Goethe’sche Briefe, und diese betreffende erläuternde Documente. (continued 2)
Reading edition
65. Goethe an Kestner.
acc. d. 12. Apr. 73. Wetzl.
Da tuht ihr wohl Kestner dass ihr mich beym Wort nehmt! O den trefflichen Menschen! „Ihr wollt ia nichts mehr von uns wissen.“ Gar schön! Ich wollte freylich nichts von euch wissen, weil ich wusste ihr würdet mir nicht schreiben mögen. Sonst feiner Herr war der Tag eurem Fürsten der Abend, eurer Lotte, und die Nacht für mich und meinen Bruder Schlaff. Die Nacht fließt nun in den Abend und der arme Goethe behilft sich wie immer. Es stände euch wohl zu Gesichte — Doch das will ich nicht sagen, ich würde mich zum Teufel geben, wenn ich euch erst darauf bringen sollte. Also Hr. Kestner und Madam Kestner Gute Nacht.
Ich würde auch hier geschlossen haben wenn ich was besseres im Bett erwartete als meinen lieben Bruder. Sieh doch mein Bett da, so steril stehts wie ein Sandfeld. Und ich habe heut einen Schönen Tag gehabt so schön dass mir Arbeit und Freude und Streben und Geniessen zusammen flossen. Dass auch am schönen hohen Sternen Abend ganz mein Herz voll war von wunderbaren Augenblick da ich zu’n Füßen eurer an Lottens Garnirung spielte, und ach mit einem Herzen, das auch das nicht mehr genießen sollte, von drüben sprach, und nicht die Wolken, nur die Berge meinte. Von der Lotte wegzugehn. Ich begreifs noch nicht wies möglich war. Denn seht nur seid kein Stock. Wer nun, oder vorher, oder nachher zu euch sagte geht weg von Lotten — Nun was würdet ihr —? Das ist keine Frage — Nun ich bin auch kein Stock, und binn gegangen, und sagt ists Heldentaht oder was. Ich binn mit mir zufrieden und nicht. Es kostete mich wenig, und doch begreif ich nicht wies möglich war. — Da liegt der Haas in Pfeffer. —
Wir redeten wies drüben aussäh über den Wolken, das weis ich zwar nicht, das weis ich aber, dass unser Herr Gott ein sehr kaltblütiger Mann seyn muss der euch die Lotte lässt. Wenn ich sterbe und habe droben was zu sagen ich hohl sie euch warrlich. Drum betet fein für mein Leben und Gesundheit, Waden und Bauch &c. und sterb ich so versöhnt meine Seele mit Trähnen, Opfer, und dergleichen sonst Kestner siehts schief aus.
Ich weis nicht darum ich Narr so viel schreibe. eben um die Zeit da ihr bey eurer Lotte gewiß nicht an mich denkt. Doch bescheid ich mich gern nach dem Gesez der Antipatie. Da wir die Liebenden, fliehen, und die Fliehenden lieben.
66. Goethe an Kestner.
acc. d. 12. Apr. 73.
Den Brief von gestern Abend hab ich gleich zugemacht also auf euer Pro Mem.
1) Die Zugabe braucht wie es euch beliebt.[22] Wenn ihr die Zeitungen wollt binden lassen was soll das Sauzeug Reichswesen dabey. es war express so eingericht daß man sie wegschmeissen sollt. Auch wird der Band zu dick. Doch will ich fragen nach den Nummern.
2) Will der Hr. v. Hille einen Merkur für sich allein? und wie stehts mit Falcken, nimmt der jetzo das Exemplar allein was ihr mit teilen wolltet?
3) die Plays sind in meinen händen. Heute ists so ein schöner tag dass ich möchte mit euch spazieren gehn. Adieu grüsst Hansen.
67. Goethe an Kestner.
acc. W. 16. Apr. 73.
Mittwochs. Ich habe Annchen gestern verfehlt, und will ietzo hingehen, ich fürchtet halb ihr mögtets seyn und mich anführen. denn ich geh morgen nach Darmstadt, und da wär überall leid gewesen. Eure Plays kriegt Anngen mit. Auch an Hansen ein Paquet. Ich habe noch den Pränumerations Schein auf die Biblischen Kupfer, ich will ihn behalten, und wenn sie herauskommen disponirt drüber. Anngen bringt euch auch fl. 2: 30 Kr. von der Karoline wieder. Der grose kostete einen Dukaten, der kleine 3 fl. 30. Auch euren Ring. Lottens Granatring will ich behalten ich hab ihr ihn so Tausendmal am Finger gesehn und am Finger geküsst er soll unter meinen Bijous liegen biss ich ein Mädgen habe die soll ihn tragen. Grüsst mir euren Engel und Lengen lieb, und schreibt wegen des Merkurs an meine Schwester, die euch grüsst.
Anngen ist lieb und brav, hat mir Lottens Brautstraus mitgebracht wohl conservirt, und ich hab ihn heut vorstecken. Ich höre Lotte soll noch schöner lieber und besser seyn als sonst, und dass ihr nicht mit kommen seyd, ist auf alle Art nicht hübsch. Grüsst mir Lengen und ihre Freundinn Dorthel, Anne hat mir alles erzählt, wie sie beysammen schlafen, und in Alles nur nicht in die Liebhaber teilen, wie der quasi Hofrath fortfährt ein Esel zu seyn &c. Alles erzählt und ich mich ergötze zu hören von euch, gleich wie ich Johannistrauben zu pflücken und Quetschen zu schütteln mir ehedessen wünschte heute morgen übermorgen und mein ganzes Leben.[23] Grüßt Schneidern wenn er mein denkt, und Kielmansegg. Pottocelli hat mir gestern in der Messe einen Grus von ihm bracht. Wir haben einen Teufels Reuter hier, und Comödien und Schatten und Puppenspiel, das könnt ihr Lotte sagen hätt ich ihr all gewiesen wenn sie kommen wäre, nun aber — wärs auch gut — Schattenspiel Puppenspiel.
68. Goethe an Kestner.
acc. W. 16. Apr. 73.
Nun will ich nichts weiter lieber Kestner, das wars was ich wünschte, was ich nicht verlangen wollte, denn den Geschencken der Liebe giebt die Freywilligkeit all den Werth, ihr solltet mir aus dem Schoose eures Glücks an der Seite von Eurer Lotte, die ich euch, vor tausend andern gönne, wie all das Gute was mir die Götter versagen. Aber dass ihr, weil euch das Glück die Karten gemischt hat, mit der Spadille stecht, mir ein höhnisch gesicht zieht, und euch zu eurem Weibe legt find ich unartig, ihr sollt euch darüber bey Lotten verklagen und sie mag entscheiden.
Mich einen Neider und Nexer zu heissen, und dergleichen mehr, das ist all nur seit ihr verheurathet seyd. Meine Grillen lieber müssen nun so drein gehen. Ich war mit Anngen in der Comödie. Es ist gut dass ich morgen nach Darmstadt gehe, ich verliebte mich warrlich in sie. Ihre Gegenwart hat alles Andencken an euch wieder aufbrausen gemacht, mein ganzes Leben unter euch, ihr wollt alles erzählen biss auf die Kleider und Stellungen so lebhaft, sie mag euch sagen was sie kann. O Kestner, wenn hab ich euch Lotten missgönnt im menschlichen Sinn, denn um sie euch nicht zu missgönnen im heiligen Sinn, müsst ich ein Engel seyn ohne Lung und Leber. Doch muss ich euch ein Geheimniss entdecken. Dass ihr erkennet und schauet. Wie ich mich an Lotten attachirte und das war ich wie ihr wisst von Herzen, redete Born mit mir davon, wie man spricht. „Wenn ich K. wäre, mir gefiels nicht. Worauf kann das hinausgehn? Du spannst sie ihm wohl gar ab?“ und dergleichen. Da sagt ich ihm, Mit diesen Worten in seiner Stube, es war des Morgens: „Ich binn nun der Narr das Mädchen für was besonders zu halten, betrügt sie mich, und wäre so wie ordinair, und hätte den K. zum Fond ihrer Handlung um desto sicherer mit ihren Reizen zu wuchern, der erste Augenblick der mir das entdeckte, der erste der sie mir näher brächte, wäre der letzte unsrer Bekanntschafft,“ und das beteuert ich und schwur. Und unter uns ohne Pralerey ich verstehe mich einigermassen auf die Mädgen, und ihr wißt wie ich geblieben binn, und bleibe für Sie und alles was sie gesehen angerührt und wo sie gewesen ist, biss an der Welt Ende. Und nun seht wie fern ich neidisch binn und es seyn muß. Denn entweder ich binn ein Narr, das schweer zu glauben fällt, oder sie ist die feinste Betrügerinn, oder denn — Lotte, eben die Lotte von der die Rede ist. —
Ich gehe morgen zu Fuss nach Darmstadt und hab auf meinem Hut die Reste ihres Brautstrausses. Adieu. Es tuht mir leid von Anngen zu gehen, was würds von euch seyn es ist besser so, nur dass ich ihr Portrait nicht gemacht habe, ärgert mich. Aber es ist ein Herz und Sinn lebendig. Adieu. Ich habe nichts als ein Herz voll Wünsche. Gute Nacht Lotte. Anngen sagte heut ich hätte den Namen Lotte immer so schön ausgesprochen. Ausgesprochen! dacht ich!
69. Goethe an Kestner.
acc. W. 23. Apr. 73. Darmst.
Dank euch Kestner für eure zwey liebe Briefe lieb wie alles was von euch kommt, und besonders jezt. Der Todt einer teuer geliebten Freundinn ist noch um mich. Heut früh ward sie begraben und ich binn immer an ihrem Grabe, und verweile, da noch meines Lebens Hauch und Wärme hinzugeben, und eine Stimme zu seyn aus dem Steine dem Zukünftigen. Aber ach auch ist mir verboten einen Stein zu sezen ihrem Andencken, und mich verdriesst dass ich nicht streiten mag mit dem Gewäsch und Geträtsch.
Lieber Kestner, der du hast lebens in deinem Arm ein Füllhorn, lasse dir Gott dich freuen. Meine arme Existenz starrt zum öden Fels. Diesen Sommer geht alles. Merck mit dem Hofe nach Berlin, sein Weib in die Schweiz, meine Schwester, die Flachsland, ihr, alles. Und ich binn allein. Wenn ich kein Weib nehme oder mich erhänge, so sagt ich habe das Leben recht lieb, oder was, daß mir mehr Ehre macht, wenn ihr wollt. Adieu. Eurem Engel tausend Grüsse
70. Goethe an Hans.
Hier schick ich mein lieber Hr. Hans, aus der Messe was, wird hoffentlich zu West und Hosen reichen, sollt was abgehn schreiben Sies ohne Umstände. Wenn Sie es anhaben und herumspringen, auf die Jagd gehen, oder sonst lustig sind, so gedenken Sie meiner. Küssen Sie Lotten die Hand und Lenchen von mir, und die Kleine viel hundertmal von Ihrem Freunde
Goethe.
71. Goethe an Hans.
Lieber Herr Hans. Ich danke von Herzen für ihr Andencken, werden Sie nicht müde mir zu schreiben. Ich binn manchmal sehr allein, und so ein lieb Brieflein freut mich sehr. Gott vergelts wenn ichs gleich nicht kann, und mache Sie gros und starck und so glücklich als Sie brav sind.
Goethe
72. Goethe an Kestner.
acc. 30. Apr. 73. Darmst. Sonntag.
Lieber Kestner ihr wisst mein Leben läßt sich nie detailliren und vielleicht heute weniger als jemals, heut wars ein Gewirre, ein recht toll und wunderbaar Leben. Sonntag! Wie ruhig werdet ihr bey Lotten gesessen haben.
In 14 Tagen sind wir all auseinander; und es geht so im Hurry dass ich nicht weiss wo mir der Kopf steht, wie noch Hoffnung und Furcht ist. Gott verzeihs den Göttern die so mit uns spielen. Auf dem Grabe — Ich will nicht davon wissen will alles vergessen. Vergesst alles in Lottens Armen, und dann arbeitet euer Tagewerk Genießt der Sonne, und wie ich euch liebe sey euch gegenwärtig in Stunden der Ruh.
Ich hab Hansens Brief kriegt und euer Nachschreiben. Sagt ihm er soll mehr ins Detail gehn. Er denkt nur er müsste Merkwürdigkeiten schreiben, ist nicht alles dorten merkwürdig?
73. Goethe an Kestner.
acc. W. 5. Maii 73.
Lieber Kestner ich binn wieder in Franckfurt und Gott sey Dank, wir haben wunderbare Scenen gehabt und bald wird alles ausgerauscht haben.
Wie lebt ihr und wie lang bleibt ihr noch?
Die Flachsland ist verheurathet, an Herdern. Wißt ihr schon was davon. Vorgestern war ich gegenwärtig der Trauung und gestern ging ich herüber.
Den Merkur in duplo schick ich euch, sorgt doch noch daß ich das Geld kriege. Die zwey machen iust 9 fl.
Adieu lieber küßt Lotten von meinetwegen auch einmal. Adieu.
74. Goethe an Hans.
Lotte ist nun fort, und ich nehme so viel teil dran dass sie weg ist als eins vom Hause. Aber ohngeachtet dessen lieber Hans wollen wir nicht aufhören einander zu schreiben. Sie hören doch immer eher etwas von unsrer Lotte und das melden sie mir treulich. Grüsen sie mir das liebe Lengen und sagen Sie ihr, da nun Lotte weg sey und sie die zweyte Lotte sey für euch, so sey sies auch für mich, und ich sehne mich sie zu sehn, wenns möglich ist, so komm ich den Sommer. Adieu lieber Hans. Empfehlen sie mich dem Papa. Und grüssen mir die Jungens.
Wenn Schwester Caroline sich meiner erinnert so küssen sie ihr die Hand, und Sophien und Amalgen ein paar Mäulger von mir.
G.
75. Goethe an Hans.
Ich dank ihm lieber Hans für den braven Brief. Schick er innliegenden Hrn. Kestnern grüsse er den Papa u. alle. Und behalt er mich lieb.
Goethe.
76. Goethe an Kestner.
acc. Hannover. 18. Jun. 73.
Euer Brief hat mich ergözt, ich wusste durch Hansen schon manches von euch. Heute Nacht hat mirs von Lotten wunderlich geträumt. Ich führte sie am Arm durch die Allee, und alle Leute blieben stehn und sahn sie an, ich kann noch einige nennen die stehen blieben und uns nachsahen. Auf einmal zog sie eine Calesche über und die Leute waren sehr betreten. (Das kommt von Hansens Briefe der mir die Geschichte von Minden schrieb.) Ich bat sie sie mögte sie doch zurückschlagen das that sie. Und sah mich an mit den Augen, ihr wisst ja wies einem ist wenn sie einen ansieht. Wir gingen geschwind. Die Leute sahen wie vorher. O Lotte, sagt ich zu ihr, Lotte, dass sie nur nicht erfahren dass du eines andern Frau bist. Wir kamen zu einem Tanzplaz &c. &c.
Und so träume ich denn und gängle durchs Leben, führe garstige Prozesse schreibe Dramata, und Romanen und dergleichen. Zeichne und poussire und treibe es so geschwind es gehen will. Und ihr seyd geseegnet wie der Mann der den Herren fürchtet. Von mir sagen die Leute der Fluch Cains läge auf mir. Keinen Bruder hab ich erschlagen! Und ich denke die Leute sind Narren. Da hast du lieber Kestner ein Stück Arbeit, das lies deinem Weiblein vor, wenn ihr euch sammlet in Gott und euch und die Tühren zuschließt. NB. Die Frau Archivarius (ich hoffe das ist der rechte Titel) wird hoffentlich ihr blau gestreiftes Nachtjäckgen nicht etwa aus leidigem Hochmuth zurückgelassen, oder es einer kleinen Schwester geschenkt haben, es sollte mich sehr verdriessen, denn es scheint ich habe es fast lieber als sie selbst, wenigstens erscheint mir oft das Jäckgen wenn ihre Gesichtszüge sich aus dem Nebel der Imagination nicht losmachen können.
77. Goethe an Hans.
Ich habe, lieber Hans, allerley Angelegenheiten warum ich ihm schreiben Muss. Erstl. zu fragen wies bey euch aussieht? Ich habe so lang aus dem teutschen Haus nichts gehört.
Und hernach Commissionen, wenn er die Recht ausrichtet so soll er einmal Agent von Churfürsten, Fürsten und Ständen des Reichs werden.
Erstl. bestellt er den Brief an Kestnern, wie den Vorigen.
2tens ist er so gut zum Hrn. Hofrath Sachs zu gehen, und zu sagen: „Hier sey ein Brief an Hrn. von Kielmansegg. Ob sie wohl so gütig seyn wollten ihn zu bestellen. Der Hr. Baron habe mir geschrieben ich soll meine Briefe an Hrn. Hofrath adressiren.“
Drittens. Fragt er den Hrn. von Hille ob er habe einen ersten Theil des teutschen Merkurs durch Hrn. Kestner bekommen, hat er ihn bekommen so lass ich ihn um die halbe Louisd’or bitten, und will den zweyten Theil gleich mit der fahrenden Post nach Wetzlar schicken.
Viertens fragt er den Papa ob er ein neues Schauspiel Götz von Berlichingen gelesen habe?
Fünftens grüßt er mir alle im teutschen Haus, Lengen und Carlingen und Dortlgen und Anngen und fragt sie ob sie sich meiner noch erinnern in Ehre und Liebe. Und die Kleinen grüss er alle von mir, und schreibe er mir bald.
Goethe.
78. Goethe an Kestner.
acc. H. 21⁄7 73.
Ihr sollt immer hören wie mirs geht, lieber Kestner. Denn zum Laufe meines Lebens hoff ich immer auf euch und euer Weib die Gott seegne und ihr solche Freuden gebe als sie gut ist. Euch kanns an Beförderung nicht fehlen. Ihr seyd von der Art Menschen die auf der Erde gedeyen und wachsen, von den gerechten Leuten und die den Herren fürchten, darob er dir auch hat ein tugendsam Weib gegeben, des lebest du noch eins so lange.
Ich binn recht fleissig und wenns Glück gut ist kriegt ihr bald wieder was, auf eine andre Manier. Ich wollt Lotte wäre nicht gleichgültig gegen mein Drama. Ich hab schon vielerley Beyfalls Kränzlein von allerley Laub und Blumen, Italiänischen Blumen sogar, die ich wechselsweise ausprobiret, und mich vorm Spiegel ausgelacht habe. Die Götter haben mir einen Bildhauer hergesendet, und wenn er hier Arbeit findet, wie wir hoffen so will ich viel vergessen. Heilige Musen reicht mir das Aurum potabile, Elixir vitae aus euren Schaalen, ich verschmachte. Was das kostet in Wüsten Brunnen zu graben und eine Hütte zu zimmern. Und meine Papageyen die ich erzogen habe, die schwäzen mit mir, wie ich, werden krank lassen die Flügel hängen. Heut vorm Jahr wars doch anders, ich wollt schwören in dieser Stunde vorm Jahr sass ich bey Lotten. Ich bearbeite meine Situation zum Schauspiel zum Truz Gottes und der Menschen. Ich weis was Lotte sagen wird wenn sies zu sehn kriegt und ich weis was ich ihr antworten werde. Hört wenn ihr mir wolltet Exemplare vom Götz verkaufen, ihr thätet mir einen Gefallen und vielleicht allerley Leuten. Boje hat ihrer, schreibt ihm wie viel ihr wollt, ich habs ihm geschrieben euch abfolgen zu lassen so viel ihr wollt. Verkauft sie alsdenn für zwölf gute groschen und notirt das porto das sie euch kosten. Der Verlag hört Mercken, der ist aber in Petersburg, ich schicke mich nicht zum Buchhändler, ich fürchte es bleibt hocken. Denn vielleicht kommt sonst in einem halben Jahr noch kein Exemplar zu euch. Schreibt mir doch wo ich die zweyten Stücke des Merkurs hinschaffen, und wo ichs Geld herkriegen soll. Wenn verschiedene Sachen nach meinem Kopfe gehn kriegt Lotte bald eine Schachtel von mir wo keine Confituren drinne sind, auch kein Puzwerk, auch keine Bücher, also —
Lassts euch wohl seyn, mich ergözt eure Genüglichkeit und eure Aussichten. Und wenn euch was dran liegt von mir zu hören, so lasst von euch offt hören. Adieu.
79. Goethe an Hans.
Lieber Hans. Bring er Hrn. v. Hille den 2ten Teil des Merkurs den ersten hat Kestner aus Versehn mit nach Hannover genommen. Hr. v. Falke wird ihn dem Hrn. v. Hille wieder zurück bringen. Und sodann bitt ich mir die Bezahlung aus.
Hier das Schauspiel gieb er dem Papa und wenn ders gelesen hat und die Schwestern es auch etwa gelesen haben, so gib er es Anngen und Dorthel, und grüss er sie alle von mir. Der ich binn
Der alte
Doctor Goethe.
Und ihm viel Prämia wünsche, die er verdient.
80. Goethe an Kestner.
Viel Glück zu allem was ihr unternehmt, und eurer besten Frau alle Freuden des Lebens.
Ich kann euch nicht tadlen dass ihr in der Welt lebt, und Bekanntschaft macht mit Leuten von Stand und Pläzzen. Der Umgang mit Grossen ist immer dem vorteilhafft der ihrer mit Maas zu brauchen weis. Wie ich das Schiespulver ehre dessen Gewalt mir einen Vogel aus der Lufft herunterhohlt, und wenns weiter nichts wäre. Aber auch sie wissen Edelmuth und Brauchbaarkeit zu schäzzen, und ein iunger Mann wie ihr muss hoffen, muss auf den besten Platz aspiriren. Sakerment und wenn ihrs nur eures Weibes willen tähtet. Was die häuslichen Freuden betrifft, die hat dünkt mich der Canzler so gut als der Sekretarius, und ich wollte Fürst seyn und mir sie nicht nehmen lassen. Also treibts in Gottes Nahmen nach eurem Herzen und kümmert euch nicht um Urteile und verschliesst euer Herz dem Tadler wie dem Schmeichler. Hören mag ich sie beyde gern hören, biss sie mich ennüiren. Mad. La Roche war hier, sie hat uns acht glückliche Tage gemacht, es ist ein Ergötzen mit solchen Geschöpfen zu leben. O Kestner und wie wohl ist mirs, hab ich sie nicht bey mir so stehen sie doch vor mir immer die Lieben all. Der Kreis von edlen Menschen ist das wehrteste alles dessen was ich errungen habe.
Und nun meinen lieben Götz! Auf seine gute Natur verlaß ich mich, er wird fortkommen und dauern. Er ist ein Menschenkind mit viel Gebrechen und doch immer der besten einer. Viele werden sich am Kleid stosen und einigen rauhen Ecken. doch hab ich schon so viel Beyfall dass ich erstaune. Ich glaube nicht daß ich so bald was machen werde das wieder das Publikum findet. Unterdessen arbeit ich so fort, ob etwa dem Strudel der Dinge belieben mögte was gescheuters mit mir anzufangen.
am 21 August
Das war lang geschrieben biss einmal die Zeit zu siegeln bey mir kommt. Da ich euch nichts mehr zu sagen habe als liebt mich immer fort. und Lotte soll mich lieb behalten und glücklich ist sie. Adieu.
81. Goethe an Kestner.
Heut Abend des 15. September erhalt ich euern Brief, und habe mir eine Feder geschnitten um recht viel zu schreiben. Dass meine Geister biss zu Lotten reichen hoff ich. Wenn sie auch die Taschengelder ihrer Empfindung, daran der Mann keine Prätension hat, nicht an mich wenden wollte, der ich sie so liebe. Neulich hatte ich viel Angst in einem Traum über sie. Die Gefahr war so dringend, meine Anschläge all keine Aussicht. Wir waren bewacht, und ich hoffte alles, wenn ich den Fürsten sprechen könnte. Ich stand am Fenster, und überlegte hinunter zu springen, es war zwey Stock hoch, ein Bein brichst du, dacht ich, da kannst du dich wieder gefangen geben. Ja dacht ich, wenn nur ein guter Freund vorbey ging, so spräng ich hinunter und bräch ich ein Bein, so müsst mich der auf den Schultern zum Fürsten tragen. Siehst du alles erinnere ich mich noch, biss auf den bunten Teppich des Tisches an dem sie sas und Filet machte, und ihr strohern Kistgen bey sich stehn hatte. Ihre Hand habe ich tausendmal geküsst. Ihre Hand wars selbst! die Hand! so lebhafft ist mirs noch, und sieh wie ich mich noch immer mit Träumen schleppe.
Meine Schwester ist mit Schlossern vor wie nach. Er sitzt noch in Carlsruhe wo man ihn herumzieht, Gott weis wie. Ich verstehs nicht. Meine Schwester ist jetzt in Darmstadt bey ihren Freunden. Ich verliere viel an ihr, sie versteht und trägt meine Grillen.
Ich lieber Mann, lasse meinen Vater iezt ganz gewähren, der mich täglich mehr in Stadt CivilVerhältnisse einzuspinnen sucht, und ich lass es geschehn. So lang meine Kraft noch in mir ist! Ein Riss! und all die siebenfache Bastseile sind entzwey. Ich binn auch viel gelassener, und sehe dass man überall den Menschen, überall groses und kleines schönes und Hässliches finden kann. Auch arbeit ich sonst brav fort. und denke den Winter allerley zu fördern. Dem alten Amtmann hab ich einen Göz geschickt der viel Freude dran gehabt hat, es ist auch gleich (wahrscheinlich durch Brandts) weiter kommen, und der Kam. Richt.[24] und v. Folz habens begehrt; Das schreibt mir Hans, mit dem ich viel Correspondenz pflege. Ueber alles das, lieber K. vergess ich dir zu sagen, dass drunten im Visitenzimmer, diesen Augenblick sitzt — die liebe Frau Grostante Lange von Wetzlar, mit der so teuern ältsten Jungfer Nichte. Die haben nun schon in ihrem Leben mehr, um Lottens Willen, gesessen wo ich sie nicht hohlte, mögen sie auch diesmal sich behelfen. Hanngen ist nicht mit da. Sie haben viel Liebs und Guts von meiner Lotte geredt! Dank Ihnen der Teufel. — Meiner Lotte! Das schrieb ich so recht in Gedanken. Und doch ist sie gewissermassen mein. Hierin gehts mir wie andern ehrlichen Leuten, ich bin gescheut — biss auf diesen Punct. Also nichts mehr davon.
Und zum Merkur um uns abzukühlen. Ich weiß nicht ob viel Grossprecherey dem Zeug mehr Schaden tuht, oder das Zeug der Großsprecherey. Das ist ein Wind und ein Gewäsch, dass eine Schand ist. Man ist durchgängig unzufrieden gewesen, der zweyte Teil ist was besser.
Der Hans und die Hänsgen. Wiel.[25] und die Jackerls haben sich eben prostituirt! Glück zu! Für mich haben sie ohnedem nicht geschrieben. Fahr hin. Des Cammerrath Jakobis Frau war hier, eine recht liebe brave Frau, ich habe recht wohl mit ihr leben können, binn allen Erklärungen ausgewichen, und habe getahn als hätte sie weder Mann noch Schwager. Sie würde gesucht haben uns zu vergleichen, und ich mag ihre Freundschafft nicht. Sie sollen mich zwingen sie zu achten wie ich sie iezt verachte, und dann will und muss ich sie lieben.
Heut früh hab ich von Falcken einen Brief kriegt, mit dem ersten Bogen des Musen Alman. Du wirst auf der 15ten S. den Wandrer antreffen den ich Lotten ans Herz binde. Er ist in meinem Garten, an einem der besten Tage gemacht. Lotten ganz im Herzen und in einer ruhigen Genüglichkeit all eure künftige Glückseeligkeit vor meiner Seele. Du wirst, wenn dus recht ansiehst mehr Individualität in dem Dinge finden als es scheinen sollte, du wirst unter der Allegorie Lotten und mich, und was ich so hunderttausendmal bey ihr gefühlt erkennen. Aber verraths keinem Menschen. Darob solls euch aber heilig seyn, und ich hab euch auch immer bey mir wenn ich was schreibe. Jezt arbeit ich einen Roman, es geht aber langsam. Und ein Drama fürs Aufführen damit die Kerls sehen dass nur an mir liegt Regeln zu beobachten und Sittlichkeit Empfindsamkeit darzustellen. Adieu. Noch ein Wort im Vertrauen als Schriftsteller, meine Ideale wachsen täglich aus an Schönheit und Grösse, und wenn mich meine Lebhafftigkeit nicht verlässt, und meine Liebe, so solls noch viel geben für meine Lieben, und das Publikum nimmt auch sein Teil.
Und so gute Nacht liebe Lotte. Im Couvert sind Verse die wollt ich zu einem Portrait von mir an Lotten legen, da es aber nicht gerathen ist so hat sie inzwischen das. Biss auf weiters.
82. Goethe an Lotte.
Wenn einen seeligen Biedermann Pastorn oder Rathsherrn lobesan Die Wittib läßt in Kupfer stechen Und drunter ein Verslein radebrechen Da heißts: Seht hier von Kopf und Ohren, Den Herrn ehrwürdig, wohlgebohren, Seht seine Mienen und seine Stirn Aber sein verständig Gehirn, So manch Verdienst ums gemeine Wesen Könnt ihr ihm nicht an der Nase lesen. So liebe Lotte heissts auch hier: Ich schicke da mein Bildniss dir! Magst wohl die lange Nase sehn, Der Augen Blick, der Locken Wehn, Es ist ohngefähr das garstge Gsicht Aber meine Liebe siehst du nicht.
G.
Dasselbe Gedicht, mit einigen Varianten und seiner Silhouette, hat Goethe bei dem späteren Briefe Nr. 101 übersandt. Beide sind, des Zusammenhangs wegen, im Fac simile hier nachgefügt.
Dort ist der im Gedicht hier hervorgehobene Ausdruck: „garstge Gsicht“ erläutert.
❏ GRÖSSERE ANSICHT


83. Goethe an Kestner.
Die liebe Max de la Roche heurathet — hierher einen angesehnen Handelsmann. Schön! Gar schön.
Euer Hans schreibt mir immer wies im deutschen Haus hergeht, und so hab ich eine komplete Chronick aller Löcher, Beulen, und Händel von einigem Belang seit eurer Abreise.
Obs wahr ist daß Dorthel heurathet?
In unsrer Stadt ist ein unerhörter Stern, seit einem halben Jahre haben wir wohl zwanzig Heurathen von Bedeutung. Unsre zwo nächsten Nachbarinnen haben mit meiner Schwester fast in einer Woche sich vergeben.
Der Türner bläst, die Glocken läuten, die Trommel geht, und dort hinten fängts an zu tagen.
Ich bin auch zeither fleisig gewest hab viele kleine Sachen gearbeitet, und ein Lustspiel mit Gesängen ist bald fertig, auch einige ansehnlichere Stücke in Grund gelegt, und nun wird drüber studirt.
Obiges Lustspiel ist ohne grossen Aufwand von Geist und Gefühl, auf den Horizont unsrer Akteurs und unsrer Bühne gearbeitet. Und doch sagen die Leute es wären Stellen drinn die sie nicht prästiren würden. Dafür kann ich nachher nicht.
Ihr sollts im Msspt. haben.
Hat Lotte den Can. Jacobi gesehn, gesprochen. Er ist auf sie aufmerksam gewesen, merk ich. Ist er noch da.
Falcke ist ein trefflicher Junge, mich freuts dass er Liebe zu mir hat, er schreibt mir manchmal. Merck und ich haben eine wunderliche Scene gehabt, über eine Silhouette die Lavater mir schickte, und die Lotten viel ähnlich sieht. Es lässt sich nicht sagen wies war. Es war den Abend seiner Ankunft, und ich habe draus gesehn dass er Lotten noch recht liebt. Denn wer Lotten kennt und nicht recht liebt, den mag ich auch nicht recht.
Adieu ihr Kinder es wird Tag.
Wisst ihr schon dass Höpfner die Jungfer Thomä geheurathet hat.
Schreibt mir bald. Und ergözt euch an der Erinnerung meiner, wie ich mich an euch ergötze.
G.
84. Goethe an Hans.
Gratulire lieber Hans zur glücklichen Genesung und wünsche dass mein Brief euch alle wieder gesund treffen möge. Geben Sie einliegenden Brief Hrn. Krafft Bremischen Canzellisten der so gut seyn wird ihn Hrn. Kestner zu übermachen. Empfelen sie mich dem lieben Papa und Schw. Carlingen. Viele Grüße an Msll Lenchen, Dorthel und Anngen, und die andern Mädgens und Bubens sollen brav seyn, und Mandeln haben und Bilder wenn ich komme.
G.
Sagen Sie doch Lengen sie soll Lotten die Läppgen zum Flicken des blaugestreiften Nachtjäckgens schicken, die sie vergessen hat. sie werden sich wohl finden. Oder besser lass er sich sie von Lengen geben und schick er mir sie mit der fahrenden Post ich will sie Lotten schicken es muß ihr aber niemand davon was schreiben.
85. Goethe an Hans.
Mich freuts lieber Hans dass er so brav ist, und sich das Primat nicht nehmen lässt. Wenn nun auch alles wieder hergestellt ist im Hause so wünsch ich guten bestand. Ich danke für die Läppgen, dass nur niemand Lotten was davon schreibt. Meld er mir doch baldigst wann der Fuhrmann nach Hannover geht, ich hab ein Kästgen, allein er müssts dem Manne wohl rekommandiren, denn es ist zerbrechliche Waar, daß säuberlich mit umgegangen würde.
Adieu lieber Hans lassts euch das Obst recht schmecken, und grüss er den Papa und das ganze liebe Wesen im deutschen Haus. Adieu.
G.
86. Goethe an Hans.
Lieber Hans ich dank ihm recht sehr für seine Briefe, fahr er ich bitte so fort.
Hier sind vier Exemplar Iris, die ist er so gut und bestellt sie an die vier Damen die hier auf dem Zettelgen genannt sind.
Er hat noch, wenn ich mich nicht irre Geld von mir in Verwahrung, das bitt ich ihn als ein Cristgeschenk anzunehmen, und seinen Geschwistern auch etwas davon zu Gute zu thun.
Grüss er Papa und die Schwestern und Msll Brand. Will denn noch keine der Lotte nachfolgen?
G.
87. Goethe an Lotte.
(Frankfurt den 31. Oct. 1773)
Ich weis nicht liebe Lotte ob meine Muthmasung Grund hat, dass Sie in kurzem ein Negligee brauchen werden, wenigstens kommt mirs so vor. Und da ich über diesen wichtigen Punct nachdachte, sprach ich zu mir selbst: Sie geht gerne weis, alles Nesseltuch ist verbannt im Winter, außer gesteppt und da sieht sie zu altmütterlich drinn aus &c. hierüber trat die vorsichtige Göttin der Mode zu mir und überreichte mir beykommendes Zeug, das ausser der Dauer alle Qualitäten hat. Es ist Nesseltuch, hat also alle dessen Tugenden, die Atlassstreifen machen es zur Wintertracht; kurz und gut, zum Schneider mit, dass der aber fein säuberlich verfahre. NB es darf mit keiner andern Farbe als weis gefüttert werden, die ich gesehen habe, hatten weis Leinwand drunter. Das Stück gibt iust ein Negligee, über Poschen.
Zugleich überschicke auch, die hinterlassene Läppchen des blau und weisen Nachtiäckchens, und bitte über die neu angekommene Vornehme Freundschafft die alte treue nicht zu vergessen.
Adieu liebe Lotte grüssen Sie mir das Männgen, erinnern Sie sich der alten Zeit wie ich.
Frankfurt am 31. Octbr. 1773. als am Tage Wolfgang — — —
Goethe.
88. Goethe an Kestner.
Am ersten Christtage, morgends nach sechs. (1773.)
Es ist ein Jahr dass ich um eben die Stunde an euch schrieb, meine lieben, wie manches hat sich verändert seit der Zeit.
Ich hab euch lange nicht geschrieben, das macht dass es bunt um mich zugeht.
Ich danke dir liebe Lotte dass du mir für meine Spinneweben einen Brief geschenkt hast. Wenn ich das gehofft hätte, wäre mein Geschenk eigennützig gewesen. Ich habe ihn wohl hundertmal geküßt. Es giebt Augenblicke wo man erst merkt wie lieb man seine Freunde hat.
Ich kann euch die Freude nicht beschreiben die ich hatte Merken wieder zu sehn, er kam acht Tage eh ich’s vermuthete, und sas bey meinem Vater in der Stube, ich kam nach Hause, ohne was zu wissen, tret ich hinein und höre seine Stimme eher als ich ihn sehe. Du kennst mich Lotte.
Die Stelle in deinem Brief die einen Wink enthält von möglicher Näherung zu euch, ist mir durch die Seele gangen. Ach es ist das schon so lange mein Traum als ihr weg seyd. Aber es wird wohl auch Traum bleiben. Mein Vater hätte zwar nichts dagegen wenn ich in fremde Dienste gienge, auch hält mich hier weder Liebe noch Hoffnung eines Amts — und so scheint es könnt ich wohl einen Versuch wagen, wieder einmal wie’s draussen aussieht.
Aber Kestner, die Talente und Kräffte die ich habe, brauch ich für mich selbst gar zu sehr, ich binn von ieher gewohnt nur nach meinem Instinkt zu handeln, und damit könnte keinem Fürsten gedient seyn. Und dann biss ich politische Subordination lernte — Es ist ein verfluchtes Volk, die Franckfurter, pflegt der Präs. v. Moser zu sagen, man kann ihre eigensinnigen Köpfe nirgends hin brauchen. Und wenn auch das nicht wäre, unter all meinen Talenten ist meine Jurisprudenz der geringsten eins. Das bissgen Theorie und Menschenverstand richtens nicht aus — Hier geht meine Praxis mit meinen Kenntnissen Hand in Hand, ich lerne ieden Tag und haudere mich weiter. — Aber in einem Justiz-Collegio — Ich habe mich von ieher gehütet ein Spiel zu spielen da ich der unerfahrenste am Tisch war — Also — doch möcht ich wissen ob deine Worte etwas mehr als Wunsch und Einfall waren.
Meine Schwester ist brav. Sie lernt leben! und nur bey verwickelten misslichen Fällen erkennt der Mensch was in ihm stickt. Es geht ihr wohl und Schl. ist der beste Ehemann wie er der zärtlichste und unverrückteste Liebhaber war.
89. Goethe an Hans.
Hier ist ein guter Freund von mir, ich wäre gern mitgekommen lieber Hans, aber das will nicht gehn. Wenn ihr mich lieb behaltet, so hoff ich doch einmal zu erleben, dass ich euch wieder sehe. Was er an Hr. Plitt thut will ich für mich annehmen. Bring er ihn zu Brandts, und grüs er die Schwestern denen der junge Mann auch ohne mein Empfel wohlgefallen wird. Meine Buben sollen mich lieb behalten. Ich schick ihnen was aus der Mess. Sophie und Annel haben mich hoff ich nicht vergessen. Sey er immer brav. Die Franckf. Zeitungen kauff er sich nicht, er kann sie zu nichts brauchen. Wenn ich ein gut Buch für ihn finde schicke ichs ihm. Adieu und vergiss er nicht zu schreiben.
Goethe.
90. Goethe an Hans.
Lieber Hans bitt er Anngen um Verzeihung dass ich nicht ihr meine Comission ausgerichet. Hr. Schmidt kann keine Muster geben, aber Stücke will er einige schicken. Nun soll Anngen so gut seyn und schreiben was für Farben und Art sie verlangen, so will ichs besorgen.
Noch eine Comission: bey Hr. v. Falck hab ich 9 fl. zu gut, hohl er sie doch ab und schick er sie mit der fahrenden Post.
Grüß er das ganze Haus. Msll Dorthel — er weis wohl — und Lengen. Und was Lotte schreibt und schickt mögt ich gern hören.
G.
91. Goethe an Hans.
Lieber Hans ich habe seinen letzten Brief unglücklicher Weise verlegt, also muss ich ihn bitten: mir Anngens und Carlingens Comission noch einmal zu melden, was sie für Farben haben wollen. Grüs er alles. Adieu.
G.
92. Goethe an Hans.
Lieber Hans es ist da wieder ein Anstos an der Comission. Er schreibt mir ich soll Anngen von beyliegendem Stückgen ¾ Ellen schicken. Nun begreiff ich nicht was sie mit drey Viertel Ellen machen will. Sollens aber drey Ellen und ein Viertel seyn 3¼: so ists was anders weil aber das ins Geld laufft und über 16 fl. käme, so hab ich noch einmal anfragen wollen, grüs er sie alle. Und meld er mir was neues mit
G.
93. Goethe an Hans.
Da schick ich lieber Hans indessen was für die Kleinen, theil er die Rosinen Feigen und Bilder unter sie, und das Buch mögen sie in Gemeinschaft haben, es kommt vom Hr. Kestner.
Behaltet mich lieb. Grüsse den Papa die Schwestern und Brandts. Adieu.
G.
94. Goethe an Hans.
Hier schick ich Ihm, lieber Hans, ein praemium virtutis et diligentiae zum neuen Jahr. Und dass er sieht was wir Franckfurter für Leute sind, auch einen neuen Heller.
Grüs er mir alle liebe Leute und behalte er mich lieb.
G.
95. Goethe an Hans.
Bestell er mir den Brief richtig und bald. Seiner ist auch bestellt. Wünsche Alberten und Ernst gute Besserung. Empfehl er mich dem Papa, grüss er die Schwestern und Lengen und Dorthel und schreib er mir manchmal.
Goethe.
96. Goethe an Lotte.
(1773 oder 1774.)
Liebe Lotte, es fällt mir den Augenblick so ein, dass ich lang einen Brief von dir habe, auf den ich nicht antwortete. Das macht du bist diese ganze Zeit, vielleicht mehr als jemals in, cum et sub (lass dir das von deinem gnädigen Herrn erklären) mit mir gewesen. Ich lasse es dir ehstens drucken — Es wird gut meine Beste. Denn ist mirs nicht wohl wenn ich an euch dencke?
Ich bin immer der Alte, und deine Silhouette ist noch in meiner Stube angesteckt, und ich borge die Nadeln davon wie vor Alters. Dass ich ein Tohr binn, daran zweifelst du nicht, und ich schäme mich mehr zu sagen. Denn wenn du nicht fühlst dass ich dich liebe, warum lieb ich dich? —!
Goethe.
97. Goethe an Kestner.
(Märtz 1774.)
Auf einen Brief vom 1ten Weynachtstage erst den 13 Februar Antwort zu haben, ist nicht schön. Künftig, Kestner, schick mir deine Briefe mit der Post. Und schreib öfter, sonst wend ich mich an Lotten dass die mir schreibt.
Die Max La Roche ist hierher verheurathet, und das macht einem das Leben noch erträglich, wenn anders dran etwas erträglich zu machen ist. Wie offt ich bey euch binn, heisst das in Zeiten der Vergangenheit, werdet ihr vielleicht ehestens ein Document zu Gesichte kriegen. Und wenn ihr nicht oft schreibt, und wenns häusliche Kleinigkeiten wären. Ihr wisst dass mir daran am meisten gelegen ist.
Der Jakobi hat Lotten in sofern Gerechtigkeit wiederfahren lassen. Er hat eine sehr vorteilhafte Schilderung von ihr gemacht, und wie man mir es schrieb, so wusst ich warrlich nicht dass das all an ihr war, denn ich hab sie viel zu lieb von jeher gehabt, um auf sie so acht zu haben. Die Iris ist eine kindische Entreprise, und soll ihm verziehen werden, weil er Geld dabey zu schneiden denckt. Eigentlich wollen die Jackerls den Merkur miniren, seit sie sich mit Wieland überworfen haben.
Was die Kerls von mir dencken ist mir einerley. Ehedessen haben sie auf mich geschimpft wie auf einen Hundejungen, und nun müssen sie fühlen, dass man ein braver Kerl seyn kann ohne sie iust leiden zu können. Dass Lotte in der Reihe der Protectrices steht, kleidet sie gut zu Gesichte.
Von meinen Wünschen und Hoffnungen zu euch zu kommen mag ich nichts reden. Mir gehts wie euch — und also wollen wirs unterdessen auf sich beruhen lassen.
Dass ihr Herdern nicht näher gesehn habt, ist doch fatal. War er denn alleinn? Oder sein Weib mit? Ich binn wohl fleissich, und meine Lebens Wirthschaft ist immer die alte. Wenn ich manchmal deine alten Briefe ansehe, erstaun ich, dass ich nach so mancherley Veränderungen noch derselbe binn. Und möchte das auch von euch hören. Desswegen schreibt mir öffter und bittet Lotten, dass sie mir nur manchmal ein Wörtchen schreibt, wenns ihr ums Herz ist. Das könnte sie wohl thun. Sie soll mir die Pestel grüssen, das muss auch ein braves Weib seyn.
Die Kunckel hat dem Magistr. viel Schererey gemacht. Sie sas in Strasburg. Der dortige Magistrat wollte sie nicht ausliefern, und da der Kurfürst sich an den König gewendet, ist sie auf und davon in die Schweiz. Das sind die neusten und noch zur Zeit geheimen Nachrichten.
Dass wir sehr Kayserlich sind, ist kein Wunder, da wir des Kaysers sind.
Adieu. Lasst bald wieder was hören. Ich binn der Alte, von Ewigkeit zu Ewigkeit Amen.
G.
98. Goethe an Kestner.
(May 1774.)
Ist mir auch wieder eine Sorge vom Hals. Küsst mir den Buben, und die ewige Lotte. Sagt ihr ich kann mir sie nicht als Wöchnerinn vorstellen. Das ist nun unmöglich. Ich seh sie immer noch wie ich sie verlassen habe, (daher ich auch weder dich als Ehmann kenne, noch irgend ein ander Verhältniss als das alte, — und sodann bey einer gewissen Gelegenheit, fremde Leidenschaften aufgeflickt und ausgeführt habe, daran ich euch warne, euch nicht zu stosen) Ich bitte dich lass das eingeschlossene Radotage biss auf weiteres liegen, die Zeit wirds erklären. Habt mich lieb, wie ich euch, so hat die Welt keine vollkommenere Freunde.
G.
Mein garstig Zeug gegen Wieland macht mehr Lärm als ich dachte. Er führt sich gut dabey auf wie ich höre, und so binn ich im Tort.
99. Goethe an Kestner.
(11. May 1774.)
Es hat mich überrascht, ich erwartete das nicht. Gehofft hatt ichs, doch da dein Brief nichts davon sagte, beschied ich mich dass die erstgebornen der Famille gehören. Nun aber — ich wünsche dass Lotte — denn getauft ist der Knabe am 11 May da ich das schreibe — dass Lotte, alle Ueberlegung möge auffahrend durchgebrochen haben, und gesagt: Wolfgang heist er! und der Bub soll auch so heisen! — du scheinst dahin zu neigen, und ich wünsche dass er diesen Nahmen führe weil er mein ist. — Habt ihr ihm den andern gegeben, so halt ich mir aus dem nächsten den Nahmen Wolfgang zu geben, da ihr doch mehr Gevattern nehmt — und ich — wohl all eure Kinder aus der Taufe heben möchte, weil sie mir all so nah sind wie ihr. — Schreibt mir gleich was geschehn ist. — Ich habe närrische Ahndungen dadrüber, die ich nicht sage, sondern die Zeit will walten lassen.
Adieu ihr Menschen die ich so liebe (dass ich auch der träumenden Darstellung des Unglücks unsers Freundes, die Fülle meiner Liebe borgen und anpassen musste) Die Parenthese bleibt versiegelt bis auf weiters.
G.
100. Goethe an Lotte.
v. 16. Jun. 1774.
Ich komme von Meyers liebe Lotte, habe mit ihnen zu Nacht gessen, und gestern auch, heute den Tag über waren sie zu Darmstadt. Es sind recht gute Menschen, ich schwöre sie lieben mich denn ich liebe sie auch. Wir waren so offen in der ersten Viertelstunde. O Lotte was ich ein Kind bin! Wie michs gleichsam überraschte da mir die Meyern sagte, dass du noch an mich denkst. Sagen mir das nicht Kestners Briefe, sagt mirs nicht mein Herz, und doch war mirs so ganz neu, da mir das liebe Weibchen, mit der wahren Stimme des Antheils sagte: dass du noch an mich denkst. O sie fühlte was sie mir sagte, sie ist eine liebe Frau. Schon gestern Nacht wollt ich dir schreiben, aber es war nicht möglich, ich ging in meiner Stube auf und ab, und redete mit deinem Schatten, und selbst ietzt fällt mir’s schweer das dahin zu krizzen! — Soll ich denn niemals wieder, niemals wieder deine Hand halten Lotte? Ich habe der Meyern viel erzählt von dir, sie war mit mir im Wald und versprach mir, dich auf der Ellrie[26] von mir zu unterhalten. Ja Lotte ich hab lang so keine Freude gehabt — Ihr Mann ist iust einer der Menschen wie ich sie haben muss, die Erfahrung des Lebens, die schönen Kentnisse und Wissenschafften ohne Pedanterey und die gute offne Seele. Wir haben uns recht gut gefunden. Und so mit gute Nacht. Morgen früh gehn sie und ich will ihnen noch was schicken. Adieu! Adieu!
Und mein Pathgen ist wohl, und Mamagen wills auch bald wieder werden; ich schwöre dir Lotte, das ist für meinen sinnlichen Kopf eine Marter, dich als Mamagen zu dencken und einen Buben der Dein ist und der einen seiner Namen durch meinen Willen trägt. Ich komme damit nicht zurecht, ich kann mir’s nicht vorstellen, und bleibe also dabey: Lotte liebe Lotte, es soll alles seyn wie’s war, und ist so, und die Meyern sagt du habest dich auch nicht verändert. Und so grüse und küsse Papa Kestnern, und er soll mir hübsch schreiben, und du sollst mir auch hübsch schreiben, wenns Mamagen nicht zu beschweerlich fällt. Hier ist von der Meyern ein Brief an ihre Schwester, denk ich. Hans schickte mir einen an sie den ich richtig bestellt habe. Ich hoffe sie wird aus dem Bade wieder durch gehen, und da geb ich ihr eine Hand und Grus für dich mit. Adieu, liebe Lotte, ich schick euch ehstens einen Freund der viel änlichs mit mir hat, und hoffe ihr sollt ihn gut aufnehmen, er heisst Werther, und ist und war — das mag er euch selbst erklären.
am 16ten Juni 1774.
Goethe.
101. Goethe an Lotte.
v. 26. und 31. Aug. 1774.
Wer geht den Augenblick aus meiner Stube? Lotte, liebe Lotte, das räthst du nicht. Räthst ehr von berühmten und unberühmten Leuten eine Reihe als die Frau Catrin Lisbet, meine alte Wetzlarer Strumpfwaschern, die Schwätzern die du kennst die dich lieb hat wie alle die um dich waren dein Lebenlang, sich nicht mehr in Wetzlar halten kann, der meine Mutter einen Dienst zu schaffen hofft. Ich hab sie mit herauf genommen in meine Stube, sie sah deine Silhouette, und rief: „Ach das herzelieb Lottgen,“ in all ihrer Zahnlosigkeit voll waren Ausdrucks. Mir hat sie zum Willkomm in voller Freude Rock und Hand geküsst. und mir erzählt von dir wie du so garstig warst, und ein gut Kind hernach und nicht verschwäzt hättest, wie sie um dich hätte Schläge gekriegt da sie dich zum Lieutt. Meyer führte der in deine Mutter verliebt war, und dich sehn und dir was schenken wollte, das sie aber nicht litt &c. &c. alles, alles. Du kannst denken wie werth mir die Frau war, und dass ich für sie sorgen will. Wenn Beine der Heiligen, und leblose Lappen die der Heiligen Leib berührten, Anbetung und Bewahrung und Sorge verdienen, warum nicht das Menschengeschöpf das dich berührte, dich als Kind aufm Arm trug, dich an der Hand führte, das Geschöpf das du vielleicht um manches gebeten hast? Du Lotte gebeten. — Und das Geschöpf sollte von mir bitten! Engel vom Himmel. Liebe Lotte noch eins. Das machte mich lachen. Wie du sie oft geärgert hast mit deinen schlocker-Händgen, die du so machst, auch wohl noch, sie machte mir sie vor, und mir wars als wenn dein Geist umschwebte. Und von Carlinen, Lehngen allen, und was ich nicht gesehn und gesehn habe, und am Endlichen Ende war doch Lotte und Lotte und Lotte und Lotte, und Lotte und ohne Lotte nichts und Mangel und Trauer und der Todt. Adieu Lotte. kein Wort heut mehr. 26 Aug.
d. 31. Aug. Hier herein gehört, meine Liebe, beyliegendes Blättchen das ich in Langen schrieb letzten Samstag eh Merk kam. Wir verbrachten einen glücklichen Tag, der Sonntag war leider sehr trocken. Doch die Nacht träumt ich von dir wie ich wäre wieder zu dir gekommen und du mir einen herzlichen Kuss geben hättest. So lang ich von dir weg binn hab ich weder wachend noch träumend, dich so deutlich vor mir gesehn. Adieu. Von den Silhouetten hierbey ist eine für euch, für Meyers, für Zimmermann. Kestner soll mir doch auch wieder einmal schreiben. Adieu Lotte ich danke dir dass du wohl lesen magst was ich schreibe und drucken lasse, hab ich dich doch auch lieb. Küss mir den Buben. Und wenn ich kommen kann, ohne viel zu reden, und schreiben, steh ich wieder vor dir, wie ich einst von dir verschwand, darüber du denn nicht erschröcken, noch mich ein garstig Gesicht schelten magst. Grüs Meyers. Ich möchte dich doch sehen den Buben aufm Arm. Adieu Adieu.
Hiezu gehört Goethe’s Gedicht nebst Silhouette, welche oben (Nr. 82) dem Duplicate des Gedichts im Fac simile beigefügt sind.
Der Schluß dieses Briefes erläutert den im Gedichte enthaltenen Ausdruck: „Garstges Gesicht.“
102. Goethe an Lotte.
(27. Aug. 1774.)
Ich habe gestern den 26 einen Brief an dich angefangen, hier sitz ich nun in Langen zwischen Franckfurt und Darmstadt, erwarte Merken, den ich hierher beschieden habe, und mir ist im Sinn an dich zu schreiben. Heut vor zwey Jahren sas ich bey dir fast den ganzen Tag da wurden Bohnen geschnitten biss um Mitternacht, und der 28te[27] feyerlich mit Thee und freundlichen Gesichtern begonnen. O Lotte, und du versicherst mich mit all der Offenheit und Leichtigkeit der Seele, die mir so werth immer war an dir, dass ihr mich noch liebt, denn sieh es wäre gar traurig wenn auch über uns der Zeiten Lauf das Uebergewicht nehmen sollte. Ich werde dir ehestens ein Gebetbuch, Schatzkästchen oder wie du’s nennen magst schicken, um dich Morgends und Abends zu stärken in guten Errinnerungen der Freundschaft und Liebe. Morgen denkt ihr gewiss an mich. Morgen bin ich bey euch, und die liebe Meyern hat versprochen mir ihr Geistgen zu schicken mich abzuhohlen. Ein herrlicher Morgen ists, der erste lang ersehnte Regen nach einer Dürre über vier Wochen, der mich erquickt wie das Land, und dass ich ihn auch eben auf dem Land geniesse! Vorgestern war Gotter da, er geht mit zwey Schwestern nach Lyon, dort eine Schwester zu besuchen, ist immer gut, und sehr krank, doch munter, es ward unser altes Leben rekapitulirt, er grüsste herzlich dein Schattenbild, ich schwäzt ihm allerley vor &c. und so ging er wieder. Darin hab ichs gut, wenn meine Freunde halbweg reisen so müssen sie zu mir, bey mir vorbey und zollen.
103. Goethe an Hans.
v. 31. Aug. 1774.
Ihr habt einen lieben Bruder verlohren, und ich einen von meinen lieben Buben. Seyd brav doppelt und dreyfach dass an euch Papa und ich getröstet werden über den Verlust. Grüss er mir alle. Schreib er mir öfter was passirt. Glaubt er denn nicht dass mich von euch alle Kleinigkeiten interessiren? Ich bin zwar lang weg, doch immer bey euch. Adieu; bestell er mir den Brief an Lotten aufs beste. am 31 Aug. 1774
G.
104. Goethe an Kestner.
v. 23. Sept. 1774.
Habt ihr das Buch schon; so versteht ihr beygehendes Zettelgen, ich vergas es hinein zu legen im Hurrli in dem ich ietzt lebe. Die Messe tobt und kreischt, meine Freunde sind hier, und Vergangenheit und Zukunft schweben wunderbar in einander.
Was wird aus mir werden. O ihr gemachten Leute, wieviel besser seyd ihr dran.
Ist Meyern wieder da. Ich bitt euch gebt das Buch noch nicht weiter, und behaltet den lebendigen lieb, und ehret den Todten.
Nun werdet ihr die dunkeln Stellen voriger Briefe verstehen.
am 23. Sept. 1774.
105. Goethe an Lotte.
Einschluß des Vorigen.
Lotte wie lieb mir das Büchelgen ist magst du im Lesen fühlen, und auch dieses Exemplar ist mir so werth als wär’s das einzige in der Welt. Du sollsts haben Lotte, ich hab es hundertmal geküsst, habs weggeschlossen, dass es niemand berühre. O Lotte! — Und ich bitte dich lass es außer Meyers niemand iezzo sehn, es kommt erst die Leipziger Messe in’s Publikum. Ich wünschte iedes läs’ es allein vor sich, du allein, Kestner allein, und jedes schriebe mir ein Wörtgen.
Lotte Adieu Lotte.
106. Fragment eines Brief-Conzepts
von Kestner an Goethe nach Empfang des Werther.
(Aus Hannover, vom Ende Sept. oder Anfang Oct. 1774.)
Euer Werther würde mir großes Vergnügen machen können, da er mich an manche interessante Scene und Begebenheit erinnern könnte. So aber, wie er da ist, hat er mich, in gewissem Betracht, schlecht erbauet. Ihr wißt, ich rede gern wie es mir ist.
Ihr habt zwar in jede Person etwas Fremdes gewebt, oder mehrere in eine geschmolzen. Das ließ ich schon gelten. Aber wenn Ihr bey dem Verweben und Zusammenschmelzen euer Herz ein wenig mit rathen lassen; so würden die würcklichen Personen, von denen ihr Züge entlehnet, nicht dabey so prostituirt seyn. Ihr wolltet nach der Natur zeichnen, um Wahrheit in das Gemälde zu bringen; und doch habt Ihr so viel widersprechendes zusammengesetzt, daß Ihr gerade Euren Zweck verfehlt habt. Der Herr Autor wird sich hiergegen empören, aber ich halte mich an die Würklichkeit und an die Wahrheit selbst, wenn ich urtheile, daß der Maler gefehlt hat. Der würcklichen Lotte würde es in vielen Stücken leid seyn, wenn sie Eurer da gemalten Lotte gleich wäre. Ich weiß es wohl, daß es eine Composition seyn soll; allein die H....., welche Ihr zum Theil mit hineingewebt habt, war auch zu dem nicht fähig, was Ihr eurer Heldin beymesset. Es bedurfte aber des Aufwandes der Dichtung zu Eurem Zwecke und zur Natur und Wahrheit gar nicht, denn ohne das — eine Frau, eine mehr als gewöhnliche Frau immer entehrende Betragen Eurer Heldin — erschoß sich Jerusalem.
Die würckliche Lotte, deren Freund Ihr doch seyn wollt, ist in Eurem Gemälde, das zu viel von ihr enthält, um nicht auf sie starck zu deuten, ist, sag’ ich — doch nein, ich will es nicht sagen, es schmerzt mich schon zu sehr da ichs denke. Und Lottens Mann, Ihr nanntet ihn Euren Freund, und Gott weiß, daß er es war, ist mit ihr —
Und das elende Geschöpf von einem Albert! Mag es immer ein eignes nicht copirtes Gemählde seyn sollen, so hat es doch von einem Original wieder solche Züge (zwar nur von der Aussenseite, und Gott sey’s gedankt, nur von der Aussenseite) daß man leicht auf den würklichen fallen kann. Und wenn Ihr ihn so haben wolltet, mußtet ihr ihn zu so einem Klotze machen? damit ihr etwa auf ihn stolz hintreten und sagen könntet, seht was ich für ein Kerl bin!
107. Goethe an Kestner und Lotte.
(Oct. 1774.)
Ich muß euch gleich schreiben meine Lieben, meine Erzürnten, dass mirs vom Herzen komme. Es ist gethan, es ist ausgegeben, verzeiht mir wenn ihr könnt. — Ich will nichts, ich bitte euch, ich will nichts von euch hören, biss der Ausgang bestätigt haben wird dass eure Besorgnisse zu hoch gespannt waren, biss ihr dann auch im Buche selbst das unschuldige Gemisch von Wahrheit und Lüge reiner an eueren Herzen gefühlt haben werdet. Du hast Kestner, ein liebevoller Advokat, alles erschöpft, alles mir weggeschnitten, was ich zu meiner Entschuldigung sagen könnte; aber ich weis nicht, mein Herz hat noch mehr zu sagen, ob sichs gleich nicht ausdrücken kann.
Ich schweige, nur die frohe Ahndung muss ich euch hinhalten, ich mag gern wähnen, und ich hoffe, dass das ewige Schicksaal mir das zugelassen hat, um uns fester an einander zu knüpfen. Ja meine Besten, ich, der ich so durch Lieb an euch gebunden bin, muss noch euch und euern Kindern ein Schuldner werden für die böse Stunden, die euch meine — nennts wie ihr wollt, gemacht hat. Haltet, ich bitt euch, haltet Stand. Und wie ich in deinem letzten Briefe dich ganz erkenne Kestner, dich ganz erkenne Lotte, so bitt ich bleibt! bleibt in der ganzen Sache, es entstehe was wolle. — Gott im Himmel man sagt von dir: du kehrest alles zum besten.
Und, meine lieben wenn euch der Unmuth übermannt, denkt nur denkt, dass der alte euer Goethe, immer neuer und neuer, und jetzt mehr als jemals der eurige ist.
108. Kestner an v. Hennings.
Hannover d. 7. November 1774.
Ihren Brief, Liebster Freund, würde ich nicht verstehen, wenn ich es nicht längst vorausgesehen hätte, daß die Leiden des jungen Werthers den Mißverstand erregen würden, den ich aus Ihrem Briefe in Berlin gewahr wurde. Aber warum war nicht mein erster Ausruf: „Ich bin glücklich wie man es in der Welt seyn kann! Ich bin nicht zu bedauren, wenigstens nicht in dem Verstande, wie Sie meynen. Ich traure nicht.“ — Mit einem Worte, es ist alles Irrthum, und es geht mir nahe, daß dieses Sie betrüben müße. Ich will Ihnen, so viel wie möglich das Räthsel auflösen. Hätten Sie meinen Brief, den ich vor ohngefähr einem Jahre von hier schon an Sie nach Berlin geschrieben, erhalten, so hätte es zu dem Irrthum wahrscheinlich nicht kommen können. Er muß aber verloren gegangen seyn. Ich bin schon seit mehr als 1½ Jahren nicht mehr zu Wetzlar, sondern hier als königlicher Archiv-Secretair. Ehe ich aus Wetzlar gereiset, 2 Monat vorher, bin ich mit meinem Lottchen auf ewig verbunden, und es war mir wohl, als ich es war, und bin es noch. Darauf führte ich Lottchen in meinem Herzen im Triumph hierher. Sie ward aufgenommen, wie sie es verdiente. Zu Wetzlar war ich meiner Stelle müde, ich suchte daher zurückberufen zu werden, und erhielt die jetzige Stelle, die zwar noch nicht viel einträgt, die ich aber doch gern annahm, um erst wieder hierher zu kommen. Bald nachher erhielt ich einen Brief über Wetzlar von Ihnen. Ich antwortete bald und schrieb Ihnen meine ganze Geschichte. Ich schickte diesen Brief an den Churbrandenburgischen Legations-Secretair Ganz zu Wetzlar; der ihn aber nicht bestellt haben muß, oder er ist sonst verloren. Nunmehr erwartete ich längst eine Antwort und war immer im Begriff noch einmal zu schreiben, denn Sie sind noch immer mein erster Freund, und ich Ihnen ganz der nämliche, der ich immer war. Zu Wetzlar habe ich nur einen gefunden, den ich Ihnen gleich nachsetze; sein Namen ist schon bekannt genug, er heißt Goethe. Sie können es daraus schliessen, daß er mir mit den Leiden des jungen Werthers, ohne Vorsatz jedoch, und in seiner Autor-Wärme, oder Etourderie, keinen angenehmen Dienst gethan hat; indem mich vieles darin verdrießt, so wie meine Frau auch, und der Erfolg uns doppelt verdrießt: Aber dennoch bin ich geneigt es ihm zu verzeihen; doch soll er es nicht wissen, damit er sich künftig in Acht nimmt. Im Vertrauen will ich Ihnen dieses und die Geschichte des Werthers näher erklären, wovon Sie aber nur einen behutsamen Gebrauch machen sollen; doch aber bitte ich einigen Gebrauch davon zu machen.
Im ersten Theile des Werthers ist Werther Goethe selbst. In Lotte und Albert, hat er von uns, meiner Frau und mir, Züge entlehnt. Viele von den Scenen sind ganz wahr, aber doch zum Theil verändert; andere sind, in unserer Geschichte wenigstens, fremd. Um des zweyten Theils Willen, und um den Tod des Werthers vorzubereiten, hat er im ersten Theile verschiedenes hinzugedichtet, das uns gar nicht zukömmt. Lotte hat z. B. weder mit Goethe, noch mit sonst einem anderen in dem ziemlich genauen Verhältniß gestanden, wie da beschrieben ist; Dieß haben wir ihm allerdings sehr übel zu nehmen, indem verschiedene Nebenumstände zu wahr und zu bekannt sind, als daß man nicht auf uns hätte fallen sollen. Er bereut es jetzt, aber was hilft uns das. Es ist wahr, er hielt viel von meiner Frau; aber darin hätte er sie getreuer schildern sollen, daß sie viel zu klug und zu delicat war, als ihn einmal so weit kommen zu lassen, wie im ersten Theile enthalten. Sie betrug sich so gegen ihn, daß ich sie weit lieber hätte haben müssen, als sonst, wenn dieses möglich gewesen wäre. Unsere Verbindung ist auch nie declarirt gewesen, zwar nicht heimlich gehalten; doch war sie viel zu schamhaft als es irgend jemanden zu gestehen. Es war auch keine andere Verbindung zwischen uns, als die der Herzen. Erst kurz vor meiner Abreise, (als Goethe schon ein Jahr von Wetzlar weg, zu Franckfurt, und der verstellte Werther ½ Jahr todt war) vermählten wir uns. Hier erst, nach Verlauf eines ganzen Jahres, seit unseres Hierseyns, wurden wir Vater und Mutter. Der liebe Junge lebt noch, und macht uns Gottlob viel Freude. Sonst ist in Werthern viel von Goethe’s Character und Denkungsart. Lottens Portrait ist im ganzen das von meiner Frau. Albert hätte ein wenig wärmer seyn mögen.
So viel vom ersten Theile. Der zweyte geht uns gar nichts an. Da ist Werther der junge Jerusalem; Albert der Pfälzische Legations-Secretair, und Lotte des letzteren Frau; was nämlich die Geschichte anbetrifft, denn die Charactere sind diesen drey Leuten größtentheils nur angedichtet. Von Jerusalem wußte aber der Verfasser seine vorherige Geschichte vermuthlich nicht, darum schickte er die im ersten Theile voraus, und setzte verschiedenes hinzu, um den Erfolg des zweyten Theils wahrscheinlich zu machen, und diesem mehreren Anlaß zu geben. Der Albert des zweyten Theils war freilich etwas eifersüchtig, aber stand doch nicht in dem Verhältniß mit seiner Frau, wie da beschrieben ist. Seine Frau ist ein sehr hübsches, sanftes, gutes Geschöpf; aber nicht das Leben in ihr, was ihr da beygelegt wird; sie war auch zu der kleinen Untreue nicht einmal fähig, und auch sie betrug sich viel eingezogener gegen Jerusalem, der sie freylich sehr liebte, aber doch im beleidigten Ehrgeiz, mehr als in der unglücklichen Liebe den Grund zu seinem letzten Entschlusse fand. Er beredete sich aber vielleicht selbst, daß das Letzte die Hauptursache sey, und die letzte Veranlassung ist die Liebe selbst gewiß gewesen. Es ist zwar wieder wahr daß ich ihm die Pistolen dazu hergeliehen. Aber daß er sie dazu mißbrauchen würde, ließ ich mir nicht einmal träumen. Ich kannte ihn nur wenig, und meine Frau noch weniger; denn er entfernte sich die mehrste Zeit von den Menschen. Ich wußte von seinen Grundsätzen nichts; und von seiner Liebes-Geschichte nur, was das Publicum wußte; das war nicht viel. Er war nur zwey Mal bey mir gewesen, und bey dieser Gelegenheit hatte er vielleicht die Pistolen bey meiner Cammerthür hängen sehen. Er schrieb mir das eingerückte Billet würklich, und aus Höflichkeit schickte ich ihm die Pistolen, ohne Bedenken. Sie waren nicht geladen; ich hatte nie damit geschossen. — Er war ein guter melancholischer Junge; aber das hätte sich niemand von ihm träumen lassen; es hat es mir auch niemand verdacht.
Diese Jerusalemische Geschichte, die ich möglichst genau erforschte, weil sie merkwürdig war, schrieb ich mit allen Umständen auf, und schickte sie Goethen nach Franckfurt; der hat denn den Gebrauch im zweyten Theil seines Werthers davon gemacht, und nach Gefallen etwas hinzugethan.
Sie sehen also, daß Sie mich ohne Ursache bedauert haben; und ob wir gleich sehr ungern durch das Buch in das Gespräch des Publicums auf solche Art kommen, so freut uns doch, daß es ohne Grund geschieht, und Dank seys dem Höchsten, wir glücklich, zufrieden und vergnügt mit einander gelebt haben und noch leben. Ein geheimer Schrecken überfällt mich manchmal, wenn ich denke, diese Welt, und in so glücklicher Ehe! Darum ertrage ich gern, wenn ich es mir übrigens ein wenig sauer werden lassen muß, da mein Vater inzwischen verstorben ist, meine Einnahme nicht groß, der Aufenthalt hier kostbar ist. Ich nehme dieß gern als ein kleines Gegengewicht unseres Glückes an, zumal da es mir noch an nichts gefehlt hat, und noch nicht fehlet, auch meine Praxis immer etwas zunimmt, und die Aussicht zu besseren Umständen da ist.
Als Goethe sein Buch schon hatte drucken lassen, schickte er uns ein Exemplar, und meinte Wunder was er für eine That gethan hatte. Wir aber sahen es gleich voraus, wie der Erfolg seyn würde, und Ihr Brief bestätigt eine Art unserer Prophezeihung. Ich schrieb ihm und zankte sehr. Nun sah er erst ein was er gethan hatte; das Buch war aber schon an die Buchführer gelangt, und er hoffte noch, daß wir uns geirrt haben sollten.
Ehe ich weiter schreibe, bitte ich Sie inständigst diesen Brief gleich zu verbrennen; wenn er verloren gienge, so bekämen wir eine neue Auflage mit Anmerkungen. Ich habe mir vorgenommen, mich künftig zu hüten, daß ich keinem Autor etwas schreibe, was nicht die ganze Welt lesen darf.
Nun aber ersuche ich Sie, bey Mendelsohn und sonst zu äussern, daß Sie gewiß wüßten, daß in dem Buche die Jerusalemische Geschichte hauptsächlich zum Grunde liege. (Dieß ist wahr, und dem Todten gleichgültig.) Allenfalls können Sie hinzusetzen, daß die Charactere zum Theil wahr wären, aber nicht in der Maaße, daß der tragische Erfolg daraus fliessen könne. Wenn uns jemand kennt, so suchen Sie das Nachtheilige, das im Buche von uns liegt, von uns abzuwenden. Meiner Frau Bild ist in dem, was an Lotten liebenswürdig und untadelhaft ist, getreu. Schliessen Sie daraus, wie natürlich es zugegangen, daß ich sie lieben mußte, da ich sie in ihrer unerfahrenen Jugend kennen lernte. Wenn ich von ihr hätte lassen müssen; so stehe ich nicht dafür, ob ich nicht Werther geworden wäre. Darin erkenne ich mich in Albert nicht.
Sagen Sie aber, was soll ich bey der Geschichte anders thun, als sie übersehen. Zu redressiren ist sie nicht. Goethe hat’s gewiß nicht übel gemeint; er schätzte meine Frau und mich dazu zu hoch. Seine Briefe und seine andern Handlungen beweisen es. Er betrug sich auch viel größer, als er sich im Werther zum Theil geschildert hat. Uebrigens kann uns die Geschichte bey denen, die uns nur halb kennen, nicht schaden. Der Augenschein ist zu sichtbar für uns, da unser gutes Verständniß unter einander bekannt ist.
109. Goethe an Kestner.
v. 21. Nov. 1774.
Da hab ich deinen Brief, Kestner! An einem fremden Pult, in eines Malers Stube, denn gestern fing ich an in Oel zu malen, habe deinen Brief und muss dir zurufen Dank! Dank lieber! Du bist immer der Gute! — O könnt ich dir an Hals springen, mich zu Lottens Füssen werfen, Eine, Eine Minute, und all, all das sollte getilgt, erklärt seyn was ich mit Büchern Papier nicht aufschliessen könnte! — O ihr Ungläubigen würd ich ausrufen! Ihr Kleingläubigen! — Könntet ihr den tausendsten Theil fühlen, was Werther tausend Herzen ist, ihr würdet die Unkosten nicht berechnen, die ihr dazu hergebt! Da lies ein Blättgen, und sende mirs heilig wieder, wie du hier drinnen hast. — Du schickst mir Hennings Brief, er klagt mich nicht an, er entschuldigt mich. Bruder lieber Kestner! wollt ihr warten so wird euch geholfen. Ich wollt um meines eignen Lebens Gefahr willen Werthern nicht zurückrufen, und glaub mir, glaub an mich, deine Besorgnisse, deine Gravamina, schwinden wie Gespenster der Nacht wenn du Geduld hast, und dann — binnen hier und einem Jahr versprech ich euch auf die lieblichste, einzigste, innigste Weise alles was noch übrig seyn mögte von Verdacht, Missdeutung &c. im schwäzzenden Publikum, obgleich das eine Heerd Schwein ist, auszulöschen, wie ein reiner Nordwind, Nebel und Dufft. — Werther muss — muss seyn! — Ihr fühlt ihn nicht, ihr fühlt nur mich und euch, und was ihr angeklebt heisst — und trutz euch — und andern — eingewoben ist — Wenn ich noch lebe, so bist dus dem ichs danke — bist also nicht Albert — Und also —
Gib Lotten eine Hand ganz warm von mir, und sag ihr: Ihren Nahmen von tausend heiligen Lippen mit Ehrfurcht ausgesprochen zu wissen, sey doch ein Aequivalent gegen Besorgnisse, die einem kaum ohne alles andere im gemeinen Leben, da man jeder Baase ausgesetzt ist, lange verdriesen würden.
Wenn ihr brav seyd und nicht an mir nagt, so schick ich euch Briefe, Laute, Seufzer nach Werthern, und wenn ihr Glauben habt, so glaubt dass alles wohl seyn wird, und Geschwäz nichts ist, und beherzige deines Philosophen Brief — den ich geküsst habe —
— O du! — hast nicht gefühlt wie der Mensch dich umfasst, dich tröstet — und in deinem, in Lottens Werth Trost genug findet, gegen das Elend das schon euch in der Dichtung schröckt. Lotte, leb wohl — Kestner du — habt mich lieb — und nagt mich nicht —
G.
Das Billet keinem Menschen gezeigt! unter euch beyden! Sonst niemand sehe das! Adieu ihr lieben! Küsse mir Kestner deine Frau und meine Pathen
Und mein Versprechen bedenkt. Ich allein kann erfinden, was euch völlig ausser aller Rede setzt, ausser dem windgen Argwohn. Ich habs in meiner Gewalt, noch ists zu früh! Grüss deinen Hennings ganz herzlich von mir
Ein Mädchen sagt mir gestern, ich glaubte nicht dass Lotte so ein schöner Name wäre! er klingt so ganz eigen in dem Werther
Eine andre schrieb neulich: Ich bitte euch um Gotteswillen, heisst mich nicht mehr Lotte! — Lottgen, oder Lolo — wie ihr wollt — Nur nicht Lotte bis ich des Nahmens werther werde denn ichs bin.
O Zauberkrafft der Lieb und Freundschafft.
Zimmermanns Billet nächstens. Es ist kalt, ich kanns nicht droben suchen. Heut gehts aufs Eis, ihr lieben Ade
d. 21 Nov. 1774.
110. Kestner an v. Hennings.
Hannover den 30ten November 1774.
(geschlossen den 24 Jan. 1775)
..... Ihren vorigen Brief, nicht den letzten, habe ich Goethen mitgetheilt, um ihn zu überzeugen, wie das Buch angesehen werden könne, um ihn wenigstens in künftigen Fällen behutsamer zu machen. Er schreibt ich soll Sie herzlich grüßen. Er hat Ihren Brief geküßt. Ich soll den Brief meines Philosophen nur recht beherzigen &c. Sie kennen ihn schon aus seinen Schriften. Er macht sich aus der ganzen Welt nichts, darum kann er sich in die Stelle derer, die so nicht seyn können, noch dürfen, nicht setzen. „O du! hast nicht gefühlt wie der Mensch dich umfaßt, dich tröstet — und in deinem und Lottens Werth Trost genug findet gegen das Elend das Euch schon in der Dichtung schreckt &c.“ — sind seine Worte.
Die Urtheile von seinem Buche sind verschieden, und einige, so daß sie ihn wegen manchem Tadel hinlänglich entschädigen. Gerade dem Ihrigen Urtheile entgegen, sagte einer, — Nun würde kein Unheiliger sich leichtsinnig erschiessen.
Sie glauben nicht was es für ein Mensch ist. Aber wenn sein großes Feuer ein wenig ausgetobet hat; so werden wir noch Freude an ihm erleben.
d. 24. Januar 75.
Diesen Brief ward ich behindert fortzusetzen. Hernach dachte ich, er träfe Sie nicht mehr an. Nun da Sie zu Altona seyn werden, soll mich nichts mehr hindern. Ich danke Ihnen für den lieben Brief. Sie trösten mich wegen Werthers Leiden. Im Grunde haben Sie Recht, und es hat mir im Publico, so viel ich weiß, hier keinen Schaden gethan. Aber es thut mir doch wehe, daß ich das Buch nicht mit der Theilnehmung, wie ich bey andern sehe, lesen und wiederholt lesen kann. Immer stößt mir eine Stelle auf, die mir auch in der Dichtung empfindlich ist. Nun ist noch ein ungebetener Ausleger hinzugekommen, in der sogenannten Berichtigung &c. Es ist wohl kein boshafter Ausleger, und manches dient zur Verhinderung irriger Vorstellung. Aber was soll es? Muß denn das Publikum alles so haarklein wissen. Man sollte wunder glauben, was das Publicum für ein ehrwürdiges Ding wäre, dem man ia von Allem recht genauen Bericht abstatten müßte. Ich kenne den Verfasser nicht. Er muß aber genaue Nachricht haben; wiewohl er sich in einigen Stücken irrt. Ich bin mit Lottchen nicht vorher versprochen gewesen. Und was er damit sagen will: „ich bekümmerte mich um den Weltlauf nicht,“ verstehe ich nicht. Ich lebte zu Wetzlar im Publico, und auch hier thue ich es. Der Weltlauf interessirt mich in seiner Maasse allerdings, und er ist sogar mein Studium. Wenn man Einen öffentlich schildern will, so sollte man ihn doch kennen. Ein guter Freund schrieb mir letzthin: »Sauf le respect pour votre ami, mais il est dangereux d’avoir un auteur pour ami.« Er hat wohl recht.
Wenn Sie in Ruhe sind, so schreiben Sie mir etwas umständlicher von sich selbst. Es interessirt mich alles, was Sie angeht. O wenn ich Sie doch wieder sehen könnte! Glauben Sie nur, Sie sind mir noch immer das, was Sie vor vielen Jahren waren. Es freut mich, wenn ich mich untersuche, daß ich meine Empfindungen so unverändert finde, durch die Reihe von Jahren, durch ein reiferes Alter, durch so mancherley Scenen und Begebenheiten, ganz unverändert. Nur thut mir oft wehe, daß meine Geschäfte hindern, öfter dem Hang meines Herzens nachzuhängen. Die Unvollkommenheit dieser Welt empfinde ich nur dann zu stark, wenn ich abbrechen muß, wie jetzt. Leben Sie wohl. Vor allen Dingen leben Sie vergnügt und zufrieden. Behalten Sie uns lieb. Mein Lottchen grüßt Sie herzlich. Ihren Freund grüßen Sie auch; und wenn Sie ihren Bruder sehen werden, auch den.
K.
111. Goethe an Hans.
v. 9. Jan. 1775.
Hier, lieber Hans, ein Brief an Lotten. Von den Damens nehm Er das Geld, von jeder 4½ fl. und schicke er mirs mit Gelegenheit.
Seine Briefe haben mich über Freud und Leid herzlich lachen gemacht. Fahr er fort mich lieb zu haben, und grüss er alles.
d. 9 Januar 1775.
G.
112. Goethe an Lotte.
v. 19. Jun. 1775.
Tief in der Schweiz am Orte wo Tell seinem Knaben den Apfel vom Kopf schoss, warum iust von da ein paar Worte an Sie da ich so lang schwieg?
Gut Liebe Lotte, einen Blick auf Sie und Ihre Kleinen, und das liebe Männchen, aus all der herrlichen Natur heraus, mitten unter dem edlen Geschlecht das seiner Väter nicht ganz unwerth seyn darf, obs gleich auch Menschen sind hüben und drüben.
Ich kann nichts erzählen, nichts beschreiben. Vielleicht erzähl ich mehr wenn mirs abwesend ist, wie mirs wohl eh mit lieben Sachen gegangen ist.
Nicht wahr Sie haben mich noch ein bischen lieb und so halten Sie’s und küssen Ihren Mann auch von mir und Ihre Kleinen. Adieu. grüssen Sie Meyers recht viel. Altdorf drey stunden vom Gotthard den ich morgen besteige.
d. 19. Jun. 1775.
113. Goethe’s Schwester an Kestner.
v. 6. Jan. 1776.
Ich habe eine grose Sünde auf dem Herzen, bester Kestner, — Ihren lieben Brief so lang unbeantwortet zu lassen, das ist abscheulich — Ich wäre mit nichts zu entschuldigen wenn ich nicht seit zwey Jahr keinem Menschen in der Welt geschrieben hätte — so lang währt meine Krankheit und eine Art von Melancolie, die eine natürliche Folge davon ist — Ihre liebe aktive Lotte wird sich hierüber nicht wundern, weil sie sich leicht vorstellen kann, was das heisst als Frau und Mutter zwey Jahre lang im Bette zu liegen, ohne im Stand zu seyn sich selbst nur einen Strumpf anzuziehen —
Zimmermann kam als mein guter Genius mich an Leib und Seele zu erretten, er gab mir Hofnung und munterte mich so auf, dass ich seitdem wenig ganze trübe Stunden mehr habe — es ist auch wirklich durch seine vortreffliche Vorschriften so weit mit meiner Cörperlichen Besserung gekommen, dass ich große Linderung spüre — Es fehlt mir hier hauptsächlich an einer Freundinn die mich aufzumuntern wüsste, und die meine Gedanken von dem elenden kränklichen Cörper weg, auf andere Gegenstände zöge — Es ist sehr schlimm dass ich mich selbst mit nichts beschäfftigen kann, weder mit Handarbeit, noch mit lesen, noch mit Clavierspielen — auch das Schreiben fällt mir beschwerlich wie Sie sehen —
Mein Mädgen würde mir sehr viel Freude machen wenn ich mich mit ihm abgeben könnte, aber so muss ichs ganz fremden Leuten überlassen, welches nicht wenig zum Druck meines Gemüths beyträgt — Es ist sehr lustig und will den ganzen Tag tanzen, desswegen es auch bey jedem lieber als bey mir ist — laufen kanns noch nicht allein, es happelt aber entsetzlich wenn manns führt — Schreiben Sie mir doch ja viel und recht umständlich von Ihren Kleinen, denn wie ich höre so sind Sie so glücklich zwey zu haben — ich mögt gern wissen wie sie aussehn, ob sie der Lotte gleichen, ob sie blaue oder schwarze Augen haben, ob sie lustig oder still sind u.s.w.
Verzeihen Sie mir ja die vielen Fragen, ich würde sie nicht gethan haben wenn ich nicht versichert wäre, dass Sie sie gern beantworteten — Leben Sie wohl. Ihre liebe Lotte küsse ich hundertmal.
d. 6. Jen. 76.
S. Schlosser.
114. Goethe’s Mutter an Hans.
Franckfurt d. 2ten Februar 1776.
Mein lieber Herr Buff! Die Mutter von Ihrem Freund, dem Doctor Goethe, hätte eine Bitte an Sie. Ich weiß, daß Sie meinen Sohn lieb haben. Um desto getroster darf ich Ihnen einen Auftrag geben, da Sie des Sohnes wegen, der Mutter gewiß einen Gefallen thun. Den 9ten November vorigen Jahres, schickte ich an Hr. Cammerrichter ein Päckchen mit 44 fl. 10 kr. Dagegen bekam wie gewöhnlich einen Postschein, der ein ¼ Jahr gültig ist; den 9ten Februar wäre also die Zeit vorbey, inzwischen habe von Hrn. Cammerrichter nicht die geringste Nachricht, ob das Geld glücklich angekommen ist. Nun ist die Frage, ob Sie mir wollen den Gefallen thun und sich bey seiner Excellenz Haushofmeister, oder wen Sie sonst von seinem Hofstaat kennen, erkundigen wollen, ob das Geld richtig überliefert worden seye, denn im entgegenstehenden Falle habe noch 8 Tage Zeit mich beym Postamt zu melden. Haben Sie die Güte mir vor Ablauf der 8 Tage zu antworten, damit ich weiß, woran ich bin.
Sie werden sich ohne Zweifel wundern, warum der Doctor nicht selber schreibt. Aber der ist nicht hier, schon ein ¼ Jahr ist er in Weimar beym Herzog, und Gott weiß wenn er wieder kömmt. Aber freuen thut er sich gewiß, wenn ich ihm schreibe, daß ich an seinen lieben alten Bekannten und guten Freund geschrieben habe, denn wie viel er immer von Ihnen und Ihrem ganzen Haus erzählt hat, kann ich Ihnen nicht sagen. Für seinen vergnügtesten Zeitpunkt hat er es immer gehalten. Ihr lieber Herr Vater, Brüder und Schwestern, besonders Herr und Frau Kestner sind doch, hoffe ich, alle wohl? Grüssen Sie alles von mir, und seyd versichert, daß ich jederzeit seye
Ihre Freundin Goethe.
Wenn Sie die Güte haben an mich zu schreiben, so ist meine Adresse An Frau Rath Goethe, auf dem grossen Hofgraben.
115. Goethe an Kestner und Lotten.
v. 9. Jul. 1776 aus Weimar.
Liebe Kinder. Ich hab so vielerley von Stund zu Stund das mich herumwirft, ehmahls warens meine eigne Gefühle, iezt sind neben denen, noch die Verworrenheiten andrer Menschen die ich tragen und zurecht legen muss. So viel nur: ich bleibe hier, und kann da wo ich, und wie ich bin meines Lebens geniessen, und einem der edelsten Menschen, in mancherley Zuständen förderlich und dienstlich seyn. Der Herzog mit dem ich nun schon an die 9 Monate in der wahrsten und innigsten Seelen Verbindung stehe, hat mich endlich auch an seine Geschäffte gebunden, aus unsrer Liebschafft ist eine Ehe entstanden, die Gott seegne.
Er hat mir Siz und Stimme in seinem Geheimen Rath, und den Titel als Geheimer Legationsrath geben, und wir hoffen das beste.
Viel gute liebe Menschen giebts noch hier mit deren Allgemeiner Zufriedenheit ich da bleibe, ob ich gleich manchem nicht so recht anstehe. Addio behaltet mich lieb. d. 9. Jul. 76 Weimar
Schreibt mir was von euern Kindern. Matthäi hat mir einen Brief bracht.
G.
116. Goethe an Kestner.
Wartburg d. 28. Sept. 77.
Lieber Kestner, nicht dass ich euch vergessen habe, sondern dass ich im Zustande des Schweigens bin gegen alle Welt, den die alten Weisen schon angerathen haben und in dem ich mich höchst wohl befinde, indess sich viele Leute mit Mährchen von mir unterhalten, wie sie sich ehemals von meinen Mährchen unterhielten. Wenn ihr’s könntet auf euch gewinnen, und mir mehr schriebt, oder nur manchmal, ohne Antwort, glaubt dass mirs ewig werth ist, denn ich seh euch leben und glücklich seyn. — Einen Rath verlangt ihr! Aus der Ferne ist schweer rathen! Aber der sicherste, treuste, erprobteste, ist: bleibt wo ihr seyd. Tragt diese oder iene Unbequemlichkeit, Verdruss, Hintansezzung u.s.w. weil ihrs nicht besser finden werdet wenn ihr den Ort verändert. Bleibt fest und treu auf eurem Plazze. Fest und treu auf Einem Zweck, ihr seyd ia der Mann dazu, und ihr werdet vordringen durchs bleiben, weil alles andre hinter euch weicht. Wer seinen Zustand verändert verliert immer die Reise- und Einrichte-kosten, moralisch und ökonomisch, und sezzt sich zurück. Das sag ich dir als Weltmensch, der nach und nach mancherley lernt wie’s zugeht. Schreib mir aber mehr von dir, vielleicht sag ich dir was bestimmt besseres.
Grüsse Lotten, und Gott erhalt euch und die Kleinen.
Ich wohne auf Luthers Pathmos, und finde mich da so wohl als er. Uebrigens bin ich der glücklichste von allen die ich kenne. Das wird dir auch genug seyn.
Addio. Grüsse Sophien.[28]
G.
117. Goethe an Kestner.
v. 23. Jan. 1778.
Danke recht sehr für das überschickte, und bitt euch besonders um die Abänderungen und Verbesserungen, weil mir daran am meisten gelegen ist. Was es kostet will ich gern ersezzen, es sey was es wolle.
Viel Glück zur Vermehrung und Entblatterung der Familie. Es wird doch artig seyn, wenn ich euch einmal besuche und ihr mir mit einem Halbduzzend solcher Figürchen aufwarten könnt.
Grüse Lotten, und wenn ich auch im Styl mit unter Geh. Rätisch werde, so bleibt doch leider das übrige ziemlich im alten. Grüse Sophien.
Adieu. d. 23. Jan. 78.
G.
Apropos ist denn Lotte immer noch so schnippisch? Schickt mir doch einmal Eure Silhouetten, und Sophies und der Kinder.
118. Goethe an Kestner.
Pfingstsonntag 1780.
Es ist recht schön dass wir einander wieder einmal begegnen. Vor einigen Tagen dacht ich an euch und wollte fragen wie es stünde. Schon lange habe ich Plan gemacht euch zu besuchen vielleicht gelingt mir’s einmal und ich find euch und eure 5 Buben wohl und vergnügt. Es wär artig wenn ihr mir einmal einen Familienbrief schicktet wo Lotte und wer von den Kindern schreiben kann auch einige Zeilen drein schrieben dass man sich wieder näher rückte. Ich schick euch auch wohl einmal wieder was, denn ich habe schon mehr Lufft an meine Freunde zu denken ob sich gleich die Arbeit vermehrt.
Ausser meiner Geheimeraths Stelle, hab ich noch die Direcktion des Kriegsdepartements und des Wegebaus mit denen dazu bestimmten Kassen. Ordnung, Präzision, Geschwindigkeit sind Eigenschaften von denen ich täglich etwas zu erwerben suche.
Uebrigens steh ich sehr gut mit den Menschen hier, gewinne täglich mehr Liebe und Zutrauen, und es wird nur von mir abhängen zu nuzzen und glücklich zu seyn. Ich wohne vor der Stadt in einem sehr schönen Thale wo der Frühling jetzt sein Meisterstück macht. Auf unsrer lezten Schweizerreise ist alles nach Wunsch gegangen und wir sind mit vielem Guten beladen zurückgekommen.
Für Henningsens Deducktion dank ich. Das Gedicht kenn ich nicht und die ganze Sache zeugt von nicht sehr klaren Begriffen. Adieu Grüsse Frau und Kinder und behaltet mich lieb. Pfingstsonntag 1780.
Goethe.
Dass dir Oberon so wohl gefällt konnt ich denken, es ist ein ganz trefflich Gedicht. Wenn ein Deutscher Dichter ist so ist ers. Meine Schriftstellerey subordinirt sich dem Leben, doch erlaub ich mir, nach dem Beyspiel des grosen Königs der täglich einige Stunden auf die Flöte wandte, auch manchmal eine Uebung in dem Talente das mir eigen ist. Geschrieben liegt noch viel, fast noch einmal so viel als gedruckt, Plane hab ich auch genug, zur Ausführung aber fehlt mir Sammlung und lange Weile. Verschiedenes hab ich für’s hiesige Liebhaber Theater, freylich meist Conventionsmäsig ausgemünzt. Adieu.
119. Goethe an Kestner.
v. 30. May 1781. acc. 22. Jun. 81.
Wieder ein gutes Wort von Euch zu hören mein lieber Kestner war mir ein angenehm Begegnen unter den schönen Schatten meiner Bäume, unter denen ich Freud und Leid still zu tragen gewohnt bin.
Grüst mir Lotten mit ihren vielen Buben, es mögte wohl hübsch seyn wenn ich euch besuchen könnte.
Jetzt werd ich täglich mehr leibeigen, und gehöre mehr der Erde zu der wir wiederzukehren bestimmt sind. Die Aufzählung eurer Thaten, in euren kleinen Selbstgens, hat mir recht wohl gethan, ich hab euch dagegen nichts zu geben, denn ich bin ein einsamer Mensch. Brandes[29] war nur wenige Zeit bey mir.
Hierbey schick ich Lotten ein klein Nachspiel; sie solls nur nicht aus Händen geben dass es nicht gedruckt wird. Adieu, wie vor Alters. W. d. 30 May 81.
Goethe
120. Goethe an Kestner.
v. 15. Märtz 1783. acc. 22. Mart. 83.
Wollte ich gleiches mit gleichem vergelten; so bliebe Euer Brief auch über das Jahr liegen, ich will aber der alten Freundschaft besser opfern, und hier ist also mein Dank für das überschickte.
Das heist doch noch eine Parthie Köpfe! Misgönnt mir meine Bäume nicht, Euer Buben sind um ein gut Theil besser. Grüßt Lotten. Euer und der Eurigen Wohlfahrt erfreut mich herzlich.
Wir haben einen gesunden Erbprinzen, und sind darüber in neues Leben und Freude versetzt. Ihr werdet das mitfühlen.
Hier meine Iphigenie. Ich bitte sie bald zurück. Wollt Ihr sie noch einigen guten Freunden zeigen; so bewahrt mir sie nur vor den Augen angehender Autoren. Es ist zwar so viel nicht dran gelegen, doch ists verdrüslich, wie mir schon oft geschehn ist, sich stückweise ins Publikum gezerrt zu sehn.
Laßt euch den Ton meines letzten Briefs nicht anfechten.[30] Ich wäre der undankbarste Mensch wenn ich nicht bekennte daß meine Lage weit glücklicher ist als ich es verdiene. Freylich schont mich auch wieder die Hitze und Mühe des Lebens nicht, und da kann’s denn wohl geschehen daß man zu Zeiten müde und matt, auch wohl einmal mismuthig wird.
Lebt wohl, und gedenkt meiner unter den Eurigen.
Weimar d. 15 März 1783.
Goethe
121. Goethe an Kestner.
v. 2. May 1783.
Ich habe mein guter Kestner, den Brief den mir euer iunger Mann[31] bringen sollte durch die Post erhalten und werde ihn also später zu sehen kriegen. Es muß nach Eurer Beschreibung ein interessanter Mensch seyn. Das Trauerspiel ist nicht unverständig, es läßt einen gewissen Geist im Verfaßer vermuthen, hingegen ist auch nichts neues, eigenthümliches drinne, und mir wenigstens scheint keine dichterische Ader durchzufliesen.
Für eure Langmuth alter und neuerer Zeiten danke ich Euch, und für Euer gut Betragen gegen mich. Ich habe in meinem Leben viele tolle Streiche angefangen, sie kosten mich aber auch etwas. Sehr angenehm war mir Euer Brief eben zu dieser Zeit. Ich habe in ruhigen Stunden meinen Werther wieder vorgenommen, und denke, ohne die Hand an das zu legen was so viel Sensation gemacht hat, ihn noch einige Stufen höher zu schrauben. Dabey war unter andern meine Intention Alberten so zu stellen, daß ihn wohl der leidenschaftliche Jüngling, aber doch der Leser nicht verkennt. Dies wird den gewünschten und besten Effekt thun. Ich hoffe Ihr werdet zufrieden seyn.
Das Schicksal scheint euch übrigens recht als Günstling zu behandlen. Erst soviel Bubens daß man denken sollte es wäre des Guten genug und das erwünschte Mädchen bis zur rechten Zeit aufgehoben. Gott erhalte sie Euch.
Vielleicht fällt mir einmal für Hansen etwas bey.
Grüset Lotten, und lebet wohl und behaltet mich lieb.
Weimar d. 2ten May 83.
G.
122. Fragment eines Brief-Concepts
Kestners an Goethen.
(Von Hannover 1783.)
Ich dancke, daß Ihr mir von dem Vorhaben, den Werther umzuarbeiten, Nachricht geben wollen. Ich freue mich aber, lieber bester Freund, nur in so fern darauf, als das Anstössige darin hoffentlich wenigstens gemildert werden kann, und — wenn Ihr einigen Errinnerungen darüber Raum geben wolltet, welches ich doch zu Eurer Freundschaft gegen uns zuversichtlich hoffe, jetzt am mehrsten hoffe, da Euer Jugendliches Feuer sich in 10 Jahren etwas gemildert haben, und der kältern Ueberlegung des Mannes von selbst etwas nachgeben wird.
Ich erinnere mich gleich damals, als Ihr uns ein Exemplar davon schicktet, einige Erinnerungen gemacht zu haben, um die völlige Publication noch aufzuhalten, welches aber zu spät war. Da das Buch auch einmal in aller Welt Händen ist; so wird nicht allen, wenigstens nicht ganz abgeholfen werden können. — ich besitze jetzo das Exemplar nicht mehr. Es muß mir entwandt seyn. Von andern mag ich es auch nicht fordern, theils aus den in meinem letzten Briefe bemerkten Gründen, theils um nicht bemercklich zu machen, daß ich von der vorhabenden Umarbeitung gewußt habe. Ich will es mir zwar verschreiben, um es nochmals genau durchzugehen, und meine Erinnerungen darüber bestimmter zu machen. Vorläufig aber etwas, das mir eben gerade einfällt.
1) Die Ohrfeigen, welche Lotte austheilt, waren uns beyderseits anstössig. Diese Episode ist weder in der wahren Geschichte gegründet, — es sey denn, daß Ihr solches anders woher genommen — noch dem Character der Lotte, welche Ihr schildert, genug angemessen. Meine Lotte wenigstens, wäre nie im Stande gewesen, sich so zu benehmen. Ob sie gleich ein lebhaftes, muthwilliges Mädchen war; so blieb sie doch immer ein Mädchen, und behielt bey solcher Lebhaftigkeit und Muthwillen doch immer die weibliche Delicatesse — ein andres Wort fällt mir nicht gleich ein — bey.
2) Der Umstand, daß sie Werthern auf dem Balle gleich zu verstehen gegeben, daß sie schon engagirt sey, war uns auch anstössig. Meine Lotte, wenn die damit gemeynt wäre, hätte solches nicht äussern können; weil wir nie eigentlich versprochen gewesen sind. Wir verstanden uns, wir waren einig, wir waren nicht mehr zu trennen, das ist wahr. Es beruhte aber nur zum Theil auf einer stillschweigenden Uebereinkunft. Wir hätten, menschlichen Gesetzen nach, uns noch immer trennen können. Auf meiner Seite hatte eine gewisse Eigenheit oder Caprice, wenn Ihr wollt, daran Schuld.
123. Goethe an Kestner.
v. 24. Jun. 1784.
Lange hätte ich Euch schon schreiben sollen, denn ich habe Euch noch nicht für die gute Aufnahme meiner Iphigenie gedankt. Besonders war mir sehr lieb daß Ihr ins Detail gegangen seyd und mir gesagt habt was Euch daran gefiel, denn ein allgemeines unbestimmtes Lob hat wenig tröstliches und belehrendes.
Das Exemplar habe ich lange wieder erhalten, und auch Euren Brief von Zelle.
G.... konnte Euch wenig von mir sagen, ich habe nichts gemeines mit ihm. Es ist ein töriger Mensch der sich zu Grunde richtet.
Was Ihr mir von Euren Kindern schreibt höre ich gern, glückseelig der dessen Welt innerhalb des Hauses ist. Erkennts nur auch recht wie glücklich Ihr seyd und wie wenig beneidenswerth glänzendere Zustände sind.
Die Grafen Stollberg haben uns besucht, es war eine sehr angenehme Erinnerung voriger Zeiten und eine neue Befestigung der alten Freundschafft.
Wann werd ich Euch einmal wiedersehn! Grüset Lotten, und lebt wohl, gesund und vergnügt mit den Eurigen, laßt manchmal von Euch hören und behaltet mich lieb.
Eisenach d. 24 Jun 1784.
G.
Grüset mir Georgen noch besonders, und schreibt balde wieder.
124. Goethe an Kestner.
v. 11. Jan. 1785.
Aus beyliegendem Blatte werdet Ihr mein lieber Kestner sehen, was mich in diesem Augenblicke veranlaßt Euch zu schreiben. Ich bitte mir auf das baldigste Nachrichten von der gedachten Person zu verschaffen. Sie sitzt in Mayland und kann Dienste haben wenn ihre Angaben wahr befunden werden, so daß man ihr auch wegen des übrigen Glauben beymessen kann.
Die Capuciner auf dem Gotthart die sich meiner erinnerten haben auf Bitte ihrer Mayländischen Freunde an mich geschrieben, und da ich ihnen als ein berühmter Mann bekannt war; so glaubten sie ich könne nichts anders als ein Professor in Göttingen seyn, und müsste Relationen in Hannover haben. So ist der Brief nach Deutschland gekommen und hat mich endlich hier gefunden.
Dieses Jahr war ich nahe bey Euch und konnte nicht hinüber. Wann werden wir uns einmal wieder sehen. Fast Alle meine Freunde haben mich einmal besucht.
Grüset Frau und Kinder schreibt mir einmal wieder von Euch. Von mir ist nichts zu sagen wenn man nicht von Angesicht zu Angesicht steht. Lebet wohl! Antwortet bald und behaltet mich lieb.
Weimar d. 11 Jan. 1785.
G.
Die Anlage dieses Briefes und die dabei befindlichen Aktenstücke über Kestners Ausrichtung des empfangenen Auftrages sind hier von keinem Interesse, daher nicht abgedruckt.
125. Goethe an Kestner.
v. 25. April 1785.
Vielen Dank mein lieber Kestner für die doppelte Nachricht. Ich habe den Capuzinern geantwortet und sie mögen nun daraus nehmen was sie können.
Daß Ihr und die Eurigen wohl seyd und in einem glücklichen Häuflein zusammen lebt, erfreut mich von Herzen. Erhalte Euch der Himmel dabey.
Grüset Lotten und Malgen[32] recht sehr, und den guten Georg. Er soll mir mehr schreiben. Es scheint ein wackrer Knabe zu seyn.
Das Mineralien-Cabinet was unser Bergsecretair Voigt dem Publiko angeboten hat, ist eigentlich nicht für Kinder, sondern für Liebhaber, die sich einen anschaulichen Begriff von den verschiedenen Gebürgsarten machen wollen, von denen ietzt immer soviel gesprochen wird.
Wie beyliegendes Büchlein ausweiset. Das Cabinet enthält die in den Briefen beschriebenen Steinarten und ist für iemanden den diese Wissenschaft interessirt und sich unterrichten will, das Geld wohl werth.
Wollt Ihr aber für Eure Kinder ein klein Naturaliencabinet haben; so kann ich Euch ein’s zusammen machen lassen, ich habe des Zeugs genug.
Adieu. Gedenkt mein.
W. d. 25 Apr. 1785.
G.
126. Goethe an Kestner.
v. 1. Sept. 1785.
Euer Brief lieber Kestner hat mich vergebens in ienen Gegenden gesucht, ich bin dem Hofe nicht gefolgt, und sas, da Ihr ihn schriebt, ziemlich weit von Euch ab, in Carlsbad.
Wie viel Freude wäre es mir gewesen Euch wiederzusehen, Theil an Eurer Freude und Eurem Kummer zu nehmen und die alten Zeiten wieder herbey zu rufen. Der Todt Eures Mädgens schmerzt mich sehr. Ich sehe was in Herders Familie so ein kleines Weibgen unter den vielen Knaben wohlthut. Da Ihr immer fruchttragende Bäume seyd; so müsst Ihr den Verlust zu ersezen suchen. Grüset Lotten herzlich, ich denke sie ist mir noch gut und ich werde so lang ich lebe meine Gesinnungen gegen sie nicht verändern.
Adieu. Alles liegt voll um mich von Papieren, deswegen nicht mehr.
d. 1. Sept. 85.
G.
127. Goethe an Kestner.
v. 4. Dec. 1785 d. 2. April 86 beantw.
Seit dem Empfang Eures Briefes, lieber Kestner, habe ich mich über Euer Schicksal nicht beruhigen können, das Ihr mit so vielem guten Muthe ertragt.[33] Bisher wart Ihr mir eine Art von Ideal eines durch Genügsamkeit und Ordnung Glücklichen und Euer musterhaftes Leben mit Frau und Kindern war mir ein fröhliches und beruhigendes Bild. Welche traurige Betrachtungen lassen mich dagegen die Vorfälle machen die Euch überrascht haben und nur Euer eignes schönes Beyspiel richtet mich auf. Wenn der Mensch sich selbst bleibt, bleibt ihm viel. Seyd meines herzlichen Antheils überzeugt, denn mein mannigfaltiges Weltleben hat mir meine alten Freunde nur noch werther gemacht. Ich danke Euch für den umständlichen Brief und für das sichere Gefühl meiner Theilnehmung. Lebet wohl, grüst Lotten und die Kinder. Das Bad hat gute Würkung hervorgebracht und ich bin recht wohl.
W. d. 4 Dez. 85.
G.
128. Goethe an Kestner.
v. 16. Jun. 1786.
Euer Doctor Riedel hat mir sehr wohl gefallen, und hat überhaupt hier Beyfall gefunden. Schreibt mir doch etwas näheres über ihn, seine Familie, seinen Character, seine Schicksale und Aussichten, besonders ein näheres von diesen letzten, vielleicht fände sich etwas für ihn in unsrer Gegend, sagt aber weder ihm noch sonst jemand davon.
Ich wünschte sobald möglich darüber einige Nachricht, denn ich gehe mit Ende dieses Monats in’s Carlsbad, schreibt aber nur auf alle Fälle hierher. Ich bin wohl und liebe Euch. Wann werden wir uns einmal wieder sehen! Grüßt Lotten und die Eurigen und behaltet mich lieb.
Weimar d. 16 Jun. 86.
G.
129. Goethe an Kestner.
v. 21. Jul. 1786.
Mit der heutigen Post geht ein Antrag an Dr. Riedel ob er sich unserm Erbprinzen widmen will, nur im allgemeinen, indeß wird sich nach seiner Antwort das Nähere geben. Sagt noch niemand nichts davon. Unsre Herzoginn ist glücklich von einer Prinzess entbunden, die heute getauft wird. Lavater war hier, es freut mich daß er überall guten Eindruck gemacht hat.
Den 24sten werde ich endlich in’s Carlsbad abreisen wenn nicht neue Hindernisse sich in den Weeg legen. Lebet wohl grüset Lotten und die Eurigen und behaltet mich lieb.
Weimar d. 21. Jul. 86.
G.
Dies in Antwort Eures Schreibens vom 16. Jul. das ich heute erhalte.
130. Goethe an Kestner.
Rom d. 19 Febr. 87.
Durch Hrn. v. Pape, der nach Teutschland zurückgeht, muß ich Euch ein Wort und einen Grus sagen. Ich bin hierher mehr verschlagen worden als gereist und kann nun nicht genug von dem glücklichen Genuß sagen, den ich hier finde. Wenn sich nur irgend etwas davon mittheilen ließe.
Dr. Riedel ist nun bey uns angekommen und Landkammerrath geworden. Ich hätte gewünscht ihm gleich Anfangs nützlich zu seyn. Es wird sich aber denk’ ich schon finden.
Lebt wohl, gedenkt an mich, und grüßt Lotten und die Kinder und wer Euch nah ist. Mir ist der Kopf von Sehen und Arbeiten, vom schönen Wetter und den vielen Fastnachtsnarren ganz wüste. Adieu.
G.
131. Goethe an Kestner.
Rom den 24. October 1787.
Hr. Rehberg[34] trifft mich noch hier und überbringt mir heute Euren Brief vom 18 May indeß ich schon einen andern von Wetzlar erhalten habe. Meine Mutter schreibt mir auch daß Ihr sie besucht habt und daß ihr Lotte sehr lieb geworden. Ich freue mich daß es Euch unter den Eurigen wohl geht, in Wetzlar muß es ein recht Familienfest gewesen seyn.
Ich bleibe noch den nächsten Winter in Italien und fühle mich recht glücklich daß mir dieses möglich ist.
Es soll mir lieb seyn wenn Hr. Rehberg zu uns paßt und ich ihm nützlich seyn kann.
Meine Werke werden ihre Aufwartung gemacht haben, die übrigen Bände sollen folgen wie sie nach und nach herauskommen.
Grüßt mir Lotten aufs herzlichste, auch Amalien. Einer Eurer Kleinen hat sich, wie ich höre, mit meiner Mutter gar gut vertragen.[35]
Möge Euch alle dieser Brief gesund und zufrieden antreffen.
Goethe
132. Goethe’s Mutter an Kestner und Lotte.
Frankfurt d. 23ten Octobr. 1788.
Lieber Herr Gevatter!