Schläfer im Schnee
Balder Olden translation
I.
Mit Stöhnen und Knirschen kam der wacklige Zug an der frostigen Hinterwaldstation »Blechkessel« zum Stehen, rechts und links von Schneewällen eingepfercht.
Außer Melissa Elliot war kein Fahrgast für Blechkessel im Zug. Sie war ein großes, blondes Mädel mit blauen Augen, Pelzmütze auf dem Kopf, das energische Kinn in einer grauen Luchsboa vergraben und beide Hände voll von Paketen und Bündeln. So stand sie auf den vereisten Stufen, bis zwei junge Männer, die am andern Ende des Wagens ängstlich gewartet, angerannt kamen und ihr ans Licht halfen. Jeder versuchte, dem andern zuvorzukommen, das Mädchen für sich in Beschlag zu nehmen, aber Melissa benahm sich so taktvoll, daß jeder nur einen Ellbogen zu stützen bekam, gleichzeitig aber zur Entschädigung seinen gerechten Anteil ihres Handgepäcks. Der Schaffner warf ihren braunen Koffer mit lautem Knall auf die Plattform. Der Zugführer rief: »Alles einsteigen!« obwohl er der Einzige war, der dieser Einladung folgen konnte. Und langsam, mit Gestöhn und mächtigen Rauchwolken (denn der Nordwind stand gerade auf Blechkessel) zog der schmierige Zug wieder an.
Station und Stationsvorstand schienen ihm sehnsüchtig nachzublicken; Blechkessel wurde in jeder Richtung nur von einem Zuge täglich berührt! Und von der Station selbst sah man nichts als ein paar senkrecht eingerammte Stämme, die sich hier und da aus dem Schnee erhoben, dahinter einen ragenden Wall von Fichtenbäumen und die schmale, doppellinige Metallspur, die aus dieser Wildnis in die geschäftige Welt führte. Das Dorf »Blechkessel«, ein dürftiges, kleines Sägemühlennest, lag im Flußtal, hinter dem Wald verborgen, wohl zwanzig Meilen von der Station ab.
Obwohl nur ein Fahrgast gekommen, warteten zwei Gefährte vor dem Bahnhofsgebäude. Walter Bird hatte seine glänzende braune Stute flott in den leichten Promenadenschlitten gespannt, Jimmy Wright aber einen seiner großen grauen Lastgäule und den schweren »Pung« mitgebracht, einen niedrigen Lastschlitten, wie man sie im Hinterwald braucht. Die jungen Männer lauerten schon seit einer Woche auf jeden einwärts brausenden Zug, denn daß Melissa zu Weihnachten nach Hause kommen wollte, wußten sie und keiner gönnte dem andern auch nur den leisesten Vorzug. Bubenhaft stolz auf die größere Eleganz seines Fahrzeugs, schwang Walter seine Pakete wie eine Trophäe in die Luft und versuchte Melissa geradenwegs zu seinem Schlitten zu ziehen.
»Schau dir meine neue Yacht an, Melissa!« rief er in naiver Pfiffigkeit, »seit einem Monat hab' ich sie und noch hat kein Mädel drin gesessen! Für dich hab' ich das Möbel frisch gehalten!«
Jimmy Wrights scharfe, tiefgelagerten Augen hatten indes beim Anblick des schweren braunen Koffers geleuchtet. Denn neben der Verlockung des kleinen, flotten Schlittens hatte er sich vor Mißtrauen krank gefühlt, jetzt aber hatte das Auge des Praktikers festgestellt, daß der Schlitten zu klein war, diesen Koffer zu tragen. Indes er Melissas Arm ließ, stürzte er sich über den Koffer und schwenkte ihn wie eine Handtasche in seinen Pung. Er war überzeugt, daß eine Dame und ihr Gepäck sich nicht voneinander trennten.
»Hab' mir ja gedacht, daß du einen Koffer mit dir führtest, Lissy,« brummte er. »Hab' deshalb den Pung mitgebracht und nicht den Spazierschlitten. Hoffentlich macht es dir nichts, in einem Pung zu fahren, jetzt wo du so lange in Frederikton warst.«
Melissa sah zögernd von einem zum andern. Ihre blauen Augen zeigten nur Freundlichkeit und ein gewisses kindliches Behagen an der schmeichelhaften Lage.
»Es war lieb von euch Beiden, nach mir zu sehen!« rief sie plötzlich, »und am liebsten würde ich mit beiden zugleich fahren. Wär' ich nur im Zirkus aufgewachsen, vielleicht könnt' ich's dann!« Sie lachte und rang in drolliger Verzweiflung die Hände.
»Jimmy hat deinen Koffer erwischt,« behauptete Bird.
»Der hat seinen Teil weg, du kommst mit mir!«
Jimmy Wright sah grimmig aus, als Mann von schweren Worten fand er keine Antwort. Der brennende Wunsch, diese verlockende schlanke Gestalt zu packen und mit sich zu nehmen, machte ihn fast noch schweigsamer, als er gewöhnlich war. Seine Ruhe aber war ihm vielleicht nützlicher als Schlagfertigkeit, denn im Augenblick machte sie Melissa zu seiner Verbündeten.
»Walter,« widersprach sie, »wenn du glaubst, das ist eine anständige Verteilung, dann wird Jimmy wahrscheinlich mich nehmen und dir den Koffer lassen! Ein netter Einfall, daß ein alter, brauner Koffer, gleichgültig was drin steckt, als Entschädigung für mich gelten soll!«
Jetzt sah Bird niedergeschlagen aus, und, seinen Kummer zu steigern, fand Jimmy diesmal Worte, gerade die rechten, die eigentlich er hätte finden müssen.
»Es ist nicht irgend ein Koffer, Lissy,« sagte er. »Es ist deiner, und das macht den größten Unterschied von der Welt.«
Melissa dankte ihm mit einem lustigen Blick, erschrak aber über die jähe Betrübnis in Walter Birds sonst so frischem und selbstbewußtem Gesicht.
»Es läßt sich nur auf eine Weise machen,« sagte sie fest, »und wenn einer von euch nicht einwilligt, dann geh' ich gerade mit dem andern. Wenn ihr aber beide einverstanden seid, dann fahr' ich den halben Weg mit dem einen und die zweite Hälfte mit dem andern. Und zwar die erste Hälfte mit dir, Walter,« setzte sie hastig hinzu, denn sie sah, daß Bird aussah, als wollte er widersprechen. Ohne es selbst zu wissen, hatte sie ein besonderes Vertrauen zu Jimmys Gleichmut, und gerade deshalb neigte sie dazu, ihm die schwerere Probe aufzuerlegen.
»Sehr anständig, Lissy, bist immer für gleiches Spiel,« stimmte Jimmy herzlich zu. »Fahre euch bis zur Ecke von Boilsweg nach, dann steigst du zu mir in den Pung. Boilsweg ist gerade die Mitte zwischen Station und Postamt.« Bird vergrub in diesem Augenblick Melissas Füße in die Decken seines wohleingerichteten Schlittens.
»Die Braune ist manchmal ein bißchen hartmäulig,« warf er über die Schulter hin. »Wenn's nach Hause geht, ist es nicht gerade leicht, sie am Boilsweg zum Halten zu bringen, Jimmy.«
Melissa hatte plötzlich einen roten Kopf. Jimmy Wright behauptete mit Recht, daß sie für ehrliches Spiel war.
»Ich steige am Boilsweg um,« sagte sie bestimmt, und Bird merkte, daß sie es sicher tun würde, ob die Stute hielt oder nicht. So gab er den Kampf auf.
»Werd' sie schon zum Halten bringen,« rief er zuversichtlich, »ob der Hafer sie sticht oder nicht! Habe das nur gesagt, um Jimmy aufzukratzen.«
»Wußte ich ja, Walter,« stimmte Melissa bei und bestätigte ihm, sie sei das einzige Mädchen, das ihn verstand. Triumphierend hob er die Zügel, und die Braune ging in einem Tempo los, das zunächst rechtfertigte, was er ihr nachgesagt. Dann fiel ihm ein, wie kurz die Strecke nach Boilsweg war, und plötzlich hielt er sie zurück. Jimmy Wrights schwerer Grauer holte im Humpelgalopp auf. Anfangs war Walter vergnügt, daß er Melissa als erster bei sich hatte. Dann fiel ihm plötzlich ein, sein Rivale würde die Schöne im Dorf einfahren, während er im leeren Schlitten hinterhertrotten mußte, als hätte er den Kampf aufgegeben. Melissa bemerkte seine veränderte Miene und machte ihm so schöne Augen, daß jetzt auch Jimmys Gesicht hinten im Pung sich verfinsterte. Die Frage war tatsächlich so schwierig, daß selbst ein gewandteres Mädchen als Melissa sie kaum gelöst hätte. Ihre eigene frohe Laune verging langsam in diesem Kampf der Gefühle um sie. Darüber wurde ihr bewußt, daß sie kalte Füße hatte und der scharfe Frost ihre Finger steif machte, und als die Ecke von Boilsweg erreicht war, hatte sie Lust, mit beiden Rittern zu grollen. Hatte sie nicht für alle Beide das Beste gewollt. Hatten die Beiden ein Recht, sie zu quälen?
Bird hatte seine Stute allmählich fast Schritt gehen lassen, aber trotzdem kam endlich die kritische Ecke.
»Hier sind wir,« sagte Melissa etwas spitz, und Bird hielt gehorsam, wenngleich wütend. Jimmy trieb seinen großen Gaul schleunigst durch die tiefen Schneewehen am Straßenrand und brachte seinen Pung so nahe an den Schlitten, daß Melissa einfach hinüberspringen konnte.
»Wohin jetzt?« fragte Bird. »Wirst doch im Hotel absteigen, die Postkutsche fährt erst morgen Nacht.«
»Ich ins Hotel?« rief Melissa, »nein, fahr mich geradenwegs zu Parkers, Jimmy, von denen bekomm ich, was ich brauche. Ich kenne seine drei Pferde, sie kennen mich, und sein alter roter Pung kann jeden Weg machen. Glaubt ihr, ich bleibe eine Nacht und einen Tag in Blechkessel, wenn ich nur zwanzig Meilen von daheim bin, am Abend vor Weihnachten? Sobald ich gegessen habe, geht's nach County-Line! Der Weg wird schwierig sein, aber ich darf keine Zeit verlieren.«
Jimmy Wright hatte gerade seinen Gaul antreiben wollen. Als Melissa ihre Absicht auseinandersetzte, ließ er die Zügel wieder fallen und sah hilflos zu Bird hin. Ein verständnisvoller Blick machte die jungen Leute im Augenblick zu Bundesgenossen.
»Tausend Wetter!« rief Bird, da fiel ihm ein, daß Melissa das Fluchen haßte. Um aber seine Worte nachdrücklicher zu machen, setzte er gerade noch einmal an.
»Zehntausend Wetter, Lissy, kannst einfach nicht daran denken, bis nach County-Line durchzufahren. Kommt gar nicht in Betracht! Mußt auf die Kutsche warten!«
»Walter hat recht,« erklärte Jimmy nachdrücklich. »Seit dem letzten Schneefall ist kein Schlitten bis County-Line runtergefahren, und seither hat es gehörig geweht. Die Kutsche sogar wird morgen zu tun haben, um durchzukommen. Für ein Mädel wie dich – noch dazu allein – ganz unmöglich!«
»Jetzt werdet ihr beide langweilig,« sagte Melissa scharf. »Als hätt' ich's nicht schon hundertmal gemacht!«
Im Zorn auf beide schüttelte sie die Hände und kam sich zugleich sehr lächerlich vor. – Seite an Seite standen zwei Schlitten im tiefen Schnee, und statt zu reisen, diskutierte man.
»Wenn Tilly Smith zum Beispiel nach County-Line wollte, um ihre Eltern und ihre kleine Schwester zu sehen, würde der Unsinn nicht gesagt werden.«
Walter Bird lachte verächtlich. »Tilly Smith!« rief er. »Wer die anschaut, braucht gleich einen neuen Spiegel!«
»Ist das ein Grund, daß man ihr nicht hilft und sich nicht um sie kümmert?« fragte Melissa.
»Ach was, Tilly Smith kann sehr gut für sich selbst sorgen.«
»Ich auch!« rief Melissa und machte ein resolutes Gesicht.
»Ihr Beide wart sehr gut und lieb, daß ihr mir entgegengekommen seid, aber was ich tu und lasse, hat mir keiner von euch vorzuschreiben. Ich weiß es selbst. Jetzt bitte vorwärts, zu Parkers! Man friert ja an!«
»Schön,« antwortete Jimmy, »wenn du durchaus nicht auf die Kutsche warten willst, bring' ich dich hin, Lissy. Mein alter Grauer wird durch die Schneewehen durchkommen, Parkers Gäule bleiben stecken.«
»Und ich sage dir, daß ich allein fahre!« widersprach Melissa, der die Geschichte langsam auf die Nerven ging. Dann merkte sie selbst, wie unhöflich sie war.
»Verzeih, Jimmy, ich wollte nicht so grob werden. Natürlich ist es lieb von dir, daß du so weit mit mir fahren willst, und es wäre ja nett, wenn ich dich bei mir hätte. Aber es geht nicht, es würde so komisch aussehen. Papa und Mama wissen, daß ich im Winter und im Sommer den Weg oft genug allein gemacht habe. Sie würden glauben, ich wäre in der Stadt ein ganz anderes Mädel geworden, oder ich wäre überhaupt keine Hinterwäldlerin mehr. Und andererseits, wenn du so weit mit mir fährst, können sie dich nicht mehr nach Hause lassen. Dann müßtest du bei uns bleiben, Jimmy, und es ist Weihnachten,« setzte sie in einem fast bettelnden Ton hinzu, voll Angst, er könnte sich verletzt fühlen. »Sechs Monate bin ich weg gewesen.«
Jimmys robustes braunes Gesicht hatte sich während Melissas Rede verfinstert, aber die letzten Worte besänftigten ihn. Er verstand am besten, daß sie sich nach Hause sehnte, weil er so lange nach ihr gehungert hatte.
»Mir scheint, wir müssen dich gehen lassen, du warst immer groß darin, deinen eigenen Weg zu suchen.«
»Gut!« rief Bird, der gleichmäßig fürchtete, Melissa könnte den Weg allein machen, oder sie könnte ihn mit Jimmy Wright allein machen. »Kann nur sagen, wenn ich frei wäre, würd ich's nicht so leicht aufgeben, Jimmy. Allein kann sie nicht fahren. Ich habe Lust, den ganzen Weihnachtszauber aufzugeben und selbst mit ihr zu fahren.«
Melissa war dicht dran, ihm eine deutliche Antwort zu geben. Aber dann änderte sie ihren Sinn.
»Natürlich würdest du alles aufgeben, Walter,« sagte sie liebenswürdig, »wenn ich dich wirklich brauchte. Aber ich lasse nicht zu, daß deine Mutter Weihnachten allein ist. Jetzt ist genug Unsinn über all das gesprochen worden. Ihr seht, außer meinen Kleidern hab' ich in Frederikton nichts verändert. Bin dasselbe Hinterwaldmädel wie immer!«
II.
Es war fast ein Uhr nachmittags, als Melissa im alten roten Pung mit Parkers kräftigem Grauen von Blechkessel aufbrach. Es war beißend kalt, aber klar und ruhig, und obwohl man gewarnt hatte, sie würde auf den verwehten Straßen stecken bleiben, hatte sie keine Angst.
Der Mond mußte bald nach Sonnenuntergang erscheinen, so daß Dunkelheit ihre Reise nicht störte. Um welche Zeit sie ankam, war ihr gleichgültig, denn ihr einziger Gedanke war eben der: anzukommen! Ein paar heiße Ziegelsteine auf dem Boden des Schlittens, zwei Paar wollene Strümpfe und biegsame Mokassins aus Renntiermoos hielten sie warm. In ihrem Koffer und ihren Paketen steckten viel interessante Dinge für Vater, Mutter und Meg, das kranke Schwesterchen, das bald ein Jahr im Bett zubrachte. Melissa sehnte sich nach Megs müden, grauen Augen und dem sehnsüchtigen Lächeln auf ihrem blassen, kleinen Gesicht.
Unter so lieben Heimaterwartungen vergingen Melissa die ersten fünf Meilen ihrer Reise wie ein Gedanke, obwohl der Weg wirklich so schwierig war, daß diese fünf Meilen anderthalb Stunden des kurzen Winternachmittags gekostet hatten. Eigentlich war die Straße gar nicht zu erkennen, hätten nicht da und dort ein Schlitten, ein Pung oder eine Lastfuhre mit Holz Spuren gezogen.
Aber wo die Straße sich, fünf Meilen vor dem Dorf, mit einem andern Weg kreuzte, verschwanden die Spuren ganz. Melissa mußte sich aus ihren Träumen reißen. Sie kutschierte sorgfältig und wachsam, gab manchmal dem frommen Gaul den Kopf frei, nahm ihn dann wieder fest in die Zügel, wenn es durch eine Schneewehe ging, die nicht zu umfahren war. Trotzdem kam sie so langsam vom Fleck und hatte sich so sehr anzustrengen, daß sie bald hungrig wurde und sich auf ein Paket Butterbrote freute, das man ihr in den Schlitten gelegt hatte. Es würde tiefe Nacht werden, ehe sie County-Line erreichte. Melissa verstand gut, wie man ein Pferd lenkt und bei Kraft erhält. Von Zeit zu Zeit hielt sie an und machte eine Atempause. Einmal, als der Gaul in Schweiß geraten war, sprang sie aus dem Schlitten, frottierte ihn und ließ ihn zehn Minuten lang ruhen. All die unerwartete Mühe jedoch steigerte nur ihren herzlichen Eifer.
Als der Winterabend in kaltem Lavendelrot, in Bernsteingelb und Lila über den leblosen Einsamkeiten hinschwand, entdeckte Melissa die Gestalt eines Menschen, die vor ihr her durch den Schnee humpelte. Es war ein Mann; ein Mann, der nicht mehr weiterkonnte. Erschöpfung sprach aus den schwer niederhängenden Schultern und der Mühsal seiner kämpfenden Schritte. Melissas Mitleid ließ sie alles andere vergessen. Der Mann gab kein Zeichen, daß er ihr Näherkommen bemerkte, bis sie ihn eingeholt hatte. Dann rief sie ihm zu:
»Steigen Sie ein und kommen Sie mit! Sie sind müde, das sieht man.«
Beim Klang ihrer Stimme drehte der Mann den Kopf; als sie sein Gesicht sah, zuckte durch Melissas Herz eine plötzliche Angst. Irgend etwas Schreckliches, das sie nicht verstand, lag in seinem Blick. Aber sie wollte tapfer sein und so zwang sie sich, nur das eine zu sehen: daß sein Gesicht hager und elend war, die Augen vor Müdigkeit in ihre Höhlen gesunken. Der Mann gab keine Antwort, faßte nur mit verzweifeltem Griff den Rand des Pungs und zog sich halb hinein, halb plumpste er auf die Planken. So lag er plötzlich zu Melissas Füßen. Melissa warf ihm ein paar ihrer Decken über, dann kutschierte sie los, beklommen, aber in dem Bewußtsein, daß sie das einzig Richtige getan hatte.
Vielleicht eine halbe Stunde später fing der Mond an, seine langen, schwarzen Schatten über den weißen Weg zu werfen. Da zog sich der Mann plötzlich empor, preßte sich auf den Sitz neben Melissa und strich sich die klebrigen Haarsträhnen aus Augen und Stirn. Dann spähte er um sich und vorwärts, als suche er einen Wegweiser und kümmerte sich zunächst um Melissa nicht mehr, als er sich um eine Holzpuppe gekümmert hätte. Dann aber wandte er sich mit einer Plötzlichkeit, vor der ihr Herz bebte, zu ihr und herrschte sie an:
»Hast Schnaps?«
Sie konnte zuerst nicht antworten, aus Angst, daß die Stimme ihr zitterte. Endlich sagte sie höflich:
»Ich hätte Ihnen längst etwas anbieten sollen, weil Sie so furchtbar erschöpft sind. Nein, Schnaps habe ich nicht! Ich bin doch ein Mädchen!«
Sie stellte sich lustig und lachte.
»Aber ich habe eine Flasche Kaffee, die einmal heiß war. Und ein paar schöne, große Butterbrote.«
Als sie den Frühstückskorb unter der Decke hervorzog, griff der Mann gierig nach der Flasche, stürzte den Inhalt bis zum letzten Tropfen hinunter und warf sie weg. Dann fiel er wie ein Wolf über die Butterbrote her.
Eine Art Zorn kam jetzt Melissa zu Hilfe.
»Ein bißchen hätten Sie mir schon lassen können,« sagte sie streng. »Wir haben noch einen langen Weg, und schließlich könnte ich doch auch Hunger bekommen. Nehmen Sie sich gefälligst zusammen und versuchen Sie, sich zu benehmen wie ein anständiger Mensch!«
Der Bursche hörte einen Augenblick auf zu essen und starrte sie an. Sie fühlte den Blick, aber sie tat, als sei sie ganz damit beschäftigt, ihr Pferd über eine gefährliche Stelle wegzubringen. Immer noch schweigend nahm der Fahrgast seine Mahlzeit wieder auf, aß langsam weiter, bis nur noch drei Brote übrig waren. Die wickelte er sorgfältig ein und steckte das Paket in seine Tasche.
Melissa sah das mit einem Seitenblick und war plötzlich heiß vor Wut. Sie wollte ihm ausgiebig die Meinung sagen, als der Bursche anhob:
»Rascher fahren!« und nach den Zügeln griff.
Instinktiv hielt sie fest, mit aller Kraft, die nicht so gering war. Aber mit einer Hand, einer schweren, knochigen Hand, die wie Eisen zugriff, drückte er ihr die Gelenke so unbarmherzig zusammen, daß ihre Finger sich von selbst lösten.
Melissa war nahe daran, zu schreien, aber im letzten Moment setzte ihr entschlossener Wille sich durch. Ohne ein Wort steckte sie die Hände unter die Bärendecke, rieb die Gelenke und kochte innerlich. Wie hatte dies Scheusal all ihr Mitleid in Haß verwandelt! Zugleich aber zitterte sie vor Angst. Etwas geheimnisvoll Schreckliches lag über der ganzen Begegnung und machte sie bis in die Schlagadern hinein frieren. Ein Gedanke nur hielt sie aufrecht und beherrschte ihre Nerven. Ihr ganzes Leben lang hatte sie viel mit Tieren zu tun gehabt und so kannte sie das Gesetz, daß man niemals Angst zeigen darf, da man sonst verloren ist.
Bitter warf sie sich vor, daß sie Jimmy Wright nicht erlaubt hatte mit ihr zu kommen. Nur Jimmy Wright wäre dieser Lage gewachsen gewesen, neben ihm hätte sie sich sicher gefühlt! Kaltblütig zurückgelehnt, studierte sie des Fremden Gesicht und plötzlich verstand sie, daß das vielleicht gar kein Verrückter war. Ein verzweifeltes, wildes Gesicht, zweifellos ein brutales, aber keineswegs ausdruckslos. In den blutunterlaufenen, tiefliegenden Augen der Blick eines Gehetzten.
»Was mag er getan haben?« fragte sie sich.
Dann bekam sie wieder die große Wut, als er anfing, auf das Pferd einzupeitschen, das brave Tier so wütend vorwärts trieb, daß es in der nächsten Schneewehe zusammenbrechen mußte.
»Sie sind so blöd, wie Sie gemein sind,« sagte sie kalt. »Gerade wenn Sie's eilig haben, schonen Sie das Pferd! Wenn es an der nächsten Meile kaputt ist, sind Sie genau so weit, wie vor einer halben Stunde, als ich Sie aufnahm!«
Der Vagabund machte den Mund zu einem Fluch auf und zeigte seine langen, verfärbten, brüchigen Zähne. Sie hielt dem Blick stand, die Wut wurde größer als ihre Angst.
»Kesses Frauenzimmer! Aber Maul halten! Hab' anderes zu denken!« kommandierte er.
Dann sah er ein, wie recht sie hatte, und hetzte den Gaul nicht mehr. Ja, als seine Erregung sich allmählich legte, kutschierte er mit soviel Verständnis, wie Melissa selbst. Aus der Tatsache, daß er das Tier schonte, erkannte Melissa, daß er noch weit zu fahren habe.
»Gut,« sagte sie zu sich, »wenn wir nur so weit kommen, daß mein Vater mich hört. Dann halten wir ihn!«
Während der nächsten zwei Meilen wurde kein Wort gesprochen. Der Mond stand jetzt hoch über den sturmverwehten Fichten, stahlblau und tötlich kalt schien er auf die unberührte Schneefläche.
Sie erreichten einen Punkt, von dem eine andere Straße nach links abwich und etwa zwanzig Meilen weit zur amerikanischen Grenze führte. Der Fremde drehte den Pferdekopf nach links.
»Halt!« schrie Melissa, »ich will nach County-Line!«
Der Bursche lachte. Dieses eiskalte, unbarmherzige Lachen drückte Melissas Mut tiefer als das ganze scheußliche Abenteuer.
»Hab' dich ganz vergessen,« sagte er. »Natürlich willst nach County-Line. Ich gehe 'rüber nach Maine, dann weiter, so weit ich komme. Unterröcke kann ich nicht brauchen. Scher dich 'raus! Rasch! Hab' keine Zeit zu verlieren!«
Damit warf er ihr Gepäck in den Schnee. Melissas Mut versank jetzt ganz.
»Das können Sie nicht tun!« bettelte sie und rang die Hände.
»Ich war doch so gut zu Ihnen! Ich komme um! Ich frier' mich hier zu Tod!«
»Nur noch sechs oder sieben Meilen bis County-Line,« sagte der Vagabund und wälzte Melissas Koffer über Bord.
»Kannst du bis morgen früh machen! Warst anständig, deshalb laß' ich dir deinen Kram!«
Als Melissa noch immer verzweifelt neben ihm saß, drehte er sich wild zu ihr und drückte das Gesicht fast an ihres.
»Muß dich 'rausschmeißen,« zischte er. »Machst sonst Lärm und bringst mir die Bande auf die Fersen! Weißt gar nicht, was für Glück du hast. Flink, eh ich's mir überlege! Dumm genug von mir, daß ich dich nicht stumm mache! Stumm wär's am besten für mich!«
Krank vor Angst legte Melissa eine Hand vor die Augen, um dies gräßliche Gesicht nicht mehr zu sehen und wankte aus dem Pung. Der Vagabund warf ihr die Bärendecke nach und sauste ab.
Melissa stand bis an die Knie im Schnee. Neben ihr lag die Bärendecke, mit zitternden Beinen ließ sie sich darauf fallen. Um sie herum lagen jetzt zerstreut, halb im Schnee vergraben, ihr Koffer, ihre Bündel und Päckchen. Der Schlitten schwenkte an der nächsten Wegbiegung und verschwand. Ein paar Sekunden später verklangen die Glöckchen und jetzt war kein Laut mehr ringsum als manchmal das Knarren von Holz in den frosterstarrten Bäumen.
Nur ein paar Minuten lang blieb Melissa ohne Ueberlegung. Dann fand sie sich wieder und dachte nach: Konnte sie die paar Meilen zu Fuß machen, ehe Hunger und Frost sie überwältigten? Natürlich konnte sie es. Sie wollte doch! Ganz rasch wollte sie gehn und Lärm schlagen und Polizisten auf die Spur bringen. Vielleicht war es sogar besser hier allein zu sein als mit dem Verbrecher im Schlitten. Ein Mörder war er doch zweifellos. Die Empörung gab ihr neue Kraft und belebte sie. Sie raffte die Röcke bis zum Knie, griff nach der Bärendecke, warf einen Abschiedsblick auf den Koffer, die kostbaren Bündel und stapfte tapfer die weiße Straße hinab nach County-Line.
Der frische Entschluß trieb sie vorwärts, ließ sie bis zu den Hüften durch Schneetriften stampfen. So hatte sie gut eine halbe Meile zurückgelegt, ehe sie ihre Not ganz erkannte. Oefter und öfter mußte sie jetzt Atempausen machen. Ihr Kampf mit den endlosen Schneemassen wurde weniger und weniger zum Triumph. Sie dachte daran, den schweren Bärenpelz aufzugeben. Aber dann fiel ihr ein, daß dieser Pelz ihre einzige Zuflucht war, wenn sie Halt machen und gründlich ausruhen mußte. So schleppte sie ihn verzweifelt mit sich, hüllte sich hinein und setzte sich darauf, so oft sie rastete. Vor Anstrengung blieb sie anfangs warm. Dann kam die Erschöpfung, und sofort empfand sie die Schärfe der Kälte. Der Mondschein sogar schien vor Kälte zu zittern, und plötzlich fiel ihr ein, daß sie County-Line vielleicht niemals erreichen würde. Sie zwang sich, diese Möglichkeit zu vergessen, aber sie drängte sich durch die Maschen ihres Willens und schwächte sie.
Dann schickte sie einen Gedanken zu Jim, der ihr neuen Mut gab und ihr Herz wieder wärmte. Vielleicht folgte er ihr, trotz ihres Verbotes. Walter war nur ein lieber Junge, den sie lenken mußte. Aber Jim, der war durch und durch ein Mann!
Bisher war kein Wind zu spüren, die dicken Bäume hatten ihn vollständig aufgefangen. Aber an der nächsten Straßenbiegung schlug er ihr voll ins Gesicht, fing den Atem von ihrem Munde und verdoppelte den bissigen Frost.
Noch ein Kampf von zehn oder fünfzehn Minuten, dann mußte sie gründlich ausruhen. Zugleich kam die große Sehnsucht nach Schlaf über sie und erfüllte ihr Herz mit neuer Angst. Denn sie wußte, wenn sie jetzt nachgab, war alles zu Ende. Wenn sie jetzt einschlief, wachte sie nicht wieder auf.
So schleppte sie sich in den Schutz einer riesigen zusammengebrochenen Kiefer, deren weißbeschneite Wurzeln hoch in die Luft standen. Für ein paar Minuten mußte sie ihr ermattetes Hirn und ihren halbgelähmten Willen aus der zerstörenden Kraft des Windes retten. Die aufgereckten Baumwurzeln boten guten Windschutz. Sie legte mühsam die zwanzig Schritte zurück und wollte ein paar Minuten lang ohne Qual einem neuen Entschluß nachhängen, um keinen Preis aber sich niederlegen. Eine Vision schwebte vor ihren Augen: das warme, sichere Heim ihrer Eltern und der kleinen Schwester, die jetzt vielleicht glücklich schlief …
So leid tat sie sich selbst, daß sie Schmerz fühlte. Aber obwohl noch immer entschlossen und noch immer tapfer, dabei fast erstarrt, bannte sie die lähmende Vision. Sie wußte, daß jede Faser ihres Willens zum Kampf geballt sein mußte.
Fest in die Bärendecke gehüllt, taumelte sie hinter die Wurzeln der Kiefer, preßte sich eng an ihre Rinde. Als sie das tat, erlebte sie es, daß der Schnee plötzlich unter ihr wich. Mit einem Entsetzensschrei versuchte sie sich zurückzuhalten, im selben Augenblicke war es, als verschwände die Erde unter ihren Füßen. Sich irgendwo anklammernd, hilflos um sich greifend, versank sie in einer blinden Schneewehe. – – – Der Fall dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde und ging kaum sechs oder sieben Fuß tief. Melissas entsetztem Hirn schien es eine lange Zeit, sie glaubte, daß sie, im Fall zerschmetternd, noch einmal zu sich kommen würde. Statt dessen fand sie sich plötzlich sanft und warm gebettet. Mit beiden Händen um sich tastend, griff sie in ein riesiges, warmes, pelziges Etwas, das sich bewegte und leise brummte. Ihr Herz stockte, ein Schreckensschrei erfror auf ihren Lippen. Sie wollte sich verkriechen, aber da war kein Raum. Sie wollte aufstehen, aber sie war glatt auf die Seite gefallen, und ihre Beine versagten den Dienst. Ganz ruhig lag sie, von Angst gelähmt, eng angepreßt an die Flanke des Bären, in dessen Winterlager sie gedrungen war. Die massige Gestalt bewegte sich leise, brummte und winselte, als beschwerte sie sich über die rauhe Unterbrechung im tiefen Winterschlaf. Melissa fühlte, wie eine große Tatze gegen sie drängte, als verlange sie mehr Raum. Eine riesige Schnauze schnüffelte durch ihre Beine und legte sich plötzlich darauf, als wäre da ein bequemes Polster gefunden. Es fiel Melissa ein, daß schon manchmal Menschen vor Angst gestorben sind, und sie glaubte, wenn so etwas geschehen konnte, mußte es ihr jetzt geschehen! Jeden Augenblick erwartete sie, die Zähne des Bären in ihrem Fleisch zu fühlen. Als aber lange Sekunden vorübergingen und nichts geschah, begriff sie, daß das Tier sie als Bettkameradin angenommen hatte und friedlich wieder eingeschlafen war. Mit aller Kraft erstickte sie ein wildes, hysterisches Gelächter, das sich empordrängte. Ihr Zittern machte den Bären abermals winseln und grunzen, als enttäuschte ihn jedesmal sein Schlafkamerad. Das brachte sie zu ruhigem Denken. Sie lag jetzt ganz still und zerbrach sich den Kopf darüber, wie man aus einer so unerhörten Lage entkommen könne. Ein alter Indianer hatte ihr einmal erzählt, daß der Bär während seines Winterschlafes, insbesondere im Anfang, wenn er noch rund und fett ist, so gutmütig sei, wie ein gutgefütterter Kater, daß man in sein Lager einbrechen und ihn aufwecken, kratzen und schinden könne, ohne Gefahr zu laufen. Diese längst vergessene Belehrung kam ihr in den Sinn und brachte Trost. Daß es Wahrheit sein konnte, erlebte sie ja selbst!
Die Wärme des mächtigen Körpers, in dem sie fast versank, und der starke Geruch des Pelzes ließen Angst und Energie zugleich in ihr einschlafen. Sie war behaglich gebettet, beschützt vor der unerträglichen Kälte da oben – und schläfrig. Mein Gott, so unsäglich schläfrig! Nerven und Muskeln gaben gleichzeitig nach. Sie wußte nicht, was sie tat, als sie sich noch tiefer in die Flanke des riesigen Tieres eingrub – und einschlief …
Wundersam, durch Stunden und Meilen voll von Träumen, und wie aus weiter Ferne, kam der Klang einer Stimme zu ihr, die ihren Namen rief. Mit großer Anstrengung machte sie sich wach, schrie »Jim« und öffnete die Augen. Klar im Mondschein war über ihr das Gesicht Jim Wrights, der mit wütendem Eifer den Eingang zur Höhle freigrub.
»Lebst du, Mädel? Bist noch ganz? Ich komme, wenn ich nur erst sehen kann, wo du bist. Beinahe bin ich zu dir hinuntergefallen!«
Vor der rauhen Stimme wurde der Bär unruhig und wimmerte.
»Pscht!« machte Melissa sorglich. »Ja, ich bin noch ganz, aber furchtbar schläfrig. Komm nicht herunter Jim, er schläft! Reich mir nur die Hand und hilf mir hinaufklettern!«

»Heiliger Himmel!« fluchte Jim, als er die ungeheure Gestalt neben Melissa erkannte. Er hatte den Bären zuerst für ihren Pelzmantel gehalten. Nur die plötzliche Angst, daß er auf Melissas Körper stürzen könnte, hinderte ihn, sich zwischen sie und diese schreckliche Gestalt zu werfen.
Aber Jim war ein Holzfäller, ein Waldmensch, ein Flußmensch und an rasches Handeln gewöhnt. Indeß er sich glatt aufs Gesicht warf, griff er hinunter, packte Melissa unter die Arme und zog sie halb, halb schwang er sie glatt heraus in den mondbeleuchteten Schnee. Das war ein schwieriges Stück Arbeit, selbst für seine gewaltigen Arme.
»Lauf,« keuchte er, »lauf zum Schlitten! Ich hab' mein Gewehr mit!« Und dabei zog er ein paar schwere Pistolen aus dem Gürtel.
Mit beiden Händen klammerte Melissa sich an seine Arme.
»Wag' es nicht, ihn zu verletzen, Jim! Er hat mir das Leben gerettet! Ohne ihn wär' ich jetzt tot! Als ich hineinfiel, mit meinem ganzen Gewicht gerade auf ihn drauf, ist er aufgewacht. Und ich dachte, jetzt würde er mich fressen. Aber er hat nur ein bißchen geschnauft, hat seinen warmen Kopf auf mich gelegt und ist gleich wieder eingeschlafen. Ich glaube, er war froh, daß ich bei ihm war.«
Mit einem glücklichen Lachen und ganz entspanntem Gesicht steckte Jim Wright die Revolver wieder in seinen Gürtel.
»Weiß es ja, ein Bär gibt nicht jedermanns Narren ab«, bemerkte er in einem Ton, der wieder einen Schimmer von Rot in Melissas blasses Gesicht brachte.
»Und jetzt müssen wir ihn wieder warm zudecken,« rief Melissa, »und keinem Menschen darfst du erzählen, wie die Geschichte ausgegangen ist! Sonst kommen sie her und finden den armen Kerl und bringen ihn im Schlaf um.«
Rüstig schaufelte Jim den Schnee wieder auf seinen alten Platz zurück.
»Dieser Bär, Lissy, wenn den einer stört – den stör' ich! Solange ich lebe, will ich keinen Bären mehr umbringen, oder ihm sonst was zu leide tun. Zur Belohnung für das, was der alte Kerl getan hat!«
Gerade das war es, was Melissa gern hörte, und sie dankte mit einem langen Blick.
Jim half Melissa in den Pung und hüllte sie ein wie ein kostbares Bündel.
»Kommst rasch ins Bett, Lissy, das ist die Hauptsache, ehe es Tag wird. Wenn ich dich sicher daheim weiß, hol' ich deinen Koffer und all deinen Kram. Meg soll ihr Christkindl pünktlich bekommen.«
Zufrieden und getröstet verkroch Melissa sich in ihre Decke und machte Jim die allerschönsten Augen.
»Wie du mich immer verstehst, Jimmy! Weißt du, ich hab's immer gewußt, daß du mir nachkommen würdest, obwohl ich dummes Zeug geredet habe.«
»Hast mich auch verstanden, Lissy,« gab er schwerfällig zur Antwort, »und wenn du nicht zu müde bist, dann sag mal, was bedeutet das alles, Mädel? Wie ich an die Straßenkreuzung komm' und seh', was geschehen ist – beinah' umgeworfen hat's mich. Deine sieben Sachen im Schnee und deine arme, kleine Fußspur so jämmerlich nach County-Line hin. Herrgott! War mir zumute!«
Als seine Stimme ins Zittern kam, fing Melissa rasch an, ihre Geschichte zu erzählen.
»Und schließlich,« sagte sie, »er hätte mich abmurksen sollen, für seine eigene Sicherheit, Jim, das muß man ihm doch anrechnen. Eigentlich wünsche ich, daß er davonkommt. Wie schrecklich, wenn es sein Unglück würde, daß er mir das Leben gelassen hat!«
Jim lachte.
»Das nenn' ich anständig gedacht, Lissy. Gut! Dann bist du eben zu schläfrig zum Erzählen, wenn du nach Hause kommst. Und ich verspreche dir, nicht zu plaudern, bis ich mit deinem Koffer wieder da bin. Gibt mehr Zeit, als der Kerl nötig hat. Na, und mehr kann er nicht verlangen!«
Jetzt war Lissy so glücklich, daß sie plötzlich wieder einschlief, während der Graue mächtig durch den Schnee pflügte. Jim nahm sie in seinen linken Arm, drückte sie an die Brust und fühlte nur, diese Fahrt konnte nicht lange genug dauern.
Erst in der Waldlichtung vor County-Line wachte Lissy auf. Sie erkannte, wie lang sie schon schlief, machte sich steif und drehte ihr Gesicht zur Seite, daß Jim nicht sah, wie rot sie wurde.
»Glaubst, ich bin der Bär?« begehrte Jim auf. »Oder hätte ich dich nicht festhalten sollen? Wärst wieder aus dem Pung gefallen, das durfte ich nicht leiden. Denn jetzt hab' ich für dich zu sorgen, Mädel! Jetzt – immer!«
»Morgen ist Weihnachten, Jim. Wenn die Eltern dich einladen, nach Weihnachten zu uns zu kommen …«
»Bin ich da, Lissy!« – Mit hellem Geläute fuhren sie durch die schlafenden Straßen.