FÜNFZEHN LIEDER
K. L. Ammer translation
I
Sie schmiedeten sie in der Höhle an Und machten ein Kreuz an die Pforte dann. Die Maid gedachte des Lichts nicht mehr, Und der Schlüssel, der fiel ins Meer. Sie wartete drinnen die Sommerszeit, Sie wartete sieben Jahr und mehr: Alljährlich kam einer des Wegs daher. Sie harrte drinnen die Winterszeit, Und im Harren ward ihr das Haar so lang: Das entsann sich des Lichtes Herrlichkeit, Und suchte das Licht und fand's und drang Durch die Steine hindurch zum Felsenhang, Hing nieder von ihm mit Prangen. Eines Abends kommt noch Einer gegangen, Weiss nicht, was der lichte Schein da sei, Und traut sich nicht vorbei. Er meint, ein Zeichen wär's, gar eigen, Er meint, ein güldner Born wär' dort, Er meint, es wär' ein Engelreigen; Er wendet sich und geht auch fort ...
II
Und kehrt er einst heim, Was sag ich ihm dann? — Sag, ich hätte geharrt, Bis mein Leben verrann. Wenn er weiter fragt Und erkennt mich nicht gleich? — Sprich als Schwester zu ihm; Er leidet vielleicht ... Wenn er fragt, wo du seist, Was geb ich ihm an? — Mein Goldring gib Und sieh ihn stumm an ... Will er wissen, warum So verlassen das Haus? — Zeig die offene Tür, Sag, das Licht ging aus. Wenn er weiter fragt Nach der letzten Stund'? — Sag, aus Furcht, dass er weint, Lächelte mein Mund. ..
III
Sie töteten einst drei Jungfräulein, Zu schauen in ihr Herz hinein. Das erste war voller Glück und Freud', Und überall, wo sein Blut hinsprang, Drei Schlangen zischten drei Jahre lang. Das zweite war voller Lindigkeit, Und überall, wo sein Blut hinsprang, Drei Lämmer grasten drei Jahre lang. Das dritte war voller Harm und Leid, Und überall, wo sein Blut hinsprang, Drei Erzengel wachten drei Jahre lang.
IV
Die Mädchen mit den verbundenen Augen (Tut ab die goldenen Binden!) Die Mädchen mit den verbundenen Augen Wollten ihr Schicksal finden ... Haben zur Mittagsstunde (Lasst an die goldenen Binden!) Haben zur Mittagsstunde Das Schloss geöffnet im Wiesengrunde. Haben das Leben gegrüsst (Zieht fester die goldenen Binden!) Haben das Leben gegrüsst, Ohne hinauszufinden ...
V
Die drei blinden Schwestern (Hofft und verzaget nicht) Die drei blinden Schwestern Mit goldner Lampen Licht Steigen hinauf zum Turme (Sie, ihr und der ich's sag'), Steigen hinauf zum Turme Und harren sieben Tag' ... O, spricht die eine (Hofft und verzaget nicht), O, spricht die eine, Ich höre unser Licht ... O, spricht die andre (Sie und wir andern auch), O, spricht die andre, Der König steigt herauf ... Nein, spricht die Reinste (Hofft und verzaget nicht), Nein, spricht die Reinste, Verloschen ist unser Licht ...
VI
Sie kamen und sagten mir ein Wort (Mein Kind, ich zittre so), Sie kamen und sagten mir ein Wort: Sie sagten, er zöge fort ... Ich nahm zur Hand die Lampe hell (Mein Kind, ich zittre so), Ich nahm zur Hand die Lampe hell Und trat zu den Türen schnell ... An der ersten Tür, an der ich stand (Mein Kind, ich zittre so), An der ersten Tür, an der ich stand, Erbebte die Flamme in meiner Hand ... An der zweiten Tür, an der ich stand (Mein Kind, ich zittre so), An der zweiten Tür, an der ich stand, Da sprach die Flamme in meiner Hand ... An der dritten Tür, an der ich stand (Mein Kind, ich zittre so), An der dritten Tür, an der ich stand, Erlosch das Licht in meiner Hand ...
VII
(aus »Blaubart und Ariane«)
Die sieben Mädchen von Orlamünde Nach der Fee Verschwinden, Die sieben Mädchen von Orlamünde Wollten Tür und Freiheit finden, Zündeten an die sieben Lampen, Öffneten Tür um Tür, Türme, viele hundert Säle, Fanden nicht zum Licht herfür ... Steigen in hallende Grotten nieder, Wagen sich noch tiefer hinab, Finden eine Tür verschlossen, Goldner Schlüssel schliesst sie ab. Sehn im Spalt des Meeres Wogen, Fürchten alle den Tod, Wagen sie nicht aufzuschliessen, Pochen dran in ihrer Not ...
VIII
Sie hatte drei Kronen von lautrem Gold, Wem gab sie die Kronen, sprich? Die eine reicht sie den Eltern dar, Die kauften drei Netze dafür von Gold, Und hielten sie drin, bis es Frühling war. Die andre tat' sie den Buhlen weih'n, Die kauften drei silberne Garne fein Und hielten sie bis zum Herbst darin. Die dritte gibt sie den Kindern hin, Die kauften drei eiserner Fesseln Zwang, Drin blieb sie gekettet den Winter lang ...
IX
Sie kam zum Schloss gegangen — Die Sonne erhob sich kaum — kam zum Schloss gegangen, Die Ritter blickten mit Bangen Und es schwiegen die Fraun. Sie blieb vor der Pforte stehen — Die Sonne erhob sich kaum — blieb vor der Pforte stehen; Man hörte die Königin gehen Und der König fragte sie: Wohin gehst du? Wohin gehst du? — Gib acht in dem Dämmerschein — Wohin gehst du? Wohin gehst du? Harrt drunten jemand dein? Sie sagte nicht Ja noch Nein. Sie stieg zu der Fremden hernieder — Gib acht in dem Dämmerschein — Sie stieg zu der Fremden hernieder, Die schloss sie in ihre Arme ein. Die beiden sagten nicht ein Wort Und gingen eilends fort. Der König, der hat an der Schwelle geweint — Gebt acht, wenn der Dämmer scheint — Der König, der hat an der Schwelle geweint. Man hörte der Königin Schritte verhallen, Man hörte welke Blätter fallen.
X
(aus »Aglavaine und Selysette«)
Als ihr Geliebter schied (Ich hörte die Türe gehn), Als ihr Geliebter schied, Da hab' ich sie lächeln sehn ... Doch als er wieder kam (Ich hörte des Lichtes Schein), Doch als er wiederkam, War ein andrer daheim ... Und ich sah den Tod (Mich streifte sein Hauch), Und ich sah den Tod, Der erwartet ihn auch ...
XI
Mutter, hast du nicht vernommen, Mutter, dass sie uns warnen kommen? ... Tochter, gib mir deine Hand, Tochter, es ist ein Schiff am Strand ... Mutter, sei auf deiner Hut ... Tochter, es fährt bald auf der Flut ... Mutter, ist die Fährnis nah? ... Tochter, es zieht in die Ferne ja ... Mutter, es nähert sich immerfort ... Tochter, bald ist's nicht mehr im Port ... Mutter, jetzt ist es schon im Haus ... Tochter, es zieht in die Welt hinaus ... Mutter, jetzt kommt es zur Tür herein ... Tochter, sie ziehen die Anker ein ... Mutter, jetzt flüstert es neben mir ... Tochter, es ist schon fern von hier ... Mutter, es nimmt den Sternen den Glanz ... Tochter, die Segel beschatten sie ganz ... Mutter, jetzt pocht's an die Fenster an ... Tochter, der Wind hat sie aufgetan ... Mutter, ich sehe fast nichts mehr ... Tochter, es fährt auf das hohe Meer ... Mutter, es ist überall ganz nah ... Tochter, wovon denn sprichst du da? ...
XII
Ihr habt die Lampen angezündet Und im Garten liegt Sonnenschein! Ihr habt die Lampen angezündet: Durch die Spalten seh' ich den hellen Schein. Tut auf die Türen und lasst ihn ein! — Die Schlüssel der Türen sind verloren, Wir müssen warten und uns gedulden; Die Schlüssel fielen von Turmes Rand. Wir müssen warten und uns gedulden, Bis andre Tage kommen ins Land ... Andre Tage öffnen die Türen, Deren Riegel sich jetzt nicht rühren. Der Wald, der hütet sie gut. Des welken Laubes Feuerglut, Die brennt auf der Schwelle der Türen ... — Die anderen Tage sind voller Müh', Die anderen Tage fürchten sich auch, Die anderen Tage kommen nie, Die anderen Tage sterben wie sie, Und wir, wir sterben auch ...
XIII
Schwestern, ich suchte dreissig Jahr, Wo mag er verborgen sein? Schwestern, ich pilgerte dreissig Jahr Und holte ihn doch nicht ein ... Schwestern, ich pilgerte dreissig Jahr, Nun sind die Füsse mir schwer. Schwestern, er war überall Und ist nirgends mehr ... Schwestern, trübe die Stunde blinkt; Zieht mir vom Fusse die Schuh'. Schwestern, auch der Abend sinkt Und meine Seele sucht Ruh' ... Schwestern, sechzehn Jahre alt, Pilgert weit fort von hier. Schwestern, nehmt meinen Stab zum Halt, Geht und sucht gleich mir ...
XIV
Die drei Schwestern wollten sterben, Setzten auf die güldnen Kronen, Gingen sich den Tod zu holen. Wähnten ihn im Walde wohnen: »Wald, so gib uns, dass wir sterben, Sollst drei güldne Kronen erben.« Da begann der Wald zu lachen Und mit einem Dutzend Küssen Liess er sie die Zukunft wissen. Die drei Schwestern wollten sterben, Wähnten Tod im Meer zu finden. Pilgerten drei Jahre lang. »Meer, so gib uns, dass wir sterben, Sollst drei güldne Kronen erben.« Da begann das Meer zu weinen, Liess mit dreimal hundert Küssen Die Vergangenheit sie wissen. Die drei Schwestern wollten sterben, Lenkten nach der Stadt die Schritte; Lag auf einer Insel Mitte: »Stadt, so gib uns, dass wir sterben, Sollst drei güldne Kronen erben.« Und die Stadt tat auf die Tore Und mit heissen Liebesküssen Liess die Gegenwart sie wissen.
XV LIED DER JUNGFRAU
(aus »Schwester Beatrix«)
Allen weinenden Seelen, Aller nahenden Schuld Öffn' ich im Sternenkranze Meine Hände voller Huld. Alle Schuld wird zunichte Vor der Liebe Gebet. Keine Seele kann sterben, Die weinend gefleht. Verirrt sich die Liebe Auf irdischer Flur, So weisen die Tränen Zu mir eine Spur.