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Gnadenreiche, unsere Königin

JEHAN

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Jehan lebte zu der Zeit, als noch jeder ungerufen und ungestört darauf ausgehen konnte, die Welt zu erobern. Heut zwingt das die ganze Menschheit in den Einzelnen hinein und hängt sich mit ihrem ganzen Jammer dran.

Jehan war eigentlich ein Räuber, ein Kosak, ein Perser-Chan und ein mächtiger König aus dem Geschlecht der Timuriden. Die Schätze Indiens, von denen man als junger Mensch noch immer soviel hört, waren alle sein und noch mehr: die niedergehaltene Wucht der indischen Seele, daß jeder von der Glut seines Glaubens entflammt gegen die Sonne lodert, als ginge die Menschen endlich einmal die Weltordnung überhaupt nichts mehr an — am Ganges oder sonst irgendwo, Gebetschnüre, Betel, Augenverdreher, die sich Dolche durchs Hirn stoßen für irgendwelchen Zweck — das alles war sein und murmelte zu ihm hinauf. Natürlich war Jehan damit nicht so recht einverstanden.

Denn als freier Mann aus der Steppe schämte er sich zu verachten. Höchstens sich selbst. Und außerdem ist es eine andere Sache, einem Baschkiren einen Fußtritt zu geben als etwa einem Säulenheiligen. Das fühlte Jehan sehr wohl. Er wurde unruhig und schämte sich, daß er niemals späterhin die Qual davon in seinem Tun mehr los wurde. Aber er wußte auch, daß so viel triftiger Grund dazu gar nicht da war.

In dem jetzt verfallenen Delhi hielt Jehan seinen Hof, in einem Palast, von einer Pracht, die zu beschreiben sich nicht mehr lohnt. In feinen Gewändern liefen die Leute herum, riesige Burgen wurden gebaut und die so merkwürdig aussehenden achteckigen breiten Türme, aus Gold und Elfenbein und Marmor, dazwischen die mit Asche beworfenen Heiligen, hunderttausend Baumeister, hunderttausend Heerführer und edle Perser. Unzählige von Lastträgern, alles Inder und das sonstige winselnde Millionenpack. Was dabei Sonne, Mond und Sterne an Wunder taten, die blauen Schlangen und gelbroten Schmetterlinge und schneeweiße Bäume mit purpurnen Tupfen und langen grünen Schärpen — kann man sich denken.

Schah Jehan unterhielt auch einen Harem mit vielen tausend Frauen. Darüber mußte er immer weinen. Es nützte gar nichts, daß immer mehr Millionen an seinen Burgen und Säulen bauten und arbeiteten, Tag und Nacht. Den Himmel konnte er nicht einreißen und die Qual in seinem Herzen nicht mildern.

Jehans Vorfahren wurden noch zur Liebe gerufen. Da stellte einer den Speer vor die Hütte zum Zeichen, daß er drinnen bei der Frau war. Die Frauen trugen die Liebe. Und Jehan wußte nicht, hatte Mahal ihn gerufen, trägt sie ihn. Vielleicht in den Tagen, da er als Eroberer über das Land zog. Sie sieht seine Arbeit nicht an, fühlt er, lächelt über die Edelsteine, die er ihr zu Füßen legt. Küßt ihn, daß es wild schmerzt. Nicht so, schreit er. Die Haremsfrauen, die er tagsüber besucht. Dämmernd, daß er allein ist. Jehan schreit zu Mahal. Das Lächeln frißt sich ein. Er läßt die Edlen schlagen, die ihr Blick streift. Er baut, plündert, mordet. Mahal lächelt und dehnt sich. Sie kniet demütig, wenn er an ihr Lager tritt, leuchtet bei seinen Festen, daß ihn eine unerträgliche Scham zerreißt: Starr ruht sie an seiner Seite, in Blicken unergründlich, ferner Schimmer — weit — jenseits über ihn weg. Sie wird schweben, ahnt er, ein schillernder Hauch über das Land, das ihrer Familie eigen. Ich bin der noch nicht fremd, keucht er.

Jehan wird schwach und stark zu sich selbst. Schwer lastet eine tückische Angst, Glut schlingt. Er kann die schneeigen Felsenberge nicht ebnen. Er windet sich am Boden, jammert zu einem ihm fürchterlich fremden Gott. Aber Mahal blüht in Schönheit und Liebe. Blüht, reift, überschüttet die kläglich kleine Welt. Reißt es ihn auch empor — er glaubt nicht. Schwankend in stechend scharfen Träumen, daß er Mahal schlägt. Für die Gewißheit ihrer Liebe. Ruhen im Gleiten der Welt zueinander, in Mahal. Jehan erwürgt einen Heiligen. Kein Laut. Hört nicht fremden Ruf, neues Frohlocken. Blind, verzweifelt. Tobt.

Schatten steigen auf, züngeln.

Noch deucht ihm eine leise Stimme näher.

Dann sieht er Hogal aus seinem Geschlecht neben sich stehen. Die Schwester spricht zu ihm, die Schwester führt ihn, die Schwester kniet neben Mahal, die Schwester umarmt ihn. Die Schwester liebt. Jehan erkennt erschauernd, daß Mahal liebt.

Es reißt sich aus ihm los, quillt, will zertrümmern.

Dann schlägt er sich vor die Stirn und stürzt.

Wie die Verzweiflung, drückt jetzt den König das Glück nieder.

Während Jehan draußen in jäher Machtentfaltung über das Land wächst, niedergedrückt von der Wucht seines Glücks in das Gemach der beiden Frauen tritt, taumelnd in der Erlösung: ich bin nicht der Herr der Welt, in der Liebe ruht — gebiert sich jeder neue Tag. Frohlockend gegen Gott, und die Heiligen glauben ihm.

Jehan sitzt auf den Stufen seines Palastes und singt. Das Volk singt, die Krieger, Bauleute. Die elfenbeinerne Pracht der Mahalssäule steigt empor über alle Wunder der Welt. Die Perser dringen ins Land und ziehen vor Jehans Stadt. Jehan weiß, daß sie sein Schwert in alle Winde stieben lassen wird. Ich bin nur einer, fühlt der König — das Volk singt. Ich bin das Volk nicht mehr, und — dazu ist es schon zu spät, ahnt er. Er singt, getragen von dem Glück der Welterlösung.

Es ist zu spät — Jehan, heißt es; wo sind deine Brüder? Jehan weiß keinen Bruder, es schmerzt.

Eine neue Angst breitet sich, aber Jehan lächelt: Ich glaube dennoch, wird es mich auch treffen, der eine wird zu Ende gehetzt.

Die Qual seines Stammes rast. Die Edlen empören sich. Des Königs körperliche Hülle zittert. Eine Schlacht wird geschlagen. Ein Sohn Jehans erkämpft den Sieg. Jehangir entthront den Vater. Stecht ihm die Augen aus, ich will der Welt meine neuen Wunder bringen, ruft er.

Der blinde Jehan modert im Kerker mehr als dreißig Jahre. Ein Heiliger dient ihm, des Königs Haupt deckt Asche. Jehan singt aus dem Kerker gegen die Welt sein spätes Glück. Es wuchtet auf der Arbeit der Lastträger. Glüht über aller Pracht und dehnt sich im Strom des heiligen Flusses.

Bis Jehangir eine neue Stadt viele tausend Meilen weiter ins Innere baut. Denn Jehangir, geliebt in der Vereinigung der Frauen, lockt das Verhängnis, auch wenn Jehan im Traum zu ihm spricht.

Ob wohl die beiden noch zusammenkommen?

Unter der Weltenlast der Verantwortung zur Macht, sich zu entfalten und sich zu schenken — daß die Liebe über das Glück sich breitet. In Traumbildern, Maschinen und Unsterblichkeit — statt endlich herzugehen im Schatten aller Frauen, daß jedwedes Leben sich befreit! Daß das Glück aus dem Wesen der Frau Gemeinschaft wird!

Wennschon einer schreit und im Alltag herumlungert, statt in der Liebe zu verrecken.

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