Galenos.
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Motto:
Die Schriften des Hippokrates gaben das Muster, wie der Mensch die Welt anschauen und das Gesehene, ohne sich selbst hineinzumischen, überliefern sollte. — — — — — — — — — — — — Der Verstand mischte sich indessen auch in die Sache, alles sollte auf klare Begriffe gebracht und in logischer Form dargelegt werden, damit jedes Vorurteil beseitigt und aller Aberglaube zerstört werde.
Goethe.
Ermattet durch jahrhundertelanges Streben, das oft im Kreise verlief, ersehnte die griechische Medizin endlich ein abschließendes System, welches den gleich Steinblöcken zerstreut umherliegenden Erfahrungs- und Denkstoff zu einem einheitlichen Baue vereinigen und den Aerzten jene apodiktische Sicherheit gewähren sollte, die der Heilkunst des Orients schon in grauer Vorzeit eigen war.
Einheit der Krankheitsauffassung und Sicherheit in der ärztlichen Praxis war freilich schon einmal erzielt worden im - Hippokratismus, welcher die Versöhnung aller vorausgegangenen Richtungen bedeutete: der naiven Empirie und der rationell-spekulativen Naturphilosophie, der koischen Prognostik und der knidischen Lokaldiagnostik. Aber das hippokratische Durchschauen des Einzelfalls, die individualisierende Behandlung mittels Beobachtung aller reaktiven Vorgänge des Organismus, war nur die Gabe weniger auserlesener Aerzte, die sich an genialem Künstlerblick, an gewissenhafter, gänzlich unbefangener Naturauffassung dem unvergleichlichen Koer näherten - die überwiegende Mehrzahl verlangte nach einem kürzeren Wege, der die Kunst zur erlernbaren Technik gestaltete, die Therapie des Einzelfalles als logische Konsequenz aus gegebenen allgemeinen Prämissen ableitete. Dazu war vor allem die Zerlegung der hippokratischen „Physis“ in ihre konstituierenden Elemente nötig, d. h. die Erforschung der physiologisch-pathologischen Vorgänge. Versagte diese, so warf man sich wieder der Empirie in die Arme.
Von diesem Gesichtspunkte betrachtet, wird die chaotische Zerklüftung verständlich, wie sie die griechische Medizin nach Hippokrates mit ihren mannigfachen Doktrinen und Sekten zeigt; in diesem Lichte gewinnen die vielfach verschlungenen, scheinbar oft abirrenden Wege ihren Sinn. In höherer Potenz kehren eben alle Richtungen, welche Hippokrates in seiner Person verknüpft hatte, sofort nach ihm wieder, um sich in selbständiger Ausgestaltung bis zur krassesten Einseitigkeit fortzuentwickeln.
Die halb spekulative, halb rationelle ärztliche Naturphilosophie wird zum Dogmatismus, der sich teils auf humorale Hypothesen und das Korrespondenzsystem der Qualitäten, teils auf anatomisch-physiologische Tatsachen stützt. Auf dem Boden Alexandriens zweigen von ihm zwei Sekten ab: die mehr auf die klinische Beobachtung Wert legenden Herophileer und die den anatomischen Gedanken, die (knidische) Lokaldiagnose pflegenden Erasistrateer. Da beide das rationalistische Ideal, d. h. die logische Ableitung der Therapie aus der Krankheitslehre nicht verwirklichen, so erhebt sich in geläuterter Form der Empirismus, um neuerdings zu imponierender Bedeutung anzuwachsen. Der echte Hippokratismus ist verschwunden, aber das anatomisch-physiologische Wissen, die Zahl der Krankheitsbilder, der Heilschatz hat sich vermehrt und im Wettstreit der Sekten gewinnt die Aetiologie, die Diagnostik und die medizinische Logik nicht unerhebliche Verfeinerung.
In Rom dauerten die alten Sekten teils allmählich erstarrend weiter, teils erfuhren sie neue Differenzierungen, wobei der von Asklepiades gegebene Impuls zur gründlichen Reform der Krankheitstheorie und Therapie wie ein Ferment wirkte. Der Bithynier verflüchtigte die von Erasistratos erweckte Solidarpathologie zum Atomismus und brachte die schon von den Gymnasten gepflegte, von den Hippokratikern mit weiser Beschränkung angewendete physikalisch-diätetische Behandlungsweise zum Gipfel einseitigster Entfaltung. Doch verstand er auch die seltene Kunst, den Dogmatismus der Theorie mit der Individualisierung in der Praxis zu vereinigen. Seine Nachfolger, die Methodiker, konnten mit den Anhängern des humoralen Dogmatismus deshalb rivalisieren und neben den zahlreichen Empirikern siegreich das Feld behaupten, weil sie einen Mittelweg einschlugen, der einen Kompromiß zwischen der rationellen und der empirischen Richtung darstellte. Ihre solidare Krankheitslehre verlor sich nicht in spitzfindige Subtilitäten über die fernsten Ursachen, sondern blieb bei der Beobachtung gemeinsamer Krankheitszustände (Strictum, Laxum) stehen, ihre Therapie zog alle Hilfsmittel der Empirie heran, unterwarf aber die Anwendung derselben festgesetzten Indikationen, sie berücksichtigte zwar in erster Linie den allgemeinen Zustand, vernachlässigte aber dabei die Topika keineswegs (allgemeine und Lokaltherapie). Wertvoll war es, daß diese Schule den Quantitätsbegriff in die Pathologie und Therapie einführte (Herauf- und Herabstimmen der Körperkräfte durch quantitativ graduierte Heilverfahren) - gegenüber der dogmatischen Lehre von den Säftequalitäten und von den spezifisch wirkenden Organmitteln. Unbefriedigt von der bisherigen Entwicklung suchte die pneumatische Schule den Dogmatismus zu verfeinern, indem sie, im Anschluß an die Stoa, die uralte Hypothese von der „Lebensluft“ zu neuem Ansehen erhob und die Lehre von den Krankheitsursachen dialektisch zerfaserte. In der Praxis spielte es allerdings wenig Rolle, ob man die Dyskrasien oder die Anomalien des Pneuma als primäre Krankheitsursache ansah, bedeutsam aber wurde es, daß man jetzt wieder mehr im Geiste des Hippokratismus auf den Allgemeinzustand, auf die Krankheitsstadien, auf die individuellen Verhältnisse achten lernte und die hygienisch-diätetischen Kuren gegenüber den arzneilichen bevorzugte. Die Pulsuntersuchung, mittels welcher man den Tonus des Pneuma, d. h. den Kräftezustand, exakt zu beurteilen versuchte, wurde freilich (ebenso wie die Qualitätenlehre) noch subtiler, als dies einst durch Herophilos geschah, ausgesponnen, doch gehört sie immerhin zu den besten Leistungen der griechischen Medizin. Entsprang die pneumatische Schule dem humoralen Dogmatismus und stützte sie sich schon gleich im Beginne stark auf die Methodiker (Tonuslehre, diätetisch-physikalische Therapie u. a.), so schrieb sie, auf ihrem Höhepunkt angelangt, offen den Eklektizismus auf ihr Banner.
Die Krankheitstheorie beherrschte zwar vorwiegend das Interesse der führenden Geister, aber im stillen machten inzwischen doch auch die medizinischen Hilfswissenschaften: Anatomie, Physiologie, Arzneimittellehre und die therapeutischen Zweige, namentlich die Chirurgie, nicht unbedeutende Fortschritte.
Alle diese Bestrebungen und Leistungen lagen im Grunde in den hippokratischen Schriften angedeutet und vorgezeichnet; von Hippokrates ausgehend divergierten sie nach allen Richtungen. Die einseitige Entwicklung hatte einzelne Gedanken oft bis zur Hypertrophie entfaltet, der Umkreis der Realkenntnisse war auf manchen Gebieten beträchtlich erweitert worden, aber es fehlte das umschlingende Band, es mangelte der Konzentrationspunkt, der die mächtigen Strahlenbündel des medizinischen Denkens wieder vereinigte. Nicht von einer Sekte, nicht von einer Schule, sondern nur von einem tatkräftigen, scharf denkenden, allseitig ausgebildeten Manne, der das gesamte Wissen und Können literarisch in sich aufzunehmen und kritisch zu verarbeiten verstand, durfte man einen befriedigenden Ausweg aus dem Wirrsal der Strömungen erhoffen. Im 2. Jahrhundert n. Chr. ging ein solcher führender Geist aus dem Lande hervor, welches die Wiege der griechischen (und damit der europäischen) Kulturmedizin gewesen und welches der antiken Welt die meisten bedeutenderen Aerzte geschenkt hatte, aus Kleinasien[16]. Es war der, nach Hippokrates als größter Arzt des Altertums gefeierte Galenos. In ihm erreichte die griechische Medizin nicht nur ihren zweiten Höhepunkt, sondern ihren erkenntnistheoretischen Abschluß, und im Grunde bedeutet die ganze vorausgegangene Entwicklung nichts anderes als den gewaltigen geistigen Prozeß, welcher unter den mannigfaltigsten Umwandlungen die hippokratische Heilkunst in die galenische Heilwissenschaft hinüberführte.
Galen wurde um 130 n. Chr. zu Pergamos geboren, in der einstigen Attalidenstadt, welche sich auch in Römerzeiten hohen Ansehens als Pflegestätte der Kunst und Wissenschaft, als Kultort des Asklepios erfreute.
Die erste Erziehung empfing er von seinem Vater, dem wohlhabenden Architekten Nikon, welcher, in mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern, außerdem auch in der Philosophie sehr bewandert, den bildsamen Geist des Knaben schon früh in die gleiche Richtung lenkte. Mit scharfer Logik vereinigte übrigens Nikon gleich anderen mathematisch begabten Männern einen wundersamen Zug von Mystik, der sich insbesondere in seiner Traumgläubigkeit aussprach.
Die frühere Ansicht, daß 131 als Geburtsjahr anzunehmen sei, ist aufgegeben worden, doch schwanken die gegenwärtigen Annahmen zwischen 130, 129 und 128. — Seit der Regierung des Antoninus Pius begann eine neue Glanzepoche der theurgischen Heilkunst in den Asklepiostempeln. Die Liebhaberei dieses Kaisers für alle Wahrsagerkünste und namentlich für die Gesundheitsorakel — in seiner Vaterstadt Lanuvium befand sich das Schlangenorakel der Juno Sospita oder Hygiea - gab das Signal, daß überall, wo alte Tempel des Heilgottes vorhanden waren, der Asklepiosdienst nach langer Erstarrung neu belebt wurde (Prozessionen, Inkubation, Gedächtnismünzen), und bald füllten sich die verlassenen Hallen der Heiligtümer zu Epidauros, Kos, Tralles, Pergamos etc. mit hilfesuchenden Kranken. In Pergamos, wo während der Jugendzeit Galens der berühmte Tempel des Zeus-Asklepios erbaut wurde, scheint zwischen der rationellen ärztlichen Wissenschaft und der Priestermedizin das beste Einvernehmen bestanden zu haben.
Galen nennt seinen Vater, an dem er mit schwärmerischer Liebe hing, nie ohne Ehrfurcht. Ganz anders schildert er dagegen die Mutter. „Ich hatte,“ so sagt er, „das große Glück, einen leidenschaftslosen, gerechten, braven und menschenfreundlichen Vater zu besitzen, dagegen eine Mutter von so jähzorniger Art, daß sie mitunter ihre Mägde biß, fortwährend schrie und mit dem Vater zankte, schlimmer als Xanthippe mit Sokrates.“ Nikon nannte wahrscheinlich, im Glauben an den Spruch Nomina sunt omina, den Sprößling Γαληνός, was so viel wie der Ruhige, Friedliche bezeichnet, doch das cholerische Temperament der Mutter erbte sich im Sohne fort, wie die Schreibart des großen Arztes allzuoft deutlich beweist.
Nach vollendetem 14. Jahre lernte Galen bei verschiedenen Lehrern seiner Vaterstadt die Ideengänge der Stoa und Platonik, der peripatetischen und epikureischen Philosophie kennen. Er empfand für die philosophischen Studien die größte Neigung und wollte sie ausschließlich fortsetzen; doch ein Traum seines Vaters, der als Inspiration des Asklepios angesehen wurde, veranlaßte den 17jährigen Jüngling, den eingeschlagenen Weg zu ändern und sich fortan vorzugsweise der Medizin zu widmen - ein Entschluß, welcher für diese selbst wohl am bedeutsamsten werden sollte! Mathematisch-naturwissenschaftlich vorgebildet, in der Logik und Dialektik trefflich geübt, wurde er Schüler von ärztlichen Meistern ganz verschiedener Richtung, des Anatomen Satyros, des Hippokratikers Stratonikos, des Empirikers Aischrion u. a. - so wie er früher, ohne einem einzigen Systeme zu folgen, die widersprechenden Lehrmeinungen der führenden philosophischen Denker zur selbständigen Verarbeitung in sich aufgenommen hatte. Der junge Mediziner benützte in Pergamos jede Gelegenheit, um interessante Krankheitsfälle zu beobachten, er hielt mit seinem kritischen Urteil sogar gegenüber den Autoritäten nicht zurück und bereicherte seine praktischen Kenntnisse zuweilen auch durch volksmedizinische Heilarten.
Galen hat in seinen Schriften so viel biographisches Detail hinterlassen, daß man sich über seinen Studiengang und seine späteren Erlebnisse in der Praxis daraus ziemlich genau unterrichten kann. - Pergamos gewährte durch sein Asklepieion, zu dem zahllose Kranke pilgerten, die günstigste Gelegenheit zu medizinischen Beobachtungen. Unter anderem sah Galen viele Fälle während einer Karbunkelepidemie (die Bloßlegung der tieferen Teile durch die Geschwüre war sehr instruktiv für das anatomisch-chirurgische Studium), und er berichtet, daß sein Lehrer Stratonikos veraltete Ulcera glücklich zu behandeln verstand. Charakteristisch bleibt es, daß er die Wunderkuren des Asklepios - auf dessen Weisungen zu achten er stets vorgab - naiv-gläubig hinnahm und mehrere der göttlichen Heilungen (z. B. eines Falles von chronischem Seitenstechen) unter seinen Jugenderinnerungen später anführte. Auch sonst berichtet er aus dieser Zeit manche Wundergeschichten und rühmt es seiner Heimat fälschlich nach, daß man dort, angeregt durch zufällige Erfahrungen, zuerst auf das Viperngift als Heilmittel gegen Lepra u. a. aufmerksam wurde.
Nach dem Tode des Vaters verließ Galen die Heimat, um an den vornehmsten Pflegestätten der Medizin und auf Reisen eine höhere ärztliche Ausbildung und allgemeine Kenntnisse (z. B. philosophische und linguistische) zu erlangen. In Smyrna hörte er Pelops, der sich insbesonders durch Untersuchungen über Muskelanatomie auszeichnete, dort erweiterte er auch in Gesellschaft der tüchtigsten Aerzte seine Erfahrungen, z. B. über Nervenleiden und chirurgische Affektionen, und setzte seine philosophischen Studien fort. Der Aufenthalt in Korinth wurde wegen des Verkehrs mit dem Anatomen Numisianos belehrend. Auf der Reise durch Kleinasien und Palästina vermehrte er seine naturhistorisch-pharmakologischen Kenntnisse durch Autopsie. Mit den höchsten Erwartungen aber zog er nach Alexandreia, wo die Osteologie und Zergliederungskunst am besten zu studieren war, und der Zusammenfluß von Kranken aller Länder dem Wißbegierigen eine Fülle von klinischen Erscheinungen darbot, wo es unter der Menge von Aerzten Vertreter der verschiedensten Richtungen gab. Tatsächlich dankte Galen der alexandrinischen Schule und der eigenen Beobachtung außerordentlich viel; er nennt Herakleianos und den Methodiker Julianos als Lehrer, spricht sich aber über die Vorlesungen des letzteren höchst ungünstig aus. Zu diesem Urteil mag nicht wenig der Umstand beigetragen haben, daß der Erwähnte polemisch gegen die Aphorismen des Hippokrates aufzutreten wagte und hierdurch die Empfindungen, welche Galen für den großen Koer schon früh hegte und bei verschiedenen Hippokrates-Kommentatoren (Satyros, Pelops, Numisianos) kennen gelernt hatte, tief verletzte.
Nach 9jähriger Wanderschaft finden wir den Pergamener wieder in der Heimat. Es scheint ihm ein bedeutender Ruf vorangegangen zu sein, denn schon war er durch einige anatomisch-physiologische Abhandlungen bekannt geworden, und mehrmals hatte der junge Arzt seine besondere Geschicklichkeit bewiesen; zudem kamen ihm jetzt die guten Beziehungen zur Priesterschaft zu gute. Und so wurde er denn nach Vollendung des 28. Lebensjahres von dem Oberpriester, dem die Abhaltung der sommerlichen Festspiele oblag, zum Gladiatorenarzt ernannt - eine Stellung, die er vier Jahre mit Erfolg bekleidete.
Galen verfaßte schon vor 151 n. Chr. eine für Hebammen bestimmte Anatomie des Uterus, eine Diagnostik der Augenkrankheiten, drei Bücher über die Bewegung der Lunge und die Schrift über die ärztliche Erfahrung (Polemik zwischen Pelops und dem Empiriker Philippos).
Noch im reifen Mannesalter legt er großen Wert auf die Erfahrungen, welche er in seiner Jugend an sich und anderen gemacht hatte. Wiederholt war er zur Herbstzeit infolge unmäßigen Obstgenusses bedenklich erkrankt, in seinem 28. Jahre drohte ihm angeblich aus gleicher Ursache die Gefahr eines inneren Abszesses, so daß er dem Obst ganz zu entsagen beschloß. Die damalige Heilung schrieb er nur der Gnade des Asklepios zu, als dessen Diener er sich fortan erklärte. Einige Male machte er verschiedene Fieber durch - dies wurde mit einem Schlage anders, seitdem er sich einer rationellen Lebensweise nach seinem eigenen diätetischen Systeme befleißigte. In Alexandreia erwarb er reiche Erfahrung über die Wirkung der Nahrungsmittel, des Klimas u. a., auch heilte er einen Studienfreund, der infolge des Genusses unreifer Datteln erkrankt war, in Pergamos kurierte er mehrere Patienten nach eigener Methode, ein Halsleiden durch ein aus grünen Nußschalen bereitetes Mittel, einen Leberschmerz durch Venäsektion zwischen Daumen und Zeigefinger etc., auch sammelte er Material, um über die Lehre von den kritischen Tagen klar zu werden.
Als Gladiatorenarzt hatte er zwar vorwiegend mit Chirurgie zu tun, wobei er angeblich neue Methoden ersann (z. B. bei Schwerverwundeten Befeuchtung der Verbände mit Rotwein, um Entzündung zu vermeiden, Behandlungsweise von Sehnenverletzungen), aber mit offenem Blick verwertete er auch geeignete Fälle zur Vertiefung seines anatomisch-physiologischen Wissens und sorgfältig nützte er die an Athleten gemachten Beobachtungen für die Diätetik und die Lehre von der Heilgymnastik aus.
Im Bewußtsein seines reichen Könnens, von brennendem Ehrgeiz erfüllt und sehnsüchtig nach einem größeren Wirkungskreise Verlangen tragend, verließ Galen neuerdings die Vaterstadt, wo gerade ein Aufstand ausgebrochen war, um in Rom sein Glück zu wagen; von der Uebersiedelung nach Rom versprach er sich mit Recht eine beträchtliche Erweiterung seiner ärztlichen Erfahrungen. (Er stellte in dieser Beziehung einen Vergleich an zwischen der Riesenstadt und den kleinen Städten, in denen Hippokrates forschte.) Schon gleich beim Eintritt durch einige Landsleute gefördert, gelang es ihm sehr rasch, nicht nur festen Fuß zu fassen, sondern durch überraschende Diagnosen, durch unerwartete Heilerfolge, welche mit der bisherigen Behandlungsweise oft im grellsten Widerspruch standen, Aufsehen zu erregen und sich einen Namen zu machen. Wie einst bei Asklepiades, so währte es auch bei Galen nicht lange, da erfreute er sich der Gunst geistvoller und vornehmer Persönlichkeiten, und noch höher wuchs sein Ruhm, als er vor der Elite der römischen Gesellschaft Vorträge über Bau und Leistung des Körpers in ansprechender Form zu halten begann. Zu seinen Freunden zählten die Philosophen Eudemos und Alexander von Damaskus, und bewundernd hingen an dem Gefeierten der Konsular Boethus, der spätere Stadtpräfekt Sergius, M. Civica Barbarus, der Oheim des Kaisers Lucius Verus, und der Schwiegersohn Marc Aurels, Cn. Claudius Severus -- Männer von größtem Ansehen und Einfluß. Doch der Pergamener ging weder in seiner oft einträglichen Praxis noch in dilettantischer Rhetorik auf, sondern arbeitete wissenschaftlich ernst und unaufhaltsam weiter, und gerade während dieser Epoche entstanden mehrere der bedeutendsten, umfangreichsten anatomisch-physiologischen Werke. Die großen Erfolge, welche Galen in Rom als Praktiker, Forscher und Lehrer erzielte, fanden aber bald in manchen betrübenden Eindrücken und Erlebnissen ihr Gegengewicht. Das sittliche Niveau der bunt zusammengewürfelten, ungleich ausgebildeten, in Sekten zerfallenen römischen Aerzteschaft war gewiß, wie aus der zeitgenössischen Literatur ersichtlich ist, ein sehr niederes; entsprechend dem ganzen Zeitcharakter bekämpfte man sich teils in wenig maßvollem Ton, teils mit den vergifteten Waffen der Intrige; schonungslos deckte einer die Schwächen des anderen vor dem Forum des Publikums auf, einzig allein bemüht, selbst mit den unlautersten Mitteln das eigene Renommee zu heben. Man kann sich ausmalen, mit welch scheelen Blicken das wachsende Ansehen des neuen Ankömmlings verfolgt wurde, der allzurasch seine Konkurrenten durch überragende Leistungen überholte. Aber der Neid mußte geradezu zur Mißgunst, zum offenen Hasse ausarten, als der Pergamener, unleugbar von großer Eitelkeit und Selbstbewunderung erfüllt, in Wort und Schrift, in Vorträgen wie am Krankenbette seine Ueberlegenheit in hochfahrendem Ton zur Schau trug, mit verletzendem Spotte die Blößen der Gegner aller Welt offenbarte, die herrschenden Schulen (Erasistrateer, Methodiker) lächerlich machte und nicht selten auch selbst mit nichts weniger als einwandsfreien Mitteln um die Gunst des Publikums buhlte, ja dieses zum Richter aufrief.
Gestützt wahrscheinlich auf Tagebuchaufzeichnungen schildert Galen später in weitschweifiger und von Eigenlob triefender Darstellung die Kurerfolge und diagnostischen Kunststücke während der ersten römischen Jahre. Man ersieht daraus, daß er sich oft, wo die reine Wissenschaft ihn im Stiche ließ, durch schlaue Berücksichtigung zufälliger Umstände zu helfen wußte, daß er mit tiefer Menschenkenntnis dort suggestiv zu wirken verstand, wo der Arzneischatz versagte. „Oftmals,“ so spricht er zu seinen Schülern, „bietet uns der Zufall die Hand zur Berühmtheit, aber die meisten wissen aus Unkenntnis daraus keinen Nutzen zu ziehen.“ Wer den ärztlichen Beruf ausübt und erfahren hat, wie oft zufällige Umstände zur Diagnose führen, wie vorteilhaft und zum Wohle des Patienten namentlich eine verdeckte Suggestion wirkt, wird nicht vorschnell das Vorgehen Galens als Scharlatanerie verdammen -- einen abstoßenden Eindruck macht es aber für unser heutiges Empfinden, daß der große Arzt sich gar zu viel auf diese Seite seines Könnens zu gute tut, alles pomphaft aufbauscht und mit ätzendem Spott seine weniger klugen und weniger glücklichen Kollegen oft in unwürdigster Weise übergießt, ja seine wissenschaftlichen Abhandlungen unter fortwährendem Selbstlob geradezu pro domo schreibt. Freilich ist hierbei in Anschlag zu bringen, daß die scharfen Aeußerungen Galens mindestens teilweise sehr begründet waren und im Rahmen der Zeit auch milder zu beurteilen sind, ferner, daß ihm keiner der damaligen Aerzte an medizinischem Wissen und vielseitiger Ausbildung gleichkam. Typisch ist schon die erste Krankengeschichte, welche den berühmten Landsmann des Pergameners, den Peripatetiker Eudemos betrifft, bei welchem Galen das Aufhören einer Quartana genau auf den Tag voraussagte; hier wird den römischen Aerzten nicht nur Neid wegen der richtig gestellten Prognose, sondern Gewinnsucht, Schurkerei und Bosheit vorgeworfen. In der Darstellung eines anderen Falles, wo eine anfallsweise auftretende Melancholie beseitigt wurde, werden die angesehensten Kollegen als töricht, unwissend und frech gescholten u. s. w. Ein Beispiel für die kluge Benützung von zufälligen Umständen für die Diagnosenstellung bildet die Untersuchung eines leberkranken sizilischen Arztes, wobei Galen auf alles achtete, was im Krankenzimmer einen Schluß auf die Art des Leidens zuließ, sich aber den Anschein gab, als habe er alles aus dem Pulse erkannt. Mit dem gewissen savoir-faire wußte er unter anderem auch an einem der Söhne und an der Frau des Boethos eine „Wunderkur“ zu vollziehen — die ihm nicht weniger als 400 Goldstücke (10000 Kronen) eintrug, und selbstgefällig erzählt er mehrere Fälle, wo er scharfsinnig die psychische Ursache scheinbar schwerer Erkrankungen erriet; sehr günstig für sein Renommee war in dieser Hinsicht insbesondere die Behandlung einer vornehmen Römerin, der Frau des Justus, bei welcher er die Schlaflosigkeit auf unglückliche Liebe (zu dem Tänzer Pylades) zurückführen konnte. Das Verhältnis zu den Kollegen war unter solchen Umständen — die Schuld lag gewiß an beiden Teilen — bald getrübt. Und charakteristischerweise hält sich Galen in seiner Isolierung an die Laien. „Sie hätten doch wenigstens gesunden Menschenverstand, der jenen ‚Sophistenʻ abgeht, während ihm die Aerzte, ‚jene Menschenklasseʻ, wegen seiner glänzenden Erfolge nur Haß und Unverstand entgegenbrächten.“ Man kann sich vorstellen, welchen Neid der Glückliche erregte, als zu seinen öffentlichen Vorträgen über Physiologie, bei welchen auch Vivisektionen an Böcken und Schweinen vorgenommen wurden, die Leute von Rang und Bildung förmlich hinströmten. Schon im ersten Jahre seines Aufenthalts in Rom beschloß er bei Krankenbesuchen nur das Nötigste zu sprechen und öffentlich nicht wieder aufzutreten, ja er wünscht sich, angewidert von dem Treiben der Großstadt, wieder in die Provinz zurück.
Mag man aber über den Charakter Galens, wie immer, denken, das versöhnt doch mit allen seinen aus dem wenig bescheidenen Zeitgeist erklärlichen Schwächen, daß der gesuchte Praktiker inmitten des geräuschvollen Lebens die Energie besaß, Werke zu schaffen, welche seinen dauernden Nachruhm begründet haben. So schrieb er damals die ersten sechs Bücher der „Lehrmeinungen des Hippokrates und Platon“, das erste Buch „über den Nutzen der Körperteile“, die Abhandlungen über die Knochen, über die Venen und Arterien, über die Nerven. Manches andere aus der literarischen Tätigkeit dieser Lebensepoche ist verloren gegangen: zwei Bücher über anatomisches Präparieren, zwei Bücher über die Ursachen des Atmens, vier Bücher über die Stimme, sechs Bücher über die Anatomie des Hippokrates, drei Bücher über die Anatomie des Erasistratos, zwei Bücher über Vivisektionen, ein Buch über die Sektion toter Tiere, eine Abhandlung über die Schädlichkeiten des Aderlasses.
Nach eigener Angabe von den Intrigen der Feinde das Schlimmste befürchtend — es soll vorgekommen sein, daß man den glücklichen Konkurrenten meuchlings beiseite schaffte — verließ Galen die mit so großer Erwartung betretene Hauptstadt nach ungefähr 4jährigem Aufenthalt im Jahre 166 im geheimen, ohne Abschied zu nehmen, wie ein Flüchtling. Es bleibt immerhin merkwürdig, daß die schleunige Abreise in einem Augenblick erfolgte, da ihm durch das Eingreifen seiner mächtigen Gönner der längst ersehnte Zutritt zum kaiserlichen Hofe unmittelbar bevorstand — unter solchem Schutze war doch nichts mehr zu befürchten —, und noch eigentümlicher berührt es, daß Galen von Rom gerade in jenem Augenblick fortzog, da sich mit Riesenschritten jene Seuche näherte, welche wie ein Strom des Unheils das Reich überschwemmte und in seinen Grundfesten zum Wanken brachte — die „Pest“. Es kann dem großen Arzte der Vorwurf nicht erspart bleiben, daß er unter diesen Umständen an seinem Platze hätte ausharren müssen, mochten auch eingebildete oder wirkliche Gefahren drohen!
Die sogenannte „Pest“ des Antonin oder Galen wurde aus Syrien durch die römischen Heere verschleppt und dehnte sich allmählich über ganz Europa aus. In Rom brach sie im Jahre 166 n. Chr. aus. Die außerordentliche Kontagiosität der Seuche wird von allen zeitgenössischen Berichten hervorgehoben. Es scheint sich um verschiedenartige gleichzeitig auftretende Krankheitsprozesse gehandelt zu haben; die Schilderungen weisen vorwiegend auf blattern- und ruhrähnliche Affektionen hin, doch mangeln uns zureichende Anhaltspunkte für die sichere Beurteilung. Die „Pest“ begann 165 n. Chr., forderte unzählige Opfer und dauerte mindestens 15 Jahre fort. Galen gedenkt der Seuche in mehreren seiner Schriften.
Die Rückreise in die Heimat zog sich lange hin, da Galen in verschiedenen Gegenden zu Studienzwecken kürzer oder länger verweilte. So lernte er z. B. in Kampanien den ausgezeichneten Luft- und Milchkurort Tabiae kennen, besuchte auf Cypern das Kupferbergwerk, nahm aus den dortigen Minen große Mengen heilkräftiger Erze mit und sammelte in Palästina Gileadbalsam, am Toten Meere Asphalt, in Phönizien einheimische und indische Drogen. In Pergamos war ihm nur ein kurzer Aufenthalt vergönnt, denn inzwischen durch ihre Umgebung auf den großen Arzt aufmerksam gemacht, beriefen ihn die beiden Kaiser Lucius Verus und Marcus Aurelius Antoninus brieflich von Aquileia aus, wo sie während der Vorbereitung zum Markomannenkriege verweilten, zu sich. Galen kam dem Befehle anscheinend nach einigem Zögern nach, reiste über Lemnos durch Thrakien und Makedonien und traf im Winter 168/9 in Aquileia ein. Der erneute Ausbruch der „Pest“, welcher das Heer dezimierte, nötigte die Kaiser, mit geringer Bedeckung nach Rom zu flüchten, unterwegs erlag Verus der Seuche. Marc Aurel forderte Galen, der ihm nach Rom gefolgt war, auf, ihn auf dem Feldzug gegen die Markomannen zu begleiten, doch (angeblich durch einen Traum, in dem ihm Asklepios erschien, gewarnt) wußte es der Pergamener durchzusetzen, daß der edle Herrscher auf seine Begleitung verzichtete und ihn statt dessen mit der ärztlichen Beaufsichtigung des jungen Commodus betraute. Die Tätigkeit am Hofe nahm jedenfalls so wenig Zeit in Anspruch, daß sich Galen den wissenschaftlichen Arbeiten ungestört widmen und im Zeitraum von 169-180 (Todesjahr des Marc Aurel) die meisten seiner umfangreichen und grundlegenden Schriften abfassen konnte.
Nach dem Tode des Leibarztes Demetrios, welcher während des Markomannenkrieges starb, ernannte Marc Aurel den Galen noch von der Donau her zu dessen Nachfolger; hauptsächlich bestand seine Tätigkeit in der Bereitung des beliebten Theriaks, von dem der Kaiser aus prophylaktischen Gründen täglich zu nehmen pflegte (in einer seiner Konstitution entsprechenden Zusammensetzung). Die zahlreichen Ingredienzien des Wundermittels mußten in vorzüglicher Qualität aus den verschiedensten Ländern herbeigeschafft werden. Bald nach Rückkunft des Kaisers (Ende 176) vollzog Galen an Marc Aurel eine Kur, auf welche er sich viel zu gute tat. Er findet selbst seine Diagnose „wirklich wunderbar“ und erzählt die Episode in seiner gewöhnlichen, deklamatorischen und prahlerischen Weise. Der Kaiser litt seit mehreren Tagen an einer akuten mit Fieber und schmerzhaften Entleerungen einhergehenden Affektion, welche die Leibärzte für einen fieberhaften Paroxysmus hielten und mit Abführmitteln behandelt hatten. „Hierauf,“ berichtet Galen, „berief man mich ebenfalls im Palaste zu übernachten; es kam jemand mich zu rufen, als eben die Lampen angezündet waren, auf kaiserlichen Befehl. Drei hatten ihn in der Frühe und um die 8. Stunde gesehen, zwei ihm den Puls gefühlt, und allen schien es der Anfang eines Anfalls zu sein. Ich aber stand schweigend; da blickte mich der Kaiser an und fragte zuerst, warum ich ihm nicht wie die anderen den Puls gefühlt hätte. Ich entgegnete: ‚Zwei taten dies schon und haben wahrscheinlich schon während der Reise mit dir die Eigentümlichkeit deines Pulses kennen gelernt; deshalb, meine ich, erkennen sie besser den gegenwärtigen Zustandʻ. Als ich dies gesagt, forderte er mich auf, ihn zu fühlen, und da mir der Puls auch bei Berücksichtigung des Alters und der Konstitution von dem abzuweichen schien, der einen Fieberanfall bezeichnet, erklärte ich, es sei keiner zu befürchten, sondern der Magen werde von der eingenommenen Nahrung bedrückt, die von der Ausscheidung verschleimt wäre. Diese Diagnose veranlaßte sein Lob, und er sagte wörtlich dreimal hintereinander: ‚Das ist's, gerade das ist's, was du sagtest; ich fühle ja, daß mir die kältere Nahrung Beschwerde machtʻ. Darauf fragte er, was zu tun sei. Ich antwortete ihm frei heraus, wenn ein anderer der Patient wäre, so würde ich ihm nach meiner Gewohnheit Wein mit Pfeffer gegeben haben. ‚Bei euch Herrschern aber pflegen die Aerzte die unbedenklichsten Heilmittel zu gebrauchen; so genügt es Wolle mit warmem Nardenbalsam getränkt auf den Magenmund zu legen.ʻ Er sagte, auch sonst sei er gewöhnt, wenn er einmal über den Magen zu klagen habe, warmen Nardenbalsam auf Purpurwolle gestrichen aufzulegen, und befahl dem Peitholaos dies zu tun und mich zu entlassen. Als dieser ihn aufgelegt hatte, und seine Füße erwärmt worden waren durch Massieren mit warmen Händen, forderte er Sabinerwein, warf Pfeffer hinein und trank, und zu Peitholaos sagte er nun nach dem Trinken, er hätte nun einen Arzt und zwar einen sehr freimütigen, worauf er fortwährend über mich äußerte, von den Aerzten sei ich der erste und von den Philosophen der einzige; er hatte es ja schon mit vielen versucht, nicht allein geldgierigen, sondern auch ehr- und ruhmsüchtigen, neidischen und bösartigen. Wie ich nun schon erwähnte, glaube ich keine andere Untersuchung gemacht zu haben, die bewundernswerter wäre als diese ...“
Unter den nachfolgenden Herrschern scheinen seine Beziehungen zum Hofe loser gewesen zu sein, doch rühmt sich Galen in einer unter Septimius Severus abgefaßten Schrift, daß er bei allen Kaisern der Reihe nach in hohem Ansehen gestanden habe. Der Wissenschaft völlig hingegeben, bis ins Alter rastlos schriftstellerisch tätig, schon von der Mitwelt verehrt und für die Nachwelt schaffend, starb Galen 201 n. Chr. Wo er die letzten Lebensjahre zubrachte, ob in Rom oder in Pergamos, ist unbekannt.
Das Schrifttum Galens ist ein beispiellos umfangreiches und dabei zugleich vielseitiges; es bezog sich nicht ausschließlich auf die Medizin, sondern betraf nebstdem auch Philosophie, Philologie und Rhetorik. Die Ausarbeitung der Schriften ist eine ungleichmäßige, indem nur an einen Teil die letzte Feile gelegt ist, während andere bloß Entwürfe darstellen; manche besitzen einen sehr bedeutenden Umfang, andere sind bloß fragmentarische Abhandlungen; dem Inhalt nach sind es teils Kommentare und Kompilationen, teils Streitschriften und didaktische Werke; der Stil ist zumeist deklamatorisch, weitschweifig und stellenweise unklar. Da schon bei Lebzeiten Galens Unterschiebungen vorkamen, so verfaßte er selbst eine Uebersicht und eine Anleitung zum Studium seiner Werke — beide sind erhalten und geben uns die wichtigsten Anhaltspunkte, doch schrieb er nachher noch mehrere Werke. Die chronologische Reihenfolge konnte neuerdings annähernd bestimmt werden, jedenfalls ist es deutlich erkennbar, daß Galen in seinen medizinischen Schriften mit anatomisch-physiologischen Themen begann und später, in dem Maße als seine Erfahrung wuchs, sukzessive von der Pathologie zur Therapie aufstieg. Von den nichtmedizinischen sind nur ganz dürftige Reste vorhanden, von den medizinischen ist eine sehr beträchtliche Zahl verloren gegangen (hauptsächlich bei einer Feuersbrunst, welche kurz vor dem Tode des Commodus den Friedenstempel in Asche legte und auch die ἀποθήκη, wo Galenos seine Handschriften verwahrt hatte, zerstörte), vieles liegt noch unediert (besonders in arabischen und hebräischen Uebersetzungen) im Staube der Bibliotheken, anderseits sind zahlreiche auf den Namen des Pergameners lautende Abhandlungen unecht oder mindestens zweifelhaft.
Von der schriftstellerischen Fruchtbarkeit des Pergameners gebe folgendes Verzeichnis eine Vorstellung, wiewohl es nur den größten Teil der auf uns gekommenen und zur Medizin in Beziehung stehenden Werke und Abhandlungen aufführt. Die wichtigsten Gesamtausgaben sind: die Aldina, Venet. 1525, die ed. Basileensis, Basil. 1538 (beide griechisch); die ed. Juntina, Venet. 1541 (mit 9 Neuauflagen), die Frobeniana, zuerst Basil. 1542 (beide lateinisch); die ed. Charteriana mit lateinischer Uebersetzung herausgegeben von R. Chartier, Paris 1638 bis 1679; endlich (die gewöhnlich benützte) von C. G. Kühn, Leipzig 1821-1833, 22 Bände.
Eine modernen Ansprüchen genügende Gesamtausgabe fehlt. Mehrere Schriften vereinigt erschienen in der Bibl. Teubner unter dem Titel Cl. G. scripta minora rec. Marquardt, I. Müller, Helmreich, I Lips. 1884, II 1891, III 1893. Einen noch heute brauchbaren Auszug aus den gesamten Schriften machte Lacuna: Epitome operum Galeni, Basil. 1551 u. ö.
περὶ τῆς τάξεῶς των ἰδίων βιβλίων = de ordine librorum suorum = von Ordnung der eigenen Schriften. Neueste Ausgabe in Galeni Scripta minora ed. Iwan v. Müller, Marquardt und Helmreich, Bibl. Teubner, Lips. II.
περὶ τῶν ἰδίων βιβλίων = de libris propiis = über die eigenen Schriften. Neueste Ausgabe l. c.
Schriften deontologischen, medizin-philosophischen und polemischen Inhalts:
π. αἱρἐσεων τοῖς εἰσαγομένοις = de sectis ad eos, qui introducuntur = über die Sekten, an Anfänger. Neueste Ausgabe in Script. minor. III.
π. τῆς ἀρίοτης αιρέσεως = de optima secta = von der besten Sekte.
π. τῆς ἀρίοτης διδασκαλίας = de optima doctrina = von der besten Lehrmethode. Neueste kritische Ausgabe in Galeni Scripta minora I.
ὁτι ὁ ᾰριστὁς ὶατρὸς καὶ φιλόσοφος = quod optimus medicus sit quoque philosophus = der beste Arzt ist zugleich Philosoph. Neueste Ausgabe in Galeni Scripta minora II.
προτρεπτικος λόγος ἐπὶ τὰς τέχνας = oratio suasoria ad artes = Aufforderung zum Studium der freien Künste (der auf die Medizin gerichtete Teil ist verloren gegangen). Neueste Ausgabe. Scripta minora I. Georg Kaibel, Berl. 1894.
περὶ συστάσεως ὶατρικῆς = de constitutione artis medicae = vom Wesen der ärztlichen Kunst.
ὁτι ταῖς τοῦ σώματος κράσεσιν αί τῆς ψυχῆς δυνάμεις ἑπονται = quod animi mores corporis temperamenta sequantur = der Charakter richtet sich nach den körperlichen Temperamenten. Neueste Ausgabe in Scriptor. minor. II.
περὶ τῶν ἰδίων ἑκάστω παθῶν καὶ ἁμαρτηματων τῆς διαγνώσεως = de propriorum animi cujusque affectuum et vitiorum diagnosi et curatione = Erkenntnis und Heilung der jedem einzelnen eigentümlichen Leidenschaften und Fehler. Neueste kritische Ausgabe in Galeni Scripta minora I.
πρὸς τα ὑπὸ Ἰουλιανοῦ ἀντειρημένα τοῖς Ἱπποκράτους ἀφορισμοῖς = gegen die Widersprüche des Julianos wider die Aphorismen des Hippokrates.
περὶ τῆς ὶατρικῆς ἐμπειριας = Dialog über die ärztliche Erfahrung (gegen die Empiriker gerichtet). 1901 wurde der zufällig aufgefundene Originaltext (Fragment) in den Sitzgber. d. phil.-histor. Klasse der kgl. preuß. Akad. d. Wissensch. veröffentlicht, während früher nur eine lateinische Uebersetzung bekannt war.
ὑποτυπώσεις ἐμπείρικαί = de subfiguratione empirica = von der Vorstellungsweise der Empiriker (nur in lateinischer Uebersetzung erhalten). Bonnet, Diss., Bonn 1872.
De iis, quae medice scripta sunt in Platonis Timaeo = von dem, was ärztlichen Inhaltes in Platons Timäos vorkommt. Kommentarstücke, Daremberg, Fragments du commentaire de Galien etc. Paris u. Leipz. 1848.
Von den philosophischen Schriften engeren Sinnes kommen unter anderen auch für die medizinische Logik in Betracht:
εἰσαγωγὴ διαλεκτική = Institutio logica = Einführung in die Logik. Von Kalbfleisch herausgegeben, Leipz. 1896. Bibl. Teubner.
περὶ ἀποδείξεως (nur in unbedeutenden Bruchstücken und Zitaten erhalten) = de demonstratione = vom wissenschaftlichen Beweis, Iwan v. Müller, über Galens Werk v. w. Bew. München 1895.
π. τῶν ἑαυτῷ δοκούντων = eigene Lehrmeinungen (nur in Fragmenten vorhanden); die erhaltene lateinische Uebersetzung de sententiis wird ediert werden.
π. τῶν παρὰ τὴν λὲξιν σοφισμάτων = de captionibus penes dictionem libellus. Ausgabe C. Gabler, Rostock 1903 (Dissert.).
ὁτι αἱ ποιότητες ἀσώματοι = quod qualitates incorporeae sint = die Qualitäten sind unkörperlich (gegen die Stoiker gerichtet).
Auf Hippokrates beziehen sich:
Ἱπποκράτους γλωσσῶν ὲξήγη̈σις = Glossar zu Hippokrates, und fünfzehn Kommentare zu den hippokratischen Schriften: de fracturis, de articulis, aphorismi, prognosticum, prorrhetica, de crisibus, de diebus criticis, de victu in acutis, de victu salubri, de humoribus, de officina medici, de aere aq. et loc. de natura hominis, de alimentis, epidemiorum libri (zum Teil nur lateinisch und lückenhaft erhalten).
Zur Anatomie und Physiologie.
περὶ χρείας τῶν ἐν ἀνθρώπου σώματι μορίων XVII = de usu partium corporis humani libri XVII = über den Nutzen der Körperteile. Deutsche Uebersetzung von Nöldeke, Oldenburg 1805, 1 Band; neueste kritische Ausgabe des 4. Buches, griechisch von Helmreich, Augsburg 1886.
π. τῶν ἀνατομικῶν ἐγχειρήσεων XV = de anatomicis administrationibus libri XV = über anatomisches Präparieren. Griechisch sind nur die ersten 9 Bücher ganz erhalten, 10-15 sind in arabischer Uebersetzung vorhanden.
π. τῶν Ἱπποκράτους καὶ Πλάτωνος δογμάτων IX = de Hippocratis et Platonis placitis libri IX = Lehrmeinungen des Hippokrates und Platon (ed. Iwan v. Müller, I, Lips. 1874).
π. μήτρας ἀνατομῆς = de uteri dissectione = Uterusanatomie.
π. μελαίνης χολῆς = de atra bile = die schwarze Galle (vielleicht nicht echt).
π. φωνῆς IV = de voce et anhelitu (nur lateinisch erhalten; der lat. Text ist wahrscheinlich nach einer arabischen Uebertragung verfertigt worden).
π. τῶν ὸστων τοῖς εἰσαγομένοις = de ossibus ad tirones = von den Knochen, für die Anfänger.
π. φλεβῶν καὶ ἀρτηριῶν ἀνατομῆς = de venarum arteriarumque dissectione = Anatomie der Blut- und Schlagadern.
π. νεύρων ἀνατομῆς = de nervorum dissectione = Nervenanatomie.
π. μυῶν κινήσεως II = de motu musculorum libri II = Muskelbewegung.
π. τῶν τῆς ἀναπνοῆς αἰτιῶν = de causis respirationis = von den Ursachen des Atmens.
π. τῶν καθʹ Ἱπποκρἀτην στοιχείων = de elementis secundum Hippocratem = über die Elemente n. H. Neueste kritische Ausgabe de elementis ex Hippocratis sententia libri duo von Helmreich, Erlangen 1878.
π. κράσεων III = de temperamentis libri III = die Mischungsverhältnisse. Neueste kritische Ausgabe von Helmreich, Leipz. 1904.
π. φυσικῶν δυνάμεων III = de facultatibus naturalibus libri III = natürliche Kräfte (Physiologie). Neueste Ausgabe, G. Scripta minor III.
π. οὐσιας τῶν φυσικῶν δυνάμεων = de substantia naturalium facultatum = vom Wesen der natürlichen Kräfte (Fragment).
π. σπέρματος II = de semine libri II = über den Samen.
π. ὀσφρήσεως ὀργάνου = de instrumento odoratus = Geruchsorgan.
π. μυῶν ἀνατομῆς = de musculorum dissectione = Muskelanatomie.
π. χρείας ἀναπνοῆς = de usu respirationis = über den Zweck der Atmung.
εἰ κατὰ φύσιν εν ἀρτηρίαις αἶμα περὶέρχεται = an in arteriis natura sanguis contineatur = ob im natürlichen Zustande Blut in den Arterien enthalten sei.
περὶ κυουμένων διαπλάσεως = de foetus formatione = über die Bildung der Leibesfrucht.
π. έπταμήνων βρεφῶν = de septimestri partu = das Siebenmonatskind.
An omnes partes animalis quod procreatur fiant simul = ob alle Teile des Tieres bei der Erzeugung zugleich entstehen (zweifelhafte Schrift, nur lateinisch veröffentlicht).
Zur Hygiene.
ὑγιεινά VI = de sanitate tuenda libri VI = von der Erhaltung der Gesundheit.
περὶ ἀρίστης κατασκευῆς τοῦ σώματος ἡμῶν = de optima corporis nostri constitutione = die beste Konstitution unseres Körpers.
π. εὺεξίας = de bono habitu = Wohlbefinden.
π. ἐθῶν = de consuetudine = Gewohnheiten. Neueste kritische Ausgabe in Scripta minora II.
πότερον ἰατρικῆς ῆ γυμναστικῆς ἐστι τὸ ὑγιεινόν = utrum medicinae sit an gymnastices hygieine = ob die Lehre von der Erhaltung der Gesundheit zur Medizin oder zur Gymnastik gehöre. Neueste kritische Ausgabe, in Scripta minora III.
π. τοῦ διὰ τῆς σμικρᾶς σφαἰρας γυμνασίου = de parvae pilae exercitio = von dem Spiel mit dem kleinen Ball. Neueste Ausgabe, in Scripta minora I.
Pulslehre.
ἡ τῶν σφυγμῶν πραγματεία Handbuch περὶ διαφορᾶς σφυγμῶν IV = de differentia pulsuum = vom Unterschied des Pulses.
π. διαγνώσεως σ. IV = de dignoscendis pulsibus = von der Erkennung des Pulses.
π. τῶν ἐν τοῖς σφυγμοῖς αῖτίων = de causis pulsuum = von den Ursachen des Pulses.
π. προγνώσεως σφυγμῶν IV = de praesagitione ex pulsu = von der Prognostik aus dem Pulse.
περὶ τῶν σφυγμῶν τοῖς εἰσαγομένοις = de pulsibus ad tirones = über den Puls, für Anfänger.
σύνοψις π. σφυγμῶν ἰδίας πραγματείας = Synopsis librorum suorum de pulsibus = Auszug aus dem eigenen Handbuch über den Puls.
περὶ χρείας σφυγμῶν = de usu pulsuum = der Nutzen des Pulses.
Diätetik.
περὶ λεπτύνουσης διαίτης = de attenuante victus ratione = von der mager machenden Diät. Neueste Ausgabe von Kalbfleisch, Leipz. 1898.
π. πτισάνης = de ptisana = über die Ptisane.
π. τροφῶν δυναμεως III = de alimentorum facultatibus libri tres = Wirkung der Nahrungsmittel.
π. ευχυμιας καἰ κακοχυμίας τροφῶν = de probis pravisque alimentorum sucis = von den guten und schlechten Säften der Nahrungsmittel.
Zur Arzneimittellehre.
περὶ κράσεως καἰ δυναμεως τῶν ἁπλῶν φαρμάκων XI = de simplicium medicamentorum temperamentis et facultatibus libri XI = von der Mischung und den Kräften der einfachen Arzneimittel.
π. συνθέσεως φαρμάκων τῶν κατὰ γένη VII = de compositione medicamentorum secundum genera libri VII = Zusammensetzung der Arzneimittel nach Arten.
π. συνθέσεως φαρμάκων τῶν κατὰ τόπους X = de compositione medicamentorum secundum locos libri X = Zusammensetzung der Arzneimittel nach Körperteilen.
De remediis parabilibus = von den leicht anzuschaffenden Arzneimitteln, beruht auf Galen (π. ευπορίστων = Hausmittel), ist aber unecht.
π. ἀντιδότων II = de antidotis libri II = von den Gegengiften.
πρὸς Πίσωνα π. τῆς θηριακῆς = de theriaca ad Pisonem = vom Theriak (wahrscheinlich unecht).
Zur Aetiologie, Pathologie, Diagnostik und Prognostik.
περὶ τῶν πεπονθότων τόπων VI = de locis affectis libri VI = von den kranken Körperstellen.
π. τύπων = de typis = von den (Fieber-)Typen.
π. τῶν προκαταρκτικῶν αἰτίων = de causis procatarcticis = von den vorbereitenden Ursachen (nur lateinisch vorhanden).
π. τῶν συνεκτικῶν αἰτίων = de causis continentibus = von den fortwirkenden Ursachen (nur lateinisch, ed. Kalbfleisch, Marburg 1904).
π. ὰνωμάλου δυσκρασίας = de inaequali intemperie = von dem regelwidrigen schlechten Mischungsverhältnis.
π. τρόμου καἰ παλμοῦ καἰ ῥίγους καἰ σπασμου = de tremore, palpitatione, rigore et convulsione = von Zittern, Herzklopfen, Starrfrost und Zuckungen.
π. διαφορᾶς νοσημάτων = de differentiis morborum = Unterschiede der Krankheiten.
π. τῶν ἐν τοῖς νοσήμασιν αἰτίων = de morborum causis = über die Krankheitsursachen.
π. τῶν συμπτωμάτων διαφορᾶς = de symptomatum differentiis = Unterschied der Symptome.
π. αἰτίων συμπτωμάτων III = de symptomatum causis libri III = die Ursachen der Symptome.
π. δυσπνοίας III = de difficultate respirationes libri III = Atembeschwerden.
π. πλήθους = de plenitudine = Plethora.
π. διαφορᾶς πυρετῶν II = de differentiis febrium libri II = vom Unterschied der Fieber.
π. τοῦ προγιγνώσκειν = de praenotione = die Vorhersage.
π. τῆς ἐξ ἐνυπνίων διαγνώσεως = de dignotione ex somniis = von der Erkenntnis der Krankheiten aus den Träumen.
π. τῶν ἐν ταῖς νόσοις καιρῶν = de morborum temporibus = Krankheitsstadien.
π. τῶν ὁλου τοῦ νοσήματος καιρῶν = de totius morbi temporibus = Stadien im Gesamtverlauf der Krankheiten.
π. κρίσεων III = de crisibus III = von den Krisen.
π. κρισίμων ἡμερῶν III = de diebus creticis III = von den kritischen Tagen.
πρὸς τοὺς περὶ τύπων γράψαντες ἢ περὶ περιόδων = adversus eos, qui de typis scripserunt = gegen die Schriftsteller über Typen oder Perioden.
πῶς δεῖ ἐξελέγχειν τοὺς προσποιουμένους νοσεῖν = quomodo morbum simulantes sint deprehendendi = wie man Simulanten entlarven muß.
περὶ τῶν παρὰ φύσιν ὄγκων = de tumoribus praeter naturam = widernatürliche Geschwülste.
Zur Therapie.
θεραπευτικὴ μέθοδος XIV = Methodi medendi libri XIV = Heilweise.
πρὸς Γλαύκωνα θεραπευτικῶν II = ad Glauconem de medendi methodo libri II = über die Therapie.
φλεβοτομίας θεραπευτικόν = de curandi ratione per venaesectionem.
περὶ φλεβοτομίας πρὸς Ἐρασίστρατον = de venaesectione adversus E. = vom Aderlasse gegen E.
π. φλεβοτομίας πρὸς Ἐρασιστρατείους τοὺς ἐν Ῥώμῃ = de v. adv. Erasistrateos Romae degentes = über den Aderlaß gegen die in Rom lebenden Anhänger d. E.
π. τῆς τῶν καθαιρόντων φαρμάκων δυνάμεως = de purgantium medicamentorum facultate = die Wirkung der Abführmittel.
π. μαρασμοῦ = de marcore = von der Entkräftung.
Τῷ ἐπιλἡ(μ)πτω παιδὶ ὑποθήκη = pro puero epileptico consilium = Ratschläge für den epileptischen Knaben.
περὶ βδελλῶν ἀντισπάσεως, σικύας καἰ ἐγχαράξεως καἰ κατασχασμοῦ = de hirudinibus, revulsione, cucurbitula, incisione et scarificatione = Blutegel, Revulsion, Schröpfköpfe, Einschneiden und Skarifizieren.
Kurze Zusammenfassung des ganzen Galenischen Systems:
τέχνη ἰατρική = ars medica = von der Heilkunst.
Leider sind sehr viele Abhandlungen, deren Titel wir kennen, verloren gegangen. Hingegen wurden nicht wenige Schriften fälschlich dem Galen unterschoben, darunter solche (z. B. anatomische), deren Entstehungszeit sehr spät im Mittelalter anzusetzen ist. Von allgemeinem Inhalt sind unter anderen die pseudogalenischen Schriften: ὁροι ἰατρικοί = medizinische Definitionen (pneumatische Theorie; übersetzt in Gurlts Gesch. d. Chirurgie, Berlin 1898, I, p. 443 ff.) und εἰσαγωγή ἢ ἰατρός = Einleitung oder der Arzt.
Ohne hier auf die zahlreichen Handschriften und Kommentare, auf die Uebersetzungen und Einzelausgaben aus älterer Zeit einzugehen, verweisen wir nur auf einige Uebertragungen in moderne Sprachen: Galen, Vom Aderlassen gegen Erasistratus, übersetzt von Sallaba, Wien 1791; Fieberlehre mit Anmerkungen von Kurt Sprengel, Breslau 1788; Galens Werke I. Band, enthaltend „Vom Nutzen der Teile des menschlichen Körpers“, übersetzt von Nöldeke, Oldenburg 1805; Oeuvres anatomiques, physiologiques et médicales de Galien. etc. par Daremberg, Paris 1854-1857 (2 vol.). Enthält: quod optimus medicus sit quoque philosophus, oratio ad artes, quod animi mores corpor. temperamenta sequantur, de consuetudine, de usu part. corpor. humani, de facultatibus naturalibus, de motu musculorum, de sectis, de optima secta, de locis affectis, de medendi methodo ad Glauconem. Anatomische Werke des Rhuphos und Galenos, erste deutsche Uebersetzung von R. Ritter v. Töply, Wiesbaden 1904. Die Schrift Galens „Wie man Simulanten entlarven muß“ wurde 3mal ins Deutsche übersetzt (in Pyls Repertorium I, p. 39, Deutsche med. Wochenschr. 1888 [Pagel] und Friedreichs Blätter 1889 [Fröhlich]). Auf Pagels Anregung und unter seiner Leitung erschienen die Dissertationen: (1898) Brink, Die allgemeine Therapie des Galen (Uebersetzung von θεραπευτικὴ μέθοδος Lib. I, cap. 1-5; Carney, dasselbe Lib. III, cap. 1-3; Glaser, Zur Wund- und Geschwürsbehandlung nach Galen Lib. IV, cap. 1-3; ter Beek, Die allgemeine Therapie des Galen Lib. I, cap. 6 bis Schluß; Voigt, Fieberbehandlung nach Galen Lib. VIII, cap. 1-4; [1889] Beck, Zur diätetisch-physikalischen Therapie des Galen Lib. VIII, cap. 5-9; Meyer, Fr., Beitrag zur Therapie des Galen Lib. II, cap. 1-4; Szepansky Lib. XIV, cap. 8-19; Tietz, Beitrag zur Therapie des Galen Lib. XIV, cap. 1-7; Prüsman, Die Behandlung des Geschwürs nach Galen Lib. III, cap. 4-6; Wandersleben, Beitrag zur Kenntnis der Therapie des Galen Lib. II, cap. 5. u. 6.) - Das X. Buch de usu partium corp. h., enthaltend die Anatomie und Physiologie des Auges, wurde unter Leitung von J. Hirschberg ins Deutsche übertragen: „Die Augenheilkunde des Galenus“, Diss. von O. Katz, Berlin 1890. Die Abhandlung de attenuante diaeta erschien unter Leitung Koberts ins Deutsche übersetzt, Breslau 1903 unter dem Titel „Galens Schrift über die säfteverdünnende Diät“ von W. Frieboes und F. W. Kobert.
Ueber seine schriftstellerische Tätigkeit gibt Galen selbst folgende Aufschlüsse: Ursprünglich sollten die Aufzeichnungen über wissenschaftliche, besonders medizinische Gegenstände, abgesehen von den Zwecken eigener Ausbildung, nur den Freunden, seine Diktate nur den Anfängern zur Belehrung dienen. Da aber doch viele seiner Schriften, ohne daß er es wollte, in die Oeffentlichkeit gedrungen waren, so sah er sich genötigt, vor dem großen Publikum als Schriftsteller aufzutreten. Diese Angaben sind wohl nur cum grano salis zu nehmen, ebenso wie seine pathetische Zurückweisung jedweder Ruhmsucht: „Der Beifall der Menge ist in gewisser Beziehung den Lebenden mitunter ganz nützlich, den Toten nützt er gar nichts. Wer ein beschauliches Dasein führen will in philosophischer Betrachtung, mit genügendem Unterhalt für des Leibes Pflege versehen, dem ist der Ruhm beim Volke kein geringes Hindernis, denn er lenkt ihn mehr als billig vom Besten ab. Das habe auch ich oft schmerzlich empfunden, wenn mich die Leute lange Zeit hintereinander so plagten, daß ich ein Buch nicht einmal anrühren konnte. Dabei verachtete ich seit früher Jugend merkwürdig, fanatisch, rasend, wie man es nun nennen will, den Ruhm bei der Menge und lechzte nach Wahrheit und Wissen, denn das hielt ich für den schönsten und göttlichsten Besitz des Menschen.“
Die Schriften Galens machen eine Bibliothek für sich aus, die gründliche Beschäftigung mit ihnen würde das Lebenswerk eines einzelnen in seiner Gänze in Anspruch nehmen oder gar übersteigen. Aus diesem Grunde begnügte man sich zu Studienzwecken zumeist mit einer Auswahl der wichtigsten. Für die ärztliche Vorbildung zog man im Mittelalter namentlich folgende heran: „De usu partium corporis humani“, „De pulsibus“, „Methodus medendi“ („Megatechne“ genannt), „De crisibus“, „De differentiis febrium“, Kommentare zu hippokratischen Schriften und „Ars parva“ (Mikrotechne). Die „Mikrotechne“, oder im Idiom der Latinobarbaren auch „tegni“ genannt, enthält gleichsam in nuce die theoretischen Grundsätze und praktischen Lehren des Pergameners, so daß sie sich ganz besonders als Lehrbuch zur raschen Einführung in die galenische Heilkunst eignete.
In seiner Totalität läßt sich das Wesen großer Individualitäten aus der empfangenen Bildung und aus dem Milieu nicht erklären; stets bleibt bei der psychologischen Analyse ein Rest zurück, ein Mysterium, in dem die Eigenart, die suggestive Wirkung und die geistige Macht eigentlich wurzelt. Immerhin wirft die Geschichte des Lebensgangs und der Zeit so manches Streiflicht auf das Schaffen einer Persönlichkeit, sie macht namentlich die eingeschlagene Richtung verständlicher, sie rückt die Größe und den Erfolg in kritische Sehweite. Dies trifft bei Galen in besonders weitem Ausmaß zu! Ja, man könnte sagen, die ganze vorausgegangene medizinische Entwicklung, die er ontogenetisch in seinem Studium wiederholte und ohne welche seine Größe undenkbar wäre, bildet das Piedestal für den Pergamener; der medizinische Synkretismus im Bunde mit der erneuten Pflege der exakten Hilfswissenschaften (Anatomie) und Untersuchungsmethoden (Pulslehre) zeichnete ihm den Weg für die Reform vor; der philosophische Eklektizismus mit seiner Tendenz zur Vereinigung des Platonismus mit der Peripatetik, mit seinem starken Richtzug von der Skepsis zur Teleologie und zum Monotheismus verleiht der galenischen Anschauungsweise die charakteristischen Farbentöne; die Zerfahrenheit der Verhältnisse, die Sehnsucht nach Beendigung des Gezänkes der widerstrebenden Sekten, die geringe Fähigkeit der Zeitgenossen zu kräftigen Leistungen, ebneten seinem Erfolg den Weg. Der Boden war gegeben für die fruchtbringende Saat, welche das überragende Talent, die immense Kombinationsgabe, der beispiellose Fleiß des Pergameners, wie aus einem Füllhorn ausstreute. Durch die Zeit war das Fundament gelegt, auf dem der mathematisch-philosophisch begabte und geschulte Sohn des Architekten Nikon als einer der größten Baumeister im Reich des Gedankens aus den Trümmern der vorausgegangenen sein eigenes, alles umschließendes System der Heilkunde errichten konnte - ein Symbol der überwölbenden Weltmacht des hellenischen Geistes und der römischen Tatkraft auf einem Einzelgebiete, ein Bau, der für die Medizin vieler Jahrhunderte und der verschiedensten Länder ausreichen sollte!
Das Ziel, welches Galen bei all seinen gelungenen oder verfehlten Bestrebungen unverrückbar vorschwebte, war die Umwandlung der Heilkunst in eine exakte Wissenschaft. An Versuchen hiezu hat es vor ihm gewiß nicht gemangelt, niemand vor ihm hat aber dieser Bestrebung eine so breite Grundlage gegeben.
Wiewohl vorzugsweise von Empirikern in die Medizin eingeführt, widerstrebten seinem logisch geeichten Geiste sehr bald die Grundsätze dieser Schule, die von vornherein auf rationelle Begründung verzichtete. Noch weniger konnte er am Methodismus Gefallen finden, der das Gesichtsfeld der ärztlichen Beobachtungen willkürlich und einseitig beschränkte, und dessen Anhänger zumeist der philosophischen Bildung gänzlich entbehrten[17]. So mußte er denn in den Hafen des Rationalismus einlaufen, welcher anscheinend das Postulat einer wahrhaft wissenschaftlichen Methode erfüllte. Als solche galt ihm nur jene, die analog der geometrischen Beweisführung aus sicheren Prämissen in streng logischer Weise Folgerungen ableitet; auf die Medizin angewendet, bedeutet dies die Deduktion der Therapie aus der Kenntnis der Krankheit und aus der Einsicht in die Wirksamkeit der Heilmittel.
Galen beschäftigte sich intensiv mit der Methodologie, am ausführlichsten in der Schrift περὶ ἀποδείξεως, welche leider verloren gegangen ist. Er erklärte das Euklidische Beweisverfahren für das beste. Aus diesem Grunde fordert er vom Arzt und Philosophen eine mathematische Vorkenntnis; wie oben erwähnt, besaß er selbst eine solche Vorbildung in besonderem Maße dank dem Unterrichte seines Vaters. Analog dem geometrischen Verfahren wollte er eine allgemeine wissenschaftliche Methode begründen, welche ihre Prinzipien aus der sinnlichen Wahrnehmung und aus der unmittelbaren Gewißheit des Verstandes entnimmt und daraus ihre Schlüsse zieht. Grundlagen sind also πεῖρα und λόγος, von ihnen sagt er, daß sie δύο άπάσης εύρέσεως ὄργανα seien. Scheinbar stimmt dies mit der hippokratischen Vorschrift zusammen; der wichtige Unterschied liegt aber darin, daß der koische Arzt nur den auf breiter Erfahrungsbasis (induktiv) erworbenen Verstandesschluß zuläßt, jedoch die nicht von Sinneswahrnehmungen, sondern nur von einer plausiblen Vorstellung ausgehende Ueberlegung verwirft (vergl. S. 194). Galen hingegen kennt neben der Sinneserfahrung auch eine unmittelbare Gewißheit des Verstandes, wozu Axiome des common sense und Ueberzeugungen gehören, welche sich der wissenschaftliche Forscher gebildet hat. Freilich bilden Versuche und Erprobungen ein Kriterium, dennoch aber wird dem λόγος und damit der deduktiven Methode eine überragende Stellung eingeräumt, wie sie dem echten Hippokratismus widersprach. Galen verkennt völlig den gewaltigen Unterschied, der zwischen den mathematischen und den empirischen Wissenschaften besteht, er hypostasiert auch in den letzteren Axiome a priori, und daraus erklären sich alle die gewaltigen Fehlschlüsse, zu denen er mit seiner „geometrischen“ Methode in der Medizin gelangen mußte. Auf manchen umschriebenen Gebieten allerdings, wo die Anatomie genügende Basis lieferte oder physikalische Gesetze den Ausgangspunkt bildeten, konnte er mit der Deduktion Erfolge haben. Die wissenschaftliche Methode der Medizin hat nach Galen ihren Ausgangspunkt von den sinnlich wahrnehmbaren Phänomen, den Symptomen, zu nehmen (Autopsie). Jedoch handelt es sich darum, nicht wahllos die Symptome zu beobachten, sondern bloß jene, die auf die Krankheitsursache, den Krankheitssitz und den allgemeinen Kräftezustand hindeuten; aus der Kenntnis der Krankheitsursache ergibt sich das Heilverfahren; aus der Kenntnis des Krankheitssitzes die Art der Applikation; aus der Berücksichtigung des allgemeinen Kräftezustandes der Grad der anzuwendenden Mittel. Weiterhin hat man auch die ἱστορία, d. h. die früheren und fremden Erfahrungen heranzuziehen und zu therapeutischen Analogieschlüssen zu verwerten, jedoch ist auch hier das Wesentliche vom Unwesentlichen zu sondern, da nur bei gleichen Hauptsymptomen das gleiche Heilverfahren einzuschlagen ist. Man sieht deutlich, daß Galen den „Dreifuß“ der Empiriker für den dogmatischen Standpunkt ummodelt (vergl. das Kapitel Die Schule der Empiriker). Die wissenschaftliche Methode legt ferner auch auf die Indikationen besonderes Gewicht, aber nicht in dem Sinne wie die Methodiker, welche ihre Heilanzeigen bloß dem Grade des strictum oder laxum entnahmen. Der Mannigfaltigkeit der Krankheiten entspricht eine ebensolche Mannigfaltigkeit der Mittel; die Anwendung hat nach dem Grundsatz Contraria contrariis zu geschehen. Im Prinzip bildet diese streng logische Methode gewiß das Ideal der Medizin aller Zeiten, ein Ideal, dem sie sich nur sehr langsam nähert. Galen und alle späteren Systemschöpfer bis an die Schwelle der Gegenwart verkannten, daß eine rein kausale Therapie entsprechend dem Stand der Hilfswissenschaften nur auf einem sehr umschriebenen Felde durchzuführen ist, und daß sich die Medizin, solange die exakte Wissenschaft nicht zureicht, einstweilen mit einem provisorischen, kritischen Empirismus begnügen muß, wie ihn Hippokrates empfahl.
Galen nahm wohl die Prinzipien der Dogmatiker an, aber er wahrte seine Selbständigkeit als Kritiker und Forscher, indem er einerseits der rationalistischen Medizin eine unvergleichlich breitere Grundlage durch Ausbau der Hilfswissenschaften gab, anderseits auch die Errungenschaften und Ideen der übrigen Schulen nicht außer acht ließ. In seinem Systeme können daher Elemente verschiedenster Herkunft nachgewiesen werden.
Wie es öfters im Laufe der Geschichte unserer Wissenschaft geschah, knüpfte der Reformator von Pergamos an Hippokrates an, oder richtiger gesagt an das Corpus Hippocraticum. Diese Schriftensammlung machte er zum Gegenstand geistvoller Kommentare, wobei er auf das Theoretische unverhältnismäßig das Schwergewicht legte. Wiewohl er dem Hippokrates die größte Verehrung zollte und die Gegner desselben geradezu für unwissende Menschen oder für spitzfindige Dialektiker ohne gesunden Menschenverstand erklärte, wiewohl er dem großen Arzte von Kos in der Praxis, namentlich in der Prognostik nachzueifern bemüht war, so zeigt doch gerade die Art, wie Galen den Hippokratismus auffaßte, so recht, daß die naive naturwahre Beobachtung inzwischen einer gekünstelten, pedantisch subtilen Gelehrsamkeit das Feld geräumt hatte, und daß man in der überfeinerten Epoche der Cäsaren längst nicht mehr so zu schauen und zu sehen im stande war, wie im Zeitalter des Perikles. Das Wissen und das Können war beträchtlich gewachsen, aber die Weisheit, das unabhängige, von jedem äußeren Zwange freie Denken hatte bereits beträchtliche Einbuße erlitten.
Das galenische System gründet sich auf naturphilosophische Spekulationen, anatomische Untersuchungen, physiologische Experimente und klinische Beobachtungen, wobei jedoch zu beachten ist, daß diese Methoden nur in sehr ungleichem Ausmaße zur Geltung gelangen.
Im schärfsten Gegensatz zum Atomismus räumt Galen sowohl den Kräften als den Grundstoffen und Qualitäten die gleiche Bedeutung ein; die axiomatische Voraussetzung seiner Lebenstheorie bildet die Zweckmäßigkeit aller Naturvorgänge, deren Nachweis im einzelnen eine Hauptaufgabe der Forschung ausmacht.
Träger des Lebens und der vitalen Kräfte, welche den Stoff beherrschen, ist das Pneuma. Entsprechend den drei Grundformen des Lebens, dem psychischen, animalischen und vegetativen, bezw. den drei Grundkräften δύναμις ψυχικὴ, δ. ζωτικὴ und δ. φυσικὴ entfaltet sich das Pneuma in dreifacher Weise, nämlich als psychisches, animalisches und natürliches. Das πνεῦμα ψυχικὸν sitzt im Gehirn und verbreitet sich auf dem Wege des Nervensystems; das πνεῦμα ζωτικὸν wird vom Herzen und den Arterien vermittelt, es manifestiert sich im Pulse, weshalb die zugehörige vitale Grundkraft (δύναμις ζωτική) auch als δύναμις σφυγμικὴ bezeichnet wird; das πνεῦμα φυσικὸν hat zum Organ die Leber und die Venen. Die Tatsache, daß sich das psychische, animalische und vegetative Leben wieder in verschiedene Funktionen sondern läßt, findet darin ihren Ausdruck, daß den Grundkräften noch Unterkräfte, mit schärfer umschriebener Wirkungssphäre, subordiniert sind; so kommt z. B. die Verdauung, die Ernährung, das Wachstum der einzelnen Organe, die Absonderung, durch Partialkräfte zu stande, wovon die anziehende (δύναμις ἑλκτική), die anhaltende (δ. καθεστική), die umwandelnde (δ. ἀλλοιωτική), die austreibende (δ. πρωστική), die absondernde (δ. ἀποκριτική) Kraft zu unterscheiden sind. Jedes Organ besitzt sein Eigenleben und seine besondere, nur ihm eigentümliche Kraft, welche die spezifischen Wirkungen hervorbringt; sie ist nicht weiter erklärbar und wohnt der ganzen Substanz inne. Der Ablauf der Lebenserscheinungen und die Funktion der vitalen Kräfte ist bedingt durch unausgesetzte Erneuerung des Lebenspneuma. Die Erneuerung erfolgt durch Aufnahme desselben aus der Luft auf dem Wege der Lungen sowie auf dem Wege der Hautporen und Arterien, d. h. durch die Atmung.
Der teils auf platonisch-aristotelische, teils auf stoische Prinzipien zurückgehenden dynamischen Anschauung tritt die stoffliche Analyse zur Seite, welche einerseits auf naturphilosophischen, anderseits auf anatomischen Vorstellungen beruht.
Ebenso wie in den übrigen Systemen der Antike wird auch in dem galenischen die Idee der Korrespondenz zwischen Makrokosmus und Mikrokosmus durchgeführt. Den vier Elementen, Feuer, Wasser, Luft und Erde, bezw. den vier ersten Qualitäten, dem Warmen, Kalten, Feuchten und Trocknen, entsprechen die vier Kardinalsäfte, das Blut, der Schleim, die gelbe und die schwarze Galle. Im Blute sind die Grundstoffe gleichmäßig gemengt, es wird durch die ersten Qualitäten hervorgebracht, in den drei übrigen Säften überwiegt ein Element, und zwar im Schleim das Wasser, in der gelben Galle das Feuer, in der schwarzen Galle die Erde. Die sinnlich wahrnehmbaren, sogenannten zweiten Qualitäten, d. h. die verschiedenen Arten des Geschmacks, des Geruchs, der Härte und Weichheit, der Nässe und Kälte, der Wärme und Trockenheit sind die Folge der verschiedenen Mischung der Elemente (bezw. der ersten Qualitäten). Mischung ist Bewegung; das Produkt der Mischung, der endliche Gleichgewichtszustand heißt das Temperament.
Vom anatomischen Gesichtspunkte lassen sich die Gebilde des Körpers sondern: in gleichartige und ungleichartige (ὁμοιομερῆ καἰ ἀνομοιομερῆ) Teile. Zu den ersteren gehören die Bänder, Sehnen, Knochen, Nerven und Blutgefäße, zu den letzteren die Organe. Jedes Körpergebilde hat sein Temperament; die roten, warmen, mehr weichen und feuchten Teile entstammen dem Blute, die weißen, kalten, soliden und trockenen dagegen dem Samen.
Hinsichtlich der Frage, ob die vom Pneuma getragenen, an die Grundstoffe gebundenen, vitalen Kräfte etwas Primäres sind oder bloß das Resultat der Mischung darstellen, schwankt Galen. Ebenso hält er auch das Problem der Seele unlösbar, doch ist er wegen der großen Abhängigkeit des Psychischen von physischen Verhältnissen eher zur Annahme geneigt, daß die seelischen Funktionen das Produkt der elementaren Mischung ausmachen. Hiermit hängt auch die Dreiteilung der Seele zusammen. Das Vermögen, zu schließen (ψυχὴ λογιστική), sitzt im Gehirn, das Gemütsleben (ψ. θυμοείδης) im Herzen, das Begehrungsvermögen (ψ. έπιθυμητική) in der Leber.
Die Anwendung dieser allgemeinen Ideen auf die Theorie des gesunden und kranken Lebens erheischte als Ergänzung direkte Untersuchungen über den Bau und die Funktionen des menschlichen Körpers.
Galen, der Schüler der Alexandriner, der Nachfolger trefflicher Meister der Zergliederungskunst, namentlich des Marinos, hat sich zeitlebens mit der Anatomie beschäftigt, die schon vor ihm bekannten Tatsachen zusammengefaßt, manches verbessert und nicht wenig Neues gefunden. Seine Anatomie blieb maßgebend für viele Jahrhunderte, leider war sie aber vielfach unrichtig und zwar, abgesehen von der technischen Unvollkommenheit und Ungenauigkeit, aus zwei Gründen. Erstens stützte sie sich lediglich auf die Zergliederung von Tieren, deren Ergebnisse Galen kurzweg auf den Menschen übertrug, zweitens wurde sie nicht unbefangen betrieben; sie bildete nicht den Ausgangspunkt für die Physiologie, sondern mußte sich mehr oder minder gewaltsam der physiologischen Spekulation fügen. Darum finden sich in der galenischen Anatomie neben vortrefflichen Beschreibungen z. B. der Knochen und ihrer Verbindungen, der Bänder, zahlreicher Muskeln (auch Kaumuskeln, Muskeln der Wirbelsäule, Platysma myoides, Interossei, M. popliteus, Ursprung der Achillessehne etc.), des Herzens und der Gefäße, des Nervensystems (Teile des Gehirns, Gehirnnerven, Verlauf des Facialis, Verbindung desselben mit dem Trigeminus, Vagus, Rami recurrentes) - sehr viele Fehler, z. B. Os incisivum, Rete mirabile, Poren in der Herzscheidewand, vier Leberlappen, doppelter Gallengang, Zweihörnigkeit des Uterus etc.
Zur Untersuchung menschlicher Körper fand sich für die Forscher nur höchst selten Gelegenheit. Galen selbst war nur zweimal durch Zufall in den Besitz menschlicher Skelette gelangt, einmal handelte es sich um einen Leichnam, der durch einen Fluß aus seinem Grabe herausgeschwemmt worden war, das andere Mal um die Leiche eines erschlagenen Räubers. Die Erlaubnis, getötete feindliche Krieger sezieren zu dürfen, kam der Wissenschaft kaum zu gute, da die technisch ungenügend vorgebildeten Aerzte, welche das römische Heer begleiteten, aus den Sektionen keinen Gewinn zu ziehen vermochten. Galen sezierte vorzugsweise solche Affenarten, die dem Menschen ähnlich sind, sodann Bären, Schweine, Einhufer, Wiederkäuer, einmal einen Elefanten, außerdem Vögel, Fische und Schlangen. Er benützte den Befund von menschenähnlichen Tieren skrupellos für die menschliche Anatomie; bei der Beschreibung des menschlichen Darmkanals erlaubte er sich einen Kompromiß zwischen dem Verhalten desselben bei Fleisch- und Pflanzenfressern, das Rückenmark ließ er bis an das Ende des Wirbelkanals ziehen u. s. w. Galen empfahl ausdrücklich ein fleißiges, planmäßiges Studium der Anatomie, „die man nicht allein aus Büchern oder durch flüchtiges Anschauen erlernen könne“; er erklärte das anatomische Wissen für eine wichtige Grundlage der Medizin und namentlich der Chirurgie, meinte aber, daß nicht das mechanische Präparieren als solches, sondern die topographische und physiologische Betrachtung die Hauptsache ausmache. Er blieb nie bei den reinen Tatsachen stehen, sondern trug mit Vorliebe Spekulationen, vergleichende Gesichtspunkte, Analogieschlüsse in die Anatomie, wobei er allerdings manchmal treffende Gedanken hatte; dahin gehört z. B. die Behauptung, daß die Netzhaut und der Olfactorius Teile des Gehirns darstellen, daß die männlichen und weiblichen Genitalorgane einander entsprechen (auch den Nebenhoden sollte ein fiktives Organ entsprechen).
Osteologie. Unterscheidung markhaltiger und markloser Knochen, Kenntnis der Apophysen, Epiphysen, Diaphysen, des Periosts. Zwei Arten von Gelenksverbindung: Diarthrose und Synarthrose (mit Unterabteilungen), Knorpel, Bänder. Schädel als Ganzes betrachtet (Beschreibung nach dem Tierskelett). Kenntnis der Bestandteile und Nähte (Gesichtsteil ungenauer, Annahme eines Zwischenkieferknochens). Trotz mancher Mängel im ganzen gute Schilderung des Knochensystems und der Gelenke. Myologie: Fortschritte gegenüber den Vorgängern, Einführung einiger neuer Benennungen (Platysma myoides [von Galen entdeckt], Deltoideus, Diaphragma, Interkostalmuskeln, Bauchmuskeln); Beschreibung der Muskeln des Kopfes, Halses, Brustkorbs, des Psoas, der Kremasteren, des Sphincter ani, eines Blasenmuskels; flüchtige Schilderung der Rücken- und Gliedermuskeln (doch werden M. interossei, M. popliteus, Insertion der Achillessehne angegeben). Angiologie: Die Verzweigung der Venen (auch das Pfortadersystem) wird eingehend und richtig geschildert, oberflächlicher ist dagegen die Beschreibung der Arterien. Das Herz (Ursprungsstätte der Arterien) gilt als muskelähnliches, nervenloses Gebilde; Perikard, Klappen, Sehnenfäden und Kranzadern, das Foramen ovale des fötalen Herzens sind Galen bekannt. Hingegen kennt er die Venenklappen nicht und legt auch der Carotis des Menschen ein Rete mirabile bei. Die Venen sollen nur aus einer Haut bestehen (den Arterien werden bereits drei Häute zugeschrieben). Neurologie: Beim Gehirn (das mit der Dura und Pia mater bekleidet ist) sind als Teile zu erkennen: der Balken, die beiden Vorderkammern, der 3. und 4. Ventrikel mit Aquaed. S. Fornix, Vierhügel, Zirbeldrüse, Proc. cerebelli, Wurmfortsatz, Calam. scriptor., Trichter, Hypophysis und Infundibulum. Die Nerven zerfallen in weiche, harte und in solche von mittlerer Beschaffenheit; die weichen (Empfindungsnerven) entspringen aus dem Gehirn, die harten (Bewegungsnerven) aus dem Rückenmark, die übrigen (gemischten) aus dem verlängerten Mark[18]. Von Gehirnnerven werden sieben Paare beschrieben: I. der Sehnerv (Chiasma bekannt), II. Augenmuskelnerv, III. der „weiche“ Nerv, 1. Ast (von Galen entdeckt) für Kaumuskeln und Zahnfleisch, 2. Ast „Geschmacksnerv“, IV. „Gaumennerv“. V. zerfällt in den Acusticus und in einen Nerv für das Platysma myoides, VI. zerfällt in den Vagus (mit dem von Galen entdeckten Recurrens), in den Accessorius und in einen Ast für die Schulterblattmuskeln, VII. Zungenmuskelnerv. Der Olfactorius gilt nicht als Nerv, sondern als Fortsetzung des Gehirns: Abducens und Patheticus sind unbekannt. Verlauf des Vagus und Sympathicus verworren geschildert, dagegen Verlauf der Recurrentes, der Ansa Galeni und die Ganglia cervical. sup. et infer. coeliac. gut beschrieben. Von den Spinalnerven (50 oder 60) sind nur die 8 Halsnerven genauer, die übrigen flüchtig angeführt; die Hals- und Lendenanschwellung, die Spinalganglien sind nicht erwähnt. Sinneslehre: Am Auge werden 5 Häute (Bindehaut mit Tenonscher Kapsel, Leder- und Hornhaut, Ader- und Regenbogenhaut, Netzhaut, vordere Linsenkapsel) und 4 Flüssigkeiten (Kammerwasser, Sehsubstanz, Linse, Glaskörper) unterschieden. Die obere Tränendrüse (Glandula innominata Galeni) war jedenfalls bekannt, der untere Tränenpunkt galt als Austrittsstelle der Tränen. Höchst anerkennenswert bleibt es, wie Galen die Bewegung der Augenmuskeln erörtert und nach optischen Gesetzen den Sehakt analysiert. Das Chiasma, dessen Nutzen in der Verhütung des Doppeltsehens bestehe, hielt er nicht für eine Durchkreuzung, sondern nur für eine Nebeneinanderlagerung der Sehnerven. Die Angaben über den Bau des Gehörorgans sind noch verworren. Splanchnologie: Im wesentlichen richtig, aber unvollständig ist die Beschreibung des Kehlkopfes (Schildknorpel, Bingknorpel, Gießbeckenknorpel, Stimm- und Taschenbänder). Die Schilderung der Eingeweide ist innig mit der teleologischen Physiologie verknüpft, und da die Verhältnisse an Tieren der Beschreibung zu Grunde liegen, vielfach fehlerhaft.
Als Konsequenz der platonisch-aristotelischen Weltanschauung mit ihrer stark ausgeprägten Teleologie bedeutet die galenische Physiologie im Grunde nichts anderes, als eine mit allen damals möglichen Hilfsmitteln unternommene Beweisführung größten Stils zu Gunsten des Zweckmäßigkeitsgedankens. Der Körper ist nach dem Vernunftplane des höchsten Wesens geschaffen; die Struktur der Organe richtet sich nach den präexistierenden Zwecken.
Galen hat auf einzelnen Gebieten der Physiologie Treffliches geleistet, sowohl was den Reichtum der Beobachtungen, den Scharfsinn der Auffassung und selbst die Technik der Untersuchung anlangt — der große Arzt aus Pergamos kann geradezu als Schöpfer der Experimentalphysiologie bezeichnet werden —, da er aber äußerst selten unbefangen an die Tatsachen herantrat und mit den exakten Ergebnissen gewöhnlich aprioristische Spekulationen verknüpfte, beraubte er sich meistens selbst der schönsten Resultate und verfehlte sogar in Fundamentalfragen das Ziel.
Der Titel des anatomisch-physiologischen Hauptwerkes de usu partium bezeichnet schon im vorhinein den Geist der Forschung. Der Kardinalfehler lag darin, daß Galen, bevor der Naturmechanismus vor Augen lag, schon die Naturtechnik ergründen wollte; in der Mehrzahl der Fälle, und wenn er in die feineren Einzelheiten herabstieg, verlor er sich hierbei in ganz willkürliche Annahmen.
Gegen die Teleologie wurde schon von Anaxagoras der Einwand erhoben, daß eine Anpassung entsprechend der Funktion stattfinde; später bestritten namentlich die Philosophen und Aerzte der atomistischen Richtung die Zweckmäßigkeit des Baues und der Verrichtungen des menschlichen Körpers. Die Autorität des Aristoteles war aber stärker, und durch die Stoa kam die Teleologie, noch dazu in recht naiver und populärer Weise, zur Anerkennung. Galen wiederholte die Argumente des Aristoteles und führte unter anderem auch die auffallende Einförmigkeit des Baues bei verschiedenem Gebrauch der Teile als einen Beweis der beabsichtigten Zweckmäßigkeit an. Seine teleologischen Betrachtungen, welche manchmal dadurch komisch wirken, daß sie den Vorzug des menschlichen Körperbaues (z. B. der Hand oder des Fußes) auf Grund von Untersuchungsergebnissen an Tieren (Affen) zu erweisen versuchen, reißen den Pergamener an einzelnen Stellen zur flammendsten Begeisterung über die Güte und Weisheit der Vorsehung hin. „Die wahre Frömmigkeit,“ sagt er, „besteht nicht in dem Opfer der Hekatomben, nicht in Räucherungen mit Spezereien, sondern in der Kenntnis und Verkündigung der Weisheit, der Allmacht, der unendlichen Liebe und Güte des Vaters der Wesen. Seine Güte hat er durch die weise Sorgfalt für alle seine Geschöpfe bewiesen, indem er jedem das ihm wahrhaft Nützliche verlieh. Laßt uns mit Hymnen die Güte des Schöpfers preisen.“ ... Anderseits wendet sich Galen gegen diejenigen, welche die Macht des höchsten Wesens für unbeschränkt halten, wie Moses, und er verwirft die Mosaische Kosmogonie, weil dieselbe in dem unbedingten Willen Gottes den einzigen Grund des Daseins und der Harmonie der Schöpfung erblicke, ohne auf die undurchbrechbaren Gesetze Rücksicht zu nehmen. Entsprechend der Teleologie sucht Galen vorwiegend die ersten Ursachen, die den Zweck der erfolgten Wirkung enthalten, zu ergründen. „Denn,“ sagt er, „es wäre lächerlich, wenn jemand auf die Frage, warum er auf den Markt ginge, antworten wollte: weil ich bewegliche Füße habe, statt zu sagen, weil ich etwas kaufen will. Mit der ersten Antwort hat er zwar eine Ursache angegeben, aber nicht die erste und wahre.“ Er kennt vier Arten von Ursachen: die erste ist die Endursache, warum etwas geschieht, die zweite die wirkende, von wem, die dritte die materielle, woraus, die vierte die Hilfsursache, wodurch etwas geschieht. Galen ist in der Bevorzugung der causae finales gegenüber den causae efficientes nur ein Schüler des Aristoteles, desgleichen in den Begriffen der Entelechie, der Aktualität und Potentialität etc. (vergl. S. 248).
Die drei Hauptorgane sind die Leber, das Herz und das Gehirn.
Die Leber ist die Stätte, wo das Blut aus der Nahrung bereitet wird.
Bei der Verdauung werden drei Digestionen unterschieden, die erste geht im Magen vor sich, die zweite in der Leber, die dritte in den Organen, jede derselben liefert überschüssige Stoffe, welche den Körper verlassen. Die aufgenommene Nahrung wird im Magen verdaut, wobei die durch die vier Leberlappen vermittelte Wärme unterstützend wirkt und das Spiel der vier organischen Unterkräfte (der anziehenden, anhaltenden, verändernden und austreibenden) funktioniert. Der im Dünndarm entstandene Chylus gelangt auf dem Wege des Pfortadersystems in die Leber, wo ihn das πνεῦμα φυσικὸν (spiritus naturales) in Blut verwandelt (zweite Digestion). Vorher aber ist die Milz — nur wegen Raummangel, sagt Galen, liegt sie nicht unmittelbar neben der Leber - als blutreinigendes Organ in Tätigkeit getreten, indem sie dem Nahrungsstoff die dicken, erdigen Teile entzieht und daraus die schwarze Galle bereitet. Die letztere wird durch einen Gang zuerst in den Magen übergeführt, sodann durch die Gedärme mit den Fäces entleert. Ein Teil des Blutes fließt von der Leber durch besondere Venenstränge direkt zum übrigen Körper, ein anderer Teil aber durch die Venae hepaticae und die Vena cava ascendens in das rechte Herz. Dort findet vermittels der „eingepflanzten“ Wärme ein weiterer Reinigungsprozeß statt, wobei die unbrauchbaren Rückstände als Ruß oder Rauch, λιγνύς, während der Exspiration durch die geöffneten Semilunarklappen nach außen entweichen. Vom rechten Herzen aus dringt das Blut sodann einerseits in die Arteria pulmonalis und in die Lungen, anderseits durch die supponierten Poren der Herzscheidewand in das linke Herz, woselbst es einer neuerlichen Vervollkommnung entgegengeht. Diese erfolgt dadurch, daß das bei der Atmung mit der Luft aufgenommene und auf dem Wege der Lungenvene in das linke Herz während der Diastole einströmende Pneuma sich dem Blute beimischt (als πνεῦμα ζωτικὸν) und demselben eine weit reinere, dünnere, dunstartige Beschaffenheit erteilt. Das vorzugsweise aus dem πνεῦμα ζωτικὸν (spiritus vitales), zum geringeren Teile aus Blut bestehende Gemenge wird durch die Arterien dem Körper zugeführt.
Das Herz ist der Urquell der eingepflanzten Wärme, die Bereitungsstätte des πνεῦμα ζωτικὸν und das Verteilungsorgan von (Blut und) Lebensgeist. Der rechte und der linke Ventrikel bewegen sich gleichzeitig, nur die diastolische Phase ist aktiv. Der rechte Ventrikel[19] erwärmt das in ihm befindliche Blut und entsendet es bei der Systole in die Venen, die Lungenarterie (φλὲψ ἀρτηριώδης) führt der Lunge nur zum Zwecke der Ernährung Blut zu; der linke Ventrikel[20] zieht während der Diastole Pneuma aus den Lungenvenen an[21], bereitet den Spiritus vitalis, durchgeistigt mit demselben die vom rechten Herzen empfangene Blutmenge und treibt das dunstartige, vorwiegend aus Pneuma bestehende Gemisch bei der Systole in das Arteriensystem. Das linke Herz ist bedeutend dickwandiger als das rechte, damit es trotz seines luftartigen Inhalts an Schwere nicht zurücksteht und solcherart das Gleichgewicht, die senkrechte Stellung des ganzen Organs ermöglicht wird. Zwischen Arterien und Venen sind insbesondere an ihren Enden verbindende Anastomosen (ähnlich den Poren der Herzscheidewand) vorhanden, wodurch ein Teil des arteriellen Pneuma auch in die blutführenden Venen dringen kann. Die Gesamtmenge des Blutes dachte sich Galen sehr gering (namentlich bei Greisen), im Arterien- und Veneninhalt scheint er eine rhythmische, auf- und abwogende Bewegung vorausgesetzt zu haben, für seine von manchen vermutete Kenntnis des Kreislaufs spricht keine Stelle. Da er in der Bereitung des Lebensgeistes die Hauptaufgabe des Herzens findet — deren Vollstreckung an die Atmung geknüpft ist —, mußte er zur Ansicht kommen, daß die Herztätigkeit erst nach der Geburt beginnt. In der galenischen Physiologie des Gefäßsystems zeigt sich die unheilvolle Macht wissenschaftlicher Suggestionen und voreiliger Spekulationen ganz besonders kraß, denn der Pergamener hatte es nicht daran fehlen lassen, mittels der Beobachtung (an einem Knaben, dessen Sternum durch Karies zerstört war), mittels zahlreicher Tierexperimente die Lösung des Problems zu unternehmen, indem er die Bewegung des Herzens (auch nach der Trennung von den großen Gefäßen) verfolgte, die Ventrikel auf ihren Inhalt untersuchte u. s. w. Wohl beschrieb er die Herzbewegungen ziemlich richtig, wohl stellte er (im Gegensatz zu den Erasistrateern) fest, daß auch das linke Herz Blut enthalte, aber die fundamentalen Wahrheiten entgingen ihm völlig, infolge seiner Voreingenommenheit durch die Pneumatheorie und durch die Lehre von der Blutbildung in der Leber. Und wie sehr es nicht auf das Experimentieren an sich, sondern auf die unbefangene Deutung ankommt, beweist am besten die Tatsache, daß Galen die Lehre vom Arterienpuls gerade durch einen vermeintlich exakten Tierversuch auf eine ganz falsche Fährte brachte. Die rhythmische Tätigkeit des Herzens führte er gemäß den allgemeinen dynamischen Prinzipien auf die δὑναμις σφυγμικὴ zurück; es fragte sich nun, woher die Pulsation der Arterien stammt, ob sie etwas Selbständiges oder von der Herzkraft Abhängiges vorstellt. Die Vorgänger hatten eine oder die beiden Phasen der Pulsbewegung als aktiven Vorgang erklärt oder sie ließen den Puls bloß passiv durch den Andrang des Pneuma entstehen. Galen unternahm zur Entscheidung der Frage folgendes Experimentum crucis. Er legte um die bloßgelegte Arteria femoralis an zwei Stellen eine Ligatur an, worauf der Puls verschwand. Sodann öffnete er das Gefäß zwischen den Ligaturen und führte eine metallene Röhre ein; nach Lösung der Ligaturen trat der Puls wieder auf. Zur Kontrolle wiederholte er den ganzen Versuch, aber mit dem Unterschiede, daß er vorher noch eine dritte Ligatur zentralwärts angebracht hatte. In diesem Falle blieb auch nach der Entfernung der beiden unteren Ligaturen der Puls aus, woraus er schloß, daß „die pulsierende Kraft gehindert werde, vom Herzen zur Arterie zu gelangen“, daß also der Arterienpuls durch eine vom Herzen mitgeteilte Kraft entstehe.
Ersprießlicher war Galens Experimentalforschung in anderen Fragen[22], namentlich aber hinsichtlich des Problems der Respirationsmechanik. Durch Versuche, welche in der Durchschneidung der Interkostalmuskeln oder ihrer Nerven, Resektion einzelner Rippen, Durchtrennung des Rückenmarks (Lähmung der Phrenici) bestanden und noch durch Beobachtungen an penetrierenden Brustwunden ergänzt wurden, kam er unter anderem zum Ergebnis, daß bei ruhiger Atmung hauptsächlich das Zwerchfell, bei stürmischer aber außerdem die Intercostales tätig sind, daß bei der Inspiration die Luft mechanisch in den erweiterten Brustraum eindringe. Freilich ließ er sich auch auf diesem Gebiete durch falsch gedeutete Experimente und Beobachtungen zur Annahme verleiten, daß die Pleurasäcke (Aufblasen mittels einer Röhre) normaliter mit Luft gefüllt seien, welche bei der Zusammenziehung und Ausdehnung unterstützend wirke.
An der Atmung im galenischen Sinne ist neben den Lungen auch das Herz und das ganze Arteriensystem beteiligt, indem das letztere bei der Diastole noch Luft durch Haut aufnimmt, bei der Systole den „Ruß“ durch die Haut ausscheidet (Perspiration). Puls und Respiration dienen also dem gleichen Zwecke. Nach Galen ist bei der Verbrennung derselbe Bestandteil der Luft maßgebend wie beim Atmungsprozeß und er hofft von der Zukunft, daß es gelingen werde, denselben zu entdecken.
Bewundernswertes leistete er in der experimentellen Nerven-, Gehirn- und Rückenmarksphysiologie, hier waren seine Leistungen wahrhaft bahnbrechend. Die Durchtrennungen von Nerven oder des Rückenmarks in verschiedenen Höhen lieferten sichere Ergebnisse hinsichtlich der Fragen über die Entstehung und den Sitz gewisser Lähmungen, und selbst die schichtenweisen Abtragungen des Gehirns (von Schweinen), welche Galen vornahm, um die cerebralen Funktionen zu ergründen, bleiben höchst anerkennenswert, wenn ihr Zweck auch nicht erfüllt wurde. Das Gehirn ist Sitz des Denkens (ψυχὴ λογιστικὴ), Zentralstätte der Empfindung und Bewegung, und diese Funktionen beruhen auf dem πνεῦμα ψυχικὸν, welches aus dem feinsten Inhalt der Karotiden in den Plexus chorioidei der Seitenventrikel bereitet wird. Zu Gunsten der Pneumatheorie wendet Galen viel spekulativen Scharfsinn auf, um anatomisch klar zu machen, welche Wege der „Seelengeist“ durchwandert, und noch von größerem Nachteil für die Zukunft wurde es, daß er an der alten Sekretionslehre festhielt, wonach die Unreinigkeiten (schleimige Feuchtigkeiten) des Gehirns durch das Siebbein nach Nase und Gaumen entweichen (die feineren Stoffe durch die Schädelnähte). Damit hängt es auch zusammen, daß er den Geruch in die vorderen Hirnhöhlen verlegte (Hinweis auf den Kopfschmerz, der durch starke Niesemittel erzeugt werden kann).
Aus der galenischen Gehirn- und Rückenmarksphysiologie sei folgendes erwähnt. Das Gehirn selbst ist empfindungslos, es besitzt eine mit der Atmung zusammenfallende Bewegung, welche den Zweck hat, das Pneuma aus den Hirnhöhlen in die Nerven zu treiben; die Meningen dienen zur Befestigung, als Hülle und zur Vereinigung der Gefäße; Druck auf das Gehirn erzeugt Sopor, Verletzung des vierten Ventrikels oder des Anfangsteils des Rückenmarks wirkt tödlich. Der Sitz der Seele ist in der Gehirnsubstanz, nicht in den Häuten gelegen. Das Rückenmark ist Leiter der Empfindung und Bewegung, es ist gleichsam das Gehirn der unterhalb des Kopfes liegenden Körperteile und entsendet gleich Bächen die Nerven. Durchtrennung des Rückenmarks in der Längsachse bewirkt keine Lähmung, Durchtrennung der Quere nach hat gleichseitige Lähmung zur Folge, durchschneidet man das Rückenmark zwischen drittem und viertem Halswirbel, so erfolgt Stillstand der Atmung, geschieht dies zwischen Hals- und Brustwirbelsäule, so atmet das Tier nur mehr mit dem Zwerchfell und den oberen Stammmuskeln. Durchschneidung der N. recurrentes zieht Aphonie nach sich, solche des fünften Halsnerven Lähmung der Skapularmuskeln. Die Ganglien betrachtet er als Verstärkungsorgane der Nerven. Der aus Gehirn- und Rückenmarksnerven zusammengesetzte Sympathikus ist die Ursache der großen Empfindlichkeit der Bauchorgane. Das Nervenagens ist ähnlich den Sonnenstrahlen, welche durch Luft und Wasser dringen.
In der Sinnesphysiologie spielt das Pneuma die Hauptrolle. Mit glücklicher Phantasie spricht Galen bei der Erklärung des Hörens davon, daß sich der Schall gleich einer Welle fortpflanze.
Was die Embryologie anlangt, so hat Galen unzweifelhaft tierische Embryonen seziert (Beschreibung der Eihäute und des Gefäßverlaufs); da er aber frühe Entwicklungsstadien nicht beobachtet, die Entwicklung des Hühnchens im Ei nicht studiert, geschweige denn menschliche Früchte untersucht hat, so bildet seine Darstellung ein Gemisch von Wahrheit und Dichtung. Galen läßt die Frucht aus der Vermischung des wärmeren männlichen und des kälteren weiblichen Samens hervorgehen, ersterer überträgt den individuellen, letzterer den Artcharakter. Der alte Irrtum, daß die Männchen rechts, die Weibchen links entstehen, wird festgehalten. Das Menstrualblut bietet dem wachsenden Keim das Nährmaterial. Sämtliche Organe lassen sich in zwei Gruppen scheiden, in solche, welche aus der Samenflüssigkeit direkt, und in solche, welche aus dem von den Uterusgefäßen zuströmenden Blut entstehen: Alles was fleischartigen Charakter besitzt, ist aus Blut entstanden (z. B. Leber und andere Eingeweide), alles Häutige (Häute, Nerven, Gefäße und auch das Gehirn) aus dem Samen — Partes sanguineae und Partes spermaticae, die hämatogenen Gewebe sind regenerationsfähig, die spermatogenen dagegen (mit Ausnahme der Venen) nicht. Galen bekämpfte die Lehre, daß das Herz zuerst entstehe und erkannte aus theoretischen Gründen der Leber den Primat zu. Die Bildung der einzelnen Organe wird eingehend dargelegt. Hervorzuheben ist es, daß Galen den Uebergang der Nabelvenen in die Pfortaderzweige und der Arteriae umbilicales in die Arteriae iliacae ziemlich genau beschreibt, das Foramen ovale mit seiner membranösen Klappe, den Ductus Arantii und Ductus Botalli treffend schildert — Tatsachen, die später neu entdeckt werden mußten. Die ausschließliche Beschäftigung mit Untersuchungen an Tieren führte zur Annahme zweier Nabelvenen und der Kotyledonen beim Menschen. Die Allantois enthält den Harn des Fötus, der Liquor Amnii ist seine Hautausdünstung. — Die Geburt erfolgt durch Uteruskontraktionen, die Bauchpresse und aktive Erweiterung des Muttermundes, die Milchsekretion entsteht durch Druck des vergrößerten Uterus auf die mit den Brustadern zusammenhängenden Unterleibsgefäße.
Trotz der Unklarheiten, die immer halbwahren oder irrigen Ideen anhaften, schließen sich im großen und ganzen die anatomisch-physiologischen Einzelfakten, wie sie der Pergamener ansah, zu einem abgerundeten Bilde.
Zweckmäßigkeit, die sich im Bau und in den Lebenserscheinungen kundgibt, beherrscht als gestaltende Seele das Getriebe des Organismus; die ihr untergebenen Kräfte bestimmen die Richtung und das Maß der stofflichen Wandlungen; die Struktur ist schon im vornhinein den physiologischen Funktionen angepaßt, der Atmungsprozeß, welcher das Pneuma zuführt und die Körperwärme temperiert, setzt das Leben in Gang. Das von außen zugeführte Pneuma, die eingepflanzte Wärme und die vier Kardinalsäfte konstituieren den menschlichen Körper; Leber, Herz und Gehirn sind die Bildungsstätten der Spiritus naturales, vitales und animales, die Quellen des Blutes, der Wärme, des Bewegungs- und Empfindungsvermögens; die Venen als Wege des Blutes, die Arterien als Leiter des Pneuma, die Nerven als Werkzeuge der Mobilität und Sensibilität verknüpfen die Zentren mit der Peripherie; jeder Körperteil ist in seiner Aktion an die Harmonie des Ganzen gebunden, entzieht selbsttätig mit spezifischer Attraktionskraft dem vorüberströmenden Nährmaterial jene Substanzen, die ihm zum Aufbau nötig sind[23]; bei jeder der drei Digestionen im Darm (Chylosis), in der Leber (Hämatosis), im Blute und in den Organen (Homoiosis) werden besondere zur Ausscheidung bestimmte Auswurfstoffe (wozu die Exkremente, die schwarze Galle, der Urin, der Schweiß gehören) gebildet.
Im Sinne Galens ist Leben nichts anderes als die Summe der durch die Einflüsse der Außenwelt erzeugten und unterhaltenen organischen Bewegungen, der Inbegriff der Funktionen. Das harmonische Spiel der Organfunktionen kann aber nur dann stattfinden, wenn die stoffliche Zusammensetzung normal ist. Die Symmetrie der Konstitution, die normale Mischung der Grundbestandteile und ihrer Qualitäten bildet daher die Voraussetzung der Gesundheit. Eine vollkommen gleichmäßige Mischung wäre das Ideal. Aeußere Einflüsse, Lebensweise, Alter, Geschlecht und Individualität erzeugen aber ein stetes Schwanken um die Gleichgewichtslage, bedingen eine vorübergehende mehr oder minder starke Präponderanz eines oder des anderen der vier Humores (vier Temperamente, sanguinisches, cholerisches, phlegmatisches, melancholisches), so daß der Mensch, streng genommen, immer in einer Intemperies gewissen Grades (Idiosynkrasie) lebt. Solange sich dieselbe nicht durch Funktionsstörung oder Schmerz bemerkbar macht, solange Wohlbefinden, Euexie, besteht, darf im konkreten Falle von Gesundheit gesprochen werden; dieser Zustand beruht auf dem normalen Verhältnis der festen zu den flüssigen Teilen. Veränderung in der Zusammensetzung der flüssigen oder in dem Verhalten der festen Teile, d. h. die daraus resultierende Funktionsstörung macht das Wesen der Krankheit aus. Formell spitzfindig, doch gewiß unter Eindrücken aus der ärztlichen Erfahrung unterscheidet Galen zwischen Gesundheit und Krankheit einen labilen Zustand und definiert daher die Medizin folgendermaßen: ἰατρικη ἐστιν ἐπιστήμη ὑγιεινῶν καἰ νοσωδῶν καἰ οὐδετέρων. Ein sehr wichtiger Fortschritt im medizinischen Denken war es jedenfalls, daß Galen die Bedeutung der die Krankheitsentstehung vorbereitenden Uebergangszustände erkannte, den Wert der (durch die Konstitution, das Temperament, resp. Intemperies gegebenen) Krankheitsdisposition voll erfaßte und zuerst deutlich aussprach.
In der Pathologie Galens sind nach Abschleifung der Gegensätze alle jene Anschauungen vereinigt, die vorher extrem und einseitig verteidigt worden waren. An die Spitze ist freilich die Humoral- und Qualitätentheorie gestellt, neben welcher die Pneumalehre und die Theorie der Plethora (Erasistrateer) zur Geltung gelangten, aber nichtsdestoweniger wird auch der lokalpathologische, anatomische Standpunkt, ja selbst das Striktum oder Laxum der verhaßten Methodiker gebührend berücksichtigt. Die Krankheiten zerfallen 1. in Krankheiten der vier Humores (Schleim, Blut, gelbe und schwarze Galle), 2. in solche der gleichartigen Teile (Gewebe), 3. in Organkrankheiten (Lokalpathologie). Die Krankheiten der gleichartigen Teile können entweder in einem Mißverhältnis der Qualitäten (Vorwalten des Warmen, Kalten, Feuchten, Trockenen) oder in abnormen mechanischen Verhältnissen, d. h. Erschlaffung (Laxum) bezw. erhöhter Spannung (Striktum) bestehen. Die Organkrankheiten beruhen auf Veränderungen des Baues, der Zahl, des Umfangs, der Lage oder auf Trennung des Zusammenhangs der Organe.
Galen modifizierte, in Gefolgschaft der Pneumatiker, die hippokratische Krasenlehre insoferne, als er, je nachdem bloß eine oder aber zwei Qualitäten (Elemente) in Form der korrespondierenden Kardinalsäfte vorherrschen, acht Dyskrasien unterschied, nämlich die warme, die kalte, die feuchte, die trockene, die warm-feuchte, die warm-trockene, die kalt-feuchte und die kalt-trockene Dyskrasie (vergl. S. 330). Bedeutsam war es ferner, daß er der qualitativen (Verderbnis, Fäulnis) und quantitativen (Plethora) Anomalie des Blutes eine weit höhere Rolle als den Abnormitäten der übrigen Kardinalsäfte einräumte, wodurch der Uebergang der Humoralpathologie in die Hämatopathologie angebahnt wurde. Die Pneumatheorie ist z. B. in der Lehre vom Fieber und von der Entzündung verwertet.
Mit starker Anlehnung an die feine Begriffsdistinktion der Stoiker-Pneumatiker (vergl. S. 331) brachte der systematische Denker von Pergamos Ordnung in die Lehre vom Krankheitsprozeß und in die Aetiologie, was sehr nötig war, weil man häufig in ganz verwirrender Weise entferntere und nähere Krankheitsursachen zusammenwarf oder Krankheitssymptome mit den eigentlichen Krankheitsvorgängen verwechselte. Zum Zustandekommen von Krankheiten gehört die Einwirkung äußerer Schädlichkeiten, Gelegenheitsursachen (αἰτίαι προκαταρκτικαὶ) auf die schon vorhandene Disposition (prädisponierende Ursachen); der Inbegriff aller krankhaften Vorgänge heißt διάθεσις. Bei der Krankheit, welche im Grunde immer eine abnorme Bewegung darstellt, ist viererlei zu sondern: 1. die unmittelbaren Ursachen der abnormen Bewegung (z. B. absolute und relative Plethora, Säftemangel, Säfteverderbnis, αἰτίαι προηγουμέναι), 2. die abnormen Bewegungen selbst, d. h. die Störung der vitalen Vorgänge (πάθος), 3. die hiervon ausgehenden (nutritiven) Wirkungen in den kranken Teilen, die Krankheit im engeren Sinne (νόσημα), 4. die Symptome. Letztere sind teils unmittelbare Funktionsstörungen, teils Folgeerscheinungen (z. B. Fieber), teils Veränderungen in den Sekretionen und Exkretionen; nach einem anderen Prinzip scheiden sie sich in wesentliche (παθογνωμονικά) und nebensächliche, erstere sind der Ausdruck des krankhaften Grundzustandes, letztere werden durch die Art, die Heftigkeit etc. der Krankheit hervorgebracht.
Es gibt ganz akute, akute und chronische (κατόξεα, οξεα, χρόνια) Affektionen, diese entspringen zumeist aus Fehlern des Schleims und der schwarzen Galle, jene aus Anomalien des Blutes und der gelben Galle. Die Krankheitsstadien sind der Anfang (ἀρχή), die Zunahme (ἐπίδοσις), der Höhepunkt (ἀκμή) und die Abnahme (παρακμή), jedoch werden dieselben nicht unter allen Verhältnissen beobachtet (vergl. S. 333). Galen hat also — in Berücksichtigung der chronischen Leiden — die alte hippokratische Einteilung der Krankheit in die Stadien der Roheit, Kochung und Krise aufgegeben; dazu steht es jedoch nicht im Gegensatz, daß er die Kochung der Säfte, die Krisis und Lysis verteidigte. Insbesondere bildete er die Lehre von den kritischen Tagen zu einem ganzen System aus, welches von nun an für lange Zeit herrschend blieb. Als wichtigster unter den kritischen Tagen galt ihm der siebente.
Die Lehre von den kritischen Tagen war im Corpus Hippocraticum (vergl. S. 209) noch zu keinem Abschluß gekommen, wenn auch in den Aphorismen die ungeraden Tage schon bevorzugt werden. Dort finden sich bereits Angaben über die Erkennungstage, die späteren „dies indicativi“, namentlich über den 4., der die Krisis am 7. Tage anzeigt, weiter über den 11., der den 14., über den 17., der den 20. als den kritischen vorherverkündigt. Für akute Krankheiten wird bald der 14. bald der 40. Tag als äußerster Endtermin der Entscheidung angegeben. In der nachfolgenden Literatur treten teils Verteidiger, teils Bekämpfer der kritischen Tage auf, insbesondere Asklepiades und die Methodiker verwarfen die ganze Lehre, da an jedem Tage die Krise eintreten könne. Celsus spottet über die zahlenmäßigen Aufstellungen und weist manche Widersprüche nach, den 20. Tag läßt er in seinem Bericht über die Angaben der „antiqui“ ganz weg, er spricht nur vom 21. als überlieferten kritischen Tag. Galenos erklärt den 7. Tag als jenen, an welchem die gewaltigsten und günstigsten Entscheidungen zu stande kommen, der 4. kündigt ihn vorher an, durch das Verhalten des Urins, des Sputums, der Stuhlentleerung u. s. w. Am 6. Tage sind Krisen selten und meist verhängnisvoll, was Verschlimmerungen des Krankheitszustandes am 4. Tage andeuten. Die Eigentümlichkeiten des 7. Tages habe auch der 14. Tag, am nächsten stehen ihnen der 9., 11., 20., weiter der 17. und 5. Tag, endlich der 4., 3. und 18. Tag. Mit dem 6. steht kein anderer Tag im Vergleich, doch sind noch der 8. und 10. Tag in ähnlicher Weise verderblich. Den 20. und 27. (nicht den 21. und 28.) hält er ebenso wie Hippokrates für kritisch, weiter den 34. und stärker noch den 40., daneben kommen, wenn auch weniger, der 24. und 31., endlich der 37. Tag in Betracht; alle anderen Tage zwischen dem 20. und 40. können nicht als kritische gelten. Nach dem 40. Tage kommen heftige Krisen überhaupt nicht mehr vor und auch leichtere nur selten, höchstens sind der 60., 80. und 120. Tag zu berücksichtigen. Die Vorhersage der kritischen Tage stützt sich auf Konstitution, Alter, Jahreszeit, Kräftezustand, Puls. Galen kam zu seinen Aufstellungen auf Grund des eigenen und des von Hippokrates überlieferten Beobachtungsmaterials.
Im 4. hippokratischen Buche „Ueber die Krankheiten“ (Kap. XV) wird als Ursache der Krankheitsentscheidungen an ungeraden Tagen der Umstand angeführt, „daß der Körper an den geraden Tagen aus dem Magen Feuchtigkeit anzieht, an den ungeraden Tagen hingegen an ihn abgibt“. Galen sucht den Grund der zahlenmäßigen Gesetzmäßigkeit des Krankheitsverlaufs nicht in den Zahlen an sich (Pythagoreer), sondern in dem Einfluß der Himmelskörper; der Mond ist für die akuten, die Sonne für die chronischen Affektionen das Bestimmende. „Alles Irdische wird nicht durch die Zahlen, sondern durch den Mond beeinflußt.“ Hierbei haben Neumond und Vollmond den größten, die anderen Mondesphasen geringeren Einfluß; nebstdem zieht Galen auch die Stellung des Mondes in den einzelnen Tierkreiszeichen in Betracht. Er erklärt ausdrücklich, daß er die Ansicht der ägyptischen Astronomen über den Einfluß des Mondes auf Kranke und Gesunde als wahr erkannt habe. Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, daß der Schöpfer des geozentrischen Systems, Ptolemaios, die Lehre von den kritischen Tagen zum Nachteil der späteren Medizin in das astrologische Gebiet hinübergeführt hat. Es heißt bei ihm: „Bei den Kranken betrachte die kritischen Tage und den Lauf des Mondes in den Winkeln einer Figur von 16 Seiten; findest du diese Winkel günstig bestellt, wird's dem Kranken gut gehen, schlecht dagegen, wenn schlimmere Zeichen herrschen.“
Der koischen Schule nacheifernd, pflegte Galen die Prognostik in besonderem Maße, und nicht den geringsten Teil seines Rufes als Praktiker dankte er richtigen Vorhersagungen; die Krankengeschichten, die er mitteilt, bezwecken vornehmlich sein überragendes Können auf diesem Gebiete ins volle Licht zu setzen. Dabei stellte er die prognostischen Aussprüche des Corpus Hippocraticum als unfehlbar hin und suchte — entgegen dem Geiste des großen Koers, der auch seine Irrtümer einbekennt — alle Widersprüche spitzfindig zu beschönigen. Seine anatomischen Kenntnisse und seine aufs Exakte hinzielende Denkrichtung drängten ihn aber dazu, die Prognostik, wo es möglich schien, wissenschaftlich zu begründen, d. h. auf die Diagnostik zu stützen.
Die galenische Semiotik verwertet die meisten Beobachtungs- und Untersuchungsmethoden, die das Altertum ausgebildet hat; besonderer Nachdruck wird aber namentlich auf die Pulsuntersuchung und die Harnschau gelegt; letztere ist bereits sehr subtil ausgestaltet.
Von der Auskultation findet sich nur die Erwähnung des zischenden Geräusches bei einer penetrierenden Brustwunde. — Auf die Sekretionen (z. B. Sputum) und Exkretionen wird sorgfältig geachtet. — Die Sphygmologie Galens folgt den Bahnen des Herophilos und der Pneumatiker (vergl. S. 335). Es werden Unterarten nach den Kategorien der Dimension, Schnelligkeit, Stärke, Härte, Häufigkeit, Füllung der Arterie, Gleichmäßigkeit, Ordnung, des Rhythmus unterschieden. Galen beschreibt unter anderem den Pulsus longus, brevis, latus, angustus, altus, humilis, gracilis, turgidus, tenuis, crassus, celer, tardus, rarus, frequens, vehemens, languidus, durus, mollis, plenus, vacuus, aequalis, inaequalis, ordinatus, inordinatus, dicrotus, decurtatus, undosus, vermiculans, formicans, vibratus, convulsivus, caprizans etc.
Die Basis der galenischen Pathologie und Diagnostik bildet der Satz, daß es keine Funktionsstörung ohne organische Läsion gebe: μηδέποτε βλάπτεσθαι μηδεμίαν ἐνεργειαν ἄνευ τοῦ πεπονθέναι τὸ ποιοῦν αὐτὴν μόριον (vergl. hiezu Erasistratos). Im speziellen Falle war ausfindig zu machen, welcher Körperteil primär oder auf dem Wege der Sympathie die Funktionsstörung erzeugt, und welche Säfteanomalie zu Grunde liegt.
Anschließend sei die Theorie der Entzündung und des Fiebers kurz angedeutet, weil sie am raschesten Einblick in die galenische Pathologie gewährt. Die Entzündung gehört in die Klasse der krankhaften Anschwellungen (ὄγκοι παρὰ φὐσιν = tumores praeter naturam) und charakterisiert sich durch örtliche Wärmesteigerung. Abgesehen von „trockenen“ Formen erfolgt hierbei ein vermehrtes Eindringen (Error loci) von Pneuma oder der vier Humores (ῥεῦμα), wodurch die pneumatöse, phlegmonöse (Blut), ödematöse (Schleim), erysipelatöse (gelbe Galle) oder skirrhöse (schwarze Galle) Entzündung entsteht. Stockung der Säfte bedingt die vier Kardinalsymptome (tumor, rubor, calor, dolor functio laesa). Der Ausgang kann sein: Zerteilung, Ausschwitzung von Serum (ἰχώρ), Eiterung, Fäulnis (σῆψις).
Fieber ist eine abnorme, allgemeine Wärmesteigerung und beruht auf Arterienverstopfung, lokaler Entzündung (ἑλκος, Bubonen) oder Fäulnis der Säfte. Es gibt kontinuierliche und intermittierende, der Starrfrost ist auf Affektion der Nervenzentra zurückzuführen. Die kontinuierlichen, von denen vielerlei Arten unterschieden werden (Ephemera, ὴπίαλος, σὐνογος, τυφώδης, τῦφος, καῦσος, λειπυρία, ῥοωδης, πεμφιγωδης, ικτεριωδης, νωθρὸς, φρικώδης), sind bald durch Stockung des Pneuma (Ephemera), bald durch Fäulnis der Humores verursacht oder haben ihren Ursprung in den festen Teilen (ἑκτικοὶ πυρετοί). Von den intermittierenden (διαλείποντες πυρετοί) entsteht die Quotidiana durch Anhäufung von Schleim, die Tertiana aus gelber, die Quartana aus schwarzer Galle (resp. Leber, Milz). Galen stützte sich in seiner Fieberlehre auf die pneumatische Schule. Wir finden daher seine Einteilung auch bei einem späten Anhänger dieser Richtung, nämlich bei Alexandros von Aphrodisias (2. Jahrhundert n. Chr. [περὶ πυρετῶν im Ideler, Physici et medici graeci minores, Bd. I]). Wie Galen teilt auch er die Fieber ein in intermittierende und kontinuierliche, langsame und schnelle, Eintagsfieber, septische und hektische.
Da Galen in seinen Schriften — abweichend von Hippokrates — stets mehr die Beweisführung zu Gunsten seiner Theorien als die Vorführung reiner Beobachtungen beabsichtigt, so finden sich bei ihm wohl scharfsinnige Analysen der Krankheitsprozesse, aber wenig Gesamtbilder von Symptomenkomplexen. Dennoch ist die spezielle Pathologie überaus reich vertreten, und in der Menge willkürlicher Spekulationen liegt manches Goldkorn von wahrer Beobachtung und überraschend klarer Einsicht verborgen.
Krankheiten der Respirationsorgane.
Nasenleiden: Die Auffassung des Katarrhs entspringt der Lehre, wonach das Gehirn die Quelle des Schleims darstellt. Andeutung oder Erwähnung finden: Anosmie, Geschwüre und Polypen (chirurgische Therapie), Ozäna und Epistaxis (Therapie, Kälteapplikation auf die Stirne, Tamponade mit dem Schwamm, Schröpfköpfe in die Leber- oder Milzgegend). Die Beziehung des Nasenblutens zu Allgemeinleiden war bekannt. Kehlkopfleiden: Galen weiß, daß Aphonie und Veränderungen der Stimme sowohl durch Traumen (Läsionen des Gehirns, Rückenmarks, Thorax, Abdomens) als durch Lokalaffektionen des Kehlkopfes erzeugt werden können. Fremdkörper im Kehlkopf oder Trockenheit der Schleimhaut rufen durch ihren Reiz Husten hervor. Beschrieben werden Geschwüre des Larynx (oberflächliche und tiefe; sie sind nur wenig schmerzhaft), Laryngitiden, Ermüdung der Stimmbänder etc. Die Kynanche unterscheide sich von der Synanche, daß erstere das Innere des Larynx befalle und daher sehr gefährlich sei, während letztere im Schlundkopfe ihren Sitz habe[24]. In der Therapie kamen verschmierende (Gummi, Amylum, Milch, Eier u. a.), reinigende (expektorierende) und adstringierende Mittel, „Hypoglottides“ (kleine bohnenförmige Ballen, die unter die Zunge gelegt wurden, dort sich langsam verflüssigten und heruntergeschluckt wurden), zur Anwendung; außerdem diätetisches Regime, Bäder, Luftkurorte; bei entzündlichen Affektionen die Venäsektion. Lungenkrankheiten: Die Therapie der akuten Bronchitis bestand in der Darreichung von Honig (zur Erleichterung der Expektoration) und Opium mit gekochtem Weinmost; beim chronischen Katarrh verordnete Galen leichteren Wein, Narkotika, verbunden mit Pfeffer, Galbanum, besonders aber Marrubium vulgare. Weit schärfer als die Vorgänger trennte er die Pneumonie von der Pleuritis und bezeichnete als differentialdiagnostische Kennzeichen der ersteren: die größere Atemnot und die blutigen Sputa. Die Pleuritis wird definiert als νόσημα τοῦ τὰς πλευρὰς ὑποζωκότος ὑμἑνος oder als φλεγμονή dieser Membran.
Bei der Pneumonie ist auf das verschiedene Aussehen der Sputa in den einzelnen Stadien der Krankheit, auf den Puls und die Atmung zu achten. Die Beschaffenheit des Sputums zeigt an, welcher Humor durch seinen Zufluß die Entzündung erregt, ein ungünstiges Vorzeichen bildet der grüne, schwarze oder übelriechende Auswurf. Der Puls ist groß, wellenförmig, sehr frequent, zuweilen kaum fühlbar, unregelmäßig und doppelschlägig, sehr gefährlich ist der Pulsus intercurrens. Die Respiration ist beschleunigt, vermehrt und flach, je mehr die Atemwege verstopft sind, desto mehr steigt die Atemnot. Bei der Pleuritis haben die Schmerzen einen stechenden Charakter, der Puls ist rasch, häufig, mittelgroß, heftig, sehr hart und sägend, die Arterien sind gespannt und hart. Um Verwechslungen mit Leberleiden vorzubeugen, habe man auf das Verhalten des Stuhlganges, der bei letzteren charakteristische Veränderungen zeige, Rücksicht zu nehmen. Die Behandlung beider Affektionen ist im wesentlichen die gleiche, nebst warmen Umschlägen spielen der Aderlaß (an der Armvene der kranken Seite, so lange, bis das Blut eine lebhafte Röte zeigt) und Purganzen (meist Koloquinthen und Helleborus) die Hauptrolle. Bei (prognostisch ungünstigem) Durchfall sind Opium, Hyosciamus und Diuretika zu geben; nach den Ausleerungen Honigwasser, Ptisanen, leichte Kost und Wein, namentlich bei spärlichem Auswurf. Die Diagnostik und Therapie des Empyems (Eiteransammlung im Raume zwischen Lunge und Brustwand) ist bei Galen nicht so ausführlich wie bei Hippokrates geschildert (nach Galen schwand die Neigung zur operativen Behandlung des E. immer mehr). Von der Lungenschwindsucht unterschied der Pergamener eine entzündliche, ulzerative und eine schleichende Form. Die φὑματα, von denen er im Anschluß an Hippokrates mehrmals spricht, bedeuten nicht Tuberkel, sondern Geschwüre, Eiterherde der Lunge. Als ätiologische Momente der entzündlichen Form gelten mechanische Läsionen; Zerrungen des Lungengewebes (auf die Läsion folge nämlich Entzündung und Ulzeration), anhaltender Husten und besonders Hämoptoë werden als vornehmste Ursachen der Phthise erwähnt. Die Blutung kommt zu stande: 1. durch Ruptur der Gefäße (infolge Einwirkung mechanischer Gewalt, Schlag, Fall, Heben schwerer Gegenstände, lautes Schreien u. a.), 2. durch Erosionen der Gefäßwände (dabei gingen schon andere Symptome lange vorher, wie z. B. Auswurf infolge des Zuflusses scharfer Stoffe nach der Lunge), 3. durch die Atonie der Gefäßwände (veranlaßt durch warme Bäder, heiße Speisen etc.), wobei die „Anastomosen“ die Blutflüssigkeit hindurchtreten lassen (in diesem Falle ist die Blutung sehr geringfügig). Differentialdiagnostisch gegenüber der Hämatemesis sei festzuhalten, daß erbrochenes Blut dunkel gefärbt sei und ohne Husten entleert werde, während das aus der Lunge stammende Blut hell und schaumig aussehe und unter Husten expektoriert werde. Sind Zerreißungen der Gefäße Ursache der Hämoptoë, so sei bei jungen Patienten die Venäsektion vorzunehmen, jedoch nicht bei heißem Wetter oder in den Fällen, wo der Kranke an Gallenüberfluß leidet. Sonst werden empfohlen: das Binden der Glieder, Einreibungen, diätetisches Regime (Gerstenwasser, Obst, ruhiges Verhalten), Theriak, sowohl um die Sekretion zu beschränken, als um Schlaf zu bewirken. Die schleichende Form der Phthise entstehe durch Verderbnis der Säfte. Der Puls ist klein, schwach, weich, mäßig, rasch und „hektisch“. Prognostisch ungünstig seien salzig schmeckende Sputa, Durchfälle und Haarausfall. Die Therapie besteht in leicht verdaulicher, kräftiger Nahrung, fortgesetztem Milchgenuß, Behebung der Obstipation (Honig oder Salz), und eventuell in der Anwendung verschiedener meist balsamischer und austrocknend wirkender Medikamente (Myrrhe, Terpentin, armenischer Bolus) oder Antidota (z. B. Fuchslunge). Das vorzüglichste Heilmittel ist aber nach Galen Luftveränderung (Land-, Seereisen), der Aufenthalt in trockenen, hoch gelegenen Orten Aegyptens und Libyens (Gebirgsaufenthalt, Höhenlufttherapie). Besonderen Rufs als klimatischer Kurort erfreute sich das südlich vom Vesuv, am Meerbusen zwischen Sorrent und Neapel gelegene Tabiä, dessen Vorzüge Galen ausführlich schildert und durch Mitteilung von Krankengeschichten Schwindsüchtiger zu beweisen sucht. — Bemerkenswerterweise kennt Galen die Ansteckungsgefahr der Phthise[25], denn er sagt: „Bei Phthisikern bestehen faulige Aushauchungen im Zimmer, das sie bewohnen, und fötider Geruch. Erfahrungsgemäß verfallen diejenigen in Phthisis, welche mit Phthisikern zusammen im Bette schlafen, lange zusammen wohnen, mit ihnen essen und trinken oder deren Kleider und Wäsche gebrauchen, bevor deren Schädlichkeit beseitigt worden ist.“
Gegen „Herzklopfen“ empfahl Galen Blutentziehung und strenge Diät.
Krankheiten des Digestionsapparates. Was zunächst die Erklärung der Symptomatologie anlangt, so findet sich bei Galen folgendes: Der Appetitmangel sei darauf zurückzuführen, daß unverdaute Substanzen, gallige Säfte oder Schleim im Magen vorhanden sind, oder daß dessen Funktionen geschwächt sind; das Hungergefühl beruhe auf Kälte und Trockenheit und habe seinen Sitz im „Magenmunde“ (der Ausdruck Kardia oder Stomachos bedeutet die Speiseröhre; man hielt den „Magenmund“ für sehr reich an Empfindungsnerven und daher für den Ausgangspunkt vieler krankhafter Zustände); der Heißhunger entstehe, wenn sauere, kranke Säfte den Magen reizen, wenn sich die genossenen Speisen zu rasch im Körper verteilen, namentlich aber unter dem Einflusse äußerer Kälte oder kalter Dyskrasien, wodurch sich die innere Haut des Magens zusammenziehe; auch der Durst sitze im „Magenmunde“ und sei insbesondere vermehrt, wenn gallige oder salzige Stoffe den Magen füllen (unter anderem sollen kalte Bäder den übermäßigen Durst stillen). Uebelkeit oder Brechreiz, welche ebenfalls vom „Magenmund“ ausgelöst werden, führen nicht immer zum Erbrechen; Uebelkeit ist der mißlungene, Erbrechen der vollendete Versuch der Natur, den Magen von schädlichen Dingen zu reinigen. Letzteres komme durch die „austreibende“ Kraft zu stande. Uebelkeit wird hervorgerufen, wenn die Galle im Magen vorherrscht und der Magenmund eine bittere Beschaffenheit annimmt, das Erbrechen, wenn der Magen geschwächt ist und sein oberer Teil durch die Menge oder Unverdaulichkeit der Speisen gereizt wird. Brechreiz oder Erbrechen kommen nicht nur bei Magenleiden, Unterleibsaffektionen, lange anhaltender Verstopfung, sondern auch z. B. bei plötzlichem Schreck, bei Geisteskrankheiten, bei Verletzung des Gehirns und seiner Häute u. s. w. vor, sie begleiten die Seekrankheit. Auch das Erbrechen Neugeborener erwähnt Galen. Die erbrochenen Massen haben verschiedene Beschaffenheit, zuweilen gleichen sie geronnenem schwarzen Blute. Singultus, woran besonders Kinder leiden, entstehe durch Völle oder Leere des Magens, oder wenn ihn scharfe, heiße Säfte füllen, namentlich auch durch Erkältung des Magenmundes, er ist eine krampfartige Affektion des Magenmundes; außer durch Gelegenheitsursachen kann er auch durch Entzündung der Bauchorgane (Druck auf den Magen) bedingt sein, eines der empfohlenen Gegenmittel bestand im Zurückhalten des Atems. Dyspepsie behandelte Galen mit Brechmitteln, Bedeckung des Kopfes und der Magengegend mit heißen Tüchern, vierundzwanzigstündigem Fasten, unter Umständen kalten Umschlägen auf die Magengegend, kaltem Getränk, Eis; gegen heftiges Erbrechen dienten vegetabilische Adstringentien, endlich Opium mit aromatischen Mitteln. Der von den antiken medizinischen Autoren häufig genannte „Morbus cardiacus“ — wahrscheinlich eine Neurose — wird von Galen als eine vom Magen ausgehende akute Krankheit aufgefaßt. Unter den Darmleiden werden Katarrhe, Kolik, Darmverschlingung, Dysenterie, Cholera (nostras), Eingeweideparasiten ausführlich besprochen. Der Kolik — deren Bezeichnung Galen für unpassend erklärt, weil sie nicht bloß vom Kolon, sondern von den verschiedenen Gegenden des Unterleibs ihren Ursprung nehmen könne — gehen häufig dyspeptische Beschwerden, Uebelkeit, Erbrechen u. a. voraus, sie verläuft ohne Fieber, ist häufig mit Verstopfung und Erbrechen, bisweilen auch mit Atembeschwerden, Frost und Schweißausbruch verbunden, sie steigert sich manchmal bis zu Ohnmachten. Die Dauer des Anfalls kann selbst zwei Tage betragen; nicht selten kommen Verwechslungen mit anderen Leiden, z. B. mit Nierenaffektionen, vor, für welch letztere der Abgang von Nierensteinen durch den Urin ein differentialdiagnostisches Moment darstellt. Die Darmverschlingung erklärt Galen meistenteils aus entzündlichen oder skirrhösen Prozessen, Abszessen u. s. w. des Darms; die Entstehung durch zähe und dicke Säfte hält er für unmöglich. Das Wesen der eigentlichen Ruhr sucht er in Darmgeschwüren, doch gebe es herkömmlich auch als Ruhr bezeichnete Formen, die sich durch Darmblutung ohne Geschwüre charakterisieren. Witterungs- und Temperatureinflüsse (Frühling, Sommer, außerdem der Genuß von Wasser aus bronzenen Leitungsröhren) haben große Bedeutung für das Auftreten der Dysenterie, die Darmgeschwüre entstünden auch, wenn die innere Fläche des Darmes durch verdorbene Säfte angeätzt und angefressen werde; haben die Stuhlgänge das Aussehen von Eiterjauche, so weise dies auf die Existenz von Krebsgeschwüren. Heilmittel sind Austernschalen, Hirschhorn, Opium, Galläpfel, Klysmen. Die Cholera charakterisiert sich durch den höchst akuten Charakter, die Wadenkrämpfe, den fadenförmigen Puls, im späteren Verlauf treten Ohnmachten auf. Die Eingeweidewürmer bilden sich im menschlichen Körper unter dem Einfluß der Wärme aus faulenden Massen. — Ikterus ist die Folge von Verstopfung der Gallenwege, Entzündung oder Geschwülsten, er ist keine Krankheit, sondern ein Symptom. Tritt er im Verlauf einer Krankheit als kritisches Zeichen auf, so besteht die Therapie in warmen Bädern und Friktionen; als örtliches Leiden wird er mit Abführ-, Schwitz-, harntreibenden Mitteln behandelt. Die Leber, sagt Galen, neigt wegen ihrer Struktur und physiologischen Tätigkeit besonders zu Verstopfungen, namentlich wenn ihre Gefäße ziemlich enge sind. Genuß unverdaulicher Speisen, rohe Säfte u. a. bilden ätiologische Momente. Leberentzündungen auf der konvexen Seite ziehen mehr das Respirationssystem, solche der konkaven Seite die Verdauungsorgane in Mitleidenschaft; zu den Symptomen zählt auch der Singultus. Bei „Milzleiden“ dienen Squilla und Kappernwurzel als wichtigste Heilstoffe, weil sie die dicken und schleimigen Stoffe mit dem Urin entleeren. — Anasarka werden durch den Ueberfluß an kalten und feuchten oder verdorbenen Stoffen hervorgerufen, welche eine Verflüssigung des Fleisches bewirken; Hydrops entstehe durch Affektionen der Leber, Milz, der Nieren, der Lunge, Gedärme, durch zurückgehaltene Menses und Hämorrhoiden. Dadurch, daß die Wasseransammlung auf das Zwerchfell drückt und sekundär die Lunge zusammenpreßt, treten bei Ascites Respirationsstörungen (Atmung flach, frequent) und Husten auf; der Puls ist beim Ascites klein, frequent, ziemlich hart und etwas gespannt, bei Anasarka wellig, breiter und weicher.