Grabbes doppeltes Gesicht von Manfred Georg
Reading edition
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Edwin Runge, Verlagsbuchhandlung Berlin-Lichterfelde
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Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
Meinem Vater
Wer kennt nicht auf den Schulhöfen die Jungens, die abseits vom lärmenden Spiel der Altersgenossen ihre Pausen kümmerlich vertrauern? Die gedrückter noch scheinen in der freien Luft und in der Losgebundenheit der Freizeit als auf den Bänken der Klassenzimmer? Und die doch abends in den Stuben dahinträumen, mit unglücklichen und glänzenden Augen zugleich, die in Sehnsucht und phantastischem Wunsch inneren Welten zugekehrt erscheinen. Meist linkisch, verschüchtert verschwenden sie sich, wenn sie aus ihrer Zurückhaltung hervorgereizt werden, in einem kurzen, besinnungslosen Kraftrausch und leben dann zusammensinkend eine Jugend, die mehr von außen bestimmt ist, als sie ahnen und wahrhaben wollen. Die Welt des Knabentums, von Abenteuern und Wundern riesig erfüllt, lockt sie an. Sie glänzt in die Gesichte des Schlafs, wird Wirklichkeit in einsamen Spielen und erhält Bestätigung in den heimlich verschlungenen Büchern. Aber wo diese Knaben in den harten Rhythmus des hellen Tages geraten, da werden sie nach scharfem Zusammenprall rasch wieder ausgeschieden und kehren, um die Erfahrungen der Realität reicher und ärmer in eins, in ihre unsichtbare Welt zurück.
Jetzt aber fängt im Lauf der Jahre ihr Schicksal an abzurollen. Nach innen wird alles in ihnen weich, aufblühend, empfänglich. Nach außen aber krustet sich Schale für Schale
Wo Lieblosigkeit der Grundzug einer Zeit ist, da müssen die großen menschlichen Kräfte, die in ihr sich auswirken, verkümmern. Denn Zeiten der Lieblosigkeit sind Zeiten der Disharmonie, in denen nur der Durchschnitt einen Anschluß an das alltägliche Glück findet, weil er in seiner Bedürfnislosigkeit nicht merkt, wie die Welt um ihn aus den geistigen Fugen
Wir sind im ersten Viertel dieses Jahrhunderts aus dem latenten Stadium der Krise, die seit Hegels, des letzten Systematikers, Tode begonnen hat, in das akute getreten. Die bürgerliche Sicherheit der Volksseele, im Glauben und in Ideologien verwurzelt, ist dahin. Der die Allgemeinheit einigende Grundzug, der große gemeinsame Nenner, ist die Unsicherheit geworden. Im Grunde gibt es heute überhaupt keine Bürger mehr, wenn auch noch Kämpfe gegen täuschend ähnliche Attrappen geführt werden. Wir haben verzweifelnde Gelehrte, Schieber, Ekstatiker, religiös inbrünstig Suchende, politische Fanatiker, aber keine Bürger. Wenigstens soweit irgendeine Aktivität in Frage kommt. Und alle ringen um eine neue Metaphysik, hoffen auf einen Propheten, erwarten den Retter schlechtweg.
Zeiten des Sturzes, Zeiten des Übergangs. Blickt man von ihnen ins Tal der Vergangenheit, wird man doppelt scharf die Gestalten gewahr, die in ähnlichem Zwielicht ihr Leben lebten. Über die verflammende Epoche der Klassik vor hundert Jahren fielen schon die Schatten des aufgehenden Zeitalters der Vertatsächlichungen, das bis zu unseren Stunden des völligen Zusammenbruchs jedes geistigen Himmels andauerte. (Um Mißverständnisse zu vermeiden: nicht unter dem fürchtenden Gesichtspunkt „Die Sintflut über uns“, sondern unter dem hoffenden
Von ihnen, die uns heute nahe sind, hatte der am 11. Dezember 1801 in Detmold geborene Zuchtmeisterssohn Christian Dietrich Grabbe eines der schönsten und furchtbarsten Gesichter
Dies merkwürdige Antlitz gibt, ohne daß damit die physiognomische Bedeutung übertrieben werden soll, die beste Illustration zu dem ganzen Wesen Grabbes. Er kommt aus einer Familie, die gerade den Fuß auf die unterste Stufe der Treppe zum sozialen Aufstieg setzte. Der Vater hat schon kleine Rentnergepflogenheiten, ein Fleckchen Grün vor der Stadt und im Herzen den Ehrgeiz, der Sohn solle etwas Besseres als er werden. Dumpfe Proletarierluft umwittert sein Gewerbe, und aus dieser Luft ist Grabbe der Sohn letzten Endes nie herausgekommen. Von früh an ist sein Inneres nächtig von Groll, und sein Streben trägt stets jenen Zug der Gewaltsamkeit,
In der Schule geht es los. Grabbe fühlt sich sofort im Gegensatz zu den anderen Kameraden, für die das Gymnasium die Regel ist. Für ihn ist es Ausnahme, Gnade, erlangt nicht ohne Hilfe von außen. Er lernt, liest, bohrt sich in die Dinge hinein, unbewußt dem alten Spruch vom Wissen als Macht nachgierend und erlangt im Handumdrehen jeden Vorsprung, der erreichbar ist. Gleichzeitig lodert die Phantasie seines Genies auf und verbrennt ihn bis ins Mark. Ausgerissene Schulheftseiten füllen sich mit Dramenentwürfen. Eine Sehnsucht nach Außerordentlichem läßt ihn schon jetzt die angelernten Formen zersprengen. Daneben wirkt sich in der Zwangsarbeit der Schule bunt die eben erfahrene Welt Shakespeares aus, und über manche Aufsätze schlägt der biedere Deutschlehrer, der Herr Rat Falkmann, voll Verwunderung die Hände über dem Kopf zusammen. „Grabbe, wo haben Sie das her?“ ruft er einmal aus. „Es ist ja, als ob man etwas von Calderon oder Shakespeare lese.“
Dies die eine Seite. Frühzeitig wird der Unreife gehuldigt. Kleinstädtische Glorie glänzt um den begabten Schüler auf. Aber er ist kein prinzlicher Liebling der Götter, der im Flug Kenntnisse und Lob am Wege aufliest. Schon der Sechzehnjährige sitzt bis tief in die Nacht hinein und hält sich mit Kaffee wach. Übermaß der Leistung fordert früh ein Übermaß der Anstrengung von ihm. Dabei wahrt er nach außen die leichte Geste. Präpariert aufs peinlichste exakt den Cäsar, kommt aber jemand, so deckt er Buch und Wörterlexikon mit alten Romanen zu. Dabei verachtet er im Grunde seine Mitschüler. Spielt abseits von ihnen in einsamen Zimmern mit Bohnen und Knöpfen die Schlachten der napoleonischen Weltgeschichtsgegenwart und mischt sich nicht in den albernen Übermut
Vorzügliche Zeugnisse in der Tasche, die Brust übervoll von Plänen zieht Grabbe nach Leipzig. Der Lärm von „Klein-Paris“ betäubt ihn. Erregt wirft er sich in den Strudel des großstädtischen Treibens. Aber bald finden wir ihn wieder abgeschwemmt. Soviel Briefe und Aufzeichnungen er geschrieben hat, unbedingte Ehrlichkeit ist nur selten in ihnen. Mit Kraftworten überstreicht er groß die Fassade seines Lebens, nur später, wenn ihn sein furchtbares Schicksal manchmal über jede Barmherzigkeit beutelt, schreit die gequälte Kreatur in ihm auf. Jetzt in Leipzig führt er sich als der geheimnisvolle Poet ein. Das von Brutalität und Sehnsucht überschäumende „Gothland“ ist in der Arbeit. Seine ersten Szenen platzen, eine Bombe, in das sentimentale Literaturidyll dieser Epigonenepoche, und als der Rauch sich vollzieht, zeigt sich der kleine Detmolder mit der olympisch hohen Stirn und den hungrigen Augen dahinter: der Proletarier, der täppisch durch die Salons stolpert und sich, die Eltern verleugnend, hinter einer „geheimnisvollen Abkunft“ verbirgt. Aber dem ungeheuren Eigensinn dieses Menschen wird auch das bald zu bunt. Was Burschenschaft, Jurisprudenz, Teenachmittage! Er speit die Zeit aus. Ohne ihre Gründe und Abgründe, aber auch ohne die ersten Weiser auf die Höhen wieder hinauf zu sehen. Im Messerummel, beim Schmatzen und Witzereißen bäurischer Wurstschmäuse strolcht er, Versblöcke im Busen, Wolkenfluggedanken hinter der Stirn, wohlig einher. Theater und Kneipe werden die Pole des Tages. Der Lebensberauschte verliert
Einstweilen aber siedelt Grabbe als Dichter des „Gothland“ nach Berlin über, nachdem ein plötzlicher Versuch, am Leipziger Stadttheater Schauspieler zu werden, ergebnislos verlaufen war. Hier erfolgt die letzte Überarbeitung des Werkes. Die Aufnahme ist laut. Dem Einundzwanzigjährigen wird es schwindlig vor Augen. Er ist im Nu bekannt. Bezeichnend ist es, was er an seinen Vater schreibt: „Mein Werk schafft mir allmählich immer mehr Freunde, Bekannte und Bewunderer, besonders lerne ich dadurch viele Adlige kennen; einer ist darunter, mit dem ich fast alle Donnerstagabend esse. Das Stück ist aber so ausgezeichnet und groß, daß sie mir raten, ich müßte es nur außerordentlich geistreichen Männern zeigen, weil das gewöhnliche Volk es nicht verstünde. Ein Dr. Gustavs sagte mir, daß mir meine Sachen, wenn erst eins gedruckt wäre, sehr teuer bezahlt werden würden.“
Glück, Renommage, Taktik sind in diesen wenigen Zeilen zur Einheit verbunden. Das geschmeichelte Gefühl des sozialen Emporkömmlings verschwistert sich mit dem Wunsche, dem Vater auch den handgreiflichen Vorteil des statt des Studiums gewählten Berufs klarzumachen. Und der gute, alte Mann, von Gerüchten schon aufgestachelt, die dem Brief des Sohnes vorausgeeilt sind, geht auch ganz auf die Tonart ein: „Ein Seminarist hat erzählt, Du hättest eine Komödie gemacht, die erst nach Schillers Stil entworfen wäre; diese hättest Du
Leider war dies durchaus nicht der Fall. Eine günstige Äußerung Tiecks bläst ihm Wind in die Segel des Übermuts. Die Saufgelage bei Lutter und Wegner, in dem von E. T. A. Hoffmann bis Matkowski als Musenstätte gültigen Weinkeller der Berliner Künstler, geben mit ihren historischen Mitspielern, den Koechy, v. Uechtritz, Heine u. a. den Hintergrund des Berliner Lebens Grabbes, das oft ein rasendes Arbeiten an den Vormittagen war — „Nannette und Marie“, die Shakspearo-Manie, — „Marius und Sulla“ entstehen, — oft aber auch ein Hindämmern in Kopfschmerz, Schnapsseligkeit und Weiberbetten. Inmitten des glänzenden Aufstiegs beginnt schon jetzt, noch vor den Hauptwerken, der innere Zusammenbruch
Sie waren schließlich dahin. Riesige Entwürfe im Herzen türmend, doch mit dürren, vom Entbehren unsicheren Fingern schreibt Grabbe, nicht imstande sich eine Feder zu kaufen, mit einem abgebrochenen Streichhölzchen jenen grandiosen, allerdings nicht abgeschickten Brief der Verzweiflung an den Kronprinzen
Das ist der ganze Grabbe, der Mensch mit dem doppelten Gesicht, von dem nie jemand wußte, ob das zur Stunde aufgesetzte das innerlich wahre war, das war der Grabbe, der sich in Leipzig einen wohlmeinenden Rat, der ihn überdies mit seiner Tochter verbinden wollte, in Gohlis beim Essen anschnob: „O Gott, o Gott! lassen Sie mich zufrieden — der schöne Eierkuchen wird mir ganz kalt durch Ihr ewiges Sprechen — ich habe jetzt keine Zeit zu hören!“
Einstweilen zeigte sich freilich das Schicksal noch freundlich. Grabbe reißt sich zusammen, macht sein Staatsexamen, wird bald Auditeur in der Lippeschen „Armee“ und ist für die Bürgerschaft der „berühmte Sohn der Stadt“, nach dem sich die Köpfe bei Bällen, Konzerten und im Theater umwenden. Und Grabbe festigt seinen jungen Ruf. Hatte er sich in „Gothland“ im tumultuösen Donner angekündigt, so macht er sich jetzt freier von Lärm und Schlacke. Es ist merkwürdig, daß die Mediziner und Literaturgeschichtsschreiber, die alles auf Neurasthenie und Jugendgenialität abstellen, immer im innerlich, wenn auch nicht künstlerisch unreifsten Werk schon steckenbleiben. Man sieht eben Grabbe nur als Kuriosum, nicht als Menschen, der sich entwickelt wie jeder andere, freilich unter den Bedingungen seiner Zeit, die man bis jetzt fast gar nicht beachtet hat. Um die Dreißig herum sprüht seine Kraft am stärksten und erschöpft sich fast auch zugleich. Er vollendet „Don Juan und Faust“, die beiden Hohenstaufendramen „Heinrich der Sechste“ und „Friedrich Barbarossa“ und
Ohne Milderung ist das Leben für Grabbe. Keine Frauenhand liegt tröstend und die heiße Schläfe kühlend auf seiner Stirn. Frauen pflegen solchen Menschen auszuweichen. Ihnen fehlt das Empfindsame, das sie mit der grotesken Wildheit und animalischen Lust versöhnt. Ihnen fehlt auch das Unnahbar-Heroische. Danton und Robespierre konnten Frauen
Und doch war er kein Toggenburg etwa. Er empfand sein Mißverhältnis zur Frau nicht als unterlegener, bittender Jüngling, sondern als geistiger Mann. Aber es war keine Sicherheit in ihm. Das machte ihn doppelt unbeholfen, zwang ihn auch hier, sein wahres Gesicht zu verstecken. Er suchte im Grunde keine Geliebte, sondern die Wirtschafterin, war aber zu feige, sich das einzugestehen. So mimte er voll Eifer, der ihm selbst Ernst dünkte, den unglücklichen Liebhaber vor zwei braven Köchinnennaturen, einer ungebildeten und einer halbgebildeten kleinbürgerlichen Frau. Die noch dazu von strammen Schenkeln waren und denen der von frühen Lüsten ausgezehrte Grabbe keine großen Freuden bieten konnte. Aber beide reizte sein Ruhm. Aber was soll man zu einem Grad der Dummheit sagen, die Szenen macht, weil auf einem Spaziergang Grabbe, der als Auditeur Offiziersuniform trägt, einem Posten das Salutieren abwinkt und das Bräutchen dadurch um eine untertänige Habt-Acht-Stellung kommt. Die Verlobung mit diesem Mädchen, das schließlich einen Blaufärber heiratet, geht unter fürchterlichen Szenen und Nervenkrisen auf beiden Seiten zu Ende. Aber Grabbe ist nicht gewarnt. Instinktlos tappt er im März 1832 in die Ehe mit Luise Clostermeier.
Sie wird eine der kläglichsten Tragikomödien. Wie in keiner grotesken Szene seiner Dichtung erreicht er nun in Wirklichkeit
„Hochgeschätzter Herr Auditeur!
Goethe schmückte zu Weimar vor einem Jahr den Sarg des Pius Alexander Wolff mit einer Blumenleier; wenn Sie sterben, schmücke ich denselben mit einer ähnlichen, umwinde sie aber noch mit einem weißen Atlasband, auf welchem mit großen goldenen Buchstaben Horazens Worte geschrieben: non omnis moriar!
Die Hoffnung, in nicht gewöhnlicher Umgebung mich einst rühmen zu dürfen, aus der eigenen Hand des Dichters der Hohenstaufen sein Werk (Grabbe hatte ihr den Barbarossa geschenkt) empfangen zu haben, beglückt mich jetzt schon, und nach diesem Geständnis wollen Sie die Größe meiner Dankbarkeit messen.“
Diese Frau schloß ihm nach der Ehe die Haustür zu, wenn er zu spät heimkam, graulte seine Mutter mit Schimpfkanonaden aus dem Haus und steigerte sich bis ins Megärenhafte, wenn es um Geld ging. Jene berühmte Szene, da sie dem
Die Ehe zerbricht nun ganz. Das höhnische Wutlächeln der Frau und die Schadenfreude des Detmolder Spießertums verschmelzen zu einem furchtbaren Gesicht, vor dem er kopfüber nach Frankfurt flieht. Im Reisesack schleppt er den „Hannibal“, die „Tragödie des verratenen Genies“, mit sich. Er sieht nicht nach rückwärts. Aber was er litt, schreit aus dem Satz, den er flehentlich an seine Frau in einem Brief nach Hause schreibt: „Laß meine Mutter, die soviel für mich getan hat, in Ehren! — Wärst du gut, wie vor der Ehe, könnte manches anders sein . . .“
Als ein Verwüsteter langt Grabbe in der Stadt Goethes an. Und das Schicksal hat sogleich einen neuen Blitz für ihn bereit. Sein Verleger Kettembeil fühlt sich als gefestigter Bürger
Das Verhältnis der beiden Dichter in Düsseldorf ist menschlich nicht ganz geklärt. Der formende Geist, dem aber der Funke fehlt, spannt den formlosen vor seinen Wagen. Der Theaterdirektor und Oberlandesgerichtsrat legt sich einen Herold zu, der in der Bestallung nur Anerkennung, nicht die zwecknützliche Absicht sieht. Einmal versucht Grabbe nun, ohne aufgesetzte Miene einherzugehen und ein kindlich offenes Gesicht zu zeigen. Er beugt sich vor dem Geheimrätlichen in Immermann und nimmt es als Väterliches, dem er sich offen aufschließt. Nun, da der Sand in seiner Lebensuhr mit letztem Rieseln rinnt, kommt eine vertrauensselige Einfachheit über ihn. Er schreibt Kritiken voll Eifer des Lobens, schreibt auch Rollen ab, um in mechanischer Arbeit sein ungezügeltes Temperament zu zähmen, feilt unter Immermanns stilstrengem Rat die ungefügen Kanten seiner Dramenblöcke ab und versucht das Wirtshaus zu meiden und in manierlicher Gesellschaft zierliche Konversation zu machen. Bis ihm plötzlich das rosenrote Bild schwarz erscheint, der Dienst an sich ein Dienst am Ruhme seines Wohltäters und ihm die Galle ins Blut tritt. Er erstarrt in alter Verbissenheit, Feindschaft bricht aus zwischen den beiden Männern, und doppelt heftig ist der Rückfall in die alte Wüstheit und Getriebenheit.
Aber das Gesicht wechselt nicht mehr mit. Die Muskeln, die es in seinen verschiedenen Zügen spannten, sind schlaff geworden. Die Schatten des Endes sind darüber gefallen. Es lohnt nicht mehr, sich einen Faltenwurf der Mienen zurechtzulegen. Das echte Antlitz bricht jetzt durch, das eines rasch gealterten, hilflosen Kindes. Das Leben Grabbes gleicht nun einem Marmorblock, aus dem der Schöpfer einen Kopf und zwei hungrig gen Himmel gestreckte Arme herausgemeißelt hat, aber alles übrige in der rohen Urform des Materials beließ. Und der beredte Mund wird stumm, da er nur noch die Wahrheit, die Erkenntnis des Vergeblichen aussprechen kann.
Typhusanfälle, Alkoholvergiftung, Rückenmarksschwindsucht sind die drei düsteren Plagen, die die Physis dieses Genies zermürben. Aber er weicht nicht. Mit der Beharrlichkeit proletarischen Trotzes sitzt er Abend für Abend ausgemergelt und hohl in der Kneipe „Zum Drachenfels“, im altmodisch braunen Frack, der dicht bis unter die Roßhaarkrawatte zugeknöpft ist, weil die Wäsche fehlt. Und ihm gegenüber, bis er unerwartet in Aachen stirbt, der geniale Musiker Norbert Burgmüller. Beide im Wein ihr hartes Los vergessend, beide stumm geworden. Dabei war innen in Grabbe noch blühenwollendes Land. Oder vielmehr nur der Abglanz einer Vision davon. Heimat und Vaterland locken und grüßen den dem Staube Zusinkenden noch einmal als Erde. Die Hermannschlacht, leuchtende Mythe seiner Generation, will er in Verse gießen, in ihrem Weh und Glück die grauen Farben der Zeit und die hellen der Zukunft aufleuchten lassen. „Ich betreibe jetzt die Vorstudien,“ schreibt er an einen Freund, „Teufel, da wächst was! Mein Herz ist grün vor Wald.“ Ein andermal: „Der Hermannschlacht unterliege ich fast. Die Studien dazu erschüttern mich fast.“ — „Das Stück zerreißt mir die Seele! Alle Täler, all das Grün, alle Bäche, alle Eigentümlichkeiten
Aber die Kraft fehlte. Um und um arbeitete Grabbe das Stück, und doch ward nur ein Schlachtenpanorama daraus, in dem Varus als bedeutend sympathischere Gestalt gegenüber einem Hermann steht, der unedel und im letzten Grunde auch unkühn ist. Da, wo unmittelbar an lippischen Boden die Sage verhaftet ist, haben ihre Gestalten Naturkraft. Wo der geistige Gegensatz aufklingt, klappert es bedenklich von Phrasen. Für Grabbe waren’s freilich silberne Trompeten, die sein versinkendes Glück umbliesen. Er ist wieder der Junge, der Weltgeschichte spielt, diesmal statt mit Vitsbohnen wie als Kind mit papierenen Dramenhelden.
In der Wirklichkeit des Alltags hat er nun jede Distanz verloren. Er schlüpft in Detmold wie ein krankes Tier unter. Sein Äußeres beschreibt Ziegler: „Er ging dahin, ein trauriger Aufzug. Seine Kleidung schien sehr abgetragen und saß sehr nachlässig. Der Rock war an den Ellenbogen sehr weiß geworden, und die weite schwarze Hose wehte melancholisch um seine dünnen Beine, die dunkle Weste war bis unter den Hals zugeknöpft, seine grobe Halsbinde ließ nichts Weißes sehen, und auf dem Kopf trug er eine alte grüne Mütze. In seinem ganzen Körper war kein Halt, er wankte so, daß man befürchten mußte, er möchte umfallen, nur langsam bewegte er sich fort, nach seiner Weise, wo er die Spitzen der Füße wie fühlend voraussetzte. — — Doch war in ihm ein schöner und edler Sinn, der nach freundlich edlen Lebensverhältnissen das heißeste Verlangen trug.“ Die aber sollten ihm nicht beschieden sein. In dem Hotel „Zur Stadt Frankfurt“, wo er
Es war ein regnerischer später Sonntagnachmittag. Der Wirtsraum erfüllt von einer trüben Stimmung, die schwer und körperlich sich zwischen den Wänden spannte. Auf den Tischen hatten die Biergläser ihre schlüpfrig breiten Ränderspuren zurückgelassen. Rauch zog dick durch die niedrige Stube. Am Boden breiteten sich kleine, schillernde Tümpel verschütteten Weines. Ganz Detmolds Honoratiorenschaft hockte dumpf und gelangweilt auf den fleckigen Schemeln. Man trank sich zu, die Köpfe schienen im Dunst größer, unförmiger zu werden. In einer Ecke flüsterten junge Burschen Politik und hielten zögernd inne, wenn der Fürstlich Lippesche Archivrat Binder seinen dicken Weißkopf wie horchend zu ihnen durch den Qualm bohrte. Mit sinkender Dunkelheit verrannen aber auch diese Gespräche in Einsilbigkeit. Nur das klippende Zusammenstoßen der Becher und das Klappern des Geschirrs in der Küche waren die einzigen hellen Laute in diesem Nebelmeer, das um die Köpfe der Zecher wogte. Die Zinkkannen auf dem Schenkbord blinkten wie Leuchtturmfeuer durch. Eine rot schwelende, stinkende Petroleumlampe kämpfte vergebens mit ihren kurzstrahligen Lichtfingern gegen die wallenden Schwaden.
Plötzlich wurde es am Mitteltisch laut. Eine grobe und eine ängstliche Stimme hoben sich deutlich ab. Dazwischen tönte Gelächter und Zuruf. Etliche sprangen auf, um zu sehen, um was man stritt. Der Archivrat Binder lag über den Tisch gebeugt und zerrte ein schmächtiges, vertrocknetes Männchen am Arm. Es wehrte sich ängstlich, und seine runden Knabenaugen, die tief in einem riesigen, von einem dünnblonden
„Also lest, Christian Dietrich, wir hören!“ Die Ellenbogen stemmten sich würdig in Positur, man stieß sich gegenseitig an, kicherte in sich hinein. Endlich zogen Grabbes zitternde Hände mehrere Bogen engbekritzelten, schmutzigen und eingerissenen Papiers hervor. Er glättete sie liebevoll, schob die Flaschen und
Und der Dichter fing an. Stockend, holpernd wand er sich von Satz zu Satz, von Szene zu Szene. Mitunter irrten seine Gedanken ab. Dann unterbrach er sich und flocht irgendeine Zote hinein. Die Tischgenossen quittierten dankbar mit einem Stampfen der Gläser. Sonst aber zogen sie enttäuschte Mienen. Über das Stottern und Rülpsen konnte man sich nicht allzulange ergötzen, und was dieses abgemagerte Rauhbein sonst las, schien recht verständlich, vernünftig, sogar auch, was man in Berlin und Düsseldorf „dichterisch“ genannt hatte, zu sein. Einige gähnten. Binder stützte leicht den Kopf in die Hand, um nicht zu zeigen, daß er die Augen geschlossen hatte. Allmählich wurde Grabbe sicherer. Seine Trunkenheit verflog vor dem kalten Hauch, der aus seinem Drama stieg. Noch einmal hatte er in dieses letzte Werk, das seine müde Seele
Da schlug ihm der Qualm eines niedergebrannten Stummels beizend in den Hals. Er schluckte, hustete, mußte sich unterbrechen. Als er seine Stimme nicht mehr hörte, weckte ihn die Stille jäh aus seinem herrlichen Traum. Fassungslos blickte er um sich. Die Tische mit den abgegessenen Tellern, die halbgeleerten Gläser, die umhergestreute Asche brachten ihn zur Besinnung. Nur wenige Gäste waren noch geblieben. Und die lagen, die Köpfe auf den Tischplatten, und schliefen. Eine Glatze blinkte fahl und wie höhnisch in dem ungewissen Licht. Der Rat Binder lag friedlich in seinen Stuhl zurückgelehnt und schnarchte. Ein schaler, abgestandener Geruch durchsäuerte die Luft. Grabbe wurde bis zum Hals hinunter totenweiß. Seine Finger knifften das Papier messerscharf zusammen. In der stickigen Hitze begann ihn zu frieren. Die Atemzüge der Schlafenden kreuzten sich und verflossen ineinander. Der Dichter sah immer noch mit einem halb verlegenen, halb verdutzten Lächeln um sich. Dann begriff er’s. Er hatte vor tauben Ohren gelesen. Das Blut schoß ihm mit solchem Ruck in Stirn und Wangen, daß es durch die Haut zu brechen schien; er wollte schreien, aber nur ein heiseres Winseln kroch aus seiner Kehle. Seiner selbst vor Scham und Wut nicht mehr mächtig, ergriff er ein Seidel und schwang es, um es auf den Kopf des gerade vor ihm liegenden Rats zu schmettern.
Da blieben seine flatternden Blicke in zwei großen, dunklen, schreckerstarrten Augen hängen, die ihm durch den Dunst entgegenblitzten. Mit einem Ruck stellte Grabbe das Glas hin. Die Augen hinter dem Schenktisch lösten sich aus ihrer Regungslosigkeit und wurden lebendig. Der Dichter stürzte über die umgeworfenen Stühle auf sie zu. Er griff ins Dunkle, faßte einen weichen, sanften Arm und zog ein vierzehnjähriges Mädchen hervor, das sich scheu hin und her wand. „Bitte, bitte, sagt es nicht Vater, daß ich hier war, er prügelt mich sonst
Da, als gerade Varus sich in sein Schwert stürzen wollte, polterte jemand ins Zimmer. Es war der Wirt. Als er seine Tochter in dem gelben Dunst zwischen den Säufern an Grabbes Seite knien und ihre glänzenden Augen sah, die sich an des Dichters Lippen festgesogen hatten, brach er los. Die beiden fuhren auseinander. „Verdammtes Balg! Wirst du wohl
Am anderen Tage, erzählt der getreue Ziegler, der ebenfalls in der „Stadt Frankfurt“ logierte, habe ein Fremder sich beschwert, daß er fast die ganze Nacht nicht habe schlafen können, so sehr sei er durch einen Gast im Zimmer nebenan gestört worden. „Mit dem Mann mußte etwas Fürchterliches vorgehen. Er sprang aus dem Bette, das konnte ich hören, und rannte dann wie wild die Stube auf und ab, er sprach laut mit sich selbst und stieß die schrecklichsten Verwünschungen und Flüche aus. Ich möchte mich umbringen, ha die Welt, ich wollte, daß ich tot wäre. Dann wurde es etwas stiller und es war mir, als ob der Hahn einer Pistole losginge, ohne daß es jedoch einen Knall gab. Sicher hat er die Absicht sich totzuschießen, dachte ich mir, aber er hat nicht den Mut, seinen Entschluß auszuführen. Als er dann eine Weile den Hahn in Bewegung gesetzt hatte, rief er: Nein, das wäre gemein! Und es wurde die Pistole gewaltsam auf die Erde geschleudert. Es war mir darauf, als hätte er sich über das Bett geworfen und laut geschluchzt und geweint.“
Das Trauerspiel war zu Ende. Die Maske fiel. Das doppelte Gesicht verschmolz zu einem, auf dem schon das Licht
Ein Mensch hatte ausgelitten. Ein Mensch, der sich in seiner Zeit nicht zurechtfand. In dem schon all die Not, der Aufruhr und die Unsicherheit waren, die heute allgemein sind. Grabbe hat als Einzelner eine Epoche vorausgelebt. Ihm fehlten inmitten einer noch scheinbar festen bürgerlichen Welt schon der Glaube und die Form des Lebens. Mächtig begann er, klein und zerbrochen schwand er dahin. Über seinem Werk und Leben steht der Qualspruch aus Gerhart Hauptmanns „Florian Geyer“, der in der abendlichen Marktherberge zu Rothenburg über das kühne Unterfangen des Schwarzen Ritters und des Bauern sich dem getreuen Rektor Besenmeyer abpreßt: „Wie fing sich der Handel so glücklich an und wie fast gewaltig, und wie gehet er gar so kläglich aus.“
Kein stärker erschütternder Vergleich von Aufgang und Niedergang dieses Menschen, als wenn man seinen ersten uns bekannten und seinen letzten Brief hintereinander liest. Jener ist mit sechzehn Jahren an seinen Vater geschrieben und lautet:
„Liebe Eltern!
Schnell ergreife ich die Feder, da ich höre, daß mein Vater mit mir nach Meinberg will. Ich habe einen heftigen Wunsch, Wunsch — sage ich? — die heftigste Begierde, die größte Leidenschaft nach einem Buche . . . Wie gern gäbe ich vieles von meiner Kleidung dahin, um es zu erhalten, allein dies würdet ihr nicht erlauben, doch geht es, so erlaub es Vater, liebe Mutter! Bedenkt, daß wahrscheinlich die Ruhe Eures
Euer
geliebter Christian.
PS. Die Schrift konnte ich wegen meiner Unruhe nicht besser machen. Zum Zeichen, daß ich aber alles Mögliche getan habe, lege ich meine Aufsätze zum Durchsehen bei . . .
Dieser Brief ist vielleicht nicht ohne kindliche List geschrieben. Inhaltlich nur eine Bitte um ein Buch. Aber deutlich kündet sich in ihm schon das Maßlose und zugleich Verkrampfte, das Willensstarke und dabei doch zugleich sich vor Widerständen Duckende an. Vor allem jedoch: welche Begehr nach Wissen, nach Aufzucht seines Geistes, nach dem Kennenlernen für ihn abenteuerlicher Welten schreit förmlich daraus den Leser an. Und wie trocken, verquält, das tägliche Leiden und den Ekel
„Frau!
Uebermorgen früh, Schlag neun Uhr, zieh’ ich in mein Haus. Vorerst denk’ ich mein altes Zimmer nebst Schlafkammer, beide parterre, zu wählen. Ich hoffe sie mit allen Möbeln so imstande zu finden, als sie waren. Den Doppelschlüssel zu dem Zimmer, wovon u. a. der Sergeant Schulz vielleicht zu sagen weiß, bitt’ ich mir auch neben dem Hausschlüssel aus. Hast Du mehr Hausschlüssel, so begehre ich alle, um sie zu vernichten. Einen Hausschlüssel (Du hast 2, wo nicht mehr) verlang’ ich gleichfalls. Uebermorgen früh halb neun Uhr hat Sophie bei mir zu erscheinen, oder sie ist übermorgen mittag 12 Uhr außer Diensten. Warum du gestern das Publikum aufzuregen geschienen . . . begreif’ ich nicht. Ein Ehemann kann übrigens in sein Haus treten. Ich tat dir dabei nichts zuleide. Sei klug. Bedenke, unser Interesse ist gemeinsam. Handle nicht dagegen. Ich werde dich nie verletzen. Fremde Ratgeber nützen wenig.
Chr. D. Grabbe.
Das knirschte derselbe mit sechsunddreißig Jahren über das Papier, der mit zwanzig versprach, ein Führer für Deutschland aus der Not der geistigen Reaktion zu werden. Er war ausgebrannt. Aber er hat sein Leben nicht umsonst gelebt. Durch das Jahrhundert geistert sein wüst-schönes Gesicht in unsere Tage, und mit dem Gelöbnis, auf seinem Wege der künstlerischen Konsequenz und der Mißachtung des Kompromisses glücklicher als er werden zu wollen, senken sich vor ihm die Fahnen der Gegenwärtigen. Die Fahnen, die immer vor
Bei Grabbes Tod
Dämm’rung! — das Lager! — Dumpf herüber schon Vom Zelt des Feldherrn donnerte der Ton Der abendlichen Lärmkanonen; Dann Zapfenstreich, Querpfeifen, Trommelschlag, Zusammenflutend die Musik danach Von zweiundzwanzig Bataillonen!
Sie betete: „Nun danket alle Gott!“ Sie ließ nicht mehr zu Sturmschritt und zu Trott Die Büchse fällen und den Zaum verhängen; Sie rief die Krieger bittend zum Gebet, Von den Gezelten kam sie hergeweht Mit vollen, feierlichen Klängen.
Der Mond ging auf. Mild überlief sein Strahl Die Leinwand rings, der nackten Schwerter Stahl Und die Musketenpyramiden. Ruf durch die Rotten jetzo: „Tschako ab!“ Und nun kein Laut mehr! Stille, wie im Grab — Es war im Krieg ein tiefer Frieden.
Doch anders ging es auf des Lagers Saum Im Weinschank her; — da flog Champagnerschaum, Da hielt die Bowle dampfend uns gefangen! Da um die Wette blitzten Epaulett’ Und Friedrichsd’or; da scholl’s am Knöchelbrett: „Wer hält?“ und Harfenmädchen sangen.
Zuweilen nur in dieses wüsten Saals Getöse stahl ein Ton sich des Chorals, Mischte der Mondschein sich dem Schein der Lichter. Ich saß und sann — „Nun danket —“ „Qui en veut?“ Geklirr der Würfel — da auf einmal seh’ Aus meiner alten Heimat ich Gesichter.
„Was, du?“ — „Wer sonst?“ — Nun Fragen hin und her. „Wie geht’s? von wannen? was denn jetzt treibt der?“ Auf hundert Fragen mußt’ ich Antwort haben. — „Wie“ — „Nun, mach schnell, ich muß zu Schwarz und Rot!“ „Gleich! nur ein Wort noch. Grabbe?“ — „Der ist tot; Gut’ Nacht! wir haben Freitag ihn begraben!“
Es rieselte mir kalt durch Mark und Bein! Sie senkten ihn vergangnen Freitag ein, Mit Lorbeern und mit Immortellen Den Sarg des toten Dichters schmückten sie — Der du die hundert Tage schufst, so früh! — Ich fühlte krampfhaft mir die Brust erschwellen.
Ich trat hinaus, ich gab der Nacht mein Haar; Dann auf die Streu, die mir bereitet war In einem Kriegerzelt, warf ich mich nieder. Mein flatternd Obdach war der Winde Spiel: Doch darum nicht floh meinen Halmenpfühl Der Schlaf — nicht darum bebten meine Glieder.
Nein, um den Toten war’s, daß ich gewacht: Ich sah ihn neben mir die ganze Nacht Inmitten meiner Leinwandwände. Erzitternd auf des Hohen prächt’ge Stirn Legt’ ich die Hand: „Du loderndes Gehirn, So sind jetzt Asche deine Brände?
Wachtfeuer sie, an deren sprüh’nder Glut Der Hohenstaufen Heeresvolk geruht, Des Korsen Volk und des Karthagers; Jetzt mild wie Mondschein leuchtend durch die Nacht, Und jetzo wild zu greller Brunst entfacht — Den Lichtern ähnlich dieses Lagers!
So ist’s! Wie Würfelklirren und Choral, Wie Kerzenflackern und wie Mondenstrahl Vorhin gekämpft um diese Hütten, So wohl in dieses mächt’gen Schädels Raum, Du jäh Verstummter, wie ein wüster Traum Hat sich Befeindetes bestritten.
Sei’s! diesen Mantel werf’ ich drüber hin! Du warst ein Dichter! — Kennt ihr auch den Sinn Des Wortes, ihr, die kalt ihr richtet? Dies Haus bewohnten Don Juan und Faust; Der Geist, der unter dieser Stirn gehaust, Zerbrach die Form — laßt ihn! Er hat gedichtet!
Der Dichtung Flamm’ ist allezeit ein Fluch! Wer, als ein Leuchter, durch die Welt sie trug, Wohl läßt sie hehr den durch die Zeiten brennen; Die Tausende, die unterm Leinen hier In Waffen ruhn — was sind sie neben dir? Wird ihrer einen, so wie dich, man nennen?
Doch sie verzehrt; — ich sprech’ es aus mit Grau’n! Ich habe dich gekannt als Jüngling; braun Und kräftig gingst dem Knaben du vorüber. Nach Jahren drauf erschaut’ ich dich als Mann; Da warst du bleich, die hohe Stirne sann, Und deine Schläfe pochten wie im Fieber.
Und Male brennt sie; — durch die Mitwelt geht Einsam mit flammender Stirne der Poet; Das Mal der Dichtung ist ein Kainsstempel! Es flieht und richtet nüchtern ihn die Welt!“ — Und ich entschlief zuletzt; in einem Zelt Träumt ich von einem eingestürzten Tempel.
Literarhistorische Anmerkung
Von Grabbe, dessen Werke nur wenige kennen, konnte der vorstehende Aufsatz nur einen ganz bestimmten Umriß geben. Man soll ja aber nicht nur über einen Dichter lesen, sondern diesen selbst. Wen ich dazu verlocken konnte, der wählt hierzu am besten die Ausgabe der sämtlichen Werke Grabbes im Verlag von Max Hesse, in der eine in der sachlichen Zusammenstellung vorzügliche Einleitung von Otto Nieten enthalten ist. Die früher bekannten Ausgaben von Grisebach und Oscar Blumenthal sind überholt, die zahlreichen, in Zeitschriften verstreuten Arbeiten von Duller, Hart, Poppenberg, Moeller v. d. Bruck, Krack, P. Friedrich u. a. sind in der Nietenschen Arbeit in ihren wesentlichen Teilen verwertet. Die zitierte Schrift von Karl Ziegler führt den Titel „Grabbes Leben und Charakter“ und ist wohl nur noch in Bibliotheken zu finden. Als Beispiel einer überheblichen Wissenschaftlichkeit, die wohl ihr Spezialgebiet kennt, aber den Zusammenhang mit dem Wesensganzen verloren hat, mögen die „Beiträge zum Studium Grabbes“ von C. A. Piper in den Munckerschen Forschungen zur neueren Literaturgeschichte warnend genannt sein. Desgleichen sei gewarnt vor den albernen Abstempelungen der Goedeke, Scherer, Gottschall und Bartels, die damit dem fluchwürdigen Brauch huldigten, quantitative Literaturgeschichte in konzentriert-aphoristischer Form zu treiben. Wer den deutschen Kerl Grabbe erfahren will, der — noch einmal sei’s gesagt — lese ihn selbst.
Im Herbst 1922.
M. G.