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Fräulein Doktor

6.

Reading edition

Als Rolf Hagendorf ins Zimmer zu seiner Frau zurückkehrte, fand er sie mit geschlossenen Augen auf der Chaiselongue liegen, bleich und abgespannt aussehend. Mit forschendem Blick betrachtete er sie. Weiß Gott, die Malten hatte recht, ihm war das nur nicht so aufgefallen; Beate war sichtlich alt geworden; von der Nase zum Mund zogen sich zwei scharfe Falten, die ihr einen alten, leidenden Zug gaben, und die Hände, die schönen, schlanken, weißen Hände, die er früher so oft in seiner Verliebtheit geküßt, wie waren sie mager und gelb geworden; doppelt hob sich das von der dunkelseidenen Decke ab, auf der sie nervös hin und her glitten. Ein unangenehmes Gefühl beschlich ihn. Wie hatte er die Schönheit seiner Frau geliebt, wie war er stolz darauf gewesen! Er dachte nicht daran, daß sie noch zu leidend war, um schon wieder so gut wie früher auszusehen, und unwillkürlich drängte sich Violas lebensvolles Bild in seine Vorstellung.

Beate hob die Wimpern und sah ihn an; es war, als hätte sie den Blick seiner Augen gefühlt. Kosend strich er über ihr Gesicht. »Na, Maus, nun ist das auch überstanden! Recht, daß du dich ein wenig gelegt hast«, meinte er leichthin.

»Möchtest du, bitte, klingeln? Ich will doch lieber gleich zu Bett gehen, der Besuch hat mich sehr angegriffen.«

»Nun, so lange haben sich die Damen doch nicht aufgehalten. Frau von Malten wollte dir gern ihre Schwester vorstellen.«

»Sie hätte ruhig damit warten können. So bald möchte ich beide nicht wiedersehen.«

»Aber Beate, ich begreife dich einfach nicht, zwei so liebenswürdige Damen,« ein leiser Unmut klang aus seiner Stimme.

»Wir wollen nicht weiter darüber sprechen. Ich habe gesehen, daß Martina Berthold wirklich recht hat. Viola Düsing ist keine Dame, sie hat etwas vom Varieté an sich.«

Mit Mühe bezwang Rolf seine Ungeduld, seinen Unwillen über diese Äußerung Beates. Er sagte gar nichts, sondern war ihr behilflich, ins Schlafzimmer zu gehen. Dann zog er sich um und ging fort, einen Bummel nach der Stadt zu machen, um dort vielleicht Bekannte zu treffen.

Durch Beates lange Krankheit war manches anders geworden. Rolf hatte allmählich seine Junggesellengewohnheiten wieder angenommen und fühlte sich sehr wohl dabei. Er ging alle Tage aus. Was sollte er auch zu Haus? Die verheirateten Kameraden bekümmerten sich um ihn; sie luden ihn in ihre Häuslichkeit ein, und die Damen nahmen herzlich teil an Beates Leiden. Frau von Malten tat sich besonders hervor; sie hatte eine Schwäche für den liebenswürdigen Offizier und sah ihn gern bei sich. Sie fühlte wohl die geringe Sympathie, die Beate für sie hegte; jedoch kümmerte sie sich weiter nicht darum, im Gegenteil, sie befleißigte sich der größten Aufmerksamkeit gegen die gefeierte, kluge Frau, da sie durchaus mit ihr verkehren wollte, aus Berechnung! Im Grunde nämlich erwiderte sie Beates Antipathie aus vollem Herzen.

Sie hatte es gut verstanden, Rolf nach sich zu ziehen, und der beste Magnet war ihre Schwester. Viola, ein rassiges, temperamentvolles Geschöpf, die ihm ein starkes Interesse einflößte. Doch daraus war jetzt mehr geworden! Rolf schmachtete in ihren Banden. Mit raffinierter Koketterie hatte sie es dahin gebracht. Er durfte sie auf ihren täglichen Spazierritten begleiten; und nicht lange dauerte es, so war das Paar ein Gegenstand lebhaften Gesprächs geworden, und man bedauerte sogar schon die arme junge Frau Hagendorfs. Viola, in ihrer stark ausgeprägten Eigenart, kümmerte sich wenig um ein Gerede, das sich mit ihrer Person beschäftigte, und auch Rolf war es gleich; sein einziger Gedanke war jetzt nur noch das üppige, rotblonde Mädchen, und glühende Eifersucht erfüllte ihn auf den Oberleutnant Plessow, von dem sich Viola ebenfalls stark den Hof machen ließ. Sie war unberechenbar: heute war sie von abstoßender Kälte, morgen von unvergleichlicher Liebenswürdigkeit, und das machte ihn fast toll.

Beate litt sehr unter seinen jetzt so wechselnden Stimmungen; sie wußte ja nicht, mit welch widerstreitenden Empfindungen er kämpfte. Ihre Genesung hatte, da ihre kräftige Natur endgültig die Oberhand gewonnen, sehr schnelle Fortschritte gemacht. Die Gestalt rundete sich wieder; ihr Gang und ihre Haltung bekamen die frühere Elastizität und Frische; sie war ganz die alte geworden, wie Martina Berthold mit Freude feststellte. Diese war ein fast täglicher, gern gesehener Gast bei Beate; die beiden so gleichgestimmten Frauen wurden durch eine treue Freundschaft miteinander verbunden.

Professor Scharfenberg verkehrte viel bei Bertholds; zu jeder Tageszeit war er willkommen in dem gastfreien Hause. Mit einem leisen Gefühl des Neides hörte Beate die Freundin oft von den anregenden Stunden erzählen, die ihr durch den Verkehr mit dem geistvollen Professor zu teil wurden. Wie anders war es jetzt dagegen bei ihr! Sie war fast jeden Abend allein, da Rolf stets etwas vor hatte. Und blieb er mal zu Haus, war er zerstreut, unruhig, sprach von dem ewigen Ärger im Dienst, daß er es »satt bis oben ’ran« hätte, von Rennen und ähnlichen Dingen.

Brachte Beate das Gespräch auf etwas anderes, Tieferes, dann wurde er ungeduldig: »Ach, laß mich mit dem Quatsch in Ruhe; du weißt doch, daß ich nun mal nichts davon verstehe, hab’ auch gar kein Interesse dafür; habe meinen Kopf so voll!« Dann las er flüchtig seine Sportzeitung, gähnte einigemal recht vernehmlich und ging dann schlafen.

Die feingebildete, ruhige Beate langweilte ihn; er mußte Abwechslung haben, und dazu hatte ihn Viola gebracht, sie war so ganz anders als seine Frau — sie hätte viel besser zu ihm gepaßt! Wenn er ahnte, daß Beate gar nicht so ruhig war, wie es ihm schien, daß hinter ihrer weißen Stirn rebellische Gedanken wohnten! Mehr als ihr lieb war, mußte sie an Georg Scharfenberg denken, mehr und mehr sah sie ein, daß ihre Ehe ein grenzenloser Irrtum war. Das bißchen Scheingefühl, das sie im Anfang gehabt, war verflogen; sie fühlte sich tief unglücklich an Rolfs Seite. Aber niemand bekam Einblick in diese stolze Frauenseele; still trug sie ihr Geschick für sich.

Ihr lebhafter Geist brauchte Anregung oder wenigstens Verständnis und Entgegenkommen, wenn sie geistig nicht verkümmern sollte, und das gesellschaftliche Leben, in dem Rolf sich so wohl fühlte, genügte ihr gar nicht. Sie mußte ihre geistigen Fähigkeiten rühren, und mit ihrer zunehmenden Kräftigung war auch der alte Tatendrang in ihr erwacht. Sie kehrte zu ihrer Wissenschaft zurück. Sie hatte ja so viel Zeit. Aufmerksam verfolgte sie alle Neuerscheinungen darin, worüber Rolf sie manchmal auslachte oder, in schlechter Stimmung, sich diese Emanzipationsgelüste verbat, die sich gar nicht für eine Offiziersdame schickten; er wolle sich außerdem bei seinen Kameraden nicht lächerlich machen lassen.

Auf solche Ausfälle erwiderte sie gar nichts, sondern suchte Halt bei ihrem Kinde, an dem sie mit abgöttischer Liebe hing. Wenn sie das nicht gehabt hätte! Und doch vermochte der kleine Karl Friedrich die grenzenlose Öde und Leere in ihr nicht auszufüllen. Aber nachdenken durfte sie nicht!

»Komm, Bubi, mein Liebling, mein Einziges, wir wollen uns fein machen, und Tante Martina zum Geburtstag gratulieren!« Beate kleidete das Kind um; sie wurde kaum damit fertig; denn immer von neuem freute sie sich über sein rundes, festes Körperchen, herzte und küßte es, ihm tausend Liebkosungen gebend. Endlich war er fertig und lag in dem eleganten, hellen Kinderwagen. Sie legte die Blumen und eine Photographie, die Bubi bringen sollte, auf dessen seidengestickte Decke. »Fahren Sie immer zu,« sagte sie dann zu der Amme. »Bleiben Sie aber in der Sonne, ich komme gleich.«

Ihre Toilette nahm nicht so lange Zeit in Anspruch, und bald war sie in ihr resedafarbenes Promenadenkostüm umgekleidet, das ihr vorzüglich stand. Sie sah sehr gut aus; jede Spur der Krankheit war verschwunden. Ihre mädchenhafte schlanke Figur ließ sie jünger erscheinen als sie war, und die frische, klare Herbstluft, man schrieb den 10. November, färbte ihr zartes, durchgeistigtes Antlitz mit lichter Röte und vertiefte den Glanz der ernsten, schönen Augen. Nur ihr Gatte schien das nicht zu sehen; sein Blick war zerstreut, und unruhig glitt er über sie hin, als sie sich begegneten; er kam gerade vom Dienst, und in der Haustüre trafen sie zusammen.

»Ah, Rolf, das ist gut, daß du schon kommst. Da kannst du mich ja begleiten, Martina zu gratulieren.« Er blickte an sich nieder auf die schmutzigen Stiefel, den bestaubten Rock. »In diesem Aufzug? Unmöglich, Kind!«

»Nun, du bist doch schnell umgezogen, und ich warte gern.« Er hatte aber keine Neigung dazu.

»Bertholds haben sich doch für den Vormittag Besuch verbeten, da heute abend so wie so großer Zauber ist.«

»Mit uns ist das doch etwas anderes: Martina wird sich sicher sehr freuen, wenn du mitkommst.«

»Es geht nicht, Beate! Hab’ es überdies Bünau und Malten versprochen, nachher schnell zu einer Besprechung ins Kasino zu kommen. Wir hatten heute morgen manchen Ärger: der Alte war mal wieder eklig geladen. Sag’ also deiner Freundin vorläufig meine herzlichsten Glückwünsche. Heute abend werde ich sie wiederholen.« Sein Blick vermied den ihren, und sichtlich strebte er fort.

»Ich will dich dann nicht weiter aufhalten. Du bist doch pünktlich zum Mittagessen wieder da? Hast du Bubi gesehen? Nein? Schade, er sah so lieb aus. Adieu, Rolf.« Flüchtig küßte er ihre Hand.

»Adieu, Beate.«

Sie streifte die zartfarbigen Handschuhe über, als sie durch den Garten nach der Pforte ging.

Immer Malten! Als ob es niemand anders mehr gäbe! Doch sie sagte gar nichts mehr darüber; denn Rolf nahm trotz ihrer Abneigung gegen diese Familie keine Rücksicht darauf; darum ließ sie ihn willfahren, wenngleich sie sich sehr wunderte.

Martina Berthold stand zufällig am Fenster, als sie die Freundin mit dem Kinde kommen sah. Sie eilte ihr entgegen; herzlich gratulierte Beate und nahm dann den kleinen Karl Friedrich aus dem Wagen. »Da, Tina, Bubi will dir auch Glück wünschen.«

»Du lieber, kleiner Kerl.« Frau Martina nahm ihn auf den Arm, und mit ihm tändelnd und scherzend schritt sie die Treppe hinauf nach dem Wohnzimmer. »Du kommst doch gleich mit hier in mein Reich, du mußt doch meinen Geburtstagstisch sehen; nun schnell deine Blumen ins Wasser tun, die köstlichen Rosen, und, was sehe ich? Bea, du mit dem Jungen? Das erste Bild von euch beiden! Du Böse, hast mir nichts gesagt, daß du beim Photographen warst.«

»Es sollte doch eine Überraschung sein.«

»Die dir glänzend gelungen ist! Und wie gut du getroffen bist! Vielen, vielen Dank! Eine größere Freude konntest du mir gar nicht machen! Denke, wenn mir auch solch Kleinod beschert wäre,« eine leise Wehmut klang aus ihrer Stimme, und verstohlen wischte sie sich eine Träne aus dem Auge.

Herzlich drückte ihr Beate die Hand; sie kannte den Schmerz der kinderlosen Frau; wie reich kam sie sich in diesem Augenblick vor gegen Martina, der sonst nichts zu wünschen übrig blieb vom Leben!

Fröhlich plauderten sie miteinander. Beate entschuldigte Rolf wegen seines Fernbleibens, da er im Kasino erwartet würde. Martina warf da einen eigentümlichen Blick auf die junge Frau; die sah ganz unbefangen aus, schien also nicht zu ahnen, in welcher Weise über Rolfs Verkehr bei Maltens gesprochen wurde. Es war jetzt hohe Zeit, daß Hauptmann Berthold einige ernste Worte als Kamerad zu dem jüngeren Kameraden sprechen und ihn auf das Unbedachte seiner Handlungsweise aufmerksam machen mußte, ehe Beate von anderer Seite erfuhr, daß er Viola Düsing in einer Weise huldigte, die für einen verheirateten Mann nicht passend war.

Mitten in ihr Plaudern hinein meldete das Mädchen: »Herr Professor Scharfenberg.«

»Bitten Sie Herrn Professor, sich sogleich nach oben zu bemühen.«

Martina ging dem Eintretenden entgegen, ihm beide Hände entgegenstreckend. »Herzlich willkommen, lieber Freund.« Nachdem er seine Glückwünsche dargebracht hatte, begrüßte er Beate, die er seit Monaten nicht gesehen. Sie hatte das Kind gerade auf dem Arm und drückte dessen Köpfchen süß beschwichtigend an ihre Brust; denn bei dem Eintritt der fremden Person wollte es anfangen zu weinen. Wehmütig ruhte sein Auge auf der heimlich geliebten Frau, die ihm so hold und weich in ihrer jungen Mutterwürde erschien.

»Nun, was sagen Sie, lieber Professor, zu dem kleinen Hagendorf? Habe ich Ihnen zu viel vorgeschwärmt? Sehen Sie sich ihn getrost in der Nähe an«, scherzte Martina arglos; denn sie ahnte ja nichts von dem, was diese beiden ihr so werten Menschen einst miteinander verbunden hatte. »Nehmen Sie ihn mal einen Moment, und Sie werden sehen, was für ein Prachtkerl er ist — da« — —

Ohne weiteres nahm sie ihn der hocherrötenden Beate vom Arm und gab ihn dem Professor. Der neigte sich tief über das Kinderköpfchen, damit man ihm das mächtige Gefühl nicht ansah, das ihn bewegte.

»Allerdings, Sie haben recht, liebe Freundin«, sagte er dann mit leicht bebender Stimme, und zu Beate: »Ich beglückwünsche Sie zu dem Kind, gnädige Frau.«

»Er hat mir bis jetzt auch — unberufen — noch keine Sorgen gemacht«, meinte sie, etwas befangen.

»Nun ja, wer eine wirkliche Doktorin als Mutter hat — Spaß! Die versteht doch alles aufs genaueste,« scherzte Martina.

Mittlerweile hatte er das Kind in den Wagen gelegt. Karl Friedrich war ganz zutraulich geworden. Mit den großen dunklen Augen — es waren die der Mutter — sah er zu dem fremden Mann auf und faßte nach dessen Uhrkette, die er nicht loslassen wollte.

Martina lachte. »Nein, liebster Professor, wenn Sie jemand so sähe!«

»Dann wäre es nicht das erstemal — die Kinder in meiner Klinik, und seien es die kleinsten, sie kennen mich alle.«

Beate wurde blaß. Sie vermied seinen Blick; denn sie wußte, sie fühlte es förmlich — er dachte jetzt dasselbe wie sie, daß sie ihm einst gesagt, wie es ihr Wunsch sei, ihm in seiner Klinik als getreue Helferin zur Seite zu stehen, und nun war doch alles anders gekommen! Sie war eine glänzende Offiziersdame geworden, die ihr Leben in geschäftigem Müßiggang verbrachte; daß aber ein solches Dasein der einst so tatenfrohen Beate zusagte, konnte er nicht recht begreifen.

Etwas hastig sagte sie da: »Es wird Zeit, daß ich gehe. Mein Mann ist sicher schon daheim und wartet auf seine unpünktliche Frau.«

Georgs Nähe brachte ihr Verwirrung; die alten Erinnerungen waren zu mächtig. Es dünkte sie Unrecht an dem Gatten, deshalb wollte sie fort.

»Bleibe doch noch einen Augenblick, Beate, du nimmst mir ja die Ruhe mit! Hagendorf wird noch nicht zu Hause sein.«

»Das glaube ich auch nicht, denn als ich auf dem Wege nach hier war, sah ich Herrn von Hagendorf mit den Maltenschen Damen gerade ins Promenadencafe gehen«, meinte Georg.

Die junge Frau verfärbte sich etwas. Also hatte Rolf sie belogen, und sie dadurch die Freundin; wie peinlich für sie, ein eisiges Gefühl durchrieselte ihre Adern. »Halte mich nicht mehr, Tina; ich komme heute abend dafür etwas früher. Karl Friedrich muß jetzt auch trinken; es ist seine Zeit.«

Sie reichte Scharfenberg zum Abschied die schlanke, kühle Hand, die leicht bebend in der seinen lag. »Auf Wiedersehen, Herr Professor, heute abend.«

»Sie hätten vielleicht lieber nicht sagen sollen, daß Sie Hagendorf mit den Maltenschen Damen gesehen haben —« bemerkte Martina nach Beates Weggang.

»Ja, mein Gott, warum nicht?« lautete seine erstaunte Frage.

»Wissen Sie nicht, ach nein, wir haben ja nie davon gesprochen, und der Klatsch ist Ihnen so fremd. Also — Hagendorf macht der Schwester Frau von Maltens in auffallender Weise den Hof und reitet täglich mit ihr aus. Frau Beate scheint davon nichts zu wissen, auch kein Wunder, denn sie geht kaum aus und lebt nur für ihr Kind. Kurz vorher, ehe Sie kamen, hatte sie den Gatten aus anderen Gründen entschuldigt.«

Er sprang auf. »Das ist mir aber peinlich, ganz außerordentlich peinlich,« rief er erregt aus.

»Nun, nun,« begütigte Martina, »so schlimm ist es ja nicht, was Sie verbrochen haben. Übrigens will mein Mann morgen oder übermorgen dem Hagendorf mal die Leviten lesen, daß er nicht zu sehr vergißt, was er seiner Frau schuldig ist. Ich möchte ihr jede Unannehmlichkeit ersparen; denn ich habe sie sehr lieb, sie ist eine prächtige Frau, diese Beate mit ihrem klugen, hochstrebenden, vornehmen Sinn. Doch zu wem sage ich das? Sie kennen sie ja von früher her, wissen das ebenso gut wie ich.«

Er bejahte durch ein Kopfnicken. Da sagte Martina Berthold in ihrer impulsiven Art: »Wissen Sie, lieber Freund, woran ich oftmals gedacht? Weshalb Sie und Frau Beate eigentlich kein Paar geworden sind!«

Er fuhr auf. Beschwichtigend legte sie ihre Hand auf seinen Arm. »Aber, lieber Professor, ist einem Freunde nicht ein offenes Wort gestattet? Wäre das denn so unnatürlich gewesen? Nachbarskinder, täglich beisammen, da kommt so etwas von selbst, und, offen gestanden, Sie hätten doch viel besser zu der geistvollen Frau gepaßt, als der im Grunde herzlich unbedeutende Hagendorf, der wohl ein schöner Mann ist, aber auch nichts weiter als das! Ich glaube, lieber Professor, da haben Sie über Ihren Büchern und Ihrem Wissensdrange ganz übersehen, daß aus dem Kinde, das Sie unterrichtet und belehrt haben, ein liebenswürdiges Weib geworden war. Vielleicht hätten Sie jetzt das trauliche Heim, das Ihr Wunsch ist, wie Sie immer sagen, wenn Sie sich eher dazugehalten hätten!«

Während ihrer halb neckenden, halb vorwurfsvollen Rede hatte er am Geburtstagstisch gestanden, die Photographie Beates mit ihrem Kinde in die Hand genommen und sie sinnend betrachtet. Bei Martinas letzten Worten wandte er sich hastig um. »Wissen Sie denn so genau, daß ich das nicht getan habe? Daß ich wirklich so blind war?« kam es halb erstickt aus seinem Munde, und er strich mit der Hand über die Stirn, wie um eine schmerzliche Erinnerung hinwegzuscheuchen.

»Um Gottes willen,« erschreckt heftete die Frau ihre klugen Augen auf sein tief erregtes Gesicht, »um Gott, verzeihen Sie, liebster Professor, wenn ich da in so wenig zarter, allein mir selbst unbewußter Weise an eine wunde Stelle in Ihrem Inneren gerührt habe.«

Er schüttelte trübe den Kopf. »Ich werde Ihnen ein andermal erzählen, Frau Martina, warum Ihr Freund ein einsamer Mann geblieben ist. Jetzt lassen Sie mich gehen!«

Die schlanke Frau legte ihre blassen, durchsichtigen Hände auf seine Schultern und sagte leise: »Jetzt begreife ich alles. Wer eine Beate geliebt hat, kann nach ihr so leicht keine andere finden.«

Er nickte; dann drückte er einen Kuß auf Martinas Hand und ging.

Teilnahmsvoll sah sie ihm nach. Jetzt war ihr so vieles klar, daß er keinen Besuch in Villa Hagendorf gemacht, sein sichtliches Fernhalten von der Familie mit der Begründung, daß ihm der junge Offizier nicht so viel Sympathie einflöße, um in ihm den Wunsch zu erwecken, mit ihm zu verkehren. Armer Mann! Er wollte sich nur nicht die unnütze Qual auferlegen, die Geliebte als die Frau des anderen zu sehen.

Aber daß Beate — sie schüttelte verwundert den Kopf. Welch seltsam Ding ist doch das Frauenherz!

Kurze Zeit danach kam Hauptmann Berthold nach Hause. Zärtlich umfing er seine Gattin. »Nun, mein liebes Geburtstagskind, du siehst so erregt aus, hast doch wohl Besuch gehabt?«

»O, nur Beate. Und dann kam auch noch Scharfenberg.«

»Das sind dir ja liebe Leute! Doch jetzt schnell mit meiner Neuigkeit vom Herzen, die dich sehr verwundern wird. Du mußt die Tischordnung umstoßen. Plessow hat mich soeben gebeten, ihm auf jeden Fall Fräulein Düsing als Tischdame zu geben. Er hat sich gestern mit ihr verlobt.«

»Gottlob, nun wird doch Hagendorf endlich zur Besinnung kommen,« sagte Martina mit wahrhaft erleichtertem Aufatmen, »ob er es schon weiß? Scharfenberg hat ihn vorhin erst mit ihr und der Malten im Promenadencafe gesehen.«

»Auf keinen Fall werden sie schon davon gesprochen haben, denn es soll eine große Überraschung für die Gesellschaft sein. Man hat geplant, daß bei uns die Verlobung bekannt gegeben werden soll, und zwar erst nach zwölf, also morgen; denn da feiern Maltens ihren siebenjährigen Hochzeitstag — aus diesem Grunde wollten sie warten, wie Plessow sagte.«

»Und auch besonders darum, weil Viola Düsing die Sensation liebt. Sie will selbst Zeuge von der Überraschung sein, die ihre Verlobung hervorrufen wird; sie will die erstaunten Gesichter aller sehen, besonders Hagendorfs, mit dem sie in unverantwortlicher, wirklich frivoler Weise kokettiert hat. Ich bewundere nur Plessow, wie er das so ruhig mit hat ansehen können.«

»Der gute Philipp! Übrigens ist er ganz unheimlich glücklich; er kann die Zeit kaum erwarten, bis die Düsing vor aller Welt seine Braut wird; er strahlte förmlich vor Seligkeit, als er mir die Mitteilung machte.«

»Möge es ihm nur gut bekommen! Von Herzen wünsche ich es ihm. Ich allerdings bin von diesem Zuwachs des Regiments nicht sonderlich erbaut. An einer Düsing haben wir gerade genug! Doch wollen wir nun sehen, wie wir die Plätze verteilen. Haffner sollte ursprünglich die Düsing führen. Er wird sehr enttäuscht sein! Und dann möchte ich dir auch etwas von unserem Professor sagen — nein, jetzt nicht, nach Tische — komm, Schatz.«

Sie nahm seinen Arm, und beide schritten nach dem schon festlich hergerichteten Speisesaal, um dort die gewünschte Änderung vorzunehmen.

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