen doch, Herr Commerzienrath, was ich Ihnen heute Morgen mittheilte, von wegen des durchgebrannten Frauenzimmers —“

„Durchgebrannt?“ rief der Commerzienrath erschreckt, „ist denn wieder ein Unglück geschehen?“

„Unglück? — Nun ein Unglück ist es wol gerade nicht“, meinte der Gendarm entschuldigend, „junge Leute haben rasches Blut und machen manchmal einen dummen Streich, den sie aber nicht machen würden, wenn sie 25 Jahre älter wären; wir haben aber mit dem letzten Zug Nachricht von Hof bekommen, wo die junge Dame zu Hause ist. Wie es scheint, hat sie in diesen Tagen —“

„Aber ich bitte Sie um Gottes Willen“, sagte der Commerzienrath entsetzt, „von welcher jungen Dame reden Sie denn? Ich verstehe kein Wort von Allem was sie sagen.“

„Von welcher jungen Dame?“ sagte der Gendarm, „ih von der weggelaufenen, wegen der uns hierhertelegraphirt ist und für die wir Ihr Fräulein Nichte im Anfang hielten, weil sie so ganz allein mit dem großen Strickbeutel am Arm herumging.“

Der Commerzienrath seufzte tief auf, erwiderte aber kein Wort weiter, und der Gendarm fuhr, zutraulicher werdend, weil er im Stande war eine so interessante Mittheilung zu machen, fort:

„Wie es also scheint, sollte jenes junge Mädchen in den nächsten Tagen mit einem ihm widerlichen Manne verheirathet werden, hat sich aber noch zur rechten Zeit ein Herz gefaßt und ist fortgelaufen. Allem Vermuthen nach ist sie in Bamberg ausgestiegen, denn die Polizei hat dort, wie uns hierhergemeldet worden, zwei verdächtige Individuen aufgegriffen und festgehalten.“

„In Bamberg?“ sagte der Commerzienrath.

„Ja wol“, bestätigte der Gendarm. „Uebrigens sind mit dem letzten Zuge von Hof, der etwa vor einer Stunde hier durchging, ihre beiden Brüder ebenfalls durchgekommen und gleich nach Bamberg weitergefahren. Sie erkundigten sich bei mir, ob hier nichts Verdächtiges gesehen worden, und ich konnte ihnen schon die Arretirung der beiden jungen Damen mittheilen. Ist eine vortreffliche Erfindung diese Telegraphen“, setzte der Beamte schmunzelnd hinzu, „soll auch von einem Gendarm entdeckt worden sein.“

„Das junge Mädchen?“

„Nein, die Telegraphen“, versicherte der Gendarm mit selbstzufriedenem Lächeln, „und zwar auf die einfachste Weise von der Welt. Wie er es herausgebracht hatte, soll der Herr Polizeidirector ausgerufen haben: das ist ja keine Kunst, das kann ich auch. — Aber so geht’s immer nachher, die gescheiten Leute haben die Einfälle und die andern Herren sagen nachher: Ja, das ist keine Kunst, das kann ich auch.“

„Aber auf welche Weise entdeckt?“ fragte der Commerzienrath trotz der verschiedenen Dinge, die ihm im Kopfe herumgingen, doch gespannt, auf welche Weise der Mann mit dem blanken Helme solch eine Behauptung motiviren und entwickeln würde.

„Ungeheuer einfach“, lachte dieser, „die ganze Geschichte ist ja doch nur nach dem Princip der Klingelzüge eingerichtet, wie zum Beispiel in einem Gasthofe. Wenn man einmal klingelt, kommt der Kellner, zwei mal, das Stubenmädchen, und drei mal, der Hausknecht. Auf der Polizei ist es ebenso, wo nach den verschiedenen Klingeln, nach ein- oder mehrmaligem Anziehen, der oder jener der Sicherheitsdiener herbeigerufen wird, und bei uns hier sind auch zwei oder drei Züge übereinander angebracht. Mein College saß auf einer Bank im Vorsaale des Criminalamts mit ein paar Gefangenen, die er eingebracht hatte, als ihm die Geschichte einfiel. Statt aber gescheit zu sein und ein Patent darauf zu nehmen, erzählte er sie einem der Herren Actuare, der sprach darüber mit einem Professor, und wie man die Hand umdrehte, hatte der’s nachgemacht und steckte den Nutzen ein — und jetzt muß man für jeden Zug an der Klingel, und wenn’s nur bis Bamberg wäre, 1 Gulden 30 Kreuzer zahlen — rechnen Sie einmal die Halben Bier, die man dafür trinken könnte.“

„Hm“, sagte der Commerzienrath, der jetzt nach des Gendarm Meinung einen vollkommenen Einblick in die Sache gewonnen haben mußte, sich aber doch mehr für den andern Fall interessirte, „also zwei Brüder der jungen Dame sind hier durch und nach Bamberg gegangen, die Flüchtige einzuholen?“

„Ja wol, Herr Commerzienrath“, erwiderte der Gendarm, „thut mir eigentlich leid um das arme Ding. Lieber Gott, wenn sie einmal ihren Bräutigam nicht haben will, ist es auch hart sie dazu zu zwingen; aber das ist eine Sache, die nur die Familie unter sich auszumachen hat, die Polizei muß jedenfalls ihre Schuldigkeit thun, und wäre sie mir unter die Hände gefallen, würde ich sie ebenfalls ausgeliefert haben und wenn es meine eigene Schwester gewesen wäre.“

Nach diesem heroischen Bekenntnisse stand der Mann mit der Uniform rasselnd auf, trank sein Bier aus, wobei er einen prüfenden Blick über die in der Stube versammelten Physiognomien gleiten ließ, und wollte sich eben anschicken mit einem militärischen Gruß das Zimmer zu verlassen, als ihm eine versäumte Höflichkeit einfiel.

„Ihr Fräulein Nichte befindet sich doch vollkommen wohl, wenn ich fragen darf?“ sagte er mit einer höflichen Verbeugung gegen den Commerzienrath, „vielleicht nur ein wenig angestrengt von der Reise?“

„Ja — ich danke“, erwiderte der Commerzienrath und fühlte wie ihm das Blut in einem wahren Strom in die Stirn und Schläfe schoß, daß er einem königlichen Beamten gegenüber lügen mußte.

„Ist unangenehm, besonders für Damen“, setzte der galante Gendarm hinzu, „ihres Gepäckes, wenn auch nur zeitweilig beraubt zu werden. Nun hoffentlich haben Sie die ganze Bescherung morgen mit dem Frühzuge wieder hier. — Wünsche Ihnen einen angenehmen Abend, Herr Commerzienrath!“ und der Mann rasselte mit klirrenden Sporen und klapperndem Wehrgehänge zur Thür hinaus.

10. Der Schlafkamerad.

„Da haben wir die Bescherung“, stöhnte der Commerzienrath stillbetrübt vor sich hin, als ihn der Gendarm, seinen eigenen Geschäften nachzugehen, verlassen hatte; „ich sitze hier, schon ohnedies ein halber Gefangener, auf mein Gepäck wartend, und die beiden Brüder der Mamsell, die mich mit ihrer Onkelschaft in die nichtswürdigste Verlegenheit gebracht hat, fahren in der Gegend umher und werden, wenn sie sich in der falschen Fährte finden, jedenfalls hierher zurückkehren. Finden sie mich als Mitschuldigen aus, kann ich mir gratuliren, denn daß ich an der ganzen verdammten Geschichte so unschuldig bin wie ein neugeborenes Kind, wird mir natürlich gar Niemand glauben. Und wie hab’ ich mich selber der Polizei gegenübergestellt? Gott im Himmel, wenn das später in die öffentlichen Blätter käme und Dorothee kriegte es zu sehen, ich wäre ein geschlagener Mann.“

Der Commerzienrath blieb noch eine ganze Weile, mit seinen eben nicht sehr erfreulichen Gedanken beschäftigt, an dem Tische sitzen; da die Nacht aber indessen mehr und mehr einbrach und der Tabacksqualm in dem engen Raum immer unerträglicher wurde, beschloß er lieber wieder in sein Zimmer zu gehen. Er ließ sich deshalb unten ein Licht geben, stieg langsam die Treppe hinauf, ging über den Gang hinüber nach seiner Stubenthür, öffnete sie und wollte eben gähnend eintreten, als er Licht darin und am Tisch einen Fremden sitzen sah.

„O bitte tausend mal um Entschuldigung“, rief der Commerzienrath, vor der unerwarteten Entdeckung zurückfahrend, „ich habe die Thür verwechselt.“

Der Fremde machte eine leichte gleichgültige Bewegung mit dem Kopfe, als ob er hätte sagen wollen: Sie sind vollkommen entschuldigt, und studirte dann in den vor ihm liegenden Papieren weiter. Der Commerzienrath dagegen drückte die Thür leise und artig ins Schloß zurück, den Fremden da drinnen nicht weiter zu stören und sein eigenes Zimmer zu suchen. Aber wo war das? In den vielen Thüren des Corridors fand er sich gar nicht mehr zurecht, und wo er eine Thür anfaßte, traf er entweder schon Jemanden im Zimmer oder sie war verschlossen. Noch einmal ging er jetzt an die Treppe zurück, um von da aus in einer gewissen Art von Instinct die rechte Thür zu finden; sein Weg führte ihn wieder an dasselbe Schloß, hinter dem der Mann neben dem Tische saß und las, und es blieb ihm jetzt nichts weiter übrig als hinunterzugehen und seine Nummer zu erfragen.

„Nummer vom Herrn Commerzienrath — welche Nummer hat der Herr Commerzienrath?“

„Nummer 7.“

„Nummer 7, Herr Commerzienrath!“ wiederholte der Wirth.

„Nein, das ist nicht möglich“, sagte Herr Mahlhuber, „in dem Zimmer wohnt ein anderer Herr; Nummer 17 vielleicht.“

„Nein, Nummer 7“, drückte sich der Wirth jetzt mit einer etwas verlegenen Verbeugung vor, „ach bester Herr Commerzienrath, Sie dürfen es nicht übelnehmen —“

„Aber in Nummer 7 wohnt schon Jemand“, sagte dieser bestimmt; „ich habe mir Nummer 7 bestimmt angesehen.“

„Ich weiß wohl, Herr Commerzienrath“, sagte der Wirth mit seinem freundlichsten Lächeln, „aber die entsetzlich vielen Gäste, die gerade heute Abend angekommen sind —“

„Ja, dagegen habe ich ja gar nichts, sagen Sie mir nur meine Nummer.“

„Ich bin genöthigt gewesen, den Herrn mit in Ihr Zimmer einzuquartieren“, brach der Mann in einem verzweifelten Entschlusse heraus.

„In mein Zimmer?“ rief der Commerzienrath, und beinahe hätte er das Licht, das er in der Hand trug, fallen lassen, jedenfalls fiel die Lichtschere hinunter.

„Es war wahrhaftig nicht anders möglich.“

„Ich soll mit dem Fremden in einem Zimmer schlafen?“

„Nur für die eine Nacht, bester Herr Commerzienrath; es ist Sie ein ganz anständiger Herr und ein guter Freund von mir.“

„Aber zum Teufel, Herr, warum nehmen Sie ihn da nicht in Ihr Zimmer?“ fragte der Commerzienrath in nicht unrichtiger Folgerung.

„Bester Herr Commerzienrath, ich habe eine Frau und vier Würmer darin“, entschuldigte sich der Wirth, ihm dabei wie besänftigend an der Schulter herunterstreichend, „Alles was recht ist —“

„Frau und vier Kinder in Einem Zimmer“, sagte der Commerzienrath kopfschüttelnd, „doch was geht das mich an? Ich habe von Ihnen das Zimmer heute Nachmittag für mich allein gemiethet und bin willens Ihnen dasselbe Geld dafür zu zahlen, das Sie von Beiden fodern können; schaffen Sie mir nur den fremden Menschen da hinaus; ich kann nicht zu Zweien in Einem Zimmer schlafen, es widerstreitet meiner Natur.“

„Sind Sie verheirathet?“ fragte der Wirth.

„Nein — wie so?“

„Nun, ich meinte nur — aber ich kann doch den Herrn da nicht wieder hinauswerfen, verehrter Herr Commerzienrath“, klagte der Wirth, „und in der ganzen Stadt ist kein Platz mehr zu haben. Ich weiß Sie sind in Ihrem vollen Rechte, Sie können das Zimmer für sich allein verlangen, und wenn Sie es durchaus wollen, muß der andere Herr hinaus, aber Sie glauben gar nicht was Sie mir für eine Freundschaft erweisen, wenn Sie ihn darin behielten. In ein anderes Zimmer kann ich ihn schon gar nicht mehr stecken, denn in keinem liegen unter Vier und Fünf, in manchem noch mehr, das war das einzige leere Bett, und so ein lieber Mensch.“ — Und nun erging sich der beredte Wirth in einer Masse von Bitten und Beschwörungen und Schilderungen des liebenswürdigen Schlafkameraden, den er bekommen hätte, daß der gutmüthige Commerzienrath, der überhaupt kaum einem Menschen in der Welt eine Bitte abschlagen konnte, endlich einwilligte und seufzend mit dem Licht wieder umdrehte nach Nummer 7 zu.

Dort angekommen, klopfte er höflich an die Thür, und auf das mürrische „Herein“ seines aufgedrungenen Stubengenossen trat er mit einem schüchternen „Guten Abend — Sie entschuldigen“ in sein eigenes Zimmer.

Zu seiner wirklichen Entschuldigung muß ich dem Leser nochmals bemerken, daß er ein deutscher Commerzienrath war.

„Guten Abend“, sagte der im Besitz sich Befindliche, den Kopf zurückbiegend und mit der flachen, nach auswärts gedrehten Hand seine Augen vor dem Lichte schützend, den Eintretenden besser erkennen zu können; „wollen Sie auch hier schlafen?“

„Ich hatte allerdings die Absicht“, erwiderte der Commerzienrath, doch etwas über die Frage frappirt; „ich wohne seit heute Mittag in diesem Zimmer.“

„Ah ja, ich weiß“, sagte der Fremde, „ich sah die Sachen hier stehen, als ich hereinkam. Der Wirth wollte es möglich zu machen suchen, Ihnen ein anderes Schlafzimmer anzuweisen.“

„Mir?“ rief der Commerzienrath, in der That etwas betroffen über die kaltblütige Ruhe des Mannes, der sich doch eigentlich hätte — er fühlte das unbestimmt — bei ihm entschuldigen müssen. Der Fremde brach aber diese Gedanken kurz ab und sagte freundlicher als er bisher gesprochen: „Nun wir müssen sehen, wie wir uns einrichten, Herr Schlafkamerad; der geduldigen Schafe gehen viele in einen Stall. Außerdem ist es ja nur für eine Nacht, wir werden uns schon vertragen und es ist mir immer lieber, als daß mich der Wirth mit zu einem der Frommen hineingesteckt hätte. Bitte, nehmen Sie Platz.“

Der Fremde rückte sich dann das Licht etwas bequemer zurecht, stützte den Kopf in die linke Hand und vertiefte sich aufs neue in die vor ihm liegenden Briefe oder Papiere, von denen er von da ab kein Auge mehr verwandte.

Es war ein noch junger, und wie es schien schlanker Mann, von etwa 24—26 Jahren, anständig und modern gekleidet, aber mit auffallend langem dunklen Haupthaar, zwei vorn in die Höhe gedrehten Jupiter-Ammon-Locken und spitzen, aber ebenfalls vollem langen Bart, jedenfalls ein Fremder, und zwar seinem Dialekt nach ein Oesterreicher. An dem linken Zeigefinger trug er einen großen Siegelring mit einem rothen geschnittenen Stein, auch einen vielleicht echten Brillant im schwarzen Halstuch (der Commerzienrath war kein Kenner von Steinen) und den Rock mit einer Reihe Knöpfen bis oben an die Tuchnadel zugeknöpft.

Der Commerzienrath Mahlhuber saß auf dem Sopha, sein dunkelbrennendes Talglicht mit einer großen Schnuppe daran vor sich, und starrte in tiefen Gedanken auf den Lesenden, der seiner gar nicht weiter achtete. Das vor ihm brennende Licht warf dabei einen röthlichen zitternden Schein auf ihn, der den Umrissen des Körpers ordentlich Bewegung gab und wie ein leises Zucken aussah, und die tiefen Seufzer, die er zu gleicher Zeit nur mühsam zu unterdrücken schien, bis er sie nicht mehr bewältigen konnte, wurden dem kleinen gutmüthigen Manne zuletzt selber unheimlich.

Der Fremde war gewiß recht unglücklich — hatte vielleicht einen schmerzlichen Brief aus der Heimat erhalten und saß nun brütend darüber. — Aber, lieber Gott, er konnte ihm nicht helfen, er hatte seine Hände schon in mehr fremden Affairen als ihm lieb war, und der arme Teufel mochte sehen, wie er selber mit seinem Antheil Leiden fertig würde. Jeder Mensch hat überhaupt sein Pack zu tragen, der eine schwerer, der andere leichter — er schleppte die Leber- und Balggeschwulst, wenigstens die Folgen davon — sein vis-à-vis wand sich wahrscheinlich unter anderm Kummer.

Ueber dem Denken wurde er müde, bezwang sich aber doch noch und würde eigentlich am liebsten abgewartet haben, daß der Fremde zuerst zu Bett gegangen wäre. Da fing dieser auf einmal an zu gähnen und der Commerzienrath sah kaum die Bewegung, als auch bei ihm die Kinnladen an zu arbeiten fingen und er sich gar nicht wieder zufriedengeben konnte.

„Sie werden schläfrig“, sagte der Fremde.

„Ich? Bitte um Verzeihung, es zog mir nur so —“, wieder unterbrach das Gähnen jede vielleicht beabsichtigte Bemerkung, „es zog mir nur so durch die Kinnbacken. Das kommt aber von einer Erkältung, die ich mir neulich zugezogen; auf Leber und Kinnbacken wirft sich bei mir Alles, ich leide an der Leber.“

„So?“ sagte der Fremde, ohne weitere Notiz von ihm zu nehmen.

„Ja“, sagte der Commerzienrath seufzend, „meine Leber ist drei Zoll zu groß — sie paßt mir nicht mehr und trägt sich auch nicht ab — sie wird immer größer, bis sie mir einmal das Herz abdrückt.“

Der Fremde stieß einen tiefen kläglichen Seufzer aus, erwiderte aber nichts, bis Herr Mahlhuber, der sich doch späterer Reiseerinnerungen wegen davon in Kenntniß zu setzen wünschte, mit wem er eigentlich eine Nacht in ein und demselben Zimmer geschlafen, sehr höflich sagte:

„Apropos, verehrter Herr, mit wem habe ich denn eigentlich das Vergnügen so naher Nachbarschaft?“

„Doctor Wickendorf aus Wien“, sagte der Fremde, ohne von seinen Papieren aufzusehen.

„Aus Wien — ih sehen Sie einmal an!“ rief der Commerzienrath, von einem neuen Gedanken ergriffen; „ich habe in der That schon einmal daran gedacht, nach Wien zu reisen, um — hm, das träfe sich ja wirklich ganz ausgezeichnet und könnte als ein gütiger Wink der Vorsehung gelten, die uns hier so glücklich zusammengeführt. Darf ich mir eine Frage an Sie erlauben?“

„Was wünschen Sie?“ fragte der Fremde langsam über das Licht hinwegsehend, erstaunte aber nicht wenig, als sein Schlafkamerad, der vom Sopha aufgestanden war, mit niedergebeugtem Kopfe, als wenn er ihn hätte widderartig vom Stuhle stoßen wollen, auf ihn zukam.

„Bitte, fühlen Sie einmal hierher“, sagte der Commerzienrath, als er dem Fremden so nahegekommen war, daß dieser schon von seinem Stuhle aufspringen wollte, indem er ihm den niedergedrehten Kopf hinhielt und mit seinem rechten Zeigefinger in die Nähe seines Scheitels deutete. „Thun Sie mir die Liebe und fühlen Sie einmal hierher.“

„Aber was wollen Sie nur?“

„Hierher, wenn ich bitten darf — noch ein wenig mehr rechts — so, das ist der Platz, fühlen Sie da nichts?“

„Nein.“

„Gar nichts, keine Erhöhung?“

„Nein, eher ein Loch —“, sagte Doctor Wickendorf. „Sie haben sich wol im Heraufkommen an die Treppe gestoßen?“

Der Commerzienrath stöhnte tief auf.

„An die Treppe gestoßen?“ wiederholte er seufzend, „gäbe Gott, es wäre weiter nichts als das, aber ich wollte schon lange einmal einen der berühmten wiener Aerzte consultiren, und das Schicksal scheint mir jetzt günstig zu sein. Meine Leber ist nämlich drei Zoll zu groß“, fuhr der Commerzienrath, als ihn der junge Mann unterbrechen wollte, rasch fort. „Ich leide an einer speckigen Entartung der Leber, die ich an Rippen, Zwerchfell und Magen anstoßen fühle. Das Schlimmste aber dabei, was mir mein Hausarzt nicht zugestehen will, ist eine damit in Verbindung getretene, früher operirte Balggeschwulst.“

„Herr, thun Sie mir den Gefallen und seien Sie still“, rief Doctor Wickendorf, indem er ein Gesicht schnitt, als ob er Aloe verschluckt hätte — „ich kann so etwas nicht hören, es wird mir immer gleich übel.“

„Uebel?“ rief der Commerzienrath — „ein Arzt und übelwerden — fühlen Sie nur hier — die Balggeschwulst war etwa von der Größe eines Taubeneis, leicht beweglich unter den Fingern, und —“

„Aber was geht das mich an!“ rief der junge Mann im Ekel abgewandt, „ich bin ja doch kein Arzt, daß Sie mich mit solchen höchst fatalen Dingen quälen.“

„Kein Arzt?“ rief der Commerzienrath wirklich überrascht, „sagten Sie mir denn nicht selber, daß Sie ein Doctor wären?“

„Ich bin Doctor der Philosophie, aber kein Arzt“, brummte der junge Mann ärgerlich vor sich hin.

„O da bitte ich tausend mal um Entschuldigung “, sagte der kleine Mann sehr erschreckt und glitt, während der misverstandene Doctor über seinen Scripturen weiterbrütete, in seine Sophaecke zurück.

Es wurde ihm aber unheimlich, auch vielleicht langweilig, dem stillen düstern Gesellen gegenüber so dazusitzen und nicht einmal von seiner Leber reden zu dürfen. „Doctor — kein Mensch sollte eigentlich die Erlaubniß bekommen, sich Doctor nennen zu dürfen, wenn er nicht wirklich Arzt ist, denn das muß ja zuletzt eine sträfliche Confusion geben. Und der Mensch hatte gar kein Gefühl für Anderer Leiden“, setzte er in seinen Gedanken, dabei ernstlich mit dem Kopfe schüttelnd, hinzu, „ekelt sich, wenn ihm ein Mitmensch Das erzählt, was ihn drückt — und ist noch grob dazu. Ich werde zu Bette gehen.“ Und mit einem tief aus der Brust heraufgeholten Seufzer beschloß er diesen guten Vorsatz auch augenblicklich auszuführen.

Das Bett war gut — das Deckbett ein wenig schwer und warm, das ließ sich nicht ändern; warum lag er in fremden Betten herum, da er zu Hause ein besseres hatte. Wenn er nur jetzt wenigstens einschlafen konnte, die Versäumnisse und Schrecken der letzten Nacht in etwas nachzuholen. Großer Gott, was hatte er nicht Alles in den letzten 48 Stunden erlebt? — und wo befand er sich jetzt? — Er löschte das Licht aus, daß er den unbehaglichen fremden Platz nur gar nicht länger zu sehen brauchte, und wollte sich dann mit einem höflichen „Gute Nacht!“ für seinen Stubengefährten auf die rechte Seite drehen; aber das andere Licht brannte noch, und mit einem brennenden Lichte im Zimmer war er nun einmal nicht im Stande einzuschlafen. Es ging nicht, er mochte noch so müde sein; wollte denn der Mensch die ganze Nacht durch lesen?

Der Commerzienrath warf sich eine ganze Stunde lang im Bette herum, an Einschlafen war nicht zu denken, und sein Stöhnen machte endlich den Fremden ebenfalls aufmerksam.

„Sie können nicht schlafen?“ sagte dieser, den Kopf halb nach ihm herumdrehend.

„Mein Herr Doctor — wenigstens nicht solange ein Licht im Zimmer brennt“, erwiderte der Commerzienrath, fest entschlossen, seinen neuen Quäler wenigstens wissen zu lassen, was ihn beunruhige. Doctor Wickendorf hatte die Anspielung gar nicht gehört oder nicht verstanden, denn er las ruhig weiter, und nur das erneute Stöhnen des Schlaflosen weckte ihn endlich wieder aus seinem Brüten.

„Mein lieber Herr“, sagte er, mit einem tiefen Seufzer von seinen Schriften aufsehend, indem er sich ganz nach dem Bette des Andern umdrehte, „apropos, Sie haben mir noch nicht einmal ihren Namen genannt.“

„Mahlhuber!“ stöhnte der Commerzienrath.

„Ah — mein lieber Mahlhuber, wie es scheint können Sie doch nicht einschlafen —“

„Wenigstens nicht solange das Licht brennt.“

„Da wären Sie vielleicht nicht abgeneigt“, fuhr der Doctor, ohne auf den Einwand zu hören, fort, „mir Ihre Hülfe in einer sehr schwierigen Sache angedeihen zu lassen.“

„Meine Hülfe?“ sagte der Commerzienrath, sich erschreckt in seinem Bette emporrichtend, „mein lieber Herr Doctor, ich kann mir selber nicht helfen, und denke gar nicht daran mich in die Affairen anderer Leute weiter hineinzumischen, als ich schon, vollkommen gegen meinen Willen, hineingerathen bin. Wenn Sie mir nur erlauben wollten, daß ich —“

„Ich verlange nichts von Ihnen als Ihren Rath“, sagte der Doctor, ohne auf die Einsprache weiter Rücksicht zu nehmen. „Sie sollen nicht die geringste Verantwortlichkeit dabei übernehmen, Ihr Name wird nicht einmal genannt. Nur, wie schon gesagt, Ihren Rath wünschte ich, denn ich habe es schon oft gefunden, daß das Urtheil eines vollkommen unbefangenen ruhigen Mannes manchmal mit Leichtigkeit und spielend das Rechte trifft, während wir armen Sterblichen uns umsonst abmühen, ein glückliches befriedigendes Resultat auf irgendeine künstliche Weise herbeizuführen. Es betrifft Leben und Tod eines Menschen, der die scheußlichsten, nichtswürdigsten Verbrechen —“

„Leben und Tod?“ rief der Commerzienrath erschreckt. —

„Bitte, unterbrechen Sie mich nicht“, sagte der Doctor, die Hand dabei gegen die entfernte leere Zimmerecke ausstreckend und mit hohlem, aber begeistertem Tone fortfahrend, „der die scheußlichsten, nichtswürdigsten Verbrechen unter dem Mantel christlicher oder vielmehr geheuchelter Frömmigkeit begangen, sich in Familien eingeschlichen und die Töchter verführt, sich in Geschäfte gedrängt und die Firmen ruinirt, sich an Reiche gehängt und sie ausgesogen hat, bis sie in Verzweiflung einem raschen Tode in die Arme sprangen, oder in Elend und Siechthum ihrem Grabe entgegenwelkten. Der letztvorkommende Fall ist der furchtbarste, und ich weiß noch nicht, was die Folgen sein werden. Nach unsern moralischen Gesetzen kann ein solcher Verbrecher nicht frei ausgehen, und doch ist er nicht zu fassen, doch hat er sich bisjetzt schlau Allem zu entziehen gewußt, was den Gerichten auch nur den geringsten Halt an ihm bieten konnte —“

„Das muß ja ein ausgefeimter Schurke sein“, rief der Commerzienrath, halb in dem Wunsch sich mit dieser Bemerkung wieder unter seine Decke zurückziehen zu können und die Unterhaltung damit für heute abgebrochen zu haben, halb aber auch in gerechter staatsbürgerlicher Entrüstung über ein solches Scheusal, das unter dem Deckmantel der Religion Jammer und Elend in der Welt säete, und nun noch dazu von der weltlichen Gerechtigkeit, trotz erwiesener Schuld, nicht erfaßt und zermalmt werden konnte.

„Darf ich Ihnen diese Aufzeichnungen vielleicht einmal vorlesen?“ sagte der Doctor jetzt wieder, einen freundlichen Blick auf den Commerzienrath werfend, „wenn Sie die Triebfedern von des Verbrechers Charakter erst einmal hieraus kennenlernen, werden Sie eher im Stande sein ein Urtheil zu fällen. Ich fürchte, der liebe Gott selber wird einen Blitz oder eine furchtbare Seuche oder etwas Derartiges über den Menschen schicken müssen, ihn zu bestrafen, denn auf andere Art sehe ich nicht wie ihm beizukommen ist — das letzte Verbrechen müßte denn klar bewiesen werden und gegen ihn zeugen.“

„Aber ich sollte doch denken die Polizei müsse da im Stande sein ihn zu überführen?“ rief der Commerzienrath, „wofür ist sie denn da?“

„Sie werfen da eine schwierige Frage auf“, lächelte der Doctor, „aber Sie werden mir selber Recht geben, wenn Sie einmal die Einzelheiten gehört haben.“

„Wie viel Uhr haben wir denn eigentlich?“ sagte der Commerzienrath, vergebens bemüht, in seiner dunkeln Ecke das Zifferblatt der einen Uhr zu erkennen.

„O es ist kaum 10 Uhr, wir haben noch Zeit genug zum Schlafen. Ich bitte Sie aber jetzt den einzelnen Punkten aufmerksam zu folgen, Sie werden über ein solches Gewebe von Bosheit erstaunen.“

Der Commerzienrath wollte noch eine Einwendung machen; es war 10 Uhr und die Zeit für ihn zur Ruhe, die, wenn er sie überschritt, sich am andern Tage unrettbar an ihm strafte; aber er schämte sich auch einer so furchtbaren Nothwendigkeit gegenüber, wo es sich um die Bestrafung oder Entdeckung eines wirklich gefährlichen Menschen handelte, gleichgültig zu scheinen, fühlte noch einmal nach Leber und Kopf, seufzte tief und schmerzlich auf und sagte dann endlich resignirt:

„Nun gut, Herr Doctor, wenn sich die Sache wirklich so verhält, so fangen Sie in Gottes Namen an — es wird doch nicht so sehr lange dauern?“

„Kaum eine halbe Stunde“, lautete die wenigstens in dieser Hinsicht tröstliche Antwort, und der Doctor putzte sein Licht, räusperte sich, trank einen Schluck Bier aus dem neben ihm stehenden Glase, stützte den Kopf wieder in die linke Hand und begann:

11. Die Geschichte von dem Scheusal.

„In einer großen Stadt in Deutschland, die wir Yburg nennen wollen, ich habe den wirklichen Namen absichtlich weggelassen, besonderer Rücksichten halber — lebte der Commerzienrath Schöler —“

„Commerzienrath?“ fragte unser Freund gespannt und sich etwas weiter aus dem Bette lehnend, das Ganze besser zu hören.

„Der Commerzienrath Schöler; ich muß Sie aber bitten, mich jetzt nicht weiter zu unterbrechen, da Sie sonst den Faden verlieren und dem Ganzen nicht aufmerksam genug folgen können; ich will lieber noch einmal von vorn anfangen: In einer großen Stadt in Deutschland, die wir Yburg nennen wollen, lebte der Commerzienrath Schöler in sehr glücklichen, mit jeder irdischen Lebensgabe reichlich ausgestatteten Verhältnissen. Er besaß ein stattliches Haus mitten in der Stadt, in einer der besten Lagen — die erste Etage bewohnte er selber, die zweite allein trug ihm 400 Thaler Miethe —, war in allen ersten Familien eingeführt, galt für einen Liebling des Königs, trug drei Orden verschiedener Herren Länder, bezog vom Staate noch außerdem eine Pension von 1200 Thalern, und verfügte als Vormund der Tochter eines reichen vor einiger Zeit verstorbenen Bankiers außerdem über ein sehr bedeutendes Capital. Diese junge Dame hieß Rosaura.“

„Der Commerzienrath Schöler war ein anerkannt ehrenwerther und außerdem sehr frommer Mann, Mitglied des Gustav-Adolf-Vereins, Vorsteher eines Armeninstituts, Kassirer des Waisenhauses, Director des Missionsvereins und Protector aller übrigen mildthätigen Anstalten in der Stadt und Umgegend, dabei etwa 52 Jahre alt, noch immer ziemlich rüstig und unbeweibt —“

„Aber Sie wollen doch nicht behaupten, daß dieser Mann“, warf der Commerzienrath Mahlhuber eine fast ebenso erschrockene als erstaunte Bemerkung ein.

„Bitte, unterbrechen Sie mich nicht“, sagte der Doctor rasch, „es gibt in unserm gesellschaftlichen Leben viele Dinge, die wir uns nicht träumen lassen; aber Sie werden gleich selber hören. In dem Hause des Generalsuperintendenten, wo der Commerzienrath freien Eintritt hatte, erkrankte die Tochter so schwer, daß ihr Arzt, ein intimer Freund des Commerzienraths, keine andere Rettung wußte, als sie in ein ziemlich entfernt gelegenes Bad zu einer von seinen eigenen Verwandten zu schicken; das geschah. Die Kasse des Waisenhauses wurde eines Morgens erbrochen gefunden. In dem Local, wo sie aufbewahrt worden, fanden sich deutliche Spuren, daß im Hause selber Irgendjemand mit den Spitzbuben — es war ein Capital von 15,000 Thalern entwendet worden — gemeinsame Sache gemacht hatte; aber trotz allen Nachspürens der Polizei blieb der Dieb unentdeckt. Der Commerzienrath war an dem Nachmittag, wie er das sehr häufig dringender Arbeiten wegen that, der Letzte im Bureau gewesen. Er selber sagte aus, daß bei seinem Fortgehen Alles in der gewöhnlichen und gehörigen Ordnung gewesen sei, und er die Fenster noch selber eigenhändig untersucht habe, ob die Läden fest und gut geschlossen seien. Ein Resultat war nicht zu erzielen, und Mehre, der Unterkassirer, wie der Hausmann und andere niedere Beamte, auf die man in diesem Falle Verdacht werfen mußte, wurden eingezogen und eine Weile in Untersuchungshaft gehalten, und als sich ihnen nichts beweisen ließ, abgelohnt und entlassen.“

„Es ist entsetzlich!“ stöhnte der Commerzienrath.

„Als Director des Missionsvereins“, fuhr der Doctor fort, „hatte der Commerzienrath, der mit Australien und Afrika in brieflicher Verbindung stand und einzelne Freunde dort drüben hatte, übernommen, die Gelder wie die wollenen Unterröcke und Strümpfe für die Heidenkinder an ihre Adressen zu befördern. Die Unterröcke und Strümpfe kamen an, das Geld nicht —“

„Aber da hätten ja die Postscheine augenblicklich ergeben müssen, wo das Geld abhandengekommen“, rief der Commerzienrath erstaunt aus.

„Wahrhaftig, Sie haben Recht“, sagte der Doctor, „daran habe ich noch gar nicht gedacht, sehen Sie, das war ein sehr guter Gedanke, das muß ich mir überlegen. Aber hören Sie weiter. Commerzienrath Schöler nimmt vor einigen Jahren ein armes junges Mädchen, eine Waise, deren Vater und Mutter auf eine schaudererregende Art in dem Brande ihres Hauses umkamen, bei sich auf, läßt sie unterrichten und zieht sie zu seiner Wirthschafterin heran. Das Mädchen heißt Susanna. Die Tochter des Bankiers, sein Mündel, die einige Zimmer in der Etage des Commerzienraths bewohnt, kränkelt indessen seit einiger Zeit und wird von demselben Doctor, der die Tochter des Generalsuperintendenten in das Bad geschickt hat, behandelt. Ihre Krankheit ist eigener Art, nervenlähmend, mit heftigem Drücken des Herzens und Magens.“

„Das kenne ich“, rief der Commerzienrath lebhaft, „das ist der Anfang der Hypertrophie.“

Der Doctor, der sich an seinem Tische gegen ihn mit dem Stuhle gewendet hatte, sah überrascht zu ihm auf, über das Papier weg und sagte ruhig:

„Ich muß Sie ernsthaft bitten alle derartigen Unterbrechungen zu vermeiden, ich sehe mich sonst genöthigt das Lesen aufzugeben.“ Der Commerzienrath überlegte sich eben, ob das überhaupt eine Drohung sei, als jener in den Schriften suchend, die verlorene Stelle wiederzufinden fortfuhr: „Ihre Brust ist beengt, ihr Athem erschwert, häufiger Schweiß auf der Stirn, Uebelkeiten und Kopfschmerzen —“

„Ich gebe Ihnen mein Wort, daß —“ fuhr der Commerzienrath unwillig heraus, biß aber seine Worte kurz ab und schluckte den übrigen Satz hinunter, als er dem finsterzürnenden Blick des Lesenden begegnete.

„Merkwürdig“, sagte dieser, ohne sich weiter stören zu lassen, „daß diese Zustände sich oft auf einige Zeit besserten, ja fast vollkommen hoben, nur um nach einiger Zeit mit um soviel größerer Stärke wiederzukehren, bis sie ihnen endlich erlag. Das Testament kam jetzt zur Vollstreckung, nach dem — solchen Fall vorausbestimmt, daß die einzige Erbin vor ihrer erlangten Mündigkeit sterben sollte — ziemlich bedeutende Summen an Wohlthätigkeitsanstalten und fromme Stiftungen übergingen, für den Rest aber, mit einem Capital von etwa 100,000 Thalern, der Commerzienrath Schöler zum Erben eingesetzt war.“

„Sie hat Gift bekommen!“ rief der andere Commerzienrath, in seinem Bette die Hände vor Entsetzen zusammenschlagend.

„Commerzienrath Schöler war jetzt mehr noch als je ein reicher Mann“, las der Doctor lächelnd weiter, „betrauerte allerdings den Tod der jungen Erbin ein volles Jahr durch schwarze Kleidung und einen breiten Flor um den Hut, setzte sich aber ungesäumt in den Besitz des bedeutenden Vermögens und lebte herrlich und in Freuden.“

„Noch existirte ein armer, aber naher Verwandter des Bankiers, und zwar der Stiefsohn seiner Schwester, der aber, jung und leichtsinnig, dem alten reichen Herrn nie recht gefallen hatte. Karl, so hieß er, war ein herzensguter braver Bursche, selten bei Kasse, es ist wahr, aber stets leichten Herzens und fröhlichen Sinnes, bis er einst in des Onkels Hause, dem er eine Visite machte, dessen Tochter sah — kennenlernte und — mit dem Todespfeile im Herzen die Schwelle wieder verließ.“

„Nun bestand eine Sage in der Familie, daß vor alten Zeiten eine Großmutter dieses jungen Mannes in Indien verheiratet gewesen, später gestorben sei und ein rasendes Vermögen hinterlassen habe, das aber ein malayischer Regent, wegen eines fälschlich in Besitz genommenen Landstrichs, anfechten wollte, und sich ein District in jener Gegend auch schon deshalb empört haben sollte. Eines Morgens tritt plötzlich ein sonnengebräunter Mann, der Aehnlichkeit mit einem Matrosen hat, in Karl’s Thür, fragt ihn, ob er Karl Neumann heiße, der Enkel einer in Indien verstorbenen Frau, Namens Katharina Neumann sei und seine Erbschaft von dort, etwa sieben Millionen spanische Thaler, richtig empfangen habe.“

„Sieben Millionen Thaler!“ flüsterte der Commerzienrath in halblautem Erstaunen vor sich hin.

„Karl schrak zusammen“, fuhr der Doctor fort, „als ob er ein Verbrechen begangen habe und dabei entdeckt worden wäre; seine Wangen verließ das Blut, seine Glieder zitterten und er mußte sich an einem Stuhle halten, um nicht umzusinken.“

„Sieben Millionen Thaler“, stöhnte er, „sieben Millionen Thaler — von Indien?“

„Sie haben nichts empfangen?“ rief der Seemann rasch und erstaunt, „wäre es möglich, daß jener indische Rajah Sie darum betrogen hätte, hm, dann wehe ihm! Allah’s Zorn und meine Rache sollen ihn treffen, und flöhe er zu den Stufen seines Tempels, zu dem Heiligthum des ewigen Sarges, ich würde ihn erreichen.“

„Wer sind Sie?“ fragte ihn Karl, „daß Sie solchen Antheil an meinem Schicksal nehmen, und glauben Sie, daß Sie mir zu der Erbschaft oder wenigstens zu einem Theile derselben wiederverhelfen könnten?“

„Glaub’ ich!“ wiederholte der Seemann indignirt, „ich weiß gewiß, daß, wäre das Geld in der That noch nicht abgesandt, es Ihnen werden muß, und wenn der erste Rajah selber die gierigen Hände schon darübergebreitet. Wir hatten in Indien die Adresse eines Mannes aufbekommen, an den die Summe abgeschickt werden sollte, der indische Fürst schwor in meine Hand sie richtig zu befördern.“

„Und wie hieß der Mann, dem man für mich ein solches Capital anvertrauen wollte?“ rief Karl, von einer fürchterlichen Ahnung ergriffen —

„Commerzienrath Schöler“, sagte der Seemann, und Karl brach bewußtlos neben seinem Stuhle zusammen. Wie lange er so gelegen, wußte er nicht; als er wieder zu sich kam, fühlte er wie ihm Jemand kaltes Wasser in sein Gesicht goß, und er stöhnte: «Wo bin ich?» Der indische Seemann war noch bei ihm und suchte ihn ins Leben zurückzurufen, und Karl mußte ihm jetzt, sobald er sich nur soweit erholt, wieder sprechen zu können, erzählen, welche Befürchtungen er habe, und daß er fast überzeugt sei, wie der Commerzienrath das Geld unterschlagen hätte.

„Aber ich bitte Sie um Gottes Willen“, brach jetzt der arme gequälte Mahlhuber, der immer noch nicht sah, daß der entsetzliche Mensch zur eigentlichen Sache kam, und es ebenfalls für höchst unwahrscheinlich fand, daß ein deutscher Commerzienrath sieben Millionen Thaler unterschlagen könne, das Schweigen. Er war fest entschlossen jetzt ebenfalls ein Wort mit hineinzureden. „Sie haben ganz Recht, dieser Mensch muß ein wahres Scheusal sein, und wenn wir 7 Uhr Abends hätten, verehrter Herr, würde ich nicht das mindeste Bedenken tragen, Ihnen mit dem größten Interesse zuzuhören, denn der Fall ist in der That außergewöhnlich und muß, sobald er vor die Oeffentlichkeit kommt, ein gewaltiges Aufsehen machen; aber thun Sie mir die Liebe — ganz abgesehen davon, daß ich wirklich glaube, Sie haben den Commerzienrath mit den sieben Millionen in einem falschen Verdacht — und geben Sie mir lieber die Umrisse des Ganzen, die einfachen nackten Thatsachen, und lassen Sie besonders die Gespräche der Leute weg, denn ich bin sonst wahrhaftig nicht im Stande ein unbefangenes Urtheil zu fällen. Mir ist der Kopf schon jetzt — ich kann Sie versichern — so wirr und voll von den vielen Namen und Begebenheiten, daß ich anfange irre zu werden — wie viel Uhr haben wir wol?“

„O es ist noch früh“, sagte der Doctor, flüchtig auf seine Uhr sehend, ohne die Frage selber zu beantworten. „Ich kann Ihnen übrigens nicht helfen, denn diese Einzelheiten, die eben das Ganze bilden, müssen Sie kennenlernen, um im Stande zu sein, ein richtiges Urtheil zu fällen. Uebrigens kommt gerade jetzt die Hauptsache, und ich bin fest überzeugt, sobald wir die berührt haben, werden Sie so gepackt und aufgeregt sein, die ganze Nacht nicht mehr schlafen zu können.“

„Das wäre mir aber nicht lieb“, stöhnte der Commerzienrath vor sich hin, „die ganze vorige Nacht Hunde aus der Thür geworfen, und heute Nacht über ein Menschenleben zu Gericht sitzen, daß man sich später vielleicht die schrecklichsten Vorwürfe macht, jahrelang eine blutige Gestalt vor Augen sieht und hinter jeder Thür, unter jeder Bettstelle, besonders aber unter der eigenen, irgendeine entsetzliche Gestalt vermuthet. Das bischen Seelenruhe ist dann auch noch zum Teufel. — Guter allmächtiger Gott! und ein Commerzienrath dieser nichtswürdige bigote Heuchler — es ist eine Schmach für den sonst so ehrenwerthen Stand. Man müßte wirklich bei der hohen Staatsregierung darauf antragen, daß ihm der Titel und Rang, sobald sein Verbrechen nur erst einmal constatirt worden, wieder abgenommen würde, daß er aller dieser Ehrenrechte verlustig gehe. — Ein wahres Scheusal von einem Commerzienrath.“

Der Doctor hatte indessen wieder einmal getrunken, und das Manuscript aufnehmend, begann er von neuem:

„Jetzt muß ich noch erwähnen, daß das Haus, in welchem Karl wohnte, dicht an das des Commerzienraths Schöler stieß und mit diesem auch in der That einen durch eine dünne Backsteinwand getrennten Keller hatte. Karl war nicht reich, aber er liebte es doch in seinem eigenen Keller sein eigenes Bier einzulegen, und er fühlte sich jetzt so schwach, daß er einer Stärkung, welcher Art sie auch sei, bedurfte. Er ging hinunter, das Bier heraufzuschaffen, und hörte unten, als er die Thür langsam aufgeschlossen hatte, ein dumpfes Graben und Stoßen nebenan, als ob die Erde aufgeworfen würde. In dem Augenblick achtete er aber nicht darauf, nahm einige Flaschen Bier unter den Arm und stieg wieder nach oben.“

„Dem Seemann schloß er nun sein ganzes Herz auf, gestand ihm, daß er arm aber ehrlich sei, und bat ihn um seinen Rath, wie es möglich gemacht werden könnte, dem gierigen Vormund das wahrscheinlich unterschlagene Capital zu entreißen.“

„Nicht um des Geldes wegen“, rief der junge Mann, und ein edles Feuer blitzte aus seinen Augen, „nicht des schnöden Mammons wegen sehne ich mich nach dem Besitze; was ich brauche, verdiene ich mir durch meine Feder, und frei und unabhängig stehe ich in der Welt, aber — weh mir — ich liebe hoffnungslos, und die Geliebte ist des falschen Onkels Mündel.“

„Aber die ist ja schon todt!“ rief der Commerzienrath voller Erstaunen, „ich bin ja schon fest davon überzeugt gewesen, daß sie der nichtswürdige Mensch vergiftet hat.“

„Ja — Sie haben Recht“, sagte der Doctor, „aber hier lasse ich den Leser einen vermutheten Scheintod ahnen — ich spanne ihn gewissermaßen auf die Folter und glaube gerade, daß mir diese Wendung vortrefflich gelungen ist. Jetzt warten Sie — jetzt verschwindet das Mädchen, das er zu sich ins Haus genommen hat, und dadurch, daß Karl in seinem Keller das Graben und Erdewerfen gehört hatte, habe ich den Commerzienrath vollständig in meiner Gewalt — ich kann ihn entweder durch eine Haussuchung überführen und entdeckt werden, oder vorher, durch den Seemann vielleicht, der sich dafür einen Theil der sieben Millionen sichert, warnen und nach Amerika flüchten lassen.“

„Ich werde noch verrückt!“ stöhnte der Commerzienrath, mit beiden Händen seine eigene Stirn fassend und pressend. „Ist denn die Mündel wirklich todt oder lebt sie noch?“

„Ich sage Ihnen ja, ich kann das noch machen wie ich will“, erwiderte ihm der Doctor freundlich, „und auch hierüber wollte ich mir Ihre Ansicht erbitten, ob Sie nicht auch glauben, daß man durch einen glücklichen Scheintod das Interesse des Lesers weit gewaltiger anspannen könnte.“

Der Commerzienrath fuhr mit beiden Beinen zugleich aus dem Bette.

„Haben Sie mir da Thatsachen vorgelesen?“ rief er dabei, „oder mich zum Narren gehabt mit einer wahnsinnigen, erdichteten Geschichte, Herr?“

„Zum Narren gehabt? Wahnsinnige Geschichte? Mein Herr, das ist oder wird vielmehr eine Novelle, wenn ich im Stande bin sie so durchzuführen, wie sie angelegt ist, die ihres Gleichen in der Literatur sucht, und nur um Ihre Meinung darüber zu hören und mir in der Entwickelung vielleicht durch einen einfach praktischen Rath an die Hand zu gehen, habe ich sie Ihnen vorgelesen.“

„Herr Doctor!“ rief jetzt der Commerzienrath, mit den Füßen wieder zurück unter die Decke fahrend, als ob er draußen auf heißes Eisen getreten wäre, und mit beiden Händen zugleich seine weiße Nachtmütze fest und entschlossen über die Ohren ziehend, „wenn ich Ihnen das jetzt sagte, was ich von Ihnen denke, könnten Sie mich bei jedem Criminalamt auf die furchtbarste Verbalinjurie verklagen. Soviel will und muß ich Ihnen aber bemerken, daß ich ein kranker Mensch bin, der vorige ganze Nacht kein Auge zugethan und Ihnen aus übergroßer, wie ich nun einsehe, alberner Gutmüthigkeit sein eigenes Zimmer mit eingeräumt hat, um jetzt, unter der Vorspiegelung, wichtige Thatsachen erzählt zu bekommen, mit einer faden confusen Novelle mishandelt zu werden. Ich verlange jetzt ernsthaft von Ihnen, daß Sie mich in Ruhe lassen und endlich Ihr Licht auslöschen, ich bin sonst nicht im Stande einzuschlafen und — und wünsche Ihnen eine angenehme Ruhe.“

Damit fiel er wie todtgeschlagen auf sein Kopfkissen zurück, schloß die Augen und machte ein Gesicht, als ob er Arsenik genommen hätte und nun bereit wäre zu sterben.

„Fade Novelle?“ rief der Doctor Wickendorf, an seiner empfindlichsten Stelle gefaßt. „Mein Herr, ich habe Ihnen mehr Beurtheilungskraft zugetraut, als Sie wirklich zu besitzen scheinen, und kann nur bedauern, meine Zeit damit verschwendet zu haben, Sie um eine Meinung darüber zu ersuchen. Schlafen Sie wohl!“

Der Mann war aufgesprungen und ging, zu des Commerzienraths stillem Grimme, ohne das Licht auszulöschen, mit raschen Schritten und mit festverschlungenen Armen im Zimmer auf und ab, dann und wann einen zürnenden Blick nach der Stelle hinüberwerfend, wo sein duldender Schlafkamerad, äußerlich ein Bild des stillen Friedens, mit der über die Ohren gezogenen Nachtmütze auf dem Rücken lag, innerlich aber den unruhigen Gesellen mit dem brennenden Lichte dahin wünschend, wo der Pfeffer wächst. In einer Art von verzweifelter Resignation schien der Commerzienrath entschlossen, auch das Schlimmste über sich ergehen zu lassen, ohne weiter dagegen anzumurren.

„Das geschieht dir recht, Hieronymus“, murmelte er dabei unhörbar vor sich hin, „das geschieht dir ganz recht, und es freut mich ordentlich, daß es so gekommen ist. Du in deinen Jahren hättest gescheiter sein können und sollen, als dich von einem Narren von Doctor in die Welt hineinschicken zu lassen. War es doch die Dorothee; die kannte mich besser, als ich mich selber kannte, und die Unbequemlichkeit, das Elend dieser Nächte, die Aufregung und der Aerger am Tage, das Alles habe ich verdient, reichlich verdient mit meinem Leichtsinn. Nur die Leber — das rasende Wachsen der Leber jetzt seit den letzten zwei Tagen, das ist mein Tod, das habe ich nicht verdient, und ich sterbe als Märtyrer für die Bequemlichkeit der Wallfahrer, unter Dach und Fach zu schlafen. Wallfahrer“, fuhr er fort, seinen Grimm in eine neue Bahn lenkend, „das nennen nun die Leute wallfahrten; kehren Abends ein, gehen zu Bier und essen, spielen und schlafen und verdrängen andere kranke Reisende aus ihrer gewohnten Ruhe und Bequemlichkeit — Wallfahrer — und der unglückliche Mensch läuft noch immer wie besessen im Zimmer herum und löscht das Licht nicht aus. Wenn ein Gerichtshof für moralische Verbrechen existirte, verklagte ich ihn auf kaltblütig überlegten, vorsätzlichen Mord — der Mensch will mich todt machen.“

Der Commerzienrath schien ihm aber Unrecht gethan zu haben, oder war Doctor Wickendorf selber müde geworden? er trat plötzlich zum Tische, legte seine Papiere zusammen und schloß sie wieder in seinen Reisesack, fing an sich zu entkleiden und stieg dann, das brennende Licht neben sich auf einem kleinen Tische ungelöscht stehen lassend, ins Bett.

„Er wird es schon ausmachen“, tröstete sich der Commerzienrath, der versteckt nach ihm hinüberblinzte, „er wird doch nicht mehr im Bette lesen wollen? — Das ist feuergefährlich.“ Doctor Wickendorf las aber weder, noch machte er das Licht aus; hätte aber der Commerzienrath das von ihm abgewandte boshaft lächelnde Gesteht des Schriftstellers sehen können, er würde gezittert haben.

Eine ganze Weile hielt es der arme gepeinigte Mahlhuber unverdrossen aus; er genirte sich den Doctor zu belästigen und anzureden — er mußte ja das Licht doch zuletzt einmal auslöschen; dieser schien jedoch an nichts weniger zu denken, und der Commerzienrath drehte sich endlich mit einem gewaltsam gefaßten Entschlusse nach ihm um, hustete erst einmal und sagte dann:

„Herr Doctor —.“

„Ja.“

„Sie schlafen doch noch nicht?“

„Nein.“

„Dürfte ich Sie bitten das Licht auszulöschen? Ich bin nicht im Stande vorher einzuschlafen, und es ist auch feuergefährlich.“

„Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Mahlhuber“, erwiderte ihm sein Schlafkamerad freundlich, „ich sehe mich Ihnen gegenüber zu der Erklärung gezwungen, Sie nicht mehr zu beunruhigen als irgend nöthig ist — ich habe das Licht absichtlich brennen lassen.“

„Aber weshalb, um Gottes Willen?“

„Das will ich Ihnen sagen“, seufzte der Doctor, „solange bei Vollmond ein Licht Nachts in meinem Zimmer brennt liege ich ruhig — sobald ich es auslösche, nachtwandle ich.“

„Herr du mein Gott!“ stöhnte der Commerzienrath, „das hat mir noch gefehlt.“

„Wünschen Sie es“, fuhr der entsetzliche Mensch ruhig fort, „so lösche ich das Licht augenblicklich aus, aber ich bitte Sie dann ernstlich mich zu halten, falls ich aus dem Fenster klettern wollte. Wir logiren allerdings in der ersten Etage, aber es sind Steine unten.“

„Aber mein Herr“, sagte der Commerzienrath außer sich, „das nehmen Sie mir nicht übel, mit einem solchen Leiden behaftet, sollten Sie auch allein in einem Zimmer und womöglich mit vergitterten Fenstern schlafen —.“

„Ich hatte auch den Wirth nur aus Rücksicht für Sie gebeten, Sie anderswo einzuquartieren“, sagte der Doctor vollkommen ruhig, „also wünschen Sie, daß ich das Licht auslöschen soll?“

„Um Gottes Willen, nein!“ rief der Commerzienrath.

„Dann wünsche ich Ihnen eine recht angenehme Ruhe“, sagte Doctor Wickendorf, drehte sich herum und war in der nächsten Minute auch schon fest und sanft eingeschlafen.

12. Sind Sie Herr Mahlhuber?

Der Commerzienrath Mahlhuber verbrachte eine furchtbare Nacht; solange das Licht brannte, warf und quälte er sich mit Gedanken über seine Leber, und als das Licht niederbrannte und verlöschte und einen nichtswürdigen Qualm und Gestank im Zimmer verbreitete, peinigte ihn die Angst über das gedrohte Nachtwandeln des entsetzlichen langhaarigen Menschen, bis er endlich mit Tagesanbruch erst in einen unruhigen fieberhaften Schlaf verfiel.

Als er am andern Morgen durch den Hausknecht geweckt wurde — der nachtwandelnde Doctor schlief noch —, konnte er kaum seine Glieder rühren; seine erste Frage war nach dem telegraphirten Gepäck, und der Hausknecht bekam 30 Kreuzer, als er ihm die freudige Mittheilung machte, daß es unten in der Gaststube stehe.

Gidelsbach — das war sein Ziel, dem er zuzustreben hatte, Gidelsbach — was kümmerte ihn die andere Welt? — dort lag seine Heimat, dort lag für ihn Gesundheit und Ruhe, und Dorothee hatte ganz Recht gehabt, er war ein Thor gewesen, auch nur einen Fuß herauszusetzen aus dem Weichbilde der Stadt.

Rasch war er angekleidet, den Zug wenigstens heute Morgen nicht zu versäumen und gezwungen zu sein noch länger in diesem schrecklichen Neste liegen zu bleiben. Den Morgenzug hatte er aber schon versäumt, denn er kam um 5½ Uhr vorüber, der nächste Personenzug dagegen erst Mittag um 2 Uhr, und so lange Zeit blieb ihm jetzt, sich von den Strapazen der letzten Nacht auszuruhen. Der Aufenthalt in dem mit Menschen vollgedrängten Gasthofe, die heute in noch weit größern Massen angeströmt kamen als gestern, war übrigens so unangenehm, daß er beschloß, die ihm noch übrige Zeit lieber zu einem Spaziergang zu verwenden. In seinem Zimmer lag noch der entsetzliche Doctor, und mit dem wollte er unter keiner Bedingung weiter etwas zu thun haben.

Die Umgegend von Lichtenfels hatte mit den zwei Gulden, die er Strafe bezahlt, indessen noch zu viel der trüben Erinnerungen für ihn, und er beschloß deshalb das Thal hinunter und nach der nächsten kaum Dreiviertelstunden entfernten Eisenbahnstation zu marschiren, dort ein Glas Bier zu trinken und dann wieder, sich völlig Zeit nehmend, langsam zurückzugehen. Sein Gepäck ließ er indeß vor allen Dingen an den Bahnhof stellen, wo er es der Aufsicht des Gendarmen empfahl, nahm dann seinen Regenschirm, richtete seine Uhr nach der Bahnhofsuhr in Lichtenfels, schrieb sich die genaue Abfahrt des erwarteten Zugs in sein Taschenbuch (fest entschlossen eine volle Stunde vorher an Ort und Stelle zu sein) und wanderte langsam am Hange des Berges hinab, das reizende Mainthal hinunter.

Das Wetter war wundervoll, und nur die Straße etwas heiß und staubig. Der Commerzienrath dachte aber gar nicht daran sie zu verlassen; er wollte sich nicht wieder pfänden lassen, und erreichte eben, den breiten sonnenheißen Weg langsam entlangschlendernd, die kleine Eisenbahnrestauration in Staffelstein, als eine Extrapost mit zwei jungen elegant gekleideten Leuten anhielt und die Reisenden ausstiegen. Der Commerzienrath betrat hinter ihnen das Gastzimmer und hörte nur noch, daß die Eisenbahnleute ihre Witze über die Post machten, die, wie der Postillon erzählte, von Bamberg kam.

„Die haben es auch nicht erwarten können, bis der Zug ankam“, lachte der Eine, „oder fürchten sich am Ende gar vor dem Puffen —.“

„Na Gott sei Dank, in so einem alten Klapperkasten vier Stunden zu sitzen“, sagte der Andere, „wo sie es heute Mittag in drei Viertel hätten abmachen können. ’s gibt doch überall verrückte Kerle.“

Der Commerzienrath, der des warmen Wetters wegen ein ganz unscheinbar graues Sommerröckchen, selbst ohne den Orden, trug, das er zufällig in seinem Reisesack gehabt, glich mit seinem baumwollenen Regenschirm (er hatte sich in den Kopf gesetzt, daß seidene Regenschirme nicht gesund wären), wie der grauen Schirmmütze eher einem gemüthlichen Kaufmann aus irgendeinem kleinen Städtchen, als einem königlichen Commerzienrath. Sein bescheidenes höfliches Wesen trug noch mehr dazu bei, Fremde in diesem Glauben zu bestärken, und die beiden Reisenden, die nach leisem Flüstern zusammen ihn eine Weile aufmerksam betrachtet hatten, schienen sich auch in der That über ihn zu unterhalten.

Wie aber der Mann, welcher Hafer gestohlen hatte, später, sobald er zwei Menschen heimlich miteinander flüstern sah, immer einen Dritten an sie abschickte zu horchen, ob sie nicht von Hafer sprächen, so war es dem Commerzienrath mit der ihm von dem Gendarmen unterschobenen Nichte zumuthe. Er hatte ein böses Gewissen und dachte auch schon daran sein Bier rasch auszutrinken und die beiden Fremden sich selber zu überlassen, als der eine Reisende auf ihn zukam und freundlich zu ihm sagte:

„Dürfte ich wol fragen, ob Sie hier in der Gegend ansässig und bekannt sind?“

„Nicht besonders — guten Morgen, meine Herren“, sagte der Commerzienrath, etwas verlegen seine Mütze ziehend, „ich bin selber erst kurze Zeit hier und komme von Lichtenfels herunter.“

„Von Lichtenfels, so?“ fragte der Andere rasch, „dorthin wollen wir gerade, also dort sind sie bekannt?“

„Nur sehr wenig.“

„Waren Sie gestern dort?“

„Gestern — ja allerdings“, erwiderte Herr Mahlhuber, und ein eigenes dumpfes Gefühl nahender Gefahr beschlich ihn, wenn er sich auch selber noch keinen richtigen Grund dafür anzugeben wußte — „gestern war ich dort.“

„Und unten am Bahnhofe, wie der Morgenzug von Hof kam?“

„Ja — zufällig“, sagte Herr Mahlhuber, die beiden Männer, einen nach dem andern erstaunt und doch auch wieder scheu betrachtend.

„Ist da nicht“, machte plötzlich der Aeltere der Brüder seinen letzten Zweifeln ein rasches Ende, „eine junge, sehr hübsche und elegant aber einfach gekleidete Dame mit einem alten häßlichen, etwas krummgehenden Herrn ausgestiegen, der sich für den Regierungsrath Redmeier, in Lichtenfels aber für einen Commerzienrath Mahlhuber ausgegeben hat? Wie ich übrigens aus ziemlich guter Quelle weiß, ist er keins von Beidem, sondern ein Schwindler, der auf unbegreifliche Weise das junge Mädchen bethört haben muß, und sich jetzt sogar für ihren Onkel ausgibt, weniger Verdacht zu erregen. Die beiden Personen müssen Ihnen aufgefallen sein, und Sie werden uns einen großen Gefallen erweisen, wenn Sie uns auf die richtige Spur bringen wollten.“

Die Bombe war geplatzt. Das mußten jedenfalls die beiden Brüder der jungen Dame sein, und was für derbe, handfeste, wildaussehende Bursche waren es! Wie eilig hatten sie es dabei; nicht einmal Zeit auf den Mittagszug zu warten, Gott bewahre, müssen Extrapost nehmen, nur um eine Stunde früher an Ort und Stelle zu sein. Maria und Joseph! das hatte noch gefehlt, und für seine Gutmüthigkeit konnte ihm da eine schöne Suppe eingebrockt werden. Und wie grob — häßlicher, krummgehender Herr — aber Gott sei Dank, das war jedenfalls eine malitiöse Verdächtigung des Telegraphen, die ihm jetzt vortrefflich zustatten kam und die er für sich benutzen konnte.

„Nun, erinnern Sie sich nicht?“ fragte der Erste wieder, „die Dame trug, wenn ich nicht irre, ein seidenes ungebleichtes Kleid und einen Strohhut.“

„Ja, ganz recht“, sagte der Commerzienrath, dem keine weitere Zeit gegeben wurde sich die Sache zu überlegen, „ich glaube ich erinnere mich an ein solches Paar — ein junges, sehr hübsches Mädchen und ein alter würdiger Herr —“

„Würdiger Esel!“ rief der Zweite wüthend aus, „der alte Hallunke sollte an sein Grab denken, anstatt solche Streiche in seinen Jahren zu machen; aber die Familie ist jetzt entehrt, und will das Mädchen denn einmal so wahnsinnig sein, gut, dann mag sie ihn meinetwegen nehmen, aber in unserer Gegenwart muß die Hochzeit sein, und in Stücke reiß ich den Schuft, wenn er nur mit dem Zucken einer Wimper dagegen ansträubt.“

„Aber, meine Herren“, warf der Commerzienrath jetzt verlegen ein, „wissen Sie denn auch, daß der ältliche Herr mit der jungen Dame wirklich durchgegangen ist? — Können nicht am Ende Umstände — ein eigentümliches Zusammentreffen —“

„Hallo!“ rief der Eine von ihnen plötzlich, indem er den Commerzienrath mit weitaufgerissenen Augen ansah, „heißen Sie am Ende Mahlhuber?“

„Ich? — Nein!“ rief der Commerzienrath, ehe er noch wußte, was er gesagt hatte, und nur im Instinct der Selbsterhaltung Namen, Titel, Orden, kurz Alles verleugnend, „hehehe! sehe ich aus — sehe ich aus wie ein Commerzienrath?“

„Nein“, lachte der Andere über die naive Frage, „das thun Sie allerdings nicht, und mein Bruder machte nur Spaß, aber solch ein sonderbares Zusammentreffen von Umständen, wie Sie es nennen, kann auch nicht stattgefunden haben, denn ein alter Herr, wahrscheinlich derselbe, ist vor einiger Zeit mit ihr mehrmals gesehen worden. Pest und Gift über den Burschen, mir tritt die Galle ins Blut, wenn ich nur an ihn denke, und Gnade ihm Gott, wenn er mir unter die Hände kommt. Erst will ich mein Müthchen an ihm kühlen, nachher mag er sich entschuldigen. Und was ist aus den Beiden geworden? In Lichtenfels muß man das doch erfahren können.“

„Allerdings“, erwiderte ihm der Commerzienrath, dem der kalte Angstschweiß auf die Stirn trat, „wenn Sie — wenn Sie nur gleich auf dem Bahnhofe den Packmeister oder in der Krone den Wirth fragen wollten, in der Krone, glaub’ ich, haben sie logirt.“ Er wußte gar nicht mehr was er sprach.

Der Jüngste der Beiden stampfte den Fuß auf den Boden, daß die Gläser auf dem Tische zusammenklirrten.

„Haben Sie logirt?“ fragte der Aeltere aufmerksam werdend.

„Ja —“, sagte der Commerzienrath und fühlte dabei wie er durch seine Lüge in ein ganzes Netz von Verwickelungen immer weiter hineingerieth, in dem er rettungslos hängen blieb, wenn er nicht rasch Anstalt machte das Ganze mit Einem Schlage zu zerhauen. Zeit zum Ueberlegen blieb ihm aber gar nicht, und nur in einer Art Instinct stammelte er, „ja, haben sie logirt, aber — die — die Dame ist fort!“

„Wohin?“ riefen Beide zu gleicher Zeit.

Der Commerzienrath Mahlhuber hatte in seinem ganzen Leben noch nicht so rasch gedacht wie in diesem Augenblick. Sobald die beiden entsetzlichen Menschen nach Lichtenfels kamen, wo ihn fast jedes Kind am Bahnhofe kannte, und der Gendarm sich für seinen speciellen Freund hielt, war er verloren. Dort erkundigten sie sich natürlich zuerst — dem Polizeibeamten gegenüber hatte er das Mädchen für seine Nichte ausgegeben, wenigstens stillschweigend geduldet, daß sie ihn Onkel nannte, und sein sämmtliches Gepäck stand dort aufgeschichtet; er konnte ihnen gar nicht entgehen. Dorthin durften sie also nicht, und nur einen einzigen Ableiter gab es jetzt für ihn, wenigstens ein paar Stunden Zeit zu gewinnen.

Blitzschnell schossen ihm die Gedanken durch den Kopf, und in der Verzweiflung, im Trieb der Selbsterhaltung das letzte Mittel ergreifend, rief er rasch und entschlossen aus:

„Nach Koburg — die beiden Leute sind etwa vor einer Stunde — vielleicht kaum solange und in demselben Augenblick, als ich hierherging, in einem verdeckten Wagen nach Koburg gefahren. Ich weiß, daß sie sich noch bei dem Packmeister nach dem besten Wirthshause erkundigten und von diesem, wenn ich nicht irre, in den «Bären» gewiesen wurden.“

Der Commerzienrath log wie ein Leichenstein.

„Und das wissen Sie gewiß?“ rief der Jüngere der Beiden.

„Das weiß ich gewiß — sie wollten in Koburg Mittag machen und dann nach Sonneberg fahren.“

„In der dortigen Gegend muß der alte Schuft auch zu Hause sein“, rief der Aeltere rasch, „und er war dabei.“

Der Commerzienrath biß sich auf die Lippen, schien aber fest entschlossen in diesem Augenblick nichts übelzunehmen, und sagte:

„Den ältlichen Herrn habe ich nicht selber gesehen, aber ein Koffer war hinten aufgeschnallt.“

„Dann haben wir sie!“ rief der Jüngere jubelnd, und in die Thür springend schrie er dem Postillon zu, sich rasch bereitzuhalten und sie augenblicklich nach Koburg zu fahren.

„Nach Koburg?“ rief dieser erstaunt, „über Lichtenfels?“

Dem Commerzienrath stockte das Blut, der Aeltere machte seiner Angst aber ein schnelles Ende.

„Gott bewahre!“ rief er, „wir schneiden über Banz ein ganz Stück Weg ab und können in zwei Stunden in Koburg sein. Komm Heinrich, trink dein Bier aus, wir haben keinen Augenblick mehr zu verlieren — apropos, wie ist Ihr Name, mein Herr?“

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings