Funfzehntes Kapitel. Wilhelm und Marie. (continued 2)
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Während die City in diesem aufgeregten Zustande war, kam ein durch königliche Proklamation angeordneter allgemeiner Fasttag. Die zur Motivirung dieses feierlichen Andachtsactes angeführten Gründe waren der beklagenswerthe Zustand Irland’s und die bevorstehende Abreise des Königs. Es wurden Gebete für das persönliche Wohl Sr. Majestät und für den Erfolg seiner Waffen zum Himmel emporgesandt. Die Kirchen London’s waren gedrängt voll, und die ausgezeichnetsten Kanzelredner der Hauptstadt, welche fast ohne Ausnahme entweder gemäßigte Tories oder gemäßigte Whigs waren, bemühten sich, das Volk zu beschwichtigen und ermahnten ihre Heerden in diesem kritischen Zeitpunkte dem Fürsten, mit dessen Geschick das Geschick der ganzen Nation verkettet sei, eine herzliche Unterstützung nicht vorzuenthalten. Burnet erzählte einer zahlreichen Gemeinde von der Kanzel herab, wie die Griechen, als der Großtürke Anstalt machte, Constantinopel zu belagern, nicht bewogen werden konnten, einen Theil ihres Reichthums der gemeinsamen Vertheidigung zum Opfer zu bringen und wie bitter sie nachher ihren Geiz bereueten, als sie gezwungen wurden, den siegreichen Ungläubigen die Schätze auszuliefern, die sie den Bitten des letzten christlichen Kaisers abgeschlagen hatten.[77]
Stimmung der Whigs.
Die Whigs in ihrer Gesammtheit bedurften jedoch einer solchen Mahnung nicht, denn bei all’ ihrem Aerger und Unmuth erkannten sie doch sehr wohl, daß von der Stabilität des Thrones Wilhelm’s Alles abhing, was ihnen am höchsten galt. Wozu einige von ihnen sich vielleicht hätten verleiten lassen, wenn sie einen andren Führer hätten finden können, wenn zum Beispiel ihr protestantischer Herzog, ihr König Monmouth noch am Leben gewesen wäre, mag dahin gestellt bleiben. Jetzt hatten sie keine andre Wahl als zwischen dem Fürsten, den sie auf den Thron gesetzt, und dem Fürsten, den sie vom Throne gestoßen hatten. Es wäre wahrhaftig sehr sonderbar gewesen, wenn sie für Jakob Partei genommen hätten, um Wilhelm zu bestrafen, dem sie keinen schlimmeren Fehler zur Last legen konnten, als daß er die rachsüchtigen Gefühle nicht theilte, mit denen sie der Tyrannei Jakob’s gedachten. So sehr ihnen die Amnestiebill mißfiel, sie hatten die blutigen Assisen nicht vergessen. Sie blieben daher trotz ihrer Verstimmung ihrem eigenen Könige treu und waren, obgleich sie über ihn murrten, bereit, ihm mit Gut und Blut wider seinen Gegner beizustehen.[78]
Verkehr einiger Whigs mit Saint-Germains. Shrewsbury; Ferguson.
Es gab allerdings Ausnahmen, aber es waren ihrer nur sehr wenige und sie kamen fast nur in zwei Klassen vor, deren gesellschaftliche Stellung zwar weit von einander verschieden war, die sich aber in Lauheit der Grundsätze sehr ähnelten. Alle die Whigs, von denen man weiß, daß sie mit Saint-Germains in Unterhandlung standen, gehörten nicht dem Hauptkörper der Partei, sondern entweder dem Kopfe oder dem Schweife derselben an. Es waren entweder Patrizier von hohem Range und hoher amtlicher Stellung, oder Lumpe, die schon seit langer Zeit zu den unsaubersten Parteizwecken benutzt wurden. Zur ersteren Klasse gehörte Shrewsbury, die hervorragendste Persönlichkeit der letzteren war Robert Ferguson. Von dem Tage, an welchem das Conventionsparlament aufgelöst wurde, fing Shrewsbury an in seiner Treue zu wanken; im Publikum aber bekam man davon erst lange nachher eine Ahnung. Daß Ferguson wenige Monate nach der Revolution ein wüthender Jakobit geworden, war Niemandem ein Geheimniß und konnte eigentlich auch Niemanden Wunder nehmen. Er konnte für seinen Abfall nicht einmal den erbärmlichen Entschuldigungsgrund anführen, daß er zurückgesetzt worden sei. Die schmachvollen Dienste, die er früher seiner Partei als Spion, als Anstifter von Unruhen, als Vertheiler von Bestechungen, als Verfasser von Libellen, als Einbläser falscher Zeugen geleistet hatte, waren für die Ehre der neuen Regierung nur zu freigebig belohnt worden. Ein hohes Amt konnte er daher unmöglich bekleiden. Aber es war für ihn eine Sinekure mit fünfhundert Pfund jährlichem Gehalte im Departement der Accise creirt worden. Er besaß daher was nach seinen Begriffen Reichthum war; aber Reichthum befriedigte ihn nicht. Zwar hatte er nie Bedenken getragen, für Geld Betrügereien, welche durch Heuchelei noch erschwert wurden, zu verüben; doch war die Liebe zum Gelde nicht seine stärkste Leidenschaft. Lange Gewohnheit hatte in ihm einen moralischen Krankheitszustand entwickelt, von dem Leute, welche die politische Agitation zu ihrem Lebensberufe erwählt haben, selten ganz frei sind. Er konnte nicht Ruhe halten. Das Aufwiegeln, das ursprünglich sein Geschäft gewesen, war dadurch auch sein Vergnügen geworden. Er konnte eben so wenig leben, ohne Unheil zu stiften, wie ein alter Branntweintrinker oder ein alter Opiumesser ohne seine tägliche Portion Gift leben kann. Gerade die Unbequemlichkeiten und Gefahren eines gesetzwidrigen Lebens hatten einen unwiderstehlichen Reiz für ihn. Er konnte eben so wenig in einen friedlichen und loyalen Unterthan verwandelt werden, wie der Fuchs in einen Schäferhund verwandelt werden oder wie die Weihe die Gewohnheiten des Hausgeflügels erlernen kann. Wie der rothe Indianer seine Jagdgründe cultivirten Feldern und schönen Städten vorzieht, wie der Zigeuner, wenn er unter einem behaglichen Dache wohnt und eine gesunde, frische Nahrung hat, sich noch immer nach dem zerrissenen Zelte auf dem Moor und nach der Mahlzeit von verdorbenem Fleisch zurücksehnt, eben so wurde Ferguson des Ueberflusses und der Sicherheit, seines Gehalts, seines Hauses, seiner Tafel und seiner Equipage müde und sehnte sich danach, wieder der Präsident von Gesellschaften, in welche Niemand ohne die Parole eingelassen wurde, der Vorsteher geheimer Druckereien, der Verbreiter aufrührerischer Flugschriften zu sein, die Mauern mit Signalements seiner Person und mit Belohnungsanerbietungen für seine Festnehmung bedeckt zu sehen, sechs bis sieben Namen mit einer andren Perrücke und einem andren Rocke für jeden derselben zu führen und drei Mal die Woche mitten in der Nacht die Wohnung zu wechseln. Seine Feindschaft galt nicht dem Papismus oder dem Protestantismus, dem monarchischen oder dem republikanischen System, dem Hause Stuart oder dem Hause Nassau, sondern überhaupt allem zur Zeit Bestehenden.
Hoffnungen der Jakobiten.
Den Jakobiten war dieser neue Verbündete sehr willkommen, denn sie beschäftigten sich gerade mit Plänen, bei denen sie der Hülfe eines alten erfahrenen Verschwörers dringend bedurften. Von dem Tage, an welchem bekannt gemacht worden war, daß Wilhelm beschlossen habe, das Commando in Irland zu übernehmen, war eine große Bewegung unter ihnen entstanden und sie sahen seiner Abreise mit ungeduldiger Hoffnung entgegen. Er war ein Fürst, gegen den man es nicht leicht wagte, die Fahne der Empörung aufzupflanzen. Sein Muth, sein Scharfblick, die Verschwiegenheit seiner Räthe, der Erfolg, der bis dahin alle seine Unternehmungen gekrönt hatte, imponirten der Menge, und selbst seine erbittertsten Feinde fürchteten ihn mindestens eben so sehr als sie ihn haßten. So lange er noch in Kensington war, bereit, jeden Augenblick zu Pferde zu steigen, begnügten sich die Uebelgesinnten, denen ihr Kopf und ihr Vermögen lieb war, damit, ihrem Hasse dadurch Luft zu machen, daß sie auf den Untergang seiner Habichtsnase tranken und mit bedeutungsvoller Energie die Orange, das Emblem seines Hauses, zusammendrückten. Aber ihr Muth stieg bei dem Gedanken, daß nun bald das Meer zwischen ihm und unsrer Insel liegen würde. Bei den militärischen und politischen Berechnungen der damaligen Zeit hatten dreißig Meilen Wasser ebenso viel zu bedeuten wie jetzt dreihundert Meilen. Wind und Wellen unterbrachen häufig alle Communication zwischen England und Irland. Es geschah zuweilen, daß zwei bis drei Wochen lang keine Nachricht von London nach Dublin gelangte. Zwanzig englische Grafschaften konnten unter den Waffen stehen, bevor man in Ulster nur erfuhr, daß ein Aufstand befürchtet werde. Zu Anfang des Frühjahrs versammelten sich daher die dirigirenden Mißvergnügten in London, um einen umfassenden Operationsplan zu entwerfen, und correspondirten eifrig sowohl mit Frankreich als mit Irland.
Zusammentritt des neuen Parlaments.
So war die Stimmung der englischen Parteien, als das neue Parlament am 20. März seine Sitzungen eröffnete. Das erste Geschäft welches die Gemeinen vorzunehmen hatten, war die Wahl eines Sprechers. Lowther schlug Trevor vor, der auch ohne Opposition gewählt und mit dem herkömmlichen Ceremoniell vorgestellt und bestätigt wurde. Hierauf hielt der König eine Rede, in der er den beiden Häusern ganz besonders zwei wichtige Gegenstände zur Berathung anempfahl: die Feststellung der Staatseinkünfte und die Bewilligung einer Amnestie. Er hob nachdrücklich die Nothwendigkeit der Beschleunigung hervor. Jeder Tag sei kostbar, der Augenblick zum Handeln rücke heran. „Lassen Sie uns nicht,” sagte er, „die Zeit mit Debatten hinbringen, während unsere Feinde im Felde stehen.”[79]
Feststellung des Staatseinkommens.
Der erste Gegenstand, den die Gemeinen in Berathung nahmen, war der Stand des Staatseinkommens. Ein großer Theil der Steuern war seit der Thronbesteigung Wilhelm’s und Mariens unter der Autorität von auf kurze Zeit erlassenen Acten erhoben worden, und es war jetzt Zeit, endgültige Anordnungen zu treffen. Es wurde dem Hause ein Verzeichniß der Besoldungen und Pensionen vorgelegt, für welche Deckung zu beschaffen war, und der Betrag der dafür ausgeworfenen Summen rief wohlbegründete Klagen seitens der unabhängigen Mitglieder hervor, unter denen sich Sir Karl Sedley durch seinen sarkastischen Humor auszeichnete. Eine geistreiche Rede, die er gegen die Stelleninhaber hielt, wurde heimlich gedruckt und weit verbreitet; sie ist seitdem oft neu aufgelegt worden und beweist, daß seine Zeitgenossen sich nicht irrten, indem sie ihn für einen Mann von Talent und lebendigem Geiste hielten, was man bei Lesung seiner Gedichte und Schauspiele versucht wird zu bezweifeln. Leider verpuffte die üble Laune, welche der Anblick der Civilliste erregte, in Späßen und Invectiven, ohne irgend eine Reform herbeizuführen.
Das ordentliche Einkommen, welches der Regierung vor der Revolution zur Verfügung gestanden hatte, war theils erblich gewesen, theils aus Steuern gezogen worden, welche jedem Souverain auf Lebenszeit bewilligt waren. Das erbliche Einkommen war mit der Krone auf Wilhelm und Marien übergegangen. Es floß aus den Erträgnissen der königlichen Domainen, aus Sporteln, Geldbußen und Weinlicenzen, aus den Erstlingen und Zehnten der Pfründen, aus den Einnahmen des Postamts und aus demjenigen Theile der Accise, welcher unmittelbar nach der Restauration Karl II. an Stelle der unseren früheren Königen schuldigen Lehndienste für alle Zeiten bewilligt worden war. Das Einkommen aus allen diesen Quellen wurde auf vier- bis fünfhunderttausend Pfund geschätzt.[80]
Die Accis- und Zolleinnahmen, welche Jakob auf Lebenszeit bewilligt worden waren, hatten am Schlusse seiner Regierung die Summe von ungefähr neunhunderttausend Pfund erreicht. Wilhelm wünschte natürlich dieses Einkommen in derselben Weise zu beziehen, wie sein Oheim es genossen hatte, und seine Minister thaten ihr Möglichstes, um seine Wünsche zu befriedigen. Lowther beantragte, daß die Bewilligung für des Königs und der Königin gemeinschaftliche und für jedes Einzelnen Lebenszeit gelten solle, und er sprach wiederholt und nachdrücklich zur Vertheidigung dieses Antrags. Er hob Wilhelm’s Ansprüche auf die öffentliche Dankbarkeit und das öffentliche Vertrauen hervor, die Befreiung der Nation von Papismus und Willkürherrschaft, die Befreiung der Kirche von Verfolgung und die der Verfassung gegebene feste Grundlage. Könnten die Gemeinen einem Fürsten gegenüber knausern, der mehr für England gethan habe, als irgend einer seiner Vorgänger in so kurzer Zeit für dasselbe gethan, mit einem Fürsten, der jetzt im Begriff stehe, sich feindlichen Waffen und einem ungesunden Klima auszusetzen, um die englische Colonie in Irland zu erhalten, mit einem Fürsten, für den man in jedem Winkel der Welt bete, wo sich eine protestantische Gemeinde zum Gottesdienste versammeln dürfe?[81] Doch über diesen Gegenstand sprach Lowther umsonst. Sowohl Whigs als Tories waren der festen Meinung, daß die Freigebigkeit der Parlamente die Hauptursache des Unheils der letzten dreißig Jahre sei; daß der Freigebigkeit des Parlaments von 1660 die schlechte Verwaltung der Cabale, der Freigebigkeit des Parlaments von 1685 die Indulgenzerklärung zugeschrieben werden müsse und daß es unverantwortlich von dem Parlamente von 1690 sein würde, wenn es eine lange, schmerzliche und unveränderliche Erfahrung nicht benutzte. Nach langer Discussion kam ein Vergleich zu Stande. Der Theil der Accise, welcher Jakob auf Lebenszeit bewilligt gewesen war und den man auf dreihunderttausend Pfund jährlich schätzte, wurden Wilhelm und Marien auf gemeinschaftliche und auf jedes Einzelnen Lebenszeit bewilligt. Man nahm an, daß Ihre Majestäten mit dem erblichen Einkommen und mit den dreihunderttausend Pfund aus der Accise, unabhängig von parlamentarischer Controle zwischen sieben- und achthunderttausend Pfund jährlich haben würden. Von diesem Einkommen waren die Kosten des königlichen Haushaltes und diejenigen Civilämter zu bestreiten, von denen dem Hause eine Liste vorgelegt worden war. Daher wurde dieses Einkommen die Civilliste genannt. Jetzt ist der Aufwand für den königlichen Haushalt von den Kosten der Civilverwaltung völlig getrennt; aber durch eine sonderbare Sinnverdrehung ist der Name Civilliste dem zur Bestreitung des königlichen Haushalts bestimmten Theile der Einkünfte geblieben. Noch sonderbarer ist es, daß mehrere Nachbarvölker diesen unpassendsten Namen von der Welt der Entlehnung werth gehalten haben. Diejenigen Zollgebühren, welche Karl und Jakob nach einander auf Lebenszeit zuerkannt worden waren und die sich in dem Jahre vor der Revolution auf sechshunderttausend Pfund belaufen hatten, wurden der Krone nur auf vier Jahre bewilligt.[82]
Wilhelm gefiel dieses Arrangement keineswegs. Es schien ihm ungerecht und undankbar, daß ein Volk, welches er gerettet hatte, die Höhe seines Einkommens von seinem guten Verhalten abhängig machte. „Die Herren Engländer,” sagte er zu Burnet, „trauten Jakob, der ein Feind ihrer Religion und ihrer Gesetze war, und mir, dem sie die Erhaltung ihrer Religion und ihrer Gesetze verdanken, wollen sie nicht trauen.” Burnet erwiederte ihm sehr richtig, daß es keinen Beweis von persönlichem Vertrauen gebe, den Se. Majestät nicht zu verlangen berechtigt wäre, daß aber die hier vorliegende Frage keine Frage des persönlichen Vertrauens sei. Die Stände des Reichs wünschten ein allgemeines Prinzip festzustellen; sie wünschten einen Präcedenzfall zu haben, der die späte Nachwelt gegen Uebel sichere, wie sie die sorglose Freigebigkeit früherer Parlamente erzeugt habe. „Von diesen Uebeln hat Eure Majestät die gegenwärtige Generation befreit. Durch Annahme der Gabe der Gemeinen unter den offerirten Bedingungen wird Eure Majestät auch ein Befreier zukünftiger Generationen sein.” Wilhelm war nicht überzeugt, aber er besaß zuviel Weltklugheit und Selbstbeherrschung, um seiner üblen Laune freien Lauf zu lassen und er nahm mit freundlicher Miene, an was er nicht umhin konnte als unfreundlich gegeben zu betrachten.[83]
Jahrgeld der Prinzessin von Dänemark.
Die Civilliste war mit einer Annuität von zwanzigtausend Pfund für die Prinzessin von Dänemark belastet, als Zuschuß zu den dreißigtausend Pfund, die ihr zur Zeit ihrer Vermählung ausgesetzt worden waren. Dieses Arrangement war das Resultat eines Vergleichs, der mit vieler Mühe und nach langen heftigen Streitigkeiten zu Stande gebracht worden war. Der König und die Königin hatten seit dem Antritte ihrer Regierung niemals auf besonders gutem Fuße mit ihrer Schwester gestanden. Daß Wilhelm einer Frau nicht gefallen konnte, die eben nur so viel Verstand hatte, um zu bemerken, daß ihm ein mürrisches Wesen und ein abstoßendes Benehmen eigen waren, und die seine höheren Eigenschaften durchaus nicht zu würdigen vermochte, ist nicht zu verwundern. Für Marien aber war es ein Bedürfniß geliebt zu werden. Eine so liebenswürdige und geistvolle Frau konnte nicht viel Vergnügen an dem Umgange mit Anna finden, die, wenn bei guter Laune, heiter einfältig, wenn bei schlechter Laune mürrisch einfältig war. Indessen würde die Königin, die auch der geringste ihrer Dienstleute wegen ihrer Herzensgüte liebte, sich schwerlich eine Person zum Feinde gemacht haben, deren Freundschaft zu gewinnen ihre Pflicht und ihr Interesse erheischte, wäre nicht ein ungewöhnlich mächtiger und ungewöhnlich bösartiger Einfluß unablässig bemüht gewesen, den Frieden des königlichen Hauses zu stören. Die Zuneigung der Prinzessin Anna zu Lady Marlborough war so stark, daß man dieselbe in einem abergläubischen Zeitalter einem Talisman oder einem Zaubertranke zugeschrieben haben würde. Nicht nur daß die beiden Freundinnen in ihrem vertraulichen Verkehr mit einander alle Ceremonien und Titel bei Seite geworfen hatten und schlechtweg Mrs. Morley und Mrs. Freeman geworden waren, selbst Prinz Georg, der sich um das Ansehen seiner Geburt eben so wenig kümmerte wie um irgend etwas Andres außer Claret und marinirten Lachs, ließ es sich gefallen, Mr. Morley genannt zu werden. Die Gräfin rühmte sich, den Namen Freeman deshalb gewählt zu haben, weil er der Offenheit und Keckheit ihres Characters ganz besonders entspreche, und man muß ihr die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie ihre despotische Herrschaft über die schwache Prinzessin nicht durch gewöhnliche Höflingskünste begründete und lange behauptete. Sie besaß wenig von dem Takte, der das characteristische Talent ihres Geschlechts ist, und sie war viel zu heftig, um schmeicheln oder sich verstellen zu können; aber ein seltener Zufall hatte sie einem Character entgegengeführt, auf den gebieterisches Wesen und Widerspruch wie Zaubertränke wirkten. In dieser grotesken Freundschaft waren Hingebung, Geduld und Selbstverleugnung ganz auf Seiten der Herrin, während die Launen, der übermüthige Stolz und die Ausbrüche von Heftigkeit auf Seiten der Dienerin waren.
Höchst merkwürdig ist das Verhältniß, in welchem die beiden Frauen zu Mr. Freeman standen, wie sie Marlborough nannten. Im Auslande wußte fast Jedermann, daß Anna von den Churchill geleitet wurde. Ebenso bekannt war es, daß der Mann, der sich ihrer Gunst in so hohem Grade erfreute, nicht nur ein großer Feldherr und Staatsmann, sondern auch einer der schönsten Cavaliere seiner Zeit war, daß er von Gesicht und Gestalt auffallend hübsch, daß sein Character zugleich sanft und entschlossen, seine Manieren zugleich gewinnend und edel waren. Nichts war natürlicher, als daß körperliche und geistige Vorzüge wie die seinigen ein weibliches Herz leicht erobern mußten. Viele Leute auf dem Festlande glaubten daher auch, er sei Anna’s begünstigter Anbeter, und er wurde in gleichzeitigen französischen Libellen, welche längst vergessen sind, als solcher dargestellt. In England jedoch fand diese Verleumdung selbst bei dem großen Haufen niemals Glauben, und man findet selbst in dem gemeinsten Gassenhauer, der in unseren Straßen gesungen wurde, keine Spur davon. Die Prinzessin scheint sich in der That nie eines mit ihren ehelichen Pflichten unverträglichen Gedankens schuldig gemacht zu haben. In ihren Augen war Marlborough mit all’ seiner Genialität und Tapferkeit, seiner Schönheit und Liebenswürdigkeit nichts weiter als der Gatte ihrer Freundin. Einen directen Einfluß auf Ihre Königliche Hoheit besaß er nicht; nur durch Vermittelung seiner Gattin konnte er auf sie einwirken, und seine Gattin war kein passives Werkzeug. Obgleich es nicht möglich ist, in irgend etwas was sie gethan, gesagt oder geschrieben hat, das geringste Anzeichen von höherer Verstandesbildung zu entdecken, setzten ihre heftigen Leidenschaften und ihr starker Wille sie doch oftmals in den Stand, einen Gatten zu beherrschen, der zum Gebieter über ernste Senate und über mächtige Heere geboren war. Sein Muth, ein Muth, den die gefahrvollsten Situationen des Kriegs nur noch kälter und unerschütterlicher machten, verließ ihn beim Anblick der leichtfließenden Thränen und wortreichen Vorwürfe, der schmollenden Lippen und des traurig gesenkten Hauptes seiner Sara. Die Geschichte führt uns wenige Schauspiele vor, welche merkwürdiger waren, als das eines großen und gelehrten Mannes, der, wenn er weitumfassende und tiefdurchdachte politische Pläne entworfen hatte, dieselben nur dadurch ins Werk setzen konnte, daß er ein oft unlenksames, thörichtes Weib vermochte, ein andres noch thörichteres Weib zu lenken.
In einem Punkte stimmten der Earl und die Gräfin vollkommen überein: sie liebten Beide den Geldgewinn, nur daß er das gewonnene gern aufhäufte, sie aber nicht abgeneigt war, es wieder auszugeben.[84] Die Gunst der Prinzessin betrachteten sie Beide als ein werthvolles Besitzthum. Schon unter der Regierung ihres Vaters hatten sie angefangen, durch Anna’s Freigebigkeit reich zu werden. Sie war von Natur zur Sparsamkeit geneigt und selbst als sie auf dem Throne saß, waren ihre Equipagen und ihre Tafel keineswegs prächtig.[85] Man sollte daher meinen, daß, während sie noch Unterthanin war, dreißigtausend Pfund jährlich und eine Wohnung im Palaste für alle ihre Bedürfnisse mehr als ausreichend hätte sein müssen. Es gab vielleicht im ganzen Königreiche nicht zwei Edelleute, die ein solches Einkommen besaßen. Aber um den Gelddurst Derer zu stillen, die sie beherrschten, war kein Einkommen groß genug. Sie hatte zu wiederholten Malen Schulden gemacht, welche Jakob immer bezahlte, doch nicht ohne sein Erstaunen und Mißfallen darüber zu äußern.
Die Revolution eröffnete den Churchill eine neue und unbegrenzte Aussicht auf Gewinn. Das ganze Verhalten ihrer Gebieterin bei dieser großen Krisis hatte bewiesen, daß sie keinen andren Willen, kein andres Urtheil, keine andre Ueberzeugung hatte als die ihrigen. Ihnen hatte sie Neigungen, Vorurtheile, Gewohnheiten und Interessen aufgeopfert. Auf ihren Befehl hatte sie an der Verschwörung gegen ihren Vater Theil genommen, war mitten im Winter durch Eis und Koth in einem Miethwagen von Whitehall in’s Lager der Rebellen geflohen und hatte eingewilligt, ihre Stelle in der Thronfolgeordnung dem Prinzen von Oranien abzutreten. Sie sahen mit Vergnügen, daß das Weib, auf das sie einen so unbegrenzten Einfluß ausübten, wieder auf Andere einen nicht gewöhnlichen Einfluß ausübte. Die Revolution war kaum vollbracht, so zeigten viele Tories, denen der neue König so wenig gefiel wie der vertriebene, und die in Zweifel waren, ob ihre Religion von den Jesuiten oder von den Latitudinariern mehr zu fürchten hatte, eine entschiedene Neigung, sich um Anna zu schaaren. Die Natur hatte sie zur Bigotten geschaffen. Ihre Seelenverfassung war von der Art, daß sie, ohne zu prüfen und ohne zu zweifeln, fest an der Religion ihrer Kindheit hing bis sie in ihren Sarg gelegt wurde. Am Hofe ihres Vaters war sie taub gegen Alles gewesen, was zu Gunsten der Transsubstantiation und der Ohrenbeichte geltend gemacht werden konnte. Diese Apathie und Hartnäckigkeit gaben ihr eine gewisse Bedeutung. Es war etwas Wichtiges, das einzige Glied der königlichen Familie zu sein, das Papisten und Presbyterianer mit gleichem Widerwillen betrachtete. Während eine zahlreiche Partei geneigt war, sie zu vergöttern, betrachteten ihre beiden schlauen Diener sie lediglich als eine Puppe. Sie wußten, daß sie es in ihrer Macht hatte, der Regierung ernste Ungelegenheiten zu bereiten, und sie beschlossen, diese Macht zu benutzen, um dem Namen nach für sie, factisch aber für sich selbst Geld zu erpressen. Während Marlborough die englischen Streitkräfte in den Niederlanden befehligte, war die Ausführung des Planes natürlich seiner Gattin überlassen, und sie ging dabei nicht wie er ohne Zweifel gethan haben würde, mit Vorsicht und Mäßigung zu Werke, sondern, wie aus ihrer eignen Erzählung deutlich hervorgeht, mit abscheulicher Heftigkeit und Schamlosigkeit. Allerdings hatte sie Leidenschaften zu befriedigen, von denen er gänzlich frei war. Er war zwar einer der habsüchtigsten, aber auch einer der mindest boshaften Menschen; bei ihr dagegen war die Bosheit eine viel stärkere Leidenschaft als die Habsucht. Sie haßte leicht und ihr Haß war gründlich, unversöhnlich. Zu den Gegenständen ihres Hasses gehörten alle Verwandten ihrer Gebieterin, sowohl von väterlicher als von mütterlicher Seite. Niemand, der ein natürliches Interesse an der Prinzessin nahm, konnte ohne Besorgniß die sonderbare Verblendung mit ansehen, die sie zum Sklaven eines herrschsüchtigen und rücksichtslosen Zankteufels machte. Das wußte die Gräfin sehr wohl. In ihren Augen waren die königliche Familie und die Familie Hyde, wie sehr sie auch in anderen Punkten differiren mochten, gegen sie verbündet, und sie verabscheute sie alle, Jakob, Wilhelm und Marien, Clarendon und Rochester. Jetzt war der rechte Augenblick gekommen, um dem seit Jahren aufgesammelten Groll Luft zu machen. Es war nicht genug, für Anna ein großes, ein königliches Einkommen zu erlangen, dieses Einkommen mußte durch Mittel und Wege erlangt werden, welche die von der Favoritin verabscheuten Personen kränkten und demüthigten. Es durfte nicht als ein Zeichen brüderlicher Güte erbeten und angenommen, sondern es mußte in trotzigem Tone gefordert und widerstrebenden Händen mit Gewalt entrissen werden. Ein directes Gesuch wurde weder an den König noch an die Königin gerichtet, aber sie erfuhren mit Erstaunen, daß Lady Marlborough die toryistischen Mitglieder des Parlaments unermüdlich bearbeitete, daß sich eine Prinzessinpartei bilde und daß im Hause der Gemeinen beantragt werden solle, Ihrer Königlichen Hoheit ein von der Krone unabhängiges bedeutendes Einkommen auszusetzen. Marie fragte ihre Schwester, was dieses Verfahren bedeute. „Ich höre,” antwortete Anna, „daß meine Freunde beabsichtigen, mir ein festes Einkommen zu sichern.” Die Königin soll hierauf, schwer verletzt durch einen Ausdruck, mit dem man sagen zu wollen schien, daß sie und ihr Gemahl nicht zu den Freunden ihrer Schwester gehörten, mit ungewohnter Härte entgegnet haben: „Von was für Freunden sprichst Du? hast Du andere Freunde als den König und mich?”[86] Der Gegenstand wurde dann zwischen den beiden Schwestern nie wieder erwähnt. Marie sah wahrscheinlich ein, daß sie einen Mißgriff gethan, indem sie sich an eine Person gewendet, die nur ein passives Werkzeug in den Händen Anderer war. Es wurde ein Versuch gemacht, mit der Gräfin zu unterhandeln. Nachdem einige untergeordnete Agenten ihr umsonst Vorstellungen gemacht hatten, begab sich Shrewsbury zu ihr. Man konnte wohl erwarten, daß seine Intervention den gewünschten Erfolg haben werde, denn wenn man der damaligen chronique scandaleuse glauben darf, so hatte er hoch, nur zu hoch in ihrer Gunst gestanden.[87] Er war vom Könige ermächtigt, der Prinzessin zu versprechen, daß, wenn sie davon abstehen wolle, das Haus der Gemeinen um Unterstützung ihrer Sache anzugehen, ihr Einkommen von dreißigtausend auf funfzigtausend Pfund erhöht werden solle. Die Gräfin schlug dieses Anerbieten rund ab. Sie war schamlos genug, die Andeutung fallen zu lassen, daß das Wort des Königs keine genügende Sicherheit biete. „Ich bin fest überzeugt,” sagte Shrewsbury, „daß Seine Majestät seine Verpflichtungen pünktlich erfüllen wird. Thut er dies nicht, so will ich ihm keine Stunde länger dienen.” — „Das würde Ihnen zu großer Ehre gereichen, für die Prinzessin aber ist es ein sehr armseliger Trost,” entgegnete das hartnäckige Weib. Nachdem Shrewsbury sich vergebens bemüht hatte, die Dienerin zu bewegen, erlangte er endlich eine Audienz bei der Gebieterin. Anna sagte ihm mit Worten, die ihr wahrscheinlich von ihrer Freundin Sara in den Mund gelegt waren, die Sache sei bereits zu weit gediehen, als daß sie rückgängig gemacht werden könnte, und müsse der Entscheidung der Gemeinen überlassen bleiben.[88]
Das Wahre an der Sache war, daß die Einbläser der Prinzessin vom Parlamente eine viel größere Summe als die vom König angebotene zu erlangen hofften. Sie wollten nur mit siebzigtausend Pfund zufrieden sein. Doch sie gingen zu weit in ihrer Geldgier. Das Haus der Gemeinen schien zwar geneigt, Ihre Königliche Hoheit zu befriedigen; als aber ihre allzu eifrigen Freunde die Summe zu nennen wagten, die sie bewilligt zu sehen wünschten, erhob sich lautes Murren. Siebzigtausend Pfund jährlich zu einer Zeit, wo die nothwendigen Ausgaben des Staats sich täglich mehrten, wo der Ertrag der Zölle sich täglich verminderte, wo jeder Gutsherr und jeder Pächter den Aufwand für seine Tafel und seinen Keller beschränkte! Die allgemeine Ansicht des Hauses war, daß die Summe, die der König, wie man wußte, zu bewilligen geneigt war, vollkommen hinreichend sei.[89] Endlich wurde von beiden Seiten etwas zugestanden. Die Prinzessin mußte sich mit funfzigtausend Pfund jährlich begnügen und Wilhelm willigte darein, daß ihr diese Summe durch eine Parlamentsacte gesichert werde. Sie belohnte die Dienste der Lady Marlborough mit einem Jahrgelde von tausend Pfund;[90] doch ist dies aller Wahrscheinlichkeit nach nur ein sehr kleiner Theil dessen, was die Churchill bei diesem Geschäft verdienten.
Nachdem diese Angelegenheit geordnet war, lebten die beiden königlichen Schwestern viele Monate hindurch auf einem artigen und sogar anscheinend freundschaftlichen Fuße. Marie aber empfand, obwohl sie gegen Anna keinen Groll gehegt zu haben scheint, unzweifelhaft gegen Lady Marlborough einen so starken Haß, wie ihn ein sanftes Gemüth überhaupt zu fühlen vermag. Marlborough hatte einen großen Theil der Zeit, während der seine Gattin die Tories bearbeitet, im Auslande zugebracht, und war, obgleich er unzweifelhaft im Einvernehmen mit ihr gehandelt, doch wie immer mit Mäßigung und Anstand zu Werke gegangen. Er erhielt daher nach wie vor von Wilhelm mancherlei Gunstbezeigungen, die von keiner Mißfallensäußerung begleitet waren.
In der Debatte über die Feststellung des Einkommens trat der Unterschied zwischen Whigs und Tories nicht sehr auffallend hervor. In der That, wenn die beiden Parteien in irgend etwas übereinstimmten, so war es darin, daß sie es für zweckmäßig hielten, die Zölle der Krone auf nicht mehr als vier Jahre zu bewilligen. Aber es gab andere Fragen, welche die alte Feindschaft in aller Stärke wieder hervorriefen. Die Whigs bildeten jetzt die Minorität, aber eine durch ihre Anzahl furchtbare und durch ihre Talente noch furchtbarere Minorität. Sie führten den parlamentarischen Krieg mit nicht geringerer Erbitterung, als da sie die Majorität bildeten, aber noch etwas geschickter. Sie stellten mehrere Anträge, die ein Hochkirchlicher nicht wohl unterstützen, denen aber ein Diener Wilhelm’s und Marien’s nicht wohl opponiren konnte. Der Tory, der für diese Anträge stimmte, lief große Gefahr von den starrsinnigen Cavalieren seiner Grafschaft als ein Abtrünniger bezeichnet zu werden; der Tory, der gegen dieselben stimmte, lief große Gefahr in Kensington unfreundlich empfangen zu werden.
Bill, welche die Acte des vorhergehenden Parlaments für gültig erklärte.
Augenscheinlich in Verfolgung dieser Politik legten die Whigs auf den Tisch der Lords eine Bill nieder, welche alle durch das vorige Parlament erlassenen Gesetze für gültig erklärte. Diese Bill war nicht sobald gelesen, als auch die Polemik des vergangenen Frühjahrs sich erneuerte. Die Whigs hatten bei dieser Gelegenheit fast alle diejenigen Cavaliere zu Bundesgenossen, welche mit der Regierung in Connection standen. Die strengen Tories, mit Nottingham an der Spitze, erklärten sich bereit zu verordnen, daß jedes im Jahre 1689 erlassene Gesetz dieselbe Kraft haben solle, die es gehabt haben würde, wenn es von einem in regelmäßiger Weise einberufenen Parlamente erlassen worden wäre; nichts aber würde sie bewegen anzuerkennen, daß eine ohne Autorität des großen Siegels zusammengetretene Versammlung von Lords und Gentlemen verfassunggemäß ein Parlament sei. Wenige Fragen scheinen stärkere Leidenschaften erregt zu haben, als die in praktischer Beziehung ganz unwichtige Frage, ob die Bill declaratorisch sein sollte oder nicht. Nottingham, stets rechtschaffen und ehrenwerth, aber ein Bigotter und Formalist, war in diesem Punkte ganz besonders obstinat und unbeugsam. Bei einer Debatte verlor er seine Selbstbeherrschung, setzte die Schicklichkeit aus den Augen, die er sonst streng zu beobachten pflegte, und wäre bei einem Haare unter Aufsicht des schwarzen Stabes gestellt worden.[91] Nach langem Kampfe behaupteten die Whigs mit einer Majorität von sieben Stimmen das Feld.[92] Viele Peers unterzeichneten einen von Nottingham entworfenen energischen Protest. In diesem Protest war die Bill, welche in der That der sprachlichen Kritik Blößen darbot, unhöflicherweise als weder in gutem Englisch noch in verständlichem Style abgefaßt bezeichnet. Die Majorität faßte den Beschluß, daß der Protest gestrichen werden solle, und gegen diesen Beschluß protestirten Nottingham und seine Anhänger abermals.[93] Dem Könige mißfiel die Hartnäckigkeit seines Staatssekretärs, sie mißfiel ihm so sehr, daß Nottingham erklärte, er gedenke die Siegel abzugeben; doch der Streit wurde bald geschlichtet. Wilhelm war zu einsichtsvoll, als daß er den Werth eines redlichen Mannes in einem unredlichen Zeitalter nicht zu schätzen gewußt hätte, denn gerade die Gewissenhaftigkeit, welche Nottingham zum Widerspenstigen machte, war eine Gewähr dafür, daß er nie ein Verräther werden würde.[94]
Die Bill kam ins Unterhaus und man erwartete mit Gewißheit, daß der Kampf dort lang und heftig sein würde; aber eine einzige Rede brachte die Sache ins Reine. Somers setzte mit einer logischen Schärfe und Beredtsamkeit, über welche selbst ein Auditorium erstaunte, das gewohnt war, ihn mit Vergnügen anzuhören, die Ungereimtheit des von den Hochtories festgehaltenen Prinzips auseinander. „Wenn die Convention,” — so argumentirte er, — „kein Parlament war, wie können wir ein Parlament sein? Eine Verordnung Elisabeth’s bestimmt, daß Niemand in diesem Hause Sitz und Stimme haben solle, bis er den alten Suprematseid geleistet habe. Nicht Einer von uns hat diesen Eid geleistet. Anstatt dessen haben wir Alle den neuen Eid geleistet, den das vorige Parlament an die Stelle des alten gesetzt hat. Es ist sonach ein Widerspruch, wenn man sagt, daß die Acte des vorigen Parlaments jetzt nicht mehr gültig seien, und gleichwohl von uns verlangt, daß wir ihre fortdauernde Gültigkeit dekretiren sollen. Denn entweder sind sie schon gültig, oder wir können sie nicht gültig machen.” Dieses Raisonnement, das in der That so unwiderleglich war wie das des Euklid, machte der Debatte sehr bald ein Ende. Die Bill wurde von den Gemeinen achtundvierzig Stunden nach ihrer ersten Lesung angenommen.[95]
Debatten über die Veränderungen bei den Milizen.
Dies war der einzige Sieg, den die Whigs während der ganzen Session errangen. Im Unterhause beschwerten sie sich laut über die Veränderung, welche in der militärischen Verwaltung der City vorgenommen worden war. Die Tories, sich ihrer Stärke bewußt und durch Rachedurst erhitzt, weigerten sich nicht allein, das Geschehene zu tadeln, sondern beschlossen sogar, dem Könige öffentlich und feierlich dafür zu danken, daß er so viele Schismatiker entfernt und so viele Mitglieder der Staatskirche an deren Stelle gesetzt habe. Clarges, Mitglied für Westminster, der als Freund Caermarthen’s bekannt war, beantragte eine Dankadresse. „Die Veränderungen, welche in der City vorgenommen worden sind,” sagte Clarges, „beweisen die warme Fürsorge Sr. Majestät für uns. Ich hoffe er wird in allen Grafschaften des Landes ähnliche Veränderungen vornehmen.” Die Minorität wehrte sich tapfer. „Wollen Sie dem Könige dafür danken,” sagte sie, „daß er das Schwert seinen gefährlichsten Feinden in die Hand giebt? Einige von Denen, die man ihm gerathen hat mit einem militärischen Commando zu betrauen, haben sich noch nicht einmal entschließen können, ihm Treue zu schwören. Andere waren zu einer schlimmen Zeit als zuverlässige Geschworene bekannt, die gewiß waren, einen Exclusionisten auf jeden Beweis oder auch auf gar keinen Beweis hin schuldig zu finden.” Auch unterließen die whiggistischen Redner nicht, solche Themata zur Sprache zu bringen, über welche alle Parteien in der Stunde der Gefahr mit Beredtsamkeit sprechen, die aber jede in der Stunde des Glücks nur zu bereit ist leicht zu nehmen. „Fassen wir nicht einen Beschluß,” sagten sie, „welcher einen Tadel gegen einen großen Theil unserer Landsleute enthält, die gute Unterthanen und gute Protestanten sind. Der König muß das Oberhaupt seines ganzen Volkes sein. Machen wir ihn nicht zum Oberhaupte einer Partei.” Das war eine ganz vortreffliche Doctrin; nur klang sie sonderbar im Munde von Männern, die sich wenige Wochen früher der Indemnitätsbill widersetzt und für die Sacheverell’sche Klausel gestimmt hatten. Die Adresse wurde mit hundertfünfundachtzig gegen hundertsechsunddreißig Stimmen angenommen.[96]
Abschwörungsbill.
Sobald die Zahlen verkündet waren, stellten die Whigs im Aerger über ihre Niederlage einen Antrag, der die toryistischen Staatsdiener in nicht geringe Verlegenheit setzte. Der Huldigungseid, sagten die Whigs, sei in viel zu laxen Ausdrücken abgefaßt. Er halte wohl einige wenige ehrenwerthe Jakobiten, die viel zu unbedeutend seien, um schädlich werden zu können, von öffentlichen Aemtern fern, vermöge aber durchaus nicht, die biegsamen und glatten Gewissen schlauer Priester zu binden, die sich zwar stellten, als ob sie die Jesuiten verabscheuten, es aber in der unmoralischen Casuistik, welche den schlimmsten Theil des Jesuitismus bilde, sehr weit gebracht hätten. Einige angesehene Geistliche hätten öffentlich ausgesprochen, andere sogar es zu schreiben gewagt, daß sie Wilhelm in einem ganz andren Sinne Treue geschworen hätten als Jakob. Jakob hätten sie die ganze Treue geschworen, die ein loyaler Unterthan einem rechtmäßigen Souverain schuldet; als sie aber versprochen, Wilhelm zu gehorchen, hätten sie nur gemeint, daß sie, so lange es in seiner Macht liege, sie wegen Rebellirens und Conspirirens gegen ihn aufhängen zu lassen, sich nicht der Gefahr aussetzen würden, gehängt zu werden. Niemand dürfe sich darüber wundern, daß die Vorschriften und das Beispiel der mißvergnügten Geistlichen die mißvergnügten Laien verdorben habe. Wenn Domherren und Rectoren sich nicht schämten zu gestehen, daß sie das Neue Testament mit zweideutigen Gedanken geküßt, dürfe man schwerlich erwarten, daß Advokaten und Steuereinnehmer gewissenhafter sein würden. Die Folge davon sei, daß es in jedem Verwaltungszweige von Verräthern wimmele, daß Männer, die das Brot des Königs äßen, Männer, denen die Eintreibung und Abführung seiner Revenuen, die Verproviantirung seiner Schiffe, die Bekleidung seiner Soldaten, die Ausrüstung seiner Artillerie für den Felddienst anvertraut sei, ihn einen Usurpator zu nennen und auf seinen baldigen Sturz zu trinken pflegten. Könne wohl eine Regierung sicher sein, die von ihren eigenen Dienern gehaßt und betrogen würde? Und sei nicht die englische Regierung Gefahren ausgesetzt, die ernste Besorgnisse erwecken müßten, selbst wenn alle ihre Diener treu wären? Eine angefochtene Thronfolge, Krieg mit Frankreich, Krieg in Schottland, Krieg in Irland, sei dies Alles nicht schon genug, auch ohne Verrath in jedem Arsenale und in jedem Zollhause? Es bedürfe eines Eides, der in zu bestimmte Ausdrücke gefaßt sei, um hinwegerklärt werden zu können, in Ausdrücken, die kein Jakobit nachsprechen könne, ohne sich eines Meineids bewußt zu sein. Wenn auch die Eiferer für das unveräußerliche erbliche Recht im allgemeinen kein Bedenken trügen, Wilhelm Treue zu schwören, so würden sie doch wahrscheinlich nicht Lust haben, Jakob abzuschwören. Auf diese Gründe hin wurde eine Abschwörungsbill von äußerster Strenge im Hause der Gemeinen eingebracht. Es wurde beantragt, zu verordnen, daß Jeder, der ein bürgerliches, militärisches oder geistliches Amt bekleide, bei Strafe der Entlassung den verbannten König feierlich abschwören solle, daß jeder Friedensrichter den Abschwörungseid von jedem Unterthan verlangen könne und daß, wenn derselbe verweigert würde, der Widerspenstige ins Gefängniß geworfen werden und so lange darin bleiben solle, bis sein Starrsinn gebrochen sei.
Die Härte dieser letzten Bestimmung wurde allgemein und mit vollem Rechte getadelt. Jeden unwissenden, dienstfertigen Magistratsbeamten in einen Staatsinquisitor zu verwandeln, darauf zu bestehen, daß ein schlichter Mann, der ruhig und in Frieden lebte, der den Gesetzen gehorchte, der seine Abgaben bezahlte, der nie ein öffentliches Amt bekleidet und keine Aussicht hatte, jemals ein solches zu bekleiden, der sich nie über Probleme der Staatswissenschaft den Kopf zerbrochen hatte, unter eidlicher Bekräftigung eine bestimmte Ansicht über einen Gegenstand abgeben sollte, über den die gelehrtesten Doctoren des Jahrhunderts ganze Bibliotheken polemischer Werke geschrieben hatten, und ihn in einem Kerker verfaulen zu lassen, wenn er sich nicht entschließen konnte zu schwören: dies wäre gewiß der höchste Grad von Tyrannei gewesen. Die Klausel welche von den öffentlichen Beamten verlangte, den entthronten König abzuschwören, war nicht den nämlichen Einwendungen ausgesetzt. Doch auch gegen diese Klausel wurden einige gewichtige Argumente geltend gemacht. Wer, sagte man, einen rechtschaffenen Character und einen gesunden Verstand hat, ist durch den jetzigen Eid hinreichend gebunden. Indem ein solcher Mann dem Könige Wilhelm Treue und Gehorsam schwört, schwört er selbstverständlich König Jakob ab. Es mag allerdings unter den Dienern des Staats und selbst unter den Dienern der Kirche einige geben, die weder Ehrgefühl noch Religion haben und welche bereit sind, für Geld meineidig zu werden. Es mag Andere geben, welche die verderbliche Gewohnheit haben, die heiligsten Pflichten der Moral wegzuphilosophiren, und die der Ueberzeugung sind, daß sie ohne zu sündigen mit einem stillschweigenden Vorbehalt ein Versprechen geben können, das ohne solchen Vorbehalt sündhaft sein würde. Gegen diese beiden Klassen von Jakobiten gewährt der gegenwärtige Eid allerdings keine Sicherheit. Aber wird der neue Test, wird überhaupt irgend ein Test wirksamer sein? Wird Jemand, der kein Gewissen hat, oder Jemand, dessen Gewissen sich durch unmoralische Sophismen beschwichtigen läßt, Bedenken tragen, jedwede Phrase, die man ihm vorsagt, nachzusprechen? Der erstere wird die Heilige Schrift ohne jeden Gewissensscrupel küssen, und die Scrupel des Andren werden sehr leicht zu heben sein. Heute schwört er dem einen Könige mit einem stillschweigenden Vorbehalt Treue, morgen wird er dem andren Könige mit einem stillschweigenden Vorbehalt Treue schwören. Man hoffe nicht, daß der Scharfsinn der Gesetzgeber jemals einen Eid ersinnen wird, den der Scharfsinn der Casuisten nicht zu umgehen wüßte. Welchen Werth hat überhaupt irgend ein Eid in solchen Dingen? Unter den vielen Lehren, welche die Unruhen der vorigen Generation uns hinterlassen haben, ist keine einleuchtender als die, daß keine noch so genau bestimmte Wortformel, kein noch so feierlicher Schwur jemals eine Regierung vom Untergange gerettet hat noch jemals retten wird. Wurde nicht der Feierliche Bund und Covenant unter dem Hurrahgeschrei vieler Tausende, die ihn selbst unterschrieben, vom Henker verbrannt? Wie viele von den Staatsmännern und Kriegern, welche die Hauptrolle bei der Wiedereinsetzung Karl’s II. spielten, hatten ihn nicht zu wiederholten Malen abgeschworen? Ist es sogar nicht wohlbekannt, daß einige von diesen Männern prahlend versicherten, daß sie ihn nie hätten wiedereinsetzen können, wenn sie ihn nicht abgeschworen hätten?
Die Debatten waren heftig und der Ausgang schien kurze Zeit zweifelhaft, denn einige von den im Amte befindlichen Tories hatten keine Lust, ein Votum abzugeben, das ihnen als ein Zeichen von Lauheit in der Sache des Königs, dem sie dienten, ausgelegt werden konnte. Wilhelm erklärte jedoch, daß er nicht wünsche, seinen Unterthanen einen neuen Eid aufzudringen. Einige Worte aus seinem Munde entschieden den Ausgang des Kampfes. Die Bill wurde sechsunddreißig Stunden nachdem sie eingebracht worden, mit hundertzweiundneunzig gegen hundertfünfundsechzig Stimmen verworfen.[97]
Selbst nach dieser Niederlage kehrten die Whigs hartnäckig zum Angriffe zurück. Da sie in dem einen Hause geschlagen worden waren, erneuerten sie den Kampf in dem andren. Fünf Tage nach Verwerfung der Abschwörungsbill bei den Gemeinen, wurde eine andre, etwas mildere, aber immer noch sehr harte Abschwörungsbill auf den Tisch der Lords gelegt.[98] Der nunmehrige Vorschlag ging dahin, daß Niemand in einem der beiden Parlamentshäuser Sitz und Stimme haben noch ein bürgerliches, militärisches oder richterliches Amt bekleiden solle, der nicht die Erklärung abgebe, Wilhelm und Marien gegen Jakob und seine Anhänger beizustehen. Jeder männliche Bewohner des Königreichs, der das sechzehnte Lebensjahr erreicht hatte, sollte bis zu einem bestimmten Tage die nämliche Erklärung abgeben, that er es nicht, so sollte er doppelte Steuern bezahlen und des Wahlrechts verlustig gehen.
An dem zur zweiten Lesung festgesetzten Tage kam der König ins Haus der Peers. Er gab seine formelle Zustimmung zu mehreren Gesetzen, legte seinen Königsmantel ab, ließ sich auf einen für ihn bereit gestellten Sessel nieder und hörte der Debatte mit großer Aufmerksamkeit zu. Zum allgemeinen Erstaunen sprachen zwei Cavaliere, die sich durch ihren Eifer für die Revolution ausgezeichnet hatten, gegen den vorgeschlagenen Huldigungseid. Lord Wharton, ein Puritaner, der für das Lange Parlament gefochten, sagte mit ergötzlicher Naivität, er sei ein sehr alter Mann, habe viel unruhige Zeiten durchlebt, habe seiner Zeit eine große Menge Eide geleistet und fürchte sehr, daß er sie nicht alle gehalten habe. Er bat den Himmel, daß ihm dies nicht als Sünde angerechnet werden möchte, und erklärte, daß er sich nicht dazu verstehen könne, seiner eignen Seele wie den Seelen seiner Nächsten noch mehr Schlingen zu legen. Der Earl von Macclesfield, der Anführer der englischen Freiwilligen, welche Wilhelm von Helvoetluys nach Torbay begleitet hatten, erklärte, daß er sich ganz in dem nämlichen Falle befinde wie Lord Wharton. Marlborough unterstützte die Bill und sagte, er wundre sich, daß Macclesfield, der eine so hervorragende Rolle bei der Revolution gespielt habe, dagegen sei. Gereizt durch die Beschuldigung der Inconsequenz, erwiederte Macclesfield mit rücksichtsloser Heftigkeit: „Der edle Earl übertreibt die Bedeutsamkeit der Rolle, die ich bei der Befreiung unsres Vaterlandes gespielt habe. Ich war allerdings bereit und werde stets bereit sein, zur Vertheidigung der Gesetze und Freiheiten desselben mein Leben zu wagen. Aber es giebt Grenzen, über die ich, selbst um seiner Gesetze und Freiheiten willen, nie hinausgehen könnte. Ich lehnte mich nur gegen einen schlechten König auf: ich kenne Leute, die weit mehr thaten.” Obwohl Marlborough nicht leicht aus der Fassung zu bringen war, die Spitze dieses Sarkasmus mußte er nothwendig fühlen. Wilhelm sah ungehalten aus und die Stimmung des ganzen Hauses war verdüstert. Mit einundfunfzig gegen vierzig Stimmen wurde beschlossen, die Bill an den Ausschuß zu verweisen, und sie kam auch wirklich in den Ausschuß, allein es wurde kein Bericht darüber erstattet. Nach vielen harten Kämpfen zwischen den Whigs unter Leitung Shrewsbury’s und den Tories unter Leitung Caermarthen’s war sie so verstümmelt, daß wenig mehr als der Name von ihr übrig blieb und daß Die, welche sie eingebracht hatten, sie eines weiteren Streites nicht für werth hielten.[99]
Begnadigungsacte.
Die Niederlage der Whigs wurde durch eine Mittheilung von Seiten des Königs vervollständigt. Caermarthen erschien im Hause der Lords mit einem von Wilhelm unterzeichneten Pergament in der Hand. Es war eine Begnadigungsacte für politische Vergehen.
Eine vom Souverain ausgehende Begnadigungsacte und eine von den Ständen des Reichs ausgehende Indemnitätsacte unterscheiden sich in einigen wesentlichen Punkten von einander. Eine Indemnitätsacte geht durch alle Stadien, die andere Gesetze durchlaufen müssen und kann auf diesem Wege von beiden Häusern abgeändert werden. Eine Begnadigungsacte wird mit besonderer Ehrerbietung aufgenommen, wird nur einmal bei den Lords und einmal bei den Gemeinen gelesen und muß entweder ganz verworfen oder so wie sie ist angenommen werden.[100] Dem vorigen Parlamente hatte Wilhelm eine solche Acte nicht vorzulegen gewagt. In dem neuen Parlamente aber war er der Majorität gewiß und die Minorität gab keinen Grund zu Besorgnissen. Der Starrsinn, der zwei Sessionen hindurch den Fortschritt der Indemnitätsbill gehemmt hatte, war endlich durch Niederlagen und Demüthigungen gebrochen. Beide Häuser hörten die Lesung der Begnadigungsacte stehend und entblößten Hauptes an und genehmigten sie ohne eine einzige dissentirende Stimme.
Diese Einstimmigkeit würde nicht stattgefunden haben, wären nicht einige große Verbrecher von der Amnestie ausgeschlossen gewesen. Unter diesen standen in erster Reihe die noch lebenden Mitglieder des hohen Gerichtshofes, der Karl I. verurtheilt hatte. Ihnen reihten sich die beiden namenlosen Scharfrichter an, welche mit maskirten Gesichtern auf dem Schaffot vor dem Bankethause ihr Henkeramt verrichtet. Niemand wußte wer und welchen Standes sie waren. Vielleicht lebten sie schon längst nicht mehr. Dennoch hielt man es für nothwendig zu erklären, daß, wenn sie jetzt, nach einem Zeitraum von einundvierzig Jahren entdeckt würden, sie noch immer der Strafe für ihr großes Verbrechen unterliegen sollten. Vielleicht würde es kaum nöthig gewesen sein, diese Männer zu erwähnen, wären nicht durch das kürzliche Erscheinen Ludlow’s in England die Animositäten der vorhergehenden Generation wieder angefacht worden. Außerdem wurden etwa dreißig von den Werkzeugen der Tyrannei Jakob’s dem Gesetz überlassen. Mit diesen wenigen Ausnahmen wurden alle bis zu dem Tage, an welchem der Acte die königliche Namensunterschrift beigefügt worden, mit dem Mangel der Vergessenheit bedeckt.[101] Selbst diejenigen Verbrecher, welche mit Namen ausgenommen waren, hatten wenig zu fürchten. Viele von ihnen lebten im Auslande, und die in England befindlichen waren überzeugt, daß man sie nicht behelligen würde, wenn sie sich keines neuen Vergehens schuldig machten.
Die Begnadigungsacte verdankte die Nation Wilhelm allein und sie ist einer seiner reinsten und edelsten Ruhmestitel. Vom Beginn der bürgerlichen Unruhen des 17. Jahrhunderts bis zur Revolution war auf jeden von der einen oder der andren Partei gewonnenen Sieg eine blutige Proscription gefolgt. Als die Rundköpfe über die Cavaliere siegten, als die Cavaliere über die Rundköpfe siegten, als die Fabel von der papistischen Verschwörung den Whigs das Uebergewicht gab, als die Entdeckung des Ryehousecomplots das Uebergewicht den Tories zurückgab, war Blut, wieder Blut und immer wieder Blut geflossen. Jeder große Ausbruch und jeder große Umschwung des Volksgeistes war von strengen Maßregeln begleitet gewesen, denen die herrschende Partei seiner Zeit lauten Beifall zollte, welche aber die Geschichte und die Nachwelt bei ruhiger Betrachtung gemißbilligt haben. Kein einsichtsvoller und humaner Mann, welcher politischen Meinung er auch huldigen mag, spricht jetzt ohne Tadel von dem Tode Laud’s oder Vane’s, Stafford’s oder Russell’s. Von den wechselseitigen Schlächtereien ist die letzte und schlimmste die, welche untrennbar mit den Namen Jakob und Jeffreys verbunden ist. Sie würde aber sicherlich nicht die letzte, und vielleicht auch nicht die schlimmste gewesen sein, hätte Wilhelm nicht soviel Tugend und Festigkeit besessen, dem Drängen seiner eifrigsten Anhänger entschieden zu widerstehen. Diese Männer wollten für Alles was sie während sieben unheilvoller Jahre erduldet hatten, furchtbare Wiedervergeltung üben. Das Schaffot Sidney’s, der Galgen Cornish’s, der Scheiterhaufen, auf welchem Elisabeth Gaunt in den Flammen umgekommen war, weil sie einen Flüchtling beherbergt, die Portale der Kirchen von Somersetshire, über denen die Köpfe und Gliedmaßen ermordeter Landleute ausgesteckt waren, die Kielräume der Jamaikaschiffe, aus denen jeden Tag der Leichnam eines vor Durst und verdorbener Luft umgekommenen Gefangenen den Haifischen vorgeworfen worden war: dies Alles war bei der Partei, welche der Revolution auf einige Zeit die Herrschaft im Staate verschafft hatte, noch in frischem Andenken. Einige Oberhäupter dieser Partei hatten ihr Leben durch hohe Lösegelder erkauft; Andere hatten lange in Newgate geschmachtet; noch Andere hatten Winter auf Winter in den Mansarden von Amsterdam gedarbt und gefroren. Es war ganz natürlich, daß sie zur Zeit ihrer Macht und ihres Glücks einen Theil der ertragenen Leiden ihren Feinden zurückzugeben wünschten. Ein ganzes Jahr lang verfolgten sie ihren Racheplan. Es gelang ihnen, eine Indemnitätsbill nach der andren zu Schanden zu machen, und nichts stand zwischen ihnen und ihren Opfern als Wilhelm’s unerschütterlicher Entschluß, daß der Ruhm der großen Befreiung, die er bewerkstelligt, nicht durch Grausamkeiten befleckt werde. Seine Milde war eine nur ihm eigene. Es war nicht die Milde eines damit Prahlenden, oder eines Sentimentalen, oder eines Sanftmüthigen. Sie war kalt, schroff, unbeugsam. Sie brachte keine schönen theatralischen Effecte hervor, sie zog ihm heftige Schmähungen von Seiten Derjenigen zu, deren böswillige Leidenschaften er nicht befriedigen wollte, und trug ihm keinen Dank von Seiten Derer ein, die ihm Vermögen, Freiheit und Leben verdankten. Während die heftigen Whigs über seine Nachsicht spöttelten, machten ihm die Agenten der gestürzten Regierung, sobald sie ihre Stellungen gesichert sahen, anstatt ihre Verpflichtungen gegen ihn anzuerkennen, in beleidigender Sprache Vorwürfe wegen der Milde, die er auf sie ausgedehnt hatte. Seine Begnadigungsacte, sagten sie, habe seine Erklärung vollständig widerlegt. Könne man wohl glauben, daß er, wenn an den Beschuldigungen, die er gegen die vorige Regierung erhoben, etwas Wahres sei, den Schuldigen Straflosigkeit gewährt haben würde? Er selbst gestehe jetzt mit seiner eigenhändigen Unterschrift ein, daß die Geschichten, durch welche er und seine Freunde die Nation getäuscht und die königliche Familie vertrieben hätten, bloße Verleumdungen seien, die er zur Erreichung seines Zweckes ersonnen. Jetzt, nachdem dieser Zweck erreicht sei, würden die Beschuldigungen, durch die er den Volksgeist bis zum Wahnsinn erhitzt habe, kalt zurückgenommen.[102] Doch er ließ sich durch nichts von dem Allen irre machen. Er hatte wohl gethan. Er hatte seine Popularität bei Leuten, die seine wärmsten Verehrer gewesen waren, aufs Spiel gesetzt, um Leuten, die seinen Namen nie anders als mit einer Verwünschung nannten, Ruhe und Sicherheit zu verschaffen, und hatte Denen, die er beschützt, keine geringere Wohlthat erwiesen als Denen, die er um ihre Rache gebracht. Die eine Partei hatte er vor einer Proscription, die andre vor einer Reaction bewahrt, die eine solche Proscription unvermeidlich erzeugt haben würde. Schlimm genug für sein Volk, wenn es seine Politik nicht gebührend würdigte. Er hatte seine Pflicht gegen dasselbe erfüllt, und er scheute weder Tadel, noch verlangte er Dank.
Das Parlament prorogirt.
Am 20. Mai wurde die Begnadigungsacte angenommen. Der König kündigte hierauf den beiden Häusern an, daß er seine Reise nach Irland nicht länger aufschieben könne, daß er daher beschlossen habe, sie zu prorogiren, und daß, wenn nicht ein unerwartetes Ereigniß ihm ihren Rath und Beistand nöthig machte, er sie bis zum nächsten Winter nicht von ihren Wohnsitzen zurückrufen würde. „Dann,” sagte er, „hoffe ich, so Gott will, auf ein glückliches Wiedersehen.”
Das Parlament hatte eine Acte erlassen, welche bestimmte daß, sobald er England verließe, Marie berechtigt sein sollte, die Regierung des Königreichs in seinem und ihrem Namen zu verwalten. Nichtsdestoweniger aber sollte er während seiner Abwesenheit seine ganze Autorität behalten. Es wurden gegen diese Anordnung einige Einwendungen erhoben. In diesem Falle, sagte man, gebe es also zwei oberste Gewalten im Staate; ein öffentlicher Beamter könne vom König und der Königin einander direct widerstreitende Befehle erhalten und nicht wissen, welchen er nachkommen solle. Der Einwurf war ohne allen Zweifel theoretisch wohl begründet; allein es bestand ein so vollkommenes Vertrauen und eine so innige Zuneigung zwischen dem königlichen Paare, daß ein praktischer Nachtheil nicht zu befürchten war.[103]
Rüstungen für den ersten Krieg.
In Bezug auf Irland waren die Aussichten Wilhelm’s jetzt viel erfreulicher, als sie es einige Monate früher gewesen. Die Thätigkeit, mit der er die Rüstungen für den nächsten Feldzug persönlich betrieben, hatte Außerordentliches bewirkt. Die Nerven der Regierung waren neu gestählt, in jedem Zweige der Militärverwaltung war der Einfluß eines energischen Geistes zu erkennen. Reiche Vorräthe von Lebensmitteln, Bekleidungsstücken und Arzeneien von ganz andrer Qualität als die, welche Shales geliefert hatte, wurden über den St. Georgskanal geschickt. Tausend Bagagewagen waren mit großer Eil angefertigt oder herbeigeschafft worden, und einige Wochen lang war die Straße zwischen London und Chester mit denselben bedeckt. Massen von Rekruten wurden abgesandt, um die Lücken auszufüllen, welche Krankheit in die englischen Reihen geschlagen hatte; frische Regimenter aus Schottland, Cheshire, Lancashire und Cumberland wurden in der Bai von Belfast ausgeschifft, und die Uniformen und Waffen der Neuankommenden verriethen deutlich den mächtigen Einfluß des Auges des Gebieters. Zugleich mit den britischen Bataillonen trafen auch mehrere kühne Schaaren deutscher und skandinavischer Söldlinge ein, und so belief sich vor Ende Mai die in Ulster versammelte englische Streitmacht auf dreißigtausend kampffähige Männer. Eine weitere kleine Anzahl Truppen und eine ungeheuere Masse von Kriegsvorräthen befanden sich an Bord einer Flotte, welche in der Mündung des Dee lag und bereit war die Anker zu lichten, sobald der König sich eingeschifft haben würde.[104]
Jakob’s Verwaltung in Dublin.
Jakob hätte die Zeit, während seine Truppen in ihren Winterquartieren lagen, eben so gut anwenden sollen. Strenge Disciplin und regelmäßige Waffenübungen hätten die athletischen und begeisterten Landleute, die unter seinem Banner versammelt waren, in gute Soldaten verwandeln können. Aber man ließ die Gelegenheit unbenutzt vorübergehen. Der Hof von Dublin beschäftigte sich während dieser Zeit der Unthätigkeit mit Spiel und Wein, mit Liebesbriefen und Herausforderungen. Die Hauptstadt gewährte zwar keinen sehr glänzenden Anblick, denn die Gesammtzahl der Equipagen, welche daselbst aufgebracht werden konnten, die des Königs und der französischen Gesandtschaft mit eingerechnet, betrug keine vierzig.[105] Aber trotz des geringen Glanzes herrschte doch große Ausschweifung. Ernste Katholiken schüttelten die Köpfe und sagten, das Schloß sehe nicht aus wie der Palast eines Königs, der sich rühme der Vorkämpfer einer Kirche zu sein.[106] Die militärische Verwaltung war noch eben so traurig bestellt als je. Die Cavallerie wurde zwar durch die Bemühungen einiger tapferer Offiziere auf einer hohen Stufe der Tüchtigkeit erhalten; aber ein Infanterieregiment unterschied sich durch nichts als den Namen von einer starken Bande Rapparees. Ja, eine Bande Rapparees belästigte sogar die friedlichen Bürger weniger und fügte dem Feinde mehr Schaden zu als ein Regiment Infanterie. Avaux schilderte in einer Denkschrift, die er Jakob überreichte, mit nachdrücklichen Worten die Mißbräuche, welche das irische Fußvolk zu einem Fluche und zu einer Schmach für Irland machten. Ganze Compagnien, sagt der Gesandte, verlassen auf dem Marsche ihre Fahnen und machen Abstecher nach Rechts und Links, um zu plündern und zu verwüsten; der Soldat sorgt nicht für Instandhaltung seiner Waffen, der Offizier kümmert sich nie darum, ob die Waffen in gutem Stande sind und die Folge davon ist, daß jeder dritte Mann sein Gewehr verloren hat und jeder andre dritte Mann ein Gewehr besitzt, das nicht losgeht. Avaux beschwor den König, das Maraudiren zu verbieten, anzubefehlen, daß die Truppen regelmäßig exercirt würden und jeden Offizier zu bestrafen, der es duldete, daß seine Leute ihre Waffen und Monturen vernachlässigten. Wenn dies geschehe, dürfe Se. Majestät hoffen, zum bevorstehenden Frühjahr eine Armee zu commandiren, mit der der Feind sich gar nicht werde messen können. Der Rath war ganz gut, Jakob aber so weit entfernt, denselben anzunehmen, daß er ihn kaum geduldig anhören wollte. Noch ehe ihm acht Zeilen vorgelesen waren, gerieth er in Zorn und beschuldigte den Gesandten der Uebertreibung. „Diese Schrift, Sire, ist nicht für die Oeffentlichkeit geschrieben,” sagte Avaux, „sondern nur zur Aufklärung Eurer Majestät, und in einer Schrift, welche den Zweck hat, Eure Majestät aufzuklären, sind Schmeichelei und Beschönigung nicht angewandt. Doch ich will nicht darauf bestehen, etwas vorzulesen, was Ihnen so unangenehm ist.” — „Lesen Sie weiter,” versetzte Jakob ärgerlich, „ich will das Ganze hören.” Er wurde nach und nach ruhiger, nahm die Denkschrift an sich, und versprach einige der darin enthaltenen Winke zu benutzen. Aber sein Versprechen war bald wieder vergessen.[107]
Seine Finanzverwaltung war das genaue Ebenbild seiner Militärverwaltung. Seine einzige fiskalische Hülfsquelle war directe oder indirecte Beraubung. Jeder Protestant, der in irgend einem Theile der drei südlichen Provinzen Irland’s zurückgeblieben war, wurde direct beraubt durch den einfachen und kurzen Prozeß, daß man ihm sein Geld aus dem Kasten, seinen Wein aus dem Keller, sein Brennmaterial vom Hofe und seine Kleider aus der Garderobe nahm. Indirect wurde er durch eine neue Verausgabung von Münzen beraubt, welche kleiner und geringhaltiger waren als irgend welche die bisher das Bildniß und die Legende Jakob’s getragen hatten. Selbst das Kupfergeld begann in Dublin selten zu werden, und man sah sich genöthigt, Ludwig um Unterstützung anzugehen, der seinem Verbündeten großmüthig eine alte geborstene Kanone schenkte, um Kronen und Schillinge daraus prägen zu lassen.[108]
Ein Hülfscorps von Frankreich nach Irland gesandt.
Doch der französische König hatte beschlossen, einen Succurs ganz andrer Art hinüberzuschicken. Er erbot sich vier irische Regimenter in seinen Dienst zu nehmen und durch die beste damals in der Welt bekannte Disciplin ausbilden zu lassen. Sie sollten von Macarthy commandirt werden, der bei Newton Butler schwer verwundet und gefangen genommen worden war. Er war von seinen Wunden genesen und hatte durch Wortbruch seine Freiheit wieder erlangt. Diesen schimpflichen Wortbruch hatte er durch erbärmliche Winkelzüge und sophistische Entschuldigungen, die einem Jesuiten besser angestanden haben würden als einem Edelmann und Soldaten, noch schimpflicher gemacht. Ludwig wollte es sich gefallen lassen, daß ihm die Leute in Lumpen gehüllt und unbewaffnet zugeschickt würden, nur bestand er darauf, daß die Gemeinen kräftige Burschen und die Offiziere keine bankerottirten Kaufleute und fortgejagte Lakaien, sondern womöglich Leute von guter Familie wären, die Pulver gerochen hätten. Für diese Truppen, deren Zahl sich auf nicht ganz viertausend Mann belief, verpflichtete er sich, zwischen sieben- und achttausend vortreffliche französische Infanteristen nach Irland zu schicken, welche in einer Schlacht voraussichtlich von größerem Nutzen sein würden, als sämmtliche Kernes von Leinster, Munster und Connaught zusammengenommen.[109]
Einen großen Fehler beging er dabei. Die Armee, die er Jakob zur Unterstützung sandte, war zwar klein im Vergleich zu der Armee in Flandern oder zu der Rheinarmee, aber sie war zu einem Dienste bestimmt, von welchem das Schicksal Europa’s abhängen konnte, und hätte daher von einem ausgezeichneten General befehligt werden sollen. Es fehlte in Frankreich nicht an solchen Generälen; aber Jakob und seine Königin baten dringend um Lauzun, und sie setzten seine Ernennung durch, trotz Avaux’ energischer Gegenvorstellungen, trotz Louvois’ Rath und trotz Ludwig’s gegentheiliger Meinung.
Als Lauzun sich in Louvois’ Cabinet begab, um seine Instructionen in Empfang zu nehmen, führte der kluge Minister eine Sprache, welche deutlich bewies, wie wenig Vertrauen er in den eitlen und excentrischen fahrenden Ritter setzte. „Lassen Sie Sich um des Himmels willen nicht durch Ihre Kampflust hinreißen. Setzen Sie Ihren ganzen Ruhm darein, die Engländer zu ermüden und vor Allem halten Sie strenge Mannszucht.”[110]
Lauzun’s Ernennung war nicht nur an sich ein Mißgriff, sondern man mußte auch, um einen Mann an einen Posten zu stellen, dem er nicht gewachsen war, zwei andere Männer von Posten entfernen, für die sich beide ganz vorzüglich eigneten. So unmoralisch und hartherzig Rosen und Avaux immer sein mochten, so war doch Rosen ein geschickter Feldherr und Avaux ein gewandter Diplomat. Obwohl es nicht wahrscheinlich ist, daß sie im Stande gewesen wären, Irland’s Schicksal abzuwenden, so würden sie doch wahrscheinlich den Kampf haben in die Länge ziehen können, und daß der Kampf in die Länge gezogen wurde, lag offenbar im Interesse Frankreich’s. Es würde jedoch eine Beleidigung für den greisen General gewesen sein, wenn man ihn unter Lauzun’s Oberbefehl gestellt hätte, und zwischen Lauzun und dem Gesandten bestand eine so heftige Feindschaft, daß ein herzliches Zusammenwirken von ihnen nicht zu erwarten gewesen wäre. Rosen und Avaux wurden daher Beide unter vielen besänftigenden Versicherungen der königlichen Zufriedenheit und Gunst nach Frankreich zurückberufen. Zu Anfang des Frühjahrs segelten sie mit der Flotte, welche Lauzun nach Irland gebracht hatte, von Cork ab.[111] Lauzun war nicht sobald gelandet, als er sich überzeugte, daß nichts zu seinem Empfange vorbereitet war, obgleich man ihn seit längerer Zeit erwartet hatte. Es waren keine Quartiere für seine Leute, keine Magazine zur Aufnahme seiner Vorräthe, keine Pferde, keine Fuhrwerke besorgt.[112] Seine Truppen mußten die Beschwerden eines langen Marsches durch eine Wüste ertragen, ehe sie nach Dublin gelangten. Hier fanden sie allerdings leidliche Verpflegung. Sie erhielten freies Quartier bei Protestanten, hatten reichlich Brot und drei Pence täglich. Lauzun wurde zum Oberbefehlshaber der irischen Armee ernannt und nahm seine Residenz im Schlosse.[113] Sein Gehalt war der nämliche wie der des Vicekönigs, achttausend Jakobus, gleich zehntausend Pfund Sterling jährlich. Diese Summe erbot sich Jakob nicht in Kupfermünze mit seinem Bildniß, sondern in französischem Golde zu bezahlen. Lauzun aber, zu dessen Fehlern die Habsucht nicht gehörte, weigerte sich, seine Kasse aus einem fast leeren Schatze zu füllen.[114]
Auf ihn und die ihn begleitenden Franzosen machten das Elend des irischen Volks und die Verkehrtheit der irischen Regierung einen Eindruck, den sie schwer beschreiben konnten. Lauzun schrieb an Louvois, der Hof und das ganze Land befänden sich in einem Zustande, von welchem sich derjenige, der immer in wohlgeordneten Staaten gelebt habe, keinen Begriff machen könne. Es sei, sagte er, ein Chaos wie das, von dem er im ersten Buche Mosis gelesen habe. Die öffentlichen Beamten thäten weiter nichts, als daß sie sich mit einander stritten und die Regierung und das Volk ausplünderten. Nachdem er etwa einen Monat im Schlosse zugebracht, erklärte er, daß er um Alles in der Welt keinen zweiten solchen Monat durchleben möchte, und seine tüchtigsten Offiziere bestätigten seine Aussage.[115] Einer von ihnen war allerdings so ungerecht, das irische Volk nicht nur als unwissend und träge, was es in der That war, sondern auch als hoffnungslos dumm und gefühllos zu schildern, was es sicherlich nicht war. Die englische Politik, sagte er, habe sie so vollkommen verthiert, daß man sie kaum noch menschliche Geschöpfe nennen könne. Sie seien unempfindlich gegen Lob und Tadel, gegen Versprechungen und Drohungen; und doch sei es schade um sie, denn sie seien in physischer Hinsicht der schönste Menschenschlag in der Welt.[116]
Plan der englischen Jakobiten; Clarendon, Aylesbury, Dartmouth.
Inzwischen hatte Schomberg den Feldzug unter günstigen Auspicien eröffnet. Mit geringer Mühe hatte er Charlemont, die letzte wichtige Festung, welche die Irländer noch in Ulster behaupteten, genommen; aber das große Werk der Wiedereroberung der drei südlichen Provinzen der Insel verschob er bis zu Wilhelm’s Ankunft. Wilhelm beschäftigte sich unterdessen mit den Anordnungen zur Regierung und Vertheidigung England’s während seiner Abwesenheit. Er wußte sehr wohl, daß die Jakobiten auf ihrer Hut waren. Bis vor ganz Kurzem waren sie noch keine zusammenhängende und organisirte Faction gewesen. Es hatte, um Melfort’s Ausdruck zu gebrauchen, zahlreiche Trupps gegeben, welche alle entweder mit Jakob im Dubliner Schlosse, oder mit Marien von Modena in Saint-Germains in Verbindung standen, unter einander aber keine Connection hatten und sich gegenseitig nicht trauten.[117] Seitdem es aber bekannt geworden war, daß der Usurpator über den Kanal zu gehen beabsichtige und daß er sein Scepter in weiblichen Händen zurücklassen wolle, hatten sich diese Trupps eng aneinander angeschlossen und eine ausgedehnte Verbindung zu bilden begonnen. Clarendon, der die Eide verweigert, und Aylesbury, der sie ehrloser Weise geleistet hatte, gehörten zu den Hauptverräthern. Dartmouth war, obgleich er den im Besitz der Macht befindlichen Souverainen Treue geschworen, einer ihrer thätigsten Feinde und er übernahm was man das Marinedepartement des Complots nennen kann. Sein Geist war beständig mit einem englischen Seemann eben nicht zur Ehre gereichenden Plänen zur Zerstörung der englischen Flotten und Arsenale beschäftigt. Er stand in enger Verbindung mit einigen Seeoffizieren, welche der neuen Regierung zwar dienten, aber doch nur ungern und mit halbem Herzen, und er schmeichelte sich, daß er diese Männer durch das Versprechen großer Belohnungen und durch geschicktes Anschüren des neidischen Hasses, mit dem sie die holländische Flagge betrachteten, dazu bewegen werde, zu desertiren und ihre Schiffe in einen französischen oder irländischen Hafen zu bringen.[118]
Penn.
Penn’s Benehmen war kaum minder schändlich. Er war ein eifriger und geschäftiger Jakobit, und seine neue Lebensbahn war der moralischen Reinheit noch ungünstiger, als es die vorige gewesen war. Es war kaum möglich, zu gleicher Zeit ein consequenter Quäker und ein Höfling zu sein; ganz und gar unmöglich aber war es, ein consequenter Quäker und ein Verschwörer zu sein. Es ist schmerzlich es sagen zu müssen, daß Penn, während er selbst den Vertheidigungskrieg für sündhaft zu halten erklärte, doch Alles that was in seiner Macht stand, um eine fremde Armee ins Herz seines eignen Landes zu bringen. Er schrieb Jakob, daß die Anhänger des Prinzen von Oranien nichts so sehr fürchteten als einen Aufruf zu den Waffen, und daß, wenn jetzt von Frankreich oder Irland aus ein Einfall in England unternommen würde, die Zahl der Royalisten sich größer herausstellen werde als sie je gewesen. Avaux hielt diesen Brief für so wichtig, daß er Ludwig eine Abschrift davon einsandte.[119] Diese und ähnliche Mittheilungen, schrieb der schlaue Gesandte, hätten auf die Stimmung König Jakob’s einen guten Eindruck gemacht, Se. Majestät sei endlich überzeugt, daß er seine Lande nur mit dem Schwerte in der Hand wieder erlangen könne. Es ist ein interessanter Umstand, daß es dem großen Friedensprediger vorbehalten sein sollte, diese Ueberzeugung im Geiste des alten Tyrannen hervorzurufen.[120] Penn’s Verfahren war der Aufmerksamkeit der Regierung nicht entgangen. Man hatte Verhaftsbefehle gegen ihn erlassen und er war eingezogen worden; es hatten aber keine Beweise gegen ihn aufgebracht werden können, die eine Anklage auf Hochverrath begründet hätten; er hatte bei jeder Partei viele Freunde, die er auch trotz aller seiner Fehler zu haben verdiente, und er wurde daher bald wieder in Freiheit gesetzt, um zu seinen Comploten zurückzukehren.[121]
Preston.
Der Hauptverschwörer war jedoch Richard Graham, Viscount Preston, der unter der vorigen Regierung Staatssekretär gewesen war. Obgleich schottischer Peer, war er doch nur englischer Baronet. Er hatte zwar von Saint-Germains ein englisches Hochadelsdiplom erhalten; aber das Diplom war von einem späteren Datum als die Flucht, welche die Convention für eine Abdankung erklärt hatte. Die Lords hatten sich deshalb nicht nur geweigert, ihn ihrer Privilegien theilhaftig werden zu lassen, sondern sie schickten ihn sogar ins Gefängniß, weil er sich unbefugterweise einen der Ihrigen genannt habe. Da er indessen klein beigegeben und seinen Anspruch zurückgezogen, hatte er seine Freiheit wieder erlangt.[122] Obgleich die demüthige Sprache, die er bei dieser Gelegenheit zu führen sich herabgelassen, keineswegs einen Märtyrersinn verrieth, so betrachtete ihn doch seine Partei und die Welt überhaupt als einen Mann von Muth und Ehre. Er führte noch die Siegel seines Amtes und wurde von den Anhängern des unveräußerlich erblichen Rechts noch immer als der wirkliche Staatssekretär angesehen. Er stand in hoher Gunst bei Ludwig, an dessen Hofe er früher gelebt, und die französische Regierung hatte ihm seit der Revolution bedeutende Geldsummen zu politischen Zwecken anvertraut.[123]
Während Preston in der Hauptstadt mit den anderen Häuptern der Partei Berathungen pflog, häuften die auf dem Lande wohnenden Jakobiten Waffen auf, hielten Musterungen und formirten sich in Compagnien, Schwadronen und Regimenter. In Worcestershire zeigten sich beunruhigende Symptome. In Lancashire hatten viele Gentlemen von Jakob ausgestellte Offizierpatente erhalten, nannten sich Obersten und Hauptleute und entwarfen lange Listen von Unteroffizieren und Gemeinen. Briefe aus Yorkshire brachten die Nachricht, daß starke Männerschaaren, die sich in keiner guten Absicht versammelt zu haben schienen, auf den Sümpfen bei Knaresborough gesehen worden seien. Briefe aus Newcastle berichteten von einem großen Wettballspiele, das in Northumberland gehalten worden sei und von dem man stark vermuthe, das es nur als Vorwand zu einer Versammlung der Mißvergnügten gedient habe. Es sollten sich unter der Menge hundertfunfzig wohl berittene und bewaffnete Reiter befunden haben, von denen viele Papisten gewesen wären.[124]
Unterdessen gingen Briefpackete voll Verrath zwischen Kent und der Picardie und zwischen Wales und Irland beständig hin und her. Einige der Boten waren aufrichtige Fanatiker, andere aber waren bloße Miethlinge, welche aus den ihnen zur Besorgung anvertrauten Geheimnissen Gewinn zogen.
Die Jakobiten von Fuller verrathen.
Der interessanteste unter diesen zweifachen Verräthern war Wilhelm Fuller. Dieser Mann hat uns selbst erzählt, daß ihm in seiner Kindheit ein Buch in die Hände gefallen sei, das eine Beschreibung des verbrecherischen Lebens und des entsetzlichen Todes Dangerfield’s enthielt. Die Phantasie des Knaben wurde dadurch erhitzt; er verschlang das Buch und lernte es fast auswendig; eine seltsame Ahnung stieg in ihm auf und verfolgte ihn seitdem beständig, daß sein Schicksal dem des schändlichen Abenteurers gleichen werde, dessen Geschichte er so eifrig gelesen hatte.[125] Man hätte meinen sollen, daß die Aussicht, mit zerfleischtem Rücken und ausgeschlagenem Auge in Newgate zu sterben, eben nicht viel Lockendes gehabt haben könnte; allein die Erfahrung lehrt, daß es überspannte Köpfe giebt, für welche eine gewisse Berühmtheit, selbst wenn sie mit Schmerz und Schande begleitet ist, einen unwiderstehlichen Reiz hat. Von diesem verwerflichen Ehrgeize beseelt, erreichte Fuller sein Vorbild und übertraf es vielleicht noch. Er war im römisch-katholischen Glauben erzogen und war Page bei Lady Melfort gewesen, als Lady Melfort als eine der schönsten Frauen im Hofstaate Mariens von Modena in Whitehall glänzte. Nach der Revolution begleitete er seine Gebieterin nach Frankreich, wurde wiederholt zu delikaten und gefährlichen Aufträgen verwendet und galt in Saint-Germains für einen treuen Diener des Hauses Stuart. In Wirklichkeit aber hatte er sich auf einer seiner Reisen nach London der neuen Regierung verkauft und den Glauben abgeschworen, in welchem er erzogen war. Die Ehre, wenn man es so nennen darf, aus einem werthlosen Papisten einen werthlosen Protestanten aus ihm gemacht zu haben, schrieb er mit characteristischer Unverschämtheit der klaren Logik und dem tadellosen Wandel Tillotson’s zu.
Im Frühjahr 1690 wünschte Marie von Modena ihren Correspondenten in London einige sehr wichtige Depeschen zukommen zu lassen. Da diese Depeschen zu voluminös waren um in den Kleidern eines einzelnen Boten verborgen werden zu können, mußte man sich zweier Vertrauten bedienen. Der Eine war Fuller, der Andre war ein eifriger junger Jakobit, Namens Crone. Vor ihrer Abreise erhielten sie noch genaue Instructionen von der Königin selbst. Bei einer gewöhnlichen Untersuchung war an ihnen kein Schnitzchen Papier zu entdecken; aber ihre Knöpfe enthielten mit unsichtbarer Tinte geschriebene Briefe.
Das Paar reiste nach Calais. Der Gouverneur dieser Stadt lieferte ihnen ein Boot, das sie unter dem Schutze der Nacht an der flachen und sumpfigen Küste von Kent unweit des Leuchtthurmes von Dungeneß absetzte. Von hier gingen sie nach einer Meierei, verschafften sich Pferde und schlugen verschiedene Wege nach London ein. Fuller eilte nach Schloß Kensington und überreichte dem Könige die ihm anvertrauten Papiere. Der erste Brief, den Wilhelm entfaltete, schien nur überschwengliche Complimente zu enthalten; aber es wurden Holzkohlen angezündet und eine den damaligen Diplomaten wohlbekannte Flüssigkeit auf das Papier gebracht; das Zimmer füllte sich mit einem übelriechenden Dampfe und Zeilen sehr ernsten Inhalts begannen sichtbar zu werden.
Crone verhaftet.
Die Hauptsache war jetzt vor Allem, daß man Crone’s habhaft zu werden suchte. Unglücklicherweise hatte er Zeit gehabt, seine Briefe abzugeben, bevor er festgenommen wurde; aber man hatte ihm eine Schlinge gelegt, in die er leicht ging. Die aufrichtigen Jakobiten waren im Allgemeinen sehr unzuverlässige Verschwörer; es gab unter ihnen eine ungewöhnlich große Anzahl Dummköpfe, Prahler und Schwätzer, und dazu gehörte auch Crone. Wäre er klug und vorsichtig gewesen, so würde er öffentliche Orte gemieden, seine Zunge streng bewacht und sich bei Tische mit einer Flasche begnügt haben. Anstatt dessen sahen die Agenten der Regierung, wie er an einer Wirthshaustafel in Gracechurch Street auf die Gesundheit König Jakob’s trank und bombastisch von der kommenden Restauration, von der französischen Flotte und den Tausenden rechtschaffener Engländer sprach, welche nur das Zeichen erwarteten, um sich für ihren rechtmäßigen Souverain bewaffnet zu erheben. Er wurde in das Sekretariatsbureau nach Whitehall gebracht. Anfangs schien er ganz ruhig und unbefangen zu sein; als er aber unter den Umstehenden Fuller in Freiheit und elegant gekleidet, mit einem Degen an der Seite erblickte, sank dem Gefangenen der Muth und er war kaum im Stande ein Wort hervorzubringen.[126]
Die Nachricht, daß Fuller als Königszeuge aufgetreten, Crone verhaftet und Wilhelm wichtige Briefe aus Saint-Germains in die Hände gefallen seien, flog rasch durch ganz London und verbreitete Schrecken unter Allen, die sich schuldig fühlten.[127] Allerdings war die Aussage eines Zeugen, wäre dieser Zeuge auch ein achtbarerer Mann als Fuller gewesen, gesetzlich nicht hinreichend, um Jemanden des Hochverraths zu überführen. Aber Fuller hatte die Sache so einzurichten gewußt, daß mehrere Zeugen vorgeführt werden konnten, die seine Aussage gegen Crone bestärkten, und wenn Crone in der Todesangst Fuller’s Beispiel nachahmte, so fielen die Köpfe der Oberhäupter der Verschwörung in die Gewalt der Regierung. Der Muth der Jakobiten wuchs jedoch, als sie erfuhren, daß Crone, obgleich zu wiederholten Malen von Denen verhört, die ihn in ihrer Gewalt hatten, und obgleich überzeugt, daß nichts als ein offenes Geständniß ihm das Leben retten konnte, ein entschlossenes Stillschweigen bewahrt habe. Welchen Eindruck eine Verurtheilung und die nahe Aussicht des Todes auf ihn machen würde, stand noch zu erwarten. Seinen Complicen war durchaus nichts daran gelegen, daß seine Standhaftigkeit auf eine so harte Probe gestellt werde, und sie wendeten daher eine Menge erlaubter und unerlaubter Kunstgriffe an, um eine Ueberführung zu hintertreiben. Eine Frau, Namens Clifford, bei der er gewohnt hatte und die einer der thätigsten und schlauesten Agenten der jakobitischen Partei war, wurde mit dem Geschäft betraut, ihn standhaft zu erhalten und ihm Dienste zu leisten, vor denen skrupulöse oder ängstliche Agenten zurückgeschreckt sein würden. Als der gefürchtete Tag kam, war Fuller zu unwohl, um in der Zeugenloge zu erscheinen und die Sitzung wurde daher verschoben. Er behauptete, daß seine Krankheit keine natürliche sei, daß man ihm in einer Speise etwas Schädliches beigebracht habe, daß seine Nägel sich entfärbt hätten, daß ihm die Haare ausfielen und daß geschickte Aerzte ihn für vergiftet erklärten. Aber solche Geschichten müssen, selbst wenn sie sich auf eine bessere Autorität als auf die eines Fuller gründen, stets mit großem Mißtrauen aufgenommen werden.
Während Crone seiner Untersuchung entgegensah, wurde auf dem Wege zwischen Dover und London ein zweiter Agent des Hofes von Saint-Germains, Namens Tempest, verhaftet, und er erwies sich als der Ueberbringer zahlreicher Briefe an Mißvergnügte in England.[128] Es stellte sich mit jedem Tage klarer heraus, daß der Staat von Gefahren umgeben war, und doch war es durchaus nothwendig, daß das geschickte und entschlossene Staatsoberhaupt in diesem kritischen Augenblicke seinen Posten verließ.
Schwierigkeiten Wilhelm’s.
Mit peinlicher Besorgniß, die nur ein Mann wie er unter dem Anschein stoischer Heiterkeit zu verbergen vermochte, traf Wilhelm seine Anstalten zur Abreise. Marie war tief bekümmert, und ihr Kummer ging ihm mehr zu Herzen als Diejenigen ahneten, die aus seinem Benehmen auf den Zustand seines Innern schlossen.[129] Er wußte auch, daß er sie umringt von Schwierigkeiten, mit denen zu kämpfen ihre Gewohnheiten sie nicht befähigt hatten, zurücklassen sollte. Sie bedurfte gewiß beständig einsichtsvollen und wohlmeinenden Rathes; und wo war solcher Rath zu finden? Es gab zwar unter seinen Dienern viel tüchtige und auch einige tugendhafte Männer; aber selbst wenn er anwesend war, hatten ihre politischen und persönlichen Animositäten nur zu oft sowohl ihre Talente wie ihre Tugenden nutzlos für ihn gemacht. Konnte man also wohl erwarten, daß die sanfte Marie im Stande sein werde, den Parteigeist und die Eifersüchteleien zu zügeln, welche ihr energischer und kluger Gemahl nur sehr unvollkommen hatte in Schranken halten können? Hätte man das innere Cabinet, das die Königin unterstützen sollte, ausschließlich aus Whigs oder aus Tories zusammengesetzt, so würde die halbe Nation unzufrieden gewesen sein. Bestand es aus Whigs und Tories, so konnte man wieder gewiß sein, daß beständige Uneinigkeit herrschen werde. Wilhelm befand sich in einer Lage, die ihm nur die Wahl zwischen verschiedenen Uebeln ließ.
Benehmen Shrewsbury’s.
Alle diese Schwierigkeiten wurden noch vermehrt durch das Benehmen Shrewsbury’s. Das Studium des Characters dieses Mannes ist höchst interessant. Er schien das verwöhnte Schooßkind der Natur wie des Glücks zu sein. Vornehme Geburt, hoher Rang, große Besitzungen, schöne Talente, umfassende Kenntnisse, angenehme Persönlichkeit, ungemein anmuthige und gewinnende Manieren vereinigten sich bei ihm, um ihn zu einem Gegenstande der Bewunderung und des Neides zu machen. Aber trotz aller dieser Vorzüge hatte er einige moralische und intellectuelle Eigenheiten, die ihn sich selbst und Allen, welche mit ihm in Berührung kamen, zur Last machten. Sein Benehmen zur Zeit der Revolution hatte der Welt eine hohe Meinung nicht nur von seinem Patriotismus, sondern auch von seinem Muthe, seiner Energie und seiner Entschiedenheit beigebracht. Doch wahrscheinlich hatten damals seine jugendliche Begeisterung und die durch öffentliche Sympathie und Beifall verursachte Freude ihn über sich selbst erhoben. Fast keine andre Epoche seines Lebens war mit diesem glänzenden Anfang aus einem Gusse. Er war kaum Staatssekretär geworden, als es sich auch schon zeigte daß seine Kräfte für einen solchen Posten nicht ausreichten. Die tägliche Anstrengung, die schwere Verantwortlichkeit, die Täuschungen, die Kränkungen und der Tadel, welche von der Macht unzertrennlich sind, brachen seinen Muth, verbitterten seine Gemüthsstimmung und untergruben seine Gesundheit. Naturen wie die seinige scheinen der aufrechthaltenden Kraft starker religiöser Grundsätze ganz besonders zu bedürfen, und leider hatte Shrewsbury, indem er das Joch des Aberglaubens abschüttelte, in dem er erzogen war, sich auch von heilsameren Banden befreit, welche seinen von Haus aus schwachen Character vielleicht zur Festigkeit und Rechtschaffenheit gestählt haben würden. Da er dieser Stütze entbehrte, war er bei all’ seinen ausgezeichneten Gaben ein schwacher Mensch und konnte trotz vieler liebenswürdiger und gewinnender Eigenschaften ein braver Mann nicht genannt werden. Um glücklich zu sein hätte er entweder viel besser oder viel schlechter sein müssen. So wie er war, kannte er weder den edlen Seelenfrieden, der der Lohn der Rechtschaffenheit ist, noch den verächtlichen Seelenfrieden, der aus Schamlosigkeit und Unempfindlichkeit entspringt. Wenige Leute, die so wenig Kraft hatten, der Versuchung zu widerstehen, haben von Reue und Scham so grausam gelitten wie er.
Für einen Mann von solchem Character muß die Stellung eines Staatsministers während des auf die Revolution folgenden Jahres eine beständige Qual gewesen sein. Die Schwierigkeiten, von denen die Regierung auf allen Seiten umlagert war, die Böswilligkeit ihrer Feinde, die Unbilligkeit ihrer Freunde, die Erbitterung mit der die feindlichen Parteien über einander und über jeden Vermittler, der sie zu trennen versuchte, herfielen, hätten allerdings auch einen entschlossenen Character entmuthigen können. Shrewsbury war noch kein halbes Jahr im Amte, als er Herz und Kopf vollständig verloren hatte. Er begann Briefe an Wilhelm zu schreiben, von denen sich kaum denken läßt, daß ein so energischer Fürst sie ohne ein Gemisch von Mitleid und Verachtung gelesen haben kann. „Ich fühle,” — dies war der stete Refrain dieser Episteln — „daß ich meinem Posten nicht gewachsen bin. Ich bin keiner Anstrengung mehr fähig. Ich bin nicht mehr der Nämliche, der ich vor einem halben Jahre war. Meine Gesundheit wird immer schwankender, meine Seele leidet Folterqualen, mein Gedächtniß ist geschwächt; nur Ruhe und Zurückgezogenheit kann mich wiederherstellen.” Wilhelm gab freundliche und besänftigende Antworten, und eine Zeit lang beruhigten diese Antworten das zerrüttete Gemüth seines Ministers.[130] Endlich aber versetzten die Auflösung des Parlaments, die allgemeine Wahl, die Veränderungen in den Friedensrichterstellen und in den Milizen, und schließlich die Debatten über die beiden Abschwörungsbills Shrewsbury in einen an Wahnsinn grenzenden Zustand. Er zürnte den Whigs, daß sie den König schlecht behandelten, und doch zürnte er noch mehr dem Könige, daß er die Tories begünstigte. In welchem Augenblicke und durch welchen Einfluß der unglückliche Mann bewogen wurde, einen Verrath zu begehen, dessen Bewußtsein einen dunklen Schatten auf sein ganzes ferneres Leben warf, ist nicht genau bekannt. Sehr wahrscheinlich aber ist es, daß seine Mutter, die, obgleich das verworfenste Weib von der Welt, große Gewalt über ihn hatte, eine schwache Stunde, wo er erbittert darüber war, daß man seinen Rath verschmäht und den von Danby und Nottingham vorgezogen hatte, in verderblicher Weise benutzte. Sie war noch Mitglied der Kirche, von der ihr Sohn sich losgesagt, und meinte vielleicht dadurch daß sie ihn von seinen Empörungsgedanken zurückbrachte, die Verletzung ihres Ehegelübdes und den Mord ihres Gemahls einigermaßen wieder gut zu machen.[131] Gewiß ist soviel, daß Shrewsbury noch vor Ende des Frühjahrs 1690 Jakob seine Dienste angeboten und Jakob sie angenommen hatte. Man verlangte einen Beweis von der Aufrichtigkeit des Convertiten: er mußte die Siegel aufgeben, die er aus der Hand des Usurpators angenommen.[132] Es ist wahrscheinlich, daß Shrewsbury seinen Fehler kaum begangen hatte, als er ihn auch schon zu bereuen begann. Aber er besaß nicht Characterstärke genug, um auf dem Wege des Bösen umzukehren. Seine eigne Schändlichkeit verabscheuend, eine Entdeckung fürchtend, die seiner Ehre verderblich werden mußte, vor dem Weitergehen eben so wohl wie vor dem Umkehren zurückschreckend, litt er Qualen, an die man unmöglich ohne Mitleid zurückdenken kann. Die wahre Ursache seiner Seelenangst war noch ein tiefes Geheimniß; seine inneren Kämpfe und seine Ansichtswechsel aber waren allgemein bekannt und lieferten der Stadt einige Wochen lang Stoff zur Unterhaltung. Eines Nachts, als er eben in sehr aufgeregtem Gemüthszustande mit den Siegeln in der Hand sich in den Palast begeben wollte, wurde er durch Burnet überredet, seine Demission noch um einige Stunden zu verschieben. Einige Tage später wurde Tillotson’s Beredtsamkeit zu dem nämlichen Zwecke angewendet.[133] Drei- oder viermal legte der Earl die Insignien seines Amtes auf den Tisch des königlichen Cabinets und eben so oft ließ er sich durch das freundliche Zureden des Gebieters, dem Unrecht gethan zu haben er sich bewußt war, bewegen, dieselben wieder mit sich zu nehmen. So verzögerte sich sein Rücktritt bis zum letzten Tage vor der Abreise des Königs. Die fortwährende Gemüthsbewegung hatte Shrewsbury ein schleichendes Fieber zugezogen, so daß Bentinck, der noch einen letzten Versuch machen wollte, ihn zur Fortführung seines Amtes zu bewegen, ihn im Bett und zu unwohl fand, um mit ihm sprechen zu können.[134] Die so oft eingereichte Entlassung wurde daher endlich angenommen und einige Monate lang war Nottingham der einzige Staatssekretär.
Der Neunerrath.
Es war keine kleine Vermehrung der Sorgen Wilhelm’s, daß in einem solchen Augenblicke seine Regierung durch diesen Austritt geschwächt würde. Er that indessen sein Möglichstes mit den ihm noch verbleibenden Kräften und wählte schließlich neun Mitglieder des Geheimen Raths, deren Rathschläge Marie befolgen sollte. Vier davon, Devonshire, Dorset, Monmouth und Eduard Russell, waren Whigs; die übrigen fünf, Caermarthen, Pembroke, Nottingham, Marlborough und Lowther, waren Tories.[135]
Wilhelm beschied die Neun in das Bureau des Staatssekretariats. Als sie hier versammelt waren, trat er mit der Königin ein, ersuchte sie, sich niederzusetzen und richtete einige ernste und gehaltvolle Worte an sie. „Es fehlt ihr an Erfahrung,” sagte er; „aber ich hoffe diesem Mangel abgeholfen zu haben, indem ich Sie zu ihren Rathgebern erwählt. Ich lege mein Königreich in Ihre Hände. Nichts von den äußeren wie von den inneren Angelegenheiten soll vor Ihnen geheim gehalten werden. Ich beschwöre Sie, umsichtig und einig zu sein.”[136] Privatim sagte er seiner Gemahlin, wie er über den Character der Neun dachte, und aus ihren Briefen an ihn läßt sich schließen, daß nur wenige darunter waren, denen er eine hohe Achtung bezeigte. Marlborough sollte ihr Rathgeber in militärischen Angelegenheiten sein und die Truppen in England commandiren. Russell, welcher Admiral der blauen Flagge war und zum Lohn für die Dienste, die er zur Zeit der Revolution geleistet, den einträglichen Posten des Schatzmeisters der Flotte erhalten hatte, eignete sich ganz zu ihrem Rathgeber in allen das Seewesen betreffenden Fragen. Caermarthen aber war ihr als Derjenige bezeichnet, auf den sie sich bei vorkommender Meinungsverschiedenheit hauptsächlich verlassen sollte. Caermarthen’s Scharfblick und Erfahrung waren unbestreitbar; seine Grundsätze waren allerdings locker; aber wenn es eine Person in der Welt gab, von der man annehmen durfte, daß er ihr treu sein werde, so war diese Person Marie. Er war seit langer Zeit ihr specieller Freund und Diener; er hatte sich durch das Zustandebringen ihrer Verbindung mit Wilhelm ihre Gunst in hohem Grade erworben und hatte in der Convention seinen Eifer für ihre Interessen bis zu einem Punkte getrieben, den sie selbst als das rechte Maß überschreitend getadelt hatte. Es war daher aller Grund zu der Hoffnung vorhanden, daß er ihr in dieser kritischen Zeitperiode mit aufrichtiger Ergebenheit dienen werde.[137]
Clarendon’s Verhalten.
Einer ihrer nächsten Verwandten war dagegen einer ihrer bittersten Feinde. Aus den in den Händen der Regierung befindlichen Beweismittel ging unbestreitbar hervor, daß Clarendon in die jakobitischen Insurrectionspläne tief verwickelt war. Die Königin aber wollte durchaus nicht, daß man gegen einen ihrer Verwandten mit Strenge verfuhr, und Wilhelm, der sich erinnerte, welche Bande sie um seinetwillen zerrissen und welche Vorwürfe sie sich zugezogen hatte, überließ bereitwillig Leben und Freiheit ihres Oheims ihrer persönlichen Fürsprache. Bevor aber der König nach Irland abreiste, sprach er sehr ernsthaft mit Rochester. „Ihr Bruder,” sagte er zu ihm, „hat gegen mich conspirirt. Ich bin dessen gewiß, denn ich habe schriftliche Beweise, die von seiner eignen Hand herrühren. Man drang in mich, ihn nicht mit in die Begnadigungsacte aufzunehmen, aber ich wollte nicht etwas thun, was die Königin tief bekümmert haben würde. Um ihretwillen vergebe ich das Geschehene, aber Mylord Clarendon wird wohl thun in Zukunft vorsichtiger zu sein, sonst wird er erfahren, daß solche Dinge kein Spaß sind.” Rochester theilte Clarendon die Ermahnung mit. Clarendon, der in fortwährender Correspondenz mit Dublin und Saint-Germains stand, betheuerte, daß es sein einziger Wunsch sei, ruhig zu leben, und daß die bestehende Regierung, obwohl er wegen der Eide bedenklich gewesen sei, doch keinen gehorsameren Unterthanen habe als er zu sein sich vorgenommen.[138]
Penn muß Caution erlegen.
Unter den Briefen, welche die Regierung aufgefangen, befand sich auch einer von Jakob an Penn. Dieser Brief war zwar kein legaler Beweis dafür, daß der Adressat sich des Hochverraths schuldig gemacht; aber er erweckte Verdacht, der, wie wir jetzt wissen, wohl begründet war. Penn wurde vor den Geheimen Rath gestellt und verhört. Er sagte sehr richtig, daß er Niemanden hindern könne an ihn zu schreiben und daß er für das was man ihm schreibe, nicht verantwortlich sei. Dagegen gab er auch zu, daß er durch Bande der Dankbarkeit und Zuneigung, die kein Wechsel des Glücks lösen könne, an den vorigen König geknüpft sei. „Ich würde mich freuen, wenn ich ihm in seinen Privatangelegenheiten einen Dienst leisten könnte, aber ich habe eine heilige Pflicht gegen mein Vaterland, und deshalb war ich nie so ehrlos, daß ich nur den Gedanken gehegt hätte, ihn zurückzurufen.” Dies war eine Lüge und Wilhelm wußte das wahrscheinlich. Doch er wollte nicht streng gegen einen Mann verfahren, der viele Ansprüche auf Achtung hatte und der schwerlich ein gefährlicher Verschwörer wurde. Er erklärte sich daher für befriedigt und schlug vor, den Gefangenen von der Anklage zu entbinden. Dagegen remonstrirten jedoch einige Mitglieder des Geheimen Raths und Penn mußte Caution stellen.[139]
Unterredung zwischen Wilhelm und Burnet.
Am Tage vor seiner Abreise ließ Wilhelm Burnet in sein Cabinet kommen und sprach in festem aber wehmüthigem Tone von den Gefahren, welche das Land von allen Seiten bedrohten, von der Heftigkeit der streitenden Parteien und von dem schlechten Geiste, der nur zu viele Mitglieder des Klerus zu beseelen scheine. „Doch ich vertraue auf Gott. Ich will mein Werk durchführen oder darin umkommen. Nur um die arme Königin ist mir bange,” und mit ungewohnter Innigkeit wiederholte er noch einmal: „Die arme Königin!” „Wenn Sie mich lieben,” setzte er hinzu, „so besuchen Sie sie recht oft und helfen Sie ihr wo Sie können. Ich für meine Person würde mich, wenn Eins nicht wäre, darauf freuen, wieder zu Pferde steigen und unter dem Zelte wohnen zu können. Denn ich bin überzeugt, daß ich mich besser dazu eigne, einen Feldzug zu dirigiren, als Eure Häuser der Lords und Gemeinen zu leiten. Obwohl ich aber weiß, daß ich den Weg der Pflicht gehe, ist es doch hart für meine Frau, daß ihr Vater und ich einander im Felde gegenüberstehen müssen. Gott gebe, daß ihm nichts zustößt. Beten Sie für mich, Doctor.” Burnet entfernte sich tief ergriffen und sprach wahrscheinlich mit nicht gewöhnlicher Inbrunst die Gebete, um die sein Gebieter ihn ersucht hatte.[140]
Wilhelm reist nach Irland ab.
Am folgenden Tage, dem 4. Juni, reiste der König nach Irland ab. Prinz Georg hatte seine Dienste angeboten, hatte sich mit einem großen Kostenaufwande equipirt und erwartete mit Gewißheit, einen Platz im Wagen des Königs zu erhalten. Aber Wilhelm, der sich von der Unterhaltung mit Sr. Königlichen Hoheit wenig Vergnügen oder Nutzen versprach und der selten etwas auf Zuvorkommenheiten gab, wählte Portland zum Reisegesellschafter und schien während dieses ganzen ereignißvollen Feldzuges von der Anwesenheit des Prinzen nicht die geringste Notiz zu nehmen.[141] Wäre Georg sich allein überlassen gewesen, so würde er die Kränkung schwerlich bemerkt haben. Aber wenn auch er selbst zu stumpfsinnig war, um so etwas zu fühlen, so fühlte seine Gemahlin für ihn, und ihr Haß wurde durch Unheilstifter von nicht gewöhnlicher Geschicklichkeit fortwährend angeschürt. Bei dieser, wie bei mancher andren Gelegenheit erwiesen sich die Mängel von Wilhelm’s Character als sehr nachtheilig für die hochwichtigen Interessen, die er zu wahren hatte. Seine Regierung würde viel glücklicher gewesen sein, wenn er neben seinem Muthe, seiner Capacität und seiner Seelengröße ein wenig von der ungezwungenen Heiterkeit und Courtoisie seines Oheims Karl besessen hätte.
Am vierten Tage traf der König in Chester ein, wo eine Flotte von Transportschiffen das Zeichen zum Absegeln erwartete. Am 11. Juni schiffte er sich ein und wurde von einem Geschwader von Kriegsschiffen unter den Befehlen Sir Cloudesley Shovel’s über den St. Georgskanal begleitet.[142]
Crone’s Prozeß.
Der Monat, welcher auf Wilhelm’s Abreise von London folgte, war einer der ereignißreichsten und angstvollsten in der ganzen Geschichte England’s. Wenige Stunden nachdem er aufgebrochen, wurde Crone vor die Schranke der Old Bailey gestellt. Eine große Anzahl Richter saß auf der Bank. Fuller hatte sich wieder hinreichend erholt, um vor Gericht erscheinen zu können, und der Prozeß begann. Die Jakobiten waren unermüdlich in ihren Anstrengungen gewesen, die politische Meinung der Personen zu ermitteln, deren Namen auf der Geschwornenliste standen. Es wurden so viele verworfen, daß es einige Mühe machte, die erforderliche Zahl von zwölfen zusammenzubringen, und unter diesen zwölf war nur einer, auf den die Mißvergnügten sich verlassen zu können glaubten. Sie irrten sich darin auch nicht ganz, denn dieser Mann hielt sich gegen seine elf Collegen die ganze Nacht und den halben folgenden Tag, und er würde sie wahrscheinlich durch Hunger zum Nachgeben gezwungen haben, wäre nicht Mrs. Clifford, die mit ihm im Einverständniß war, dabei betroffen worden, wie sie ihm Confect durch das Fenster zuwarf. Da er nichts mehr zu essen bekam, gab er nach und es erfolgte das Verdict Schuldig, das angeblich zweien von den Geschwornen das Leben gekostet haben soll. Es wurde nun sofort auf Sistirung des Urtheils angetragen, und zwar auf den Grund hin, weil ein auf der Rückseite der Anklageschrift stehendes lateinisches Wort unrichtig geschrieben war. Dies war allerdings ein nichtssagender Einwand. Jeffreys würde denselben ohne weiteres durch einen Strom von Flüchen verworfen haben und zu dem angenehmsten Theile seiner Amtspflicht übergegangen sein: dem Gefangenen die ganze Procedur des Halbhängens, Ausweidens, Verstümmelns und Viertheilens zu beschreiben. Aber Holt und seine Collegen erinnerten sich, daß sie jetzt zum ersten Male seit der Revolution einen des Hochverraths Angeklagten aburtheilten. Es war daher nöthig, in einer nicht mißzuverstehenden Weise zu zeigen, daß eine neue Aera begonnen hatte und daß die Tribunale in Zukunft eher auf Seite der Humanität irren als das Beispiel der grausamen Eile und Leichtfertigkeit nachahmen würden, womit Cornish, als er vor Gericht um sein Leben kämpfte, von servilen Richtern zum Schweigen gebracht wurde. Die Verkündigung des Urtels wurde daher aufgeschoben, es wurde ein Tag zur Erwägung des von Crone erhobenen Einwandes festgesetzt und der Anwalt des Angeklagten bedeutet, seine Beschwerde einzureichen. „Dies würde unter keiner der beiden letzten Regierungen geschehen sein, Mr. Crone,” sagte der Lord Oberrichter mit bedeutungsvoller Miene. Nach vollständiger Anhörung der Betheiligten erklärten die Richter einstimmig den Schreibfehler für unwesentlich, und der Gefangene wurde zum Tode verurtheilt. Er erkannte an, daß sein Prozeß unparteiisch geführt worden sei, dankte den Richtern für ihre Geduld und bat sie, sich bei der Königin für ihn zu verwenden.[143]
Er wurde bald benachrichtigt, daß sein Schicksal in seiner Hand liege. Die Regierung war geneigt, ihn zu begnadigen, wenn er sich dessen durch ein unumwundenes Geständniß würdig machen wollte. Der Kampf in seinem Innern war furchtbar und zweifelhaft. Einmal berichtete Mrs. Clifford, welche Zutritt in seine Zelle hatte, den jakobitischen Oberhäuptern, daß er in großer Seelenangst sei. Er könne nicht sterben, sollte er gesagt haben, er sei zu jung, um ein Märtyrer zu werden.[144] Am nächsten Morgen fand sie ihn heiter und entschlossen.[145] Er hielt sich bis zum Vorabende des zu seiner Hinrichtung festgesetzten Tages; da ließ er endlich um eine Unterredung mit dem Staatssekretär bitten. Nottingham begab sich nach Newgate; aber noch ehe er daselbst ankam, war Crone schon wieder andren Sinnes geworden und entschlossen nichts zu sagen. „Dann,” sagte Nottingham, „sehe ich Sie nicht wieder; denn der morgende Tag ist ganz bestimmt Ihr letzter.” Nachdem jedoch Nottingham sich entfernt hatte, kam Monmouth in’s Gefängniß, und er schmeichelte sich, den Entschluß des Gefangenen erschüttert zu haben. Spät in dieser Nacht kam der Befehl, die Execution um acht Tage zu verschieben.[146] Die Woche verging jedoch, ohne daß der Gefangene Enthüllungen machte; der Galgen und der Block zum Viertheilen waren in Tyburn bereit, Strang und Beil harrten am Thore von Newgate, ganz Holborn Hill und die Straße nach Oxford waren mit Schaulustigen bedeckt: da brachte ein Bote einen neuen Aufschub, und Crone wurde, anstatt nach dem Richtplatze geschleift zu werden, in das Berathungszimmer nach Whitehall gebracht. Seine Standhaftigkeit war endlich durch die nahe Aussicht auf den Tod besiegt worden, und er gab bei dieser Gelegenheit wichtige Aufschlüsse.[147]
Gefahr einer Invasion und Insurrection. Tourville’s Flotte im Kanal.
Solcher Enthüllungen wie er sie zu geben vermochte, bedurfte man allerdings in diesem Augenblicke sehr dringend, denn man erwartete stündlich eine Invasion und einen Aufstand.[148] Wilhelm war kaum von London abgereist, als eine große französische Flotte unter den Befehlen des Grafen von Tourville den Hafen von Brest verließ und in den britischen Kanal einlief. Tourville war der beste Marinecommandeur, den sein Vaterland damals besaß. Er hatte alle Zweige seines Berufs studirt. Man sagte von ihm, daß er befähigt sei, jeden Posten an Bord auszufüllen, vom Schiffszimmermann bis hinauf zum Admiral, sowie auch daß er mit dem unerschrockenen Muthe eines Seemannes die Liebenswürdigkeit und Artigkeit eines vollendeten Cavaliers verbinde.[149] Er segelte jetzt nach der englischen Küste und kam derselben so nahe, daß seine Schiffe auf den Wällen von Plymouth deutlich gesehen werden konnten. Von Plymouth steuerte er langsam die Küste von Devonshire und Dorsetshire entlang, und man hatte starken Grund zu der Befürchtung, daß seine Bewegungen mit den englischen Mißvergnügten verabredet waren.[150]
Die Königin und ihr Cabinetsrath beeilten sich Maßregeln zur Vertheidigung des Landes gegen fremde wie einheimische Feinde zu treffen. Torrington übernahm das Kommando der in den Dünen liegenden Flotte und segelte nach St. Helen, wo er sich mit einem holländischen Geschwader unter Evertsen’s Commando vereinigte. Es hatte den Anschein als würden die Klippen der Insel Wight Zeugen eines der größten Seetreffen werden, von denen uns die Geschichte erzählt. Hundertfunfzig Linienschiffe konnten auf dem Wachtthurme von St. Catharine gezählt werden. Oestlich von der westlichen Küstenwand von Black Gang Chine und im Angesicht der reich bewaldeten Felsen von St. Lawrence und Ventnor war die vereinigte Seemacht England’s und Holland’s aufgestellt. Westlich bis zu dem weißen Vorgebirge, wo die Wogen zwischen den Nadeln brausen, lag die französische Flotte.
Verhaftung verdächtiger Personen.
Es war am 26. Juni, noch nicht vierzehn Tage nachdem Wilhelm nach Irland abgesegelt war, als die feindlichen Flotten diese Stellungen einnahmen. Wenige Stunden vorher war in Whitehall eine wichtige und angstvolle Sitzung des Geheimen Raths gehalten worden. Die mit Frankreich verbündeten Mißvergnügten waren wachsam und voll der besten Hoffnung. Marie hatte auf ihrer Spazierfahrt bemerkt, daß es in Hydepark von ihnen wimmelte. Der ganze Staatsrath war der Meinung, daß es nothwendig sei, einige Personen, von deren Schuld die Regierung Beweise habe, zu verhaften. Als Clarendon genannt wurde, sprach sein Freund und Verwandter, Sir Heinrich Capel, einige Worte zu seinen Gunsten. Die anderen Räthe stutzten, blieben aber still, denn es war keine angenehme Aufgabe, einen Verwandten der Königin in ihrer Anwesenheit anzuklagen. Marie hatte bisher in den Sitzungen des Geheimen Raths kaum ein Mal den Mund geöffnet; jetzt aber, wo sie klare Beweise von der Verrätherei ihres Oheims von seiner eignen Hand besaß und wußte, daß nur die Achtung vor ihrer Person ihre Rathgeber abhielt, etwas zu beantragen, was das öffentliche Wohl erheischte, brach sie ihr Stillschweigen. „Sir Henry,” sagte sie, „ich weiß, und jeder der hier anwesenden weiß so gut wie ich, daß zuviel gegen Mylord Clarendon vorliegt, als daß man ihn frei ausgehen lassen könnte.” Der Verhaftsbefehl wurde aufgesetzt und Capel unterzeichnete ihn wie alle Uebrigen. „Ich bin besorgter um Lord Clarendon,” schrieb Marie an ihren Gemahl, „als man vielleicht glaubt.” Noch denselben Abend wurden Clarendon und mehrere andere angesehene Jakobiten im Tower einquartiert.[151]
Torrington erhält Befehl, Tourville eine Schlacht zu liefern.
Als der Geheimerath seine Sitzung aufgehoben, hatte die Königin mit dem Neunerrath eine Frage von größter Wichtigkeit zu erwägen. Welche Befehle sollten Torrington übersandt werden? Das Wohl des Staats konnte von seinem Urtheil und von seiner Geistesgegenwart abhängen, und einige von Mariens Rathgebern fürchteten, daß er der Situation nicht gewachsen sei. Ihre Besorgniß nahm zu, als die Nachricht kam, daß er die Küste der Insel Wight den Franzosen preisgegeben habe und sich vor ihnen in der Richtung der Meerenge von Dover zurückziehe. Der scharfsichtige Caermarthen und der unternehmende Monmouth tadelten übereinstimmend diese Vorsichtstaktik. Torrington hatte zwar nicht so viele Schiffe als Tourville, aber Caermarthen war der Ansicht, daß es in einem solchen Augenblicke rathsam sei selbst gegen eine Uebermacht zu kämpfen, und Monmouth war während seines ganzen Lebens dafür, zu jeder Zeit und gegen jede Uebermacht zu kämpfen. Russell, der unbestreitbar einer der besten Seeleute seines Jahrhunderts war, meinte, die Ungleichheit der Zahlen sei nicht so groß, um einem Offizier, der englische und holländische Marinesoldaten befehligte, Besorgniß einzuflößen. Er schlug deshalb vor, dem Admiral einen Verweis zukommen zu lassen, der in so nachdrücklichen Worten abgefaßt war, daß die Königin sich nicht entschließen konnte, ihn zu unterschreiben. Die Ausdrücke wurden zwar bedeutend gemildert, in der Hauptsache aber wurde Russell’s Rath befolgt. Torrington erhielt bestimmten Befehl, sich nicht weiter zurückzuziehen und unverweilt eine Schlacht zu liefern. Devonshire war damit noch nicht zufriedengestellt. „Es ist meine Pflicht, Madame,” sagte er, „Ihrer Majestät unverhohlen zu sagen, wie ich über eine Angelegenheit von solcher Wichtigkeit denke, und ich denke, daß Mylord Torrington nicht der Mann ist, in dessen Hände man das Geschick dreier Königreiche legen kann.” Devonshire hatte Recht; aber seine Collegen waren einstimmig der Meinung, daß es sehr gefährlich sein würde, einen Befehlshaber Angesichts des Feindes und am Vorabend einer allgemeinen Schlacht abzusetzen, und man kann schwerlich sagen, daß sie Unrecht hatten. „Sie müssen ihn entweder lassen wo er ist,” sagte Russell, „oder ihn als Gefangenen zurückholen lassen.” Es wurden mehrere Auswege angedeutet. Caermarthen schlug vor, Russell zur Unterstützung Torrington’s abzusenden. Monmouth bat dringend um die Erlaubniß, zur Flotte abgehen zu dürfen, gleichviel in welcher Eigenschaft, als Kapitain oder als Freiwilliger. „Lassen Sie mich nur erst an Bord sein,” sagte er, „und ich setze meinen Kopf zum Pfande, daß es zur Schlacht kommt.” Nach langem Hin- und Herreden und Zaudern wurde beschlossen, daß Russell und Monmouth nach der Küste abgehen sollten.[152] Sie reisten ab, aber es war zu spät. Die Depesche welche Torrington befahl zu kämpfen, war ihnen vorausgeeilt. Er erhielt dieselbe, als er sich auf der Höhe von Beachy Head befand. Nachdem er sie gelesen, war er in großer Verlegenheit. Lieferte er keine Schlacht, so machte er sich eines directen Ungehorsams schuldig. Lieferte er eine Schlacht, so lief er seiner Ansicht nach große Gefahr, geschlagen zu werden. Er vermuthete wahrscheinlich, — denn er war argwöhnischen und neidischen Characters, — daß die Instructionen, die ihn in ein so peinliches Dilemma brachten, von Feinden und Nebenbuhlern in der Absicht entworfen waren, seinem Glücke und seinem Rufe zu schaden. Besonders erbitterte ihn der Gedanke, daß er sich von Russell hofmeistern lassen sollte, der ihm im Range nachstand, gleichwohl aber als Mitglied des Neunerraths eine Oberaufsicht über alle Zweige des öffentlichen Dienstes ausübte. Es scheint kein Grund vorhanden, Torrington des Mangels an gutem Willen zu beschuldigen, und noch weniger kann man annehmen, daß es einem Offizier, der sein ganzes Leben unter Gefahren hingebracht und der sich stets tapfer benommen, an dem persönlichen Muthe gefehlt haben sollte, den Hunderte von Matrosen auf jedem von ihm befehligten Schiffe besaßen. Aber es giebt einen höheren Muth, der Torrington gänzlich abging. Er scheute jede Verantwortlichkeit, die Verantwortlichkeit des Kämpfens wie die Verantwortlichkeit des Nichtkämpfens, und es gelang ihm, einen Mittelweg zu finden, der alle Nachtheile, denen er ausweichen wollte, in sich vereinigte. Er wollte dem Buchstaben seiner Instructionen nachkommen, wollte aber nicht Alles aufs Spiel setzen. Einige von seinen Schiffen sollten mit dem Feinde scharmützeln, die Hauptmacht seiner Flotte aber sollte nicht gefährdet werden. Es lag auf der Hand, daß die Schiffe, welche mit den Franzosen anbanden, in eine höchst gefährliche Situation kommen mußten und große Verluste zu erwarten hatten, und man hat nur zu guten Grund zu glauben, daß Torrington schändlich genug war, seine Anordnungen so zu treffen, daß Gefahr und Verlust fast ausschließlich auf die Holländer fielen. Er konnte sie nicht leiden und sie waren in England so unpopulär, daß die Vernichtung ihres ganzen Geschwaders sehr wahrscheinlich geringeres Murren erregt haben würde als die Wegnahme einer von unseren eigenen Fregatten.