Letzte Gedichte. (Sommer und Herbst 1900.)
Reading edition
Meiner Liebe.
I.
An meine Schulter lehne Dein schweres Haupt und schweige Und koste jeder Träne Wehsüße, lasse Neige.
Es werden Tage kommen, Da du nach diesen Tränen Verdürstend und beklommen Dich wirst vergebens sehnen.
II.
Leg mir aufs Haar Die Hand; schwer ist mein Haupt. Was meine Jugend war, Hast du geraubt.
Unwiederbringlich ist dahin Der Jugend Glanz, der Freude Born, Der mir so unerschöpflich golden schien, Und überblieben Weh und Zorn Und Nächte, Nächte ohne End, In denen wild und fieberheiß Der alten Liebeslüste Kreis Mein waches Träumen wund durchrennt.
Nur noch in Stunden seltner Rast Tritt manchmal meine Jugend her Zu mir, ein scheuer blasser Gast, Und stöhnt, und macht das Herz mir schwer . . .
Leg mir aufs Haar Die Hand. Schwer ist mein Haupt. Was meine Jugend war, Hast du geraubt.

Dennoch.
Dennoch von meiner Jugend Stunden Genoß ich jede. Soll ich klagen, Daß die gehegte Blust nur Wunden Und Bitternis und Weh getragen?
Wenn sie noch einmal wiederkäme Und trüge alle holden Züge Von ehmals — fänd ich mein Genüge, Wenn sie ein andres Ende nähme.

Philosophie.
Vom Unbewußten zum Bewußten, Von da zurück durch viele Pfade Zu dem, was unbewußt wir wußten, Von dort verstoßen ohne Gnade Zum Zweifel, zur Philosophie, Erreichen wir die ersten Grade Der Ironie.
Sodann durch emsige Betrachtung, Durch scharfe Spiegel mannigfalt Nimmt uns zu frierender Umnachtung In grausam eiserne Gewalt Die kühle Kluft der Weltverachtung. Die aber lenkt uns klug zurück Durch der Erkenntnis schmalen Spalt Zum bittersüßen Greisenglück Der Selbstverachtung.

Marienlied.
Ohne Schmuck und Perlenglanz Laß mich auf die Stufen legen, Stumm erflehend deinen Segen, Meiner Jugend welken Kranz.
Kämpfe, Fahrten, Wunden viel, Ungenossene herbe Siege Ruhmlos durchgekämpfter Kriege Finden müde nun ihr Ziel.
Lüste bunt und freudefarb Senken müdgewordene Hände, Ihr Gelächter ist zu Ende, Ihre rote Flamme starb.
Sterbend, blaß und fieberwund Wollen sie, der Welt vergessen, Müd auf harte Stufen pressen Den verblühten Liebesmund.

Das ist mein Leid.
Das ist mein Leid, daß ich in allzuvielen Bemalten Masken allzu gut zu spielen Und mich und andre allzu gut Zu täuschen lernte. Keine leise Regung Zuckt in mir auf und keines Lieds Bewegung, In der nicht Spiel und Absicht ruht.
Das muß ich meinen Jammer nennen: Mich selber so ins Innerste zu kennen, Vorwissend jedes Pulses Schlag, Daß keines Traumes unbewußte Mahnung Und keiner Lust und keines Leides Ahnung Mir mehr die Seele rühren mag.

Spielmann.
Frühlinge und Sommer steigen Grün herauf und singen Lieder, Schmücken bunt die Welt, und neigen Müde sich zur Erde wieder.
Träumend aus dem Kranz der Tage Grüßen flüchtig helle Stunden Mir herauf wie schöne Sage, Lächeln, leuchten, sind verschwunden.
Schauernd in der Tage Wende, Mag auch Gold und Liebe winken, Lassen traurig meine Hände Die geschmückte Leier sinken.

Italienische Nacht.
Ich liebe solche bunt beglänzte Nächte Im Flackerlicht der Lampen, und ich flechte Gern meiner Lieder fiebernd Rot darein. Sieh, Liebste, wie sich dort die Jugend drängt Im späten Tanz, und wie für uns allein Der Sichelmond im Rauch der Fackeln hängt.
In solchen Nächten lauscht mein zitternd Herz Mit Qual und Lust heimat- und jugendwärts, Und schlägt im Takt verliebter Melodien. Mein Auge aber schaut den fremden Mond Im Silberkahn auf sichern Wegen ziehen Und ist wie er der Einsamkeit gewohnt.
Sieh, meine Jugend war ein farbig Spiel, Ein Tanz im Fieber, wild und ohne Ziel Und schwand verknisternd wie ein Meteor. Dann kreuzt’ ich unstät durch die Welt und fand Dem Haupt kein Lager, meinem Lied kein Ohr, Und nur im Traum ein blasses Heimwehland.
Schau dort! Die heiße Menge wogt im Tanz Und glüht vor Lust und wirft den Loderkranz Der kurzen Freude jauchzend in die Lüfte. Ists doch, als spielte meine Jugend dort Im süßen Rausch fremdländisch heißer Düfte Das alte Spiel in neuen Tänzen fort.
Das alte Spiel! Nur daß ich jetzt abseits Zuschauend lehne und den süßen Reiz Des Taumeltranks auf kühler Lippe wäge, Und daß mein Geist gleichgültig Umschau hält Und meines Herzens heimwehrasche Schläge Lächelnd wie Takte eines Liedes zählt.

Der schwarze Ritter.
Ich reite stumm aus dem Turnier, Ich trage aller Siege Namen, Ich neige mich vor dem Balkon der Damen Tief. Aber keine winkt nach mir.
Ich singe zu der Harfe Ton, Aus der die tiefen Laute steigen. Alle Harfner lauschen und schweigen, Aber die holden Frauen sind entflohn.
In meines Wappens schwarzem Feld Sind hundert Kränze aufgehangen, Die gold von hundert Siegen prangen. Aber der Kranz der Liebe fehlt.
An meinem Sarge werden sich bücken Ritter und Sänger und werden ihn Mit Lorbeer bedecken und bleichem Jasmin. Aber keine Rose wird ihn schmücken.

Marienlied.
Deinem Blick darf meiner nicht begegnen, Meine Seele, die so viel gelitten, Darf gebeugt nicht mehr die deine bitten: Wolle die verlorene Schwester segnen!
Leise nur im allertiefsten Innern Will sie der gewesenen Schwesterzeiten, Der in Schmach verspielten Seligkeiten Schweigend und mit Schmerzen sich erinnern.

Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
... seltenen Schimmer aufleuchtenden Schiller ... ... seltenen Schimmer aufleuchtenden Schiller- ...
... meinem Eintritt in die Schule, und der Geburstag ... ... meinem Eintritt in die Schule, und der Geburtstag ...
... „Entschuldigen Sie, Herr, ich erkenne sie eben ... ... „Entschuldigen Sie, Herr, ich erkenne Sie eben ...
... Dichter. „Wenn Sie sich ihre Scheu vor dem ... ... Dichter. „Wenn Sie sich Ihre Scheu vor dem ...
... Fiedelstoß abgewöhnen, werden sie vielleicht bald ... ... Fiedelstoß abgewöhnen, werden Sie vielleicht bald ...
... würfelten an einem Kaffeetischchen, am Buffet ... ... würfelten an einem Kaffeetischchen, am Büffet ...
... Herz und Gehirn die Dämonen wühlen! ... ... Herz und Gehirn die Dämonen wühlen!“ ...
... diese Spässe mich einigermaßen befremden.“ ... ... diese Späße mich einigermaßen befremden.“ ...
... auch solche Vorhänge und solches Wetterleuchten. ... ... auch solche Vorgänge und solches Wetterleuchten. ...
... in ihm gegen ein solches unglückliches Cogitor ergo ... ... in ihm gegen ein solches unglückliches cogito ergo ...
... „Will sehen, Herr Lauscher. „Nach gewissen ... ... „Will sehen, Herr Lauscher. Nach gewissen ...
... wieder. Nach Tisch, beim Weine setzte sie sich zu ... ... wider. Nach Tisch, beim Weine setzte sie sich zu ...
... durch allerlei Blumenranken auf und ab. ... ... durch allerlei Blumenranken auf und ab.“ ...
... das spottend grausame Gefühl, das der Vers, ... ... das spottend grausame Gefühl, daß der Vers, ...
... applaudieren sie den Helden und ahmen ihn nach, ... ... applaudieren sie dem Helden und ahmen ihn nach, ...
... de tentationibus (?) spezell de tentatione dormiendi ... ... de tentationibus (?) speziell de tentatione dormiendi ...
... an auf einer einzigen frappanten Profillinie beberuhte, ... ... an auf einer einzigen frappanten Profillinie beruhte, ...
... geben, die mir unbekant geblieben sind, es muß ... ... geben, die mir unbekannt geblieben sind, es muß ...
... auf die liebhabende Qualität“ den guten Böhme ... ... auf die „liebhabende Qualität“ den guten Böhme ...