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Gradiva

Gradiva (continued 2)

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Dies betrachtete er, jetzt längs der Stadtmauer den Weg zur Porta Marina innehaltend, zugleich angespannt und scheu, vor allem mit einem zwiespältigen Gefühl. Es war also doch kein Märchen, dass ein junges Liebespaar in solcher Umschlingung unweit des Forums ausgegraben worden sei, und dort am Apollotempel hatte er die Gradiva sich zum Todesschlaf hinlegen gesehn. Aber nur in einem Traum, das wusste er jetzt bestimmt; in Wirklichkeit konnte sie vom Forum noch weitergegangen, mit Jemand zusammengetroffen und gemeinsam mit ihm gestorben sein.

Aus der grünen Spange zwischen seinen Fingern durchfloss ihn ein Gefühl, sie habe der Zoë-Gradiva angehört, das Gewand derselben am Halse geschlossen gehalten. Dann aber war diese die Geliebte, Verlobte, vielleicht die junge Frau dessen gewesen, mit dem sie zusammen sterben gewollt.

Es wandelte Norbert Hanold an, die Spange fortzuschleudern. Sie brannte seine Finger, als ob sie in glühenden Zustand gerathe. Oder richtiger, sie verursachte ihm den Schmerz, wie bei der Vorstellung, dass er seine Hand auf die der Gradiva lege und nur leere Luft antreffe.

Indess die Vernunft behauptete in seinem Kopf die Oberhand, er liess ihn nicht willenlos von der Phantasie beherrschen. Wie wahrscheinlich es sein mochte, fehlte doch der unumstössliche Beweis, dass die Spange ihr angehört habe, und dass sie es gewesen sei, die man in den Armen des jungen Mannes aufgefunden. Diese Erkenntniss verhalf ihm zur Fähigkeit eines befreienden Athemzuges, und als er im Dämmerungsbeginn den ›Diomed‹ erreichte, hatte die langstündige Umherwandrung seiner gesunden Constitution doch auch leibliches Nahrungsbedürfniss eingebracht. Er verzehrte die ziemlich spartanische Abendkost, die der ›Diomed‹ trotz seiner argivischen Abkunft bei sich am Tisch adoptirt hatte, nicht ohne Esslust und nahm dabei zwei im Laufe des Nachmittags neueingetroffene Gäste gewahr. Durch Aussehen und Sprache kennzeichneten sie sich als Deutsche, ein Er und eine Sie; sie hatten beide jugendliche, einnehmende und mit einem geistigen Ausdruck begabte Gesichtszüge; ihr Verhältniss zu einander liess sich nicht entnehmen, doch schloss Norbert nach einer gewissen Aehnlichkeit auf ein Geschwisterpaar. Allerdings unterschied das Haar des jungen Mannes sich durch Blondfarbigkeit von ihrem lichtbraunen; sie trug eine rothe Sorrentiner Rose am Kleid, deren Anblick an etwas im Gedächtniss des aus seiner Stubenecke Hinüberschauenden rührte, ohne dass er sich darauf besinnen konnte, was es sei. Die Beiden waren die ersten ihm auf seiner Reise Begegnenden, von denen er einen sympathischen Eindruck empfing. Sie redeten, bei einem Fiaschetto sitzend, miteinander, weder zu laut vernehmbar, noch in besorglichem Flüsterton, augenscheinlich bald über ernsthafte Dinge und bald über heitere, denn zuweilen ging gleichzeitig um ihre Lippen ein halblachender Zug, der ihnen hübsch stand und Lust zu einer Antheilnahme an ihrer Unterhaltung erweckte. Oder vielleicht bei Norbert hätte erwecken können, wenn er um zwei Tage früher mit ihnen in dem sonst nur von den Anglo-Amerikanern bevölkerten Raum zusammengetroffen wäre. Doch er fühlte, was in seinem Kopf vorging, stehe in einem zu starken Gegensatz zu der fröhlichen Natürlichkeit der Beiden, um die unverkennbar kein leisester Nebel lag und die zweifellos nicht über die Wesensbeschaffenheit einer vor zwei Jahrtausenden Verstorbenen tiefgrundig nachsannen, sondern sich ohne alle Abmühung an einem räthselvollen Problem ihres Lebens in der gegenwärtigen Stunde freuten. Damit stimmte sein Zustand nicht zusammen; er kam sich einerseits höchst überflüssig für sie vor und scheute andrerseits vor dem Versuch, eine Bekanntschaft mit ihnen anzuknüpfen, zurück, da er eine dunkle Empfindung hatte, ihre heiteren, hellen Augen könnten ihm durch die Stirnwandung in seine Gedanken hineinsehen und dabei einen Ausdruck annehmen, als ob sie ihn nicht ganz richtig bei Verstand hielten. So begab er sich zu seinem Zimmer hinauf, stand noch etwas wie gestern, nach dem nächtigen Purpurmantel des Vesuv hinüberblickend, am Fenster und legte sich dann zur Ruhe. Uebermüdet, schlief er auch bald ein und träumte, doch merkwürdig unsinnig. Irgendwo in der Sonne sass die Gradiva, machte aus einem Grashalm eine Schlinge, um eine Eidechse drin zu fangen, und sagte dazu: »Bitte halte dich ganz ruhig – die Collegin hat recht, das Mittel ist wirklich gut, und sie hat es mit bestem Erfolg angewendet –«

Norbert Hanold kam's im Traum zum Bewusstwerden, das sei in der That vollständige Verrücktheit, und er warf sich herum, um von ihr loszukommen. Dies gelang ihm auch durch die Beihülfe eines unsichtbaren Vogels, der einen kurzen lachenden Ruf ausstiess, wie es schien, die Lacerte im Schnabel forttrug, und danach war Alles verschwunden.

* * *

Beim Aufwachen erinnerte er sich, dass in der Nacht eine Stimme gesprochen habe, im Frühling gäbe man Rosen, oder eigentlich ward ihm dies durch die Augen ins Gedächtniss gerufen, da sein aus dem Fenster gehender Blick drunten auf einen mit rothen Blumen leuchtenden Strauch fiel. Sie waren von der nämlichen Art wie die, welche die junge Dame vor der Brust getragen, und als er hinuntergekommen, pflückte er unwillkürlich ein paar von ihnen ab und roch daran. Es musste mit den Sorrentiner Rosen in der That eine absondere Bewandtniss haben, denn ihr Duft bedünkte ihn nicht nur wundervoll, sondern auch völlig neu und fremdartig, und dabei, als ob sie eine etwas lösende Wirkung in seinem Kopf ausübten. Wenigstens entledigten sie ihn seiner gestrigen Scheu vor den Thorwächtern, er begab sich vorschriftsmässig durch den Ingresso nach Pompeji hinein, entrichtete unter einer Vorgabe den doppelten Betrag des Eintrittsgeldes und schlug rasch Wege ein, die ihn aus der Nähe der übrigen Besucher davonbrachten. Das kleine Skizzenbuch aus der Casa di Meleagro trug er nebst der grünen Spange und den rothen Rosen mit sich, doch zu frühstücken hatte er über dem Duft der letzteren vergessen, und seine Gedanken befanden sich nicht in der Gegenwart, sondern ausschliesslich auf die Mittagsstunde vorausgerichtet. Bis zu der war's indess noch lang, er musste die Wartezeit verbringen und trat zu dem Behuf bald in dieses, bald in jenes Haus ein, von dem ihm wahrscheinlich vorkam, dass auch die Gradiva es ehemals öfter betreten habe oder noch jetzt zuweilen aufsuche – seine Annahme, dass sie lediglich um Mittag dazu im stande sei, war etwas ins Schwanken gerathen. Vielleicht stand's ihr auch noch zu anderen Tagesstunden frei, möglicherweise ebenfalls bei Nacht im Mondschein; verwunderlich bekräftigten ihm diese Muthmassung die Rosen, wenn er sie einathmend an seine Nase hielt, und dieser neuen Auffassung kam sein Nachsinnen willfährig und überzeugungsbereit entgegen. Denn er konnte sich das Zeugniss zuerkennen, dass er durchaus nicht bei einer vorgefassten Meinung beharre, vielmehr jeder vernünftigen Einwendung freien Lauf lasse, und eine solche machte sich hier entschieden, nicht nur logisch, auch ebenso wünschenswerth geltend. Nur gerieth in Frage, ob dann bei einer Begegnung mit ihr auch die Augen Anderer im stande seien, sie als leibliche Erscheinung wahrzunehmen, oder ob nur den seinigen die Befähigung dazu innewohne. Das erstere liess sich nicht abweisen, behauptete sogar die Wahrscheinlichkeit für sich und wandelte das Wünschenswerthe zum Gegentheil um, versetzte ihn in eine unmuthig-unruhige Stimmung. Der Gedanke, Andere könnten sie ebenfalls anreden, sich zu ihr setzen, um eine Unterhaltung mit ihr zu führen, entrüstete ihn; darauf besass nur er ein Anrecht oder jedenfalls ein Vorrecht, denn er hatte die Gradiva, von der niemand sonst gewusst, entdeckt, sie täglich betrachtet, in sich aufgenommen, gewissermassen mit seiner Lebenskraft durchdrungen, und ihm war's, als ob er ihr dadurch ein Leben wieder verliehen habe, das sie ohne ihn nicht besessen hätte. Daraus aber fiel seinem Gefühl ein Recht zu, auf das er allein Anspruch erheben durfte und verweigern konnte, es mit irgendjemand sonst zu theilen.

Der vorschreitende Tag war noch heisser als die beiden voraufgegangenen, die Sonne schien es heut' auf eine ganz ausserordentliche Leistung abgesehen zu haben und machte nicht nur in archäologischer, auch in praktischer Hinsicht bedauerlich, dass die Wasserleitung Pompejis seit zwei Jahrtausenden zerborsten und ausgetrocknet dalag. Strassenbrunnen erhielten da und dort ihr Gedächtniss fort und legten ingleichem noch Zeugniss von ihrer umstandslosen Benützung durch vorübergekommene durstige Leute ab. Sie hatten, um sich an das verschwundene Mündungsrohr vorzubücken, eine Hand auf den marmornen Brunnenrand gestützt und diesen, wie der Tropfen den Stein höhlte, allmählich an der Stelle zu einer Einmuldung ausgeschürft; Norbert machte diese Wahrnehmung an einer Ecke der Strada della Fortuna, ihm stieg daraus die Vorstellung auf, dass auch die Hand der Zoë-Gradiva sich ehemals hier so aufgestützt haben möge, und unwillkürlich legte seine Hand sich in die kleine Aushöhlung hinein. Doch verwarf er die Annahme sogleich, empfand einen Verdruss über sich selbst, dass er darauf hatte gerathen können. Sie stand in keinem Einklang zu dem Wesen und Benehmen der jungen Pompejanerin aus feingebildetem Hause; Entwürdigendes lag darin, dass sie sich so übergebeugt und ihre Lippen an das nämliche Rohr gelegt haben sollte, aus dem die Plebs mit rohem Munde trank. Im edlen Sinn Schicklicheres, als es sich in ihrem Thun und ihren Bewegungen kundgab, war ihm noch nie zu Gesicht gekommen; ihn überkam's schreckhaft, sie könne ihm den unglaublich verstandwidrigen Einfall ansehen. Denn ihre Augen besassen etwas Eindringliches; ihn hatte ein paarmal das Gefühl angerührt, während seines Zusammenseins mit ihr trachteten sie danach, einen Zugang ins Innere seines Kopfes auszufinden und darin wie mit einer stahlhellen Sonde herumzusuchen. Er musste desshalb sehr behutsam Acht geben, dass sie nichts Thörichtes in seinen Gedankenvorgängen antrafen.

Noch immer war's eine Stunde bis Mittag, und um sie zu verbringen, ging er quer über die Strasse in die Casa del Fauno, das umfänglichste und stattlichste aller ausgegrabenen Häuser, hinein. Wie kein anderes, besass es ein doppeltes Atrium und zeigte in dem bedeutendsten inmitten des Impluviums den leeren Sockel, auf dem die berühmte Statue des tanzenden Fauns, nach dem es benannt worden, gestanden hatte. Doch ward bei Norbert Hanold nicht das geringste Bedauern rege, dass sich dies, von der Wissenschaft am höchsten geschätzte Kunstwerk nicht mehr hier befinde, sondern zugleich mit dem Mosaikbilde der Alexanderschlacht ins Museo nazionale nach Neapel überführt worden sei; er trug keinerlei weitere Absicht, noch Wunsch in sich, als die Zeit weiterrücken zu lassen, und wanderte zu diesem Zweck planlos durch das grosse Gebäude umher. Hinter dem Peristyl öffnete sich ein weiter, von zahlreichen Säulen umfasster Raum, entweder auch eine nochmalige Wiederholung des Peristyls, oder als Xystos, Schmuckgarten, angelegt; so erschien's gegenwärtig, denn wie der Oecus der Casa di Meleagro war er ganz mit blühendem Mohn überdeckt. In abwesenden Gedanken schritt der Besucher durch die stille Verlassenheit.

Dann aber hielt er einmal stutzend den Fuss an, er befand sich doch nicht allein hier, sein Blick traf in einiger Entfernung auf zwei Gestalten, die zuerst nur den Eindruck von einer erregten, da sie so nah als irgendmöglich aneinandergedrängt standen. Sie nahmen ihn nicht gewahr, denn sie waren ganz nur mit sich beschäftigt und mochten sich dabei in dem Winkel durch die Säulen für etwaige andere Augen unentdeckbar gemacht glauben. Wechselseitig sich mit den Armen umschlingend, hielten sie auch ihre Lippen zusammengeschlossen, und der unvermuthete Zuschauer erkannte zu seiner Ueberraschung, es seien der junge Herr und die junge Dame, an denen er gestern Abend zum erstenmal auf seiner Reise ein Gefallen gefunden hatte. Für zwei Geschwister aber bedünkten ihn ihr gegenwärtiges Verhalten, die Umarmung und der Kuss von zu langer Andauer, also war es doch ein Liebes- und muthmasslich junges Hochzeitspaar, auch ein August und eine Grete.

Merkwürdigerweise indess geriethen die beiden Letzteren Norbert augenblicklich nicht in den Sinn, und der Vorgang rührte ihn durchaus nicht lächerlich oder widerwärtig an, vielmehr erhöhte noch sein Wohlgefallen an den Beiden. Was sie thaten, kam ihm ebenso natürlich wie vollbegreiflich vor, seine Augen hafteten auf dem lebenden Bild mit grösser aufgeweiteten Lidern, als je auf einem der am höchsten bewunderten antiken Kunstwerke, und gern hätte er sich dieser Betrachtung noch länger überlassen. Doch war's ihm zu Muth, als sei er unberechtigt in einen geweihten Raum eingedrungen und stehe im Begriff, darin eine geheime Andachtsübung zu stören; die Vorstellung, dabei wahrgenommen zu werden, befiel ihn mit Schreck, er wendete sich hastig um, ging geräuschlos ein Stück auf den Zehen zurück und lief, aus der Hörweite gelangt, beengten Athems und klopfenden Herzens auf den Vicolo del Fauno hinaus.

* * *

Als er vor dem Hause des Meleager ankam, wusste er nicht, ob es bereits Mittagsstunde sei, und gerieth auch nicht darauf, seine Uhr danach zu befragen, doch er blieb vor der Thür, unschlüssig eine Weile auf das ›Have‹ des Einganges niederblickend, stehen. Ihn hielt eine Furcht ab, hineinzutreten, und sonderbar fürchtete er sich gleicherweise davor, die Gradiva drinnen nicht anzutreffen und sie dort zu finden, denn in seinem Kopf hatte sich während der letzten Minuten festgesetzt, im ersteren Falle halte sie sich anderswo mit irgend einem jüngeren Herrn auf und im zweiten leiste dieser ihr auf den Stufen zwischen den Säulen Gesellschaft. Gegen den aber empfand er einen Hass noch weit stärker, als gegen die Gesammtheit aller gemeinen Stubenfliegen, hatte bis heute nicht für möglich gehalten, dass er einer so heftigen inneren Erregung fähig sein könne. Das Duell, das er immer für eine sinnlose Dummheit angesehen, erschien ihm plötzlich in einem veränderten Lichte; hier ward es zum Naturrecht, das der in seinem eigensten Recht Gekränkte, zu Tod Beleidigte an sich nahm als einzig vorhandenes Mittel, eine befriedigende Vergeltung zu üben oder sich eines zwecklos gewordenen Daseins entäussern zu lassen. So setzte sein Fuss sich mit jäher Bewegung doch zum Eintritt vor; er wollte den frechen Menschen herausfordern und wollte – das drängte sich fast noch gewaltsamer in ihm auf – ihr rückhaltlos zum Ausdruck bringen, dass er sie für etwas Besseres, Edleres, solcher Gemeinschaft nicht fähig gehalten habe –

So bis zum Lippenrande voll war er von diesem Vorhaben der Empörung, dass es ihm auch vom Mund flog, wo durchaus keinerlei Anlass dafür zu Tage lag. Denn wie er mit stürmischer Eile die Entfernung bis zum Oecus hinter sich gebracht hatte, stiess er ungestüm aus: »Bist du allein?!«, obwohl der Augenschein keinen Zweifel darüber beliess, dass die Gradiva grad ebenso einsam wie an den beiden vorigen Tagen auf der Stufe dasass. Sie sah ihn verwundert an und erwiderte: »Wer sollte denn nach Mittag noch hier sein? Da sind die Leute alle hungrig und sitzen beim Essen. Das hat die Natur für mich sehr erfreulich so eingerichtet.«

Seine überwallende Aufregung konnte sich jedoch so rasch nicht beschwichtigen und liess ihm ohne Wissen und Willen noch weiter die Muthmassung entfahren, die eben draussen mit der Stärke einer Gewissheit über ihn gerathen; denn, setzte er, zwar einigermassen widersinnig, hinzu, es lasse sich ja eigentlich gar nicht anders denken. Ihre hellen Augen hielten sich in sein Gesicht gerichtet, bis er zu Ende gesprochen, dann machte sie mit einem Finger einmal eine Bewegung gegen ihre Stirn und sagte: »Du –.« Danach aber fuhr sie fort: »Mir scheint's grade genug, dass ich nicht von hier wegbleibe, obgleich ich erwarten muss, dass du um diese Zeit hieherkommst. Aber der Platz gefällt mir einmal gut, und ich sehe, du hast mir mein Skizzenbuch, das ich gestern vergessen hatte, mitgebracht. Ich danke dir für deine bessere Achtsamkeit. Willst du's mir nicht geben?«

Die letzte Frage war wohlbegründet, denn er traf keinerlei Anstalt dazu, sondern blieb unbeweglich auf demselben Fleck stehen. In seinem Kopf dämmerte es, dass er sich eine ungeheure Dummheit ein- und ausgebildet, dazu auch noch ausgesprochen habe; um sie, soweit es möglich fiel, wieder gut zu machen, trat er nun hastig vor, reichte der Gradiva das Buch hin und setzte sich zugleich mechanisch neben ihr auf die Stufe nieder. Einen Blick auf seine Hand werfend, sagte sie: »Du scheinst ein Freund von Rosen zu sein.«

Bei den Worten kam's ihm auf einmal zum Bewusstwerden, was ihn zum Abpflücken und Mitnehmen derselben veranlasst habe, und er entgegnete: »Ja – doch, ich habe sie nicht für mich – du sprachst gestern – und auch heut' Nacht sagte mir's Jemand – man gäbe sie im Frühling –«

Sie dachte merklich kurz nach, ehe sie antwortete: »Ach so – ja, ich erinnere mich – Anderen, meinte ich, gäbe man nicht Asphodil, sondern Rosen. Das ist artig von dir; es scheint, du hast deine Ansicht von mir ein wenig verbessert.«

Ihre Hand streckte sich zum Empfang der rothen Blumen aus, und diese ihr jetzt hinreichend, versetzte er: »Ich glaubte zuerst, du könntest nur in der Mittagsstunde hier sein, aber mir ist wahrscheinlich geworden, dass du auch zu anderer Zeit – das macht mich sehr glücklich –«

»Warum macht dich das glücklich?«

Ihr Gesicht drückte Verständnisslosigkeit aus, nur um ihre Lippen ging ein kaum merkbar leises Zucken. Verwirrt brachte er hervor: »Es ist schön, lebendig zu sein – mir ist dies früher nie so – ich wollte dich noch fragen –«

Er suchte in seiner Brusttasche und setzte, das Gefundene herausziehend, hinzu: »Hat diese Spange ehemals dir gehört?«

Ihr Gesicht bewegte sich ein kleinwenig danach vor, doch sie schüttelte den Kopf. »Nein, ich kann mich nicht erinnern. Der Zeitrechnung nach wär's sonst wohl nicht unmöglich, denn sie wird vermuthlich erst aus diesem Jahr herstammen. Hast du sie vielleicht in der Sonne gefunden? Bekannt kommt die schöne grüne Patina mir doch vor, als hätte ich sie schon gesehen.«

Unwillkürlich wiederholte er: »In der Sonne – warum in der Sonne?«

»Sole heisst sie hier, die bringt mancherlei von der Art zu Stande. Sollte die Spange nicht einem jungen Mädchen gehört haben, das mit einem Begleiter zusammen, ich glaube in der Umgegend des Forums, verunglückt sein soll.«

»Ja, der seine Arme um sie geschlungen hielt –«

»Ach so –«

Die beiden Wörtchen lagen offenbar der Gradiva als eine Lieblings-Interjection auf der Zunge, und sie hielt danach einen Augenblick inne, ehe sie hinzufügte: »Desshalb meintest du, ich hätte sie an mir getragen. Und hätte das dich etwa – wie sagtest du vorhin? – dich unglücklich gemacht?«

Ihm war anzusehen, dass er sich ausserordentlich erleichtert fühle, und vernehmlich klang's auch aus seiner Antwort: »Ich bin sehr froh darüber – denn die Vorstellung, dass dir die Spange gehört habe, verursachte mir einen – einen Schwindel im Kopf –«

»Dazu scheint er bei dir etwas Neigung zu hegen. Hast du vielleicht heut' Morgen zu frühstücken vergessen? Das verstärkt leicht solche Anfälle noch; ich leide nicht daran, aber sehe mich vor, da es mir am besten zusagt, um die Mittagszeit hier zu sein. Wenn ich dir von dem misslichen Zustand deines Kopfes dadurch ein bischen abhelfen kann, dass ich meinen Vorrath mit dir theile –«

Sie zog ein in Seidenpapier eingewickeltes Weissbrod aus ihrer Kleidertasche, brach es durch, legte ihm die eine Hälfte in seine Hand und begann die andere mit sichtlichem Appetit zu verzehren. Dabei blitzen ihre ausnehmend zierlichen und tadellosen Zähne nicht nur mit einem perlenden Glanz zwischen den Lippen auf, sondern verursachten beim Durchbeissen der Rinde auch einen leicht krachenden Ton, so dass sie durchaus den Eindruck erregten, nicht wesenlose Scheingebilde, sondern von wirklicher körperhafter Beschaffenheit zu sein. Im Uebrigen hatte sie mit ihrer Vermuthung bezüglich des versäumten Frühstückes wohl das Richtige getroffen; mechanisch ass er ebenfalls und empfand eine entschieden günstige Wirkung davon auf die Klärung seiner Gedanken ausgeübt. So sprachen sie Beide ein Weilchen nicht weiter, sondern gaben sich schweigend der gleichen nützlichen Beschäftigung hin, bis die Gradiva sagte: »Mir ist's, als hätten wir schon vor zweitausend Jahren einmal so zusammen unser Brod gegessen. Kannst du dich nicht darauf besinnen?«

Das konnte er nicht, doch nahm's ihn jetzt Wunder, dass sie von einer so unendlich fernen Vergangenheit sprach, denn die Stärkung des Kopfes durch das Nährmittel hatte eine Umänderung in seinem Gehirn nach sich gezogen. Die Annahme, sie sei schon seit so langer Zeit hier in Pompeji umhergegangen, wollte sich nicht mehr mit der gesunden Vernunft in Einklang bringen lassen; Alles an ihr erschien ihm gegenwärtig so, als ob es kaum mehr als zwanzig Jahre alt sein könne. Die Formen und Farbe des Gesichtes, das überaus reizvolle, braungewellte Haar und die makellosen Zähne; auch die Vorstellung, das helle, von keinem Schatten eines Fleckens beeinträchtigte Gewand habe ungezählte Jahre in der Bimssteinasche gelegen, enthielt im höchsten Masse Widerspruchsvolles. Norbert ward von einem Empfindungszweifel angefasst, ob er eigentlich in wachem Zustande hier sitze oder nicht wahrscheinlicher in seiner Studirstube, wo er bei der Betrachtung des Bildes der Gradiva von Schlaf überkommen worden, geträumt habe, dass er nach Pompeji gefahren, mit ihr als einer noch Lebenden zusammengetroffen sei, und weiter träume, noch so an ihrer Seite in der Casa di Meleagro zu sitzen. Denn dass sie wirklich noch lebte oder wieder lebendig geworden sei, konnte sich doch wohl nur in einem Traume zutragen – die Naturgesetze erhoben dagegen einen Einwand –

Seltsam freilich war's, dass sie eben gesagt hatte, sie habe schon vor zweitausend Jahren einmal so ihr Brod mit ihm getheilt. Davon wusste er nichts und konnte doch darauf auch im Traum nicht gerathen –

Ihre linke Hand lag mit den schmalen Fingern ruhig auf ihren Knien – die trug den Schlüssel zur Lösung eines unentwirrbaren Räthsels in sich –

Auch vor dem Oecus der Casa di Meleagro machte die Frechheit der gemeinen Stubenfliege nicht halt; an der gelben Säule ihm gegenüber sah er eine nach ihrer nichtswürdigen Gepflogenheit in suchender Gier auf und ab rennen; nun schwirrte sie dicht an seiner Nase vorbei.

Er musste doch irgendetwas auf ihre Frage, ob er sich nicht an das schon früher gemeinsam mit ihr verzehrte Brod erinnere, antworten und brachte, jäh herausgestossen, vom Mund: »Waren die Fliegen damals schon ebenso teuflisch wie jetzt, dass sie dich bis zum Lebensüberdruss gemartert haben?«

Sie blickte ihn mit einem völlig begrifflosen Erstaunen an und wiederholte: »Die Fliegen? Hast du jetzt eine Fliege im Kopf?«

Da sass auf einmal das schwarze Ungeheuer auf ihrer Hand, die nicht durch die leiseste Regung kundgab, dass sie etwas davon verspüre. Bei dem Anblick aber mischten sich in dem jungen Archäologen zwei gewaltsame Antriebe zur Ausführung einer und der nämlichen Handlung ineinander. Seine Hand fuhr plötzlich in die Höh' und klatschte mit einem keineswegs gelinden Schlag auf die Fliege und die Hand seiner Nachbarin herunter.

Mit diesem Zuschlag erst kam Besinnung, Bestürzung und doch auch ein freudiger Schreck über ihn. Er hatte den Streich nicht durch leere Luft hindurch geführt, auch nicht auf etwas Kaltes und Starres, sondern auf eine unzweifelhaft wirkliche, lebendige und warme Menschenhand, die einen Moment lang, augenscheinlich vollständig verblüfft, regungslos unter der seinigen liegen blieb. Doch dann zog sie sich mit einem Ruck fort, und der Mund über ihr sagte: »Du bist doch offenbar verrückt, Norbert Hanold.«

Der Name, von dem er niemand in Pompeji Mittheilung gemacht, ging der Gradiva so glatt, zweifellos und deutlich über die Lippen, dass der Inhaber desselben noch stärker erschrocken von der Stufe aufflog. Zugleich ertönten im Säulengang unvermerkt nah herangekommene Fusstritte, vor verworrenem Blick tauchten ihm die Gesichter des sympathischen Liebespaars aus der Casa di Fauno auf, und die junge Dame rief mit einem Ton höchlicher Überraschung: »Zoë! du auch hier? Und auch auf der Hochzeitsreise? Davon hast du mir ja kein Wort geschrieben!«

* * *

Norbert befand sich wieder draussen vor dem Haus des Meleager in der Strada di Mercurio. Wie er dorthin gekommen, war ihm nicht klar, es musste instinktiv geschehen sein, und zwar von einer blitzartigen Erleuchtung in ihm veranlasst, das einzige sei's, was er thun könne, um nicht eine überaus lächerliche Figur darzustellen. Vor dem jungen Paar, mehr noch vor der von diesem freundschaftlich Begrüssten, die ihn eben mit seinem Vor- und Zunamen angeredet, und am allermeisten vor sich selbst. Denn, wenn er auch nichts begriff, war ihm doch Eines als ganz unanfechtbar aufgegangen. Die Gradiva mit der nicht wesenlosen, sondern körperhaft wirklichen, warmen Menschenhand hatte eine zweifellose Wahrheit ausgesprochen, sein Kopf war in den beiden letzten Tagen in einem Zustand völliger Verrücktheit gewesen. Und zwar keineswegs in unklugem Traum, vielmehr mit so wachen Augen und Ohren, als sie zu ihrer vernünftigen Anwendung Menschen von der Natur mitgegeben wurden. Wie das sich derartig zugetragen habe, entzog sich, gleich allem Uebrigen, seinem Verständniss; nur dunkel rührte ihn eine Empfindung an, ein sechster Sinn müsse dabei im Spiel gewesen sein, der, in solcher Weise zur Oberhand gelangend, etwas sonst vielleicht Schätzenswerthes zum Gegentheil umwandle. Um darüber durch einen Nachdenkungsversuch wenigstens ein bischen mehr Aufschluss zu gewinnen, war ein in unbesuchter Stille abgelegener Ort durchaus erforderlich; zunächst aber trieb es Norbert an, sich möglichst rasch aus dem Bereich der Augen, Ohren und sonstigen Sinne zu entfernen, die ihre Naturmitgift so benützten, wie's dem eigentlichen Gebrauchszweck entsprach.

Was die Besitzerin jener warmen Hand betraf, so war sie jedenfalls von dem unvorgesehenen und um die Mittagsstunde nicht erwarteten Besuch in der Casa di Meleagro auch, und nach ihrem allerersten Mienenausdruck nicht in ausschliesslich angenehmer Weise, überrascht worden. Doch liess vom letzteren schon der nächste Augenblick in ihrem klugen Gesicht keine Spur mehr erkennen, sie stand hurtig auf, trat der jungen Dame entgegen und versetzte, ihr die Hand reichend: »Das ist ja wirklich hübsch, Gisa, der Zufall hat zuweilen auch einen netten Einfall. Also das ist seit vierzehn Tagen dein Mann? Ich freue mich, ihn mit Augen kennen zu lernen und brauche nach eurem beiderseitigen Aussehen offenbar meinen Glückwunsch nicht nachträglich zu einer Condolation umzuändern. Paare, bei denen das angebracht wäre, pflegen um diese Zeit in Pompeji bei Tisch zu sitzen; ihr seid vermuthlich am Ingresso in Quartier, da suche ich euch heut' Nachmittag auf. Nein, geschrieben habe ich dir nichts; das wirst du mir nicht übel nehmen, denn du siehst, meine Hand geniesst nicht die Berechtigung der deinigen, sich durch einen Ring auszuzeichnen. Die Luft hier wirkt ausserordentlich kräftig auf die Einbildung, das merke ich an dir; besser ist's ja freilich, als wenn sie zu nüchtern machte. Der junge Herr, der eben fortging, laborirt auch an einem merkwürdigen Hirngespinnst, mir scheint, er glaubt, dass ihm eine Fliege im Kopf summt; nun, irgend eine Kerbthierart hat wohl Jeder drin. Pflichtmässig verstehe ich mich etwas auf Entomologie und kann desshalb bei solchen Zuständen ein bischen von Nutzen sein. Mein Vater und ich wohnen im Sole, er bekam auch einen plötzlichen Anfall und dazu den guten Einfall, mich mit hierher zu nehmen, wenn ich mich auf meine eigene Hand in Pompeji unterhalten und an ihn keine Anforderungen stellen wollte. Ich sagte mir, irgend etwas Interessantes würde ich wohl schon allein hier ausgraben. Freilich, auf den Fund, den ich gemacht – ich meine das Glück, dich zu treffen, Gisa, hatte ich mit keinem Gedanken gerechnet. Aber ich verschwatze die Zeit, wie's bei einer alten Freundin so geht – ganz uralt allerdings sind wir doch grade noch nicht. Mein Vater kommt um zwei Uhr aus der Sonne an den Sonnentisch, da muss ich seinem Appetit Gesellschaft leisten und darum leider augenblicklich auf deine weitere verzichten. Ihr werdet die Casa di Meleagro ja auch ohne mich besichtigen können; ich verstehe das zwar nicht, aber ich denke es mir. Favorisca signor! A rivederci, Gisetta! So viel Italienisch habe ich schon gelernt, und viel mehr braucht man eigentlich nicht. Was sonst noch nöthig ist, schöpft man aus sich selbst – bitte, nein, senza complimenti!«

Dies letzte Ersuchen der Sprecherin bezog sich auf eine höfliche Bewegung, mit der ihr der junge Eheherr das Geleit geben zu wollen schien. Sie hatte sich höchst lebendig, äussert unbefangen und ganz den Umständen der unerwarteten Begegnung mit einer nahstehenden Freundin entsprechend ausgedrückt, doch mit einer ausserordentlichen Schnelligkeit, die für die Dringlichkeit ihrer Aussage, dass sie sich gegenwärtig nicht länger aufhalten könne, Zeugniss ablegte. Und so waren nicht mehr als ein paar Minuten seit dem eilfertigen Abgang Norbert Hanold's verflossen, wie sie gleichfalls aus dem Hause des Meleager in die Strada di Mercurio hinaustrat. Diese lag, der Tageszeit gemäss, einzig da und dort von einer schwänzelnden Lacerte belebt da, und für ein paar Augenblicke gab sich die an ihrem Rande Innehaltende offenbar einem kurz überwägenden Nachdenken hin. Dann schlug sie hurtig die nächste Richtung dem Thor des Hercules zu ein, überschritt an der Kreuzung des Vicolo di Mercurio und der Strada di Sallustio mit dem anmuthig-behenden Gradiva-Gang die Trittsteine und gelangte so sehr rasch bis an die beiden Seitenmauerreste der Porta Ercolanese. Hinter dieser dehnte sich lang die Gräberstrasse abwärts, doch nicht weissblendend und von glitzernden Strahlen verhängt, wie vor vierundzwanzig Stunden, als der junge Archäologe ebenso mit suchenden Augen von hier durch sie hinuntergeblickt hatte. Die Sonne schien heut' von einem Gefühl überkommen zu sein, dass sie am Vormittag doch des Guten ein wenig zu viel gethan habe; sie hielt einen grauen Schleier vor sich gezogen, an dessen Verdichtung sichtlich noch weiter gearbeitet wurde, und in Folge davon hoben die hin und wieder an der Strada de' Sepolcri aufgewachsenen Cypressen sich ungewöhnlich scharf und schwarz gegen den Himmel ab. Ein anderes Bild als gestern war's, der geheimnissvoll Alles überflimmernde Glanz fehlte ihm; auch die Strasse befliss sich einer gewissen trübsinnigen Deutlichkeit, hatte gegenwärtig ein ihrem Namen Ehre machendes todtes Gesicht angenommen. Dieser Eindruck ward durch eine vereinzelte Regung an ihrem Ende nicht aufgehoben, sondern eher noch erhöht; es sah aus, als ob dort in der Umgegend der Villa des Diomedes eine Schattengestalt ihren Tumulus aufsuche und unter einem der Gräberdenkmäler verschwinde.

Nicht der nächste Weg vom Haus des Meleager zum Albergo del Sole war's, vielmehr eigentlich die grade entgegengesetzte Richtung dorthin, aber die Zoë-Gradiva musste nachträglich zur Einsicht gekommen sein, dass die Zeit doch noch nicht so übermässig zum Mittagstisch dränge. Denn nach einem ganz flüchtigen Anhalten am Herculesthor ging sie, die Sohle des zurückbleibenden Fusses jedesmal beinahe senkrecht emporrichtend, über die Lavaplatten der Gräberstrasse weiter.

* * *

Die ›Villa des Diomedes‹ – äusserst beliebig von den Heutlebenden so nach einem Grabmal benannt, das ein ›Libertus‹ Marcus Arrius Diomedes, der zu einem Vorstand des früher hier gelegenen Stadttheiles aufgerückt gewesen, in der Nähe für seine vormalige Gebieterin Arria, sowie für sich und seine Angehörigen errichtet hatte – war ein sehr umfänglicher Bau und barg ein nicht von der Phantasie erfabeltes, sondern recht schauerlich-wirkliches Stück der Geschichte vom Untergang Pompejis in sich. Eine Wirrniss weitläufiger Trümmerreste machte den oberen Theil aus, darunter lag vertieft ein ungemein grosser, ringsum von einem erhalten gebliebenen Pfeilerporticus umschlossener Gartenraum mit kargen Ueberbleibseln eines Brunnens und kleinen Tempels in der Mitte, und noch weiter abwärts führten zwei Treppen in ein rundlaufendes, nur matt von trübem Dämmerlicht angehelltes Kellerganggewölbe nieder. Auch in dies war die Vesuvasche eingedrungen, und man hatte hier in ihr die Skelette von achtzehn Frauen und Kindern gefunden; Schutz suchend, waren sie mit einigen hastig zusammengerafften Nahrungsmitteln in das halbunterirdische Gelass geflüchtet und die trügerische Zuflucht allen zur Gruftstatt geworden. An anderer Stelle lag der muthmassliche, namenlose Herr des Hauses gleichfalls erstickt auf dem Boden hingestreckt; er hatte sich durch die verschlossene Gartenthür retten wollen, denn er hielt den Schlüssel zu ihr in den Fingern. Neben ihm kauerte ein anderes Gerippe, wahrscheinlich das eines Dieners, der eine beträchtliche Anzahl goldener und silberner Münzen mit sich getragen. Von der erharteten Asche waren die Körperformen der Verunglückten erhalten gewesen; im Museo Nazionale in Neapel ward unter Glas der hier aufgefundene genaue Abdruck des Halses, der Schultern und des schönen Busens eines jungen, mit florartig feinem Gewand bekleideten Mädchens bewahrt.

Die Villa des Diomedes bildete wenigstens einmal unerlässlich das Wegziel für jeden pflichtgetreuen Pompeji-Besucher, doch jetzt um die Mittagszeit liess sich bei ihrer ziemlich weiten räumlichen Abgeschiedenheit mit grosser Sicherheit annehmen, dass keinerlei Neugier sich in ihr aufhalte, und so war sie Norbert Hanold als geeignetster Zufluchtsort für sein neuestes Kopfbedürfniss erschienen. Das verlangte dringlichst nach grabesartiger Einsamkeit, athemloser Stille und unbeweglicher Ruhe; wider die letztere aber erhob eine treibende Unruhe in seinem Gefässsystem einen energischen Gegenanspruch, und er hatte zwischen den beiden Forderungen eine Übereinkunft schliessen müssen, dass der Kopf die seinige zu behaupten suchte, dagegen den Füssen freigab, ihrem Drang Folge zu leisten. So wanderte er seit seiner Hierherkunft rundum durch den Porticus; ihm gelang dabei, das körperliche Gleichgewicht zu bewahren, und er mühte sich, sein geistiges in den gleichen Normalzustand zu versetzen. Das aber erwies sich in der Ausführung schwieriger als in der Absicht; allerdings stand als unanzweifelbar vor seiner Erkenntniss, er sei völlig ohne Sinn und Verstand gewesen, zu glauben, dass er mit einer mehr oder weniger leiblich wieder lebendig gewordenen jungen Pompejanerin beisammensitze, und diese deutliche Einsicht seiner Verrücktheit bildete unstreitig einen wesentlichen Fortschritt auf dem Rückweg zur gesunden Vernunft. Doch fand diese sich damit entschieden noch nicht in ihre ordnungsmässige Verfassung zurückgebracht, denn wenn ihr auch aufgegangen war, die Gradiva sei nur ein todtes Steinbild, so stand trotzdem gleicherweise ausser Zweifel, dass sie noch lebte. Dafür war ein unumstösslicher Beweis beigebracht; nicht er allein, auch Andere sahen sie, wussten, dass sie Zoë hiess, und sprachen mit ihr als einer ihnen gleichartigen Leibhaftigkeit. Andrerseits aber wusste sie auch seinen Namen, und das konnte wieder nur einer übernatürlichen Befähigung ihres Wesens entstammen; diese Doppelnatur blieb auch für die in den Kopf einziehende Vernunft unenträthselbar. Doch gesellte sich der unvereinbaren Zwiespaltigkeit eine anähnelnde in ihm selbst hinzu, denn er hegte den inständigen Wunsch, vor zweitausend Jahren hier in der Villa des Diomedes mitverschüttet worden zu sein, damit er nicht Gefahr laufe, der Zoë-Gradiva nochmals irgendwo zu begegnen; zugleich indess klopfte ein ausserordentlich freudiges Gefühl in ihm, dass er noch lebte und dadurch in stand gesetzt ward, irgendwo noch wieder mit ihr zusammenzutreffen. Das drehte sich in einem vulgären, doch zutreffenden Vergleich wie ein Mühlenrad durch seinen Kopf herum, und ebenso lief er anhaltlos rundum durch den langen Porticus, der ihm nicht zu einer Aufhellung der Widersprüche verhalf. Im Gegentheil rührte ihn eine undeutliche Empfindung an, dass sich alles nur noch immer mehr um ihn und in ihm verdunkle.

Da prallte er plötzlich einmal, eine der vier Ecken des Pfeilerganges umbiegend, zurück. Auf ein halbes Dutzend Schritte entfernt vor seinem Gesicht sass ziemlich erhöht auf einem abgebrochenen Mauerstück eines der jungen Mädchen, die hier in der Asche den Tod gefunden.

Nein, das war ein Unsinn, den seine Vernunft abgethan. Auch seine Augen und noch etwas Anderes, nicht mit einem Namen Belegtes in ihm erkannten es. Die Gradiva war's, sie sass auf dem Steinrest wie sonst auf der Stufe, nur sahen, da jener beträchtlich höher war, ihre frei herabhängenden schmalen Füsse in den sandfarbigen Schuhen bis an das zierliche Knöchelgelenk unter dem Kleidsaum hervor.

Mit instinktiver erster Bewegung wollte Norbert zwischen zwei Pfeilern durch den Gartenraum hinaus fortlaufen; das, wovor er sich seit einer halben Stunde am meisten auf der Welt fürchtete, war jählings eingetreten, sah ihn mit den hellen Augen und darunter mit Lippen an, die nach seiner Empfindung im Begriff standen, in ein spöttisches Lachen auszubrechen. Doch thaten sie's nicht, sondern die bekannte Stimme klang nur ruhig von ihnen her: »Draussen wirst du nass.«

Nun sah er's zum erstenmal, es regnete; davon war's so dunkel geworden. Das gereichte fraglos allem Pflanzenwachsthum um und in Pompeji zum Vortheil, aber anzunehmen, dass ein Mensch des Nämlichen dadurch theilhaft werde, enthielt eine Lächerlichkeit, und Norbert Hanold scheute augenblicklich weit mehr als vor einer Todesgefahr davor zurück, sich lächerlich zu machen. Desshalb gab er unwillkürlich den Versuch, davonzukommen, auf, stand rathlos da und sah auf die beiden Füsse, die jetzt, als ob sie etwas in eine Ungeduld geriethen, leicht hin und her schlenkerten. Und da auch dieser Anblick nicht grade so klärend auf seine Gedanken einwirkte, dass er einen sprachlichen Ausdruck für sie finden konnte, nahm die Besitzerin der zierlichen Füsse nochmals das Wort: »Wir wurden vorhin unterbrochen, du wolltest mir etwas von Fliegen erzählen – ich dachte mir, dass du hier wissenschaftliche Untersuchungen anstelltest – oder von einer Fliege in deinem Kopf. Ist dir's geglückt, sie auf meiner Hand zu erwischen und umzubringen?«

Das Letzte sagte sie mit einem lächelnden Zug um die Lippen, der indess so leicht und anmuthig war, dass er nichts Schreckhaftes an sich trug. Im Gegentheil verlieh er dem Befragten jetzt Sprechfähigkeit, nur mit der Beschränkung, dass der junge Archäolog auf einmal nicht wusste, welches Pronomens er sich eigentlich bei seiner Antwort bedienen solle. Um diesem Dilemma zu entkommen, fand er's am besten, überhaupt keines anzuwenden, sondern erwiderte: »Ich war – wie Jemand sagte – etwas verwirrt im Kopf und bitte um Verzeihung, dass ich die Hand derartig – wie ich so sinnlos sein konnte, ist mir nicht begreiflich – aber ich bin auch nicht im stande, zu begreifen, wie ihre Besitzerin mir meine – meine Unvernunft mit meinem Namen vorhalten konnte.«

Die Füsse der Gradiva hielten in ihrer Bewegung inne, und sie entgegnete, bei der Anrede in der zweiten Person verbleibend: »So weit ist dein Begreifen also noch nicht vorgeschritten, Norbert Hanold. Wunder nehmen kann's mich allerdings nicht, da du mich lange daran gewöhnt hast. Um die Erfahrung wieder zu machen, hätte ich nicht nach Pompeji zu kommen gebraucht, und du hättest sie mir um gut hundert Meilen näher bestätigen können.«

»Um hundert Meilen näher« – wiederholte er verständnisslos und halb stotternd – »wo ist das?«

»Deiner Wohnung schräg gegenüber, in dem Eckhaus, an meinem Fenster steht ein Käfig mit einem Canarienvogel.«

Wie eine Erinnerung aus einer weiten Ferne rührte das letzte Wort den Hörer an, der es wiederholte: »Ein Canarienvogel –« und er fügte, noch entschiedener stotternd, hinzu: »Der – der singt?«

»Das pflegen sie zu thun, besonders im Frühling, wenn die Sonne wieder warm zu scheinen anfängt. In dem Haus wohnt mein Vater, der Professor der Zoologie Richard Bertgang.«

Norbert Hanold's Augen erweiterten sich zu einer noch niemals von ihnen erreichten Grösse. Er sprach abermals nach: »Bertgang – dann sind Sie – sind Sie – Fräulein Zoë Bertgang? Die sah aber doch ganz anders aus –«

Die beiden herabhängenden Füsse fingen wieder ein wenig an zu schlenkern, und Fräulein Zoë Bertgang sprach dazu: »Wenn du die Anrede passender zwischen uns findest, kann ich sie ja auch anwenden, mir lag nur die andere natürlicher auf der Zunge. Ich weiss nicht mehr, ob ich früher, als wir täglich freundschaftlich miteinander herumliefen, gelegentlich uns zur Abwechslung auch knufften und pufften, anders ausgesehen habe. Aber wenn Sie in den letzten Jahren einmal mit einem Blick auf mich Acht gegeben hätten, wäre Ihren Augen vielleicht aufgegangen, dass ich schon seit längerer Zeit so aussehe. – Nein, jetzt schüttet's, wie man bei uns sagt, Schusterjungen, da behalten Sie keinen trockenen Faden.«

Nicht nur die Füsse der Sprecherin hatten auf eine Erneuerung der Ungeduld in ihr oder was es sonst sein mochte, hingedeutet, auch in den Tonfall ihrer Stimme war ein bischen von lehrhaft unmuthiger Anzüglichkeit gerathen und Norbert dabei von einem Gefühl überkommen worden, dass er Gefahr laufe, etwas in die Rolle eines ausgescholtenen und auf den Mund geschlagenen grossen Schuljungen zu verfallen. Das liess ihn mechanisch noch einmal nach einem Ausweg zwischen den Pfeilern suchen, und auf seine Bewegung, durch welche er diesen Antrieb kundgegeben, hatte sich die letzte, gleichmüthig nachgefügte Aeusserung Fräulein Zoë's bezogen. Und allerdings in unanfechtbar zutreffender Weise, denn für das, was sich jetzt ausserhalb des Schutzdaches zutrug, war ›schütten‹ eigentlich eine gelinde Bezeichnung. Ein tropischer Wassersturz, wie er sich nur selten einmal des sommerlichen Durstes der campanischen Gefilde erbarmte, schoss senkrecht herunter, rauschte, als ergiesse sich das tyrrhenische Meer vom Himmel her auf die Villa des Diomedes, und stand andrerseits wie eine feste, aus Milliarden nussgrosser und perlenhaft blinkender Tropfen zusammengefügte Mauer da. Das machte in der That ein Entkommen in die freie Luft hinaus zur Unmöglichkeit, zwang Norbert Hanold, in der Schulstube des Porticus zu verbleiben, und die junge Lehrmeisterin mit dem feinen, klugen Gesicht benützte diesen Riegelverschluss zu einer noch weiteren Fortsetzung ihrer pädagogischen Erörterungen, indem sie nach einer kurzen Pause fortfuhr:

»Damals, so bis um die Zeit, in der man uns, ich weiss nicht wesshalb, Backfische titulirt, hatte ich mir eigentlich eine merkwürdige Anhänglichkeit an Sie angewöhnt und glaubte, ich könnte nie einen mir angenehmeren Freund auf der Welt finden. Mutter und Schwester oder Bruder hatte ich ja nicht, meinem Vater war eine Blindschleiche in Spiritus bedeutend interessanter als ich, und etwas muss man, wozu ich auch ein Mädchen rechne, wohl haben, womit man seine Gedanken und was sonst mit ihnen zusammenhängt, beschäftigen kann. Das waren also Sie damals; doch als die Alterthumswissenschaft über Sie gekommen war, machte ich die Entdeckung, dass aus dir – entschuldigen Sie, aber Ihre schickliche Neuerung klingt mir doch zu abgeschmackt und passt auch nicht zu dem, was ich ausdrücken will – ich wollte sagen, da stellte sich heraus, dass aus dir ein unausstehlicher Mensch geworden war, der, wenigstens für mich, keine Augen mehr im Kopf, keine Zunge mehr im Mund und keine Erinnerung mehr da hatte, wo sie mir an unsere Kindheitsfreundschaft sitzen geblieben war. Darum sah ich wohl anders aus als früher, denn wenn ich ab und zu in einer Gesellschaft mit dir zusammenkam, noch im letzten Winter einmal, sahst du mich nicht, und noch weniger bekam ich deine Stimme zu hören, worin übrigens keine Auszeichnung für mich lag, weil du's mit allen Andern ebenso machtest. Ich war Luft für dich, und du warst mit deinem blonden Haarschopf, an dem ich dich früher oft gezaust, so langweilig, vertrocknet und mundfaul wie ein ausgestopfter Kakadu und dabei so grossartig wie ein – Archäopteryx heisst das ausgegrabene vorsintflutliche Vogelungethüm ja wohl. Nur dass dein Kopf eine ebenfalls so grossartige Phantasie beherbergte, hier in Pompeji mich auch für etwas Ausgegrabenes und wieder lebendig Gewordenes anzusehn – das hatte ich nicht bei dir vermuthet, und als du auf einmal ganz unerwartet vor mir standest, kostete es mich zuerst ziemliche Mühe, dahinter zu kommen, was für ein unglaubliches Hirngespinnst deine Einbildung sich zurechtgearbeitet hatte. Dann machte mir's Spass und gefiel mir auch trotz seiner Tollhäusigkeit nicht so übel. Denn, wie gesagt, das hatte ich bei dir nicht vermuthet.«

Damit beendete Fräulein Zoë Bertgang, am Schluss im Ausdruck und Ton etwas abgemildert, ihre rückhaltlose, ausführliche und lehrreiche Strafrede, und merkwürdig in der That war's, wie genau sie dabei dem Reliefbildniss der Gradiva glich. Nicht nur in den Gesichtszügen, der Gestalt, den mit klugem Ausdruck blickenden Augen, dem reizvoll gewellten Haar, wie in der mehrfach zur Schau gestellten graciösen Gangweise; auch ihre Gewandung, Kleid und Kopftuch aus einem crêmefarbigen, feinen, viel- und weichfaltigen Kaschmirstoff vollendeten die ausserordentliche Aehnlichkeit der gesammten Erscheinung. Es mochte viel Thorheit in dem Glauben gelegen haben, dass eine vor zwei Jahrtausenden vom Vesuv verschüttete Pompejanerin zeitweilig wieder lebend herumgehen, sprechen, zeichnen und Brod essen könne, aber wenn der Glaube selig machte, nahm er überall eine erhebliche Summe von Unbegreiflichkeiten in den Kauf. Und in Berücksichtigung sämmtlicher Umstände lagen unstreitig bei der Beurtheilung der Kopfverfassung Norbert Hanold's doch einige Milderungsgründe für die Verrücktheit vor, dass er zwei Tage lang die Gradiva als Rediviva angesehen hatte.

Obwohl er trocken unter dem Porticusdach dastand, liess sich doch nicht ganz unzutreffend ein Vergleich zwischen ihm und einem begossenen Pudel anstellen, dem eben ein voller Wasserkübel über den Kopf geschüttet worden. Allein eigentlich hatte das kalte Brausebad ihm wohlgethan. Ohne recht zu wissen, warum, fühlte er seine Brust davon wesentlich zu besserem Athemholen erleichtert. Dazu mochte freilich besonders die Tonumänderung am Schlusse der Predigt – denn die Rednerin sass wie auf einem Kanzelstuhl – mit beigetragen haben, wenigstens war bei ihr zwischen seine Lider ein verklärender Schimmer gerathen, wie er aus den Augen andächtig ergriffener Kirchenbesucher die erweckte Hoffnung auf ein Seligwerden durch den Glauben zum Vorschein bringt. Und da die Abkanzlung nun überstanden war, ohne dass eine weitere Fortsetzung zu befürchten schien, gelang's ihm, vom Mund zu bringen: »Ja, nun erkenne ich – nein, im Grunde hast du dich garnicht verändert – du bist es, Zoë – meine gute, fröhliche, klugsinnige Kameradin – das ist höchst sonderbar –«

»Dass Jemand erst sterben muss, um lebendig zu werden. Aber für die Archäologie ist das wohl nothwendig.«

»Nein, ich meine dein Name –«

»Warum ist der sonderbar?«

Der junge Archäolog erwies sich nicht nur in den klassischen Sprachen, sondern auch in der Etymologie der germanischen bewandert und versetzte: »Weil Bertgang mit Gradiva gleichbedeutend ist und ›die im Schreiten Glänzende‹ bezeichnet.«

Die beiden sandalenähnlichen Schuhe Fräulein Zoë Bertgang's erinnerten augenblicklich durch ihre Beweglichkeit gradezu an eine ungeduldig wippende, auf etwas wartende Bachstelze; doch sprachwissenschaftliche Erläuterungen schienen nicht das zu sein, worauf die Inhaberin der im Schreiten glänzenden Füsse gegenwärtig ihr Augenmerk verwendete. Auch durch ihre Miene erregte sie den Eindruck, mit irgend einer hurtigen Ausführung umzugehen, ward davon indess noch durch einen hörbar aus tiefster Ueberzeugung heraufkommenden Ausruf Norbert Hanold's abgehalten: »Aber welches Glück, das du nicht die Gradiva bist, sondern so, wie die sympathische junge Dame!«

Das liess einen Zug wie aufhorchender Verwunderung über ihr Gesicht gehen, und sie fragte: »Wer ist das? Wen meinst du?«

»Die dich im Haus des Meleager anredete.«

»Kennst du die?«

»Ja, ich hatte sie schon gesehen. Es war die erste, die mir vortrefflich gefallen hat.«

»So? Wo hast du sie denn gesehen?«

»Heut' Vormittags im Haus des Faun. Da thaten die Beiden auch etwas ganz Sonderbares.«

»Was thaten sie denn?«

»Sie sahen mich nicht und küssten sich.«

»Das war ja eigentlich recht vernünftig. Wozu sind sie sonst in Pompeji auf der Hochzeitsreise?«

Mit einem Schlage veränderte sich bei dem letzten Wort vor den Augen Norbert's das bisherige Bild, denn der alte Mauerrest lag leer geworden da, weil die, welche sich ihn zum Sitz, Lehrkatheder und Kanzel auserwählt gehabt, von ihm heruntergekommen war. Oder eigentlich geflogen, und zwar ebenfalls mit der eigenartig wiegenden Behendigkeit einer sich durch die Luft davonschwingenden Bachstelze, so dass sie schon wieder auf den Gradivafüssen stand, ehe der Blick ihren Niederflug mit Bewusstsein aufgefasst hatte. Und wie unmittelbar im Sprechen fortfahrend, sagte sie: »Nun hat der Regen aufgehört, zu gestrenge Herren regieren nicht lange. Das ist ja auch vernünftig, und so ist Alles wieder zur Vernunft gekommen, ich nicht am wenigsten, und du kannst Gisa Hartleben, oder welchen neuen Namen sie trägt, wieder aufsuchen, um ihr bei dem Zweck ihres Aufenthalts in Pompeji wissenschaftlich behülflich zu sein. Ich muss jetzt in den Albergo del Sole, denn mein Vater wird schon zum Mittagessen auf mich warten. Vielleicht treffen wir uns in einer Gesellschaft in Deutschland oder auf dem Mond noch einmal wieder. Addio.«

Das sprach Zoë Bertgang in dem durchaus artigen, doch auch ebenso gleichmüthigen Ton einer jungen Dame von bester Erziehung und stellte, den linken Fuss vorsetzend, nach ihrem Brauch die Sohle des rechten beinah senkrecht zum Weitergange auf. Da sie ausserdem in Anbetracht des draussen stark durchnässten Bodens mit der linken Hand ihr Kleid ein wenig in die Höh raffte, war das Ebenbild der Gradiva vollendet, und der auf kaum mehr als doppelte Armlänge von ihr entfernt Stehende nahm nur zum erstenmal eine ganz geringfügige Abweichung der lebendigen von der steinernen gewahr. Dieser fehlte etwas, das jene besass, und das augenblicklich besonders deutlich an ihr zu Tage trat, ein kleines Grübchen auf der Wange, darin sich ein winziger, nicht bestimmbarer Vorgang zutrug. Es hielt sich ein bischen gekraust und gefältelt, konnte damit einen Verdruss oder auch einen verhaltenen inneren Lachreiz, möglicherweise beides zusammen zum äusseren Ausdruck bringen. Darauf sah Norbert Hanold hin, und obwohl er nach dem ihm eben ausgestellten Zeugniss wieder völlig zur Vernunft gelangt war, mussten seine Augen doch nochmals einer optischen Täuschung unterliegen. Denn er stiess mit einem eigenthümlich über seine Entdeckung triumphirenden Ton aus: »Da sitzt die Fliege wieder!«

So absonderlich klang's, dass der verständnisslosen Hörerin, die sich nicht selbst anzusehen vermochte, unwillkürlich die Frage entflog: »Die Fliege – wo?«

»Da auf deiner Wange!« Und zugleich schlang der Antwortende plötzlich einen Arm um ihren Nacken und haschte diesmal nach dem von ihm so tief verabscheuten Insekt, das die Vision seinem Blick in dem Grübchen vorgaukelte, mit den Lippen. Offenbar indess ohne Erfolg, denn gleich danach rief er nochmals: »Nein, nun sitzt sie dir auf der Lippe!«, und damit wendete er blitzgeschwind seinen Fangversuch dieser zu, jetzt aber so lang ausdauernd, dass kein Zweifel darüber bleiben konnte, er gelange zur vollkommensten Erreichung seines Zweckes. Und merkwürdigerweise behinderte die lebendige Gradiva ihn diesmal durch nichts dabei, und als ihr Mund nach Ablauf von ungefähr einer Minute sich einmal genöthigt sah, tief nach Athem zu ringen, sagte sie, zur Sprachfähigkeit zurückversetzt, nicht: »Du bist wirklich verrückt, Norbert Hanold,« vielmehr liess ein überaus reizvolles Lächeln um ihre erheblich stärker als zuvor gerötheten Lippen erkennen, sie sei eher noch mehr von der vollständigen Gesundung seiner Vernunft überzeugt worden.

Die Villa des Diomedes hatte vor zwei Jahrtausenden in einer bösen Stunde sehr Schauerliches gesehen und gehört, doch gegenwärtig vernahm und gewahrte sie ungefähr eine Stunde lang nur Dinge, die sich nicht im allergeringsten zur Einflössung eines Grausens eigneten. Dann jedoch machte sich einmal bei Fräulein Zoë Bertgang eine verständige Besinnung geltend, und in Folge davon gerieth ihr, eigentlich wider Wunsch und Willen, vom Mund: »Jetzt aber muss ich wirklich gehen, sonst verhungert mein armer Vater. Mich däucht, du kannst heute auf die Mittagsgesellschaft Gisa Hartleben's verzichten, da du nichts mehr von ihr zu lernen hast, und nimmst am besten mit in der Sonnenwirthschaft vorlieb.«

Daraus liess sich auf Einiges schliessen, das während der Stunde unter vielem Anderm mit zur Rede gekommen sein musste, denn es wies auf eine hülfreiche Lehrthätigkeit hin, die Norbert von der genannten jungen Dame zu Theil geworden. Doch fasste er aus den mahnenden Worten nicht dies auf, sondern etwas zum erstenmal ihm erschreckend ins Bewusstwerden Kommendes, das sich durch die Wiederholung kundgab: »Dein Vater – was wird der –?«

Fräulein Zoë fiel indess, ohne irgend ein Anzeichen in ihr dadurch erweckter Beunruhigung, ein: »Wahrscheinlich wird er nichts, ich bin kein unentbehrliches Stück in seiner zoologischen Sammlung; wär' ich das, hätte sich mein Herz vielleicht nicht so unklug an dich gehängt. Im Uebrigen bin ich mir schon von frühauf darüber klar gewesen, dass ein Frauenzimmer auf der Welt nur zu etwas nützt, wenn sie einem Mann die Mühe abnimmt, zu bestimmen, was im Hause geschehen soll; die erspare ich meinem Vater fast stets, und du kannst nach dieser Richtung also auch für deine Zukunft ziemlich beruhigt sein. Sollte er jedoch zufällig einmal und grade in diesem Fall eine andere Meinung haben als ich, da machen wir's so einfach wie möglich. Du fährst für ein paar Tage nach Capri hinüber, fängst dort mit einer Grasschlinge – wie man's macht, kannst du an meinem kleinen Finger einüben – eine Lacerta faraglionensis, lässt sie hier wieder laufen und fängst sie vor seinen Augen noch einmal. Dann stellst du ihm die Wahl frei zwischen ihr und mir, und du hast mich so sicher, dass es mir beinah' um dich leid thut. Gegen den Collegen Eimer aber, fühle ich heut', hab' ich mich bisher undankbar verhalten, denn ohne seine geniale Eidechsenfang-Erfindung wäre ich wahrscheinlich nicht in das Haus des Meleager gekommen, und das wäre doch schade gewesen, nicht nur für dich, sondern auch für mich.«

Dieser letzten Ansicht gab sie bereits ausserhalb der Villa des Diomedes Ausdruck, und leider war kein Mensch mehr auf Erden vorhanden, der über die Stimme und Sprechweise der Gradiva irgend welche Angaben machen konnte. Doch wenn auch sie denen des Fräuleins Zoë Bertgang ebenso wie alles Sonstige geglichen hatten, mussten sie einen ganz ungewöhnlich schönen und schalkhaften Reiz besessen haben.

Von dem ward wenigstens Norbert Hanold so stark überkommen, dass er, ein wenig zu poetischem Aufschwung emporgetragen, ausrief: »Zoë, du liebes Leben und liebliche Gegenwart – unsere Hochzeitsreise machen wir nach Italien und Pompeji!«

Das bildete einen entschiedenen Beleg für die Erfahrung, wie sehr veränderte Umstände auch eine Umwandlung im Menschengemüth herbeiführen und zugleich eine Gedächtnissschwächung damit verbinden können. Denn es kam ihm gar nicht in den Sinn, dass er sich und seine Begleiterin auf jener Reise dadurch der Gefahr aussetzen werde, von misanthropisch-missmuthigen Eisenbahngenossen die Namen August und Grete zu empfangen; aber er dachte daran augenblicklich so wenig, wie dass sie Hand in Hand mit einander durch die alte Gräberstrasse von Pompeji dahingingen. Freilich drängte diese sich auch gegenwärtig der Empfindung nicht mehr als solche auf; wolkenloser Himmel leuchtete und lachte wieder über ihr, die Sonne deckte ein goldenes Teppichgewirk auf die alten Lavaplatten, der Vesuv breitete seine duftige Pinienkrone aus, und die ganze ausgegrabene Stadt erschien, statt mit Bimssteinen und Asche, von dem wohlthätigen Regensturz mit Perlen und Diamanten überschüttet. Mit den letzteren wetteiferte auch ein Glanz in den Augen der jungen Zoologentochter, doch ihre klugen Lippen entgegneten auf den kundgegebenen Reisezielwunsch ihres gewissermassen gleichfalls aus der Verschüttung wieder ausgegrabenen Kindheitsfreundes: »Darüber, denke ich, wollen wir uns heute nicht den Kopf zerbrechen; das ist eine Sache, die wohl besser von uns Beiden erst noch öfter in reiflichere Erwägung gezogen und künftigen Eingebungen überlassen wird. Ich fühle mich wenigstens zu solcher geographischen Entscheidung jetzt doch noch nicht völlig lebendig genug.«

Das zeugte auch von einer der Sprecherin innewohnenden grossen Bescheidenheit hinsichtlich der Beurtheilung ihres Einsichtsvermögens in Dinge, über die sie bis heute noch nie nachgedacht hatte. Sie waren an das Herculesthor zurückgelangt, wo am Anfang der Strada Consolare alte Trittsteine die Strasse überkreuzten. Norbert Hanold hielt vor ihnen an und sagte mit einem eigenthümlichen Klang der Stimme: »Bitte, geh' hier vorauf!« Ein heiter verständnissvoll lachender Zug umhuschte den Mund seiner Begleiterin, und mit der Linken das Kleid ein wenig raffend, schritt die Gradiva rediviva Zoë Bertgang, von ihm mit traumhaft dreinblickenden Augen umfasst, in ihrer ruhig-behenden Gangart durch den Sonnenglanz über die Trittsteine zur anderen Strassenseite hinüber.

Illustration from Gradiva: Ein pompejanisches Phantasiestück
Illustration from Gradiva: Ein pompejanisches Phantasiestück

* Druck von * Kamm & Seemann * in Leipzig. *

Anmerkungen zur Transkription:

Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle steht.

Seite 1: andrerseit sindess augenscheinlich keine Frau, andrerseits indess augenscheinlich keine Frau,

Seite 10: Doch auch hier machten zumeisf lange Doch auch hier machten zumeist lange

Seite 12: Schwefeldunst in der Luft, ohne davo nam Athmen Schwefeldunst in der Luft, ohne davon am Athmen

Seite 17: ihre Gangart ins Gedächtnis zurückzurufen. ihre Gangart ins Gedächtniss zurückzurufen.

Seite 50: atria, peristyla und tablina ihre vollsten Strahlengarben atria, peristylia und tablina ihre vollsten Strahlengarben

Seite 53: di Mercurio, durchschnitt die breitere, zur Rechten di Mercurio durchschnitt die breitere, zur Rechten

Seite 57: sondern einem leicht ins Gebliche fallenden warmen sondern einem leicht ins Gelbliche fallenden warmen

Seite 72: dem ersten besten Wege zielloss davongewandert, dem ersten besten Wege ziellos davongewandert,

Seite 75: sich leicht hierin und dorthin verneigend, einen sich leicht hierhin und dorthin verneigend, einen

Seite 80: dass zugleich todt und lebendig, wenn auch dies das zugleich todt und lebendig, wenn auch dies

Seite 89: So habe ich mir dein Bild benannt, da ich »So habe ich mir dein Bild benannt, da ich

Seite 97: Ostende der langestreckten alten Stadtmauer; in Ostende der langgestreckten alten Stadtmauer; in

Seite 104: eine absondere Bewandniss haben, denn ihr Duft eine absondere Bewandtniss haben, denn ihr Duft

Seite 106: logisch, auch ebenso wünschenwerth geltend. Nur logisch, auch ebenso wünschenswerth geltend. Nur

Seite 118: Jahre in der Bimsteinasche gelegen, enthielt im Jahre in der Bimssteinasche gelegen, enthielt im

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