#SCHILLER'S LEBEN.# (continued 2)
Reading edition
Einen nachtheiligen Einfluß auf seine Gesundheit äußerten manche Unregelmäßigkeiten, zu denen er wider seinen Willen verleitet ward.
Obgleich er seinen Umgang nur auf Dalberg's Haus und auf die Wohnung des ihm befreundeten Buchhändlers Schwan beschränkte, konnte er sich doch dem Verkehr mit den Schauspielern, den Einladungen mehrerer Familien Mannheims, den Besuchen von Fremden nicht ganz entziehen. Durch seine neunwöchentliche Krankheit hatte er, nach seinem eigenen Geständniß, wenigstens dreißig Dukaten eingebüßt. Um sich von seinen Schulden zu befreien, mußte er in stiller Zurückgezogenheit sich mit verdoppeltem Eifer seinen literarischen Beschäftigungen widmen. Er ward jedoch davon häufig abgelenkt durch Ausflüge in die Umgegend, nach Oggersheim, Schwetzingen, Speier und andern Orten.
Indeß brachten ihm jene kleinen Reisen wieder den Vortheil, daß sie ihm zu manchen interessanten Bekanntschaften verhalfen, zu denen unter andern Wielands Jugendfreundin, die geistreiche Schriftstellerin Sophie la Roche gehörte. Selten wich jedoch der durch seine Krankheit erzeugte Mißmuth gänzlich von ihm. In eine heitere Stimmung versetzte ihn in der Mitte des Novembers 1783 der unerwartete Besuch des Professors Abel aus Stuttgart und eines andern Landsmannes. Kurz zuvor, an seinem Geburtstage, den 11. November, hatte er einige Flaschen Burgunder zum Geschenk erhalten, und er freute sich, seine Gäste beim Mittag- und Abendessen festlich bewirthen zu können. Obgleich er sich nicht sonderlich wohl befand, ließ er sich dadurch nicht abhalten, seine Landsleute in der Stadt umherzuführen. Lebhaft schilderte er in einem Briefe an Frau von Wolzogen, wie schnell ihm bei jenem Besuch die Zeit verflossen, und wie er und seine Freunde vor lauter Erzählen und Fragen kaum hätten zu Athem kommen können.
Solche frohe Momente wurden für Schiller wieder getrübt durch seine traurige, sorgenvolle Lage. Noch immer körperlich leidend, durfte er keine geistige Anstrengung scheuen, um sich die Mittel zu einer leidlichen Subsistenz zu verschaffen, um nur mit einigem Anstande leben zu können. Nicht unbedeutend war die Summe, die er zur Tilgung seiner Schulden brauchte. Die Ungeduld der Theaterdirection und die Erwartungen des Publikums mußte er in Bezug auf seinen "Fiesko" zu befriedigen suchen. Dieß Trauerspiel, wie späterhin auch seine "Luise Millerin" oder "Cabale und Liebe", ward von ihm für die Bühne umgearbeitet.
Das Manuscript der "Verschwörung des Fiesko" empfing der Freiherr v. Dalberg in der Mitte des December 1783 aus Schillers Händen. Mehrere Proben waren nöthig, um dieß republikanische Trauerspiel auf die Bühne zu bringen. Am 17. Januar 1784 ward es aufgeführt, und die Carnevalsbelustigungen gewissermaßen mit diesem Stück eröffnet. Nicht unwichtige Aufschlüsse über die Theaterbearbeitung des "Fiesko", die sich von dem früher gedruckten Trauerspiel wesentlich unterschied, wie es in Schillers Werke aufgenommen worden, gab ein wenig bekanntes Avertissement, welches Schiller, wie er es schon bei den "Räubern" gethan, neben den Anschlagszettel drucken ließ. Man findet diese "Erinnerung an das Publikum" in den von K. Hoffmeister herausgegebenen Nachträgen zu Schillers Werken.
Auch in der veränderten Gestalt, die der Dichter diesem Trauerspiel gegeben hatte, blieb es in Bezug auf die theatralische Wirkung hinter den "Räubern" zurück, ungeachtet Böck als Fiesko, Iffland als Verrina und Beil als Mohr bei der Darstellung des Stücks ihr ganzes Künstlertalent aufboten. Schiller selbst meinte in einem Briefe an Reinwald vom 4. May 1784, das Publikum habe sein Trauerspiel gar nicht verstanden. "Republikanische Freiheit", schrieb er, "ist hier zu Lande ein Schall ohne Bedeutung, ein leerer Name. In den Adern der Pfälzer fließt kein römisches Blut."
Auf Ifflands Vorschlag war es geschehen, daß Schillers Trauerspiel: "Luise Millerin" von ihm "Cabale und Liebe" genannt ward. Der Vorstellung dieses Stücks wohnte Schiller in einer Loge bei, die er sich mit Streicher gemiethet hatte. Vom Publikum ward dieß Trauerspiel sehr günstig aufgenommen. Ein lauter Beifallsruf ertönte bei einzelnen Scenen, besonders am Schluß des zweiten Acts. Als der Vorhang fiel, wiederholte sich jener Beifallsruf, und Schiller, der während der Vorstellung in sich gekehrt neben seinem Freunde gesessen und nur wenige Worte gewechselt hatte, fühlte sich dadurch so überrascht, daß er aufstand und sich gegen das Publikum verneigte.
Die Darstellung seines Trauerspiels und die günstige Aufnahme, die es gefunden, gab dem Dichter ein erhöhtes Selbstgefühl. Jetzt erst glaubte er seinen Eltern und seiner von Besorgnis um ihn fortwährend gequälten Mutter entgegen treten zu können. Seinen Vater hatte er gekränkt, als er den Plan entschieden verworfen, nach welchem jener sich an den Herzog von Würtemberg wenden, und um die Rückkehr seines Sohnes in dessen Dienste bitten wollte. Nach einem Briefe, den Schiller am 1. Januar 1784 an seine Schwester Christophine geschrieben, hatte er einen solchen Schritt mit seinem Ehrgefühl für unverträglich gehalten.
In Bretten, einem außerhalb der würtembergischen Grenze gelegenen Städtchen, traf Schiller, bald nach der Vorstellung von "Cabale und Liebe", mit seiner Mutter und seiner ältesten Schwester Christophine zusammen, und nahm mit schwerem Herzen von ihnen Abschied. Seine trübe Stimmung erheiterte sich, als er, wieder in Mannheim angelangt, mit Iffland und Beil nach Frankfurt am Main reiste. Dorthin waren die genannten Mitglieder der Mannheimer Bühne eingeladen worden, um Gastrollen zu geben. Sie traten unter andern in "Cabale und Liebe" und in dem Ifflandschen Schauspiel "Verbrechen aus Ehrsucht" auf, und fanden großen Beifall. In einem Briefe vom 1. May 1784 meldete Schiller dem Freiherrn v. Dalberg "den Triumph, den die Mannheimer Schauspielkunst in Frankfurt erhalten." Iffland und Beil hätten unter den besten dortigen Schauspielern "hervorgeragt, wie der Jupiter des Phidias unter Tüncherarbeiten." Zu den interessantesten Bekanntschaften die Schiller in Frankfurt am Main machte, gehörte die als Schauspielerin späterhin hochgefeierte Sophie Albrecht. In einem seiner damaligen Briefe rühmt er ihr zur innigsten Theilnahme geschaffenes Herz. Sie sei erhaben gewesen über den Kleinigkeitsgeist der gewöhnlichen Cirkel, und voll edlen, reinen Gefühls für Wahrheit und Tugend.
Seiner mannigfachen Zerstreuungen ungeachtet, erinnerte sich Schiller des Verbrechens, das er seiner Mutter in Bretten gegeben hatte, sich um eine feste Anstellung zu bewerben. In seiner unsichern Lage kam ihn eine Aufforderung Dalbergs sehr gelegen. Das Frühjahr 1784 war verflossen, und noch immer war Schiller nicht mit sich einig über den Stoff zu einem neuen Trauerspiel, welches er contractmäßig noch in dem laufenden Jahre liefern mußte. Seine zweifelhafte Produktivität machte den Freiherrn v. Dalberg bedenklich, den Contract mit ihm zu erneuern. Vielleicht war es weniger Theilnahme an seinem Schicksal, als der Wunsch, sich seiner zu entledigen, wodurch Dalberg sich bewogen fand, ihm zu rathen, daß er sich wieder zum Studium der Medicin wenden möchte, um sich die Mittel zu seiner Subsistenz zu sichern. Wenigstens erfüllte jener vermögende Mann Schillers Bitte nicht, ihm eine mäßige Summe vorzuschießen, damit er auf der Universität Heidelberg das in seinem Fache Versäumte oder Vergessene wieder nachholen könnte. Damit hoffte er in einem Jahre fertig zu werden. So zerschlug sich dieser, auch später von ihm noch wieder aufgegriffene Plan.
In einem seiner damaligen Briefe gestand Schiller offen, daß sein eignes Herz ihn schon längst zur Medicin zurück gezogen habe. Er meinte, daß früher oder später sein Feuer für die Dichtkunst erlöschen würde, wenn sie seine Brodwissenschaft bliebe, daß sie dagegen neuen Reiz für ihn haben müßte, wenn er sie nur als Erholung gebrauchte und ihr nur seine reinsten Augenblicke widmete. "Dann nur," schrieb er, "kann ich mit ganzer Kraft und immer regem Enthusiasmus Dichter seyn, dann nur hoffen, daß meine Leidenschaft und Fähigkeit für die Kunst durch mein ganzes Leben fortdauern werde."
Was ihm bisher in der Ausübung jener Kunst und in der Theorie derselben dunkel vorgeschwebt, sprach Schiller klar und unumwunden aus in dem von ihm verfaßten Aufsatze: "Was kann eine gute stehende Schaubühne wirken?" Diesen Aufsatz, dem er früher den veränderten Titel gab: "Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet," hatte er am 26. Juni 1784 in einer öffentlichen Sitzung der churpfälzischen deutschen Gesellschaft vorgelesen, deren Mitglied er bereits im Februar des genannten Jahres geworden, und dadurch mit mehreren Gelehrten und angesehenen Personen Mannheims in nähere Verbindung getreten war. Manche Vortheile, unter andern die Benutzung der churfürstlichen Bibliothek, waren mit seinem Eintritt in jenes Institut verbunden. Ein Honorar von drei Dukaten für den gedruckten Bogen ward den Mitgliedern der Gesellschaft für ihre Aufsätze gewährt, und außerdem jährlich eine goldene Medaille, funfzig Dukaten an Werth, für die Lösung einer aufgegebenen Preisfrage bestimmt.
Angenehm fühlte sich Schiller überrascht, als er bei der ihm übertragenen Durchsicht mehrerer eingegangener Aufsätze in einem derselben die Handschrift seines Jugendfreundes Petersen erkannte. Er freute sich sehr, als es ihm durch eine detaillirte Kritik und Vergleichung zweier Abhandlungen, die auf den Preis Anspruch machen konnten, gelang, diesen Preis seinem Freunde zuzuwenden. "Das ist," schrieb er an ihn, "mein geringes Verdienst; aber ich gestehe Dir offen, nicht der Rücksicht auf unsere Bekanntschaft, blos meiner Ueberzeugung hast Du jenen Preis zu danken. Eben das würde ich einem Fremden gethan haben. Deine Abhandlung ist vortrefflich." Die in diesem ziemlich ausführlichen Briefe enthaltenen Aeußerungen lieferten einen schönen Beweis, wie sich in Schillers Charakter Freundschaft, Aufrichtigkeit und Pflicht harmonisch vereinigten.
Eine sehr angenehme und fruchtbare Uebung für seine müssigen Stunden versprach sich Schiller, nach seinen eigenen Worten in einem am 29. Sept. 1784 geschriebenen Briefe, von der Beantwortung dramaturgischer Preisfragen. Diese Fragen wurden von Dalberg jährlich aufgegeben, und die Mitglieder der Mannheimer Bühne sollten darin gewissermaßen Rechenschaft ablegen über ihre Kunst und ihr Spiel. Selbst für den dramatischen Dichter, meinte Schiller, könnte die Vergleichung mehrerer Aufsätze über denselben Gegenstand in mehrfacher Hinsicht belehrend seyn. Schiller fand sich dadurch veranlaßt zur Herausgabe einer dramaturgischen Monatsschrift, welche Recensionen und Antikritiken der theatralischen Vorstellungen liefern sollte. Ein aus sechs Mitgliedern der Gesellschaft gebildeter Ausschuß, zu welchem Dalberg und er selbst gehörten, sollte die Beurtheilungen übernehmen. Einen ausführlichen Entwurf jenes vielversprechenden Plans enthielt ein von Schiller an Dalberg gerichteter Brief, datirt vom 2. Juli 1784. Die Ausführung unterblieb jedoch, weil die Theaterdirektion sich nicht dazu verstehen wollte, den von Schiller verlangten jährlichen Zuschuß von funfzig Dukaten zu verwilligen.
Mehrere dramatische Pläne wurden von Schiller wieder verworfen. Er konnte zu keinem bestimmten Entschluß kommen, was für einen Stoff er zur Bearbeitung wählen sollte. Mehrmals dachte er an einen zweiten Theil der "Räuber," in welchem die Dissonanzen dieses Schauspiels aufgelöst werden sollten. Den früher erwähnten Plan, Conradin von Schwaben zum Helden einer Tragödie zu wählen, hatte er wieder aufgegeben. Mitunter kam ihn die Idee, ausländische Meisterwerke für die Bühne zu bearbeiten, unter andern Shakspeare's Macbeth und Timon von Athen. Es schien ihm aber damit so wenig Ernst zu seyn, als mit der in einem Briefe vom 24. August 1784 geäußerten Hoffnung: "durch Verpflanzung der classischen Tragödien Corneille's, Racine's, Crebillon's und Voltaire's auf den deutschen Boden, der Bühne eine wichtige Eroberung zu verschaffen." Bereits am 7. Juni 1784 hatte er dem Freiherrn v. Dalberg in einem Briefe offen gestanden, daß er mehr als jemals in Verlegenheit sei wegen der Wahl eines neuen dramatischen Stoffes.
Mit Begeisterung ergriff er zum zweiten Mal die schon früher durch St. Real's Novelle in ihm geweckte Idee, den Don Carlos zum Helden eines Trauerspiels zu wählen. Die dramatische Bearbeitung dieses Stoffes nöthigte ihn zu manchen historischen Vorarbeiten, denen er sich mit großem Eifer widmete. Nach seinen brieflichen Aeußerungen wollte er in seinem neuen Trauerspiel völlig heraustreten aus dem dramatischen Kreise, in welchem er sich bisher bewegt hatte. Er wollte etwas ganz Anderes, und wo möglich weit Vollkommneres liefern. Ein erhebendes Selbstgefühl bemächtigte sich seiner Seele während der Beschäftigung mit seinem neuen Trauerspiel, von welchem er sich eine großartige Wirkung versprach. Nach seinen eigenen Aeußerungen wollte er "nichts weniger als ein politisches Stück, sondern vielmehr ein Familiengemälde aus einem fürstlichen Hause liefern." Beschäftigt mit seiner neuen dramatischen Arbeit, konnte er oft kaum die Abendstunde erwarten, um seinem treuen Streicher, der sich noch immer in Mannheim befand, die im Laufe des Tages gedichteten Scenen des Don Carlos vorzulesen.
Aus dem Reich der Ideen ward Schiller jedoch bald wieder in die wirkliche Welt zurückgescheucht. Seine Stuttgarter Schuld hatte er noch immer nicht tilgen können, und der Gedanke einer Mahnung hatte ihn oft beunruhigt. In Schrecken versetzte ihn nun die Nachricht, daß der Freund, der sich für ihn verbürgt hatte, und von dem ungestümen Gläubiger hart gedrängt worden war, sich aus Stuttgart nach Mannheim geflüchtet hatte. Dort war er ergriffen und verhaftet worden. Schiller befand sich, als er dieß erfuhr, in der äußersten Unruhe und Verlegenheit. Er wußte nicht, wie er die Summe von 200 Fl. auftreiben sollte, um seinem edelmüthigen Freunde zu helfen und ihn aus seiner Haft zu befreien. An seine Eltern, abgesehen davon, daß sie unbemittelt waren, sich in seiner Noth zu wenden, widerstrebte seinem Stolz. Von Dalberg konnte er, nach frühern Erfahrungen, kaum Hülfe erwarten. Ein unvermögender, aber edelmüthiger Mann ward sein Retter. Der Baumeister Hölzel, in dessen Hause er wohnte, und der ihn sehr schätzte, bewilligte ihm ein Darlehn von 200 Fl.
Um diese neue Last von sich abzuwälzen, mußte Schiller an eine Vermehrung seines Einkommens denken, das bisher kaum hingereicht hatte, seine nothwendigsten Bedürfnisse zu bestreiten. Er entwarf, nachdem sein früheres Project einer Dramaturgie sich zerschlagen, den Plan zur Herausgabe einer Zeitschrift, die ebenfalls vorzugsweise die Bühne und ihre Vorstellungen, nebenher aber auch andere wissenschaftliche Gegenstände berücksichtigen sollte. Durch eine öffentliche Ankündigung, die er in das von Göckingk herausgegebene Deutsche Museum einrücken ließ, machte Schiller das Publikum mit dem Plan seiner neuen Zeitschrift bekannt. Sie führte den Titel: "Rheinische Thalia."
In jener Ankündigung warf sich Schiller dem Publikum mit Vertrauen in die Arme durch die offenherzige Mittheilung seiner Jugendgeschichte, seiner Begeisterung für Dichtkunst und seiner bisher erlebten trüben Schicksale. "Ich schreibe," äußerte er, "als Weltbürger, der keinem Fürsten dient. Früh verlor ich mein Vaterland, um es gegen die große Welt zu vertauschen. Nunmehr sind alle meine Verbindungen aufgelöst. Das Publikum ist mir jetzt Alles, mein Studium, mein Souverain, mein Vertrauter. Ihm allein gehöre ich ganz an. Vor diesem und keinem andern Tribunal werde ich mich stellen. Dieses nur fürcht' ich und verehr' ich. Etwas Großes wandelt mich an bei der Vorstellung, keine andern Fesseln zu tragen, als den Ausspruch der Welt, an keinen andern Thron zu appelliren, als an die menschliche Seele." Seinen Aufsatz schloß Schiller mit den Worten: "Den Schriftsteller überhüpfe die Nachwelt, der nicht mehr war, als seine Werke—und gern gesteh' ich, daß bei der Herausgabe dieser Thalia es meine vorzügliche Absicht war, zwischen dem Publikum und mir ein Band der Freundschaft zu knüpfen."
Durch seinen häufigen Theaterbesuch erhielt sich in Schiller das Interesse für dramatische Kunst, das ihm auch bei der Beschäftigung mit dem "Don Carlos" sehr förderlich war. Neben der Herausgabe der "Rheinischen Thalia" nahm dieß Trauerspiel Schillers Geisteskräfte fast unausgesetzt in Anspruch. Aber auch sein Herz verlangte Befriedigung. Er sehnte sich nach freundschaftlicher Mittheilung und inniger Theilnahme, die er seit seinem Aufenthalt in Bauerbach mehr oder minder zu vermissen glaubte. Seine immer rege Phantasie entwarf sich ein reizendes Bild von den stillen Freuden des häuslichen Lebens. Nur in einem solchen Verhältnis glaubte er, nach mehreren Stellen in seinen damaligen Briefen, die Ruhe und Heiterkeit zu finden, die seine angestrengten Kopfarbeiten nothwendig verlangten. In einem Briefe an seinen Jugendfreund Zumsteg, der sich damals unlängst verheirathet, hatte Schiller zwar gemeint, "daß ihn selbst ein solcher Schritt von der Bahn seines Glücks ablenken, und daß überdieß sein ungestümer Kopf und sein warmes Blut jetzt noch keine Frau glücklich machen würden." Dieser Aeußerungen ungeachtet bewarb er sich in einem Schreiben an Frau v. Wolzogen vom 7. Juny 1784 um die Hand ihrer Tochter Charlotte.
Schillers Heirathsantrag, von welchem ihn seine noch immer unsichere und keineswegs sorgenfreie Lage hätte abhalten sollen, blieb unerwiedert oder vielmehr unbeachtet. Sein für Liebe empfängliches Herz mußte einen andern Gegenstand seiner Neigung suchen. Er fand ihn in der damals neunzehnjährigen Tochter seines Freundes, des Buchhändlers Schwan, Margarethe mit Namen, einem schönen und vielseitig gebildeten Mädchen. Schiller fühlte sich glücklich in dem Gefühl der Liebe. Aber eine ruhige Uegerlegung [Ueberlegung] untersagte ihm, irgend weitere Schritte in seiner Herzensangelegenheit zu thun.
Einer weiblichen Hand hätte er übrigens wohl bedurft, um seinen zerrütteten Haushalt einigermaßen in Ordnung zu erhalten. In seinem Zimmer lagen Kleider, Wäsche, Bücher in solcher Verwirrung umher, daß er gewöhnlich das, was er suchte, nicht finden konnte. An kleinliche und alltägliche Dinge zu denken, erlaubte ihm die poetische Begeisterung nicht, in der er sich fast unausgesetzt befand. Er behalf sich mit einem kärglichen Mittagsmahl, und lebte, mit Ausnahme der sogenannten Ehrenausgaben, die seine geselligen Verbindungen unbedingt zu fordern schienen, im Allgemeinen sehr mäßig. Aber seine Einkünfte hatten sich so wenig verbessert, daß er oft nicht wußte, wie er die nöthigsten Ausgaben für die nächste Woche, ja oft für den nächsten Tag bestreiten sollte.
Schillers Sinn für edle Freundschaft fand Nahrung in dem Umgange mit der Frau v. Kalb, die mit ihrem Gatten, der als Offizier in französischen Diensten in dem nordamerikanischen Freiheitskriege gefochten, im August 1784 Mannheim zu ihrem Wohnort gewählt hatte. Schiller nannte sie in einem Briefe an Dalberg "eine vortreffliche Person, die ohne aus ihrem Geschlecht zu treten, sich glänzend darin auszeichne." Jedenfalls übte Charlotte v. Kalb als eine vielseitig gebildete Dame durch das freundschaftliche Verhältniß, in welchem Schiller zu ihr stand, einen sehr günstigen Einfluß aus auf des Dichters Haltung im geselligen Leben.
Nicht viel fehlte jedoch daran, daß ein Zufall das unlängst angeknüpfte Freundschaftsverhältniß wieder aufgelöst hätte. Schiller hatte der Frau v. Kalb einige Scenen aus seinem damals noch unvollendeten "Don Carlos" vorgelesen. Verletzt aber mußte er sich fühlen, als er sie um ihr Urtheil bat, sie einer bestimmten Antwort auswich, und endlich unumwunden erklärte: "Das sei das Schlechteste, was er je geschrieben." Befremdet und entrüstet über diese Aeußerung, nahm Schiller Hut und Stock, und entfernte sich schnell. Die heftige und stürmische Art seiner Declamation, die ihm schon früher ein ähnliches Mißgeschick bereitet hatte, war die Ursache des harten Urtheils gewesen, welches Frau v. Kalb gänzlich wieder zurück nahm, als sie das Manuscript des "Don Carlos" für sich gelesen hatte. Das gute Vernehmen mit jener fein gebildeten Dame war auf diese Weise wieder hergestellt. Schiller hatte für sie sogar die Aufmerksamkeit, bei der nächsten Vorstellung von Cabale und Liebe den Namen des darin auftretenden Hofmarschalls v. Kalb umändern zu wollen, was jedoch seine Freundin, von einem richtigen Urtheil und Gefühl geleitet, nicht zugab.
Auch außerhalb Mannheim hatte Schillers ausgezeichnetes Talent ihm Freunde und Verehrer erworben. Am 7. Juni 1784 erhielt er ein Paket aus Leipzig von vier ihm gänzlich unbekannten Personen, deren Briefe sich mit Begeisterung über ihn und seine Gedichte äußerten. Er fand in jenem Paket, außer einer höchst geschmackvoll gestickten Brieftasche, die Composition eines Liedes aus seinen "Räubern" und vier Portraits, unter denen sich zwei schöne Frauengesichter befanden. Die Personen, die ihm diese Ueberraschung bereitet hatten, waren F. Huber, C. G. Körner, der Vater des bekannten Dichters, Minna Stock, Körners Braut, und deren Schwester Dora.
In einem damaligen Briefe an Dalberg gestand Schiller, daß ihm "der lauteste Beifallsruf der Welt kaum schmeichelhafter gewesen wäre, als dieß Geschenk von fremden Menschen, die dabei kein anderes Interesse gehabt hätten, als ihm für einige frohe Stunden, die er ihnen bereitet, zu danken." Aehnliche Aeußerungen enthielt ein Schreiben Schillers an seine mütterliche Freundin, Frau v. Wolzogen. Schiller schloß seinen Brief mit der charakteristischen Aeußerung: "Wenn ich mir denke, daß in der Welt vielleicht noch mehr solche Cirkel sind, die mich unbekannt lieben, und sich freuen, mich kennen zu lernen; daß vielleicht in hundert und mehr Jahren, wenn mein Staub lange verwest ist, man mein Andenken segnet, und mir noch im Grabe Thränen und Bewunderung zollt, dann freue ich mich meines Dichterberufs und versöhne mich mit Gott und meinem oft harten Verhängniß." Mit seinen Freunden, die damals sämmtlich in Leipzig lebten, trat Schiller in einen fortgesetzten Briefwechsel, und knüpfte daran die Hoffnung, durch eben diese Freunde vielleicht seinen noch immer höchst ungünstigen Verhältnissen entrissen zu werden.
Durch die Ernennung zum Rath, die er dem Herzog Carl August von Sachsen- Weimar verdankte, schienen sich für Schiller Aussichten auf eine erfreulichere Zukunft zu eröffnen. Längst schon hatte Schiller gewünscht, jenem als Freund und Beschützer der Wissenschaften gepriesenen Fürsten persönlich bekannt zu werden. Als der Herzog 1785 die landgräfliche Familie in Darmstadt besuchte, ergriff Schiller die Gelegenheit, sich ihm vorstellen zu lassen. Sein Wunsch, den ersten Act des "Don Carlos" bei Hofe vorzulesen, ward dem berühmten jungen Dichter gern gewährt. Dem entschiedenen Beifall, den sein neues Trauerspiel fand, verdankte er die vorhin erwähnte Auszeichnung.
Ein gesteigertes Selbstgefühl schien sich Schillers durch die ihm verliehene Auszeichnung bemächtigt zu haben. Einen Beweis dafür lieferten die scharfen Theaterkritiken, denen er in seiner "Rheinischen Thalia" eine eigene Rubrik eingeräumt hatte. Verletzt fühlten sich die wegen ihres Spiels oft hart von ihm getadelten Mitglieder der Mannheimer Bühne besonders dadurch, daß er sie, was bisher bei Theaterkritiken noch nicht üblich gewesen, bei jenen Rügen geradezu nannte. Auf ähnliche Weise äußerte er sich in seinen Briefen an Dalberg. Seit Schiller, da sein Contract nicht erneuert worden, mit der Bühne in keiner Verbindung mehr stand, schien er ihr gegenüber eine ganz andere Sprache anzunehmen.
Vorzüglich machte er mehrern Schauspielern das nachlässige Memoriren zum Vorwurf. "Es kann mir," schrieb er unter andern, "Stunden kosten, bis ich einer Periode die bestmöglichste Rundung gebe, und wenn das geschehen ist, so bin ich dem Verdruß ausgesetzt, daß der Schauspieler meinen mühsam vollendeten Dialog nicht einmal in gutes Deutsch verwandelt.—Wenn unsere Schauspieler einmal die Sprache in der Gewalt haben werden, dann ist es allenfalls Zeit, daß sie ihrer Bequemlichkeit mit Extemporiren zu Hülfe kommen. Es thut mir leid, daß ich diese Anmerkung machen muß; noch mehr aber verdrießt es mich, daß ich diese unangenehme Erscheinung nur auf Rechnung ihres guten Willens, und nicht ihrer Kunst schreiben kann, und daß eben diese Schauspieler, die in den mittelmäßigsten Stücken vortrefflich, ja groß gewesen sind, in den meinigen gewöhnlich unter sich selbst sinken." Seinen Brief schloß Schiller mit den Worten: "Ich glaube, daß ein Dichter, der drei Stücke auf die Schaubühne brachte, unter denen die Räuber sind, einiges Recht hat, Mangel an Achtung zu rügen."
Von den Mitgliedern der Mannheimer Bühne ward dieser Tadel nicht gleichgültig aufgenommen. Ihre Erbitterung erreichte den höchsten Grad, und ging so weit, daß der Schauspieler Böck, nach Schillers eignen Worten, "nicht erröthete, auf öffentlicher Bühne mit Gebrüll und Schimpfwörtern und Händen und Füßen gegen ihn auszuschlagen, und auf die pöbelhafteste Art von ihm zu reden."
Schillers längerer Aufenthalt in Mannheim ward ihm dadurch immer mehr verleidet. Von seinen früher erwähnten Freunden, Körner und Huber, nach Leipzig eingeladen, ging er, von ihnen durch gesandte Wechsel großmüthig unterstützt, im März 1785 nach der genannten Stadt. Seinem treuen Streicher, bei dem er den Abend vor der Abreise bis Mitternacht zubrachte, theilte er den phantastischen Plan mit, sich in Leipzig der Rechtswissenschaft widmen zu wollen. Er verband mit dieser Idee die Hoffnung, an einem der sächsischen Höfe bald eine Anstellung zu erhalten. Mit dem schwärmerischen Versprechen, nicht eher an einander zu schreiben, als bis der Eine Minister, der Andere Capellmeister seyn würde, schieden die Freunde von einander.
Noch aus Manheim hatte Schiller am 15. März 1785 einen Brief an Huber in Leipzig geschrieben. Er sprach darin seinen Wunsch aus, daß er nicht wie bisher seine eigene Oekonomie führen möchte. Es koste ihm, äußerte er, weniger, eine ganze Verschwörung und Staatsaction durchzuführen, als seine Wirthschaft. "Poesie", schrieb er, "ist nirgends gefährlicher, als bei ökonomischen Rechnungen. Meine Seele wird getheilt; ich stürze aus meinen idealen Welten, wenn mich ein zerrissener Strumpf an die wirkliche mahnt." Auch allein wollte er nicht wohnen. Zu seiner geheimen Glückseligkeit brauche er einen wahren Herzensfreund, dem er seine aufkeimenden Ideen sogleich mittheilen könnte, nicht aber erst durch Briefe oder Besuche zutragen müßte. Das, meinte er, wären nur Kleinigkeiten, aber Kleinigkeiten trügen oft die schwersten Gewichte im Lauf unsres Lebens. Er wünschte mit Huber eine gemeinschaftliche Wohnung zu beziehen, und äußerte dabei, er sei kein schlimmer Nachbar, und biegsam genug, sich in einen Andern zu schicken. Zu seinen unentbehrlichen Mobilien rechnete er eine Commode, einen Schreibtisch, ein Bett und ein Sopha, außerdem noch einen Tisch und einige Sessel. Ausdrücklich aber bemerkte er in jenem Briefe, daß er weder Parterre noch in einem Dachzimmer wohnen könnte. Dann möchte er auch nicht die Aussicht auf einen Gottesacker haben, denn, fügte er hinzu, er liebe die Menschen und ihr Gedränge.
Nach einer bei ungünstiger Witterung beschwerlichen Reise war Schiller zur Meßzeit in Leipzig angelangt. Einige dort angeknüpfte Bekanntschaften machte er in einem Briefe namhaft, den er den 24. April 1785 an den Buchhändler Schwan in Mannheim schrieb. Er nannte in diesem Briefe, außer Körner und Huber, Weiße, Oeser, Zollikofer, Jünger und den berühmten Schauspieler Reinike. Seine angenehmste Erholung habe er bisher in Richters Caffehause gefunden. Ueber den Eindruck, den seine persönliche Erscheinung gemacht, äußerte er scherzend: "Vielen wollte es gar nicht in den Kopf, daß der Verfasser der Räuber wie andere Muttersöhne aussehen sollte. Wenigstens rundgeschnittene Haare, Courierstiefeln und eine Hetzpeitsche hatte man erwartet."
Seinem früher geäußerten Wunsche gemäß, bewohnte Schiller eine Zeitlang mit Huber ein gemeinschaftliches Zimmer. Späterhin bezog er eine der kleinsten Studentenstuben. Er war noch immer genöthigt, sich hinsichtlich seiner Ausgaben sehr zu beschränken. Sein innerer Reichthum mußte ihm für manche Entbehrung Ersatz bieten. Von seiner mitunter frohen Stimmung gab er einen Beweis in dem "Lied an die Freude". In dem bei Leipzig gelegenen Dorfe Gohlis, wo er einige Sommermonate zubrachte, dichtete er dies Lied.
Ein erhöhtes Selbstgefühl gab ihm die Hoffnung einer gesicherten äußern Existenz. Er erwartete sie nicht von der dem Studium der Jurisprudenz, der er sich in Leipzig hatte widmen wollen, sondern von der Rückkehr zu seinem ehemaligen Berufsfache, der Medicin. In solcher Stimmung war er selbst so kühn, in seinem früher erwähnten Briefe an den Buchhändler Schwan um die Hand seiner Tochter Margarethe anzuhalten. Die abschlägliche Antwort, die ihm Schwan ertheilte, gründete sich auf das mildernde Motiv, daß Margarethe bei der Eigenthümlichkeit ihres Charakters nicht für ihn passe. Obgleich sich dies Verhältniß auflöste, blieb Schiller immer noch mit Schwan und dessen Tochter in freundschaftlicher Verbindung. Margarethe, späterhin verheirathet, starb im sechsunddreißigsten Jahre an den Folgen einer Niederkunft.
Aus dem unbefriedigten Gefühl der Sehnsucht seines Herzens entsprangen wahrscheinlich die von Schiller damals (1786) geschriebenen Gedichte "Freigeisterei der Leidenschaft" und "Resignation", von denen er das erste bedeutend abgekürzt, späterhin unter der veränderten Ueberschrift: "der Kampf" in die Sammlung seiner Gedichte aufnahm. Das gewaltsam getrennte Verhältniß zu Margarethe hatte in Schillers Gemüth eine Lücke zurückgelassen, die er nun durch die Freundschaft auszufüllen suchte. An Streichers Stelle war Körner getreten, den er in einem spätern Briefe vom 20. November 1788 mit den Worten schilderte: "Es ist kein imposanter Charakter, aber desto haltbarer und zuverlässiger auf der Probe. Ich habe sein Herz noch nie auf einem falschen Klange überrascht. Sein Verstand ist richtig, uneingenommen und kühn. In seinem ganzen Wesen ist eine schöne Mischung von Feuer und Kälte."
Um den Besitz eines solchen Freundes nicht zu verlieren, war Schiller schon zu Ende des Sommers 1786 nach Dresden gegangen, wo Körner eine Anstellung als Appellationsrath erhalten hatte. Nach seiner eigenen Angabe in einem Briefe vom 1. Juni 1785 wohnte Schiller in der Dresdner Neustadt, auf dem Kohlenmarkt, im Faustischen Hause. Späterhin bezog er ein Gartenhäuschen auf dem Weinberge seines Freundes Körner, bei dem an der Elbe gelegenen Dorfe Loschwitz, wo er in ungestörter Muße seinen "Don Carlos" vollendete. Er ließ dies Trauerspiel, ehe es 1787 zu Leipzig in Göschens Verlag vollständig erscheinen konnte, bis zur achten Scene des dritten Acts in den vier ersten Heften der "Thalia" einrücken. Im eilften Stück dieses Journals theilte er auch einige Fragmente seines Trauerspiels: "der Menschenfeind" mit, das jedoch unvollendet blieb.
Unter diesen Beschäftigungen war die Idee, zum Studium der Medicin zurückzukehren, wieder völlig in den Hintergrund getreten. Durch irgend eine Thätigkeit außerhalb des Gebiets der Dichtkunst wünschte Schiller gleichwohl sich eine unabhängige Existenz zu gründen. Historische Studien hatten von jeher, schon auf der Karlsschule, viel Anziehendes für ihn gehabt. In einer historischen Sammlung, die er unter dem Titel: "Geschichte der merkwürdigsten Revolutionen und Verschwörungen aus der mittlern und neuern Zeit" zu Leipzig 1788 herausgab, rührte nur die fast wörtlich aus dem Französischen des Abbé St. Real übersetzte "Verschwörung des Marquis von Bedemar gegen die Republik Venedig" von ihm selbst her. Die beiden andern Aufsätze, welche der erste Band jenes Werkes enthielt, welchem kein zweiter folgte, hatten Huber und Schillers Schwager Reinwald zum Verfasser. Jener schilderte die "Revolution in Rom durch Nicolaus Rienzi", dieser die "Verschwörung der Pazzi." Der Name Johann Friedrich Schiller auf dem Titel einer Uebersetzung von "Robertson's Geschichte von Amerika" hat hie und da zu der Vermuthung geführt, als sei auch diese Uebersetzung aus des Dichters Feder gestossen. Sie rührte indeß von einem Seitenverwandten seiner Familie her, der eine Zeitlang als Buchhändler in Mainz lebte, und nach einem längern Aufenthalt in London durch Uebersetzungen mehrerer Werke von A. Smith, Hawkesworth und anderer englischer Schriftsteller sich bekannt machte.
In die Zeit seines Aufenthalts in Dresden fiel Schillers Roman: "der Geisterseher" und die in psychologischer Hinsicht merkwürdige Erzählung: "der Verbrecher aus verlorner Ehre" oder "aus Jafamie", wie der Titel ursprünglich lautete. Den Stoff zu dieser Erzählung verdankte Schiller der Geschichte des schwäbischen Sonnenwirths, die er noch während seines Aufenthalts in Stuttgart aus dem Munde seines Lehrers Abel gehört hatte. Aus den Anfragen, die von mehreren Seiten in Bezug auf seinen "Geisterseher" an Schiller ergingen, überzeugte er sich, daß er durch jenen Roman, dem durchaus keine wahre Geschichte zu Grunde lag, blos die Neugier des Publikums gereizt habe. Er hatte eine höhere Wirkung beabsichtigt, und ließ daher dies Werk unbeendigt. Verwandte Ideen enthielten die gleichzeitig (1786) von ihm geschriebenen "philosophischen Briefe" zwischen Julius und Raphael.
Unter so mannigfachen Beschäftigungen, die er oft bis tief in die Nacht fortsetzte und dadurch vielleicht den Grund zu seiner spätern Kränklichkeit legte, ergriff ihn in der letzten Zeit seines Aufenthalts in Dresden eine glühende Leidenschaft für ein Fräulein v. Arnim, die Tochter der Wittwe eines pensionirten Offiziers. In den geschmackvoll möblirten Zimmern seiner früher erwähnten Freundin Sophie Albrecht, die als eine gefeierte Schauspielerin und eine der ersten Zierden der Dresdner Bühne zahlreiche Besuche von der eleganten Welt zu empfangen pflegte, sah Schiller zuerst das Fräulein, eine hohe Gestalt und blauäugige Blondine, die einen tiefen Eindruck auf sein Herz machte. Seine Freundin Sophie Albrecht, der dieß nicht entging, suchte er zwar zu überreden, Julie v. Arnim sei ihm gleichgültig. Er gab jedoch die unzweideutigen Beweise vom Gegentheil, ungeachtet seine Besuche ihm auf mehrfache Weise erschwert wurden. Die Weisung, nicht zu erscheinen, wenn er Licht in gewissen Fenstern sähe, durfte er nicht überschreiten. Seine Freunde behaupteten, daß Frau v. Arnim alsdann mehr begünstigte Liebhaber ihrer schönen Tochter empfange, und sich nicht scheue, ihnen werthvolle Geschenke zu entlocken, um ihren Aufwand, für den ihre mäßige Pension nicht hinreichte, befriedigen zu können.
Um für Schiller und die erhabene Größe seines Geistes zu schwärmen, stand Julie v. Arnim vielleicht geistig zu tief. Seine Gestalt und Persönlichkeit konnte sie kaum fesseln. Schillers Kleidung bestand in einem dürftigen grauen Rock. Sein tiefgesenktes, immer sinnendes Haupt machte keinen günstigen Eindruck. Nur auf seiner schönen Stirn und in dem glänzenden Auge sprachen erhebende Zeichen von den großen Gedanken, die er meist Nachts dem Manuscript seines Don Carlos übergeben hatte. Qualvolle Tage bereitete ihm des Fräuleins Kälte und Sprödigkeit. Durch werthvolle Geschenke, selbst in baarem Gelde, suchte er ihre Gunst zu erkaufen. Durch diese Summen, die er nothwendiger für andere Zwecke brauchte, schmälerte er das von seinem Verleger Göschen ihm zugesagte Honorar für den Don Carlos.
Schillers Vernunft erlag fast im Kampf mit einer unbändigen Leidenschaft. Nicht ohne große Selbstüberwindung gab er den Bitten seiner Freunde nach, die ihm zu einer Ortsveränderung riethen. Von Frau v. Kalb, die ihren frühern Aufenthalt in Mannheim mit Weimar vertauscht hatte, freundlich eingeladen, begab er sich im July 1787 in jene Residenz, mit dem schwärmerischen Versprechen, das er dem Fräulein v. Arnim gab, entweder zu sterben oder bald wieder nach Dresden zurückzukehren. Er ward indes andern Sinnes, als er, was längst sein Wunsch gewesen war, mit den größten Geistern Deutschlands in nähere Berührung kam.
Nur Wieland und Herder fand Schiller in Weimar. Goethe war in Italien. Mit Wieland kam er bald in nähere Verbindung durch dessen Aufforderung, Beiträge für den "Deutschen Merkur" zu liefern. Außer seinen "Briefen über Don Carlos" und andern Aufsätzen ließ Schiller damals in jenem Journal einige seiner vorzüglichsten Gedichte drucken, unter andern "die Götter Griechenlands" und "die Künstler." Auch ein Fragment seiner "Geschichte des Abfalls der Niederlande von der spanischen Regierung" theilte er im "Deutschen Merkur" mit. Bei diesem historischen Werke hatte er keine Zeit und Mühe gescheut, alle ihm irgend zugänglichen Quellen zu benutzen. Seiner mütterlichen Freundin der Frau v. Wolzogen, gestand Schiller: "er sitze unter Folianten und alten staubigen Schriftstellern wie begraben."
So unausgesetzte literärische Arbeiten forderten gewissermaßen ein stilles, zurückgezogenes Leben, das von jeher mit Schillers Neigungen harmonirt hatte. Einen einsamen Spaziergang im Park abgerechnet, verließ er selten sein Zimmer, falls er nicht seine Freundin Frau v. Kalb besuchte. Höchst frugal war sein Mittagessen. Abends behalf er sich meist mit Butterbrod und einem Glase Bier, das er schon in Mannheim dem Wein vorzog, den er erst in späteren Jahren liebte. Seine sehr mäßigen und unsichern Einkünfte nöthigten ihn so sparsam zu seyn. Er war genügsam und nach mehreren damaligen Briefen im Allgemeinen zufrieden mit seinen Verhältnissen.
Zu seinen interessantesten Bekanntschaften in Weimar gehörten außer Wieland und Herder, besonders Riedel, damals Erzieher des Erbprinzen von Weimar, der bekannte Romanschriftsteller Fr. Schulz, außerdem Bode, Bertuch und die gefeierte Schauspielerin Corona Schröter. Zerstreuung gewährte ihm im November 1787 eine Reise nach Meiningen zu seinem Schwager, dem Bibliothekar Reinwald. Auf dieser Reise besuchte er auch seine mütterliche Freundin in Bauerbach, wo er Wilhelm v. Wolzogen wieder fand. Durch diesen Jugendfreund, der mit ihm zugleich Zögling der Karlsschule gewesen, ward Schiller auf der Rückreise nach Weimar in Rudolstadt mit der v. Lengefeldschen Familie bekannt.
Nach seinen eignen brieflichen Aeußerungen schien es ihm sehr schwer geworden zu seyn, von dieser Familie, die ihm sehr lieb und werth geworden war, sich wieder zu trennen. Charlotte v. Lengefeld, einige Jahre jünger, als ihre an einen Herrn v. Beulwitz verheirathete Schwester Caroline, hatte einen so tiefen Eindruck auf Schillers Herz gemacht, daß ihr Besitz ihm als das höchste Erdenglück erschien. Mit einer anmuthigen Gestalt und Physiognomie vereinigte sie eine vielseitige Geistesbildung. Sie besaß zugleich reine Herzensgüte und Empfänglichkeit für alles Große und Schöne. Die Sehnsucht nach einer bürgerlichen und häuslichen Existenz erwachte wieder in Schiller. "Seit Jahren," schrieb er seinem Freunde Körner, "hab' ich kein ganzes Glück gefühlt, und nicht sowohl, weil mir die Gegenstände dazu fehlten, sondern darum, weil ich die Freuden mehr naschte, als genoß, weil es mir an immer gleicher Heiterkeit und sanfter Empfänglichkeit fehlte, die nur die Ruhe des Familienlebens giebt."
Groß war Schillers Freude, als ein freundliches Geschick die Geliebte wieder in seine Nähe brachte. Charlotte v. Lengefeld war nach Weimar gereist, wo sich ihr Aussichten zeigten zu der Stelle einer Hofdame bei der Herzogin Luise. Schiller sah sie bei ihrer Freundin Frau v. Stein und in einigen andern Cirkeln, obgleich nur selten. Längere Zeit blieb sein Verhältnis ein bloß freundschaftliches, an welchem die Liebe wenigstens keinen offen ausgesprochenen Antheil hatte. In seinen Briefen an Charlotte machte Schiller aus seinen Begriffen von wahrem Lebensgenuß, der nach seinen Begriffen nur in der freien Natur, fern von den Menschen zu finden sei, kein Geheimniß. Es schien ihm unbegreiflich, wie Charlotte "in der Hof- und Assembleenluft" sich gefallen könne. Für ihn hatten die gewöhnlichen gesellschaftlichen Zerstreuungen wenig Reiz, weil sie ihn aus seiner Ideenwelt hinausführten. "Es sieht vielleicht mysanthropisch aus," schrieb er, "aber ich kann mir einmal nicht helfen, ich bin Kleist's Meinung: Ein wahrer Mensch muß fern von Menschen seyn."
Genußreiche Tage verlebte Schiller im May 1788. Er begab sich um diese Zeit nach dem eine halbe Stunde von Rudolstadt gelegenen Dorfe Volkstädt. Dort hatte die v. Lengefeld'sche Familie ihm eine Wohnung gemiethet. Seine "Geschichte des Abfalls der Niederlande von der spanischen Regierung," und andere meistens historische Arbeiten nahmen den größten Theil des Tages in Anspruch. Gegen Abend begab er sich nach Rudolstadt, wo er im Kreise der v. Lengefeld'schen Familie die Früchte seines Fleißes mittheilte. Die schöne Natur und der freundliche Umgang wirkten günstig auf seine Stimmung. Er war heiter, gesprächig, und mitunter selbst reich an witzigen Einfällen.
Durch Goethe's Erscheinung, den er bei der Rückkehr aus Italien in Rudolstadt zum ersten Mal sah, fühlte sich Schiller im Allgemeinen nicht befriedigt. Seine Erwartung war aufs Höchste gespannt gewesen, theils durch die frühern Eindrücke von Goethe's Werken, theils durch das, was er über seine Persönlichkeit in Weimar gehört hatte. Eine gegenseitige Annäherung beider Dichter fand nicht statt. Schiller fühlte sich zurückgescheucht durch Goethe's Abgeschlossenheit und Kälte. Seine geistige Stellung jenem Dichter gegenüber bezeichnete Schiller in einem Briefe an Körner mit den Worten: "Im Ganzen genommen ist meine in der That große Idee von Goethe nach dieser persönlichen Bekanntschaft nicht vermindert worden. Aber ich zweifle, ob wir einander je sehr nahe rücken werden. Vieles, was mir jetzt noch interessant ist, was ich noch zu wünschen und zu hoffen habe, hat seine Epoche bei ihm durchlebt. Sein ganzes Wesen ist schon von Anfang her anders angelegt, als das meinige, seine Welt ist nicht die meinige; unsere Vorstellungsarten scheinen wesentlich verschieden. Indessen schließt sich aus einer solchen Zusammenkunft nicht sicher und gründlich. Die Zeit wird das Weitere lehren."
Das schon in Weimar auf Wielands Empfehlung begonnene Studium des Homer und der griechischen Tragiker setzte Schiller in Rudolstadt fort. Er bedürfe, meinte er, abgesehen von dem Genuß, den er daraus schöpfe, auch schon deßhalb des Studiums der alten Classiker, um seinen eignen Geschmack zu reinigen, der sich durch Spitzfindigkeit und Künstelei sehr von der wahren Simplicität entfernt habe. Seine Vorliebe für die griechischen Tragiker führte ihn zu dem Versuch einer metrischen Uebersetzung der "Iphigenie" des Euripides und einiger Scenen aus den "Phönizierinnen" jenes Dichters. Bei seiner mangelhaften Kenntniß des Griechischen benutzte er einige lateinische und französische Uebersetzungen.
Im Kreise der v. Lengefeld'schen Familie fand Schiller die Ruhe und Heiterkeit der Seele wieder, die bisher durch manche bittere Lebenserfahrungen, durch Mißmuth und Leidenschaftlichkeit getrübt worden war. In einem Briefe an Körner gestand er, als er im November 1788 wieder nach Weimar zurückgekehrt war: "sein Abschied sei ihm schwer geworden. Er habe in Rudolstadt schöne Tage verlebt, und ein wertes Freundschaftsband geschlossen." Für den Genuß, den er nun entbehren mußte, suchte er sich durch einen fortgesetzten Briefwechsel mit Charlotten und deren Schwester zu entschädigen. Beider Briefe, die ihn regelmäßig jede Woche überraschten, schnell zu beantworten, gehörte zu Schillers Lieblingsbeschäftigungen. Nicht blos seine Neigung, auch seine literarischen Arbeiten fesselten ihn an sein Zimmer. Durch seine ökonomischen Verhältnisse ward er zum Fleiß gespornt. Kaum aber reichte seine Zeit hin, um neben der Fortsetzung seiner "Geschichte des Abfalls der Niederlande," noch Beiträge für die "Thalia" und den "Deutschen Merkur" zu liefern.
Die oft wiederkehrende Sehnsucht Schillers nach einer mehr gesicherten Existenz ward gestillt, als er durch Verwendung Goethes und des Weimarischen Staatsministers von Voigt einen Ruf als Professor der Philosophie nach Jena erhielt. Er sah sich dadurch am Ziel seiner Wünsche. Gleichwohl überraschte ihn das ihm angetragene historische Lehramt. Er glaubte noch einiger Jahre zu bedürfen, um sich darauf vorzubereiten. In diesem neuen Verhältniß, meinte er, werde er sich selbst lächerlich vorkommen, denn mancher Student wisse vielleicht mehr Geschichte, als er.
Der Beschäftigung mit der Dichtkunst, wenigstens in den nächsten Jahren, zu entsagen, war ihm ein schmerzliches Gefühl. "Der Abschied von den freundlichen schönen Musen," schrieb er, "ist immer schwer, und die Musen, ob sie schon Frauenzimmer sind, haben ein rachsüchtiges Gemüth. Sie wollen verlassen, aber nicht verlassen werden, und wenn man ihnen den Rücken gekehrt hat, kommen sie nachher auf kein Rufen mehr zurück. Wenn dieß aber auch nicht der Fall wäre, so rächen sie sich schon genug durch ihre Abwesenheit."
In dem ungünstigsten Lichte erschien ihm, nach mehreren seiner Briefe, sein neues Verhältniß. Die Vorbereitung auf seine Collegien preßte ihn die Klage aus: "er sei verdammt, sich durch die geschmacklosesten Pedanten durchzuschlagen, um Dinge daraus zu lernen, die er morgen schon wieder vergäße." Mit diesen Schattenseiten seines Berufs versöhnt ihn wieder die Aussicht eines Besuchs seiner Freundinnen in Jena. Auf einen Ausflug nach Rudolstadt glaubte er ohnedieß, aus Mangel an Zeit, für das nächste Jahr verzichten zu müssen.
Seinen bisherigen Aufenthalt in Weimar, wo er noch Bürgers Bekanntschaft gemacht hatte, der damals jene Residenz besuchte, vertauschte Schiller im May 1789 mit Jena. Ein ungewöhnlicher Beifall begleitete sein erstes Auftreten auf dem Katheder. Vor fast vierhundert Zuhörern eröffnete er in dem Auditorium des Kirchenraths Griesbach sein Lehramt mit der Antrittsrede: "Was heißt und zu welchem Ende studirt man Universalgeschichte?" Im ersten Semester las er wöchentlich zweimal, Dienstags und Mittwochs von sechs bis sieben Uhr Abends, über alte Geschichte. Späterhin hielt er auch Vorlesungen über die Geschichte der europäischen Staaten und über die Kreuzzüge.
Durch Kraft, Feuer und lichtvolle Ideen zeichnete sich Schiller als akademischer Dozent aus. Sein Vortrag soll indeß zu rhetorisch und pathetisch gewesen seyn. Zu dem Rednertalent, das er im freien wissenschaftlichen Gespräch mit Freunden entwickelte, vermochte er, aus Ungeübtheit, später auch wohl aus Kränklichkeit, sich auf dem Katheder nie zu erheben. Störend wirkte dort auch sein schwäbischer Dialekt. Diese Mängel aber vergütete reichlich die überwiegende Kraft seines Geistes.
Mit seinen neuen Verhältnissen, so unbehaglich sie ihm anfangs dünkten, versöhnte ihn das beruhigende Gefühl, eine gesicherte Stellung und einen ausgedehnten Wirkungskreis gefunden zu haben. Mehrere gesellige Verbindungen, die er in Jena anknüpfte, vermehrten seine Heiterkeit. Von Reinhold, Paulus, Griesbach, Schütz und andern geistreichen Männern ward er freundlich empfangen. Nur kurze Zeit sah er seine Rudolstädter Freundinnen wieder, als sie im Juli 1789, um den Badeort Lauchstädt zu besuchen, den Weg über Jena genommen hatten. Er versank in seine oft wiederkehrende trübe Stimmung, die ihm in einem seiner damaligen Briefe das Geständniß entlockte: "es gehöre viel Muth dazu, ein so freudenloses Dasein zu ertragen, und allein von den Gütern der Phantasie zu leben." Die verlorene Ruhe und Heiterkeit fand er erst wieder, als er in Lauchstädt, wohin er damals gereist war, mit dem Geständniß seiner Liebe hervorzutreten wagte, und Charlotte ihm ihre Hand versprach.
Die herannahenden Ferien benutzte Schiller zu einem Ausflug nach Rudolstadt. Das Wiedersehn der Geliebten hatte ihn erheitert. Bekümmert war er jedoch, daß sich ihm zu einer baldigen Verbindung keine Aussicht zeigte. Als Professor bezog er bisher keinen Gehalt. Auf seine Vorlesungen konnte er sich nicht verlassen. Er mußte, wie früher, zur Feder greifen, um für die nöthigsten Bedürfnisse sorgen zu können.
Auf eine schriftliche Vorstellung an den Herzog von Weimar erhielt er die Zusicherung eines Jahrgehalts von 200 Thalern. Auch Karl Theodor v. Dalberg, Coadjutor von Mainz und Statthalter zu Erfurt, ein älterer Bruder des Freiherrn v. Dalberg in Mannheim, eröffnete dem Dichter Aussichten zu einer seinen Wünschen und Neigungen entsprechenden Stelle.
Am 20. Februar 1790 ward Schiller mit Charlotte von Lengefeld in Wenigen- Jena durch den Pfarrer Schmid getraut. Einige Monate nach seiner Verheirathung schrieb er seinem Freunde Körner: "Es lebt sich doch ganz anders an der Seite einer lieben Frau, als so verlassen und allein. Jetzt erst genieße ich die schöne Natur ganz, und lebe in ihr. Ich sehe mit fröhlichem Geiste um mich her, und mein Herz findet eine immerwährende sanfte Befriedigung außer sich, mein Geist eine so schöne Nahrung und Erholung. Mein Daseyn ist in eine harmonische Gleichheit gerückt, nicht leidenschaftlich gespannt, aber ruhig und hell gehen mir die Tage dahin. Meinem künftigen Schicksal sehe ich mit heiterem Muth entgegen. Jetzt, da ich am erreichten Ziel stehe, erstaune ich selbst, wie Alles doch über meine Erwartung gegangen ist. Das Schicksal hat die Schwierigkeiten für mich besiegt, es hat mich zum Ziele gleichsam getragen. Von der Zukunft hoffe ich Alles. Wenige Jahre, und ich werde im vollen Genuß meines Geistes leben, ja, ich hoffe, ich werde wieder zu meiner Jugend zurückkehren; ein inneres Dichterleben giebt sie mir zurück."
Schillers damalige Stimmung war so ruhig und gleichförmig, daß nur selten eine Aeußerung an seine frühere Leidenschaftlichkeit erinnerte, wie unter andern, als er einst bei der Erzählung einer niederträchtigen Handlung eines in Jena angesehenen Mannes entrüstet in die Worte ausbrach: "man müsse sich wundern das solche Menschen im Gefühl ihrer Nichtswürdigkeit nicht augenblicklich verwesten." Als Erholung von geistesanstrengenden Arbeiten liebte Schiller gesellige Zerstreuungen, mitunter auch wohl Karten- und Kegelspiel. Immer aber blieb in seiner Natur ein ernster Sinn vorherrschend, der das Alltägliche mit dem Höhern und Idealen in eine gewisse Verbindung zu bringen suchte. So gab er einst beim Kegelschieben auf die Bemerkung eines der Mitspielenden über den herrlichen Abend die bedeutende Antwort. "Ach, man muß doch das Schöne in die Natur erst überall hineintragen!"
Den reinsten Genuß fand Schiller in einem engen Kreise guter und geistvoller Menschen, besonders in dem Umgange mit Griesbach und Paulus. Wo jeder Einzelne seine Originalität geltend machen konnte, fühlte er sich am wohlsten. Sein fester Sinn bewährte sich in der lebhaften Mißbilligung eines Vorschlags im akademischen Senat: den Jenaischen Studenten, die nach manchen tumultuarischen Auftritten die Stadt verlassen und sich nach Nora bei Erfurt begeben hatten, entgegen zu gehen und sie einzuholen. Dadurch, meinte Schiller, vergebe der akademische Senat sein Ansehen und seine Würde. Nur unter dem Versprechen eines bescheidenen und anständigen Betragens von Seiten der Studirenden müßte ihnen die Erlaubniß zur Rückkehr ertheilt werden. Schiller ward überstimmt und fand dadurch um so mehr Grund, jenen Schritt laut und unverholen zu tadeln. Demungeachtet erhielt er sich bei den Studirenden in fortwährender Achtung. Eine von den Landsmannschaften an ihn abgesandte Deputation bat ihn um Verzeihung, daß in Folge der tumultuarischen Bewegungen durch ein Versehen auch ihm die Fenster eingeworfen worden. In größere Irrungen gerieth Schiller mit einigen seiner Amtscollegen. Weil er sich auf den Titel einer gedruckten Vorlesung, statt Professor der Philosophie, Professor der Geschichte genannt hatte, erlaubte sich der Professor Heinrich, dem das historische Fach übertragen worden, den Titel jener Vorlesung von dem Buchladen, wo er angeschlagen war, durch einen Pedell herunterreißen zu lassen. Ueber diese Jämmerlichkeit äußerte sich Schiller sehr bitter in einem seiner damaligen Briefe.
Die durch jene Kämpfe mit der Außenwelt ihm geraubte Ruhe fand Schiller in seinem häuslichen Kreise wieder. Wechselseitige Harmonie des Geschmacks und der Empfindung machte seine Ehe zu einer sehr glücklichen. Auch dadurch ward ihm seine Gattin besonders werth, daß ihr feiner Tact sein Urtheil bestimmte und leitete. Er mußte ein Wesen um sich haben, dem er seine Ideen mittheilen konnte. Für einen Geist, wie den seinigen, waren gleichwohl die Schranken des häuslichen Lebens jedenfalls zu enge. Geschah es nun auch, daß seine wechselnde Stimmung, manche Eigenheiten, besonders die Liebe zur Einsamkeit, mitunter einige Mißverhältnisse in seiner Ehe erzeugten, so wurden sie durch Schillers Gutmüthigkeit bald wieder beseitigt. Mit Grund behauptete einer seiner vertrauteren Freunde, daß eine leichtsinnige, nach sinnlichen Freuden haschende und Zerstreuung liebende Gattin für Schiller durchaus nicht gepaßt haben würde.
Seine Lage war übrigens nichts weniger als sorgenfrei. Auch nachdem er als Professor einen kleinen Gehalt bezog, durfte seine literarische Thätigkeit nicht ruhen, wenn er sich eine anständige Subsistenz sichern wollte; so mäßig auch seine Ansprüche waren. Neben der Fortsetzung der "Thalia" und Recensionen für die Allgemeine Literaturzeitung, beschäftigte ihn vorzüglich eine mit Paulus, Woltmann u. a. Freunden unternommene Herausgabe von "Historischen Memoiren", für die er selbst eine einleitende Abhandlung und einige, später in der Sammlung seiner Werke wieder abgedruckte Aufsätze schrieb. Durch den Buchhändler Göschen in Leipzig aufgefordert, verfaßte Schiller eine "Geschichte des dreißigjährigen Krieges", die zuerst als "Historischer Kalender für Damen" erschien und von Wieland mit einer empfehlenden Vorrede begleitet ward.
Historische Forschungen waren damals für Schiller von hohem Interesse. Es lag aber in seiner Natur, daß Geschichte in der höhern Bedeutung dieses Worts für ihn nie zur eigentlichen Lebensaufgabe werden konnte. Sie war ein nothwendiger, aber vorübergehender Moment in seiner Selbstbildung. Seine eigenthümlichsten Talente ragten über die Geschichte weit hinaus, und sie trat in den Hintergrund durch das wachsende Interesse an philosophischen und ästhetischen Studien, deren Ausbeute er auch Andern mitzutheilen wünschte. Einige Vorlesungen, die er im Sommer 1790 über den "Oedipus" des Sophokles hielt, führten ihn zum Studium der Poetik des Aristoteles, und er fühlte sich, nach mehrern seiner damaligen Briefe, "erhoben und gestärkt durch die in jenem Werke enthaltenen liberalen Kunstansichten."
Die von Schiller damals geschriebenen Aufsätze: "Ueber den Grund des Vergnügens an tragischen Gegenständen" und "Ueber die tragische Kunst" verdankten ihre Entstehung den erwähnten ästhetischen Studien. Verdrängt wurden diese jedoch wieder durch das überwiegende Interesse für die Kantische Philosophie, die in Jena damals zahlreiche und enthusiastische Verehrer zählte. Unter diesen befanden sich Männer, mit denen Schiller nähern Umgang hatte, wie Reinhold, Paulus, Niethammer u. A. Er war ein Mitglied des Klubbs, in welchem die genannten Gelehrten nebst einigen andern, wie Göttling und Hufeland, sich wöchentlich zu philosophischen Gesprächen einfanden. Noch behaglicher würde sich Schiller in jenem Cirkel gefühlt haben, wenn es ihm leichter geworden wäre, sich an Individuen anzuschließen, die sich um seine Freundschaft bewarben. Gegen Unbekannte und Fremde, die ihn nicht besonders interessirten, verrieth sein Wesen eine Verschlossenheit, die bisweilen an schneidende Kälte grenzte.
Demungeachtet zeigte sich, als seine von Natur schwache Gesundheit heftig erschüttert ward, die allgemeine Liebe und Verehrung für ihn in der lebhaftesten Theilnahme, die kein Opfer scheute. Anstrengende Geistesarbeiten und Nachtwachen hatten seinen Körper sehr geschwächt. Durch seine eingezogene Lebensweise war er überdieß der Erkältung leicht ausgesetzt. Bei einem Besuch, den er mit seiner Gattin dem Coadjutor Dalberg in Erfurt machte, überfiel ihn zu Anfange des Jahres 1791 ein heftiges Fieber, das bei seiner Rückkehr nach Jena bald in eine lebensgefährliche Brustkrankheit ausartete.
Bereitwillig erboten sich Schillers Freunde zu allem, was irgend zur Erleichterung seines Zustandes dienen konnte. Mehrere seiner Zuhörer, unter andern der späterhin als Dichter unter dem Namen Novalis bekannte Freiherr v. Hardenberg und ein junger Livländer, v. Adlerskron, unterzogen sich Nachts seiner Wartung und Pflege. Schillers Brustkrämpfe wurden zwar durch ärztliche Hülfe beseitigt, aber sein körperlicher Zustand blieb zerrüttet für seine ganze übrige Lebenszeit. Seine Schwäche war so groß, daß er öffentliche Vorlesungen aussetzen mußte. Zur Thätigkeit spornte ihn jedoch die Kraft seines Geistes, die sich unter seinen physischen Leiden fast ungeschwächt erhalten hatten. Er nahm zu Privatvorträgen in seinem Zimmer seine Zuflucht.
Selbst mit einigen poetischen Entwürfen beschäftigte er sich wieder. Mit Bürger, den er, wie früher erwähnt, in der letzten Zeit seines Aufenthalts in Weimar kennen gelernt, hatte Schiller, nach einer Aeußerung in einem seiner damaligen Briefe, sich vorgenommen, "einen kleinen Wettkampf der Kunst einzugehen." Beide wollten ein und dasselbe Stück aus Virgil's Aeneide, doch jeder in einer andern Versart übersetzen. Von seiner metrischen Uebersetzung, für die er die italienischen %Ottave rime% wählte, versprach sich Schiller viel, und las seinem Freunde Conz, der ihn damals in Jena besuchte, mit einem gewissen Selbstgefühl einige Proben vor. Eine großartige Wirkung versprach er sich auch von einer "Hymne an das Licht" und von einer "Theodicee" nach Kantischen Prinzipien. Er entwarf zu beiden Gedichten den Plan; die Ausführung aber unterblieb.
Auch die durch seine Beschäftigung mit der "Geschichte des dreißigjährigen Krieges" in ihm geweckte Idee, den König von Schweden zum Helden eines epischen Gedichts zu wählen, gab Schiller wieder auf. In einem seiner Briefe hatte er gemeint, unter allen historischen Stoffen, wo sich das poetische Interesse mit dem nationalen und politischen noch am besten vereinigen lasse, stehe Gustav Adolph oben an. "Eine merkwürdige Action Friedrichs II zu einem Epos zu benutzen", war nach einer brieflichen Aeußerung Schillers, ein Plan, bei dem er ziemlich lange verweilte. Er hoffte die mannichfachen Schwierigkeiten zu besiegen, welche der moderne Stoff und die scheinbare Unverträglichkeit des epischen Tons mit einem gleichzeitigen Gegenstande herbeiführten. Auch über die metrische Form, die er seinem Gedicht geben wollte, war er mit sich einig geworden. Er wollte dasselbe Versmaß wählen, wie bei seiner Uebersetzung des Virgil. Durch die italienische Stanze hoffte er den Wohlklang seines Gedichts zu erhöhen. Es blieb jedoch bei diesen Vorbereitungen. Dramatische Entwürfe zogen ihn wieder von der epischen Gattung ab, ungeachtet er auch zu jenen kein rechtes Vertrauen gewinnen konnte.
Wieland, meinte Schiller, habe recht gehabt, als er ihm einst Mangel an Leichtigkeit vorgeworfen. Das Gleichgewicht seiner Kräfte war gestört, seit die Reflexion die poetischen Bilder verscheuchte, die ihm seine Phantasie in glücklichen Augenblicken zuführte. In einem Briefe an Körner gestand er offen: "er glaube, die Kritik habe ihm geschadet, weil er schon seit mehreren Jahren die Kühnheit und Gluth der Phantasie vermisse, die ihn beseelt habe, als ihm noch keine Regel bekannt war."
Für ein dringendes Bedürfnis hielt Schiller eine gründliche philosophische Bildung. Unter Kant's Schriften, die er mit ernstem Eifer studirte, fiel seine Wahl zuerst auf die "Kritik der Urteilskraft." Begeistert von den neuen und lichtvollen Ideen, die er aus diesem Werke geschöpft, war Schiller nach einer Aeußerung in einem seiner damaligen Briefe, "fest entschlossen, nicht eher nachzulassen, als bis er die Kantische Philosophie ergründet habe, und wenn ihm dies auch drei Jahre kosten sollte." Seine Absicht war, die Kantischen Ideen, die er sich selbstständig angeeignet, in einem Collegium über Aesthetik, das er in dem Winter von 1791-1792 lesen wollte, öffentlich mitzuteilen. Man könne, meinte Schiller, fast nichts Neues mehr auf dem Katheder sagen, wenn man sich nicht vornehme, nicht Kantisch zu seyn.
Die Hauptresultate seines Studiums der Kantischen Philosophie enthielten Schillers Abhandlungen: "Ueber Anmuth und Würde; vom Erhabenen;" und die "Zerstreuten Betrachtungen über verschiedene ästhetische Gegenstände." Nach einem mit seinem Freunde Körner verabredeten Plan traten zu den genannten Abhandlungen später noch die von Schiller verfaßten "Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen" hinzu, die er Anfangs in der Form eines philosophischen Gesprächs hatte herausgeben wollen, diesen Entschluß aber wieder aufgab, als sich mit seinen neuaufkeimenden Ideen auch sein anfänglicher Plan erweiterte. Viel versprach sich Schiller auch von einer Abhandlung "über das Naive", in welcher er vorzüglich den Contrast zwischen Einfalt der Natur und der Cultur schildern wollte.
So anhaltender Geistesanstrengung unterlag seine von Natur schwache Constitution. Kant's Kritik der Urtheilskraft, aus der er sich bedeutende Stellen vorlesen ließ, gewährte ihm Trost und Stärke in seinem Leiden, als er im Juni 1791, während eines Besuchs in Rudolstadt, von einem abermaligen Anfall seines Brustübels heimgesucht ward, der ihn dem Tode nahe brachte. In diesem Vorgefühl äußerte er einst: "Dem allwaltenden Geist der Natur müssen wir uns ergeben, und wirken, so lange wir es vermögen." Aerztliche Mittel beseitigten nach und nach seine Brustkrämpfe. In schlaflosen Nächten las er viel, vorzüglich Reisebeschreibungen. Diese Gewohnheit übte bald eine so unwiderstehliche Macht auf ihn aus, daß er, die Ordnung der Natur umkehrend einen großen Theil des Tages zu dem entbehrten nächtlichen Schlummer verwandte.
In Karlsbad, wohin er im Juli 1791 mit seiner Gattin gereist war, führte er ein sehr zurückgezogenes Leben. Er beschränkte sich fast nur auf den Umgang mit einigen österreichischen Offizieren, die ihn besonders deßhalb interessirten, weil es ihm darum zu thun war, einen Stand näher kennen zu lernen, den er in seinem "Wallenstein" Schildern wollte. Die Idee, diesen großen Feldherrn zum Helden eines Trauerspiels zu wählen, war damals in ihm rege geworden. Was auf Wallenstein irgend Bezug hatte, war ihm wichtig. Er betrachtete sein Bild auf dem Rathhause zu Eger, und ließ sich die Wohnung zeigen, wo er ermordet worden. Die Hoffnung, wieder zu genesen, erheiterte ihn sichtbar. Das Bad äußerte eine so günstige Wirkung, daß er, wenigstens einigermaßen gestärkt, seinem Verleger Göschen, den er in Karlsbad traf, die Fortsetzung des "dreißigjährigen Krieges" für den nächsten Jahrgang des Damenkalenders versprechen konnte.
Wiederholte Rückfälle seines Brustübels ließen jedoch, als Schiller wieder nach Jena zurückgekehrt war, das Schlimmste befürchten. Mitten unter diesen Leiden blieb er heiter und empfänglich für frohen Lebensgenuß. Wollte er jedoch genesen, so mußte er jeder anstrengenden Geistesarbeit entsagen. Die Gefahr, in der sein Leben schwebte, setzte seine zahlreichen Verehrer in Schrecken. Zu diesen gehörte besonders der dänische Dichter Jens Baggesen. In einem Briefe, den er von Reinhold empfangen, hatte dieser gemeint, Schiller könnte sich vielleicht wieder erholen. Nur müßte er nicht, wie bisher, auf eine unausgesetzte literarische Thätigkeit hingewiesen seyn. Alles käme darauf an, ihn wenigstens einige Jahre in eine sorgenfreie Lage zu versetzen. Dies Schreiben las Baggesen dem damaligen Erbprinzen von Holstein-Augustenburg vor, der vereinigt mit dem dänischen Staatsminister Grafen von Schimmelmann dem leidenden Dichter eine Pension von tausend Thalern auf drei Jahre anbot. Dem Briefe, in welchem jene beiden Männer sich zu dieser edelmüthigen Unterstützung bereit erklärten, war eine an Schiller gerichtete Einladung beigefügt, nach Dänemark zu kommen. Das Schreiben war vom 27. November 1791 datirt.
Von der Feinheit, mit der ihm jenes Geschenk angeboten worden, war Schiller fast noch mehr gerührt, als von dem Anerbieten selbst. Der Drang der Empfindungen bei jener Ueberraschung hatte ihn jedoch so ergriffen, daß sein Gesundheitszustand sich wieder verschlimmerte. Er mußte die Beantwortung der von dem Prinzen und dem Grafen empfangenen Briefe einige Tage verschieben. Den 16. December 1791 schrieb er einen sehr ausführlichen Brief an Baggesen, in welchem er sich zur Annahme der ihm so edelmüthig dargebotenen Unterstützung mit dankbarem Herzen bereit erklärte. Er warf zugleich in jenem Schreiben einen Rückblick auf seinen Lebensgang und auf die Fesseln widerwärtiger Verhältnisse, von denen er sich bisher nie ganz habe befreien können.
"Von der Wiege meines Geistes an", schrieb Schiller, "habe ich mit dem Schicksal gekämpft, und seitdem ich die Freiheit des Geistes zu schätzen weiß, war ich dazu verurtheilt, sie zu entbehren. Ein rascher Schritt vor zehn Jahren schnitt mir auf immer die Mittel ab, durch etwas anderes, als durch schriftstellerische Wirksamkeit zu existiren. Ich hatte mir diesen Beruf gegeben, ehe ich seine Forderungen geprüft, seine Schwierigkeiten übersehen hatte. Die Nothwendigkeit, ihn zu treiben, überfiel mich, ehe ich ihm durch Kenntnisse und Reife des Geistes gewachsen war. Daß ich dieses fühlte, daß ich meinen Idealen von schriftstellerischen Pflichten nicht diejenigen engen Grenzen setzte, in welche ich selbst eingeschlossen war, erkenne ich für eine Gunst des Himmels, der mir dadurch die Möglichkeit des höhern Fortschritts offen hielt. Aber in meinen Umständen vermehrte sie mein Unglück. Unreif und tief unter dem Ideal, das in mir lebendig war, sah ich jetzt alles, was ich zur Welt brachte, bei aller geahnten möglichen Vollkommenheit mußte ich mit der unzeitigen Frucht vor die Augen des Publikums eilen; der Lehre selbst so bedürftig, mich wieder meinen Willen zum Lehrer der Menschen aufwerfen. Jedes unter so ungünstigen Umständen nur leidlich gelungene Product ließ mich nur desto empfindlicher fühlen, wie viele Keime das Schicksal in mir unterdrückte. Traurig machten mich die Meisterstücke anderer Schriftsteller, weil ich die Hoffnung aufgab, ihrer glücklichen Muße theilhaftig zu werden, an der allein die Werke des Genius reifen. Was hätte ich nicht um zwei oder drei stille Jahre gegeben, die ich, frei von schriftstellerischer Arbeit, blos dem Studiren, blos der Ausbildung meiner Begriffe, der Zeitigung meiner Ideale hätte widmen können! Zugleich die strengen Forderungen der Kunst zu befriedigen, und seinem schriftstellerischen Fleiß auch nur die nothwendigste Unterstützung zu verschaffen, ist in unserer deutschen literarischen Welt unvereinbar. Zehn Jahre habe ich mich angestrengt, beides zu vereinigen; aber es nur einigermaßen möglich zu machen, kostete mir meine Gesundheit.—Zu einer Zeit, wo das Leben anfing, mir seinen ganzen Werth zu zeigen, wo ich nahe daran war, zwischen Vernunft und Phantasie in mir ein zartes und ewiges Band zu knüpfen, wo ich mich zu einem neuen Unternehmen im Gebiet der Kunst gürtete, nahte sich mir der Tod. Diese Gefahr ging zwar vorüber, aber ich erwachte nur zum andern Leben, um mit geschwächten Kräften und verminderten Hoffnungen den Kampf mit dem Schicksal zu erneuen. So fanden mich die Briefe, die ich aus Dänemark erhielt."
Seinem Herzen gereichte es zur Ehre, daß Schiller in seinem Schreiben das Ablehnen einer Reise nach Kopenhagen nicht blos durch seinen noch immer wankenden Gesundheitszustand, sondern auch durch die Dankbarkeit motivirte, die ihn an den Herzog von Weimar feßle. Mit seinen Freunden in Dänemark, vorzüglich mit der Gräfin von Schimmelmann, blieb Schiller in fortwährender geistiger Verbindung. Die Liebe und Hochachtung gegen seine Gönner bethätigte er außerdem dadurch, daß er seine "Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen" dem Prinzen von Holstein-Augustenburg widmete.
Der Herzog von Weimar ertheilte ihm auf sein Gesuch die Erlaubniß, Jena auf beliebige Zeit zu verlassen. Schiller reiste nach Dresden. Sein dortiges Zusammentreffen mit seinem Freunde Körner ward durch wiederholte Rückfälle seines Brustübels getrübt. In Jena erfreute ihn der Besuch seiner Mutter, die er seit acht Jahren, nach der früher erwähnten Zusammenkunft mit ihr in Bretten, nicht wieder gesehen hatte. Mit ihr war auch Schillers jüngste Schwester Nanette gekommen. Ein funfzehnjähriges talentvolles Mädchen, deren große Freude es war, Stellen aus ihres Bruders Gedichten zu recitiren.
Lebhaft regte sich in Schiller das Verlangen, sein Vaterland wieder zu sehen. In einer minder drückenden Lage konnte er jetzt seinen Verwandten und Freunden ohne Scheu entgegentreten. Begleitet von seiner Gattin reiste er im August 1793 nach Schwaben. Nicht ohne innere Bewegung sah er in Heidelberg seine Jugendgeliebte Margarethe Schwan wieder, die er dort verheirathet fand. In Heilbronn versammelten sich seine Eltern und mehrere Freunde um ihn. Auf ein Schreiben an den Herzog von Würtemberg, dessen Land er jetzt zum erstenmal nach seiner Flucht wieder zu betreten wagte, erhielt er zwar keine Antwort, doch durch seine Freunde die Nachricht, der Herzog habe öffentlich erklärt, Schiller werde von ihm ignorirt werden.
Um dem Luftschloß Solitude, wo seine Eltern wohnten, näher zu seyn, ging Schiller nach Ludwigsburg. Dort fand er seinen Jugendfreund v. Hoven, als herzoglichen Leibmedikus wieder. Von seiner ärztlichen Hülfe hoffte er Wiederherstellung seiner Gesundheit. In Ausdrücken der tiefsten Empfindung äußerte er sich über das Glück der ersten Vaterfreude, das ihm in Ludwigsburg zu Theil ward. Nach den Grundsätzen Quinctilians, mit dem er sich damals beschäftigte, wollte er seinen Sohn Karl erziehen lassen, wie er sich darüber gegen einen Freund äußerte.
In Schillers ganzem Wesen war, übereinstimmenden Zeugnissen zufolge, eine merkwürdige Veränderung vorgegangen. Das Herbe und Schroffe in seiner Natur hatte sich gemildert. In dem Ernst und der Würde seines Benehmens zeigte sich kaum noch eine Spur seines aufbrausenden, stürmischen Charakters. Seine hagere Gestalt, sein bleiches Gesicht verriethen seine oft wiederkehrende Kränklichkeit, die seinen Freunden nur selten erlaubte, Schillers geistreichen und herzlichen Umgang ungestört zu genießen. Unter seinen oft hartem Leiden tröstete er sich mit den ihm lieb gewordenen Studium von Kant's Schriften. Wenn er genöthigt war das Bett zu hüten, und, nach seinem eigenen Ausdruck, "von Arzeneigläsern sich umlagert sah", lag die "Kritik der Urtheilskraft" meist neben ihm auf dem Tische, und scherzend äußerte er einst, sein Diener, der bei ihm gewacht, habe, um sich munter zu erhalten, das ganze Buch in Einem Zuge durchgelesen. Abwechsend [Abwechselnd] las er die Vossische Uebersetzung des Homer, die er sehr liebte. Mitunter regten sich in ihm auch allerlei poetische Entwürfe. Er meinte, die Beschäftigung mit abstracten philosophischen Problemen habe nachtheilig eingewirkt auf seine dichterische Productionskraft. "Und doch ist es", gestand Schiller seinem Freunde Körner, "nur die Kunst selbst, wo ich meine Kräfte fühle. In der Theorie muß ich mich immer mit Principien plagen; da bin ich bloßer Dilettant."
In Tübingen sah Schiller seinen Jugendlehrer Abel wieder, der ihn an sein Vaterland zu fesseln suchte, das nach dem um diese Zeit erfolgten Tode des Herzogs Carl von Würtemberg eine neue und minder willkürliche Verfassung bekommen hatte. Jenem Antrage gab Schiller jedoch kein Gehör, und eben so wenig der Bitte seines Vaters, dem neuen Regenten Ludwig Eugen in einem Gedicht zu seinem Regierungsantritt Glück zu wünschen. Für unwürdig hielt es Schiller, die Poesie zu irgend einem Vortheil oder zu andern untergeordneten Zwecken zu benutzen. Auch wollte er den Schein vermeiden, als freue er sich über den Tod eines Fürsten, durch dessen Willkühr er so viel gelitten. Nie vergaß er die Wohlthaten, die er dem Herzog in seiner Jugend zu verdanken gehabt hatte.
Einflußreich für seine spätern Lebensverhältnisse war für Schiller die in Tübingen angeknüpfte Verbindung mit der Cottaischen Buchhandlung. Er trat jedoch zurück von dem ihm gemachten Antrage, die Allgemeine Deutsche Zeitung zu redigiren, da die politisch-poetische Richtung, welche Cotta jener Zeitschrift zu geben wünschte, Schillers Geiste zu fern lag. Seinen Fähigkeiten und Neigungen weit angemessener, als jenes Blatt, war die Herausgabe eines poetischen Journals unter dem Titel: "die Horen." Die neue Zeitschrift sollte, nachdem die "Thalia" aufgehört hatte, mit dem Anfange des Jahres 1795 erscheinen. Politische Gegenstände sollten von diesem Journal gänzlich ausgeschlossen seyn. Nach der von Schiller geschriebenen Vorrede sollten die "Horen" einer heitern und leidenschaftsfreien Unterhaltung gewidmet seyn. Dem Geist und Herzen des Lesers, den der Anblick der Zeitbegebenheiten bald entrüste, bald niederschlage, sollte diese Zeitschrift eine fröhliche Zerstreuung gewähren, und mitten in dem politischen Tumult sollte sie für Musen und Charitinnen einen engen vertraulichen Cirkel schließen, aus welchem alles verbannt wäre, was mit einem unreinen Partheigeiste gestempelt sei.
Mehrere der achtenswerthesten Schriftsteller Deutschlands, Goethe, Herder, Kant, Fichte, Humboldt u. A. waren von Schiller zu Beiträgen für die "Horen" aufgefordert worden. Für das neue Journal zeigten sich die günstigsten Aussichten durch vielversprechende Antworten, welche Schiller von mehreren Seiten erhielt. Mit einzelnen der erwähnten Gelehrten war er in nahe Berührung gekommen, unter andern mit Wilhelm von Humboldt, der sich damals mit seiner Gattin in Jena häuslich niedergelassen hatte. Die philosophischen und ästhetischen Abendgespräche zwischen Schiller und Humboldt zogen sich oft bis in die Nacht hinein. Ein besonderes Interesse gewann die Herausgabe seines Journals noch dadurch für Schiller, daß er mit Goethe, den er zur Theilnahme an den "Horen" aufgefordert, in das längst von ihm gewünschte nähere Verhältniß trat, welchem sich Goethe, aus entschiedner Abneigung gegen Schillers frühere Producte, bisher entzogen hatte.
Schillers Gespräche mit Goethe über Kunst und Kunsttheorie weckten in ihm den Gedanken, die Correspondenz mit jenem Dichter zu einer Quelle von Aufsätzen für die "Horen" zu benutzen. Schiller freute sich sehr über den fruchtbaren Ideenwechsel, der aus seinem näheren Verhältniß mit Goethe entsprang. Mit Vergnügen folgte er daher einer Einladung Goethes, nach Weimar zu kommen, und sich dort einige Wochen in seinem Hause aufzuhalten. Goethe hatte ihm jede Freiheit und Bequemlichkeit zugesichert, die theils sein körperlicher Zustand, theils seine gewohnte Lebensweise forderte.
Zu Ende des Septembers 1794 war Schiller wieder nach Jena zurückgekehrt, noch voll von den mannigfachen Ideen, die Goethe in ihm angeregt hatte. Neben der Vollendung seiner "Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen" beschäftigte er sich mit einer Recension von Matthisson's Gedichten, den er in Tübingen persönlich kennen gelernt hatte. Aehnliche Gedanken, wie er sie in seinem Gedicht: "die Künstler" ausgesprochen, enthielt Schillers geistreiche Kritik der Gedichte Matthissons. Was er einige Jahre zuvor (1788) in einer Recension von Goethe's "Egmont" diesem Trauerspiel zum Vorwurf gemacht hatte, daß demselben Idealität fehle, das legte Schiller mit noch größerem Nachdruck seiner sehr strengen Beurtheilung der Gedichte Bürgers zum Grunde, durch welche er diesen an Glück und Ruhm verarmten Dichter in den letzten Tagen seines Lebens bitter kränkte.
Sehr günstig hatte Goethe die in Schillers "Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen" enthaltenen Ideen beurtheilt. Dadurch fühlte sich Schiller getröstet über den Widerspruch Herders, der ihm, wie er äußerte, seine Vorliebe für Kant nicht verzeihen könne. Ungeachtet des glänzenden Denkmals, das Schiller in einem Briefe vom 28. October 1794 der Kantischen Philosophie setzte, ward er derselben wieder entfremdet durch anderweitige literarische Beschäftigungen. Goethe's Schriften, besonders die Lectüre des "Wilhelm Meister" gewährten ihm damals einen hohen Genuß. Er fühlte sich, wie er am 7. Januar 1795 schrieb, "von einer süßen innigen Behaglichkeit, von einem Gefühl geistiger und leiblicher Gesundheit durchdrungen. Es sei ihm peinlich zu Muthe, von einem Product dieser Art in das philosophische Wesen hineinzusehen. Dort sei alles so heiter, so lebendig, so harmonisch aufgelöst und so menschlich wahr; hier alles so streng, so rigid und abstract und so höchst unnatürlich, weil alle Natur nur Synthesis und alle Philosophie Antithesis sei. Zwar glaubte er, sich das Zeugniß geben zu können, in seinen Speculationen der Natur so getreu als möglich geblieben zu seyn. Aber dennoch fühle er nicht weniger lebhaft den unendlichen Abstand zwischen dem Leben und dem Raisonnement." So viel, meinte er, sei gewiß: der Dichter wäre der einzige wahre Mensch, und der beste Philosoph gegen ihn nur eine Carricatur.
Mit dem Jahr 1795 begann eine neue Periode der poetischen Fruchtbarkeit Schillers. In dem Zeitraum von 1790 bis 1794 schien er, die metrischen Uebersetzungen aus dem Virgil abgerechnet, der Dichtkunst beinahe ganz entsagt zu haben. Theils in die "Horen", theils in den "Musenalmanach", den er mit dem Jahr 1795 herausgab, nahm Schiller mehrere seiner, durch Form und Inhalt besonders ausgezeichneten Gedichte auf, unter andern "die Ideale", das "Reich der Schatten" (später das "Ideal und das Leben" genannt), und die "Elegie", welcher er nachher die veränderte Ueberschrift: "der Spaziergang" gab. Auf das zuletzt genannte Gedicht legte Schiller einen besondern Werth. Das beste Kriterium der wahren Güte eines poetischen Products, meinte Schiller, sei dieses, daß es in jeder Gemüthsstimmung gefalle, und das sei ihm noch bei keinem Gedicht begegnet, als gerade bei diesem. Eine großartige Wirkung versprach er sich von einer Idylle, einem Gegenstück zu seiner "Elegie." Er wollte in diesem Gedicht "das Ideal der Schönheit objectiv zu idealisiren suchen," gab indeß diesen Plan, wie einige andere poetische Entwürfe, wieder auf.
In wechselnder Stimmung kehrte er wieder zur dramatischen Poesie zurück, für die sich sein Talent vorzugsweise eignete. Die Geschichte der Belagerung von Malta wollte er zu einem Trauerspiel benutzen, bei welchem er sich viel vom Gebrauch des Chors versprach, wie er ihn später in seiner "Braut von Messina" nach dem Muster der Griechen, wieder auf der Bühne einführte. Das durch Wieland ihm empfohlene Studium der Alten hatte noch immer viel Reiz für ihn, und er suchte sich ihre Vorstellungsweise anzueignen. Seine neue dramatische Dichtung nannte Schiller die "Ritter von Malta." Den Plan dieses Werkes findet man in des Dichters gesammelten Werken; die Ausführung unterblieb.
Auch den schon früher entworfenen Plan, den Wallenstein zum Helden einer Tragödie zu wählen, nahm er wieder auf, gestand aber, von einer augenblicklichen Muthlosigkeit ergriffen, seinem Freunde Körner: "Ich glaube mit jedem Tage mehr zu finden, daß ich nichts weniger vorstellen kann, als einen Dichter, und daß höchstens da, wo ich philosophiren will, der poetische Geist mich überrascht. Was ich im Dramatischen zur Welt gebracht, ist nicht sehr geeignet, mir Muth zu machen. Im eigentlichen Sinne des Worts betrete ich eine mir ganz unbekannte, wenigstens unversuchte Bahn; denn im Poetischen hab' ich seit drei bis vier Jahren ganz neuen Menschen angezogen."
Schillers Vertrauen zu seinen Kräften wuchs unter den mannichfachen dramatischen Vorbereitungen, die sich bis in den May 1796 hinzogen, wo er sich für den "Wallenstein" entschied. "Der Held seines neuen Trauerspiels," meinte er, "sei ein Charakter, der nur im Ganzen, doch nie im Einzelnen interessiren könne, denn er habe nichts Edles, erscheine in keinem Lebensact groß, habe wenig Würde u. dgl." Dennoch aber überließ sich Schiller der Hoffnung, auf rein realistischem Wege einen dramatisch großen Charakter in ihm aufzustellen, der ein ächtes Lebensprincip habe. Im "Posa" und "Karlos", bemerkte Schiller, habe er die fehlende Wahrheit durch schöne Idealität zu ersetzen gesucht, hier im "Wallenstein" wolle er den Versuch machen, durch die bloße Wahrheit für die fehlende Idealität zu entschädigen.
An sich und seine Arbeiten legte Schiller den strengsten Maßstab. Er wollte nach den ihm verliehenen Kräften das Höchste leisten. Daher seine glühende Begeisterung für alles Treffliche, aber auch sein eben so glühender Haß jedes falschen Geschmacks überhaupt, jeder Beschränkung der Wissenschaft und Kunst. Unterstützt durch die achtbarsten Schriftsteller Deutschlands hatte er sich von seinem Journal, "den Horen", eine großartige Wirkung versprochen. Jene Zeitschrift war jedoch von mehreren Seiten mit einer Kälte und Gleichgültigkeit aufgenommen worden, die an Geringschätzung grenzte.
In seiner dadurch sehr gereizten Stimmung vereinigte sich Schiller mit Goethe zu den unter dem Titel. "Xenien" bekannten Epigrammen. Nach Schillers eigner Aeußerung in einem Briefe an Körner sollte "wilde Satyre, besonders auf schriftstellerische Producte, untermischt mit einzelnen poetischen und philosophischen Gedanken blitzen", den Stoff zu diesen Epigrammen darbieten. Die Sammlung sollte aus nicht weniger als 600 Monodistichen bestehen. Der anfängliche Plan, sie bis auf 1000 zu vermehren, scheiterte durch den Mangel an Productivität ihrer Verfasser. Immer war noch eine große Zahl von Monodistichen nöthig, wenn die Sammlung nur einigermaßen den Eindruck eines Ganzen machen sollte. Schiller entschloß sich daher, unter jenen Producten die ernsten und philosophischen in seinem "Musenalmanach" vereinzelt mitzutheilen, und die satyrischen unter der Ueberschrift "Xenien" nachfolgen zu lassen. Die allgemeine Sensation, welche jene Epigramme erregten, veranlaßte zahlreiche Gegenschriften, theils in Prosa, theils in Versen, von Gleim, Claudius, Manso, Nicolai u. A., die in jenen satyrischen Producten sehr hart angegriffen worden waren. Man findet diese, längst aus den Augen des Publikums verschwundenen Gegenschriften in dem von E. Bons neuerlich herausgegebenem Werke: "Schiller und Goethe im Xenienkampf."
Sehr beunruhigend waren für Schiller die Nachrichten, die er um diese Zeit, im Frühjahr 1796, von der traurigen Lage seiner Familie erhielt. Aus der Solitude gelangte an ihn ein Brief, der ihm den frühen Tod seiner jüngsten Schwester Nanette meldete. Von dem epidemischen Fieber, welches das blühende Mädchen hinweggerafft, war auch Schillers Vater, und bald nachher seine zweite Schwester Luise ergriffen worden. Die traurige Lage der Seinigen, der Gedanke an seine arme, des Trostes bedürftige Mutter bekümmerten ihn sehr. Seiner schwachen Gesundheit wegen getraute er sich nicht in seine Heimath zu reisen. Doch erbot er sich, als seine an den Bibliothekar Reinwald in Meiningen verheirathete Schwester Christophine sich zu ihren Eltern begab, dieselben nach allen seinen Kräften zu unterstützen. Einen tiefen Eindruck machte auf ihn der um diese Zeit erfolgte Tod seines Vaters. Als Schiller erfuhr, daß seine Mutter in Leonberg eine Art von Versorgung erhalten, und seine zweite Schwester Luise sich mit dem Stadtpfarrer Frankh in Möckmühl verheirathet hatte, kehrte mit der Beruhigung über das Schicksal seiner Familie, die in der damaligen Kriegsperiode sehr gefährdet gewesen war, ihm wieder einigermaßen die Ruhe zurück, deren er bei seinen literarischen Beschäftigungen so nöthig bedurfte.
In dem Umgange mit mehreren geistreichen Männern, die sich damals in Jena um ihn versammelten, erheiterte sich Schillers trübe Stimmung. Mit Fichte und Schelling kam er in nähere Berührung. Wilhelm von Humboldt war von Berlin, wo er sich eine Zeit lang aufgehalten, wieder nach Jena zurückgekehrt. Wilhelm v. Wolzogen war um diese Zeit Kammerrath und Kammerherr in Weimar geworden. So führte das Schicksal auch diesen Jugendfreund Schillers in seine Nähe. Einen seiner längst gehegten Lieblingswünsche sah Schiller um diese Zeit (1796) erfüllt durch den Ankauf einer Gartenwohnung. Sie lag in einer anmuthigen Gegend vor der Stadt zwischen dem sogenannten Engelgatter und dem Neuthor, an einer Schlucht, durch welche sich der Leutrabach schlängelt. An der obern Gartenecke, nach der Leutra hin, hatte Schiller sich ein von seiner Familienwohnung abgesondertes Häuschen bauen lassen, in welchem er während der Sommermonate oft bis tief in die Nacht zu arbeiten pflegte.
Mit dichterischen Erzeugnissen, theils lyrischer, theils dramatischer Gattung beschäftigte sich Schiller, wenn es ihm seine oft wiederkehrende Kränklichkeit irgend erlaubte. Durch einen Wetteifer mit Goethe veranlaßt, entstanden 1797 seine ersten Balladen, die "Kraniche des Ibykus", der "Taucher" u. a. m. Beide Dichter theilten sich in die Stoffe, die sie gemeinschaftlich ausgesucht hatten. Die Herausgabe seines "Musenalmanachs" hatte Schiller mit dem Jahr 1799 aufgegeben. Schon früher hatten die "Horen" geendet. Dadurch erhielt er mehr Muße, sich mit seinen dramatischen Entwürfen zu beschäftigen, namentlich mit dem "Wallenstein" und gleichzeitig mit den "Malthesern." Zu dem erstgenannten Trauerspiel gewann er immer mehr Vertrauen. Nur die große Ausdehnung des Stücks machte ihn mitunter besorgt.
Vollendet ward der "Wallenstein", den er in drei Theile zerfallen ließ, im Jahr 1798. Unter der Leitung des Baumeisters Thouret aus Stuttgart war damals ein neues Theater in Weimar erbaut worden. Zur Eröffnung der Bühne war das Vorspiel "Wallensteins Lager" bestimmt, welches Schiller seiner Tragödie vorangeschickt hatte. Schiller hatte sich nach Weimar begeben. Die Vorstellung übertraf seine kühnsten Erwartungen. Durch die "Piccolomini", den ersten Theil des "Wallenstein", sollte den 30. Januar 1799 der Geburtstag der Herzogin von Weimar gefeiert werden. Das Stück machte einen tiefen und gewaltigen Eindruck. Schiller selbst war mit der Darstellung sehr zufrieden. Wiederholt äußerte er den Schauspielern seine Freude darüber, die er auch dadurch zu erkennen gab, daß er zu dem Mahl im zweiten Act der "Picolomini [Piccolomini]" noch einige Flaschen Champagner hinzufügte, die er selbst unter dem Mantel herbeitrug.
Neue dramatische Entwürfe beschäftigten den Dichter nach der Beendigung des "Wallenstein." Seine Thätigkeit ward jedoch oft gehemmt durch Rückfälle seines Brustübels, dann aber auch durch die ihm besonders lästigen Besuche zum Theil unbedeutender Fremden, die ihn, nach seinen eignen Worten, wie ein Wunderthier angafften. Scherzend äußerte er einst den Wunsch, daß irgend ein Potentat ihm Gefährliches zutrauen, ihn einige Monate auf eine Bergveste mit schöner Aussicht einsperren, und ihm nur erlauben möchte, auf den Wällen umher zu spazieren. Da sollten, meinte er, Werke entstehen, so recht aus einem Guß, an denen Verfasser, Mit- und Nachwelt sich erfreuen könnten.
Die Anschauung des Theaters war es hauptsächlich, wodurch Schiller bewogen ward, zu Ende des Jahres 1799 seinen bisherigen Aufenthalt in Jena mit Weimar zu vertauschen. In einem Schreiben an den Herzog von Weimar motivirte er sein Gesuch durch die Vorstellung, daß er nachdem er von philosophischen Studien wieder zur Poesie zurückgekehrt sei, sich durchaus nicht mehr am rechten Orte befände. Er erörterte dieß ausführlich, und bat zugleich um eine Vermehrung seines Gehalts. Den in seinem Briefe ausgesprochenen Ideen kam der Herzog von Weimar auf's Bereitwilligste entgegen, und seine reelle Hülfe erleichterte die Ausführung des Plans.
Schillers Leben in Weimar war heiter und mannigfach bewegt. Die Nähe des Theaters, seine Einwirkung darauf, erhielten ihn in einer äußern, ihm zusagenden Thätigkeit. Unter den Schauspielern, mit denen er in freundlichem Verkehr blieb, suchte er den höhern Kunstsinn zu wecken und viel versprechende Talente durch Rath und Belehrung zu fördern. Die Geistesfreiheit, die in den geselligen Verhältnissen Weimars herrschte, entsprach seiner Denk- und Empfindungsweise. In seinem Urtheil über Andere schien er milder geworden zu seyn. Unbeachtet ließ er den durch gekränkte Eitelkeit oder leidenschaftliche Entrüstung gegen ihn hervorgerufenen Tadel seiner Produkte in öffentlichen Blättern. Der Beifall, den Goethe seinen Werken zollte, war ihm besonders erfreulich. Das rein menschliche Urtheil dieses Dichters hatte für ihn, nach seinem eignen Ausdruck einen hohen Werth. Mit Wieland und Herder, wiewohl er mit den Letztern späterhin zerfiel, mit Meyer, Einsiedel, Bertuch und andern geistreichen Männern kam er in mehrfache Berührung. Nur mit Jean Paul, der sich damals in Weimar aufhielt, entstand kein näheres Verhältniß. Schiller verkannte nicht den Geist und das Talent des genannten Schriftstellers, aber die Formlosigkeit seiner Producte widerstand ihm. Mehr behagte ihm der gesunde, wahre Naturausdruck in Kotzebue's Schriften. Mit dem Autor selbst, der damals gleichfalls in seiner Nähe lebte, kam Schiller in keine nähere Berührung. Er bedauerte, daß ein so bedeutendes Talent, wie es Kotzebue besaß, durch die Flachheit seines geistigen und moralischen Sinnes fortwährend in einer niedern Sphäre erhalten worden sei.
Von seinen nächsten Umgebungen hatte sich Schiller im May 1800 nach Ettersburg zurückgezogen, um dort sein neues Trauerspiel "Maria Stuart", an welchem noch der letzte Act fehlte, zu vollenden. Im Juni des genannten Jahres erschien es auf der Bühne. An dramatischem Effect stand die neue Tragödie dem "Wallenstein" nicht nach. Doch erregte der Streit der beiden Königinnen, und noch mehr die Abendmahlsscene, mit der vorzüglich Herder unzufrieden war, manchen Anstoß. Schiller fand sich dadurch veranlaßt, bei der zweiten Aufführung seines Stücks, im Herbst 1800, manches darin zu ändern und abzukürzen.
Mit großem Interesse hatte er damals die von de l'Averdy aus den Manuscripten der Pariser Bibliothek herausgegebenen Acten über den Verdammungs- und Lossprechungsproceß der Johanna d'Arc gelesen. Er benutzte dieß historische Ereigniß zu seiner romantischen Tragödie: "die Jungfrau von Orleans." Um völlig ungestört arbeiten zu können, begab er sich nach Jena, wo er seine Gartenwohnung bezog. Er hatte sich so völlig isolirt, daß er nur mit Schelling und Niethammer in einige Berührung kam. In einem Briefe an Goethe vom 3. April 1801 äußerte er die Hoffnung, sein Trauerspiel in vierzehn Tagen zu vollenden. Er beschäftigte sich indeß damit noch beinahe sieben Monate. Ueber die Behandlung seines Stoffs und über einzelne Charaktere und Situationen seiner Tragödie erklärte er sich ausführlich in einem am 26. November 1801 geschriebenen Briefe. Er nannte die "Jungfrau von Orleans" in jenem Briefe ein in ihrer Art einziges Süjet, und einen beneidenswerthen Stoff für den Dichter.
Die Stimme der Kritik über sein neues Trauerspiel befriedigte ihn nicht. Auch die billigen Anforderungen an eine Recension fand er nicht erfüllt in einer damals von Apel für die Allgemeine Literaturzeitung geschriebenen Beurtheilung der "Jungfrau von Orleans". Jene Recension schien ihm ein bloßer Versuch, "die Prinzipien der Schellingschen Kunstphilosophie einem vorhandenen Werke anzupassen und darauf anzuwenden."
Von der Wirkung seines neuen Trauerspiels und von der Macht seines Talents überzeugte sich Schiller bei der Vorstellung der "Jungfrau von Orleans" in Leipzig. Der Enthusiasmus des Publikums äußerte sich, als der Vorhanggefallen war, durch den vielstimmigen Ruf: "Es lebe Friedrich Schiller!" Die Zuschauer drängten sich in dem überfüllten Schauspielhause, um den heraustretenden Dichter zu sehen. Schiller hatte sich damals von Leipzig nach Dresden begeben, wo er in dem nahegelegenen Loschwitz, auf Körners Weinberge, mehrere Wochen verweilte, in heitern Jugenderinnerungen, besonders an seinen "Don Carlos", den er dort gedichtet hatte. In fast wehmüthiger Stimmung verließ er Dresden, wo er mit dem durch Goethe und Meyer in ihm geweckten höhern Sinne für die plastische Kunst, sich heimathlicher als früher gefühlt hatte in der antiken Welt, deren Anschauung neue und fruchtbare Ideen in ihm weckte.
Sein Aufenthalt in Weimar ward ihm behaglicher, als bisher, durch ein bequemes und freundliches Haus an der sogenannten Esplanade. In diesem, von ihm damals gekauften Hause bewohnte er die obere Etage allein. Vor der Mittagssonne schützte ihn in seinem Zimmer ein carmoisinrother Vorhang, dessen röthlicher Schimmer, wie er meinte, auf seine produktive Stimmung belebend einwirkte. Zufällig war der Tag, an welchem er seine neue Wohnung bezog, der Todestag seiner Mutter. Wie schmerzlich ihn jene Nachricht ergriffen, schilderte er in einem Briefe an seine Schwester Christophine, die Gattin des Bibliothekars Reinwald in Meiningen.
Mit einer Kraft und Innigkeit, wie sie ihm, nach seinen eignen Worten, lange nicht begegnet, fühlte sich Schiller von einem neuen dramatischen Stoffe angezogen. Es war die "Braut von Messina." In einem Briefe vom 10. März 1802 meldete er, daß ihn jener Stoff schon sechs Wochen beschäftige. Erst zu Ende des Januar 1803 ward das neue Trauerspiel vollendet, und am 4. Februar ward es Abends in einer Gesellschaft von Freunden und Bekannten vorgelesen. Doch wohnte auch der Herzog von Weimar jener Vorlesung bei. Ehe das Stück in Weimar zur Aufführung kam, ward es in Lauchstädt gegeben. In den ersten Tagen des Juli reiste Schiller dorthin. Bei dem Zusammenströmen zahlreicher Fremden fand er mit Mühe ein unweit dem Schauspielhause gelegenes Logis mit einem daran stoßenden Garten. Bei der Vorstellung des Stücks ereignete sich der Zufall, daß bei einem aufsteigenden schwereren Gewitter, die bisher entfernt gehörten Donnerschläge in dem Augenblicke, wo Isabella die gewaltigen Verwünschungen gegen den Himmel aussprach, sich bis zu einem furchtbaren Krachen verstärkten, und daß der Schauspieler Graff diesen Zufall zu einer Gesticulation benutzte, von der das ganze Publikum ergriffen ward.
In einigen Briefen, die Schiller aus Lauchstedt an seine in Weimar zurückgebliebene Gattin schrieb, beklagte er sich, ungeachtet der Zufriedenheit mit seinem Aufenthalt und seinen Umgebungen, doch über die Ungewohnheit eines gänzlichen Müssigganges, der ihn den Verlust der schönen Zeit bedauern lasse. Im Juli 1803 kehrte er wieder nach Weimar zurück, nachdem er einen Tag bei dem Kanzler Niemeyer in Halle zugebracht hatte. Bei der Rückkehr nach Weimar widmete er sich wieder seiner gewohnten Thätigkeit. Mannigfache poetische Entwürfe beschäftigten ihn. Reich an dramatischem Interesse schien ihm besonders die ältere französische Geschichte, namentlich die Zeit der Ligue. Zu seinen Lieblingscharakteren gehörte Heinrich IV. Die neuere Geschichte Frankreichs weckte in ihm die Idee, den Zustand der Polizei in Paris unter der Regierung Ludwigs XIV. zu einem dramatischen Gemälde zu benutzen. Diese Idee beschäftigte ihn längere Zeit. Nach seinen eignen Aeußerungen sollte über den bunten und mannigfachen Gestalten einer Pariser Welt wie Polizei, wie eine Art von höherem Wesen schweben, dessen Blick ein unermeßliches Feld überschaue und in die geheimsten Tiefen dringe, und für dessen Arm nichts unerreichbar wäre. Das von ihm beabsichtigte dramatische Gemälde sollte den Titel: "Die Kinder des Hauses" führen. Durch die Lectüre von Pitaval's Causes celebres, deren Uebersetzung durch Niethammer er mit einer Vorrede begleitet hatte, war die Idee zu jenem Drama zuerst in Schiller rege geworden.
Auch von der deutschen Geschichte versprach er sich eine reiche Ausbeute dramatischer Stoffe. Besonders anziehend war für ihn unter den vaterländischen Charakteren Friedrich von Oesterreich, der Gegner und Freund Ludwigs des Baiern. Mitunter ward auch der schon früh entworfene Plan wieder in ihm rege, einen zweiten Theil der "Räuber" zu schreiben, der die Dissonanzen dieses Schauspiels beseitigen sollte. Unter diesen mannigfachen Entwürfen bot ihm die Geschichte der Schweiz endlich einen dramatischen Stoff, von welchem er sich eine großartige Wirkung versprach. Es war das Schauspiel "Wilhelm Tell", das ihn jedoch ein volles Jahr beschäftigte und erst im Februar 1804 vollendet ward.
Eine große Bewegung in dem gesellschaftlichen Leben Weimars hatte nicht lange zuvor die Ankunft einiger Fremden veranlaßt. Zu diesen gehörten besonders Benjamin Constant und Frau v. Stael. Von den Gesprächen der eben genannten geistreichen Schrifstellerin [Schriftstellerin] fühlte sich Schiller angezogen. Drückend aber war ihm das Uebermaß französischer Lebhaftigkeit, das, nach seinen eignen Aeußerungen, die ruhige und gemüthliche Aufnahme des Geistigen störe. In einem Briefe an Goethe vom 21. December 1803, in welchem Schiller eine ausführliche Schilderung der Frau v. Stael entwarf, und besonders die Klarheit, Entschiedenheit und geistreiche Lebhaftigkeit ihrer Natur hervorhob, fügte er hinzu: "Das einzige Lustige ist die ganz ungewöhnliche Fertigkeit der Zunge. Man muß sich ganz in ein Gehörorgan verwandeln, um ihr folgen zu können."
Mitten unter jenen Zerstreuungen, die weder mit seiner Liebe zur Einsamkeit harmonirten, noch auf seinen oft leidenden körperlichen Zustand günstig einwirkten, erhielt Schiller manche Beweise der Aberkennung seines Talents. Der König von Schweden hatte ihm bei seiner Durchreise durch Weimar einen Brillantring zum Geschenk gemacht wegen der "Geschichte des dreißigjährigen Kriegs", worin Schiller der Schweden rühmlich gedacht hatte. Seinem Jugendfreunde Wilhelm v. Wolzogen schilderte er seine freudige Ueberraschung mit den Worten: "Wir Poeten sind selten so glücklich, daß die Könige uns lesen, und noch seltener geschieht es, daß sich ihre Diamanten zu uns verirren. Ihr Herrn Staats- und Geschäftsleute habt eine größere Affinität zu diesen Kostbarkeiten; aber unser Reich ist nicht von dieser Welt."
Noch vor der Vollendung seines "Wilhelm Tell", der im Februar 1804 zum erstenmal aufgeführt ward, hatte Schiller in der Geschichte des falschen Demetrius in Rußland einen neuen dramatischen Stoff gefunden. Er entwarf den Plan des Stücks und einzelne Scenen. In Stunden, wo er sich nicht heiter genug fühlte zu eignen Dichtungen, beschäftigte er sich mit einer metrischen Uebersetzung des Trauerspiels "Phädra" von Racine für das weimarische Theater, für welches er schon einige Jahre früher Shakspeares "Macbeth" und Gozzi's "Turandot" bearbeitet hatte. Auch für den Julius Cäsar des großen brittischen Dichters interessirte sich Schiller lebhaft. Die Idee, auch von diesem Trauerspiel eine Bearbeitung für die Bühne zu liefern, unterblieb jedoch.
Die von ihm aus dem Französischen übertragenen Lustspiele: der "Neffe als Onkel" und der "Parasit" reizten ihn, selbst in dieser Gattung einen Versuch zu wagen, die jedoch für ihn etwas Fremdartiges behielt. "Zwar glaub' ich", schrieb er, "mich derjenigen Comödie gewachsen, wo es mehr auf eine komische Zusammenfügung der Begebenheiten, als auf komische Charaktere ankommt. Aber meine Natur ist doch zu ernst gestimmt, und was keine Tiefe hat, kann mich nicht lange anziehen." Vielleicht ward die Idee, ein eignes Lustspiel zu schreiben, in Schiller durch den Beifall rege, mit welchem der "Parasit" bei der ersten Vorstellung im April 1803 aufgenommen ward.
Die Ankunft der russischen Großfürstin Maria Paulowna, jetzt regierende Großherzogin von Sachsen-Weimar, und ihre Vermählung mit dem damaligen Erbherzog Carl Friedrich feierte Schiller durch sein lyrisches Vorspiel: "Die Huldigung der Künste", in welchem sich seine Poesie in ihrem vollen Glanze und ihrer ganzen Eigentümlichkeit zeigte. Das genannte Stück ward den 12. November 1804 auf der Weimarischen Bühne vorgestellt. Den Gesichtspunkt, aus welchem Schiller in der letzten Periode seines Lebens sich selbst und seine Leistungen betrachtete, machte er in einem Briefe an Humboldt vom 2. April 1805 mit den Worten namhaft: "Noch hoffe ich in meinem poetischen Streben keinen Rückschritt gethan zu haben, einen Seitenschritt vielleicht, indem es mir begegnet seyn kann, den materiellen Forderungen der Welt und der Zeit etwas eingeräumt zu haben. Die Werke des dramatischen Dichters werden schneller, als alle andern, von dem Zeitstrom ergriffen; er kommt, selbst wider Willen, mit der großen Masse in eine vielseitige Berührung, bei der man nicht immer rein bleibt. Anfangs gefällt es, den Herrscher zu machen über die Gemüther; aber welchem Herrscher begegnet es nicht, daß er auch wieder der Diener seiner Diener wird, um seine Herrschaft zu behaupten; und so kann es leicht geschehen seyn, daß ich, indem ich die deutschen Bühnen mit dem Geräusch meiner Stücke erfüllte, auch von den deutschen Bühnen etwas angenommen habe."
In diesem Briefe legte Schiller auch das Geständniß ab, daß die speculative Philosophie ihn durch ihre hohlen Formeln verscheucht habe, und daß er auf diesem kahlen Gefilde keine lebendige Quelle und keine Nahrung für sich gefunden habe. "Aber", fügte er hinzu, "die tiefen Grundideen der Idealphilosophie bleiben ein ewiger Schatz, und schon allein um ihrentwillen muß man sich glücklich preisen, in dieser Zeit gelebt zu haben."
Bitter beklagte sich Schiller in den letzten Jahren seines Lebens über den Mangel an Produktivität und die unselige Nachahmungssucht der Deutschen, die nichts weiter herbeiführe, als ein ideales Wiederbringen und Verschlechtern des Urbildes. "Solche Nachahmungen", schrieb er, "hat auch mein Wallenstein und meine Braut von Messina vielfach hervorgebracht. Aber man ist auch nicht einen Schritt weiter gefördert." In einem Briefe vom 11. Februar 1803 meinte Schiller, es sei jetzt ein so kläglicher Zustand in der ganzen Poesie der Deutschen, daß alle Liebe und aller Glaube dazu gehöre, um noch an ein Weiterstreben zu denken, und auf eine bessere Zeit zu hoffen.
Was Schiller in der modernen Poesie vermißte, fand er in der ältern, vorzüglich in den Meisterwerken der Italiener. Anziehend war für ihn besonders Ariost's rasender Roland, und er wußte seinem Freunde Körner nicht genug zu schildern, welchen hohen Genuß ihm die wiederholte Lectüre jener Dichtung gewährt habe. Da sei Leben und Bewegung und Farbe und Fülle; man werde aus sich heraus in's volle Leben und wieder in sich selbst zurückgeführt. Zwar dürfe man hier keine Tiefe suchen und keinen Ernst. Aber wir brauchten, meinte Schiller, auch die Fläche so nöthig, als die Tiefe, und für den Ernst sorge die Vernunft und das Schicksal schon so hinreichend, daß die Phantasie sich nicht damit zu bemengen brauchte.
Zum Ernst mußte ihn schon die Ahnung eines kurzen Lebens stimmen, die sich ihm fortwährend aufdrang und ihn eigentlich nie ganz verließ. Der Kampf, den er in seiner Jugend mit dem Druck der Armuth und andern ungünstigen Verhältnissen bestanden, war kaum härter, als die Leiden, die in spätern Jahren seine von Natur schwache Gesundheit untergruben. Seine physische Kraft war gebrochen. Völlige Wiederherstellung seiner Gesundheit konnte Schiller bei seiner fortwährenden Geistesanstrengung und seinen Nachtwachen kaum erwarten. Eine Erleichtrung seines Zustandes hoffte er von dem Gebrauch der Seebäder. Schon einige Jahre früher war diese Idee, die er später wieder verwarf, in ihm rege geworden.
Am 18. Juni 1801 schrieb er: "Mein Entschluß ist ernstlich gefaßt, in etwa drei Wochen an die Ufer der Ostsee zu reisen, dort das Seebad zu versuchen, und dann über Berlin und Dresden zurückzugehen.—Ich muß neue Gegenstände sehen, muß einen entscheidenden Versuch hinsichtlich meiner Gesundheit machen. Den 10. October hoff' ich wieder zurück zu seyn, denn ich werde schnell reisen, und mich nur zwölf Tage in Dobberan, eben so lange in Berlin, und sechs Tage in Dresden verweilen."
Noch oft kehrte in ihm der Wunsch wieder, durch Reisen seine Gesundheit zu stärken, und zugleich seine Welt- und Menschenkenntniß zu vermehren. Gern hätte er besonders die Schweiz besucht, um die Heimath Tell's mit der in seinem Schauspiel entworfenen Schilderung vergleichen zu können. Die Ausführung jener mannigfachen Entwürfe ward schon oft in den nächsten Tagen wieder verdrängt durch den freudigen Eifer, mit dem sich Schiller der Ausarbeitung seiner Dichtungen widmete.
Den letzten Ausflug unternahm er im Frühling 1804, das Jahr vor seinem Tode. Er reiste nach Berlin, um der Vorstellung seines "Wilhelm Tell" beizuwohnen. Iffland, der jene Reise veranlaßt hatte, bot Alles auf, um ihm den höchsten dramatischen Genuß zu bereiten. Schiller ward in Berlin mit allgemeiner Achtung empfangen. Eine rege Theilnahme, selbst von Seiten des preußischen Hofes, kam ihm entgegen. Die Königin Luise äußerte den Wunsch, ihn an Berlin zu fesseln. Durch den Staatsminister v. Beyme ward ihm im Namen Friedrich Wilhelms III. ein Jahrgehalt von 3000 Thalern nebst freiem Gebrauch einer Hofequipage zugesichert. Sein kränklicher Zustand und die Bedenklichkeit in neue Verhältnisse zu treten, mochten die Ursache seyn, weshalb Schiller dies glänzende Anerbieten ablehnte oder unbeachtet ließ. Eine gewisse Vorliebe für Weimar und die Anhänglichkeit an seinen Fürsten trug dazu bei, ihn von jenem Schritt abzuhalten. Er fühlte sich dem Herzog von Weimar verpflichtet, der seinen Gehalt erhöht und ihm außerdem mehrere Beweise seiner Huld gegeben hatte, unter anderen, als er 1802 aus eigner Bewegung ihm den Adelsbrief auswirkte.
"Daß ich," schrieb Schiller den 2. April 1805 aus Weimar an Wilhelm v. Humboldt, "Anträge gehabt, mich in Berlin zu fixiren, wissen Sie, und auch, daß mich der Herzog von Weimar in die Umstände gesetzt hat, mit Aisance hier zu bleiben. Da ich nun auch für meine dramatischen Schriften mit Cotta und mit den Theatern gute Accorde gemacht, so bin ich in den Stand gesetzt, etwas für meine Kinder zu erwerben, und ich darf hoffen, wenn ich nur bis in mein funfzigstes Jahr so fortführe, ihnen die nöthige Unabhängigkeit zu verschaffen. Sie sehen, daß ich Sie ordentlich wie ein Hausvater unterhalte. Aber ein solches Häuslein von Kindern, als ich um mich habe, kann einen wohl zum Nachdenken bringen. Uebrigens lebe ich hier in sehr angenehmen Verhältnissen, und noch keinen Augenblick habe ich es bereut, daß ich Weimar dem Aufenthalt in Berlin vorgezogen habe. Wäre ich ein ganz unabhängiger Mensch, so würde ich dem Süden um einige Grade näher rücken."
Eine Erkältung, die er sich während seines Aufenthalts in Jena bei einer Spazierfahrt durch das Dornburger Thal zugezogen, hatte für Schiller die heftigsten Unterleibsschmerzen zur Folge. Seinen nächsten Umgebungen, wie ihm selbst, schien sein Zustand bedenklich. Erst langsam genas er wieder. Den 3. August 1804 schrieb er an Goethe: "Ich habe einen harten Anfall ausgestanden, und es hätte leicht schlimm werden können. Alles geht nun wieder besser, wenn mich nur die unerträgliche Hitze zu Kräften kommen ließe. Eine plötzliche große Nervenschwächung in einer solchen Jahreszeit ist in der That fast ertödtend, und ich spüre seit den acht Tagen, wo mein Uebel sich gelegt, kaum einen Zuwachs von Kräften, obgleich der Kopf ziemlich hell und der Appetit wieder ganz hergestellt ist."
Seit jenem Krankheitsanfall hatte sich Schiller in seinem Aeußern sichtbar verändert. Seine bleiche Gesichtsfarbe fiel in's Graue. Das Gefühl physischer Schwäche verließ ihn nicht wieder, und gesteigert ward es noch durch einen Fieberanfall im Februar 1805. Seinen Zustand schilderte er in einem Briefe an Goethe. Er schrieb: "Die zwei harten Stöße, die ich nun in einem Zeitraum von sieben Monaten auszustehen gehabt, haben mich bis auf die Wurzeln erschüttert, und ich werde Mühe haben, mich zu erholen. Mein jetziger Anfall scheint zwar nur die allgemeine epidemische Ursache gehabt zu haben, aber das Fieber war so stark, und hat mich in einem schon so geschwächten Zustande überfallen, daß mir eben so zu Muthe ist, als wenn ich aus der schwersten Krankheit erstände; und besonders habe ich Mühe, eine gewisse Muthlosigkeit zu bekämpfen, die das schlimmste Uebel in meinen Umständen ist."
Trost gewährte ihm eine ruhige Ergebung in sein Schicksal. In einem zufälligen Gespräche über den Tod meinte Schiller: "der Tod könne doch kein Uebel seyn, weil er etwas Allgemeines sei." Am 1. Mai 1805 überfiel ihn ein Katarrhalfieber, das jedoch wenig Besorgnisse erregte, da er sich nicht unwohler fühlte, als bei frühern Zufällen ähnlicher Art. Es war seine letzte Krankheit. Er nahm lebhaften Antheil an dem Gespräch einiger Freunde, die ihn besuchten. Unter ihnen befand sich auch sein Verleger, der Buchhändler Cotta, der auf seiner Reise nach Leipzig durch Weimar gekommen war. Selbst mitzusprechen ward Schiller durch einen oft und sehr heftig wiederkehrenden Husten verhindert.
Mit seltener Aufopferung brachte Heinrich Voß, der Sohn des Dichters, mehrere Nächte an Schiller's Krankenlager zu. Schiller's Standhaftigkeit im Leiden, wie die Sanftmuth und Milde seines Charakters zeigte sich damals im schönsten Lichte. In einem Briefe an Goethe äußerte Schiller: "Der sei am besten dran, der durch die Noth gezwungen, sich mit dem Krankseyn nach und nach habe vertragen lernen."
Voß erzählte in späterer Zeit, wie ihm Schiller einst, als er bei ihm wachte, bewußtlos in die Arme gesunken sei. Aus Schonung für seine Frau, die aus Besorgnis um ihn sein Zimmer nicht verlassen wollen, hatte Schiller eine ihm nahende Ohnmacht gewaltsam unterdrückt. "Bin ich denn wirklich so matt?" sagte er einst traurig, als beim Auf- und Abgehen im Zimmer der teilnehmende Freund ihm unter die Arme griff, um ihn zu stützen. Nur seiner Kinder wegen, äußerte Schiller im Gefühl zunehmender Schwäche, wünsche er zu leben.
Von der ihm drohenden Gefahr schien er keine Ahnung zu haben. Bis zum sechsten Mai blieb ihm völliges Bewußtseyn. Er äußerte, er habe über seine Krankheit nachgedacht, und Mittel entdeckt, die ihm wieder zu seiner völligen Genesung verhelfen würden. In leidensfreien Stunden beschäftigten ihn mehrfache poetische Entwürfe. Er arbeitete mitunter fleißig an seinem Trauerspiel "Demetrius," von welchem er einzelne Scenen niederschrieb. Daß die Arbeit so langsam fortrücke, beklagte er oft. Den Monolog der "Marsa" fand man nach Schiller's Tode auf seinem Schreibtische. Es waren vielleicht die letzten Zeilen, die er geschrieben.